Solwara 1 Bergbau am Meeresboden vor Papua-Neuguinea Hintergründe, Folgen, Widerstand - Ozeanien-Dialog

 
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Solwara  1
Bergbau am Meeresboden vor Papua-Neuguinea
Hintergründe, Folgen, Widerstand
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Impressum

Herausgeber:

Verein für Internationalismus
und Kommunikation e.V. (IntKom)
Bernhardstraße 12 - 28203 Bremen
www.fair-oceans.info

Brot für die Welt
Caroline-Michaelis-Straße 1 - 10115 Berlin
www.brot-fuer-die-welt.de

Redaktionsanschrift:

Fair Oceans
Bernhardstraße 12 - 28203 Bremen
Fon: +49-152-295 170 04
E-mail: fair-oceans@gmx.info
www.fair-oceans.info

Redaktion und Text: Kai Kaschinski, Christoph Spehr,
Francisco Marí

Lektorat und Grafik:
passage - Agentur WeltThemen, Frankfurt a.M.

Fotos: Harry Loges (S. 23, 27, 51), Thomas Lohnes (S. 18,
19, 30, 45, 58), Helge Bendl (S.25)

Druck: Druckwerkstatt Schmidtstraße

V.i.S.d.P.: Kai Kaschinski - Verein für
Internationalismus und Kommunikation e.V. (IntKom)

Erscheinungsjahr: 2018

Zu bestellen über:
www.brot-fuer-die-welt.de/shop
Artikelnummer: 128 102 870
Solwara 1 Bergbau am Meeresboden vor Papua-Neuguinea Hintergründe, Folgen, Widerstand - Ozeanien-Dialog
Solwara  1
Bergbau am Meeresboden vor Papua-Neuguinea
Hintergründe, Folgen, Widerstand
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Solwara 1 - Bergbau am Meeresboden vor Papua-Neuguinea

           Inhaltsverzeichnis

           1.       Eine Zeitungsmeldung	                                                           5
           2.       Bergbau in der Tiefsee	                                                          8
                    2.1.   Die Technologie von Solwara  1	                                          11
                    2.2.   Ausschließliche Wirtschaftszonen: Der ‚Wilde Westen‘ des Meeresbergbaus	 14
           3.       Traditionelle Ökonomie und Bergbauinustrie	                                    17
                    3.1.    Fischerei und Ernährungssicherheit	                                    18
                    3.2.    Schürfen und Erproben	                                                 19
                    3.3.    Bergbauindustrie versus nachhaltige Ökonomie	                          21
           4.       Deutsch-Neuguinea – Ein Kapitel deutscher Kolonialgeschichte	                  24
           5.       Indigene Rechte und lokaler Widerstand	                                        27
                    5.1.   Die Prinzipien indigener Rechte	                                        28
                    5.2.   Solwara 1 und die Verletzung indigener Rechte	                          29
                    5.3.   Shark Calling 	                                                         31
                    5.4.   Die Erklärung von Karkum	                                               31
                    5.5.   Positionierung der Kirchen	                                             32
                    5.6.   Ernährungssicherheit, Klima, Biodiversität	                             33
                    5.7.   Jüngste Entwicklungen	                                                  34
           6.       Die Rolle des Staates	                                                         35
                    6.1.    Strukturelle Interessenkonflikte, fehlende staatliche Kapazitäten	     36
                    6.2.    Grenzen der Akzeptanz	                                                 37
           7.       Das Geschäftsmodell der Investoren							 39
                    7.1.   Veränderung des Geschäftsmodells	                                    40
                    7.1.   Konzernstruktur, Profitverschiebung und Externalisierung von Kosten	 42
           8.       Ökologische Folgen von Solwara  
                                                  1							                                          43
                    8.1.   Unterwasserlärm	                                                        43
                    8.2.   Schwermetalle und Säuren	                                               44
                    8.1.   Habitat-Zerstörung	                                                     46
           9.       Das Korallendreieck, ein Reservoir von Biodiversität	                          50
                    9.1.   Industrialisierung des Meeresbodens	                                    52
                    9.2.   Biodiversität	                                                          53
                    9.3.   Wissenschaft und Forschung	                                             55
           10.      Meeresbergbau und globaler Ressourcenbedarf	                                   57
                    10.1. Kreislaufwirtschaft								                                               58
                    10.2. Fehlende Kohärenz								                                                 59
                    10.3. Welche Ressourcen? 	                                                     60
           11.      Der wichtigste Parkplatz der Welt	                                             61
           12.      Quellen- und Literaturverzeichnis	                                             64

4
Solwara 1 Bergbau am Meeresboden vor Papua-Neuguinea Hintergründe, Folgen, Widerstand - Ozeanien-Dialog
Solwara 1 - Bergbau am Meeresboden vor Papua-Neuguinea

1. Kapitel

Eine Zeitungsmeldung

John Simoi, Sprecher einer indigenen Gemeinschaft auf      stand gegen einen Bergbaukonzern (Ramu Nickel Ltd.)
der Bagabag Insel, kann sich gut erinnern, als er zum      organisiert, der in der Nähe von Madang zwei Minen
ersten Mal davon erfuhr. „Ich habe es in der Zeitung       betreibt. Im Juni 2008 gründete Simoi zusammen mit
gelesen. Sie veröffentlichten eine Ankündigung, dass       anderen Gruppen den „Bismarck Solomon Sea Indi-
sie kommen würden, um am Meeresboden Bergbau zu            genous People’s Council“, den Rat indigener Bevölke-
betreiben, in der Nähe von Bagabag. So haben wir es        rungen in der Bismarck- und Salomonensee, zu dessen
alle erfahren. (…) Wir wissen, dass unsere Insel durch     Vorsitzender er wurde.2
vulkanische Aktivität entstanden ist. Und unsere erste
                                                           Aus dem Zusammenschluss ist eine Kampagne entstan-
Reaktion war: Das kann keine gute Idee sein, an Vulka-
                                                           den, in der lokale Gemeinschaften, Kirchengemeinden,
nen am Meeresboden zu bohren.“1
                                                           Frauenorganisationen, entwicklungspolitische Grup-
Seither hat sich sein Leben verändert. Simoi brachte in    pen, regionale und überregionale indigene Gemein-
Erfahrung, was er ausfindig machen konnte: über Mee-       schaften sich dagegen wehren, die ersten zu sein, die
resbergbau und über Nautilus Minerals, jenes Unter-        den Risiken einer neuen, bislang nicht kommerziell
nehmen, das vor der Küste Papua-Neuguineas das erste       getesteten Technologie ausgesetzt werden. „Nautilus
kommerzielle Pilotprojekt in der Tiefsee starten will.     benutzt uns als Versuchskaninchen“, sagt Simoi. „Wir,
Über ein Unternehmen, das 1987 gegründet wurde, in         die Eigentümer des Landes, und wir werden nicht
Kanada seinen Sitz hat und als Aktiengesellschaft dort     die Hände in den Schoß legen und zusehen, wie das
registriert wurde. Die Mehrheitsaktionäre sind Kapital-    passiert.“3 Die indigenen Gemeinschaften sehen es als
geber aus Russland und dem Oman. Nautilus Minerals         selbstverständlich an, dass die traditionellen Landrech-
hat sich auf den Bergbau am Meeresbo den spezialisiert.    te, die ihnen rechtlich garantiert sind, auch das Meer
                                                           vor ihrer Küste, das sie nutzen, einschließen.
Eine Forschungslizenz für das Gebiet Solwara1 erwarb
das Unternehmen bereits 1997. 2006 gab Nautilus eine       Solwara  1, das erste geplante Fördervorhaben am Mee-
Interessenbekundung für einen kommerziellen Abbau          resboden, befindet sich nur 30 Kilometer von der Küste
im Gebiet Solwara  1 ab. 2011 erhielt das Unternehmen      entfernt, in einer Tiefe von 1.600 Metern. Sie liegt in
eine auf 20 Jahre befristete Lizenz für Mineralienabbau    der Bismarcksee, einer der artenreichsten und ökolo-
in Solwara  1. Für das unterseeische Bergwerk Solwara  1   gisch bedeutsamsten Meeresregionen der Welt, inmit-
wurde eigens eine Gesellschaft gegründet, an der           ten der nördlichen Inseln von Papua-Neuguinea. „Ohne
Papua-Neuguinea zu 15 Prozent beteiligt ist.               das Meer gibt es kein Leben“ – von diesem Ökosystem
                                                           hängt die Ernährungssicherheit der lokalen Gemein-
Der Start für den Meeresbodenabbau musste seitdem
                                                           schaften unmittelbar ab, sagen die Menschen in
immer wieder verschoben werden – aus technischen,
                                                           Papua-Neuguinea. Es ist schwer von der Hand zu wei-
rechtlichen und finanziellen Gründen. Die Unterwas-
                                                           sen, dass Nautilus Minerals ausgerechnet dieses Mee-
ser-Roboter sind inzwischen einsatzfähig. Das För-
                                                           resgebiet auswählte in der Hoffnung, dort auf wenig
derschiff befindet sich noch im Bau und seit Kurzem
                                                           politischen Widerstand und auf wenig handlungsfähige
ist aufgrund ausgebliebener Zahlungen seitens der
                                                           staatliche Kontrollstrukturen zu stoßen. „Vermutlich
beauftragten Reederei an die Werft unklar, ob das Fer-
                                                           haben sie nach einem schwachen Land mit schwachen
tigstellungsdatum Anfang 2019 zu halten ist. Damit ist
                                                           Gesetzen gesucht“, sagt Simoi.4
auch der für Ende 2019 angesetzte Starttermin für das
Bergbau-Projekt fraglich.
Simoi informierte die Menschen seiner Gemeinschaft,
dann die benachbarten lokalen Gemeinschaften und           2 https://intercontinentalcry.org/indigenous-communi-
                                                           ties-oppose-deep-sea-mining/
Dörfer. Er nahm Kontakt zu Gruppen in der Stadt auf,
                                                           3 https://ramumine.wordpress.com/2011/05/14/solwa-
allen voran zur „Bismarck Ramu Group“ (BRG), die seit      ra-1-undersea-mine-rushed-by-the-government/
den 1990er Jahren lokale Gemeinschaften unterstützt,       Das englische Wort für Versuchskaninchen lautet „guinea
sich zu organisieren. BRG hatte bereits den Wider-         pig“ (Meerschweinchen), so dass der Satz eine Anspielung auf
                                                           Neuguinea (New Guinea) enthält.
1 Interview, 22.04.2016                                    4 Interview, 22.02.2016

                                                                                                                              5
Solwara 1 Bergbau am Meeresboden vor Papua-Neuguinea Hintergründe, Folgen, Widerstand - Ozeanien-Dialog
Solwara 1 - Bergbau am Meeresboden vor Papua-Neuguinea

           1. Kapitel

           In den letzten zehn Jahren hat ein regelrechtes Wett-      lokale Fischerei und Subsistenzwirtschaft, die Ernäh-
           rennen um die unterseeischen Vorkommen eingesetzt.         rungssicherheit der betroffenen Bevölkerung sowie
           Dutzende von Lizenzen sind mittlerweile von pazifi-        die nachhaltige lokale und regionale Entwicklung im
           schen Inselstaaten an Konzerne vergeben worden, die        Pazifik. Darüber hinaus drohen grenzüberschreitende
           neue Tiefseebergbau-Projekte planen. Während die           Negativwirkungen und eine Infragestellung verein-
           internationale Gemeinschaft im Rahmen des Seerechts-       barter Meeresschutzinitiativen. Das betrifft sowohl
           übereinkommens der Vereinten Nationen und den Zie-         Eigentumsrechte als auch das Recht auf vorherige, freie
           len für nachhaltige Entwicklung um Bedingungen und         und informierte Zustimmung.
           Strategien für eine gerechte und verantwortliche Mee-
                                                                      Das Projekt Solwara  1 ist zum Symbol geworden, weil
           resnutzung ringt, werden vor der Küste der pazifischen
                                                                      es eine Vielzahl von aktuellen Themen zukünftiger
           Inselstaaten Fakten geschaffen. Der lokale Widerstand
                                                                      Entwicklung in Ländern des globalen Südens berührt:
           gegen diese Eingriffe erinnert nicht von ungefähr an
                                                                      Ernährungssicherheit, Kleinfischerei, nachhaltige Re-
           die Proteste gegen atomare Großprojekte vor 40 Jahren
                                                                      gionalentwicklung, indigene Rechte, Menschenrechte,
           in Europa: bekanntlich eine Technologie, die einst alle
                                                                      ökologisches Vorsorgeprinzip, Partizipation. Für die
           Entwicklungsprobleme lösen sollte und aus der heute
                                                                      Kirchen in der südpazifischen Region sind der Tief-
           mühsam der Ausstieg gesucht wird.
                                                                      seebergbau und die damit verbundene soziale Frage
           Wir erleben heute mit dem Tiefseebergbau die Ge-           inzwischen ein Thema von großem Belang geworden.
           burt einer neuen Großtechnologie. Ihre Ursprünge
                                                                      Tiefseebergbau betrifft alle. Die Folgen werden nicht
           gehen bis in die 1960er Jahre zurück, aber erst seit der
                                                                      auf die pazifische Region beschränkt bleiben. Der Fall
           Jahrtausendwende ist die Perspektive real. Die Erze am
                                                                      Solwara  1 ist nicht zu trennen von der globalen Aus-
           Meeresboden sollen ein profitables Geschäft für inter-
                                                                      einandersetzung um den Übergang von einer zerstö-
           nationale Investoren abgeben. Doch die Summen, die
                                                                      rerischen und ungerechten Wirtschaftsweise zu einer
           in die Entwicklung und den Bau der speziellen Abbau-
                                                                      nachhaltigen, solidarischen Ökonomie. Er ist Teil der
           technologie geflossen sind, rechnen sich nicht durch
                                                                      Entscheidung, auf welche Weise wir die Ozeane und
           die Ausbeutung einer einzelnen Mine. Solwara  1 soll
                                                                      Meere zukünftig nutzen wollen; wie wir mit den natür-
           der Auftakt zu einer Ausweitung des Tiefseebergbaus
                                                                      lichen Ressourcen gerecht und verantwortlich umgehen
           auf viele weitere Flächen sein. Die Salomonen, Tonga,
                                                                      und nicht zuletzt auf wen wir dabei hören werden.
           Kiribati und die anderen pazifischen Inselstaaten haben
           ebenfalls bereits Lizenzen für den Meeresboden ver-
           geben. Andere Projekte werden u.a. vor Japan und im
                                                                      ***
           Roten Meer vorangetrieben. Die neue Großtechnologie
           Tiefseebergbau wird, wenn nicht politisch gegen sie        Die vorliegende Studie berücksichtigt die Ergebnisse
           entschieden wird, das Gesicht des Planeten verändern.      und 41 Interviews mit Betroffenen und Beteiligten in
                                                                      Neuirland, den Duke-of-York-Inseln, Madang und Kar-
           Die Befürworter dieser Großtechnologie führen im
                                                                      kar Inseln einer nicht veröffentlichten Studie, die von
           Wesentlichen drei Argumente dafür ins Feld. Sie sei
                                                                      Rosa Koian und Helen Rosenbaum erstellt wurde. Die
           notwendig, um den global steigenden Ressourcenver-
                                                                      Interviews fanden im Februar 2016 statt und werden
           brauch zu befriedigen. Sie stelle eine ökonomische Ent-
                                                                      hier im Folgenden in Teilen wiedergegeben. Ebenso
           wicklungschance für die betroffenen Regionen dar. Die
                                                                      wurden die Beiträge und Diskussionen zweier Work-
           Spuren des ökologischen Eingriffs seien weniger tief als
                                                                      shops verarbeitet, die im April 2016 und April 2017
           beim Bergbau an Land und der Meeresbodenbergbau
                                                                      in Madang/Papua-Neuguinea bzw. in Suva/Fidschi
           folglich die nachhaltigere Alternative.
                                                                      von der Bismarck Ramu Group (BRG) und Brot für
           Wie in der vorliegenden Studie gezeigt wird, ist keines    die Welt organisiert wurden und an denen Nichtregie-
           dieser Argumente stichhaltig. Dagegen sind die Risiken     rungsorganisationen und Vertreter und Vertreterinnen
           und bereits heute gesicherten negativen Auswirkungen       lokaler Gemeinmschaften aus Papua-Neuguinea, den
           weit dramatischer, als von den Befürwortern einge-         pazifischen Inselstaaten sowie aus Deutschland teilnah-
           räumt wird. Risiken und Negativfolgen betreffen die        men.
6
Solwara 1 Bergbau am Meeresboden vor Papua-Neuguinea Hintergründe, Folgen, Widerstand - Ozeanien-Dialog
Solwara 1 - Bergbau am Meeresboden vor Papua-Neuguinea

1. Kapitel

                                                                                     Neuirland
                                                              Bismarcksee
                                                                                                 Labur
                                                                                     Rabaul
                                                    Papua-          Madang                     Kokopo
                                                    Neuguinea
                                                                                       Neubritanien
                                                                          Lae

                                              Neuirland

                                                                ca. 30 KM              Namatanan

                                               Solwara 1

                    Bismarcksee

                              Neubritannien                            Rabaul
                                                                                  Kokopo

Die geografische Lage von Solwara  1

                                                                                                              7
Solwara 1 Bergbau am Meeresboden vor Papua-Neuguinea Hintergründe, Folgen, Widerstand - Ozeanien-Dialog
Solwara 1 - Bergbau am Meeresboden vor Papua-Neuguinea

           2. Kapitel

           Bergbau in der Tiefsee

           „Wenn wir über den Meeresboden reden, sprechen wir             unter der Wasseroberfläche liegt. Vereinzelt ist die
           praktisch über eine Wüste, eine sehr nasse Wüste. Es gibt      Ölförderung bereits in Meerestiefen von bis zu 3.000
           so gut wie kein Leben in dieser Region. (…) Wir sprechen       Metern vorgedrungen. Die Erdölförderung speziell in
           über Gebiete, wo fast nichts existiert auf dem Meeres-         größeren Tiefen gilt angesichts des weiterhin welt-
           boden. Ehrlich, die Umweltschützer sollten Applaus             weit steigenden Verbrauchs als ein Wachstumsmarkt.
           klatschen.“                                                    Meeresbergbau wie der Abbau von Diamanten vor
                                                                          der Küste Namibias oder die Förderung von Sand und
           Louis James, Herausgeber von Casey Research, Interview
                                                                          Kies findet bisher lediglich in Schelfgebieten statt. Als
           mit „The Gold Report“5
                                                                          Schelfmeer wird jener flachere Teil der Ozeane be-
                                                                          zeichnet, der sich über den Ausläufern der Landmasse
                                                                          befindet. Man spricht von dem sogenannten Kontinen-
           Die Tiefsee (…) stellt das größte und am wenigsten
                                                                          talsockel, vorstellbar als eine Stufe, bevor der Meeres-
           verstandene biologische Habitat der Erde dar. Es ist eine
                                                                          boden in größere Tiefen abfällt. Die Planungen für den
           Alice-im-Wunderland-Welt, voller Extreme, außeror-
                                                                          Tiefseebergbau und die Förderung der Erzvorkommen
           dentlicher Anpassungen, bizarrer Organismen, Schön-
                                                                          gehen in den meisten Fällen über die 2000-Meter-Mar-
           heit und Wunder.
                                                                          ke hinaus. Solwara  1 soll auf eine Tiefe von 1.600 Me-
           Richard Steiner, Biologe und Meeresforscher6                   tern unter dem Meeresspiegel stattfinden und wäre ein
                                                                          noch relativ oberflächennahes Projekt.
                                                                          Die Umweltbedingungen der Tiefsee unterscheiden
           Während bislang zwölf Menschen auf dem Mond wa-
                                                                          sich in vielerlei Hinsicht fundamental von den uns
           ren, sind erst drei Menschen mit Tauchfahrzeugen zu
                                                                          bekannten Ökosystemen an Land und an der Meeres-
           einem der tiefsten Punkte der Meere im Marianengra-
                                                                          oberfläche. Alle zehn Meter Wassertiefe nimmt der
           ben im westlichen Pazifischen Ozean vorgestoßen. Die
                                                                          Wasserdruck um den Betrag zu, der dem normalen
           Tiefsee ist der am wenigsten erforschte Teil der Erde
                                                                          Luftdruck an Land entspricht (ein Bar). Ab 200 Meter
           und ihrer Biosphäre. Die Meere sind im Durchschnitt
                                                                          Tiefe ist es weitgehend dunkel. Hier endet die Photo-
           etwa 3.700 Meter tief. Etwa ein Viertel des Meeresbo-
                                                                          synthese, und es ist nicht mehr das Pflanzenwachstum,
           dens liegt tiefer als 5.000 Meter und ist für den Men-
                                                                          das die Grundlage für die Nahrungsnetze bildet. Es
           schen weitgehend unzugänglich. Etwa ein Sechstel des
                                                                          folgt eine Dämmerzone mit einem schwachen Zwie-
           Meeresbodens liegt in Tiefen von 2.000 Metern und
                                                                          licht, das noch bis in 1.000 Meter Tiefe reichen kann.
           weniger; auf diesen Bereich konzentriert sich bislang
                                                                          Dort wirkt ein Druck, der einem Gewicht von 100
           die kommerzielle Nutzung. Hierhin reichen die Netze
                                                                          Kilogramm pro Quadratzentimeter entspricht. Ab der
           der Tiefsee-Fischerei. Bei der Marke von 2.000 Metern
                                                                          Marke von 4.000 Metern liegt die Temperatur nahe am
           ist ein Punkt erreicht, bis zu dem Seekabel eingegraben
                                                                          Gefrierpunkt. Auch andere physikalische Parameter
           werden, danach lässt man sie nur noch in die Tiefe
                                                                          wie Sauerstoff- und Salzgehalt des Wassers ändern sich
           fallen. Seit den ersten Offshore-Bohrungen Ende des
                                                                          in den verschiedenen Tiefenzonen, allerdings mit gro-
           19. Jahrhunderts hat sich die Gas- und Ölförderung
                                                                          ßen regionalen Unterschieden.
           langsam in immer tiefere Meeresbereiche vorgearbeitet.
           Von den 27 Millionen Barrel pro Tag, die 2015 offshore         Überall bis hinab in die größten Tiefen existiert Leben
           an Erdöl produziert wurden, stammen 36 Prozent aus             im Meer. Wale tauchen nahezu 3.000 Meter tief, Fische
           Bereichen, wo der Meeresboden tiefer als 125 Meter             sollen bis in 8.200 Metern Tiefe vorkommen. Die
                                                                          Kleinstlebewesen und die Fauna des Meeresbodens
           5 Casey Report ist ein Investorenmagazin, das vom US-ame-      haben eigene Ökosysteme entwickelt, die anders als an
           rikanischen Finanzspekulanten Doug Casey finanziert wird.      Land nicht auf dem Sonnenlicht als Energiequelle auf-
           Das Zitat stammt aus einem Interview mit Louis James am
           4.1.2018: seekingalpha.com/article/59059-louis-james-on-in-    bauen. Ein ökologisch besonders reicher Habitat-Typ
           teresting-gold-companies.                                      sind die Schwarzen und Weißen Raucher, heiße
           6 Steiner war 1980-2000 Professor an der University of Alas-   Quellen, die auch als Hydrothermalquellen bezeichnet
           ka und arbeitet heute für die NRO-orientierte Consultingfir-   werden. In der Regel treten mehrere Raucher in einem
           ma Oasis Earth. (Steiner 2015).
8
Solwara 1 Bergbau am Meeresboden vor Papua-Neuguinea Hintergründe, Folgen, Widerstand - Ozeanien-Dialog
Solwara 1 - Bergbau am Meeresboden vor Papua-Neuguinea

2. Kapitel

      Abbau von Sulfiderzen
    auf Hydrothermalfeldern
                                                                   Abbau von Kobaltkrusten an
                                                                     den Hängen der Seeberge

                                                                                     Förderung von Manganknollen
                                                                                        auf den Ebenen der Tiefsee

Die drei unterschiedlichen Fördertechniken des Tiefseebergbaus
Der Abbau der mineralischen Ressourcen am Meeresboden der Tiefsee wird für ökologisch sehr unterschiedliche Umgebungen, mit
eigens den jeweiligen Bedingungen angepassten Fördertechniken geplant.

                                                                                                                                   9
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Solwara 1 - Bergbau am Meeresboden vor Papua-Neuguinea

           2. Kapitel

           begrenzten Gebiet auf und bilden zusammen ein Hy-               Jahresförderung von zwei Millionen Tonnen und einer
           drothermalfeld („hydrothermal vent field“). In einem            Förderdauer von 20 Jahren einen Flächenverbrauch von
           solchen Gebiet liegt das Fördergebiet Solwara  1.               2.700 Quadratkilometern. Dabei werden riesige Gebiete
                                                                           am Meeresboden von den Manganknollensammlern,
           Mineralische Vorkommen am Meeresboden treten in
                                                                           schweren Raupenfahrzeugen, umgepflügt werden.
           verschiedenen Formen auf. Zum einen sind es Man-
           ganknollen: Erzklumpen, die neben Mangan und Eisen              Der zweite Typ von Tiefseemineralien sind die Kobalt-
           geringe Teile von Kupfer, Kobalt, Zink und Nickel ent-          krusten, die auf Zehntausenden von Seebergen und
           halten sowie Spuren von sogenannten Seltenen Erden,             anderen unterseeischen Erhebungen in Tiefen von 400
           die für moderne Schlüsseltechnologien wichtig sind.             bis 4.000 Metern (vgl. International Seabed Authori-
           Sie liegen an der Oberfläche des Meeresbodens. Für              ty o.J.) auftreten. Auf den Seebergen fallen in diesem
           eine kommerzielle Nutzung bereitet bislang die Tiefe            Bereich entlang freier Oberflächen mit den Strömun-
           dieser Vorkommen, meist zwischen 4.000 und 6.000                gen transportierte Metalle aus und bilden Krusten von
           Metern (Bundesanstalt für Geowissenschaften und                 einigen Zentimetern Dicke (ca. zwischen zwei und 26
           Rohstoffe 2016a, S. 3) Probleme. Als schwierig erweist          Zentimetern), die fest auf der Felsoberfläche sitzen.
           sich auch die Tatsache, dass sich die Metalle bisher            Ihre Wachstumsrate ist wie bei den Manganknollen ex-
           nur mit aufwändigen, energieintensiven und letztlich            trem niedrig und liegt zwischen einem und sieben Mil-
           unrentablen Verfahren aus den Knollen lösen lassen.             limeter in einer Million Jahre. Kobaltkrusten enthalten
           Wirtschaftlichkeitsberechnungen zum Manganknol-                 außer Mangan und Eisen vor allem Kobalt, Nickel und
           lenabbau veranschlagen pro Unternehmung bei einer               Seltene Erden.

                                                                                                       Sulfiderze
                                                                                                       Manganknollen
                                                                                                       Kobaltkrusten
                                                                                                       Ausschließliche Wirtscha�szone

                                                                                                   Nord-
                         Europa                                                                   amerika
                                                  Asien

                                                                                                                               Atlan�k

                          Afrika

                                                                                         Pazifik
                                                           Solwara 1                                              Süd-
                                                                                                                 amerika

                                                          Australien
                                           Indischer
                                             Ozean

                                                          Antark�s

           Die Verteilung der bekannten Rohstoffvorkommen in der Tiefsee

10
Solwara 1 - Bergbau am Meeresboden vor Papua-Neuguinea

2. Kapitel

Die Technologie von Solwara  1                               liary Cutter – 15,8 Meter lang, 6 Meter breit, 7,6 Meter
                                                             hoch, 250 Tonnen schwer) fräst den Meeresboden
In Solwara  1 geht es um den dritten Typ von minerali-       oberhalb der mineralischen Schicht weg und pumpt
schen Vorkommen am Meeresboden: Die sogenannten              den Abraum beiseite. Eine zweite Schnittmaschine
Massivsulfide, die in Gebieten von Schwarzen und             (Bulk Cutter – 14,2 Meter lang, 4,2 Meter breit, 6,8 Me-
Weißen Rauchern auftreten. Der kommerzielle Abbau            ter hoch, 310 Tonnen schwer) zerschneidet die mine-
richtet sich im Fall von Solwara  1 auf Kupfer, Gold, Sil-   ralische Schicht und pumpt sie zu einer Sammelstelle.
ber und Zink. Er findet buchstäblich als Bergbau unter       Der Fräslader (Collection Machine – 16,5 Meter lang,
Wasser statt: Das Vorkommen bildet einen Trichter, der       6 Meter breit, 7,6 m hoch, 200 Tonnen schwer) pumpt
über zehn Meter und mehr unter dem Meeresboden               das mineralische Material in die zentrale Pumpenan-
liegen kann, möglicherweise auch deutlich tiefer. Die        lage (Subsea Slurry Lift Pump), die den mineralischen
Schlote der Raucher sind oberhalb des Vorkommens             Schlamm („slurry“) durch ein festes Steigrohr zum
über die Abbaufläche verteilt (Nautilus 2015a, S. 40         Förderschiff weiterleitet.
ff.) Was als Rauch erscheint, sind Partikelwolken.
                                                             Auf dem 227 Meter langen und 40 Meter breiten Schiff
Sie entstehen, wenn heißes, mineralhaltiges Wasser
                                                             wird der Schlamm einem ersten Verarbeitungsprozess
aus Spalten im Meeresboden austritt und durch den
                                                             unterzogen. Nachdem der Erzschlamm auf das För-
Kontakt mit dem umliegenden Meereswasser abkühlt.
                                                             derschiff verbracht wurde, wird dieser dort in einer
Die mit der Zeit aus dem Boden ragenden Schlote der
                                                             Anlage (Erzfilteranlage) entwässert und gereinigt. Die
Raucher sind das sichtbare Zeichen dieser Hydrother-
                                                             ökonomisch interessanten Erze werden hierbei von
malquellen.
                                                             den weniger interessanten Bestandteilen des Schlamms
Für das Projekt Solwara  1 wurde von Nautilus Minerals       getrennt. Bis zu 45.000 Tonnen des gewonnenen Erzes
in internationaler Zusammenarbeit mit einer ganzen           werden dort zwischengelagert. Abwasser und Abraum
Reihe von Unternehmen aus der maritimen Wirtschaft           werden durch ein Rohrsystem zurückgeleitet und in
ein eigenes Produktionssystem entwickelt. Dieses             einer Höhe von 25 bis 50 Metern über dem Meeres-
besteht aus den Abbaugeräten am Meeresboden, dem             boden abgelassen. Die Abbaufläche von Solwara  1 soll
Pumpen- und Rohrsystem für den Transport des Ma-             maximal 140.000 Quadratmeter betragen.
terials vom Boden zum Schiff und den Transport des
                                                             Da sich die Zusammensetzung der marinen Erze von
Abraums zurück zum Meeresboden sowie dem Förder-
                                                             denen vergleichbarer Erze aus Landquellen unter-
schiff an der Wasseroberfläche. Das Produktionssystem
                                                             scheidet, müssen für die marinen Erze neue Aufberei-
beschränkt sich also nicht auf die horizontale Ausdeh-
                                                             tungsprozesse entwickelt werden, die bis heute nicht
nung des Erzvorkommens am Meeresboden, sondern
                                                             ausgereift sind. Die Gewinnung der Metalle aus dem
erstreckt sich auch vertikal vom Meeresboden durch
                                                             Erz wird in China erfolgen. Das chinesische Staats-
die gesamte Wassersäule bis zur Meeresoberfläche. Falls
                                                             unternehmen Tongling (Tongling Nonferrous Metals
sich das System im Einsatz in Solwara  1 bewährt, kann
                                                             Group) hat am 11.12.2015 einen Vertrag mit Nautilus
es später einen wesentlichen Teil des Unternehmenska-
                                                             unterzeichnet, das Tongling Sales Agreement, wonach
pitals und Know-how darstellen.
                                                             Tongling das Erz ab Schiff kauft. Vom Förderschiff wird
Der mechanische Abbau der Erzvorkommen in                    das zwischengelagerte Erz direkt auf einen Massengut-
Solwara  1 erfolgt mit schwerem Gerät. Die drei Geräte       frachter von Tongling umgeladen. Das Transportschiff
für den Abbau am Meeresboden, hergestellt von der            bringt das Erz in einen chinesischen Hafen, von wo aus
Firma Soil Machine Dynamics (SMD) aus Großbri-               es per LKW in eine der Hütten des Unternehmens am
tannien, werden wie der gesamte Abbauprozess vom             Yangtse gelangt. Letztlich ist es also ein chinesisches
Förderschiff aus gesteuert. Die drei 2.500 Meter langen      Unternehmen, das die Metalle auf dem Weltmarkt
Spezialkabel für die Energiezufuhr und Kommunika-            anbietet und über deren Verbleib entscheidet.
tion mit den Abbaumaschinen wurden in Nordenham
                                                             Anfangs waren für den Entwurf und Betrieb des
entwickelt und von den Norddeutschen Seekabelwer-
                                                             Schiffes die deutsche Reederei Harren und Partner
ken (NSW) hergestellt. Die Teilschnittmaschine (Auxi-
                                                             aus Bremen vorgesehen. Inzwischen hat sich Nautilus

                                                                                                                              11
Solwara 1 - Bergbau am Meeresboden vor Papua-Neuguinea

           2. Kapitel

           Minerals aber dazu entschlossen, das Förderschiff von          rik wird von Siemens (Shanghai), die Schiffsmaschinen
           Marine Assets Corporation (MAC) mit Sitz in Dubai              werden von Rolls Royce Marine (Norwegen) geliefert.
           zu einem festen Tagessatz von 199.910 US-Dollar zu             Die Bestandteile des Kransystems für das Ablassen und
           chartern, nachdem die Firma das Schiff entsprechend            Hochholen der Abbaumaschinen (Launch and Reco-
           der Vorgaben von Nautilus gebaut hat. Die Schiffselekt-        very System) kommen aus Polen, Korea und Norwegen.

                                Förderschiff

                                                                               Transportschiff

                                                       Rohrleitungssystem
               Steuerungs- und
               Versorgungskabel

                                                         Pumpenanlage
                    Abraumwolke

                                                                                                                  Erzablagerungen
                                                                                        North Su
                                                                                                                    South Su
                                        Solwara 1

           Projektskizze des Fördervorhabens Solwara  1
           Der Sulfiderzabbau zerstört die kleinräumigen Ökosysteme der Hydrothermalen Felder mit ihren aktiven und inaktiven Rauchern
           sowie einer Vielzahl endemischer Arten

12
Solwara 1 - Bergbau am Meeresboden vor Papua-Neuguinea

2. Kapitel

Der Maschinenpark von Solwara  1

                                                                                Förderschiff
                                                             227 Meter lang, 40 Meter breit,
                                                              45.000 Tonnen Lagerkapazität,
                                                                   180 Personen Besatzung

 Teilschnittmaschine:
 15,8 Meter lang, 6 Meter breit,
 7,6 m hoch, 250 Tonnen schwer

                                                                       Fräslader:
                                                   16,5 Meter lang, 6 Meter breit,
                                                  7,6 m hoch, 200 Tonnen schwer

 Teilschnittmaschine:
 14,2 Meter lang, 4,2 Meter breit,
 6,8 Meter hoch, 310 Tonnen schwer

                                                                                           13
Solwara 1 - Bergbau am Meeresboden vor Papua-Neuguinea

           2. Kapitel

           Desweiteren sind unter anderem noch zwei weitere                der Preisverfall mineralischer Rohstoffe (Bräuninger
           Unternehmen aus Norwegen sowie ein Unternehmen                  u.a. 2013). Somit rückte ein profitabler Meeresboden-
           aus Italien an der Ausrüstung des Schiffes beteiligt.           bergbau wieder in den Bereich des Vorstellbaren. 1997
                                                                           erwarb Nautilus Minerals eine Lizenz für die Erfor-
           Die Konzeption des auf der Culu Island Werft der staat-
                                                                           schung des Meeresbodens bei Solwara  1. Die Metallsu-
           lichen chinesischen Fujian Mawei Shipbuilding Ltd.
                                                                           lfid-Lagerstätte war von der Australischen Forschungs-
           (FMSL) in Bau befindlichen Förderschiffs wurde in den
                                                                           einrichtung CSIRO entdeckt und benannt worden;
           letzten Jahren noch einmal deutlich verändert. Wäh-
                                                                           „Solwara“ bedeutet im Tok Pisin („Pidgin-English“)
           rend lange Zeit noch eine umfangreichere Infrastruktur
                                                                           „Meer“, wörtlich „Salzwasser“. 2006 gab Nautilus eine
           an Land vorgesehen war, ist das jetzige Förderschiff auf
                                                                           Interessenbekundung für einen kommerziellen Abbau
           weitgehende Autonomie ausgerichtet. Die Besatzung
                                                                           im Gebiet Solwara  1 ab.
           von 180 See- und Bergleuten wird nicht nur an Bord
           arbeiten, sondern dort auch untergebracht und ver-              Für die Ressourcen am Meeresboden existieren zwei
           pflegt werden.                                                  unterschiedliche rechtliche Rahmenvorgaben: ein
                                                                           nationaler und ein internationaler. Die ersten 200
           Damit hat Nautilus Minerals die Mobilität seiner
                                                                           Seemeilen ab der Küstenlinie bilden die „Ausschließli-
           Fördereinrichtung erhöht und zugleich vorangetrieben,
                                                                           che Wirtschaftszone“ (AWZ) eines Landes.9 Zwar sind
           dass das Vorhaben weitgehend losgelöst von der Ge-
                                                                           die eigentlichen Hoheitsgebiete der Staaten innerhalb
           sellschaft Papua-Neuguineas stattfindet. Denn mögliche
                                                                           der Zone auf die ersten zwölf Seemeilen begrenzt, aber
           Arbeitsplatzangebote an Land und Einnahmen der lo-
                                                                           darüber hinaus haben sie über die gesamte Länge ihrer
           kalen Ökonomie entfallen durch diese Planung nahezu
                                                                           Küste in dieser Zone das Vorrecht auf die Nutzung aller
           vollkommen. Protesten der Bevölkerung fehlen damit
                                                                           Ressourcen am Meeresboden als auch in der Wasser-
           die direkten, sichtbaren Bezugspunkte. 7
                                                                           säule. Das schließt die Vergabe von Lizenzen zu deren
                                                                           Nutzung ein. Mehr als ein Drittel der Weltmeeresfläche
                                                                           unterliegt auf diese Weise einer nationalen Nutzung
           Ausschließliche Wirtschaftszonen:                               und Regulierung.
           Der ‚Wilde Westen‘ des                                          Jenseits der 200 Seemeilen liegt juristisch betrachtet
           Meeresbergbaus                                                  die Hohe See, und hier gilt für den Meeresboden ein
                                                                           einzigartiges System internationaler Regulierung. 1982
                                                                           wurde, auch in Folge des hohen Interesses am Meeres-
           Das Interesse am Meeresboden und die Chancen seiner
                                                                           bergbau in den Jahren davor, das UN-Seerechtsüberein-
           kommerziellen Nutzung sind eng mit dem Steigen und
                                                                           kommen abgeschlossen. Es trat 1994 in Kraft. Bis heute
           Fallen der Rohstoffpreise verknüpft. Als Reaktion auf
                                                                           haben über 160 Staaten das Abkommen ratifiziert.10
           steigende Rohstoffpreise investierten in den 1960er und
                                                                           Nach dem Seerechtsübereinkommen sind die Ressour-
           1970er Jahren vor allem Unternehmen und staatliche
                                                                           cen auf und im Meeresboden außerhalb der Aus-
           Institutionen in Deutschland, Frankreich und USA in
                                                                           schließlichen Wirtschaftszone „gemeinsames Mensch-
           den Meeresbergbau (Glasby 2000).8 Nach einer his-
                                                                           heitserbe“. Dieses sogenannte „Gebiet“ („Area“) wird
           torischen Preisspitze für mineralische Rohstoffe im
                                                                           von der Internationalen Meeresbodenbehörde (ISA)
           Zuge der 1. Ölkrise (1973) begannen die Preise ab 1980
                                                                           verwaltet. Staaten können bei dieser Behörde zeitlich
           wieder zu fallen. Erst zwischen 2000 und 2005 endete
                                                                           begrenzte Lizenzen für die Erkundung von Flächen am
           7 Nautilus: Seefloor Production Tools, http://www.nau-          Meeresboden erwerben. Nachdem ein Staat die Erfor-
           tilusminerals.com/irm/content/seafloor-production-tools.        schung seines Lizenzgebiets abgeschlossen hat, kann er
           aspx?RID=333; Eine animierte Darstellung des geplanten
           Abbauprozesses findet sich hier: http://www.nautilusminerals.   9 Die 200 Seemeilen (370 Kilometer) können verlängert
           com/irm/content/video-gallery.aspx?RID=421; siehe auch          werden, wenn der Küstensockel sich darüber hinaus erstreckt.
           Nautilus Minerals Inc. 2014a; 2015c)                            10 Zu den 15 Nichtunterzeichnern gehören u.a. die
           8 G. P. Glasby vom Ozeanographischen Institut Neuseeland        USA, Türkei, Israel, Venezuela und der Vatikan. 14 Staaten
           gibt die Investitionssumme dieser Phase mit ca. 650 Mio.        haben die Konvention unterzeichnet, aber bis jetzt nicht
           US-Dollar an (Glasby 2000).                                     ratifiziert, darunter der Iran.
14
Solwara 1 - Bergbau am Meeresboden vor Papua-Neuguinea

2. Kapitel

für die Hälfte von dessen Fläche eine zeitlich begrenzte                                               Über 60 Staaten versuchen mittlerweile, ihre Aus-
wirtschaftliche Nutzung beantragen; die andere Hälfte                                                  schließlichen Wirtschaftszonen über eine Sonderrege-
wird sich entwickelnden Nationen angeboten, um allen                                                   lung des Seerechtsübereinkommens auszuweiten und
Ländern einen gleichen Zugang zu den Ressourcen                                                        setzen auf die nationale statt auf die internationale
des Meeresbodens zu gewährleisten. Faktisch hat sich                                                   Karte. Bei der zuständigen Kommission zur Begren-
aus diesem Vorgehen jedoch eine Praxis der indirek-                                                    zung des Festlandsockels (CLCS) in New York können
ten Privatisierung entwickelt, die der ursprünglichen                                                  Staaten auf Basis des Vertragswerks einen Antrag zur
Intention des Seerechtsübereinkommens zuwiderläuft:                                                    räumlichen Ausdehnung ihres Anrechts auf die mari-
Private, multinationale Konzerne erwerben von Staa-                                                    nen Bodenschätze vor ihrer Küste stellen. Dazu müssen
ten, die selber nicht über die entsprechende Technolo-                                                 sie Daten vorlegen, die nachweisen, dass der Konti-
gie verfügen, Lizenzen für die von der Internationalen                                                 nentalsockel vor ihrer Küste entsprechend der juristi-
Meeresbodenbehörde zu vergebenen Gebiete. Auch                                                         schen Definition des Übereinkommens weiter reicht
Nautilus Minerals hält über den pazifischen Inselstaat                                                 als die vorgesehenen 200 Seemeilen. Die Kommission
Tonga Lizenzen für sechs Meeresbodengebiete in der                                                     kann ihnen in diesem Falle die Erlaubnis gewähren,
Clarion-Clipperton-Zone, dem bisherigen Hauptverga-                                                    bis zu maximal 350 Seemeilen weit vor der Küste die
begebiet für Lizenzen, die die Internationale Meeresbo-                                                Meeresbodenschätze auszubeuten. Das Nutzungsrecht
denbehörde vergibt (Nautilus 2016).                                                                    gilt ausschließlich für die Bodenschätze, nicht für die

                                               Nördliche
                                               Marianen                                                                 Johnson
                                                                                                                          Atoll                           Ausschließliche Wirtscha�szone
                                               Guam                                                                                                       Papua-Neuguinea
                                                                                Marshallinseln

                                         Föderierte Staaten Mikronesien
                                                                                                                                                          Weitere Ausschließliche
     Philippinen
                            Republik
                                                                                                                                                          Wirtscha�szonen
                             Palau                                                                                                  USA

                                                                                                               USA
                                                Papua-                            Republik                                                USA
                                               Neuguinea                           Nauru

                                                                                                                                                Kiriba�
                   Indonesien

                                                                                 Salomonen          Tuvalu           Tokelau

                                                                                                            Wallis und Samoa    Cookinseln
                                                                                                             Futuna
                                                                                                                         Amerikanisch
                                                                                                    Fidschi                 Samoa
                                                                                      Vanuatu
                                                                      Neukaledonien                                         Niue
                                                                                                                                                    Französisch-Polynesien
                                                                                         Ma�hew-               Königreich                                                      Pitcairninseln
                                                                                      und Hunterinseln           Tonga
                            Australien

                                                                                  Nordfolkinsel

                                                                                                  Neuseeland

                                                                   Australien

Die Ausschließlichen Wirtschaftszonen im Südwest-Pazifik
Die Ausschließlichen Wirtschaftszonen, insbesondere der Kleinen Inselentwicklungsländer, sind meist um ein Vielfaches größer als
die Landflächen der Staaten in Ozeanien

                                                                                                                                                                                                15
Solwara 1 - Bergbau am Meeresboden vor Papua-Neuguinea

           2. Kapitel

           Ressourcen in der Wassersäule. In den Gebieten, die                                 Ausbeutung des Meeresbodens eingehalten werden
           über die 200-Seemeilen-Grenze hinausreichen, brau-                                  sollen, gelten in den AWZ nur die Regulierungen des
           chen andere Staaten keine Erlaubnis, um beispielsweise                              betreffenden Einzelstaates. In vielen Fällen heißt das
           in diesen internationalen Gewässern zu fischen.                                     bislang: gar keine. Erst in den letzten Jahren sind in
                                                                                               einer Reihe von pazifischen Inselstaaten spezifische
           Hunderttausende von Quadratkilometern haben ein-
                                                                                               Gesetze und Verordnungen entwickelt worden, mit de-
           zelne Staaten auf diesem Weg schon zusätzlich zuge-
                                                                                               nen der Tiefseebergbau zum ersten Mal geregelt wird.
           sprochen bekommen. Auch dies ist ein Ausdruck des
                                                                                               Im Unterschied zur Hohen See, wo die Ausarbeitung
           Wettrennens um die marinen Ressourcen. Die Aus-
                                                                                               von detaillierten Regulierungen durch die Internati-
           dehnung der Ausschließlichen Wirtschaftszonen stellt
                                                                                               onale Meeresbodenbehörde Voraussetzung jeglicher
           oft einen Versuch dar, internationale Absprachen zu
                                                                                               kommerziellen Nutzung ist, stellen in den AWZ nicht
           umgehen und auf eine Deregulierung internationaler
                                                                                               vorhandene Regulierungen keinen Hinderungsgrund
           Meerespolitik zu setzen.
                                                                                               für die Lizenzierung dar. Derzeit sind vor allem die
           Das Seerechtsübereinkommen hat zwar einerseits die                                  Ausschließlichen Wirtschaftszonen pazifischer Insel-
           Grundlage gelegt, um den Meeresboden unter der Ob-                                  staaten der ‚Wilde Westen‘ des Meeresbodens. Unter-
           hut der Hohen See als gemeinsames Erbe der Mensch-                                  nehmen wie Nautilus Minerals machen sich diesen
           heit zu nutzen. Andererseits stehen die AWZ dafür,                                  Umstand zunutze.
           dass die Nutzung der Meere in Teilen nationalisiert ist.
           Hinsichtlich des Tiefseebergbaus führte das dazu, dass
           zwei Erschließungsprozesse parallel laufen können, die
           auf unterschiedliche Weise reguliert werden. Während
           die Internationale Meeresbodenbehörde noch immer
           an umfangreichen Regulierungen arbeitet, die bei der

                     Basislinie            12sm               24sm                              200sm

                                               Anschlusszone                                                                           Hohe See
                                               mit eingeschränkten                                                  mit Fischfang- , Forschungs- und Schifffahrtsrechten,
                                                Hochheitsrechten                                                   die unter Aufsicht der Flaggenstaaten ausgeübt werden

                                                                                                       bis zu 350sm

            Hoheits-
             gebiet         Küstenmeer            Ausschließliche Wirtscha�szone                      Erweiterter Festlandsockel                      Gebiet

            an Land bis    staatliches Hoh-    mit Nutzungs- und Verwaltungsrechten, des Seerechts-   nach Bewilligung auf Grundlage   hier sind die Ressourcen des Meeresbo-
            zur Niedrig-   heitsgebiet auf See übereinkommens den Küstenstaaten gewährt für den       des Seerechtsübereinkommen       dens ein gemeinsames Erbe der
            wasserlinie                        Wasserkörper und die Ressourcen in und auf dem         mit Rechten am Meeresboden       Menschheit, verwaltet von der IMB
                                               Meeresboden

           Die Grenzziehungen auf See auf Grundlage des Seerechtsübereinkommens

16
Solwara 1 - Bergbau am Meeresboden vor Papua-Neuguinea

3. Kapitel

Traditionelle Ökonomie und
Bergbauindustrie
Die Verfassung von Papua-Neuguinea unterstrich die         „die Gebräuche und Nutzungen der indigenen Einwoh-
Bedeutung von ökologischer Nachhaltigkeit, einer funk-     ner des Landes, die bezüglich des in Frage stehenden
tionsfähigen Lokalwirtschaft und des Respekts gegenüber    Sachverhalts existieren, zu der Zeit und an dem Ort,
traditionellen Lebensweisen. Als eine postkoloniale        in Bezug auf den der Sachverhalt auftritt, unabhängig
Nation erkannte sie den Fortbestand der ‚Vorgeschichte‘    davon, ob dieser Brauch oder diese Nutzung schon seit
an. (…) Das Land begriff sich, anders als beispielsweise   unvordenklicher Zeit existiert haben oder nicht.“14
Frankreich, die USA oder Australien, rechtlich nicht als
                                                           Das traditionelle Recht gilt15; es gehört zu den in der
eine Nation aus Individuen.
                                                           Verfassung aufgeführten Rechtsquellen. Es ist lokal aus-
Paul James 11                                              gerichtet, was der Vielfalt unterschiedlicher traditionel-
                                                           ler Gebrauchsrechte Rechnung trägt. Seine Auslegung
                                                           obliegt im Streitfall den Gerichten. Die Spannung zwi-
Papua-Neuguinea ist in mehrfacher Hinsicht ein             schen einem nicht schriftlich kodifizierten traditionel-
bemerkenswertes Land. Es gilt als eines der kulturell      len „zugrundeliegenden Recht“ („underlying law“) und
vielseitigsten Länder der Welt, mit über 850 bekannten     den Gesetzen und Verordnungen, die von politischen
Sprachen12 und einer starken Präsenz kleinräumiger         Gremien erlassen werden, prägt das Rechtssystem
kultureller Traditionen. Es gibt kaum einen Flächen-       Papua-Neuguineas und ist in einer Vielzahl einschlägi-
staat, in dem der Anteil der städtischen Bevölkerung       ger Urteile dokumentiert worden (vgl. Zorn 1995, 1991;
derart niedrig ist (13 Prozent laut Weltbank für 2015).    Jessep 1998).
Drei Viertel der auf 8,1 Millionen geschätzten Zahl der
                                                           Die Verfassung bestätigt explizit das Gesetz zur Aner-
dort lebenden Menschen arbeiten in Landwirtschaft
                                                           kennung traditioneller Rechte („Customs Recognition
und Fischerei, die meisten davon in weitgehend sich
                                                           Act“), das 1963, also vor der Unabhängigkeit, erlassen
selbstversorgenden Gemeinden. Die Bevölkerungs-
                                                           wurde. Darin heißt es im Abschnitt „Privatrechtliche
dichte ist mit 18 Personen pro Quadratkilometer sehr
                                                           Fragen“ („civil cases“):
niedrig.13 Aufgrund der günstigen klimatischen Voraus-
setzungen ist die Ernährungslage in der Subsistenzwirt-    “Traditionelle Rechte sollen einbezogen werden (…) in
schaft weit besser als etwa im subsaharischen Afrika.      Bezug auf (a) das traditionelle Eigentum an, über oder
                                                           in Verbindung mit indigenem Land (…) (b) das traditi-
97 Prozent der Fläche Papua-Neuguineas befindet sich
                                                           onelle Eigentum an, über oder in Verbindung mit dem
im Besitz indigener Gemeinschaften. In den letzten
                                                           Meer oder einem Riff, oder in oder auf dem Grund des
Jahren hat allerdings ein schleichender Prozess der
                                                           Meeres oder eines Flusses oder Sees, einschließlich der
Privatisierung durch Erbpacht eingesetzt. Aufgrund
                                                           Fischereirechte (…)“16.
dessen sind inzwischen etwa zehn Prozent der Landes-
fläche als „Special Agricultural and Business Leases“      Der Meeresboden kann daher durchaus traditionellen
mit bis zu 99 Jahren Laufzeit an Privatunternehmen         indigenen Rechten unterliegen, wenn er an der fragli-
verpachtet. Die Eigentumsrechte der indigenen Ge-          chen Stelle mit traditionellen Nutzungen oder kulturel-
meinschaften sind in der Verfassung verankert, ebenso
ihre Nutzungsrechte, insbesondere ihre traditionellen
Rechte sowie das Recht auf traditionelle kulturelle        14 Constitution of the independent state of Papua
Praktiken.                                                 New Guinea, http://www.unesco.org/education/edurights/
                                                           media/docs/600e78096209b63b86f0135f52694b257b4b0c0e.
Die Verfassung von 1975 (dem Jahr der Unabhängig-          pdf, Schedule 1.2: Meaning of certain expressions, S. 122
keit) definiert das traditionelle Gebrauchs- und Eigen-    15 Solange es nicht der Verfassung, anderen Statuten mit
                                                           Verfassungsrang oder allgemeinen humanitären Prinzipien
tumsrecht („custom“) als                                   widerspricht, zu Ungerechtigkeit führt, den öffentlichen
                                                           Interessen widerspricht oder nicht im besten Interesse eines
11 James 2012, S. 2 f.                                     Kindes unter 16 Jahren liegt – das sind die sechs expliziten
12 Tok Pisin, Hiri Motu und Englisch sind die verbrei-     Einschränkungen, die im Customs Recognition Act aufge-
teten Verkehrssprachen.                                    führt sind.
13 Rang 212 von 249 Staaten und Territorien. Das           16 Customs Recognition Act, http://www.paclii.org/
entspricht etwa Finnland oder Norwegen.                    pg/legis/PG-consol_act_1986/cra242.pdf, S. 8

                                                                                                                              17
Solwara 1 - Bergbau am Meeresboden vor Papua-Neuguinea

           3. Kapitel

           len Praktiken in Verbindung steht, seien sie ökonomi-     am Leben erhalten. Es hat uns Nahrung geliefert, wenn
           scher oder spiritueller Art.                              die Nahrung an Land stirbt“, so Moses Tapit, Fischer
                                                                     in Danu, Neuirland. „Danu ist niemals knapp an Fisch
                                                                     und anderer Nahrung aus dem Meer.“
           Fischerei und Ernährungssicherheit
                                                                     Die Fischgründe der Fischer von Ost-Neubritannien
           Die Ernährungssicherheit in Papua-Neuguinea beruht
                                                                     und Neuirland schließen das Gebiet von Solwara  1
           wesentlich auf dem Meer. Der Ertrag der handwerk-
                                                                     mit ein. Die Kleinfischer bewegt die Frage, ob ihnen
           lichen Fischerei wird auf jährlich 35.000 bis 70.000
                                                                     zukünftig der Zugang zu diesen Fischgründen verwehrt
           Tonnen Fisch und Meeresfrüchte geschätzt. Diese
                                                                     werden wird. Im Gebiet von Solwara  1 werden u.a.
           Kleinfischerei erfolgt hauptsächlich küstennah, aber
                                                                     Thunfisch gefischt, ebenso Riff-Fische bei den nahege-
           auch regelmäßig in 20 oder 30 Seemeilen Entfernung
                                                                     legenen Riffen, z.B. am Paradise Riff. Dies wird sowohl
           von der Küste, und schließt den Fang größerer Fische
                                                                     von den Fischern selbst bestätigt als auch von Vertre-
           ein. Gehandelt werden die Fänge, insofern sie nicht der
                                                                     tern der lokalen Verwaltung, etwa dem Fischereiberater
           Eigenversorgung dienen, auf nahegelegenen Märk-
                                                                     für die Provinz Ost-Neubritannien. Mosley Barbate, der
           ten oder sie werden direkt an Restaurants und Hotels
                                                                     Provinzverwalter, bestätigte im Interview, dass
           verkauft.
                                                                     Solwara  1 auf der Wanderungsroute des Thunfischs
                                                                     liegt. Er geht davon aus, dass die Fische als Folge des
                                                                     Lärms und anderer Emissionen, die beim Meeresbo-
                                                                     denabbau entstehen, von den ihnen vertrauten Routen
                                                                     abkehren werden. Er forderte deshalb in dem Gespräch
                                                                     eine Managementstrategie für Thunfisch.
                                                                     Der Export von Fischereiprodukten und die Vergabe
                                                                     von Fanglizenzen sind wichtige Faktoren der mariti-
                                                                     men Wirtschaft. Die Gesamtfangmenge an Fisch und
                                                                     Meeresfrüchten aus Fischerei und Aquakultur lag im
                                                                     Jahr 2014 bei 496.000 Tonnen im Wert von zwei Milli-
                                                                     arden Kina (630 Millionen US-Dollar). Der Beitrag des
                                                                     Fischereisektors zur nationalen Wirtschaft ist allerdings
                                                                     aufgrund der unzureichenden Kapazitäten für die Wei-
                                                                     terverarbeitung im Land begrenzt. Die Wertschöpfung,
                                                                     d.h. der Netto-Erlös abzüglich der Vorleistungen, lag
           Fischmarkt in Madang
                                                                     2014 bei 733 Millionen Kina (230 Millionen US-Dollar)
                                                                     und somit bei 1,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts
           Der Pro-Kopf-Konsum an Fisch und Meeresfrüchten in
                                                                     von Papua-Neuguinea. Kommerzieller Thunfischfang
           Papua-Neuguinea ist hoch. Er wurde von der Welter-
                                                                     in der Bismarcksee, einschließlich der Verarbeitung,
           nährungsorganisation (FAO) 2007 auf 17,7 Kilogramm
                                                                     des Exports und der Vergabe von Lizenzen, ist dabei
           pro Jahr und Person veranschlagt; andere Studien
                                                                     von besonderer Bedeutung für das Land. Thunfisch
           gehen von bis zu 25 Kilogramm aus. Fisch ist die we-
                                                                     stellt wertmäßig den größten Teil des kommerziellen
           sentliche Bezugsquelle von tierischem Eiweiß und die
                                                                     Fischfangs dar. Bislang wird jedoch der überwiegende
           wichtigste Einkommensquelle für die Küstengemeinden
                                                                     Teil des Thunfisches von ausländischen Fangschif-
           in den Provinzen Ost-Neubritannien und Neuirland.
                                                                     fen mit Lizenzen eingebracht und geht weder in die
           Das Meer wirkt zusätzlich als Versicherung für Zeiten,
                                                                     nationale Fangmenge noch in die nationale Wertschöp-
           wenn die Ernte an Land (in der Subsistenzökonomie
                                                                     fung ein. Lizenzvereinbarungen bestehen mit Taiwan,
           insbesondere Yam, Sago, Taro und Bananen) schlecht
                                                                     Korea, den Philippinen, China und den USA; 2014
           ist. „Während der langen Trockenzeit hat uns das Meer
                                                                     nahm Papua-Neuguinea ca. 85 Millionen US-Dollar
18
Solwara 1 - Bergbau am Meeresboden vor Papua-Neuguinea

3. Kapitel

Bildangaben?

Fangboote für Thunfisch im Hafen Vidar von Madang (Papua-Neuguinea)

aus Lizenzgebühren ein, die in keinem Verhältnis zum        Fischmarkt. „Wir investieren eine Menge Geld hier.
Wert der Fänge stehen dürften. Der eigene Export von        Das ist in Gefahr, wenn Solwara  1 die maritime Umwelt
Fischereiprodukten machte 2014 laut der Bank von            beschädigt.“17
Papua-Neuguinea mit 346 Millionen Kina (110 Millio-
nen US-Dollar) 1,6 Prozent des nationalen Exportvolu-
mens aus (vgl. Gillett 2016).
Papua-Neuguinea orientiert sich in jüngster Zeit daher      Schürfen und Erproben
verstärkt darauf, die Vergabe von Lizenzen an Investi-
tionen an Land und perspektivisch an die Fischverar-        Bergbau ist hinsichtlich der Exporteinnahmen nach wie
beitung im Land zu koppeln, um lokale Arbeitsplätze         vor der bestimmende Wirtschaftszweig in Papua-
zu schaffen und den Anteil an der Wertschöpfung zu          Neuguinea; etwa die Hälfte des Exportumsatzes entfällt
erhöhen. In jüngster Zeit wurde in die Entwicklung          auf diesen Sektor. Der Inselstaat hat reiche Vorkommen
von Technologien für „snap freezing“ investiert, das        von Gold, Kupfer, Silber, Nickel, Kobalt, Öl und Gas.
Schnellgefrieren bei extrem niedriger Temperatur, um        Gleichzeitig ist die Erfahrung hinsichtlich des Land-
Thunfisch aus Leinenfang für die Sushimi-Märkte in          bergbaus dort von Konflikten, Umweltzerstörung und
Japan und Korea zu liefern.                                 Menschenrechtsverletzungen geprägt sowie von einem
                                                            letztlich eher begrenzten Beitrag der Rohstoffindustrie
Diese Perspektive, eine höhere Wertschöpfung und
                                                            zur lokalen Ökonomie und infrastrukturellen Entwick-
lokale Beschäftigung zu erreichen, wäre gefährdet,
                                                            lung.
wenn der Meeresbodenbergbau die Wanderrouten der
Thunfische beeinträchtigt. Auch die Mitglieder einer        Im Jahr 1888 wurde Gold auf der Sudest Insel in der
Fischer-Kooperative bei Kokopo auf Ost-Neubritan-           Milne Bay gefunden. Es war der Auftakt zu einem ers-
nien, zu der aktuell 76 Fischer und insgesamt 300           ten ‚Goldrausch‘, bei dem zunächst kleine Gruppen von
Begünstigte gehören, sorgen sich um ihre Investitionen      Goldwäschern, dann größere Unternehmen leicht zu-
in stärkere Fangboote und einen geplanten lokalen
                                                            17 Interview mit einem Manager der Kooperative

                                                                                                                             19
Solwara 1 - Bergbau am Meeresboden vor Papua-Neuguinea

           3. Kapitel

           gängliche Vorkommen ausbeuteten wie das berühmte                     setzung um diese Mine gab den Anstoß zu einem zehn
           Edie Creek Feld. In einer zweiten Phase ab den 1930er                Jahre dauernden Bürgerkrieg auf Bougainville.
           Jahren erfolgte der Abbau als echter ‚Bergbau‘, d.h. die
                                                                                Die Bevölkerung dieser Insel profitierte ökonomisch
           Förderung von Gold aus Gesteinslagen.
                                                                                kaum von der Mine. Die versprochene Beteiligung der
           Die Entdeckung von großen Vorkommen von Gold                         Inselbevölkerung an den Profiten wurde staatlicherseits
           und Kupfer auf der Insel Bougainville18 im Jahr 1963                 nicht umgesetzt. Die Arbeitskräfte kamen zum aller-
           leitete eine dritte Phase ein, die von schweren Ausein-              größten Teil von der Hauptinsel Neuguinea, nicht aus
           andersetzungen zwischen der lokalen Bevölkerung und                  Bougainville. Gleichzeitig nahmen die Betreiber der
           der Zentralregierung bestimmt wurde. Internationale                  Mine schwere Umweltschädigungen in Kauf. Schwer-
           Investoren nahmen die Minen von Panguna (1972),                      metallhaltige Abwasser wurden in den Fluss Kawerong
           Ok Tedi (1984), Misima (1989), Porgera (1990) und                    geleitet und eine Landfläche von 1.800 Hektar kontami-
           Lihir (1997) in Betrieb. Die Panguna-Mine war eine der               niert. Dies rief den Protest der dort lebenden Bevölke-
           größten Kupferminen der Welt. Betrieben wurde sie                    rung hervor, die die Zugänge zur Mine eine Zeit lang
           von Bougainville Copper Ltd., an der der britisch-aust-              blockierten. In der Folge kam es ab 1988 zum bewaff-
           ralische Bergbaukonzern Rio Tinto/CRA und der Staat                  neten Konflikt mit der Zentralregierung. Als diese das
           Papua-Neuguinea beteiligt waren. Die Auseinander-                    britisch-südafrikanische Söldnerunternehmen Sandline
                                                                                anheuerte, um den Widerstand auf Bougainville zu
           18 Die Insel ist benannt nach dem französischen                      brechen, erzwangen Demonstrationen in der Haupt-
           Seefahrer Louis Antoine de Bougainville, nach dem auch die
           Pflanze Bougainvillea benannt ist, die auf seiner Reise nach         stadt Port Moresby den Rücktritt der Regierung. 1998
           Südamerika entdeckt wurde.

                                                                                                                         Ortsangaben
                                                                                                                         Bergbauprojekte in Betrieb
                                                                                                                         Bergbauprojekte in Entwicklung
                                                                   Lorengau
                                                                                                Kavieng      Simberi
                        Vanimo
                                                                                                                 Lihir
                                      Wewak                                                                     Namatanal
                                                                                             Solwara 1
                                                                                                    Rabaul

                        Ok Tedi
                                    Porgera Raum                                                              Sinvit
                                                         Madang
                    Tabubil        Wabag                                                  Hoskins
                                           Mt. Hagen
                                                                  Lae                                                                   Kieta
                                                                                     Kandrian
                                                                    Edie Creek
                                                                    Hidden Valley/Hamata

                                                Kerema
                                                                              Poponde�a
                                                 Tolukuma

                                                             Port
                                                            Moresby                        Alotau

           Bergbau in Papua-Neuguinea
           Die Bergbauindustrie ist einer der wesentlichen Wirtschaftssektoren Papua-Neuguineas

20
Solwara 1 - Bergbau am Meeresboden vor Papua-Neuguinea

3. Kapitel

wurde ein Friedensabkommen unterzeichnet, 2001             Landbergbau und Nukleartests haben viele Bewoh-
Bougainville zur autonomen Provinz erklärt. Bestand-       ner und Bewohnerinnen der pazifischen Inseln und
teil des Friedensabkommens war die Aussicht auf ein        Papua-Neuguineas für die problematischen Auswir-
Referendum über die Unabhängigkeit Bougainvilles,          kungen fremdbestimmter Großprojekte sensibilisiert.
das 2019 abgehalten werden soll. Die Panguna-Mine ist      Sie befürchten, dass die unvermindert wachsenden
mittlerweile geschlossen. Aktuell wird jedoch, nachdem     Rohstoffinteressen der Schwellen- und Industrieländer
Rio Tinto nun letztlich auch seine Unternehmensan-         zu ihren Lasten befriedigt werden sollen.
teile aufgegeben hat, in Bougainville über das Für und
Wider einer Wiederinbetriebnahme der unter einer
neuen, eventuell regionalen Verwaltung diskutiert. Mit
diesen Debatten gehen allerdings Konflikte unter der
                                                           Bergbauindustrie versus nachhaltige
Bevölkerung einher.                                        Ökonomie
In Ost-Neubritannien ist die Erinnerung an die Wild
                                                           Extraktive Industrien, d.h. solche, in denen Rohstoffe
Dog Mine am Mount Sinivit präsent, die auf dem
                                                           durch Entnahme aus natürlichen Vorkommen gewon-
Land der Baining liegt. Die in Kanada registrierte New
                                                           nen werden, sind seit Langem als problematisch für
Guinea Gold Corporation (NGG) ignorierte die Rechte
                                                           postkoloniale Entwicklungsstrategien bekannt. Nicht
der Landbesitzer. Als die Firma die Mine nach einem
                                                           ohne Grund sind einige besonders rohstoffreiche
Rechtsstreit 2014 aufgab, gelangten nicht entsorgte
                                                           Länder des globalen Südens von Bürgerkrieg, Warlor-
Chemikalien ins Wasser. Der Warangoi-Fluss, der in
                                                           dismus, autoritären Regimen und Korruption betrof-
Zeiten von Dürre als Trinkwasserquelle gebraucht wird,
                                                           fen. Extraktive Industrien erzielen Staatseinnahmen
gilt als verseucht mit Zyanid.
                                                           und private Profite in hohem Maße an der eigenen
Eine weitere historische Erfahrung, die in der Ausei-      Bevölkerung vorbei; sie sind nicht abhängig von der
nandersetzung um Solwara  1 und den Meeresbergbau          volkswirtschaftlichen Gesamtentwicklung, der flächen-
eine Rolle spielt, sind die jahrzehntelangen Atom-         deckenden materiellen und sozialen Infrastruktur und
bombenversuche im Pazifik. Zwischen 1946 und 1996          der Entwicklung einer qualifizierten Arbeiterschaft.
missbrauchten die USA, Frankreich und Großbritanni-        Während der Bergbau in den Industrieländern, trotz
en die Inseln im Südpazifik systematisch als Test- oder    aller ökologischen Probleme und der Gefahren für die
Versuchsgelände für Nuklearwaffen, u.a. die Marshall       Minenarbeiter, mit dem Aufbau von verarbeitenden In-
Inseln (Bikini), Kiribati und Mururoa. Frankreich allein   dustrien und regionalem wirtschaftlichen Aufschwung
zündete 193 Atombomben im Südpazifik, die USA zün-         verbunden war, ist das in Entwicklungsländern häu-
deten 106. Die drei Atomwaffenstaaten übernahmen           fig nicht der Fall. Je leichter Rohstoffe abbaubar und
lange Zeit keinerlei Verantwortung für die gesundheit-     transportierbar sind und je isolierter von der sonstigen
lichen und ökologischen Folgen der Strahlung, denen        wirtschaftlichen Struktur sich der Abbau betreiben
die Inselbewohner und die Region ausgesetzt wurden.        lässt, desto größer ist die Gefahr, dass die Ressour-
                                                           ceneinnahmen die volkswirtschaftliche Entwicklung
In Bezug auf Solwara  1 wird von vielen in dem Ge-
                                                           und den Aufbau kooperativer, integrierter politischer
biet lebenden Menschen und Aktivisten deshalb der
                                                           Strukturen lähmen.19
experimentelle Charakter des dort geplanten Meeres-
bergbaus betont. Erneut werde die pazifische Inselwelt     Diese Problematik ist auch in Papua-Neuguinea be-
zum Testgebiet für eine neue, hochriskante Technologie     kannt und hat zur Erarbeitung offizieller strategischer
gemacht. Teilweise wird sogar vermutet, die Lokalisie-     Dokumente geführt. Diese zielen darauf ab, das Land
rung in der Bismarcksee solle dazu dienen, mögliche        zugunsten der Entwicklung nachhaltiger Produktions-
Umweltfolgen in diesem artenreichen, küstennahen           sektoren weniger von der Bergbauindustrie abhängig
Gebiet besser untersuchen zu können, um für Folge-
projekte daraus zu lernen.                                 19 Ressourcenreichtum an sich ist nicht der Grund
                                                           für innerstaatliche Konflikte oder einseitige Entwicklung. Er
                                                           bietet jedoch die Möglichkeit, diese langfristig aufrechtzuer-
                                                           halten. (Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung 2012).

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