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Hitzebelastung und Hitzewahrnehmung im Wohn-
und Arbeitsumfeld der Generation 50plus in Aachen
Pfaffenbach, Carmella; Siuda, Agata
Veröffentlichungsversion / Published Version
Zeitschriftenartikel / journal article
Empfohlene Zitierung / Suggested Citation:
Pfaffenbach, C., & Siuda, A. (2012). Hitzebelastung und Hitzewahrnehmung im Wohn- und Arbeitsumfeld der
Generation 50plus in Aachen. Europa Regional, 18.2010(4), 192-206. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168-
ssoar-314920
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Hitzebelastung und Hitzewahrnehmung im Wohn- und Arbeits-
umfeld der Generation 50plus in Aachen
Carmella Pfaffenbach und Agata Siuda
Zusammenfassung Abstract
Im Zusammenhang mit dem Klimawandel wird erwartet, dass Heat Discomfort and the Perception of Heat in the
Hitzeereignisse in den kommenden Jahrzehnten deutlich Residential and Working Environment of the Gener-
häufiger auftreten, höhere Temperaturen erreichen und länger ation 50plus in Aachen
andauern werden. Der vorliegende Beitrag untersucht vor In connection with climate change, it is likely that there will be
diesem Hintergrund am Beispiel der Stadt Aachen, inwieweit much more frequent heat events in the coming decades reaching
eine ältere städtische Bevölkerung bereits heute Hitzephasen in higher temperatures and continuing for longer periods of time.
ihrem Alltag als Belastung empfindet und welche Strategien im Given this situation, this article uses the example of the City of
Umgang mit Hitzephasen bereits bestehen. Dabei liegt das Aachen to investigate the extent to which an older urban
Augenmerk auf der Wohnsituation und dem Wohnumfeld der population is already experiencing phases of heat as discomfort
Bewohner sowie auf der Hitzewahrnehmung bei der Arbeit in their everyday life and what strategies they have to deal with
bzw. im Arbeitsumfeld. phases of heat. This will focus on the housing situation and
Die Ergebnisse der Studie machen deutlich, dass nur wenige residential environment of the inhabitants of the city and how
Befragte sommerliche Hitze als starke oder sehr starke they perceive heat at work and in their working environment.
Belastung empfinden. Diese Beurteilung variiert jedoch nach The study’s findings indicate that only a few of the persons
bestimmten Personengruppen. Das Empfinden von Hitzepha- questioned experienced summer heat as major or very major
sen als Belastung wirkt sich allerdings nicht auf ein an Hitze discomfort. However, this judgment varies according to specific
angepassten Verhalten aus. Dies kann auf ein großes Informa- groups of persons and experiencing phases of heat as discomfort
tionsdefizit selbst bei den vulnerablen Bevölkerungsgruppen did not have an impact on their behavior. That can be attributed
zurückgeführt werden. Eine Analyse der Hitzewahrnehmung to a major information deficit even among the vulnerable groups
in ausgewählten Aachener Stadtteilen legt zwar gewisse in the population. Of course, an analysis of the perception of heat
Unterschiede der Belastungsempfindung offen, jedoch in selected boroughs of the City of Aachen does expose certain
spiegeln sich klimatische Unterschiede darin nicht wider, differences in the way they experience discomfort. However, this
denn sommerliche Hitzephasen werden in den verschiedenen does not reflect climatic differences since each of the boroughs
Stadtteilen in nahezu gleichem Ausmaß als Belastung emp- experience phases of summer heat as discomfort to almost the
funden. Mehr als im häuslichen Umfeld wirkt sich sommerli- same extent. Beyond this, summer heat is more discomforting at
che Hitze am Arbeitsplatz belastend aus. Dabei lassen sich the workplace than in the domestic environment where we can
signifikante Unterschiede zwischen einzelnen Berufsgruppen make out significant differences between each of the professional
feststellen. Selbstständige verfügen über die flexibelsten groups. For example, self-employed persons have the most
Arbeitsbedingungen und haben die meisten Möglichkeiten flexible conditions of work and therefore the widest range of
sich Hitzephasen anzupassen. options for adapting themselves to phases of heat.
Die Notwendigkeit von Anpassungsmaßnahmen an ein Therefore, we can say that it is less necessary to adapt to any
künftig häufigeres Auftreten von Hitzeperioden ist daher future more frequent occurrence of periods of heat on the level
weniger auf der Ebene der Gesamtstadt und für die städtische of the city as a whole and for urban society as a whole. Instead,
Gesellschaft als Ganze zu sehen. Vielmehr müssen besonders it is necessary to identify residential and working situations
belastende Wohn- und Arbeitssituationen sowie vulnerable especially exposed to discomfort as well as vulnerable groups in
Bevölkerungsgruppen identifiziert werden und verstärkt the population in order to pay them greater attention.
Beachtung erhalten.
Climate change, demographic metamorphosis, heat discomfort, per-
Klimawandel, Demographischer Wandel, Hitzebelastung, Hitzewahr- ception of heat, residential environment, working environment, gen-
nehmung, Wohnumfeld, Arbeitsumfeld, Generation 50plus eration 50plus
192Europa Regional 18 (2010) 4 | Hitzebelastung und Hitzewahrnehmung im Wohn- und Arbeitsumfeld
Einleitung tion 50+ sollten zudem ältere Erwerbstä- In Mitteleuropa wird sich die prognosti-
Menschen werden durch Klima und Wet- tige in die Betrachtung aufgenommen zierte Erderwärmung insbesondere
ter erheblich in ihrem Wohlempfinden und nicht nur auf Personen im Ruhestand durch eine größere Eintrittswahrschein-
beeinflusst. So haben insbesondere Hit- fokussiert werden. Das Augenmerk liegt lichkeit von Hitzewellen1 bemerkbar ma-
zeereignisse direkte gesundheitliche inhaltlich auf der Wohnsituation und dem chen, die vermutlich auch länger dauern
Auswirkungen und können sogar zu er- Wohnumfeld der Bewohner sowie auf der werden als bisher. Laut Prognosen soll
höhten Krankheits- und Sterberaten Hitzewahrnehmung bei der Arbeit und die Auftrittswahrscheinlichkeit von Hit-
führen. Faktoren wie das Alter, die im Arbeitsumfeld. zewellen beispielsweise in Paris als eine
Krankheitsvorgeschichte und das sozi- zuletzt von Hitzewellen besonders stark
ale Eingebundensein der einzelnen Per- Entwicklung von Hitze unter betroffene europäische Metropole vom
sonen weisen erheblichen Einfluss auf besonderer Berücksichtigung Vergleichszeitraum 1961-1990 bis zum
deren Vulnerabilität bei Hitze auf (vgl. des Klimawandels Prognosezeitraum 2080-2099 um ca.
Klinenberg 2002; Koppe 2009). Im Zu- Das Klima hat sich in den letzten hundert 31 % steigen und dann bei 2,15 Hitzewel-
sammenhang mit dem Klimawandel wird Jahren weltweit verändert. Messungen len pro Jahr liegen (zuvor: 1,64). Ebenso
erwartet, dass Hitzeereignisse in den zeigen eine Erwärmung der globalen Jah- soll die Dauer von Hitzewellen in diesem
kommenden Jahrzehnten deutlich häufi- resmitteltemperatur um 0,74° Celsius Zeitraum von durchschnittlich 11,39 Ta-
ger auftreten, höhere Temperaturen er- zwischen 1906 und 2005. In den letzten gen auf 17,04 Tage ansteigen (vgl. Meehl
reichen und länger andauern werden 50 Jahren hat sich der globale Tempera- u. Tebaldi 2004, S. 995). Dabei wird an-
(vgl. IPCC 2007; Meehl u. Tebaldi 2004). turanstieg mit 0,13 ° Celsius pro Jahr- genommen, dass Menschen in weiten Tei-
Der demographische Wandel, d.h. die Zu- zehnt deutlich erhöht. Darüber hinaus len Frankreichs und in Deutschland von
nahme des Anteils älterer Bevölkerungs- gehörten elf der zwölf Jahre von 1995 bis der Zunahme von Hitzewellen stärker be-
gruppen in der Gesellschaft, wird bedeu- 2006 zu den wärmsten seit Beginn der troffen sein werden als Menschen in Mit-
ten, dass in Zukunft auch die Anzahl der Temperaturaufzeichnung im Jahre 1850. telmeerregionen, die sich bereits besser
durch Hitzeereignisse vulnerablen Bevöl- Als Ursachen des mit diesen Werten be- an Hitzewellen angepasst haben (vgl.
kerung zunehmen wird. gründeten Klimawandels werden sowohl Meehl u. Tebaldi 2004, S. 997).
Zudem werden Menschen, die in Städ- natürliche als auch vom Menschen verur- Die Auswirkungen des Klimawandels
ten leben, die Auswirkungen der klima- sachte Faktoren gesehen. Allerdings wird in Form eines Anstiegs der Mitteltempe-
tischen Entwicklungen verstärkt zu in anthropogenen Faktoren (v.a. Treib ratur sowie einer Intensivierung und Zu-
spüren bekommen, da in städtischen hausgasemissionen) der weitaus größte nahme von Hitzeereignissen werden im
Räumen die Temperaturen um durch- Einfluss auf die Erwärmung der Erde seit europäischen Raum vor allem die Bewoh-
schnittlich 1 bis 3 Grad Celsius höher der Mitte des 20. Jahrhunderts angenom- ner von Städten zu spüren bekommen, da
sind als im weniger dicht besiedelten men (vgl. IPCC 2007, S. 30ff.). Städte eine höhere Temperatur gegen-
Umland (vgl. Voogt 2002, S. 664). So Um Aussagen über die zukünftige Kli- über dem Umland aufweisen (vgl. Har-
werden in Städten hitzebedingte Gesund- maentwicklung treffen zu können, hat der lan et al. 2006, S. 2848; Fezer 1995,
heitsrisiken voraussichtlich in zunehmen- zwischenstaatliche Ausschuss für Kli- S. 33). Dieses Phänomen wird als städti-
dem Maße auftreten. Um die Hitzebelas- maänderungen (Intergovernmental Panel sche Wärmeinsel bezeichnet und durch
tung zu minimieren werden daher Anpas- on Climate Change, IPCC) mehrere Szena- die städtische Bebauungsstruktur, Flä-
sungsstrategien gefordert, die sich sowohl rien entwickelt. Diesen Szenarien liegen chenversieglung, durch fehlende Vegeta-
auf die stadtplanerische Ebene, als auch unterschiedliche demographische, wirt- tion und durch die Freisetzung von Ab-
auf individuelle Verhaltensweisen richten schaftliche und technische Entwicklungen wärme und Luftverunreinigungen be-
(vgl. Jendritzky 2007, S. 108). und daraus resultierende Treibhausgas- dingt (vgl. Kuttler 2008, S. 6). Die
Der vorliegende Beitrag untersucht am emissionen zugrunde. Allen Szenarien ist Temperaturen sind gerade nachts in den
Beispiel der Stadt Aachen, inwieweit gemein, dass sie eine weitere Erwärmung am dichtesten bebauten Teilen der Stadt
städtische Bevölkerung in der Alters- prognostizieren. Selbst wenn der Treibh- am höchsten, da dort der Wärmeinselef-
gruppe über 50 Jahre bereits heute Hit- ausgasausstoß auf dem Stand des Jahres fekt am höchsten ist. „Die tagsüber auf-
zephasen in ihrem Alltag als Belastung 2000 bliebe, würde dies eine weitere glo- geheizten Baumassen halten die Atmo-
empfindet und welche Strategien im Um- bale Erwärmung um etwa 0,1° Celsius pro sphäre am Abend warm, deshalb fordern
gang mit Hitzephasen bereits bestehen. Jahrzehnt bedeuten (IPCC 2007, S. 45).
Personen über 50 Jahre wurden ausge- Das am häufigsten betrachtete Szenario 1 Unter einer Hitzewelle kann im deutschen Kontext ein
wählt, da mit zunehmendem Alter auch A1B geht allerdings von einem Anstieg der Zeitraum von mindestens drei aufeinanderfolgenden
Tagen mit einer Tageshöchsttemperatur von
die Sensibilität für Hitzebelastung konti- globalen Mitteltemperatur von 1,7° bis mindestens 30° C verstanden werden (vgl. Buttstädt
nuierlich steigt (vgl. Havenith 2005, 4,4° Celsius bis zum Jahre 2100 aus (vgl. et al. 2010, S. 6). In den USA wird beispielsweise ein
höherer Schwellenwert zugrunde gelegt (vgl. Wichert
S. 77). Mit der Altersgruppe der Genera- Becker et al. 2008, S. 342). 2004, S. 189).
193Hitzebelastung und Hitzewahrnehmung im Wohn- und Arbeitsumfeld | Europa Regional 18 (2010) 4
Hitzewellen regelmäßig in der Stadt können die Krankheits- und Sterberaten (vgl. Díaz et al. 2002, S. 167; Koppe 2009,
mehr Opfer als auf dem Land“ (Fe- extrem steigen, wie die Hitzewelle 2003 S. 40). Zusätzlich spielen die Konstitution
zer 1995, S. 106).2 in Westeuropa verdeutlicht hat, der und entsprechende Anpassungsstrategi-
Angesichts der prognostizierten Klima- 25.000 bis 35.000 zusätzliche Todesfäl- en eine wichtige Rolle (vgl. Fezer 1995,
veränderungen stellt sich die Frage, wie le zugeschrieben werden (Koppe et S. 108). So nennt das Umweltbundesamt
gerade die von den Auswirkungen beson- al. 2003, S. 159). Allein in Deutschland (Mücke et al. 2009, S. 8) als „wesentliche
ders betroffenen Bewohner von Städten, soll die Zahl der Hitzeopfer bei etwa Empfehlungen zum Schutz vor Hitze“ un-
also ältere und gesundheitlich einge- 7.000 Menschen gelegen haben (Jend- ter anderem die Beschränkung von Akti-
schränkte Personen, die steigende Hitze- ritzky 2007, S. 108). Bereits 1995 kam vitäten im Freien auf die Morgen- und
belastung wahrnehmen und welche Aus- es bei einer Hitzewelle in Chicago zu Abendstunden, die Vermeidung körper-
wirkungen dies bereits heute auf ihr all- etwa 700 hitzebedingten Todesfällen (vgl. licher Anstrengungen, den Aufenthalt in
tägliches Leben hat. In den folgenden Semanza et al. 1996, S. 84). Diese beiden kühlen Räumen oder im Schatten sowie
Abschnitten wird zunächst auf den bishe- Beispiele haben deutlich gezeigt, dass eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr. Um
rigen Forschungsstand eingegangen, be- Hitze sowohl auf die Morbidität als auch hitzebedingte Erkrankungen und Todes-
vor später eigene Untersuchungsergeb- auf die Mortalität einen Einfluss hat, dass fälle zu vermeiden, muss die Bevölkerung
nisse vorgestellt werden. Dabei wird ins- jedoch nicht alle Menschen gleicherma- über das Thema ,Hitzebelastung‘ besser
besondere auf Publikationen aus der ßen von Hitze betroffen sind. informiert und aufgeklärt werden, um ein
(Human-/Bio-)Meterologie, Klimawir- Während erwachsene Menschen mit Problembewusstsein zu erzeugen (vgl.
kungs-, Vulnerabilitäts- und Public einer gesunden Lebensweise und ange- Ingendahl u. Thieme 2009, S. 6; Mücke
Health-Forschung Bezug genommen. Hu- passtem Verhalten bei Hitzeextremen et al. 2009, S. 4; Pfaff et al. 2004, S. 201).
mangeographische Forschung konzen weniger gefährdet sind (vgl. Mücke et
triert sich derzeit auf die mikroklimati- al. 2009, S. 3), gibt es bestimmte Perso- Hitzebelastung im Wohnumfeld
sche Charakterisierung urbaner Struktu- nengruppen, die bei solchen Ereignissen Neben den dargestellten körperlichen Vo-
ren (Bechtel et al. 2011) und die besonders exponiert sind. Es handelt sich raussetzungen sind auch die Wohnsitua-
Vulnerabilität urbaner Bevölkerungs- dabei um Personen mit Vorerkrankun- tion und das Wohnumfeld entscheidend
gruppen (Ossenbrügge et al. 2011; Siu- gen des Herz-Kreislaufsystems, der für die Wahrnehmung von Hitzebelastun-
da et al. 2010). Atemwege oder Diabetes, aber auch um gen. Dabei ergibt sich ein erster wesent-
Personen, die Medikamente, Alkohol licher Unterschied zwischen städtischen
Auswirkungen des Klimas auf die oder Drogen zu sich nehmen (vgl. Haines und suburbanen/ländlichen Wohnstand-
Gesundheit et al. 2006, S. 2103; Jendritzky 1998, orten. Aber auch innerhalb einer Stadt
Wetter und Klima wirken sich sowohl auf S. 9; Mücke et al. 2009, S. 4; UBA u. unterscheiden sich Bebauungsdichten
die menschliche Gesundheit als auch auf DWD 2008, S. 6). Zu den besonders ge- und somit Temperaturen. Innerstädtische
das Wohlbefinden und die Leistungsfä- fährdeten Bevölkerungsgruppen gehören Grünflächen sind nicht gleichmäßig ver-
higkeit aus (vgl. Jendritzky 2007, auch Säuglinge, Kleinkinder und ältere teilt, so dass nicht alle Stadtbewohner
S. 110). Der Klimawandel weist aufgrund Menschen (vgl. Augustin et al. 2011, von ihren günstigen klimatischen Eigen-
von sich nachteilig verändernden Um- S.179). Darüber hinaus können sich bei schaften (niedrigere Temperaturen durch
weltbedingungen indirekte Auswirkun- potenziell gefährdeten Personen man- Transpiration der Grünfläche) profitieren
gen auf, beispielsweise durch ein erhöh- gelnder Zugang zu Informationen sowie können. Zudem weisen nur große Parks
tes Aufkommen von Allergenen oder tie- soziale Isolierung negativ auswirken (vgl. eine kühlende Wirkung auf benachbarte
rischen Krankheitsüberträgern (z.B. Heckenhahn u. Müller 2011, S. 185). Viertel auf (vgl. Fezer 1995, S. 41f.).
Zecken und Stechmücken). Starke Hitze- Technische und infrastrukturelle Rah- Wie umfassend sich Hitzewellen auf
belastungen gelten als direkte Auswir- menbedingen wie z.B. Klimaanlagen und die Gesundheit der Bewohner auswirken,
kungen des Klimawandels und sind für medizinische Versorgung können die Ver- ist neben individuellen Dispositionen von
Menschen in Großstädten die am wundbarkeit besonders gefährdeter Per- Art und Ausstattung der (Wohn-)Gebäu-
schwersten wiegenden Klimafolgen (vgl. sonen jedoch reduzieren (vgl. Harlan et de abhängig (vgl. Heudorf u. Mey-
MUNLV NRW 2009, S. 122; Zebisch et al. 2006, S. 2851; Zebisch et al. 2005, er 2005, S. 372f.). So haben die Untersu-
al. 2005, S. 122). Durch Hitzeextreme S. 122). chungen zu den Hitzeereignissen in Chi-
Das Empfinden von Hitze als Belastung cago 1995 und in Westeuropa 2003 ge-
2
ist generell von verschiedenen Faktoren zeigt, dass Bewohner von Ober- und
Auch die Lage der Stadt spielt für den Temperatur-
gang eine wichtige Rolle. So sind vor allem abhängig. So werden im Frühsommer Dachgeschossen und von Häusern, die
Kessellagen klimatisch ungünstig (vgl. Zebisch et al.
2005, S. 122). Dies gilt auch für die Stadt Aachen, um
hohe Temperaturen belastender empfun- vor 1975 errichtet wurden, überdurch-
die es in der vorliegenden Untersuchung geht, die den als im Hochsommer, wenn sich der schnittlich häufig erkrankt oder verstor-
zwischen 100 und 200 Meter tiefer gelegen ist als ihr
Umland (vgl. Havlik u. Ketzler 2000, S. 2). Organismus bereits darauf eingestellt hat ben sind (vgl. BMVBS u. BBR 2008, S. 19;
194Europa Regional 18 (2010) 4 | Hitzebelastung und Hitzewahrnehmung im Wohn- und Arbeitsumfeld
Semanza et al. 1996, S. 88). Auch viele te, Straßenbau) und Berufe mit Klei- Bauingenieure und Mediziner tätig sind.
und große Fenster wirken sich bei Hit- dungsvorschriften (Schutzkleidung) bei Gemeinsam widmet sich das Team den
zeereignissen offensichtlich negativ auf hohen Temperaturen zu einer vergleichs- Herausforderungen, denen sich mitteleu-
die Gesundheit aus, da durch die direkte weise großen Belastung. Auch Art und ropäische Städte in Zukunft aufgrund des
Sonneneinstrahlung die Raumtempera- Ausstattung des Arbeitsplatzes wirken klimatischen und demographischen Wan-
tur schnell ansteigen kann (vgl. Hales et sich aus. Moderne Bürogebäude verfügen dels stellen müssen.
al. 2007, S. 299). häufig über Glasfassaden, die zu einer er- In diesem Rahmen wurde im Mai 2010
Um den Auswirkungen des Klimawan- höhten Temperatur in den Büroräumen eine schriftliche Befragung in der Stadt
dels zu begegnen und die Hitze in Städ- führen können. Ebenso belastend sind Aachen zu den Themenkomplexen Hit-
ten und Gebäuden zu reduzieren, bieten Berufe, die auch bei hohen Temperaturen zewahrnehmung und Hitzebelastung so-
sich sowohl Maßnahmen in der Stadtpla- im Freien ausgeübt werden müssen (z.B. wie Umgang mit Hitzephasen durchge-
nung als auch in der Gebäudegestaltung Bauarbeiter). führt. Dabei wurden zehn Prozent aller
an. Innerstädtische Grün- und Freiflächen Da die meisten Erwerbstätigen inner- über 50-jährigen Bewohner Aachens (ca.
sollten demnach erhalten bleiben, um de- halb von Gebäuden arbeiten, enthält die 8.500 Personen; zur Verteilung vgl.
ren positive klimatische Eigenschaften zu Arbeitsstätten-Richtlinie zur Raumtem- Abb. 1) angeschrieben4, um u.a. deren
nutzen und eine ausreichende Frischluft- peratur (ASR6) die wesentlichen Vorga- Wohn- und Arbeitssituation zu erfassen.
versorgung sicher zu stellen. Straßen-, ben: „Die Lufttemperatur in Arbeitsräu- Die 2.181 zurückgesandten Fragebögen
Dach- und Fassadenbegrünungen können men soll 26 °C nicht überschreiten. Bei (Rücklaufquote ca. 26 %) liefern ein de-
Hitzewirkungen vermindern (vgl. MUN- darüberliegender Außentemperatur darf tailliertes Bild der in Aachen lebenden äl-
LV NRW 2009, S. 126ff.). Bei Gebäuden ist in Ausnahmefällen die Lufttemperatur teren Bevölkerung. Die hohe Stichprobe
auf Wärmedämmung und Sonnenschutz höher sein“ (ASR 6 2001, Pos. 3.3). Es macht es möglich, kleinräumig zu diffe-
durch Rollläden und Verschattungsele- wird jedoch keine Angabe zu Höhe und renzieren und so auch Aussagen nach
mente zu achten (vgl. Grothmann et Häufigkeit der Überschreitung gemacht. Wohnlage innerhalb des Stadtgebiets zu
al. 2009, S. 234f.). Auf Klimaanlagen soll- Da kein Rechtsanspruch auf die Einhal- treffen.
te in Wohngebäuden aus Gründen des tung dieser Grenze besteht, sind Maßnah- Die Personen, die sich an der Befra-
Klimaschutzes eher verzichtet und na- men des Arbeitgebers, wie beispielswei- gung beteiligten, sind zu 55 % Frauen
türliche Lüftungs- und Ventilationssys- se das Bereitstellen von Getränken oder und zu 45 % Männer. Etwa 48 % aller
teme vorgezogen werden (vgl. BMVBS u. das Gewähren von ,Hitzefrei‘ nicht zwin- Befragten sind zwischen 50 und 64 Jah-
BBR 2008, S. 24). Durch ein entsprechen- gend vorgeschrieben (vgl. Bux 2006, re, 43 % zwischen 65 und 79 Jahre und
des Lüftungsverhalten und Abdunkelung S. 21). Als wünschenswert werden den- ca. 9 % über 80 Jahre alt. Hochaltrige
der Wohnräume vor direkter Sonnenein- noch Absprachen zwischen Arbeitgeber sind damit verglichen mit der Alters-
strahlung können Bewohner selbst ihren und Arbeitnehmer erachtet, die die Ar- struktur Aachens in den zur Verfügung
Beitrag zu einem angenehmen Raumkli- beitszeit flexibler gestalten (früherer Ar- stehenden Daten unterrepräsentiert,
ma leisten. beitsbeginn und flexible Pausengestal- während die 65- bis 79-Jährigen
tung), und technisch-bauliche Maßnah- überrepräsentiert sind.
Hitzebelastung bei der Arbeit men zur Kühlung der Räume (Ausstattung
Hitze wirkt sich nicht nur auf das allge- mit Ventilatoren oder Sonnenschutz). Hitzeempfinden und -wahrneh-
meine Wohlbefinden, sondern auch auf mung der Bewohner Aachens
die Arbeitsproduktivität aus. In unseren Forschungsdesign Da sich das Thema Klimawandel seit ei-
Breiten ist „bei Temperaturen über 30 °C Die in diesem Beitrag vorgestellten Über- nigen Jahren nicht nur in der Wissen-
[…] ein Nachlassen der mentalen und legungen und Ergebnisse sind im Rah- schaftslandschaft großer Resonanz er-
körperlichen Arbeitsleistung nachweis- men eines Projektes entstanden, das freut, sondern auch in den Medien zuneh-
bar“ (OcCC u. ProClim-2007, S. 69). In sich mit Strategien einer älter werden- mend Aufmerksamkeit erhält, stellte sich
den ungünstigsten Fällen kann dies sogar den städtischen Gesellschaft im Umgang zunächst die Frage, inwieweit sommerli-
zu einer Gefährdung der Sicherheit und mit klimatischen Veränderungen be- che Hitzephasen auch bei der Bevölke-
Gesundheit führen. schäftigt. Dieses Projekt ist eingebettet rung als Problem wahrgenommen wer-
Das Hitzeempfinden und die Hitzebel- in das interdisziplinäre Forschungspro- den. Diese Frage schien naheliegend, da
astung bei der Arbeit werden neben indi- jekt City2020+,3 in dem neben Geogra- der „Reiseweltmeister Deutschland“ ge-
viduellen Einflussgrößen, wie beispiels- phen Stadtplaner, Soziologen, Historiker, rade im Sommerurlaub mit Mittelmeer-
weise Alter, Erkrankungen oder Konsti- ländern wie Spanien und Italien deutlich
3 Das Projekt wird mit Mitteln der Exzellenz-Initiative
tution, auch durch arbeitsbedingte gefördert. Die Autorinnen danken dem ProjectHouse
Faktoren bestimmt. So führen körperlich HumTec der RWTH Aachen für die finanzielle
Unterstützung und den Kollegen und Kolleginnen für 4 Die Stichprobenziehung erfolgte auf Basis der
anstrengende Arbeiten (z.B. Pflegediens- die wertvolle Zusammenarbeit. Stimmbezirke nach Alter und Geschlecht repräsentativ.
195Hitzebelastung und Hitzewahrnehmung im Wohn- und Arbeitsumfeld | Europa Regional 18 (2010) 4
kanten Unterschied nach Altersgrup-
Stadt Aachen pen.7 Der Anteil der über 80-Jährigen,
Bevölkerungsanteil der über 49-Jährigen 2009 die Hitze eher als (sehr) starke
nach Stimmbezirken Belastung empfinden, liegt bei knapp
30 %, während diese Angabe nur etwa
20 % der Befragten unter 80 Jahre
machten. Dennoch muss festgehalten
werden, dass immerhin noch fast 40 %
0 1 2 3 km
der über 80-Jährigen Hitze als über-
0DVWDE
haupt keine oder nur als geringe Belas-
tung empfinden.
Begründet werden kann das höhere
Hitzeempfinden von Hochaltrigen nicht
nur mit dem höheren Alter, sondern auch
mit geringer ausgeprägten Anpassungs-
strategien. So gaben nahezu zwei Drittel
aller über 80-Jährigen an, dass sich ihr
Verhalten an heißen Sommertagen nicht
von dem an anderen Tagen unterscheide,
während die unter 80-Jährigen immerhin
zu knapp 40 % angaben, Anpassungsstra-
tegien bei sommerlicher Hitze entwickelt
zu haben.
Das Empfinden von Hitze als Belas-
tung ist auch bei den Geschlechtern un-
terschiedlich ausgeprägt.8 So fühlen sich
Frauen durch Hitze mehr beeinträchtigt
Staatsgrenze
Kreisgrenze
als Männer. Knapp 25 % der weiblichen
Stimmbezirke Befragten gaben an, dass Hitze für sie
eine starke bzw. sehr starke Belastung
darstelle. Hingegen empfinden dies nur
[%] Häufigkeit
53
16 % der männlichen Befragten, die zu
59,3 48
42 über 56 % Hitzephasen nicht oder nur
50,0
40,0
geringfügig als Belastung wahrnehmen.
30,0 11
So verwundert es nicht, dass männliche
7
20,0 Befragte häufiger auf Anpassungsstra-
9,8 tegien im Umgang mit Hitze verzichten
(68 %) als Frauen dies tun (56 %).
IfL 2012
Karteninhalt: C. Pfaffenbach, A. Siuda
Wie bereits erwähnt, spielt auch der
Quelle: Statistische Daten der Stadt Aachen (Stand 31.12.2009)
Kartografie: R. Schwarz
gesundheitliche Zustand bei der Vulnera-
Abb. 1: Anteil der 49-Jährigen an der Bevölkerung der Stadt Aachen nach Stimmbezirken
bilität von Menschen gegenüber Hitze-
phasen eine wesentliche Rolle. Die Ergeb-
nisse der vorliegenden Untersuchung las-
heißere Destinationen als das Heimat- darstelle.6 Weitere knappe 30 % empfin- sen einen deutlichen Zusammenhang
land aufsucht (Statistisches Bundes- den Hitze als mäßige Belastung und nur zwischen dem subjektiv bewerteten Ge-
amt 2010, S. 11). etwa 20 % als starke oder sehr starke sundheitszustand und dem Belastungs-
In der Befragung gaben über 50 % an, Belastung (vgl. Abb. 2). Allerdings gibt
dass Hitze für sie entweder überhaupt es beim Hitzeempfinden einen signifi-
7 Mit dem Kruskal-Wallis-Test wurde ein Zusammen-
keine oder nur eine geringe Belastung5 hang zwischen den Variablen Alter (gruppiert) und
6 In den Auswertungen und den entsprechenden Belastungsempfinden mit einem Wert von 0,000
Abbildungen werden jeweils nur diejenigen Befragten errechnet.
5 Die Befragten wurden gebeten, ihr Belastungsempfin- berücksichtigt, die die konkrete Frage beantwortet 8 Der Mann-Whitney-Test ergab eine asymptotische
den in einer 5-stufigen qualitativen Skala (sehr starke, haben, deshalb variiert die Gesamtzahl (n) in den Signifikanz von 0,000 und damit einen statistischen
starke, mäßige, geringe, überhaupt keine Belastung) Abbildungen. Die im Text genannten Prozentangaben Zusammenhang zwischen den Variablen Geschlecht
einzuordnen. beziehen sich auf die jeweiligen Gesamtzahlen. und Belastungsempfinden.
196Europa Regional 18 (2010) 4 | Hitzebelastung und Hitzewahrnehmung im Wohn- und Arbeitsumfeld
empfinden bei Hitze erkennen9: Je besser
die Befragten ihren Gesundheitszustand Stadt Aachen
einschätzen, desto besser vertragen sie Empfinden von Hitze als Belastung 2010
ihrer Meinung nach sommerliche Hitze-
nach Altersgruppen
phasen. So bezeichneten 80 % der Perso- Altersgruppe
nen, die ihren Gesundheitszustand als 50 - 64 Jahre 4,4 15,7 25,5 28,8 25,7
(n=1021)
sehr gut beurteilten, Hitze nur als gerin-
65 - 79 Jahre
ge Belastung (nur 4 % empfanden Hitze (n=910)
3,4 16,3 29,0 27,5 23,8
als starke oder sehr starke Belastung). 80 Jahre
und älter 4,7 24,7 32,6 23,2 14,7
Bei den Befragten mit „eher schlechtem“ (n=190)
Gesundheitszustand liegt dagegen der
Wert für eine (sehr) starke Belastung bei gesamt 4,0 16,7 27,6 27,7 23,9
(n=2121)
über 47 % (32 % empfanden Hitze nicht
oder nur geringfügig als Belastung). 0 20 40 60 80 100
Prozent
Allerdings wirkt sich der subjektive Ge- Empfundene Belastung
sundheitszustand nicht auf das Handeln sehr stark stark mäßig gering keine
aus, denn nur 39 % der Befragten gaben
an, bereits Maßnahmen im Umgang mit IfL 2012
Inhalt, Entwurf: C. Pfaffenbach, A. Siuda
Quelle: eigene Erhebung
Hitzephasen entwickelt zu haben, und Grafik: R. Schwarz
dies unabhängig von ihrer gesundheitli- Abb. 2: Empfinden von Hitze als Belastung nach Altersgruppen 2010
chen Beurteilung.
Die Auswertung der offen gestellten
Stadt Aachen
Frage nach Tätigkeiten, die an besonders
Die zehn am häufigsten genannten Verhaltensänderungen
heißen Sommertagen anders als sonst ge- und Anpassungsstrategien in Hitzephasen 2010
macht werden bzw. auf die besonders ge- Mehrfachantworten-Set
achtet wird, zeigt insbesondere Anpas-
mehr trinken 226
sungen der Ernährungsgewohnheiten
und von körperlichen Aktivitäten (vgl. draußen aufhalten 113
Abb. 3). Es wird z.B. darauf geachtet, sich mehr ausruhen 110
mehr zu trinken und leichtere Kost zu im Schatten aufhalten 105
sich zu nehmen. Körperliche Anstrengun-
Vermeidung körperlicher Anstrengung 104
gen werden häufiger vermieden, bzw. be-
andere Zeiteinteilung von 78
schwerliche Tätigkeiten werden zu ande- Arbeit/Aktivitäten
ren Tageszeiten (in den frühen Morgen- leichte Kost 53 Personen insgesamt
(n=791)
stunden oder am Abend) ausgeübt, und leichte Kleidung tragen 48
Nennungen insgesamt
man ruht sich mehr aus. Auch wenn viele (n=1359)
drinnen bleiben 45
Personen angegeben haben, an heißen
43
Tagen ihre Zeit draußen, beispielsweise Sonne meiden
im Garten, auf dem Balkon oder im Park 0 50 100 150 200 250
zu verbringen, so wird dort häufiger der IfL 2012
Nennungen
Inhalt, Entwurf: C. Pfaffenbach, A. Siuda
Schatten aufgesucht. Andere Strategie, Grafik: R. Schwarz Quelle: eigene Erhebung
wie z.B. ein häufigeres oder anderes Lüf-
Abb. 3: Die zehn am häufigsten genannten Verhaltensänderungen und Anpassungsstrate-
ten und Abdunkeln der Wohnräume, wur-
gien in Hitzephasen
den selten genannt.
Je nach Alter der Befragten unterschei- 65-79-Jährigen nannten Ausruhen als an, was aus medizinischer Sicht ein
den sich die an heißen Sommertagen er- Strategie nur zu 17 %, die befragten durchaus sinnvolles Vorgehen darstellt,
griffenen Maßnahmen. So gaben die 50-64-Jährigen sogar nur zu 9 %. Auch sofern die Wohnräume nicht aufgeheizt
Hochaltrigen am häufigsten an, sich mehr halten sich die über 80-Jährigen in sind. Erstaunlich ist allerdings, dass
auszuruhen (28 %). Die befragten Hitzephasen seltener draußen auf (8 %) Hochaltrige anscheinend in Hitzephasen
als die jüngeren Personengruppen (13 % seltener „mehr trinken“ als jüngere Älte-
9 Mit dem Kruskal-Wallis-Test wurde ein Zusammen-
der 65-79-Jährigen bzw. 17 % der re (etwa 20 % gegenüber 35 %).
hang zwischen den Variablen Gesundheitszustand 50-64-Jährigen) und geben zusätzlich Um den Zusammenhang zwischen Hit-
und Belastungsempfinden mit einem Wert von 0,000
errechnet. häufiger „drinnen bleiben“ als Strategie zebelastung und gesundheitlicher Situa-
197Hitzebelastung und Hitzewahrnehmung im Wohn- und Arbeitsumfeld | Europa Regional 18 (2010) 4
Eine entsprechende (professionelle) Auf-
Stadt Aachen klärung zu Risiken und angemessenem
Hitze als Belastung – Personen mit Erkrankungen des Verhalten durch einen Arzt oder Pflege-
Herz-Kreislaufsystems bzw. der Atmungsorgane 2010
Vergleich mit Nichterkrankten dienst ist erst bei ca. 4 % der Befragten
erfolgt. Das Geschlecht der Befragten
Bluthochdruck u. Herz-
spielt dabei offensichtlich keine Rolle, je-
Kreislauferkrankungen
Erkrankte (n=935) 5,9 21,5 31,3 24,0 17,3
doch das Alter, denn die Altersgruppe
zwischen 50 und 79 Jahren verfügt in ge-
ringerem Maße über Informationen als
Nicht-Erkrankte (n=1223) 2,5 13,0 25,1 30,3 29,1
hochaltrige Personen (23 % zu 28 %).
Am häufigsten sind Personen mit Erkran-
kungen der Atemwegsorgane über Hitze-
Atmungsorgane
Krankheiten der
Erkrankte (n=228) 9,2 23,2 32,9 22,4 12,3
belastungen informiert (30 %).
Es sind also insgesamt sehr viele Per-
sonen noch nicht über dieses Thema auf-
Nicht-Erkrankte (n=1930) 3,4 15,9 27,2 28,1 25,4
geklärt. Festzuhalten ist insbesondere,
dass gerade die gefährdeten Personen-
0 20 40 60 80 100
gruppen dabei keine Ausnahme machen.
Quelle: eigene Erhebung Prozent
Empfundene Belastung Da das Ergreifen wirkungsvoller Anpas-
IfL 2012 sehr stark mäßig keine
Inhalt, Entwurf: C. Pfaffenbach, A. Siuda
stark gering sungsmaßnahmen in unmittelbarem Zu-
Grafik: C. Kunze
sammenhang mit dem Informiertsein
Abb. 4: Hitze als Belastung – Personen mit Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems bzw. steht, lässt sich schlussfolgern, dass In-
der Atmungsorgane im Vergleich zu Nichterkrankten 2010 formationen durchaus zu einem verän-
derten Verhalten führen können. Viele
tion näher zu überprüfen, sollen nun Per- Hitze angepassten Verhalten führen der genannten Maßnahmen sind rein in-
sonen mit Erkrankungen des Herz-Kreis- muss. Dennoch lässt sich festhalten, dass tuitiv, und nicht in jedem Fall aus medizi-
laufsystems und Bluthochdruck sowie Personengruppen, die als besonders ge- nischer Sicht richtig.
Erkrankungen der Atemwegsorgane nä- fährdet gelten, also Hochaltrige und kran- Abschließend soll aufgezeigt werden,
her betrachtet werden, da gerade diese ke Menschen, Hitze tatsächlich auch häu- wie viele der Befragten in Aachen auf-
Erkrankungen in Kombination mit Hitze figer als Belastung wahrnehmen als an- grund von Hitze bereits einen Arzt oder
eine besondere Gefährdung für die Be- dere Personen. ein Krankenhaus aufgesucht haben und
troffenen darstellen (vgl. Jendritz- Um Hitzebelastungen zu mindern, soll- welche gesundheitlichen Probleme bei
ky 1998, S. 9; Sperk u. Mücke 2009, S. 7). ten vor allem Risikogruppen verstärkt ihnen aufgetreten sind. Insgesamt ha-
Hier lässt sich deutlich erkennen, dass über die Möglichkeiten der individuellen ben 193 der 2.181 befragten Personen
Personen mit diesen chronischen Erkran- Anpassung aufgeklärt werden (vgl. In- (9 %) bereits Erfahrungen mit gesund-
kungen Hitze eher als Belastung empfin- gendahl u. Thieme 2009, S. 6f.), um auf heitlichen Auswirkungen von Hitze ge-
den als die jeweiligen Vergleichsgrup- Hitzephasen entsprechend zu reagieren macht (vgl. Abb. 6). Am häufigsten litten
pen10 ohne diese Beschwerden11 (vgl. und Beeinträchtigungen zu vermeiden. sie dabei an Kreislaufbeschwerden (in
Abb. 4). Obwohl Hitzephasen von Perso- Daher soll im Folgenden näher betrach- ca. 60 % der Fälle), an Kopfschmerzen
nen mit chronischen Erkrankungen häu- tet werden, inwieweit die Bewohner Aa- (36 %), an Schlafstörungen (34 %) oder
figer als Belastung empfunden werden, chens bereits Informationen zum Thema an einem Erschöpfungs- oder Schwäche-
haben lediglich ca. 40 % Anpassungsstra- „Hitzebelastung“ besitzen. Dies kann gefühl (34 %). Des Weiteren führten die
tegien entwickelt. auch als ein Hinweis darauf gelten, wel- Hitzebelastungen auch zu Atemwegser-
Die bisher dargestellten Ergebnisse che Bedeutung Hitzebelastungen seitens krankungen (19 %) und zu Übelkeit
zeigen, dass das Empfinden von Hitze- der Befragten beigemessen wird. (14 %). Zumeist traten die Beschwerden
phasen als Belastung nicht zu einem an Abbildung 5 verdeutlicht, dass die in Kombination mit anderen Sympto-
überwiegende Mehrheit aller Befragten men auf.
10 Die Vergleichsgruppen enthalten alle anderen
Personen ohne die jeweiligen Erkrankungen, (76 %) noch keinerlei Informationen er- Personengruppen, die besonders von
allerdings auch solche, die anderweitig chronisch
erkrankt sind.
halten hat. Die meisten befragten Perso- Hitzeereignissen betroffen sind wie
11 Mit dem Mann-Whitney-Test wurde ein Zusammen- nen beziehen ihre Informationen aus den Hochaltrige und Personen mit bestimm-
hang sowohl zwischen den Variablen Atemwegser-
krankungen und Belastungsempfinden (Wert von Medien (ca. 15 %), erst an zweiter und ten chronischen Erkrankungen, haben
0,000) als auch zwischen den Variablen Herz-Kreis- dritter Stelle folgen Gespräche mit Freun- aufgrund von Hitzebelastungen ver-
lauferkrankungen und Belastungsempfinden (Wert
von 0,000) errechnet. den oder der Familie (jeweils zu ca. 9 %). gleichsweise häufiger einen Arzt bzw. ein
198Europa Regional 18 (2010) 4 | Hitzebelastung und Hitzewahrnehmung im Wohn- und Arbeitsumfeld
Stadt Aachen
Informationsquellen zum Thema „Hitzebelastung“ 2010
Mehrfachantworten-Set
Geschlecht
Frauen (n=1 153) 14,5 10,5 8,8 5,0 1,0 75,6
Männer (n=937) 14,5 7,9 9,2 3,4 1,7 76,9
80-Jährige und älter (n=186) 11,3 9,1 10,2 9,7 0,5 72,0
Alter
50 - 79-Jährige (n=1 901) 14,9 9,3 8,8 3,8 1,4 76,5
Erkrankung
Atemwegsorgane (n=225) 15,1 9,8 9,8 8,9 2,2 70,2
Herz-Kreislaufsystem/Bluthochdruck (n=920) 13,9 9,5 10,0 6,0 0,7 74,5
samt
ge-
alle Befragten (n=2 122) 14,6 9,2 8,9 4,3 1,3 76,2
0 20 40 60 80 100 120
Quelle: eigene Erhebung Prozent
Medien Gespräche mit der Familie sonstiges
IfL 2012
Inhalt, Entwurf: C. Pfaffenbach, S. Siuda Gespräche mit Freunden Arzt/Pflegedienst keine
Grafik: C. Kunze
Abb. 5: Informationsquellen zum Thema „Hitzebelastung“ – Unterscheidung nach Geschlecht, Alter und chronischen Erkrankungen 2010
gen werden, welchen Einfluss diese auf die
Stadt Aachen Hitzebelastung der Bewohner haben und
Gesundheitliche Probleme aufgrund von großer Hitze 2010 welche Unterschiede sich dabei zwischen
Mehrfachantworten-Set
verschiedenen Stadtteilen abzeichnen.
Geschlecht
Frauen (n=128) 69,5 39,1 32,8 36,7 20,3 15,6 0,8
Wohnsituation der Befragten und
Männer (n=60)
Hitzeempfinden am Wohnstandort
45,0 30,0 35,0 30,0 18,3 10,0
80-Jährige
und älter (n=21)
57,1 28,6 33,3 19,0 23,8 19,0 4,8 Zunächst liegt es nahe, Zusammenhänge
Alter
zwischen dem Außen- bzw. Stadtklima
50 - 79-Jährige (n=167) 61,7 37,7 33,5 35,9 19,2 13,2
und dem Belastungsempfinden in som-
ge- Erkrankung
Atemwegsorgane (n=42) 42,9 33,3 33,3 42,9 59,5 21,4 merlichen Hitzephasen zu betrachten. Im
Herz-Kreislauf/
Gesamtstädtischen Klimagutachten Aa-
63,9 36,1 38,5 38,5 21,3 14,8
Bluthochdruck (n=122) chen (Havlik u. Ketzler 2000) werden
für die bebaute Fläche der Stadt drei
samt
alle Befragten (n=193) 60,1 36,3 34,2 33,7 19,2 14,0 0,5
Klimatope unterschieden:
0 50 100 150 200 250
Prozent
• Siedlungsklima herrscht in überwie-
Kreislaufbeschwerden Atemwegs-
erkrankungen gend locker bebauten und gut durch-
Kopfschmerzen
Übelkeit grünten Wohnsiedlungen vor, wo nur
Quelle: eigene Erhebung
Schlafstörungen
Verwirrtheit schwach ausgeprägte Wärmeinseln
IfL 2012 Erschöpfungs-
Inhalt, Entwurf: C. Pfaffenbach, A. Siuda
Grafik: C. Kunze oder Schwächegefühl und ein ausreichender Luftaustausch
meist gute Bioklimate bedingen.
Abb. 6: Gesundheitliche Probleme aufgrund von großer Hitze 2010 Quartiere mit Siedlungsklima sind
insbesondere am südlichen, westli-
Krankenhaus aufgesucht. So machten Nach der allgemeinen Darstellung der Hit- chen und nördlichen Stadtrand loka-
11 % der über 80-Jährigen, 13 % der Per- zewahrnehmung und den aus Hitze resul- lisierbar.
sonen mit Herz-Kreislauferkrankungen tierenden Belastungen bei den über 50-Jäh- • Stadtklima zeichnet sich durch ausge-
und/oder Bluthochdruck und 18 % der rigen in Aachen, sollen nun speziell die prägte Wärmeinseln mit einge-
an den Atemwegsorganen Erkrankten Wohnsituation und Wohnumgebung be- schränkten Luftaustauschbedingun-
diese Angabe. trachtet werden und der Frage nachgegan- gen aus, die z.T. ungünstige Bioklimate
199Hitzebelastung und Hitzewahrnehmung im Wohn- und Arbeitsumfeld | Europa Regional 18 (2010) 4
günstigeres Innenstadtklima (starke Wär-
Stadt Aachen meinseln und verringerter Luftaustausch)
Empfinden von sommerlichen Hitzephasen als Belastung 2010 vorherrscht, empfinden sommerliche Hit-
nach ausgewählten Stadtteilen zephasen zu 25 % als (sehr) starke Belas-
tung, während Befragte, die in den rand-
Kaiserplatz
städtischen Quartieren Hörn oder Forst
Innenstadt
3,8 17,0 32,1 32,1 15,1
(n=53)
Theater/
mit einem angenehmeren Siedlungsklima
St. Jakob
(n=37)
8,1 18,9 21,6 32,4 18,9
(schwach ausgeprägte Wärmeinseln und
Marschiertor/ ausreichender Luftaustausch) wohnen,
Hangeweiher 0,0 9,3 41,9 27,9 20,9
(n=43)
immerhin auch zu 22 % (sehr) starke Be-
Stadt
lastungen bei sommerlicher Hitze äußer-
Frankenberg 2,0 14,3 30,6 28,6 24,5
(n=49) ten. Am geringsten empfinden Bewohner
Forst
der Innenstadtrandquartiere Frankenber-
4,3 12,8 40,4 8,5 34,0
gerviertel und Marschiertor/Hangewei-
Siedlung
(n=47)
Hörn/Westpark her sommerliche Hitzephasen als (sehr)
2,9 17,1 30,0 24,3 25,7
(n=70) starke Belastung (19 %).
0 20 40 60 80 100 Da die beiden Innenstadtrandquartie-
Prozent re, die die geringsten Werte beim Belas-
Empfundene Belastung
tungsempfinden durch Hitze aufwiesen,
sehr stark stark mäßig gering keine
durch eine spezifische gründerzeitliche
IfL 2012
Inhalt, Entwurf: C. Pfaffenbach, A. Siuda
Grafik: R. Schwarz Quelle: eigene Erhebung Blockrandbebauung geprägt sind, stellte
sich in einem zweiten Schritt die Frage,
Abb. 7: Empfinden von sommerlichen Hitzephasen als Belastung 2010 nach ausgewählten inwieweit sich das Alter und damit die
Aachener Stadtteilen
Substanz der Wohngebäude auf das Be-
lastungsempfinden der Bewohner bei
und erhöhte Luftbelastung zur Folge u. Ketzler 2000). Die räumliche Tempe- sommerlichen Hitzephasen auswirkt.12
haben können. Quartiere mit Stadtkli- raturverteilung wird deutlich von der Die Auswertung (vgl. Abb. 8) zeigt zu-
ma sind an die dichte städtische Be- Stadtstruktur und der Landnutzung beein- nächst, dass in Häusern mit einem Bau-
bauung am Innenstadtrand geknüpft, flusst und zeigt sich in einer überhitzten jahr zwischen 1995 und 2001 sommerli-
aber auch in den Subzentren von Innenstadt und kühleren Stadtrandberei- che Hitze nur von 17 % der Bewohner als
Stadtrandquartieren zu finden. chen (Buttstädt et al. 2010, S. 66). (sehr) starke Belastung empfunden wird.
• Innenstadtklima ist durch sehr starke Es stellt sich jedoch die Frage, inwie- Häuser mit einem späteren Baujahr (die
Wärmeinseln, verringerten Luft- weit diese Typologie des Außen- oder jüngsten Häuser) weisen mit 27 % den
austausch und bioklimatische sowie Stadtklimas sich auch in der Wahrneh- höchsten Wert auf. Altbauten (vor 1918
lufthygienische Belastungen charakte- mung der Bewohner widerspiegelt. Ein errichtet; hohe Bebauungsdichte, starke
risiert und an den hochverdichteten erster Blick zeigt bereits, dass sommerli- Beschattung der Außenräume, gute Hit-
Innenstadtbereich gebunden (Quartie- che Hitzephasen in den verschiedenen zeisolierung durch dickes Mauerwerk)
re innerhalb des inneren Rings sowie Klimatopen der Stadt in nahezu gleichem schnitten hingegen erwartungsgemäß
überwiegende Teile innerhalb des Ausmaß als Belastung empfunden wer- mit einem Wert von nur 16 % der Be-
mittleren Alleenrings). den. Dies kann bedeuten, dass sich die In- wohner, die eine (sehr) starke Belastung
Der wesentliche Unterschied dieser Kli- tensität von Hitzephasen nicht wesent- bei sommerlicher Hitze empfinden, am
matope ist die Bebauung, die entschei- lich auf die Klimatope auswirkt oder dass besten ab. Die oft als mangelhaft bezeich-
dend die Bildung von Wärmeinseln, den die Unterschiede, die zwischen den Kli- nete Nachkriegsbebauung lässt 21 % der
Luftaustausch und die so genannten Tem- matopen bei Hitzephasen bestehen, von Bewohner eine (sehr) starke Hitzebelas-
peraturänderungsraten (der Grad, in dem den Bewohnern nicht wahrgenommen tung empfinden und weist damit überra-
nächtlich eine Abkühlung stattfindet) be- werden. schenderweise einen deutlich geringeren
dingt. Die nächtliche Abkühlung ist im Kli- Eine Analyse der Hitzewahrnehmung in Wert auf als Häuser jüngsten Baualters.
matop „Siedlungsklima“ größer als im Kli- ausgewählten Aachener Stadtteilen legt Ein weiterer Zusammenhang, der als
matop „Stadtklima“, und dort größer als zwar gewisse Unterschiede der Belas- Annahme den Untersuchungen zugrun-
im Klimatop „Innenstadtklima“. Eine Un- tungsempfindung offen, doch spiegeln
tersuchung der innerstädtischen Tempe- sich die Klimatope darin nicht wieder 12 Der Kruskal-Wallis-Test ergab eine asymptotische
raturverteilung in Aachen 2010 bestätigte (vgl. Abb. 7). Befragte, die am Theater Signifikanz von 0,007 und damit keinen klaren
statistischen Zusammenhang zwischen den Variablen
Ergebnisse des Klimagutachtens (Havlik oder am Kaiserplatz wohnen, wo ein un- Baualtersklassen und Belastungsempfinden.
200Europa Regional 18 (2010) 4 | Hitzebelastung und Hitzewahrnehmung im Wohn- und Arbeitsumfeld
de lag, ist jener zwischen dem Außen-
bzw. Stadtklima und dem Innen- bzw. Stadt Aachen
Raumklima. Erwartungsgemäß sind Be-
Empfinden von sommerlichen Hitzephasen als Belastung 2010
nach Baualtersklassen
wohner von Stadtrandquartieren Aa-
chens mit dem Raumklima ihrer Woh- Baujahr
nung oder ihres Hauses in höherem bis 1918 (n=172) 3,5 12,2 19,8 30,8 33,7
Maße zufrieden (45 % sehr zufrieden)
1919 - 1948 (n=215) 3,7 20,0 30,7 22,3 23,3
als Bewohner der Innenstadt.13
Überraschenderweise ist die Zufrieden- 1949 - 1978 (n=1088) 3,9 16,8 29,5 27,7 22,2
heit der Bewohner am Stadtrand mit 1979 - 1994 (n=420) 4,3 15,0 27,6 28,1 25,0
dem sommerlichen Raumklima (45 %
1995 - 2001 (n=98) 1,0 16,3 25,5 29,6 27,6
sehr zufrieden) sogar höher als die mit
dem winterlichen Raumklima (41 %). 2002 bis heute (n=44) 0 27,3 22,7 31,8 18,2
Dies bedeutet, dass zumindest in diesen
0 20 40 60 80 100
Lagen sommerliche Hitze weniger als
Prozent
Beeinträchtigung des Wohlempfindens Empfundene Belastung
gesehen wird als winterliche Kälte. sehr stark stark mäßig gering keine
Die Zufriedenheit mit dem Raumklima IfL 2012
Inhalt, Entwurf: C. Pfaffenbach, A. Siuda
im Sommer im Haus bzw. in der Woh- Grafik: C. Kunze Quelle: eigene Erhebung
nung ist bei den Befragten jedoch allge-
Abb. 8: Empfinden von sommerlichen Hitzephasen als Belastung 2010 nach Baualtersklassen
mein sehr hoch. So gaben 38 % an, sehr
zufrieden zu sein. Eine große Mehrheit
von 52 % ist überwiegend zufrieden und Deutlich größer als die Unterschiede in weitgehend den lufthygienischen Er-
nur 8 % sind wenig bzw. 2 % gar nicht der Zufriedenheit mit dem Raumklima je kenntnissen (vgl. Merbitz et al. 2011).
zufrieden. Betrachtet man dabei das Al- nach Lage in der Stadt und Eigentums-
ter der Gebäude, in denen die Personen verhältnissen ist die Zufriedenheit mit Arbeitssituation der Befragten und
wohnen, so schneiden Häuser aus den der Luftqualität im Quartier. Während in Hitzeempfinden am Arbeitsplatz
1920er bis 1970er Jahren am schlechtes- den innerstädtischen Quartieren 32 % Hitze kann auch bei der Arbeit eine Be-
ten ab. Dies spiegelt die bauliche Situati- der Befragten mit der Luftqualität im lastung darstellen und negative Auswir-
on (insbesondere die Isolierung bzw. der Wohnviertel wenig oder gar nicht zufrie- kungen auf die Leistungsfähigkeit, Pro-
Wärmeschutz) von Gebäuden dieser Al- den sind, beträgt der Wert am Innen- duktivität und Kreativität haben. An der
tersklassen wider (vgl. Fanslau-Görlitz stadtrand 15 % und am Stadtrand nur schriftlichen Befragung haben insgesamt
et al. 2008, S.17ff.). 6 %.15 Auch sind Mieter mit der Luftqua- 781 Personen teilgenommen, die er-
Mit 48 % sind auch mehr Eigentümer lität im Quartier weniger zufrieden als Ei- werbstätig waren (36 % aller Befragten).
mit dem Raumklima ihrer Wohnung oder gentümer und empfinden offenbar eine Die Mehrheit dieser Personengruppe ar-
ihres Hauses sehr zufrieden als Mieter stärkere Belastung durch Emissionen beitete Vollzeit (62 %), ein Viertel war
dies sind (26 %)14. Sie können offenbar – (Mieter: 25 % sehr zufrieden und 20 % teilzeitbeschäftigt und die restlichen Per-
auch bedingt durch Ausstattung und Grö- wenig und gar nicht zufrieden; Eigentü- sonen waren entweder geringfügig er-
ße der Wohnung oder des Hauses – mehr mer: 41 % sehr zufrieden und 10 % we- werbstätig oder arbeiteten in Altersteil-
für das eigene Wohlbefinden in sommer- nig oder gar nicht zufrieden).16 zeit. 466 Personen (60 %) gaben an als
lichen Hitzephasen tun: Eigentümer ha- Eine Benachteiligung durch die Wohn- Angestellte zu arbeiten, 164 waren als
ben häufiger als Mieter die Möglichkeit, lage und die Eigentumsverhältnisse er- Selbstständige tätig (21 %), 82 als Beam-
an besonders heißen Tagen ausreichend gibt sich in der Stadt somit eher durch te (11 %) und 69 als Arbeiter (9 %).
zu kühlen (68 % der Eigentümer und Unterschiede der Luftqualität in den ver- Tatsächlich ist es so, dass knapp 60 %
55 % der Mieter), in einen kühleren schiedenen Klimatopen als durch solche der erwerbstätigen Personen an heißen
Raum auszuweichen (72 % zu 43 %) der Lufttemperaturen. Hier entsprechen Tagen die Temperatur an ihrem Arbeits-
oder abzudunkeln (77 % zu 36 %). die subjektiven Wahrnehmungen auch platz17 als zu hoch empfinden (vgl.
Abb. 9). Dabei lassen sich signifikante Un-
13 Mit dem Kruskal-Wallis-Test wurde ein Zusammen- 15 Mit dem Kruskal-Wallis-Test wurde ein Zusammen-
hang zwischen den Variablen Quartierslage (in drei hang zwischen den Variablen Quartierslage (in drei
Klimatope gruppiert) und Raumklima mit einem Wert Klimatope gruppiert) und Luftqualität mit einem Wert 17 Obwohl es für die Hitzebelastung einen wesentlichen
von 0,000 errechnet. von 0,000 errechnet. Unterschied ausmacht, ob man im Freien oder in
14 Der Mann-Whitney-Test ergab eine asymptotische 16 Der Mann-Whitney-Test ergab eine asymptotische geschlossenen Räumen arbeitet, kann hier aufgrund
Signifikanz von 0,000 und damit einen statistischen Signifikanz von 0,000 und damit einen statistischen der geringen Fallzahl nicht näher auf Erwerbstätige
Zusammenhang zwischen den Variablen Wohnform Zusammenhang zwischen den Variablen Wohnform eingegangen werden, die überwiegend im Freien
(Eigentum/Miete) und Raumklima. (Eigentum/Miete) und Luftqualität. arbeiten.
201Hitzebelastung und Hitzewahrnehmung im Wohn- und Arbeitsumfeld | Europa Regional 18 (2010) 4
etwa Personen, die ihre Arbeit als wenig
Stadt Aachen anstrengend beurteilten (z.B. Tätigkeiten
Temperaturempfinden am Arbeitsplatz an heißen Tagen 2010 im Sitzen, n = 435) zu 56 % an, dass es an
Mehrfachantworten-Set heißen Tagen zu warm an ihrem Arbeits-
platz wird, Personen, die größere körper-
Beamte, Beamter 72,8 27,2 0,0 liche Anstrengungen bei der Arbeit leis-
(n=81)
ten müssen (z.B. Tätigkeiten im Stehen
Arbeiterin, Arbeiter
(n=64)
65,6 32,8 1,6 oder Gehen, n = 240) zu 60 % und Perso-
nen, deren Arbeit körperlich stark an-
Angestellte, Angestellter 58,4 39,5 2,2
(n=461) strengend ist (z.B. Tragen/Heben von
Selbstständige, Selbstständiger schweren Gegenständen, n = 79) zu 66 %.
47,2 52,2 0,6
(n=159)
Als Voraussetzung für eine angenehme
Raumtemperatur am Arbeitsplatz muss
gesamt
(n=765)
58,2 40,3 1,6 die Möglichkeit bestehen, an heißen Ta-
gen ausreichend kühlen zu können. Über
0 20 40 60 80 100
diese Option verfügt allerdings weniger
Prozent
als die Hälfte der Erwerbstätigen
zu warm angenehm zu kühl
(43,2 %). Diese Personen gaben zu ca.
IfL 2012
Inhalt, Entwurf: C. Pfaffenbach, A. Siuda 70 % an, dass die Temperaturen am Ar-
Grafik: R. Schwarz Quelle: eigene Erhebung
beitsplatz angenehm seien. Im Gegensatz
Abb. 9: Temperaturempfinden am Arbeitsplatz an heißen Tagen 2010 dazu bewerten nur 20 % der Personen,
die ihren Arbeitsraum nicht kühlen
Stadt Aachen können, die Raumtemperaturen in Hitze-
Beeinträchtigung der Konzentrationsfähigkeit bei hohen phasen als angenehm.
Temperaturen 2010 In diesem Zusammenhang ist es nicht
nur von Bedeutung, ob die Temperatur
Beamte,
Beamter 4,9 11,0 54,9 20,7 7,3 1,2 am Arbeitsplatz an heißen Sommertagen
(n=82)
Arbeiterin,
als zu hoch empfunden wird, sondern vor
Arbeiter 3,2 17,7 30,6 16,1 22,6 9,7 allem inwieweit bzw. wie häufig die Ar-
(n=62)
Angestellte, beit dadurch tatsächlich beeinträchtigt
Angestellter
(n=459)
4,8 15,7 32,9 30,7 13,3 2,6
und Hitze mit Auswirkungen auf die Leis-
Selbstständige, tungsfähigkeit assoziiert wird. Die Unter-
Selbstständiger 3,1 8,0 38,3 31,5 16,7 2,5
(n=162) suchung hat ergeben, dass bei Tätigkei-
ten, bei denen man sich konzentrieren
gesamt
(n=765)
4,3 13,7 36,2 28,6 14,1 3,0 muss, ca. 18 % der Erwerbstätigen in Hit-
zephasen ,oft‘ oder sogar ,immer‘ eine
0 20 40 60 80 100
Beeinträchtigung verspüren. Anderer-
Prozent
seits gaben auch 14 % der befragten Per-
immer oft manchmal selten nie trifft nicht zu
sonen an, diese Belastung ,nie‘ zu emp-
IfL 2012
Inhalt, Entwurf: C. Pfaffenbach, A. Siuda
Grafik: C. Kunze Quelle: eigene Erhebung finden. Weitere 29 % der Erwerbstätigen
spüren ,selten‘ und 36 % ,manchmal‘ eine
Abb. 10: Beeinträchtigung der Konzentrationsfähigkeit bei hohen Temperaturen 2010 Minderung der Leistungsfähigkeit. Abbil-
dung 10 zeigt, dass es auch hier Unter-
terschiede zwischen den einzelnen Be- die jedoch auch als einzige Berufsgruppe schiede zwischen den einzelnen Berufs-
rufsgruppen feststellen.18 So gaben vor ihre Arbeitssituation selbst gestalten gruppen gibt, diese aber nicht so ausge-
allem Beamte an, dass in Hitzephasen die können. prägt sind.20 Am wenigsten beeinträchtigt
Temperaturen in ihren Arbeitsräumen zu Das Temperaturempfinden am Arbeits- fühlen sich demnach die Selbstständigen.
hoch seien (73 %), am seltensten betrof- platz hängt neben der Ausstattung der
fen sind offenbar Selbstständige (47 %), Arbeitsräume von der körperlichen Zusammenhang zwischen den Variablen körperliche
Belastung bei der Arbeit ab.19 So gaben Anstrengung und Temperaturempfinden am
Arbeitsplatz.
18 Der Kruskal-Wallis-Test ergab eine asymptotische 20 Der Kruskal-Wallis-Test ergab eine asymptotische
Signifikanz von 0,001 und damit einen statistischen 19 Diese Unterschiede sind jedoch nicht signifikant: Der Signifikanz von 0,064 und damit keinen deutlichen
Zusammenhang zwischen den Variablen Berufsgrup- Kruskal-Wallis-Test ergab eine asymptotische statistischen Zusammenhang zwischen den Variablen
pe und Temperaturempfinden am Arbeitsplatz. Signifikanz von 0,291 und damit keinen statistischen Berufsgruppen und Beeinträchtigung durch Hitze.
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