Archivmagazin - Stadt Pforzheim

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Archivmagazin - Stadt Pforzheim
Archivmagazin
                  Neues aus dem Stadtarchiv Pforzheim

Nr. 2020/3
Aus dem Inhalt:

Das Poesiealbum der
Elsa Kinzinger

Pforzheimer Tafel-
wasser

Grundbücher und
Feuerversicherungs-
bücher aus Eutingen

Rückblick auf 2019

Stadtarchiv Pforzheim          Mitteilungen für die Mitglieder
Institut für Stadtgeschichte   ♦ Nr. 41/November 2020
Archivmagazin - Stadt Pforzheim
Förderverein

   Grußwort des Vorsitzenden                                für die Jahre 2016 bis 2020 erhielt der Historiker
                                                            und frühere Stadtarchivleiter für seine 2016 er-
   Liebe Mitglieder des Fördervereins,                      schienene Publikation „‚Führer befiehl…‘. Das na-
                                                            tionalsozialistische Pforzheim 1933–1945“. Der
   bis vor wenigen Wochen hatte ich die Hoffnung,           Preis wurde nun ohne Zeremonie verliehen. Be-
   Ihnen mitteilen zu können, dass wir langsam und          sonders möchte ich Ihnen die Laudatio von Herrn
   mit neuen Konzepten unsere Veranstaltungen               Oberbürgermeister a. D. Dr. Joachim Becker emp-
   wieder aufnehmen können. Gerade die erfolgrei-           fehlen, die Sie auch auf der Homepage des Stadt-
   che Veranstaltung mit Dr. Erwin Morgenthaler zu          archivs finden.
   Pforzheim als mittelalterlichem Bildungsstandort
   war ein kleiner Lichtblick: Der Vortrag im Rahmen        Der für den 7.12. geplante Vortrag von Gottfried
   der Reihe Montagabend im Stadtarchiv Pforzheim           Zurbrügg im Rahmen von Montagabend im Ar-
   in Kooperation mit der Löblichen Singergesell-           chiv soll ohne Publikum aufgezeichnet und dann
   schaft konnte Ende September unter Einhaltung            online gestellt werden. Mut macht, dass immer
   aller Abstands- und Hygieneregeln im weitläufi-          mehr Angebote und Inhalte des Stadtarchivs, des
   gen Atrium des Reuchlin-Gymnasiums stattfinden.          Kulturamts und weiterer städtischer Veranstalter
   Frau Dr. Deecke und ihr Team hatten ein eigenes          online verfügbar sind. Auch sind die bekannten
   Hygienekonzept entwickelt, um die Veranstaltung          Online-Recherchemöglichkeiten des Archivs mit
   zu ermöglichen.                                          seinen Beständen weiterhin zugänglich und wer-
                                                            den ausgebaut. Dafür ist allen Mitarbeiterinnen
   Wie groß das Bedürfnis nach kulturellen Ereignis-        und Mitarbeitern zu danken. Angebote und Ver-
   sen nach diesen Monaten ist, zeigte sich darin,          anstaltungen digital umzusetzen, ist neben der
   dass die erlaubte Teilnehmerzahl von 35 Personen         normalen Tätigkeit eine weitere Herausforderung,
   in kürzester Zeit nach Ankündigung des Vortrags          die große zusätzliche Anstrengung und Kreativität
   erreicht war. Da das humanistische Reuchlin-Gym-         erfordert.
   nasium die Tradition der Lateinschule des mittel-
   alterlichen Pforzheims in der Gegenwart fortsetzt,       Blicken wir in die Geschichte zurück, erkennen
   war der Ort für den Vortrag von Dr. Morgenthaler         wir, dass bei Pandemien ähnliche Phänomene auf-
   gut gewählt. Ausgehend vom Dominikanerorden              traten. So gehörten Verschwörungstheorien, die
   entwickelte sich Pforzheim zu einem attraktiven          Sehnsucht nach einfachen Erklärungen oder die
   Ort der Bildung, der Schüler aus vielen Regionen         Suche nach Sündenböcken bereits bei der Beulen-
   anzog. Sogar die Gründung einer Universität in           pest des ausgehenden Mittelalters, der Cholera
   Pforzheim schien zeitweise im Bereich des Mög-           in den überfüllten Städten der Industrialisierung
   lichen zu sein.                                          oder bei der Spanischen Grippe zum Ende des ers-
                                                            ten Weltkriegs zu den wiederkehrenden Begleiter-
   Nach diesem hoffnungsvollen Start nach der Som-          scheinungen. Eine weitere Gemeinsamkeit könnte
   merpause mussten nun angesichts der wieder               allerdings eine positive Perspektive eröffnen. Im
   steigenden Infektionszahlen die Veranstaltungen          Gefolge dieser Pandemien kam es in den verschie-
   zunächst bis zum Jahresende wieder abgesagt              densten Bereichen auch zu Fortschritten für die
   bzw. in den digitalen Raum werden. Dies traf auch        Menschheit. Dies können wir als Hoffnungszei-
   auf die bereits aus dem März in den November             chen mitnehmen.
   verschobene Verleihung des Eberhard-Gothein-
   Preises an Prof. Dr. Hans-Peter Becht zu. Den Preis

   II                                          Archivmagazin 2020/3
Archivmagazin - Stadt Pforzheim
Förderverein

Wann wir als Verein wieder unsere Tätigkeit in der
gewohnten Weise aufnehmen können, scheint
zunehmend unsicher. Besonders Veranstaltungen
wie der Montagabend im Archiv, die Hauptver-
sammlung mit historischem Vortrag oder unser
Ausflug fehlen uns. Ich bin dennoch guten Mutes,
dass wir mit neuer Energie die Aktivitäten sobald
als möglich wieder aufnehmen werden und Sie
uns und das Stadtarchiv als Mitglieder weiter un-
terstützen.

Ihnen allen wünsche ich gerade in dieser Zeit ein
frohes Weihnachtsfest und vor allem ein gesundes
neues Jahr.

Ihr Kai Adam
Vorsitzender des Fördervereins
für das Stadtarchiv Pforzheim e. V.

                                           Archivmagazin 2020/3          III
Archivmagazin - Stadt Pforzheim
Förderverein

   „Montagabend im Archiv“ • Programm 2020                 Programmflyer noch nicht angekündigt wird. Bit-
                                                           te informieren Sie sich im Veranstaltungskalender
                                                           der Stadt oder auf der Website des Stadtarchivs
                  In Kooperation mit der Löblichen         über Veranstaltungsort und -zeit sowie die Anmel-
                  Singergesellschaft von 1501 Pforz-       demodalitäten oder schreiben Sie uns eine E-Mail
                  heim                                     oder rufen uns an.

   7. Dezember, 19 Uhr, im Internet
                                                           25. Januar, 19 Uhr, Ort wird noch bekannt gege-
   Gottfried Zurbrügg                                      ben
   Der Mann aus der Au
                                                           Sabine Herrle
   Bitte beachten Sie, dass der Vortrag in den digi-       „Ich habe zwei Lieben - mein Land [Frankreich]
   talen Raum verlegt wird: Er wird ohne Publikum          und Pforzheim“: Ludwig/Louis Kuppenheim, geb.
   aufgezeichnet und online gestellt, siehe www.           1891 in Pforzheim, gest. 1982 in Ste. Maxime
   stadtarchiv.pforzheim.de!
                                                           Zugleich Gedenkveranstaltung der Stadt Pforz-
   Pforzheim ist die Goldstadt, obwohl Enz und Na-         heim anlässlich des Tags des Gedenkens an die
   gold in der Stadt zusammenfließen. Die Flöße-           Opfer des Nationalsozialismus
   rei gehörte immer in die Vorstadt Au. Historisch        Grußwort: Oberbürgermeister Peter Boch
   ist das Leben dort in den Archiven kaum belegt.
   Spuren sind in den Resten der Floßanlagen über-         Für knapp 100 Jahre – bis 1940 – lebten und ar-
   all im Schwarzwald, aber auch in den Menschen,          beiteten Kuppenheims in Pforzheim und gestalte-
   ihren Erzählungen und ihren Wurzeln zu finden.          ten das Leben ihrer Stadt in vielerlei Hinsicht aktiv
   Der Vortrag kombiniert Wissenswertes über die           mit. Mitglieder dieser Familie wurden während
   Geschichte der Pforzheimer Flößerei mit einer Le-       des Nationalsozialismus deportiert und ermordet,
   sung aus dem Roman „Der Wellenreiter“.                  oder nahmen sich vorher das Leben. Einigen ge-
                                                           lang die Flucht. Einer – Ludwig/Louis Kuppenheim
   Gottfried Zurbrügg ist Biologe, aber vor allem          – kämpfte in der französischen Armee gegen das
   auch Erzähler, der mit historischem Sachverstand,       nationalsozialistische Deutschland und nahm die
   aber auch viel Intuition und Herz der Geschichte        französische Staatsangehörigkeit an. Sein Leben
   nachgeht.                                               steht im Mittelpunkt des Vortrags.

   Vorschau auf 2021                                       Sabine Herrle, Jahrgang 1956, ist pensionierte
                                                           Geschichtslehrerin. Geschichte lokal verortbar zu
   Wir freuen uns, im Jahr 2021 wieder spannen-            machen sowie bislang verschüttete Geschichten
   de Vorträge und Führungen zur Stadtgeschichte           zu erzählen, ist das Ziel ihrer Recherchen.
   Pforzheims anbieten zu können. Dabei wollen wir
   mit Blick auf das Pandemiegeschehen flexibel blei-
   ben, um so viele Veranstaltungen wie möglich vor
   Ort realisieren oder gegebenenfalls in den digita-
   len Raum verlegen zu können. Wir bitten daher
   um Verständnis, dass der Veranstaltungsort im

   IV                                         Archivmagazin 2020/3
Archivmagazin - Stadt Pforzheim
Förderverein

22. März, 19 Uhr, Ort wird noch bekannt gegeben
                                                          Förderverein für das Stadtarchiv Pforzheim e. V.
Dr. Christoph Timm
Die bunte Siedlung am Wartberg. Mit der repu-             Kronprinzenstr. 28
blikanischen Demokratie startete vor 100 Jahren           75177 Pforzheim
der Wohnungsbau in kommunaler Verantwor-                  Foerderverein.Stadtarchiv@pforzheim.de
tung                                                      07231/39-1836

Es gab nicht nur das Bauhaus … Auch die Siedlung          Bankverbindungen:
am Wartberg in Pforzheim, deren Bau 1920 be-
gann, galt als soziales Experiment und Vorzeige-          Sparkasse Pforzheim Calw
projekt. Wer waren die Initiatoren? Was hatte es          IBAN DE68666500850007619197
mit der Farbigkeit auf sich, die von den Zeitzeugen       BIC PZHSDE66XXX
hervorgehoben wurde? Welche Erinnerungen sind
mit dem Leben in der Siedlung verbunden? Aus              Volksbank Pforzheim
Anlass des 100-jährigen Jubiläums erläutert der           IBAN DE65666900000003178470
ehem. Städtische Denkmalpfleger Dr. Christoph             BIC VBPFDE66XXX
Timm, warum die Wartbergsiedlung ins kollektive
Gedächtnis der Stadt eingeschrieben gehört.

Dr. Christoph Timm, Studium der Kunstgeschichte
sowie Mittleren und Neuen Geschichte, ist Autor
zahlreicher Veröffentlichungen zur Baukunst des
20. Jahrhunderts und war von 1988 bis 2020 Städ-
tischer Denkmalpfleger in Pforzheim.

                                            Archivmagazin 2020/3                                         V
Archivmagazin - Stadt Pforzheim
Schatzkammer

   Spannende Neuentdeckung: Das Poesiealbum                         Das Stadtarchiv Pforzheim konnte durch das Kul-
   der Elsa Kinzinger                                               turamt der Stadt diese spannende Erwerbung und
   Fabienne Bitz                                                    damit einen persönlichen Einblick in die Geschich-
                                                                    te der Familie Kinzinger gewinnen.
   „Wer dich lieber hat als ich,
   der schreibt sich bitte hinter mich.                             Auf der Suche nach näheren Informationen zu die-
                                                                    sem Geschwisterpaar konnte das Stadtarchivteam
   In Liebe Dein Brüderchen Edmund.“1                               einige sehr interessante Entdeckungen machen:

   Dieser kecke Spruch von Edmund Daniel Kinzin-                    Elsa Katharina, die Besitzerin des Poesiealbums,
   ger findet sich auf der letzten Seite des Poesieal-              wird als viertes Kind des Ehepaares Daniel und
   bums von Elsa Kinzinger. Sie bekommt das Album                   Luise Kinzinger, geb. Gräther (* 04.01.1851, †
   zu Weihnachten 1895 und lässt es fortan mit den                  10.05.1929) am 05.05.1882 in Pforzheim gebo-
   Zeilen ihrer Liebsten füllen.2                                   ren.3 Mit zweiundzwanzig Jahren heiratet sie den
                                                                    Buchdruckereibesitzer Peter Heinrich Walther Wi-
                                                                    chelhoven (* 25.03.1879, † 21.12.1955) aus Iser-
                                                                    lohn.4 Fortan führt die junge Frau ihr Leben an der
                                                                    Seite ihres Mannes in der Stadt im Märkischen
                                                                    Kreis in Nordrhein-Westfalen.

                                                                    Edmund Kinzinger, der sich als „Brüderchen
                                                                    Edmund“ auf der letzten Seite des Poesieal-
                                                                    bums verewigt hat, ist der Jüngste und wird am
                                                                    31.12.1888 geboren.5 Insgesamt hatte das Ehe-
                                                                    paar vermutlich sieben Kinder, die alle in Pforz-
                                                                    heim auf die Welt gekommen sind: Adolf (*
                                                                    26.04.1875, † vermutlich nach 1957 in Freuden-
                                                                    stadt), Mina (* 30.04.1877, † 23. 02.1945), Oskar
                                                                    (* 10.02.1879, † 29.03.1901), Elsa (* 05.05.1882,
                                                                    † 10.08.1962 in Iserlohn), Arthur (* 01.01.1884),
                                                                    Ida (* 25.04.1886, † 23.02.1945) und Edmund
                                                                    Daniel (* 31.12.1888, † 18.04.1963).6 Der Vater
                                                                    Daniel Kinzinger stammt ursprünglich aus Schö-
                                                                    nau bei Heidelberg und kommt als zwanzigjähri-
                                                                    ger nach Pforzheim, wo er mehrere Anstellungen

   Eintrag von Edmund Daniel Kinzinger in das Poesiealbum sei-      3   Vgl. StadtA Pforzheim Geburtsregister B35-13, Nr. 360.
   ner Schwester Elsa am 02.07.1898 (StadtA Pforzheim S64-35-       4   Vgl. StadtA Pforzheim Heiratsregister B35-79, Nr. 59.
   1)
                                                                    5   Vgl. StadtA Pforzheim Heiratsregister B35-19, Nr. 873.
   1   StadtA Pforzheim S64-35-1. Album von Elsa Kinzinger,         6   Vgl. StadtA Pforzheim Geburts- und Sterberegister der
       1895.                                                            Stadt Pforzheim B35-5, Nr. 369; B35-8, Nr. 359; B35-220,
   2   Vgl. StadtA Pforzheim S64-35-1. Album von Elsa Kinzin-           Nr. 4090; B35-10 Nr. 96; B35-13, Nr. 360; B35-15, Nr.10;
       ger, 1895.                                                       B35-17, Nr. 310; B35-215, Nr. 286; B35-19, Nr. 873.

   6                                                   Archivmagazin 2020/3
Archivmagazin - Stadt Pforzheim
Schatzkammer

bei bedeutenden Firmen hat, beispielsweise bei
der Fabrik Louis Kuppenheim.7 Um das Jahr 1878
gründet er seine eigene Bijouteriefabrik. Einige
Jahre später siedelt er dann mit seiner Firma in
die Enzstraße 8 über (heute unbebautes Gelände
in der Jörg-Ratgeb-Straße), wo er 1883 das Wohn-
haus der Familie anbauen lässt.8 Bis 1957 war die
Firma im Besitz der Kinzinger Nachkommen unter
dem Namen Sarastro Kinzinger GmbH, zuletzt hat-
te sie die Schwiegertochter von Adolf Charlotte
Kinzinger verwaltet.9

Alle sieben Kinder führen uns in andere Bereiche
der Stadtgeschichte Pforzheims, besonders sticht
jedoch Edmund Daniel hervor. Lange Zeit konn-
ten sich die Pforzheimer nichts unter dem Namen
vorstellen, bis im Oktober 1987 eine Ausstellung
im Reuchlinhaus zu diesem bekannten Maler der
„Uechter-Gruppe“ stattfand.10

Der junge Edmund geht zuerst in die Oberreal-
schule zu Pforzheim,11 anschließend besucht er
eine private Malschule.12 Weiterbildung verschafft                Der Pforzheimer Künstler, vermutlich nach seiner Emigration
er sich zudem in der Akademie der Bildenden                       (Abb. aus: Edmund Daniel Kinzinger. 1888-1963, hrsg. vom
                                                                  Kulturamt der Stadt Pforzheim. Pforzheim 1988. S. 9)
Künste in Stuttgart genauso wie an der Académie
Moderne in Paris.13 Unter Professor Hölzel wird                   Universität in München anerkannt, wobei er sein
Kinzinger als Meisterschüler an der Akademie und                  Studium 1918 wegen eines Einsatzes als Komman-
                                                                  deur einer Artillerie-Einheit im Ersten Weltkrieg
7   Vgl. StadtA Pforzheim S3-774. Pforzheimer General-            unterbrechen muss.14
    Anzeiger Nr. 56 v. 07.03.1911.
8   Vgl. StadtA Pforzheim B63-1700. Bauakte zur Enzstra-          Nach seinem Einsatz setzt er seine Weiterbildung
    ße 8. Daniel Kinzinger zieht wahrscheinlich 1884 in die       unter Professor Heinrich Waldschmitt, dem Nach-
    Enzstraße 8.                                                  folger Professor Hölzels, fort15 und kann im Jahr
9   Vgl. StadtA Pforzheim B32-6277. Gewerbeakte zu Sarast-        1920 sein Studium beenden.
    ro Kinzinger GmbH.
10 Vgl. StadtA Pforzheim S3-774. Pforzheimer Zeitung Nr. 81
    vom 07.04. 1987. Pforzheimer ein Freund von Picasso.
11 Vgl. StadtA Pforzheim K 11-15. Notenliste der Oberreal-        14 Vgl. Edmund Kinzinger, in: In und aus Pforzheim Bd. 1. 63
    schule zu Pforzheim 1901/02.                                     Künstler Innen, hrsg. von Karl-Ludwig Hofmann/Alfred
12 Vgl. Edmund Daniel Kinzinger. 1888-1963, hrsg. vom                Hübner. Pforzheim 1992. S. 96.
    Kulturamt der Stadt Pforzheim. Pforzheim 1988. S. 7.          15 Vgl. Edmund Kinzinger, in: In und aus Pforzheim Bd. 1. 63
13 Vgl. Edmund Daniel Kinzinger. 1888-1963, hrsg. vom                Künstler Innen, hrsg. von Karl-Ludwig Hofmann/Alfred
    Kulturamt der Stadt Pforzheim. Pforzheim 1988. S. 7.             Hübner. Pforzheim 1992. S. 96.

                                                     Archivmagazin 2020/3                                                   7
Archivmagazin - Stadt Pforzheim
Schatzkammer

   Bis dahin hat der junge Maler schon
   einige Grundlagen für seinen Erfolg ge-
   legt, unter anderem gründet er zusam-
   men mit Künstlern wie Oskar Schlem-
   mer, Willi Baumeister oder Gottfried
   Graf - alles Schüler von Hölzel - die
   „Uechter-Gruppe“ gleichgesinnter Kre-
   ativer.16

   Die Gruppierung steht für Reformen in
   der künstlerischen Ausbildung ein und
   orientiert sich am französischen Stil der
   Zeit. Diese Neuorientierung prägt auch
   die Kunst Kinzingers und spiegelt sich
   durch expressionistische Ausdrucksfor-
   men in seinen Gemälden wider.17

   Wer sich mit der Kunst des gebürtigen
   Pforzheimers beschäftigt, staunt vor al-
   lem über die Vielfalt der Kunstwerke,
   genauso wie über die stilistischen Ein-
   flüsse, diese können auf die vielseitigen
   Kontakte und das Umfeld Kinzingers zu-
   rückzuführen sein.

   Zu seinem Freundeskreis gehören Vor-
   reiter wie Pablo Picasso oder Hans Hoff-
   man, den er immer wieder in München
   als Dozent an der Kunstschule vertritt.
                                                                    Frau mit Früchten, um 1930 (Abb. aus: Edmund Kinzinger, in:
   Seine Lehrtätigkeit an dieser Schule führen auch                 In und aus Pforzheim Bd. 1. 63 KünstlerInnen, hrsg. von Karl-
   zur Gründung eigener Kunstschulen 1928 in Mün-                   Ludwig Hofmann/Alfred Hübner. Pforzheim 1992. S. 97)
   chen und 1934 auch in Paris unter dem Namen
   „Ecole de l´Epoque“.18                                           Nicht nur in Deutschland erregt der Künstler Auf-
                                                                    merksamkeit - seine Karriere in Amerika beginnt
   16 Vgl. Edmund Kinzinger, in: In und aus Pforzheim Bd. 1. 63     mit seiner Lehrtätigkeit an der Kunstakademie in
       Künstler Innen, hrsg. von Karl-Ludwig Hofmann/Alfred         Minneapolis; hier unterrichtet er von 1928 bis
       Hübner. Pforzheim 1992. S. 96.                               1930.19
   17 Vgl. Edmund Kinzinger, in: In und aus Pforzheim Bd. 1. 63
       Künstler Innen, hrsg. von Karl-Ludwig Hofmann/Alfred
       Hübner. Pforzheim 1992. S. 96.
   18 Vgl. Edmund Daniel Kinzinger. 1888-1963, hrsg. vom            19 StadtA Pforzheim S3-774. Pforzheimer Zeitung vom
       Kulturamt der Stadt Pforzheim. Pforzheim 1988. S. 8.            03.09.1988. Pforzheim ehrt einen „verschollenen Sohn“.

   8                                                   Archivmagazin 2020/3
Archivmagazin - Stadt Pforzheim
Schatzkammer

Neben seiner Funktion als Dozent gibt Kinzinger                  Quellen und Literatur:
seine eigene Kunst jedoch nicht auf und kann in
den Jahren 1933 und 1934 seine Werke auch in                     •   Edmund Daniel Kinzinger. 1888-1963, hrsg.
eigenen Ausstellungen zuerst in London, dann in                      vom Kulturamt der Stadt Pforzheim. Pforz-
Paris bekannt machen.20                                              heim 1988.
                                                                 •   Edmund Kinzinger, in: In und aus Pforzheim
Der Maler heiratet zweimal, seine erste Ehefrau                      Bd. 1. 63 Künstler Innen, hrsg. von Karl- Lud-
Amelia Fuchs stirbt sehr früh bei einem Verkehrs-                    wig Hofmann/Alfred Hübner. Pforzheim 1992.
unfall.21 Durch Hofmann lernt er Alice Fish kennen                   S. 96-98.
und heiratet sie, die beiden bekommen 1929 ihre                  •   StadtA Pforzheim B32-6277. Gewerbeakte zu
Tochter Delia.22 Mit seiner zweiten Ehefrau emig-                    Sarastro Kinzinger GmbH.
riert er 1935 endgültig aus Deutschland und hält                 •   StadtA Pforzheim B63-1700. Bauakte zur Enz-
sich vor allem in den Vereinigten Staaten und Me-                    straße 8.
xiko auf.23 Bis ins hohe Alter lehrt er an der Bay-              •   StadtA Pforzheim Geburts- und Sterberegister
lor University in Waco, Texas und kann anderen                       der Stadt Pforzheim B35-5, Nr. 369; B35-8, Nr.
Künstlern sein Wissen weitergeben. Aus Briefen                       359; B35-220, Nr. 4090; B35-10 Nr. 96; B35-13,
mit seinem älteren Bruder Adolf Kinzinger ist je-                    Nr. 360; B35-15, Nr.10; B35-17, Nr. 310; B35-
doch bekannt, dass er unter starken Depressionen                     215 Nr. 286; B35-19, Nr. 873.
leidet und diese sein Leben beeinflussten.24 Bis zu              •   StadtA Pforzheim S3-774. Pforzheimer Gene-
seinem Tod steht er im regen Austausch mit deut-                     ral-Anzeiger Nr. 56 v. 07.03.1911.
schen Künstlern, sowie seiner Familie in Pforzheim               •   StadtA Pforzheim S3-774. Pforzheimer Zei-
bzw. Deutschland.                                                    tung Nr. 81 vom 07.04. 1987. Pforzheimer ein
                                                                     Freund von Picasso.
Die Verfasserin des Artikels, Fabienne Bitz, war im              •   StadtA Pforzheim S64-35-1. Album von Elsa
Oktober 2020 Praktikantin im Stadtarchiv Pforz-                      Kinzinger, 1895.
heim. Wir danken Frau Bitz für ihre tatkräftige
Mitarbeit und wünschen ihr für die Zukunft alles
Gute und viel Erfolg im weiteren Studium.

20 Vgl. Edmund Kinzinger, in: In und aus Pforzheim Bd. 1.
   63 KünstlerInnen, hrsg. von Karl-Ludwig Hofmann/Alfred
   Hübner. Pforzheim 1992. S. 97.
21 Vgl. StadtA Pforzheim S3-774. Pforzheimer Zeitung Nr. 81
   vom 07.04.1987. Pforzheimer ein Freund von Picasso.
22 Vgl. StadtA Pforzheim S3-774. Pforzheimer Zeitung Nr.
   81 vom 07.04.1987. Pforzheimer ein Freund von Picasso.
   Vgl. Edmund Daniel Kinzinger. 1888-1963, hrsg. vom
   Kulturamt der Stadt Pforzheim. Pforzheim 1988. S. 9.
23 Vgl. Edmund Daniel Kinzinger. 1888-1963, hrsg. vom
   Kulturamt der Stadt Pforzheim. Pforzheim 1988. S. 9.
24 Vgl. Edmund Kinzinger, in: In und aus Pforzheim Bd. 1. 63
   Künstler Innen, hrsg. von Karl- Ludwig Hofmann/Alfred
   Hübner. Pforzheim 1992. S. 97.

                                                    Archivmagazin 2020/3                                         9
Archivmagazin - Stadt Pforzheim
Schatzkammer

   Das Pforzheimer Tafelwasser                                     Einzig die Anlieferung des Grösseltalwassers zur
   Annette Nußbaum                                                 Brauerei bereitete Schwierigkeiten. Ein Fahrer der
                                                                   Brauerei Ketterer musste nun fast am Ende der
   Der Nordschwarzwald ist bekannt für seinen                      über 8 km langen Verbindungsleitung vom Grös-
   Reichtum an Mineralquellen und Heilwasser. Nicht                seltal nach Pforzheim, d. h. am Beginn des Was-
   weit entfernt von Pforzheim liegen die bekannten                serleitungsweges auf dem Sonnenberg, an einer
   Kurorte Bad Teinach, Bad Liebenzell oder Bad Pe-                Zapfstelle im Wald einen Tanklaster befüllen und
   terstal mit ihren auch überregional vertriebenen                die Tankfüllung zur Brauerei an der Jahnstraße be-
   Heil- und Mineralwässern.                                       fördern, was sich als schwierig erwies und die Kos-
                                                                   ten erhöhte. Dennoch erfolgte ab 1990 der Auftrag
   Da konnte Pforzheim unmöglich zurückstehen!                     an die Brauerei, und die Pforzheimer Bevölkerung
   Und so wurde bei den Stadtwerken Pforzheim                      kam in den Genuss des neuen Grösseltaler Tafel-
   1988 die Idee geboren, Wasser aus den Grösseltal-               wassers.1 Ob es sich dabei ebenfalls - wie bei einer
   quellen abfüllen zu lassen und als Mineralwasser                bekannten Tafelwassermarke - um eine „queen of
   zu vermarkten bzw. in den städtischen Kantinen                  tablewater“ handelte, bleibt dahingestellt.
   oder bei Veranstaltungen auszuschenken. Da sich
                                                                   1   Vgl. StadtA PF B81-730.
   allerdings schnell herausstellte, dass es für den
   Vertrieb von Mineralwasser laut Mineral- und
   Tafelwasser-Verordnung einer amtlichen Aner-
   kennung bedurfte, beschloss man, das Grösseltal-
   wasser nur als Tafelwasser in Verkehr zu bringen.
   Ein Geschäftspartner für die Abfüllung war bald
   gefunden. Die Brauerei Ketterer, seit 1888 in
   Pforzheim ansässig und eher für ihr Bier bekannt,
   unterbreitete ein Angebot.

   Schreiben des Dezernats IV an das Hauptamt vom 30.05.1988 (Signatur: B81-730)

   10                                               Archivmagazin 2020/3
Schatzkammer

Historische Werbung der Brauerei Wilhelm Ketterer (Signatur: S1-07-02-068-R-7; Maler: Michael Zeno Diemer)

Gelände und Braustübl der Brauerei Wilhelm Ketterer an der Jahnstraße (Signatur: S1-07-03-088-V-4; Fotograf: Richard Kipper)

                                                   Archivmagazin 2020/3                                                        11
Archivpraxis

    Pforzheimer Wasserversorgung aus dem                    befanden. Auch die Umsetzung der Pläne des
    Grösseltal                                              Baurats Carl von Ehmann, der 1878 für seine
                                                            Verdienste die Ehrenbürgerwürde erhielt, dau-
    Im Oktober 1865 beschloss der Bürgerausschuss           erte. Die Quellfassungsanlagen im Grösseltal,
    der Stadt Pforzheim, Quellen im Grösseltal für          das Hochreservoir Rod und die 8,68 km lange
    die Pforzheimer Wasserversorgung zu erschlie-           Verbindungsleitung mussten erst erbaut so-
    ßen, da sich die bisherige Wasserversorgung             wie das Straßenrohrnetz verlegt werden. Am
    durch Brunnen für die aufstrebende Indust-              01.11.1875 nahm das Quellwasserwerk Grös-
    riestadt Pforzheim als unzureichend erwiesen            seltal endlich seinen regelmäßigen Betrieb auf.
    hatte. Die Grundstückskäufe und Verhandlun-             1910/11 erfuhr das Wasserwerk Grösseltal
    gen gestalteten sich jedoch als langwierig, weil        schließlich durch die Fassung weiterer Quellen
    sich die Quellen auf württembergischem Gebiet           nochmals eine Erweiterung.

                                                                          Verlauf der Wasserleitung vom Grössel-
                                                                          tal bis zum Hochbehälter Rod über die
                                                                          badisch-württembergische Landesgren-
                                                                          ze hinweg (Signatur: B81-1061)

   12                                         Archivmagazin 2020/3
Archivpraxis

Eutinger Grundbücher des 19. Jahrhunderts                      Definition
aufgetaucht
Marco Tänzer                                                   Was sind überhaupt Grundbücher und warum
                                                               sind diese wichtig? Grundbücher sind Register, in
Da staunte der zuständige Archivar nicht schlecht,             denen Grundstücke, Eigentumsverhältnisse und
ganze 24 gut gefüllte und schwere Umzugskisten                 verbundene Belastungen verzeichnet sind. Grund
wurden im April 2020 von der Ortsverwaltung Eu-                und Boden war stets ein kostbares Gut, etwa als
tingen für das Stadtarchiv Pforzheim zur Abholung              Grundlage von wirtschaftlicher Tätigkeit oder als
bereitgestellt. In den meisten Fällen werden von               Wohnung. Daher war und ist es wichtig, die Ei-
den Ämtern deutlich weniger Unterlagen ans Ar-                 gentumsverhältnisse rechtssicher nachweisen zu
chiv abgegeben. Doch damit endete die Überra-                  können. Aus diesem Grund werden die wichtigs-
schung nicht, von besonderem Interesse war vor                 ten Informationen zum Grundeigentum lückenlos
allem der Inhalt von sechs der Umzugskartons.                  im Grundbuch dokumentiert.1 Dabei erhält jedes
Denn in diesen kamen wertvolle Schätze in Form                 Grundstück sein eigenes Grundbuchblatt, auf dem
von Folianten ans Tageslicht, diese reichten bis ins           der Eigentümer, Informationen zu Schuldverhält-
Jahr 1834 zurück und die dort enthaltenen Auf-                 nissen und Wechsel des Eigentümers eingetragen
zeichnungen erstreckten sich bis zum Jahr 1901.                werden. Die Eintragung erfolgt heute durch einen
                                                               Rechtspfleger im grundbuchführenden Amts-
                                                               gericht. Seit einer umfassenden Reform des ge-
                                                               samten Grundbuchwesens im Jahr 2013 wird das
                                                               Grundbuch nicht mehr in umfangreichen Folian-
                                                               ten, sondern digital geführt.2

                                                               Geschichtlicher Ursprung

                                                               Das Eigentum an Grund und Boden hatte von je-
                                                               her eine besondere Bedeutung, daher lassen sich
                                                               die historischen Wurzeln von Grundbüchern bis
                                                               ins antike Griechenland, Ägypten und Babylonien
                                                               zurückverfolgen. Dort wurden erstmals öffentliche
Drei der Grundbücher aus Eutingen (GBZA, A 014.063.082 1       Aufzeichnungen über Grundstücksrechte nachge-
1 bis A 014.063.101 1 20). Die abgegebenen Unterlagen sind
bereits im Grundbuchzentralarchiv (GBZA) in Kornwestheim
erfasst, werden jedoch erst nach dem nächsten Update des       1   Vgl. Merk, Beate: Über 100 Jahre Grundbuch. München
Online-Kataloges für alle Nutzer*innen recherchierbar sein         2008, S. 3, online unter: https://www.justiz.bayern.de/
                                                                   media/images/behoerden-und-gerichte/ueber_100_jah-
Ein wahrer Sensationsfund, denn die geborge-                       re_grundbuch_-_wolfratshausen.pdf, abgerufen am
nen Folianten stellten sich als Grundbücher der                    02.06.2020.
Gemeinde Eutingen heraus. Bis zu dieser Abgabe                 2   Vgl. die Informationen zur Neuordnung des
ging man noch davon aus, dass die Grundbücher                      Grundbuchwesens in Baden-Württemberg, on-
im Zweiten Weltkrieg unwiederbringlich zerstört                    line unter: https://amtsgericht-maulbronn.justiz-
wurden.                                                            bw.de/pb/j1155174,Lde/Startseite/Themen/
                                                                   Neuordnung+des+Grundbuchwesens, abgerufen
                                                                   02.06.2020.

                                                  Archivmagazin 2020/3                                                   13
Archivpraxis

   Lädierter Einband eines der Grundbücher aus Eutingen. Der Zahn der Zeit hat hier deutlich seine Spuren hinterlassen, doch das
   wichtigste (der Inhalt) ist zum Glück weitestgehend verschont geblieben (GBZA, A 014.063.084 1 3)

   wiesen. Im deutschen Rechtskreis etablierten sich                 einheitlich umsetzten, so dass zu den regionalen
   seit dem Mittelalter verschiedene Traditionen des                 Unterschieden auch lokale Besonderheiten treten
   Nachweises von Grundeigentum. Zumeist erfolgte                    konnten.3
   die Dokumentation in Amtsbüchern, die regional
   ganz unterschiedliche Bezeichnungen erhielten. In                 Nach der Gründung des Deutschen Reichs soll-
   Baden und Württemberg waren dies zum Beispiel                     ten die verschiedenen regionalen Traditionen des
   Kauf- und Tauschbücher, Servituten-, Lager- oder                  Nachweises über Grundeigentum vereinheitlicht
   Güterbücher. In Baden mussten seit 1806 in jeder                  werden. Erste Vorarbeiten für eine reichswei-
   Gemeinde entsprechende Bücher geführt wer-                        te Grundbuchordnung begannen im Jahre 1882,
   den, und auch das Badische Landrecht von 1809                     aber erst im Jahr 1897 trat die Reichs-Grundbu-
   schrieb die Dokumentation des Grundeigentums                      chordnung in Kraft. Diese neue rechtliche Grund-
   vor. In der „Instruction über die Einrichtung und
   Führung gerichtlicher Gewähr-(Kauf- und Tausch-)                  3   Vgl. Wieland, Claudia: Kaufbücher, in: Südwestdeutsche
   Bücher für das Großherzogthum Baden“ von 1824                         Archivalienkunde, online unter: https://www.leo-bw.de/
   wurde genau vorgeschrieben, wie diese Bücher                          themenmodul/sudwestdeutsche-archivalienkunde/archi-
   auszusehen hatten. Geführt wurden diese Bücher                        valiengattungen/amtsbucher/kaufbucher#x04, abgeru-
   von den Kommunen, die die Instruktionen nicht                         fen am 05.06.2020.

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Archivpraxis

                                                                  ar 1900 wurden die Grundbücher nicht mehr von
                                                                  den Kommunen, sondern von den staatlichen
                                                                  Grundbuchämtern geführt.

                                                                  Inhalt und Struktur

                                                                  Ab dem Jahr 1935 kam es zu einer weiteren Ver-
                                                                  einheitlichung des Grundbuchwesens. Zur Verein-
                                                                  heitlichung gehörte die Einführung eines einheit-
                                                                  lichen Grundbuchvordrucks, der bis heute noch
                                                                  gültig ist. Auch wenn sie vorher entstanden, ist
                                                                  diese Struktur schon in den wieder entdeckten
                                                                  Grundbüchern aus der Ortsverwaltung Eutingen
                                                                  zu finden. Die Einträge in den Eutinger Grundbü-
                                                                  chern gliedern sich in fünf Abschnitte, und zwar
                                                                  in Aufschrift, Bestandsverzeichnis und drei Abtei-
                                                                  lungen. Die Aufschrift stellt dabei die Beschriftung
                                                                  des Grundbuchs dar, also das Deckblatt. Es enthält
                                                                  das Amtsgericht, welches das Grundbuchblatt
                                                                  führt, die laufende Nummer und den dazu zuge-
                                                                  hörigen Grundbuchbezirk. Jeder Grundbesitz hat
                                                                  dabei ein eigenes Grundbuchblatt, im Bestands-
                                                                  verzeichnis wird jeder Grundbesitz in Einzelhei-
                                                                  ten beschrieben. Das Grundstück ist durch die
                                                                  Gemarkung gekennzeichnet, das Flurstück, die
                                                                  Wirtschaftsart und die Lage beziehungsweise die
                                                                  Größe. Aus dem Bestandsverzeichnis werden We-
Abb. 3: Der erste Eintrag im Grundbuch Band 24, April 1900        gerechte ersichtlich und ob der Grundbesitz durch
(GBZA, A 014.063.101 1 20)                                        Übernahme, Teilung oder eine Vereinigung von
                                                                  mehreren Grundstücken entstanden ist.
lage des Nachweises über Grundeigentum gab
detailliert vor, wie das Grundbuch zu führen war                  Im Abschnitt der Abteilung I des Grundbuchblatts
und welche Befugnisse die Rechtspfleger bei Ein-                  werden dann die Eigentümer und der Grund der
tragungen und Löschungen von Grundstücksrech-                     Eintragung festgehalten. Es wird außerdem ver-
ten hatten. Die Einrichtung und Organisation der                  merkt, worauf der Eigentumserwerb beruht: auf
Grundbuchämter, das Führen der Bücher selbst                      einer Erbschaft, einem Zuschlagsbeschluss im
wie der amtlichen Verzeichnisse der Grundstücke                   Zwangsversteigerungsverfahren oder einer Auf-
blieb den Ländern überlassen.4 Ab dem 1. Janu-                    lassung. Abteilung II enthält alle Lasten und Be-
                                                                  schränkungen, die das Grundstück betreffen.
4   Vgl., Artikel Grundbücher, in: Meyers Großes Konversa-        Dies können Dauerwohn-, Dauernutzungsrechte,
    tions-Lexikon, Band 8, Leipzig 1907, S. 447-449, online       Rechte auf wiederkehrende Leistungen aus dem
    unter: http://www.zeno.org/nid/20006715931, abgeru-           Grundbesitz, Nießbrauchsrechte, Vorkaufs- und
    fen am 05.06.2020.                                            Erbbaurechte, Beschränkungen wie Testaments-

                                                     Archivmagazin 2020/3                                          15
Archivpraxis

   vollstreckungs-, Zwangsversteigerungs- und Insol-                werden. Das Grundbuchzentralarchiv als Außen-
   venzvermerke oder die Auflassungsvormerkung                      stelle des Landesarchivs Baden-Württemberg hat
   sein.                                                            dabei die Aufgabe, die Zugänglichkeit und die
                                                                    Aufbewahrung von Grundbuchunterlagen aus der
   In Abteilung III werden die Grundpfandrechte - Hy-               Zeit vor 1900 zu sichern und diese als Archivgut
   potheken, Grund- und Rentenschulden - sowie de-                  der Nutzung zugänglich zu machen. Die Unterla-
   ren Vormerkung, Veränderungen und Widersprü-                     gen nach 1900 dagegen sind Unterlagen der Jus-
   che vermerkt. Während das Grundbuch früher aus                   tiz, daher ist das Grundbuchzentralarchiv zugleich
   einer Loseblattsammlung bestand, existiert nun                   als Stelle der Justizverwaltung eine Zweigstelle
   seit geraumer Zeit eine elektronisch erfasste Zu-                des Amtsgerichts Ludwigsburgs und gemeinsame
   sammenstellung von Grundbuchblättern.5                           Außenstelle der 13 neuen grundbuchführenden
                                                                    Amtsgerichte. Auskünfte über Grundbucheinträ-
   Übergabe an das Grundbuchzentralarchiv in                        ge aus der Zeit nach 1900 werden auf berechtigte
   Kornwestheim                                                     Anfrage Bürger*innen, Notar*innen und Mitar-
                                                                    beitenden der Grundbuchämter erteilt. Das Lan-
   Die Grundbücher von der Ortsverwaltung Eutingen                  desarchiv ist dabei ein wichtiger Zuspieler des
   werden nicht im Stadtarchiv Pforzheim verwahrt,                  Grundbuchzentralarchivs und dient als Dienstleis-
   sondern waren an das Grundbuchzentralarchiv                      ter der Justizverwaltung als ein Zwischenarchiv. Im
   in Kornwestheim zu übergeben. Denn durch die                     Grundbuchzentralarchiv in Kornwestheim werden
   Grundbuchamtsreform in Baden-Württemberg,                        voraussichtlich ganze 182 Kilometer Archivgut ein-
   welche 2008 beschlossen wurde, wurden im Zuge                    gelagert. Ämter und Archive der Kommunen sind
   der Durchsetzung bis Ende 2017 insgesamt 662                     gesetzlich dazu verpflichtet, Grundbuchunterla-
   Grundbuchämter aufgehoben und in 13 grund-                       gen abzugeben, damit diese zentral im Grundbuch-
   buchführenden Amtsgerichten konzentriert – die                   zentralarchiv verwahrt werden. Davon ausgenom-
   Zuständigkeiten des Grundbuchamts Pforzheim                      men sind nur jene Grundbuchunterlagen vor dem
   liegen nun beim Amtsgericht Maulbronn und die                    Jahr 1900, die nachweislich schon vor 2011 dem
   Lagerung der Grundbücher erfolgt im Grundbuch-                   zuständigen Kommunalarchiv übergeben worden
   zentralarchiv in Kornwestheim.6 Seit 2012 wurde                  waren. Da das bei den wiederentdeckten Grund-
   das Landesarchiv mit dem Aufbau und Betrieb ei-                  büchern der Gemeinde Eutingen nicht der Fall ist,
   nes Grundbuchzentralarchivs betraut, in dem alle                 wurden diese bereits Grundbuchzentralarchiv in
   Papierunterlagen des Grundbuchwesens verwahrt                    Kornwestheim abgegeben und nun dort sicher für
                                                                    zukünftige Generationen aufbewahrt. Im Stadtar-
   5    Für kurze allgemeinverständliche Erklärungen der            chiv Pforzheim verbleiben die Grundbuchunterla-
        einzelnen Eintragungen im Grundbuch und der dabei           gen, die schon vor 2011 dort archiviert wurden,
        verwendeten Fachbegriffe vgl. bspw. das Grundbuch-          nämlich die Grundbücher der ehemals selbstän-
        Lexikon des Webportals Wohnungswirtschaft im Netz,          digen Gemeinden Büchenbronn, Hohenwart, Hu-
        online unter: https://www.wowi.de/baufinanzierung.          chenfeld und Würm.
        html, abgerufen am 20.11.2020.
   6    Vgl. die Informationen der Grundbucheinsichtsstel-
        le Pforzheim, online unter: https://www.pforzheim.
        de/stadt/bauen-stadtentwicklung/vermessung-ka-
        taster/grundbucheinsichtsstelle.html, abgerufen am
        22.07.2020.

   16                                                  Archivmagazin 2020/3
Archivpraxis

Feuerversicherungsbücher aus Eutingen                         Geschichtlicher Ursprung
Marco Tänzer
                                                              Was hat es eigentlich mit diesen sogenannten Feu-
Als eine größere Aktenabgabe der Ortsverwaltung               erversicherungsbüchern auf sich? Was war und ist
Eutingen an das Stadtarchiv Pforzheim stattfand,              das Besondere an ihnen? Feuerbrände waren frü-
befanden sich in einem der 24 Umzugkartons un-                her im Mittelalter und Neuzeit eines der größten
üblich schwere Schätze, und zwar acht Feuerversi-             Risiken für das Leib und Wohl der Bevölkerung,
cherungsbücher. Diese großen Folianten stammen                ein ausbrechendes Feuer konnte auch einen ex-
aus den Jahren 1876 und reichen bis ins Jahr 1970.            tremen wirtschaftlichen Schaden verursachen. In
Wie man unschwer anhand der Bilder erkennen                   Zeiten von Feuermeldern, handlichen Feuerlö-
kann, sind diese Feuerversicherungsbücher nicht               schern sowie einer höchst mobilen und modern
nur größer als der letzte veröffentlichte Bestseller          ausgerüsteten Feuerwehr kann man sich dies zwar
in der nächsten Buchhandlung, sondern besitzen                schwer vorstellen, aber bis in die Neuzeit gab es
auch einen besonderen Einband.                                zum einen diese wichtigen Entwicklungen nicht
                                                              und andererseits gab es in den Städten leicht ent-
                                                              flammbare Baumaterialien und eine hohe Bebau-
                                                              ungsdichte. Ganze Straßenzüge oder Stadtviertel
                                                              wurden daher früher durch sich ausbreitende
                                                              Brände vernichtet. Ursachen für die Feuerkata-
                                                              strophen waren beispielsweise der unachtsame
                                                              Umgang mit privaten Feuerstellen im Heim, wäh-
                                                              rend man etwas kochte, Kerzen, die man verges-
                                                              sen hatte auszumachen, bevor man sich zur Ruhe
                                                              legte, oder Mehlexplosionen in Mühlen. Bevor
                                                              man sich‘s versah, entstand ein Brand und es
                                                              dauerte nicht lang, da stand auch das Nachbar-
                                                              gebäude in Flammen, welches wiederum andere
                                                              Gebäude in Brand setzten konnte und so nicht
                                                              nur das eigene Haus mit Hab und Gut vernichtete,
                                                              sondern auch das seiner Nachbarn. Um sich finan-
Feuerversicherungsbücher Eutingen (StadtA PF, C7-1315 bis
1322)                                                         ziell vor solchen Schäden zu schützen, entstand
                                                              erstmals im Jahre 1676 die Hamburger Feuerkasse
Dieser Einband mit metallenen Scharnieren und                 und somit die Möglichkeit, Gebäude gegen eine
Schrauben sollte dafür sorgen, dass die Blätter               entsprechende Gebühr vor möglichen Bränden zu
sich in und nicht außerhalb des Buchs befinden.               versichern.1 Diese auf staatliche Initiative zurück-
Selbst ein Schloss wurde in den Einband integ-                gehende Gründung nahmen sich viele Länder des
riert, dies kann man problemlos an dem Schlüssel-
loch des grünen Buchrückens erkennen. Ein Glück,              1   Vgl. Wieland, Claudia: Versicherungsunterlagen (v.a.
dass die Bücher nicht abgeschlossen waren, denn                   Gebäudebrandversicherung), in: Südwestdeutsche
Schlüssel zu den Schlössern wurden nicht ans Ar-                  Archivalienkunde, online unter: https://www.leo-bw.de/
chiv übergeben.                                                   themenmodul/sudwestdeutsche-archivalienkunde/archi-
                                                                  valiengattungen/akten/versicherungsakten, abgerufen
                                                                  am 04.06.2020.

                                                 Archivmagazin 2020/3                                                    17
Archivpraxis

   Deutschen Reichs zum Vorbild und eröffneten öf-
   fentliche Feuerkassen. Diese versicherten zwar die
   Immobilie, aber nicht das darin befindliche Mobi-
   liar gegen Brandschaden.2 In Baden war es am 25.
   September 1758 so weit, es wurde eine Mono-
   polanstalt namens „Badisch-durlachische Brand-
   versicherung“ gegründet. Diese Versicherung war
   verpflichtend und hatte zum Ziel, dass „die Wohl-
   fahrt unserer Lieben und Getreuen Unterthanen
   befördert“ wird.3 Diese Anstalt versicherte über
   200 Jahre gegen Feuerschaden, ab 1960 wurde
   durch den Landtag von Baden-Württemberg per
   Gesetz erlassen, dass auch andere Risiken wie
   Hochwasser, Hagel, Erdfall und Sturm abgedeckt
   wurden.4 Ab dem 1. Juli 1994 war aber Schluss mit
   der staatlichen Zwangsversicherung, denn diese
   wurde durch eine EU-Regelung abgeschafft, die                    Ausschnitt Feuerversicherungsbuch (StadtA PF, C7-1316)
   badische Gebäudeversicherung und die Württem-
   bergische Gebäudebrandversicherung wurden zur                    Inhalt und Struktur
   Gebäudeversicherung Baden-Württemberg verei-
   nigt. Eine zweischneidige Entwicklung für die Be-                Wie imposant der Einband der Feuerversiche-
   völkerung, da die vorherige Versicherung nicht nur               rungsbücher erscheint, wurde bereits gegen An-
   kostengünstig, sondern auch sicher war. Nachdem                  fang des Artikels erwähnt, doch was befindet sich
   nun kurz der geschichtliche Ursprung der Feuer-                  eigentlich im Inneren? Jeder Eintrag in einem
   versicherungsbücher beleuchtet wurde, folgen im                  Feuerversicherungsbuch besteht aus einem Dop-
   nächsten Abschnitt Informationen über den Inhalt                 pelblatt. Auf der linken Seite wird vermerkt, ob
   der Folianten im Stadtarchiv.                                    das versicherte Gebäude einer Firma gehört, und
                                                                    Name oder Bezeichnung derselben vermerkt, da-
                                                                    nach folgen der Name desjenigen, der die Versi-
                                                                    cherung abschließt, Ort, Konto oder Blatt-Nr. und
   2    Vgl. Sauer, Paul: 200 Jahre Württembergische Gebäude-       schließlich noch eine Zeile für sonstige Bemerkun-
        brandversicherungsanstalt 1773–1973, Stuttgart 1973.;       gen.
        Kistner, Albert: 200 Jahre Badische Gebäudeversiche-
        rungsanstalt 1758–1958, Karlsruhe 1958.                     Auf der rechten Seite beginnt der Eintrag mit der
   3    Hofmeyer, Rainer: Nach Unwettern in der Region:             Nummer des Anwesens im Grundbuch, denn mit
        Sehnsucht nach der alten Badischen Gebäudeversiche-         der Einführung der Feuerversicherung war es not-
        rung, Online-Angebot der Rhein-Neckar-Zeitung vom           wendig geworden, Gebäude zu nummerieren,
        13.8.2016, online unter: https://www.rnz.de/nachrich-       danach folgten die Straße und Hausnummer des
        ten/eberbach_artikel,-Eberbach-Nach-Unwettern-in-           Gebäudes. Diese Informationen sind bereits oben
        der-Region-Sehnsucht-nach-der-alten-Badischen-Ge-           am Anfang des Eintrags zu finden. Darauf folgt
        baeudeversicherung-_arid,214015.html. abgerufen am          Name des Gebäudeeigentümers und die Anschrift
        21.07.2020.                                                 der Wohnung, falls dieser außerhalb des eingetra-
   4    Vgl. ebd.                                                   genen Gebäudes wohnte und mit dessen Besitz-

   18                                                  Archivmagazin 2020/3
Archivpraxis

anteil am Gebäude. Weiter unten wird dann die                    Wirtschafts- und Sozialgeschichte herausgefiltert
Bezeichnung des Gebäudes aufgeführt, also ob es                  werden, so kann man beispielsweise aus den Wert-
sich beispielsweise um einen Neubau handelt und                  schätzungen der Versicherungen herausfinden,
ob es ein Wohnhaus ist, ein Schweinestall, eine                  wie der soziale Stand oder die Vermögenswerte
Scheune oder ähnliches. Wie viele Geschosse das                  einzelner Haushalte beschaffen waren. Wenn eine
Anwesen aufweist, wurde ebenfalls vermerkt und                   Familie beispielsweise versichertes Silbergeschirr
welche Baustoffe wie Stein, Ziegel, Holz beim Bau                oder Schmuck besaß, zeugt das von einem gewis-
des Gebäudes verwendet wurden. Ebenfalls konn-                   sen Wohlstand und ein Haushalt mit versicherten
te dort vermerkt werden, ob das Gebäude über                     Büchern, Kunst oder Musikinstrumenten verfügte
einen Keller verfügt. In sechs weiteren Spalten                  wohl über einen höheren Bildungsstand als die
wurde dann tabellarisch genauestens mit Datum                    Mehrheit der Bevölkerung.6
protokolliert, wann ein Abgang oder Zugang zur
Feuerversicherung stattgefunden hat. Ein Zugang                  Man sieht also, es lohnt sich nicht nur, die schwe-
konnte zum Beispiel entstehen, wenn ein neu-                     ren Bücher zu transportieren, sondern auch sie zu
er Schuppen auf dem Grundstück gebaut wurde                      verzeichnen und für die Ewigkeit im Archiv zu ar-
und nun versichert werden musste, oder wenn im                   chivieren. Vielleicht finden sich ja auch in naher
Gegenteil ein Gebäude abgerissen wurde und es                    Zukunft interessierte Forscher*innen, denen die
daher keine Versicherung mehr benötigte und aus                  Feuerversicherungsbücher aus Eutingen (StadtA
dem Buch gestrichen wurde; dies wird als Abgang                  PF, C7-1315 bis 1322) bei einer wissenschaftlichen
bezeichnet. Die Neubaukosten des Gebäudes,                       Arbeit helfen können, oder Bürger*innen aus Eu-
die Versicherungssumme, das Umlagekapital und                    tingen, die sich privat dafür interessieren, wie es
eine Spalte für sonstige Bemerkungen wurden                      in früheren Zeiten um die Gebäude und Haushalte
dort ebenfalls vermerkt.                                         ihrer Umgebung bestellt war.

Bedeutung für die Forschung

So gestaltet sich der inhaltliche Aufbau der Feu-
erversicherungsbücher, doch was kann man aus
diesen Quellen herausfinden, inwiefern sind die
Informationen für die Forschung interessant?
Die vorgestellten Unterlagen werden zumeist für
Fragestellungen rund um Bau- und Gebäudefor-
schung herangezogen, der Inhalt hilft dabei zum
Beispiel, das Alter von Gebäuden herauszufinden
oder dient auch zur aktuellen Wertermittlung.5
Ebenfalls können wichtige Informationen für die

5   Vgl. Wieland, Claudia: Versicherungsunterlagen (v.a.
    Gebäudebrandversicherung), in: Südwestdeutsche
    Archivalienkunde, online unter: https://www.leo-bw.de/
    themenmodul/sudwestdeutsche-archivalienkunde/archi-
    valiengattungen/akten/versicherungsakten, abgerufen
    am 04.06.2020.                                               6   Vgl. ebd.

                                                    Archivmagazin 2020/3                                         19
Archivpraxis

   Rückblick auf das Stadtarchiv im Jahr 2019                Übernahme und Bewertung von Unterlagen aus
   Dr. Klara Deecke unter Mitwirkung von Dr. Son-            der Stadtverwaltung
   ja Hillerich, Sonja Anžič-Kemper, Harald Katz und
   Martin Zierer                                             150 laufende Meter Papierunterlagen sowie
                                                             27.000 digitale Dateien/Datensätze aus den Äm-
   Stadtarchiv                                               tern der Stadtverwaltung wurden dem Stadtarchiv
                                                             2019 angeboten; übernommen wurden davon 68
   Das Stadtarchiv übernimmt, erhält und erschließt          laufende Meter und 3.600 Dateien/Datensätze. Ein
   rechtsrelevante und historisch bedeutende Do-             Zugang sei an dieser Stelle zur Illustration ausführ-
   kumente aus Stadtverwaltung und Stadtgesell-              licher behandelt: Die Übernahme von Unterlagen
   schaft als Archivgut, um sie zur Benutzung für            der eingemeindeten Gemeinde Würm. Zwischen
   unterschiedlichste Zwecke und Fragestellungen             1905 und 1975 wurden sieben Gemeinden in die
   bereitzustellen. Als Institut für Stadtgeschichte         Stadt Pforzheim eingemeindet. Die Archive die-
   erforscht und vermittelt das Stadtarchiv die Pforz-       ser Gemeinden befinden sich – sofern überliefert
   heimer Geschichte. Mit seinen Tätigkeiten erfüllt         - zum Großteil bereits im Stadtarchiv Pforzheim.
   das Stadtarchiv eine im Landesarchivgesetz und            Einzige Ausnahme stellte bis 2019 das Archivgut
   in der Archivordnung der Stadt Pforzheim fixierte         der zum 01.09.1971 eingemeindeten Gemeinde
   kommunale Pflichtaufgabe.                                 Würm dar. Mit der Bewertung und Übernahme
                                                             eines großen Teiles der Registratur der früheren
   Zum Jahresende 2019 lag der analoge Gesamtbe-             Gemeinde Würm wurden nun auch weite Teile des
   stand bei knapp 3.000 laufenden Metern Archiv-            Archivguts der Gemeinde Würm identifiziert und
   gut und knapp 2.000 Metern Bibliotheksgut. Der            im Stadtarchiv magaziniert. Besonderheiten des
   digitale Gesamtbestand belief sich auf 960 Giga-          Archivguts der Gemeinde Würm liegen unter an-
   byte digitales Archivgut im digitalen Magazin DI-         derem darin begründet, dass Würm bis 1805/1806
   MAG sowie 17 Terabyte digitale Master und 1,5             kein badischer, sondern ein reichsritterschaftli-
   Terabyte digitale Nutzungsformen von Archivgut,           cher Ort war, und die frühere Waldgemarkung Ha-
   die auf städtischen Servern gespeichert sind.             genschieß bis zu ihrer Auflösung in den 1920ern
                                                             von der Gemeinde Würm (Grundbuchamt Würm)
   Personalia                                                verwaltet wurde. Das Gemeindearchiv Würm (Ar-
                                                             chivbestand C3) beinhaltet über 1.000 Archivgut-
   Mehrere personelle Veränderungen begleiteten              einheiten. Diese umfassen ca. 38 Meter und 45
   das Stadtarchiv im Jahr 2019. Der Stellvertreten-         Großformate. In den angebotenen Unterlagen der
   de Archivleiter Dr. Patrick Sturm verließ das Team,       Registratur der Gemeinde Würm befanden sich
   um Leiter des Stadtarchivs Siegen zu werden. Sei-         auch mehrere Pakete mit verpackten Stimmzet-
   ne Nachfolgerin ist seit Mai Dr. Sonja Hillerich. Im      teln. Sie waren mit Schnüren, kleinen Papiersie-
   August ging der langjährige Sammlungsarchivar             gelchen und Gemeindestempeln gesichert. Laut
   Harald Katz in den Ruhestand. Um das Team wie-            dem Bewertungsmodell "Wahlunterlagen" des
   der komplett zu machen, verstärkt Marco Tänzer            Stadtarchivs sind Stimmzettel grundsätzlich nicht
   als Archivar für amtliche Bestände und Vereinsbe-         archivrelevant. Es werden lediglich beispielhaft ei-
   stände das Stadtarchiv.                                   nige Stimmzettel archiviert, um das Erscheinungs-
                                                             bild zu dokumentieren. Die Ergebnisse der Aus-
                                                             zählung der Stimmzettel werden an anderer Stelle
                                                             überliefert. Im Gemeindearchiv Würm befinden

   20                                           Archivmagazin 2020/3
Archivpraxis

                                                                              das private und geschäftliche Leben
                                                                             sowie das Schicksal dieser Pforzhei-
                                                                              mer Familie, das seit 1905 rekonstru-
                                                                              iert werden kann. Sie ist ein Beispiel
                                                                              für viele Familien, die beide Welt-
                                                                              kriege erlebt haben und sich mit den
                                                                             jeweiligen Folgen auseinander setzen
                                                                             mussten. Die Unterlagen des Nachlas-
                                                                             ses des Künstlers Wilhelm Reble zeigen
                                                                            mit seinen Feldpostbriefen die Situati-
                                                                            on eines Soldaten im Zweiten Welt-
                                                                           krieg und stellen mit seinen dem Ar-
                                                                           chiv überlassenen Zeichnungen aus der
                                                                            militärischen Zeit (2. Weltkrieg) sowie
                                                                            aus der Folgezeit eine aussagekräftige
Versiegelte Stimmzettel aus der Registratur der Gemeinde Würm
                                                                Quelle dar – und auch einen wichtigen Baustein
sich derzeit Stimmzettel der Bundestagswahl                     zur Geschichte von Pforzheim. Vergleichsweise
1969 (C3-461), Stimmzettel des Volksentscheids                  starken Zuwachs erhielt die Fotosammlung mit
zur Wiederherstellung Badens 1970 (C3-462) so-                  über 6.000 neuen Archivguteinheiten, darunter
wie Stimmzettel der Bürgeranhörung in Würm am                   Digitalisaten von Fotoalben mit Abbildungen aus
14.03.1971 über die geplante Eingemeindung in                   Dillweißenstein aus der Zeit 1908 bis 1914. Die Ar-
die Stadt Pforzheim (C3-463).                                   chivbibliothek wurde um knapp 900 Medienein-
                                                                heiten erweitert.
Ergänzungsdokumentation
                                                                Digitale Langzeitarchivierung
Neben der Überlieferung amtlicher Unterlagen
archiviert das Stadtarchiv auch Bestände und Ein-               Mindestens ebenso wichtig wie bestandserhal-
zeldokumente privater Herkunft. Sieben Nach-                    terische Maßnahmen am papiergebundenen Ar-
lässe im Umfang von insgesamt einem laufenden                   chivgut sind Anstrengungen zur dauerhaften Er-
Meter, zwei Zugänge von Privatunternehmen (1,7                  haltung des digitalen Archivguts. Die Speicherung
laufende Meter und knapp 2.000 Dateien) und 0,7                 im Fachverfahren DIMAG, das in Pforzheim seit
laufende Meter Vereinsschriftgut wurden 2019                    2018 im Produktivbetrieb eingesetzt wird, ist ein
übernommen. Im Sammlungsbereich waren grö-                      wichtiger Baustein dieser komplexen und zeitin-
ßere Akquisen 2019 nicht zu registrieren, die Er-               tensiven neuen Kernaufgabe. 2019 kamen 420 GB
werbungen verteilten sich recht gleichmäßig auf                 digitaler Archivalien neu hinzu, so dass das digita-
die verschiedenen Sammlungsgebiete. Ankäufe                     le Archivgut der Stadt Pforzheim Ende Dezember
konnten bei Auktionen vor Ort und über Internet,                2019 insgesamt 958 GB umfasste. Durch die Spei-
bei Antiquariaten und Privatpersonen getätigt                   cherung in DIMAG ist die Authentizität und Inte-
werden. Zwei besonders bemerkenswerte Nach-                     grität digitaler Archivalien gewährleistet. Um die
lässe konnte das Stadtarchiv 2019 in die Bestände               dauerhafte Lesbarkeit der Daten sicherzustellen,
aufnehmen: den Nachlass der Familie Zorn und                    wurden im Vorfeld der Speicherung an den rund
den Nachlass von Wilhelm Reble. Die Unterlagen                  2000 neuen digitalen Verzeichnungseinheiten
des Nachlasses der Familie Zorn spiegeln sehr gut               präventive Maßnahme der Bestandserhaltung wie

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Archivpraxis

   Formatmigration und Prüfungen mit Spezialsoft-            Ende 2019 nun über 126.000 Datensätze im Archiv-
   ware vorgenommen.                                         informationssystem zur Recherche zur Verfügung.
                                                             Das Portal Findbuch.Net (http://www.stadtarchiv-
   Weil die Aufgabe der Digitalen Langzeitarchivie-          pforzheim.findbuch.net), auf dem Nutzer*innen
   rung sehr komplex ist, nur geringe Erfahrungs-            bereits von zuhause aus online in Beständen re-
   werte vorliegen und noch nicht für alle Probleme          cherchieren können, wurde weiter ausgebaut.
   geeignete Lösungsansätze existieren, ist der Aus-         Stand Ende 2019 sind aus allen Bestandsgruppen
   tausch mit anderen Archiven besonders wichtig.            Bestände in Findbuch.Net recherchierbar, insge-
   Besonders mit Blick auf landeseinheitliche oder in        samt 62 Bestände mit 76.000 Verzeichnungsein-
   vielen Kommunalverwaltungen eingesetzte Fach-             heiten. Immer häufiger erreichen das Stadtarchiv
   verfahren bieten archivübergreifende Kooperatio-          gezielte Anfragen zu Beständen Archivalien, die im
   nen wie die AG Archivexporte eine große Chance,           Web über Findbuch.Net recherchiert wurden.
   die Herausforderungen der digitalen Langzeitar-           Im ebenfalls online recherchierbaren Katalog
   chivierung zu bewältigen. So lief die Aussonde-           (OPAC) der Archivbibliothek sind Ende 2019 über
   rung aus dem Gewerberegister, die technisch von           117.000 Medieneinheiten Bibliotheksgut ver-
   Iteos umgesetzt wurde, reibungslos ab. Um die             zeichnet, über 2.000 Medieneinheiten mehr als
   Entwicklung ähnlicher Lösungen auch für andere            im Jahr 2018.
   Fachverfahren zu unterstützen, beteiligt sich das
   Stadtarchiv Pforzheim aktiv an der AG Archivex-           Nutzung: Vorlage von Archivgut, schriftliche Aus-
   porte und einzelnen Unterarbeitsgruppen.                  künfte und Benutzerberatung

   Für die Nutzung erschlossen: Ordnung und Ver-             378 Lesesaalbenutzer*innen vor Ort sowie 519
   zeichnung von Archivgut                                   schriftliche Anfragen sind die Kennzahlen des Jah-
                                                             res 2019 in diesem Bereich. Damit setzt sich der
   Die Erschließung von Archivgut stellte auch im Jahr
   2019 einen Arbeitsschwerpunkt des Stadtarchivs
   dar. Über 140 laufende Meter Archivgut wurden
   in der Datenbank erfasst und können damit künf-
   tig Nutzerinnen und Nutzern vorgelegt werden.
   Dies entspricht einem Zuwachs von 7.200 neuen
   Verzeichnungseinheiten. Der Schwerpunkt (134
   laufende Meter bzw. 4.300 laufende Meter) lag
   im Bereich der amtlichen Bestände. Damit wurde
   erneut nicht nur das Ziel erreicht, jährlich so viele
   Unterlagen zu erschließen wie übernommen wur-
   den, sondern es wurden auch Erschließungsrück-
   stände aufgeholt.

   Zusammen mit den durch Retrokonversion, d. h.
   die Übertragung älterer, außerhalb des aktuellen
   archivischen Fachinformationssystems befindli-
   cher Findmitteldaten in die aktuelle Datenbank,           Über 3.000 Verzeichnungseinheiten in 500 Archivboxen wer-
   ergänzten Verzeichnungseinheiten stehen Stand             den zur Massenentsäuerung abtransportiert

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Archivpraxis

Trend des Vorjahres fort, nach dem die Zahl der
Benutzungen vor Ort sinkt, die Zahl der schriftli-
chen Anfragen dafür steigt. Fast die Hälfte der An-
fragen bezieht sich auf das Personenstands- und
Meldewesen.

Sicherung und Bewahrung: Bestandserhaltung
als Daueraufgabe

In der Bestandserhaltung wurde ein großes Projekt
zur Papierentsäuerung durchgeführt: insgesamt
wurden rund 2 Tonnen Archivgut durch einen ver-
sierten Dienstleister in einem Mengenverfahren           Hebel-Schulleiter Bernhard Steger (l.), Fachleiter Geschichte
entsäuert und mit einer alkalischen Reserve verse-       Ben Häfner und die stellv. Archivleiterin Dr. Sonja Hillerich
                                                         unterzeichnen die Vereinbarung zur Bildungspartnerschaft
hen. Auf diese Weise wird der materialimmanen-
                                                         Historische Bildungsarbeit, Vermittlung und Öffentlichkeits-
te Papierzerfall nachhaltig aufgehalten. Insgesamt       arbeit (Foto: Klinner)
konnte so die Erhaltung von knapp 50 Laufmeter
Archivgut aus sieben Beständen, darunter Dezer-          Nachlass des weltbekannten Bergsteigers Walter
nat 1, Polizeiamt, Chemisches Untersuchungsamt           Stößer aus Pforzheim archivgerecht verpackt. Um
und Ausgleichsamt für die Zukunft gesichert wer-         das Magazinklima als ganz maßgeblichen Faktor in
den. Daneben wurden aber auch weitere schwer             der Bestandserhaltung zukünftig besser überwa-
brandgeschädigte Unterlagen aus dem Bestand              chen zu können, wurden moderne Klimamessge-
des ehemaligen Schlachthofs (B71) in einem auf-          räte angeschafft, die Langzeitmessungen durch-
wändigen Einzelblattverfahren restauriert. Ver-          führen und digitale Auswertungen zulassen.
kohltes Papier wurde entfernt, die zusammenge-
backenen Seiten vorsichtig voneinander gelöst            Auch die Digitalisierung analoger Unterlagen wur-
und das von Substanzverlust bedrohte Papier mit          de vorangetrieben, um einerseits die Originale zu
dünnen Japanpapieren stabilisiert, so dass die res-      schonen und zugleich den Nutzungskomfort zu
taurierten Stücke wieder benutzt werden können.          erhöhen. So wurden aus dem Bestand S1 – Foto-
Auch die Schadensprävention nahm wieder einen            sammlung 1400 Fotokarten digitalisiert. Aus dem
hohen Stellenwert ein, so wurden über 70 Lauf-           Teilbestand S1-08-Strassen wurden die Buchsta-
meter papiergebundene Unterlagen durch die               ben G bis K, also Goldschmiedeschulstraße bis
Mitarbeiter*innen des Stadtarchivs konservato-           Julius-Heydegger-Straße, digitalisiert. Wegen der
risch behandelt. Dies umfasst die Entfernung von         komplexen Struktur des Bestands mit den drei
Metallbügeln, Tackerklammern, Büroklammern,              Zeitstufen vor dem Krieg, im Zustand der Kriegs-
Plastikfolien, Gummiringen und Haftnotizen, die          zerstörung und in wiederaufgebautem Zustand
im Laufe der Jahrzehnte mit dem Papier reagie-           stellte die strukturierte Ablage und Benennung
ren und es schädigen, sowie die Umverpackung             der Dateien eine Herausforderung dar. Die sorg-
in spezielle säurefreie Mappen und Archivkartons,        fältige Überprüfung der Ausführung gewährleiste-
die als Schutz vor mechanischen Beschädigungen           te die gute Qualität des Ergebnisses. Auf Basis der
dienen und einen Puffer gegenüber schädigenden           Erfahrungen wurden Vorbereitungen getroffen für
Umwelteinflüssen darstellen. So wurden auch              ein Projekt zur Digitalisierung von Zeitungen, das
mehr als tausend Glas- und Filmnegative aus dem          im kommenden Jahr umgesetzt wird.

                                            Archivmagazin 2020/3                                                   23
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