BLÄSIG GIZLER GRÜNE - Verlag Die Werkstatt

 
BLÄSIG GIZLER GRÜNE - Verlag Die Werkstatt
BLÄSIG • GIZLER • GRÜNE
BLÄSIG GIZLER GRÜNE - Verlag Die Werkstatt
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Siekerwall 21, 33602 Bielefeld
www.werkstatt-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten.
Satz und Gestaltung: Die Werkstatt Medienproduktion GmbH, Göttingen
Druck und Bindung: Grafisches Centrum Cuno, Calbe

ISBN 978-3-7307-0521-6
BLÄSIG GIZLER GRÜNE - Verlag Die Werkstatt
BLÄSIG • GIZLER • GRÜNE

       125 JAHRE
EINTRACHT BRAUNSCHWEIG
BLÄSIG GIZLER GRÜNE - Verlag Die Werkstatt
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inha�T

            Grußworte

                                       INHALT
                 12

  1895-1918
          Konrad Koch
                 18
  Die Gründung der Eintracht                        1910                           Bezahlter Fußball
                                        Illustre Gäste zu Weihnachten 32                     54
                 20
                                                     1911                                 1922
              1896                        Tottenham Hotspur als erste               Stadionbau an der
          Es geht los ! 22                Profi mannschaft zu Gast 33              Hamburger Straße 54

              1897                                  1912                                  1923
    Erstmals Gäste aus Berlin 23         Niederlage im Endspiel gegen           Stadioneinweihung mitten
                                           den Deutschen Meister 35                 in der Infl ation 55
              1898
 Eintracht in Berlin und Hamburg 23                 1913                                  1924
                                         Der zweite norddeutsche Titel,           Endlich wieder in der
              1899                        Einladung nach Nürnberg 36            „Norddeutschen“ dabei 57
Überwiegend lokale Begegnungen 24
                                                    1914                                  1925
              1900                     Der Erste Weltkrieg unterbricht den   Die Tribüne bekommt ein Dach 58
     DFB-Gründung und erstes             überregionalen Spielbetrieb 37
      Niedersachsenderby 25                                                               1926
                                            Nicht von Anfang an              Erster Trainer bei der Eintracht 59
              1901                            in Blau und Gelb
         Höchster Sieg und                             38                                 1927
       höchste Niederlage 25                                                       Enttäuschte Hoff nung

              1902                                  1915                              in Hannover 59
                                             Gegner nur noch aus
        Geglückte Revanche              Braunschweig und Hannover 40                      1928
         gegen Leipzig 25                                                           Krise allerorten 62

              1903                                  1916                                  1929
                                       Zunehmend militärische Gegner 41
   Schwierig: Zwei Mannschaften                                                Streik im Fußball-Norden 62
         ganz in Weiß 26
                                                    1917                                  1930
                                              Um die Norddeutsche
              1904                           Kriegsmeisterschaft 42                Das Jahr der Krise 63
         Erstes Punktspiel,
                                                                                Legende Albert Sukop
   erstes internationales Spiel 26
                                                    1918                                     63
                                       Friedhofsruhe auf den Sportplätzen
              1905                       und eine bittere Kriegsbilanz 43
       Einweihung des ersten                                                              1931
     Eintracht-Sportplatzes 27                                                    Gegen Union 03 Altona

                                        1918-1933
                                                                                     kam das Aus 64
              1906
    Norddeutscher Vizemeister,                                                            1932
    Blau-Gelb als Vereinsfarben                                                 Abbruch nach Unwetter 65
          eingetragen 28                Fußball bricht alle Rekorde
                                                                                          1933
              1907                                     46
                                                                                    Eintracht begrüßt
                                                                                    die „neue Zeit“ 66
  Wie üblich gegen 96 gewonnen
  und gegen „Vicky“ verloren 28                     1919
                                            Schwieriger Neustart bei             Die Spielstätten der
              1908                             der Eintracht 49
                                                                               Eintracht-Mannschaften
 Erstmals ein Fürst beim Fußball und
  endlich Norddeutscher Meister 30                  1920                                     67
                                            Das Jahr der Wende 50
                                                                                     Die Eintracht
              1909                                  1921                            und ihr Wappen
   Ab jetzt regelmäßige Fahrten                                                              70
                                           Stadionplanungen nehmen
          zu Pfi ngsten 31
                                                Konturen an 52

                                                                                                                    7
BLÄSIG GIZLER GRÜNE - Verlag Die Werkstatt
125 JAHRE BTSV

      1933-1945                              1945-1963                                1963-1973
        Eintracht in der NS-Zeit                       1945/46                                 1963/64
                     74                      Verbot und Gründung des TSV 96                Der stabile Beginn 118

                   1933                                1946/47                                 1964/65
    Erfolge der Leichtathleten überstrah-   Qualifikation zur neuen Oberliga 98               Ulsaß kommt! 119
    len das Abschneiden der Fußballer 76
                                                        1947/48                                 1965/66
                  1934                        Dritter im ersten Oberligajahr 99            Erstmals Spitzenreiter
        Bekannter Trainer, bekannte                                                         der Bundesliga 120
       Spieler, neues Vereinsheim 76                   1948/49                          Legende Walter Schmidt
                                                   Der Fall Frühaber 100
                  1935                                                                               121
    20.000 Zuschauer beim Spiel von 96                 1949/50
     gegen Schalke in Braunschweig 77         Der Vertragsspieler kommt 100                     1966/67
                                                                                         Deutscher Meister BTSV 122
                  1936                                  1950/51
              Gegen den HSV                   Elf-Tore-Spektakel beim HSV 101                   1967/68
           besonders motiviert 78                                                            „Entfesselte Furien
                                                        1951/52                            aus Braunschweig“ 129
                   1937                     Strafversetzung in die zweite Liga 102
                                                                                         Legende Lothar Ulsaß
      Dienstbeginn für Trainer Knöpfle,
      großer Kampf gegen Schalke 79                    1952/53                                       129
                                                  Triumphale Rückkehr 103
                  1938                                                                         1968/69
           Wieder einmal keimen                        1953/54                          Noch einmal Titelträume 131
        Meisterschaftshoffnungen 81          Comeback mehr als geglückt! 104
                                                                                          Legende Jürgen Moll
                  1939                                 1954/55                                       132
             Kriegsbeginn und                     Einbruch im Februar 104
           Stadtmeisterschaft 81                                                               1969/70
                                                       1955/56                            Der Umbruch beginnt 133
                  1940                           Rückfall ins Mittelmaß 105
      Eintracht-Stadion wird erweitert,                                                        1970/71:
     Pokale werden eingeschmolzen 82                    1956/57                         Endlich wieder heimstark 134
                                               Einbruch in der Rückserie 106
                   1941                                                                         1971/72
     Große Leichtathletik-Veranstaltung                 1957/58                      Zwischen UEFA-Cup und Skandal 135
               im Stadion 83                      Endlich in der Endrunde
                                                  um die „Deutsche“ 106               Eintracht und Trikotwerbung
                  1942                                                                               137
          Staffelmeister, aber nicht                   1958/59
          Niedersachsenmeister 83             Finale um den Flutlichtpokal 107                  1972/73
                                                                                          Unfassbarer Abstieg 140
                  1943                          Legende Werner Thamm
                                                                                         Der Bundesligaskandal
            Endlich Gaumeister,                              107
        aber Dresden ist zu stark 84                                                                 142
                                                       1959/60
                  1944                         Sturmschwache Eintracht 108
      Das alte Braunschweig stirbt im
    Bombenhagel, kaum noch Spiele 85                    1960/61
                                                   Minuskulissen und ein
                                                                                      1973-1986
                  1945                              Spendenkonto 109
      Letzte Spiele und Kriegsende 85                                                           1973/74
               Die Zeit des
                                                        1961/62                       Die Saison der Schützenfeste 146
                                                Junge Mannschaft überzeugt
           Nationalsozialismus                     Fans und Experten 110                        1974/75
                     86                                                               Trainergenie und Topzugänge 148
                                                       1962/63
        Ein deutsches Schicksal              Bundesliga – Eintracht ist dabei 111               1975/76
                     93                                                                 Liebe auf den ersten Blick 149
                                                Legende Winfried Herz
                                                             112                                1976/77
                                                                                      Dicht am zweiten Titelgewinn 152

8
BLÄSIG GIZLER GRÜNE - Verlag Die Werkstatt
inha�T

           1977/78                      Legende Bernd Buchheister:                       2012/13
     Der Flop mit Breitner 154                         181                          Freistoßheld Vrancic 217

           1978/79                               1993/94                        Die Eintracht und ihre Fans
    Elfmeter aus dem Stand 158             Die schwerere Gruppe 182                           220

           1979/80                               1994/95                                 2013/14
  Das „Altersheim“ steigt ab 158             Die neue Südkurve 183            Abstieg als Niedersachsenmeister 222

           1980/81                               1995/96                                 2014/15
     Auf Ronnie ist Verlass 159         Möhlmann entfacht Euphorie 183            Kessels Last-Minute-Tore 226

           1981/82                                1996/97                              Wintertransfers
Freudenhaus Hamburger Straße 161           Hannover steht im Weg 184                          228

           1982/83                                1997/98                                2015/16
     Immer wieder Patzig 163               82 Punkte reichen nicht 186            „Pfitzes“ Fallrückzieher 230

     Legende Heinz Patzig                        1998/99                                 2016/17
                163                          Das Aus für „Lorko“ 187                Debakel in Bielefeld 230

      „Tod dem Verräter“                       1999/2000                                 2017/18
                164                         Der erste Brasilianer 189                  Tränen in Kiel 234

           1983/84                               2000/01                                 2018/19
     Der radikale Sparkurs 165           Völlig aus der Spur geraten 190        Rettung am letzten Spieltag 236

           1984/85                               2001/02                                 2019/20
     Abstieg für 28 Jahre 166               Der Tag der Befreiung 191            Aufstieg in Corona-Zeiten 238

           1985/86                               2002/03                           Legende im Interview:
    Abschied vom „Adler“ 166               Vergeblicher Endspurt 193                  Dennis Kruppke
                                                                                             244
  Zwei Städte, zwei Vereine                      2003/04
                168                      Die Krux mit den Reserven 194           Legenden Domi Kumbela
                                                                                    und Marc Pfitzner
 Legenden Danilo Popivoda,                       2004/05                                      248
Bernd Franke, Franz Merkhoffer         Aufstiegsparty nach Zitterpartie 195
                170                                                               Das Niedersachsenderby
                                                 2005/06                                      250
                                       Auf Reserve zum Klassenerhalt 198

 1987-2008                                       2006/07
                                         Fünf Trainer für vier Siege 199
                                                                                 ANHANG
           1986/87                               2007/08
                                         Last-Minute-Qualifi kation 200             Spiele und Tabellen
  Abstieg in die Oberliga Nord 174
                                                  DFB-Pokal                                   263
           1987/88                                    204
        Die Stunde null 175                                                                 Trainer
                                                                                              284
           1988/89
         Es geht voran 177

          1989/90
                                       2008-2020                                        Vorsitzende
                                                                                      und Präsidenten
                                                                                              285
 Der Rückschlag gegen Hertha 177
                                                 2008/09                              Alle Abteilungen
           1990/91                          Die Rückbenennung 212
                                                                                              286
        Charmantes, aber
      glückloses Wagnis 178                      2009/10                                   Autoren
                                              Showdown in Aue 213
                                                                                              299
           1991/92                                2010/11
      Permanente Unruhe 179
                                         Bellarabis Aufstiegstreffer 214
           1992/93                                2011/12
Hierarchie auf den Kopf gestellt 180
                                               Starker Auftakt 216

                                                                                                                     9
BLÄSIG GIZLER GRÜNE - Verlag Die Werkstatt
125 JAHRE BTSV

             DIE GRÜNDUNG                                                  Clubs Victoria übertrat. Der Pflege des Spiels
                                                                           wird diese Scheidung nicht schaden.“
                                                                               Als Grund für die „Scheidung“ gaben Zeitge-
             DER EINTRACHT                                                 nossen an, dass die jungen Kaufleute unter den
                                                                           Victorianern nicht länger bereit gewesen seien,

      AM 15. DEZEMBER 1895
                                                                           den weniger betuchten Schülern unter ihren Mit-
                                                                           spielern finanziell unter die Arme zu greifen. Das
                                                                           Sportblatt „Spiel und Sport“ nannte in seiner Aus-
                                                                           gabe vom 4. Januar 1896 den ersten Vorstand des
                     „Es war der 15. Dezember 1895, als junge Schüler      „durch Entzweihung“ mit dem F.-u.C.-C. Viktoria
                     und Lehrlinge sich in der elterlichen Wohnung         hervorgegangenen F.-u.C.-C. Eintracht: Erster
                     des späteren Doktors Karl Schaper trafen, um          Vorsitzender war demnach Felix Bösenberg, sein
                     den Fußball- und Cricket-Club Eintracht Braun-        Stellvertreter Heinrich Erhard. 1. „Cassierer“
                     schweig zu gründen.“ Mit diesen oder ähnlichen        wurde Wilhelm Hausdörffer, 1. Schriftführer
                     Worten wird in vielen Quellen die Vereinsgrün-        Walter Glaser (Wolfenbütteler Straße 40), 1. „Capi-
                     dung beschrieben.                                     tain“ Fritz Lehmann, 2. „Capitain“ Karl Schaper
                         Als Gründungsort wurde bisher entweder die        und 1. Zeugwart Albert Koch. Die beiden Kapitäne
                     Ecke Leonhardstraße/Adolfstraße oder die Celler       deuten darauf hin, dass Eintracht von Anfang an
                     Straße genannt. Richtig aber ist Ecke Leonhard-       mit zwei Mannschaften antreten konnte.
                     straße/Bertramstraße, denn im Haus Leonhard-              Einige Vorstandspositionen wechselten
                     straße 11 hat 1895 nachweislich der Finanzrevisor     zu Beginn in rascher Folge. So wird schon am
                     Carl Schaper mit seiner Familie gewohnt. Der          22. Februar 1896 darüber berichtet, dass nun-
                     Umzug in die Celler Straße 22 erfolgte erst im        mehr Franz Klippel (Leonhardstraße 17) das Amt
                     Jahr 1898. Das Haus Leonhardstraße 11 ist also        des Schriftführers ausübe. Nach der General-
                     der Geburtsort der Braunschweiger Eintracht.          versammlung vom 22. März 1896 gab es dann
                         Über die Vorgeschichte des FuCC Eintracht         auch den ersten Wechsel im Vorsitz: E. Hoppe
                     war 1m 25. Januar 1896 in der Zeitung „Der Fuß-       löste Bösenberg ab. Kassierer war jetzt Heinrich
                     ball“ zu lesen: „Bei der großen Beliebtheit, deren    Erhard und 2. Kapitän W. Lemmer.
                     sich hier das Fußball-Spiel erfreut, war es zu ver-       Beim 1. Kapitän Fritz Lehmann handelt es
                     wundern, dass sich nicht schon lange eine Ver-        sich um einen mit seinen Eltern aus Berlin
                     einigung zur Pflege dieses Spiels gegründet           nach Braunschweig verzogenen Schüler, der als
                     hatte. Das geschah im vergangenen Herbst mit          eigentlicher Gründer der ersten beiden Braun-
                     der Konstituierung des Fußball-Clubs Victoria.        schweiger Fußballklubs gelten kann. Er hatte
                     Leider stellte sich bald heraus, dass die in dem-     in Berlin, wo bereits 1885 ein Fußballklub ent-
                     selben befindlichen Elemente nicht in jeder           standen war, bereits einem Verein angehört.
                     Beziehung zueinander passten. Es trat deshalb die     Mit etwa 30 Sportkameraden, die eifrig auf dem
                     notwendige Scheidung ein, und am 15. Dezember         Leonhardplatz dem Ball nachliefen, gehörte Leh-
     (l) Der Eingang
                     bildete sich ein neuer zweiter Club, der Fußball-     mann zu den Gründungsmitgliedern sowohl im
        zum Haus an und Cricket-Club Eintracht, in welchen, mit einer      September zunächst der Victoria als auch im
       der Leonhard- Ausnahme, die ganze erste Spiel-Mannschaft des        Dezember der Eintracht. Sein großer Vorteil, so
  straße/Bertram-
     straße, wo der
   FuCC Eintracht
 gegründet wurde.

    (r) Meldebestä-
  tigung – mit den
   Umzugsdaten –
   der Familie Carl
        Schaper. Im
    Dezember 1895
   wohnte Schaper
 noch in der Leon-
      hardstraße 11.

20
BLÄSIG GIZLER GRÜNE - Verlag Die Werkstatt
Die Gründung der Eintracht aM 15. Dezember 1895

schilderte es Jahre später Eintrachts langjäh-
riger Vorsitzender Johannes Runge: Er besaß
„einen richtigen, runden Fußball.“
    Einen erneuten Wechsel im Vorsitz gab es nach
der Generalversammlung vom 13. Oktober 1896.
Kurt („Siebel“) Siebrecht ersetzte Hoppe, 2. Vor-                                                       Mit Karl Stansch
sitzender wurde Albert Lehmann, als Schriftführer                                                       (rechts) und Franz
taucht erstmals in einem Vorstandsamt Johannes                                                          Klippel (links)
Runge (Körnerstr. 13) auf, der den Verein später                                                        zog ab 1898 Kon-
                                                                                                        tinuität in die
nachhaltig prägen sollte. Die weiteren Ämter:
                                                                                                        Vorstandsarbeit
Kassierer Heinrich Erhard, Zeugwart Wilhelm                                                             bei Eintracht ein.
Winecke, 1. Kapitän Karl Schaper, 2. Kapitän Willi
Lemmer. Wenig später wurde für Albert Lehmann        Runge, Walter Glaser, Adolf Fricke, Kurt Hage-
Adolf Fricke gewählt, und Adolf Burmester über-      mann sowie Karl Stansch. In der Überlieferung
nahm das neue Amt des 2. Kassierers.                 heißt es übrigens, die häufigen Vorsitzwechsel
    Auch die Versammlung am 21. Februar 1897         der ersten Jahre schlicht übergehend, „diese
sorgte wieder für einen neuen Vorsitzenden. Nun      begeisterte Sportjugend“ habe sich „Karl Stansch
führte Adolf Fricke den Verein, und Karl Stansch,    zu ihrem ersten Vorsitzenden erkoren“, während
der ebenfalls wichtig für die frühe Entwicklung      Siebrecht in dieser ersten Zeit überwiegend „das
der Eintracht sein sollte, wurde Stellvertreter.     schwere Amt des Kassierers“ übernommen habe.
Erich Wilke erhielt den neuen Posten des 2. Zeug-    Das ist zwar, wie aufgeführt, nicht ganz richtig,
warts. Doch auch Fricke blieb nicht lange im Amt,    dennoch gehörte Siebrecht neben Stansch und
ihn ersetzte rasch und nur für kurze Zeit Grothe.    Runge zu jenen Mitgliedern, die der Eintracht
    Erst mit der Wahl von Karl Stansch zum Vorsit-   in den Anfangsjahren besonders viel zu geben
zenden im Jahr 1898 kam Kontinuität in den Ver-      bereit waren.
einsvorsitz. Zu „seinem“ Vorstand gehörten Willy         Über die hier bereits genannten Personen
Lemmer (Schriftführer, Monumentplatz 8), Kurt        hinaus zählt die Chronik für das Jahr 1900 noch
Hagemann (Kassierer), Adolf Aronheim (Geräte-        folgende Mitglieder auf: Behme, Hoppe, Löhr,
wart, der vielen nachfolgenden Vorständen in den     Rogge, Vogler, Huxhagen, Mackensen, Ruess,
verschiedensten Funktionen angehörte), Ernst         Walther, Eimbeck, Jürgens, Matthies, Wasmus,
Weber (Zeugwart), Friedrich Siebrecht (Obmann        Fels, Klapproth, Meyerding, Weber I und II,
der Kapitäne). Nach einem kurzen Intermezzo          Fuhse, Mühlenbrink, Schwannecke, Ohms, Sieb-
von K. Witte (1902) löste diesen ein Jahr später     recht I und II, Wege, Gruppe, Kölsch, Pult, Wein-
Johannes Runge ab, der den Verein in dieser          hardt, Quant, Wiedenbeck, Herrmann, Rinkel,
Funktion bis 1914 mit großem Erfolg führte.          Steinhage, Wulfin, Hertel, Lemmer I bis III und
    Als Gründerväter der Eintracht werden in der     Timme. Nimmt man noch die etwas später hin-
Chronik neben Fritz Lehmann und Karl Schaper         zugekommenen Buckendahl, Dettmar, Kothe,
noch genannt: Willi Dörfler, Franz Klippel, Willi    Lüders und Ramm hinzu, dürften wir damit
Lemmer, Hans Lemmer, Kurt Wilke, Willi Drohn,        zugleich die wichtigsten Vereinsmitglieder der (l) Eintracht-
Albert Koch, Otto Matthies, Alfred Ehlers, Hans      Anfangsjahre erfasst haben.                       Funktionäre der
                                                                                                        ersten Stunden:
                                                                                                        Von links: Fried-
                                                                                                        rich Weber, Karl
                                                                                                        Schaper, Ernst
                                                                                                        Weber, Adolf
                                                                                                        Aronheim.

                                                                                                        (r) Johannes
                                                                                                        Runge (Mitte) war
                                                                                                        ein erfolgreicher
                                                                                                        Leichtathlet und
                                                                                                        weichenstellender
                                                                                                        Funktionär für
                                                                                                        die roten Löwen.

                                                                                                                            21
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125 JAHRE BTSV

                         Mannschaften aufstellen durfte. Dadurch kamen        emsig gearbeitet, um ein wettbewerbsfähiges
                         fast alle auswärtigen Spiele zum Erliegen. Um        Team zusammenzustellen. Zu erfahrenen Kräften
                         beispielsweise in Hannover spielen zu können,        aus der Vorkriegsmannschaft (Theiß, Richard
                         waren drei Tage erforderlich, da sonntags keine      Queck, Rudi Queck, Buckendahl, Helmke, Zeidler,
                         Züge verkehrten. Ähnlich langsam lief auch der       Friemel, Fuhse, Heinrich und Immenroth) waren
                         Wiederaufbau der Sportverwaltung an.“                Nachwuchskräfte wie Graßhof, Gelbke, Steding,
                                                                              Weinhausen u. a. gestoßen, die ein spielstarkes

                                        1920
                                                                              Kollektiv bildeten. Mit nur einem Verlustpunkt
                                                                              in zehn Spielen hatte sich die Eintracht sou-
                                  Das Jahr der Wende                          verän die Meisterschaft im Bezirk Braunschweig
                                                                              zurückerobert. Damit verbunden war die immens
                         Sportlich gab es die eingangs erwähnten Start-       wichtige Qualifikation zur für 1920/21 geplanten
                         schwierigkeiten. Nachdem man am 30. April 1919
                         auf eigenem Platz mit 0:1 gegen den VfB 04 Braun-
                         schweig verloren hatte, hieß der Braunschweiger
                         Stadtmeister erstmals seit 1906 nicht Eintracht.
                         Plötzlich war der nach Kriegsende durch den
                         Zusammenschluss von FC Sportfreunde (früher
                         FC Einigkeit) und SV 07 entstandene VfB 04
                         die Nummer eins der Stadt. Die Rot-Weißen
                         waren im sogenannten Nachtjackenviertel um
                         das Hohetor im Westen der Stadt zu Hause und
      (r) Das neue       sollten sich in den 1920er Jahren zu einem der
     Emblem des
                         schärfsten Rivalen der Eintracht aufschwingen.
  Braunschweiger
 Sportvereins Ein-       Ihr Stadion am Madamenweg wies sogar eine
  tracht von 1895.       überdachte Sitzplatztribüne auf, die viele lokale
                         und spendable Honoratioren anlockte.
      (u) Am 9. März         In der Spielzeit 1919/20 kehrte Eintracht dann
     1919 feierte Ein-
                         aber nicht zuletzt dank des eingangs erwähnten
         tracht einen
        2:0-Sieg über    9:0 über den Herausforderer aus der Weststadt
      Germania Wol-      zurück auf den Thron des Braunschweiger Fuß-
            fenbüttel.   ballmeisters. In der Zwischenzeit hatte man

50
1918-1933 z�iSchen STaDi�nBau, in��aTi�n unD heiSSen ���a��äMp�en

                                                                                                     Zum 25. Jubiläum
                                                                                                     der Eintracht kam
                                                                                                     am 12. Dezember
                                                                                                     1920 der Berliner
                                                                                                     Spitzenklub BFC
                                                                                                     Preussen. Die
                                                                                                     Partie endete 2:2.

großräumigen Südkreisliga sowie die Teilnahme     schweiger Sportverein Eintracht“ auf. Eintracht
an der Norddeutschen Meisterschaft 1920, wo       war, wie geschildert, ja von ihrer Gründung an
Borussia Harburg nach einer 2:4-Verlängerungs-    mehr als nur ein Fußballverein gewesen und
niederlage Endstation war. Damit war zugleich     hatte sich insbesondere in der Leichtathletik
der Traum von der Teilnahme an der Endrunde       einen außen guten Namen erworben, der nun
um die Deutsche Meisterschaft, für die sich die   auch nach sichtbar werden sollte. Geturnt wurde
Blau-Gelben bis 1913 regelmäßig qualifiziert      unter den blaugelben Farben indes noch nicht.
hatten, geplatzt. Auch das war im Übrigen ein     Erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstand der
Zeichen des umfassenden Wandels im Fußball        BTSV Eintracht.
des Deutschen Reiches der frühen 1920er Jahre:        Für den Fußball war das Jahr 1920 auf seinem
Aus einer Handvoll Spitzenklubs vor allem in      Weg zum schichtenübergreifenden Volkssport
den größeren Städten war eine Flut von spiel-     ein weichenstellendes. Nachdem sich die poli-
starken Mannschaften geworden, die große          tische Lage langsam beruhigt und der Alltag
Erfolge feiern konnten.                           der Menschen sich normalisiert hatte, rückte
    Seit dem 20. Februar 1920 liefen die Blau-    Fußball für viele Zeitgenossen immer stärker in
Gelben im Übrigen unter dem Namen „Braun-         den Lebensmittelpunkt. Grundlage dafür war
                                                  die Einführung des Acht-Stunden-Arbeitstages,
                                                  der erstmals auch Fabrikarbeitern die Zeit zum
                                                  Fußballspielen und Trainieren gab. Zuvor hatte
                                                  die tägliche Arbeitszeit zehn Stunden betragen.
                                                  Dieses Zugeständnis an das Proletariat geschah
                                                  nicht zuletzt vor dem Hintergrund eines sei-
                                                  tens der SPD-Regierung befürchteten Über-
                                                  schwappens der russischen Oktoberrevolution
                                                  nach Deutschland. Dazu kamen der arbeits-
                                                  freie Sonntag sowie insgesamt eine wachsende
                                                  Bedeutung des Wochenendes für die Freizeit-
                                                  gestaltung in den swingenden „Goldenen Zwan-
                                                  zigern“, die auch den Fußball erreichten. Viele
                                                  heimkehrende Soldaten verfügten zudem über
                                                  Zeit im Überfluss, denn die ersten Nachkriegs-
                                                  jahre waren von hoher Arbeitslosigkeit geprägt.
                                                  Der Fußballkeim, gelegt im Krieg, konnte also
                                                  prächtig und insbesondere nachhaltig gedeihen.
                                                      Das alles geschah vor einem nie erlebten
                                                  Umbruch. Nach den tiefgreifenden gesellschaft-

                                                                                                                     51
125 JAHRE BTSV

                           1933-1945
            DER ROTE LÖWE UNTERM HAKENKREUZ

                                      1933
                                                                                Nachdem der Parteigenosse und Kaufmann
                                                                             Benno Kuhlmann einer nationalsozialistischen
                         Erfolge der Leichtathleten                          Vorgabe folgend zum Vereinsführer gewählt
                       überstrahlen das Abschneiden                          worden war (sein Stellvertreter blieb Hans
                               der Fußballer                                 Zander), startete Eintracht mit einem 4:1 über
                                                                             Göttingen 05 in die neu gegründete Gauliga. Die
                      Das Jahr 1932 hatte Eintracht mit einem Umsatz von     Hinrunde wurde auf Platz zwei hinter dem alten
                      250.000 Mark (davon 16.000 Mark aus Beiträgen)         Rivalen Arminia Hannover beendet.
                      abgeschlossen. Zwar hatte sich der Verein von seiner

                                                                                            1934
                      schweren Krise von 1929 damit etwas erholt, doch
                      hatte der Verein weiter unter, wie es hieß, „überaus
                      ungünstigen Wirtschaftsverhältnissen“ zu leiden.          Bekannter Trainer, bekannte
                      Weil zudem die Spielstärke der ersten Elf stark           Spieler, neues Vereinsheim
                      gesunken war, gingen die Zuschauereinnahmen
                      spürbar zurück. Das mäßige Abschneiden der Fuß-        Umso enttäuschender dann der Verlauf der
                      baller wurde von großen Erfolgen anderer Abtei-        Rückserie, in der das Team auf Rang vier zurück-
                      lungen überstrahlt. Die Leichtathleten belegten        fiel. Den Quellen zufolge mangelte es „an Kame-
                      Platz zwei bei den Norddeutschen Vereinsmeis-          radschaft und Begeisterungsfähigkeit“. „Gegen
                      terschaften, die Faustballer wurden Kreismeister,      solche Mängel“, befand der Chronist, „stand
                      und auch die Abteilungen Wintersport, Tennis,          auch der neuverpflichtete Sportlehrer Fabra auf
                      Faltboot, Handball und Hockey machten mit              verlorenem Posten“. Angesprochener Ferdinand
                      Erfolgen auf sich aufmerksam.                          Fabra (1906–2007), später Assistent von Reichs-

   Erweiterung des
Eintracht-Stadions
an der Hamburger
   Straße. Das Ver-
 einsheim entsteht

76
1933-1945 Der r�Te �Ö�e unTerM ha�en�reuz

trainer Otto Nerz, war 1933 von Holstein Kiel zur
Eintracht gewechselt. Im Gegensatz zu seinem
Nachfolger Georg („Schorsch“) Knöpfle sollten
sich seine Erfolge in Braunschweig in Grenzen
halten.
    Zur Saison 1934/35 kamen die Münchner
Spieler Lachner, Breindl, Haymann und Harnisch-
macher an die Oker. Weil die Eintracht dabei gegen
die Amateurbestimmungen verstoßen haben soll,
gelang es erst nach einem quälend langen sport-
politischen Gerangel, die Spielberechtigungen
zu erlangen. Derart verstärkt, konnte die Gau-
ligamannschaft zwar einige beachtliche Siege
erringen, bereitete ihren Anhängern zum Jahres-

                                                                     1935
ende dann aber erneut eine Enttäuschung. Am                                                                Zwei Garanten
30. Dezember unterlag sie vor 12.000 Zuschauern,                                                           der 1930er Jahre:
darunter etwa 2.000 Braunschweiger, Spitzen-           20.000 Zuschauer beim Spiel                         „Pipin“ Lachner
                                                                                                           (links) und
reiter Hannover 96 mit 2:3.                              von 96 gegen Schalke in                           Albert Sukop.
    Große Freude bereitete die Eröffnung des                  Braunschweig
neuen Vereinsheims im Stadion am 21. Juli 1934.
Seit vielen Jahren hatten sich die Eintracht-        In der Rückrunde 1934/35 rutschte die Mann-
Mitglieder einen Treffpunkt zur Pflege des Ver-      schaft erneut ins Mittelmaß ab und hatte am Sai-
einslebens im Stadion gewünscht. Nachdem im          sonende sieben Punkte Rückstand auf den neuen
Vorjahr der Mitgliederbestand nach Streichung        Gaumeister Hannover 96. Besser lief es 1935 im
von 80 Personen – angeblich wegen säumiger           erstmals ausgespielten Vereinspokal, damals
Beitragszahlungen, möglicherweise aber auch,         nach NS-Reichssportführer „Von-Tschammer-und-
weil sie nicht mehr in den der NS-Ideologie ver-     Osten-Pokal“ genannt. Durch Siege über Reichs-
pflichteten Verein passten – erneut auf unter        bahn Berlin (6:3) sowie den Gau-Mitte-Meister 1. SV
1.000 gerutscht war, stieg er nun wieder an auf      Jena (7:0) kamen die Blau-Gelben unter die letzten
etwa 1.100.                                          16 Mannschaften. Dort kam beim SC Minerva 93
                                                     Berlin im Poststadion Berlin mit 2:4 das Aus.
                                                         Obwohl die Löwen zur Saison 1935/36 mit
                                                     „Pipin“ Lachner, Widmayer und Sacha heraus-

                                                                                                           Das Eintracht-
                                                                                                           Stadion im
                                                                                                           Jahr 1935

                                                                                                                            77
125 JAHRE BTSV

                                                                             1957/58
               1. Juni 1956 auslaufenden Vertrag nicht verlän-
               gern zu wollen. Conen hatte in Braunschweig das
               Ende seiner Möglichkeiten erkannt. An der Ham-             Endlich in der Endrunde
               burger Straße stand ein Neuanfang an.                        um die „Deutsche“

                         1956/57
                                                                    Trotz der enttäuschenden Rückserie baute
                                                                    Trainer Baluses 1957/58 auf sein eingespieltes
                       Einbruch in der Rückserie                    Team. Mit Ernst-Otto „Ötti“ Meyer begrüßte er
                                                                    einen zusätzlichen Stürmer vom VfR Mannheim,
               Leiten sollte diesen Kurt Baluses, ein knorriger     zu dem sich der Ex-Kölner Goffard gesellte.
               Ostpreuße, der in den frühen 1950er Jahren beim      Zum dritten Mal in Folge startete die Eintracht
               Itzehoer SV wahre Wunderdinge vollbracht und         mit einer Niederlage in die Saison. Das 2:4 bei
               ab 1954 beim 1. FC Köln als Co-Trainer unter         Concordia Hamburg ließ Skeptiker sogleich
               Vertrag gestanden hatte. Baluses brachte mit         von „Abstiegskampf“ schwadronieren. Doch die
               Josef Deutsch und Torhüter Hennes Jäcker             Baluses-Elf fing sich. Als sie vier Wochen später
               zwei Akteure aus dem Rheinland mit, von denen        erstmals auf eigenem Platz auflief – die Installa-
               Jäcker später zur Eintracht-Legende aufsteigen       tion einer Fluchtlichtanlage an der Hamburger
               sollte. Horst Gorges (Leu) und das hochgelobte       Straße hatte den Blau-Gelben einen Saisonauf-
               Torjägertalent Bruske aus den eigenen Ama-           takt mit drei Auswärtsspielen in Folge beschert –
               teuren ergänzten den Kader, aus dem mit Senft-       ruhten bereits drei Punkte auf ihrem Konto. Im
               leben und Oberländer zwei langjährige Leis-          Derby gegen Aufsteiger VfL Wolfsburg kamen
               tungsträger ausgeschieden waren.                     zwei weitere Zähler hinzu, die von 12.000 überwie-
                   Trotz Fehlstart (0:1 gegen Arminia Hannover)     gend den Blau-Gelben zugeneigten Zuschauern
               fand die Eintracht rasch zu ihrer Form. Nach dem     bejubelt wurden.
               3:0 über Bremerhaven 93, das sich bis dahin mit          Gegner bei der Einweihung der Flutlichtan-
               14:0 Punkten als unschlagbar souverän gezeigt        lage war übrigens Fortuna Düsseldorf gewesen.
               hatte, schwelgten die 25.000 Augenzeugen in          Am 18. September 1957 spendeten rund 20.000
               Begeisterung. Im Tor hatte sich Hennes Jäcker        Neugierige den Worten von Eintracht-Präsi-
               als die erhoffte Bank erwiesen. Güttgemanns diri-    dent Dr. Kurt Holpert „Die Nacht möge sich zum
               gierte die Abwehr, im Mittelfeld zog Eccarius sou-   Tage verwandeln“ Beifall und erfreuten sich an
               verän die Fäden, und im Sturm sorgten die alten      42 Scheinwerfern mit 190 Lux, die den Verein
               Haudegen Herz und Wozniakowski für Tore.             130.000 DM gekostet hatten. „Es sah prächtig
                   Nach dem 4:1-Rückrundenauftakt gegen Con-        aus, zu prächtig, fast zirkushaft“, kommentierte
               cordia Hamburg hatte Trainer Baluses gerade          der „Niedersachsensport“ nach dem 4:0-Sieg der
               erst gejubelt: „Wir wollen bei der Vergabe der       Eintracht.
               Meisterschaft ein Wörtchen mitreden“, als erneut         Als die Hinserie beendet wurde, rangierte
               ein Riss durch das Team ging. In den 14 verblie-     die Eintracht hinter dem HSV auf Platz zwei
               benen Spielen errang die Eintracht lediglich drei    und durfte sich vor allem beim prächtig mit-
               Siege, und was das Publikum davon hielt, zeigte      einander harmonierenden Sturmduo Thamm/
               sich beim Gastspiel des Heider SV, dem am            Meyer bedanken. Am 26. Dezember 1957 kam es
               10. Februar 1957 ganze 2.000 Unverdrossene bei-      zum „Spiel der Spiele“ gegen Spitzenreiter Ham-
               wohnten. Wieder war in der Rückrunde der Ein-        burger SV. Wegen einer Platzsperre für die Rot-
               bruch gekommen, wieder war die Eintracht von         hosen wurde die Begegnung im Bremer Weser-
               einer hoffnungsvollen Position auf Rang sieben       stadion ausgetragen, wo 15.000 Zuschauer in
               zurückgefallen.                                      der ersten Halbzeit aus dem Staunen nicht
                   Spektakulär das Pokalspiel am 26. Januar 1957    herauskamen. 4:0 führte die Eintracht zum
               an der Hamburger Straße gegen Werder Bremen.         Seitenwechsel und zog in der Blitztabelle am
               Vor 8.000 Fans geriet Eintracht auf tiefem und       HSV vorbei auf Position eins. Nach dem Seiten-
               schlammigem Boden mit 1:4 in Rückstand, drehte       wechsel kam es zu den wohl spektakulärsten 45
               die Partie aber mit dem Anschlusstreffer durch       Fußballminuten in der Geschichte der Oberliga
               Erwin Bruske zum 2:4 in der 51. Minute und ging      Nord. Keine 60 Sekunden waren gespielt, als
               nach Verlängerung als 6:4-Sieger vom Platz.          Uwe Seeler auf 1:4 verkürzte und einen fulmi-

106
1945-1963 TurBu�enTe Jahre in Der �Ber�iGa n�rD

nanten Sturmlauf seiner Elf einleitete. Binnen
27 Minuten war aus einem 0:4 ein 5:4 geworden,
und am Ende schlichen die Braunschweiger            LEGENDE
mit einer 4:6-Niederlage vom Platz und waren
in der Tabelle auf Rang vier abgerutscht. „Ich
spiele seit 20 Jahren Fußball, aber so etwas habe
                                                    WERNER THAMM
ich noch nicht erlebt“, staunte HSV-Verteidiger
Klepacz.                                            Er ist der Rekordschütze in der Eintracht-
    Doch die Baluses-Elf ließ sich nicht entmu-     Geschichte: Werner Thamm. Nicht Bernd
tigen. Mit einem 2:1 über Concordia Hamburg         Gersdorff, nicht Jürgen Moll, nicht Domi
sicherte sich Eintracht Braunschweig bereits vier   Kumbela ist also der Goalgetter aller Goal-
Spieltage vor dem Serienende den zweiten Platz      getter, sondern der 1926 in Kleinkorbetha bei
und damit erstmals seit 1944 wieder die Teil-       Weißenfels in Sachsen-Anhalt geborene Ober-
nahme an der Endrunde um die Deutsche Meis-         ligaspieler. 116 Tore in 295 Spielen sollen ihm
terschaft. Erfolgsgaranten waren neben Torhüter     den Annalen zufolge gelungen sein. Wobei das
Jäcker vor allem Werner Thamm und „Ötti“            im Vor-Internetzeitalter immer ein bisschen
Meyer, die mit 23 bzw. 22 Toren das Gros der 72     schwammig ist. Ein begnadeter Torjäger war
Saisontreffer der Eintracht erzielt hatten.         er allemal, der Mann mit der hohen Stirn, der
    Die so sehnsüchtig erwartete Teilnahme an       den Eintracht-Scouts 1948/49 beim damaligen
der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft          Amateuroberligisten TSV Goslar erstmals auf-
wurde jedoch zum Trauerspiel. Wegen der WM          gefallen war. 1950 kam er nach Braunschweig,
in Schweden gab es nur eine verkürzte Runde         debütierte am 22. August 1950 gegen Bremer-
mit lediglich drei Spielen pro Team, die allesamt   haven 93 und machte gleich in seiner ersten
auf neutralen Plätzen stattfanden. Zum Auftakt      Saison im blau-gelben Dress in 27 Spielen 16
traf die Eintracht im Frankfurter Waldstadion       Tore. Sprunggewaltig, kopfballstark, instinkt-
auf Schalke 04. Nachdem „Ötti“ Meyer die Nie-       sicher – Thamm war ein Klassiker im Sturm-
dersachsen bereits nach 14 Minuten in Führung       zentrum. Seinen Zenit erreichte der gelernte
gebracht hatte, ließen die blau-gelben Angreifer    Klempner 1957/58, als er mit 23 Treffern vor
eine Vielzahl hochkarätiger Chancen verstrei-       dem legendären Uwe Seeler (22) Torschützen-
chen. Das rächte sich nach dem Seitenwechsel,       könig der Oberliga Nord wurde. Damit trug er
als Schalke aufdrehte und die Braunschweiger        entscheidend zur Qualifikation für die End-
Endspielträume mit einem 1:4 vorzeitig zerstörte.   runde um die Deutsche Meisterschaft 1958 bei.
Es folgte ein 1:2 gegen den Karlsruher SC, ehe im   Bis 1961 war der Allrounder im Dauereinsatz,
Abschlussspiel vor lediglich 1.500 Zuschauern       ehe er seinen Platz im Eintracht-Sturm für
in Oberhausen mit einem 8:3 gegen Tennis            Jürgen Moll räumte.
Borussia Berlin zumindest die Rehabilitierung
gelang.

        1958/59
  Finale um den Flutlichtpokal
Die Hoffnung, sich nach dem Vorjahrserfolg
nun endlich in der norddeutschen Spitze eta-
bliert zu haben, war groß. Zwar ging Thamms
Sturmpartner „Ötti“ Meyer nach nur einem Jahr
zurück nach Mannheim, mit Jürgen Moll rückte
jedoch ein beim SC Leu 06 groß gewordenes
Ausnahmetalent auf. Moll sollte dem Braun-
schweiger „Altherrensturm“ um Justus Eccarius
(34 Jahre), Werner Thamm (33) und Winfried
Herz (30) frisches Blut einflößen. Unter den

                                                                                                        107
125 JAHRE BTSV

               längert der heftig von Hannover 96 umworbene           mit Moral und Willenskraft gegen die drohende
               Ulsaß seinen Vertrag in Braunschweig um drei           Niederlage und entfachen, angeführt von einem
               weitere Jahre.                                         überragenden Jürgen Moll, Dauerdruck auf das
                   Elfter, Neunter, Zehnter: Hinter Eintracht         Gladbacher Tor. Zunächst trifft Ulsaß, der höher
               liegen – entgegen der üblichen Prognosen – drei        als sein Bewacher Berti Vogts springt, per Kopf
               stabile Spielzeiten in der Bundesliga.                 zum Ausgleich (84.). Der tausendfache Tor-
                                                                      schrei veranlasst zahlreiche Zuschauer, ins Sta-
                                                                      dion zurückzurennen. Dort werden sie Zeugen
                       SAISONFAKTEN 1965/66                           eines spektakulären Finales: Gerwien flankt in
                 Bester Torschütze: Ulsaß (17). In allen 34 Spielen   den Strafraum, Ulsaß verlängert mit dem Kopf,
                 dabei: Brase, Kaack, Schmidt.                        der angeschlagene Maas stoppt den Ball mit der
                                                                      Brust und jagt ihn mit seinem verletzten rechten
                                                                      Fuß volley millimetergenau ins rechte obere Eck

                        1966/67
                                                                      (89.) – 2:1, der Endstand. Ein Jubelsturm bricht los,
                                                                      nur mit Mühe kann die Polizei die vor Begeiste-
                       Deutscher Meister BTSV                         rung gen Rasen stürmenden Zuschauer zurück-
                                                                      drängen. Als dann auch noch die Kunde von den
               Verdammt eng geht es an der Spitze zu. Und der         Niederlagen der Frankfurter (0:3 in Bremen) und
               Überraschungsmannschaft der Saison, die ihre           der Münchner Löwen (1:2 zu Hause gegen den
               Aufgaben bislang so beständig stabil gemeis-           1. FC Nürnberg) zur Hamburger Straße dringt, ist
               tert hat, scheint in der Saisonschlussphase doch       der perfekte Tag für Eintracht komplett.
               noch die Luft auszugehen. Seine erste (und am               Die Niedersachsen haben erneut zwei Punkte
               Ende einzige) Heimniederlage kassiert Spitzen-         Vorsprung und stehen vor dem größten Triumph
               reiter Eintracht Braunschweig am 30. Spieltag –        der Vereinsgeschichte. 2.500 Braunschweiger
               ausgerechnet im Niedersachsenderby gegen               begleiten ihre Mannschaft zum letzten Aus-
               Hannover 96. Hans Siemensmeyer erzielt das             wärtsspiel der Saison bei Rot-Weiss Essen, das
               Tor des Tages. Eine Woche später beim Karls-           als Absteiger so gut wie feststeht. Unter den Gäs-
               ruher SC kommt es für die Blau-Gelben noch             tefans ist Viktor Siuda, der nicht mit Bus, Bahn
               schlimmer: Wieder gelingt ihnen kein Tor, statt-       oder Auto anreist, sondern zu Fuß kommt. Das
               dessen schlägt es nach der Pause dreimal im            hat er schon Wochen vorher angekündigt, falls
               Braunschweiger Kasten ein. Nur gut, dass die           es für Eintracht in Essen um die Meisterschaft
               Konkurrenz auch Federn lässt. Doch drei Runden         gehen sollte. Und so erreicht er nach einem
               vor dem Saisonende ist Eintrachts kleiner Vor-         Sieben-Tage-Marsch über 328 Kilometer pünkt-
               sprung (größer als drei Punkte war er nie) dahin.      lich das Stadion an der Hafenstraße und dreht
               Eintracht Frankfurt, der hartnäckigste Widersa-        dort eine Ehrenrunde.
               cher, hat bereits gleichgezogen. 1860 München               Die ohne die verletzten Ulsaß und Maas
               hat auf Platz drei nur einen Punkt weniger.            angetretene Mannschaft enttäuscht den Lang-
                   Den 24.000 Zuschauern in Braunschweig              streckengeher nicht, hält dank ihrer gewohnt
               schwant am 20. Mai 1967 nichts Gutes, als Jupp         stabilen Abwehr hinten die Null und kann es
               Heynckes, der zur neuen Saison in Hannover             verkraften, dass vorn kein Tor gelingt (Gerwien
               unterschrieben hat, den Gast aus Mönchen-              trifft zu Beginn des Spiels den Pfosten). Das 0:0
               gladbach in der zweiten Halbzeit in Führung            macht Eintracht praktisch schon zum Deutschen
               bringt. Kurz danach vergibt Bernd Rupp für die         Meister, weil auch Frankfurt (3:3 gegen Borussia
               Borussia die Chance zum 2:0. Eine Viertelstunde        Dortmund) nur unentschieden spielt. In Essen
               vor Schluss verlassen die ersten Zuschauer ent-        lassen die Spieler die ersten Sektkorken knallen,
               mutigt das Stadion. Was sie, sofern sie nicht          bei der Rückfahrt auf der A2 wird der Eintracht-
               noch schnell wieder zurückkommen, zu Hause             Tross von einer Karawane aus Autos und Bussen
               schwer bereuen werden. Denn sie verpassen die          begleitet. Mehr als tausend Anhänger feiern die
               vielleicht wichtigsten fünf Minuten der Saison.        Mannschaft bei einem Zwischenstopp an der
               Fünf Minuten, die Eintracht Braunschweig dem           Autobahnraststätte Rhynern. Auch in Braun-
               sensationellen Titelgewinn ganz nahe bringen.          schweig wird den Spielern nach der sechsstün-
               Die Löwen drehen noch mal auf, stemmen sich            digen Rückfahrt kurz vor Mitternacht ein meis-

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terlicher Empfang bereitet. Vereinsmitarbeiter,         peln der Nordkurve und in den Flutlichtmasten,
Spielerfrauen und einige der treuesten Anhänger         Kinder sehen das Spiel in der ersten Reihe auf
stehen bereit, als der Bus eintrifft.                   der Aschenbahn. Alles ist angerichtet für einen
    In der Stadt beginnt der Ausnahmezustand,           historischen Fußballnachmittag. Schon beim Ein-
obwohl es rein rechnerisch noch ein minimales           laufen werden die blau-gelben Helden enthusias-
Restrisiko gibt. Eine hohe Niederlage gegen             tisch gefeiert. Und sie bleiben nichts schuldig.
Nürnberg bei einem gleichzeitigen hohen Sieg            Vom Publikum nach vorn gepeitscht, überrollen
der Frankfurter bei 1860 München (es zählt bei          die Löwen den Club in der ersten halben Stunde
Punktgleichheit noch der Torquotient, nicht die         regelrecht. Ulsaß verwandelt einen unumstrit-
Tordifferenz) könnte Eintracht theoretisch noch         tenen Foulelfmeter zum 1:0 (28.), drei Minuten
den Titel entreißen. Doch davon will an diesem          später erhöht Gerhard Saborowski auf 2:0. Der
3. Juni 1967 im ganzen Braunschweiger Land              Nürnberger Anschlusstreffer durch Heinz Strehl
niemand mehr etwas wissen. Die Mannschaft               ändert nichts mehr an den klaren Machtverhält-
schon gar nicht. Sie ist fest entschlossen, den         nissen. Erneut Ulsaß (88.) sowie Moll (90.) sorgen
rund 37.000 Zuschauern im seit Wochen ausver-           in der Schlussphase für den 4:1-Endstand.
kauften Stadion gegen den 1. FC Nürnberg eine               Der Rest ist Party. Die Zuschauer stürmen den
Meistergala zu liefern. Die Fans sitzen in den Pap-     Rasen, sind hautnah dabei, als DFB-Präsident

                                     Braunschweig hofft auf die Meisterschaft! Am 3. Juni 1967 macht Eintracht beim 4:1 über Nürnberg
                                           den letzten Schritt. Hans-Georg Dulz im Duell mit Ludwig Müller und Torhüter Gyula Toth.

                                                                                                                                 123
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                       Dr. Hermann Gösmann die Meisterschale an             zu gelangen, wo der offizielle Empfang durch
                       Eintracht-Kapitän Joachim Bäse überreicht. Im        Oberbürgermeister Bernhard Ließ ansteht. Der
                       frenetischen Jubel der Fans aller Altersgruppen      Gang der Mannschaft auf den Rathausbalkon
                       geht fast unter, dass der gute Herr Gösmann,         mit der „Salatschüssel“ gerät zum Höhepunkt
                       der erst 20 Minuten vor Abpfiff der Partie an der    des Triumphzuges. „Wir standen gefühlt eine
                       Hamburger Straße eintraf, ziemlich fahrig wirkt      Stunde oben auf dem Balkon und mussten uns
                       und nicht nur beim Vereinsnamen („SV Ein-            Lobhymnen von den Stadtvertretern anhören,
                       tracht“) patzt. „Ich darf den Kapitän der Mann-      ohne ein Glas Bier in der Hand. Das war wirk-
                       schaft, den Kameraden Achim Bähre, bitten, zu        lich schlimm“, erinnert sich Peter Kaack. Klaus
                       mir zu kommen, damit ich ihm die Schale über-        Meyer brüllt der Masse vom Balkon aus zu:
                       reichen darf“, sagt er zu Bäse und hat offenbar an   „Wollt ihr den Europapokal?“ Die tausendfache
                       den HSV-Profi Harry Bähre gedacht, der 1963 den      Antwort lautet: „Ja!“ Intern wird abends in der
                       ersten Bundesliga-Spielerpass mit der Nummer         Stadthalle gefeiert. Auch die Nürnberger Mann-
                       001 erhielt.                                         schaft ist eingeladen. Fünf Tage nach dem denk-
                           Gösmanns Pannen stören niemanden an              würdigen 3. Juni 1967 bricht der neue Meister
                       diesem Nachmittag. 12.000 Liter Freibier werden      zu einer zweieinhalbwöchigen Tournee durch
                       im Stadion ausgeschenkt. Für die Spieler beginnt     Nordamerika auf.
                       eine Triumphfahrt in elf Cabrios vom Stadion             Mit Eintracht holt eine Mannschaft den Titel,
                       in Richtung Altstadtmarkt. 50.000 Menschen           die keiner auf der Rechnung hatte. „Wir glauben,
                       säumen die Straßen, Geschäfte in der gesamten        dass Eintracht Braunschweig und Schalke 04
                       Innenstadt haben ihre Auslagen blau-gelb             sich am meisten gegen das Abstiegsgespenst
                       geschmückt, mancher Fußweg ist in den Ver-           zu wehren haben werden“, hatte die „Fußball-
                       einsfarben gestrichen. Selbst der sonst so kühle     Woche“ vor Saisonbeginn den Löwen sogar
                       Norddeutsche Johannsen lässt seinen Gefühlen         ein schweres Jahr vorausgesagt. Auch der 54er
                       freien Lauf, macht mit der Meisterschale Späß-       WM-Held Fritz Walter prophezeite den Nie-
                       chen als Kopfbedeckung. Auf dem Altstadt-            dersachsen den Abstieg. Doch die Geringge-
                       markt haben sich 20.000 Braunschweiger ein-          schätzten widerlegen alle Vorurteile. Eintracht
                       gefunden, um den neuen Deutschen Meister             tritt als homogene Einheit auf. „Alles hat in
                       zu empfangen. Polizeiketten versuchen – in           dieser Saison zusammengepasst“, sagt Gerhard
                       allseits bester und friedlicher Stimmung –           Saborowski. Erich Maas drückt es nur leicht ver-
                       den Weg für die Mannschaft freizuhalten. Die         ändert aus: „Alle haben in dieser Saison zusam-
                       muss sich nach ihrer Ankunft durch die Men-          mengepasst.“ Beides ist richtig. 26-mal steht Ein-
                       schenmassen kämpfen, um ins Altstadtrathaus          tracht auf Platz eins, 17 Zu-Null-Spiele sprechen

      Die Eintracht
  als jubelnde Ein-
       heit 1966/67.

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1963-1973 z�iSchen MeiSTerScha�T unD aBSTieG

für ihre sagenhafte Defensivstärke. In den Heim-     Topmannschaften wie Frankfurt, Dortmund
spielen ist die Abwehr nahezu unbezwingbar.          und Bayern München zeigen die Löwen auch
Bis zum 28. Spieltag hat der BTSV ganze drei         in der Offensive ihre Krallen. Am 22. Oktober
(!) Gegentore im eigenen Stadion kassiert, am        1966 kommt Europacupsieger Borussia Dort-
Ende sind es insgesamt nur 27 in allen 34 Sai-       mund mit der Empfehlung eines 6:1-Sieges am
sonspielen.                                          Sonnabend zuvor gegen den 1. FC Köln an die
    Dass die Statistik (bis heute) Eintracht als     Hamburger Straße. In Braunschweig hat der
Bundesligameister mit den wenigsten erzielten        BVB keine Chance. Innerhalb von neun Minuten
Treffern (49) ausweist, schmeckt 1967 nicht jedem.   (68.-76.) schießen Ulsaß, Maas und wieder Ulsaß
„Kicker“-Herausgeber Friedebert Becker beklagt,      einen 3:0-Vorsprung heraus. Rudi Assauers
die Meisterschaft sei „vom Falschen gewonnen“        Anschlusstor (86.) kommt zu spät.
worden. Eine arrogante Haltung, die nicht                Nicht besser als den Dortmundern ergeht es
gerechtfertigt ist. Von einem „Lehrspiel“ ist nach   Eintrachts Namensvetter aus Frankfurt, dem hart-
dem 1:0 gegen den 1. FC Köln in der Sportpresse      näckigsten Verfolger des BTSV im Kampf um die
die Rede, von einem „modernen Rollsystem der         Meisterschaft. Lange Schlangen bilden sich am
Braunschweiger“ beim 1:0 in Frankfurt. „Einige       11. Februar 1967 an den Kassenhäuschen vor dem
Elemente des Braunschweiger Systems muss man         Gipfeltreffen Erster gegen Zweiter. Schon das
rückblickend als geradezu modern beschreiben:        Hinspiel haben die von Elek Schwartz trainierten
kontinuierliche Jugendarbeit, Fokus auf Talente      Hessen 0:1 verloren (Tor durch Gerwien), und
aus der Region, kollektive Verteidigung, überfall-   auch vor 34.508 Zuschauern in Braunschweig
artiges Konterspiel sowie eine für damalige Ver-     gehen sie leer aus. Moll vor der Pause sowie
hältnisse überdurchschnittliche Fitness“, urteilt    Wolfgang Grzyb und Maas nach Wiederanpfiff
Boris Herrmann im Jubiläumsbuch „15:30“ der          sorgen für das 3:0 des Spitzenreiters, über den
„Süddeutschen Zeitung“ zu 50 Jahren Bundes-          FIFA-Trainer Dettmar Cramer nach dem Spiel
liga und zitiert die Laudatio des „Spiegel“, der     vor der Fernsehkamera sagt: „Wenn die Eintracht
                                                                                                        (l) Lothar Ulsaß
über die bei Entlastungsangriffen mitstürmende       aus Braunschweig so weiterspielen kann wie         mit einem spek-
Eintracht-Abwehr schreibt: „So verlor die Mann-      heute, so geordnet in der Abwehr, schnell durchs   takulären Fall-
schaft, wie regelmäßige Messungen ergaben, pro       Mittelfeld zum Angriff vorstürmend, dann glaube    rückzieher.
Spiel zwischen 15 und 20 Kilo Gewicht, einzelne      ich, dass sie es schaffen kann.“ Ein Schachzug
                                                                                                        (r) Der 5:2-Sieg
Spieler bis zu drei Kilo.“                           von Helmuth Johannsen geht an diesem Nach-
                                                                                                        über die Bayern
    Nein, ermauert hat sich der Sensations-          mittag besonders gut auf. Der Trainer hat Walter   ist der eindrucks-
meister den Titel nicht. Im Gegenteil: Gerade        Schmidt auf die Außenposition in der Abwehr        vollste Sieg im
in den vorentscheidenden Heimspielen gegen           gestellt, um den Frankfurter Jürgen Grabowski      Meisterjahr.

                                                                                                                        125
125 JAHRE BTSV

126
Impressionen vom Meisterschaftsgewinn 1967.

                                              127
125 JAHRE BTSV

                       1987-2008
  ZWISCHEN DRITTKLASSIGKEIT UND 2. LIGA

                                1986/87
                                                                                 Tragisch ist der Abstieg, aber kein dummer
                                                                             Zufall und nur vordergründig das Resultat einer
                         Abstieg in die Oberliga Nord                        eklatanten Auswärtsschwäche mit 5:33 Punkten
                                                                             in 19 sieglosen Spielen. „Ein sportlicher Nieder-
                       14. Juni 1987, 16.45 Uhr: 20 Jahre nach Gewinn        gang, der seit Jahren erkennbar war und nicht
                       der Deutschen Meisterschaft ist der Traditions-       gestoppt wurde“, überschreibt Jochen Döring
                       verein Eintracht Braunschweig erstmals in seiner      in der „Braunschweiger Zeitung“ seine Analyse
                       ruhmreichen Geschichte drittklassig. Das 0:1 beim     der Entwicklung bei Eintracht in den zurücklie-
                       FC St. Pauli macht den Abstieg perfekt. Er trägt      genden Jahren. Sie ist eine Generalabrechnung
                       tragische Züge, denn so schlecht, wie es der Tabel-   mit der späten Ära Mast. Döring: „Fast jedermann
                       lenplatz 17 am Saisonende vermuten lässt, war die     beobachtete das sportliche Siechtum, erkannte
                       Mannschaft von Trainer Gerd Roggensack gar            die Ursachen (mit Ausnahme der journalisti-
                       nicht. Am Ende fehlt ein einziger Punkt zum Klas-     schen Bauchredner des Günter Mast in Hannover
                       senerhalt. 13 Spiele hat Eintracht nur mit einem      und Wolfenbüttel), doch ein Eingreifen war nicht
                       Tor Unterschied verloren, darüber hinaus zehnmal      möglich. Spätestens im Herbst 1983 hatte sich
                       unentschieden gespielt – 23 verpasste Gelegen-        der wirtschaftlich arg angeschlagene Traditions-
                       heiten, um diesen einen Punkt zu holen, der am        verein in die totale finanzielle Abhängigkeit des
                       Ende gereicht hätte. Die Löwen steigen sogar mit      ,Jägermeister’-Bosses begeben. Der Weg zum
                       einem positiven Torverhältnis (52:47) ab. Was die     Konkursrichter wurde damals als einzige Alter-
                       Sache noch bitterer macht: Rot-Weiß Oberhausen,       native an die Wand gemalt. Doch die Juristen
                       das sich auf Kosten des BTSV mit einem Punkt          des DFB legten ganz anderes Material vor, und
                       Vorsprung rettet, wird in der folgenden Saison        auch in Braunschweig begannen immer mehr
                       zum Zwangsabstieg aus der 2. Bundesliga ver-          Personen an der ständig verbreiteten Version
                       urteilt – wegen schwerer Verstöße gegen die DFB-      vom Konkurs zu zweifeln. Gewiss wurde ein mit
                       Statuten in der Saison 1986/87.                       fünf Millionen Mark bezifferter Schuldenberg

     Heinz-Günter
   Scheil läuft am
     12. September
 1986 zwar seinem
      Gegenspieler
    davon, in Han-
      nover gibt es
     trotzdem eine
    0:1-Niederlage
      für Eintracht.

174
1987-2008 z�iSchen DriTT��aSSiG�eiT unD 2. �iGa

durch den mit dem Unternehmen ,Jägermeister’         seit mehr als 14 Jahren prangt nicht mehr der
abgeschlossenen Kooperationsvertrag abgebaut.        „Jägermeister“-Hirschkopf auf den gelben Tri-
Doch bei der Radikalität, mit der das Sparpro-       kots, sondern der Schriftzug „Eintracht 100“
gramm durchgezogen wurde, blieb die sportliche       mit dem roten Löwen in der Mitte. „Eintracht
Qualität auf der Strecke. Ein Beispiel: Als Lux      100“ steht für das neue Konzept des neuen Prä-
1985 zum HSV transferiert wurde (Ablöse knapp        sidenten. Es ist der Gegenentwurf zur völligen
unter 900.000 Mark), wurde in Interviews getönt,     Abhängigkeit von einem einzigen Sponsor und
der überwiegende Teil des Betrages werde für die     soll dem Verein ein Stück der seit 1973 zuneh-
Verpflichtung neuer Kräfte genutzt. Es geschah       mend eingebüßten Selbstständigkeit zurück-
nichts. Es fehlte nicht an ernst zu nehmenden        geben. Tenzer bildet einen Sponsorenpool von
Hinweisen auf die sich abzeichnende Entwick-         Unternehmen aus dem Raum Braunschweig.
lung. Aber wer Feuer meldete, wurde als Brand-       Zwischen 10.000 und 50.000 D-Mark per anno
stifter gestempelt.“                                 kostet die zunächst auf drei Jahre angelegte Mit-
    Mit dem Gang in die Drittklassigkeit ist die     gliedschaft bei Eintracht 100. Mehr als 50.000
Bundesliga für Eintracht in weite Ferne gerückt.     Mark Jahresbeitrag sind nicht gewollt, niemand
Bittere Ironie des Schicksals: Künftig spielen die   soll mehr eine dominierende Rolle übernehmen
Löwen in einer Liga mit Wolfenbüttel. Doch noch      können. Bis 1989 steigt die Zahl der beteiligten
in der Abstiegssaison vollzieht sich im Verein ein   Unternehmen auf 86. Bis heute ist Eintracht 100
Führungswechsel, der den GAU im sportlichen          Partner des Vereins. Anfang 2018 weist die Liste
Bereich zwar nicht mehr abwenden kann, aber die      der beteiligten Unternehmen mehr als 190 (!)
Weichen für ein Leben nach „Jägermeister“ stellt     Namen auf.
und den Sturz in die Bedeutungslosigkeit verhin-         1987, als alle Mast-Verträge gekündigt sind,
dert. In einer „geheimen Kommandosache“ kann         stellt Eintracht 100 den Rettungsschirm für
der von Mast geächtete Vizepräsident Harald          Eintracht dar. Das charmante Modell, das von
Schäfer einen Braunschweiger Unternehmer als         anderen Vereinen bald übernommen wird,
Kandidaten für das Präsidentenamt gewinnen:          poliert das Image des Vereins auf und belebt
Harald Tenzer. Der Vizepräsident der Braun-          die Identifikation der Region mit dem BTSV.
schweiger Industrie- und Handelskammer wird          Im sportlichen Bereich übertragen Tenzer und
am 23. März 1987 zum neuen Eintracht-Boss und        sein Berater Bernd Gersdorff die Verantwortung
Nachfolger des knapp zwei Monate zuvor zurück-       Uwe Reinders. Der Ex-Nationalspieler wechselt
getretenen Mast-Intimus Klaus Leiste gewählt.        von Girondins Bordeaux nach Braunschweig,
                                                     wird Spielertrainer und bekommt den ehema-
                                                     ligen Bayern-Profi Rainer Zobel als Assistenten
     SAISONFAKTEN 1986/87                            an seine Seite gestellt. Neu im Kader sind die
  Bester Torschütze: Buchheister (14). In allen      Schmäler-Zwillinge Nils und Olaf. Zur Rück-
  38 Spielen dabei: keiner. Die meisten Einsätze:    runde stößt Reinders’ früherer Bremer Team-
  Pahl, Scheil, Wilke (alle 37).                     kollege Werner Dreßel von Arminia Hannover
                                                     zu den Blau-Gelben. In elf Oberligaeinsätzen
                                                     gelingen ihm zehn Tore.

         1987/88
                                                         Eintracht findet sportlich schnell wieder in die
                                                     Spur. Bei nur zwei Niederlagen in den 34 Ober-
             Die Stunde null                         liga-Partien kommen keine Zweifel an der Quali-
                                                     fikation zur Zweitliga-Aufstiegsrunde auf. Neue
Zusammenbruch und Neubeginn: Im Sommer               Bestmarken stellen die Löwen auf: 57 Punkte
1987 stehen die Löwen vor einer kompletten           und einen Zuschauerschnitt von 6.736. Zum Ver-
Umorientierung. „Alles lag darnieder, und keiner     gleich: Der Nord-Zweite VfL Wolfsburg bringt es
wusste, wie es weitergeht“, blickt der damalige      auf 1.610, und da sind die 9.651 Besucher aus dem
Publikumsliebling Bernd Buchheister zurück.          Derby gegen Eintracht schon eingerechnet. Die
Die Mannschaft ist nur noch drittklassig, das        Aufstiegsrunde mit den West-Vertretern MSV
Ansehen des Vereins ramponiert und die Klub-         Duisburg (Nordrhein), Preußen Münster (West-
führung damit beschäftigt, den Scherbenhaufen        falen), den Wölfen und dem Berliner Meister
zusammenzufegen und zu entsorgen. Erstmals           Hertha BSC ist jedoch eine andere Herausforde-

                                                                                                              175
125 JAHRE BTSV

                       rung als der Oberligaalltag gegen Altona 93 (7:0,    spiel gegen Wolfsburg jeweils einen Doppelpack.
                       2:0), den Wolfenbütteler SV (4:0, 2:0) oder den FC   Hain hat sich nach seiner Rückkehr vom Ham-
                       Mahndorf (7:0, 6:1). Eintracht macht es wieder       burger SV 1987 reamateurisieren lassen, feiert
                       spannend, verliert zum Auftakt in Duisburg (0:1),    nach der damals obligatorischen Wechselsperre
                       bleibt in den ersten beiden Rückspielen gegen        am 2. Oktober, kurz vor seinem 32. Geburtstag,
                       den MSV (0:0) und bei Hertha (0:2) ohne Sieg und     beim 7:0 gegen Altona sein Comeback, ist fortan
                       Tor und muss deshalb bis zum letzten Spieltag        als Nummer eins im Tor gesetzt und ein starker
                       um die Rückkehr in die 2. Bundesliga bangen.         Rückhalt.
                       10.000 Braunschweiger Anhänger sorgen am                 Zur Aufbruchstimmung im Frühjahr 1988
                       20. Juni 1988 für eine blau-gelbe Invasion in der    passt das neue Vereinslied, das heute noch im
                       Volkswagenstadt, wo Eintracht gewinnen muss,         Stadion gespielt wird: „Wir, wir, wir sind die Ein-
                       um aufzusteigen. Die Mannschaft von Uwe Rein-        tracht“ mit der legendären Zeile „Selbst wenn
                       ders ist dem Druck gewachsen: Michael Scheike        sie Maa-raa-donna bringen, schießen wir ein
                       und Andreas Pospich schießen beim 2:1-Sieg           Tor mehr“. Gut zehn Jahre später, in der Saison
                       die Löwen zurück in den Profifußball. „Ich habe      1998/99, wird dann erstmals im Stadion „Zwi-
                       das 2:0 nach einem abgeprallten Eckstoß aus          schen Harz und Heideland“ zu hören sein, das
                       20 Metern flach unten rechts geschossen“, erin-      sich zum Hit der Südkurve und des gesamten Ver-
                       nert sich Pospich. „Das war eines meiner wich-       eins entwickelt. „Jazzkantine“ -Gründer Christian
                       tigsten Tore und schönsten Erlebnisse mit Ein-       Eitner produziert daraus Ende der Nullerjahre mit
                       tracht Braunschweig.“ Auf der Rückfahrt sorgt        Bands und Musikern wie „Such a surge“ und Axel
                       der Autokorso freudetrunkener Fans auf der A2        Bosse einen knackigen Rocksong („Bis ans Ende
                       für ein Verkehrschaos und einen 30 Kilometer         der Welt“) mit Refrain und zweiter Strophe. Vor
                       langen Rückstau bis nach Helmstedt. Noch             jedem Heimspiel wird die Eintracht-Hymne beim
                       einmal hat der BTSV seine Position als unum-         Einlaufen gespielt.
                       strittene Nummer eins der Region behauptet.
                       Wolfsburg landet in der Aufstiegsrunde mit 4:12
4:2 vor 21.000 Fans    Punkten abgeschlagen auf dem letzten Platz.                SAISONFAKTEN 1987/88
am 2. Juni 1988 im         Entscheidenden Anteil an der prompten              Beste Torschützen: Buchheister (9 Liga, 5 Auf-
   Nachbarschafts-
   duell gegen den
                       Rückkehr in die 2. Liga haben Buchheister und          stiegsrunde), Olaf Schmäler (13 Liga). In allen
   VfL Wolfsburg –     Torhüter Uwe Hain. „Buche“ trifft in der Auf-          Spielen dabei: Pospich (34 Liga, 8 Aufstiegs-
       Eintracht ist   stiegsrunde fünfmal, schnürt beim 3:1 in Münster       runde).
   zurück in Liga 2.   und beim 4:2 vor 21.000 Zuschauern im Heim-

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