Das Burnout-Syndrom: Theorie, Forschung, Intervention
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BURNOUT 5 Ingeborg Hedderich Das Burnout-Syndrom: Theorie, Forschung, Intervention Zusammenfassung «Müde, erschöpft, ausgebrannt…» Wenn Arbeitsbelastungen zum Dauerzustand werden, sprechen Berufstätige von «Burnout». Wie lässt sich Burnout wissenschaftlich definieren? Der Beitrag skizziert zunächst das Problemfeld der be- grifflichen Fassung. Anschliessend wird der aktuelle Forschungsstand thematisiert. Hierbei rücken Lehrkräfte ins Zen- trum des Interesses. Die wissenschaftlichen Befunde verweisen als zentrales Verursachungsmoment auf ein komple- xes Wechselspiel zwischen den individuellen Ressourcen und den Arbeitsanforderungen im Sinne einer «Nicht-Pas- sung». Formen der Intervention runden den Beitrag ab. Résumé «Fatigue, épuisement, harassement», lorsque la surcharge de travail devient chronique, les professionnel-le-s parlent de «burnout». Quelle est la définition scientifique du burnout ? L’article aborde en premier lieu la problématique de sa définition conceptuelle. L’avancée de la recherche est ensuite thématisée. Le corps enseignant est ici au centre des attentions. Les avancées scientifiques désignent comme principal déclencheur l’interaction compliquée et le décalage entre ressources individuelles et exigences professionnelles. Des exemples d’interventions parachèvent le texte. Begriff «Burnout ist ein dauerhafter, negativer, ar- Burnout (dt.: ausbrennen) ist ein sozialpsy- beitsbezogener Seelenzustand ‹normaler› chologischer Begriff von hoher gesellschaft- Individuen. Er ist in erster Linie von Er- licher Praxisrelevanz, aber nicht per se eine schöpfung gekennzeichnet, begleitet von klinische Diagnose. In der Medizin hat sich Unruhe und Anspannung (Disstress, einem der Begriff noch nicht etabliert. Der interna- Gefühl verringerter Effektivität, gesunke- tionale Diagnoseschlüssel zur Klassifikation ner Motivation und der Entwicklung dys- von Krankheiten (ICD-10), der von der Welt- funktionaler Einstellungen und Verhaltens- gesundheitsorganisation herausgegeben weisen bei der Arbeit).» wird, enthält in seiner aktuellen Fassung ei- nen Eintrag zum Phänomen Burnout als «Zu- Doch auch dieser sehr umfassende Definiti- stand der totalen Erschöpfung», der nicht nä- onsversuch veranlasste Burisch (2006, S. 15) her erläutert wird. Von medizinischer Seite zu der Frage, ob das Kernsymptom der muss für die Abrechnung gegenüber der Erschöpfung ausreiche oder welche Be- Krankenkasse auf die Diagnose Depression gleitsymptome für eine Diagnose vorhan- ausgewichen werden. Aus der akademischen den sein müssen. Für Burisch (2006, S. 15) Literatur liegt mittlerweile eine grosse An- bleibt der Burnout-Begriff ein «Fuzzy Set», zahl von Burnout-Definitionen vor, es konnte eine «randunscharfe Menge»: Diesen Be- sich jedoch keine einheitliche Definition griff zu definieren, komme der Aufgabe durchsetzen. Als Synopse vieler Definitions- gleich, die Grenzen einer grossen Wolke be- versuche schlagen Schaufeli und Enzmann schreiben zu wollen. Weit mehr Einigkeit (1998, S. 36; in Übersetzung von Burisch, besteht darüber, wie sich der Begriff etab- 2006, S. 19) folgende Arbeitsdefinition vor: lieren konnte. Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, Jg. 20, 7 – 8 / 2014
6 BURNOUT
Historie Theoretische Modelle
Als Beginn der Burnout-Diskussion gilt ein Ohne Zweifel dürfte ein enger Zusammen-
Artikel des Psychoanalytikers Herbert Freu- hang zwischen Burnout und Stress beste-
denberger mit dem Titel: «Staff burn-out», hen. Der Begriff wurde von Selye (1975), der
der im Jahre 1974 im Journal of Social Issu- als Begründer der Stress-Forschung gilt, in
es publiziert wurde (vgl. Barth, 1997, S. 13; die Literatur eingebracht: Stress ist als un-
Hedderich, 2009, S. 13). Freudenberger be- spezifische Reaktion des Organismus auf je-
obachtete bei ehrenamtlich Mitarbeitenden de Art von Anforderung zu verstehen, die
Tendenzen der Ermüdung und Langeweile an ihn gestellt wird. Stressoren können ent-
weder als positive Herausforderung oder als
bedrohende Einengung im Berufsalltag er-
Burnout kann als langfristige Stressfolge
lebt werden. Burnout kann als langfristige
betrachtet werden. Stressfolge betrachtet werden. Hoher Stress
führt aber nicht automatisch zum Ausbren-
durch Routine, die er als Burnout kenn- nen. Ein bedeutsamer Unterschied zwi-
zeichnete. Freudenberger wird eindeutig schen Burnout und Stress liegt in der sub-
forschungshistorische Bedeutung zuge- jektiven Bewertung der Bewältigungsmög-
sprochen (vgl. Burisch, 2006; Rook, 1998; lichkeiten von Stresssituationen. So kann
Rösing, 2003). Seine Arbeiten werden je- Burnout als letzte Stufe eines missglückten
doch von ihrer wissenschaftlichen Qualität Prozesses angesehen werden, negative
her eher als «feuilletonistisch» bewertet. In Stressbedingungen zu bewältigen. Im De-
der historischen Betrachtung ist der Über- tail ist zwischen drei Theoriemodellen zu
gang von der feuilletonistischen hin zur em- unterscheiden.
pirischen Forschungsphase mit dem Namen
der Sozialpsychologin Christina Maslach Differentialpsychologisch-individuumszen-
verbunden. In der empirischen Phase mit trierte Ansätze betrachten Burnout primär
Beginn der 1980er-Jahre verlagert sich der unter persönlichkeitsspezifischen Aspek-
Schwerpunkt auf die Durchführung empiri- ten, wobei umweltbedingte Faktoren weit-
scher Untersuchungen zur Erforschung von gehend ausgeblendet werden. Als Vertre-
Burnout, wobei in erster Linie das «Maslach ter dieses Ansatzes gelten Freudenberger
Burnout Inventory» als standardisierte (1974) und Schmidbauer (1977). Freuden-
quantitative Erhebungsform zum Einsatz berger sieht in der übertriebenen Helfer-
kam. Mit diesem Messinstrument hat Chris- motivation der Betroffenen den Grund für
tina Maslach die theoretische Entwicklung die Burnout-Entwicklung. Schmidbauer
zum Thema Burnout weltweit beeinflusst prägte den Begriff des «Helfersyndroms»,
(Maslach & Jackson, 1984). Zu Beginn des der seit den 1970er-Jahren eine breite Ver-
21. Jahrhunderts wird für eine vielfältige breitung und Eingang in die Alltagsspra-
Anwendung wissenschaftlicher Methoden che erfahren hat. Als prägende Erfahrung
plädiert, vor allem qualitative Methoden der Helferpersönlichkeit sieht Schmidbau-
rücken in das Zentrum wissenschaftlicher er eine ungenügende Bedürfnisbefriedi-
Betrachtung (Hedderich & Hecker, 2009; gung in der frühen Kindheit. Das Motiv,
Rook, 1998). Hilfe empfangen zu wollen, veranlasst den
Helfenden, Hilfe zu geben. Die skizzierte
Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, Jg. 20, 7 – 8 / 2014BURNOUT 7
Persönlichkeitsstruktur ist Burnout-anfäl- Insgesamt kann der Schluss gezogen wer-
lig, da das Bedürfnis nach Zuwendung sehr den, dass monokausale Ansätze offensicht-
hoch ist und kaum gesättigt werden kann. lich die Komplexität dieses Phänomens und
Das Fehlen empirischer Befunde für die der einflussnehmenden Faktoren nicht zu
Thesen von Schmidbauer zum Helfersyn- erfassen vermögen. Als Fazit an dieser Stel-
drom wird jedoch von Burisch (2006) be- le bleibt: Burnout ist ein Zusammenspiel aus
mängelt. Persönlichkeitsmerkmalen und gefährden-
der Umwelt, eine «Nicht-Passung der Per-
Arbeits- und organisationsbezogene An- son mit ihrer Umwelt» (vgl. Hedderich,
sätze sind darauf ausgerichtet, die Vielfalt 2009, S. 31). Im aktuellen internationalen
Burnout-relevanter Merkmale zu erheben. Diskurs zum Thema Burnout dominieren
Häufig stützen sich Untersuchungen in die- Gleichgewichtsmodelle (vgl. ausführlich
sem Forschungsfeld auf transaktionale Mo- Mühler & Hedderich, 2013). Das «Job De-
delle der Stressforschung. Der enge Zusam- mand Control Model» (dt.: Arbeits-Anfor-
menhang zwischen Burnout und Stress wur- derungs-Kontroll-Modell) (Karasek, 1979)
de bereits erläutert. Als Vertreter dieses wird als einflussreiche Theorie im Bereich
Forschungsansatzes können sowohl Bu- der Erforschung vom Arbeitsstress angese-
risch (2006) als auch Kleiber und Enzmann hen. Als Grundaussage dieser Theorie gilt:
(1990) gelten. Als zentrale arbeits- und or- Arbeitsstress resultiert aus einer Kombina-
ganisationsbezogene Einflussfaktoren sind tion von hohen Arbeitsanforderungen und
zu nennen: eingeschränkter Tätigkeits- und niedriger Arbeitskontrolle. Hohe Arbeitsan-
Handlungsspielraum, Mangel an sozialer forderungen verlangen auch hohen physi-
Unterstützung, Übermass an Verantwort- schen und mentalen Einsatz. Arbeitskont-
lichkeit, mangelnde Einflussmöglichkeiten rolle beschreibt die Möglichkeit der Arbei-
auf das Arbeitsergebnis, Überlastung durch tenden, ihre Arbeitssituation zeitlich und in-
Faktoren wie Arbeitszeit, Unterforderung, haltlich mitzugestalten.
geringe Aufstiegsmöglichkeiten (Körner,
2003, S. 55). Burnout ist ein Zusammenspiel aus
Persönlichkeitsmerkmalen und
Soziologisch-sozialwissenschaftliche An-
sätze beschreiben gesellschaftliche Kompo-
gefährdender Umwelt, eine «Nicht-Passung
nenten bei der Burnout-Entstehung. Vertre- der Person mit ihrer Umwelt».
ter dieser Ausrichtung sind Kleiber und Enz-
mann (1990) sowie Freudenberger (1974). Stand der Forschung
Als gesellschaftliche Faktoren sind zu nen- Kritische Analysen zur nationalen und inter-
nen: gestiegene Erwartungen an die Flexi- nationalen Forschungsliteratur lieferten
bilität und Mobilität der Mitarbeitenden, Schaufeli und Enzmann (1998) sowie Rösing
zunehmende gesellschaftliche Vereinsa- (2003). Der Beginn der Burnout-Forschung
mung, Isolation und Anonymität sowie ge- in den 1980er-Jahren in den USA und in den
änderte Kommunikationsformen und die 1990er-Jahren im deutschen Sprachraum
aktuelle Problematik der «permanenten Er- wurde eindeutig durch das Maslach Burn-
reichbarkeit» in diesem Kontext (Körner, out Inventory geprägt. Die Dimensionen
2003, S. 56). emotionale Erschöpfung, Dehumanisierung
Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, Jg. 20, 7 – 8 / 20148 BURNOUT
und Reduktion eigener Leistungsfähigkeit mension der emotionalen Belastung des
hatte Christina Maslach in ihrer frühen For- Maslach Burnout Inventory. Die empiri-
schung bei helfenden Berufen für Burnout schen Befunde auf der Basis des maslachs-
als zentral erkannt. Die Anwendung dieses chen Diagnostikums führten, wie deutlich
Verfahrens lässt sich als «roter Faden» in sichtbar, keineswegs zu einer einheitlichen
der Burnout-Forschung erkennen. Folgen Erkenntnislage bezüglich der Verursa-
wir den kritischen Analysen der Forschungs- chungsfaktoren von Burnout. Offensichtlich
literatur der genannten Autoren, so lässt erwächst Burnout aus einem komplizierten
sich als bedeutsamste demografische Vari- Geflecht von Bedingungen, die miteinander
able das Alter benennen. Es korreliert rela- interagieren: demografische Variablen, Per-
tiv einheitlich eher negativ mit Burnout. sönlichkeitsvariablen, Arbeitsplatzvariab-
Dies bedeutet: Ältere Arbeitnehmende sind len. Hierbei scheint eine einfache Beziehung
eher weniger von Burnout betroffen. Eben- zwischen «Aussenwelt und Innenwelt» zu
so bildet auch die Arbeitserfahrung inner- fehlen. Forschungsmethodologisch wird die
halb eines Berufes einen eher negativen Zu- hohe Anzahl an quantitativen Studien kriti-
sammenhang mit Burnout. Für die Variable siert, gefordert werden qualitative Studien
Geschlecht lassen sich laut Rösing (2003) und die Hinwendung zu einer salutogeneti-
sowohl Studien zitieren, wonach Frauen schen Betrachtungsweise.
Burnout-anfälliger sind als auch solche, in
denen Männer eine höhere Burnout-Anfäl- Im Fokus: Lehrkräfte
ligkeit aufweisen. Persönlichkeitsvariablen Den bedeutsamsten Beitrag zur Lehrerbe-
waren Gegenstand vielfältiger Untersu- lastungsforschung im deutschen Sprach-
chungen, in denen nach den besonderen Ei- raum lieferte zweifelsfrei die Potsdamer
genschaften Burnout-anfälliger bzw. Burn- Lehrerstudie (Schaarschmidt, 2005) (siehe
out-resistenter Menschen gefragt wurde. Artikel von Wettstein in dieser Nummer). In
diesem Zusammenhang wurde als Diagnos-
tikum das arbeitsbezogene Verhaltens- und
Der sozialen Unterstützung durch
Erlebensmuster (AVEM) entwickelt, wel-
das Kollegium und durch die Schulleitung
ches den beschriebenen Perspektivenwech-
wird Entlastungsfunktion zugeschrieben. sel von der Erfassung subjektiv erlebter Be-
lastung, sprich Burnout, hin zur wissen-
Gemäss der bereits benannten Synopse von schaftlichen Erhellung von erfolgreichen
Rösing (2003, S. 96ff.) lässt sich der Burn- Bewältigungsformen vollzog. Der Test er-
out-anfällige Typ vorsichtig als eher «emo- möglicht eine Zuordnung zu verschiedenen
tional vermeidend sowie ausweichend im Typen der Stressbewältigung. Im Vergleich
Umgang mit Belastung charakterisieren». zu anderen psychosozial beanspruchten Be-
Im Gegensatz dazu steht der «problemori- rufen weisen Lehrkräfte ungünstigere Mus-
entierte, aktive Zugang» als Merkmal Burn- terkombinationen auf, so eines der zentra-
out-resistenter Menschen. Im Bereich ar- len Ergebnisse. Zu den grössten in der
beitsbezogener Variablen zeigen sich je- Lehrerstudie erfassten Belastungsquellen
doch relativ klare positive Zusammenhän- gehören: schwierige Schülerinnen und
ge: Zeitdruck, hohe Arbeitsbelastung und Schüler, grosse Klassen und die hohe An-
Rollenkonflikt korrelieren positiv mit der Di- zahl der zu unterrichtenden Stunden. Dem-
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gegenüber wird der sozialen Unterstützung menbedingungen als belastend empfun-
durch das Kollegium und durch die Schullei- den, die von den Probanden hinsichtlich
tung Entlastungsfunktion zugeschrieben. In zeitlicher und personeller Aspekte als man-
Kollegien, in denen die genannten Entlas- gelhaft eingeschätzt wurden. Integrative
tungsfaktoren als gut eingeschätzt werden, Arbeit wurde von den Befragten mit einem
zeigen sich beim befragten Lehrpersonal si- erhöhten Koordinations- und Organisati-
gnifikant weniger körperliche und psychi- onsaufwand verbunden. Bei der Betrach-
sche Beschwerden. Ein besonderer, arbeits-
platzbezogener Faktor der Lehrerbelastung
Zum einen sollen die Arbeitsbedingungen,
ist mit Sicherheit das Kriterium der Arbeits-
zum anderen die Bewältigungsmöglich-
zeit. Nicht selten wird dieser Berufsstand
als «Halbtagsjobber» bezeichnet, da Lehr- keiten des Einzelnen verbessert werden.
kräfte einen nicht unerheblichen Teil ihrer
Arbeit am häuslichen Arbeitsplatz erledi- tung der Bewältigungsstrategien war auf-
gen. Die Freiburger Arbeitszeitstudie (Dor- fallend, dass in erster Linie das Kollegium
semagen et al., 2007), die Lehrkräfte zu al- als schützend wahrgenommen wurde. Ein
ternativen Formen der Arbeitszeit an Schu- zweiter wichtiger Schutzfaktor ist die Wei-
len befragte, konnte jedoch keine eindeuti- terbildung. Für die befragten Probanden
gen Ergebnisse vorlegen. Offensichtlich war sie sowohl für die eigene Kompetenz-
verursacht jegliche Veränderung der Ar- entwicklung als auch für diejenige der Kol-
beitszeit bei Lehrkräften eine grosse Sorge leginnen und Kollegen wichtig, um dem in-
um weitere zusätzliche Arbeitsbelastungen. tegrationsspezifischen Stressor der unter-
«Ferner scheinen viele Lehrkräfte der Mei- schiedlichen pädagogischen Sicht- und He-
nung zu sein, dass eine Verbesserung der rangehensweise wirkungsvoll begegnen zu
aktuellen Arbeitssituation nicht über eine können. Insgesamt war auffallend, dass Be-
Veränderung der Organisation von Arbeits- und Entlastungen auf der gleichen Ebene
zeit, sondern lediglich über eine Reduktion wie z. B. die Arbeit im Team, die Arbeit im
der wöchentlichen Unterrichtsverpflichtung Kollegium und die pädagogische Herange-
zu erreichen ist» (Dorsemagen et al., 2007, hensweise lokalisiert werden können. Zu-
S. 244). gleich zeigte sich, dass die als positiv einge-
schätzten eigenen Rahmenbedingungen
Obwohl die gesundheitliche Situation von bei den befragten Lehrkräften für Sonder-
Lehrkräften erneut in das Zentrum bil- pädagogik zu einer hohen beruflichen Zu-
dungspolitischer Diskurse gerückt ist, liegt friedenheit führten.
der wissenschaftliche Fokus nur sehr selten
auf Lehrkräften für Sonderpädagogik, die in Prävention und Intervention
integrativen Schulen tätig sind. Eine eigene Die Präventions- und Interventionsvor-
Studie in diesem neuen Forschungsfeld (vgl. schläge der Fachliteratur können grund-
ausführlich Hedderich & Hecker, 2009) sätzlich nach ihrer Zielrichtung unterteilt
konnte als Hauptbelastungsquelle Schwie- werden: Zum einen sollen die Arbeitsbedin-
rigkeiten im Kollegium ermitteln, die sich an gungen, zum anderen die Bewältigungs-
integrationsspezifischen Fragestellungen möglichkeiten des Einzelnen verbessert
entzündeten. Ebenfalls häufig wurden Rah- werden (vgl. ausführlich Burisch, 2006;
Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, Jg. 20, 7 – 8 / 201410 BURNOUT
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(Hillert & Marwitz, 2006, S. 239). Burnout- Hedderich, I. & Hecker, A. (2009). Belastung
bezogene Workshops basieren auf zwei und Bewältigung in Integrativen Schulen.
Säulen: Zum einen ist es das Ziel, arbeitsbe- Eine empirisch-qualitative Studie bei Leh-
zogene Probleme und ihre Bewältigungs- rerInnen für Förderpädagogik. Bad Heil-
möglichkeiten bewusst zu machen. Zum an- brunn: Klinkhardt.
deren wollen die Methoden der Selbstbeob- Hillert, A. & Marwitz, M. (2006). Die Burn-
achtung und der Entspannung das individu- out-Epidemie oder brennt die Leis-
elle Stresserleben reduzieren. Abschliessend tungsgesellschaft aus? München: Beck.
muss jedoch festgehalten werden, dass Karasek, R. (1979). Job Demands, Job Decisi-
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1, 37–44.
Themenschwerpunkte der Schweizerischen Zeitschrift für Heilpädagogik 2014
Heft Schwerpunkt Redaktionsschluss
1 / 2014 Dyslexie – ICT 16.11.2013
2 / 2014 Armut und Behinderung 06.12.2013
3 / 2014 Kunsttherapie / Musiktherapie 10.01.2014
4 / 2014 Schulische Integration 07.02.2014
5 / 2014 Zeugnisse / Bewertungen 07.03.2014
6 / 2014 Frühe Kindheit 11.04.2014
7 – 8 / 2014 Burnout 09.05.2014
9 / 2014 Schulung hospitalisierter Kinder «Spitalschulen» (NFA) 13.06.2014
10 / 2014 Integration in den Arbeitsmarkt 15.08.2014
11 – 12 / 2014 Kommunikation ohne Lautsprache / ICT 12.09.2014
Die Beschreibungen zu den Themenschwerpunkten finden Sie unter www.szh.ch/zeitschrift.
Anregungen, Beiträge und Fragen etc. senden Sie bitte an redaktion@szh.ch.
Übrigens, es werden auch regelmässig Beiträge veröffentlicht, die vom jeweiligen Schwerpunktthema abweichen,
aber von heilpädagogischer Relevanz sind. Reichen Sie also ein!
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