WIRTSCHAFT JUNGE - FRAUEN IN DER WIRTSCHAFT - Wirtschaftsjunioren Deutschland
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JUNGE
WIRTSCHAFT
Das Magazin der
Wirtschaftsjunioren
Deutschland
#6_2018
3,10 € B59654
FRAUEN IN
DER WIRTSCHAFTJunge Wirtschaft #06-2018 EDITORIAL | SCHWERPUNKT 3
MEHR HANS ALS FRAU
LIEBE JUNIORINNEN,
LIEBE JUNIOREN,
Tiefschwarz, marineblau, steingrau – das auch aus einem ganz banalen Grund: Sie ist Auch in der Politik sieht es nicht bes-
Farbspektrum auf Business Events ist oft oft die einzige Frau. Die Wirtschafts- und ser aus. Seit 1949 gab es 692 beamtete
sehr einseitig. Hier und da blitzt eine bunte Finanzelite ist immer noch ein Herrenclub. Staatssekretäre, fast alles Männer, hat „Die
Socke unter dem Hosensaum hervor. Vor Nur knapp 12 Prozent der Vorstands- Zeit“ recherchiert. Nur drei Prozent waren
einigen Jahren glich das noch einer Revo- mitglieder der 30 Dax-Konzerne sind weib- Frauen. 24 Mal hat es ein Hans bis an die
lution – mittlerweile hat man sich daran lich. Wenn man MDax, SDax und TecDax Spitze geschafft, 19 Mal eine Frau.
gewöhnt. Dennoch gilt: Die Wirtschaftswelt hinzurechnet, sinkt der Anteil sogar auf Chancengleichheit und Gleichberechti-
könnte bunter sein. rund 7 Prozent. Simone Menne, die wir für gung sollten im 21. Jahrhundert eine Selbst-
Christine Lagarde, Chefin des Internati- die aktuelle Ausgabe interviewt haben, war verständlichkeit sein. Zahlreiche Studien
onalen Währungsfonds, fällt auf. Auf Fotos 2012 – vor gerade einmal sechs Jahren – belegen, dass gemischte Teams innovati-
sticht sie nicht nur aufgrund ihrer Vor- die erste Finanzvorständin im deutschen ver sind und ausgewogenere Entscheidun-
liebe für farbige Kleidung hervor, sondern Aktienindex. gen treffen.
Im Mittelstand scheint diese Botschaft
schon angekommen zu sein. Jedes fünfte
Mitglied der Geschäftsleitung ist weiblich.
Oft geht man das Thema hier ein Stück
pragmatischer an. Auch wenn das Ende der
„Die Wirtschaftswelt
könnte bunter sein.“
KRISTINE LÜTKE
Fahnenstange noch längst nicht erreicht ist,
stimmen die Zahlen optimistisch. Gesell-
schaftliche Veränderungen erreicht man
eben nicht mit der Brechstange. Es braucht
einen langen Atem.
Zu oft nehmen Frauen stereotype Spiel-
regeln einfach hin. Aus meiner eigenen
Erfahrung kann ich sagen: Kämpfen lohnt
sich.
Mit herzlichen Grüßen
Eure
Kristine Lütke
Bundesvorsitzende der
Wirtschaftsjunioren Deutschland
©
WJD/Inga Kjer4 SCHWERPUNKT | INHALT Junge Wirtschaft #06-2018
_ Schwerpunkt _ Wirtschaftsleben _ Unser Verband
6 Der Leitartikel: 14 Gesichter der 22 Aktuelles aus
Mehr Flexibilität, Jungen Wirtschaft: dem Bundesvorstand:
mehr Chefinnen Vanessa Weber im Porträt Bundeskonferenz und
Delegiertenversammlung
10 Namensbeitrag von 18 In der Kantine mit: in Augsburg
Claudia Große-Leege: Simone Menne,
Unterschätzt, übersehen und DAX-Aufsichtsrätin 26 Gewinner der
unterrepräsentiert – zur Rolle Bundespreise 2018
von Frauen in der Wirtschaft
28 Rückblick zum G20
12 Best Practice: Jungunternehmergipfel
Wirtschaftsjuniorinnen aus in Argentinien
Nordrhein-Westfalen
schwimmen gegen den Strom 30 „Start-Up Your Future“
beim Bürgerfest des
Bundespräsidenten
31 1000 Chancen-Tour durch
Augsburger Unternehmen
©
WJD/Sebastian Weimar
32 Premiere der
JCI-Trainings im Iran
©
Getty Images
©
Ulf PieconkaJunge Wirtschaft #06-2018 INHALT | SCHWERPUNKT 5
JUNGE
_ Junioren vor Ort _ Service WIRTSCHAFT
Impressum
Magazin der Wirtschaftsjunioren Deutschland
34 Der World 42 Neues aus der Herausgeber
Wirtschaftsjunioren Deutschland e.V.
Cleanup Day 2018 Geschäftsstelle Breite Straße 29
10178 Berlin
35 Wirtschaftsjunioren
Redaktion
in Brüssel zu Gast
Sandra Koch (Pressesprecherin)
Aileen Lehmann
36 Know-how-Transfer Melanie Vogelbach
im Bayerischen Landtag Ben Bügers
Stephanie Seltz
Magdalena Riedel
37 Ausbildungsnacht der Michelle Schröder
Wirtschaftsjunioren Heilbronn-
Franken Wirtschaftsjunioren Deutschland e.V.
Breite Straße 29
10178 Berlin
38 Kurzmeldungen: Tel. 030 20308-1520
WJ-Projekte aus ganz ©
WJD jw@wjd.de
www.wjd.de
Deutschland
Namentlich gekennzeichnete Artikel geben nicht
unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.
Abbildungen
Titel, S.6: Getty Images
Bezugspreis
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Jahresabonnement 18,60 €
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Die Zeitschrift wird den Mitgliedern (WJD) im
Rahmen der Mitgliedschaft ohne Erhebung einer
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sechsmal im Jahr. Nachdruck oder Vervielfältigung
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Wirtschaftsjunioren Heilbronn- einzelner oder aller Beiträge in jedweder, auch
Franken digitaler, Form und deren Verbreitung sind nur
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Beilage
Weitere Informationen zur Beilage im Heft unter:
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Auflage
11.000 ExemplareMEHR FLEXIBILITÄT,
MEHR CHEFINNEN
Vielfalt steigert die Innovationskraft und damit den unternehmerischen Erfolg,
belegen Studien. Während Dax-Konzerne noch mit dem Wandel kämpfen, zeigen
Mittelständler und Start-up-Gründer, wie es besser geht.8 SCHWERPUNKT | FRAUEN IN DER WIRTSCHAFT Junge Wirtschaft #06-2018
Von Förderprogrammen für Frauen auch kein vorgefertigter Maßnahmenka- Die Befragung von Mitarbeitern aus
und Diversity-Strategien aus dem Kata- talog, der die Vielfalt der individuellen 1.700 Unternehmen in acht Ländern hat
log hält Personalchefin Heidrun Hausen Bedürfnisse aller Mitarbeiter ohnehin gezeigt, dass Firmen mit hoher Vielfalt
wenig. Um gemischte Teams beim bay- nur schwer abbilden kann“, sagt Perso- auf Führungsebene fast die Hälfte ihrer
erischen Klebstoffhersteller Delo zu för- nalchefin Hausen. „Persönliche Leistung Umsätze mit Produkten oder Dienstleis-
dern, will sie vielmehr alte Denkmuster zählt, damit wir insgesamt als Unterneh- tungen generieren, die in den vergan-
durchbrechen. „Personalverantwortung men erfolgreich sind. Deshalb müssen genen drei Jahren neu auf den Markt
zu übernehmen darf nicht mehr als allei- wir alle Mitarbeiter individuell fördern – gekommen sind. Warum schaffen es
niger Königsweg gesehen werden, um im unabhängig von Geschlecht, Nationalität trotzdem nur wenige Unternehmen, die
Job erfolgreich zu sein“, sagt die Perso- oder familiärer Herkunft.“ Aufstiegschancen für Frauen zu verbes-
nalchefin, die für 750 Mitarbeiter zustän- sern? Und warum bleibt die Firmengrün-
dig ist. Denn: Wer Fachkarrieren und Ideen entstehen in dung eine Männerdomäne?
individuelle Weiterbildung fördere, biete Zwei US-Forscherinnen argumen-
allen Mitarbeitern mehr Chancen, ihre gemischten Teams tieren, dass viele Verbesserungsansätze
Stärken zu zeigen und mit Leistung zu auf einem Denkfehler beruhen. „Gut
überzeugen – egal, ob Mann oder Frau. Wie stark Vielfalt den unternehmeri- gemeinte, aber meist wenig wirksame
Damit berufliche Ambitionen und schen Erfolg steigert, zeigen viele Stu- Interventionen konzentrieren sich dar-
Privatleben nicht kollidieren, versucht dien: Unternehmen mit gemischten auf, Frauen ‚zu reparieren‘ oder ihnen
Delo, Freiheiten zu gewähren. Wer nicht Teams und Frauen in Führungspositio- entgegenzukommen – anstatt zunächst
„Mehr Frauen sollten
zu leitenden Positionen
einfach ‚Ja’ sagen, ohne zu
zögern. Deshalb brauchen
wir Vorbilder, die stärker
sichtbar sind.“
KRISTINE LÜTKE
©
WJD/Inga Kjer
gerade im Schichtbetrieb in der Produk- nen sind deutlich innovativer als homo- die Umstände zu verändern“, schrei-
tion arbeitet, darf Gleitzeit nutzen und gene und männerdominierte Organisa- ben Catherine Tinsley, Professorin für
von zuhause arbeiten. Wer seine Stunden tionen, belegt zum Beispiel eine Aus- Management an der Georgetown Uni-
reduzieren will, kann aus 40 verschiede- wertung des Beratungsunternehmens versity in Washington, und Robin Ely,
nen Teilzeitmodellen wählen. In Eltern- Boston Consulting Group: „Die wich- Professorin für Business Administra-
zeit sind derzeit 17 Väter. tigste Erkenntnis unserer Umfrage ist tion an der Harvard Business School in
Mit Sabine Herold steht seit zwei ein starker und statistisch signifikanter Boston, im „Harvard Business Mana-
Jahrzehnten eine Frau an der Spitze des Zusammenhang zwischen der Vielfalt in ger“. „Die Lösung für das Problem des
Unternehmens – als Teil eines dreiköp- Management-Teams und Innovation“, mangelnden beruflichen Vorwärtskom-
figen Teams in der Geschäftsführung. schreiben die Autoren in der zu Jahres- mens von Frauen liegt nicht darin,
Insgesamt sind auf oberster Führungs- beginn auf Englisch veröffentlichten Stu- Frauen oder ihre Vorgesetzten besser zu
ebene zu 30 Prozent Frauen vertreten. die „How diverse leadership teams boost machen.“ Sondern der Schlüssel sei, jene
„Eine Quote kam für uns nie in Frage, innovation“. Bedingungen zu beseitigen, die FrauenJunge Wirtschaft #06-2018 FRAUEN IN DER WIRTSCHAFT | SCHWERPUNKT 9
benachteiligen und Geschlechterstereo- beitern, das die beiden heute leiten. Ein kraft in Vollzeit arbeiten will, muss die-
type befördern. Schülerwettbewerb für Businesspläne sen Wunsch bewusst äußern. Kommt
Gefragt ist also ein grundlegender gab den Anstoß. für eine solche Stelle keine Frau in die
Kulturwandel in den Unternehmen. Das Die Firma wächst – und das zwingt engere Auswahl, muss sich der jewei-
bestätigt Kristine Lütke, Bundesvorsit- die beiden Unternehmerinnen, über ihre lige Personalverantwortliche schriftlich
zende der Wirtschaftsjunioren Deutsch- eigene Rolle nachzudenken. „In so einem erklären – die Mail geht an den zuständi-
land: „Wer die Aufstiegschancen von kleinen Team sind wir als Gründerin- gen Direktreport des Vorstands.
Frauen verbessern will, darf nicht mit der nen momentan nicht zu ersetzen“, sagt Mit einer modernen Führungskultur
Brechstange vorgehen. Wichtig ist, genau Nickel. Sollte eine von ihnen Kinder pla- will der Dax-Konzern mit Sitz im baden-
auf systematische Vorurteile in der Orga- nen, wollen sie neue Regeln schaffen und württembergischen Walldorf bis 2022
nisation zu achten und gegebenenfalls sich gegenseitig vertreten. „Ich bin davon auf 30 Prozent Frauenanteil in leitenden
gegenzusteuern.“ Einige Beispiele für überzeugt, dass wir eine Lösung finden. Positionen kommen, aktuell sind es 26
gute Praxis zeigen: Erfolgreich sind Fir- Es geht einfach darum, als Unternehmen Prozent. „Diskussionen haben wir über
men vor allem, wenn sie ihre Flexibilität flexibel zu sein“, so die Gründerin. Wich- das Thema zur Genüge geführt. Jetzt geht
steigern – etwa durch neue Arbeitszeit- tig sei, dass davon alle Mitarbeiter profi- es darum, faktisch eine Unternehmens-
modelle, flache Hierarchien und einen tieren – egal ob Mütter oder Väter. kultur zu schaffen, die Frauen nachhaltig
modernen Führungsansatz. Zur gezielten Frauenförderung set-
zen Firmen am häufigsten auf Coachings
Mittelstand bietet beste für angehende Führungskräfte, hat eine
aktuelle Umfrage des Magazins „Brigitte“ „Diskussionen haben
Aufstiegschancen unter knapp 160 Unternehmen ergeben. wir über das Thema zur
Als wirksam erachteten viele Betriebe
Großunternehmen tun sich bislang auch einen standardisierten Bewer- Genüge geführt. Jetzt
schwer damit, die Chancengleichheit zu bungsprozess, um vorurteilsbelastete geht es darum, faktisch
erhöhen, hat das „Mixed Leadership- Entscheidungen zu vermeiden. In mehr
Barometer“ des Beratungsunternehmens als der Hälfte der befragten Unterneh- eine Unternehmenskultur
EY im Juli gezeigt. So liegt die Frauen- men finden mindestens alle zwei Jahre zu schaffen, die Frauen
quote bei nur knapp acht Prozent in den Gehaltsgespräche statt, ohne dass Mitar-
Vorständen börsennotierter Unterneh- beiter danach fragen müssen. nachhaltig fördert.“
men in Deutschland. Betrachtet wurden CAWA YOUNOSI
160 im Dax, MDax, SDax und TecDax Vorbilder auf beiden Seiten
gelistete Firmen. Bei nur 2,5 Prozent der
Unternehmen steht eine Frau als CEO an sind gefragt
der Spitze. fördert“, sagt Personalchef Younosi.
Die Vorreiter finden sich im Mittel- Außerdem beliebt bei Personalchefs: Reibungslos läuft die Umstellung im
stand. Nicht-börsennotierte Firmen mit Mentoren-Programme. Erfahrene Kol- Großkonzern allerdings nicht: „Vielen
30 bis 2.000 Mitarbeitern bringen es laut leginnen in leitenden Positionen soll- Führungskräften fiel es anfangs schwer,
EY im Schnitt bereits auf einen Frauen- ten nicht nur mit Rat weiterhelfen, son- sich vorzustellen, dass man eine Füh-
anteil von 16 Prozent in den obersten dern sich auch als Vorbilder verstehen, rungsaufgabe in Teilzeit erledigen kann.
Führungsetagen. Beteiligt haben sich an sagt die Bundesvorsitzende Kristine Sie befürchteten, dass sie die Aufgabe bei
der im März veröffentlichten Umfrage Lütke. „Mehr Frauen sollten zu leiten- reduzierter Stundenzahl nicht bewälti-
2.000 mittelständische Unternehmen in den Positionen einfach ‚Ja’ sagen, ohne gen können“, so der SAP-Personalchef.
Deutschland mit einem Umsatz zwischen zu zögern. Deshalb brauchen wir Vorbil- Um die Unsicherheit abzubauen, gab es
20 Millionen und einer Milliarde Euro. der, die stärker sichtbar sind.“ Eine wich- eine Probephase: „Letztendlich haben
Ihre eigenen Regeln schaffen sich tige Rolle komme dabei auch den Män- wir entschieden, das Modell in der Lan-
Frauen, die selbst eine Firma gründen. nern zu, so Lütke: „Wir brauchen Chefs, desgesellschaft Deutschland testweise
Inzwischen steht hinter mehr als 37 Pro- die sich für Frauen einsetzen und gezielt einzuführen.“
zent der neugegründeten Start-ups min- Kandidatinnen für Führungspositionen Die Regel: Wer in leitender Funktion
destens eine Frau, so die Zahlen aus vorschlagen.“ in Teilzeit gehen will, kündigt den Schritt
dem Gründungsmonitor der Förderbank Beim Softwarehersteller SAP hat sich drei Monate im Voraus an. Vorgesetzte
KFW. dieses Leitbild durchgesetzt. „Brigitte“ haben ein Auge darauf, dass unter dem
So schnell wie möglich auf den Chef- hat den Dax-Konzern deshalb jüngst als Strich nicht doch zu 100 Prozent gearbei-
sessel: Dieses Ziel setzte sich Tanja einen der besten Arbeitgeber für Frauen tet wird und suchen sonst das Gespräch.
Nickel bereits mit 17 Jahren. 2010 mel- ausgezeichnet. Der Personalchef für Die Freiräume kommen bei beiden Sei-
dete sie mit ihrer Freundin Katharina Deutschland, Cawa Younosi, lässt lei- ten an: Unter allen Managern bei SAP,
Obladen das Patent für ein Modul mit tende Positionen seit vergangenem Jahr die das Teilzeitmodell nutzen, sind 43
UVC-Lampen an, das die Handläufe von nur noch als Teilzeit-Stellen ausschrei- Prozent Männer.
Rolltreppen entkeimt – der Start des ben. Möglich ist auch, sich die Stelle mit
eigenen Unternehmens mit fünf Mitar- Kollegen zu teilen. Wer als Führungs- MIRIAM BINNER10 SCHWERPUNKT | FRAUEN IN DER WIRTSCHAFT Junge Wirtschaft #06-2018
UNTERSCHÄTZT, ÜBERSEHEN
UND UNTERREPRÄSENTIERT
Die Rolle von Frauen in der Wirtschaft wurde lange Zeit übersehen, argumentiert Claudia
Große-Leege. Für die Geschäftsführerin des Verbands deutscher Unternehmerinnen (VDU)
ist die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen in Wirtschaft und Gesellschaft längst überfällig.
Wir feiern in diesem Jahr 100 Jahre Frau- und stolz zu sein auf die mutigen Vor- schaftlichen als auch der wirtschaftlichen
enwahlrecht. Das ist ein großartiges Jubi- kämpferinnen, die es erstritten haben. Teilhabe von Frauen zu entwickeln.
läum. Es ruft uns in Erinnerung, wie viel Noch mehr Grund haben wir, mit Blick Denn das Datum 100 Jahre Frau-
Kraft und Ausdauer nötig waren, um die- auf die Zukunft gemeinsame Perspek- enwahlrecht unterstreicht, dass wir
ses Recht durchzusetzen. Wir haben allen tiven für die tatsächliche Umsetzung noch ein gutes Stück von der Verwirkli-
Grund, diese Errungenschaft zu feiern sowohl der politischen und der gesell- chung entfernt sind. Aktuell müssen wir
»Frauen in
unternehmerischer
Verantwortung
wurden bestenfalls als
Übergangserscheinung
betrachtet.«
CLAUDIA GROSSE-LEEGE
Claudia Große-Leege, die Geschäftsführerin des Verbandes deutscher Unternehmerinnen (VDU)
©
Simone M. NeumannJunge Wirtschaft #06-2018 FRAUEN IN DER WIRTSCHAFT | SCHWERPUNKT 11
sogar relevante Rückschritte hinnehmen: zig Jahre an der Spitze des Unterneh- berechtigung schlechtere Startchancen
Weniger weibliche Abgeordnete im Parla- mens wirkte – während ihrem Sohn, dem hatte: Während Frauen in Deutschland
ment, leicht sinkende Zahl an unterneh- damals vierzehnjährigen Alfred Krupp schon seit Generationen wählen durften,
merisch tätigen Frauen. Beides ist min- solche Kompetenzen attestiert wurden. benötigten sie für die Aufnahme einer
destens beunruhigend. Je nach Tempera- Bekannte Unternehmerinnen wie Mar- Erwerbstätigkeit oder die Eröffnung
ment nimmt es die eine oder andere enga- garete Steiff oder Käthe Kruse wurden in eines eigenen Bankkontos noch bis in
gierte Frau auch als Alarmzeichen wahr. der wirtschaftshistorischen Literatur als die siebziger Jahre die Einwilligung ihres
Für die deutschen Unternehmerinnen ist Ausnahmen in einer männlichen Wirt- Ehemannes.
es in erster Linie ein Ansporn. schaftswelt beschrieben, obwohl Frauen
schon immer einen beachtlichen Anteil Fortschritte sichtbar, aber
Stimme der an der Wirtschaftsleistung unseres Lan-
des hatten. Schon eine Generation vor noch nicht am Ziel
Unternehmerinnen der Einführung des Frauenwahlrechts
stellten Frauen einen Anteil von knapp Das ist zum Glück längst Geschichte. Die
Gleichberechtigte Teilhabe von Frauen an einem Viertel aller unternehmerisch Täti- Fortschritte in Sachen Gleichberechti-
Wirtschaft und Gesellschaft ist Satzungs- gen, so weist es die amtliche Gewerbesta- gung sind unübersehbar, aber wir sind
ziel des Verbandes deutscher Unterneh- tistik des Deutschen Kaiserreiches von noch nicht am Ziel. In Wirtschaft wie in
merinnen. Das scheint eine Selbstver- 1895 aus. der Politik stehen nach wie vor meist die
ständlichkeit zu sein. Aber ein Blick in Unterschätzt, übersehen und unter- Männer im Fokus der Verantwortung.
unsere Wirklichkeit zeigt, dass die Durch- repräsentiert: Das galt viel zu lange für Frauen sind in den Führungsetagen noch
setzung von eigentlich Selbstverständli- Frauen in der deutschen Wirtschaft. immer zu selten vertreten.
chem einen sehr langen Atem erfordert. Öffentlichkeit, Politik und nicht zuletzt Was also brauchen wir? Für den öko-
Der VdU macht sich seit über sech- auch die wirtschaftshistorische For- nomischen Bereich gibt es eine klare
zig Jahren für die Sache der Frauen in der schung haben den tatsächlichen Bei- Agenda: Erstens ist eine Förderung weib-
deutschen Wirtschaft stark. Dabei stan- trag der Frauen nicht gespiegelt, den sie lichen Unternehmertums wichtig. Frauen
den und stehen wir auch auf dem poli- als Managerin, als Unternehmerin, als in Führungsverantwortung müssen sicht-
tisch-rechtlichen Fundament, das durch Beschäftigte erarbeiten – und natürlich barer werden. Selbstverständliche und
die Durchsetzung des Frauenwahlrechts auch in ihrer unbezahlten Arbeit, Stich- gleichberechtigte Teilhabe ist das Ziel.
gelegt wurde. Denn die Unternehmerin- wort Verantwortung für Familien. Bis In den Spitzengremien ebenso wie in den
nen sehen ihre Aufgabe auch politisch heute leisten Frauen hier den Löwenan- nachgeordneten Leitungsebenen, aus
und gesellschaftlich. Sie haben um Res- teil an der Kindererziehung und an der denen sich die Führungskräfte von mor-
pekt und Anerkennung gekämpft, als Pflege für ältere Angehörige. gen rekrutieren.
Frauen in den von Männern dominier- Zweitens brauchen wir eine weitere
ten Wirtschaftsverbänden noch Exoten- Förderung der Frauenerwerbstätigkeit.
status hatten. Politische Repräsentation Dabei geht es nicht nur um die Erhöhung
Frauen in unternehmerischer Ver- der Erwerbsquote, sondern vor allem um
antwortung wurden bestenfalls als Über- Ähnlich verliefen die Anfänge der poli- eine Harmonisierung der Erwerbsbiogra-
gangserscheinung betrachtet und muss- tischen Repräsentation von Frauen. Im fien. Frauen wählen noch immer über-
ten sich als „Nelke im Knopfloch der Winter 1918 fanden die ersten Landtags- wiegend traditionelle Frauenberufe, sind
deutschen Wirtschaft“ bezeichnen las- wahlen mit aktivem und passivem Frau- häufig in Niedriglohnsektoren oder in
sen. Noch bis in die sechziger Jahre des enwahlrecht statt. Am 19. Januar 1919 geringen Stundenumfängen erwerbstätig.
letzten Jahrhunderts galten despektier- folgte die erste Reichstagswahl, in der Das wirkt sich vielfach aus: In
liche Bemerkungen wie „Frauen soll man die Frauen ihr neues Mitwirkungsrecht schlechteren Aufstiegschancen, in gerin-
lieben, aber keine Geschäfte mit ihnen endlich auch auf Reichsebene wahrneh- gen Verdiensten, in niedrigeren Renten-
machen“ als Bonmots und wurden sogar men konnten. Gewählt wurden immer- anwartschaften – ein Teufelskreis, über-
in Wirtschaftszeitschriften gedruckt. hin knapp zehn Prozent weibliche Abge- tragen auf die politische Beteiligung ist
ordnete – eine Marge, die über mehrere das so, als würden Frauen ihr Wahl-
Unternehmerinnen als Jahrzehnte nicht wesentlich überschrit- recht massenhaft nicht wahrnehmen. In
ten wurde, und die sich bis heute kaum Berufswahl und Erwerbsbiografie liegen
Randerscheinung über ein Drittel hinaus entwickelt hat. auch die wichtigsten Stellschrauben zur
Und doch, verglichen mit den Frauenan- Verringerung der Entgeltlücke, Karri-
Offenbar war man vom Katheder aus zu teilen in den Top-Etagen der deutschen erechancen und Aufstiegsmöglichkeiten
sehr gewohnt, die männliche Unterneh- Großunternehmen, eine durchaus res- inklusive.
merfigur in den Fokus zu rücken und hat pektable Zahl. Es ist an der Zeit für nachhaltige
darüber die Leistung der weiblichen Fir- Immerhin liegt die Politik gegenüber Verbesserungen. Es bleiben dicke Bret-
menangehörigen vernachlässigt. Präg- der Wirtschaft in Sachen Spitzenfunk- ter zu bohren. Denn am Ende des Tages
nantes Beispiel ist die Geschichte des tion vorn, auch wenn es von der Durch- ist gleichberechtigte Teilhabe immer
Kruppkonzerns: In der Forschung wur- setzung des Frauenwahlrechts bis zur auch eine Frage der Macht in Wirtschaft,
den der Gründerwitwe Therese Krupp ersten Regierungschefin fast neun Jahr- Gesellschaft und Politik.
eigene unternehmerische Fähigkeiten zehnte gedauert hat. Nicht zu vergessen
geradezu abgesprochen, obwohl sie zwan- allerdings, dass die ökonomische Gleich- CLAUDIA GROSSE-LEEGE12 SCHWERPUNKT | FRAUEN IN DER WIRTSCHAFT Junge Wirtschaft #06-2018
GEGEN DEN STROM
Wirtschaftsjuniorinnen aus Nordrhein-Westfalen veranstalten am 10. November in
Siegen einen Workshop-Tag für beruflich ambitionierte Frauen. Unter dem Motto „Strö-
mungswechsel“ wollen sie gesellschaftliche Erwartungen hinterfragen und dazu ermuntern,
auch einmal gegen den Strom zu schwimmen.
Manchmal lohnt es sich, mit dem Strom zu schwimmen, manchmal dagegen.
©
Unsplash
Viele Frauen haben den Willen, beruf- setzen können. untereinander und mit Mitgliedern aus
lich erfolgreich zu sein, ohne dabei auf Die Themen, die Frauen im Beruf anderen Regionen Deutschlands wurde
eine Beziehung und Familie verzichten bewegen, sind vielfältig. Sie reichen von deutlich, dass es an Veranstaltungen fehlt,
zu wollen. Die Herausforderung dabei ist der strategischen Vernetzung über die die gerade die Themen beruflich ambiti-
oft, die Energie aufzubringen, gegen den Frage, wie Frauen sich sichtbar machen onierter Frauen aufgreifen. Das soll sich
Strom zu schwimmen und sich von den – bis hin zur täglichen Herausforderung, nun ändern. Dazu haben sich die Orga-
Erwartungen anderer zu lösen. Zu zeigen, Familie und Karriere zu vereinbaren. nisatorinnen spannende Referentinnen
dass Familie und Karriere vereinbar sind. All diesen und vielen weiteren The- geladen und ein abwechslungsreiches Pro-
Ein Verständnis dafür zu schaffen, dass men widmen Wirtschaftsjuniorinnen aus gramm aus Impulsvorträgen, einem Bar-
Frauen nach Gleichberechtigung stre- Südwestfalen und Köln am 10. November camp und Möglichkeiten zum informellen
ben, unabhängig sein möchten und in der einen ganzen Workshop-Tag mit dem Titel Austausch zusammengestellt.
Berufswelt sehr erfolgreich eigene Akzente „Strömungswechsel“. Beim AustauschJunge Wirtschaft #05-2018 13
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Zu einer erfolgreichen Laufbahn gehört Potential von Emotionen im Business
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nen Standortbestimmung. Daniela Gie- https://www.facebook.com/stroemungswech-
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Siegen, verrät ihre Tipps dazu, wie man w oonnssw
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CHRISTINA BARBARA SCHMIDT
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eine Mentoring-Beziehung sein. Wie Men- in
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Bayern
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toring Frauen an die Spitze bringen kann,
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erläutert Petra Kersting, Leiterin des Zen- w
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Landesbund
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Bayern e.V. für Vogelschutz
trums Frau in Beruf und Technik Castrop- in Bayern
Landesbunde.V.
für Landesbund für Vogelschutz
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Vogelschutz
Bayern e.V. für Vogelschutz
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Landesbund
Bayern e.V.
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e.V. Vogelschutz
Rauxel, in ihrer Keynote. Landesbund
in Bayern
Landesbund für
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Vogelschutz
Oft scheitern weibliche Karrieren an in
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Landesbund
Bayern
Landesbunde.V.
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für Vogelschutz
Vogelschutz
der mangelnden Vereinbarkeit von Fami- in
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Bayern
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Bayern e.V.
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e.V. Vogelschutz
lie und Beruf. Die Herausforderungen Landesbund
in Bayern
Landesbund für
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Vogelschutz
von Unternehmertum und Mutterschaft in
in Bayern
Landesbund
Bayern e.V.
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e.V. Vogelschutz
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Vogelschutz
beleuchten Katja Hof-Zöllner, Geschäfts- in
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Landesbund
Bayern e.V.
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e.V. Vogelschutz
führerin der Franz Hof GmbH in Hai- Landesbund
in Bayern
Landesbund für
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ger, im direkten Austausch mit den Teil- in
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Landesbund
Bayern e.V.
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e.V. Vogelschutz
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Landesbund für
e.V.
für Vogelschutz
für Vogelschutz
nehmerinnen. Ganz praktisch behandelt
Marion Ising, Knigge- und Stilberaterin in
in Bayern
Landesbund
Bayern e.V.
e.V. Vogelschutz
aus Siegen, in ihrem Workshop das Thema
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in Bayern
Bayern e.V.
e.V.
Kleidungsstil mit der Frage „Wie viel Frau14 WIRTSCHAFTSLEBEN | GESICHTER DER JUNGEN WIRTSCHAFT Junge Wirtschaft #06-2018
PLÖTZLICH UNTERNEHMERIN
Vanessa Weber übernahm mit 22 den Werkzeugbetrieb ihres Vaters. Allen Unkenrufen
zum Trotz glückte die Nachfolge. Die Aschaffenburger Unternehmerin ging ihren eigenen
Weg und verfünffachte den Umsatz des Familienbetriebs. Heute ist sie Vorbild für andere
Unternehmerinnen.
Vanessa Weber behält auch bei Ringschlüssel & Co. den Durchblick.
©
Manuel Hauptmannl
Es ist ein ganz kleiner Satz, der Vanessa um seinen Betrieb, einen Werkzeughan- ten, das Geschäft in die Hände der Tochter
Webers Leben verändert. „Willst du die del mit neun Mitarbeitern, weiterzufüh- zu legen. Was ist, wenn sie heiratet oder
Firma übernehmen?“ Ihr Vater stellt ihr ren. Er will, dass die Tochter übernimmt. schlichtweg mit der Aufgabe überfordert
diese Frage aus heiterem Himmel, an Und die willigt ohne zu zögern ein. „Ich ist? Doch die folgenden Jahre sollen zei-
einem Abend im Biergarten. Es ist der hätte es nicht übers Herz gebracht, Nein gen, dass der Vater das Richtige getan hat:
Sommer 1998 und die junge Frau hat zu sagen“, erinnert sich Weber. Sie weiß Unter der Leitung der Tochter steigt der
gerade erst ihren 18. Geburtstag gefeiert. nicht, dass der Vater in diesem Moment Umsatz von 1,9 auf 10 Millionen Euro, die
Doch Vater Jürgen kann nicht mehr war- viele Warnungen in den Wind schlägt. Der Belegschaft wächst von 9 auf 26 Mitarbei-
ten. Seine Gesundheit ist zu angeschlagen, Steuerberater etwa hat ihm davon abgera- ter, der kleine Werkzeughandel avanciertJunge Wirtschaft #06-2018 GESICHTER DER JUNGEN WIRTSCHAFT | WIRTSCHAFTSLEBEN 15
zum Innovationschampion der Branche.
Trotz der beeindruckenden Bilanz bleibt
Weber bescheiden. „Der Steuerberater lag
wohl falsch“, sagt sie leise.
Vorbild-Unternehmerin
Quasi über Nacht zur Chefin – diese
Geschichte hat Vanessa Weber bekannt
gemacht. Sie tritt in Talkshows auf, hält
Vorträge und wurde unlängst vom Bun-
desministerium für Wirtschaft und Ener-
gie sogar als Vorbild-Unternehmerin aus-
gezeichnet. Geld verdient der Familien-
betrieb heute vor allem mit Rundum-
Dienstleistungen: Werkzeug Weber ist
auf komplette Betriebseinrichtungen spe-
zialisiert, bis hin zu Hochregalanlagen
und Bürostühlen. In der Kundenliste des
Aschaffenburger Unternehmens finden
sich bekannte Namen wie Bosch Rex-
roth, Linde, Audi, Hyundai oder sogar
Rolls Royce. Gerade erst hat man für den
Senfhersteller Develey ein neues Werk in
Erfurt ausgestattet, ein Auftrag im sechs-
stelligen Eurobereich. „Wir sind bei vielen
Herstellern der Lead Supplier für Werk-
zeug und Betriebseinrichtung“, sagt die
Unternehmerin stolz.
Nachfolge geglückt, Marktposition
ausgebaut – aus der Rückschau klingt
die Geschichte von Vanessa Weber nach
einem fast mühelosen Aufstieg. Doch das
täuscht. Gerade in der Anfangszeit wird
der Unternehmerin nichts geschenkt. Sie
muss jeden Tag um Akzeptanz kämpfen,
drinnen wie draußen. „Bei vielen Mitar-
beitern hatte ich schon als Baby auf dem
Schoß gesessen“, erklärt die heute 38-Jäh-
rige. Die Mannschaft habe jedoch schnell
gesehen, dass sie nicht die Tochter ist,
die ein bisschen Business spielt. In der
Anfangsphase ist sie morgens die Erste
und abends die Letzte im Büro. Ihr Stan-
ding bei den Kunden muss sie sich eben- ©
Werkzeug Weber | Katrin Limes
falls erkämpfen. Manch einer sieht die
attraktive Blondine – und verlangt „Kann
mich hier nicht ein Mann bedienen?“. träge mehr zu geben. Also stürzt sich denen sie mit nur 24 Jahren beitritt.
Weber geht darüber hinweg, und über- Weber in die Aufgabe und bewältigt sie, Doch so sehr ihr die Ratschläge des
zeugt die Zweifel mit Energie und Kom- wie sie noch viele bewältigen wird: mit- Vaters auch weiterhelfen: Die Nachfol-
petenz. hilfe von Networking. „Das Wort gab es gerin merkt schnell, dass sie ihren eige-
damals noch gar nicht“, lacht die Unter- nen Weg gehen muss. Sie fühlt sich zum
Keine Scheu vor sperrigen nehmerin. Doch sie erinnert sich an einen Beispiel unwohl damit, den Führungsstil
Rat ihres Vaters: Du musst Leute kennen, ihres Mentors einfach zu imitieren. „Ich
Themen die dir helfen können. Und so jemanden musste verstehen, dass ich auch anders
Ihre ersten Sporen verdient sich die Toch- findet Weber auch für das ISO-Mammut- drauf sein darf.“ Und so entwickelt sie ihre
ter des Firmenchefs übrigens mit einem projekt. Ein befreundeter Berater unter- eigene Art, mit den Mitarbeitern umzu-
Thema, das viele Leute meiden wie der stützt sie bei der Ausarbeitung des nöti- gehen. Heute präsentiert sich der Betrieb
Teufel das Weihwasser: Sie kümmert sich gen Handbuchs. Bis heute stehen für extrem modern, manche würden das, was
um die ISO-Zertifizierung des Betriebs. Weber die persönlichen Netzwerke ganz in Aschaffenburg passiert, vielleicht sogar
Ohne die droht ein Großkunde keine Auf- oben, allen voran die Wirtschaftsjunioren, „New Work“ nennen. Weber hat flexi-16 WIRTSCHAFTSLEBEN | GESICHTER DER JUNGEN WIRTSCHAFT Junge Wirtschaft #06-2018
©
Werkzeug Weber | Katrin Limes
ble Arbeitszeiten eingeführt, einen festen oder im Ausland studiert haben. „Letzt- Zügel etwas straffer hält. Das ist nicht
Dress-Code abgeschafft und lässt die Mit- lich hätten es auch Schuhe oder Schnit- meine Stärke.“ Genau deshalb hat sie vor
arbeiter möglichst viel selbst entscheiden. zel sein können“, sagt Weber, „meine Pas- Kurzem einen Vertriebsleiter eingestellt.
Natürlich gelingt der jungen Che- sion ist das Verkaufen – und mit den Kun- Weber will sich in Zukunft stärker aus
fin nicht sofort alles. Sie muss lernen, mit den etwas voranzubringen“. Sich zusam- dem Tagesgeschäft zurückziehen und dar-
schwierigen Situationen klarzukommen. menzusetzen, um die maximal produk- auf konzentrieren, das Unternehmen auf
Einmal klaut ein Mitarbeiter 5.000 Euro tive Einrichtung für eine Werkshalle aus- Zukunftskurs zu bringen. Weg vom reinen
aus der Kasse, ein anderes Mal macht die zuarbeiten, das sei ihr Ding, sagt sie und Handel mit seiner gnadenlosen Preiskon-
Spielsucht eines Außendienstlers Prob- fügt lächelnd hinzu: „Die Auswahl der Far- kurrenz. „Wir wollen uns weiter in Rich-
leme. Und dann entscheidet sich Weber ben macht mir auch Spaß, da bin ich ganz tung Dienstleistung und beratungsinten-
auch noch für das falsche Warenwirt- Frau.“ sive Produkte entwickeln“, so Weber. Auf
schaftssystem. Es kostet 15.000 Euro, leis- Mittlerweile ist Weber längst mehr als diesem Weg bringt sie das Unternehmen
tet aber nicht, was es soll, sodass die Sache die Geschäftsführerin eines mittelständi- Stück für Stück weiter. Kürzlich zum Bei-
sogar vor Gericht endet. Vater Jürgen hat schen Betriebs. Das wird mit einem Blick spiel hat sie einen Händler von Zerspa-
es wohl schon geahnt und rät der Toch- auf ihre persönliche Website (vanessa- nungswerkzeugen zugekauft, um diese
ter von dem Anbieter ab. Trotzdem über- weber.de) deutlich: Sie hält Vorträge an hochindividuellen Produkte ebenfalls
lässt er ihr die Entscheidung. „Er hat mich Schulen, um das Image des Unternehmers anbieten zu können, geplant ist außerdem
Fehler machen lassen, das rechne ich ihm zu verbessern, ist als Mentor für andere eine Kooperation mit einem Schweißfach-
hoch an, denn davon profitiere ich noch Gründer tätig, engagiert sich für die Ini- händler. Angesichts der vielen neuen Leis-
heute extrem“, reflektiert die Unterneh- tiative Plant-for-the-Planet, die weltweit tungen überlegt man sich in Aschaffen-
merin. Bäume pflanzt. Ist der Unternehmerall- burg sogar, das „Werkzeug“ aus dem Fir-
In Karriereratgebern steht häufig, tag nicht schon stressig genug? Weber mennamen zu entfernen. Zu eng, zu klein,
dass man einfach seinen Interessen folgen winkt ab. „Was einem Spaß macht, emp- nicht mehr passend zur neuen Strategie.
muss, um Erfolg zu haben. Weber beweist findet man nicht als Last.“ Und daran TV- Doch Weber tut sich sichtlich schwer mit
das Gegenteil. „Schraubendreher waren Crews zu empfangen und auf der Bühne der Entscheidung. „Wir werden lieber
nie meine Leidenschaft“, gibt sie offen zu. zu stehen, habe sie sich ebenfalls gewöhnt. unter- als überschätzt.“ Und da wäre sie
Und trotzdem hat sie sich mit Geduld ins „Irgendwann ist das wie Zähneputzen.“ wieder, die Bescheidenheit.
Werkzeuggeschäft reingefuchst, während Doch sie kennt auch ihre Grenzen.
ihre Altersgenossinnen Party gemacht „Manchmal braucht es jemanden, der die CONSTANTIN GILLIESFreude
drucken
• Großauflagen im Offsetdruck
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Postfach 11 53 I 84004 Landshut I Telefon +49 - 871 - 76 05 - 0 I www.boschdruck.de18 WIRTSCHAFTSLEBEN | IN DER KANTINE Junge Wirtschaft #06-2018
„ICH GLAUBE, MAN BRAUCHT
KANTE“
Simone Menne kennt die Welt des Top-Managements aus dem Effeff. Kristine Lütke traf
die ehemalige Finanzvorständin von Lufthansa und Boehringer Ingelheim, die heute in
den Aufsichtsräten verschiedener DAX-Unternehmen sitzt, in ihrer Heimatstadt Kiel. Dort
sprachen sie über Mennes Weg an die Spitze, ihre Kunstgalerie und darüber, wie viel Kante
es zum Vorstandsjob braucht.
IN DER KANTINE MIT
SIMONE MENNE
Simone Menne und Kristine Lütke trafen sich zum Gespräch in Kiel.
©
WJD/Sebastian Weimar
Kristine Lütke: Frau Menne, wann wird der wir zwei Männer zum DAX-Vorstand das nicht“. Ich mache mir wirklich Gedan-
ein DAX-Konzern zum ersten Mal von ernannt haben – allerdings nicht zum Vor- ken, ob wir eine Quote brauchen. Ich bin
einer Frau geführt werden? standsvorsitzenden. Ich sehe immer noch pessimistischer als ich es vor zwei Jahren
Simone Menne: Also ich habe gerade zwei viel Zurückhaltung und die Idee bei Män- war und hoffe immer auf nächstes Jahr.
Aufsichtsratssitzungen hinter mir, bei nern „Das wird nichts, die Frauen können Ich glaube, wenn eine Frau einmal Vor-Junge Wirtschaft #06-2018 IN DER KANTINE | WIRTSCHAFTSLEBEN 19
standsvorsitzende ist, dann wird sich die
Debatte hoffentlich ein bisschen auflösen.
Es muss Normalität sein. Normalität ist,
wenn jeder sagt: „Die ist gut oder schlecht,
aber es ist völlig egal, ob Mann oder Frau“.
Lütke: Im Interview haben Sie einmal
gesagt „wer sich nur anpasst, kommt nicht
nach oben“. Wie viel Kante braucht es, wie
viel Kante ist erlaubt?
Menne: Ich habe gerade einen schönen
Artikel gelesen, ich glaube in der FAS
oder in der Welt, dass die Vorstandsvor- „Wenn eine Frau einmal
sitzenden alle so blass sind. Mit Bildern
von Herrn Sewing, Herrn Sturm etc. Und
Vorstandsvorsitzende ist,
in dem Artikel steht: „Kante geht nicht dann wird sich die Debatte
mehr“. Ich halte das für fatal. Ich glaube,
man braucht Kante. Und ich glaube, man
hoffentlich ein bisschen
braucht auch eine gewisse Ausstrahlung, auflösen.“
ein gewisses Charisma. Die Problematik
SIMONE MENNE
im DAX ist aber natürlich, dass die Vor-
stände Angst haben, zitiert zu werden,
dass sie Angst haben, von ihren Investo- Simone Menne, BMW-Aufsichtsrätin und
ren sofort vorgeführt zu werden. Da muss ehemalige Finanzvorständin von Lufthansa
man sich ein bisschen emanzipieren. Ich und Boehringer Ingelheim
glaube, ein bisschen Kante, ein bisschen ©
WJD/Sebastian Weimar
„gegen den Strom“ und klare Worte wür-
den sehr guttun.
häufig. Ich treffe viele Kollegen, die dann Sie zu etwas befragen können. In dem
Lütke: Warum wollten Sie ganz nach gerne nochmal eine Analyse machen und Sinne hatte ich ein Netzwerk innerhalb
oben? gerne wirklich hundertprozentige Sicher- einer Firma, nicht so sehr ein Netzwerk im
Menne: Ich glaube, das ist einfach so heit haben. Bloß, es ist bei jeder Vor- Sinne von Frauennetzwerk. Das habe ich
passiert. Ich habe nicht von Anfang an standsposition so: die Entscheidungen, eigentlich erst mit Antritt der Vorstands-
geplant, Vorstand zu werden. Bei jeder die bei Ihnen ankommen, sind keine Ent- position begonnen.
Stufe habe ich dann gedacht: „Ach, pro- scheidungen mehr, die ohne Risiko gehen.
biere mal ein bisschen mehr aus“. Es ist Da haben Sie immer ein Risiko. Sie haben Lütke: Was mussten Sie auf dem Weg ins
so, dass – auch wenn das ein Frauen- wahrscheinlich auch immer Menschen, Top-Management opfern?
spruch ist – natürlich auch Glück dazu die Sie verletzen, denn auch da gibt es Menne: Teilweise das Privatleben. Das ist
gehört. Bloß wenn man dann einmal DAX- immer – egal, wie die Entscheidung aus- überhaupt gar keine Frage. Als DAX-Vor-
Finanzvorstand ist, dann sagt man auch geht – irgendwelche Verlierer, weil die stand sind Sie sehr fremdbestimmt. Vor-
gerne: „Ich will jetzt gerne CEO werden“. meisten Entscheidungen auf der Ebene her habe ich schon alle drei bis vier Jahre
Einfach weil man als CEO das Unterneh- sehr komplex sind. Und da muss man sich den Job und den Ort gewechselt. Da war
men nochmal anders prägen kann. Da trauen, das ist wichtig. Und wenn man es sehr schwierig, etablierte Freundschaf-
kann man die Strategie machen. Ich bin dann transparent erklärt, warum man ten oder auch eine Partnerschaft zu ent-
ein eher strategisch Denkender als ein rei- diese Entscheidung trifft, und es auch wickeln. Nicht, dass ich es bereue, aber
ner Zahlenmensch, von daher hätte mich denen erklärt, die im Zweifelsfall tatsäch- ich glaube schon, es wäre anders gelau-
das schon gereizt. Aber ich kann auch gut lich die Verlierer sind, das halte ich für fen, wenn ich die ganze Zeit in Kiel gewe-
damit leben, im Hintergrund zu agieren ganz wichtig, dann kriegt man auch sehr sen wäre.
und zum Beispiel jungen Frauen zu hel- viel Akzeptanz.
fen, weiter nach oben zu kommen. Haupt- Lütke: Gibt es etwas, dass Sie Ihrem jün-
sache, ich kann etwas gestalten. Das war Lütke: Wie wichtig waren Netzwerke für geren Ich mitgeben würden?
mir immer wichtig. Sie? Menne: Ja, klarer zu sein. Ich glaube, am
Menne: Ich habe immer gesagt: „nein“. Anfang war ich konfliktscheu und habe
Lütke: Welche Eigenschaften haben Ihnen Ich war nicht in Netzwerken unterwegs, auch teilweise versucht, die Dinge harmo-
zurückblickend am meisten geholfen, um solange ich bei Lufthansa war. Aber das nisch zu regeln, auch wenn es gar nicht
sich im Job durchzusetzen? ist natürlich ein Trugschluss, mein Netz- geht. Heute würde ich lieber frühzeitig
Menne: Entscheidungsfreude und Risiko- werk war innerhalb der Lufthansa. Und sagen: „Wir haben ein Problem.“ Auch
bereitschaft. Das ist auch so ähnlich wie das ist wirklich eins, was sich über 27 wenn es um Mitarbeiterbeziehungen geht,
die Kante, klar zu sagen: „Dieses Risiko Jahre in einer Firma gebildet hat. Natür- würde ich einem Mitarbeiter heute klar
gehen wir jetzt ein, wir treffen jetzt diese lich haben Sie dann ein Netzwerk, Sie wis- sagen: „Damit bin ich nicht zufrieden.“
Entscheidung.“ Das ist auch nicht mehr so sen mit wem Sie über was reden und wen Deutlicher zu sagen, was man von jeman-20 WIRTSCHAFTSLEBEN | IN DER KANTINE Junge Wirtschaft #05-2018
dem möchte, das halte ich für sehr wich- gereltern auf junge Frauen. Wenn ich mir
tig. Da war ich am Anfang zu vorsichtig ein politisches Modell aussuchen könnte,
und das hilft beiden Beteiligten nicht. Das wäre es das schwedische. Das heißt,
führt meistens dazu, dass die Probleme jeder muss für seine eigene Rente arbei-
größer werden und am Ende dann der ten. Dann haben Sie eben keine Partner-
Lösungsprozess auch schwieriger wird. schaftsmodelle, wo der Partner arbeitet
und man bekommt dann die Rente des
Lütke: Was bewundern Sie an der heuti- Partners, sondern es wird ganz klar gesagt:
gen Generation junger Frauen? „Jeder arbeitet für seine eigene Rente.“
Menne: Ich glaube, sie sind zielstrebiger. Und gleichzeitig hat man aber geregelt,
Und ich glaube, dass sich dadurch auch dass die Betreuung bis 4 Uhr nachmittags
ein Schub ergeben wird mit mehr Frauen funktioniert und es gehen dann sowohl
in wirklich verantwortungsvollen Rollen. Frauen als auch Männer um 4 Uhr nach
Die jungen Frauen heute sagen sehr deut- Hause, auch im Top-Management, weil
lich, dass sie etwas machen wollen und das die Familienzeit ist. Das ist so nor-
auch, was sie nicht machen wollen. Das ist mal, da redet gar keiner darüber. Als ich
immer noch schwierig an einigen Stellen. das einmal erlebt habe, habe ich mich
Ich beobachte und höre auch von meinen noch gewundert, dass unser Top-Mana-
Mentees, dass es da durchaus immer noch ger in Schweden tatsächlich, selbst wenn
alte Rollenklischees gibt. Aber, ich glaube, der Vorstand da war, um 16 Uhr gegan-
ich hätte mich früher im Zweifelsfall nicht gen ist. Wirklich auch zu sagen: „Wieso
getraut zu sagen „nein, das mache ich soll ich länger bleiben, als das, was Not
nicht“, nur weil ich Frau bin. Die Frauen tut?“ Der deutsche Botschafter saß ein-
wissen heute sehr genau, was sie wollen, mal neben mir beim Abendessen und hat
auch in den Studiengängen. Selbst, wenn gesagt: „In Deutschland wird halt mehr
wir über ein Auslandssemester reden oder gequatscht.“ Oder auch, wenn Sie in einem
darüber, welche Firma die richtige ist. deutschen Großkonzern sind, wie viele
Viele haben schon eine sehr klare Meinung Leute sich dort mit der Grammatik einer
und das ist deutlicher als früher. Ich stelle Vorstandsvorlage beschäftigen, ist völlig
allerdings fest, dass immer noch bei vie- unnötig. Diesbezüglich ist Verlässlichkeit
len der Knick beim Thema Familie da ist, ganz wichtig und auch eine Kultur, die im
Zukunft für Kinder ! weil es natürlich schwieriger ist, das Ganze Zweifelsfall wirklich Abstand von der stän-
auch noch mit Familie zu managen. Wir digen Verfügbarkeit nimmt. Derzeit bewe-
Zukunft für Kinder ! sehen immer noch die Verantwortung bei gen wir uns manchmal sogar in eine Falle
DAS
den Frauen. Teilweise sind es die Frauen mit dem Home Office. Es ist zwar Home
selber, die es nicht so sehr von ihren Part- Office, aber trotzdem ist die Erwartungs-
SCHÖNSTE
DAS
nern einfordern. Selbst, wenn sie ihren haltung, dass man dich jederzeit errei-
Chefs gegenüber sehr klar sind, ihren Part- chen kann. Und das darf es nicht sein. Wir
GESCHENK
SCHÖNSTE
nern gegenüber im Zweifelsfall nicht. haben vielleicht bestimmte Kernzeiten, in
denen jemand erreichbar ist, wo Bespre-
FÜR
GESCHENK „Ich habe nicht von Anfang
chungen stattfinden. Und dann gibt es Zei-
ten, in denen sich jeder selbst organisieren
KINDER:
FÜR an geplant, Vorstand zu
kann. Solange jemand seine Arbeit schafft
– das ist eine Herausforderung an die Füh-
EINE
KINDER: werden.“ rungskräfte, wie man dann die Messung
der Arbeit steuert – ist alles in Ordnung.
ZUKUNFT.
EINE SIMONE MENNE
Lütke: Gilt das auch für den Vorstands-
ZUKUNFT.
Das ist die KRAFT Lütke: Nur knapp 12 Prozent der Vor-
job?
Menne: Ob die Arbeit in einem bestimm-
standsmitglieder der 30 Dax-Konzerne ten Zeitrahmen zu erledigen ist, wüsste
der
Das Patenschaft.
ist die KRAFT sind weiblich. Wenn man MDax, SDax ich bei Vorstandsvorsitzenden im DAX
und TecDax hinzurechnet, sinkt der Anteil nicht, denn da haben Sie Mitarbeiterver-
der Patenschaft. sogar auf rund 7 Prozent. Was soll die anstaltungen, da müssen Sie politische
Politik regeln, um für mehr Gleichberech- Veranstaltungen und Dinner mit Kunden
Jetzt Pat e tigung von Männern und Frauen in der machen. Als Vorstandsvorsitzender oder
we
Jet zt ene:
rdPat Wirtschaft zu sorgen, was der Markt?
Menne: Es ist natürlich ein Kulturthema.
auch als Vorstand muss man sich klar dar-
über sein, dass man mit einem Acht-Stun-
werden:
worldvision.de In Deutschland sind wir schon außerge- den-Tag nicht klarkommt. Aber, dass man
wöhnlich mit dem Thema „Rabenmutter“ trotzdem mal sagen kann, dass man um
worldvision.de und dem Druck von Eltern und Schwie- 16 Uhr geht und danach vielleicht abendsJunge Wirtschaft #05-2018 IN DER KANTINE | WIRTSCHAFTSLEBEN 21
„Wenn sich die
wirtschaftlichen Eliten
nicht positionieren, führt
das in meinen Augen noch
zusätzlich zu einer Spaltung
in der Gesellschaft.“
SIMONE MENNE
Simone Menne und Kristine Lütke im Gespräch
©
WJD/Sebastian Weimar
zum Dinner, das halte ich für absolut Lütke: Fast jeder dritte Deutsche wünscht Andererseits bin ich selbst tatsächlich der
machbar. sich von Unternehmen eine politische Flaschenhals und das größte Hindernis
Haltung. Nike greift in seiner aktuellen bei der Umsetzung, weil ich so viel ande-
Lütke: Viele machen sogenannte „Old Kampagne die Diskriminierung von Afro- res tue und nicht richtig fokussiert war.
boys’ networks“ für die geringe Zahl von amerikanern im Sport auf. Siemens-Chef Bisher habe ich wenige bürokratische Hin-
Frauen in Top-Positionen verantwortlich. Joe Kaeser hat sich deutlich gegen Nati- dernisse erlebt. Ich konnte in Kiel online
Reproduzieren sich diese Muster auch bei onalismus positioniert. Wie politisch soll das Gewerbe anmelden, das ging wirk-
jungen Männern oder erledigt sich das ein CEO sein? lich reibungslos und es kamen dann auch
Problem mit dem Generationenwechsel in Menne: Das muss jeder natürlich selber die übrigen Meldungen. Das einzige, was
den Führungsetagen? entscheiden. Ich persönlich würde sagen, ich noch vermisse, ist die Meldung vom
Menne: Ich hoffe stark, dass junge Männer es ist schon wichtig, dass man sich klar Finanzamt, was mich und meinen Steu-
sich da nicht alles abgucken. Die Gefahr ist äußert. Natürlich besteht die Gefahr, dass erberater sehr wundert – die sind sonst
natürlich da, wenn sie in einer Organisa- wenn man als Vorstandsvorsitzender sagt ja mit die schnellsten. Das Versicherungs-
tion sozialisiert werden, die genauso tickt. „das und das finde ich nicht gut“, man thema war ein schwieriges. Aber eigent-
Dann ist es egal, ob sie 45 sind oder 65. Sie Sorge hat, dass Leute nicht mehr das Flug- lich macht es Spaß, weil man selber merkt,
haben immer noch dieselben Stereotypen ticket kaufen oder das Auto oder den Kühl- was man beeinflussen kann. Ich bin mit
im Kopf. Und das halte ich für eine große schrank. Aber ich glaube, es muss trotz- mir nicht zufrieden, ich bin lange nicht so
Gefahr. Allerdings haben ja junge Män- dem sein. Man muss dann differenzieren schnell, wie ich dachte. Aber das liegt voll-
ner eben festgestellt, wenn sie im Studium zwischen seiner Meinung als Person und ständig an mir, ich kann keinem anderen
oder auch am Anfang ihrer Arbeit sind, der des Unternehmens. Manchmal muss
dass junge Frauen genauso gut sind. Von auch eine Firma Mut haben. Wenn Sie an
daher glaube ich, dass dieses Schema da Nike denken, das war ja sehr mutig und „Die Frauen wissen heute
eigentlich aufbrechen müsste. Aus meiner auch sehr umstritten, aber ich glaube, es
Sicht müsste man da schon viel früher, im ist gefährlich, wenn man sich nur raus-
sehr genau, was sie wollen.“
Kindesalter, bei den weiblichen Rollenkli- hält. Und ich glaube, es ist gefährlich für SIMONE MENNE
schees ansetzen. Es ist nachweislich so, die Gesellschaft. Wenn sich die wirtschaft-
dass in Zeichentrickfilmen beispielsweise lichen Eliten nicht positionieren, führt das
auf eine weibliche Figur fünf männliche in meinen Augen noch zusätzlich zu einer die Schuld geben und das ist ganz erfri-
Figuren kommen. Wenn Sie sich die typi- Spaltung in der Gesellschaft. schend.
schen Blockbuster ansehen, ist es leider Lütke: Vor ihrer Galerie steht eine große
immer noch so, dass sich die Frau, auch Lütke: Sie sind jetzt auch Gründerin – Kunstinstallation eines Fisches. Daher
wenn sie Wissenschaftlerin oder ähnli- einer Kunstgalerie. Von der Gewerbean- unsere Abschlussfrage: Fischbrötchen
ches ist, am Ende an die breite Schulter meldung bis zur Datenschutzerklärung auf oder Bouillabaisse?
des Mannes schmiegt und gerettet wer- der Website müssen Sie sich jetzt um alles Menne: Bouillabaisse. So gerne ich Fisch-
den muss. selbst kümmern. Wie fühlt sich das an? brötchen mag, aber Bouillabaisse ist etwas
Menne: Einerseits ist es sehr spannend. ganz Tolles.Sie können auch lesen