Digitale Hochschulbildung in Sachsen - Fachtagung - Studieren in Sachsen
←
→
Transkription von Seiteninhalten
Wenn Ihr Browser die Seite nicht korrekt rendert, bitte, lesen Sie den Inhalt der Seite unten
Inhaltsverzeichnis
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4 Erste Diskussionsrunde . . . . . . . . . . . 34
Grußwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 Digitale Hochschulbildung in Sachsen -
Best Practice Beispiele sächsischer
Hochschullandschaft in Sachsen. . . . . 8 Hochschulen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48
Podiumsbeiträge. . . . . . . . . . . . . . . . 10 1. Videocampus Sachsen. . . . . . . . . . . . . 49
Dr. Eva-Maria Stange 2. Open Engineering. . . . . . . . . . . . . . . . . 51
Sächsische Staatsministerin für
Wissenschaft und Kunst. . . . . . . . . . . . . 10 3. Flipped Classroom . . . . . . . . . . . . . . . . 53
Oliver Janoschka Digitales Lehren und Lernen an
Geschäftsstellenleiter Hochschulforum sächsischen Hochschulen. . . . . . . . . . . . 57
Digitalisierung, Stifterverband für die
Deutsche Wissenschaft. . . . . . . . . . . . . . 15 Podiumsdiskussion
Wie sind die sächsischen Hochschulen
Dr. Barbara Getto in der digitalen Hochschullehre heute
Leiterin Arbeitsbereich aufgestellt – wo geht es hin? . . . . . . 61
Hochschule.Digital, Learning Lab,
Universität Duisburg-Essen. . . . . . . . . . . 21 Zweite Diskussionsrunde . . . . . . . . . . 67
Markus Kreßler Teilnehmerinnen und Teilnehmer . . . . 79
Kiron Open Higher Education Berlin. . . . 28
Einen Clip zur Tagung finden Sie unter www.smwk.sachsen.de,
sowie unter: https://www.facebook.com/smwk.sachsen.de/
Gleichstellungshinweis
Ist zur besseren Lesbarkeit nur auf die weibliche
oder männliche Person Bezug genommen, so sind
damit immer beide Gruppen gemeint.
3Vorwort
Sachsens Hochschulen sind in der digitalen Welt Lernen, unterstützt inklusive Bildungsansätze und
angekommen. Sie verfügen über gute digitale In erhöht damit die Qualität und Chancengerechtig-
frastrukturen, die natürlich dem technischen Fort- keit unseres Bildungssystems. Wenn wir die Digi-
schritt immer angepasst werden müssen. Doch die talisierung an unseren Hochschulen erfolgreich
Technik ist das Eine. Wie die digitalen Möglichkei- voranbringen wollen, müssen wir auf diesem Weg
ten die Lehre und Bildung unterstützen können, ist viele mitnehmen – von den Lehrenden bis zu den
das Andere. Auch die akademischen Bildungsein- Studierenden. Um das Thema übergreifend zu dis-
richtungen müssen auf die rasanten Veränderun- kutieren und um die konkreten sächsischen Be-
gen in der Gesellschafts- und Arbeitswelt durch sonderheiten zu besprechen, haben wir alle Betei-
die Digitalisierung reagieren und sie können davon ligten der Hochschulen, der Berufsakademie, viele
profitieren. Die Fortschritte zur Umsetzung dieses Fachexperten und Abgeordnete des Sächsischen
Themas an den sächsischen Hochschulen sind auf- Landtages zu dieser Tagung ins Wissenschaftsmi-
grund unterschiedlicher Ansichten und Herange- nisterium nach Dresden eingeladen.
hensweisen aber noch sehr heterogen.
Allein seit 2001 wurden insgesamt mehr als 200
Die Digitalisierung in der Hochschulbildung ist eine Projekte zur Modernisierung der Lehre an sächsi-
neue Kernaufgabe der sächsischen Hochschulent- schen Hochschulen im Bereich E-Learning unter-
wicklung, denn der Einsatz digitaler Technologi- stützt. Das SMWK stellt allein in den Jahren 2017
en erleichtert individualisiertes und kooperatives und 2018 insgesamt 1,5 Millionen Euro dafür zur
4Verfügung. Allerdings benötigen sowohl die Hoch- Wie im Strategiepapier zur Digitalisierung in der
schuldidaktik als auch E-Learning eine gemeinsa- Hochschulbildung zusammengefasst wird, unter-
me Perspektive, um erfolgreich flächendeckend in stützen Angebote des Hochschuldidaktischen Zen-
den Hochschulen wirken zu können. Dringlichste trums Sachsen für die Lehrenden den Prozess des
Aufgabe ist es, die didaktischen Methoden auch Einsatzes digitaler Medien und dienen insbesonde-
beim Einsatz digitaler Medien zu verbessern und re der nachhaltigen Verbreitung durch die Kompe-
in die breite Anwendung zu bringen – Kooperatio- tenzentwicklung bei den Lehrenden. Gute Akzep-
nen zwischen den Hochschulen und Fachkulturen tanz finden die an den Hochschulen im Freistaat
sind dabei besonders wichtig. Digitale Medien sind eingesetzten Lernplattformen, die auf stetig stei-
kein Selbstzweck. Sie sind Teil didaktischer Lehr- gende Nutzerzahlen verweisen können. Zusätzlich
und Lernkonzepte. Diese gilt es fachspezifisch und existieren an den Hochschulen selbst zahlreiche
praxisnah zu entwickeln. Lehren und Lernen, der Aktivitäten neben den im Rahmen des Arbeits-
Erwerb von Kompetenzen sollen damit verbessert kreises E-Learning der Landesrektorenkonferenz
und individueller ermöglicht werden. Dazu benö- initiierten Projekten. Dies reicht von technischen
tigen wir Vernetzungen und hochschuldidaktische und didaktischen Schulungen oder Beratungen der
Forschung. Lehrenden über die Koordinierungsstellen E-Lear-
ning mit eigenem Personal bis hin zur Einrichtung
Denn es gilt, aus den neusten Forschungsergebnis- von Kompetenzzentren zum E-Learning und der
sen, Modellprojekten und Best-Practice-Ansätzen Etablierung von eigenen Digitalisierungsstrate
eine noch stärkere Breitenwirkung zu erzielen. Es gien.
geht darum, das Lernen zu intensivieren, damit
Lernergebnisse zu verbessern und Kompetenzen Dies alles wollten wir mit der Fachtagung am 23.
zu entwickeln, letztlich um einen weiteren Wandel Mai 2018 reflektieren, gute Beispiele vorstellen
der Lehre von der Wissensvermittlung hin zu einer und offene Fragen diskutieren. Die Broschüre do-
Kompetenzentwicklung. Die Offenheit der Lehren- kumentiert den Verlauf der Tagung in Wort und
den auch an den Hochschulen zur Veränderung der Bild.
Lehrkonzepte ist dafür zentrale Voraussetzung.
Die Veranstaltung dient der Weiterentwicklung der
Dabei stehen wir nicht am Anfang. Sachsens Digitalisierungsstrategie des Freistaates Sachsen,
Hochschulen sind mit Unterstützung meines Mi- »Sachsen Digital«.
nisteriums bereits seit mehr als 15 Jahren beim
Einsatz digitaler Medien in der Lehre aktiv. Beson-
dere Stärke im Freistaat Sachsen ist die koordi-
nierte Arbeit im Verbund mit einer guten Koopera- Dr. Eva-Maria Stange
tion aller interessierten Hochschulen. Dank an den Sächsische Staatsministerin
Arbeitskreis E-Learning, der dies leistet. für Wissenschaft und Kunst
5Grußwort
Die Digitalisierung nahezu aller unserer Lebensbe- währleistung der Informations- und Cybersicher-
reiche schreitet unaufhaltsam voran. Anwendun- heit, (3) die Gestaltung von Kompetenz und »Guter
gen künstlicher Intelligenz oder Technologien wie Arbeit« im digitalen Zeitalter, (4) die Stärkung der
Blockchain werden Wirtschaft und Gesellschaft in Innovationskraft sowie (5) das Vorantreiben der
kurzer Zeit ein anderes Gesicht geben. Aber auch Digitalisierung der Verwaltung und öffentlicher
Bildungs- und Kommunikationsprozesse werden Institutionen.
sich wandeln.
Die dynamische Strategie wird unter Einbeziehung
Die Sächsische Staatsregierung misst dem digita- relevanter Akteure kontinuierlich weiterentwi-
len Wandel eine hohe Bedeutung bei und hat des- ckelt. Deshalb hat das Wirtschaftsministerium
halb bereits zu Beginn des Jahres 2016 als eines die Veranstaltung »Digitalisierung der Hochschul-
der ersten deutschen Bundesländer eine Digitali- bildung« am 23. Mai 2018 gern aus Mitteln von
sierungsstrategie beschlossen. Um den Freistaat »Sachsen Digital« unterstützt. Als Querschnitts-
Sachsen unter Nutzung der neuen Technologien zu thema umfasst die Digitalisierung der Hochschul-
einer wirtschaftlich, wissenschaftlich und kultu- landschaft nicht nur technische und organisato-
rell führenden Region zu entwickeln, werden unter rische, sondern auch didaktische, rechtliche und
dem Dach von »Sachsen Digital« fünf strategische strategische Fragen, wie sich an der Vielfalt der
Ziele verfolgt: (1) die Entwicklung der digitalen In- hauptsächlich durch das Wissenschaftsministeri-
frastruktur und des Breitbandausbaus, (2) die Ge- um eingebrachten Maßnahmen in »Sachsen Digi-
6tal« in diesem Bereich zeigt: Der Arbeitskreis E-Le- Auch die Anwendung und Entwicklung neuer digi-
arning der Landesrektorenkonferenz sächsischer taler Geschäftsmodelle unterstützen wir mit allen
Hochschulen wird ebenso unterstützt wie das Maßnahmen der Innovations-, Technologie- und
Landesdigitalisierungsprogramm für Wissenschaft Gründungsförderung. Kleine und mittlere Unter-
und Kultur sowie die Einführung einer Datenbank nehmen und Ausgründungen aus Hochschulen
zur Erfassung von Doktoranden. Als Beauftragter stehen dabei besonders im Fokus. Doch digitale
der Staatsregierung für Digitales begrüße ich die Bildung endet nicht in der Hochschule: So startete
weitergehenden strategischen Aktivitäten des das Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit und
Wissenschaftsministeriums in diesem Bereich Verkehr im Juni 2018 einen Aufruf für Modell- und
ausdrücklich. Transfervorhaben zur Einführung digitalgestützter
Lernwerkzeuge in der beruflichen Aus- und Wei-
Die digitale Innovationskraft eines Standor- terbildung. Bildung und Weiterbildung sind im
tes ist von den Ergebnissen erfolgreicher For- digitalen Zeitalter zunehmend wichtige Eckpfeiler
schungs- und Entwicklungstätigkeiten abhängig. für den unternehmerischen Erfolg.
Zwar verfügt Sachsen über eine exzellente For-
schungslandschaft sowie sehr innovative mittel-
ständische Unternehmen. Bei der Verwertung von
Forschungsergebnissen im wirtschaftlichen Alltag
besteht allerdings – wie überall in Deutschland Stefan Brangs
– noch Potenzial. Ziel ist es, die Wettbewerbsfä- Staatssekretär im Sächsischen Staatsministeri-
higkeit der Forschungseinrichtungen und ihre Ko- um für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr,
operationsfähigkeit mit der Industrie auf hohem Beauftragter der Staatsregierung für Digitales
Niveau zu erhalten und zu optimieren. (CDO)
7Hochschulstandorte inSachsen
Hochschullandschaft in Sachsen
z Universität Leipzig
z Hochschule für Musik und Theater Leipzig
„Felix Mendelssohn Bartholdy“
z Hochschule für Grafik und Buchkunst
LEIPZIG
z Hochschule für Technik, Wirtschaft und
Kultur Leipzig A 38
z Studienakademie Leipzig
A 14
z Hochschule Mittweida
Mittweida
z Technische Universität Chemnitz A 72 A4
z Studienakademie Glauchau
A4 CHEMNIT
Glauchau
z Westsächsische Hochschule Zwickau
Zwickau
A 72
z Studienakademie Plauen
Breitenbrunn
Plauen
z Studienakademie Breitenbrunn
8z Studienakademie Riesa
Riesa
A4
A 13
Bautzen Görlitz
DRESDEN
Freiberg A 17
Zittau
TZ
z Studienakademie Bautzen z Hochschule Zittau/Görlitz
z Technische Universität z Technische Universität Dresden
Bergakademie Freiberg z Hochschule für Bildende Künste Dresden
z Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden
z Palucca Hochschule für Tanz Dresden
z Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden
z Studienakademie Dresden
Weitere staatlich anerkannte Hochschulen sowie Hochschulen der Verwaltung finden Sie unter:
www.studieren.sachsen.de
9Podiumsbeiträge »Die Digitalisierung ist in unser Leben ein- gedrungen. Mit dem Prozess dieser Digi- talisierung erleben wir zurzeit den größten technologischen und gesellschaftlichen Umbruch seit der Industrialisierung vor über 200 Jahren.« Dr. Eva-Maria Stange Sächsische 10 Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst
Einführung
Microsoft-Chef Bill Gates hat bereits im Jahr 2010
die These formuliert, dass in fünf Jahren die besten
Vorlesungen der Welt kostenlos im Netz zu finden
sein werden und dass dies besser sei als jede ein-
zelne Hochschule. Acht Jahre später können wir
konstatieren: Die These ist noch nicht Wirklichkeit
geworden. Ob sie es je sein wird – dahinter setze
ich ein Fragezeichen. Auf alle Fälle wird das Thema
Digitalisierung – oder nennen wir es Leben, Lernen,
Bildung in der digitalen Welt – in all seinen Fa-
cetten noch stärker in das öffentliche Bewusstsein
rücken.
Dr. Eva-Maria Stange
In den letzten Jahren ist es zu einer massiven Zu-
nahme an Digitalisierungsinstrumenten gekom-
men – Facebook, Instagram oder YouTube. Allein aus, der bei vielen Menschen Sorgen und Ängste
bei YouTube werden in jedem Monat sechs Milli- – im besten Fall Fragen – erzeugt?
arden Stunden Videomaterial hochgeladen. Die
Welt ist digital geworden. 90 Prozent der heute Gemeinsam wollen wir uns heute über die Chancen
verfügbaren Daten entstanden in den letzten zwei und Perspektiven der Digitalisierung an den Hoch-
Jahren. Es gibt derzeit weltweit vier Milliarden In- schulen mit dem besonderen Schwerpunkt der
ternetnutzer. In Deutschland sind 89 Prozent aller Hochschulbildung austauschen. Die Sächsische
Menschen aktiv im Netz unterwegs, 41 Prozent Staatsregierung hat dem Thema Digitalisierung
nutzen Social Media-Angebote. Im Durchschnitt schon seit einigen Jahren eine zentrale Bedeutung
ist jeder in Deutschland Lebende über vier Stun- zugeschrieben – mit dem Koalitionsvertrag haben
den und 40 Minuten täglich im Internet unterwegs wir als eines der ersten Bundesländer seit 2015 ei-
– das sind über drei Stunden mehr als in jedem nen Beauftragten der Staatsregierung für Digita-
anderen Medium. lisierung im Wirtschafts- und Arbeitsministerium.
Die Digitalisierung ist in unser Leben einge- Seit 2016 gibt es mit »Sachsen Digital« eine alle
drungen. Mit dem Prozess dieser Digitalisierung Bereiche einschließende sächsische Digitalisie-
erleben wir zurzeit den größten technologischen rungsstrategie. Sie stellt den Handlungsleitfaden
und gesellschaftlichen Umbruch seit der Industri- für alle Aktivitäten der Staatsregierung im Bereich
alisierung vor über 200 Jahren. Ähnlich wie damals Digitales dar. Sie ist eine dynamische Strategie,
können wir beobachten, dass neue Entwicklungs- also eine Strategie, die stetig fortgeschrieben
impulse vielfältige und tiefgreifende Verände- wird. Im Mittelpunkt stehen fünf strategische
rungen in nahezu allen Lebensbereichen in Gang Leitziele: digitale Infrastruktur entwickeln und
setzen. Der große Unterschied zu damals ist die Breitbandausbau fördern, Informations- und Cy-
atemberaubende Geschwindigkeit, mit der sich der bersicherheit gewährleisten, Kompetenz und »gute
Wandel vollzieht. An dieser Stelle sei auf die vierte Arbeit« im digitalen Zeitalter gestalten, digitale
sächsische Landesausstellung im Jahr 2020 zum Innovationskraft stärken sowie die Digitalisierung
Thema Industriekultur hingewiesen. Hier werden der Verwaltung und öffentlicher Institutionen vo-
wir den Blick zurückwerfen auf das Zeitalter der rantreiben.
Industrialisierung, aber auch nach vorn und fra-
gen: Was macht heute den industriellen Wandel
11Eine dritte Dimension liegt im inhaltlichen Be-
reich. Hier denke ich an die Digitale Bibliothek,
an das Urheberrecht oder an Strategien zu Open
Access und übergreifende Fragestellungen wie das
Management von Forschungsdaten – Stichwort In-
frastrukturdatenmanagement, ein Wortungetüm,
hinter dem sich momentan noch viele Fragezei-
chen verbergen – oder der Erhalt des kulturellen
Erbes mit Hilfe der Digitalisierung – Stichwort
Landesdigitalisierungsprogramm der Sächsischen
Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbiblio-
thek Dresden.
Heute möchten wir mit Ihnen über das Thema
Lehre ins Gespräch kommen. Das Ihnen vorab
übermittelte Diskussionspapier »Strategie der Di-
gitalisierung in der Hochschulbildung« soll dafür
die Grundlage bieten. Ich möchte mich an dieser
Stelle herzlich bei Lars Mühlbach und allen Mit-
wirkenden bedanken, die diese Diskussionsgrund-
lage erarbeitet haben. Unser Ziel ist es, digitale
Bildung als das Fundament für technologische
Innovationen und gesellschaftliche Teilhabe zu
etablieren und langfristig zu garantieren. Digitale
Medien und Werkzeuge treten zunehmend an die
Dr. Eva-Maria Stange Stelle analoger Verfahren oder ergänzen diese und
erschließen dabei neue Perspektiven.
Die fünf strategischen Ziele werden derzeit mit Sie bringen aber auch eine Vielzahl von neuen
über 110 Maßnahmen der verschiedenen Minis- Fragestellungen, zum Beispiel:
terien untersetzt. Auch das Wissenschaftsminis-
terium beschäftigt sich mit dem Schwerpunkt Di- ■■ Wie werden die medialen und technologi-
gitalisierung auf ganz vielfältige Weise. Der erste schen Veränderungen im Hochschul- und
Schwerpunkt liegt im Bereich Forschung auf dem Wissenschaftssystem aufgegriffen und wie
Gebiet der Informatik wie zum Beispiel Big Data, können diese aktiv genutzt werden? Welche
Medizininformatik, Intelligente Systeme, Künstli- Strukturen bilden Hochschulen, aber auch au-
che Intelligenz oder Digital Humanities. Ein wei- ßeruniversitäre Forschungseinrichtungen aus,
terer Aspekt ist die IT-Infrastruktur, die wichtigste um die Chancen der Digitalisierung zu nutzen
Voraussetzung überhaupt. Hier geht es um den und die Risiken zu begrenzen?
Breitbandausbau, der von der Staatsregierung in- ■■ Welche Auswirkungen ergeben sich für
tensiv unterstützt wird, um Hochleistungsrechner, die Infrastrukturbedarfe – ein spannendes
Datenspeicherung und -verarbeitung, Lizenzen, Thema in der Diskussion mit dem Bund – für
Archivierung und Identity Management oder ge- Arbeitsprozesse, für rechtliche Rahmenbedin-
meinsame Cloud-Lösungen, um nur einige Stich- gungen, aber auch Kontrollmechanismen oder
worte zu nennen. Leistungsdimensionen in Lehre, Forschung
und Administration?
12■■ Wie können die neuen digitalen Medien zur Sachsen aktiv verfolgt. Dieser Arbeitskreis wurde
Verbesserung der Qualität in der Lehre bei- vor mehr als zehn Jahren ins Leben gerufen. In den
tragen oder wie wird überhaupt das Lehren Jahren seit 2001, als sich sächsische Hochschulen
und Lernen in der Hochschule von morgen zum Bildungsportal Sachsen zusammenschlossen,
aussehen und organisiert sein? Hoffentlich wurden mehr als 200 Projekte zur Modernisierung
individueller, unabhängiger von Orts- und der Lehre an sächsischen Hochschulen auch von
Zeitpräsenzen. Seiten des Ministeriums finanziell unterstützt.
■■ Was bedeutet der digitale Wandel für die Nun gilt es, aus den neuesten Forschungsergeb-
Wechselwirkungen zwischen den Bereichen nissen, Modellprojekten und Best-Practice-Ansät-
Forschung, Lehre, Verwaltung sowie für die zen eine noch stärkere Breitenwirkung zu erzielen,
Schnittstellen zwischen dem Hochschul- denn nicht alle Hochschullehrerinnen und -lehrer
system und seinen angrenzenden Systemen können sich für die neuen Medien und die verän-
wie dem Arbeitsmarkt, der Schule oder dem derte Technik begeistern. Hier gibt es noch mehr
Wirtschafts- und Wissenschaftsbereich? Aufklärungsarbeit zu leisten und Angebote der
Vermittlung zu schaffen. Dazu erfolgt eine enge
Welche Kompetenzen und Fähigkeiten werden Zusammenarbeit mit dem im Jahr 2008 entstan-
morgen oder übermorgen gebraucht und wo wer- denen Hochschuldidaktischen Zentrum Sachsen.
den diese überhaupt vermittelt? Diese Grundlagen
durchziehen das gesamte Bildungssystem, begin- Unser Diskussionspapier »Strategie der Digitali-
nend bei den Kindertagesstätten über die Schule sierung in der Hochschulbildung« soll den Einsatz
bis in die Hochschulen. digitaler Instrumente und Methoden in der Hoch-
schullehre unterstützen. Die Strategie verfolgt da-
Durch neue Kommunikations- und Informati- bei folgende Ziele:
onsstrukturen entstehen neue Möglichkeiten für
Bildung: neue didaktische Mittel, Verbreitungswe- 1. Erschließung der Potentiale zur Verbesserung
ge und Zugang zu Wissen. Der Einsatz der neuen der Qualität der Lehre,
Technologien ermöglicht und erleichtert indivi- 2. Verbesserung des Studienerfolges,
dualisiertes und kooperatives Lernen, unterstützt 3. Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der säch-
inklusive Bildungsansätze – ein brennendes The- sischen Hochschulen,
ma unserer Gesellschaft – und erhöht damit die 4. Erhöhung der internationalen Sichtbarkeit.
Qualität und Chancengerechtigkeit in unserem
Bildungssystem. Auf Seiten der Hochschulen gibt Die Ziele sollen durch Ergänzungen der Präsenz-
es inzwischen einige Strategien beziehungsweise lehre mit digitalen Lehr- und Lernangeboten er-
Empfehlungen zur digitalen Bildung. So hat bei- reicht werden. Die neuen technischen Möglichkei-
spielsweise das Bundesministerium für Bildung ten sollen Lehr-/Lernprozesse gezielt unterstützen
und Forschung die »Bildungsoffensive für die di- und möglichst vielfältige Lehr- und Lernszenarien
gitale Wissensgesellschaft« gestartet und die Kul- ermöglichen.
tusministerkonferenz hat mit dem Beschluss zur
»Bildung in der digitalen Welt« sowie das Hoch- Die verschiedenen Szenarien, welche die Einbin-
schulforum mit seinen Empfehlungen eine inten- dung digitaler Medien in die Lehre bietet, kön-
sive Debatte zur Digitalisierung angestoßen. Diese nen helfen, das Lernen zu intensivieren und damit
wird auch im Freistaat Sachsen geführt. Wir ha- Lernergebnisse zu verbessern und Kompetenzen zu
ben einen engen Austausch mit allen Beteiligten, erweitern. Neue Ansätze wie das Inverted-Class-
so wird zum Beispiel die Weiterentwicklung von room-Modell, in dem die Wissensvermittlung
E-Learning-Konzepten seit Jahren durch den Ar- der klassischen Vorlesung ins Digitale verlagert
beitskreis E-Learning der Landesrektorenkonferenz wird und Präsenzveranstaltungen zur intensiven,
13interaktiven und kollaborativen Zusammenarbeit die Vermittlung von Wissen sein. Dies führt aber
genutzt werden, finden zunehmend Anwendung. letztlich mit den heutigen Möglichkeiten dazu,
Integriertes Lernen beziehungsweise Blended Le- dass die Studierenden eine größere Eigenver-
arning kann in diesem Verständnis die Vorteile antwortung für ihren eigenen Lernprozess über-
des digitalen Lernens und des Lernens in Präsenz nehmen müssen, wenn sie die neuen Formen der
in neue pädagogische und didaktische Konzepte Lehre aktiv nutzen und mitgestalten wollen. Auf
überführen. diese Aufgabe müssen aber auch junge Menschen
vorbereitet werden und zwar über den gesamten
Ein kurzer Diskurs in die Vergangenheit: Zwischen Bildungsweg hinweg. Gerade hier gibt es noch
West und Ost gab es bei der Anwendung der ersten viel zu tun, wenn wir daran denken, dass die Di-
Computer im Unterricht einen gravierenden Unter- gitalisierungsstrategie des Bundesministeriums für
schied. Im Osten waren es die Fachdidaktiker des Bildung und Forschung erst vor etwa zwei Jahren
Unterrichts, die die Programme entwickelt haben, erschien.
im Westen waren es die Informatiker. Das ist ein
Phänomen, das mit der Digitalisierung hoffentlich Viele Fragen, Entwicklungen, Umsetzungen sind
überwunden ist und heute solche Instrumente noch offen – und deshalb freue ich mich heute
miteinander entwickelt werden. sehr auf den fachlichen Austausch und wünsche
uns allen eine intensive Diskussion. Ich bin fest
Zurück zu den heutigen Anforderungen: Es geht davon überzeugt, dass alle hier die Chancen und
um den Wandel von der Wissensvermittlung hin zu Perspektiven der Digitalisierung wirklich nutzen
einer Kompetenzentwicklung durch aktivierendes wollen. Ich denke, es sollte unsere gemeinsame
Lernen und kollaboratives Arbeiten, ein Prozess, Aufgabe sein – auch aus dieser Fachkonferenz her-
der mit dem Bolognaprozess eingeleitet wurde. aus – unseren Hochschulen Rüstzeug mitzugeben,
Das Ergebnis des Bolognaprozesses bzw. die Ein- um diese Chancen nutzen zu können. Letztend-
führung von Bachelor- und Masterstudiengängen lich geht es darum, Bildung für jeden, auch in den
sollte die Kompetenzentwicklung und nicht allein Hochschulen, besser zugänglich zu machen.
14»Es ist jetzt notwendig, aus den vielen ein-
zelnen Projekten hin zu einem Gesamtsys-
tem zu kommen.«
Oliver Janoschka
Geschäftsstellenleiter Hochschulforum Digitalisierung
Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft
15Oliver Janoschka Hochschulen im digitalen Wandel Vielen Dank für Ihre Ausführungen, liebe Frau zu Bologna-Digital, weil wir denken, dass das jetzt Staatsministerin Stange. Ich möchte Ihr Eingangs- der richtige Zeitpunkt ist, um auf dieser Ebene da- beispiel gleich aufgreifen, aber etwas anders ak- rüber ins Gespräch zu kommen. zentuieren: Es gibt immer wieder Personen wie Bill Gates, die sich medial zu Wort melden und das Was ist denn eigentlich zu tun? Wie können die Ende der klassischen Hochschulen einläuten. Ich Länder gerade hier in Europa und darüber hinaus werde dem nicht das Wort reden, glaube aber, so intensiv zusammenarbeiten? Das ist keine Selbst- wie es hier jetzt schon angeklungen ist, dass es ein verständlichkeit. Die Verwaltung ist mit aufgeru- Momentum gibt; für Gestaltung, für Veränderung fen, aber es ist kein Prozess, den man verwalten der Hochschulen. Was aus unserer Wahrnehmung kann. Es ist viel dynamischer, es braucht neue Ak- dafür ganz entscheidend ist, ist das Zusammen- teurskonstellationen. Wir haben, das ist erwähnt spiel der verschiedenen Akteure. Insofern freut worden, mit dem Hochschulforum Digitalisierung es mich, dass das Land Sachsen schon mit einer seit 2014 einen Anfang gemacht, in der ersten Digitalisierungsstrategie für die Hochschulbildung Phase mit über siebzig Experten in sechs Arbeits- einen Anfang gemacht hat, und dass hier schon gruppen. Jetzt sind wir in der zweiten Phase und seit Jahren im Bereich E-Learning intensiv zusam- gehen stärker von der Sensibilisierung hin zur Um- mengearbeitet wurde. Bologna wurde angespro- setzung. Aber: Was ist in den Hochschulen bereits chen. Wir haben ein Policy-Paper herausgebracht los? Was ist da vielleicht noch zu tun? 16
Die Grundthese stimmt nach wie vor: Wir sind deres entstanden, ein sehr interessantes Projekt, in
davon ausgegangen, dass der digitale Wandel ei- dem alle Hamburger Hochschulen zusammen über
nerseits eine zusätzliche Herausforderung ist und eine Plattform arbeiten. Professoren stellen für
gleichzeitig für viele der bestehenden anderen neue Zielgruppen entsprechende Kurse zur Verfü-
Herausforderungen neue Chancen bietet. Die In- gung und bieten damit auch die Möglichkeit, An-
ternationalisierung ist angesprochen worden, das teil zu nehmen am Wissen, das in den Hochschulen
Erreichen neuer Zielgruppen, vielleicht mit einer vorhanden ist.
diverser werdenden Studierendenschaft. Da kann
die Digitalisierung, da können digitale Medien eine Wir haben mit dem Bundesministerium für Bil-
Antwort liefern. Aber sie tun es nicht automatisch. dung und Forschung im letzten Jahr eine Ver-
Ich möchte auf die Frage aufmerksam machen: einbarung getroffen, in der es um die Frage geht,
Wie sind denn künstliche intelligenzbasierte Sys- wie für das gesamte Land im Zusammenspiel mit
teme in der Lage, unsere Arbeit zu unterstützen? Europa einerseits, aber mit den Ländern anderer-
Wie sind Assistenzsysteme schon heute im Einsatz seits, eine Infrastruktur (weiter-) entwickelt wer-
und wie könnten sie es vielleicht morgen sein? Da den kann. Die daraus hervorgegangene Machbar-
sind viele Fragen aufgeworfen, und es ist noch keitsstudie wird in Kürze veröffentlicht werden.
nicht durchbuchstabiert, wie das in die klassische Es wird bei uns auf der Webseite die Möglichkeit
Lehre, in die Präsenzhochschule einwirken kann. geben, sich diese runterzuladen und es wird dort
zentral diskutiert werden. Und dabei wird schnell
Wie sieht nun der Weg aus in die Zukunft? Schön klar; je nachdem, mit wem Sie sprechen, gibt es
wäre es, wenn er so geradlinig wäre, wie eine ganz unterschiedliche Vorstellungen, wie sehr man
Gleisstrecke, die man einfach nur ablaufen muss. hochschulübergreifend, länderübergreifend solch
Ein zentraler Aspekt ist: Wie ist denn die Archi- eine Struktur braucht, was diese können soll und
tektur? Wenn Sie Ihre Hochschule einmal anschau- was nicht.
en, ist das vielleicht nicht die Zukunft. Wir sind in
Deutschland überwiegend Präsenzhochschulen. Weshalb nun braucht es Mut? Wir hatten letzte
Wenn Sie sich eine Vorlesung, einen Vorlesungs- Woche das Netzwerk Surf aus den Niederlanden
saal anschauen, dann sehen Sie, dass diese meist bei uns hier in Berlin, die eine Accelerator-Agenda
noch nicht dafür ausgerichtet sind, besonders in- für die Digitalisierung verabschiedet haben. Surf
teraktiv zu sein. Neudeutsch heißt es jetzt Lab, ist ein Netzwerk, bei dem alle niederländischen
Hub, Makerspace. Sie finden sich bestimmt auch Hochschulen zusammenkommen und in der Ac-
in Sachsen. Aber genau diese Frage, wie die Hoch- celerator Agenda haben sie sich auf acht Hand-
schule als ein Ort gestaltet werden kann, in dem lungsfelder verständigt. Was ich dabei besonders
verschiedene Gruppen zusammenkommen, bei- spannend finde, ist das Zusammenspiel, dass die
spielsweise mit Startups, mit Wirtschaftsvertre- Hochschulen eigenes Geld in die Hand nehmen, um
tern und wie das für die Studierenden neue Chan- diese acht Handlungsfelder zu entwickeln und sich
cen bieten kann, ist noch nicht beantwortet. Auch darauf bewerben müssen. Und dann kommt das
hier braucht es eine entsprechende Architektur. Ministerium und stellt praktisch zusätzliche Mittel
zur Verfügung, um schneller an diesen Handlungs-
Natürlich gibt es eine Reihe von Beispielen, wie feldern entlang neue Prototypen zu entwickeln,
das digital ablaufen kann. Das Modell der Ham- neue Maßnahmen umzusetzen.
burg Open Online University ist eines, das erst vor
wenigen Jahren gestartet wurde. Ich war bei der
Auftaktrunde von Herrn Scholz in Hamburg dabei. Noch ein anderes internationales Beispiel: Ich
Da hatte man ursprünglich gedacht, man macht hatte das Glück, vor kurzem wieder an der Ost-
eine MOOC-Plattform. Daraus ist aber etwas an- küste in Boston und New York zu sein. Das dortige
17MIT Media Lab hat seit letztem Jahr einen Preis gleich genauer präsentiert. Kiron hat mit seinem
für Disobedience ausgerufen. Es zeichnet damit Angebot für Geflüchtete ein online-basiertes Stu-
Wissenschaftler aus, die sich gegen Widerstände dium ermöglicht und findet mit den Hochschulen
mutig auf den Weg gemacht haben, ihre Über- Vereinbarungen, wie man am Campus weiter stu-
zeugungen und Arbeitsergebnisse zu vertreten. dieren kann. Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie
Und es ist, wenn Sie sich das historisch anschau- Innovation made in Germany möglich ist und viele
en, durchaus häufiger der Fall, dass man erstmal Akteure mutig daran arbeiten, dass das Wirklich-
gegen den Strom schwimmen muss, um etwas keit wird und viele erreicht.
Neues in Gang zu bekommen. Hier werden ausge-
zeichnete Wissenschaftler mit einem solchen Preis Kompetenzvermittlung war genannt worden. Es
gewürdigt. Ich erwähne dies, weil es aus meiner gibt zwei Aspekte, die ich hier markieren möchte.
Wahrnehmung ganz anschaulich war in Boston, Der eine geht zurück auf eine HFD-Studie. Im Jahr
wie man davon ausgeht, dass man wirklich muti- 2016 wurden knapp 30.000 Studierende über die
ger neue Dinge probiert. Alleine der Abstand von CHE-Umfrage befragt und die meisten lassen sich
fünf Jahren zeigt das sowohl in der Architektur am als PDF-Nutzer einordnen und nur die wenigsten
Campus wie auch in den Onlineprozessen mit den als sogenannte Digital-Allrounder. Man hat ja im-
Mitarbeitern. Natürlich sind das andere Verhält- mer das Bild des Digital Natives. Das Interessante
nisse, aber ich glaube durchaus, dass auch hier in bei dieser Auswertung war: Die Korrelation basiert
Deutschland ein ganz gehöriger Part davon mög- darauf, wie die Lehrenden das einsetzen. Das heißt,
lich ist, zum Beispiel bei den Lernszenarien. Das ist viele Studierende nehmen erst dann eine andere
bei uns in der ersten Phase veröffentlicht worden. Abzweigung, wenn der Lehrende in der Lage ist,
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, was Sie dort mit diesen Möglichkeiten so zu arbeiten, dass die
als Hochschule machen können. Die RWTH Aachen Studierenden das erreicht. Je mehr das ins Studium
hat sich auf den Weg gemacht und gesagt: Wir integriert ist, desto mehr kommt dabei heraus.
schauen in unserem Exploratory Teaching Space,
wie wir das kopieren können. Das heißt, sie haben Es gibt noch einen zweiten Aspekt: Wie stellen
eigene Mittel dafür zur Verfügung gestellt, dass sich Studierende das eigentlich selbst vor? Wie
Professoren neue Konzepte probieren, was sie dort möchten sie gerne lernen? Ich bin überzeugt da-
in diesen Bereichen machen können. von, dass das eine Dimension ist, die es in deut-
schen Hochschulen noch als Schatz zu heben gilt,
Das Besondere und Bemerkenswerte war, dass nämlich wie Studierende in einer anderen Rolle
sie das genauso online zur Verfügung stellen. Das ihren Lernprozess mitgestalten können. Und das
heißt, Sie können sich jetzt auf der Webseite an- ist nicht nur das Selbstlernen, sondern es ist auch
schauen, was diese Professoren gewollt haben. Es die Wahrnehmung, was eigentlich passiert. Kiron
ist nicht das Ziel, dass Sie damit durchschlagend ist ein schönes Beispiel. Wir sehen andere, wo sich
Erfolg haben müssen. Natürlich ist das schön, aber Studierende viel mehr auch als Beteiligte aktiv an
etwas anderen zur Verfügung zu stellen, bringt diesem Gestaltungsprozess beteiligen. Wir möch-
Anregungen. Wenn ich jetzt mit meinem anderen ten gerne eine Arbeitsgruppe mit solchen Studie-
Blickwinkel schaue, als Programmleiter: Wir ha- renden, den Digital Changemakern ab Sommer
ben in NRW eine Kooperation mit dem Land für 2018 starten, um gemeinsam deren Wahrnehmung
die sogenannten Digi-Fellows. Die Zahl der Per- und Themen sichtbar zu machen.
sonen, die sich aus Aachen auf dieses Fellowship
beworben haben, ist extrem hoch. Innerhalb dieser Es ist jetzt notwendig, aus den vielen einzelnen
Kultur der Hochschule wird wertgeschätzt, wenn Projekten hin zu einem Gesamtsystem zu kom-
sich Professoren damit beschäftigen und nicht nur men. Wie können eigentlich in den Hochschulen
mit der Forschung. Ein anderes Beispiel wird Ihnen die Personen miteinander daran arbeiten? Wir ha-
18die Befristungen der aktuell ausgeschriebenen
Stellen? Wenn Sie jemanden dabei haben, der nur
für ein Jahr in einem Projekt dabei ist, dann kann
man sich vorstellen, dass der Kompetenzaufbau in
der Institution begrenzt ist. Wir glauben, das geht
noch sehr viel weiter in der Frage, wie eigentlich
diese neuen Prozesse unterstützt werden, wie man
mit Personen zusammenarbeiten kann, die viel-
leicht nicht so leicht an die Hochschule zu bekom-
men sind. Die RWTH-Aachen macht gute Erfah-
rungen mit den sogenannten Fakultätskümmerern,
Personen, die in besonderer Weise ansprechbar
sind als Kollegen, von Kollegen zu Kollegen.
In unserer Wahrnehmung bleibt es auch zentral
zu schauen, welche Experten es denn eigentlich im
Feld gibt. Wir haben selber einen Call for Experts
gestartet. Interessant ist zum Beispiel ja auch die
Frage: Welche Frauen sind eigentlich in deutschen
Hochschulen engagiert? Das war für uns auch eine
hervorragende Möglichkeit, besser zu verstehen,
Oliver Janoschka
wer über unsere Kreise hinaus ist hier eigentlich
kompetent dabei und kann in die entsprechenden
ben ganz verschiedene Gruppen zusammengeführt Arbeitsprozesse bei uns auch mit eingebunden
und sind jetzt stärker dabei, in Beratungsprozes- werden.
sen sowohl mit den politischen Akteuren als auch
mit den Hochschulen daran zu arbeiten. Ich werde Netzwerke schaffen ist wichtig, Sie haben hier
nicht auf die Details eingehen, es gibt viele Kanäle, schon eins, wir arbeiten auch daran und ich glau-
in denen wir präsent sind. Aber es sei einfach noch be, auch innerhalb der Hochschule muss das in ei-
einmal gesagt: Jede Studie, die wir herausgebracht ner stärkeren Weise als bisher ausgebaut werden.
haben, ist online verfügbar. Sie können sie auch An der Stelle sei nochmal angemerkt: Es gibt auch
bei uns in Papierform bestellen, zumindest den bei uns ein länderübergreifendes Netzwerk für
Abschlussbericht. die Hochschullehre. Ich habe mir das angeschaut,
einige Hochschulen aus Sachsen sind nicht da-
Ich möchte noch kurz auf eine weitere Studie von bei. Das Hochschulforum lebt davon, dass es eine
uns eingehen, die unter deutschen Hochschulen breite Beteiligung gibt. Wir freuen uns, wenn bald
gefragt hat: Was sind eigentlich die größten He- alle Hochschulen aus Sachsen mit dabei sind. Dort
rausforderungen? Das wurde vom Hochschul-In- werden sie stärker involviert, zu Veranstaltungen
formations-System HIS im Jahr 2016 erhoben. Das eingeladen. Wir haben entsprechende Online- und
Interessante ist, dass es gar nicht nur um das Geld Offline-Formate. Was besonders interessant sein
geht, sondern, dass es vor allen Dingen um die Fra- wird: Wir werden in Kürze ein sogenanntes Com-
ge der Personalressourcen bzw. dahinterliegend munity-Zertifikatsprogramm starten, wo Perso-
auch der Arbeitsteilung geht. Natürlich ist das ein nen, die mit digitaler Lehre beschäftigt sind, einge-
Problem. Wir haben aktuell gerade einen Blog- laden werden, ihre Aktivtäten in einer Beta-Phase
beitrag von der Kollegin Janica Ionica aus Sach- auf einer Plattform bei uns zu hinterlegen; nähere
sen-Anhalt, die sich angeschaut hat: Wie lang sind Infos dazu dann ab Herbst 2018.
19Wir hoffen, dass daraus ein wirklicher Fundus die sich hier verbergen und über die Gestaltungs-
entsteht, um zu sehen, welche Kompetenzmodelle notwendigkeiten intensiver zu verständigen, ist
und Entwicklungsstufen es in Zukunft geben kann. ein Kernaspekt. Dass es dafür dann entsprechende
Es braucht auch neue Formate. Wir haben damit Anreize braucht, ist klar. Schön, dass es hier in Ih-
gute Erfahrungen gemacht, intensiv zusammenzu- rer Landesstrategie zum Ausdruck kommt, dass Sie
kommen in sogenannten Season-Schools, wo eine von der Deputats-Seite her darauf eingehen und
kleine Gruppe für drei Tage ihre eigenen Fälle dis- neue Dinge möglich machen wollen. Insgesamt
kutiert und sich gegenseitig Unterstützung bietet. sind die Aspekte der Governance und Kommuni-
An der Stelle die Frage: Welche Möglichkeiten gibt kation keine Selbstverständlichkeit, zum Beispiel
es über die hochschuldidaktischen Zentren, auch dass die Bibliotheksvertreter mit den Professoren
neue Formate auszuprobieren? Dieses Peer-to- oder Dekanen überhaupt ernsthafter reden über
Peer-Moment funktioniert auf allen Ebenen. Fragen wie: »Wo wollen wir eigentlich hin? Wel-
ches Profil haben wir und welche Handlungsmög-
Ein Kernaspekt, der in Ihrer Strategiebildung in lichkeiten sehen wir als nächstes? Was lässt sich
dem vorliegenden Papier zum Ausdruck kommt, ist noch tun?« Ich habe Hochschulvertreter kennen-
aus unserer Wahrnehmung, dass die Hochschullei- gelernt, die wussten noch nicht einmal, was die Bi-
tungen eine zentrale Rolle haben. Wir freuen uns, bliothek eigentlich genau anbietet. Ich werde das
dass die HTW Dresden bei unserem sogenannten nicht vertiefen, möchte aber markieren: Hier gibt
Peer-to-Peer-Programm im letzten Jahr als erste es noch deutlich Luft nach oben für produktiven
Hochschule aus Sachsen mit dabei war. Wir ha- Austausch.
ben wieder Neubewerbungen aus Sachsen erhal-
ten. Bald wissen wir, wer in der nächsten Runde Diesen Austausch wollen wir auch im Hoch-
die sechs Hochschulen sind, die wir intensiv be- schulforum länderübergreifend weiter unterstüt-
gleiten können. Wir arbeiten parallel daran, dass zen und wir freuen uns, wenn Sie sich persönlich
die Ressourcen, die wir entwickelt haben, online in einbringen. Einbringen ist das letzte Stichwort;
den nächsten Monaten zur Verfügung stehen, weil denn dazu haben Sie in unserer Themenwoche
es durchaus gewollt ist, dass andere Hochschulen Ende September 2018 in Berlin mit zahlreichen
Anteil daran nehmen und sich auch ohne diese in- Veranstaltungen und Formaten verschiedene
tensive Begleitung in dem Peer-to-Peer-Strategie- Möglichkeiten zu lernen, was andere tun und tie-
programm damit auseinandersetzten können. fer einzusteigen in die Herausforderungen, die es
zu bewältigen gilt.
Es ist eine banale Grunderkenntnis, dass es einen
Unterschied macht, ob man nur darüber redet oder Ich wünsche Ihnen und uns dabei weiterhin viel
ob man wirklich innerhalb der Hochschule ernst- Erfolg und freue mich auf den weiteren Austausch;
haft in die Auseinandersetzung geht und schaut, heute und in der nächsten Zeit.
was die Vorstellungen und Wertebilder sind. Dort
begegnet man dann der Frage: »Weshalb wollen
wir das machen? Wir sind doch gut, Campus läuft,
Studierende kommen, Geld bekommen wir sowie-
so.« Ich überspitze das bewusst, aber die Chancen,
20»Lernen ist ein sozialer Prozess. Er findet
im digitalen Raum statt, aber weiterhin
auch im analogen Raum.«
Dr. Barbara Getto
Leiterin Arbeitsbereich Hochschule.Digital, Learning Lab,
Universität Duisburg-Essen
21Digitale Hochschulbildung in Deutschland
Ich habe im Vorfeld dieser Veranstaltung sehr auf- Sie darunter überhaupt verstehen, also was für Sie
merksam Ihr Strategiepapier gelesen – nicht nur, die Digitalisierung der Bildung eigentlich bedeu-
weil Strategiepapiere ein Forschungsthema von tet. Welche mentalen Bilder haben Sie im Kopf?
mir und aktuell ein Schwerpunkt ist, sondern auch, Denken Sie an Fernlehre, an Videoaufzeichnun-
weil wir in Nordrhein-Westfalen in den letzten gen, welche Ängste haben Sie im Kopf, denken
Wochen und Monaten daran gearbeitet haben, ein Sie an das Ersetzen von Lehrpersonal? Ich finde,
Papier zu erstellen für die Digitalisierung an den das sind ganz wichtige Themen, über die man sich
Hochschulen in Nordrhein-Westfalen. Ich habe im Klaren sein muss, weil Sie in keinem Fall davon
das als sehr anstrengenden Prozess erlebt, als sehr ausgehen können, dass Ihr Gegenüber die gleiche
produktiven Prozess, als sehr aufregenden Prozess. Vorstellung davon hat, wenn Sie über digitale Bil-
Ich beglückwünsche Sie zu diesem Ergebnis. Ich dung in der Hochschule sprechen. Und Sie haben
denke, das ist nicht selbstverständlich, dass so et- das in sehr wenigen Sätzen sehr präzise auf den
was in dieser Form gelingt. Ich weiß um die Arbeit, Punkt gebracht. Wenn man so einen Konsens erst
die dahinter steckt. einmal herstellt, ist das eine sehr, sehr gute Aus-
gangsbasis.
Was mir besonders gefallen hat, ist, dass Sie mit
einem Kapitel beginnen, das Grundverständnis Für mich lösen digitale Medien soziale Inter-
heißt. Ich habe in vielen Diskussionen erlebt, die aktionsprozesse nicht ab. Lernen ist ein sozialer
ich als mediendidaktische Beraterin hatte oder die Prozess. Er findet im digitalen Raum statt, aber
ich in der Beratung von Hochschulen zur Frage weiterhin auch im analogen Raum. Das erlebe ich
von Strategien hatte, wie das mit der Digitalisie- als Lehrende, so mache ich es mit meinen Studie-
rung in Hochschulen so geht. Die Frage ist, was renden. Ich erlebe natürlich meine Lehre als die
Dr. Barbara Getto
22in einer digitalen Welt, einer zunehmend digita- Medienkompetenz brauchte man außerhalb der
len Welt, in der es selbstverständlich ist, digitale Schule für den Konsum von Medien, also Fernse-
Medien einzusetzen. Wenn man dieses Bild von hen, in der Freizeit. Eine Reflexion darüber konnte
Bildung in einer digitalen Welt hat, schließt sich durchaus in der Schule stattfinden. Wir haben so-
die Frage an, wie wir da hinkommen? Das ist der zusagen Kompetenzen, die ganz klar in den Schul-
Fokus meiner Forschung am Learning Lab. Wir un- unterricht, in die Bildungsinstitution gehören, Me-
tersuchen dort genau diese Transformationspro- dien zählen aber nicht in dem Sinne dazu.
zesse durch Digitalisierung in den verschiedenen
Bildungsbereichen, ich mache das für den Bereich Wenn wir heute davon sprechen, dass wir in ei-
Hochschule. ner digitalen Welt leben, dass wir Bildung in ei-
ner digitalen Welt anbieten, ist es nicht mehr eine
Wenn wir Digitalisierung als etwas begreifen, Parallelwelt in der Freizeit, sondern die digitalen
was erst einfach nur ein technischer Fortschritt Medien sind in der gesamten Welt, in allen Le-
ist, dann können wir im Grunde genommen eigent- bensbereichen und es ist ein Querschnittsthema,
lich alles so machen wie bisher, nur mit techni- was sich in allen Fachbereichen wiederfindet. Wir
schen Hilfsmitteln, was das Ganze in der Organisa- können das Thema schwerlich separat behandeln.
tion erleichtert. Aber Sie ahnen, dass die Potentiale Medienkompetenz können wir nicht übersetzen in
digitaler Medien damit nicht ausgeschöpft sind. das Heute, sondern der Zugang ist ein anderer. Wir
Wird Digitalisierung als rein technisches Thema können digitale Kompetenzen nicht in dem Sinne
begriffen, braucht man keine Strategiepapiere, schulen, so wie wir Medienkompetenz schulen
auch keine neuen didaktischen Konzepte, sondern konnten.
dann macht man im Grunde genommen das Glei-
che wie immer, nur mit Computern. Da wollen Sie Beim klassischen Weg haben wir eine Lebens-
natürlich nicht hin, ich habe Ihr Papier gelesen. und Arbeitswelt, die digitalen Themen wirken auf
Wir erleben, dass die Realität hier anders aus- die Bildungsinstitution ein. Die Bildungsinstitution
sieht. Also wir unterscheiden gar nicht unbedingt bereitet die Schüler und die Studierenden darauf
zwischen digitalen und analogen Lernräumen, vor, wie sie in dieser Lebens- und Arbeitswelt
sondern wir erleben, dass die physischen Räume zurechtkommen. In diesem Zusammenhang sind
zunehmend digitaler werden. Oftmals gibt es den Themen wie der instrumentelle Umgang, die Re-
analogen Raum, durchdrungen von digitalen Me- flexionsfähigkeit und so weiter wichtig. Wir haben
dien und digitaler Kommunikation. Gleichzeitig auch die Implikationen der Digitalisierung für die
sehen wir, dass die virtuellen Klassenzimmer und Bildung und Gesellschaft. Aber wenn wir das jetzt
Lernräume durch immer mehr bereichert werden: konsequent denken, dann ist das nicht etwas, das
die Kommunikation, Interaktion, Gruppenarbeiten, nebeneinander passiert, sondern das integrativ ist.
was wir klassischerweise erst einmal intuitiv in der Instrumentelle Fähigkeiten sind die eine Seite, aber
Präsenzlehre sehen würden. die Durchdringung in Bildungsinstitutionen, aber
auch in unsere Lebens- und Arbeitswelt, ist das
Durch diese Veränderung, die die Digitalisierung Neue. Wenn wir beim Stichwort Lebens- und Ar-
für uns bedeutet, stellt sich die Frage: Welche beitswelt sind: Hochschulen, so erlebe ich das ganz
Kompetenzen braucht man dafür? Es gibt da dieses oft, sehen es als ihren Auftrag, die Studierenden
Gefühl, dass wir vielleicht irgendetwas anders ma- für die Lebens- und Arbeitswelt auszubilden. Wir
chen müssen. Es gibt Angst, abgehängt zu werden. wissen jedoch nicht, wie die Arbeitswelt von über-
Ich möchte die Frage der digitalen Kompetenzen morgen aussehen wird. Aber wir ahnen, dass sie
etwas historisch bzw. klassisch aufrollen. In den zunehmend digitaler sein wird. Das wirft die Frage
Siebzigern war der Begriff der Medienkompetenz auf, wie wir dann zusammenarbeiten.
etwas, was eher außerhalb der Schule stattfand.
23dem Sinne nicht vorbereiten. Sondern diese Kolla-
boration an dieser Stelle – ortversetztes Arbeiten,
sich immer wieder auf neue Projektsituationen
einlassen können, mit digitalen Medien arbeiten –
da ist, denke ich, die Herausforderung.
Zwei Gedanken zum Begriff Digital Native: Wir
haben vielfach die Hoffnung, dass die nachkom-
mende Generation das wohl irgendwie schon
können wird, das mit der Digitalisierung. Das ist
einfach die Hoffnung, dass die, die jünger sind als
wir und mit den digitalen Medien aufwachsen,
selbstverständlicher mit Medien umgehen werden
als wir. Die Nutzung digitaler Medien im Freizeit-
bereich ist aber etwas ganz anderes als beispiels-
weise, das Internet für eine wissenschaftliche
Recherche zu nutzen. Natürlich benutze ich Goo-
gle, wenn ich für einen Artikel recherchiere oder
wenn ich meine Forschung mache. Aber die Frage
ist dann weniger, nutze ich oder nicht, sondern:
Wie können Studenten tatsächlich die Qualität
von Beiträgen einschätzen? Wie verstehen sie es,
mit diesen Medien umzugehen? Was heißt zitieren
im digitalen Zeitalter usw.? Das sind ganz andere
Kompetenzen, die dafür erforderlich sind. Es sind
ganz andere Fragen.
Eine andere Frage: Wenn ich mit den digitalen
Medien oder Programmen, die ich kenne, gut zu-
rechtkomme, heißt das nicht, dass ich mit dem, das
in den nächsten zehn Jahren auf mich einwirkt, zu-
rechtkomme. Wichtig ist die Frage der Selbstlern-
kompetenz. Wie reflektiere ich den Umgang mit
digitalen Medien? Wie eigne ich mir das selber an?
Wie erkenne ich, was sinnvoll für mich, für meine
Arbeit ist und was kann mir die Kommunikation,
Dr. Barbara Getto die Interaktion erleichtern?
Früher haben wir von E-Learning gesprochen,
Ein Workspace ist für mich das Sinnbild dafür, heute sprechen wir von Digitalisierung von Studi-
wie wir vielleicht in Zukunft mit digitalen Medi- um und Lehre, weil wir erleben, dass das Thema
en arbeiten. Die Workspaces sind etwas Typisches doch etwas weiter geht, als einzelne Lehrveran-
für das sehr zeitlich und örtlich versetzte Arbeiten staltungen zu digitalisieren. Oft wird in der Wer-
– in Projekten, in sich immer wieder veränderten bung der Eindruck vermittelt, mit digitalen Medien
Konstellationen. Das ist natürlich etwas, worauf kann man super überall lernen, ganz einfach auf
Hochschulen mit einer klassischen Vorlesung in Knopfdruck. Sogar beim Snowboarden setze ich
24mich mal hin und kann mal schnell ein Compu- beruhigend, andererseits enttäuschend, wenn man
ter-Based Training durchklicken. Das sind natürlich erwartet hätte, dass hier mehr passiert. Wenn man
fürchterliche Bilder, die mit der Realität wenig zu sagt, auf jeden Fall lernen die Schüler alle schlech-
tun haben. ter, dann wäre das ja eine Antwort. Aber wir stellen
fest, digitale Medien – das ist die Kernaussage die-
Wir erleben zudem einen Diskurs, der zunehmend ser Meta-Meta-Analyse - sind kein Selbstzweck,
schrill geführt wird, wo Ängste geschürt werden: sie machen die Lehre nicht a priori besser. Aber
Die Digitalisierung revolutioniert, die Digitalisie- sie bieten Potentiale, Lehr-/Lernprozesse anders zu
rung macht dumm oder einsam, die Digitalisie- gestalten. Es kommt auf die Akteure an. Die Rol-
rung ist negativ. Auf der anderen Seite gibt es le der Lehrpersonen des didaktischen Settings ist
diese Hoffnung, digitale Medien revolutionieren etwas, was sich in diesen Studien immer wieder-
die Bildung. Sowohl dieser euphorische wie auch findet. Das heißt, wir müssen uns weiter darüber
der ängstliche Ansatz haben eines gemeinsam. Sie Gedanken machen, wie wir didaktische Konzepti-
glauben, die Digitalisierung macht das. Ich würde onen, wie wir mediendidaktisch aktiv werden, wie
sagen: Nein, wir müssen das machen. Wir müssen wir gestalten. Und die Frage stellen: Wie können
uns entscheiden zwischen einem Digitaldetermi- wir die Potentiale nutzen? Es gibt viele Beispiele
nismus, der uns vorschreibt, was wir machen sol- dafür, wie man eine bessere Lehr-/Lernmethode
len, oder der Frage nach der eigenen Gestaltung. mit digitalen Medien unterstützen kann, wie man
Sie ahnen, dass ich natürlich sagen würde, wir das Lernen flexibler gestalten kann, wie man damit
wollen selbst gestalten. stärker auf die Diversität der Studierenden einge-
hen kann, wie man durch digitale Medien stärkere
Und weshalb wollen wir eigentlich digitale Medi- individuelle Zugänge schaffen kann und wie man
en einsetzen? Wir sprechen heute über Potentiale auf eine Lebens- und Arbeitswelt vorbereiten
und da wieder über viele Hoffnungen, die uns in kann, die zunehmend digitaler ist.
den letzten zehn, zwanzig Jahren untergekommen
sind: damit man leichter lernt, schneller, besser, Wie gelingt das nun an den Hochschulen? Der
vielleicht auch, damit das Lernen billiger wird. Die Frage stellen wir uns schon ziemlich lange. Es geht
Realität ist da eine andere: Das mit dem leichte- nicht darum, ob es besser ist, digital oder analog
ren Lernen durch digitale Medien hat sich schon zu lernen. Das ist eine Frage, die wir uns an den
einmal nicht unbedingt herausgestellt. Schneller Hochschulen nicht mehr stellen. Es geht darum,
vielleicht nicht unbedingt. Besser und billiger? wie wir Potentiale der Digitalisierung an unseren
Ich habe noch nicht erlebt, dass man einen Cent Hochschulen nutzen können. Wollen wir das, was
dadurch gespart hat, dass man digitale Medien wir bislang machen, anders gestalten, mit neuen
einsetzt. Man kann natürlich gewisse organisato- Lerninhalten und Zielen? Oder wollen wir uns ganz
rische Prozesse effizienter gestalten. Es gibt eine anders aufstellen und die digitalen Medien nutzen,
Studie, die wir immer gern zitieren, eine Meta-Me- um neue Zielgruppen, neue Märkte zu erschließen,
ta-Analyse der Studien zum Einsatz digitaler Me- eine neue Studierendenschaft zu ergründen? Oder
dien der letzten fünfzehn Jahre zu der Frage, lernt wollen wir unsere vorhandenen Programme anders
man denn jetzt besser oder nicht mit Medien? 12 gestalten?
Prozent haben eine bessere Behaltensleistung.
Über die Frage der Veränderungsprozesse der
Das Bemerkenswerte ist vor allem, dass die Er- Hochschulen, des Change Managements der
gebnisse über diese Zeit relativ konstant bleiben. Hochschulen gibt es schon lange Forschungen. Sie
Es gibt keine großen Ausschläge, weder ein sehr kennen vielleicht alte Veröffentlichungen aus den
viel besseres Lernen durch digitale Medien, aber Siebzigern. »Lose gekoppeltes System« nannte sich
auch kein Abfallen des Lernens. Das ist einerseits Hochschule dann, es trifft teilweise immer noch
25zu. 2012 hat die Hochschulforscherin Frau Kehm derung der Hochschulentwicklung. Das ist an der
die Hochschulen noch als besondere und unvoll- Stelle eine Chance. Wenn Sie diese Zielvorstellung
ständige Organisationen bezeichnet. Und es ist haben, dann können Sie die anderen Maßnahmen,
natürlich eine Frage, als was man eine Hochschule Meilensteine, Verbindlichkeiten usw. im Grunde
sieht, als was für eine Organisationsform? Hat man genommen ganz einfach ableiten. Dann haben Sie
eher ein institutionelles Verständnis von der Hoch- Ihre Digitalisierungsstrategie.
schule oder was für eine Organisation hat man
hier? Wir erleben in den Veränderungsprozessen Die zentrale Frage ist hier, welche übergeordne-
an Hochschulen, dass Machtmittel kaum greifen. ten Ziele die Hochschulen mittels Digitalisierung
Es entspricht nicht der Kultur der Hochschulen in erreichen wollen. Es stellt sich dann die Frage: Wie
Deutschland, dass von oben entschieden werden können digitale Medien dazu beitragen, das Profil
kann. Und doch erleben wir, dass mit den Strate- der Hochschule weiter zu entwickeln? Aber diesen
giethemen, mit den Digitalisierungsthemen sich Perspektivwechsel konsequent durchzuziehen,
eine Wechselwirkung ergibt zwischen dem, was das ist tatsächlich etwas, was ich in meiner Ar-
Hochschulen strategisch entscheiden und den beit häufig als Herausforderung empfinde. Wollen
Graswurzel-Bewegungen aus der Vergangenheit. wir bestehende Lernangebote verbessern? Wollen
wir eine bessere didaktische Qualität erreichen?
Womit Hochschulen tatsächlich Schwierigkeiten Wollen wir neue Zielgruppen ansprechen oder
haben, ist das Thema des Aufforderungscharak- uns ganz neu orientieren? Und diese Fragen sind
ters, der aus der Hochschule selbst kommt, weil die natürlich wichtig zu beantworten, wenn Sie eine
Lehrpersonen an Hochschulen sich eher mit ihrer Strategie aufsetzen.
Scientific Community identifizieren, Karrierewege
außerhalb der eigenen Hochschule diskutiert und Die Kultusministerkonferenz empfiehlt den
ermöglicht werden und die eigene Hochschule sich Hochschulen, Strategien zu schreiben und sagt:
doch recht schwer tut, Anreize zu liefern. Daher »Potentiale liegen darin, dass sie ihr eigenes Profil
besteht schon lange die Frage, wie wir das mit dem damit befördern.« Und ja, das ist bestimmt so. Wir
E-Learning in die Breite bekommen – angefangen haben in Nordrhein-Westfalen rund 40 staatliche
von Pionierphasen in den neunziger Jahren, wo es Hochschulen und haben in vielen verschiedenen
um die Frage ging, wie man mit digitalen Medi- Workshops, in vielen Runden mit den Hochschul-
en die Hochschullehre über kooperative Ansätze leitungen an der Frage gearbeitet, wo sie ihre stra-
gestalten kann. Das Bildungsportal Sachsen ist, tegischen Ziele im Kontext der Digitalisierung von
denke ich, in dieser Zeit entstanden. Das Entschei- Studium und Lehre sehen. Wir haben das syste-
dende ist doch, wie bekommt man solche Leucht- matisch untersucht und festgestellt, dass es zwei
turmprojekte, wo ausprobiert wird, welche medi- Tendenzen gibt. Die eine ist, die Digitalisierung als
endidaktischen Konzepten passen, in die Breite? Modernisierungstrend mit einem eher institutio-
Mit welchen Kompetenzentwicklungsmaßnahmen nellen Verständnis der Hochschule zu befördern
kann man was erreichen usw.? und auf der anderen Seite Digitalisierung zur Pro-
filierung zu nutzen. Auf verschiedenen Ebenen
Das Thema der Digitalisierungsstrategie ist hier gibt es diese Tendenz, sich zwischen diesen beiden
ein ganz Wichtiges. Wir haben in der ersten Pha- Richtungen zu entscheiden. Sie haben beispiels-
se des Hochschulforums Digitalisierung in der weise in Ihrem Strategiepapier geschrieben, dass
Themengruppe »Change Management und Orga- Sie eine bessere Positionierung der sächsischen
nisationsentwicklung« die Frage diskutiert: Was Hochschulen im Wettbewerb wollen, ganz klar,
macht eine gute Digitalisierungsstrategie aus? Es das ist ein Profilierungsthema für Sie. Und was
geht nicht um die Frage, Digitalisierungsstrategie das dann wiederum für die einzelne Hochschule
um der Digitalisierung willen, sondern zur Beför- bedeutet, dass sie sich dementsprechend verhält,
26Sie können auch lesen