70 Jahre Weltgebetstag Lernhaus der Frauen 5 Jahre Segelreisen 219a: Paragraf und Protest Der Gewalt begegnen - Tansania

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70 Jahre Weltgebetstag Lernhaus der Frauen 5 Jahre Segelreisen 219a: Paragraf und Protest Der Gewalt begegnen - Tansania
innovative
                 innovative   |   Zeitschrift des Frauenwerks der Nordkirche   | Nr. 34   2019

         34

● 70 Jahre Weltgebetstag
● Lernhaus der Frauen

● 5 Jahre Segelreisen

● 219a: Paragraf und Protest

● Der Gewalt begegnen – Tansania
70 Jahre Weltgebetstag Lernhaus der Frauen 5 Jahre Segelreisen 219a: Paragraf und Protest Der Gewalt begegnen - Tansania
Inhalt | Impressum                                                                                                                                                                                                          innovative 34 | 2019                          2

Inhalt
Editorial . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   3    Und außerdem
                                                                                                                                           Landesverdienstorden für Gudrun Riedel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
Anstoß                                                                                                                                     Jubiläum: 25 Jahre LuK Hamburg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
Lust und Last der Sprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .                             4
                                                                                                                                           Kolumne: Meine Zeit mit Oprah Winfrey . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
Projekte/Aktionen
Dialog erleben: Das „Transkulturelle und                                                                                                   Nachrufe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
interreligöse Lernhaus der Frauen“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .                                      5
Über die Brücke gehen:                                                                                                                     Buch-Tipps
Interview mit zwei Lernhaus-Teilnehmerinnen . . . . . . . . . . . . . . . . . .                                                       6    Vier fürs Klima . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .     25
Ein Bonbon zum Geburtstag:                                                                                                                 Unerschrocken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .       25
70 Jahre Weltgebetstag in Deutschland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .                                              7   Nichts, was uns passiert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .                  26
Bewegung im Team von contra . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .                                      8   Ich habe Licht gebracht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .                 26
Resolution zur Abschaffung von Paragraf 219a . . . . . . . . . . . . . . . . .                                                         9   Das geraubte Glück . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .              27
5 Jahre Segeln bei FrauenReisen Hin und weg . . . . . . . . . . . . . . . . . .                                                       10   Momente der Ergriffenheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .                     27
Abschied von zwei engagierten Reiseleiterinnen . . . . . . . . . . . . . . . .                                                        11
Bildungsbüdel der Kampagne Saubere Kleidung . . . . . . . . . . . . . . .                                                             11
Erfolgreiche Stifte-Sammelaktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .                                    12
Das Blog zum Jahresthema 2018  -  2019 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .                                            12
Projekt Myriam: Hilfe in der Heimatsprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .                                                  13
Um-Care zum Leben: Buch zum Thema Sorgearbeit . . . . . . . . . . .                                                                   13
Frauenwerk beim Tag der Organspende . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .                                                 14
Neue Perspektive: Solidarität mit Frauen aus Tansania . . . . . . . . .                                                               14
Gemeinsam unterwegs:
Frauen aus der Nordkirche und der Jeypore-Kirche . . . . . . . . . . . .                                                              16
Umbau des Mütter-Kurheims Gode Tied . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .                                                 17
Tipp Leicht & Sinn: Neues Magazin
des Evangelischen Zentrums Frauen und Männer . . . . . . . . . . . . . .                                                              17

Interview mit Daniela Konrädi, Pastorin und Afrodeutsche . . . . . 18

Aus den Frauenwerken
Sichtbar sein! Workshop zu gerechter Sprache . . . . . . . . . . . . . . . . 20
Glaubensatelier: Biblische Worte kreativ entdecken . . . . . . . . . . . 20
Gegen die Plastikflut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21

Impressum
innovative 34 Zeitschrift des Frauenwerks der Nordkirche                                                                                   Titelfoto © Susanne Rickert
November 2019
                                                                                                                                           Druck www.druckzentrum-neumuenster.de
Redaktion Inke Pohl, Fon 0431 55 779 105                                                                                                   Klimaneutral gedruckt –
Mobil 0151 2007 2573, Inke.Pohl@Frauenwerk.nordkirche.de                                                                                   CO ² -Emissionen neutralisiert
                                                                                                                                           gem. Kyoto-Protokoll.
Herausgeberin Frauenwerk der Nordkirche
                                                                                                                                           Auflage 13.000 Exemplare
Gartenstraße 20, 24103 Kiel, Fon 0431 55 779 100
info@frauenwerk.nordkirche.de, www.frauenwerk.nordkirche.de                                                                                Redaktionsschluss für die innovative 35
                                                                                                                                           15. März 2020
Die Redaktion behält sich vor, Manuskripte redaktionell
zu bearbeiten, evtl. zu kürzen. Nachdruck nur auf Anfrage
mit Quellenangabe und Belegexemplar.
Gestaltung und Illustrationen
Susanne Adamek, Kommunikation & Design
3                           innovative 34 | 2019                                                                 Editorial | Leser*innen-Forum

                                         Liebe Leser*innen,
                                         nach langer Zeit gibt es wieder eine Innovative. Es ist bereits die
                                         34. Ausgabe! Annette von Stritzky hat 33 Ausgaben mit viel
                                         Leidenschaft betreut, 2018 durfte ich ihren tollen Job als Presse-
                                         und Öffentlichkeitsreferentin übernehmen.                               Aktuell informiert
                                                                                                                 Gern wollen wir Sie auch mit unseren digita-
                                         Das Frauenwerk der Nordkirche hat sich auch an anderer Stelle           len Angeboten erreichen. Bitte schreiben
                                         personell verändert. Anfang 2019 hat Susanne Sengstock die              Sie uns unter info@frauenwerk.nordkirche.de,
                                         Leitung übernommen, als ihre Nachfolgerin auf der 2. Pfarrstelle        wenn Sie per E-mail oder Newsletter von
                                         hat Katja Hose seit September nun ihr Büro in Kiel. Und nach            uns hören wollen!
                                         langer Zeit haben wir Bärbel Rimbach – ebenfalls stets engagiert
                                         für die Inno tätig – in den Ruhestand verabschiedet. Im Sekretariat     Das Jahresprogramm 2020
                                         in Kiel erreichen Sie nun Monika Lorengel und Ruben Gamula.             ist soeben erschienen! Wie immer finden
                                                                                                                 Sie darin ausführliche Infos zu unseren
                                                                      Also – neue Zeiten! Das gilt auch für      Seminaren, Veranstaltungen und Reise-
                                                                      die Öffentlichkeitsarbeit. Digitale        angebote, die sofort Lust aufs Koffer- (oder
                                                                      Medien, social media und ein hoher         Seesack) -Packen machen.
                                                                      Anspruch an Aktualität werden – nicht
    Foto: Eggers/Nordbild

                                                                      nur im Frauenwerk – immer wichtiger.       Das Programm können Sie bei uns
                                                                      So erreichen wir schnell und nach-         bekommen: Fon 0431 55 779 100,
                                                                      haltig viele, die an unserer Arbeit, der   seminare@frauenwerk.nordkirche.de
                                                                      Vielfalt unserer Angebote oder an
                                                                      gesellschaftlichen Diskussionen rund
                                         um Frauenthemen interessiert sind. Die Inno wird daher künftig
                                         unregelmäßiger und nicht mehr zweimal im Jahr erscheinen.
                                         Unsere homepage www.frauenwerk.nordkirche.de wird Sie dafür
                                         noch abwechslungsreicher, aktueller und mit neuen Funktionen
                                         informieren – im Laufe des Jahres 2020 im frischen, runderneuer-
                                         ten Design. Darauf sind wir selbst schon sehr gespannt!

                                         Bis dahin viel Freude mit der Inno 34. Erfahren Sie, wie Frauen im
                                         Transkulturellen und interreligiösen Lernhaus gemeinsam arbeiten,
                                         wie es verbindet und Mut macht. Erleben Sie rückblickend die
                                         bunte Feier zu 70 Jahre Weltgebetstag und lassen Sie sich wie
                                         immer von sorgfältig ausgewählten Buchtipps inspirieren!

                                         Herzlichst Ihre

                                         Inke Pohl

                                             Unser Konto
                                             Frauenwerk der Nordkirche
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                                             BIC: GENODEF1EK1
                                             Evangelische Bank eG, ‚innovative‘
                                             Wir danken sehr für alle Spenden!
Anstoß                                                                                                              innovative 34 | 2019    4

Lust und Last der Sprache
Auszüge aus der Dialogpredigt von Susanne Sengstock, Leitung, und Inke Pohl,
Öffentlichkeitsreferentin, zu ihrer Einführung am 3. Juni 2019

Inke Pohl: Susanne? In dem Bibelzitat für unsere Einladung heißt        ich nenne mal NRW oder GroKo. Aber ein Sternchen und ein „in“
es: „Steh auf, für dich, meine Freundin!“ Warum eigentlich „für dich“   ist für viele undenkbar.
in Kommata? Ich habe in der Bibel in gerechter Sprache nachge-
sehen. Hier heißt es „Steh auf, meine Freundin, und geh! Steh auf,      Susanne: Anstöße zur Veränderung zu geben, ist halt oft anstößig.
für dich, meine Freundin klingt ja etwas sperrig. Aber du hast dir      Aber genau diese Anstößigkeit gefällt mir im Frauenwerk. Wie ver-
bei der Auswahl der Übersetzung sicher etwas gedacht?                   stehst du den Satz „Steh auf, für dich, meine Freundin“?

Susanne Sengstock: Diese Übersetzung hat mir Nancy Rahn bei-            Inke: „Steh auf“ meint, sich zu erheben, aber nicht sich ÜBER ande-
gebracht, als wir mit ihr zum evangelischen Frauensonntag zum           re zu erheben. Ich höre den Appell, sich aus der Trägheit aufzu-
Hohenlied gearbeitet haben. Ich war total verzweifelt, weil ich         machen, Veränderungen anzustoßen. Dafür steht das Frauenwerk
die hebräischen Formen einfach nicht übersetzt bekam. Was soll          der Nordkirche. Sprache und Worte zu finden in Bildungsangebo-
so eine Verbindung von lamed und kaph nach dem Verb? Nancy              ten. Räume zu öffnen. Impulse Kreise ziehen zu lassen – um zu
Rahn meinte, das sei typisch im Hebräischen. Damit wird betont,         zeigen, was das christliche Sein heute bedeutet. Auch abseits des
dass etwas für sich selbst getan werden kann. Und dann habe ich         Gewohnten, dort, wo es nötig ist: In Hinblick auf Ausbeutung, Ge-
mich erinnert: Genau diese grammatikalische Verbindung gibt es          walt oder Fluchterfahrungen – gemeinsam daran zu arbeiten, dass
auch in Gen.12. Dort spricht Gott Abraham an: Lech – lecha! Geh         das offensichtlich Ungerechte öffentlich wahrgenommen wird.
los! ... Was ich sonst nur als Apell gehört habe … ist noch viel        Einen kleinen Schritt zu gehen, aus dem vielleicht eine Kraft ent-
mehr als das. Es geht nicht darum, dass Abraham losgeht, weil er        steht, die andere weiterträgt. Letztlich ist dies nicht nur ein Einsatz
Gott gehorcht. Gott wirbt um Abraham, Gott lockt. Genauso ist es        für die von Unrecht Betroffenen, sondern für alle Menschen.
auch im Hohenlied. Da wirbt der Freund um seine Freundin, dass
sie zu ihm kommt. Es liegt an ihr, welche Schritte sie geht. Zwei       Susanne: Damit bist du ganz nah beim biblischen Gerechtigkeits-
Buchstaben – aber sie können sogar das Gottes- und Menschen-            verständnis. Biblische Gerechtigkeit weiß: Wenn echte Teilhabe
bild verändern.                                                         fehlt, dann schadet das allen. Fehlende Gerechtigkeit ist nicht nur
                                                                        das Problem von Armen oder Benachteiligten, sondern auch von
Inke: Aber ungewohnt klingt es trotzdem. Das ist im Frauenwerk          Reichen und allen, denen es gut geht. Unrecht beschädigt alle Mit-
aber nichts Außergewöhnliches. Unser Anspruch auf geschlechter-         glieder der Gemeinschaft. Im Hohelied der Liebe macht der Freund
gerechte Sprache ist für viele anstrengend, mitunter gar lästig.        seiner Freundin Mut ... Aber er macht sie nicht zum Objekt seiner
Aber Sprache schafft Wirklichkeit! Eine gendergerechte Sprache          Liebe, er sieht sie als Subjekt, das Befriedigung erlangt, wenn sie
ist wichtig, damit Veränderungen wirklich geschehen können. Eine        zusammen sind.
Studie der TU Braunschweig hat ergeben, dass Texte in geschlech-
terbewusster Sprache genauso verständlich seien wie die mit nur         Für uns leite ich davon ab: Was können Frauen erreichen, wenn
einer Geschlechtsform. Übrigens hat die kurze Unterbrechung, also       sie aufstehen, nicht weil sie anderen gerecht werden oder alles
ein „gendergap“ – wie vor Besucher*innen – in der Phonetik einen        recht machen wollen, sondern weil sie es für sich selbst als richtig
Namen: Es ist das stimmlose glottale Plosiv, auch Glottisschlag         sehen. Und wenn Frauen zusammen aufstehen, was für eine Kraft
genannt – und kommt auch in The*ater, Er*innern etc vor. Journa-        kann dann entstehen: Heilige Kraft.
list*innen sind so findig, sich kurz und prägnant auszudrücken –

                                              „Unser Anspruch auf geschlechtergerechte
                                              Sprache ist für viele anstrengend, mitunter gar lästig.
                                              Aber Sprache schafft Wirklichkeit!“ Inke Pohl
5     innovative 34 | 2019                                                                                Projekte | Aktionen

Dialog erleben
Das Transkulturelle und interreligiöse Lernhaus der Frauen
Ein Abend im Gemeindehaus der Christianskirche in Hamburg-            An diesem Abend ist das Thema Geschlechterrollen dran. In Klein-
Ottensen. Langsam füllt sich der Saal mit Frauen. Sie begrüßen sich   gruppen tauschen sich die Frauen zu ihren Erfahrungen mit ihrer
auf arabisch, deutsch und englisch und stellen die mitgebrachten      Rolle aus. Sie erzählen sich gegenseitig von Erwartungen, die ihnen
Speisen auf den Tisch. Manche haben sichtbar einen Migrations-        begegnet sind, von Grenzen, auf die sie gestoßen sind, und was
hintergrund, manche tragen ein Kopftuch, manche sind hellhäutig.      sich verändern soll.
Von Mitte 20 bis Mitte 60 ist alles dabei. Einige der Frauen kommen
aus Syrien und haben eine Fluchtgeschichte, unter ihnen gibt es       In der anschließenden großen Runde wird deutlich, dass es diese
Christinnen und Musliminnen. Andere Frauen haben Wurzeln in           Erwartungen und Grenzen in Syrien ebenso gibt wie in Deutsch-
Guinea oder im Iran, leben aber schon lange in Hamburg.               land oder in Guinea. Überall sind Frauen in der Situation, dass
                                                                      sie die Hauptlast der Sorgearbeit in den Familien tragen und bis
Sie alle sind hier, um miteinander und voneinander etwas über         zur Erschöpfung arbeiten, vor allem, wenn sie auch berufstätig
den Dialog zwischen unterschiedlichen Kulturen und Religio-           sind. Eine syrische Teilnehmerin macht deutlich, wie wichtig eine
nen zu lernen. Sie sind Teilnehmerinnen an einer Langzeitfort-        gute Bildung und Ausbildung für Frauen ist, damit sie unabhängig
bildung, dem Transkulturellen und interreligiösen Lernhaus der        von Männern sein können. Es wird klar, dass das Kopftuch dafür
Frauen – mit dem Ziel, Multiplikatorin für eine offene und tole-      kein Hinderungsgrund ist. Jede der syrischen Frauen hat bereits im
rante Gesellschaft zu werden. Ein Jahr lang treffen sie sich einmal   Heimatland ein Studium absolviert oder studiert hier. Die Frauen
im Monat, um gemeinsam einen Dialogprozess zu gestalten. Das          lernen unterschiedliche, aktuelle Positionen aus dem feministi-
Besondere am Lernhaus ist, dass es kein festes, vorgegebenes          schen Diskurs kennen, von Alice Schwarzer bis Judith Butler und
Lernprogramm gibt, sondern dass die Gruppe die Themen selbst          der muslimischen Feministin Amina Wadud, und diskutieren sie
bestimmt.                                                             engagiert. Sie lernen, dass es auch hier eine Vielfalt gibt und nicht
                                                                      „den Feminismus“.
Am Beginn des Lernhauses steht – als methodische Grundlage
– eine Einführung in Regeln für einen Dialog auf Augenhöhe und        Es sind immer Themen, die für die Frauen existentiell sind und
für die Arbeit mit den eigenen Biographien. Daran anschließend        nicht in wenigen Stunden geklärt werden können. Dennoch gehen
erarbeiten die Frauen einen Themenpool für die weiteren Treffen.      alle, bereichert durch den Austausch, mit vielen guten Ideen und
In diesem Kurs sind es u.a. Familie im Kontext von Migration und      Impulsen nach Hause. Sie werden die Fragen weiter bewegen. Das
Flucht, Erwerbs- und Sorgearbeit, Rassismus, Spiritualität, gesell-   Lernhaus bringt Empowerment für die einzelne Frau und einen
schaftliches Engagement und Integration. Die jeweiligen Themen-       wichtigen Beitrag für das Zusammenleben, gerade in Zeiten,
abende werden von dem Projektteam vorbereitet, doch auch die          in denen die Spaltung der Gesellschaft zunimmt: In Teile, die
Teilnehmerinnen bringen ihre Kompetenzen ein. Immer geht es           gemeinsam Wege für ein gleichberechtigtes Zusammenleben
gleichermaßen darum, Gemeinsamkeiten zu entdecken und ande-           aller Kulturen suchen und in Teile, die dies ablehnen.
re Perspektiven kennenzulernen. Auch darum, Unterschiede wahr-
zunehmen und auszuhalten.                                                                                                     Irene Pabst

                                                                      Das Transkulturelle und interreligiöse Lernhaus der Frauen
                                                                      startete 2005 als bundesweites Modellprojekt in Berlin, Köln und
                                                                      Frankfurt/Main. In Hamburg gab es seit 2011 fünf Durchgänge.
                                                                      2019 haben weitere Lernhäuser begonnen oder sind in Planung.

                                                                      Die Lernhäuser finden in Kooperation des Frauenwerks der Nord-
                                                                      kirche, des Frauenwerks des Ev.-Luth. Kirchenkreises Hamburg-
                                                                      West/Südholstein, der Arbeitsstelle interkulturelle Kirche des
                                                                      Ev.-Luth. Kirchenkreises Hamburg-Ost, der Ökumenebeauftragten
                                                                      der Nordkirche und des Fachrats für Islamische Studien Hamburg
                                                                      e.V. statt. Für weitere Auskünfte steht Irene Pabst zur Verfügung:
                                                                      040 – 306 20 1360, irene.pabst@frauenwerk.nordkirche.de.
Projekte | Aktionen                                                                                                innovative 34 | 2019    6

  Über die Brücke gehen                                                   liche und friedliche Atmosphäre war bemerkenswert, vor allem im
                                                                          gemeinsamen Beginn und Abschluss der Treffen.
      Inas Sharif ist seit 2017 in Hamburg. Sie kommt aus
      Syrien, hat dort als Lehrerin gearbeitet und möchte auch                Was half dabei, diese besondere Atmosphäre zu schaffen?
      hier unterrichten. Sie ist verheiratet und hat einen Sohn.          Inas: Ich denke, das war die Aufrichtigkeit der Frauen. Keine hat ihre
      Friederike Brandtner kommt aus Süddeutschland, lebt                 Gefühle versteckt. Und die Frauen vom Vorbereitungsteam haben
      seit 1993 in Hamburg und hat zunächst ein Studium der               es mit dem Herzen gemacht, das war zu spüren. Vertraulichkeit war
      Kunstgeschichte und evangelische Theologie begonnen.                ganz wichtig, damit war das Lernhaus wie ein sicheres Zuhause für
      Heute studiert sie Religionswissenschaften und katholi-             uns. Ich konnte einfach ich sein, wurde akzeptiert mit meinen Stärken
      sche Theologie. Irene Pabst hat die beiden Frauen gefragt,          und Schwächen. Als Geflüchtete erleben wir viel Sympathie und
      wie das Lernhaus in ihnen nachwirkt.                                Mitleid, ich empfinde das so, dass mich das auch klein und schwach
                                                                          macht. Im Lernhaus war es anders, die Haltung war: Ich möchte Dir
      Was war Eure Motivation, am Lernhaus teilzunehmen?                  helfen, und wir gehen gemeinsam, Hand in Hand, um etwas zu errei-
  Inas: Ich wollte andere Frauen treffen und andere Denkweisen ken-       chen. Deswegen bin ich immer wieder zu den Treffen gekommen,
  nenlernen. Ich bin eine offene Person und mochte das Konzept,           auch bei Wind, Regen und Schnee. Ins Lernhaus zu kommen, war für
  Frauen aus anderen Kulturen und Hintergründen zu treffen. Ich           mich wie ein offenes Fenster in meinem Leben, ich konnte frei atmen.
  war noch nicht so lange in Deutschland und wollte mehr darüber          Friederike: Für mich war das Besondere, dass wir Zeit füreinan-
  wissen, wie die Deutschen denken und handeln, um Missverständ-          der hatten und uns regelmäßig getroffen haben. Wir haben uns
  nisse zu vermeiden.                                                     gegenseitig gestärkt. Ich habe mich selbst auch noch einmal neu
  Friederike: Ich beschäftige mich in der Uni mit dem interreligiösen     kennengelernt und Frauen aus Kontexten, die ich sonst nicht ken-
  Dialog und wollte, dass das nicht nur Theorie ist, sondern auch ge-     nengelernt hätte. Ich habe Vielfalt erlebt und entdeckt, dass das
  lebte Praxis.                                                           Lernen miteinander viel Spaß macht.

      Welche Erfahrungen habt Ihr im Lernhaus gemacht?                        Wo könnt Ihr einsetzen, was Ihr im Lernhaus gelernt habt?
  Inas: Ich kam in Interaktion mit Frauen aus unterschiedlichen Län-      Inas: Überall, wo ich mit Frauen aus anderen Kulturen zusammen-
  dern, Traditionen und Religionen, ich habe mit ihnen gesprochen,        treffe. Ich kann meine Haltung zeigen und so dazu beitragen, dass
  wir teilten unsere Erfahrungen, Ideen und Sichtweisen. Ich habe so      sie weniger Angst vor Begegnungen haben und andere leichter
  viel über ihre Kulturen und über Deutschland gelernt. Ich bin da-       akzeptieren. Es hilft mir auch in meinem Alltag, weil auch bei mir
  durch noch weltoffener geworden.                                        die Angst vor Anderen einfach wegschmilzt, kulturelle und sprach-
  Friederike: Bei mir hat das Persönliche anfangs nicht so sehr im Vor-   liche Barrieren lassen sich überwinden. Diese Erfahrung möchte
  dergrund gestanden, aber mittlerweile würde ich sagen, dass es          ich gerne auch anderen Geflüchteten weitergeben: Es ist möglich,
  von den Erfahrungen her im Verhältnis fünfzig fünfzig ist, ich habe     über die Brücke zu gehen. Und ich hoffe, dass es mir auch zukünf-
  auch tolle persönliche Erfahrungen gemacht. Meine Erwartung hat         tig bei meiner Arbeit als Lehrerin oder auch anderswo helfen wird.
  sich erfüllt. Und es sind Freundschaften entstanden.                    Friederike: Ich begleite Menschen im Kirchenasyl und kann das

                                                                                                                                                   Foto: Irene Pabst
                                                                          Gelernte dort ganz konkret anwenden. Und ich möchte meine Er-
      Was ist das Besondere am Lernhaus für Euch?                         fahrungen in einer Hausarbeit an der Uni über den christlich-isla-
  Inas: Ich habe viel darüber nachgedacht und herausgefunden,             mischen Dialog einbringen. Es hat auch privat Auswirkungen auf
  dass die Antwort Liebe ist. Es gibt viele Orte, wo wir etwas lernen     mich, weil ich mich verändert habe. Ich habe mich gezeigt, wie ich
  können, aber das Besondere im Lernhaus war die Energie der              das weder an der Uni noch im Kirchenasyl machen würde.
  Liebe, die von jeder ausging wie ein Fluss. Niemand war verpflich-
  tet zu kommen, und dennoch kamen fast immer alle. Die freund-              Herzlichen Dank für dieses Interview!

                                                                                                         „Das Lernhaus war
                                                                                                         wie ein sicheres Zuhause
                                                                                                         für uns.“ Inas Sharif

      Friederike
Brandtner (links)
 und Inas Sharif
7      innovative 34 | 2019                                                                            Projekte | Aktionen

                         Ein Bonbon zum Geburtstag
                         Die Nordkirche feiert: 70 Jahre Weltgebetstag in Deutschland
                         Vor 70 Jahren wurde in Stein bei Nürnberg die erste deutsche          Unser WGT-Bonbon war ein runder Tag, der vielen Frauen Spaß
                         Weltgebetstagsliturgie erarbeitet. Eine der Wegbereiterinnen der      gemacht und in ihrer ehrenamtlichen Arbeit bestärkt hat. Anläss-
                         deutschen Weltgebetstagsbewegung ist Antonie Nopitsch vom             lich des Jubiläums haben wir auf dem WGT-Bonbon auch eine
                         Bayrischen Mütterdienst. Sie reiste 1948 in die USA und lernte dort   Ausstellung zum Weltgebetstag eröffnet. Diese besteht aus acht
                         die völkerverbindende Kraft des Weltgebetstags kennen. Von ihrer      Schwarz-Weiß-Porträts von Frauen aus der WGT-Bewegung, die
                         Erfahrung berichtete sie: „Geld und Gut hab ich nicht mitgebracht,    über ihre Faszination von dieser spannenden ökumenischen Arbeit
                         aber etwas anderes, das auf die Dauer unvergänglicher ist: Im         berichten. Außerdem informieren Texttafeln über die Geschichte
                         nächsten Frühjahr sind die deutschen Frauen zum ersten Mal her-       des Weltgebetstags.
                         eingenommen in den Weltgebetstag der Frauen. Am ersten Frei-                                                             Julia Lersch

                         tag in der Passionszeit beten die Frauen in 135 Ländern der Erde,
                         und wir beten nun mit. Es ist fast so, dass man mitten in der Nacht
                                                                                                 Die Ausstellung 70 Jahre Weltgebetstag
                         davon wach wird, dass die Frauen im Fernen Osten schon beten.“
                                                                                                 in Deutschland kann über das Frauenwerk
                         (aus: „Ein Freitag im März“, hg. von Angelika Schmidt-Biesalski)
                                                                                                 der Nordkirche ausgeliehen werden.
                                                                                                 Kontakt: 0431 55 779 101.
                         Der Geburtstag war für uns ein Grund zu feiern. So luden wir
                         Multiplikatorinnen der WGT-Arbeit aus der Nordkirche zu einem
                         „WGT-Bonbon“ ein. Vor und nach gutem Essen, vertrauten Lie-
                         dern und einer Tombola hörten wir von ehemaligen Landesreferen-
                         tinnen, wie sie ihre Zeit auf den WGT-Werkstätten erlebt haben. Sie
                         erzählten auch, was sich seitdem in ihren Heimatländern Surinam,
                         Bahamas und Philippinen verändert hat. Dr. Irene Tokarski von der
                         Geschäftsstelle des Weltgebetstags erklärte uns, wie heute eine
                         Weltgebetstagsordnung und Arbeitsmaterialien entstehen.

                         Besonders begeistert hat uns der Vortrag von Dr. Kudzai Biri. Sie
                         ist Dozentin für Christliche Theologie und theologische Lehre der
                         Kirchen in Simbabwe an der University of Zimbabwe, Harare. Der-
                         zeit arbeitet sie mit einem Alexander-von-Humboldt-Stipendium
                         im Forschungsprojekt Bible in Africa Studies der Universität Bam-
                         berg. Kudzai Biri schilderte, wie die Kirchen in Simbabwe Bibel-
                         worte nutzen, um patriarchale und unterdrückende Strukturen zu
                         rechtfertigen. Als Beispiel nannte sie den Brief des Paulus an die
                         Galater, Kap. 5, und das Buch der Sprüche, 31. Biris Antwort da-
Foto: Susanne Ricker t

                         rauf: „Frauen müssen darin bestärkt werden, die Bibel selbst zu
                         lesen und zu interpretieren – in Weisen, die ihnen Stärke, Mut
                         und Weisheit geben, um den täglichen Herausforderungen zu
                         begegnen. Weil das Lesen der Bibel entweder die Macht dazu
                         gibt, zu unterdrücken oder zu bestärken.“

                         Judith Dors, Dr. Kudzai Biri,
                         Madeline Carter-Lindemann
                          und Dr. Irene Tokarski (v.l.)
Projekte | Aktionen                                                                                                   innovative 34 | 2019    8

Bewegung im Team von contra
Jozefa Paulsen und Svenja Schindler auf neuen Wegen
Bei contra ist im April 2019 eine Ära zu Ende gegangen: Nach         Der Weggang von Jozefa ist für alle eine große Zäsur – auch bei
20 Jahren haben wir Jozefa Paulsen in den Ruhestand verab-           cara*SH, der Fachberatungsstelle für Prostituierte in S-H. „Wir
schiedet. Sie war seit der ersten Stunde Beraterin der Fachstelle    hätten Jozefa am liebsten eingesperrt, damit sie bleibt und uns in
gegen Frauenhandel in Schleswig-Holstein und auch davor schon        der Beratung coachen kann“, hörten wir die Kolleginnen dort öfter
gefragte Expertin für das Fachgebiet – seit 1996, beim ersten Run-   seufzen. Über eines freuen wir uns: Dass in so vielen Bereichen
den Tisch Frauenhandel, der auf Initiative des Nordelbischen Frau-   unserer Arbeit Jozefas Handschrift bleiben wird! Als ihre Nach-
enwerks entstanden war. Die Sozialpädagogin hatte für ihre Diplom-   folgerin setzt Sozialarbeiterin Suzan Tepp nun die Arbeit fort.
arbeit zum Thema im gesamten Bundesgebiet Fachberatungsstel-         Ebenfalls neu im Team ist Magdalena Müller. Die Psychologin
len gegen Frauenhandel befragt. Damit hat sie ein Konzept entwi-     folgt auf Svenja Schindler, von der wir uns ebenfalls schweren Her-
ckelt, wie ein Beratungsangebot organisiert sein muss.               zens verabschieden mussten. Svenja begann vor drei Jahren bei
                                                                     contra: Seit 2013 war die Anzahl geflüchteter Frauen, die im Her-
Jozefa Paulsen hat von 1999 bis 2019 geschätzt 1.000 Frauen aus      kunftsland und auf den Fluchtwegen von Menschenhandel be-
mehr als 30 Herkunftsländern beraten und begleitet. Sie war mo-      troffen waren, gestiegen. Das Land Schleswig-Holstein reagierte
bil und vielsprachig unterwegs, um Gespräche dort zu ermög-          2016 darauf und finanzierte eine weitere 50%-Stelle. Svenja kam
lichen, wo sie gebraucht wurde und um die Klientinnen best-          aus dem Studiengang Migration und Diversität und hat sich in kür-
möglich zu unterstützen. Bis 2012 war sie die einzige Beratungs-     zester Zeit – im Tandem mit Jozefa – in die Arbeit mit geflüchteten
expertin für Betroffene von Frauenhandel in Schleswig-Holstein       Frauen eingearbeitet. Aus privaten Gründen zieht es sie nun nach
und hat mit ungefähr 500 Kooperationspartnern aus Politik und        Süddeutschland.
Gesellschaft im Land, dem Bundesgebiet und international zusam-
mengearbeitet.                                                       Wir wünschen Jozefa und Svenja alles Gute und freuen uns über
                                                                     Magdalena und Suzan als neue Kolleginnen!
Jozefa war das Herzstück von contra, sie hat Netzwerkarbeit ge-                                                                   Claudia Rabe

pflegt, Dolmetscherinnen fortgebildet, das Konzept stets weiter-
entwickelt und auch das Projekt Myriam und cara*SH mit auf den
Weg gebracht. Mit Hilfe neuer Fördermöglichkeiten und durch
Veränderungen im Team konnte Jozefa Paulsen 2012 anfangen,
Mitarbeiterinnen für die fachspezifische Beratung bei contra zu
qualifizieren und Sozialpädagoginnen im Anerkennungsjahr aus-
zubilden.
                                                                                      MY RI A M
                                                                                    my rights   as a female migrant

                                                                                                                      Die Mitarbeiterinnen
                                                                                                                      von contra, cara*SH
 Foto: Inke Pohl

                                                                                                                      und Myriam mit Jozefa
                                                                                                                      Paulsen (Mitte) und
                                                                                                                      Koordinatorin Claudia
                                                                                                                      Rabe (2.v.r.).
9      innovative 34 | 2019                                                                                Projekte | Aktionen

                     Frauenbild von vorgestern?
                     Resolution fordert Abschaffung des § 219 a
                     Das war abzusehen! Auslöser war die Verurteilung der Ärztin             lästigung und Stigmatisierung von Betroffenen sowie Medizi-
                     Kristina Hänel Ende 2017 durch das Amtsgericht Gießen. Hier-            ner*innen zu unterbinden.
                     durch wurde eine Diskussion über den Paragrafen in Gang ge-
                     setzt. Radikale Abtreibungsgegner hatten die Gynäkologin ange-          Die Frauendelegiertenkonferenz der Nordkirche stellt klar, dass
                     zeigt, da sie im Internet auf ihrer Praxis-Seite über die Möglichkeit   ein Schwangerschaftsabbruch für Betroffene das Ergebnis eines
                     für einen Schwangerschaftsabbruch informierte. Eine Schwach-            komplexen Entscheidungsprozesses ist.
                     stelle des § 219a ist, dass nicht zwischen Werbung und Informati-       Die Resolution wurde an Politiker*innen unterschiedlicher Frak-
                     on unterschieden wird. Der Paragraf wurde im Rahmen einer na-           tionen, Verbände und Netzwerke verschickt; wir erhielten unter-
                     tionalsozialistischen Strafrechtsreform als Tatbestand eingeführt.      schiedliche Rückmeldungen und stehen mit einigen weiterhin da-
                     Zu lange hatten sich viele daran gewöhnt, dass es doch irgendwie        rüber in Kontakt.
                     funktioniert. Eine Reform: überfällig.                                  Nach monatelanger Debatte hat die Große Koalition im Februar
                     Damit stand das Thema im Raum. Die Politik musste sich nach             2019 das Gesetz des umstrittenen Paragrafen 219a im Strafge-
                     jahrelangem Schweigen mit dem § 219a auseinandersetzen. Doch            setzbuch verabschiedet. Durch die Reform des § 219a dürfen
                     auch in der Gesellschaft war das Thema zurück und wurde heftig          Ärzt*innen nun auf ihrer Homepage schreiben, dass sie Schwan-
                     und kontrovers diskutiert. Schnell gab es deutliche Fronten zwi-        gerschaftsabbrüche anbieten. Doch jede weitere Information an
                     schen Abtreibungsgegner*innen und Befürworter*innen der Strei-          dieser Stelle, zum Beispiel zu angewandten Methoden, kann wei-
                     chung des § 219a.                                                       terhin zu einer Verurteilung führen. Es ist den Fachleuten lediglich
                                                                                             erlaubt, auf Informationen staatlicher Stellen hinzuweisen. Was auf
                     Wir Frauen vom Vorstand fanden, dass sich auch die Frauendele-          den ersten Blick nach einer Verbesserung aussieht, zeigt auf den
                     giertenkonferenz als eine wichtige kirchliche Stimme am Dis-            zweiten Blick „das skandalöse Frauenbild“.
                     kurs beteiligen sollte. Daher stellten wir die Auseinandersetzung
                     mit § 219a in den thematischen Mittelpunkt unserer Konferenz            Frauen muss es zuzutrauen sein, diese Entscheidung selbst zu
                     im Oktober 2018. Umfassende Information stand dabei an erster           treffen. Die Bundestagsdebatte ist an diesem Punkt an ein Ende
                     Stelle. Als Referentinnen konnten wir die Berliner Journalistin Dina    gekommen, aber – davon sind wir im Vorstand der FDK über-
                     Riese von der Tageszeitung „taz“ und Susanne Baum, Beraterin der        zeugt – es wird nur ein vorläufiges sein. Denn es scheint eine
                     Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle der Diakonie in Husum,          gesellschaftliche Mehrheit zu geben, die klar für die Streichung
                     gewinnen. Darauf aufbauend wollten wir entscheiden, ob und ggf.         des § 219a ist.
                     wie wir uns als Frauendelegiertenkonferenz öffentlich zu diesem The-
                     ma äußern. Am Ende der Tagung, nach einem lebhaften Entschei-           Das Urteil gegen Dr. Kristina Hänel wurde inzwischen aufgehoben,
                     dungsprozess, haben wir eine Resolution verabschiedet. Hierin           das Landgericht Gießen muss den Fall aufgrund der veränderten
                     sprachen wir uns klar für die Streichung des Paragrafen 219a aus.       Rechtslage neu verhandeln. Es ist also abzusehen, dass uns das
                                                                                             Thema weiter beschäftigen wird.
                     Wir fordern einen niedrigschwelligen Zugang zu sachlichen In-                                                                Hilde Credo,
Foto: Verena Balve

                                                                                                                         Vorstand Frauendelegier tenkonferenz
                     formationen über medizinische Möglichkeiten und Implikationen
                     eines Schwangerschaftsabbruches. Zudem eine umfassende
                     Verfügbarkeit von Beratungsstellen, Seelsorge, Ärzt*innen für
                     Schwangere in Konfliktsituationen sowie Maßnahmen, um Be-

                                                                                                                         FDK-Vorstandsvorsitzende
                                                                                                                         Hilde Credo (l.) mit
                                                                                                                         Dr. Kristina Hänel in Flensburg.
Projekte | Aktionen                                                                                           innovative 34 | 2019   10

Auszeit unter Segeln – Mehr Meer geht nicht!
FrauenReisen Hin und weg segelt bereits seit fünf Jahren
Auszeit unter Segeln – Gönne dich dir selbst. Unter dieser Über-     Skipper Onno gibt uns die Kommandos
schrift sind wir 2015 mit den Segelreisen gestartet. In diesem       Erklärt uns was Klüver und Fock
Jahr können wir ein kleines Jubiläum feiern: 5 Jahre Segelreisen!    Und Bäume am Schiff sind nicht grü-ün
Das sind viele begeisterte Frauen zwischen 25 und 83 Jahren, die     Wenn alle an einem Strang ziehn.
das Segeln für sich ausprobiert haben und gern immer wieder an
Bord gehen möchten. Daher konnten wir das Angebot immer mehr         Gemeinsames Duschen ohne Wasser
ausweiten. In diesem Jahr waren wir mit drei Törns unterwegs,        – ohne Kronen, das war uns ein Spaß
davon einer als anerkannter Bildungsurlaub KlimaSail.                Wir waren nicht reinlich nur nasser
                                                                     Aber sagt mal, wen kümmert denn das?
Segelreisen mit dem Frauenwerk der Nordkirche, das scheint nahe-
liegend. Einmal eine Segelreise ausprobieren zu wollen, das war      Am Ruder und auch bei der Takelung
und ist der Wunsch vieler – es gemeinsam mit anderen Frauen zu       Pauline als Käpt´n ist fit.
tun, auch. Doch zunächst musste die zuständige Referentin über-      Manchmal macht sie auch beides auf einmal
zeugt werden. Denn ich gestehe, ich persönlich kann mich nicht       Wir nähmen die gern wieder mit.
dafür begeistern.
Umso dankbarer bin ich der Kollegin aus dem Frauenwerk Schles-       Refrain: Wie schö-ön, wie schö-ön
wig-Flensburg, Claudia Niklas-Reeps, die mit ihrer Idee beharrlich   War diese Zeit mit Euch, mit Euch: ||
geblieben ist. Sie schreibt: „Vor 5 Jahren nervte ich, eine segel-
freizeitbegeisterte Frau, mit der Frage: Warum bietet ihr denn       Das klingt lebensfroh. Munter mag es bei den Reisen zugehen. La-
keine Segelreisen an? Und so wagten wir die erste Reise, die         chen und Ernsthaftigkeit liegen nah beieinander. Das Element Was-
sehr gut zeigte, dass diese Idee der kurzen Segelreise auf einem     ser und der weite Horizont des Meeres erden, öffnen, beruhigen
Schiff viele anspricht. Da es eine Herzensangelegenheit von mir      und laden zu besonderen spirituellen Erfahrungen ein. Das Leben
war, übertrug sich meine Begeisterung und fand schnell Begeis-       auf einem Segelschiff stellt jede Einzelne gleichzeitig vor beson-
terte, die nun auch im 5. Jahr erneut mitfahren – langweilig wird    dere Herausforderungen, die zu kostbaren Erinnerungen werden
es nie, da es immer anders ist.“                                     können: Die Mitarbeit auf dem Schiff, denn ein Segel kann nur mit
Einige Frauen sind so gern dabei, dass sie die Rolle gewechselt      vereinter Kraft gesetzt werden. Gemeinsames Kochen. Einfach nur
haben und selbst Segelreisen für FrauenReisen leiten.                einmal dasitzen und schauen. Toleranz für Mitseglerinnen, denn
                                                                     vor Konflikten lässt sich hier nicht weglaufen. Mehrere Generatio-
Das Motto „Auszeit unter Segeln“ lädt ein, zur Ruhe zu kommen,       nen von 25 bis 83 Jahren sind gemeinsam unterwegs, die Kabine

                                                                                                                                          Foto: Claudia Niklas-Reeps
loszulassen, der Natur zu vertrauen. Dazu gehört es auch, die Ab-    ist eng. Unterschiedlichkeit wahrnehmen und genießen können.
hängigkeit von der Natur zu spüren, auf Wind warten zu müssen        Sich verwöhnen lassen, Gemeinschaft erfahren ...
oder vor Sturm im Hafen zu bleiben. In diesem Jahr verstärkten
wir diesen Blick auf einem Törn, indem wir mit dem KlimaSail Pro-    Anke Rohlf fasst ihre Erfahrungen zusammen, ihre Worte stehen
jekt des Jugendpfarramtes kooperierten und damit Fragen von          für viele: „Sonne, Wind, gute Gemeinschaft und Verpflegung, im
Klimaschutz und nachhaltiger Entwicklung in den Blick nahmen.        Klüvernetz sitzen und das Meer genießen: Mehr Meer geht nicht.“
Nach dem ersten Törn 2015 dichtete Tine Pralow einen Text, zu
singen nach der Melodie von „My bonnie lies over the ocean“. Hier                                                          Dagmar Krok

einige Auszüge:

Auch 2020 wird es einige Segel-
Reisen geben. Mehr dazu im
Jahresprogramm 2020 und unter
www.frauenreisenhinundweg.de
11     innovative 34 | 2019                                                Projekte | Aktionen

               Ehrenamtliche
               Reiseleiterinnen                                                       ✂
               verabschiedet
               „Zeit vergeht nicht, sie entsteht. – Wie eine Blume, wie ein Baum.
               Zeit trägt den Keim der Ewigkeit in sich; sie wächst überall dort,
               wo man sie mit anderen teilt.“ (Angelika Brunner)

               Im Mai feierte FrauenReisen Hin und weg mit zwei Reiseleiterinnen
               einen besonderen Abschied. Wir haben Gisela Bald nach 27 Jah-
               ren und Frauke Daniel nach 8 Jahren aus der aktiven Zeit als ehren-
               amtliche Reiseleiterin ziehen lassen.

               Gisela Bald hat Meditative Wanderreisen, Klosterreisen und Single-
               reisen begleitet, in den letzten Jahren im Team mit Frauke Daniel.
               Mit viel Kompetenz und großem Erfahrungsschatz, neuen Ideen,
               einem weiten Herz, Organisationstalent, Offenheit für Unvorherge-
               sehenes und Fröhlichkeit haben beide das Angebot von Frauen-
               Reisen über viele Jahre bereichert. Wir sagen DANKE dafür!

               Gisela Bald schreibt über diese Zeit: „Die 31, 32 Klosterreisen, be-
               ginnend 1994 mit Hildegard von Bingen und endend 2018 mit Franz
               und Klara von Assisi, gehören zu den Höhepunkten in meinem Le-
               ben. Das Zusammensein mit so vielen verschiedenen, netten,
               suchenden Frauen, das gemeinsame Gestalten an den heiligen
               Orten: singen, beten, hören, reden, schweigen, lachen, weinen,
               wandern, staunen, nachdenken, essen, trinken, lernen, segnen
               ... in Nähe und Distanz, all das lebendige Teilen und Teilhaben,
               Teilhabenlassen ... hat mein Leben nachhaltig bereichert. Das
               alles bleibt mir in dankbarer Erinnerung.“ Viele von den Teilneh-
               merinnen werden das sicherlich teilen können. Gut, dass es Frau-
               enReisen gibt.
                                                                     Dagmar Krok

                    Kirsten Larsen,
                    Gisela Bald,
                    Dagmar Krok und
                    Frauke Daniel (v.l.)
Foto: Privat
Projekte | Aktionen                                                                                               innovative 34 | 2019   12

Wie leere Kulis                                                         Und siehe:
Bildung stiften                                                         Morgen war alles gut.
Große Beteiligung an                                                    Das Blog zum Jahresthema
Weltgebetstags-Sammelaktion
                                                                        Das Jahresthema begleitet uns in der Arbeit des Frauenwerks der
Mehr als 32 Tonnen Stifte wurden eingesandt. „Das entspricht            Nordkirche schon eine ganze Weile. Im Frühjahr 2018 ging es los.
dem unglaublichen Gewicht von etwa 30 Kleinwagen“, berich-              Auf der Frauendelegiertenkonferenz wurden Puzzleteile und Pla-
tet Dr. Irene Tokarski stolz. „Wir danken allen, die diese Mit-         kate ausprobiert, Ideen sprossen, die ersten Texte und Arbeits-
mach-Aktion zu einem solchen Überraschungserfolg gemacht                materialien zum Thema entstanden. Seitdem ist einiges passiert.
haben!“, so die Geschäftsführerin des Deutschen Weltgebets-             Was genau? Das steht zum Nachlesen auf unserem Blog: www.
tagskomitees. Im Vorfeld des Weltgebetstags 2018 hatte das              morgen-war-alles-gut.de.
deutsche Komitee der ökumenischen Frauenbewegung die unge-
wöhnliche Recycling-Aktion ins Leben gerufen. Vom Allgäu bis            In einem Leporello, das sowohl im Blog zu finden als auch in ge-
nach Helsinki sammelten seitdem Tausende Ehrenamtliche leere            druckter Form zu erhalten ist, werden zu Beginn jeden Monats
Plastikstifte. Für jeden Stift gab es einen Cent. Mit diesem Geld un-   Texte veröffentlicht – geschrieben von Frauen, die sich in der Frau-
terstützt der Weltgebetstag syrische Flüchtlingskinder im Libanon.      enarbeit engagieren. Zu diesem Teil des Blogs gesellen sich ste-
                                                                        tig Einblicke, wie in den verschiedenen Ecken der Nordkirche
Bundesweit und auch im Ausland haben sich über 2.500 Sammel-            mit dem Jahresthema gearbeitet wird. Material, Anleitungen und
stellen an der Aktion beteiligt, die zum 31. Januar 2019 erfolgreich    Erfahrungsberichte laden ein zum Anschauen, Herunterladen und
beendet wurde. Auch in der Nordkirche wurde über Monate fleißig         Weiternutzen. Aber auch, wozu das Jahresthema Frauen inspiriert
gesammelt.                                                              und welche Visionen eines guten Lebens entstehen, lässt sich auf
                                                                        dem Blog entdecken.

                                                                        Wir wollen unser Wissen und unsere Ideen teilen. Dabei beglei-
                                                                        tet uns auch immer wieder die Frage nach Datenschutz und Urhe-
                                                                        ber*innenrechten. Damit die Materialien und Inhalte zum Jahres-
                                                                        thema für viele eine Bereicherung sein können, ist es uns wichtig,
                                                                        dass sie frei zugänglich sind. Dafür haben wir sie unter einer Cre-
                                                                        ative Commons Lizenz lizensiert, das heißt: jede*r darf die Inhalte
                                                                        für ihre oder seine Arbeit frei nutzen, anpassen oder weiterent-
                                                                        wickeln. Voraussetzung: Es wird die Quelle genannt, und das Ma-
                                                                        terial wird zu gleichen Bedingungen weitergegeben – als offene
                                                                        Bildungsressource. Das Blog ist offen für alle und zeigt auch mal
                                                                        Perspektiven aus anderen Arbeitsbereichen.
                                               Kiloweise Stifte:                                                           Flora Mennicken

                                               Dagmar Krok,
                                               Julia Lersch,
                                               Monika Lorengel,
                                               Kirsten Voß und
                                               Susanne Sengstock
                                                                              Foto: Inke Pohl
13    innovative 34 | 2019                                                                               Projekte | Aktionen

Hilfe in der Heimatsprache                                           Sorgearbeit in der Krise
Projekt Myriam unterstützt auch online                               Feministische Blicke auf das Thema Care
Das Projekt Myriam ist eine mobile Beratungsstelle für geflüch-      Die im Jahr 2015 verabschiedete Care-Resolution der damaligen
tete Frauen in Kiel. Wir beraten Frauen, die von Gewalt bedroht      Frauensynode der Nordkirche war Anlass für den Sammelband
oder betroffen sind. Seit ungefähr einem Jahr ist auch unsere        „Um-Care zum Leben“. Die Resolution entstand durch die Aus-
Webseite www.myriam.sh online. So können sich Frauen und ihre        einandersetzung der Schriften verschiedener Feminist*innen aus
Unterstützer*innen im Internet über unsere Angebote informieren.     Theologie, Soziologie und Wirtschaftswissenschaft mit der Care-
                                                                     Krise. Diese Krise drückt aus, dass das Sorgen – etwas zutiefst
Das Wichtigste an der Webseite ist die Mehrsprachigkeit. Aus un-     Menschliches – vernachlässigt wird. Sowohl Menschen als auch
serem Beratungsalltag wissen wir, dass besonders die Kommu-          Natur bleiben auf der Strecke. Dort, wo gegen Geld gesorgt wird,
nikation in der Muttersprache entscheidend ist. Deshalb steht        ist es schlecht bezahlt und geschieht im Effizienzmodus einer
unsere Webseite auf derzeit sechs Sprachen zur Verfügung: Ara-       Fabrik.
bisch, Deutsch, Englisch, Kurdisch, Persisch und Tigrinisch. Wei-
tere Sprachen werden hinzukommen.                                    Die Auswahl des Spektrums feministischer Denkbewegungen
Ein besonderes Kapitel ist die Rubrik „Frauen erzählen ihre Ge-      rund um das Thema Care zeigen die vielen Facetten des Themas
schichte“. In fünf anonymisierten Erzählungen berichten Frauen,      auf. So erfahren die Leser*innen, wie die wohlfahrtsorientierte Sozi-
wie sie in Deutschland angekommen sind und wie ihnen die Be-         alpolitik Skandinaviens die Bürger*innen davor verschont, Angst
ratung geholfen hat. Wir hoffen, dass diese Geschichten andere       vor schlechter Versorgung im Alter zu haben, und wie Erwerbs-
Frauen ermutigen. Außerdem beantworten wir auf der Webseite          tätigkeit und Care durch eine staatliche Kinderbetreuung verein-
„Oft gestellte Rechtsfragen“. Sie soll Frauen unterstützen, eigene   bar sein können. Die wirtschaftswissenschaftliche Sicht einer
Rechte zu kennen und einzufordern. Dabei beantwortet die Web-        Ökonomin zeigt, dass Sorge die Voraussetzung allen Wirtschaf-
seite nicht alle Fragen ausführlich, aber sie gibt grobe Antworten   tens ist. Kritik an der neoliberalen Wirtschaftsweise äußert die Mit-
und verweist auf die individuelle Beratung. Auch so werden Frauen    begründerin der „Care-Revolution-Initiative“, Gabriele Winker. Ihr
bestärkt, eine Rechtsberatung in Anspruch zu nehmen.                 Care-Modell ist genossenschaftlich organisiert und frei von Profit-
                                                                     Interessen. Mit der evangelischen Theologin Christine Globig wird
Mittlerweile wurde von 30 Ländern auf unsere Webseite zugegrif-      die ethische Dimension von Sorgen deutlich. Sie zeigt, dass es den
fen – überwiegend aus denen, deren Sprache dort vertreten ist.       zutiefst menschlichen Charakter des Sorgens zu bewahren gilt.
Auch erreichen uns viele Beratungsanfragen. Einige Frauen rufen
uns aus anderen Bundesländern an, um rechtliche Fragen zu klä-       Eine sorgende Haltung in Beziehung zur Natur braucht es für die
ren. Wir sehen daher, dass der Beratungsbedarf trotz rückgängi-      Soziologin Daniela Gottschlich, wenn wir die menschengemach-
ger Asylbewerber*innenzahlen stetig wächst.                          ten Krisen von Pflanzen, Tieren und des Wetters abmildern wollen.
                                                                     Mit dem Buch möchten wir den Diskurs über die Gestaltung von
Das Projekt Myriam wurde für drei Jahre von Mitteln der deutschen    Sorge in der Gesellschaft anregen und die ethische Bedeutung
Fernsehlotterie sowie von der Nordkirche getragen. Diese Finan-      von Care aufzeigen. Es geht um die Bewahrung unserer Mitge-
zierung lief im September 2019 aus. Für die Weiterführung in die-    schöpfe und um das, was uns als Menschen ausmacht.
sem Jahr konnten wir Landesmittel beantragen. Wir hoffen jedoch,
dass es mit Myriam auch auf Dauer weitergeht.                                                                        Waltraud Waidelich

                                                     Ráhel Meisel

      MY RI A M
  my rights         as a female migrant
Projekte | Aktionen                                                                                              innovative 34 | 2019   14

   Entscheidung über das Leben hinaus
   Frauenwerk und EFiD beim Tag der Organspende
   Der Papst ist jetzt Organspender – und Sie? Jede*r ist mögliche*r      In der aktuellen Diskussion um eine Neuregelung der Organ-
   Spender*in und Empfänger*in eines lebenswichtigen Organs.              spende spricht sich das Frauenwerk der Nordkirche deutlich
   Je mehr Menschen einer Organspende zustimmen, desto mehr               gegen eine so genannte Widerspruchslösung aus. Eine entspre-
   Leben können gerettet werden. Einfache Entscheidung also? Die          chende Gesetzesänderung, wie sie Bundesgesundheitsminister
   Erfahrungen zeigen, dass es nicht so ist. Das Thema bewegt sich an     Jens Spahn (CDU) vorschlägt, sei ethisch nicht der richtige Weg,
   der Schwelle zwischen Leben und Tod und kann aus vier Per-             meint Susanne Sengstock vom Frauenwerk der Nordkirche. „Es
   spektiven von Betroffenheit betrachtet werden: Der oder die            ist vielmehr geboten, umfangreicher ergebnisoffen zu informie-
   Spender*in, die Pflegenden und Ärzt*innen, die Angehörigen             ren und Menschen zu ermutigen, eine bewusste Entscheidung für
   und der oder die Empfänger*in. Schwer zu ertragende wider-             oder gegen eine Organspende zu treffen“, so die Theologin. Eine
   sprüchliche Vorstellungen und Gefühle und auch schmerzhafte            Organspende müsse freiwillig bleiben.
   Auseinandersetzungen sind Teil des Diskurses. Deshalb braucht
   es viele Informationen, um vertrauensvoll miteinander ins Nach-        Was aber ist anders am anderen Organspendeausweis? Die zentra-
   denken und Reden zu kommen.                                            le Frage, die auch die Menschen am 1. Juni in Kiel beschäftigte, ist
                                                                          die des Hirntods. Dessen Definition ist auch im deutschen Ethikrat
   Die Evangelischen Frauen in Deutschland e.V. (EFiD) haben sich         umstritten. Der Hirntod ist keine natürliche Grenze zwischen
   des Themas angenommen und einen alternativen Organspende-              Leben und Tod, sondern eine juristische und medizinische
   Ausweis, den „anderen Ausweis“ entwickelt. Rund 40.000 Exem-           Setzung, die für die Organentnahme wichtig ist. Für die einen ist
   plare sind bereits abgerufen. Mit der Kampagne „Organspende.           der Hirntod, mit dem irreversiblen Ausfall aller Gehirnfunktionen,
   entscheide.ich“ mischen sich EFiD und deren Mitgliedsverbände,         mit dem Tod gleichzusetzen. Wir definieren den Hirntod als einen
   wie auch das Frauenwerk der Nordkirche, in den gesellschaft-           unumkehrbaren Sterbeprozess. EFiD unterscheidet deutlich zwi-
   lichen Diskurs ein. Wichtig ist uns nicht, ob Sie sich für oder ge-    schen Hirntod (als Voraussetzung der Organspende) und Tod (als
   gen Organspende entscheiden. Beides darf sein. Sondern, dass           Voraussetzung der Gewebespende). Der Ausweis enthält Auswahl-
   alle Menschen die notwendigen Informationen als Grundlage für          möglichkeiten, wie mit der Organ- bzw. Gewebeentnahme zu ver-
   ihre Entscheidung erhalten.                                            fahren ist. Zum Beispiel gehört die Wahl einer Vollnarkose dazu.

   Darum waren wir auch am 1. Juni 2019 beim bundesweiten Tag             Neugierig geworden? Dann informieren Sie sich unter www.
   der Organspende in Kiel dabei. Im Zelt „Ethik und Religion“ war        organspende.entscheide.ich.de, reden Sie mit Ihren Angehörigen
   viel los: viele interessierte Besucher*innen, viele Fragen und         über Ihre Entscheidung zur Organspende und dokumentieren Sie
   viele Informationen. Zusammen mit Eske Wollrad (Evangelisches          diese in einem Ausweis. Oder beteiligen Sie sich an der aktuellen
   Zentrum Frauen und Männer Hannover) und Ricarda Heymann                Debatte auf Facebook und Instagram.
   (Evangelische Frauen in Hessen und Nassau) stellten wir zu dritt                                                              Dagmar Krok

   die Kampagne vor. Vor allem Fragen rund um den Hirntod beschäf-
   tigten die Menschen, die teils gezielt, teils zufällig am Info-Stand
   vorbeikamen. Viele nahmen ein oder mehrere Exemplare vom „an-
   deren Ausweis“ mit.

V.l: Eske Wollrad (Ev. Zentrum
Frauen und Männer, Hannover),
Dagmar Krok (Frauenwerk der
Nordkirche) und Ricarda
Heymann (Ev. Frauen in Hessen
und Nassau) beim Tag der
Organspende in Kiel
                                                                                                                                                 Foto: Mar tin Krok
15     innovative 34 | 2019                                                                               Projekte | Aktionen

                                                              Neue Perspektiven
                                                              Solidarität mit Frauen aus Tansania
                                                              Kirchliche Frauenarbeit setzt sich weltweit dafür ein, dass Frau-       keit, wirtschaftlich unabhängig zu werden. Die Evangelistin Stel-
                                                              en ihre Stimme erheben. Ermutigt durch ihre Frauengruppen- und          la Shoo erklärt: „Auch diejenigen von uns, die versucht haben, zu
                                                              Partnerschaftsarbeit in Tansania erhob 2015 Beatrice Mlaki ihre         Hause um Unterstützung zu bitten, wurden entmutigt. Es herrscht
                                                              Stimme. Sie fragte Birgitta Heinrich, Leiterin der Heikendorfer Tan-    die destruktive Ansicht, dass Frauen schwach seien. Geld für sie
                                                              saniagruppe, ob eine Begegnung von deutschen und tansani-               auszugeben bedeutet darum genauso viel, wie es gleich wegzu-
                                                              schen Frauen zu einem frauenrelevanten Thema möglich wäre. Es           werfen. Denn sie würden doch sowieso nicht oben ankommen ... In
                                                              sei doch ärgerlich, dass bei Partnerschaftsbegegnungen Frauen-          unserer Kultur werden Männer grundsätzlich als Helden angese-
                                                              themen kaum eine Rolle spielen würden und dazu eine geschlech-          hen. Darum konnten sie ihre Verwandtschaft in Anspruch nehmen.
                                                              tergerechte Zusammensetzung immer noch keine Selbstverständ-            Aber viele von ihnen haben auch die Möglichkeit, wirtschaftlich un-
                                                              lichkeit sei.                                                           abhängig zu sein. Darum war es für sie nicht so schwer wie für die
                                                                                                                                      Frauen, Geld für den Aufstieg zu bekommen.“
                                                              Birgitta griff zum Telefon und rief sowohl mich im Frauenwerk der
                                                              Nordkirche an als auch Silke Leng, zuständig für die Partnerschafts-    Unsere Kollekte ermöglichte 12 Frauen den Aufstieg! Stella Shoo
                                                              arbeit im Kirchenkreis Altholstein. Wir alle fanden: Ja, eine Frauen-   schreibt in ihrem Erfahrungsbericht: „Es war eine segensreiche
                                                              begegnung zu einem Thema, das sowohl Frauen aus Deutsch-                Reise für uns und wir haben sehr viel gelernt: Eine Frau ist eine
                                                              land als auch Frauen aus Tansania betrifft, ist wichtig, richtig und    Heldin. Sie kann Großes leisten und sie kann große Veränderung
                                                              einfach „dran“. Gemeinsam mit Beatrice und ihrer Frauengruppe           bewirken, die niemand auf der Welt erwartet hat. Dies (wurde) klar,
                                                              am Fuß des Kilimanjaros fanden wir schnell ein Thema: Wege zur          nachdem Frauen in der Lage waren, den Gipfel zu besteigen, wo-
                                                              Überwindung von Gewalt an Frauen, denn frauenspezifische Ge-            bei sogar andere Männer daran gescheitert sind. Wir haben gelernt,
                                                              walt ist in beiden Ländern ein großes Problem. Sehr erfolgreich         dass es sehr wichtig ist, sich gegenseitig zu mögen und unterein-
                                                              haben dazu zwei Lernhäuser mit unterschiedlichen Fachfrauen             ander solidarisch zu sein. Sich auf sich selbst zu verlassen und
                                                              stattgefunden: 2016 in Deutschland, 2018 in Tansania. Viel haben        dafür zu kämpfen, stellt sicher, dass Du Dein Ziel erreichst. Auch
                                                              wir voneinander und miteinander gelernt. Projekte, wie z. B. eine       das ist ganz wichtig.“ Daher an dieser Stelle ein herzliches Danke-
                                                              neue Frauenberatungsstelle oder eine Wanderausstellung wurden           schön an alle, die die Frauen bei ihrer Bergtour unterstützt haben.
                                                              angestoßen und umgesetzt. „Speak out“ war 2018 ein Ruf, der uns
                                                              alle ermutigte.                                                         Berichte wie diese machen Mut. Sie machen Mut, einfach mal
                                                                                                                                      zu fragen – so wie es Beatrice Mlaki und Gabriele Mayer taten.
                                                              Kurz vor meiner Einführung erreichte mich dann eine E-mail vom          Sie machen mir Mut, dass sich etwas ändern kann. Die Erfah-
                                                              Fuße des Kilimanjaros: Sie kam von Gabriele Mayer, die an der dor-      rungen von Solidarität, gegenseitiger Ermutigung und Ermächti-
                                                              tigen Bibelschule angehende Pastor*innen und Evangelist*innen           gung sind prägend. Ich bin überzeugt, dass die Pastorinnen und
                                                              ausbildet. Sie fragte, ob wir ihre Studentinnen unterstützen könn-      Evangelistinnen diese Erfahrungen an anderer Stelle weitergeben
                                                              ten, den Kilimanjaro zu besteigen. Kurzerhand haben Inke Pohl           werden. Ebenso wird die neue Frauenberatungsstelle am Fuß des
                                                              und ich entschieden, dass die Kollekte aus unserem Einführungs-         Kilimanjaros die Situation von einigen Frauen verbessern und das
                                                              gottesdienst diesen Frauen den Aufstieg ermöglichen möge.               Thema geschlechtsspezifische Gewalt als gesamtkirchliches The-
                                                                                                                                      ma setzen. Speak out!
                                                              Viele tansanische Frauen haben keine Gelegenheit, touristische                                                        Susanne Sengstock

                                                              und eindrucksvolle Erfahrungen wie diese zu machen. Etliche der
                                                              Studentinnen von Gabriele Mayer haben einfach keine Möglich-
Fotos: Susanne Sengstock (links), Birgitta Henrich (rechts)
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Gemeinsam unterwegs
Gut vernetzt: Frauen aus der Nordkirche und der Jeypore-Kirche
   Im September 2018 hatte Julia Lersch vom Frauenwerk                 indischen Frauen. Das Lied „I have decided to follow Jesus“ ist für
   der Nordkirche Frauen in der indischen Jeypore-Kirche               sie ein Beispiel, wie es gelang, die Perspektiven zu wechseln und
   besucht – darüber berichteten wir in der innovative 33.             sich in die Sichtweisen der Anderen hineinzuversetzen – eine wich-
   Zwischenzeitlich ist ein intensiver Kontakt entstanden,             tige Voraussetzung, um Verständnis und Respekt füreinander zu
   auch in der direkten Begegnung: Im September 2017 war               entwickeln. Dieses Lied sei ihr anfangs befremdlich vorgekommen,
   eine sechsköpfige Delegation von Frauen aus der Jeypore-            weil es für sie eine sehr konservative Form von Glauben auszudrü-
   Kirche zu Besuch in Norddeutschland.                                cken schien. Durch den Erfahrungsaustausch mit den indischen
                                                                       Frauen veränderte sich ihr Zugang dazu. Sie verstand, dass Je-
Zum Abschluss des Besuchs fand in Hamburg ein Partnerschafts-          sus zu folgen bedeutet, sich für die Gleichheit und die Rechte
tag mit Frauenmahl im Zentrum für Mission und Ökumene – Nord-          von Frauen einzusetzen.
kirche weltweit statt. Zwischen den einzelnen Gängen gab es en-
gagierte Tischreden von indischen und deutschen Frauen zu ih-          Vor dem Frauenmahl hatten die sechs Inderinnen zwei Wochen
ren Erfahrungen und Visionen von Frauenarbeit hier und in Indien.      lang Gelegenheit, verschiedene Orte und Institutionen der Nord-
Pastorin Kuntala Naik machte deutlich, mit welchen Schwierigkeiten     kirche kennenzulernen. So trafen sie Bischöfin Kirsten Fehrs in
und Herausforderungen die Frauen in Indien zu kämpfen haben.           Hamburg und kamen mit Maria Jepsen zusammen, der ersten lu-
Die Kirche sei sehr männerdominiert, und viele könnten sich            therischen Bischöfin weltweit, besuchten das Genderzentrum der
nicht vorstellen, eine Frau auf der Kanzel zu sehen. Gleichzeitig      Hansestadt, waren Gäste im Schwesternheimathaus in Stralsund,
seien es hauptsächlich Frauen, die das Gemeindeleben an der            in Rendsburg, Kiel und Breklum. Hier ging es mit der Methode des
Basis aktiv gestalteten, sagte sie. Sie wünscht sich mehr Frauen       Transkulturellen Lernhauses der Frauen darum, gemeinsam ver-
in Leitungspositionen auf allen Ebenen der Kirche, damit Kirche        schiedene Themen zu erarbeiten. Sehr persönlich erzählten bei-
von Männern und Frauen gemeinsam und gleichberechtigt gestal-          spielsweise die Pastorinnen Kuntala Naik und Nevedita Gorda
tet werden kann. Pastorin Nevedita Gorda ergänzte, dass die Frau-      von ihrer Arbeit. Sie berichteten aus ihrem Land, in dem Gewalt
enarbeit in der Jeypore-Kirche sich dafür einsetze, dass Frauen        gegen Frauen allgegenwärtig ist, ihren Erfahrungen aus den Ge-
Zugang zu theologischer und allgemeiner Bildung bekämen und            meinden, in denen „Lady Pastors“ tätig sind, von Rückschlägen in
dass sie ermutigt würden, ihre Stimme zu erheben und sich für ihre     Fragen der Geschlechtergerechtigkeit. Dazu gehörten aber auch
Anliegen einzusetzen.                                                  Entwicklungen, die Mut und Hoffnung machen. Und der Austausch
                                                                       geht weiter: 2020 werden Mitarbeiterinnen des Frauenwerks der
Eine weitere Perspektive trug Joy Hoppe bei, die aus Indien            Nordkirche nach Indien reisen, und auch darüber hinaus soll das
stammt und inzwischen Pastorin der Nordkirche in Hamburg ist.          Netzwerk der Frauenarbeit weiter gestärkt werden.
Sie berichtete von ihrer Erfahrung mit Integration in die deutsche
Gesellschaft. Immer noch sei die Haltung vorherrschend, dass die       Women on the move, Frauen in Bewegung, hier und dort. Frauen
von außen Kommenden sich ändern und anpassen müssten und               bewegen und verändern Kirche, damit eines Tages die Vision aus
nicht die Residenzgesellschaft. Wünschenswert und für alle ein         Gal 3,28 Wirklichkeit werden möge (Bibel in gerechter Sprache):
Gewinn wäre es, wenn beide Seiten sich bewegen und voneinan-           „Da ist nicht jüdisch noch griechisch, da ist nicht versklavt noch
der lernen würden.                                                     frei, da ist nicht männlich und weiblich: denn alle seid ihr einzig-
                                                                       einig im Messias Jesus.“
Pastorin Jutta Jessen-Thiesen, die den Besuch der indischen Frau-                                                              Irene Pabst

en begleitet hat, erzählte von ihrer Lernerfahrung im Dialog mit den

                                                                                                     „In Indien können sich
                                                                                                     viele nicht vorstellen,
                                                                                                     eine Frau auf der Kanzel
                                                                                                     zu sehen.“ Pastorin Kuntala Naik
            Foto: Ciprian Matefy
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