Der Minergie-Boom unter der Lupe - Der Nachhaltigkeit von Immobilien einen finanziellen Wert geben

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Der Minergie-Boom unter der Lupe - Der Nachhaltigkeit von Immobilien einen finanziellen Wert geben
Der Nachhaltigkeit von Immobilien
einen finanziellen Wert geben

Der Minergie-Boom
unter der Lupe

Eine Marktanalyse der ZKB           März 2010
Der Minergie-Boom unter der Lupe - Der Nachhaltigkeit von Immobilien einen finanziellen Wert geben
Impressum

Herausgeber
CCRS, Center for Corporate Responsibility and Sustainability an der Universität Zürich,
Dr. Erika Meins

Autoren
Dr. Marco Salvi, Financial Engineering Immobilien & Kreditrisiken, Zürcher Kantonalbank
Andrea Horehájová, Financial Engineering Immobilien, Zürcher Kantonalbank
Julie Neeser, Financial Engineering Nachhaltigkeit, Zürcher Kantonalbank

Kontaktpersonen
ZKB: Marco Salvi, +41 44 292 45 17, marco.salvi@zkb.ch
CCRS: Erika Meins, +41 44 634 40 63, erika.meins@ccrs.uzh.ch

Gestaltung und Layout
Christian Pfister, spective productions

Die Autoren danken dem Verein Minergie für die zur Verfügung gestellten Daten.

CCRS-Reihe «Der Nachhaltigkeit von Immobilien einen finanziellen Wert geben»

Die vorliegende Publikation «Der Minergie-Boom unter der Lupe» ist die dritte in der CCRS-Reihe «Der
Nachhaltigkeit von Immobilien einen finanziellen Wert geben». Die zwei vorherigen Publikationen mit den
­Titeln «ESI® Immobilienbewertung – Nachhaltigkeit inklusive» und «Minergie macht sich bezahlt» sind im
 Juni 2009 bzw. im November 2008 erschienen.

Bildlegende Titelblatt, Seite 4 und Seite 6:
Sonnenhof in Ganterschwil (SG-023-P); Foto: ©2plus.ch – Simon Walther, Wattwil

 2
Der Minergie-Boom unter der Lupe - Der Nachhaltigkeit von Immobilien einen finanziellen Wert geben
Der Minergie-Boom unter der Lupe

Vorwort
Minergie boomt: In den letzten fünf Jahren hat                    der jetzt vorliegenden Studie wird die Zahlungs­
sich die Zahl der Minergie-Gebäude verdreifacht.                  bereitschaft der Mieter untersucht. Da diese Arbeit
Insgesamt ist im Immobilienmarkt Schweiz ein                      wiederum auf einer einzigartigen Datengrundlage
Trend zu einer stärkeren Beachtung von Nachhal-                   beruht, können die Autoren weitere Fragen vertieft
tigkeitsaspekten zu beobachten. So spielen Nach-                  analysieren: Gibt es regionale Unter­schiede bei der
haltigkeitsmerkmale bei Kauf- und Mietentschei-                   Umsetzung von Minergie? Welche Städte liegen
dungen gemäss einer Unternehmensbefragung                         im Minergie-Ranking vorne? Was sind die Treiber
nach dem Preis die zweitwichtigste Rolle.1 Nach-                  hinter der Entwicklung? Und wie steht Minergie im
haltigkeitsüberlegungen fliessen zudem vermehrt                   internationalen Vergleich da?
in die Bewirtschaftung und Bewertung von Immo-
bilienportfolios ein. Schliesslich spiegelt sich der              Die Ergebnisse der Studie sind hochinteressant:
Trend auch im wachsenden Angebot von nachhal-                     Mieter sind bereit, für Minergie-Wohnungen ­einen
tigkeitsspezifischen Anlagemöglichkeiten.                         Aufpreis von 6 Prozent auf die Nettomiete zu be-
                                                                  zahlen. Selbst wenn für Mieter die höhere Netto-
Aus Investorensicht lautet die zentrale Frage:                    miete mit tieferen Nebenkosten einhergeht, blei-
Lohnt sich Nachhaltigkeit auch finanziell? Die erste              ben die Bruttomieten unter dem Strich allerdings
­Minergie-Marktanalyse der Zürcher Kantonalbank                   teurer als für konventionelle Wohnungen. Über
 aus dem Jahr 2008 hat empirisch nachgewiesen,                    die letzten Jahre betrachtet, hat der Aufpreis aber
 dass für Minergie bei Transaktionen ein Aufpreis                 abgenommen, was wohl damit zu tun hat, dass
 von 7 Prozent bei Einfamilienhäusern und 3,5 Pro-                Minergie bei Neubauten zunehmend zum Standard
 zent für Stockwerkeigentum bezahlt wird.2 Mit                    wird. Die Botschaft für Investoren ist klar: Minergie
                                                                  macht sich auch im Mietmarkt bezahlt.
1
    Meins, Erika und Burkhard, Hans-Peter (2009): Corporate
    Real Estate and Sustainability Survey (CRESS) – Betriebsim-
    mobilien und Nachhaltigkeit in der Schweiz. CBRE und CCRS     Dr. Erika Meins
    (Hrsg.).
2
    Salvi, Marco, Andrea Horehájová und Ruth Müri (2008):         CCRS, Center for Corporate Responsibility
    Minergie macht sich bezahlt. CCRS und ZKB (Hrsg.).            and Sustainability an der Universität Zürich

                                                                                                                     3
Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  . 7

2. Die Entwicklung von Minergie .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  . 8

3. Die Nachfrage nach Minergie  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .                   12

4. Zahlungsbereitschaft für Minergie-Mietwohnungen .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  14

5. Schlussfolgerungen  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  15

Executive Summary

Der Minergie-Standard ist seit der Lancierung 1998                            reiche, urbane, deutschsprachige Gemeinden ten-
auf erfolgreichem Kurs. Insgesamt wurden bisher                               denziell eine höhere Minergie-Dichte als weniger
rund 15 000 Gebäude nach Minergie, Minergie-P                                 wohl­habende, ländliche, französisch- oder italie-
oder Minergie-Eco gebaut oder modernisiert.                                   nischsprachige Gemeinden.
­Damit hat Minergie im internationalen Vergleich                              In einer Marktbetrachtung lautet die zentrale ­Frage
 die Nase vorn: Mit 15 Prozent Anteil am Neubau                               aber: Lohnt sich Minergie auch finanziell? Die ­erste
 ist Minergie weltweit das wohl am besten umge­                               Minergie-Marktanalyse aus dem Jahr 2008 hat
 setzte Energie- oder Nachhaltigkeitslabel. Vor die-                          empirisch nachgewiesen, dass bei Trans­aktio­nen
 sem Hintergrund hat die vorliegende Marktanalyse                             ein Aufpreis von 7 Prozent bei Ein­familien­häusern
 der ZKB zum Ziel, die Entwicklung differenziert zu                           und 3,5 Prozent für Stockwerkeigentum für
 betrachten. So zeigt sich beispielsweise, dass sich                          ­Min­ergie bezahlt wird. Die Zahlungsbereitschaft
 der Boom auf Wohngebäude und den Neubau­                                      der Mieter wird mit der jetzt vorliegenden Studie –
 bereich bezieht.                                                              wiederum mit einer einzigartigen Daten­grund­lage
 Die Studie zeigt auch, dass die regionalen Unter-                             – untersucht. Die gute Nachricht für Inves­to­ren:
 schiede innerhalb der Schweiz beträchtlich sind.                              Mieter sind bereit, eine Prämie von rund 6 Prozent
 Während sich Minergie in Städten wie Zürich und                               für Minergie-Wohnungen zu bezahlen. Für Mieter
 Winterthur bei Neubauten beinahe zum Stan-                                    geht die höhere Nettomiete mit tieferen Neben-
 dard entwickelt hat (mit einem Anteil am Neubau                               kosten einher. Allerdings bleiben die Brutto­mieten
 von 54 bzw. 44 Prozent im letzten Jahr), gibt es                              unter dem Strich teurer als für konventionelle Woh-
 immer noch Gemeinden, in denen kein einziges                                  nungen. Wird die Prämienentwicklung über die
 Minergie-Gebäude steht. Die Treiber hinter dieser                             letzten Jahre betrachtet, zeichnet sich ganz klar ein
 hetero­genen regionalen Verteilung werden auch                                Trend zur Angleichung der Mieten für ­Min­ergie-
 statistisch untersucht. Gemäss der Analyse haben                              und konventionelle Wohnungen ab.

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1. Einleitung                                            Entwicklung von Minergie
                                                         Im ersten Teil beschreibt sie die rasante Entwick-
Ein Jahrzehnt ist soeben zu Ende gegangen. ­Woran        lung des Minergie-Labels in der Schweiz. Was vor
werden wir uns erinnern, wenn wir später an die          nur fünf Jahren eine Seltenheit war, ist mancherorts
Nullerjahre zurückdenken? An die ersten Tage des         die Regel geworden. Dennoch be­stehen nach wie
iPhones, an die Triumphe von Roger Federer – und         vor überraschend grosse regio­nale Unterschiede,
an die Etablierung von Nachhaltigkeit als Mega­          die eingehend analysiert werden. Weiter blickt die
trend. Der Begriff «Nachhaltigkeit» ist nicht nur        Studie über die Landesgrenzen hinaus und ver-
ein fester Bestandteil beinahe jeder öffentlichen        gleicht die Funktionsweise und die Verbreitung der
Rede geworden. Das neu gewachsene Bewusstsein            bekanntesten «green building»-Labels auf interna-
für Nachhaltigkeit wird unsere Städte, unser Kon-        tionaler Ebene.
sumverhalten, sprich unser Alltagsleben, verän-
dern. Nirgends ist dies besser sichtbar als auf dem      Nachfrage nach Minergie
­Schweizer Immobilienmarkt. Für zahlreiche institu-      Der zweite Teil der Studie ist den Treibern der Nach-
 tionelle Inves­toren wie Pensionskassen und Immo-       frage nach energieeffizienten Wohnungen gewid-
 bilienfonds sind Kriterien wie Nachhaltigkeit und       met. Wer kauft oder mietet Minergie-Wohnungen?
 Energie­effizienz in den letzten Monaten ins Zent-      Ist die Verbreitung des Labels eher mit gesellschaft-
 rum ihrer Investitionsentscheidungen vorgerückt.        lichen Faktoren wie die politische Einstellung oder
 Was die Immobilienprofis heute vollziehen, ­haben       die Zugehörigkeit zu einer Sprachregion oder mit
 sich die Einfamilienhaus-Besitzer und die öffentli-     unterschiedlichen ökonomischen Gegebenheiten zu
 che Hand seit Längerem zu eigen gemacht. Es sind        erklären? Welche Rolle spielt beispielsweise die Ein-
 mehrheitlich private Eigentümer, die seit 1998 in ein   kommenssituation für die Investitionsentscheidung
 energieeffizientes Gebäude investiert haben. Die        der Haushalte?
 private Nachfrage hat also wesentlich zum Min­
 ergie-Boom beigetragen. Heute sind schweizweit          Zahlungsbereitschaft für Minergie-
 rund 15 000 Gebäude nach Minergie zertifiziert          Mietwohnungen
 – die Grauziffer der nicht zertifizierten ­Gebäude      Im dritten Teil gehen wir schliesslich auf die immo-
 ­dürfte um einiges höher liegen.                        bilienökonomischen Aspekte von Minergiewohnun-
                                                         gen näher ein. Wir erweitern die Analyse unserer
Schwerpunkte der Studie                                  ersten Studie zur Rentabilität von Minergie-Eigen-
Minergie ist das hierzulande bekannteste «green          heimen und -Stockwerkeigentum auf Mietobjekte.
building»-Label für Gebäude, die u. a. spezifische       Sind die Mieter bereit, einen Aufpreis für Minergie
Grenzwerte für den Energieverbrauch einhalten            zu zahlen? Gehen die Mehrinvestitionen zulasten
(siehe separater Kasten, Seite 8). In dieser Studie      der Rendite? Wie sieht es bei den Nebenkosten
illus­trie­ren wir den Nachhaltigkeitsboom am Bei-       aus, von denen die Energiekosten über 40 Prozent
spiel der Minergie-Mietwohnungen. Grundlage              ausmachen? Unterscheiden sie sich bei Minergie-
dafür ist ein einzigartiger Datensatz, der alle in der   Gebäu­den substanziell von jenen der konventionel-
Schweiz erstell­ten Minergie-Objekte umfasst. Als        len Gebäude?
repräsentativer Benchmark werden die Mietpreise
von über 200 000 Objekten verwendet. Die Studie
beleuchtet folgende drei Schwerpunkte:

                                                                                                           7
Was ist MINERGIE®?
Minergie ist ein Qualitätslabel für Neubauten und           gleichnamigen Verein getragen wird. Mitglieder
modernisierte Altbauten aller Gebäudekategorien.            des Vereins sind die Kantone, der Bund, Schulen,
Im Vordergrund steht der Komfort für die Nutzer.            Verbände, Firmen und Einzelpersonen.
Typisch für Gebäude im Minergie-Standard ist die
besonders gute Wärmedämmung sowie eine syste-               Ambitiöse Erweiterungsmodule
matische Lufterneuerung. Da der Energieverbrauch            Das Minergie-Label beinhaltet drei Standards:
eines Gebäudes Rückschlüsse über dessen Qualität            Minergie steht für die breite Anwendung im Neu-
zulässt, nutzt man die sogenannte Energiekennzahl           bau- und Modernisierungsmarkt. Davon hebt sich
(kWh/m 2), um zu beurteilen, ob ein Neubau oder             der deutlich ambitiösere Standard Minergie-P ab.
eine Sanierung dem Minergie-Standard entspricht.            Minergie-Eco zeichnet zertifizierte Minergie- und
Als Mass für die Bewertung dient der Wärmeener-             Minergie-P-Bauten zusätzlich bez. der Verwen-
giebedarf für Heizung und Wassererwärmung je                dung von ökologischen Baumaterialien aus.
Quadratmeter beheizte Wohnfläche. Die Träger-
schaft Minergie ist eine geschützte Marke, die vom          Quelle: Verein Minergie

2. Die Entwicklung von Minergie                             Minergie: Boom oder Marathon?
                                                            Seit 2004 hat sich die Zahl der jährlich zertifi-
Der Minergie-Standard ist seit der Lancierung 1998          zierten Gebäude verdreifacht. Wurden vor fünf
auf erfolgreichem Kurs. Insgesamt wurden bis heute          Jahren nur 5 Prozent aller Wohnneubauten nach
(Januar 2010) rund 15 000 Gebäude nach Minergie,            Minergie-­Standard erstellt, sind es heute schon
Minergie-P oder Minergie-Eco gebaut oder moder-             über 15 Prozent (siehe Abb. 1). Doch der Weg
nisiert. Aus der Tabellle 1 (Stand August 2009) wird        zum energie­effizien­ten Gebäudebestand ist noch
ersichtlich, dass der Grossteil dieser Bauten Wohn-         lang. Immobilien sind sehr langlebige Investitionen.
bauten sind (Mehrfamilienhäuser 29 Prozent und              Neubauten stellen jährlich nur einen kleinen Teil,
Einfamilienhäuser 62 Prozent). Nur jedes ­zehnte            etwa 1,5 Prozent, des Bestandes dar. So weist erst
Minergie-Objekt ist ein Nicht­wohn­gebäude. ­Diese          rund 1 Prozent ­aller Schweizer Wohngebäude ein
sind zu über 70 Prozent im Besitz der öffent­li­chen        Minergie-Zertifikat aus. Es wird seine Zeit dauern,
Hand (z.B. Schulen, Sportbauten und Verwaltung).            bis energie­effiziente Gebäude einen signifikanten
                                                            Anteil des Bestandes ­umfassen.
                                                            Wie lange noch? Eine Abschreibungsrate in der
                                                            Höhe der aktuellen Neubauinvestitionen von 1,5
                                                            Prozent pro Jahr entspricht der mittleren Lebens-
Tabelle 1                                                   dauer einer Liegenschaft von fast 45 Jahren. Schät-
Minergie-Häuser in der Schweiz nach                         zungsweise wurde über die Hälfte der Gebäude vor
Gebäudekategorie                                            dem ersten Ölpreisschock von 1973 gebaut und
                                                            weist eine im Vergleich zu den heutigen Standards
                                      Anzahl   In Prozent   deutlich tiefere Energieeffizienz aus. Seit dem Öl-
Wohnen EFH                             7 810         62%    preisschock hat sich der Energieverbrauch von Neu-
Wohnen MFH                             3 745         29%    bauten als Folge der gestiegenen Energiepreise, der
Andere Gebäude                         1 101          9%
                                                            Verbesserung der Wärmedämmtechnik und nicht
         Davon Verwaltung                432
                                                            zuletzt der Einführung und Aktualisierung von Nor-
               Schulen                   308
               Sportbauten                73
                                                            men, Wärmedämm- und Haustechnikvorschriften
Total                                 12 656      100%      in etwa halbiert.3
                                                            Demzufolge besteht bei den Renovationen von
Quelle: Verein Minergie, Stand August 2009
                                                            Gebäuden, die vor 1975 gebaut wurden, nach wie
Anzahl Zertifikate; Mehrfachnutzungen/Bauvorhaben (Neu-
bau, Sanierung) wurden in der Tabelle zusammengefasst,      vor ein grosses Energiesparpotenzial. Im Vergleich
wobei Nutzungsart/Bauvorhaben mit der grössten Energie­
bezugs­fläche verwendet wurde. 652 Zertifkate haben ≥ 2     3
                                                                Energieplanungsbericht 2006 – Bericht des Regierungsrates
Nutzungs­arten/Bauvorhaben.
                                                                über die Energieplanung des Kantons Zürich.

 8
Abbildung 1                                                                            Grosse regionale Unterschiede
Anzahl Minergie-Wohnneubauten und Anteil                                               Die geografische Verteilung der Minergie-Häuser
Minergie an den Gesamtwohnneubauten in der                                             in der Schweiz zeigt ein sehr heterogenes Bild.
Schweiz pro Jahr                                                                       Die meisten Minergie-Häuser stehen in der Nord-
                                                                                       und Nordostschweiz und in den Städten Bern und
3000                                                                             18%
                 Anzahl Minergie-                                                      Genf. Dieser Befund ist allerdings zumindest zum
                                                                                 16%
2500             Wohnneubauten absolut                                                 Teil ein Spiegel der allgemeinen Bautätigkeit. Um
                                                                                 14%
                 Anteil Minergie-Wohnneubauten                                         die Umsetzung von Minergie besser beurteilen zu
2000             am Gesamtwohnneubau                                             12%
                                                                                       können, bietet es sich an, den Anteil an Minergie-
                                                                                 10%
1500                                                                                   Wohnneubauten bei den Neubauten zu betrachten.
                                                                                 8%
                                                                                       Dieser ist – über den Zeitraum 1998 bis 2008 – im
1000                                                                             6%
                                                                                 4%
                                                                                       Raum ­Zürich mit ca. 20 Prozent am höchsten ­(siehe
    500
                                                                                 2%
                                                                                       Abb. 3). Hohe Anteile verzeichnen weitere Zür-
     0                                                                           0%
                                                                                       cher Regionen wie z.B. das Knonaueramt und die
                                                                                       ­Region Winterthur. Auch in Touris­mus­gebie­ten im
          1999

                  2000

                         2001

                                2002

                                       2003

                                              2004

                                                     2005

                                                            2006

                                                                   2007

                                                                          2008
                                                                                        Wallis und in Graubünden war jeder ­zehnte Neu-
Quelle: Verein Minergie, Bundesamt für Statistik,                                       bau der letzten Dekade ein Minergie-Bau (Leuk,
Berechnungen ZKB                                                                        Davos und Zermatt). Regionen mit sehr tiefem Min­
                                                                                        ergie-Bauanteil (unter 2 Prozent) sind das Tessin,
                                                                                        der Bereich rund um den Genfersee und der J­ ura.
zu den Neubauten ist der Anteil an Minergie­                                            Generell fällt auf, dass der Minergie-Anteil in der
zertifizierten Sanierungen allerdings bedeutend                                         Deutschschweiz höher ist als in der Westschweiz
kleiner. 2008 machte dieser bloss 9 Prozent der Zer-                                    und im Tessin. In der Deutschschweiz wurde 2008
tifizierungen aus. Geht man davon aus, dass es in                                       jedes fünfte Wohngebäude nach Minergie-­Standard
der Schweiz jährlich ungefähr so viele umfassende                                       errichtet, in der Französisch bzw. Italienisch spre-
Sanie­rungen wie Neubauten gibt, liegt der «Markt-                                      chenden Schweiz hingegen nur jeder 12. bzw. 14.
anteil» von Minergie bei Sanierungen ungefähr bei                                       Neubau. Es scheint ein Minergie-Röstigraben zu
1 Promille. Allerdings gibt es bezüglich Sanierungen                                    existieren. Dies deckt sich mit den Resultaten der im
zwischen Wohn- und anderen Gebäuden grosse                                              Vorwort erwähnten Unternehmensbefragung, wel-
Unterschiede. Der Anteil an Modernisierungen ist                                        che aufzeigte, dass Deutschschweizer Unternehmen
bei Nicht-Wohngebäuden dreimal höher als bei                                            dem ­Thema «Nachhaltigkeit» im Zusammenhang
Wohngebäuden (siehe Abb. 2). In diesem Segment                                          mit ihren Betriebs­immo­bilien ein höheres Gewicht
ist der Einfluss der öffentlichen Hand besonders                                        beimessen als Westschweizer Unternehmen.
spürbar. Der Bund und die meisten Kantone haben
sich in den letzten Jahren zum Ziel gesetzt, öffentli-
che Bauten ausschliesslich nach Minergie-Standard                                      Abbildung 2
zu bauen und zu renovieren.4                                                           Anzahl Minergie-Gebäude in der Schweiz
                                                                                       (Total, Stand 2008)
Reichlich Fördergelder für Sanierungen                                                 12 000
Für private Bauherren gibt es Fördergelder aus zahl-                                                                          Modernisierung
reichen Förderprogrammen für energieeffizientes                                                                               Neubau
                                                                                       10 000            7%
Bauen. Die Kantone (mittels kantonaler Förder­
gelder), der Bund (mit dem nationalen Ge­bäude­
                                                                                        8000
programm), aber auch Banken (mit zinsvergüns-
tigten Hypotheken) unterstützen und fördern das
Bauen und Modernisieren nach Minergie-Standard.                                         6000
                                                                                                         93%
Sanierungen werden dabei am stärksten gefördert.
                                                                                        4000

                                                                                        2000
                                                                                                                              22%
                                                                                                                               78%
4
    Grossverbraucher Bund, Jahresbericht 2007 für Energie                                  0
                                                                                                       Wohnen             Nicht-Wohnen
    Schweiz; Energieplanungsbericht 2006 – Bericht des Regie-
    rungsrates über die Energieplanung des Kantons Zürich.                             Quelle: Verein Minergie

                                                                                                                                          9
Abbildung 3
Anteil Minergie an Gesamtwohnneubauten nach Regionen (1998–2008)

1998–2008
      0% – 2%
       2% – 4%
       4% – 6%
       6% – 9%
       9% –12%
     12% – 15%
     15% – 20%

Quelle: Verein Minergie, Bundesamt für Statistik, ZKB

Winterthur und Zürich:                                  Tabelle 2
Minergie ist zur Regel geworden                         Top-Minergie-Städte in der Schweiz (2004–2008)
In den Städten Genf und Zürich wurde im Schnitt
                                                                                     Anteil an       Anzahl Minergie-
der letzten fünf Jahre ein beeindruckendes Drit-        Rang   Stadt            Wohnneubauten        Wohnneubauten
tel aller Neubauten im Minergie-Standard erstellt.      1      Genf                    34,5%                      39
Auf Platz drei folgt die Stadt Bern mit rund 20 Pro-    2      Zürich                  33,2%                     249
zent ­Anteil Minergie am Neubau, gefolgt von den        3      Bern                    19,8%                      26
Städten Winterthur und Luzern mit je rund 15 Pro-       4      Winterthur               15,1%                     97
zent. Das Schlusslicht der Schweizer Grossstädte        5      Luzern                  14,7%                      22
bilden ­Lugano und ­Lausanne. Im Jahr 2008 ­waren       6      Basel                     8,5%                       9
                                                        7      St. Gallen                8,4%                     18
Minergie-Neubauten in Zürich und Winterthur
                                                        8      Lugano                    3,1%                     10
­sogar beinahe die ­Regel. Ihr Anteil lag bei 54 bzw.
                                                        9      Lausanne                  1,2%                       4
 44 Prozent. Die Stadt Genf ist in der französischen
                                                        Quelle: Verein Minergie, Bundesamt für Statistik,
 Schweiz eine Ausnahme und erzielte durch eine          Berechnungen ZKB
 hohe Minergie-Bautätigkeit fast ausschliesslich in
 den Jahren 2007 und 2008 im Mehrfamilienhaus-
 Segment eine Bestnote.

10
Minergie weltweit Spitze bei der Umsetzung                         effizienz, Energie und Atmosphäre, Materialien und
Das Interesse an Minergie im Ausland ist gross. Der                Ressourcen, Luftqualität innen, Innovation). Je nach
Verein Minergie startet zurzeit die Einführung des                 Gesamtresultat wird es anschliessend den Katego-
Labels auf dem internationalen Markt. Mit Masdar                   rien Certified, Silver, Gold oder Platinum zugeteilt.
City entsteht in der Nähe von Abu Dhabi (Verei-                    BREEAM, Green Star und CASBEE funktionieren
nigte Arabische Emirate) mit der ersten Ökostadt                   ebenfalls nach einem Punktesystem.
der Welt ein Pilot-Projekt (swiss-village.ch). Für die             Von diesen Labels haben nur BREEAM und LEED
internationale Markteinführung verlässt sich der                   einen nennenswerten Marktanteil errreicht. In den
Verein auf Partner und strebt die Zusammenarbeit                   USA haben 2008 6 Prozent der Kommerzflächen
mit lokalen Behörden und Fachleuten an. Mit einem                  das LEED-Label angestrebt.5 Allerdings sind die
französischen Partner besteht seit 2006 ein Lizenz-                Anteile an tatsächlich erstellten nachhaltigen Ge-
vertrag, 78 Neubauten sind in Frankreich Minergie-                 bäuden (2 700 seit 1998) immer noch lediglich ein
zertifiziert. Zusätzlich sind Verhandlungen mit den                Bruchteil der jährlich erstellten Neubauten (170 000
USA, Schweden und Polen im Gange.                                  kommerziell genutzte Bauten pro Jahr). Auch in
Auf internationaler Ebene gibt es jedoch Konkur-                   Grossbritannien sind die nachhaltigen Gebäude in
renz. Weltweit wurden zahlreiche «green-building»-                 der Minderheit. Schätzungsweise 0,4 Prozent des
Labels oder Nachhaltigkeitslabels entwickelt. Der                  Gebäudebestandes ist BREEAM-zertifiziert.6 ­Damit
Minergie-Standard ist im Vergleich zu anderen                      hat Minergie mit einem Anteil von rund 1 Prozent
­Labels nicht in verschiedene Qualitätsstufen ein-                 am Bestand der Wohngebäude weltweit wohl
 teilbar (siehe Tab. 3). Um den Minergie-Standard                  die höchste Umsetzungsrate aller Energie- und
 zu erfüllen, müssen die Grenzwerte aller Kriterien                ­Nachhaltigkeitslabels.
 ­erreicht werden. Das aus den USA stammende
                                                                   5
                                                                       Hoffman, A. J. & Henn, R. (2008): Overcoming the Social
  LEED-System hingegen funktioniert nach einem
                                                                       and Psychological Barriers to Green Building. Organization &
  Punktesystem. Ein Gebäude erhält für alle Kriterien                  Envi­ron­ment, 21, 390 – 419.
  eine einzelne Bewertung (nachhaltige Lage, Wasser­               6
                                                                       Gemäss Berechnungen ZKB.

Tabelle 3
Internationale Labels für nachhaltiges Bauen

                   Minergie          BREEAM            LEED                DGNB                 Green Star        CASBEE
Gründungsjahr      1998              1990              1998                2008                 2003              2003
Herkunftsland      Schweiz           UK                USA                 Deutschland          Australien        Japan
Zertifizierte      15 000            110 000           2 700               78                   211               80
Gebäude*
Wohngebäude        92%               98%               30%                 0%                   0%                N/A
Zertifizierungs-   CHF                                 CHF                 CHF
kosten             750 – 20 000      ca. CHF 7 000     2 300 – 24 000      15 000 – 41 000      ab CHF 5 700      ab CHF 3 700
Bewertungs-        Minergie          Bestanden         Certified           Bronze               1– 6 Sterne       C, B-, B+, A, S
skala              Minergie-Eco      Gut               Silver              Silber
                   Minergie-P-Eco    Sehr Gut          Gold                Gold
                                     Exzellent         Platinum
Bewertete          – Gebäudehülle   – Management     – Nachhaltige      – Ökologische,      – Management     Energie-,
­Kriterien         – Frischluft/    – Gesundheit/       Lage                ökonomische,      – Luftqualität   Ressourcen­
                     Lüftung            Wohlbefinden – Wasser­               technische,         innen           effizienz,
                   – MINERGIE®-     – Energie           effizienz           soziokulturelle   – Energie        lokale Umwelt,
                     Grenzwert       – Transport      – Energie &           und funktio­      – Transport      ­Innenraum
                     (Energie)       – Wasser            Atmosphäre          nale Qualität     – Wasser
                   – Thermischer    – Materialien &  – Materialien &    – Prozess-          – Materialien
                     Komfort            Abfall            Ressourcen          und Standort­     – Emissionen
                   – Gebäude­       – Bodennut-      – Luftqualität        qualität          – Bodennut-
                     technologie        zung/Ökologie     innen                                   zung/Ökologie
                   – Mehrkosten**   – Luftverschmut- – Innovation                            – Innovation
                                        zung

Zahlen von         12/09             12/09             04/09               12/09                12/09             08/09
der j­eweiligen
­Internetseite
*
     BREEAM (> 500 000) und LEED (20 200) weisen zusätzlich die registrierten Gebäude aus.
**
    	Minergie-P-Eco zusätzliche Kriterien: Licht, Innenraum, Luftqualität innen, Ressourcen, Emissionen, Recycling; erneuerbare
      ­Energien, Luftdichtigkeit, Haushaltsgeräte.

                                                                                                                                    11
3. Die Nachfrage nach Minergie                          Diese Hypothesen werden hier statistisch über-
                                                        prüft. Zu diesem Zweck wurden entsprechende Da-
Auch wenn in mehr als der Hälfte der Schweizer          ten zu jeder Schweizer Gemeinde gesammelt. Die-
Gemeinden bereits ein Minergie-Gebäude steht,           se Daten umfassen die Anzahl der zwischen 1998
ist ihr Anteil am Neubau, wie Kapitel 2 zeigt,          und 2008 neu erstellten Wohnungen, Angaben
von ­Gemeinde zu Gemeinde sehr unterschied-             zum steuer­pflichtigen Reineinkommen der Haus-
lich. So wurde in der Lausanner Vorortsgemeinde         halte und verschiedene Angaben zur Demografie,
­Epalinges, die über 8 000 Einwohner zählt, bis Ende    Sprache und Lage der Gemeinde. Zudem wurde
 2008 noch kein einziges Minergie-Wohnhaus ge-          ein «Grün-Index» als Indikator für die Einstellung
 baut. Zum gleichen Zeitpunkt hatte in der Stadt        der Wähler in der Gemeinde zu umwelt- und ener-
 Genf über ein Drittel der neuen Wohngebäude das        giebezogenen Themen gebildet. Dieser Index ba-
 Minergie-­Zertifikat erhalten. Ist zu erwarten, dass   siert auf den Ergebnissen von vier eidgenössischen
 Minergie nur ein Thema für Grossstädte bleiben         Volksabstimmungen7 und den letzten Nationalrats-
 wird? Welches sind die Treiber der Nachfrage nach      wahlen im Jahr 2007. Er ist ein Versuch, die Sensibi-
 energieeffizienten Gebäuden, und worauf lassen         lität der Gemeinden für «grüne» Themen zu quan-
 sich die grossen Unterschiede zurückführen?            tifizieren. Die Tabelle 4 listet jene Gemeinden auf,
                                                        in denen gemäss Index die «grünen» Themen ein
Die stärksten Treiber der Minergie-Bautätigkeit         besonderes Anliegen der Wähler sind. Es erstaunt
Verschiedene Hypothesen sind denkbar, angefan-          nicht, dass sich die grössten Schweizer Städte, allen
gen bei der Annahme, dass Minergie-Gebäude              voran Bern, Zürich, Basel und Lausanne unter den
eher von Personen gebaut/gekauft werden, die            Top-Ten der «grünsten» Gemeinden befinden. Um
ökologisch eingestellt sind. Entsprechend müss-         die Hypo­thesen zu überprüfen, wurde mittels eines
ten «grüne» Gemeinden eine höhere Dichte an             ökonometrischen Modells (Zero-Inflated Poisson
Minergie-Gebäuden aufweisen. Als zweite Hypo-           Regres­sion) auf Gemeindeebene der Zusammen-
these ist auch denkbar, dass die private Nachfrage      hang zwischen Minergie-Dichte auf der einen ­Seite
nach energieeffizienten Gebäuden mit steigendem         und der Bautätigkeit, des «Grün-Indexes», des
Einkommen zunimmt. Im Jargon der Ökonomen               Einkommens, des Urbanisierungsgrades und der
ausgedrückt: Nachhaltigkeit ist ein ein­kommens­        Sprachregion auf der anderen Seite geschätzt.8
elastisches Gut. Darüber hinaus zeigt die deskrip-
tive Analyse in Kapitel 2, dass die Minergie-Dichte     Einkommen wichtiger als Einstellung
in Städten höher ist als in ländlichen Gebieten und     Die Resultate der Schätzungen, die in der ­Tabelle
in der Deutschschweiz höher als in der Romandie.        5 zusammengefasst sind, zeigen deutlich auf, dass
Damit lassen sich Urbanität und kulturelle Unter-       die Einkommenssituation einen entscheidenden
schiede als Determinanten der Minergie-Nachfrage        Einfluss auf die Anzahl der Minergie-Gebäude in
postulieren.                                            einer ­Gemeinde aufweist.9 Unter sonst gleichen
                                                        Bedingungen (d. h. bei gleicher demografischer
                                                        Verteilung, gleicher gesellschaftspolitischer Einstel-
                                                        lung usw.) weist eine Gemeinde mit einem hohen
                                                        Einwohneranteil in der obersten Einkommensklasse
Tabelle 4                                               eine markant höhere Rate an Minergie-Bauten auf.
Die zehn Gemeinden mit den höchsten
Grün-Index-Werten                                       7
                                                            Volksabstimmungen: 24. September 2000: Verfassungs­
                                                            artikel über eine Energielenkungsabgabe für die Umwelt;
Rang       Stadt                   Kanton                   18. Mai 2003: Volksinitiative «Strom ohne Atom – Für eine
1          Bern                    BE                       Energie­wende und die schrittweise Stilllegung der Atom-
2          Zürich                  ZH                       kraftwerke»; 18. Mai 2003: Volksinitiative «Für einen auto-
                                                            freien Sonntag pro Jahreszeit – ein Versuch für vier Jahre»;
3          Basel                   BS
                                                            30. Novem­ber 2008: Volksinitiative «Verbandsbeschwerde-
4          Arlesheim               BL
                                                            recht: Schluss mit der Verhinderungspolitik – Mehr Wachs-
5          Dornach                 BL                       tum für die Schweiz!»
6          Carouge                 GE                   8
                                                            In Anlehnung an Kahn, Matthew E. and Vaughn, Ryan K.
7          Sissach                 BL                       (2009): Green Market Geography: The Spatial Clustering
8          Lausanne                VD                       of Hybrid Vehicles and LEED Registered Buildings, The B.E.
9          Genf                    GE                       Journal of Economic Analysis & Policy: Vol. 9 : Iss. 2 (Contri-
10         Luzern                  LU                       butions), Article 2.
                                                        9
                                                            Die detaillierten statistischen Ergebnisse können direkt bei
Bemerkung: mit mehr als 5 000 Einwohnern                    den Autoren bezogen werden.

12
Um dies zu verdeutlichen, können wir die Anzahl            Bei gegebenem Einkommen und Wert des «Grün­
der Minergie-Gebäude in der 25-Prozent reichs-             Indexes» haben Kernstädte eine um 70 Prozent
ten Gemeinde (also in der Gemeinde, die reicher            ­höhere Minergie-Dichte als die übrigen Gemeinden.
als drei Viertel aller Schweizer Gemeinden ist) mit         Offensichtlich sind die städtischen Bauherren – un-
derjenigen der Mediangemeinde vergleichen. Die              abhängig von ihrer umweltpolitischen Einstellung –
Mediangemeinde ist jene Gemeinde, die sich genau            deutlich sensibilisierter auf die Frage der Energie­
in der Mitte der nach dem Einkommen geordneten              effizienz als die ländlichen. Die demografische
Gemeinde­rang­liste befindet. Nach unserer Analyse          Struktur der Bevölkerung hingegen wirkt sich nur
ist in der 25-Prozent reichsten Gemeinde die ­Anzahl        leicht auf die Minergie-Dichte aus. Steigt der Anteil
der Minergie-Gebäude gut 51 Prozent höher als in            der 20- bis 39-Jährigen an der Gesamtbevölkerung
der Mediangemeinde.                                         um 2 Prozent zulasten der höheren Altersklassen –
                                                            was in der demografisch homogenen Schweiz eine
                                                            starke Zunahme bedeutet – ist mit einer Zunahme
Tabelle 5                                                   der Anzahl an Minergie-Gebäuden um 10 Prozent
Determinanten der Minergie-Nachfrage                        zu rechnen.
in den Schweizer Gemeinden
                                                           Minergie-Röstigraben statistisch belegt
Variable                       Wirkung einer Stärke des
                               Zunahme       Einflusses
                                                           Es ist die Zugehörigkeit zur Sprachregion, welche,
Einkommen (Anteil der          Positiv       Stark         zusammen mit dem Einkommen und der Urbani-
natürlichen Personen mit                                   sierung, den grössten Beitrag zur Bestimmung der
steuerbarem Reineinkommen
> CHF 75 000)                                              Dichte an Minergie-Bauten ausübt. Der im Kapi-
Kernagglomeration              Positiv        Stark        tel 2 diagnostizierte Minergie-Röstigraben lässt
Deutschschweiz                 Positiv        Stark        sich nur marginal auf Unterschiede in der demo-
Bautätigkeit                   Positiv        Stark        grafischen Struktur oder im Einkommensniveau
Alter Bevölkerung              Positiv        Mittel       zwischen der Deutschschweiz und den anderen
(Anteil Bevölkerung zwischen
20 und 39 Jahren)                                          Sprachregionen zurückführen. Obschon 29 Pro-
«Grün-Index»                   Positiv        Schwach      zent der ­Romands und nur 25 Prozent der Deutsch-
Bemerkung: Sämtliche Koeffizienten sind statistisch hoch   schweizer ein steuer­pflichtiges Rein­einkom­men
signi­fi­kant.                                             unter 40 000 Franken versteuern, vermögen die-
                                                           ser und die weiteren beobachtbaren Unter­schiede
                                                           zwischen den Sprachregionen nur etwa ein Zehn-
Überraschenderweise zeigt sich, dass ökolo-                tel der Schwankungen in der Minergie-Dichte zu
gisch eingestellte Gemeinden – gemäss unseren              ­erklären.
Schätzungen – nur eine leicht höhere Dichte an
­Minergie-Gebäude aufweisen.                               Zusammengefasst beeinflussen das Einkommen, der
 In der 25-Prozent «grünsten» Gemeinde (gemes-             Urbanitätsgrad und die Sprachregion die ­Dichte an
 sen an unserem Index) wurden nur etwas weniger            Minergie-Bauten am stärksten, die Umwelteinstel-
 als 8 Prozent mehr Minergie-Objekte gebaut als            lung und das Alter haben nur einen gering­fügi­gen
 in der Mediangemeinde. Gemeinden wie Zumikon              Einfluss. Reiche, urbane, deutschsprachige Gemein-
 an der Zürcher Goldküste, Weinfelden im Kanton            den haben tendenziell eine höhere ­Minergie-Dichte
 Thurgau oder Saint-Blaise am Neuenburger See              als weniger wohlhabende, ländliche, französisch-
 sind Bei­spiele von Gemeinden, die der Hypothese          oder italienischsprachige Gemeinden. Die hier kurz­
 widersprechen: In diesen Gemeinden ist der Anteil         gefass­ten Ergebnisse zeigen, dass die Nachfrage
 von neuen Minergie-Bauten deutlich überdurch-             nach nachhaltigen Immobilien vielschichtig ist. Wie
 schnittlich – trotz tiefer Werte des «Grün-Indexes».      bei anderen nachhaltigen Produkten erfolgt die
 Es ist zu bemerken, dass der Einfluss der gesell­         Entscheidungsfindung der Konsumenten offen­
 schafts­poli­tischen Einstellung komplex ist und sich     sicht­lich nicht nur entlang einer einfachen ideo-
 mit unse­rem eindimensionalen «Grün-Index» nur            logischen Dimen­sion. Neben diesen «weichen»
 teilweise abbilden lässt.                                 Faktoren, spielt die Einkommenssituation eine ent­
                                                           schei­dende Rolle. Nachhaltigkeit als Produkt stellt
Urbanisierung als zentraler Treiber                        somit ein ­gutes Beispiel eines «einkommenselasti-
Die Tatsache, ob die Gemeinde die Kernstadt einer          schen ­Gutes» dar: ein Gut, dessen Nachfrage im
städtischen Agglomeration bildet, wirkt sich hin­          Vergleich zu den übrigen Gütern mit steigendem
gegen sehr deutlich auf die Minergie-Dichte aus.           Wohlstand an Bedeutung zunimmt.

                                                                                                             13
4. Zahlungsbereitschaft für                                            scheinlich, dass der Nachmieter die investierten
   Minergie-Mietwohnungen                                              Kosten vollständig zurückerstattet.

Dieses Kapitel wendet sich dem dritten Schwer-                         Grosse Stichprobe
punkt dieser Arbeit zu, nämlich der Frage nach dem                     Zur Beurteilung der Marktakzeptanz steht eine
Zusammenhang von energiesparenden Investitio-                          Stichprobe von fast 13 000 Mietangaben von neu
nen mit dem Minergie-Label und Mietpreisen. Sind                       erstellten Wohnungen aus der ganzen Schweiz zur
die Mieter bereit, für den Minergie-Standard einen                     Verfügung, die zwischen 2002 und 2009 auf dem
Aufpreis zu bezahlen? Dazu eine einleitende Bemer­                     Internetportal homegate.ch zur Erstvermietung
kung: In diesem Kapitel wird ein gewisses Mass an                      ange­boten wurden. Darunter fallen 1 173 Minergie-
«Konsumentensouveränität» der Mieter vorausge-                         ­Objekte. Es werden nur Erstvermietungen unter-
setzt. Wir gehen davon aus, dass Haus­halte über                        sucht, weil der Vergleich von Bestandeswohnungen
einen Entscheidungsspielraum bei der Wahl von                           zu Verzerrungen führt: Da es das Minergie-Label erst
Wohnung und Wohnort verfügen. Der Wohnungs-                             seit 1998 gibt, ist die Dauer seit der Erstellung bzw.
markt muss einigermassen liquid sein, damit die                         der letzten Sanierung im Durchschnitt des ­Bestands
Unterschiede in den Neumieten auf die Zahlungs-                         viel höher als bei den Minergie-Gebäuden. Die
bereitschaft der Neumieter zurückgehen.10                               folgende Tabelle fasst die wichtigsten Kenn­zahlen
                                                                        der untersuchten Mietwohnungen zusammen. Wir
Hedonisches Modell zur Ermittlung                                       vergleichen diese zudem mit der Grundgesamtheit
der Zahlungsbereitschaft                                                aller zur Vermietung angebotenen Objekte.
Wie bereits die Studie «Minergie macht sich be-
zahlt», stützt sich dieses Kapitel auf die hedonische
Methode. Diese geht davon aus, dass jedes Haus als                     Tabelle 6
ein Bündel von einzelnen Eigenschaften verstanden                      Minergie-Erstvermietungen (2002–2009)
werden kann wie beispielsweise Grösse, Qualität                        im Vergleich
der Architektur oder der Haustechnik, Zustand und
                                                                                           Minergie Konventionell Grundgesamt-
Qualität der Lage. Diese Eigenschaften schaffen für                                       (Neubau)      (Neubau) heit (Bestand)
die Einwohner einen Nutzen, der sich entsprechend                      Bruttomiete in CHF CHF 2 740    CHF 2 564     CHF 1 587
in einer höheren Zahlungsbereitschaft für eine be-                     Nettomiete in CHF CHF 2 505     CHF 2 331     CHF 1 400
stimmte Immobilie ausdrückt. Der Wert, den die                         Nebenkosten in CHF CHF 235        CHF 233       CHF 187
Käufer jeder einzelnen Eigenschaft beimessen, lässt                    Neben­kosten in %      8,6%          9,1%         12,4%
                                                                       der Brutto­miete
sich durch eine geeignete statistische Analyse der
                                                                       Wohnfläche in m2         118           113            80
Mietpreise ermitteln – also auch der Wert einer
                                                                       Anzahl Zimmer            3,8           3,7            3,1
energieeffizienten Haustechnik oder einer hoch-                        Anzahl Beobach-        1 173       11 757        223 327
wertigen Gebäudehülle, wie sie zur Erreichung des                      tungen
Minergie-Labels notwendig ist.
Dabei ist zu beachten, dass dieser Wert nicht not-
wendigerweise mit den Kosten, welche für die                           Höhere Nettomieten, tiefere Nebenkosten
besagte Haustechnik aufgewendet wurden, über-                          für Minergie
einstimmen muss. Es ist durchaus denkbar, dass                         Die typische neue Minergie-Wohnung ist eine
gewisse Investitionen aus Sicht der Käufer «über-                      Etagen­wohnung mit vier Zimmern und einer mitt-
flüssig» sind. Man denke beispielsweise an eine                        leren Wohnfläche von 118 Quadratmetern. Die
teure Verkabelung, welche ein passionierter HiFi-                      ­Miete beträgt durchschnittlich CHF 2 740, Neben­
Fan in seiner Wohnung verlegt hat, die aber für den                     kosten inklu­sive. Die durchschnittliche kon­ven­
durchschnittlichen Konsumenten wohl nur mässi-                          tio­nelle Wohnung ist etwas günstiger (CHF 2 564
gen Nutzen bringt. Es ist entsprechend unwahr-                          pro Monat), ein bisschen kleiner und hat leicht
                                                                        ­höhere ­Nebenkosten. Der Nebenkostenanteil neuer
10
      Die Tatsache, dass der Leerstand in gewissen Gemeinden –
                                                                         ­Gebäude ist allgemein deutlich tiefer als bei ­bereits
     allen voran in den grösseren Städten – äusserst tief ist, steht
     nicht zwingend im Widerspruch mit unserer Annahme. Die               bestehenden Gebäuden, deren Kennzahlen wir
     urbanen Wohnungsmärkte sind wesentlich liquider, als es              zum Vergleich in der dritten Spalte wiedergeben.
     die Leerwohnungsziffer suggeriert. So standen in Zürich am           Lässt sich also behaupten, dass die Erreichung des
     1. Juni 2009 offiziell nur 108 Mietwohnungen leer. Am glei-
                                                                          Minergie-Labels zu einer um 10 Prozent höhe­
     chen Tag wurden jedoch über 1 200 Wohnungen (0,7 Pro-
     zent des Bestan­des) im Internet zur sofortigen Vermietung           ren Nettomiete führt? Nur wenn man sich an die
     ­angeboten.                                                          einfachen Durchschnittswerte halten würde. Die

14
­ ngebotsmieten, Adressen und Merkmale der
A                                                              Abbildung 4
Wohnungen lassen es nämlich zu, den separaten                  Prämie für Minergie im Vergleich zu
Einfluss eines Merkmals bei konstanter Qualität                konventionellen Wohnungen
­aller übrigen Merkmale zu messen.
                                                                                         20%

Minergie-Mieterträge rund sechs Prozent höher
Die Ergebnisse der entsprechenden Regressions-

                                                            In Prozent der Bruttomiete
                                                                                         15%
analyse sind in der Tabelle 7 zusammengefasst. Die
Nettomiete (d. h. ohne Nebenkosten) von neuen
Minergie-Wohnungen ist um 6,0 Prozent höher als
                                                                                         10%
jene von konventionellen Wohnungen – bei gege-
bener Lage, Grösse, Alter und Wohnungstyp. Dies
ist etwas weniger, als die unbereinigten Median­
                                                                                         5%
werte suggerieren. Demgegenüber stehen um 6,1
Prozent tiefere Nebenkosten, welche vorwiegend
auf den reduzierten Energiekonsum zurückzuführen                                         0%
sind. Damit ergibt sich für den Minergie-Mieter eine                                           2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009
rund 4,9 Prozent höhere Bruttomiete. In den Kanto-
nen Waadt und Genf sind die meisten Kosten nicht
separat ausgewiesen, sondern Teil der Grundmiete.
Um solche Verzerrungen auszuschliessen, wurde die              5. Schlussfolgerungen
Analyse nur mit Daten aus dem Kanton Zürich repli­
ziert. Mit einem Aufpreis von 5,3 Prozent auf die              Die Entwicklung von Minergie ist eine Erfolgs­
Gesamtmiete und einem Abschlag von 2,5 Prozent                 geschichte. Zudem ist Minergie international ­Spitze:
auf die Nebenkosten liefert die separate Analyse               Kein anderes Energie- oder Nachhaltigkeitslabel
der Zürcher Mietwohnungen ähnliche Ergebnisse.                 ­erzielt weltweit wohl eine bessere Umsetzung.
                                                                Nota­bene lässt sich das nicht darauf zurückführen,
                                                                dass das Label «schwach» und deshalb einfach zu
Tabelle 7                                                       erreichen ist. Im Gegenteil: Minergie setzt im inter­
Zahlungsbereitschaft für neue Minergie-                         natio­nalen Vergleich einen hohen Benchmark. Die
Mietwohnungen                                                   gute Umsetzung hat vielmehr damit zu tun, dass
                                                                das Label relativ einfach (inhaltlich, administrativ
            Schweiz                Kanton Zürich
                                                                und finanziell) und damit im internationalen Ver-
             In Prozent In Franken In Prozent In Franken
              der Miete pro Monat der Miete pro Monat           gleich praxistauglich ist – und in der Schweiz auf
Bruttomiete       4,9%    CHF 117        5,3%    CHF 136        eine entsprechende Nachfrage bei privaten, insti­tu­
Nettomiete        6,0%    CHF 132        6,2%    CHF 143        tio­nel­len und öffentlichen Investoren und Mietern
Nebenkosten     – 6,1%    CHF –14      – 2,5%     CHF – 6       stösst. Die immer geringeren Unterschiede zwi-
Bemerkungen: Mietpreisunterschied von Minergie-Miet­woh­        schen ­Minergie-Neubauten und den neuen nicht
nun­gen im Vergleich zu konventionellen Wohnungen               zertifizierten Gebäuden muss auch als ein Erfolg
                                                                des ­Labels betrachtet werden.
                                                                Minergie ist allerdings kein eigentlicher Nachhaltig-
Trend zur Angleichung der Mieterträge                           keits-, sondern primär ein Energie-Standard, auch
Eine Analyse der Entwicklung der «Minergie-                     wenn mit Minergie-Eco eine Ergänzung bezüglich
­Prämie» in der ganzen Schweiz über die Zeit zeigt              gesunder und ökologischer Bauweise verfügbar
 einen klaren Trend zur Angleichung der Mieterträge             ist. Die international verfügbaren Nachhaltigkeits-
 zwischen Minergie und konventionellen Wohnun-                  ­Standards (LEED, BREEAM usw.) sind aus verschie-
 gen (vgl. Abb. 4): In den Jahren 2002 bis 2005, am              denen Gründen auch nicht ohne Weiteres eine
 Anfang der untersuchten Periode, war sie mit durch-             Alter­na­tive. Immer häufiger wird deshalb der Ruf
 schnittlich 12,2 Prozent wesentlich höher als in den            nach einem umfassenden Nachhaltigkeitslabel in
 letzten drei Jahren, wo sie im Schnitt 5,7 Prozent              der Schweiz laut. Die vorliegende Studie hat ganz
 erreichte. Dies deckt sich mit unserem generellen               klar den Erfolg von Minergie bei der Umsetzung
 Eindruck, dass die Unter­schiede zwischen kon­ven­              aufgezeigt. Dies muss bei einer allfälligen Entwick-
 tio­nel­len Neubauten und Minergie-Wohnbauten                   lung eines Schweizer Nachhaltigkeitslabels berück-
 im Laufe der Zeit abgenommen haben.                             sichtigt werden.

                                                                                                                                    15
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