Warum sich viele junge Menschen in Graz von der Stadt ausgetrickst fühlen - Megaphon

Die Seite wird erstellt Christopher John
 
WEITER LESEN
Warum sich viele junge Menschen in Graz von der Stadt ausgetrickst fühlen - Megaphon
S T R A S S E N M A G A Z I N   U N D   S O Z I A L E   I NI T I AT I V E                                  # 30 3   –   J U NI   20 21

                                                                                                                           50% für die
                                                                                                                           Verkäufer:innen

                                                                                   S K A T E V E R B O T

                                                                              Warum sich viele junge
                                                                            Menschen in Graz von der
                                                                             Stadt ausgetrickst fühlen
Warum sich viele junge Menschen in Graz von der Stadt ausgetrickst fühlen - Megaphon
UNSER
                                                              WASSER:
                                                            NATÜRLICH
                                                                 GUT
                                                       holding-graz.at/trinkwasser

                                                     Rund um die Uhr bestes
                                                     Trinkwasser für Graz:

                                                     • Vollkommen naturbelassen
                                                     • Nicht aufbereitet und gechlort
                                                     • Reich an Kalzium und Magnesium

                                                     Erfrischung pur –
achtzigzehn | Foto: Lex Karelly | BEZAHLTE ANZEIGE

                                                     direkt aus der Leitung!
Warum sich viele junge Menschen in Graz von der Stadt ausgetrickst fühlen - Megaphon
E D I T O R I A L                                                                                                                                                    M E G A P H O N   /   3

                                                                                    Welttag der Flucht.
                                                                                           Im April flattert eine Nachricht in unser E-Mail-Postfach. Unser
                                                                                    ehemaliger Kolumnist Ronald Frühwirth, zuletzt im November 2019
                                                                                    beim jüngsten Relaunch unseres Straßenmagazins mit einem großen
                                                                                    Interview im Megaphon zu Gast, bot uns einen Text an. Er habe sich
                                                                                    zum Anlass des internationalen Tags der Flucht Gedanken zur Grazer
                                                                                    Amokfahrt vor sechs Jahren gemacht, schreibt er. Denn der Tag, an
                                                                                    dem die steirische Landeshauptstadt in Schockstarre verfiel, war ein
                                                                                    20. Juni. Seit 2001 haben die Vereinten Nationen dieses Datum zum
                                                                                    Aktionstag für Geflüchtete ausgerufen. Sein berührender Text findet
                                                                                    sich in voller Länge in dieser Ausgabe – ebenso wie eine Update aus
                   S A B I N E                                 G O L L M A N N
                   ( L E I T U N G ),                                               dem Leben und Wirken jenes Mannes, der lange als einer der besten
                   P E T E R
                   ( C H E F R E D A K T E U R )
                                                             K .      W A G N E R
                                                                                    Asylanwälte des Landes galt und nun ein neues Leben führt.
                   T I T E L F O T O :
                   P E T E R                                 P A T A K I                  Auch der zweite große Artikel dieser Ausgabe nimmt viel Raum
                   A U T O R : I N N E N -                                          ein. Weil es genau um diesen geht. In Graz ist rund um ein Skateverbot
                   I L L U S T R A T I O N E N :
                   L E N A                                  W U R M                 eine Debatte über Zusammenleben und öffentlichen Raum entstanden.
                                                                                    Unsere Redakteurin Julia Reiter ist ausgebildete Mediatorin und leiden-
                                                                                    schaftliche Skaterin. Sie begab sich auf eine rechercheeintensive Suche
                   F O L G T                                 U N S                  nach Konsens.
                   Das Megaphon ist auch in
                   den sozialen Medien aktiv:
                   Schaut vorbei auf Instagram
                   und Facebook. Oder auf
                   megaphon.at :-)

                                                                                    10                              20                               28
                                                                                    R E G I O N A L                 U R B A N                        P O R T R Ä T
   Fotos: Clara Frühwirth, Peter Pataki, Valerie Maltseva

                                                                                    Flüchtige Begegnung             Skatement                        Verkäuferin des Monats
                                                                                    Der ehemalige Megaphon-Ko-      Ein neues Skateverbot zum        Irena ist Romni, Ungarin und
                                                                                    lumnist und Asylanwalt Ronald   Grazer Sportjahr 2021. Die       Slowakin – und verkauft das
                                                                                    Frühwirth mit einer vagen An-   Szene ist empört, die Stadt      Megaphon am Grazer Hasner-
                                                                                    näherung an die Grazer Amok-    paralysiert. Redakteurin Julia   platz. Und ermöglicht ihren
                                                                                    fahrt vor sechs Jahren.         Reiter sucht den Konsens.        Enkeln damit Zukunft.
Warum sich viele junge Menschen in Graz von der Stadt ausgetrickst fühlen - Megaphon
K O L U M N E                                                                                                                   4   /   M E G A P H O N

    Zukünfte (3)                                    Lebensfragen                                  Definition von Frauen und es regt mich
                                                              Es reden immer die Gleichen.        auf, dass Frauen vom Land in Film oder
                                                    Das muss aufhören. Deshalb habe ich auf       Literatur nach wie vor als Gegenteil der
                                                    Anfrage der „murauerInnen“ acht Frauen        „Stadtfrau“ inszeniert werden. Gut tut
                                                    aus dem Bezirk vor die Kamera geholt,         hingegen, dass sich meine Gesprächspart-
                                                    um mit ihnen über ihren Alltag, Karriere,     nerinnen vor laufender Kamera über ihre
                                                    regionale Herausforderungen und ihre          Erfolge freuen konnten und voller Stolz
                                                    persönlichen Ziele zu sprechen. Dabei         über Vergangenes und Zukünftiges spra-
                                                    kamen Frauen zu Wort, die selten gefragt      chen. Ohne leere Phrasen oder Floskeln.
                                                    werden und doch so viel zu sagen haben.       Ohne nach der Schrift zu reden und auf
                                                    Anfangs wollten sich einige vor den           Schwindelzettel zu schielen. Das ist die
                                                    Gesprächen drücken. Sie hatten Sorge,         Magie an dem Projekt. Das Echte. Es sind
                                                    nichts Nennenswertes erreicht zu haben.       ehrliche, bodenständige und reflektier-
                                                    Dabei lebt jede ihre Geschichte voller        te Aufnahmen entstanden, die zeigen,
    I S A B E L L A   K R A I N E R                 Selbstbewusstsein: Eine Frau schaffte es      dass Lebenswege bunt, aufregend und
    (*1974, Kärnten) ist Autorin und                zum Beispiel, als Alleinerzieherin über       erzählenswert sind. Die Interviewreihe
    Sozialarbeiterin. Ihre Arbeiten pendeln         den zweiten Bildungsweg zu studieren,         setzt dabei auf Dialog statt Monolog und
    zwischen Politsprech und Dialekt-               und eine andere, die früh ins Ausland         Solidarität statt Fingerzeig. Und – last but
    landschaft. Bis 31. Oktober kann ihr            gegangen war, kehrte Jahrzehnte später        not least – geht es um ehrliche Antwor-
    Videoprojekt „MURAUERiNNEN –                    wieder zurück. Eine junge Schneiderin,        ten auf die Frage: „Wie geht es dir?“ Wer
    FRAUEN*LIFE*LIVE“ im Kunsthaus                  die mit ihrem ersten Atelier durchstartet,    etwas erfahren will, muss eben nachfragen
    Graz besucht werden: Starke Frauen              bekam dabei ebenso ihre Bühne wie eine        und das Gegenüber dann auch ausreden
    erzählen darin, wie sie wurden, wer             Wirtin, die bereits fester Bestandteil der    lassen. Unbeantwortet bleibt nur, warum
    sie sind, und was sie dazu beitragen,           Ortsgemeinschaft ist. Frausein bedeutet       Videos, in denen Frauen über sich selbst
    um zu werden, wer sie sein wollen.              Vielfalt. Für mich gibt es nicht die eine     sprechen, als Kunstprojekt angesehen
                                                                                                  werden.

                                                                                                                                                                                                                                    ANZEIGE
                                                           FFP2-Masken
                                                         schützt den Träger

                                                                                                                                             BEZAHLTE ANZEIGE DES LANDES STEIERMARK. BILDER: GETTYIMAGES.AT (Vladimir Vladimirov)
                                                         schützt das Umfeld

                                                                                  Vor dem Aufsetzen
                                                                                    und nach dem
                                                                                  Absetzen gründlich
                                                                                   Hände waschen!
                                                                                                            Ziehen Sie die FFP2-
                                                                                                           Maske oben aufs Nasen-
                                                                                                            bein und drücken Sie
                                                                                                            den Nasenbügel fest.

          Schütze dich,                                                Vermeiden Sie während
                                                                       des Tragens, die FFP2-

          schütze andere!                                                Maske anzufassen.

                                                                                                       Beim Abnehmen mög-
          Mut für morgen.                                                                              lichst die Außenseiten
          news.steiermark.at | ages.at/coronavirus                                                         nicht berühren.
          Hotline: 0800 555 621 | Gesundheitstelefon: 1450
Warum sich viele junge Menschen in Graz von der Stadt ausgetrickst fühlen - Megaphon
S T R A S S E N B I L D - G E W I N N S P I E L                                                                                                                                   M E G A P H O N   /   5

                                                                                                                                     GRAZ AUF
                                                                                                                                     ALLEN INFO
                                                                                                                                     KANALEN
                                                                                                                                     Informationen zur Stadt Graz und
                                                                                                                                     allen städtischen Projekten finden Sie
                                                                                                                                     in der BIG, im Web und auf unseren
                                                                                                                                     Social-Media-Kanälen.

                                                                                                                                              graz.at
             Straßenbild In einer Gasse
    in Graz wartet ein Areal auf die                                                                                                          facebook.com/stadtgraz
    Realisierung eines weiteren Im-
                                                                                                                                              instagram.com/stadtgraz
    mobilienprojekts – und ermöglicht
    aktuell den Blick auf die Rückseite
    eines alten Gebäudes mit beson-
    derer Verzierung. Unterschiedliche
    alte Reklametafeln hängen zwi-
    schen Balkonen und Fenstern. In
    welcher Gasse hat Sarah Löcker
    von #urbansketchers-graz dieses
    Bild gezeichnet? Antwort an:
    megaphon@caritas-steiermark.at,
                Stichwort: Straßenbild.
                Unter den richtigen
                                                                            achtzigzehn | Foto: Joel Kernasenko | Bezahlte Anzeige

                Einsendungen werden
                3 „Briefe an mich“-                                                                                                  Geben wir auf uns und andere acht – so schaffen wir das!

                Sonderprodukte zum
                Selberzeichnen verlost.

    I L L U S T R AT I O N   U N D   F O T O :    S A R A H   L Ö C K E R
Warum sich viele junge Menschen in Graz von der Stadt ausgetrickst fühlen - Megaphon
D I E     Z A H L E N                                                                                                                            6   /   M E G A P H O N

                                                          Zu den Zahlen
                                                                A U F G E S C H R I E B E N     V O N

                                                                      F A B I A N   W E B E R

                        6
      Grad kühler kann es an heißen
        Sommertagen innerhalb des
                                                                                                3.135
                                                             Euro wurden bis zum Redaktionsschluss für Adi und seine Gemeinschaft auf Lombok
     Klima-Kultur-Pavillons sein. Der
                                                             gesammelt. Das Geld steuerten 35 Spender:innen bei. Unsere Redakteurin Julia Reiter
    hölzerne Pavillon, in dessen Mitte                       berichtete in der letzten Ausgabe von der schwierigen Lage, organisierte die Spenden-
    sich ein kleiner Wald befindet, ist                      aktion und steht weiterhin in Kontakt mit Adi. Bisher konnte er mit dem Geld seine
    bis 15. August am Freiheitsplatz in                      Community mit Lebensmitteln, Matratzen für die Babys, Decken und anderen lebensnot-
    Graz ausgestellt. Die Kombination                        wendigen Dingen versorgen. Außerdem baut Adi gerade ein Haus für seine Mutter, das
      aus fast 150 Pflanzen und einer                        als Übergangslösung dienen soll, damit sie zumindest ein Dach über dem Kopf hat.
     Wassernebelanlage sorgt für den                         Adis Großvater ist der Naturkatastrophe leider zum Opfer gefallen, seine Urgroßmutter
       kühlenden Effekt und könnte                           konnte geborgen werden. Die unmittelbare finanzielle Hilfe durch die Spendenaktion
     sich als innovative Lösung gegen                        war wichtig, um zumindest die Versorgung der Grundbedürfnisse gewährleisten zu
                                                             können. Für eine langfristige Verbesserung der Lage bräuchte es aber nachhaltigere
      die stetige Erwärmung urbaner
                                                             Lösungen und einen allgemeinen Systemwandel. Auf Unterstützung von der indonesi-
             Räume behaupten.
                                                             schen Regierung warten Adi und seine Community derweil noch vergeblich.

                  14                                                                                                         0,7
                                                                                    28
                                                              Foodsharing-Fairteiler gibt es in
                                                             der ganzen Steiermark – 13 davon
                                                              allein in Graz. An den jeweiligen
             Radweg-Kilometer sollen die
        derzeitigen 120 Kilometer in Graz bis                  Standorten sind Schränke und
        2030 erweitern. Das Projekt mit dem                     – meist auch – Kühlschränke                                   Quadratmeter müssen einem
        Titel „RADMOBIL Graz 2030“ basiert                  aufgestellt, in die jede:r Lebensmittel                          Mastschwein, das weniger als
          auf einer Studie zum Grazer Rad-                     hineinlegen und ebenso welche                                    110 Kilogramm wiegt, bei
             wegenetz. Es wird mit hundert                                                                                   konventioneller Tierhaltung zur
                                                              aus diesen entnehmen kann. Das
         Millionen Euro von Stadt und Land                                                                                    Verfügung stehen. Über 97 %
          finanziert und soll dazu beitragen,               Hauptziel der Aktion ist es, unnötiger                           des in Österreich produzierten
         den Anteil der Radfahrer:innen am                       Lebensmittelverschwendung                                   Schweinefleischs stammen aus
                Verkehr zu verdoppeln.                                entgegenzuwirken.                                          einer solchen Haltung.

                                                                     I N S P - L I V E T I C K E R

                                                 The Big Issue – England                      INSP Deutschland                     Scarp de‘ tenis – Italien
                                          Nach Ende des Lockdowns profitieren        Im Namen von 20 deutschen Straßen-       Die Kolleg:innen aus Mailand feiern
          Megaphon ist stolzer Teil       immer mehr Verkäufer:innen der engli-       zeitungen interviewt Annette Bruhns   in diesem Jahr nicht nur ihr 25. Jubi-
        des internationalen Netzwerks       schen Straßenzeitung von kontakt-          von Hinz&Kunzt aus Hamburg im         läum, darüber hinaus wurde gerade
            der Straßenzeitungen:          losem Zahlen – 594 Kolporteur:innen       Vorfeld der Bundestagswahl deutsche    die 250. Ausgabe der Straßenzeitung
                www.insp.ngo               setzen bereits auf digitale Bezahlung.            Spitzenpolitiker:innen.                     veröffentlicht.
Warum sich viele junge Menschen in Graz von der Stadt ausgetrickst fühlen - Megaphon
D I E   Z A H L E N                                                                                   M E G A P H O N     /   7

    6.800.000
    bis 27.000.000 Tonnen beträgt – Schätzungen von Greenpeace zu-
    folge – die Menge an Beifang, die bei der Fischerei jährlich entsteht.
    Der Großteil des unerwünschten Beifangs wird bereits tot oder ster-
    bend ins Meer zurückgeworfen. Am höchsten ist der Beifang in der
    Shrimp-Fischerei, wo meist über
    80 Prozent andere Arten im Netz                               Diagonale’21
                                                                  Festival des österreichischen Films

    landen. Im Rahmen des World                                   Graz, 8.—13. Juni 2021
                                                                  diagonale.at

    Ocean Day am 8. Juni soll unter
    anderem auf das Schutzbedürf-
    nis unserer Ozeane aufmerk-         #Diagonale21

    sam gemacht werden. Einzel-         #FestivalOfAustrianFilm

    personen und Organisationen                                    Für die Initiative
                                                                  „Hunger auf Kunst und
                                                                                              Die Tickets sind
                                                                                              ausschließlich in der
                                                                   Kultur“ stellt die         Verkaufsstelle
    können die 30x30-Petition un-                                  Diagonale auch heuer
                                                                   wieder je eine Karte
                                                                                              im Kunsthaus Graz
                                                                                              (2.— 13. Juni
                                                                   pro Kulturpassbe-          2021, 10 bis 18 Uhr)

    terschreiben, die sich zum Ziel                                sitzer*in zur Verfügung.   erhältlich.

                                                                  Zusätzlich steht Kulturpassbesitzer*innen

    setzt, dass sich Staaten auf der                              ein Stundenkartenkontingent der Holding
                                                                  Graz Linien zur Verfügung.

    ganzen Welt verpflichten, bis
    zum Jahr 2030 dreißig Prozent
                                                                  Hunger auf Kunst & Kultur /
                                                                  Steiermark, Kinkgasse 7
                                                                  8020 Graz, Austria
                                                                  +43 316 827 122
    der Land- und Meeresflächen                                   info@culture-unlimited.com

    der Erde unter Naturschutz zu
    stellen.
                                                                                                                        ANZEIGE
Warum sich viele junge Menschen in Graz von der Stadt ausgetrickst fühlen - Megaphon
S O N D E R P R O D U K T                                                    M E G A P H O N   B R I E F K A S T E N                          M E G A P H O N   /   8

                                                                       Neu!
Illustration: Lena Wurm

                                                                                                         Briefkasten

                           Ki d s                                                      Gut, dass es das Megaphon gibt
                                                                                       JOSEF
                                                                                               Anfangs habe ich das Megaphon gekauft, um
                                                                                       den Verkäufer:innen eine kleine Freude zu machen. Ge-
                                                                                       lesen habe ich es, weil ich als Kind dazu erzogen wurde
                                                                                       „aufzuessen“. Man wirft etwas nicht weg, wofür man
                                                                                       3 Euro bezahlt hat. Inzwischen freue ich mich auf jede
                                                                                       neue Ausgabe und auf das, was mir Menschen sagen, die
                                                                                       nur im Megaphon zu Wort kommen.

                                                                                       Gendern
                                                                                       FAMILIE M.
                                                                                                Die Bemühungen um eine geschlechtergerechte
                                                                                       Sprache geraten mitunter zum Kabarett. Mit dem „Bürge-
                                                                                       rinnenmeister“ im Artikel über die Präsentation einer U-
                                                                                       Bahn für Graz im Megaphon vom April 2021 ist eine weite-
                                                                                       re geniale Lachnummer entstanden. - Ist Ihnen eigentlich

                                                                  6 Tipps
                                                                                       aufgefallen, dass mit dieser Wortschöpfung jetzt eine ein-
                                                                                       deutige Diskriminierung der Bürger erreicht wurde?

                                                                                       Gendergerechte Sprache
                                                                    wie du die         GERHARD
                                                                  Zukunft mitge-                Glauben Sie wirklich, dass weibliche Formen mit
                                                                  stalten kannst       Sonderzeichen gendergerecht sind? Noch werden viele
                                                                                       Diskussionen ins Lächerliche gezogen, aber derzeit führt
                                                                                       der Weg weit über das Ziel hinaus und wird bald zur Be-
                                                                                       nachteiligung der männlichen Formen und Gegenmaß-
                                                                                       nahmen führen. Gibt es eigentlich andere Sprachen mit
                                                                                       diesen Problemen? Ich habe noch nie davon gehört. Wenn
                                                                                       nur der Vater ein Zeugnis unterschreiben darf, dann ver-
                                                                                       letzt das die Gleichberechtigung. Aber das sprachliche
                                                                                       Thema ist durch das Wort „Elternteil“ abgedeckt.

                                                                                       RE: Gendern und gendergerechte Sprache

                                        MIT
                                                                                       JULIA REITER, REDAKTION
                                                                                                 Ich möchte auf keinen Fall behaupten, dass wir

                                          G I N
                                      WUN
                                                                                       die ideale Form der geschlechtergerechten Sprache gefun-
                                                                                       den haben. Außer Frage steht: Es gibt zahlreiche Studien,

                          SCH                   !
                                                                                       die zeigen, dass Sprache das gesellschaftliche Bewusstsein

                                          N F T
                                                                                       prägen. Ein Beispiel: www.fu-berlin.de/presse/informatio-

                                      K U
                                                                                       nen/fup/2015/fup_15_223-einfluss-geschlechtergerechte-

                                  Z U
                                                                                       sprache/index.html Da das Stichwort „Kabarett“ gefallen
                                                                                       ist: Eine sehr humorvolle Leseempfehlung zum Thema ist

                          DIE
                                                                                       „Der Ursprung der Welt“ von Liv Strömquist.

                                                                                                                              S I E   W O L L E N   U N S   E T W A S
                            A B    S O F O R T   E R H Ä L T L I C H
                                                                                                                   M I T T E I L E N ?   Wir freuen uns stets über

5
                                      B E I   U N S E R E N
                                                                                                                              Zuschriften unserer Leser:innen:
                                  V E R K Ä U F E R _ I N N E N
                                                                                                                    megaphon@caritas-steiermark.at oder an
                                                                                                                      Megaphon, Mariengasse 24, 8020 Graz
50% für die
Verkäufer:innen
Warum sich viele junge Menschen in Graz von der Stadt ausgetrickst fühlen - Megaphon
Kathi
                            Studentin und Chic
                            Ethic Bloggerin
                            Kathis Insta Blog

       Liegestuhl                                                                           Kleid von Armedangels
       aus baskischem                                                                       hergestellt in Portugal
       Baumwollstoff und                                                                    € 89,90
       europäischer Buche
       € 89,90

   Vitaminbombe                                                                                             Denken erlaubt
   Orangensaft: bio,                                                                                        Lesestoff zum
   fair und köstlich                                                                                        Nachdenken und

                                                                                                                                       Foto: Elisabeth Formann
   1L € 1,99                                                                                                Weltverändern
                                                                                                            ab € 18,50

                   Prost!
                   Mungeblasenes
                   Trinkglas aus
                   Guatemala, 300 ml
                   € 10,90

                                                                                                          Meditationskissen
                                                                                                          aus Bio-Baumwolle, gefüllt
                                                                                                          mit Buchweizenspelz
                                                                                                          € 64,90

CHIC ETHIC - FAIR TRADE SHOP • Tummelplatz 9, 8010 Graz • Mo-Fr 9:30-18:00, Sa 9:30-17:00                 WWW.CHIC-ETHIC.AT
Warum sich viele junge Menschen in Graz von der Stadt ausgetrickst fühlen - Megaphon
REGI
ONAL
R E G I O N A L                                                                                                            M E G A P H O N   /   1 1

    Flüchtige
                                                                       verbunden durch die Augartenbrücke, der ich mich nun mit ei-
                                                                       nem Gefühl der Unzufriedenheit näherte. Schon früher hätte ich
                                                                       mich nach Hause aufmachen können, so der Kritiker in mir. Zu

    Begegnung
                                                                       schön wäre der Tag, um ihn zu lange im dunklen und kühlen
                                                                       Büro zu verbringen. Ich ärgerte mich darüber, dass ich es nicht
                                                                       geschafft hatte, bei dem zu bleiben, was ich mir zuvor vorgenom-
                                                                       men hatte: zehn Minuten, höchstens zwölf bis dreizehn Minuten
                                                                       im Büro zu verbringen. Es wurden fünfunddreißig Minuten, die –
                                                                       so mein Anspruch – nun wieder eingeholt werden müssten. Mei-
                                                                       ne Langsamkeit missfiel mir. Eine alte Unzulänglichkeit, mit der
                                                                       ich an diesem Tag meinen Frieden schließen sollte. Womöglich
    Der ehemalige Megaphon-Kolumnist                                   wendete sie nämlich ein größeres Unglück von mir ab.
    und Asylanwalt Ronald Frühwirth
                                                                                II.
    mit einer vagen Annäherung an die                                  Am Weg zur Augartenbrücke jedenfalls ärgerte ich mich noch.
                                                                       Dann aber ließ mich das laute Aufröhren eines Motors aufschre-
    Grazer Amokfahrt, die sich am inter-                               cken. Plötzlich raste ein für Grazer Straßen viel zu großer Pick-up
    nationalen Tag der Flucht vor sechs                                aus der Zweiglgasse in die Kreuzung mit dem Grieskai ein. Irre,
                                                                       dachte ich, diese Geschwindigkeit. In meiner Erinnerung schwebt
    Jahren ereignete.                                                  der Pick-up über die Straße, er fliegt über den Asphalt, zu schnell,
                                                                       um mit den Rädern am Boden bleiben zu können. Der Fahrer
                                                                       blickte aus dem geöffneten Fenster zu mir herüber. Das Bild geht
    I L L U S T R AT I O N E N :   C L A R A   F R Ü H W I R T H
                                                                       mir seither nicht mehr aus dem Kopf. Ein Mann mit dunklem Bart
                                                                       und dunkler Brille, den linken Arm lässig halb aus dem Fenster
                                                                       der Fahrertüre gelegt, laute E-Gitarren-lastige Musik dröhnte aus
             I.                                                        dem Wagen. Fahrzeug und Fahrer gehören nicht hierher, dachte
    An Samstagvormittagen ging ich früher gerne laufen. Wochen-        ich damals. Ich schaute kurz nach einem Surfbrett auf der La-
    tags arbeitete ich von früh bis spät, am Samstag konnte ich bei    defläche. Es hätte dorthin gepasst. Der Fahrer rief etwas zu mir
    Tageslicht Runden durch den Augarten drehen. Die Bewegung          hin, es klang nach bloßem Grölen. Unsere Blicke trafen sich; so-
    schuf Raum für frische Gedanken, die dann aber meist nicht weit    fern sich das durch die Sonnenbrillen hindurch sagen lässt. Es
    genug abschweiften, um die drängendsten Aufgaben vergessen zu      fühlte sich jedenfalls so an. Ich glaubte, ein kurzes Zögern zu
    lassen. Das Ende eines solchen Laufes führte mich deshalb oft      erkennen, dann riss der Fahrer das Lenkrad nach rechts. Ich weiß
    in die Kanzlei, wo sich während des Cooldowns kurze Notizen        noch, dass der Pick-up über die Bordsteinkante fuhr, ohne dass
    auf Aktendeckeln anbringen ließen. Meist blieb es nicht bei ein    die sich wirklich bemerkbar machte. Kein Rütteln des Fahrzeugs,
    oder zwei verschriftlichten Überlegungen. Mein Blick fiel allzu    kein dumpfer Knall, der Wagen fegte einfach über sie hinweg. Es
    gerne auf weitere Akten. Es war schwer, in meinem Büro an ihnen    krachte dennoch: Ein Radfahrer flog durch die Luft. Der Pick-
    vorbeizusehen. Also wurden da und dort noch weitere Notizen        up düste vom Gehweg auf die Straße zurück. Dabei rumpelte es
    angebracht. Das Schrifteln überdauerte an vielen Samstagen den     nun doch noch. Der Wagen schlingerte kurz, dann verlor ich ihn
    Cooldown. So auch am 20. Juni des Jahres 2015, dem internatio-     nach der Brücke aus den Augen. Der Radfahrer krümmte sich am
    nalen Tag der Flucht.                                              Gehweg. Er schrie auf, hielt sein Knie. Ich eilte über die Straße.
             In der Büroküche lag noch eine Banane herum. Der          Ansonsten war es still wie sonst nie an dieser Kreuzung. Ein Blick
    Hunger ließ mich schließlich von den Akten absehen. Ich nahm       nach rechts in die Zweiglgasse: Ein Öffi-Bus stand dort mitten
    die Banane und verließ das Büro. Die Kanzlei lag nur wenige Geh-   auf der Straße. Dahinter andere Autos. Sonst nichts. Erst auf den
    minuten von meiner Wohnung entfernt. Die kurze Distanz er-         zweiten Blick hin stellte ich mir die Frage: Liegt da ein Mensch
    leichterte derlei Arbeitssessions. Wohnung und Büro lagen beide    auf der Straße vor dem Bus? Der nächste Blick ging aber zunächst
    direkt am Murufer, die eine am linken, das andere am rechten,      zurück zum Radfahrer. Ich erreichte ihn. Er wimmerte und wand
R E G I O N A L                                                                                                                  1 2   /   M E G A P H O N

                                                                                                                   R O N A L D   F R Ü H W I R T H

                                                                                                                 schrieb für das Megaphon einige
                                                                                                                  Jahre lang die Kolumne „Recht
                                                                                                                 engagiert“, in der er zu aktuellen
                                                                                                                   Fragen rund um das Asylrecht
                                                                                                                                   Stellung bezog.

    sich vor Schmerz. Ich fragte ihn, ob es ihm gut gehe. Seine Ant-        men immer mehr hinzu. Auch dort wieder: diese Stille. Menschen
    wort hörte ich nicht, meine Sinne waren woanders hin ausgerich-         blieben stehen, verweilten in Gedanken. Manche hielten einander,
    tet, suchten Anzeichen für das Wiederaufflackern der Gefahr zu          umarmten sich, andere blieben für sich. Viele weinten. Man sah
    erkennen, die sich in der Umgebung fühlen ließ. Aber es blieb           nachdenkliche Gesichter, warme Gesichtsausdrücke. Die Leute
    völlig still. Das Wimmern des Radfahrers nahm ich nur irgendwo          waren einander zugetan. Ich weiß es nicht, aber ich bin mir si-
    weit im Hintergrund wahr. Dann wurde es wiedergegeben. Aus              cher, es haben sich dort Leute umarmt, die einander zuvor nicht
    der Zweiglgasse kam auch ein leises Weinen. Aus dem Bus stieg           kannten. Die Straßenbahngarnituren fuhren sehr langsam vorbei.
    jemand aus, langsam. Mein Blick ging in die andere Richtung,            Keiner ihrer Fahrerinnen oder Fahrer wagte es zu bimmeln.
    die Augartenbrücke hinauf. Der Pick-up hatte ein geparktes Auto
    gerammt. Er stand nun am Straßenrand vor der Spar-Filiale. Ein                    V.
    kurzer Moment der Furcht kam auf; die Frage, ob der Fahrer zu-          Auch am Geländer der Augartenbrücke wurde eine Kerze ange-
    rückkommt, ob er mit dem Radfahrer eine Rechnung zu beglei-             zündet, genauso am Zaun zur Synagoge in der Zweiglgasse und
    chen hat. Von der anderen Seite näherte sich ein Auto. Es kam           an allen anderen Orten, an denen Menschen verletzt oder getö-
    von Süden her, bog vom Grieskai herein. Der Beifahrer öffnete           tet worden sind. Die Kerze am Brückengeländer erinnerte an den
    das Fenster. Ist er absichtlich auf den Gehsteig gefahren?, fragte er   Radfahrer. Sein Fahrrad hatte ich mit in meine Kanzlei genom-
    ungläubig und betroffen. – Ich denke ja, antwortete ich. – Ist der      men. Oder nicht? Ich denke schon, er kam doch einige Tage spä-
    verrückt? – Ich denke ja.                                               ter, es abzuholen. Ich fand ihn sehr sympathisch. Er kannte die
              Der Radfahrer kam zur Ruhe. Ob ich ihn angegriffen,           Arbeit mit geflüchteten Menschen. Wir fanden daher rasch Ge-
    ihm geholfen habe, sich hinzusetzen, das weiß ich nicht mehr.           sprächsstoff abseits des Pick-ups und seines Fahrers. Was dieser
    Jedenfalls bot ich ihm meine Banane an, da bin ich sicher. Eine         wohl bezweckte, dachte ich mir damals oft. In der Zweiglgasse
    Frau näherte sich uns. Sie hatte eine Wasserflasche dabei. Wir          hatte ich am Samstag richtig gesehen. Es lag nicht nur ein Mensch
    hockten kurz zu dritt. Aus der Zweiglgasse drang Wehklagen zu           am Boden, es waren zumindest zwei. Ein Paar war dort nieder-
    uns. Ich griff zu meinem Telefon und rief die Rettung, kam nicht        gefahren worden. Sie seien bosnische Staatsangehörige gewesen,
    durch, dann doch, oder nicht … Ich weiß es nicht mehr. Aus der          hieß es, auch der Fahrer des Pick-ups hatte bosnische Wurzeln.
    Zweiglgasse näherten sich mit großer Geschwindigkeit nun Fahr-          Nach der Augartenbrücke, beim dortigen Supermarkt, habe er
    zeuge, drei oder vier dunkle, schnelle Wagen, mit aufgesetzten          dann eine Frau mit einem Messer attackiert. Sie sei afghanische
    Blaulichtern am Dach; zivile Streifen, mit hohem Tempo, aber un-        Staatsangehörige gewesen, hieß es. In der Herrengasse sei eine
    wirklich leise, an uns vorbei in Richtung Grazbachgasse. Mein           Frau ums Leben gekommen, deren Identität man zunächst nicht
    Blick folgte ihnen. Der Pick-up war schon weg. Sie schienen ihm         habe feststellen können. Sie habe um Almosen gebeten, hieß es.
    folgen zu wollen.                                                       Die Opfer hatten allesamt einen Bezug zu den Themen Flucht und
                                                                            Migration, dachte ich mir einmal. Und die Amokfahrt fiel auf den
              III.                                                          internationalen Tag der Flucht. Auch der Radfahrer arbeitete mit
    Die Stille hielt sich lange. In meiner Erinnerung prägt sie die Sze-    schutzsuchenden Menschen, so wie ich. Aber ich war kein Opfer.
    nerie. Eine stille Amokfahrt. Einzig das Hineinrasen des Pick-ups       Dafür war ich damals um wenige Augenblicke zu langsam. Hätte
    in die Kreuzung blieb mir als laut in Erinnerung. Später, bei der       ich das Büro nur eine Minute früher verlassen, wäre ich am linken
    Gerichtsverhandlung, wurde ich danach gefragt, was der Pick-up-         Gehweg der Augartenbrücke entlanggegangen, als der Pick-up in
    Fahrer mir zugerufen hatte. Ich habe es nicht verstanden, antwor-       die Kreuzung einfuhr. Der Fahrer hätte dann eine Auswahl treffen
    tete ich. Ob es Allahu akbar sein habe können, wurde ich gefragt.       können, zwischen dem Radfahrer auf der rechten Seite oder dem
    Das könne ich nicht sagen, ich habe es ja nicht verstanden, gab         Läufer mit der Banane auf der linken.
    ich zur Antwort. Der Frager hätte sich wohl ein „ja“ erhofft, dann
    hätte das ganze Ereignis besser eingeordnet werden können. Ein                   VI.
    späterer Vizekanzler verbreitete gleich noch am Tag des Ereig-          Ein paar Tage später kam es zu einer großen Trauerkundgebung.
    nisses, es sei vom Rufen dieser Wortfolge berichtet worden. Er          Ein Marsch entlang der Fahrtroute des Pick-ups. Viele Leute
    erntete dafür nur Unverständnis und Kritik.                             schlossen sich an. Freundinnen, Freunde und Familie gingen mit
                                                                            mir. Ich war froh, nicht alleine zu sein. Am Hauptplatz fand die
            IV.                                                             Schlusskundgebung statt, wieder mit viel Stille. Es gab sanfte und
    Über Graz legte sich eine besondere Stimmung in den Tagen da-           bedacht entworfene Reden. Ich weiß noch, der damalige Bun-
    nach. Ich ging mehrmals täglich an der Stadtpfarrkirche vorbei.         despräsident sprach bewegende Worte, auch der Bürgermeister.
    Der Gehweg vor ihrem Eingang war gesäumt von Kerzen. Es ka-             Am Ende der Veranstaltung wurde ein Satz auf zahlreiche Tafeln
R E G I O N A L                                                                                                              M E G A P H O N   /   1 3

    projiziert: Wir sind füreinander da. Man hätte kaum treffendere        Welle der Empathie trug weite Teile des Landes. Leute klatschten
    Worte finden können. Es klang kein Revanchismus in den Wort-           bei der Ankunft ihnen völlig fremder Menschen an Bahnhöfen.
    meldungen dieses Tages durch, nur Betroffenheit und Trauer,            Sie freuten sich mit ihnen, dass sie in Sicherheit waren, den Kon-
    Mitgefühl und der ehrlich gemeinte Appell, füreinander da zu           fliktherden dieser Welt heil entkommen waren. Später wurden sie
    sein; nicht, um auf der Hut zu sein, um sich rechtzeitig zu warnen,    als Willkommensklatscher abgekanzelt, ihre Empathie als Ge-
    vor dem nächsten Pick-up-Fahrer, vor Angreifern, die am besten         fühlsduselei belächelt, ihr Realitätssinn als verschwommen be-
    und liebsten als von außen kommend verortet werden. Nein,              schrieben und überhaupt die Ereignisse dieses Sommers als un-
    schlicht, weil man zusammen am ehesten die Wunde schließen             verantwortliche Naivität abgetan. Der Bürgermeister beschwor
    werde können, die die Route des Pick-ups in die Stadt geschnitten      auf Anzeigesujets mit ernster Miene die Einführung einer Ober-
    hatte. In meiner Erinnerung war Graz nie so warmherzig, so of-         grenze für die Aufnahme geflüchteter Menschen.
    fen, so freundlich, wie in den Tagen und Wochen nach der Fahrt
    des Pick-ups. Ich kann mich an keine Betonboller in der Innen-                  VIII.
    stadt erinnern.                                                        Im Herbst 2016 fand die strafgerichtliche Aufarbeitung der Pick-
                                                                           up-Fahrt statt. Im Warteraum vor dem Gerichtssaal traf ich auf
             VII.                                                          den Bürgermeister. Er war wie ich als Zeuge geladen. Viele andere
    Einige Monate später hörte ich wieder den Bundespräsidenten re-        auch. Die Befragungen zogen sich etwas, blieben ohne wirkliche
    den. In Wien rief er mit abertausenden anderen auf einem großen        Substanz. Was sollte ich schon für die Wahrheitsfindung Wesent-
    Platz den Slogan: Say it loud and say it clear, refugees are welcome   liches beitragen können? Die Wahrheit lag ohnehin offen zutage.
    here. Der spätere Vizekanzler war sehr still in diesen Tagen. Eine     Ich musste an die vielen Fragen denken, die in Asylverfahren im-
R E G I O N A L                                                                                         1 4   /   M E G A P H O N

                                               mer gestellt werden: Wie viele Männer stürmten in ihren Laden?
    R O N A L D   F R Ü H W I R T H
                                               Waren sie in Uniform oder zivil gekleidet? Vermummt, bewaffnet?
    hat fast vier Jahrzehnte in Graz gelebt.
                                               Welche Waffen? Waren es nun fünf oder sechs? Wenn Sie das per-
    Als Rechtsanwalt war er auf Asyl-
                                               sönlich erlebt haben, werden sie das wohl sagen können. Das muss
    rechtsfragen spezialisiert. Seine Kanz-
                                               ja ein einschneidendes Erlebnis gewesen sein, da kann ich wohl
    lei hat er Ende 2019 geschlossen und
                                               erwarten, dass Sie mir das etwas genauer schildern können. Gerü-
    Graz daraufhin verlassen. Der Plan,
                                               che, Lichtverhältnisse, Wetter, Temperatur, ich will Details hören.
    sich dann mit der Familie eine Zeit
                                                        In Verkehrsunfallprozessen wollen technische Sachver-
    lang durch die Welt treiben zu lassen,
                                               ständige oft wissen, wie weit entfernt das gegnerische Fahrzeug
    wurde von der Pandemie durchkreuzt.
                                               zum Zeitpunkt des ersten Wahrnehmens war. Manche belustigen
    Auf Reise gingen sie dennoch, allein
                                               dann die Antworten, genüsslich rechnen sie vor, weshalb sie tech-
    die Schritte wurden kleiner und führten
                                               nisch unmöglich stimmen könnten. Bei Befragungen von schutz-
    die Familie bisher in die Pinzgauer
                                               suchenden Menschen kann meist kein technischer Beweis oder
    Berge, nach Wien und Hamburg. Dem
                                               Gegenbeweis erbracht werden. Die unzureichende Präzisierung
    Asylrecht widmet sich Frühwirth wei-
                                               wird dann als Vagheit beschrieben, die für die Unglaubwürdigkeit
    terhin als Vortragender in Schulungen
                                               des Vorgebrachten spreche.
    und Seminaren, ansonsten beobachtet
    er viel, die Entwicklung seiner Kinder
                                                        IX.
    und die der Welt.
                                               Ich weiß nicht, ob meine Erinnerung an den Moment auf der
                                               Augartenbrücke dem tatsächlich Geschehenen entspricht. Der
                                               Mann, den ich im Gerichtssaal als Angeklagten sah, hatte nicht
                                               einmal ansatzweise Ähnlichkeit mit dem Bild des grölenden Fah-
                                               rers in meiner Erinnerung. Ich weiß nicht, ob ich kurz vor der
                                               Einmündung in die Brücke stand oder dreißig Meter davor, als der
                                               Pick-up in die Kreuzung einfuhr. In meiner Erinnerung flog der
                                               Radfahrer über den Pick-up. Ich weiß nicht mehr, wie die junge
                                               Frau aussah, die dem Radfahrer ihre Wasserflasche reichte, bin
                                               nicht mehr sicher, ob ich ihm wirklich eine Banane anbot. An die
                                               Farbe seines Fahrrads kann ich mich nicht erinnern, ich glaube
                                               mich daran zu erinnern, dass es keine Kotflügel hatte. Ich weiß
                                               nicht mehr, ob ich das Fahrrad mit zu mir nach Hause, mit in mein
                                               Büro oder gar nicht mitnahm. Ich glaube, der Radfahrer war am
                                               Knie verletzt, es könnte aber auch das Schienbein gewesen sein.
                                                        Die Amokfahrt ist sechs Jahre her. Ich habe in meiner
                                               Erinnerung ein klares Bild von manchen Abläufen, von manchen
                                               weiß ich gar nichts mehr. Das war schon wenige Tage danach so.
                                               Selbst bei dem, was mir immer noch so klar erscheint, bin ich
                                               unsicher. Ich wage es nicht zu recherchieren, ob der Amokfahrer
                                               wirklich einen Pick-up fuhr. Würde man mich lange fragen, ich
                                               würde bei jedem Detail zu schwanken beginnen. Sicher bin ich
                                               mir bei meinen Gefühlen, aber die würden, käme es auf meine
                                               Beschreibung an, als zu vage abgetan werden.

                                                                      R O N A L D   F R Ü H W I R T H

                                                                       hat vor einigen Monaten Graz
                                                                              nach 39 Jahren hinter
                                                                                      sich gelassen.
K O L U M N E                                                                                                                    M E G A P H O N   /   1 5

                                                                                                                       P R E C I O U S   P E O P L E

                                                                                                                     heißt die Megaphon-Kolumne
                                                                                                                         von Precious Nnebedum,
                                                                                                                        in der sie sich mit anderen
                                                                                                                   Grazer:innen über Themen, die
                                                                                                                     bewegen, unterhält und damit
                                                                                                                      empowert. Diesmal mit ihrer
                                                                                                                           Freundin Pamela Gyan.

    Precious People (3):                                      „I’m a whole sweetness!“, das ist
                                                    nun mein Motto für das Leben.
                                                                                                   len und als Hexe zu gehen. Die Mädchen
                                                                                                   dort, die alle wesentlich älter waren als ich,
    Pamela Gyan über                                          Mein Name heißt aus dem Grie-        haben angeboten, mir mit meinem Make-

    Einflüsse ihrer Jugend
                                                    chischen übersetzt „die ganz Süße“ und ich     up zu helfen. Als naive 6-Jährige willigte
                                                    würde sagen, dass ich nun diesen Namen         ich ein, ohne irgendeinen Hintergedanken
                                                    komplett verkörpere. Allerdings war meine      zu erahnen. An jenem Tag lernte ich, was
                                                    Selbstwahrnehmung nicht immer positiv          das „N-Wort“ bedeutet, als mich andere
    T E X T :   P R E C I O U S   N N E B E D U M
                                                    geprägt. In meiner Jugend war ich sehr naiv    Kinder auslachten und ich es danach auf
    F O T O S :   M O H A D E S E    P A N A H I
                                                    und ging mit rosaroten Brillen durch das       meiner Stirn las. Nach diesem Vorfall ver-
                                                    Leben. Ich habe jeder Person Vertrauen         lor ich jegliche Motivation, in den Hort zu
                                                    geschenkt, mit der Erwartung, dass jede:r      gehen.
                                                    es gut mit mir meinte, nur musste ich leider             Obwohl mir meine schwere Ju-
                                                    auf die harte Tour lernen, dass das nicht      gend dazu verholfen hat, dass ich mir eine
                                                    immer der Realität entspricht.                 dickere Haut zulegte, wünsche ich keinem
                                                              Meine Kindheit und Jugend haben      Kind eine solche Zeit. Aber hey! Dadurch
                                                    die derzeitige Wahnehmung meines Selbst        habe ich gelernt, wenn gute Zeiten ver-
                                                    und meiner Umwelt stark beeinflusst. Auch      gehen können, dann können schlechte
                                                    wenn ich sehr schöne Erfahrungen sam-          genauso schnell vergehen!
                                                    meln durfte, muss ich leider zugeben, dass
                                                    die negativen Erlebnisse meiner Jugend die
                                                    positiven überwogen.
                                                              In der Volkschule wurde ich nicht
                                                    immer angemessen behandelt. Meine
                                                    Mitschüler:innen haben mich oft auf-
                                                    grund meines Namens, Aussehens und
                                                    Körperbaus gehänselt. Meine Familie war
                                                    zu der damaligen Zeit die einzige Schwar-
                                                    ze Familie in der ländlichen Siedlung und
                                                    wir haben von Anfang an gemerkt, dass
    P R E C I O U S   N N E B E D U M               wir nicht willkommen waren. Die Namen,
    (1997 Nigeria) ist mehrsprachige                die ich in der Volksschule und im Hort
    Poetin, Künstlerin und Afrikanerin              genannt wurde, werde ich so schnell nicht
    in Diaspora. Zusammen mit zwei                  wieder vergessen.
    Freundinnen leitet sie die Gruppe                         An ein Ereignis im Hort kann ich
    TANAKA für junge Menschen                       mich sehr gut erinnern. Bei der Halloween-
    mit Migrationsgeschichte. Sie lebt              Party waren alle Kinder verkleidet und ich
    mit ihrer Familie in Graz.                      beschloss, mich selber im Gesicht anzuma-
T I P P S                                                                                                                                1 6   /   M E G A P H O N

                                          Elektrisierend                    Von innen                                           Triathlon

                                      2 .– 6 .   J U N I   2 0 2 1      B I S   5 .   J U N I   2 0 2 1,                    26. J U NI 2021
                                      Graz verwandelt sich              Forum Stadtpark, Graz                               10–20. U HR
                                      fünf Tage lang in einen           Julian Palacz befasst sich in                       Anlage Sand und Meer, Graz
                                      Hotspot für elektronische         seinen Arbeiten vornehmlich                         Fußball, Beachsoccer und
                                      Musik und Kunst. Das              mit der Macht und Mechanik                          Footvolley – das sind die drei
                                      Springfestival bringt be-         von Überwachung. In seinem                          Disziplinen des ersten Gra-
                                      kannte Performer:innen            neuesten Projekt „Handle                            zer Fußball-Triathlons. Acht
                                      und Newcomer:innen,               with Care“ wird er selbst zur                       bis zehn Mannschaften mit
                                      unter anderem Chris               Instanz des Überwachenden.                          fußspezifischem Können und
                                      Liebing und Juju, in die          Er verschickt Sendungen mit                         Ausdauer treten gegenein-
                                      einzigartige Festival-Lo-         Kameras und Mikrofonen                              ander an. Alle Spieler:innen
                                      cation: das ganze Grazer          präpariert, um Einblick hin-                        sollten älter als 30 Jahre sein
                                      Stadtzentrum. Tickets:            ter die Kulissen des Versand-                       und in jedem Team muss sich
            Foto: lienhof.at

                                      spielstaetten.buehnen-            systems zu erlangen.                                zumindest eine Frau unter
                                      graz.com

            Tipps
                                                                        F R E I E R    E I N T R I T T                      den „Elf“ befinden.

                                                                                                                                                            GE
                                                                                                                                                           WINN
                                           Filmhauptstadt                                  Me, We von David Clay Diaz                                     SPIEL

                                      1 8 .–1 3 .   J U N I   2 0 2 1   M I T T W O C H ,       9 .   J U N I ,   1 6   U H R
                                      Die Diagonale, DAS Fes-           Helmut-List-Halle, Graz
                                      tival des österreichischen        (AT 2020) Marie fährt ans Mittelmeer, um Menschen in Seenot
                                      Films, startet mit dem Er-        zu helfen. Marcel gründet einen Geleitschutz für Frauen vor „über-
                                      öffnungsfilm’21 „Fuchs im         griffigen Migranten“. Petra nimmt einen traumatisierten Geflüch-
                                      Bau“ von Regisseur Arman          teten auf. Und der Asylheimleiter Gerald wird von einem Bewohner
                                      T. Riahi. Die Reihe „Zur          auf die Probe gestellt. In David Clay Diaz’ prominent besetztem
                                      Person“ rückt die Regis-          Spielfilm prallen rechte und linke Weltsichten aufeinander – beide
                                      seurin Jessica Hausner in         mit dem Anspruch des Absoluten.
                                      den Fokus. Im historischen
                                      Special wird das Wechsel-
            © Diagonale/Theresa Wey

                                                                        D I A G O N A L E       G E W I N N S P I E L
                                      spiel zwischen gebauter und       Gewinne 2x2 Tickets für die Vorstellung am 9. Juni 2021 um 16 Uhr.
                                      gelebter Stadt nachvollzie-       Schicke einfach eine Mail an megaphon@caritas-steiermark.at
                                      bar gemacht. Tickets und          bis Montag, 7. Juni 2021. Kennwort: Diagonale-Gewinnspiel. Wir
                                      Infos: www.diagonale.at           wünschen viel Glück!
T I P P S                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                   M E G A P H O N          /   1 7

                                                                                                        Abenteuerlust

                                                                                                  9 .–1 2 .   J U N I   2 0 2 1,
                                                                                                  Kasematten am Schloss-
                                                                                                  berg und Congress Graz
                                                                                                  Das internationale Film-
                                                                                                  festival MOUNTAINFILM
                                                                                                  Graz zeigt heuer 36
                                                                                                  Filme zwischen 5 und 95
                                                                                                  Minuten aus dem Genre
                                                                                                  Alpinismus. Beein-
                                              Pretty Strong © NeverNotCollective

                                                                                                  druckende Natur- und
                                                                                                  Kulturdokumentationen
                                                                                                  zeigen spektakuläre
                                                                                                  Aufnahmen. Eine inter-
                                                                                                  nationale Jury kürt die
                                                                                                  Gewinner:innen.

                                    Baumtour

       Fichte? Zirbe? Expert:innen
     vom Bundesforschungszentrum                                                                                                                                                          MEINE HITS. MEIN GRAZ.
        für Wald laden zum Stadt-
       spaziergang ein, um Wissen
      über Bäume und ihre Klima-
          Wirksamkeit zu teilen.
              11.   J U N I   2 0 2 1,   1 0 –13                                                U N D   1 4 –17   U H R ,

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                160
                          F R E I H E I T S P L AT Z                                                G R A Z
            A N M E L D U N G :   M E D I A @ B R E AT H E E A R T H . N E T

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                     162
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                         40. Jahrgang

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                             165
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                        #160/2019
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                     für Literatur,
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Kunst und
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                       Zeitkritik
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                    Zeitschrift

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                            41. Jahrgang
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                           #162/2020
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                        für Literatur,
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                         Kunst und
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                          Zeitkritik
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                       Zeitschrift
                                                                                                                                   160

                                                                                                                                                                                                                                                       und
                                                                                                        PoetrySlam
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                    41. Jahrgang

                                                                                                                                                                                                                                                    m
                                                                                                                                                                                                                                                Gold
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                   #165/2020

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                            ijeka
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                für Literatur,

                                                                                                                                                                                                                                        zis &
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 Kunst und
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  Zeitkritik

                                                                                                                                                                                             : Na                                                                                                                                                                                       dt R
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                               Zeitschrift

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                               ptsta
                                                                                                                                                                              162

                                                                                                                                                                            nkt                                                                                                                                                                                         rhau
                                                                                                                                                                             162

                                                                                                                                                                       erpu                                                                                                                                                                                         ltu
                                                                                                                                                                   Schw                                                                                                                                                                                      e r Ku
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                        us d
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                    ur a
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                erat
                                                                                                                                                                                                                                                                t: Lit
                                                                                                                                                                                                                                                                 165

                                                                                                                                                                                                                                                             unk                                                                                                                                                   d
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                            nd to
                                                                                                                                                                                                                                                                165

                                                                                                                                                                                                                                                   Sch  werp                                                                                                                               rić leben u
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      luča
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  ia K zwischen
                                                                                                  2 2. J U NI 2021, 19 U HR                                                                                                                                                                                                                                                  laud

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                             ,
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                    t e il: C ergänge

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                        WAS
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                               s  t
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                           Kun ckte üb
                                                                                                  Literaturhaus Graz
                                                                                                                                                                                                                                                   Schw

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                     162
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 e
                                                                                                                                                                                                                                                         erpu
                                                                                                                                                                                                                                                             nkt:                                                                                          verst
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                           Liter
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                atur
                                                                                                  Silke Gruber, Emil Kaschka,                                                                                                                                                                                                                          aus Kunst
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                           dveer K teil:

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                             N                                                                               165
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                               rsteucltu Clau

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                       WEN
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                     kterühau dia K
                                                                                                  Klaus Lederwasch und Mar-                                                                                                                                                                                                                                                berpgtsta luča
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                ängdet R rić
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                           für Literatur,
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                            Zeitschrift

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      zwijiseka
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                          Kunst und

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                       41. Jahrgang

                                                                                                  tha Schnuderl duellieren sich                                                                                                                                                                                                                                                              chen
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                        #162/2020
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                         Zeitkritik

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  leben
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                          und
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                tod
                                                                                                                                   Schwerpunkt: Nazis & Goldmund

                                                                                                                                                                                                                               Rijeka

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                             T
                                                                                                  im Städte-Battle Graz vs.
                                                                                                                                                                                                                              Rijeka

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                   für Literatur,

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                       NWCAHS,
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                    Zeitschrift
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                          tod

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  Kunst und

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                               41. Jahrgang
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                        tod

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                #165/2020
                                                                                                                                                                                                              Kulturhauptstadt

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 Zeitkritik
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      und

                                                                                                  Innsbruck. Wer gewinnt den
                                              Foto: Martha Schnuderl © Samira Joy Frauwallner

                                                                                                                                                                                                             Kulturhauptstadt

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                    und
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                leben
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                              leben

                                                                                                  Dichter:innen-Wettstreit um
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                       zwischen

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                       WWEENR
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                     zwischen

                                                                                                  die Gunst des Publikums?
                                                                                                                                                                                                          der
                                                                                                                                                                                                         der

                                                                                                                                                                                                                                                                                                             übergänge
                                                                                                                                                                                                      aus

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                             N
                                                                                                                                                                                                                                                                                                           übergänge
                                                                                                                                                                                                     aus

                                                                                                  Mario Tomić, treibende Kraft
                                                                                                                                                                                            Literatur
                                                                                                                                                                                           Literatur

                                                                                                  der steirischen Slamszene,

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                       N CH
                                                                                                                                                                                                                                                                                                  versteckte
                                                                                                                                                                                                                                                                                                versteckte
                                                                                                                                                                               Schwerpunkt:
                                                                                                                                                                              Schwerpunkt:

                                                                                                  moderiert das wortgewandte

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                             T
                                                                                                                                                                                                                                                                                       Klučarić.
                                                                                                                                                                                                                                                                                      Klučarić.

                                                                                                  Freundschaftsspiel. Karten-

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                        WER
                                                                                                                                                                                                                                                                               Claudia
                                                                                                                                                                                                                                                                              Claudia

                                                                                                  reservierung notwendig.
                                                                                                                                                                                                                                                                    Kunstteil:

                                                                                                  www.literaturhaus-graz.at
                                                                                                                                                                                                                                                                   Kunstteil:

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                    ANZEIGEN
B U C H T I P P   V O N   N A D I N E   M O U S A                                                                                1 8   /   M E G A P H O N

                                                          Das macht Gut
                                                        gegen Böse
                                                        Ein Plädoyer für mehr Engagement und Empathie
                                                        – Denkanstöße inklusive, denn: „Es fühlt sich
                                                        einfach besser an, kein Arsch zu sein.“
                                                                  „Es geht bei allen meinen guten Taten nie nur ausschließlich um die anderen,
    G U T ,   M E N S C H     Z U   S E I N             sondern auch um mich selbst.“ Ehrlich, offen, selbstkritisch. Der Caritas-Geschäftsführer
    ist das erste Buch von                              Klaus Schwertner will in seinem ersten Buch Lust auf das Gute machen, indem er über seine
    Klaus Schwertner, 192 Seiten                        Vergangenheit und seinen Alltag erzählt – und lässt dabei auch hinter die Kulissen seiner
    ISBN 978-3-22215-065-4                              teils polarisierenden Arbeit für und rund um die Caritas blicken. Manche Äußerungen und
    Erhältlich beim Büchersegler                        Aktionen auf seinen Social-Media-Kanälen mögen auf den ersten Klick verwundern, wie
    Mariahilferplatz 5, 8020 Graz                       etwa die Bilder seines Besuchs im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen, bei dem er keine
    www.buechersegler.at                                Fotos machen sollte, schlussendlich aber doch abgedrückt und veröffentlicht hat. Solche
                                                        Postings rütteln wach, üben Druck aus – auf die ganze Gesellschaft, insbesondere aber die
                                                        Politik. Schwertner geht auf die Machtkämpfe im Internet ein und fordert Flowerrain statt
                                                        Shitstorm. Er rückt Dinge in den Fokus, die mensch eigentlich nicht sehen möchte. Sein
                                                        Buch kann als Appell verstanden werden: Kämpfe für das, was richtig und wichtig ist, auch
                                                        wenn dabei die Welt auf den Kopf gestellt werden muss. Ein Versuch, in einer krisenreichen
                                                        Zeit auf das Gute und Schöne zu blicken, um daraus neuen Mut zu schöpfen.

                                                                                                                                                             ANZEIGE

                                                        Lust
                                                    Graz, 25. Juni bis 25. Juli 2021

                                                              styriarte.com
S E L B E R     M A C H E N                                                                             M E G A P H O N   /                   1 9

                                                      Selber
                                                      machen
                                                              Zitronenverbene-Minze-Sirup

                                                                                         6
                                                                                    Noch heiß in sterile Flaschen
                                                                                    füllen, gut verschließen und
                                                                                    kühl lagern.

                                                    1
                                                Zitronenverbene und Minze (am            7
                                                besten aus eigenem Anbau, gute      Flaschen beschriften und nach
                                                Qualität gibt es aber auch auf      Lust und Laune dekorieren. Der
    F O T O :    F A B I A N   W E B E R
                                                den heimischen Bauernmärk-          Sirup hält sich dunkel und kühl
                                                ten) von starken Stielen befreien   gelagert mehrere Monate.

    Sabine Gollmann ist Leiterin                und waschen.

    der sozialen Initiative und                     2                                    TIPP
                                                                                    Der Sirup ist aufgespritzt mit Mineral-

    Straßenzeitung Megaphon – und               Wasser aufkochen und den
                                                Sirupzucker im heißen Wasser
                                                                                    wasser und Eiswürfeln ein herrliches
                                                                                    Erfrischungsgetränk. Dekoriert mit

    begeisterte Selbermacherin.                 auflösen, noch einmal auf-
                                                kochen, bis die Lösung klar ist.
                                                                                    Zitronenscheiben und frischen Kräu-
                                                                                    tern ist das Getränk auch optisch

    In dieser Ausgabe von Selber                Kräuter in die Zuckerlösung
                                                geben.
                                                                                    ein Hingucker. Anstelle von Mineral-
                                                                                    wasser kann man natürlich auch

    machen erklärt sie uns, wie aus                                                 Prosecco oder Sekt verwenden.

    wenigen natürlichen Produkten                   3
                                                Bio-Zitronen in Scheiben

    ein leckerer Sirup für den                  schneiden und in die Kräuter-
                                                Zuckerlösung geben.

    Sommer entsteht.
                                                    4
                                                Kräuter-Zuckerlösung für
                                                36−48 Stunden kühl stellen.
    D U   B R A U C H S T:      1 großer Bund
    Zitronenverbene • 1 kleiner Bund Minze

                                                    5
                                                                                                                              Foto: Pexels/Karolina Grabowska

    (bevorzugt Orangenminze) • 1 kg Sirup-
    zucker für Holunderblüten und Kräuter
    (Das Rezept funktioniert aber auch mit      Sirup durch ein Sieb abseihen
    Feinkristallzucker und etwas Zitronen-      und für 3 Minuten sprudelnd
    säure.) • ¾ l Wasser • 2-3 Bio-Zitronen     kochen.
UR   2 0   /   M E G A P H O N
BAN
Skatement
U R B A N                                                                                                                       M E G A P H O N   /   2 1

                           Eine Neuinterpretation der Straßenverkehrsordnung
                          (StVO) hat dazu geführt, dass die Grazer Skater:innen
                            keine Tricks mehr auf ihren Lieblingsspots machen
                           dürfen. Die Skateszene ist empört, die Stadtregierung
                         paralysiert. Denn über allem steht ein Gesetz. Julia Reiter
                             versucht, dem Konflikt auf den Grund zu gehen.
                                                            T E X T:     J U L I A   R E I T E R

                                                           F O T O S :   P E T E R    P ATA K I

    „Super Ansage im Grazer Sportjahr!“ „So                                                        Skater:innen, nahm sich der Sache an. Was
    sieht reaktionäre Politik gegen Jugend-                                                        unvereinbar schien, konnte durch eine Nut-
    liche aus. Grässlich!“ Als Ende April be-                                                      zungszeitenregelung gelöst werden. Derweil
    kannt wird, dass Skater:innen auf Gehstei-                                                     gewann der Kaiser-Josef-Platz an Beliebtheit.
    gen und Fußgängerzonen ab sofort keine                                                         Die begrenzten Möglichkeiten für Sport
    Tricks mehr machen dürfen, löst das eine                                                       und Begegnung aufgrund der Corona-Maß-
    Welle an Aufregung aus. Diese Verordnung                                                       nahmen und ein genereller Skateboarding-
    kommt nicht zufällig. Sie richtet sich kon-                                                    trend lockten vor allem Kinder und Jugend-
    kret gegen das Skaten am Kaiser-Josef-Platz                                                    liche dorthin. Lärmbeschwerden trudelten
    und Lendplatz. Auch mein erster Impuls:                                                        bei der Stadt ein und das Friedensbüro wur-
    Nicht im Ernst! Wenngleich sich meine be-                                                      de beauftragt, sich des Konflikts anzuneh-
    scheidenen Skateboardskills eher auf den                                                       men. Erste Lösungsvorschläge lagen bereits
    Transitions1 des Volksgarten-Skateparks                                                        am Tisch, als das Trickverbot die Konsens-
    entfalten und mich das Verbot somit nicht                                                      suche abrupt zum Stillstand brachte. „Wir
    direkt betrifft, empfinde ich Mitgefühl für                                                    haben davon erfahren, indem ein Skater von
    meine Rollbrettgefährt:innen. Doch was                                                         einem Polizisten auf recht forsche Art und
    mich irritiert, geht über Skaten hinaus: Ich                                                   Weise darauf hingewiesen wurde, dass das
    werde das Gefühl nicht los, die Skater:innen                                                   ab morgen verboten sei“, erzählt GRÄB-
    sind den Marktplätzen, was die Punks dem       wurden. Was für die einen Poller sind,          Mitglied David Knes, der sich intensiv für
    Erzherzog-Johann-Brunnen waren – ein           stellt für die anderen Curbs2 dar. Es dau-      seine Community einsetzt. „Keiner hat sich
    Störfaktor und ein Reminder, der die Frage     erte nicht lange, bis Streetskater:innen die    ausgekannt weil das Skateboard seit Jahren
    weckt: Wem gehört öffentlicher Raum? Die       Betonklötze für sich entdeckten und ihnen       laut StVO als ‚fahrzeugähnliches Spielge-
    Mediatorin in mir wehrt sich und möchte        neues Leben einhauchten. Der Lendplatz          rät‘ gilt und die Benutzung daher auf Geh-
    der Sache auf den Grund gehen.                 wurde zum Spannungsfeld unterschiedli-          steigen und in Fußgängerzonen gestattet
                                                   cher Bedürfnisse: jenem, vereinzelter An-       ist.“ Sehr gefinkelte Juristen haben es ge-
    Vom Poller zum Verbot                          rainer:innen nach Ruhe, und jenem der           schafft, diese Rechtsansicht von einem Tag
            Alles begann damit, dass 2018          Skater:innen nach Spaß und Bewegung.            auf den anderen auf den Kopf zu stellen.
    Anti-Terror-Poller als Reaktion auf die        Der Verein GRÄB (Grazer Rollbrett Ästhe-        Rollen bleibt zwar erlaubt, Ollies und an-
    Amokfahrt 2015 am Lendplatz aufgestellt        ten Bund), eine Interessenvertretung von        dere Tricks sind aber verboten – laut David
U R B A N                                                                                                                       2 2   /   M E G A P H O N

    Knes eine Wortklauberei und Neuinterpre-       boards macht die Leute einfach fertig“, äu-    einzunehmen anstatt einzelne Plätze zu be-
    tation, die ihm sehr willkürlich vorkommt.     ßert sich Bernhard Dohr, Pressepsrecher        werten. In Graz könnten wir z. B. schauen,
    Willkürlich vielleicht auch deswegen, weil     von Mario Eustacchio (FPÖ), dazu. Fair         wann am Kaiser-Josef-Platz ohnehin Lärm
    das neue Verbot wenig mit dem eigentlichen     enough. Lärm scheint eine subjektive An-       vorhanden ist, und diese Zeiten zum Ska-
    Problem – dem unerwünschtem Klackern –         gelegenheit zu sein. Und war immer schon       ten freigeben. Zu anderen Zeiten müssten
    zu tun haben scheint.                          Beschwerdebringer Nr. 1 für Skater:innen.      andere Orte zur Verfügung gestellt werden.
                                                            Ich wende mich an den deutschen       Ein Ansatz, den es für den Platz auch schon
    Wirbel und Wildpinkeln                         Raum- und Stadtplaner Wouter Mikmak.           gab. Doch Lärm scheint nicht das einzige
             „Der Verkehrslärm trägt in Bal-       Seine langjährige Leidenschaft Skaten hat      Problem zu sein. Eine Befragung der Nut-
    lungsräumen etwa 70 bis 80 Prozent zur         ihn veranlasst die „Brille der Möglichkei-     zer:innen des Kaiser-Josef-Platz durch das
    Lärmbelastung der BewohnerInnen bei“,          ten“ auch beruflich zu nutzen, indem er die    Friedensbüro ergibt als größtes Manko Müll
    heißt es im Grazer Lärmkompass. „Unter-        Perspektive von Streetskateboarder:innen       und Verschmutzung. „Interessant, dass
    schieden werden bei Verkehrslärm die Be-       in die Stadtplanung integriert. „Das Prob-     Lärm dort nicht das Hauptproblem zu sein
    reiche Straße (Pkw, Lkw, Busse, einspurige     lem beim Skaten ist, dass es keinen fließen-   scheint“, findet Jutta Dier, Leiterin des Frie-
    Kfz), Schiene und Flugverkehr, wobei für       den Lärm produziert sondern Lärmspitzen        densbüros. „Die Verschmutzung hat hinge-
    Graz in erster Linie der Straßenverkehrs-      beinhaltet“, erklärt er. „Diese stechen he-    gen mehr mit dem Partyvolk zu tun. Durch
    lärm als Verursacher anzuführen ist.“ (Ska-    raus und werden anders wahrgenommen,           das neue Verbot wird sich der Konflikt da-
    ten wird im Lärmkompass übrigens nicht         auch wenn sie rein rechnerisch nicht un-       her wohl kaum beruhigen.“ Auch was den
    erwähnt.) Spätestens seit sich FPÖ-Ge-         bedingt lauter sind als z.B. bereits vorhan-   Lärm angeht, sieht sie schwarz. „Ich halte
    meinderat Armin Sippel in einer Gemein-        dener Autolärm.“ Aktive Schallschutz-          es nicht für sinnvoll, ein solches Problem
    deratssitzung als glühender Auto-Fan ge-       maßnahmen am Skateboard seien nicht            über eine Sicherheitsgesetzgebung zu lösen.
    outet hat, ist bekannt: Die FPÖ wird nicht     möglich. Passive Schallschutzmaßnahmen         Diese dient dem Schutz von Verkehrsteil-
    diejenige Partei sein, welche die städtische   auf innerstädtischen Plätzen machen stadt-     nehmer:innen, nicht der Bekämpfung von
    Hauptlärmquelle in Angriff nehmen wird.        planerisch zumeist wenig Sinn. Daher las-      Wildpinkeln, Partylärm und Müll.“
    Umso mehr irritiert es mich, dass sich sel-    se sich der Konflikt von den harten Fakten
    bige Partei nun als Bekämpferin von Lärm       her auch nicht auflösen. Der bislang erfolg-   Kein Bock auf Domestizierung
    und Personengefährdung durch Skater:in-        reichste Umgang mit Lärmproblemen sei,                  Lärm und Müll. Klassische Schlag-
    nen präsentiert. „Autolärm schön und gut,      Nutzungszeiten festzulegen. Ganz wichtig       wörter eines Nutzungskonflikts im öffent-
    aber das Klackern und Kleschen der Skate-      dabei: eine gesamtstädtische Perspektive       lichen Raum. Warum es so wichtig wäre,
U R B A N                                                                                                     M E G A P H O N   /   2 3

    diese Hürden zu überwinden, zeigt eine ak-         bild von einem Wildschwein stehen, auf das
    tuelle Observer-Studie (Oktober 2020). Das         Sie genauso gut schießen können.“ Jede:r          Der Kaiser-Josef-Platz
    Sport- und Freizeitverhalten der Menschen          Jäger:in würde widersprechen und so wird          und der Lendplatz sind
    soll sich durch die Lockdown-Erfahrung             es auch beim Skaten sein. Wouter Mik-           beliebte Spots für Grazer
    massiv verändert hat. Knapp ein Drittel der        maks Rat: „Um besser zu verstehen, muss                    Skater:innen.
    Befragten haben weniger Sport betrieben.           man sich überlegen, woher Dinge kommen
    Weniger Bewegung kann sich negativ auf             und wohin sie sich entwickeln.“ Skaten ist
    die Gesundheit auswirken und in weiterer           in den 1960er-Jahren in den USA als Fort-
    Folge volkswirtschaftliche Schäden herbei-         setzung des Surfens entstanden. Anfangs
    führen. Skaten hat in dieser bewegungs-            wurden Ditches3, später wegen Dürreperio-
    armen Zeit hingegen einen kleinen Boom             den leerstehende Swimmingpools geskatet.
    erlebt. Denn Skaten ist kein Kontaktsport,         Mit zunehmender Beliebtheit kam auch die
    ist sehr niederschwellig und ideal für sozi-       Kriminalisierung. Seit seiner Entstehung
    alen Austausch. Der Zeitpunkt des Trick-           steht Skaten im Konflikt mit dem Gesetz.
    verbots könnte also kaum ungünstiger               Mensch könnte fast sagen: It’s part oft the
    sein. Besonders problematisch sieht Lisa           game. „Wenn Skater:innen sich Spots zu
    Veith-Gruber, Obfrau des Vereins GRÄB,             eigen machen, werden sie kreativ tätig und
    die Einschränkungen am Kaiser-Josef-               interpretieren die Stadt neu“, erklärt Wouter
    Platz: „Diese treffen in erster Linie jun-         Mikmak den Reiz des Streetskatings. „Ein
    ge Menschen und das sind dieselben, die            Skatepark hingegen ist ein optimierter
    bereits durch Corona stark eingeschränkt           Zweckraum. Er ist vorinterpretiert. Wenn
    wurden.“ Das Institut für Bewegungswis-            Plätze verboten und Ersatzhabitate ange-
    senschaften der Universität Graz teilt ihre        boten werden, dann sind diese immer nur
    Meinung: „Damit Kinder und Jugendliche
    in Bewegung bleiben, müssen wir ihnen
    die Freiheit lassen, ihren Bewegungsdrang
    ohne massive Hindernisse auszuüben.“ Ein
                                                                  Tina (27) Ich skate
    Skateverbot erscheine da als „jugend- und              fast jeden Tag, weil es
    bewegungsunfreundliche Politik“.
             Was den Zeitpunkt des Trickver-               Spaß macht, psychi-
    bots weiters verungünstigt, ist das Grazer
    Sportjahr 2021. Dieser unglückliche Zu-                scher und physischer
    fall (denn mehr ist es tatsächlich nicht) hat
    unter den Zyniker:innen auf den Sozialen               Ausgleich ist, weil man
    Medien sofort eingeschlagen. Der Grazer
    Sportsamtleiter Thomas Rajakovics sagt                 Freund:innen trifft und
    dazu: „Das Sportjahr für alle existiert auch,
    wenn man auf zwei Plätzen nicht mehr ska-              einander begegnet.
    tet. Man kann auch nicht überall Tennis
    oder American Football spielen und trotz-              Am liebsten skate ich
    dem bleibt Graz eine Sportstadt.“ 600.000
    Euro möchte die Stadt investieren, um die
                                                           am Kaiser-Josef-Platz. Ich kann die Anrai-
    Grazer Skateparks auszubauen. Wer an ei-
    nem sonnigen Nachmittag schon mal ver-
                                                           ner:innen aber verstehen. Ich brauch auch
    sucht hat, Slalom durch den überfüllten
    Volksgarten zu fahren ohne zu kollidieren,
                                                           meinen Schlaf, wenn ich am nächsten Tag
    weiß die Investition zu schätzen. Wer meint,
    dies sei die Lösung, um Skater:innen von
                                                           arbeite. Deswegen haben wir echt versucht,
    den öffentlichen Plätzen wegzukriegen, hat
    sich noch nie ernsthaft mit dem Thema be-
                                                           uns an die Regeln zu halten, Müll wegzu-
    schäftigt. „Stellen Sie sich vor, Sie sind Jäger       räumen und Zeiten einzuhalten. Skateparks
    und wollen im Wald Tiere schießen“, startet
    der Raum- und Stadtplaner Wouter Mik-                  sind wichtig und gut, aber es braucht auch
    mak einen Veranschaulichungsversuch.
    „Da kommt jemand und verbietet Ihnen                   die öffentlichen Plätze als Orte der Begeg-
    das, weil es zu laut sei. Er schickt Sie in die
    Halle zum Sportschießen. Dort soll ein Ab-             nung – gerade zu Zeiten von Corona.
U R B A N                                                                                                     2 4   /   M E G A P H O N

                                   Luca (22) Ich skate, seit ich drei Jahre alt bin.
                         Es gehört einfach zu mir. Skatepark ist schwierig,
                         weil dort oft kleine Kinder rumfahren. Darum ist
                         der Kaiser das Herzstück. Die Stimmung hier ist
                         toll, keine bad vibes, kein Streit – also vor dem
                         ganzen Verbot. Jetzt muss man halt die ganze Zeit
                         schauen, ob die Cops kommen. Ein Kumpel von
                         mir wurde letztens sogar fast von einem Typen
    attackiert. Ich habe das Gefühl, Beschwerden gehen immer über drei
    Ecken. Die Anrainer:innen wenden sich nicht direkt an uns, sondern
    an jene, die Verbote veranlassen. Für die Verschmutzung sind wir
    oft der Sündenbock. Dabei haben wir vorhin sogar Glassplitter weg-
    gefegt. Ich denke schon, dass wir auf unser „Revier“ achten. Die
    meisten von uns sind so respektvoll und uns ist der Platz hier auch so
    viel wert, dass wir definitiv Zeiten einhalten würden.

                                   Substitut.“ Domestizierung des Skatens        Bundesgesetz widersprechen würden.“ Ge-
                                   nennt es der Raumplaner und warnt mit         staltungspotential gäbe es am Kaiser-Josef-
                                   einem verschmitzten Lächeln: „Skater:in-      Platz und Lendplatz schon, indem mensch
                                   nen aus ihrem natürlichen Lebensraum          diese als Spielstraßen definiert. Dass die
                                   herauszunehmen und in einen kompri-           beiden Plätze bereits sehr vielfältig genutzt
                                   mierten Raum zu stecken, wird auf Dauer       werden, macht das allerdings schwierig.
                                   nicht funktionieren. Es wird immer Leute      Eine einzelne Privatperson hat es also ge-
                                   geben, die dort fahren, wo sie Bock haben.“   schafft, die Nutzung zwei der beliebtes-
                                                                                 ten Grazer Plätze auf den Kopf zu stellen.
                                   Alle über ein Deck geschert                   Hunderte von Nutzer:innen müssen die
            I N F O                         Wenn wir im öffentlichen Leben       Rechnung bezahlen. Die Verhältnismä-
    Um dieses Gesetz dreht         Einschnitte erfahren, ziehen wir meist je-    ßigkeit finden auch einige Polizist:innen
    sich aktuell alles: Straßen-   manden dafür zur Verantwortung. Viel-         fragwürdig, wie ein zufälliges Aufeinan-
    verkehrsordnung § 88.          leicht gehen wir auf die Straße, um zu de-    dertreffen mit ihnen zeigt. Ich bin ehrlich
    Spielen auf Straßen.           monstrieren. Zumindest vergeben wir am        gesagt überrascht, ja fast berührt von dem
    (2) Spiele auf Gehsteigen      Wahltag unser Kreuzerl anderwärtig. Was       respekt- und verständnisvollen Austausch
    oder Gehwegen und deren        diesen Fall so komplex macht: Niemand         zwischen Skater:innen und Exekutive. Für
    Befahren mit fahrzeugähn-      scheint das Verbot zwar ganz zu ignorie-      sie sei es auch mühsam, etwas abzustrafen,
    lichem Spielzeug und ähn-      ren, es fühlt sich aber auch niemand so       das so gut wie niemanden stört, erklären
    lichen Bewegungsmitteln in     recht verantwortlich. „Die aktuelle Rechts-   uns die Beamt:innen. Ein Blick auf die Seite
    Schrittgeschwindigkeit sind    auskunft wurde von einem Anrainer einge-      skaterlaerm.at kratzt dann doch an meinem
    gestattet, wenn hierdurch      holt“, sagt Jugend- und Sportstadtrat Kurt    Eindruck, niemand aus den Reihen der
    der Verkehr auf der Fahr-      Hohensinner (ÖVP). „Die Polizei sieht sich    Stadtpolitiker:innen hätte mit dieser ver-
    bahn oder Fußgänger nicht      nun an diese Rechtsauskunft gebunden          fahrenen Situation zu tun. Unter dem Slo-
    gefährdet oder behindert       und verhängt Strafen. Als Stadt können        gan „Ruhe statt Skaterlärm!“ machen die
    werden. [...]                  wir keine Regelungen treffen, die einem       FPÖ-Bezirksorganisationen Lend und St.
Sie können auch lesen