DROGENKURIER - Dokumentation des internationalen Gedentags für verstorbene Drogengebraucher_innen - Gedenktag
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DROGENKURIERmagazin des jes-bundesverbands
nr. 123
aug. 2020
Dokumentation des
internationalen G edentags
für verstorbene
Drogengebraucher_innengedenktag 2 DROGENKURIER
LIEB E FRE UND INN EN
UN D FR EU ND E,
LIEBE LESERIN NEN UND
LESE R DES DROG ENKU RIER ,
LIE BE MIT WIR KEN DE
AM GE DE NK TA G FÜ R
VERST ORBEN E DROGE N-
GEB RAU CHE R _ INN EN 202 0
Sie und ihr habt es geschafft. Trotz teilwei- Ein beeindruckender Ideenreichtum
Impressum se problematischer Rahmenbedingungen,
wurden eine Vielzahl von Veranstaltungen,
Ein Blick auf die fast 80 Veranstaltungen
zeigt den sehr beeindruckenden Ideen-
Nr. 123, August 2020 Aktionen, Gottesdienste als Indoor- und reichtum von MItarbeiter_innen der be-
Outdoorevents am 21 Juli durchgeführt. In teiligten Einrichtungen und Städte.
Herausgeber des DROGENKURI ER: fast jedem Bericht dieser Dokumentation Von riesigen Hochhausdisplays über
wird auf diese, in diesem Jahr besonderen kreativ-künstlerische Aktionen des Bema-
JES*-Bundesverband Rahmenbedingungen, aufgrund der Coro- lens von Steinen, Baumpflanzungen, Ge-
Wilhelmstr. 138, 10963 Berlin na Pandemie hingewiesen. denkorte in der gesamten Stadt bis hin zu
Tel.: 030/69 00 87-56, Aufgrund der mancherorts sehr kurz- Radtouren zu den Gräbern verstorbener
Fax: 030/69 00 87-42 fristigen Organisation von öffentlichen Freund_innen, dies sind nur einige weni-
vorstand@jes-bundesverband.de Veranstaltungen und der beschriebenen ge Beispiele für die verschiedenen Formen
www.jes-bundesverband.de Bedingungen ist es schier unglaublich, wel- des Gedenkens in diesem Jahr.
che große Zahl von Veranstaltungen zum Bereits jetzt wird deutlich, dass durch
Bundesarbeitsgemeinschaft Gedenken an verstorbene Drogengebrau- unsere Veranstaltungen starke Signale
der Eltern und Angehörigen cher_innen in diesem Jahr stattfanden. an die politisch Verantwortlichen gesen-
für akzeptierende Drogenarbeit det wurden. Es bleibt zu hoffen, dass dies
Ein neuer Rekord an teilnehmenden hilft, die auch positiven Entwicklungen
Städten in Deutschland durch die Corona Pandemie zu verstetigen.
DAH-Bestellnummer: 102123
Zum Zeitpunkt der Erstellung dieser Do- Erstmals wurde der Gedenktag durch
ISSN: 2512-4609
kumentation lagen uns Informationen eine eigene Seite www.gedenktag21juli.de
Auflage: 4.500 Exemplare von 79 Veranstaltungen in 71 Städten in unterstützt. Auf dieser Homepage sind
Deutschland vor. Dies bedeutet, dass noch fortan alle Informationen zum Gedenktag
Redaktion: JES Bundesvorstand, nie so viele Einrichtungen das Gedenken zu finden. Aufgrund der immensen Zahl
Dirk Schäffer (DAH) an verstorbene Drogengebraucher_innen von Veranstaltungen, wird in diesem Jahr
Titelfoto: Eva Wache, Saarbrücken am 21 Juli unterstützt haben. eine Dokumentation „nur“ in gedruckter
Alle nicht extra benannte Fotos: privat Form erstellt.
Satz und Layout: Carmen Janiesch Ein großer Dank an alle Mitarbei-
ter_innen und Ehrenamtliche 1.398 #DuFehlst
Druck: onlineprinters.de
Zudem wurde in vielen Städten das vom Zudem wurde der Gedenktag erstmals
Elternverband und vom JES Bundesver- durch eine Social Media Kampagne beglei-
Der DROGENKURI ER wird
band erarbeitete Motto „Wohnraum, so- tet. Auch dieses neue Element wurde von
unterstützt durch: ziale und medizinische Hilfen müssen ein
(Nennung in alphabetischer Reihenfolge)
vielen Teilnehmenden und unbekannten
Menschenrecht sein – ob mit oder ohne Unterstützer_innen genutzt. Gemeinsam
Corona/COVID 19“ aufgenommen. Hervor- mit der ebenfalls neu geschaffenen Mög-
Camurus
zuheben ist ferner, dass auch im 23. Jahr lichkeit von persönlichen Erinnerungen
Deutsche Aidshilfe e. V.
des Gedenkens an verstorbene Drogenge gepaart mit der Möglichkeit eine virtuel-
GL Pharma braucher_innen immer noch neue Städte le Kerze zu entzünden www.aidshilfe.de/
Hexal hinzukommen und bei vielen von Ihnen gedenktag, können alle begleitenden
INDIVIOR und euch der 21. Juli ein fester Bestandteil Möglichkeiten des Gedenkens und der
Sanofi Aventis der Jahresplanung geworden ist. Erinnerung als großer Erfolg bezeichnet
werden.
*Junkies, Ehemalige, Substituierte Das RedaktionsteamDROGENKURIER 3 gedenktag
Gedenken in München
Erstmals ein Grußwort der Bürgermeisterin
MÜ NC HE N
„53 Drogentote sind Maskenpflicht, Abstandsmarkierun-
53 Verstorbene zu viel“ „Ich möchte euch
gen und Co hielten uns jedoch nicht da-
von ab, mit unseren Forderungen an die
Gründe für diese Forderungen liegen laut alle hier nächstes Öffentlichkeit zu gehen, Präsenz zu zeigen
und jedem Verstorbenen* eine Stimme zu
Jahr wieder sehen!“
Margot Wagenhäuser, Leiterin des The-
rapieverbund Sucht der Caritas, auf der geben. Nach vorangegangenen Überle-
Hand. 53 Menschen verstarben im ver- gungen ob und wie man in diesem Jahr
gangenen Jahr in München an den Fol- Sichtlich emotional verliest Angelika überhaupt eine Veranstaltung abhalten
gen von Drogenkonsum: „53 Drogentote May-Norkauer von prop e. V. die 53 Vor- kann, sehen wir nun dass wir die richtige
sind 53 Verstorbene zu viel“, betont sie. namen der im vergangenen Jahr ver- Entscheidung getroffen haben. Zum ers-
Neben Drogenkonsumräumen bräuch- storbenen Drogengebraucher*innen. ten Mal hielt eine Bürgermeisterin Mün-
ten Menschen besonders im ländlicheren Ob selbst Konsumierende*, Angehörige chens das Grußwort und zeigte sich dabei
Raum besseren Zugang zur Substitution. oder Sozialarbeiter*innen in der Sucht- den Betroffenen, uns Mitarbeiter*innen
Wagenhäuser warnt vor den Folgen einer hilfe – viele der Namen sind den am der Suchthilfe und Angehörigen nicht
solchen Vernachlässigung: „Die schlech- Marienplatz versammelten Menschen nur sehr wertschätzend, sondern auch
te Versorgungslage mit Substitutionspro- bekannt. Hinter den politischen Forde- äußerst dankbar. Auch über Ihr Angebot
grammen im ländlichen Raum führt dazu, rungen steckt die jahrelange Erfahrung, der Unterstützung freuen wir uns sehr
dass diese Menschen zu anderen Substan- welche Auswirkungen Marginalisierung und bleiben im Gespräch. Durch die vielen
zen greifen.“ auf Drogengebraucher*innen hat. Jörg Pressevertreter*innen vor Ort konnten wir
Gerstenberg prangert den oft gefühlten mit unseren Forderungen in diesem Jahr
Wissenschaftlichkeit statt Ideologie Zynismus in der Drogendebatte an: „Es zudem auch hohe mediale Aufmerksam-
Drogenpolitik brauche Expertentum und steht einer offenen und humanen Gesell- keit erzeugen. Und so bleibt am Ende der
Wissenschaftlichkeit, meint Jörg Gersten- schaft nicht an, so über Menschen zu re- Veranstaltung wieder einmal die Hoff-
berg von prop e. V. Was in der Coronakri- den. Jedes Leben zählt!“ Nach Ende einer nung, dass unser Apell an die bayerische
se zum Usus wurde, sei in der Drogenpo- Schweigeminute wendet sich Olaf Os- Staatsregierung vielleicht doch noch ir-
litik jedoch noch nicht angekommen. Viel termann, Stellvertretender Bereichsge- gendwann einmal Gehör findet.
mehr ginge es hier noch um ideologische schäftsführer bei Condrobs e. V., an die
Vanessa Cramer,
Debatten. Zusätzlich zu flächendeckender versammelten Drogengebraucher*innen:
stellvertretende Einrichtungsleitung
Substitution und Konsumräumen fordern „Passt auf euch auf. Ich möchte euch
Kontaktladen limit, Condrobs e. V.
Suchthilfeträger also auch die etwa in der alle hier nächstes Jahr wieder sehen!“ Er
Gerhard Schützinger,
Schweiz bereits erprobte Maßnahme des weiß, viele Drogentode könnten er und
Öffentlichkeitsarbeit, Condrobs e. V.
Drugchecking. Druckchecking ist die Mög- seine Mitarbeiter*innen mit einem Um-
lichkeit, straffrei Drogen auf ihre Inhalte, schwung in der bayerischen Drogenpoli-
Wirkstoffgehalte und mögliche Verunrei- tik verhindern.
nigungen testen lassen zu können. Beson-
ders für jüngere Konsument*innen, die
häufig auf synthetische Drogen umstei-
gen, sei Drugchecking ein potentieller Le-
bensretter, betont Klaus Fuhrmann.gedenktag 4 DROGENKURIER
Thomas Fabian sprach auf dem Windmühlenberg Angehörige in Braunschweig
Foto: Bernward Comes
Blumen und Namen.
Besucher konnten von
den 16 in Braunschweig
Verstorbenen Abschied
nehmen
BRAUNSCHWEIG
Nicht die Worte, die “... Mirco, Carsten ...“ Es ist nicht nur eine ,, ... Angelika, Rolf ... “ Die Zahl der Dro-
Menschen zählen Auseinandersetzung um die richtigen gentoten spricht eigentlich eine klare
Worte, es ist auch eine um die richtige Sprache. ,, ... Hartmut, Bernd ...“ Die nicht
„Alex, Andreas, Felix ...“ während die Ge- Strategie. ,JES“ heißt eine der Organisati- vergessen sind, sagt Henning Böger. Die
räusche der Stadt zum Windmühlenberg onen, die heute den FreiluftGottesdienst Gemeinde steht hinter dieser wichtigen,
zwischen Oker, Schienen und Straße he- der St.MagniGemeinde mit ausrichten, notwendigen Arbeit, die Menschen in
raufwehen, liest Pfarrer Henning Böger in deren Beritt der Windmühlenberg als den Blick nimmt, die im Leben auch viele
Namen vor, die auf Holzkreuzen stehen. Brennpunkt der Drogenszene liegt. glückliche Momente hatten. Böger erzählt
Menschen, die zwischen dem 21. Juli 2019 die Geschichte von der aufsummierten Le-
und dem 21. Juli 2020 im Zusammenhang “... Sascha, Timo, ...“ Auch die Drogenbe- benszeit aus Glücksmomenten. “.
mit Drogenkonsum gestorben sind. ratungsstelle und das Café Relax des Pari-
tätischen und die Aidshilfe Braunschweig Renate und Martin...“ 16 Drogenopfer in
“... Nils, Christian, Claudia ...“ Es fängt sind im Rondell auf dem Windmühlen- Braunschweig in einem Jahr. Die sterben
schon damit an, wie wir von ihnen reden. berg beim Gedenktag dabei, unterstüt- nicht alle an der Überdosis, sondern oft an
Es sind Drogentote. Hier aber, am „Ge- zen, helfen. Verschiedene Strategien und Folgeerkrankungen, sagt Thomas Fabian
denktag für verstorbene Drogengebrau- Begrifflichkeiten für eine gemeinsame Sa- vom Vorstand der Aidshilfe.
cher“, der immer am 21. Juli begangen che. Hilfe! Zwischen Prohibition und Prä-
Braunschweiger Zeitung, 21.07.2020,
wird, sind es vor allem Menschen, um die vention, Akzeptanz und Abstinenz, Ge-
Henning Noske;
wir trauern, Menschen im Bannkreis von brauch und Missbrauch gibt's aber vor
redaktionell gekürzter Beitrag
Drogensucht. Vor der Zeit gestorben. allem: Trauer und Ratlosigkeit.DROGENKURIER 5 gedenktag
Aktion in Potsdam R.I.P. Rest in Peace
NEU MAR KT
Ein würdiger Abschied
Ein würdiger Abschied, Zeit für Gemein-
schaft und Zeit für die eigene Trauer.
Trauer hat in diesem Jahr schwierige Be-
dingungen. Es gibt Beschränkungen und
Regeln. Um so wichtiger war es uns als
Suchtberatungsstelle Raum und Zeit für
Die Potsdamer Glücksmauer
den Abschied in Gemeinschaft zu öffnen.
Wie bereits letztes Jahr, schrieben wir in
kleinem Kreis die Namen der Verstorbe-
nen auf Steine, diesmal natürlich Open-
Air. Für Neumarkt mussten wir dieses
Jahr vier neue Steine beschriften.
K. Blos
Gedenkstelen in Hagen
Foto Stadt Hagen
P O T SDA M
Eine „Glücksmauer“
in Potsdam
terhin steigende Zahl der verstorbenen
Drogengebraucher*innen thematisieren
und die z. T. herausfordernde Situation
HAG E N
Der Chill out e. V. Potsdam hat am Nach-
von drogengebrauchenden Menschen Gedenken auf dem
mittag des 21. Juli anlässlich des Ge-
sensibilisieren. Es wurden viele inter-
essante Gespräche mit vorbeigehenden
Friedrich-Ebert-Platz
denktags für die verstorbenen Drogen Passant*innen geführt.
gebraucher*innen eine Aktion vor dem An verstorbene Drogenabhängige in Ha-
Ein großer Dank geht an die Unter gen erinnerten Mitarbeiterinnen und
Brandenburger Tor in der Fußgängermei- stützer*innen der Aktion, die so zahlreich
le Potsdams veranstaltet. In Form eines Mitarbeiter der Kommunalen Drogenhil-
dabei waren und dem Verein immer wie- fe der Stadt Hagen am Dienstag, 21. Juli,
Flashmops haben sich mehrere Menschen der helfend zur Seite stehen und das The-
auf die Straße gelegt und ihre Umrisse von 10 bis 14 Uhr mit einem ausgestellten
ma in Potsdam immer wieder in den öf- Objekt auf dem Friedrich-Ebert-Platz vor
wurden mit Kreide nachgezeichnet. fentlichen Raum tragen.
Darüber hinaus haben wir eine der Volme-Galerie.
Ein riesiges Dankeschön für das Enga-
„Glücksmauer“ erstellt: vorbeigehende gement! www.hagen.de
Passant*innen haben die Dinge dage- Kathi
lassen, die Ihnen im Leben den meisten
Halt geben. Die Aktion sollte für die wei-gedenktag 6 DROGENKURIER
Gedenken in Hersfeld „Sie fehlen“ Das neue Banner zeigt die Zahl der Drogentoten in Köln
H ER SF EL D - K Ö LN
R O TE N B U R G Großes Interesse beim
Gedenktag in Köln
Mehr Drogentote 83 Personen waren im vergangenen Jahr
im Kreis Hersfeld-
Der diesjährige Gedenktag für verstor-
Klienten der Substitutionsambulanz. Sie
bene Drogengebraucher gestaltete sich
erhielten dort nicht nur ihren Ersatzstoff,
Rotenburg sondern hatten regelmäßigen Kontakt
in Köln anders als in den vorherigen Jah-
ren. Corona verhinderte, dass wir das Ge-
zu Maria Kramm, die für die psychosozia-
Fünf Drogenabhängige sind 2019 und im denken am Rudolf Platz stattfinden lassen
le Betreuung zuständig und jeden Tag in
ersten Halbjahr 2020 im Landkreis Hers- konnten. Um 12 Uhr war der Andrang vor
der Ambulanz anwesend war. „Das war
feld-Rotenburg gestorben. Das sind 0,4 dem Eingang von Vision bereits groß und
für viele wie eine Familie und hat ihnen
Prozent aller Drogentoten in Deutschland. bis 16 Uhr erschienen auf dem Außenge-
Halt gegeben“, weiß Kramm. Weil sich
Diese Zahl finden Kerstin Blüm, Leiterin lände von Vision 140 Gäste und begingen
kein Arzt fand, der die Aufgabe von Dr. Jo-
des Beratungs- und Behandlungszent- gemeinsam mit uns den Gedenktag. Ne-
hannes Brönneke-Born übernehmen woll-
rums für Abhängigkeitserkrankungen im ben der Gestaltung von bunten Gedenk-
te, musste die Ambulanz schließen. Seit-
Diakonischen Werk Hersfeld-Rotenburg steinen, die eine Steinkette um unseren
dem werden die meisten Klienten von
(BBZ), und ihre Kollegin Maria Kramm Gedenkbrunnen bilden soll, gab es auch
Ambulanzen in Fulda oder Kassel betreut.
erschreckend. „Früher war es nur ein To- eine emotionale Gedenkminute. Mit der
Schon die Fahrt dorthin mit öffentlichen
desfall, maximal zwei Fälle im Jahr“, sagt Hintergrundmusik von Pink Floyd schrie-
Verkehrsmitteln ist sowohl eine finanzi-
Blüm. ben alle Gäste ihre Wünsche und Gedan-
elle Belastung als auch eine Herausfor-
ken auf Pyropapier und verbrannten diese
Drogentodesfälle durch Schließung derung für Menschen, die zur Hochrisi-
anschließend in einer Feuerschale.
der Substitutionsambulanz? kogruppe gehören, betont Maria Kramm.
Mit kurzen Redebeiträgen nutzten wir
Einige Patienten werden nun von einer
Sie ist überzeugt, dass es einen Zusam- auch die Gelegenheit, um auf die Situa-
Hausarztpraxis in Bad Hersfeld betreut,
menhang gibt zwischen den Todesfällen tion Drogen gebrauchender Menschen
für die am schwersten Erkrankten fand
und der Schließung der Substitutionsam- in Köln aufmerksam zu machen. Unse-
sich jedoch keine Lösung. Sie sind zu il-
bulanz zum Jahresende 2019. Die corona- re Forderung- die aufgrund von Coro-
legalen Drogen zurückgekehrt, mit allen
bedingten Beschränkungen hätten die na vorgenommenen Änderungen in der
schwerwiegenden Folgen. Einer ist in-
Situation zusätzlich verschärft, ergänzt Substitution beizubehalten- sollten nicht
zwischen gestorben. „Das macht uns sehr
Maria Kramm. Sie kümmert sich um die- ungehört bleiben. Neben dem kleinen
traurig“, sagt Kerstin Blüm.
jenigen Drogenkranken, die mithilfe ei- Programm blieb den Gästen auch ausrei-
nes Ersatzstoffes, also einer Substitution, Hersfelder Zeitung 21.07.2020, chend Zeit zum persönlichen Austausch,
ohne illegale Drogen leben wollen. Christine Zacharias (zac) um das Gegrillte zu genießen und der Mu-
sik zu lauschen.DROGENKURIER 7 gedenktag
Persönliche Erinnerungen in Lehrte
LE HR TE Das Lehrter Team
Bruder, du warst
Steine und Schieferplatten bei Vision
so jung du starbst so
früh wer dich gekannt
vergisst dich nie
Am 21. Juli wurde in der DroBel – Lehrte
(Fachstelle für Sucht und Suchtpräventi-
on) der internationale Gedenktag für ver-
storbene Drogengebraucher*innen ver-
anstaltet. Bei schönstem Sonnenschein
organisierte das JES Selbsthilfe-Hofpro-
jekt ein Gedenken an Freunde, Verwandte
und Kollegen, die dem illegalen Konsum Bunte Ballons mit Botschaften
erlagen. Musikalische Begleitung stimm-
te mit Gesang und Gitarre auf das emoti-
onal stark belastende, traurige Thema ein.
So manche Träne floss bei der Nieder-
schrift der persönlichen Erinnerungen,
in ein eigens dafür angelegtes Gedenk-
buch. (Auszug Gedenkbuch) „Bruder, du
warst so jung du starbst so früh wer dich
Am Ende des Tages waren sich viele gekannt vergisst dich nie“. Ähnliche, so-
der Anwesenden einig, dass dies ein sehr wie sehr persönliche Eintragungen füll-
schöner Tag für alle war, bei dem den ten schnell die Seiten unseres Gedenk-
Verstorbenen gebührend gedacht wer- buches. Auch von der Möglichkeit einen
den konnte. Viele Erinnerungen wurden Gedenkstein für nahestehende Personen
ausgetauscht und somit wieder in das Ge- zu gestalten, wurde reger Gebrauch ge-
dächtnis aller gebracht. Unsere verstorbe- macht. Für das leibliche Wohl gab es ein
nen Freundinnen, Freunde, Angehörigen breites Angebot an Gegrilltem, sowie eine
Durch die Corona-Pandemie förmlich
und Kumpel sind nicht vergessen. Vielzahl von selbstgemachten Salaten
ausgehungert, an Möglichkeiten der Zu-
und Beilagen. Zum Ende der Veranstal-
Das Team von VISION sammenkunft, stellte der diesjährige Ge-
tung wurden mit Helium gefüllte Ballons
denktag einen besonderen Rahmen dar,
in den Himmel entlassen, die persönliche
der dankbar von etwa 30 Teilnehmenden
Erinnerungen trugen. Musikalisch unter-
angenommen wurde. Insgesamt war es
legt mit dem Song „Knocking on Havens
ein würdiges, gelungenes Gedenken an
Door“ wurde den Ballons noch lange hin-
die vielen Verstorbenen.
terher geschaut.
Kirstin Cibuk, JES Lehrtegedenktag 8 DROGENKURIER
Großes Interesse bei der Einweihung des Gedenksteins in Leipzig Der neue Gedenkstein in Leipzig
LE IPZ IG
Ein Ort des Gedenkens
im Elisenpark
Im Rahmen des Internationalen Ge
denktages organisierte die I.G.edenkstein
Leipzig – eine Initiative von Angehöri-
gen, Freund*innen, (ehemaligen) Konsu
„Die Würde des
ment*innen und Sozialarbeiter*innen – Menschen ist
jährlich am 21. Juli Veranstaltungen, um
der Menschen zu gedenken, die an ihrem unantastbar.“
Drogenkonsum oder dessen Folgen ver-
storben sind. Den Akteur*innen war es Dieser Satz steht in unserem Grundge-
ein wichtiges Anliegen, einen festen Ort setz an erster Stelle und er benennt kei-
zu schaffen, um an die Betroffenen zu er- nerlei Voraussetzungen für Würde. Jeder
Gedenkstein soll Mensch hat Würde und diese darf durch
innern und der den Angehörigen einen
zum Nachdenken anregen nichts und niemanden in Frage gestellt
Platz und Zeit für ihre Trauer bietet. Zu
In seinem Grußwort betonte der Sozial- oder verletzt werden.“
diesem Zweck arbeitete die I.G.edenkstein
bürgermeister Prof. Dr. Thomas Fabian: Die Veranstaltung wurde durch eine
seit über fünfzehn Jahren darauf hin, ei-
„Mit der Errichtung eines Gedenksteins in Andacht unter freiem Himmel mit Pfar-
nen Gedenkstein für diese Menschen zu
Leipzig wurde nun nicht nur ein Ort der rer Keller abgerundet, der sich auf der Gi-
errichten.
Erinnerung und der Trauer geschaffen, tarre selbst begleitete. Bei Kaffee, Kuchen
sondern auch ein „Stein des Anstoßes“. und Live-Musik gab es im Anschluss Raum
Durch Benefizaktionen am jährlichen Ge-
Der Stein soll und wird uns zum Nachden- und Zeit für Begegnungen, um Gedanken
denktag konnten in den vergangenen Jah-
ken anstoßen über unseren Umgang mit und Gefühle austauschen.
ren Spenden zur Finanzierung des Stei-
konsumierenden und drogenabhängigen
nes eingeworben werden. Mit Hilfe eines I.G.edenkstein
Menschen. Sie verdienen gesehen und be-
Steinmetz wurden Ideen für den Gedenk-
achtet zu werden.
stein entwickelt und umgesetzt.
Da der Stein seinen Platz im öffentli-
chen Raum finden sollte, musste das Kon-
chaft der Eltern
zept und die Entwürfe zum Stein in vie- Im Namen der Deutschen Aidshilfe sowie der Bundesarbeitsgemeins
ich der I.G.edenkstein
len städtischen Gremien vorgestellt und und Angehörigen, des JES-Bundesverbands und Akzept möchte
langen Atem und das
diskutiert werden. 2020 konnte nun end- unseren ganz besonderen Dank aussprechen. Dank für den
ige Hürden und Barrieren
lich am 21. Juli der Gedenkstein mit ei- hohe Maß an Motivation, um den Weg der durch vielfält
zu gehen. Eure Initiati-
ner Feierstunde enthüllt und eingeweiht gekennzeichnet war, bis zur Installation des Gedenksteins
und Suchthi lfe sowie enga-
werden. ve – die verschiedene Organisationen der Drogen-, Aids-
ein Beispie l dafür, was man ge-
gierte Selbstorganisationen in Leipzig vereint – ist
meinsam leisten kann. Dirk Schäffergedenktag 10 DROGENKURIER
42 Kerzen zur Erinnerung
sodass dieses Jahr einige Menschen, die
gern bei der Andacht dabei gewesen wä-
ren, lediglich im Foyer daran teilhaben
konnten. Drogengebrauchende und An-
gehörige bekamen in diesem Fall selbst-
verständlich den Vortritt beim Einlass.
Der Zulauf war trotz erhöhtem organisa-
torischem Aufwand und den Beschrän-
kungen groß. So konnten ungefähr 80
Menschen in der Kirche Platz haben, lei-
der nicht alle, die teilnehmen wollten. Im
Laufe des Gottesdienstes wurde wie jedes
Jahr für jede*n Verstobene*n eine Kerze
angezündet, durch Angehörige oder Mit-
arbeitende sozialer Einrichtungen und es
gab Momente der Stille und des Abschied-
nehmens. Zudem wurden 3 Kerzen allen
Unbenannten gewidmet.
Im Anschluss an den Gottesdienst wur-
DÜ SSE LDO RF den die in Kooperation mit der Aidshilfe,
Flingern Mobil, Komm-Pass, Drogenhilfe
und dem Caritasverband vorgepackte Tü-
Gedenken und Wie so vieles in dieser Zeit, stand auch
ten an die Teilnehmenden der Gedenk-
Erinnerung in
feier verteilt. In den Tüten befanden sich
der jährliche Gedenktag unter Auswir-
ein Stück Kuchen, ein Trinkpäckchen, ein
Düsseldorf kungen der Covid-19 Pandemie, so dass
wir uns als Organisator*innen einer Ver-
Päckchen mit Vergissmeinnicht Samen
und andere Kleinigkeiten und Aufmerk-
anstaltung in Düsseldorf im öffentlichen
Eine Leine mit 42 Namen hing Raum, dieses Jahr eine Alternative ausge-
samkeiten zum Gedenktag. Diese Tüten
am Worringer Platz. 42 Verstor- dacht haben. Da eine Ansammlung von
wurden als Ersatz ausgegeben, da der Kaf-
fee und Kuchen Treff auf dem Worringer
bene Drogengebraucher*innen, Menschen in dieser Zeit nicht angebracht
dises Jahr nicht stattfinden konnte.
von denen wir in diesem Jahr ist, haben wir am Morgen des 21. Juli eine
Im Kontaktladen der Düsseldorfer Dro-
Abschied genommen haben Installation am Drogenumschlagsplatz
genhilfe wurde eine kleine Gedenkstätte
in Düsseldorf installiert. Enthalten wa-
für die Besucher*inen hergerichtet. Mit
Der Worringer Platz liegt unmittelbar ren die Namen der Verstorbenen und
Kerzen und Blumen wurde eine schö-
zum Hauptbahnhof und ist ein umstrit- Plakate, welche auf den Gedenktag auf-
ne Atmosphäre geschaffen und Klientel
tener und verrufener Platz. Er ist sowohl merksam machten. Somit wurde es auch
und Mitarbeiter*innen hatten die Mög-
Verkehrsknotenpunkt, als auch Szene- Passant*innen möglich gemacht, von die-
lichkeit persönliche Nachrichten auf Kar-
treffpunkt. Unterschiedlichste Menschen sem Tag zu erfahren.
ten zu schreiben, in Gedenken an die Ver-
halten sich hier gemeinsam auf und ver- Um 12 Uhr fand der jährliche Gedenk-
storbenen.
bringen Zeit miteinander in der Öffent- gottesdienst in der Elisabethkirche statt,
lichkeit. Aus diesem Grund eignet sich entsprechend den allgemeinen Regelun- Vanessa Blunk
dieser Platz, um den Verstorbenen zu Ge- gen mit Abstands- und Hygienevorschrif-
denken. ten. Die Anzahl der Plätze war begrenzt,DROGENKURIER 11 gedenktag
Vikas Bapat mit den gesammelten Botschaften in Hannover Umrisse als Symbol für den Tod unserer Freund_innen
HANNOVER
Das Leben ist
unbezahlbar! LÖ RR AC H
Der Drogentotengedenktag ist im Jahr Es gilt den Tod sichtbar
2020 kein Tag um gemeinsam zu trau-
ern. Die zusätzlichen, neuen Herausfor-
zu machen
derungen lassen den Tag zu einem Pro- In Kooperation mit den PIRATEN richte-
test-, Aktions- und Trauertag werden. Die te unsere JES Gruppe in Lörrach den Ge-
STEP – als niedersachsenweit tätiges Un- denktag aus. An verschiedenen Stellen
ternehmen der Suchthilfe – gibt dafür der Stadt wurden mit Kreide menschli-
Drogengebraucher*innen eine Plattform, che Umrisse auf den Boden gezeichnet,
um Wünsche, Ängste und auch Forderun- die den Tod eines Menschen symbolisie-
gen sichtbar zu machen. Aus den Vergessenen wurden für ren sollten.
eine Weile Gewinner In Lörrach sind 9 Menschen infolge ei-
Diese Maßnahmen sind dauerhaft ein Ge- ner Überdosierung oder an anderen Fol-
winn für die Gesellschaft. Gemeinsam mit gen des Drogenkonsums und der Kon
dem Arbeitskreis Sucht, Drogen und Aids sumbedingungen verstorben.
und dem Drogenbeauftragen der Stadt Noch am Nachmittag und Abend sah
Hannover fordern wir: man Menschen diskutierend und auch
betroffen an den Umrissen stehen, so die
• ein dauerhaftes, niedrigschwelliges Veranstalter.
Übernachtungsangebot für Sucht- D.Sch.
Menschen mit Suchterkrankungen kranke, die häufig auch obdachlos bzw.
eine Stimme geben wohnungslos sind
Die Solidarität kommt aus allen Einrich- • die Schaffung von preisgünstigen, klei-
tungen: Corona hat den Alltag auf den nen Wohnungen. Der Standard einer
Kopf gestellt. Für die meisten Menschen 3-Zimmer-Wohnung geht an den Be-
hieß das Rückzug ins Häusliche. Men- dürfnissen und finanziellen Möglich-
schen die keine Wohnungen haben und keiten vorbei
deren Leben abhängig ist von Treffpunk- • Schaffung einer niedrigschwelligen
Substitutionsambulanz nach dem Vor-
ten, Konsum und Hilfsangeboten erleben
die Maßnahmen zur Corona-Pandemie bild aus Hamburg https://bit.ly/3hhIaEY
anders. Die plötzlichen Schließungen der • Drug-checking als Beitrag zur Risikom- Unter diesem Link findet ihr
Hilfseinrichtungen zeigte, wie fragil das inimierung und Gesundheitsförderung einen interessanten Zeitungsartikel
System ist, aber auch, wie flexibel. • Fortführung und Verstetigung der nie-
drigschwelligen HIV- und Hepatitis-
aus der Badischen Zeitung
Die Unterstützung kam auch aus der
öffentlichen Hand – die Vergabe von Me- Testangebote
dikamenten an Suchtmittelabhängige • Schaffung von Tagesschlafplätzen.
wurde vereinfacht, Kontaktverbote auf- step-niedersachsen.de;
gehoben, Schlafplätze eingerichtet und
redaktionell gekürzter Beitrag
Essen finanziert.gedenktag 12 DROGENKURIER
Gedenken in Bielefeld Luftballonaktion in Herne
BI EL EF EL D
Gedenken von und für
die Szene in Bielefeld
Abschied nehmen …
HERNE
Aidshilfe erinnert mit
roten Blumen
Auch in diesem Jahr hatte das bewähr-
te Bündnis aus Aidshilfe, Drogenbera-
tung und JES Bielefeld die Szene wieder
Am Buschmannshof leuchteten rote Ro-
zu einer Gedenkfeier im Drogenhilfezen-
sen und Gerbera: Die Aidshilfe Herne
trum der Drobs geladen. Also keine wirk-
erinnerte in Zusammenarbeit mit der
lich öffentliche Veranstaltung. Wegen Co-
Kadesch gGmbH sowie der Jugend-, Kon-
rona war ohnehin kein größerer Rahmen
flikt- und Drogenberatung am Dienstag
machbar. In einer dadurch eher intimen
(21.7.2020) zum Internationalen Gedenk-
Atmosphäre entwickelten sich – gemüt-
tag von Drogentoten.
lich bei Kaffee und Kuchen im Hof des
Die Veranstalter waren dem Anlass
DHZ – auch diesmal wieder angeregte Dis-
entsprechend gekleidet: mit schwarzer
kussionen, naturgemäß oftmals über die
Kleidung, rotem Mundschutz und einer
immer noch zu ideologisch verbohrte und
Aids-Schleife. Das Ziel der Aktion ist es:
daher verfehlte Drogenpolitik.
• gemeinsam der Menschen zu geden-
Andere Anwesende schienen eher in
ken, die Ihre Erkrankung nicht über-
sich gekehrt und in melancholischen
winden konnten,
Stimmung. Was nicht verwundern kann,
• Auflärungs- und Öffentlichkeitsarbeit,
denn allzu viele gute Freundinnen und
• Beratung und Weitergabe von Safer-
Freunde sind im vergangenen Jahr wie-
Use sowie andere Materialien,
der verstorben. Ein gelungener Tag bei zu-
• Wissen weitergeben und verdoppeln.
dem idealen Wetterbedingungen, so un-
ser Fazit.
Die Holzschleife in Herne
Foto: Fabian Dobbeck
JES Bielefeld
Blumen zum GedenkenDROGENKURIER 13 gedenktag
52 rote Kreuze für 52 Drogentote
Foto: Astrid Pöter
LÜB ECK
Von 11 bis 15 Uhr suchten die Ehrenamt- #Dufehlst – denn es Klient*innen und Unterstützungsmög-
lichen das Gespräch mit Passanten und
Suchtkranken, um anschließend in Er-
sind #52 zuviel – lichkeiten durch die Berater*innen massiv
reduziert. Auch Todesursachen wie „All-
innerung an verstorbene Drogentote die 52 Kreuze in der gemeines Organversagen“ oder Krebser-
Blumen an die große Holzschleife zu ste- Lübecker Innenstadt krankungen ohne Hinweis auf tödlichen
cken. Das Ziel dieser Aktion, die unter den Drogenkonsum lassen eine hohe Dunkel-
gegebenen Hygiene- und Abstandsregeln Im vergangenen Jahr sind in Schleswig- ziffer vermuten.
vor dem Busbahnhof stattfand, war, den Holstein insgesamt 52 Menschen an den
Verstorbenen ein Gesicht zu verleihen. Folgen ihres Drogenkonsums gestorben Versorgungssicherheit in der
„Die Arbeit der Aidshilfe ist enorm – ein neuer Höchstwert im Vergleich zu Corona-Krise
wichtig“, fand Bürgermeisterin Andrea den vergangenen zehn Jahren. Gemein- Die Corona-Pandemie hat deutlich ge-
Oehler. „Jeder Drogentote ist einer zuviel. sam mit Betroffenen macht die AWO macht, dass viele Menschen in prekären
Da ist Unterstützung vor Ort, personell DrogenHilfe deshalb am 21. Juli, mit ei- Lebenssituationen ohne Integration in
und finanziell, sehr wichtig, auch wenn ner besonderen Aktion auf die hohen ge- das medizinische Hilfesystem nicht über
die Töpfe immer sehr begrenzt sind.“ sundheitlichen Risiken und die momenta- einen Krankenversicherungsschutz ver-
Dr. Robert Sibbel von der Ruhr-Apo- ne Situation von drogenkonsumierenden fügen. Aber auch bei bestehender Kran-
theke und gleichzeitig Sprecher der Her- Menschen aufmerksam. kenversicherung bleiben viele von illega-
ner Apotheken sagte: „Es wäre wichtig, len Drogen Abhängige unversorgt, da der
ein Ladenlokal anzumieten, das dann als Mahnmale gegen das Vergessen Bedarf an Substitutionsplätzen nicht ge-
Anlaufpunkt dienen könnte, um zum Bei- 52 dunkelrote Holzkreuze werden in der deckt ist. Deutschlandweit sind aktuell
spiel alte gegen neue Spritzen tauschen Lübecker Innenstadt und im Bereich ZOB/ etwa 80.000 Opioid-Konsumierende un-
und vernünftig entsorgen zu können. Die Bahnhof verteilt und ein Transparent vor behandelt.
Schutzhütte ist besser als nichts, aber auch dem Kontaktladen aufgehängt, um an die „Diesen Zustand können und wollen
keine optimale Lösung.“ Verstorbenen zu erinnern. wir nicht einfach hinnehmen“, betont
Rund 20 Suchtkranke seien an der Hüt- Normalerweise verzeichnet die AWO- Karin Mechnich, Leiterin der AWO Dro-
te am Buschmannshof regelmäßig an- DrogenHilfe ungefähr acht verstorbene genHilfe. „Aus diesem Grund haben wir
zutreffen, rund 500 würde es alleine in Klient*innen innerhalb eines Jahres. In den Antrag gestellt, gemeinsam mit der
ganz Wanne betreffen. Vor Ort beim Er- 2020 ist diese Zahl mit aktuell neun Per- Hansestadt Lübeck und den niedergelas-
innerungsstand war das Feedback von sonen, die in Lübeck verstorben sind, be- senen substituierenden Ärzten eine Sub-
Passanten und Suchtkranken gut, erzählt reits zur Jahresmitte überschritten. Zu- stitutionsambulanz ins Leben zu rufen.
Kristin Dürre als stellvertretende Vorsit- dem rechnet die AWO mit einer durch die Diese soll in enger Kooperation mit der
zende. „Wir haben viel Support erhalten Schließung des Krähenteichplatzes und im Rahmen der Sicherheitspartnerschaft
und manche Personen waren schon vor 11 der dadurch fehlenden Möglichkeit eines geplanten Begegnungsstätte für eine bes-
Uhr vor Ort.“ Treffpunktes und gegenseitiger Fürsorge sere medizinische Versorgung der von il-
Hallo Herne; gestiegenen Dunkelziffer. Die Einschrän- legalen Drogen abhängigen Menschen
redaktionell gekürzter Beitrag kungen aufgrund der Corona-Pandemie sorgen.“ AWO-SH
haben außerdem die Kontakte mit dengedenktag 14 DROGENKURIER
Die Botschaften waren von weitem sichtbar
Schwarze Kreuze und weiße Rosen erinnern an die Drogentoten. © Michael Schick 21.07.20 19:05
FR AN KF UR T/ MA IN
Im Frankfurter Ein starkes Signal des La Strada in Ein Problem für die Drogenkonsumen-
Frankfurt ten, das durch die Corona-Krise wieder
Bahnhofsviertel Vor dem La Strada in der Mainzer Land- einmal offenkundig wurde, ist der man-
gedenken Menschen straße und vor der Einrichtung K9 in der gelnde Wohnraum. So steht ebendieses
den Drogentoten Karlsruher Straße hängen riesige Banner Thema im Fokus des Gedenktags. Dem
mit der Aufschrift „Wir trauern um alle Rat, das eigene Zuhause nicht zu verlas-
Zum Gedenktag für verstorbene Drogen- Drogentoten – 21. Juli – Gedenken und sen, hätten viele Drogenkonsumenten
konsumenten versammeln sich circa 80 Protest“. nicht nachkommen können, weil sie über
Menschen am Kaisersack vor dem Frank- keinen festen Wohnsitz verfügten. „Woh-
furter Hauptbahnhof. Tag der Erinnerung und des Protests nen ist das größte Problem unserer Kli-
Dienstagnachmittag am Kaisersack. Dass der 21. Juli eben nicht nur ein Tag der enten“, sagt Patrizia M. Viele landeten,
Für gewöhnlich ist es hier laut und wuse- Erinnerung, sondern auch des Protests ist, unmittelbar nachdem sie ein Programm
lig. Doch an diesem Nachmittag kehrt für macht Christian Setzepfand, Vorstand der abschlössen oder das Gefängnis verlie-
eine halbe Stunde ein wenig Ruhe ein. Es AHF, in seiner Rede am Kaisersack deut- ßen, wieder auf der Straße. Die AHS for-
ist der 21. Juli, der internationale Gedenk- lich. „Sicher war der Frankfurter Weg vor dert daher mehr Raum, in dem die Men-
tag für verstorbene Drogenkonsumenten. 30 Jahren mal ein kluger Weg“, sagt er. schen sicher leben können.
Um ihrer zu gedenken, haben sich zirka „Doch heute ist er keiner mehr, der uns Zum Abschluss der Kundgebung er-
80 Menschen bei der von der Aids-Hilfe zufriedenstellen kann.“ greift Herbert Drexler, der stellvertretende
Frankfurt (AHF) organisierten Kundge- Seit Monaten wird über die Situation Geschäftsführer der Aids-Hilfe, das Wort.
bung versammelt. im Bahnhofsviertel diskutiert. Es gab eine „Es wird viel darüber geredet, wie schlecht
Einige schreiben die Namen von Ver- Resolution von Gastronomen und Gewer- die Zustände im Bahnhofsviertel sind.
storbenen mit Kreide auf den Boden, da- betreibenden, die sich beschwerten, dass Doch hier ist nicht alles schlecht. Hier ist
neben liegen Kreuze, Grablichter und wei- sich Drogenabhängige seit Corona im auch Leben und nicht nur Sterben.“
ße Rosen. Bianka Weil, Sozialarbeiterin Viertel stark ausgebreitet hätten und we- FR 22.07.2020, Helen Schindler
im La Strada, einem Drogenhilfezentrum sentlich aggressiver geworden seien. Da-
der AHF, liest 28 Namen und Altersanga- raufhin verstärkte die Polizei ihre Prä-
ben vor. Es sind die Namen derjenigen, senz. „In unserer Einrichtung merken wir
die seit dem 22. Juli 2019, dem letztjähri- davon wenig“, sagt Patrizia M. Seit zwei
gen Gedenktag, an den Folgen ihres Dro- Jahren arbeitet sie als studentische Hilfs-
genkonsums in Frankfurt gestorben sind. kraft im La Strada, das etwas außerhalb
Viele von ihnen waren gerade mal in ih- des Bahnhofsviertels liegt. „Aber ich be-
ren 30ern. komme mit, dass die Drogenkonsumen-
ten sich von der Polizei eingeschüchtert
fühlen. Das verursacht Stress.“DROGENKURIER 15 gedenktag
Gedenken am Kaisersack
Drei substituierende Ärzte
im Kreis Olpe
Julia Duwe, Fachkoordinatorin der Sucht-
beratung und ihre Mitarbeitenden Anni-
ka Bödefeld und Nils Lüke, berichten von
der Lage im Kreisgebiet. Im Rahmen der
psychosozialen Begleitung (PsB) bei Sub-
stitution findet ein enger Austausch mit
den opioidabhängigen Menschen und
den behandelnden Ärzten statt. Im Kreis
Olpe gibt es davon drei niedergelassene
OLP E
Weiße Rosen in Frankfurt
ÄrzteAktuell ist die Versorgung für all
unsere KlientInnen sichergestellt“ so Julia
Duwe. „Allerdings sind zw. ei der drei nie-
dergelassenen Ärzte bereits über 60 Jah-
Wissen sie noch, re alt und Nachfolger sind derzeit nicht in
was sie am 21.07.1994 Sicht“, so Duwe weiter.
gemacht haben? „Wir versuchen den Menschen unvor-
eingenommen zu begegnen. Im Alltag
erfahren sie leider meist das Gegenteil.
Im Haus von Karin Stumpf in Gladbeck
Der Konsum von illegalen Drogen wirkt
herrschte an diesem Tag pures Entset-
fast immer stigmatisierend“ so die Mit-
zen und große Trauer. Frau Stumpf hatte
arbeitenden der PsB. Die Angst vor Vor-
die Nachricht erhalten das ihr Sohn Ingo
Verurteilung kann zum sozialen Rückzug
Marten gestorben ist. Ingo war Drogenge-
führen und die psychische Situation ver-
braucher, die Umstände seines Todes sind
schlimmern.
bis heute unklar. Ingo war einer von über
1.600 Menschen die im Jahr 1994 gestor- „Eine große Rolle spielt hier der Ab-
bau von Vorurteilen gegenüber Drogen-
ben sind und in der Statistik als „Drogen-
Sie leben in unseren Herzen gebraucherInnen zum Beispiel durch
tote“ geführt werden. In 2019 wurden de-
suchtpräventive Angebote. „Sucht kommt
rer 1.398 gezählt.
Wahrscheinlich wäre sein Tod ledig- nicht von Drogen, sondern von betäub-
ten Träumen, verdrängten Sehnsüchten,
lich eine „Nummer“ in der großen Zahl
verschluckten Tränen, erfrorenen Gefüh-
der Drogentoten geblieben, wenn seine
len.“, zitiert Julia Duwe Eva Bilstein und
Mutter sich nicht aktiv für das Gedenken
Annette Voigt-Rubio. „Um die Situation
eingesetzt hätte. Ihrem beharrlichen Ein-
der Betroffenen zu verbessern, sind zum
satz ist es zu verdanken, dass zum einen
Beispiel regelmäßige Gesprächskontakte
in Gladbeck eine Gedenkstätte errichtet
und eine stabile Anbindung an die Sucht-
wurde und das seit 1998 der 21.07. als „Ge-
beratungsstelle hilfreich. Dabei sind wir
denktag der toten Drogengebraucher“ be-
auch immer auf Spenden angewiesen.“
gangen wird. Auch im Kreis Olpe verstar-
Da die Arbeit der Suchtberatung von Ca-
ben in den letzten Jahren immer wieder
ritas-AufWind nur teilweise vom Kreis fi-
Menschen am bzw. in Folge des Konsums
nanziert wird, sind die Mitarbeitenden
von illegalen Drogen. Aus diesem Grund
auf Spenden angewiesen und dankbar für
möchte die Suchtberatung von Caritas-
jede finanzielle Unterstützung.
AufWind in diesem Jahr den Gedenktag
nutzen um auf die Situation der Betroffe- Caritas Aufwind;
nen aufmerksam zu machen. redaktionell gekürzter Beitraggedenktag 16 DROGENKURIER
Gedenksteinaktion in Kiel
WESE L
KI EL Neben den geladenen Gästen (Bruno
Levtzow (SPD) – Vorsitzender des Gaar-
„Es gibt Blumen für
den, der sie sehen will!
dener Ortsbeirates, Nesimi Temel (SPD)
Eine Woche des – Vorsitzender des Ausschusses Soziales, Den Internationalen Gedenktag für Dro-
Gedenkens Wohnen und Gesundheit, Ute Krackow gentote am 21. Juli nimmt die Weseler
– Geschäftsführerin Landesverband der Drogenberatungsstelle an der Fluthgraf-
Der diesjährige Gedenktag für verstorbe- Aidshilfen S.-H. und Lutz Ohrtmann – straße seit Jahren zum Anlass, um auf die
ne Drogengebraucher_innen wurde ge- Aidshilfe Kiel e. V.) hörten an diesem Vor- Gefahren durch Drogenmissbrauch hin-
meinsam von der Drogenhilfe Kiel-Ost, mittag ca. 25 bis 30 Gäste der Leiterin der zuweisen. In diesem Jahr haben die Mit-
dem Szenegarten „Grünes Eck“, Hempels Drogenhilfe Kiel-Ost, Birthe Kruska, wäh- arbeiter des Vereins Information und Hil-
e. V. und JES Kiel geplant und veranstaltet. rend ihrer Begrüßungsrede zu. fe in Drogenfragen drei Plakate gestaltet,
In der Woche des Gedenktages vom Im direktem Anschluss daran, richte- auf denen die Namen derjenigen zu lesen
20. bis 23.07. kamen Interessierte bei Kaf- te ein Mitglied von JES Kiel noch ein paar sind, die in den vergangenen fünf Jahren
fee und Gebäck in der Drogenhilfe Kiel- Worte an die Anwesenden und mach- verstorben sind. Jeder Name steht auf ei-
Ost während der Öffnungszeiten am vor te deutlich, das der 21. Juli nicht nur ein ner roten Rose, darunter das Sterbejahr.
Ort aufgebauten Infotisch von JES Kiel Gedenktag, sondern auch ein Protesttag Als Motto für diesen Gedenktag wur-
zusammen. Und trotz der einzuhalten- ist. Dann begann auch schon die feierli- de ein Zitat des französischen Malers Hen-
den Abstandsregeln und des notwendi- che Setzung der selbst gestalteten Steine. ri Matisse gewählt: „Es gibt Blumen für
gen Mund-Nase-Schutzes kam es immer Auch an diesem Tag gab es wieder viele den, der sie sehen will!“ Weitere Gedenk-
wieder zu interessanten, teils anregen- interessante Gespräche und neue Kon- tag-Plakate mit Traueranzeigen hängen
den, teils nachdenklichen Gesprächen. takte wurden geknüpft. Das Kieler Wet- in Arztpraxen in Wesel, Oberhausen und
Am Stand lagen Infomaterialien und ter spielte die ganze Zeit mit, und es blieb Bocholt, wo Ärzte Substitutionsmittel ver-
Give-Aways von JES für jede/n bereit. während der ganzen Veranstaltung tro- abreichen.
Außerdem konnte jede/r die/der es moch- cken und sonnig. Auch deshalb blieben „Wir wollen die Gesellschaft mit die-
te einen kleinen Stein zum Gedenken an nahezu alle Gäste bis zum Schluss der Ver- ser Aktion für das Drogen-Problem sen-
verstorbene Freunde, Partner oder Fami- anstaltung. Erst gegen Mittag verließen sibilisieren, auf die Schicksale der Toten
lienangehörige frei gestalten. Der Phan- dann auch die letzten den Szenegarten. aufmerksam machen und zeigen, dass je-
tasie waren dabei keine Grenzen gesetzt. Alles in allem war es in diesem Jahr der dieser Menschen wertvoll war“, sagt
Dieses Angebot wurde sehr gut angenom- eine sehr schöne und erfolgreiche Ge- Martin Peukert. Der Diplom-Sozialarbei-
men, und so hat fast jede/r Besucher/in denktag-Veranstaltung, die sehr gut be- ter ist seit mittlerweile 23 Jahren in der Be-
die Gelegenheit wahrgenommen und ei- sucht war und auch sehr gut angenom- ratungsstelle tätig und kennt viele der seit
nen oder mehrere Steine individuell ge- men wurde. Die Veranstalter hoffen und 2015 Verstorbenen. Seit 1998, dem Jahr, in
staltet. wünschen sich, nächstes Jahr an diesen dem der Gedenktag aus der Taufe geho-
Die so entstandenen Gedenksteine Erfolg anzuknüpfen. ben wurde, sind 49 Frauen und Männer,
Andreas
wurden zum Ende der Woche am Freitag die der Beratungsstelle bekannt waren,
während einer Feierstunde im öffentli- verstorben. Einige sind an einer Überdo-
chen Bereich des Szenegartens „Grünes sis Heroin gestorben, andere haben den
Eck“ in Kiel-Gaarden einbetoniert. jahrelangen Alkoholkonsum nicht ver-DROGENKURIER 17 gedenktag
Foto: Drogenberatung
Symbolischer Friedhof in Augsburg
AU GS BU RG
Mit ihrer Plakataktion wollen Ralf Dierichs, Lisa Olejni-
czak und Martin Peukert (v.l.) auf die Schicksale ver-
storbener Suchtkranker in Wesel aufmerksam machen.
kraftet oder sind entsprechenden Erkran- Eine Social Media
Kampagne für
kungen erlegen.
Martin Peukert erzählt die Geschich-
te einer Weselerin. Als Kind schon habe Veränderung
sie in der Familie Gewalt erfahren, ausge-
löst nicht zuletzt durch zu viel Alkohol. Als Mit einem symbolischen Friedhof am Kö-
Jugendliche nimmt sie Heroin. Sie erhält nigsplatz und einer social-media Aktion
Methadon, greift zusätzlich zu Schnaps haben wir auch in diesem Jahr in Augs-
und Wodka. Die junge Frau betreibt Raub- burg den Drogengebraucher*innen ge-
bau an ihrem Körper. Sie ist 30, als sie dacht, die ihr Leben verloren haben. Um
an Multiorganversagen stirbt. „Oft sind die Öffentlichkeit auf den Gedenktag auf-
schlimme Erlebnisse in der Kindheit Aus- merksam zu machen, wurden an drei Ein-
löser für späteren Drogenkonsum“, weiß richtungen der Drogenhilfe Schwaben,
Peukert aus langjähriger Erfahrung. Man Banner an die Häuser angebracht.
müsse allerdings jeden Fall einzeln sehen. Die Kreuze des symbolischen Fried-
Oft sind es Eltern, die den Erstkontakt hofs waren mit Forderungen beschil-
suchen, weil sie den Nachwuchs beim Kif- dert, deren Umsetzung die Lebenssitu-
fen erwischt haben. Viele Jugendliche, so ation vieler Drogengebraucher*innen
die Erfahrung von Martin Peukert, expe- zum Positiven verändern würden. Vie-
rimentieren gerne. Sie rauchen Gras, neh- le Passanten zeigten sich sehr aufge-
men Partydrogen wie Amphetamine und schlossen und es ergaben sich zahlreiche
Ecstasy. Bei manchen führt der Drogen- und sehr gute Gespräche zum Thema.
konsum zu Depressionen. Oder auch um- Auch die social-media Aktion erfreu-
gekehrt. te sich großer Beachtung. So haben sich
Einige von ihnen schaffen es über kurz viele Betroffene, Mitarbeiter*innen, Ko
oder lang, ohne Drogen zu leben. Das sind operationspartner*innen und Politiker*
dann Momente, in denen Peukert und innen daran beteiligt, und damit nicht
Dierichs ihren Beruf ganz besonders lie- nur den internationalen Gedenktag un-
ben. Peukert berichtet in diesem Zusam- terstützt, sondern sich auch für eine Ver-
menhang von einem ehemaligen Dro- änderung in der Drogenpolitik eingesetzt
genkonsumenten, der mittlerweile ein und ihre Solidarität bekundet.
geordnetes Leben führt und auch beruf- Katrin Wimmer
lich Karriere gemacht hat. „Der verdient
jetzt mehr als wir Berater“, sagt er und
lacht.
Rheinische Post, Klaus Nikolei, 21.07.2020;
redaktionell gekürzter Beitrag
Social-media Aktiongedenktag 18 DROGENKURIER
Gedenkgottesdienst in der Konkordienkirche
Hochhaus-Display in Mannheim!
MA NN HE IM
Wider dem anonymen für alle Menschen offen! Pfarrerin Anne Transparent am Drogenverein K3
Sterben Ressel erinnerte gemeinsam mit einem
Imam von der Yavuz Sultan Moschee an
In Mannheim verstarben seit dem letz- die Verstorbenen. Im Anschluss an den
ten Gedenktag 9 Personen an den direk- Gottesdienst gingen wir mit Interessier-
ten und indirekten Folgen ihres Drogen- ten in den Dialog und thematisierten,
konsums. Der 21. Juli ist nicht nur ein Tag unter welchen meist unwürdigen Bedin-
des Gedenkens und des Trauerns, sondern gungen Drogengebraucher_innen leben
auch ein Tag, um öffentlich auf die Folgen und sensibilisierten dafür, dass das The-
des Drogenkonsums hinzuweisen. ma Drogentod leider immer präsent ist.
Der Drogenverein Mannheim e. V. be- Auch in der Neckarstadt West wurde der
teiligte sich mit drei Aktionen. Weithin Verstorbenen gedacht. Die Kirchenglo-
sichtbar wurde über das Display eines cken der Lutherkirche läuteten von 10:55
Mannheimer Hochhauses auf den Ge- bis 11:00 als Zeichen der Anteilnahme.
denktag aufmerksam gemacht. Die Ein-
spielung erschien über den gesamten Tag. Als dritte Aktion wurde an der Hausfront
des Drogenvereins in K3, 11–14 ein Trans-
Die Konkordienkirche und der Drogen- parent mit den Vornamen der verstorbe-
verein Mannheim e. V. luden am 21. Juli nen Drogenkonsument_innen der Stadt
um 11 Uhr zu einem Gedenkgottesdienst Mannheim angebracht.
ein. Natürlich stand die Kirche an diesem,
DHV Mannheim
wie auch an allen anderen Tagen im Jahr,
„Wider dem anonymen Sterben“
ken
Wir, die Mitarbeiter_innen des Drogenvereins Mannheim e.V. geden
Drogen konsum ent_inn en und ihren
am 21.07.2020 allen verstorbenen
Hinterbliebenen.
Wir vergessen Euch nicht!
Das Gesamtteam des Drogenvereins Mannheim e.V.Durch engagierte Aufklärungsarbeit
in einem stigmatisierten Therapiegebiet
Durch partnerschaftliche Zusammenarbeit
mit Fachkreisen und Betroffenen
Durch einen umfassenden Praxisservice
und interdisziplinäre Fortbildung
40 Jahre Erfahrung in der Suchttherapie
1901_LPL_B – SADE.POAN.18.12.3643
www.substitutionsportal.degedenktag 20 DROGENKURIER
Gedenken in Bochum Kerzen als Symbol der Erinnerung
BO CH UM
Jedes Leben und jeder wig (CDU) mitteilt. Neben Todesfällen Aber Fakt ist: illegale Substanzen
Mensch zählt aufgrund von Opiatvergiftungen verdop-
pelten sich fast die Zahlen der Todesfäl-
werden konsumiert.
Forderungen der Legalisierung und kon-
le durch Kokain, Amphetamine und syn- trollierten Abgabe von Cannabis an Er-
Unter dem Motto: „…jedes Leben und je-
thetischen Drogen in den vergangenen 5 wachsene, um die Märkte zu trennen und
der Mensch zählt!“ hatten wir in diesem
Jahren. Substanzsicherheit zu erzielen, mit denen
Jahr anlässlich des Gedenktages für ver-
Die jahrzehntelange Prohibitionspoli- andere europäische Länder gute Erfah-
storbene Drogenabhängige am 21.07.2020
tik führte eher zur Zuspitzung der Situ- rungen machten, waren hier nicht umzu-
auf den Hof unseres Standorts Katharina-
ation und Überschwemmung des Mark- setzen. Der Konsum in Haftanstalten wird
straße eingeladen.
tes mit immer neuen Substanzen, mit weiter geleugnet und dadurch riskant be-
Aktuell sitzen wir alle in einem Boot denen findige Geschäftsleute steuerfrei- lassen. Substitutionsmöglichkeiten, die
und die Gefahr betrifft uns alle... es Geld erwirtschaften und Riesengewin- mittlerweile anerkannte Regelversorgun-
ne absahnen. Was würde wirklich passie- gen der Krankenkassen darstellen, wer-
Angesichts des Drogentotengedenktags
ren, wenn die Hersteller haften müssten den in Haftanstalten oft erschwert und
haben wir noch mal auf die Situation in
und Substanzen für Erwachsene im Bera- sind vom Wohlwollen der Anstaltsärztin-
der Drogenhilfe und die besonderen Ge-
tungssetting frei zugänglich wären? Wie nen und -ärzte abhängig.
fahren, denen sich drogenkonsumieren-
viele Steuereinnahmen ließen sich für Rechtliche Hürden haben die Umset-
de und -abhängige Menschen ausgesetzt
Prävention und therapeutische Hilfen er- zung von Drug-Checking jahrelang ver-
sehen, aufmerksam gemacht.
zielen? hindert und den Beginn eines weiteren Pi-
Alles, was Menschen gefährden könn-
Als die Drogenhilfe in den 70er Jahren lotprojekts in Berlin bis heute verzögert.
te, müsse reduziert werden, appelliert An-
startete, gab es zahlreiche Drogentote und Und das, obwohl es immer wieder Mel-
gela Merkel in ihrer bewegenden TV Rede
eine rigide Verbotspolitik, die erst durch dungen über Substanzen gibt, die zum
zur Corona-Krise am 18. März. Sie konsta-
Erkrankungen wie HIV langsam Ände- Teil lebensbedrohlich sind.
tiert: „wir sind eine Gemeinschaft, in der
rungen möglich machte und den Zugang
jedes Leben und jeder Mensch zählt! Al-
les, was Menschen gefährden könnte, was
für Ersatzstoffe öffnete – und das auch Wie passt das alles zu der Aussage:
Menschen schaden könnte, das müssen
(nur) deshalb, weil die Ansteckungsge- Jedes Leben, jeder Mensch zählt?
fahren für die gesamte Bevölkerung da- Wenn sich die Einstellung, die hinter der
wir jetzt reduzieren. ..“
durch reduziert wurde. Drogenkonsum- Aussage steckt: “... jedes Leben und je-
Aber wird hier auch für Drogenkon- räume, in denen schwerstabhängige der Mensch zählt!“, durchsetzt, kann hier
sument_innen alles getan? (Heroin- und Kokainkonsument_innen) noch viel erreicht werden.
Safer-Use praktizieren können, konnten
Am 24.03.2020 wird im Radio berichtet, www.krisenhilfe.de,
nur mit Überwindung großer Widerstän-
dass die Zahl der Drogentoten im vergan- Claudia Reuter-Spittler;
de umgesetzt werden. Es ist unter Exper-
genen Jahr um 9,6% gestiegen ist. 2019 redaktionell gekürzter Beitrag
ten unstrittig, dass Cannabiskonsum zu
starben in Deutschland insgesamt 1398
gesundheitlichen, speziell zu psychischen
Menschen durch den Konsum illegali-
Beeinträchtigungen und Erkrankungen
sierter psychotroper Substanzen, wie die
sowie zur Abhängigkeit führen kann.
Bundesdrogenbeauftragte Daniela Lud-DROGENKURIER 21 gedenktag
Schwarze Ballons die an die verstorbenen Drogengebraucher*innen erinnern sollen.
Infostand
DR ES DE N
Das Tabu der Drogen Drogentote – ein Problem Handlungsbedarf in Dresden
in Dresden? Auch in Dresden gibt es Handlungsbe-
Wer am Dienstag letzter Woche den milden Vier Drogentote gab es im vergangenen darf, was das Thema Drogenkonsum an-
Sommerabend im Alaunpark verbracht Jahr in Dresden. Vier Menschen, deren Le- geht. So gibt es laut SafeDD für die ganze
hatte, konnte mehrere schwarze Ballons ben hätte anders verlaufen können. Vier Stadt nur eine Substitutionspraxis. Sub-
in die Luft steigen sehen. Luftballons, die Tode, die vielleicht vermeidbar gewesen stitution meint hierbei, dass eine Dro-
an verstorbene Drogengebraucher*innen wären, sagen die Initiator*innen des Ge- ge durch eine andere Substanz ersetzt
in Dresden und weltweit erinnern soll- denktages. Zwar sind die Zahlen in Dres- wird, um somit die Abhängigkeit Stück
ten. In Deutschland starben im Jahr 2019 den vergleichsweise gering, dennoch ver- für Stück abzubauen. Eine einzige Praxis
knapp 1400 Menschen am Konsum illega- weisen die Organisator*innen auf eine reiche da aber nicht aus. Weiterhin for-
ler Drogen. höhere Dunkelziffer. Demnach stirbt dern die Organisator*innen der Diakonie,
Die Aktion wurde von SafeDD und nicht jede*r Drogengebraucher*in an ei- dass Präventionsmaßnahmen flächende-
von der Diakonie Dresden initiiert, um ner Überdosierung, sondern auch an den ckend ausgebaut werden sollen, um somit
auf das Thema Drogengebrauch auf- Folgen von Drogenkonsum. Seien das bei- die Gefahr einer Sucht zu reduzieren. So
merksam zu machen. Zum Internatio- spielsweise Todesfälle durch Erkrankun- könnten beispielsweise Bildungsangebo-
nalen Gedenktag an die verstorbenen gen als Folge vom Drogengebrauch, Ver- te nicht nur an Schulen sondern auch in
Drogengebraucher*innen, am 21. Juli 2020, kehrsunfälle oder Gewalttaten, die mit anderen Einrichtungen geschaffen wer-
waren sie erstmals auch in der Dresdner dem Drogenkonsum einhergehen. Diese den.
Neustadt mit einem Informationsstand werden aber in der Statistik nicht als Dro-
unterwegs. Neustadt Geflüster, 21.07.2020
gentote aufgenommen. Außerdem wer-
den in dieser Statistik nur die Opfer ille-
galer Drogen gezählt.Sie können auch lesen