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Abstracts in alphabetischer Reihenfolge

Thomas Bitterlich (Leipzig)

Was man über Wesen der Nacht wissen muss: Zur Popularisierung des Sach-
buches

Bis heute wird in der Diskussion um das Kinder- und Jugendsachbuch eine Definition
von Klaus Doderer zitiert, nach der sich das Sachbuch unter anderem dadurch von
anderen Gattungen unterscheide, dass der Autor seinen Gegenstand in der Welt
bereits vorfände und der dort wissenschaftlich erforscht werde. In den letzten Jahren
sind vermehrt (Kinder-)Sachbücher erschienen, die Gegenstände in den Mittelpunkt
rücken, die nicht der Alltags-, wohl aber der Medienerfahrung zugänglich sind, z. B.
Vampire, Werwölfe und Zombies. Es handelt sich um konstruierte Gegenstände, die
in verschiedenen Publikationen aus einer Sachperspektive betrachtet werden. Nicht
nur hinsichtlich des Realitätsgehalts der Gegenstände unterscheidet sich der neue
Trend vom tradierten Sachbuchformat. Sie verfolgen auch nicht länger das Ziel,
Wissenschaft zu vermitteln. Die Konzepte für die populäre Wissensvermittlung
kommen weder aus den Medien- noch aus den Kulturwissenschaften.

In meinem Beitrag möchte ich diese Bücher näher vorstellen und im Kontext der
allgemeinen und speziellen Gattungstheorie diskutieren. Wenn Gattungen als soziale
Institutionen verstanden werden, rückt damit auch die Frage nach ihren Funktionen
in den Mittelpunkt. Was leisten sie für den Alltag ihrer Rezipienten? Welche Bedürf-
nisse erfüllen sie? Auf welche Diskurse beziehen sie sich?

Ziel des Beitrages ist es dann, neue Definitionsansätze anzuregen und über die
kleine Stichprobe hinaus den Blick für Verschränkungen von fiktionaler und nicht-
fiktionaler Literatur zu öffnen. Für Bobo Siebenschläfer über die Connie-Bücher hin-
weg bis hin zum Drachen Kokosnuss lassen sich reihenweise ganz ähnliche Fälle
der Gattungsgrenzüberschreitung feststellen.

Literatur
Bamberger, Richard: Jugendlektüre. Jugendschriftenkunde, Leseunterricht, Literatur-
       erziehung. Wien 1965.
Doderer, Klaus: Das Sachbuch als literaturpädagogisches Problem. Frankfurt/Main
       1961.
Maier, Karl Ernst: Jugendliteratur. Formen, Inhalte, pädagogische Bedeutung. Bad
       Heilbrunn: Julius
Klinkhardt 1993.
Hink, Walter: Textsortenlehre, Gattungsgeschichte. Heidelberg 1977.
Hussong, Martin: Das Sachbuch. In: Haas, Gerhard: Kinder- und Jugendliteratur.
       Stuttgart 1984.
Zymner, Rüdiger: Probleme und Positionen der Literaturwissenschaft. Paderborn
       2003.
Brooks, Max: The Zombie Survival Guide. München: Goldmann 2010.
Curran, Robert: Geheimwissen Werwölfe. Mannheim: Sauerländer 2008.
Duncan, Ritch; Powers, Bob: Ein Werwolf. Ein Buch. München: Goldmann 2010.
Heitz, Markus: Vampire! Vampire! Alles über Blutsauger. München: Piper 2008.
Klell, Christine; Deutsch, Reinhard: Dracula – Mythen und Wahrheiten. Ein Hand-
       buch der Vampire. Wien: Styria Verlag 2010.
Regan, Sally: Vampire. München: Dorling Kindersley 2010.
Werwölfe. Wie sie leben, wer sie sind. München: ars edition 2010.

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Jan M. Boelmann (PH Ludwigsburg)

Kinder‐ und Jugendliteratur als Hörbuch – Kommerzialisierung auf Kosten des
Anspruchs?

Finanziell gesehen gehören Hörbücher zu positiven Entwicklungen des Buchmarkts.
Neben stetig steigenden Verkaufszahlen physischer Hörbücher entwickelt sich auch
der Downloadmarkt mit Zuwachszahlen im zweistelligen Prozentbereich beachtlich
weiter. Weit verbreitet sind neben Originalhörbüchern, die das gesamte Werk ab-
bilden, wie etwa die Lesung der Harry Potter Romane durch Felix von Manteuffel,
sogenannte gekürzte Fassungen, in denen Romane auf einen Umfang von fünf bis
acht Stunden Spielzeit heruntergebrochen werden.

Am Beispiel des Buchs „Percy Jackson – Diebe im Olymp“ von Rick Riordan (2006)
und der gekürzten Hörbuchfassung aus dem Verlag Lübbe Audio (2010) soll gezeigt
werden, welche redaktionellen Einschnitte bei gekürzten Hörbuchfassungen vorge-
nommen werden und wie sich diese Kürzungen auf die Komplexität des Textes
auswirken. Hierbei ist zu fragen ob die grundlegenden Einschnitte an Plot, Struktur
und stilistischen Ausdrucksmitteln rein aus ökonomischen Gründen vorgenommen
werden, wie etwa Diehm (2010, 45ff.) oder ob es sich zudem um akkommodative
Veränderungen im Sinne Hans Heino Ewers‘ (2012, 171) handelt, die Kürzungen
also eine verstehens-erleichternde Funktion übernehmen. Auch vor dem Hintergrund
von Inklusion und schwachen Lese-Leistungen, insbesondere von Jungen, muss
diskutiert werden, ob sich diese Texteditionen folglich für den Einsatz im Unterricht
eignen.

Im Rahmen des Vortrags, der sich an der Schnittstelle von Mediendidaktik und
Literaturwissenschaft verortet, sollen die ersten Ergebnisse eines empirischen
Forschungsvorhabens, die ihm Rahmen der Pilotierung des Analyseinstrumen-
tariums gesammelt wurden, präsentiert werden. Hierbei werden an konkreten Bei-
spielen Kürzungsstrategien besprochen und die Projektkonzeption mit den Teilneh-
mern der Tagung diskutiert werden.
Literatur
Rick Riordan (2006): Percy Jackson – Diebe im Olymp. Carlsen: Hamburg.
Rick Riordan (2011): Percy Jackson – Diebe im Olymp. Lübbe Audio: Köln.
Binczek, Natalie (Hg.) (2012): Das Hörbuch. Audioliteralität und akustische Literatur.
       Paderborn: Fink.
Binczek, Natalie (2012): Literatur und Hörbuch. München: Ed. Text + Kritik im
       Richard‐ Boorberg‐ Verlag (Text +Kritik, H. 196).
Diehm, Angelika (2010): Lesen Sie noch oder hören Sie schon? Die Kürzungs-
       problematik beim Hörbuch.
Marburg: Tectum‐ Verl.
Ewers, Hans‐ Heino (2012): Literatur für Kinder und Jugendliche. München: W. Fink
       Verlag (Uni‐ Taschenbücher, 2124).
Häusermann, Jürg; Janz‐ Peschke, Korinna; Rühr, Sandra (2010): Das Hörbuch. Me-
       dium, Geschichte, Formen.
Konstanz: UVK‐ Verl.‐ Ges (Medienwissenschaft).
Rühr, Sandra (2008): Tondokumente von der Walze zum Hörbuch. Geschichte ‐
       Medienspezifik ‐ Rezeption.
Göttingen: V & R unipress.
Schwethelm, Matthias (2010): Bücher zum Hören. Intermediale Aspekte von Audio-
       literatur. Göttingen,
Erlangen: Niedersächsische Staats‐ und Universitätsbibliothek; Buchwiss., Univ.
       Erlangen‐ Nürnberg (Alles Buch, 38).

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Ute Dettmar (Frankfurt am Main)

Kinder- und Jugendliteratur und Populärkultur: Eine Beziehungsgeschichte

Der Vortrag wird sich mit dem spannungsreichen Verhältnis von Kinder- und
Jugendliteratur und Populärkultur beschäftigen. Der Fokus richtet sich dabei
insbesondere auf aktuelle Entwicklungen, die sich derzeit im Feld der populären
Kinder- und Jugendliteratur bzw. -medien abzeichnen. Der Schwerpunkt liegt dabei
auf den Dynamiken des seriellen und transmedialen Erzählens; diese sollen im
kulturellen und theoretischen Horizont entlang aktueller Beispiele diskutiert werden.
Den Ausgangspunkt der Überlegungen bilden zunächst einige Beobachtungen zu
den Austauschprozessen, insbesondere den intertextuellen und intermedialen Ver-
flechtungen, die in ihren unterschiedlichen Formen und Funktionen vorgestellt
werden.

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Gianna Dicke (Köln)

Rebellion und Kommerz. Gegensätzliche Aspekte von Pop in jugendliterari-
schen Dystopien nach 2000

Unter Berücksichtigung der Ambivalenz, die den Begriffen Pop bzw. Populärkultur
zugrundeliegt, sollen popkulturelle Phänomene im Rahmen aktueller dystopischer
Jugendromane herausgestellt werden. Ziel ist dabei, eine kritische Reflexion des
Begriffs Pop(ulär)kultur, der einerseits für subversive und innovative Jugendkulturen
steht und andererseits mit Mainstream, Kommerz und (seichter) Unterhaltung in
Zusammenhang gebracht wird. Die Begriffe sollen kritisch hinterfragt werden.

Texte, wie die Tribute-von-Panem-Trilogie (2009-2011) der Autorin Suzanne Collins
und andere dystopische Mehrteiler der letzten Jahre bewegen sich in eben jenem
Spannungsfeld von Subversion und Affirmation, und zwar gleich auf mehreren
Ebenen. Die in der histoire gestaltete Widerstandsbewegung gegen ein jeweils als
totalitär zu bezeichnendes Gesellschaftssystem hat ihren Ausgang im nonkonformen
Verhalten einer jugendlichen Protagonistin, die schließlich zur Symbolfigur des
Protests avanciert. Die Entwicklung der Unangepasstheit einer Einzelnen hin zur
Massenbewegung der Unterdrückten wird dabei auch durch popkulturelle Symbol-
träger wie Kleidung (Mode) und Musik (’Mockingjay-Melodie‘) forciert. Auf der
anderen Seite steht das, vom Staatsapparat inszenierte, medial verbreitete Spek-
takel der Hungerspiele, das als pervertierte Reality-TV-Show (unserer Zeit) zur
Kontrolle der Bevölkerung dient und in der Kultur als Ware einer Kulturindustrie im
Sinne Adornos korrumpiert wird.

Divergierende Aspekte von Populärkultur lassen sich im Falle der im Vortrag zu
betrachtenden Dystopien aber nicht nur auf inhaltlicher Ebene ausmachen, sondern
zeigen sich auch im Rahmen von Produktion und Rezeption der Werke. So steht die
kommerzielle multimediale Vermarktung der Texte im Gegensatz zu ihrem gesell-
schaftskritischen Inhalt. Aspekte populärer Kultur wie Serialisierung, Hybridisierung,
Verfilmung und Crossover-Vermarktung sind hier zu nennen. Betrachtet man die
discours-Ebene, zeichnen sich die Texte einerseits durch konventionelle Erzähl-
muster wie Linearität, Kohärenz und Einsträngigkeit aus; die Hauptfiguren allerdings
sind komplex gestaltete widersprüchliche Charaktere.

Primärliteratur
Suzanne Collins: Tödliche Spiele. Hamburg 2009. – Orig.-Ausg.: The Hunger
      Games, 2008.
Suzanne Collins: Gefährliche Liebe. Hamburg 2010. – Orig.-Ausg.: Catching Fire,
      2009.
Suzanne Collins: Flammender Zorn. Hamburg 2011. – Orig.-Ausg.: Mockingjay,
      2010.
Veronica Roth: Die Bestimmung. München 2012. – Orig.-Ausg.: Divergent, 2011.
Veronica Roth: Die Bestimmung – Tödliche Wahrheit. München 2012. – Orig.-Ausg.:
      Insurgent, 2012.
Veronica Roth: Die Bestimmung – Letzte Entscheidung. München 2014. – Orig.-
      Ausg.: Allegiant, 2013.
Scott Westerfeld: Ugly – Verlier nicht dein Gesicht. Hamburg 2007. Orig.-Ausg.:
      Uglies, 2005.
Scott Westerfeld: Pretty – Erkenne dein Gesicht. Hamburg 2007. Orig.-Ausg.:
      Pretties, 2006.
Scott Westerfeld: Special – Zeig dein wahres Gesicht. Hamburg 2008. Orig.-Ausg.:
      Specials, 2006.

Sekundärliteratur
Bittner, Christian: Literarizität und Komplexität der Jugendliteratur zur Jahrtausend-
       wende. Frankfurt a.M. 2012.
Claeys, Gregory: Ideale Welten: die Geschichte der Utopie. Darmstadt 2011.
Faulstich, Werner/ Knop, Karin (Hgg.): Unterhaltungskultur. München 2006.
Frizzoni, Brigitte/ Tomkowiak, Ingrid (Hgg.): Unterhaltung. Konzepte – Formen –
       Wirkungen. Zürich 2006.
Gansel, Carsten: Der Adoleszenzroman. In: Günter Lange (Hgg.):Taschenbuch der
       Kinder- und Jugendliteratur. Bd 1: Grundlagen, Gattungen. Baltmannsweiler
       2000. S. 359-385.
Glasenapp, Gabriele von / Gina Weinkauf: Kinder- und Jugendliteratur. 2. Aufl. Pa-
       derborn 2014.
Glasenapp, Gabriele von: Apokalypse now! Future-Fiction-Romane und Dystopien
       für junge LeserInnen. Unveröffentlichter Vortrag, 2012.
Hecken, Thomas: Theorien der Populärkultur. Dreißig Theorien von Schiller bis zu
       den Cultural Studies. Bielefeld 2007.
Hienger, Jörg (Hg.): Unterhaltungsliteratur. Zu ihrer Theorie und Verteidigung.
       Göttingen 1976.
Hügel, Hans Otto: Lob des Mainstreams. Zu Begriff und Geschichte von Unter-
       haltung und Populärer Kultur. Köln 2007.
Kausch, Michael: Kulturindustrie und Populärkultur. Fischer 1988.
Kleiner, Marcus S./ Rappe, Michael (Hgg.): Methoden der Populärkulturforschung.
       Interdisziplinäre Perspektiven auf Film, Fernsehen, Musik, Internet und Com-
       puterspiele. Berlin 2012. (Populäre Kultur und Medien. 3.)
Layh, Susanna: Finstere neue Welten. Gattungsparadigmatische Transformationen
       der literarischen Utopie und Dystopie. Würzburg 2014. (Text & Theorie. 13.)

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Sabine Fuchs (Pädagogische Hochschule Steiermark)

„Klassiker reloaded“ am Beispiel der Manga-Serie „Snow White & Alice“

Gerade die AutorInnen und IllustratorInnen der bei Jugendlichen beliebte Form der
Mangas nutzen die genreübergreifende Präsenz von transmedialen Inhalten und/
oder verknüpfen klassische Motive der Kinder- und Jugendliteratur, wobei sie dabei
auch deren mediale Transformationen. Am Beispiel der 2015 auf Deutsch erschienen
neuen Manga-Serie von Pepu können mehrere Aspekte präsentiert werden: Hybridi-
sierung, Popularisierung und Serialisierung von Klassikern. Wesentliche Fragestel-
lungen sind dabei, wie mit den bekannten Figuren verfahren wird (Charakter, Sex,
Äußerlichkeiten), welche Handlungsstrukturen noch erkennbar sind, was inhaltlich
Neues angeboten wird, wie die Serialität die Narration beeinflusst und wie die
mediale Präsentation konkretisiert wurde.

Diese Form von Klassiker-Lektüre fordert von ihren Rezipienten wesentliche Kompe-
tenzen, wie etwa das Lesen von Bildern, ein. Das Potential dieser Lektüre für eine
Literaturdidaktik, die ebenso Mulitmodal Lliteracy anstrebt, sollen gezeigt werden.

Primärliteratur
Pepu (2015) Snow White & Alice. Egmont 2015 (Teil 1-7)

Sekundärliteratur
Arnold, Heinz Ludwig (Hg.) (2009):Comics, Mangas, Graphic Novels. Edition text +
       kritik. (=Sonderband V/09)
Rajewsky, Irina O. (2002): Intermedialität. Francke 2002 (=UTB 2261)
Serafini, Frank (2014): Reading the Visual. An Introduction to Teaching Multimodal
       Literacy. Teachers College Press

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Carolin Führer / Alexander Wagner (Bergische Universität Wuppertal)

Formen der Wissenspopularisierung im zeitgenössischen Bilderbuch
Technik-, Geschichts-und Medienwissen in Torben Kuhlmanns Maulwurfstadt
und Lindbergh. Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus

Torben Kuhlmanns bisher erschienene Bücher Lindbergh und Maulwurfstadt unter-
nehmen jeweils Versuche, komplexe Wechselwirkungsbeziehungen zwischen (nicht
nur narrativem) Text- und (nicht nur graphischem) Bild-Material herzustellen. Beide,
von der Kritik hochgelobte, Publikationen widmen sich zudem spezifischen histori-
schen 'Stoffen', der Geschichte der ersten Nonstop-Solo-Atlantiküberquerung per
Flugzeug (durch eine Maus, die zur Vorgeschichte des Atlantikflugs Charles Lind-
berghs wird), sowie der Darstellung des technischen, sozialen, zunehmend umwelt-
feindlichen Entwicklungsprozesses einer ersten Siedlung hin zur industrialisierten
Großstadt.
Das geplante Vorhaben möchte speziell das System verschiedener Formen der
Wissenspopulariserung in beiden Büchern in den Blick nehmen. Interessant werden
hier vor allem medienkooperative Verfahren, in denen beispielsweise bestimmte For-
men von Bildlichkeit, der typographischen und graphischen Gestaltung des Buches,
mit dem angelagerten Text in Aushandlungsprozesse um verschiedene Wissens-
formen treten. 'Wissen' wird innerhalb dieser Prozesse auf verschiedene Weisen
gleichsam „im Spiel“ gehalten, sei es durch explizite 'Darstellung', implizite 'Veran-
schaulichung' (im wörtlichen Sinn) oder etwa suggestive 'Andeutung', deren Auf-
schlüsselung an ein textäußeres (im Falle Lindberghs aber zugleich buchimmanen-
tes in Form eines Glossars!) Referenzsystem delegiert werden kann. Vordergründig
sollen hierbei die Unterschiede zwischen beiden Büchern untersucht werden. Hin-
sichtlich der Gegenüberstellung einer Individualperspektive, durchgängiger Beglei-
tung von Bild und Text oder des Settings eines tierischen Protagonisten innerhalb
des von Menschen bewohnten Hamburg der vorletzten Jahrhundertwende (Lind-
bergh) mit der Darstellung kollektiver Erfahrungen, nur vereinzelten Textstücken und
der geschlossenen 'Tierwelt'-Diegese (Maulwurfstadt) lassen sich verschiedene For-
men der bildliterarisch hybriden Inszenierung historischer Ereignisse nachverfolgen.

Ziel des Vortrags soll sein, Kuhlmanns Bücher als reichweitenstarke, gleichsam
'populäre' Bild/Text-Kooperationen für eine annähernde und zunächst nur exem-
plarische Bestimmung von möglichen Verfahren zur Herstellung, Repräsentation und
Diskursivierung von 'Geschichtlichkeit' und 'Wissen' innerhalb des sogenannten
'Populären' kontexualisierend in Stellung zu bringen. Dabei wird ein erster Katalog
von Darstellungsoptionen entstehen, der einen umfassenden Einblick in die Möglich-
keiten der Wissenspopularisierung im Medienkomposit 'populäres Bilderbuch' vorbe-
reitet. Ein Seitenblick auf historische und zeitgenössische Varianten der dargestellten
Phänomene ist ebenfalls Teil des Vorhabens.

Literatur
Benthie, Claudia/Brigitte Weingart (Hg.): Handbuch Literatur und visuelle Kultur.
       Berlin u.a. 2014.
Grünewald, Dieter: „Die Kraft der narrativen Bilder“. In: Susanne Hochreiter u.a.
       (Hg.): Bild ist Text ist Bild. Narration und Ästhetik in der Graphic Novel.
       Bielefeld 2014. S. 17-51.
Hügel, Hans-Otto (Hg.): Handbuch Populäre Kultur. Begriffe, Theorien und Diskus-
       sionen. Stuttgart 2003.
Kleiner, Marcus S./Michael Rappe (Hg.): Methoden der Populärkulturforschung.
       Interdisziplinäre Perspektiven auf Film, Fernsehen, Musik, Internet und Com-
       puterspiele. Berlin 2012.
Kuhlmann, Torben: Lindbergh. Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden
       Maus. Zürich 2014.
Kuhlmann, Torben: Maulwurfstadt. Zürich 2015.
Tthiele, Jens: „Im Bild sein … zwischen den Zeilen lesen. Zur Interdependenz von
       Bild und Text in der Kinderliteratur“. In: Mareile Oetken (Hrsg.): Texte lesen –
       Bilder sehen. Beiträge zur Rezeption von Bilderbüchern. Oldenburg 2005. S.
       11-29.

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Felix Giesa / Andre Kagelmann (Köln)

‚Wahlverwandtschaften’.      Aktuelle   audio-visuelle    (Re-)Präsentationen     von
Johanna Spyris Heidi

Johanna Spyris Heidi kann als eine der populärsten Kinderbuchfiguren überhaupt
bezeichnet werden, sie ist sowohl interkulturell als auch generationenübergreifend
präsent. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass sie und ihre – teilweise an Goethes
Wilhelm Meister angelehnte (vgl. Hurrelmann 1997) – Geschichte fortlaufend
ästhetisch und inhaltlich modifiziert/aktualisiert und so immer wieder neu in die
Bildwelt ihrer jeweiligen Gegenwart eingeschrieben werden. Diese Prozessualisier-
ung einer ‚medialen Wahlverwandtschaft‘ vollzieht sich im „Zeitalter der Wieder-
holung“ (Eco 1989: 302) allerdings mitunter um den Preis der Tilgung der psycho-
logischen und religiösen Tiefenschicht der beiden Romane (1880/1881).

Der Vortrag möchte einerseits diesem Verlustgeschäft anhand der Analysen ausge-
wählter aktueller audio-visueller Re-Formulierungen der ‚Legende Heidi‘ nachspüren
und fragt andererseits danach, für was sie in der im vergangenen Jahr erschienenen
computeranimierten Serie (2015) sowie im jüngsten Realfilm (2015) steht und
welches ‚x‘ an die Stelle von Spyris ‚religiösem Regressionsmechanismus‘ (vgl.
Hurrelmann 1995, S. 212) gesetzt wird.

Primärliteratur
Heidi (F/AUS/D/B 2015, Studio 100)
Heidi (D/CH 2015, Alain Gsponer)
Goethe, Johann Wolfgang von: Wilhelm Meisters Lehrjahre. In: ders.: Werke:
       Hamburger Ausg. Bd. 7. München: Beck. 152005.
Goethe, Johann Wolfgang von: Wilhelm Meisters Wanderjahre. In: ders.: Werke:
       Hamburger Ausg. Bd. 8. München: Beck. 152005.
Spyri, Johanna: Heidis Lehr- und Wanderjahre. Eine Geschichte für Kinder und auch
       für Solche, welche die Kinder lieb haben. Gotha: Perthes 1880.
Spyri, Johanna: Heidi kann gebrauchen, was es gelernt hat. Eine Geschichte für
       Kinder und auch für Solche, welche die Kinder lieb haben. Gotha: Perthes
       1881.
Sekundärliteratur
Eco, Umberto (1989): Serialität im Universum der Kunst und Massenmedien. In:
      Ders.: Im Labyrinth der Vernunft. Texte über Kunst und Zeichen. Leipzig:
      Reclam, S. 301-324.
Hurrelmann, Bettina: Mignons erlöste Schwester. Johanna Spyris Heidi. In: dies.
      (Hrsg.): Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur. 9.-11. Tsd. Frankfurt a.M.:
      Fischer 1997. S. 191-215.
Wiedmann, Natália: Heidi (2015). In: Filmdienst 2015/25 (online).

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Gabriele von Glasenapp (Köln)

Mensch aus Menschhand. Golemnarrationen in der Populärkultur des 20. und
21. Jahrhunderts

Innerhalb der Vielzahl an künstlichen Menschen, Homunculi, verlebendigten Puppen,
Robotern, Avataren und Cyborgs, die seit dem frühen 19. Jahrhundert Eingang in die
(europäische) Literatur gefunden haben, nimmt die Figur des Golem eine besondere
Position ein. In ihrer bekanntesten Ausprägung ist ihre Entstehung zwar ebenfalls
eng verknüpft mit der Literatur der Romantik, anders als die übrigen von Menschen
erschaffenen künstlichen Menschen ist ihr Wirken auf lange Zeit jedoch aus-
schließlich auf den jüdischen Kontext bezogen, dem sie ihre Entstehung verdankt:
Ihre Kreation ist daher auch weniger der menschlichen Hybris geschuldet, sondern
vielmehr den beständigen Bedrohungsszenarien, denen sich die jüdische Minderheit
im Laufe ihrer Geschichte ausgesetzt sah.

Vor allem in dieser Funktion als genuine Helferfigur hat die Golemfigur in den letzten
200 Jahren zunächst innerhalb der jüdischen, später auch in der nichtjüdischen
phantastischen Literatur vielfältigen Ausdruck gefunden – in Literaturen, die mehr-
heitlich sowohl an Erwachsene wie an Heranwachsende adressiert waren. Bereits im
20. Jahrhundert hat die Golemfigur vielfältige Umcodierungen, neue semantische
Besetzungen, aber auch mediale Entgrenzungen sowohl in der Kinder- wie auch in
der allgemeinen Literatur erfahren, die sich nach der Jahrtausendwende vor allem in
innovativen Formaten der Fantasyliteratur manifestieren.

Der Vortrag fokussiert die unterschiedlichen (jüdischen wie nichtjüdischen)
Traditionslinien, die mit der Figur des Golem innerhalb der verschiedenen Literaturen
seit der Romantik in Erscheinung getreten sind, wobei ein besonderes Augenmerk
auf die trans- wie erinnerungskulturellen, aber auch medialen Konfigurationen der
Figur bis in die Gegenwart gelegt werden soll.

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Lena Hoffmann (Münster)

„Dann googelst du einfach.“ Herrndorfs Tschick als intermedialer Crossover-
Text

Mein Vortragsvorschlag widmet sich Wolfgang Herrndorfs 2010 erschienenem
Roman Tschick, insbesondere dem im Text implementierten intermedialen Referenz-
bereich, der ihn zu einem mehrfachadressierten, das heißt bei Jugendlichen wie
Erwachsenen populären Text werden lässt. Tschick ist so populär bei unter-
schiedlichen Generationen, ein Crossover-Text, weil er auf unterschiedliche populäre
mediale Formen referiert, ihre Strukturen inkorporiert sowie wiederholt auf populär-
kulturelle Formate verweist, die eben generationenübergreifend rezipiert werden.
Dies geschieht auch mittels Genrehybridisierung, die populäre Genres der Literatur
mit Film- und Computerspiel-Narrativen kombiniert, sowie der Implementierung einer
„Hierarchie des Wissens“, die insbesondere das mediale Wissen unterschiedlicher
Generationen strukturiert und zeigt, dass das Wissen der Figuren in Tschick eines
ist, das sich entlang populärer Medien entwickelt. Mittels Close Reading möchte ich
in meinem Vortrag Formen und Funktionen dieser populärkulturellen und multi-
medialen Referenzen analysieren (das heißt auch, sie hinsichtlich ihres mehrfach-
adressierenden und damit popularitätssteigernden Potentials zu untersuchen) und
insbesondere auf die Textstrukturen verweisen, die Tschick zu einem immersiven,
interaktiven Text machen.

Diese textuellen Strategien spiegeln sich in den Produktionslogiken wie Rezeptions-
weisen des Romans. Die Interferenzen zwischen Tschick und Herrndorfs Weblog
Arbeit und Struktur (der unter anderem den Produktionsprozess des Romans
beschreibt) sowie seinem Romanfragment Bilder Deiner großen Liebe (erschienen
2014) setzen den Text in einen engen Verbund aus Kinder- und Jugend- und
Allgemeinliteratur und popliterarischem Erzählen im Blog, die überaus erfolgreiche
Bearbeitung des Stoffes für das Theater sowie die Verfilmung unter der Regie von
Fatih Akin verorten Tschick in einem multimedialen Verbund. Der Roman inszeniert
seine gleichzeitige Partizipation im kinder- und jugendliterarischen wie allgemein-
literarischen System sowie seinen Schnittstellenstatus zwischen Text und digitalen
Medien und wird somit zu einem Teil „literarischer Massenkunst“, wie Gerhard Lauer
es für Joanne K. Rowlings Harry Potter-Romane postuliert.

Der Vortrag widmet sich also dem Status Tschicks als Crossover-Text und begründet
seine generationenübergreifende Popularität über die Schaffung eines intermedialen
Referenzbereiches. Insbesondere berufen werde ich mich auf Gerhard Lauers
Aufsatz zu Harry Potter, Christoph Jürgensens Aufsatz zur ästhetischen Doppel-
codierung Tschicks, Moritz Baßlers Überlegungen zum Populären Realismus,
Claudia Nelsons sowie Poushali Bhadurys Aufsätzen zur Metaisierung in Kinder- und
Jugendliteratur.

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Heidi Lexe (Wien)

Hansel & Gretel go pop

Wenige Märchen stehen so sehr im Zentrum transtextueller und transmedialer
Beziehungsgeflechte wie die Nummer 15 der „Kinder- und Hausmärchen“: Die
Geschichte der Bearbeitungen, Adaptionen, Neu-Illustrierungen und Transformatio-
nen von „Hänsel und Gretel“ reicht vom Bilderbuch bis zur Graphic Novel, von der
queeren Parodie bis zum Jugendroman, vom Popsong bis zur Kinderoper, vom
Actionfilm bis zum Horrormovie. In Fernsehserien, Werbeangeboten, Karikaturen und
Kochbüchern („How to cook children“) wird auf Motive und erzählerische Versatz-
stücke Bezug genommen.

Entstehungsgeschichtlich fällt der Blick (beginnend mit Giambatista Basiles „Penta-
merone“) dabei auf die beiden im Wald ausgesetzten Kinder – wobei der Wald bis
heute seine entsprechende illustratorische Inszenierung erfährt. In erzählerischen
Neu-Inszenierungen des Märchens in der zeitgenössischen Kinder- und Jugend-
literatur fokussiert der Blick stärker auf die Figur der Hexe, deren Biografie in Werken
wie „Im Zauberkreis“ von Donna Jo Napoli zum eigentlichen Erzählgegenstand wird.
Je näher solche Neu-Inszenierungen an die Populärkultur rücken, desto deutlicher
erhalten die angesprochenen Figuren und Motive den Duktus des Horrors.

Für den Vortrag geplant ist einerseits ein Streifzug durch die Vielzahl transtextueller
und transmedialer Bezugnahmen auf das Märchen (Stichwort: Materialschlacht J );
andererseits aber der Versuch, den biografischen Erweiterungen und Psychologi-
sierungen der Figuren zu folgen und dabei die Bedeutung popkultureller Elemente in
den Blick zu nehmen. Welche Genre der Populärkultur greifen auf Handlungs-
elemente, Motivik und Figuren von „Hänsel und Gretel“ zurück? Worin liegt das
Action- und Horror-Potential des Märchens und mit welchen medialen Mitteln werden
diese Genreaspekte inszeniert?

Literatur
Bachmeier, Max: Märchenextravaganza. Mannheim: Kunstanstifter 2011.
Basile, Giambattista: Das Märchen der Märchen. Das Pentamerone. Hrsg. v. Rudolf
       Schenda. Aus dem Italienischen von Hanno Helbling, Alfred Messerli, Johann
       Pögl u.a. München: C. H. Beck 2000.
Browne, Anthony: Hansel and Gretel. London: Walker Books 2008.
Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Original-
       anmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen
       Ausgaben veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen von Heinz
       Rölleke. 3 Bd. Stuttgart: Reclam 1980 (=RUB 3191/3192/3193).
Brüder Grimm / Sybille Schenker: Hänsel und Gretel. Zürich: minedition 2011.
Brüder Grimm: Märchen. Ausgewählt und illustriert von Lisbeth Zwerger. Zürich: min-
       edition 2012.
Gelberg, Hans-Joachim (Hrsg.): Neues vom Rumpelstilzchen und andere Haus-
      Märchen von 43 Autoren. Illustriert von Willi Glasauer. Weinheim: Beltz &
      Gelberg 1981.
Grimm, Jacob und Wilhelm / Susanne Janssen: Hänsel und Gretel. Rostock:
      Hinstorff 2007.
Grimm, Jacob und Wilhelm / Lorenzo Mattotti: Hänsel und Gretel. Hamburg: Aladin
      2012.
Howard, Martin / Colin Stimpson: Esmelia Sniff’s HOW TO COOK CHILDREN. A
      grisly recipe book for gruesome witches. London: Pavilion 2008.
Lemke, Donald / Sean Dietrich: Hansel und Gretel: The Graphic Novel. Mankato:
      Stone Arch Books 2008.
Märchen der Brüder Grimm. Illustriert von Nikolaus Heidelbach. Weinheim: Beltz &
      Gelberg 1995.
Moers, Walter: Ensel und Krete. Ein Märchen aus Zamonien von Hildegunst von
      Mythenmetz. Aus dem Zamonischen übertragen, illustriert und mit einer
      halben Biografie des Dichters versehen von Walter Moers. Mit Erklärungen
      aus dem Lexikon erklärungsbedürftiger Wunder, Daseinsformen und Phäno-
      mene Zamoniens und Umgebung von Professor Dr. Abdul Nachtigaller. Mün-
      chen: Goldmann 2002 [EA Eichborn 2000].
Pullman, Philip: Grimms Märchen. Mit Bildern von Shaun Tan. Aus dem Englischen
      von Martina Tichy. Hamburg: Aladin 2013.
Pearce, Jackson: Sweetly. London: Hodder Children’s Books 2012.
Perrault, Charles: Der kleine Däumling. In: Sämtliche Märchen. Mit 10 Illustrationen
      von Gustave Doré. Übersetzt und Nachwort von Doris Distelmaier-Haas.
      Stuttgart: Reclam 1986 (=RUB 8355).

Medien
Grimm. Fernsehserie. Season 1, Episode 10 – Orange Grinder. Regie: Norberto
       Abrba. USA 2011. 45 min.
Hansel & Gretel. Witch Hunters. Film von Tommy Wirkola. D/USA 2013. 88 min.
Hansel & Gretel. Dark Fantasy. Film von YIM Phil-sung. South Korea 2007.
Hansel and Gretel get baked. Film von Duane Journey. USA 2103.
Humperdinck, Engelbert / Herbert von Karajan: Hänsel und Gretel. CD. Merenberg:
       Zyx-Classic 2012.
Walter Moers: Ensel und Krete. Ein Märchen aus Zamonien. Gelesen v. Dirk Bach. 6
       CDs. Eichborn 2001.
Shrek 2. Film v. Adam Adamson. USA 2004. 93 min.
Trabitsch, Klaus und Freunde: Butzemann – Die schönsten Kinderlieder. CD, 2005.
Roher, Michael / Elisabeth Steinkellner: Wer fürchtet sich vorm lila Lachs? Ein
       Märchenbuch. Wien: Luftschacht 2013.

Beiträge
Genette, Gérard: Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe. Aus dem
       Französischen v. Wolfram Bayer u. Dieter Hornig. Berlin: Suhrkamp 1993
       [=edition suhrkamp 1683].
Es war einmal. Die wahren Märchen der Brüder Grimm und wer sie ihnen erzählte.
       Illustriert von Albert Schindelhütte. Hg. v. Heinz Rölleke und Albert Schindel-
       hütte. Frankfurt: Eichborn 2011.
Lüthi, Max: Märchen. 10., aktual. Aufl. bearb. v. Heinz Rölleke. Weimar: J.B. Metzler
       2004.
Mieder, Wolfgang: Hänsel und Gretel. Das Märchen in Kunst, Musik, Literatur,
      Medien und Karikaturen. Wien: Praesens Verlag 2007. S.112f.
Neuhaus, Stefan: Märchen. Tübingen: Francke Verlag 2005 (=UTB 2693). S.17.
Rölleke, Heinz: Die Märchen der Brüder Grimm. Eine Einführung. Stuttgart: Reclam
      2004 [RUB 17650].
Die Brüder Grimm – 200 Jahre Grimmsche Märchen: Ein deutscher Welterfolg und
      seine Autoren. ZEIT Geschichte 4/2012.
Zöhrer, Marlene: Weltliteratur im Bilderbuch. Wien: Praesens Verlag 2010 (= Kinder-
      und Jugendliteraturforschung in Österreich 12).

                                          u

Christine Lötscher (Universität Zürich)

Sherlocked. Sherlock Holmes und die Liebe im Medienverbund

„Es gibt wohl kaum eine literarische Figur, die so häufig fortgeschrieben, umgedeutet
und parodiert wurde wie Arthur Conan Doyles genialer Logiker“ schrieb Benjamin
Moldenhauer kürzlich auf Spiegel Online in seiner Besprechung der aktuellsten
Adaption mit Ian McKellen als alternder Holmes – und das Guiness-Buch der
Rekorde gibt dem Journalisten Recht: 2012 wurde Holmes der Weltrekord „for the
most portrayed literary human character in film & TV“ zuerkannt. Literarische
Adaptionen und Videospiele sind hier nicht einmal mitgerechnet, von abertausenden
von Fanfictions ganz zu schweigen. Zurzeit laufen zwei Holmes-Serien, welche beide
die Fälle des populärsten aller Detektive in die Gegenwart verlegt haben: Einmal ins
zeitgenössische London (SHERLOCK, seit 2010, mit Benedict Cumberbatch als
Holmes und Martin Freeman als Watson), einmal in New York (ELEMENTARY, seit
2012, mit Jonny Lee Miller als Holmes und Lucy Liu als Joan Watson). Die beiden
Serien haben, zusammen mit den beiden Holmes-Filmen von Guy Ritchie (SHERLOCK
HOLMES, 2009; SHERLOCK HOLMES – A GAME OF SHADOWS, 2011) mit Robert Downey
Jr. und Jude Law in den Hauptrollen, eine neue Popularitätswelle ausgelöst, mit einer
multimedialen, globalen Fankultur, an der Jugendliche und junge Erwachsene
intensiv beteiligt sind. Das hat nicht nur mit Holmes’ genialen Deduktionen zu tun,
sondern vor allem damit, dass der bei Conan Doyle absolut eingefleischte Jung-
geselle extradiegetisch zum Teenager-Sexsymbol und intradiegetisch zum roman-
tisch Liebenden geworden ist. Eine ganze Reihe von kürzlich erschienenen Ro-
manen für Jugendliche und junge Erwachsene spinnen die in Adaptionen neu entwi-
ckelten Erzählstränge weiter und verarbeiten sie mit Tendenzen aus der Fankultur.

In meinem Vortrag möchte ich am Beispiel von Holmes’ Liebesgeschichten das
paradox erscheinende Phänomen untersuchen, dass Transmedia Storytelling (Henry
Jenkins) und das Spiel mit Stars und ihren Images (vgl. Hans-Otto Hügel) eine
populäre Figur am Leben erhalten können, indem es sie, auch und gerade gegen
den Strich des Originals, neu erfinden. Der Einzug der Liebe in den Holmes-Stoff
bringt eine Genrehybridisierung mit sich, die wiederum Auswirkungen auf die Affekt-
poetik der Adaptionen zeitigt (vgl. Hermann Kappelhoff).
u

Stefanie Nosic (Köln)

Fan Fiction als komplexes Phänomen – eine Ausdifferenzierung

Innerhalb der interdisziplinär ausgerichteten Forschung wird Fan Fiction, insbeson-
dere unter Rekurs auf poststrukturalistische Theorien, als ein Textarchiv (Derecho
2006) verstanden. Subjektive Bedeutungszuschreibungen, die sich im Um-, Weiter-
und Überschreiben unterschiedlichster Medienformate ausdrücken, werden durch die
Nutzung entsprechender Distributionsformen in das Fankollektiv zurückgespielt und
rufen dadurch soziale Beteiligung im Sinne dynamischer Aushandlungsprozesse her-
vor. Fan Fiction wird dabei auch als Konsequenz zunehmend dominierender, dezi-
diert konvergenter und populärer Erzähl- und Vermarktungsprinzipien des größten-
teils global agierenden Medienmarktes und ubiquitär genutzten Medienverbundes
verstanden (vgl. Jenkins 2006, 93ff). Schaut man auf die in einschlägigen Online-
Foren zahlenmäßig dominierende Fan Fiction, zeigt sich ein Um- und Fortschreiben
überproportional häufig bei den „Heldendichtungen unserer Zeit“ (Ewers 2011), also
populären, phantastischen All-Age-Formaten. So evoziert und motiviert insbesondere
dieses Korpus mit seinen textseitig angelegten eskapistischen Impulsen eine große
Interaktions- und Imaginationsbereitschaft sowie ausgeprägte Partizipationswün-
sche bei den Lesern, welche sich nicht nur in (affirmativen bis subversiven)
Textproduktionen abseits professioneller Schreibroutinen, sondern auch in (in-)offizi-
ellen Online-Foren, Webseiten, News-gruppen, Diskussionsportalen, Podcasts, Vi-
deo-Mashups und Conventions niederschlagen, die sich allesamt der Archivierung
sowie Ausgestaltung und ‚Möblierung’ der fiktiven Welten widmen.

Der Beitrag untersucht die gegenwärtige Erzählform Fan Fiction und nimmt dabei
Charakteristika und Besonderheiten dieses Subsystems, in erster Linie auf der
Handlungsebene, aus literatur-/ kulturwissenschaftlicher Perspektive in den Blick. Es
wird der Frage nachgegangen, welche Organisationsstrukturen, Handlungsrollen und
Aneignungslogiken mit Blick auf die

1. Produktion (Autorschaft; Schreibroutinen, -haltungen und -gratifikationen),

2. Distribution (‚zine-culture’, prozessuale und ‚serielle’ Publikationskultur) und

3. Rezeption (Leserschaft als „Editor“ Karpovich 2006 bzw. „co-creator“ Pugh 2005,
223)

die Fan Fiction(-szene) ausbildet und stabilisiert.

Weiterhin wird exemplarisch an der (Fan Fiction-)Autorin Judith Rumelt (Pseudonym:
Cassandra Clare) und ihrem literarischen Programm verdeutlicht, wie dieses mittler-
weile funktional und sozial differenzierte Subsystem literarische Diskurse demokrati-
siert sowie an mancher Stelle Hoheitsrollen und Steuerungsdynamiken des konven-
tionellen Literaturbetriebs dekonstruiert.
Literatur
Black, Rebecca W: Adolescents and Online Fan Fiction. New York u. a.: Peter Lang
       2008.
Derecho, Abigail: Archontic Literature. A Definition, a History, and Several Theories
       of Fan Fiction. Hellekson, Karen/Busse, Kristina: Fan Fiction and Fan Commu-
       nities in the Age of the Internet: New Essays. Jefferson/London: McFarland
       2006, S. 153-171.
Ewers, Hans-Heino: Fantasy - Heldendichtung unserer Zeit: Versuch einer Gattungs-
       differenzierung. In: Zeitschrift für Fantastikforschung (2011) H. 1, S. 5-23.
Hellekson, Karin/Busse, Kristina: Fan Fiction Studies Reader. Iowa City: Univ. of
       Iowa Press 2014.
Jamison, Anne E.: Fic: Why Fanfiction Is Taking Over the World. Dallas: Smart Pop
       2013.
Jenkins, Henry: Convergence Culture. Where Old and New Media collide. New York
       and London: New York University Press 2006.
Jenkins, Henry: Textual Poachers: Television Fans and Participatory Culture.
       Updated 20. Anniversary Edition. New York: Routledge 2013.
Karpovich, Angelina I: The Audience as Editor. The Role of Beta Readers in Online
       Fan Fiction Communities. In: Hellekson, Karen/Kristina Busse: Fan Fiction and
       Fan Communities in the Age of the Internet: New Essays. McFarland 2006, S.
       171-189.
Pugh, Sheenagh: The Democratic Genre: Fan Fiction in a Literary Context. Bridgend:
       Seren 2005.

                                         u

Mareile Oetken (Oldenburg)

„Vergesst die Schule, und stellt euch stattdessen einen Wald vor.“ Wie
Felicitas Hoppe Hartmann von Aues Iwein als Kinderroman gestaltet.

Weder in der Forschung noch in der Schule erfährt das Mittelalter zentrale Aufmerk-
samkeit, doch dient es der Populärkultur als schier unerschöpflicher Erzählvorrat;
denn „die Geschichte sei eine Wunschmaschine“, formuliert der Historiker Valentin
Groebner und „übers Mittelalter zu reden und schreiben heißt, Wünsche zu verhan-
deln.“ (Groebner 2008)

Hartmann eröffnete mit Iwein (neben Erec) die Artusepik, eine der ergiebigsten
Quellen populärer Erzählstoffe, und greift dafür unmittelbar auf den französischen
Yvain von Chrestien zurück. Doch „Hartmann“, so der Mediävist Hausmann, „erzählt
wieder, was Chrestien erzählt hatte“ und übersetzt ausdrücklich nicht (Hausmann
2001, 94). Ihre Fassung des Iwein Löwenritter (2008) für Kinder versteht Felicitas
Hoppe dagegen explizit als „Übersetzung“ (Hoppe 2001).

Der Vortrag stellt die narrativen Strategien Hoppes ins Zentrum, mit denen sie den
fast 1000 Jahre alten Versroman über einen zwischen Ehe und Ehre, Schuld und
Sühne, Trauer und Trost zerrissenen Helden als Kinderroman gestaltet.
Darüber hinaus wird zu fragen sein, ob und wie diese Form der Übersetzung
komplexer mittelhochdeutscher epischer Dichtung zu einem explizit an Kinder
adressierten Werk als Popularisierung verstanden werden kann, welche Funktionen
dem Verhandeln von Wünschen, dem Erzeugen von Affekten und Fantasien, der
Nähe zum Original und den kräftigen Pinselstriche Sowas zukommen.

Primärliteratur
Hartmann von Aue: Iwein. Aus dem Mittelhochdeutschen von Max Wehrli. Zürich:
     Manesse 1988
Hoppe, Felicitas (2011): Iwein Löwenritter. Erzählt nach dem Roman Hartmann von
     Aues. 1.A. 2008. Frankfurt a.M.: Fischer

Sekundärliteratur
Büsser, Muriel (2011): Affektstrategien in der Kinderliteratur. Eine rhetorische
      Wirkungsanalyse. Frankfurt a.M. u.a.: Peter Lang
Cormeau, Christoph/Störmer, Wilhelm (2007): Hartmann von Aue. Epoche, Werk,
      Wirkung. 3.aktualis. A. München: Beck
Curschmann, Michael (2007): Wort, Bild, Text. Studien zur Medialität des Literari-
      schen in Hochmittelalter und früher Neuzeit. Baden-Baden: Valentin Koerner
      [Saecvla spiritalia; Bd.43; Bd.44]
Fiske, John (2008): Populäre Texte, Sprache und Alltagsstruktur. In: Texte zur
      Theorie des Pop. Hrsg. v. Goer, Charis; Greif, Stefan; Jacke, Christoph.
      Stuttgart: Reclam 2013, S.166-223 [RUB; Bd. 19035]
Groebner, Valentin (2008): Das Mittelalter hört nicht auf. München: Beck
Hausmann, Albrecht (2001): Mittelalterliche Überlieferung als Interpretationsaufgabe.
      Laudines Kniefall und das Problem des ganzen Textes. In: Text und Kultur.
      Mittelalterliche Literatur 1150-1450. Hrsg. v. Peters, Ursula. Stuttgart, Weimar:
      Metzler, S.72-95
Hoppe, Felicitas (2010): Abenteuer – was ist das? Göttingen: Wallstein
Hügel, Hans-Otto (Hrsg.) (2003): Handbuch Populäre Kultur. Stuttgart, Weimar:
      Metzler

                                          u

Niels Penke (Siegen)

Populäre Fortschreibungen. Historische Varianten der Fan Fiction

Aus dem Bereich der Fan Fiction stammen quantitiativ höchst umfangreiche literari-
sche Korpora. Zu Harry Potter, Twilight oder Hunger Games existieren Hundert-
tausende oder sogar Millionen Texte. Vor allem im Internet haben sich diese
spielerischen Fortschreibungs- und Interpretationspraktiken geschlossener literari-
scher Systeme bedient und diese zum shared universe, zum nahezu grenzenlosen
Experimentierfeld ausgebaut. Sowohl die Ausgangstexte als auch die neu entstehen-
den richten sich an ein vorwiegend an jugendliche Leser/innen und junge Erwachse-
ne, von denen auch viele der Texte verfasst sind.
Während die gegenwärtige Fan Fiction bereits einige Aufmerksamkeit der Forschung
bekommen hat, ist die Frage, wann und wo Fan Fiction eigentlich anfängt, noch nicht
gestellt worden. Wie verhalten sich die zahlreichen Robinsonaden, Wertheriaden,
Wilhelm Meister oder Faust-Dichtungen dazu, wie ‚klassische‘ serielle Erzählung-
en/Reihen, die ebenfalls auf (zunächst) nicht lizensierten Fortsetzungen anderer
Autor/innen basierten – und in einigen Fällen auch für ein explizit kind- bzw. jugend-
liches Publikum aufbereitet wurden?

Mein Beitrag möchte diesen historischen Vorläufern nachgehen, um zum einen die
konkreten Adaptionen (wer adaptiert was wie) in den Blick zu nehmen und dabei die
Frage zu diskutieren, wann die ‚hochkulturelle‘ (und damit immer implizit ‚legitime‘)
Fortschreibung zu lediglich noch im Rahmen populärkultureller Vermittlung legiti-
mierter Fan Fiction wird, und welche ästhetischen Wertungen damit einhergehen.

Schwerpunkte: Rezeption und Aneignung, partizipative Kulturen, Fan Fiction /
Serien, Serialisierung, Serialität

[Behandelte Fragen u. Texte: Begriff des Fans: Hochkulturelle Adaption vs. Stigmati-
sierendes Fandom / Verbreitungsmedien: Zeitschriften, anonyme Drucke vs. Fan-
zines, Internet / Texte: Robinsonaden, Faust, Dracula, Harry Potter, Twilight]

                                         u

Andreas Peterjan (Klagenfurt)

Von der Chronologie zur Topographie? Walter Moers‘ räumliches Erzählmodell
„Zamonien“

Es scheint, als hätte Walter Moers in seinen phantastischen Zamonien-Romanen der
Chronologie eine definitive Absage erteilt. Die mittlerweile sechs Romane lassen sich
in keinem linearen Vor- oder Nachfolgeverhältnis zueinander positionieren, inhalt-
liche Berührungspunkte zwischen den Handlungen der Einzelbände ergeben sich nur
in marginaler Form. Eine kontinuierliche Aneinanderreihung der Romane zu einem
fortgesetzten Gesamtgeschehen lässt sich also definitiv nicht bewerkstelligen.
Vielmehr verfolgt Moers offenbar die Intention, den Leser über die zeitliche Situier-
ung der Geschehnisse bewusst im Unklaren zu lassen.

Letztlich wird sogar der Erscheinungszeitpunkt der Romane am Buchmarkt
spielerisch relativiert: laut Para- und (feuilletonistischem) Epitext entspringt nicht
einmal die Reihenfolge ihrer Veröffentlichung dem Willen des Autors, sondern wird
als Resultat eines willkürlichen Selektionsprozesses seitens eines fiktiven Über-
setzers ausgewiesen.
Erst diese strikte Disqualifikation von Linearität ermöglicht es Moers, sein Konzept
eines verstärkt räumlich gedachten Erzählmodells umzusetzen: „Für mich war
schon beim ersten Buch der eigentliche Held […] der Kontinent Zamonien. Dessen
Geschichte […] möchte ich weitererzählen, in alle möglichen Richtungen.“1 Das
Resultat dieser Überlegungen ist ein Romankonvolut, das seinen inneren Zusam-
menhalt nicht durch inhaltliche Fortführung oder Beibehaltung des Figureninventars
erzeugt, sondern durch den gemeinschaftlich Rekurs auf einen universellen Meta-
Code: Die Romane teilen sich abseits identischer kosmologischer Rahmenbeding-
ungen insbesondere (formale) Techniken der Darstellung von Wissen. Diese
bestehen etwa in der detaillierverliebten Simulation einer umfassenden „akade-
mischen Kultur“ in Zamonien – welche sich in zahlreichen Fußnoten, Querverweisen
oder Zitaten aus fiktiven Lexikonartikeln innerhalb der Texte niederschlägt – oder der
Paraphrasierung realer künstlerischer Vorbilder, die in sämtlichen Zamonien-
Romanen als versteckte oder offen zitierte Referenzen auftauchen.

Obwohl jeder Zamonien-Band unterschiedliche Erzählinteressen und Inhalte verfolgt,
zeichnet sich das Konvolut somit durch ein hohes Maß an literarischer Kohärenz aus.
Zamonien ist kohärent, ohne stringent zu sein. Hierfür bietet der von Deleuze und
Guattarri entwickelte Begriff des „Rhizoms“ das passende Vergleichsbild: ein
Wurzelgeflecht ohne Ende und Anfang, dessen Blüten – obwohl aus derselben
Wurzel sprießend – an unterschiedlichsten Stellen zu Tage treten.2 Jeder Band ist
somit als einzelner Teil in einem „topographisch organisierte(n) Netzwerk aus iso-
lierten narrativen Einheiten“3 zu verstehen, durch das der Leser sich seinen Weg zu
bahnen hat.

Obwohl diese bewusste Verrätselung den Rezeptionsgewohnheiten des (vorwie-
gend) jugendlichen Lesepublikums der Zamonien-Romane zu widersprechen
scheint, haben sich die Bücher unter Kindern und Jugendlichen zu beachtlichen Ver-
kaufserfolgen entwickelt.

Der Vortrag erläutert, wie in Moers‘ Zamonien-Komplex chronologische Ordnungs-
begriffe spielerisch relativiert, aufgelöst und in eine topographisch geprägte Erzähl-
weise überführt werden. Hierfür werden literaturwissenschaftliche (Poststrukturalis-
mus, Hyperfiction und Mehrfachadressierung von KJL) und raumwissenschaftliche
Theorien (insbesondere das Rhizom-Konzept als postmoderne Form der Wissens-
organisation) herangezogen. Bezüge zum Tagungsprogramm ergeben sich vor allem
zu den Punkten „Serien, Serialisierung, Serialität“ und, aufgrund der Mehrfach-
adressierung und intertextuellen Dimension der Zamonien-Texte, zum Thema
„Crosswriting / Crossover“.

                                                                 u

1
 Walter Moers im Zamonienkurier. Unter: http://www.zamonien.de/pdf/zamonienkurier.pdf Zugriff 02.12.2015.
2
 Vgl. Giles Deleuze und Felix Guatarri: Tausend Plateaus: Kapitalismus und Schizophrenie. Berlin: Merve 1993.
3
 Jörg Helbig: Wie postmodern ist Hyperfiction? Formen der Rezeptionslenkung in fiktionalen Hypertexten. In: Jan Alber und Monika
Fludernik: Moderne / Postmoderne. Trier: Wissenschaftlicher Verlag Trier 2003, S. 299 – 315, zit. S. 309.
Ina Schenker (Bremen)

Bibi Blocksberg – Figur der Macht. Eine Analyse der Erzählformen

Das populäre und serielle Kinder- und Jugendhörspiel ist ein Genre von besonderer
Spezifik im deutschsprachigen Raum. In nur wenigen anderen Hörkulturen finden
sich vergleichbare Verkaufszahlen für vom Rundfunk losgelöste, elektroakustisch
vermittelte Geschichten, die darüber hinaus ausgeprägte transmediale Erzählformen
und eine Figurenentwicklung im Medienverbund aufweisen. So konzentrieren sich
Forschungsfragen an diesen Gegenstand neben einer pädagogischen Ausrichtung
auch vor allem auf diese crossmedialen Perspektiven. Grundlagen, die dieser Beitrag
nutzen und durch eine Blickrichtung auf kulturtheoretische Fragestellungen erweitern
wird.
Das spezifische deutschsprachige popkulturelle Phänomen Bibi Blocksberg wird aus
den über einen gemeinsamen Fokus auf Dominanz- und Gewaltfragen eng mit-
einander verzahnten theoretischen Blickwinkeln der Gender- und Postcolonial
Studies in Bezug auf seine Erzählformen, Narrative und Figuren betrachtet. Bibi
Blocksberg ist neben Benjamin Blümchen, den Drei Fragezeichen und Fünf
Freunden die wohl bedeutendste Kinderhörspielfigur. Als Hexe schreibt sie sich in
eine der ältesten Archetypen traditioneller Erzählformen ein und prägt diese Figur in
einer zeitgenössischen Ausrichtung entscheidend mit. Ihre Hexenkraft verleiht ihr
darüber hinaus Verfügungsgewalt über Mensch, Tier und Umwelt und setzt sie damit
in eine anarchistische Machtposition, die zu analysieren ist. Die These lautet, dass
die Figur Bibi Blocksberg strukturelle Ambivalenz auf verschiedenen Hierarchisier-
ungsebenen verkörpert. Einsatz für Geschlechtergerechtigkeit und Manifestation von
Kolonialrassismen sind zugleich in der transmedialen Figur und ihren Erzählformen
verankert. Somit geht der Beitrag folgenden Fragen nach: Welche Identitätsangebote
stellt Bibi Blocksberg für ihre HörerInnen aus Gender-perspektive bereit? Welche
Imaginationsangebote generieren Bibis magische Fähigkeiten in Bezug auf Macht-
gefüge im Kulturkontakt aus postkolonialer Sicht? Fungiert die Hexenfigur als ein
Archiv kulturellen Geschlechterwissens und Machtpraxen?

Methodisch stützt sich die Analyse auf hörspielnarratologische Detailuntersuchung-
en, die mit Hilfe einer kritischen Diskursanalyse in einen größeren Kontext gesetzt
werden können, der auch den Medienverbund einbezieht.

Literatur
Baier, Andrea Christine. "Bibi Blocksberg – Medienverbund für Kinder: Untersu-
       chungen zur Konzeption und zur medienübergreifenden Vermarktung."
       http://hdms.bsz-bw.de/frontdoor/index/index/docId/7, (2003) Print.
Bender-Wittmann, Uschi. "Gender in der Hexenforschung: Ansätze und Perspek-
       tiven." Geschlecht, Magie und Hexenverfolgung / hrsg. von Ingrid Ahrendt-
       Schulte (2002): 13-37. Print.
Bovenschen, Silvia. "Die aktuelle Hexe, die historische Hexe und der Hexenmythos:
       Die Hexe: Subjekt der Naturaneignung und Objekt der Naturbeherrschung."
       Der Hexenstreit / hrsg. von Claudia Opitz (1995): 36-98. Print.
Chancer, Lynn S., and Beverly Xaviera Watkins. Gender Race and Class: an over-
       view. Malden, Mass.: Blackwell, 2006. Print.
Castro Varela, María do Mar, und Nikita Dhawan. Postkoloniale Theorie: Eine
       Kritische Einführung. Bielefeld: Transcript, 2005. Print.
Ette, Ottmar. ZusammenLebensWissen. Berlin: Kulturverl. Kadmos, 2010. Print.
Huwiler, Elke. Erzähl-Ströme im Hörspiel: Zur Narratologie der elektroakustischen
       Kunst. Paaderborn: Mentis, 2005. Print.
Jäger, Siegfried. Kritische Diskursanalyse: Eine Einführung. Münster: Unrast-Verl.,
       2009. Print.
Kleiner, Marcus S., und Michael Rappe. Methoden der Populärkulturforschung: Inter-
       disziplinäre Perspektiven auf Film, Fernsehen, Musik, Internet und Computer-
       spiele. Berlin [u.a.]: Lit, 2012. Print.
McGillis, Roderick. Voices of the Other: Children’s Literature and the Postcolonial
       Context. New York, NY [u.a.]: Garland Publ., 2000. Print.
Rudolph, Andrea, Marion George, and Valérie de Daran. Hexen: Historische Faktizi-
       tät und fiktive Bildlichkeit. Dettelbach: Röll, 2004. Print.
Strohmeier, Gerd. "Politik bei Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg." Aus Politik
       und Zeitgeschichte / hrsg. von der Bundeszentrale für politische Bildung 55.41
       (2005): 7-15. Print

Andere Medien
Donnelly, Elfie. Bibi Blocksberg - Das Feuerrote Nashorn. Berlin: Kiddinx, 1995.
        Audio. Bibi Blocksberg; 62.
---. Bibi Blocksberg - Im Orient. Berlin: Kiddinx, 2006. Audio. Bibi Blocksberg; 50.
--- Bibi Blocksberg - Der Kleine Hexer. Berlin: Kiddinx, 2008. Audio. Bibi Blocksberg;
        17.
---. Bibi Blocksberg - Oma Grete Sorgt für Wirbel. Berlin: Kiddinx, 2008. Audio. Bibi
        Blocks-berg; 90.
Royce Ramos. Bibi Blocksberg - Im Orient. Berlin: Kiddinx, 2009. Film.
        http://www.bibiblocksberg.de

                                         u

Ludger Scherer (Bonn)

Märchenfilme und Populärkultur. Zur kinematographischen Inszenierung von
Volkskultur im Chronotopos ‹Märchenzeit›

Märchen haben als kinderliterarische Schlüsselgattung auch zunehmende Bedeu-
tung im Bereich der Young Adult-Medien und weisen eine lange historische Entwick-
lung auf, die auf die Volkskultur der Frühen Neuzeit und deren Neuentdeckung in der
Romantik verweist. So gehen zahlreiche in den Grimmschen Fassungen weltweit
bekannt gewordene Märchen auf erstmals in der Romania literarisierte Texte zurück,
die vor allem aus Giovan Francesco Straparolas Novellensammlung Le piacevoli
notti (1550/1553), Giambattista Basiles als Pentamerone bekanntem Werk Lo cunto
de li cunti overo lo trattenemiento de’ peccerille (1634-36) und Charles Perraults
Histoires ou contes du temps passé (1697) stammen. Im hier vorgeschlagenen
Vortrag soll der Frage nachgegangen werden, welche Inszenierungen von Volkskul-
tur in neueren Märchenfilmen auszumachen sind.
Dabei wird der Schwerpunkt zunächst auf den Neuverfilmungen deutscher Fernseh-
anstalten liegen, so der Reihe Sechs auf einen Streich der ARD (seit 2008) und der
entsprechenden Serie Märchenperlen des ZDF (seit 2005). Aus Sicht einer literatur-
wissenschaftlichen Populärkulturforschung sind hierbei nicht nur die medialen Trans-
formationen der ‹Volksmärchen› interessant, die sich überwiegend auf die Buch-
märchen der Brüder Grimm stützen, sondern auch Aspekte der Folklorisierung im
Setting, die im Bereich Location, Kostüm und Figurenkonstellation zu beobachten
sind. Die regional produzierten Märchenfernsehfilme inszenieren damit einen eige-
nen, zugleich unscharfen und evokativen Chronotopos, der als ‹Märchenzeit›
bezeichnet werden kann. Darüber hinaus sollen (rezente) Verfilmungen der ältesten
europäischen Märchensammlungen auf ihre populärkulturellen Inszenierungen hin
untersucht werden, so Le piacevoli notti (1966) von Armando Crispino und Luciano
Lucignani nach Straparola und die beiden auf Basile basierenden Filme C’era una
volta (1967) von Francesco Rosi und Il racconto dei racconti – Tale of Tales (2015)
von Matteo Garrone. Diese im Vergleich zu den zahlreichen Verfilmungen von
Grimms Märchen raren Beispiele einer Bezugnahme auf literarisierte Märchentexte
verfolgen zeitbedingt unterschiedliche Strategien der Selektion, Adaption und Popu-
larisierung, die abschließend mit der ‹deutschen› Märchenwelt verglichen werden
sollen.

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Teresa Scheubeck (Regensburg)

Videos sehen, Literatur verstehen?
Zum Stellenwert audiovisueller Medien der Populärkultur für die Entwicklung
des literarischen und medienästhetischen Verstehens bei Jugendlichen

Populäre Kultur wurde lange Zeit vor allem durch ihren Platz in einer Werthierarchie
definiert. Im Gegensatz zur hohen Kultur galt sie als unterlegen, trivial, einfach.
Mittlerweile etablierten sich allerdings Ansätze, die populärkulturelle Werke als
eigenständig, komplex und voraussetzungsreich wertschätzen (vgl. Hecken 2007 u.
2012) und als ebenso geeignet für ästhetische Erfahrungen ansehen wie kanonisch
anerkannte Werke (vgl. Caspers 2011: 8).
Diese Auffassung zeigt sich anschaulich am Beispiel der Werbung: Aktuelle
Werbespots erzählen oft eigenständige Geschichten, unterhalten den Zuschauer mit
unerwarteten Wendungen, sind voller Anspielungen, erschließen sich nicht sofort.
Entsprechend werden sie als eigenständige Werke rezipiert: Spots wie beispiels-
weise #heimkommen von Edeka werden in verschiedensten Medien diskutiert,
analysiert und parodiert. Zugleich sind solche audiovisuellen Texte ein Massen-
phänomen, ein einflussreicher Teil der Populär- und Jugendkultur, wie die Klick-
Zahlen bei Youtube belegen: Millionen von Menschen lassen sich nicht nur von Wer-
bung ‚berieseln‘, sondern suchen aktiv nach solchen Videos, sehen sie bewusst an.
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