Südtirol 2020 - Der Malser Weg

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Südtirol 2020 - Der Malser Weg
Landwirtschaftsreport

                     Land
                      wirt
                   schafts
                        report
                         Südtirol 2020
Südtirol 2020 - Der Malser Weg
Landwirtschaftsreport
zur Nachhaltigkeit
Südtirol 2020
Südtirol 2020 - Der Malser Weg
INHALT

         7     Warum dieser Report?

         13    Rahmenbedingungen
         14 Naturräumliche und geografische Voraussetzungen
         21 Strukturelle Voraussetzungen
         24 Sozioökonomische Rahmenbedingungen
         30 Problemfelder und Bewertung

         33    Umwelt
         35 Landschaft
         44 Wasserbilanz und Bewässerung
         48 Luftschadstoffe und Klimabilanz
         50 Boden und Nährstoffbilanz
         54 Pflanzenschutz
         57 Rückstände
         60 Biodiversität
         74 Problemfelder und Bewertung

         79    Soziales
         80    Arbeitsbedingungen
         83    Saisonarbeit
         84    Freiwillige Arbeitseinsätze
         85    Altersstruktur, Familienarbeitskräfte und Hofnachfolge
         87    Frauen in der Landwirtschaft
         89    Soziale Landwirtschaft
         90    Problemfelder und Bewertung
         92    Fallstudie: Regionale Kreisläufe

         97    Wirtschaft
         99    Die Südtiroler Landwirtschaft: Eine erste Analyse von Buchhaltungsdaten
         109   Obst und Weinbau
         118   Tierhaltung und Berglandwirtschaft
         122   Mechanisierung
         123   Diversifizierung
         126   Problemfelder und Bewertung
         130   Fallstudie: Vergleich von Low- und High-Input-Systemen in der
               Milcherzeugung

         136   Handlungsempfehlungen

         138   Mitwirkende an diesem Report
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                                                                                                                                                                     04—05

                          Klima(wandel)
                                                                                             Wirtschaftliche Resilienz

                                                                             Biodiversität
                                                                                      t

                                                               Tierwohl

                                                                                                                            Hofnachfolge

                                                                                                                                                        Diversifizierung

                        Wassernutzung
                                                                          Mechanisierung

                                                 Arbeitsbelastung                                                                     Soziale Landwirtschaft

                                                                                                                                                   Soziales
                                                                                                                                                       Gleichberechtigung
                                          Sortenwahl
                                                                      Wirtschaft
                                                                                                                         Innovation

                                Pflanzenschutz

Umwelt
Südtirol 2020 - Der Malser Weg
Warum
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VON
Ulrike Tappeiner
Südtirol 2020 - Der Malser Weg
Landwirtschaftsreport
                                                                                                                                                                         08—09

Warum
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                        Landwirtschaft nutzt und beeinflusst die natür-        der heutigen Generation entspricht, ohne die
                                                                                                                                                               BOX
                        lichen Ressourcen Landschaft, Boden, Wasser,           Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefähr-
                        Klima, Luft und Artenvielfalt wie kaum ein ande-       den, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und
                        rer Sektor. 37% der Landflächen unseres Planeten       ihren Lebensstil zu wählen"(4). Das wesentliche
                        werden landwirtschaftlich bearbeitet(1). In Südti-     Element der Nachhaltigkeit ist damit Ausgleich
                        rol beträgt die landwirtschaftliche Gesamtfläche       und Gerechtigkeit innerhalb und zwischen den          Konferenz der Vereinten Nationen über
                        455.840 ha. Das sind fast 62% der Landesfläche,        Generationen. Entwicklungskosten dürfen nicht         Umwelt und Entwicklung
                        wobei aufgrund der Steilheit des Geländes nur          auf künftige Generationen übertragen werden,          Auf der UN-Konferenz für Umwelt und
                        209.232 ha (28% der Landesfläche) als Anbauflä-        ohne dass zumindest versucht wird, diese Kosten       Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 trafen
                        chen, Wiesen und Weideland genutzt werden(2).          zu kompensieren(5).                                   sich Vertreter aus 178 Ländern, um über
                        Der Anspruch an den Sektor ist in den letzten          Dieser Grundgedanke scheint einleuchtend, ist         Umwelt und Entwicklungspolitik im 21.
                        Jahrzehnten stark gestiegen und steigt weiter:         aber in der heutigen globalisierten Welt schwer       Jahrhundert zu beraten. Zum Abschluss der
                        Landwirtschaft soll den weltweit zunehmen-             umzusetzen. Dies wird nur mit vielen Kompro-          Konferenz verabschiedeten die Länder ein
                        den Bedarf an Nahrungsmitteln sichern. Derzeit         missen möglich sein, über deren Akzeptanz und         großes Aktionsprogramm zur nachhaltigen
                        sind dies mehr als 23 Millionen Tonnen pro Tag.        Nachahmbarkeit die Gesellschaft entscheiden           Entwicklung, die Agenda 21. Diese forderte
                        Zusätzlich soll landwirtschaftliches Arbeiten den      muss(6). Trotz des politischen Anspruches wurde       eine neue Partnerschaft zwischen Industrie-,
                        Bioökonomiestrategien entsprechen und Beiträge         Nachhaltigkeit bis Mitte der 1990er Jahre vor allem   Schwellen- und Entwicklungsländern zur
                        zur Erschließung erneuerbarer Energiequellen           in der Wissenschaft diskutiert. Mit der Deklarati-    Bekämpfung von Ungleichheiten im Lebens-
                        und nachwachsender Rohstoffe, beispielsweise für       on der Rio-Konferenz 1992 und der Agenda 21 so-       standard, ein nachhaltiges Management der
                        die Textil- und Bauindustrie sowie die Pharmapro-      wie verschiedener Folgekonferenzen, zuletzt 2012      Umwelt und der natürlichen Ressourcen,
                        duktion, leisten. Gleichzeitig darf Landwirtschaft     wieder in Rio de Janeiro, versuchten die Vereinten    wie Wasser, Boden und Luft, und bereits eine
                        die Verknappung der nur begrenzt zur Verfügung         Nationen einem globalen Entwicklungsleitbild          Reduzierung des Treibhauseffektes(7). Darauf
                        stehenden Ressourcen und Flächen nicht mitver-         politisches Gewicht zu geben. Ungefähr zur            aufbauend wurde 2015 von den Vereinten
                        schulden. Sie soll den Einsatz von Pflanzenschutz-     gleichen Zeit wurde auch das Nagoya-Protokoll,        Nationen die Agenda 2030 für Nachhaltige
                        und Düngemitteln drastisch reduzieren, kli-            ein wichtiges internationales Umweltabkommen          Entwicklung verabschiedet. Darin werden 17
                        maneutraler werden und die Artenvielfalt fördern.      zur Umsetzung der Ziele der UN-Konvention über        Hauptziele für eine nachhaltige Entwicklung
                        Allerdings ist gesellschaftspolitisch eine sachliche   biologische Vielfalt unterzeichnet, das einen         (Sustainable Development Goals SDGs) als
                        und respektvolle Auseinandersetzung zwischen           Ausgleich zwischen Ländern mit biologischen           Leitfaden für eine bessere und nachhaltigere
                        den verschiedenen Interessensgruppen schwie-           Ressourcen und Ländern, die diese Ressourcen          Zukunft für alle definiert. Die Ziele behan-
                        rig, deren Anforderungen an die Landwirtschaft         nutzen, schaffen sollte. Im Zuge der Klimawandel-     deln die globalen Herausforderungen, mit
                        unterschiedlich. Während die Nahrungsmittel-           debatte und der aktuellen Biodiversitätskrise wur-    denen wir konfrontiert sind, wie Armut,
                        branche beispielsweise wirtschaftlichen Interes-       de schlussendlich 2015 die Agenda 2030 mit ins-       Gesundheit und Wohlergehen, Ungleichhei-
                        sen nachgeht, divergieren die Werte und Ein-           gesamt 17 Zielen für eine nachhaltige Entwicklung     ten, Klimawandel, sauberer Energie, Leben
                        stellungen in der Bevölkerung, die letztlich auch      (Sustainable Development Goals, SDGs) von den         an Land und im Wasser, Menschenwürde,
                        die landwirtschaftspolitischen Entscheidungen          Vereinten Nationen verabschiedet. Neben dem           Frieden und Gerechtigkeit. Sie sind ein
                        mittragen muss, stark. Dies spielt in der Debatte      Ziel zwei, das „den Hunger beenden, Ernährungs-       Aufruf an alle Länder, unseren Planeten zu
                        eine wichtige Rolle. Häufig ist der gesellschaftspo-   sicherheit und eine bessere Ernährung erreichen       schützen und den Wohlstand der heutigen
                        litische Diskurs daher kaum von Fakten, sondern        und eine nachhaltige Landwirtschaft fördern“          und zukünftigen Generationen zu sichern.
                        mehr von Vorstellungen und Gefühlen bestimmt.          möchte, ist die konkrete Umsetzung einer nach-
                        Das so gezeichnete Bild hat oftmals mit der Rea-       haltigen Landwirtschaft auch in den meisten der
                        lität wenig zu tun, obwohl vielfach das Ziel, eine     übrigen Entwicklungszielen von großer Bedeu-
                        nachhaltige und möglichst resiliente Form von          tung. Dies beispielsweise in Ziel 12 („Nachhaltige
                        Landwirtschaft zu etablieren, unumstritten ist         Konsum- und Produktionsmuster sicherstellen“),
                        (3). Das Prinzip der Nachhaltigkeit, wie es bereits    in Ziel 13 („Maßnahmen zur Bekämpfung des
                        im Brundtland Bericht 1987 ausformuliert wurde,        Klimawandels und seiner Auswirkungen“) oder in
                        gibt eine Entwicklung vor, "die den Bedürfnissen       Ziel 15 („Leben an Land“).
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                                                                                                                                                                                                               10—11

Was versteht man unter                                Der vorliegende Zustandsbericht untersucht
Nachhaltigkeit in der                                 erstmals umfassend, die drei Säulen der Nachal-
                                                      tigkeit (Umwelt, Wirtschaft, Soziales) der Land-
Landwirtschaft?                                       wirtschaft in Südtirol. Damit geht er über die
                                                      Nachhaltigkeitsberichte für bestimmte Bereiche,
                                                      wie beispielsweise für den Obstbau oder Wein-
                                                      bau, hinaus. Der Report versucht, die wichtigsten
Untersucht man die bestehenden Definitionen des       Tätigkeitsbereiche der Südtiroler Landwirtschaft
Begriffs „nachhaltige Landwirtschaft“, stößt man      einzubeziehen, identifiziert die wichtigen
auf unterschiedliche Interpretationen, die jedoch     Einflussgrößen und zieht die verschiedenen
alle die gleiche Zielsetzung verfolgen: Nachhaltige   Funktionsebenen - von der Mikro- bis zur Makro-
Landwirtschaft muss Land, Wasser, Klima und           ökonomie, wie auch von der Feld- bis zu Land-
genetische Ressourcen schützen und für künftige       schaftsebene in Betracht. Zudem werden in zwei
Generationen bewahren, die Gesundheit und das         speziellen Fallstudien Aspekte zur Zusammenar-
Wohlbefinden aller Nutztiere sicherstellen, hoch      beit von Landwirtschaft und Tourismus, sowie zu
qualitative landwirtschaftliche Produkte erzeugen,    Low- und High-Inputsystemen in der Milcherzeu-
ökonomisch sinnvoll und sozialverträglich sein.       gung herausgearbeitet. Der Report konzentriert
Für eine vollständige Analyse nachhaltiger land-      sich bewusst auf die Landwirtschaft im engeren
wirtschaftlicher Entwicklung bedarf es daher ei-      Sinne, ohne Einbeziehung des Genossenschafts-
ner Betrachtung der Bereiche Wirtschaft, Soziales     wesens, auch wenn dessen Bedeutung für die
und Umwelt und derer Überschneidungsbereiche.         Landwirtschaft in Südtirol unbestritten ist. Darü-
Auf einen landwirtschaftlichen Betrieb bezogen,       ber hinaus spielt für eine nachhaltige Ernährung
haben die drei Bereiche folgende Funktionen:          die gesamte Nahrungsmittelwirtschaft einschließ-
                                                      lich der Importe eine große Rolle. Diese konnte
— Produktion und Handel von Lebensmitteln,            aber im Rahmen des Nachhaltigkeitsreports zur
  Genussmitteln und Dienstleistungen (ökono-          Landwirtschaft ebenfalls nicht analysiert werden.
  mische Funktion),                                   Der Zustandsbericht beruht auf öffentlich zugäng-
— Management natürlicher Ressourcen (ökologi-         lichen sekundärstatistischen Daten und Ergeb-
                                                                                                                                                     Quellen
  sche Funktion) und                                  nissen einzelner wissenschaftlicher Studien. Da
— Beitrag zur ländlichen Entwicklung (soziale         für eine umfassende Analyse und um informierte
  Funktion).                                          "nachhaltige" Entscheidungen treffen zu können                                                 1   Worldbank Data (2016) Agricultural land (% of land area) https://data.
                                                      aber eine Reihe wesentlicher Informationen und                                                     worldbank.org/indicator/AG.LND.AGRI.ZS [Zugriff 01.10.2020]

Will man einen Betrieb nachhaltiger wirtschaften      Daten fehlen oder diese nicht zugänglich sind,                                                 2   Agrar- und Forstbericht 2019 (2020) Autonome Provinz Bozen –
                                                                                                                                                         Südtirol Abteilung Landwirtschaft (Hrsg.) http://www.provinz.bz.it/
lassen, müssen Verbesserungen in diesen drei          konnten nicht alle drei Säulen Umwelt-Ökonomie-                                                    land-forstwirtschaft/landwirtschaft/agrar-forstbericht.asp [Zugriff
Bereichen erkennbar sein (8).                         Soziales gleichwertig dargestellt werden. Daher                                                    15.12.2020]
Betrachtet man eine ganze Region und deren glo-       weisen die Autorinnen und Autoren auf derartige                                                3   Rey J (2016) Das Bild der Landwirtschaft beruht auf verklärten
balen Kontext, ist es nicht so einfach nachhaltige    Datenlücken hin und unterbreiten Empfehlungen                                                      Projektionen. Interview mit Priska Baur und Markus Jenny. Umwelt
                                                                                                                                                         3/2016. Schweizerische Eidgenossenschaft, Bundesamt für Umwelt
Entwicklung zu definieren. Ein landwirtschaft-        für ein systematisches Monitoring benötigter                                                       BAFU
liches System kann lokal nachhaltig sein, global      Daten auf den verschiedenen Ebenen, von den                                                    4   WCDE (1987) THE WORLD COMMISION ON ENVIRONMENT
aber nicht. Ebenso müssen rein wirtschaftlich         Betrieben bis zur Ebene des gesamten Landes.                                                       AND DEVELOPMENT 1987: Our common future [Brundtland-
nachhaltige Entscheidungen nicht zwangsläufig         Der Nachhaltigkeitsreport soll daneben ein                                                         Report]. Oxford University Press, Christen O (1999) Nachhaltige
                                                                                                                                                         Landwirtschaft: von der Ideengeschichte zur praktischen Umsetzung.
auch ökologisch und/oder sozial nachhaltig sein       Nachschlagewerk darstellen, das über die Land-                                                     Inst. für Landwirtschaft und Umwelt.
und umgekehrt. Diese Zielkonflikte erschweren         wirtschaftsstatistiken des Landesinstitut für                                                  5   Pearce D W and Atkinson G D (1993) Capital theory and the
das Verständnis von Nachhaltigkeit und werden         Statistik (ASTAT)(9) oder den jährlichen Agrar-                                                    measurement of sustainable development: an indicator of “weak”
zwangsläufig von Interessengruppen missbraucht.       und Forstbericht(2) hinausgeht, und versucht,                                                      sustainability. Ecological Economics 8.2: 103-108.

Nachhaltigkeit ist somit kein Zustand, der ange-      die Problemfelder der Südtiroler Landwirtschaft                                                6   Bruinsma J (2003) World agriculture: towards 2015/2030: an FAO
                                                                                                                                                         perspective. Earthscan. Food and Agriculture Organization, London/
strebt und erreicht werden kann, sondern viel-        themenübergreifend aufzugreifen und mögliche                                                       Rome.
mehr ein laufender Prozess. Diesem Prozess liegt      Lösungsansätze anzusprechen. Daher schließt                                                    7   Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und
in erster Linie das Bewusstsein zugrunde, dass        jedes der Großkapitel mit einer Bewertung der                                                      Entwicklung (2020) https://www.bmz.de/de/themen/2030_agenda/
jede Handlung in einer Funktionsebene auch Aus-       wichtigsten Problemfelder ab. Zudem geben die                                                      historie/rio_plus20/umweltgipfel/index.html [Zugriff 22.10.2020]

wirkungen auf andere Bereiche haben kann und          Autorinnen und Autoren am Ende des Reports           Ein Großteil des Reports wurde vor Aus-   8   Diazabakana A, Latruffe L, Bockstaller C, und andere (2014) A Review
                                                                                                                                                         of Farm Level Indicators of Sustainability with a Focus on CAP and
wird. Eine grundsätzlich nachhaltige Entwicklung      Empfehlungen für eine nachhaltigere Land-            bruch von COVID-19 zusammengetragen.          FADN. FLINT https://hal.archives-ouvertes.fr/hal-01209046/ [Zugriff
strebt somit immer das bestmögliche Handeln an        wirtschaft in Südtirol. Damit will der Landwirt-     Die Auswirkungen der Pandemie konnten         01.10.2020].
- jeweils bezogen auf den aktuellen Wissenstand.      schaftsreport zur Nachhaltigkeit auch zu einem       somit nicht berücksichtigt werden.        9   ASTAT Landesinstitut für Statistik (2020) Land- und Forstwirtschaft,
Wo ein Kompromiss nicht möglich ist, müssen           verbesserten Dialog zwischen Landwirtschaft                                                        https://astat.provinz.bz.it/de/land-forstwirtschaft.asp# [Zugriff
                                                                                                                                                         01.10.2020]
Ausgleiche geschaffen werden.                         und Gesellschaft beitragen.
Südtirol 2020 - Der Malser Weg
12—13

Rahmen­
bedingungen
BEITRÄGE VON

Andreas Hilpold
Thomas Marsoner
Georg Niedrist
Erich Tasser
Südtirol 2020 - Der Malser Weg
RAHMENBEDINGUNGEN                                                      Landwirtschaftsreport
                                                                                                                                                                                              14—15

                                                                       Naturräumliche und                                                     Almen über 2000 m sind je nach Ausrichtung und
                                                                       geographische Voraussetzungen
Rahmenbedingungen
                                                                                                                                              Hangneigung auch über 200 Tage im Jahr von
                                                                                                                                              Schnee bedeckt. Die inneralpine Lage Südtirols
                                                                       Georg Niedrist, Andreas Hilpold, Erich Tasser                          bedingt eine hohe Anzahl an Sonnenstunden und
                                                                                                                                              der Massenerwärmungseffekt der Alpen ermög-
                                                                                                                                              licht günstige Produktionsbedingungen bis in
                                                                       Klima                                                                  höhere Lagen. Apfel- und Weinanbau ist bis über
                                                                       Das Klima ist wesentlich für die landwirtschaftli-                     1000 Meter ü. M. möglich, Grünlandwirtschaft mit
                                                                       che Nutzung eines Gebietes und setzt ihr Grenzen.                      Erträgen bis 80 dt/ha sogar bis auf knapp 2000 Me-
                                                                       Am Übergang zwischen Süd- und Mitteleuropa                             ter ü. M. Temperaturschwankungen bis zu 20 °C
                                                                       gelegen, herrscht in Südtirol ein gemäßigtes,                          zwischen Tag und Nacht bieten gute Reifebedin-
                                                                       kontinentales Klima vor – mit einer Jahresdurch-                       gungen für Trauben und Äpfel. Vor allem tiefe und
                                                                       schnittstemperatur von 12,4 °C in Bozen (266 m)                        nach Süden gerichtete Anbaugebiete, wie generell
                                                                       und 2,6 °C im hinteren Martelltal (1850 m). Die                        der gesamte Vinschgau, sind von jeher auf eine
                                                                       Jahreszeiten sind mit kühlen bis kalten Wintern                        zusätzliche Bewässerung angewiesen.
                    Will man untersuchen, wie nachhaltig die land-     und warmen bis heißen Sommern ausgeprägt.
                    wirtschaftlichen Betriebe einer Region arbeiten,   Es regnet - vor allem in den breiten Südtiroler                        Der Klimawandel ist auch in Südtirol Realität.
                    müssen zunächst die Faktoren analysiert wer-       Haupttälern - relativ wenig: Der mittlere Jahres-                      Während die globale Durchschnittstemperatur
                    den, die den Sektor geprägt haben und weiterhin    niederschlag liegt zwischen 500 mm in Schlanders                       seit 1880 um 0,85 °C gestiegen ist, hat sich der
                    prägen. Klima, Klimawandel, Boden und Relief       im Vinschgau und 1100 mm im Gebiet zwischen                            Alpenraum in diesem Zeitraum noch stärker er-
                    beeinflussen das landwirtschaftliche Handeln di-   Passeier und Brenner. Mit zunehmender Meeres-                          wärmt: Allein in den letzten 50 Jahren wurde ein
                    rekt. Indirekter wirken Demographie, Geschichte,   höhe nimmt der Niederschlag um 100-150 mm                              Temperaturanstieg von etwa 2 Grad festgestellt (2).
                    Siedlungsnutzung, Verkehr und das Konsumver-       pro tausend Höhenmeter zu. Das Niederschlags-                          Nicht signifikant verändert haben sich bislang die
                    halten der Menschen auf die landwirtschaftlichen   maximum wird in den Monaten Juli und August                            Niederschläge, doch Prognosen gehen für das Jahr
                    Tätigkeiten ein.                                   erreicht. Aufgrund der oft nur lokal niedergehen-                      2100 von weniger Regen im Sommer und unver-
                    Eine umfassende Nachhaltigkeitsstrategie von       den Gewitter sind im Sommer aber auch längere                          änderten bis leicht ansteigenden Winternieder-
                    Politik, Wirtschaft und Gesellschaft kann einige   Trockenperioden nicht ungewöhnlich. Die mittlere                       schlägen aus. In Abhängigkeit von den globalen
                    dieser Faktoren steuern, andere hingegen können    Schneedeckendauer schwankt zwischen wenigen                            Emissionen ist in diesem Zeitraum mit einem
                    nicht beeinflusst werden.                          Tagen an den Südhängen oberhalb von Bozen und                          weiteren Temperaturanstieg von 2,1 °C bis 5,4 °C
                                                                       Meran bis zu 140 Tagen in Ridnaun (1360 m) (1).                        zu rechnen (3).

                                                                                                                                                                                       Mittlere Temperatur ( °C)

                                                                                                                                                                                        °

                                                                                                                                                                                                  °
                                                                                                                                                                                       13

                                                                                                                                                                                                 -7
                                                                                                                               Mittlerer Niederschlag (mm/Jahr)
                                                                                                                                    1 7 50

                                                                                                                                                                                         Kontinentalität
                                                                            0 5 10      20     30                                   45 0
                                                                                                Km

                                                                                                                                                                                                      0
                                                                                                                                                                                        50

                                                                                                                                                                                                  75
                                                                                                                                                                                       10
                                                                       Abb. 1: Links: Modellierte Niederschlagsverteilung - über 30 Jahre gemittelte Niederschlagssummen mit Höhenkorrektur.
                                                                       Oben rechts: Mittlere Jahrestemperaturen. Unten rechts: Kontinentalität als Maß für tägliche und jährliche Temperaturschwankungen.
                                                                       (Daten: Autonome Provinz Bozen-Südtirol Amt für Meteorologie und Lawinenwarnung, EuroLST. Karten: Eurac Research)
Südtirol 2020 - Der Malser Weg
RAHMENBEDINUNGEN                                                                                                                                 Landwirtschaftsreport
                                                                                                                                                                                                                                                                                                 16—17

 Im Gebirge verbessern sich durch Erwärmung                                                     Am deutlichsten spürt die Südtiroler Landwirt-
 grundsätzlich die Wachstumsbedingungen –                                                       schaft die Auswirkungen des Klimawandels in                                                         Bozen (11,31°O 46,5°N; 254m ü.M.)
 vor allem in mittleren und hohen Lagen. So ist                                                 der Wasserversorgung: Rückläufige Schnee-
 im Grünland in Lagen ab 1500 Metern aufgrund                                                   und Eisreserven sowie höhere Verdunstungs-
 der höheren Temperaturen und längeren Vege­                                                    raten führen zu Wasserverknappung vor allem

                                                                                                                                                   Blühbeginn des Apfelbaumes (Kalendertag)
                                                                                                                                                                                              100
 tationsperiode mit höheren Erträgen (teilweise                                                 in den Sommermonaten. Ein effizienter und
 mit zusätzlichem Schnitt) zu rechnen. Aller­                                                   intelligenter Umgang mit der Ressource Wasser
 dings bedingen steigende Temperaturen auch                                                     ist gefordert: So können intelligent gesteuer-
 einen Rückgang der Wasserverfügbarkeit und                                                     te Bewässerungsturnusse Wasser sparen, wie                                                    80                                                                                          Szenario
 erfordern vor allem für hochspezialisierte                                                     auch die Umstellung von Oberkronen- auf                                                                                                                                                       RCP4.5
 Kulturen wie Obst- und Weinbau Anpassungs-                                                     Tropfberegnung (1) (>Wasserbilanz und Bewäs-                                                                                                                                                  RCP8.5
 maßnahmen. Die Apfelblüte hat sich seit den                                                    serung S.44).
 1960er Jahren bereits um rund zwei Wochen                                                      Extremereignisse wie Hagel oder Spätfrost wer-                                                60
 nach vorne verschoben (Abb. 3). Durch die                                                      den laut jüngster Studien zahlenmäßig nicht
 steigenden Nachttemperaturen nimmt zwar                                                        oder nur leicht zurückgehen, jedoch in ihrer
 die Fruchtgröße zu, gleichzeitig nehmen aber                                                   Intensität zunehmen. Dies kann zu schweren
 Fruchtfestigkeit, Ausfärbung und Lagerfähig-                                                   Schäden in der Landwirtschaft führen (4). Auf-                                                40
 keit ab. Im Weinbau führen höhere Tempe-                                                       grund des verfrühten Austriebes ist außerdem
 raturen zu einem raschen Säureabbau in den                                                     mit einem höheren Spätfrostrisiko zu rechnen                                                         1960        1980       2000        2020      2040      2060        2080      2100
 Trauben. Dies stellt die Landwirtschaft bereits                                                (5). Maßnahmen wie Hagelnetze (auch im Wein-                                                                                                   Jahr
 jetzt sowohl in der Sortenwahl (später reifend,                                                bau), Risikostreuung (>Diversifizierung S. 123)                                                                                                                 Beobachtung       10- jähriges Mittel
 Rot- statt Weißweinsorten) als auch im Anbau                                                   und der Abschluss von Versicherungen können                                                                                                                     einzelner Jahre
 (höhere Lagen, Bodenbearbeitung) vor neue                                                      mögliche finanzielle Schäden für den landwirt-
 Herausforderungen (Abb. 2).                                                                    schaftlichen Betrieb mildern.
                                                                                                                                                  Abb. 3: Errechneter Blühbeginn des Apfelbaums in Bozen seit 1960. (Quelle: Klimareport Südtirol 2018, Abbildung 29)

                                                                                                                                                  Geologie, Boden, Erosion                                                                            gedüngte, häufig befahrene Flächen (6). Wird eine
                                                                                                                                                  Die geologischen Voraussetzungen für die Land-                                                      landwirtschaftliche Fläche aufgelassen, steigt die
                            100                                                                                                                   wirtschaft sind in Südtirol vielfältig. Die Lage                                                    Anfälligkeit gegenüber Bodenerosion und Schnee-
                                                                                                                                                  im Zentrum der Ostalpen an der Grenze zweier                                                        gleiten deutlich an. Erst durch Bewaldung sinkt
                                                                                                                                                  Kontinentalplatten bedingt, dass hier ein reiches                                                   das Risiko wieder (7). Im Weinanbau herrschen in
                                                                                                                                                  Spektrum an Gesteinen zu finden ist: vulkanische                                                    Südtirol Querterrassen vor. Diese sind im Gegen-
Neu angelegte Flächen [%]

                            75                                                                                                                    Gesteine wie Porphyr und Granit, metamorphe Ge-                                                     satz zu den Längsterrassen zwar arbeitsaufwän-
                                                                                                                               Höhe [m ü.M]       steine wie Phyllit und Gneis und verschiedene Se-                                                   diger, schützen den Boden aber wesentlich besser
                                                                                                                                 < 500            dimentgesteine wie Dolomit, Kalk oder Sandstein.                                                    vor zu starkem Bodenabtrag bei Extremnieder-
                                                                                                                                 500−1000         Besonders wichtig für die Landwirtschaft sind die                                                   schlägen. Winderosion tritt in Südtirol aufgrund
                            50                                                                                                   > 1000           Sedimentschichten fluvialen oder glazialen Ur-                                                      der geschützten Lage und der vorherrschenden
                                                                                                                                                  sprungs, sowohl in den Talsohlen als auch in den                                                    Dauerkulturen kaum auf.
                                                                                                                                                  Mittelgebirgen. Auf diesen konnten sich frucht-
                                                                                                                                                  bare Böden ausbilden. Der in landwirtschaftlich
                            25
                                                                                                                                                  genutzten Gebieten vorherrschende Bodentyp
                                                                                                                                                  in Südtirol ist die Braunerde. Diese zeichnet sich
                                                                                                                                                  durch einen hohen Tongehalt aus und kann da-
                             0                                                                                                                    durch Wasser und Nährstoffe sehr gut speichern.
                                                                                                                                                  In den Talsohlen finden sich häufig sandige und
                                                                                                           00

                                                                                                                  0
                                                                                                 0
                                                                 50
                                                         0

                                                                         0

                                                                                                                          16
                                                                                   0

                                                                                          0
                                   0

                                                 0
                                          20

                                                                                                                  01
                                                                                               99
                                                      94

                                                                       96

                                                                                 7

                                                                                           8
                                   91

                                                93

                                                                                                      20

                                                                                                                       20
                                                               19

                                                                                                                                                  vom Grundwasser beeinflusste Böden. In der
                                                                              19

                                                                                        19
                                        19

                                                                                                                −2
                                 −1

                                                                                               −1
                                                                       −1
                                                −1

                                                      −1

                                                              −

                                                                               −

                                                                                                       −

                                                                                                                      −
                                                                                      −
                                       −

                                                                                                            00
                             00

                                                           40

                                                                            60

                                                                                                    90

                                                                                                                   10
                                                                                           80
                                                                  50
                                           20

                                                     30

                                                                                   70
                                    10

                                                                                                                                                  alpinen Stufe herrschen hingegen nährstoffarme
                                                                                                           20

                                                                                                                  20
                            19

                                   19

                                           19

                                                 19

                                                          19

                                                                  19

                                                                        19

                                                                                   19

                                                                                          19

                                                                                                 19

                                                                                                                                                  Rohböden wie Rendzina und Ranker vor, die abge-
                                                                                                                                                  sehen von der Beweidung kaum landwirtschaftli-
 Abb. 2: Entwicklung Neuanlagen von Weinbergen nach Anlagenhöhe. (Daten: Tscholl und andere                                                       che Nutzung zulassen.
 (2019), Eurac Research)
                                                                                                                                                  Trotz vieler bewirtschafteter Steilhänge ist ­Erosion
                                                                                                                                                  in Südtirol im Vergleich zu Landwirtschaftsgebie-
                                                                                                                                                  ten in anderen Regionen selten und tritt nur lokal
                                                                                                                                                  auf. Im Grünland sind wenig gedüngte, artenrei-
                                                                                                                                                  che Flächen weniger erosionsanfällig als stark
RAHMENBEDINUNGEN                                                                                            Landwirtschaftsreport
                                                                                                                                                                                                                                      18—19

Relief                                                                                                      HÖHENVERTEILUNG DER LANDWIRTSCHAFTSFLÄCHEN                                HANGNEIGUNG DER LANDWIRTSCHAFTSFLÄCHEN
Das ausgeprägte Gebirgsrelief Südtirols erlaubt      Um die bestehende Bewirtschaftungssituation
nur eine eingeschränkte Nutzung der Landesflä-       ­zumindest zu erhalten und eine großräumige,           [m.ü.M]                                                                   [°]
che: Lediglich 14% liegen unterhalb von tausend       naturnahe landwirtschaftliche Tätigkeit im Berg-      3000                                                                      60
Metern Höhe, nur 5% sind besiedelbar. Bis zur         gebiet sicherzustellen - hat das Amt für Landwirt-
                                                                                                            2500                                                                      50
subalpinen Stufe, also bis etwa 1800 Meter Höhe,      schaft bereits 1976 ein Bewertungssystem mit
ist das Gebiet relativ intensiv landwirtschaftlich    Erschwernispunkten erstellt, das 2007 erneuert        2000                                                                      40
nutzbar (zwei Schnitte). Darüber ist nur noch eine    wurde. Die Erschwernispunkte bewerten die
                                                                                                            1500                                                                      30
extensive Wiesennutzung oder Weidetätigkeit           topographischen Gegebenheiten und die daraus
möglich. Abbildung 4 zeigt, wie sich die Süd-         resultierenden Bewirtschaftungsnachteile eines        1000                                                                      20
tiroler Landwirtschaft an die naturräumlichen         jeden Bauernhofes. Bewertungskriterien sind: die      500                                                                       10
Voraus­setzungen angepasst hat: Die Obst- und         sogenannte Flächenerschwernis (Höhe, Hangnei-
Weinbauflächen liegen auf etwa 450 m. Obst- und       gung) und die Betriebserschwernis (Teilstücke,          0                                                                        0

                                                                                                                                  au

                                                                                                                                   st

                                                                                                                                    t

                                                                                                                                  in

                                                                                                                                  au

                                                                                                                                  au

                                                                                                                                                           se

                                                                                                                                                                    de

                                                                                                                                                                            pe

                                                                                                                                                                                                        st

                                                                                                                                                                                                       au

                                                                                                                                                                                                      au

                                                                                                                                                                                                         t

                                                                                                                                                                                                       au

                                                                                                                                                                                                                        se

                                                                                                                                                                                                                                 de

                                                                                                                                                                                                                                                   pe

                                                                                                                                                                                                                                                   in
Maisanbau erfolgt hauptsächlich in relativ fla-       die Entfernung des Betriebes zur nächstgelegenen

                                                                                                                                 bs

                                                                                                                                                                                                      bs
                                                                                                                                ob

                                                                                                                                                                                                     ob
                                                                                                                                ha

                                                                                                                                                                                                                                                ha
                                                                                                                                                         ie

                                                                                                                                                                                                                      ie
                                                                                                                               nb

                                                                                                                               rb

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                                                                                                                                                                                                    rb

                                                                                                                                                                                                    nb
                                                                                                                                                                 ei

                                                                                                                                                                         Al

                                                                                                                                                                                                                              ei

                                                                                                                                                                                                                                                Al
                                                                                                                              no

                                                                                                                                                                                                   no
                                                                                                                                                        W

                                                                                                                                                                                                                     W
                                                                                                                                                                W

                                                                                                                                                                                                                             W
                                                                                                                            rn

                                                                                                                                                                                                 rn
                                                                                                                            en

                                                                                                                                                                                                                                              en
                                                                                                                            ke

                                                                                                                           tte

                                                                                                                                                                                                tte

                                                                                                                                                                                                 ke
                                                                                                                            ei

                                                                                                                                                                                                 ei
                                                                                                                           ei

                                                                                                                                                                                                ei
chem Gelände, während Weinberge und besonders         zentralen Ortschaft, die Zufahrt zum Wirtschafts-

                                                                                                                         Ke

                                                                                                                                                                                              Ke
                                                                                                                         W

                                                                                                                                                                                              W
                                                                                                                         ni

                                                                                                                                                                                                                                           ni
                                                                                                                       Ac

                                                                                                                                                                                            Ac
                                                                                                                      r fu

                                                                                                                                                                                           r fu
                                                                                                                        St

                                                                                                                                                                                             St
                                                                                                                    sta

                                                                                                                                                                                                                                        sta
                                                                                                                   ke

                                                                                                                                                                                         ke
                                                                                                                  Ka

                                                                                                                                                                                                                                      Ka
Alpweiden und Kastanienhaine stark geneigt sind.      gebäude). Die Erschwernispunkte variieren je nach

                                                                                                                 Ac

                                                                                                                                                                                       Ac
                                                      naturräumlicher Voraussetzung (Abb. 5). Eine
Die Berglandwirtschaft ist auf nationalen und         besonders hohe Erschwernispunktezahl weisen
internationalen Märkten ohne Unterstützung            Betriebe im unteren Vinschgau auf, besonders          Abb. 4: Verteilung der mittleren Hangneigung und Meereshöhe der Südtiroler Landwirtschaftsflächen.
                                                                                                            (Daten: Autonome Provinz Bozen-Südtirol - Amt für landwirtschaftliche Informationssysteme. Darstellung: Eurac Research)
nicht mehr wettbewerbsfähig. Die kurze Vegetati-      in den Ötztaler Alpen, in den Pfunderer Bergen
onsperiode und das schwierige Terrain mit seinen      und im Ahrntal, daneben aber auch in Teilen der
steilen Hängen und nur wenigen nutzbaren Flä-         Dolomiten, wie etwa im Gadertal. Leichter fällt die
chen treiben die Produktionskosten in die Höhe.       landwirtschaftliche Nutzung nach diesem Kriteri-      ERSCHWERNIS IN DER BERGLANDWIRTSCHAFT
Besonders zwischen 1970 und 2010 haben viele          enkatalog im Etschtal zwischen Meran und Salurn.
Landwirte die Nutzung dieser Flächen aufgegeben.
Viele waren bereits vorher aufgelassen worden.

                                                                                                                                                                           Mittlere
                                                                                                                                                                             MittlereErschwernispunkte
                                                                                                                                                                                      Erschwernispunkte
                                                                                                                                                                                 < 45
                                                                                                                                                                                   45
                                                                                                                                                                                 45.1 - -60
                                                                                                                                                                                 45.1     60
                                                                                                                                                                                 60.1 --7575
                                                                                                                                                                                 75.1- -90
                                                                                                                                                                                 75.1     90
                                                                                                                                                                                   90
                                                                                                                                                                                 > 90

                                                                                                             0    5   10   20       30
                                                                                                                                     Km

                                                                                                            Abb. 5: Mittlere Erschwernispunktezahl pro Betrieb und Gemeinde.
                                                                                                            (Daten: Autonome Provinz Bozen – Abteilung Landwirtschaft. Karte: Eurac Research)

                                                                                                                 Relief und Topographie gaben für die Urbarmachung
                                                                                                            in den Alpen enge Grenzen vor. Landwirtschaftliche
                                                                                                            Produktion war und ist auf Gunstlagen – in den Talsohlen
                                                                                                            oder an den Talseitenhängen beschränkt. Mit technischer
                                                                                                            Hilfe wurden diese Grenzen zwar verschoben, aber nicht
                                                                                                            außer Kraft gesetzt. Weitaus größer sind die Möglichkeiten
                                                                                                            für die Weidebewirtschaftung: Viele schwer zugängliche
                                                                                                            Gebiete mit schwierigen Bodenverhältnissen konnten auf
                                                                                                            diese Art genutzt werden. Allerdings werden viele dieser
                                                                                                            Weiden seit dem 20. Jahrhundert nicht mehr genutzt.
RAHMENBEDINUNGEN                                                                                Landwirtschaftsreport
                                                                                                                                                                                             20—21

WALDFLÄCHEN LANDWIRTSCHAFTLICHER BETRIEBE

                                                                     Abb. 6: Anteil der
                                                                     Waldfläche im Besitz
                                                                     von Landwirtinnen und
                                                                     Landwirten pro Gemeinde.
                                                                     (Daten: Autonome Provinz
                                                                     Bozen-Südtirol - Amt
                                                                     für landwirtschaftliche
                                                                     Informationssysteme.
                                                                     Karte: Eurac Research)

                                                  [%]
                                                   [%]
                                                      < 151 5
                                                      15.1
                                                      1 5.1- 30
                                                              - 30
                                                      30.1
                                                      3 0.1- 45
                                                              - 45
                                                      45.1
                                                      45.1- 60- 60
                                                      > 60.1
                                                         60.1
0   5   10   20   30
                   Km

Wälder
Wald bedeckt etwa die Hälfte der Landesfläche
und ist somit landschaftsbestimmendes Element
in Südtirol. Mehr als 22.000 Besitzerinnen und Be-
sitzer bewirtschaften die Waldgebiete, wobei sich
52% der Wälder in Privatbesitz - meist in der Hand
von Landwirtinnen und Landwirten - befindet
(Abb. 6). Mit durchschnittlich 11,6 ha Waldfläche
pro Besitztum sind die Waldgebiete sehr klein-
strukturiert. Ausnahmen bilden Vinschgau und                                                    Strukturelle Voraussetzungen                         einer kleineren Fläche ernähren. Ein weiterer
Überetsch, wo der Anteil des Bauernwaldes weit                                                                                                       Grund liegt in der historischen Entwicklung des
unter dem landesweiten Durchschnitt liegt.                                                      Thomas Marsoner, Andreas Hilpold                     Erbfolgerechts im Land: In Gebieten, in denen
                                                                                                                                                     Realteilung vorgeherrscht hat und somit alle
Bis ins 20. Jahrhundert erfüllte der Wald eine gan-                                             Parzellierung, Besitzstrukturen und                  Nachfahren einen Teil der Hofflächen erhalten
ze Reihe von Aufgaben: Er bot Bauholz, Brennholz                                                Flächendistanzen                                     haben, besitzen die Landwirtschaftsbetriebe heute
und Holzkohle, Nutzholz für Werkzeuge und Gerä-                                                 Mit einer mittleren Nutzfläche von 11,9 ha pro       im Durchschnitt kleine, oft zerstreute Wirtschafts-
te sowie Einstreu für den Stall. Er wurde als Wald-                                             Betrieb ist die Südtiroler Landwirtschaft sehr       flächen. In Gebieten mit Anerbenrecht, in denen
weide genutzt. Er gab Nahrungsmittel (Pilze und                                                 kleinstrukturiert und liegt deutlich unter dem eu-   es nur einen Hoferben gab, wurde die Hoffläche
Beeren) und war „Sparkasse“, also eine Geldreser-                                               ropäischen Durchschnitt von 16 ha (8). Wein- und     kaum zerstückelt (9,10). Diese Strukturmerkmale er-
ve, die häufig zur Abdeckung größerer finanzieller                                              Obstbaubetriebe liegen mit einer durchschnittli-     schweren die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit
Aufwendungen (Investitionen, Bautätigkeiten,                                                    chen Fläche von 1,1 bis 2,5 ha zudem wesentlich      der Betriebe. Zunehmend müssen die Besitzerin-
Auszahlung von Erben, etc.) verwendet wurde.                                                    unter dem nationalen Mittelwert. Viehzucht-          nen und Besitzer einem Nebenerwerb nachgehen:
Da man die Waldgebiete über Jahrhunderte hin-                                                   betriebe bewirtschaften meist größere Flächen.       Über 30% der Nutzflächen werden von knapp 7500
weg intensiv forstwirtschaftlich genutzt hat, ist                                               Allerdings besteht ein beachtlicher Teil ihrer       Neben- und Zuwerwerbsbetrieben bewirtschaftet.
die heutige Ausdehnung der Laub- und Mischwäl-                                                  Nutzfläche aus Weideland und Almflächen und ist      Der Erhalt dieser Betriebe ist von großer Bedeu-
der deutlich geringer als ihr natürlicher Verbrei-                                              somit weniger produktiv und maschinell nicht zu      tung für die nachhaltige Entwicklung der Region,
tungsraum. Wirtschaftliche Überlegungen führten                                                 bewirtschaften.                                      da die Aufgabe auch nur einzelner Betriebe ver-
mancherorts zu Fichtenmonokulturen, da diese                                                    Die Kleinstruktur zeigt sich nicht nur in der        mutlich einen Rückgang der Landbewirtschaftung
eine wesentlich kürzere Umtriebszeit aufweisen                                                  Betriebs-, sondern auch in der Parzellengröße.       (vor allem von extensiv bewirtschafteten Flächen)
als etwa Mischwälder. In den Talbereichen wurden                                                Besonders in den Talschaften - am stärksten im       mit sich bringen würde.
Auwälder großteils gerodet, um landwirtschaftli-                                                Etschtal und in Teilen des Vinschgaus - ist eine     Insgesamt gehören mehr als 30% der landwirt-
che Flächen zu gewinnen oder sie verschwanden                                                   Parzellendichte von 200 Parzellen/km² keine          schaftlichen Gesamtflächen zu Betrieben mit
im Zuge der Flussregulierungen. Heute schätzen                                                  Seltenheit. Die Ursachen sind historisch bedingt:    weniger als 2 ha (reduzierter) landwirtschaftlicher
Einheimische und Touristen die verbliebenen                                                     Tiefer gelegene Flächen waren schon immer            Nutzfläche. Somit kommt Kleinbauern eine große
Laub- und Mischwälder wegen ihrer Erholungs-                                                    ertragreicher als Gebiete in höheren Lagen. Somit    Flächenverantwortung (vor allem über extensive
funktion.                                                                                       konnte sich dort eine Bauernfamilie auch mit         Flächen) zu (Abb. 7).
RAHMENBEDINUNGEN                                                                                                                          Landwirtschaftsreport
                                                                                                                                                                                                                                       22—23

LANDWIRTSCHAFTSFLÄCHEN IM BESITZ VON BETRIEBEN                          ANTEIL DER NEBENERWERBSBETRIEBE 2010
MIT WENIGER 2 HA LANDWIRTSCHAFTLICHE NUTZFLÄCHE

                                                                                                                                                                                                                             BOX
                                                                                                                                          Geschützte Flächen
                                                        [%]                                                               [%]
                                                                                                                           [%]            Gesetzliche Rahmenbedingungen begrenzen den
                                                         < 10                                                             < 45
                                                                                                                            45            bäuerlichen Handlungsspielraum. Seit dem Mit-
                                                         11 - 20                                                          > 45
                                                                                                                            45 - -555 5   telalter regeln Gesetze, wie Wald zu nutzen ist und
                                                         21 - 40                                                          > 55
                                                                                                                            5 5- -6565    wie darin gejagt werden darf. Im 19. Jahrhundert
                                                         41 - 60                                                          > 65
                                                                                                                            65 - -757 5
                                                                                                                                          begannen die westlichen Gesellschaften Gebiete
                                                         > 61                                                             > 75
                                                                                                                            75
                                                                                                                                          aus landschaftlichen und naturkundlichen Grün-          Schutzgebiete in der EU
                                                                                                                                          den unter Schutz zu stellen. Nationalparks ent-         Die Europäische Union hat 1992 beschlossen,
                                                                                                                                          standen – als erstes der Yellowstone-Nationalpark       ein Schutzgebietsnetz aufzubauen, das dem
Abb. 7: Links: Flächenverantwortung von Betrieben mit weniger als 2 ha reduzierter landwirtschaftlicher Nutzfläche (LNF). (Daten:
Autonome Provinz Bozen-Südtirol - Amt für landwirtschaftliche Informationssysteme) Rechts: Anteil der im Nebenerwerb geführten            in den USA im Jahr 1872.                                Erhalt wildlebender Pflanzen- und Tierarten
landwirtschaftlichen Betriebe. (Daten: Landwirtschaftszählung 2010 Karten: Eurac Research)                                                In den Jahren darauf entstanden ausgefeilte             und ihrer natürlichen Lebensräume dient. Es
                                                                                                                                          Schutzsysteme. Viele von ihnen gelten auch in           wurde Natura 2000 genannt und besteht aus
                                                                                                                                          Südtirol. Im Gegensatz zu den amerikanischen            Gebieten, in denen die so genannte Fauna-
                                                                                                                                          Nationalparks ist es in Europa in vielen Schutz-        Flora-Habitatrichtlinie (FFH-Richtlinie), die
Neben Flächengröße und -anzahl haben auch die                        Die Flächendistanz ist wichtig für eine nachhalti-                   gebieten ausdrücklich erlaubt und vielfach sogar        Vogelschutzrichtlinie oder beide Richtlinien
Distanzen zu den bewirtschafteten Flächen große                      ge Bewirtschaftung: größere Distanzen bedeuten                       erwünscht, die geschützten Gebiete zu nutzen.           umgesetzt werden. Wesentliches Ziel der
Auswirkungen auf deren Nutzung. Abbildung 8                          mehr CO2-Emissionen, vor allem bei arbeitsin-                        Nur so können wertvolle, vom Menschen geschaf-          FFH-Richtlinie ist der Erhalt und die Wie-
zeigt die mittleren linearen Entfernungen von den                    tensiven Feldern, die wöchentlich kontrolliert                       fene Lebensräume langfristig erhalten bleiben.          derherstellung der biologischen Vielfalt.
Hofstellen in einer Gemeinde zu ihren bewirt-                        werden.                                                              Nur ein geringer Anteil der Schutzgebietsflächen        Die EU-Agrar-Förderungen sind zum Teil an
schafteten Flächen. Interessanterweise liegen                                                                                             kommt allerdings für eine landwirtschaftliche           die Erfüllung der FFH-Richtlinie gebunden.
Hofstellen und Landwirtschaftsflächen in Talge-                                                                                           oder forstwirtschaftliche Nutzung in Frage. Hier-       Für jeden FFH-Lebensraum gibt die EU klare
meinden weiter auseinander als in Berggemein-                                                                                             bei sind vor allem verschiedene Wiesentypen von         Erhaltungsziele vor. Das bedeutet, dass es zu
den. Neben historischen Gründen könnte dies,                                                                                              Bedeutung. Eine Nutzungsänderung (beispiels-            keiner Verschlechterung des Lebensraumes
begünstigt durch die leichtere Erreichbarkeit von                                                                                         weise Intensivierung) ist in diesen Fällen nur          kommen darf. Verschlechterung bezieht sich
Flächen im Tal, an einer häufigeren Verlegung der                                                                                         mehr eingeschränkt möglich. Dieser Nachteil wird        dabei ausschließlich auf ökologische Kriteri-
Hofstelle liegen.                                                                                                                         zum Teil durch finanzielle Anreize ausgeglichen         en, nicht auf agronomische.
                                                                                                                                          (Landschaftspflegeprämien).
                                                                                                                                          Die flächenmäßig größten Schutzgebiete in
                                                                                                                                          Südtirol sind der Stilfser-Joch-Nationalpark und
                                                                                                                                          sieben Naturparks. Sie sind zum größten Teil auch     hunderten so genutzt worden – zum Vorteil von
MITTLERE BEWIRTSCHAFTETE (INTENSIV-)                               MITTLERE DISTANZ VON DER HOFSTELLE                                     Natura-2000-Gebiete. Zusätzlich wurden über 200       Landwirtschaft und Naturschutz.
FLÄCHE PRO BETRIEB                                                 ZU DEN FELDERN (OHNE PACHTFLÄCHEN)                                     Biotope und zahlreiche Naturdenkmaler unter           Der größte Teil der Schutzgebietsflächen be-
                                                                                                                                          Schutz gestellt, was etwa ein Prozent der Landes-     findet sich in Hochlagen (Abb. 9), wodurch es
                                                                                                                                          flache ausmacht. Der größte Teil der Biotope und      – von einigen Ausnahmen abgesehen – kaum
                                                                                                                                          flächigen Naturdenkmälern besteht aus Lebens-         zu Nutzungs­konflikten mit der Landwirtschaft
                                                                                                                                          räumen, die keine intensive Nutzung zulassen,         kommt. Biotope, die in tieferen Lagen vorkommen
                                                                                                                                          will man den jeweiligen Lebensraum nicht zur          und vorwiegend inselartig in die Kulturlandschaft
                                                                                                                                          Gänze zerstören. Dazu gehören Hochmoore,              eingestreut sind, können durch eine sehr intensi-
                                                                                                                                          Quellen und auch der größte Teil der Auwälder.        ve Nutzung in der direkten Umgebung ihre Natur-
                                                     [ha]
                                                                                                                                          In einigen Biotopen und Naturdenkmälern findet        schutzfunktion vielfach nur noch eingeschränkt
                                                      [ha]                                                         [m]
                                                     < 3.0
                                                         3 .0
                                                                                                                      [m]                 man Trockenrasen, die eine Weidenutzung erfor-        erfüllen.
                                                                                                                    6.1
                                                        6.1                                                        >> 2801
                                                                                                                       2 801

Abb. 8: Links: Mittlere intensiv genutzte Fläche der landwirtschaftlichen Betriebe pro Gemeinde. Rechts: Mittlere Distanzen
von der Hofstelle zu den bewirtschafteten Feldern pro Gemeinde. (Daten: Autonome Provinz Bozen-Südtirol - Amt für
Landwirtschaftliche Informationssysteme. Karten: Eurac Research)
RAHMENBEDINUNGEN                                                                                                                                    Landwirtschaftsreport
                                                                                                                                                                                                                                                                                                      24—25

                                                                                                                                                    BEVÖLKERUNGSZUWACHS 1998-2018
100%    SCHUTZSITUATION IN SÜDTIROL                                                                                      100%

                                      GESCHÜTZTE FLÄCHEN

                                                                            NATURA 2000 - HÖHENLAGE
 80%                                                                                                                     80%

 60%                                                                                                                     60%

 40%                                                                                                                     40%

 20%                                                                                                                     20%

                                                                                                                                                                                                                                           [%]
                                                                                                                                                                                                                                           [%]
  0%                                                                                                                     0%                                                                                                                    0.0
                                                                                                                                                                                                                                            < 0.0
                                                                                                                                                                                                                                               0.1- 10.0
                                                                                                                                                                                                                                            > 0.1    - 1 0.0
       Nicht geschützte Flächen                 Natura 2000 außerhalb                                 >3000 m                                                                                                                                  1 0.1
                                                                                                                                                                                                                                            > 10.1     - 2 0.0
                                                                                                                                                                                                                                                   - 20.0
                                                Naturparks                                            >2000 m - 3000 m                                                                                                                         20.1- 30.0
                                                                                                                                                                                                                                            > 20.1     - 3 0.0
       Geschützte Flächen                       Natura 2000, Natur-,                                  >1000 m - 2000 m                                                                                                                         3 0.1
                                                                                                                                                                                                                                            > 30.1
                                                Nationalparks
                                                                                                       Altersstruktur S.83).
RAHMENBEDINUNGEN                                                                                                                  Landwirtschaftsreport
                                                                                                                                                                                                                                                              26—27

Siedlungsnutzung & Konfliktpotential                                  zu einem Verlust landwirtschaftlicher Nutzflä-
Die Siedlungsflächen sind in Südtirol seit den                        chen und häufig zur Bodenversiegelung. Damit
1950er Jahren stark gewachsen. In vielen Gemein-                      gehen alle wichtigen Bodenfunktionen verloren.
den haben sie sich verdoppelt, in einigen sogar                       Böden können kein Wasser mehr speichern und
vervierfacht. Zudem konnte eine verdichtete                           filtern. Bodenorganismen finden keinen Lebens-
Bebauung in den Ortskernen festgestellt werden                        raum mehr und die natürliche Bodenfruchtbar-
(12). In den letzten 15 Jahren setzen sich drei Trends                keit wird massiv beeinträchtigt (14). Die geringere
durch: die Urbanisierung, die Suburbanisierung                        Entfernung zwischen landwirtschaftlich genutzten
und die Zersiedelung. Urbanisierung zeigt sich in                     Flächen und Wohngebieten ist neben dem ho-
den Städten Bozen, Meran und Bruneck. Hier ent-                       hen Nutzungsdruck und der großen Nachfrage
stehen viele Neubauten mit geringem Flächenver-                       nach Grund und Boden in den Gunstlagen der
brauch, was zu einer Verdichtung des Siedlungs-                       Täler zudem nicht unproblematisch. Über 10%
raums führt. Die stadtnahen Gemeinden - vor                           der Wein- und Obstbauflächen befinden sich
allem in Überetsch und Burggrafenamt - erfahren                       im unmittelbaren Einflussbereich (30 m) von
eine starke Suburbanisierung mit einer Auswei-                        Siedlungen und somit von Wohngebäuden (Abb.                 Verkehrsinfrastruktur                                                 stellt werden, wie sich die Faktoren Erreichbar-
tung der Ortskerne und vermehrter Bebauung von                        12). Die Abdrift von Pflanzenschutzmitteln sowie            Verkehrsflächen versiegeln und verbinden Land-                        keit, räumliche Entwicklung und wirtschaftliches
landwirtschaftlichem Grün. Zersiedelung hinge-                        Lärm oder Geruchsbelästigung durch die Land-                wirtschaftsflächen und bedingen somit wesent-                         Wachstum beeinflussen (15). Fest steht: Mit wach-
gen findet vermehrt in peripheren Gemeinden wie                       wirtschaft bergen ein hohes Konfliktpotential.              lich die nachhaltige Nutzung eines Gebietes.                          sender Distanz erhöht sich die soziale Isolation. Es
dem Ulten-, Martell- und Sarntal statt, um nur ein                    Durch die Nähe und hohe Dichte an Flächen                   Großen Einfluss hat daneben der Ausbau der                            steigen Zeitaufwand, Treibstoffverbrauch und so-
paar Beispiele zu nennen. Dort entstehen immer                        verschiedener Grundbesitzer ergeben sich Span-              Zufahrtswege. Südtirol verfügt im Vergleich zu                        mit die Umweltverschmutzung. Möglichst geringe
mehr Gebäude außerhalb bestehender Wohnge-                            nungsfelder innerhalb der Landwirtschaft aber               anderen Gebieten im Alpenraum über ein äußerst                        Distanzen fördern eine nachhaltige Entwicklung.
biete und Ortskerne - oft im landwirtschaftlichen                     auch zu anderen Sektoren wie dem Tourismus.                 dichtes Verkehrsnetz. Es umfasst eine Länge von                       Im Vergleich zum restlichen italienischen Alpen-
Grün (Bauzone E). Aufgrund der Siedlungsexpan-                        Sozial-politisches Konfliktpotential birgt die              mehr als 20.000 km. Mehr als zwei Drittel davon                       raum führen in Südtirol Straßen zu vielen Almen.
sion gehen jedes Jahr vor allem in den Gunstlagen                     zunehmende Erkenntnis der Bevölkerung, dass                 sind Forst-, Alm- und Güterwege (~ 15.500 km), die                    Dies begünstigt deren jährliche Bewirtschaftung,
der Talbereiche Landwirtschaftsflächen verloren.                      eine zu intensive Landwirtschaft auch negativen             für die land- und forstwirtschaftliche Bewirtschaf-                   stellt sie aber nicht allein sicher. Um diese zu ga-
Von 2016 bis 2017 waren dies laut eines Berichts                      Einfluss auf die Umwelt nimmt. Dazu kommt die               tung essentiell sind. Ob ein Hof erreichbar ist oder                  rantieren, sind zudem ökonomische und soziale
des Höheren Instituts für Umweltschutz und For-                       zum Teil wahrgenommene Diskrepanz zwischen                  nicht, entscheidet über seine Wirtschaftlichkeit,                     Rahmenbedingungen wie Ausgleichszahlungen,
schung in Rom (ISPRA) 203 ha - das entspricht 248                     einem scheinbaren Reichtum der Bauernfamilien               die gesellschaftlichen Kontakte der Betreiberin-                      angemessene Produktpreise sowie eine gesicher-
Fußballfeldern (13). Diese Entwicklung ist kritisch                   (aufgrund hoher Grundstückspreise) und der Tat-             nen und Betreiber und ist auch für die Umwelt von                     te Betriebsnachfolge notwendig (16).
zu betrachten: Wo viel gebaut wird, kommt es zu                       sache, dass Landwirtschaft subventioniert wird.             Bedeutung. Allerdings kann nicht exakt festge-

                                                                           Anteil
                                                                            Anteil der Gebäude
                                                                                   der Gebäude   außerhalb
                                                                                               außerhalb der der                                                                                             Zugänglichkeit zu öffentlichen
          Fertiggestellte Bautenim
          Fertiggestellte Bauten imlandwirtschafltichen
                                    landwirtschaftlichenGrün
                                                         Grün              Wohn
                                                                            Wohn-und    Gewerbezonen
                                                                                    und Gewerbezonen                                                           Zugänglichkeit zu Städten                     Verkehrsmitteln

                                                                                                                      [%]                                                                                                                                  [%]
                                                                                                                      < 15                                                                                                                             <   5 50
                                                                                                                      > 15 - 30                                                                                                                        >   5 50 - 7 00
                                                                                                                      > 30 - 45                                                                                                                        >   7 00 - 850
                                                                                                                                                                                                                                                       >   850 - 1 000
                                                                           0 10 20        40                          > 45 - 60                                                                              0 5 1 0 20 30
                                                                                           Km                                                                                                                             Km                           >   1 000
                                                                                                                      > 60
                                                                           Apfel-
                                                                            Apfel- und Weinbauflächen
                                                                                   und Weinbauflächen in 30inm30m                                                                                             Anteil der mit Straßen
                                                                           Umkreis   vonGebäuden
                                                                            Umkreis von   Gebäuden
                                                                                                                                                                                                              erschlossenen Almen

                                                [m³]              [%]
                                                                                                                                                                                            [km]
                                                1,000          < 15                                                                                                                        < 6
                                                10,000                                                                [ha]
                                                               > 15 - 25                                                                                                                   > 6 - 12                                                     [ha ]
                                                                                                                      0-6
                                                50,000         > 25 - 35                                                                                                                                                                               < 20
                                                                                                                      7 - 18                                                               >12 - 18                                                    > 2 0 - 40
                                                100,000        > 35 - 45                                              19 - 54                                                              > 1 8 - 24                                                  > 40 - 60
 0 5 10   20   30                               1,000,000      > 45        0 10 20       40                           55 - 108     0 5 10      20    30                                                      0 5 1 0 20 30                             > 60 - 80
                Km                                                                         Km                                                             Km                               > 24                           Km
                                                                                                                      109 - 274                                                                                                                        > 80

Abb. 12: Links: Fertiggestellte Bauten in Bauzone E in m³ und Anteil der insgesamt fertiggestellten Bauten pro Gemeinde. Rechts   Abb. 13: Links: Mittlere Distanz der landwirtschaftlichen Betriebe in einer Gemeinde zur nächstgelegenen Stadt (ohne Glurns, aber
oben: Zersiedelungsindikator – Anteil der Gebäude außerhalb der inneren und erweiterten Ortskerne. (Daten: OpenStreetMap,         inkl. Schlanders und Innichen). Rechts oben: Mittlerer Fußweg von den Höfen in einer Gemeinde zur nächstgelegenen Haltestelle
Geoportal Südtirol). Rechts unten: Wein- und Obstbauflächen im Pufferbereich (30 m) von Siedlungen. (Daten: Geoportal Südtirol,   öffentlicher Verkehrsmittel. Rechts unten: Anteil der Almen in einer Gemeinde, die durch eine Straße erschlossen sind. (Daten: Tasser
Autonome Provinz Bozen-Südtirol - Amt für landwirtschaftliche Informationssysteme. Karten: Eurac Research).                       E und andere (2013), Open StreetMap, Autonome Provinz Bozen-Südtirol - Amt für landwirtschaftliche Informationssysteme. Karten:
                                                                                                                                  Eurac Research)
RAHMENBEDINUNGEN                                                                                                                   Landwirtschaftsreport
                                                                                                                                                                                                                                                          28—29

Konsumverhalten                                                      Südtiroler Lebensmittelkonsum                                 Preisentwicklung und Handel                                             Marktanteil abdecken. Dies führt zu einem Un-
Unsere kontinuierlich wachsende Gesellschaft                         Der nachhaltig arbeitende landwirtschaftliche                 Der Preis landwirtschaftlicher Güter unterlag                           gleichgewicht in der Verhandlungsmacht zwi-
stellt die Landwirtschaft weltweit vor Herausfor-                    Sektor einer Region sollte mit den eigenen Flächen            schon immer starken Schwankungen. Seit den                              schen Produzenten und Handel (24).
derungen. Südtirol bildet da keine Ausnahme. Bei                     einen höchstmöglichen Beitrag zur Lebensmittel-               1950er Jahren nehmen die Preise weltweit ab (20).
mehr oder weniger gleichbleibenden Flächen be-                       versorgung der lokalen Bevölkerung leisten. Dies              Trotz dieser Entwicklung kommt es zu periodisch                         Mit seinem weltweit einzigartigen Genossen-
nötigt die Weltbevölkerung immer mehr landwirt-                      aus ökologischer und aus klimapolitischer Sicht.              wiederkehrenden Krisen der Lebensmittelprei-                            schaftswesen (25) hat sich die Südtiroler Land-
schaftliche Produkte, um die steigende Nachfrage                     Um beurteilen zu können, wie nachhaltig die                   se. Die Ursachen hierfür sind noch nicht genau                          wirtschaft bereits recht gut an die Marktverände-
nach Lebensmitteln, Futtermitteln und Energie                        Südtiroler Landwirtschaft unter diesem Gesichts-              geklärt. Möglich ist, dass diese Krisen mit Inves-                      rungen angepasst und Schutzmechanismen für
zu decken. Wie mehr Lebensmittel verfügbar sein                      punkt arbeitet, bedarf es einer Abschätzung des               titionen in landwirtschaftliche Technologie und                         kurzfristige Preisschwankungen entwickelt. Durch
können, ist momentan noch umstritten. Denkbar                        Lebensmittelverzehrs in Südtirol (Abb. 14). Grund-            Produktivität im Zusammenhang stehen (21). Auch                         den Zusammenschluss vieler Produzenten hat
wären eine weitere Intensivierung und Ertrags-                       lage des hier verwendeten Modells sind Daten der              in den 2000er Jahren kam es zu einem langsamen                          Südtirol an Verhandlungsmacht gewonnen. Eine
steigerung oder auch Prozessoptimierungen und                        Europäischen Datenbank über den Lebensmit-                    Preisanstieg von Agrarprodukten, der zur soge-                          optimierte Lagerung der für den Export produzier-
Verlustreduzierung.                                                  telverzehr (19). Diese liefert unter anderem Infor-           nannten Lebensmittelpreiskrise der Jahre 2006-                          ten Produkte ermöglicht zudem einen ganzjähri-
Bevölkerungswachstum ist allerdings nicht der                        mationen über italienische und österreichische                2008 führte.                                                            gen Verkauf. Waren können immer frisch geliefert
alleinige Grund für den erhöhten Lebensmittelbe-                     Essgewohnheiten und die daraus resultierenden                 Betrachtet man die Weltmarkt-Preisentwicklung                           werden. Es ist möglich, auf Schwankungen in der
darf. Auch die sich stark verändernde Ernährungs­                    täglichen Konsummengen - nach Altersgruppen                   landwirtschaftlicher Produkte in Form von                               Nachfrage und beim Preis zu reagieren.
weise sowie gesellschaftliche Phänomene wie                          sortiert. Da die Südtiroler Küche allerdings nicht            vergleichbaren Indizes (Abb. 15), ist erkennbar,                        Der Auszahlungspreis für Milch ist, durch den
Lebensmittelverschwendung und Lebensmittel-                          eindeutig einer dieser beiden Ernährungsweisen                dass die Weltfinanzkrise 2008 einen erheblichen                         großen Anteil an lokal verdelten Milchprodukten,
verluste spielen eine große Rolle.                                   zugeordnet werden kann, wurde hier die Konsum-                Einfluss auf die Preisentwicklung im Agrarsektor                        in Südtirol deutlich höher als im europäischen
Die Ernährungs- und Landwirtschafts­                                 menge mithilfe der Sprachgruppenzugehörigkeit                 hatte (22). Auch in Südtirol ist die Landwirtschaft,                    Durchschnitt. Auch die Weinwirtschaft konnte
organisation der Vereinten Nationen FAO (17) pro-                    und der Altersverteilung der Bevölkerung im Jahr              vor allem durch den Import von Dünger- und Fut-                         in den letzten Jahren durch ihre Ausrichtung auf
gnostiziert einen weltweit steigenden Konsum                         2011 berechnet. Der Gesamtverzehr beläuft sich                termitteln und den Export von Äpfeln, Wein und                          Qualitätsweine in der Lage, höhere Auszahlungs-
aller landwirtschaftlichen Produkte. So soll der                     auf etwa 240.000 Tonnen Lebensmittel pro Jahr.                Milch abhängig von der Weltwirtschaftssituation.                        preise zu erzielen als benachbarte Regionen.
Konsum von Fleisch bis zum Jahr 2025 um beina-                       Da hier effektiv verzehrte Lebensmittel zu Grunde             Trotz der geringen Menge international gehan-
he 15% ansteigen, der von Milchprodukten sogar                       gelegt wurden, dürfte der Gesamtkonsum (unter                 delter Agrarprodukte haben Weltmarktpreise
um 24%. In Europa hingegen, scheinen die Ver-                        anderem aufgrund von Lebensmittelverschwen-                   großen Einfluss auf nationale und somit auch auf
braucher zunehmend die negativen ökologischen                        dung) deutlich höher liegen.                                  regionale Preise (23), allerdings ist dieser Einfluss
Folgen ihrer Ernährung zu bemerken. Daher dürf-                      Den Berechnungen im Tourismus-Sektor liegen                   schwer zu quantifizieren und wirkt sich von Jahr
te der europäische Fleischkonsum zurückgehen,                        beide Ernährungsweisen zu Grunde: die italieni-               zu Jahr unterschiedlich aus.
ebenso der Konsum von Frischmilchprodukten                           sche für Reisende aus Italien, die österreichische            Neben der globalen Preisentwicklung landwirt-
(18). Zunehmen wird - so die Erwartungen - der                       für Reisende aus dem deutschsprachigen Ausland.               schaftlicher Güter hat auch der Handel starken
Konsum von veredelten Produkten wie Käse und                         Der Tagestourismus wurde nicht berücksichtigt.                Einfluss auf die erzielten Preise. In den letzten
von Milchpulver als wichtiger Grundstoff der                         Der Lebensmittelkonsum im Tourismus macht                     Jahrzenten hat der Lebensmitteleinzelhandel ei-
Lebensmittelindustrie.                                               mehr als ein Sechstel des Gesamtverzehrs an Le-               nen Konzentrationsprozess durchlaufen, wodurch
                                                                     bensmitteln in Südtirol aus.                                  heute einige wenige große Händler den größten

  SÜDTIROLER LEBENSMITTELKONSUM                                                                                 1000 Tonnen/Jahr   PREISENTWICKLUNG

                                            0.0         10.0           20.0        30.0         40.0          50.0         60.0    350.0          Index

        Getreide und Getreideprodukte                                                                                              300.0
               Milch und Milch-Derivate
                                                                                                                                   250.0
                           Fertiggerichte
            Früchte und Fruchtprodukte                                                                                             200.0
            Fleisch und Fleischprodukte
                                                                                                                                   150.0
         Gemüse und Gemüseprodukte
    Wurzeln, Knollen und Hülsenfrüchte                                                                                             100.0
   Snacks, Desserts, Zucker und Konfekt                                                                                             50.0
               Fisch und Meeresfrüchte
                     Eier und Eiprodukte                                                                                              0.0
                                 Anderes
                                                                                                                                             0
                                                                                                                                                   91
                                                                                                                                                           92
                                                                                                                                                           93
                                                                                                                                                           94

                                                                                                                                                           95

                                                                                                                                                           96

                                                                                                                                                           97

                                                                                                                                                           98
                                                                                                                                                           99

                                                                                                                                                          00

                                                                                                                                                           01
                                                                                                                                                           02

                                                                                                                                                           03
                                                                                                                                                          04

                                                                                                                                                           05

                                                                                                                                                          06

                                                                                                                                                           07
                                                                                                                                                          08
                                                                                                                                                          09

                                                                                                                                                           10

                                                                                                                                                            11

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                                                                                                                                                            13

                                                                                                                                                           14

                                                                                                                                                            15

                                                                                                                                                           16

                                                                                                                                                            17
                                                                                                                                              9

                                                                                                                                                         20

                                                                                                                                                        20
                                                                                                                                                        20
                                                                                                                                                        20

                                                                                                                                                        20
                                                                                                                                                  19

                                                                                                                                                        20
                                                                                                                                                        20
                                                                                                                                                        20

                                                                                                                                                       20
                                                                                                                                                        19
                                                                                                                                                        19
                                                                                                                                                        19

                                                                                                                                                        19

                                                                                                                                                       20

                                                                                                                                                       20
                                                                                                                                                       20
                                                                                                                                                        19

                                                                                                                                                       20
                                                                                                                                                        19
                                                                                                                                                        19
                                                                                                                                                        19

                                                                                                                                                       20
                                                                                                                                           19

                                                                                                                                                       20
                                                                                                                                                       20
                                                                                                                                                       20
                                                                                                                                                       20
                                                                                                                                                    Fleisch-Preis-Index   Milch-Preis-Index   Getreide-Preis-Index   Dünger-Preis-Index     Opec-Öl-Preis-Index
                                                  Lokale Bevölkerung          Tourismus

Abb. 14: Errechneter Lebensmittelverzehr in Südtirol. (Daten: Landesinstitut für Statistik ASTAT – Gemeindedatenblatt, EFSA 2018   Abb. 15: Die Weltmarkt-Preisentwicklungen bezogen auf die Preise im Jahr 2010. (Daten: FAO Food Price Index (2018), Jacks
Darstellung Eurac Research)                                                                                                        D. (2019) STATISTA (2019) Darstellung: Eurac Research)
RAHMENBEDINUNGEN                                                                                      Landwirtschaftsreport
                                                                                                                                                                                                                                               30—31

PROBLEMFELDER UND BEWERTUNG

— Klima und Relief: Die Südtiroler Landwirtschaft      des Waldes zu erhalten, müssen nachhaltige
  nutzt die klimatischen und landschaftlichen          Waldbaumaßnahmen weiterhin gefördert
  Bedingungen des Landes gut. Der Klimawan-            und Sensibilisierungsmaßnahmen umgesetzt
  del wird in Zukunft einen noch effizienteren         werden. Nur so können stabile und vielfältig
                                                                                                      Quellen
  Umgang mit der Ressource Wasser erfordern.           strukturierte Waldbestände aus standortge-
  Die veränderten Vegetationsperioden eröffnen         rechten und klimaresistenten einheimischen
                                                                                                      1    Zebisch M, Vaccaro R, Niedrist G, Schneiderbauer S, Streifeneder T        16 Tasser E, Aigner S, Egger G, Tappeiner U (2013) "Almatlas/Alpatlas."
  neue Möglichkeiten, wie der Anbau von Obst           Baumarten aufgebaut und erhalten werden.                                                                                         Atlante delle malghe. Arbeitsgemeinschaft Alpenländer ARGE ALP.
                                                                                                           und andere (2018) Klimareport – Südtirol 2018, Bozen, Italien: Eurac
  und Wein in höheren Lagen. Sie bergen aber                                                               Research                                                                  17 OECD.stat (2019) OECD-FAO Agricultural Outlook 2018-2027 – https://
  auch neue Risiken, wie beispielsweise invasive    — Räumliches Konfliktpotential: Die derzeitig     2    Auer I, Böhm R, Jurkovic A, Lipa W, Orlik A und andere (2007)                stats.oecd.org/ [Zugriff 11.2019]
  Schaderreger oder die veränderte Populations-       verzeichnete Zunahme an Bodenversiegelung            HISTALP – historical instrumental climatological surface time series of   18 EU Agricultural Outlook (2018) – For Markets and Income 2018-2030
  dynamik heimischer Schaderreger.                    vor allem in Gunstlagen ist äußerst kritisch         the greater Alpine region. International Journal of Climatology, 27, S.      - https://ec.europa.eu/info/sites/info/files/food-farming-fisheries/
                                                                                                           17–4                                                                         farming/documents/medium-term-outlook-2018-report_en.pdf
                                                      zu betrachten. Die Entwicklung steht im                                                                                           [Zugriff 11.2019]
                                                                                                      3    IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) (2014) Fifth
— Flächenverantwortung: Der Landwirtschaft            Widerspruch zu globalen gesellschaftlichen           Assessment Report. Climate Change 2014 Synthesis report –                 19 EFSA (2018) Umfassende Europäische Datenbank der EFSA über den
  kommt in Südtirol eine hohe Flächenverant-          Bedürfnissen (Bevölkerungszuwachs, Ernäh-            Summary for Policymakers. http://www.ipcc.ch/pdf/assessment­                 Lebensmittelverzehr - European Food Safety Authority http://www.
  wortung zu, weshalb ein fundierteres Wissen         rungssicherung) und führt zu ökologischen            report/ar5/syr/AR5_SYR_FINAL_SPM.pdf                                         efsa.europa.eu/de/food-consumption/comprehensive-database
                                                                                                      4    Punge H J, Kunze M (2016) Hail observations and hailstorm                    [Zugriff 07.2018]
  über eine natur- und umweltverträgliche Land-       Langzeitschäden. Neubauten im landwirt-
                                                                                                           characteristics in Europe: A review. Atmospheric Research, 176-177:       20 Albrecht S, Engel A (2009) Weltagrarbericht: Synthesebericht.
  bewirtschaftung aller Bäuerinnen und Bauern         schaftlichen Grün können zu Konflikten               159-184.                                                                     Hamburg University Press.
  von zentraler Bedeutung ist. Aufgrund der           zwischen der Bevölkerung und den land­          5    Vitasse Y, Schneider L, Rixen C, Christen D, Rebetez M (2018)             21 Timmer C P (2010) Reflections on food crises past. Food policy 35, 1–11
  beschleunigten technologischen und wissen-          wirtschaftlichen Betrieben führen, wenn es zu        Increase in the risk of exposure of forest and fruit trees to spring      22 Baffes J and Haniotis T (2010) Placing the 2006/08 Commodity Price
  schaftlichen Entwicklung muss Weiterbildung         Lärm- oder Geruchsbelästigung kommt oder             frost at higher elevations in Switzerland over the last four decades.        Boom into Perspective. World Bank Policy Research Working Paper
                                                                                                           Agriculture and Forest Meteorology, 248, S.60-­69.                           No. 5371
  gefördert und auch von Nebenerwerbs- und            Dünge- und Pflanzenschutzmittel abdriften.
                                                                                                      6    Tasser E, Mader M and Tappeiner U (2003) Effects of land use in           23 Haerlin B and Busse T (2009) Wege aus der Hungerkrise. Die
  Kleinbauern verlangt werden.                        Sie sind daher zu vermeiden.                         alpine grasslands on the probability of landslides. Basic and Applied        Erkenntnisse des Weltagrarberichtes und seine Vorschläge für
                                                                                                           Ecology 4: 271-280                                                           eine Landwirtschaft von morgen. GLS Treuhand. Zukunftsstiftung
— Geschützte Flächen: Geschützte Gebiete sind       — Preise und Handel: Dank ihrer Genossenschaf-    7    Leitinger G, Höller P, Tasser E, Walde J, Tappeiner U (2008)                 Landwirtschaft.
  für den Erhalt der Biodiversität von zentraler      ten und einer guten Interessensvertretung            Development and Validation of a Spatial Snow-Glide Model. Ecological      24 Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (2011) Konzentration
                                                                                                           Modelling 211: 363-374                                                       im Lebensmitteleinzelhandel: Hersteller sitzen am kürzeren Hebel
  Bedeutung. Ein Großteil der geschützten Flä-        arbeitet Südtirols Landwirtschaft derzeit
                                                                                                      8    European Comission (2018) Farm structure statistics.                         https://core.ac.uk/download/pdf/6901743.pdf
  chen befindet sich in Südtirols Hochlagen oder      hochprofessionell und ist in den Bereichen           https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.                 25 FAO (2014) Apple producing family farms in South Tyrol - An
  beinhaltet Lebensräume, die maximal eine            Grünlandwirtschaft, Obst- und Weinbau sehr           php?title=Archive:Farm_structure_statistics [Zugriff 11.2019]                agriculture innovation case study. INNOVATION IN FAMILY FARMING
  extensive Nutzung zulassen. Die Einschrän-          erfolgreich. Dies hat zur Folge, dass diese     9    Tasser E, Schermer M, Siegl G, Tappeiner U (2012) Wir                        56, 149–151.
  kungen für die Landwirtschaft sind daher            Bereiche eine dominante Stellung einnehmen.          Landschaftmacher. Vom Sein und Werden der Kulturlandschaft in                 Tscholl S, Tasser E, Raifer B und andere (2019)
                                                                                                           Nord-, Ost-und Südtirol. Athesia, Bozen.                                      Die geländeklimatische Standortbewertung von Weinbauflächen in
  überschaubar. Zudem sind landwirtschaftliche        Allerdings ergeben sich aus der intensiven
                                                                                                      10 Nössing J (2016) Landwirtschaft in Südtirol im 20. Jahrhundert                  Südtirol. Laimburg Journal 1/2019
  Betriebe durch das Vorhandensein geschützter        und monotonen Flächenbewirtschaftung auch          (ungedruckter Text), Bozen                                                      FAO (2018) Food Price Index http://www.fao.org/worldfoodsituation/
  Lebensräume oft in der Lage, auf Fördergelder       Probleme wie der geringe Selbstversorgungs-     11   ASTAT Landesinstitut für Statistik (2017) Bevölkerungsentwicklung             foodpricesindex/en/ [Zugriff 05.2018]
  zuzugreifen. Diese können die eventuell vor-        grad, die Abhängigkeit von Energieimporten           2016 - Andamento demografico 2016. Astatinfo Nr.166                           Jacks D S (2019) From boom to bust: A typology of real commodity
  handenen Nachteile wieder ausgleichen. Aus          (Energie in jeglicher Form) und dem Export      12 Wanker C (2010) Kulturlandschaft Südtirol-Landnutzung und                       prices in the long run. Cliometrica: 1-20.
  Sicht des Naturschutzes ist eine Verdichtung        der eigenen Produkte sowie ein ökologisches        Siedlungsausdehnung im Wandel seit 1950. GW-Unterricht Nr.119.                  STATISTA (2018) Average annual OPEC crude oil price from 1960 to
  des Schutzgebietsnetzes im Talbereich und in        Ungleichgewicht. Im Sinne einer regionalen,     13 ISPRA (2018) Il Consumo di Suolo dinamiche territoriali e servizi               2018 Sources: OPEC; IEA
                                                                                                         ecosistemici – Rapporto edizione 2018. Istituto Superiore per la
  der Waldstufe sinnvoll.                             kreislauforientierten und sozialverträglichen      Protezione e la Ricerca Ambientale, Rome.
                                                      Wirtschaftsausrichtung sollte eine Experten-    14 Umweltbundesamt (2020) Bodenversiegelung - https://www.
— Wälder: Die Laub- und Mischwälder sind heute        gruppe über Entwicklungsszenarien nachden-         umweltbundesamt.de/daten/flaeche-boden-land-oekosysteme/
  durch Umwidmungsmaßnahmen weit weniger              ken und darauf aufbauend zukünftige Gestal-        boden/bodenversiegelung#was-ist-bodenversiegelung [Zugriff
                                                                                                         10.2019]
  ausgedehnt als ihr natürlicher Verbreitungs-        tungsansätze aufzeigen.
                                                                                                      15 Keller P, Steinmetz R (2003) Verkehr und Erreichbarkeit von Stadtland
  raum. Um dem Klimawandel entgegenzuwir-                                                                Schweiz im Standortwettbewerb. Arbeitsberichte Verkehrs-und
  ken und die multifunktionalen Leistungen                                                               Raumplanung 175.
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