Friedens t Spuren des - Katholische Militärseelsorge

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Friedens t Spuren des - Katholische Militärseelsorge
Die Zeitschrift des Katholischen Militärbischofs für die Deutsche Bundeswehr

                           Soldat in Welt und Kirche                                        01I20

                                 Spuren
© KS / Friederike Frücht

                                                      des
                           Friedens
ISSN 1865-5149
Friedens t Spuren des - Katholische Militärseelsorge
INHALT

 Titelthema
 Spuren des Friedens                           16
 4    Weltfriedenstage 1968–2019
                                                                                                                Roter Sand bedeckt
                                                                                                               innerhalb von Sekun-
 5    Zur Entstehung der                                                                                          den alles: Schuhe,
      Weltfriedenstage                                                                                          Hose, Koffer, Hände.
      von Bischof Heiner Wilmer                                                                                Er kriecht überall hin
                                                                                                                 und begleitet einen
                                                                                                              bis nach Deutschland
 7    Termine zur Feier des                                                                                        zurück. Mali lässt
      Weltfriedenstags 2020                                                                                    also nicht los, in ver-
                                                                                                                schiedener Hinsicht
 8    Friedenslicht und                                                                                                            ...
      Weltfriedenstag
      Interview mit Stefan Dengel
                                              Aus der Militärseelsorge                       Rubriken
 10 Sich die Hand reichen ...
    von Heinz-Gerhard Justenhoven             14 „Seien Sie mutig!“                          9   zum LKU: Friede
                                                 von Militärgeneralvikar
                                                 Msgr. Reinhold Bartmann                     21 Kolumne des Wehrbeauftragten

                                              15 Neujahrsgruß                                24 Auf ein Wort
                                                 von Andreas Quirin,
                                                 GKS-Bundesvorsitzender                      26 Soldatenheilige: St. Sebastian

                                              16 Lebkuchen in Mali                           28 Aktion Dreikönigssingen 2020
                                                 Reportage vor Ort
                                                                                             29 Filmtipp:
                                              20 Jüdische Militärseelsorge                      Ein verborgenes Leben

                                              22 7 Tage Armenien – Wiege des                 30 Damals vor 35 Jahren
                                                 Christentums
                                                                                             30 VORSCHAU:

20                                            25 Lourdes für einen gelernten
                                                 Protestanten
                                                                                                Unser Titelthema im Februar

                                                                                             31 Rätsel

     Impressum                                     Herausgeber                             Hinweis
     KOMPASS. Soldat in Welt und Kirche            Der Katholische Militärbischof          Die mit Namen oder Initialen gekennzeich-
     ISSN 1865-5149                                für die Deutsche Bundeswehr             neten Beiträge geben nicht unbedingt die
                                                                                           Meinung des Herausgebers wieder. Für das
     Redaktionsanschrift                           Verlag und Druck                        unverlangte Einsenden von Manuskripten und
     KOMPASS. Soldat in Welt und Kirche            Verlag Haus Altenberg                   Bildern kann keine Gewähr und für Verweise
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     Chefredakteurin Friederike Frücht (FF)
     Redakteur Jörg Volpers (JV)                                                           Social Media
     Bildredakteurin, Layout Doreen Bierdel
     Lektorat Schwester Irenäa Bauer OSF
Friedens t Spuren des - Katholische Militärseelsorge
EDITORIAL

                                                  Liebe Leserin, lieber Leser,
                                                    alle reden vom Frieden – wir auch. Jedoch verhält es sich hier
                                                    genau umgekehrt wie mit dem Wetter: Irgendein Wetter, über
                                                    das man reden kann, gibt es jederzeit und überall auf der Welt.
                                                    Und jedes Jahr finden verschiedene „Tage des Friedens“ statt,
                                                    aber wohl nie in der Geschichte der Menschheit gab es einen
                                                    Tag, an dem tatsächlich weltweit Frieden geherrscht hätte.
                                                    Jährlich am 1. September erinnern in Deutschland unter an-
                                                    derem die Gewerkschaften mit einem „Antikriegstag“ an den
                                                    Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1.9.1939, und in Resoluti-
                                                    onen von 1981 und 2001 haben die Vereinten Nationen den
                                                    „Internationalen Tag des Friedens“ für den 21. September
                                                    ausgerufen. Dieser wird seit 2004 durch den Ökumenischen
                                                    Rat der Kirchen (ÖRK) als „Internationaler Tag des Gebets für
                                                    den Frieden“ unterstützt.

                                                    Auch wir haben als Zeitschrift des Katholischen Militärbischofs
                                                    zu Beginn der vergangenen Jahre – im jeweiligen Januar-Heft –
© KS / Doreen Bierdel

                                                    sowohl an den ersten „Weltfriedenstag“ der katholischen Kirche
                                                    am 1.1.1968 erinnert als auch die Erklärungen der jeweiligen
                                                    Päpste dazu thematisiert. Das Motto für 2020 von Papst Fran-
                                                    ziskus lautet: „Der Friede als Weg der Hoffnung: Dialog, Ver-
                                                    söhnung und ökologische Umkehr“. In dieser Ausgabe schauen
                                                    wir aber zurück auf die Entstehung dieser besonderen Tradition
                                                    am ersten Tag des Jahres und am „Hochfest der Gottesmutter
                                                    Maria“ sowie auf die Themen der vergangenen gut fünfzig Jahre.

                                                    Die katholischen Hilfswerke haben das gemeinsame Jahres-
                        Lourdes-Motto 2020:         thema „Frieden leben“ gewählt, das gerade für Soldatinnen
                                                    und Soldaten große Bedeutung hat. Adveniat formulierte im
                             „Meinen                Dezember: „FRIEDE! MIT DIR!“, die Sternsinger rufen uns jetzt
                                                    im Januar zu: „Frieden! Im Libanon und weltweit“ und sowohl
                                „Meinen             Misereor als auch die BDKJ-Jugendaktion werden uns in der

                             Frieden
                                Friedengebe
                                        gebe
                                                    Fastenzeit auffordern: „Gib Frieden!“ Und schließlich geht die
                                                    Internationale Soldatenwallfahrt in diesem Jahr mit dem Motto
                                                    nach Lourdes: „Meinen Frieden gebe ich euch!“

                             ichich
                                  euch!“
                                    euch!“          Auch die Kompass-Redaktion wünscht Ihnen
                                                    ein friedvolles Jahr 2020!

                                                                                                     Jörg Volpers,
                                                                                                        Redakteur

                                                                        Kompass 01I20                            3
Friedens t Spuren des - Katholische Militärseelsorge
TITELTHEMA

    „... dass sich die Nationen
    gegenseitig achten,
    dass die Völker untereinander
    Brüder werden und alle
    Menschen für ihren
    gemeinsamen Fortschritt
    zusammenarbeiten.“
                                    Papst Paul VI.

4            Kompass 01I20
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TITELTHEMA

     Zur Entstehung der Weltfriedenstage

      „Man muss immer vom
       Frieden sprechen“ (Paul VI.)

     D   ie 1960er waren eine bewegte Zeit. Die Erinne-
         rungen an den II. Weltkrieg waren noch präsent
     und dennoch wähnte sich die Welt schon wieder am
     Rande eines neuen globalen Krieges mit dem unvor-
     stellbaren Zerstörungspotenzial der Atommächte.

     Auch theologisch und kirchenpolitisch war diese
     Dekade alles andere als ruhig. Das II. Vatikanische
     Konzil (1962–65) führte die katholische Kirche zu
     einer grundlegenden Neubesinnung über ihr Wesen,
     ihr Verhältnis zu den anderen Religionen und allge-
     mein über ihren Auftrag in der Welt. In dieser Zeit
     stand Papst Paul VI. an der Spitze der Kirche. Er trat
     1963 das Erbe Johannes‘ XXIII. an, der nicht nur die
     Einberufung des Konzils gegen viele Widerstände
     vorangetrieben, sondern auch mit seiner Enzyklika
     „Pacem in terris“ der Kirche den Menschenrechtsge-
     danken ins Stammbuch geschrieben hatte. Paul VI.
     stellte sich explizit in diese Tradition: Angesichts
     der Bedrohungen seiner Zeit thematisierte er im-
     mer wieder die Notwendigkeit des Friedens und die
     Friedensbotschaft des Evangeliums, entwickelte die
     kirchliche Friedenslehre weiter und richtete schließ-
     lich den Tag des Friedens am 1. Januar 1968 ein,
     der seit diesem Zeitpunkt jährlich von der Kirche
     begangen wird.

     In der Chronologie der Entstehung der Weltfriedens-
     tage durch Paul VI. müssen wenigstens vier wichtige
     Wegmarken erwähnt werden:

     1. Am Beginn steht das schon erwähnte Konzil, das
     von der Kirche eine verstärkte Hinwendung zu den
     Problemen der Welt einforderte. Diese Zuwendung
     zu den Ängsten und Sorgen aller Menschen beginnt
     unter dem Pontifikat Pauls VI. konkrete Gestalt an-
     zunehmen.

     2. Die zweite Etappe verdeutlicht dieses neue
     Paradigma kirchlichen Handelns. Am 4. Oktober
     1965 spricht Paul VI. vor der Vollversammlung der
     UNO. In seiner Ansprache nimmt er die vielfältigen
     Leiderfahrungen der Menschen zum Anlass, um zu
     verdeutlichen, dass die UNO eine Friedensorgani-
     sation sein soll: „There is no need for a long talk
     to proclaim the main purpose of your Institution.

                                                              >>

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TITELTHEMA

                   >>

                   It is enough to recall that the blood of     Paul VI. im Jahr 1967 mit seinem Rund-        werden mit dem Ziel einer von Gott ge-
                   millions, countless unheard-of sufferings,   schreiben „Populorum progressio“. Diese       wollten Ordnung, die eine vollkommenere
                   useless massacres and frightening ru-        Sozialenzyklika ist das Gründungsdoku-        Gerechtigkeit unter den Menschen her-
                   ins have sanctioned the agreement that       ment der Päpstlichen Kommission „Justi-       beiführt.“ Die neu eingerichtete päpstli-
                   unites you with an oath that ought to        tia et Pax“, die mittlerweile „Dikasterium    che Kommission und das breit angeleg-
                   change the future history of the world:      für den Dienst zugunsten der ganzheitli-      te Verständnis von Frieden sollten dafür
                   never again war, never again war!”           chen Entwicklung des Menschen“ heißt.         sorgen, dass die Weltfriedenstage immer
                                                                Diese Initiative rückte den Einsatz für Ge-   wieder unterschiedliche thematische As-
                   3. Im September 1966 bringt Paul VI.         rechtigkeit und Frieden nicht allein in das   pekte aufgriffen.
                   das Thema des Friedens schließlich auch      Zentrum der Kirche, in den Vatikan, son-
                   innerkirchlich stärker zur Geltung – und     dern fand weltweit Widerhall. So wurde        Diese einzelnen Etappen mündeten
                   zwar auf ungewöhnliche Weise. Im Zent-       im selben Jahr die Deutsche Kommission        schließlich am 8. Dezember 1967 in die
                   rum seiner Enzyklika „Christi matri“ aus     Justitia et Pax gegründet und zahlreiche      Einrichtung der Weltfriedenstage durch
                   diesem Jahr steht eigentlich das mari-       nationale Kommissionen folgten. „Popu-        die päpstliche Botschaft zur Feier des
                   anische Rosenkranzgebet. Doch Papst          lorum progressio“ institutionalisierte so     Tages des Friedens jeweils am 1. Janu-
                   Paul VI. verbindet dieses mit dem Frie-      die kirchliche Friedensarbeit und bildet      ar. Dieser jährliche Gedenktag ermahnt
                   densanliegen der Kirche: „Nichts scheint     damit den Schlussstein für die Einrich-       die gesamte Kirche immer wieder zum
                   Uns zeitgemäßer, nichts besser, als          tung der Weltfriedenstage.                    unermüdlichen Einsatz für den Frieden
                   dass sich die ganze Christenheit im Ge-                                                    in der Welt und die dazu gehörigen Bot-
                   bet an die Mutter Gottes wende, an die       Doch kann diese Enzyklika natürlich           schaften bieten substanzielle Beiträge
                   ‚Königin des Friedens‘, damit sie in die-    nicht hierauf reduziert werden. Denn          zur Weiterentwicklung der kirchlichen
                   ser übergroßen Not und Bedrängnis ihre       Paul VI. löst mit ihr auch die kirchlichen    Friedenslehre.
                   Gaben gnädig und reich uns schenke.“         Friedensreflexionen aus ihrer Engführung
                   Er verdeutlicht hier, dass die kirchliche    auf Krieg und Kriegsführung, indem sie        Die Krisen der bewegten 60er Jahre tru-
                   Friedensarbeit nicht nur konkretes En-       diese in den Kontext von Entwicklungsfra-     gen also für die Friedenslehre der Kirche
                   gagement bedeutet, sondern eine tiefe        gen einbettet. Programmatisch ist dabei       reiche Früchte. Ohne sie sähe ihr Antlitz
                   religiöse Dimension umfasst; hier lassen     das Schlagwort „Entwicklung, der neue         heute sicherlich anders aus.
                   sich die spirituellen Wurzeln des kirch-     Name für Friede“, das verdeutlicht, dass
                   lichen Weltfriedenstags finden.               „Friede […] nicht einfach im Schweigen                                  Heiner Wilmer,
                                                                der Waffen [besteht], nicht einfach im                     Bischof von Hildesheim und
                   4. Den letzten großen Schritt auf dem        immer schwankenden Gleichgewicht der          Vorsitzender der Deutschen Kommission
                   Weg zu den Weltfriedenstagen macht           Kräfte. Er muss Tag für Tag aufgebaut                                 „Justitia et Pax“

                                                                                                               „Dieser jährliche
                                                                                                               Gedenktag ermahnt
                                                                                                               die gesamte Kirche
                                                                                                               immer wieder zum
                                                                                                               unermüdlichen Einsatz
                                                                                                               für den Frieden
© Gossmann / bph

                                                                                                               in der Welt, ...“
                                                                                                                                       Bischof Willmer

                   6                          Kompass 01I20
Friedens t Spuren des - Katholische Militärseelsorge
TITELTHEMA

                                                                                                                       © Bundeswehr / Langner
Termine zur Feier des Weltfriedenstags 2020

16.1.2020 um 9.00 Uhr in Köln             Pontifikalamt mit Rainer Maria Kardinal Woelki im Hohen Dom zu Köln

30.1.2020 um 10.30 Uhr in Würzburg        Weltfriedenstag im Dom zu Würzburg

6.2.2020 um 9.30 Uhr in Hildesheim        Pontifikalamt mit Bischof Heiner Wilmer im Mariendom

13.2.2020 um 10.00 Uhr in Wilhelmshaven   Weltfriedenstag in Wilhelmshaven mit Weihbischof Wilfried Theising
                                          in der Sankt-Willehad-Kirche

10.3.2020 um 10.00 Uhr in Münster         Internationaler Soldatengottesdienst mit Bischof Felix Genn in Münster

30.4.2020 um 10.00 Uhr in Trier           Internationaler Soldatengottesdienst in Trier

9.6.2020 um 10.00 Uhr in Aachen           Internationaler Soldatengottesdienst mit Bischof Helmut Dieser
                                          im Dom zu Aachen

10.6.2020 um 10.30 Uhr in Berlin          Weltfriedenstag mit Erzbischof Heiner Koch
                                          in der Sankt-Johannes-Basilika

12.11.2020 um 10.00 Uhr in München        Weltfriedenstag in München anlässlich des 75. Todestages von
                                          Pater Rupert Mayer SJ in der Bürgersaalkirche,
                                          mit Militärbischof Franz-Josef Overbeck

                                                                          Kompass 01I20                            7
Friedens t Spuren des - Katholische Militärseelsorge
TITELTHEMA

                                   Friedenslicht und Weltfriedenstag
                                   Interview mit Stefan Dengel

                                   Kompass: Welche Rolle spielt der Welt-       Kompass: Wie setzen sich der BDKJ und
                                   friedenstag bei der aktion kaserne?          die aktion kaserne für Soldatinnen und
                                   Stefan Dengel: Generell hat das Engage-      Soldaten ein?
                                   ment für den Frieden eine große Bedeu-       Stefan Dengel: Die Anliegen und Pers-
                                   tung im BDKJ. So übergibt beispielsweise     pektiven der Soldatinnen und Soldaten
                                   die aktion kaserne gemeinsam mit den         werden grundsätzlich immer mitgedacht.
                                   Pfadfinder- und Pfadfinderinnenverbän-         Wir versuchen Kontakte herzustellen
                                   den jedes Jahr das Friedenslicht an die      und zu vermitteln. Als Teil der Zivilge-
                                   Militärseelsorge. Dies geschieht sowohl      sellschaft gehen wir zu den Soldatinnen
                                   an einzelnen Standorten, als auch zen-       und Soldaten, und bieten beispielsweise
                                   tral in Köln/Wahn, wo es mit Hilfe der       Seminare zur politischen Bildung und zu
                                   Luftwaffe an Auslandsstandorte der Bun-      Partizipationsmöglichkeiten an.
                                   deswehr gebracht wird.
                                                                                Kompass: Seit wann beteiligt sich der

                                                                                                                                                                     © KS / Doreen Bierdel
                                   Außerdem versuchen wir, die Friedens-        BDKJ am Weltfriedenstag?
                                   politik und Friedensethik in die Verbände    Stefan Dengel: Der BDKJ bringt gemein-
                                   und in den politischen und gesellschaftli-   sam mit der kfd (Katholische Frauenge-
                                   chen Diskurs zu bringen. Dies erfolgt mit    meinschaft Deutschlands) seit 40 Jahren
                                   Hilfe von Beschlüssen auf Bundes- und        eine Arbeitshilfe zum Weltfriedenstag he-
                                   Diözesanebenen. Die Umsetzung erfolgt        raus, um das Anliegen des Heiligen Va-
                                   auch durch Arbeitshilfen und anlassbe-       ters auch in die Katholischen Verbände             Stefan Dengel ist Referent für
                                   zogene Veranstaltungen, wie beispiels-       zu bringen. Damit ermutigen wir die Ver-           Soldatenfragen beim Bundes-
                                   weise das hochkarätig besetzte Groß-         bände zusätzlich zu den großen Gottes-              vorstand des BDKJ (Bund der
                                   podium auf dem letzten Katholikentag         diensten zum Weltfriedenstag, auch auf          Deutschen Katholischen Jugend)
                                                                                                                                         und Geschäftsführer der
                                   zum Thema „In Frieden investieren, statt     der kleinen Ebene in ihren Ortschaften          aktion kaserne, der Initiative der
                                   in Waffen. Politik zwischen notwendiger      in ihren Verbänden eine kleine Gebets-               Jugendverbände im BDKJ für
                                   Sicherheit und neuer Aufrüstung“.            stunde zum Weltfriedenstag zu gestalten         junge Soldatinnen und Soldaten.
                                                                                und das Jahr unter das entsprechende
                                                                                Motto zu stellen.

                                                                                                                            Kompass: Wird es auch für 2020 wie-
                                                                                                                            der eine solche Arbeitshilfe zum Welt-
                                                                                                                            friedenstag geben?
                                                                                                                            Stefan Dengel: Ja, wir planen in diesem
                                                                                                                            Jahr wieder eine Arbeitshilfe für die Ver-
                                                                                                                            bände. Allerdings stellen wir jetzt auf ein
                                                                                                                            Onlineangebot um, das zur Zeit erstellt
© Christian Schnaubelt / rpd NRW

                                                                                                                            wird (www.weltfriedensgebetstag.de). Wir
                                                                                                                            werden dort neben dem Download der
                                                                                                                            Arbeitshilfe weitere Hintergrundinforma-
                                                                                                                            tionen anbieten, sowie über Angebote
                                                                                                                            der Verbände informieren.

                                                                                                                            An der Arbeitshilfe sind neben dem BDKJ
                                                                                                                            und der kfd (als Trägerverbände) noch
                                                                                                                            zahlreiche andere Verbände beteiligt, die
                                                                                                                            bisher auch an der Arbeitshilfe mitgewirkt
                                                                                                                            haben, z. B. Pax Christi oder die KjG (Ka-
       Auch im Dezember 2019 wurde das Friedenslicht aus Betlehem mit Hilfe
      der Luftwaffe den Soldatinnen und Soldaten in einem Bundeswehr-Einsatz                                                tholische junge Gemeinde).
 übergeben. Generalmajor Bernhardt Schlaak (l.) und Oberstleutnant Dirk Junker
empfingen das Friedenslicht von Benedikt Kestner, Sprecher der aktion kaserne.                                                     Die Fragen stellte Friederike Frücht.

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Friedens t Spuren des - Katholische Militärseelsorge
ZUM LKU

                                               Mensch und Ordnung

                                               Frie·de [der]

                   O
D   en Erzählungen um den großen russi-
    schen Schriftsteller Lew Tolstoi wird
eine Geschichte zugeordnet, die gerade
                                                Rede des Philosophen Immanuel Kant
                                                vom „Ewigen Frieden“ und vieler anderer
                                                plausibler Worte aufgeklärter Friedens-
                                                                                             Auf dem langen Weg der Menschheit zum
                                                                                             „Ewigen Frieden“ – oder für die Christen-
                                                                                             heit ins „Reich Gottes“ – begann auch
in Zeiten zunehmenden Unfriedens und            ethiker, um endlich ein grundlegendes        die Katholische Kirche sich in den 60er
der Gewalt zum Nachdenken einlädt.              Umdenken bezüglich (staatlicher) Ge-         Jahren wirkmächtig für den Frieden als
Sie erzählt von einem Mann, der auf             walt, Ordnung und Macht herbeizuführen.      Werk der Gerechtigkeit einzusetzen.
eine Gruppe Kinder zugeht, die gerade                                                        Seitdem füllen sich ganze Bibliotheken
Krieg spielen. Eindringlich bittet er die       Man begann, kritischer über die Moral        mit Büchern zum Thema „Friedensethik“
Spielenden: „Spielt nicht Krieg, Kinder!        vom „Gerechten Krieg“ nachzudenken           und beide Kirchen machen sich für einen
Spielt doch Frieden!“ Die irritierten Kinder    und verließ schließlich den bisherigen       „gerechten Frieden“ stark. Umso mehr
halten inne, sprechen miteinander und           Denkrahmen vom „Gewalt-Frieden“ oder         verwundert es, dass sich gerade im Zuge
schließlich fragt eines aus der Gruppe          nationalistischen „Sieg-Frieden“. Gera-      von Digitalisierung und Globalisierung
den am Rande stehenden Mann: „Und               de angesichts des unvorstellbaren Leids      anscheinend wieder die alte Schützen-
wie spielt man Frieden?“                        der Frontsoldaten in den Schützengräben      grabenpolitik nun Bahn bricht. Verteidi-
                                                und der nicht enden wollenden „Stahl-        gungspolitik, Sicherheitspolitik und gar
Mit ihrem Spiel spiegeln Kinder die             gewitter“ während des I. Weltkriegs          Militärpolitik verdrängen und überformen
(Denk-)Welt der Erwachsenen. Noch               machten sich immer mehr Menschen             zusehends die erforderliche Friedenspo-
lange nach dem II. Weltkrieg hatte die          weitreichende Gedanken über einen            litik.
Erwachsenenwelt in Deutschland weit             „Verständigungs-Frieden“ und plädierten
mehr vom Krieg zu erzählen als vom              schon vor Kriegsende unter dem Leit-         Wahrhaftige Friedenspolitik hingegen
Frieden.                                        gedanken „si vis pacem, para pacem“          bedarf aber einer entsprechenden „Frie-
                                                (Wenn du den Frieden willst, bereite den     denspädagogik“, mit der zielstrebig das
Die christliche Friedensbotschaft hat           Frieden vor.) für eine zukünftige „Frie-     „Werk der Gerechtigkeit“ gesamtgesell-
zwar seit jeher die unstillbare Sehnsucht       denspolitik“. Leider war die Zeit zu wah-    schaftlich gefördert wird. Solche umfas-
nach „Friede auf Erden“ kultiviert, wohl        rer Völkerverständigung noch nicht reif,     sende Erziehungs- und Bildungsarbeit
aber bedurfte es noch der vernünftigen          so dass die damals praktizierte „Schüt-      geht von der „Pazifizierung des Individu-
                                                zengrabenpolitik“ im gesellschaftlichen      ums“ aus, führt über die „Pazifizierung
                                                Denken Deutschlands letztlich Oberhand       von Gesellschaften“ und bereitet damit
                                                behielt. Schließlich führte die Quintes-     die „Pazifizierung der Menschheit“ vor.
                                                senz dieser gefährlichen „Macht- und         Einen ersten Denkanstoß zum notwen-
                                                Schwertpolitik“ – nämlich in Form nati-      digen Prozess der Selbst- und Volksbe-
                                                onalsozialistischer Weltanschauung – in      friedigung lieferte schon vor 100 Jahren
                                                den II. Weltkrieg.                           der Friedenspädagoge Friedrich Wilhelm
                                                                                             Foerster, der davon überzeugt war, dass
                                                                                             das erste Lebensgebot des Staates
                                                                                             nicht darin besteht, „für die Erhaltung
                                                                                             und Mehrung seiner Macht zu sorgen“,
                                                                                             sondern darin, die „innere Einheit seiner
                                                                                             Glieder zu stärken und die Übermacht
                                                                                             des Gewissens und des Rechtsgefühls
                                                                                             über die rücksichtslose Selbstsucht zu
                                                Eine Anregung für                            fördern.“ Hätte man also in Deutsch-
                                                Militärseelsorger*innen:                     land den letzten Generationen nicht F.
       Ein sehr beliebtes Gesellschafts-        Eine systematische Textvorlage zum           W. Foerster als Nestor der Pädagogik
     spiel zur Zeit des I. Weltkriegs war       Thema „Friede“ im LKU finden Sie von          und Politischen Bildung vorenthalten, so
       „Ringo“. Dieses ermöglichte den          Matthias Gillner im Ethik-Kompass.           würden vermutlich heute nicht nur unse-
     Spielern, gegen die ausländischen
       Feinde ins Feld beziehungsweise          Weiterführende und aufschlussreiche          re Kinder, sondern auch wir Erwachsene
                    aufs Brett zu ziehen.       Textbeiträge zum Themenfeld „Ethik“          eher „Frieden“ statt „Krieg“ spielen.
                                                und „LKU“ finden Sie in der E-Journal-
                                                Ausgabe 02/19.                                                       Franz J. Eisend,
                                                www.zebis.eu/didaktik-portal                      Wissenschaftlicher Referent, KMBA

                                                                                            Kompass 01I20                           9
Friedens t Spuren des - Katholische Militärseelsorge
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                                                                                                                                        © KS / Doreen Bierdel
            Sich die Hand reichen oder „Ich zuerst“?
                                             von Heinz-Gerhard Justenhoven

D   er Wunsch, in Frieden zu leben,
    dauerhaft Frieden zu haben, ist ein
Menschheitstraum; alljährlich feiern wir
                                             Israeliten die endzeitliche Herrschaft Got-
                                             tes als Herrschaft von Frieden, Gerech-
                                             tigkeit und Sicherheit. Seine Prophetie
                                                                                                      Was ist nun zu tun?
                                                                                           Der Einsatz für eine friedlichere und ge-
                                                                                           rechtere Welt muss auf verschiedenen
unter dieser Überschrift die Weihnachts-     gipfelt in der Zusage: „Man zieht nicht       Ebenen stattfinden: Das Handeln Einzel-
zeit. Dagegen droht unsere Welt sich am      mehr das Schwert, Volk gegen Volk, und        ner gegenüber konkretem Leid ist genau-
Beginn des 21. Jahrhunderts immer tiefer     übt nicht mehr für den Krieg.“ (Jes 2,4).     so gefragt wie die Arbeit an politischen
in gewaltsamen Konflikten zu verstricken.     In Tod und Auferstehung Jesu Christi          Strukturen, Institutionen und Mechanis-
                                             werden diese Verheißungen angesichts          men zur Überwindung von Unfriede, Ge-
Krieg in Syrien und der Ukraine, Flücht-     des Handelns Gottes geglaubte Gewiss-         walt und Ungerechtigkeit. Die Konzepte
lingsdramen in der halben Welt, unge-        heiten, die mit Jesus Christus angefan-       hierfür liegen auf der Hand, es mangelt
zügelte Gewalt gegen die Schwächsten         gen haben. Daher setzt eine realistische      an der Umsetzung. Zuerst ist jede(r) Ein-
und Ärmsten in fragilen und zerfallenen      christliche (Friedens-)Ethik auf die Glau-    zelne an seinem/ihrem Platz gerufen, im
Staaten, Drohgebaren der großen Mäch-        benszusage, dass das Reich Gottes als         anderen Menschen Christus zu sehen.
te, atomare Aufrüstung und Rüstungs-         Friedensreich im Hier und Jetzt beginnt,      Dort wo die (Menschen-)Würde und die
Proliferation (Weiterverbreitung von         und rechnet angesichts der menschli-          (Menschen-)Rechte missachtet oder ver-
Massenvernichtungswaffen) bis hin zur        chen Fehlbarkeit und Sündhaftigkeit zu-       letzt werden, sind wir zum Handeln geru-
Zerstörung natürlicher Lebensgrundla-        gleich mit der Gegenwart von Unfrieden,       fen. Als Bürger eines der reichsten Län-
gen, die vielen Menschen die Existenz-       Ungerechtigkeit und Gefährdung der            der der Erde, das tief verzahnt ist in die
grundlagen entziehen und weitere Flucht      (menschlichen) Sicherheit.                    globalisierten (nicht nur ökonomischen)
und Gewalt hervorbringen, kennzeichnen                                                     Strukturen, tangieren z. B. unsere Kauf-
die Gegenwart.                               Die politisch-ethische Herausforderung        entscheidungen die Arbeits- und Lebens-
                                             besteht dann angesichts der Realität un-      bedingungen von Menschen ökonomisch
         Realität und Prophetie              serer Welt, in der Menschen unter Krieg,      und/oder politisch abhängiger Länder.
Ist eine Welt vorstellbar, in der es keine   Gewalt und Ungerechtigkeit leiden, zu-        Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit
Konflikte gibt, wo Konflikte zwischen Völ-     erst einmal darin, die Hoffnung nicht zu      sollte diese Verhältnisse aufdecken,
kern und Staaten ohne Gewalt ausgetra-       verlieren: Die Aussage Jesu, „Ich bin bei     publizieren und in der Erziehungs- und
gen werden? Die Sehnsucht danach ist         euch alle Tage bis ans Ende der Welt“,        Bildungsarbeit wie auch dem politischen
so alt wie die Menschheit. So verheißt       steht. Dieser Glaube gibt Mut zur „Hoff-      Lobbying thematisieren.
der Prophet Jesaja angesichts eines he-      nung wider alle Hoffnung“ und er gibt
raufziehenden kriegerischen Unheils den      Kraft zum Handeln.

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TITELTHEMA

                                                                           Da wir aber auch im Zusammenleben in-          che haben (z. B. in Pacem in Terris von       noch sehr vom Naturrechtsdenken und
                                                                           nerhalb eines Staates nicht ausschließ-        Johannes XXIII. 1963) im 20. Jahrhundert      einem etatistischen Ansatz geprägt sind:
                                                                           lich auf die Tugendhaftigkeit der Bürger       im Kern eine Friedensethik entwickelt,        Recht – auch das internationale – wird
                                                                           vertrauen, sondern auf funktionierende         die eine politische Friedensordnung           aus der Natur des Menschen begründet.
                                                                           Regeln, die an Gerechtigkeit orientiert        zwischen Völkern und Staaten auf der          Widerstrebende Interessen sollen mittels
                                                                           sind – das Recht – und auf funktionie-         Basis von Menschenrechten, dem Völ-           (staatlicher) Institutionen auf der Basis
                                                                           rende Institutionen, sollten wir es im         kerrecht, funktionierenden internationa-      des Rechts auf das allgemeine Wohl hin
                                                                           Verhältnis der Völker und Staaten auch         len Institutionen sowie einer effektiven      geordnet werden. Diese Grundidee des
                                                                           nicht anders halten. Hier stellt sich aller-   internationalen Gerichtsbarkeit fordert.      „Friedens durch Recht“ innerhalb funkti-
                                                                           dings sowohl ein praktisches als auch          Die Entwicklung des Völkerrechts (inter-      onierender Staaten überträgt Pacem in
                                                                           ein systematisches Problem: Das Zuei-          nationalen Rechts) seit dem Ende des          Terris (und alle weiteren päpstlichen Tex-
                                                                           nander der Staaten auf der transnationa-       19. Jahrhunderts und der internationalen      te) auf die internationalen Verhältnisse
                                                                           len Ebene ist aufgrund des Völkerrechts,       Institutionen – erst Völkerbund, dann die     und fordert in Analogie zur staatlichen
                                                                           bestehender Verträge, Regime und Insti-        Vereinten Nationen – sind von den Päps-       Ordnung funktionierende internationale
                                                                           tutionen heute zwar nicht völlig ungere-       ten seit Leo XIII. und in vielen weiteren     Institutionen und ein entsprechendes,
                                                                           gelt, aber es ist offenkundig auch kein        kirchlichen Dokumenten unterstützend          verbindliches internationales Recht mit
                                                                           Verhältnis, in dem Konflikte ohne Gewalt        und kritisch begleitet worden.                Durchsetzungsgewalt einschließlich einer
                                                                           nach gerechtigkeitsbasierten Regeln aus-                                                     verpflichtenden Gerichtsbarkeit. Über die
                                                                           getragen werden – im Gegenteil! Das sys-        Katholische Kirche und internationale        politisch-praktischen Schritte eines sol-
                                                                           tematische Problem besteht darin, dass                      Friedensordnung                  chen Prozesses hüllt sich die kirchliche
                                                                           es Praktiker der Politik wie Theoretiker       Warum unterstützt die katholische Kirche      Friedenslehre meist in Schweigen. Auch
                                                                           gibt, die bestreiten, dass ein solches         eine internationale Friedensordnung auf       wird eine in der Theorie der internatio-
                                                                           Verhältnis zwischen Staaten überhaupt          der Basis des internationalen Rechts und      nalen Beziehungen wie der praktischen
                                                                           möglich ist oder sein sollte! Ihre Argu-       der Vereinten Nationen – und fordert zu-      Politik dominante Überlegung kaum zur
                                                                           mente reichen von der unaufgebbaren            gleich eine Reform beider hin zu größerer     Kenntnis genommen: durch Verträge
                                                                           Souveränität (als Selbstbestimmung)            Effektivität und Durchsetzungsfähigkeit?      Akteure aus Eigeninteresse freiwillig an
                                                                           der Staaten bis hin zum Gespenst ei-           Ein Blick in die Enzyklika Pacem in Terris    regelkonformes Verhalten mit geringen
                                                                           nes Weltstaates. Die Friedenslehren der        zeigt, dass die friedensethischen Posi-       bis fehlenden Sanktionsmöglichkeiten zu
                                                                           katholischen wie der evangelischen Kir-        tionen insbesondere päpstlicher Texte         binden. Dabei wird auf Erfahrungen aus

                                                                                                                                                                                                              >>
                                                                           Ziele und Grundsätze der Vereinten Nationen
                                                                           Zentrale Prinzipien der UN-Charta
© Bundeszentrale für politische Bildung, 2010 / www.bpb.de / cc by-nc-nd/3.0/de

                                                                                                                                                                       Kompass 01I20                           11
TITELTHEMA

                        >>

                        dem Konferenz über Sicherheit und Zu-        früher eine Latenz, das Geschehen als        Hunger und Verelendung tritt der Kampf
                        sammenarbeit in Europa (KSZE)-Prozess        überwunden zu betrachten („Es muss           um die verbliebenen Ressourcen, Flucht
                        rekurriert, der u. a. durch vertrauensbil-   nun auch mal genug sein“). Außerdem          und Migration – eine Eskalationsspirale
                        dende Maßnahmen in der Überwindung           verschwimmen z. B. in lang andauern-         tritt in Gang. (Kirchliche) Entwicklungszu-
                        des Ost-West-Konflikts eine große Rolle       den Bürgerkriegen die klaren Konturen        sammenarbeit und Friedensethik verzah-
                        gespielt hat.                                zwischen Opfern und Tätern. Bei aller        nen sich hier. Die Forderung nach Über-
                                                                     Schwierigkeit besteht jedoch Konsens         windung struktureller Ungerechtigkeit um
                        Zu der „Frieden durch Recht“-Position ist    darüber, dass es ohne „Heilung der Erin-     der betroffenen Menschen willen steht
                        gerade durch Impulse von Christen und        nerung“ keinen Frieden geben kann und        zunehmend im Fokus auch friedensethi-
                        aus den Kirchen das Thema Versöhnung         Christen und Kirchen hier einen beson-       scher Forderungen.
                        hinzugetreten. Ohne eine Aufarbeitung        deren Auftrag haben.
                        auch weit zurückliegenden historischen                                                    Am Ende stehen in der gegenwärtigen po-
                        Unrechts können Konflikte weiter schwe-        Konflikte: Vermeidung und Nachsorge          litischen Debatte zwei Prototypen einan-
                        len und jederzeit wieder aufbrechen.         Seit den 1990er Jahren werden ver-           der gegenüber, die in unterschiedlichen
                        Häufig werden individuelle und kollektive     mehrt Anstrengungen unternommen,             Welt- und Menschenbildern verortet sind:
                        Versöhnung dabei nicht unterschieden,        die gewaltsame Eskalation von Konflikten      Auf der einen Seite Papst Franziskus und
                        obwohl es sich um verschiedene Vorgän-       möglichst zu vermeiden oder nach dem         alle diejenigen, die in jedem Menschen –
                        ge handelt. Die Schwierigkeit kollektiver    Ende eines Gewaltkonfliktes das Wieder-       gerade den Armen und Leidenden – den
                        Versöhnung liegt im stellvertretenden        ausbrechen zu verhindern. Dies hat bis       Bruder und die Schwester sehen und ihr/
                        Handeln: Es bittet ein Vertreter einer       hin zu dem Versuch des externen Staats-      ihm die Hand reichen. Auf der anderen
                        Gruppe, einer Gemeinschaft, eines Volks      aufbaus (Peacebuilding / Statebuilding)      Seite die Vertreter des „Ich zuerst“ mit
                        für Unrecht um Vergebung, das er selbst      z. B. in Bosnien geführt. Allerdings ist     ihrem (nationalen) Egoismus, rücksichts-
                        meist nicht zu verantworten hat. Seine       angesichts der Erfahrungen sowohl der        loser Interessenpolitik, Handelsverträgen
                        Vergebungsbitte muss dann von der Ge-        Konfliktvermeidung wie der Konfliktnach-       zum eigenen Vorteil, Grenzschließung
                        meinschaft mitgetragen und nachvollzo-       sorge der letzten zwanzig Jahre eine gro-    etc. Im Kern geht es um die Frage,
                        gen werden, um einen Prozess der Aus-        ße Ernüchterung eingekehrt: Kurzfristige     wer wir sind und wem was „gehört“:
                        söhnung in Gang zu bringen. Während          Erfolge sind nicht zu erwarten, vielmehr     Verstehen wir uns als Geschöpfe des
                        das erlittene Unrecht auf der Opferseite     bedarf die „Bearbeitung“ politisch-          einen Gottes und als Glieder der einen
                        noch über Generationen sehr präsent          sozialer oder kultureller Grundkonflikte      Menschheitsfamilie oder als Teil einer
                        ist, besteht auf der Täterseite deutlich     eines langen Atems. Als zentral haben        privilegierten Partikulargemeinschaft, die
                                                                     sich Bildungsarbeit erwiesen wie eine        das Recht des Stärkeren ausübt? Ist der
                                                                     an Gerechtigkeit orientierte, vom Prinzip    Planet Erde als Teil der Schöpfung dem
                                                                     „ownership“ geleitete Politik. Externe Ak-   Menschengeschlecht anvertraut, um da-
                                                                     teure können Hebammendienste leisten         rauf zu leben – eine Leihgabe –, oder
                                                                     – nicht mehr, aber auch nicht weniger.       „gehört“ das Territorium, auf dem sich
© KS / Doreen Bierdel

                                                                                                                  ein Volk, eine Nation, ein Staat befindet,
                                                                     Zunehmend treten die Konfliktprävention       diesem und keinem anderen? Nimmt
                                                                     und damit die Verknüpfung von Frieden        sich der Starke von den Ressourcen der
                                                                     und Gerechtigkeit in den Blick. Politische   Erde, was er will – die Übrigen müssen
                                                                     wie ökonomische Ungerechtigkeit inner-       sehen, wo sie bleiben? Ist die internati-
                                                                     halb von Staaten wie in der internationa-    onale Anarchie der Normalzustand oder
                                                                     len Staatengemeinschaft sind Ursache         eine politisch-ethische Herausforderung,
                                                                     von Konflikten: Menschen werden ele-          die es zu überwinden gilt?
                                                                     mentarste (Menschen-)Rechte vorenthal-
                                                                     ten, zu den bekannten Folgen wie Armut,          Wir danken dem Portal weltkirche.de
                                                                                                                             für die Abdruckgenehmigung.

                                                                             Prof. Dr. Heinz-Gerhard Justenhoven ist Direktor des Instituts für
                                                                             Theologie und Frieden (ithf) in Hamburg. Er ist Mitglied der Deutschen
                                                                             Kommission „Justitia et Pax” sowie der Arbeitsgruppe „Politische
                                                                             und gesellschaftliche Grundfragen” des Zentralkomitees der deut-
                                                                             schen Katholiken (ZdK). Des Weiteren gehört er zur katholischen
                                                                             Delegation für das theologische Gespräch zwischen der Deutschen
                                                                             Bischofskonferenz und dem Moskauer Patriarchat.

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TITELTHEMA

                              Wege des Friedens
                              im Kleinen

                              E  lisabeth Kanini, eine Kenianerin aus dem Süden des Landes,
                                 war 2009 als Studentin der Friedenswissenschaft eigentlich
                              nur gekommen, um empirische Studien über den latent gewalt-
                              samen Konflikt zwischen den Stämmen der Rendille und Burana
                              durchzuführen – und ist geblieben, um Frieden zu bringen. In
                              den neun Jahren hat sie diesen nach überkommenen, archa-
© ithf

                              isch anmutenden Regeln lebenden Stammesgesellschaften
                              einen Weg aus der Gewalt aufgezeigt.

                              Aber der Weg dahin war weit und steinig. Bevor ihr die – in den
                              traditionellen Regeln nicht vorgesehene – Ehre zuteilwurde, im
                              Kreis der Ältesten zu sprechen und ihnen einen neuen Weg
                              aufzuzeigen, musste sie eine der ihren werden: mit den Ren-
                              dille in ihren armseligen Lehmhütten leben, mit ihnen auf dem
                              Boden auf einer Kuhhaut oder einfachen Decke schlafen, sich
                              mit einer kleinen Tagesration Maismehl-Grütze begnügen und
                              Flöhe und Zecken ertragen, die das enge Zusammenleben mit
                              den Ziegen mit sich bringt.

                              „Erziehung ist der Schlüssel“, hat Elisabeth mir berichtet und
                              die Kinder der Rendille unterrichtet. Als die staatlichen Lehr-
                              kräfte vor der Gewalt geflohen waren, hat Elisabeth die Kinder
                              weiter unterrichtet und sich über die Jahre einen Kreis junger
                              Menschen herangezogen, die gemeinsam mit ihr der traditio-
                              nellen Gewaltspirale die Stirn zu bieten suchten.

                              Heute reden die Ältesten der Burana und Rendille miteinander,
                              wenn Vieh gestohlen wurde oder von außen Gewalt droht. Ge-
© ithf

                              meinsam haben sie sich den Versuchen der „Politiker“ vor der
                              letzten Parlamentswahl verweigert, einen neuen Konflikt anzu-
                              heizen. Elisabeth hat Freundschaften zwischen jungen Rendille
                              und jungen Burana gestiftet, die sich nun gegenseitig warnen,
                              wenn aus dem Umkreis Gewaltaktionen bekannt werden. Nicht
                              ohne Stolz und mit sichtlicher Freude führt Elisabeth mir auf
                              dem Spaziergang durch das Dorf eine Gruppe junger Männer
                              vor, denen sie aus dem Teufelskreis archaischer Tradition he-
                              raushelfen konnte. Die Jungen lächeln verlegen, als Elisabeth
                              ihnen anerkennend auf die Schultern klopft, aber sie sind es,
                              die die alternative Konfliktregelung internalisiert haben, weil
                              sie die Jungen des anderen Stammes als Freunde gewonnen
                              haben. Sehr bewusst reflektiert Elisabeth auf dem weiteren
© KS / Doreen Bierdel (2)

                              Gang durch das Dorf ihre Arbeit theologisch: Sie bringt diesen
                              traditionell sehr religiösen Menschen bei, dass die anderen
                              auch Geschöpfe Gottes seien wie sie selbst und bricht damit
                              partikularistische Denktraditionen auf.

                                                                 Heinz-Gerhard Justenhoven

                                                       Kompass 01I20                            13
NEUJAHRSGRUSS

     Liebe Soldatinnen und Soldaten!
     Liebe Leserinnen und Leser!

             „Was wäre das Leben,
             hätten wir nicht den Mut,
             etwas zu riskieren?“
                                                               Vincent van Gogh

     Und wieder ist ein Jahr vorüber. Wir haben uns gefreut und geärgert, gear-
     beitet und geruht, neue Menschen kennengelernt, aber auch Menschen
     verloren. 2020 sind wir nicht mehr die, die wir letztes Jahr waren. Jede
     Erfahrung, die wir machen, hat Einfluss auf uns – im Positiven wie auch im
     Negativen. Aus manchen Situationen gehen wir gestärkt heraus, aus anderen
     verunsichert oder sogar frustriert. Manche Situationen verlangen auch Mut.

     Mut neue Wege zu gehen. Mut neue Dinge auszuprobieren.
     Mut dem Chef unter die Augen zu treten und seine eigenen
     Ideen vorzustellen. Mut sich gegen ein „Isso“ zu stellen.
     Mut sich mit neuen Verordnungen auseinanderzusetzen.

     Solche Herausforderungen kommen immer auf uns zu.
     Manchmal häufiger, manchmal seltener. Gerade in festen
     Strukturen, wie wir sie auch in der Kirche kennen, braucht
     es Mut, neue und unbekannte Wege zu gehen. Manchmal
     braucht es eine Krise, um Strukturen neu zu bedenken.

     Ende letzten Jahres haben wir uns als Teil der Katholischen
     Kirche auf den gemeinsam Synodalen Weg gemacht, um
     über die Zukunft kirchlichen Lebens in Deutschland zu be-
     raten. Daran beteiligen sich nicht nur die Bischöfe, sondern
     ebenfalls das Zentralkomitee der deutschen Katholiken.

                                                                                    © KS / Doreen Bierdel
     Auch wir als Militärseelsorge nehmen teil an diesem ge-
     meinsamen Weg. Die erste Synodalversammlung wird Ende
     Januar in Frankfurt zusammenkommen. Dort werden mehr
     als 200 Mitglieder ehrlich, offen und selbstkritisch über
     verschiedene Themen diskutieren und über die Bedeutung
     von Glaube und Kirche in der heutigen Zeit nachdenken.

     Neben solchen neuen Wegen ist es aber auch wichtig zu unterscheiden,
     was sich bewährt hat, was gut läuft. Veränderung ist kein Selbstzweck
     und sollte nicht zur Ideologie werden. So planen wir in Berlin, aber auch
     in vielen Standorten der Katholischen Militärseelsorge, wieder Wallfahrten
     inner- und außerhalb Deutschlands. Die Erfahrung hat gezeigt, dass es für
     viele Menschen ein Bedürfnis ist, sich gemeinsam auf den Weg zu machen,
     gemeinsam zu pilgern und sich von Gott ansprechen zu lassen. In Berlin
     planen wir schon die nächste Internationale Soldatenwallfahrt nach Lourdes,
     in Bayern geschieht dies sicherlich schon für Amberg. Ich würde mich freuen,
     Sie im neuen Jahr auf einer dieser Wallfahrten zu treffen.

               Ihnen, Ihren Familien und allen, die zu Ihnen gehören,
                 wünsche ich ein gesegnetes, gesundes, friedliches
                  und ehrliches Neues Jahr 2020! Seien Sie mutig!

                                     Militärgeneralvikar Msgr. Reinhold Bartmann

14                           Kompass 01I20
NEUJAHRSGRUSS

S   ehr häufig kommt man in Gesprächen
    rund um den Jahreswechsel auf die
Frage nach den „guten Vorsätzen“ für
das neue Jahr. „Mehr Sport treiben“,
„Weniger Alkohol trinken“ oder „Mehr
Zeit mit der Familie verbringen“ stehen
dabei auf der Hitliste der guten Vorsätze
ganz oben. Viele dieser Vorsätze sind in
den letzten Jahren gleichgeblieben, wäh-
renddessen sich die Welt um uns herum
in einem stetigen Wandel befindet.

                                                                                                                                 © BMVg / Uwe Grauwinkel
Dachten wir nach dem Fall des Eisernen
Vorhangs, dass nun die Zeit dauerhaf-
ten Friedens in ganz Europa angebrochen
sei, mussten wir uns mit der Annexion
der Krim durch Russland eingestehen,
dass dies eine Fehleinschätzung war.
Nun hieß es gerade auf dem Gebiet der
Sicherheitspolitik, viele Entwicklungen in
Frage zu stellen und Entscheidungen zu
revidieren. Die Landes- und Bündnisver-      Eskalation, der Gewalt und der Vernich-      litärbischof Overbeck sie einfordert. Wir
teidigung rückte wieder in den Vorder-       tung liegt, sondern auch die Chance zur      brauchen Vorstellungen und Regeln, wie
grund und damit die Fragen der Erhöhung      Weiterentwicklung und zum Besseren. In       wir mit Konflikten umgehen, wie wir ihre
der Personalumfänge und des Materials.       der Auseinandersetzung mit den anderen       Risiken eindämmen, Frieden bewahren
All dies immer mit dem Ziel, den Frieden     stelle ich meine eigenen Vorstellungen,      und trotzdem um den richtigen und guten
und die Sicherheit im eigenen Land, in       Ziele, Werturteile und Wünsche auf den       Weg streiten und ringen können.
Europa, im Bündnisgebiet und in der Welt     Prüfstand, ich messe sie nicht nur an
zu sichern und zu stärken.                   der Realität, sondern auch an den Vor-       Für das anbrechende Jahr 2020 wünsche
                                             stellungen, Wünschen, Werturteilen und       ich uns allen Kraft, Mut und Weisheit,
Vielfach im Hintergrund und von der          Zielen der anderen. So bin ich gezwun-       konstruktiv mit den Konflikten in unse-
Öffentlichkeit unbemerkt wird auf vielen     gen, die eigene Auffassung immer wieder      rem Leben und unserer Umgebung um-
Ebenen unermüdlich darum gerungen,           zu hinterfragen. Konflikte in der Familie     zugehen, ganz privat, im Dienst und in
bestehende Konflikte zu lösen oder we-        und im Freundeskreis, im Arbeitsleben        unserem Engagement als Christinnen
nigstens einzudämmen und das Aufbre-         und in der Kirche, sind so nicht nur ein     und Christen in unserer Kirche. Und als
chen neuer gewaltsamer Konflikte zu           nach der Alltagserfahrung „notwendiges       tragendes Element dazu die Gewissheit,
verhindern. Der Einsatz militärischer Ge-    Übel“, dem zu entrinnen kaum möglich         dass Gott auf diesem Weg mit uns un-
walt kann und darf dabei immer nur das       ist, sondern sie haben das Potenzial zur     terwegs ist!
letzte Mittel, die „ultima ratio“ sein. Es   Erreichung von Verbesserung und Fort-
bedarf eines konstruktiven Umgangs mit       schritt. Damit ein Konflikt sein positives           Stabshauptmann Andreas Quirin,
Konflikten auf der Basis der Erkenntnis,      Potenzial entfalten kann, brauchen wir                  Bundesvorsitzender der GKS
dass im Konflikt nicht nur das Risiko der     eine konstruktive Konfliktkultur, wie Mi-        (Gemeinschaft Katholischer Soldaten)

                                                                                         Kompass 01I20                          15
AUS DER MILITÄRSEELSORGE

16   Kompass 01I20
AUS DER MILITÄRSEELSORGE

                                           Wie war das noch
                                           im letzten Jahr mit
                                           Lebkuchen in Mali?

                                           R   oter Sand bedeckt innerhalb von Se-
                                               kunden alles: Schuhe, Hose, Koffer,
                                           Hände. Er kriecht überall hin und beglei-
                                           tet einen bis nach Deutschland zurück.
                                           Mali lässt also nicht los, in verschiedener
                                           Hinsicht. So geht es jetzt auch Pfarrer
                                           Heß. Seit Oktober ist er in Gao bei den
                                           deutschen Soldatinnen und Soldaten
                                           im Camp Castor. Nachdem er 23 Jah-
                                           re in Bayern als Priester gelebt hatte,
                                           verschlug es ihn in den Norden nach
                                           Leer in die Evenburg-Kaserne. „Es war
                                           Zeit für einen Wechsel. Ich wollte einmal
                                           etwas ganz Neues ausprobieren.“ Das
                                           war 2017. Jetzt ist er Militärseelsorger,
                                           macht seine erste Einsatzbegleitung in
                                           Mali und bleibt direkt über Weihnachten.
                                           Auch für ihn als Seelsorger ist das eine
                                           Herausforderung. Welche Rolle spielt
                                           die Adventszeit im Einsatz? Kommt Ad-
                                           ventsstimmung im Einsatz auf, braucht
                                           es sie überhaupt? Ist es eine Be- oder
                                           Entlastung über Weihnachten im Einsatz
                                           zu sein?

                                           Ein Spaziergang durch das Camp zeigt,
                                           Weihnachtsbäume können auch bei 36
                                           Grad aufgestellt und geschmückt wer-
                                           den. Und ein Blick in die verschiedenen
                                           Zelte verrät, dass Adventskalender und
                                           Schokonikoläuse die lange Reise von
                                           Deutschland ebenfalls überstehen. Viele
                                           Soldaten haben von ihren Angehörigen
                                           Päckchen mit kleinen Überraschungen
                                           erhalten. „Es tut so gut, Post von zu
                                           Hause zu bekommen. Über den selbst
                                           befüllten Adventskalender meiner besten
                © KS / Friederike Frücht

                                           Freundin habe ich mich super gefreut“,
                                           schwärmt eine Soldatin mit breitem Grin-
                                           sen.
                                                                                         >>

                                                       Kompass 01I20                          17
AUS DER MILITÄRSEELSORGE

>>
Aus Deutschland hat Pfarrer Heß ganze        jetzt im Einsatz zu sein. Keine Familien,   che Sorgen und Wünsche Soldaten im
Kartons von selbstgebackenen Plätzchen       die man abklappern muss, kein Stress        Einsatz haben. Neben Messen und öku-
empfangen. Mit Lebkuchen, Spekulati-         beim Einkaufen von Geschenken.“ Für         menischen Gottesdiensten bietet die
us, Makronen und Spritzgebäck macht          beide Aussagen hat Heß Verständnis,         Katholische Militärseelsorge auch jeden
er sich auf den Weg durchs Camp. Viele       spiegeln sie doch die persönliche Situa-    Freitag den „SaMali-Treff“ an. Dafür
greifen gerne zu, denn so etwas gibt es      tion der Soldatinnen und Soldaten. Er ist   backen Grote und Heß selber Brot und
hier nicht zu kaufen. Einige denken lieber   für alle ein Ansprechpartner. Es ist zwar   reichen das zusammen mit Salami, die
an ihre Sporteinheit am Nachmittag.          seine erste Einsatzbegleitung, aber er      extra aus Deutschland kommt, dar. Dem
                                             wird unterstützt von seinem Unterstüt-      Eingangsimpuls folgen die unterschied-
Lebkuchen in Mali. „Lecker, aber es          zungssoldat Stabsfeldwebel Grote. Für       lichsten Gespräche über Gott und die
fehlt etwas.“ Beim Verteilen kommt der       ihn ist es schon der vierte Einsatz. Zu-    Welt. Für diejenigen, die es plastischer
Pfarrer mit Soldatinnen und Soldaten         letzt war er als Spieß in Masar-e-Scharif   mögen, wird jeden Dienstag ein Film im
ins Gespräch. Zwei Aussagen hört er          in Afghanistan. Beide kennen sich aus       Kirchenzelt gezeigt. Auch danach sitzen
dabei immer wieder: „Es ist schon sehr       der Heimat. Grote ist gerade in Nordhorn    die Soldaten noch zusammen, sprechen
schwer, über Weihnachten nicht bei der       im Emsland stationiert. Seine Erfahrung     über den Film. Aber auch über alles An-
Familie zu sein. Ich vermisse sie mehr       hilft auch, um passende Angebote für        dere, was sie gerade bewegt. Ein Ober-
als sonst.“ Und: „Ich bin richtig froh,      die Soldaten zu gestalten. Er weiß, wel-    feldwebel spricht über seine Frau, die

                                                                                                                                    © KS / Friederike Frücht

18                         Kompass 01I20
AUS DER MILITÄRSEELSORGE

    „Als guter Hirte im Tarnfleck
    gehe und radle ich
    mit unserem
    ‚Dienstfahrzeug‘ durch
                                                                       © KS / Friederike Frücht (2)
    das Camp und suche
    den Kontakt.“

an Krebs erkrankt ist. „Es macht schon      einem der Aussichtsposten hat ein Sol-                     ckenschutz sitzt er hier gerne und trinkt
viel aus, dass wir jeden Tag miteinander    dat eine Plakette vom Heiligen Michael                     einen alkoholfreien Cocktail. Er freut sich
sprechen können. Das erleichtert die Ent-   angebracht. Michael gilt als Patron aller                  auf die kommenden Wochen. Die Ent-
fernung ein wenig.“ Und dennoch: „Ich       Soldaten und wird in vielen Ländern ver-                   scheidung, etwas ganz Neues auszupro-
liebe Weihnachten. An den Tagen werde       ehrt.                                                      bieren, bereut er nicht. Er ist glücklich in
ich mich hier wahrscheinlich verkriechen                                                               Mali bei den Soldatinnen und Soldaten.
und hoffen, dass es schnell vorbeigeht.“    An Tagen, an denen es kein eigenes An-
Zu Nikolaus hat sich Pfarrer Heß verklei-   gebot der Militärseelsorge gibt, ist Heß                                             Friederike Frücht
det und verteilt Geschenke, die er aus      auch abends noch unterwegs im Camp z.
Deutschland extra für Soldaten erhal-       B. in der Castorbar. Mit ausreichend Mü-
ten hat. Von selbstgebackenen Keksen
über gebastelte Weihnachtssterne bis
hin zu ausgefallenen Teesorten. Viele
Soldaten bleiben auch noch nach dem
Gottesdienst im Zelt der Militärseelsor-
ge und freuen sich über die gelungene
Ablenkung. „Es tut gut, mal abseits im
geschützten Raum ins Gespräch zu kom-
men. Hier kann ich frei über meine Ge-
danken und Gefühle sprechen.“ Vor dem
7-monatigen Einsatz hat Stabsunteroffi-
zier Tobias H. seine Freundin geheiratet.
Von ihr hat er auch seinen Glücksbringer
geschenkt bekommen. Der hängt jetzt
mit zwei weiteren Begleitern, darunter
ein Christophorusanhänger an seinem
Schlüsselbund. Solche Anhänger findet
man im Camp Castor häufiger. Auch in

                                                                                                      Kompass 01I20                             19
AUS DER MILITÄRSEELSORGE

Jüdische Militärseelsorge geht los

D   er Staatsvertrag für die Einführung
    einer Jüdischen Militärseelsorge ist
unterschrieben. Verteidigungsministerin
Annegret Kramp-Karrenbauer und der
Präsident des Zentralrats der Juden in
Deutschland, Josef Schuster, setzten
ihre Unterschriften unter das Dokument
und strahlten, als sie diese dem Pub-
likum zeigten. Mit „Das ist ein histori-
scher Moment“, hatte Schuster die be-
sondere Bedeutung der Unterzeichnung
in seiner Eröffnungsrede herausgestellt.
Fast genau 75 Jahre nach dem Ende
des Zweiten Weltkriegs würden in Kürze
Rabbiner den Dienst in der Deutschen
Bundeswehr aufnehmen. Die Ministerin
ergänzte, dass „Neuland betreten und
Hürden überwunden wurden“.

                                                                                                      Neben zahlreichen Politikern waren die
                                                                                                      Vertreter der beiden christlichen Militär-
                                                                                                      seelsorgen für die Bundeswehr, Bischof
                                                                                                      Sigurd Rink für die evangelische und
                                                                                                      Monsignore Reinhold Bartmann für die
                                                                                                      katholische Einrichtung, Zeugen der Ver-
                                                                                                      tragsunterzeichnung.

                                                                                                      Dass die Jüdische Militärseelsorge vor
                                                                                                      einer arbeitsreichen Aufbauarbeit stehe,
                                                                                                      verdeutlichte Kramp-Karrenbauer: „Das
                                                                                                      öffentliche Recht macht es nicht immer
                                                                        © KS / Norbert Stäblein (2)

                                                                                                      einfach“. Strukturen müssten geschaffen
                                                                                                      und Prozesse aufgesetzt werden. Aber
                                                                                                      schon bei der Beratung des Vertrags hät-
                                                                                                      ten die beiden christlichen Militärseelsor-
                                                                                                      georganisationen ihre Erfahrungen geteilt
                                                                                                      und würden mit Sicherheit auch weiterhin
                                                                                                      zur Unterstützung beitragen.

                                                                                                                               Norbert Stäblein

     •    Am 20. Juli 1933 wurde das Reichs-
          konkordat zwischen dem Apostolischen
          Stuhl und der Reichsregierung unter-
                                                        •   1957 wurde zwischen der Bundesre-
                                                            publik und der Evangelischen Kirche in
                                                            Deutschland (EKD) der Militärseelsorge-
          zeichnet. Damit erhielt die deutsche              vertrag geschlossen. Dies ist die Grund-
          Katholische Militärseelsorge (im Art. 27)         lage für die Evangelische Militärseelsorge
          eine staatskirchenrechtliche Grundlage.           in der Bundeswehr.

20                        Kompass 01I20
KOLUMNE
© Thomas Trutschel / photothek.net /Deutscher Bundestag

                                                                                                                                         Innere Reformen
                                                                                                                                         sind notwendig

                                                          Z   um Ende des Jahres hat der Bundestag noch einmal die
                                                              Lage der Bundeswehr diskutiert. Es war die zweite Lesung
                                                          zu meinem Jahresbericht 2018. In der Debatte habe ich erneut
                                                                                                                              erfordert innere Reformen im Bereich Führung und Verantwor-
                                                                                                                              tung jetzt! Unsere Soldatinnen und Soldaten warten darauf.
                                                                                                                              Lassen wir sie nicht zu lange warten!
                                                          die Notwendigkeit innerer Reformen begründet:
                                                                                                                              Damit wäre ich bei der materiellen Einsatzbereitschaft, über die
                                                          „Verantwortung, Kompetenzen und Ressourcen müssen zu-               schon im Verteidigungsausschuss diskutiert wurde. Auch bei
                                                          sammengeführt werden. Und zwar so weit unten in der Hi-             der Beschaffung lautet das Gebot der Stunde: Verbesserung
                                                          erarchie wie möglich. Die Überzentralisierung der heutigen          des Managements! Zu viele hochqualifizierte Leute arbeiten
                                                          Bundeswehrstruktur ist der Tod der Einsatzbereitschaft! Über-       zu kleinteilig an der gleichen Sache, zum Teil gegeneinander.
                                                          organisation lähmt alles.                                           Differenzierung und Integration befinden sich nicht in der rich-
                                                                                                                              tigen Balance.
                                                          Ministerin von der Leyen hatte 2017 aus gegebenem Anlass
                                                          ein Projekt ‚Innere Führung heute‘ gestartet, in dem es unter       Die Truppe wartet auf die Vollausstattung – oder manchmal
                                                          anderem um diese Fragen von Verantwortung und Führungsfä-           auch nur auf eine Viertelausstattung, um mit dem Ausbilden
                                                          higkeit in unseren Streitkräften ging. Soldatinnen und Soldaten     und Üben schon mal anfangen zu können. Vom Nachtsichtgerät
                                                          aller Org-Bereiche und Dienstgradgruppen kamen in Workshops         über den Schützenpanzer bis zum U-Boot: keine Entwarnung!
                                                          zusammen und erarbeiteten Verbesserungsvorschläge. Damit
                                                          war dieses Projekt selbst ein Superbeispiel für gute Innere         In meinen jährlichen Workshops gemeinsam mit der Evan-
                                                          Führung in der Bundeswehr. Auch die Ergebnisse sind prima.          gelischen und der Katholischen Militärseelsorge zum Thema
                                                          Sie decken sich mit vielen Befunden in meinem Jahresbericht.        ‚Vereinbarkeit von Dienst und Familie‘ haben wir dieses Jahr
                                                                                                                              ein Problem diskutiert, das insbesondere Soldatinnen und
                                                          Die Ergebnisse der Workshop-Serie ‚Innere Führung heute‘            Soldaten des Heeres betrifft. Das ist die Verlängerung der
                                                          liegen im Ministerium vor und warten auf Billigung. Der Beirat      Stehzeiten in den Auslandseinsätzen von 4 auf 6 Monate. Ein
                                                          Innere Führung hat sich mit den Empfehlungen schon beschäf-         halbes Jahr ist wirklich sehr lange und belastet die Familien
                                                          tigt und weitergehende gute Anmerkungen dazu formuliert.            überproportional stärker als 3 oder 4 Monate. Die Begründung
                                                                                                                              des Heeres lautet: Kapazitätsprobleme. Das ist im Augenblick
                                                          Ich empfehle, Schluss zu machen mit der Flickschusterei an          wohl zu akzeptieren.
                                                          einem System, das der Wirklichkeit nicht mehr gerecht wird,
                                                          weil die Wirklichkeit für die Bundeswehr seit 2014 eine andere      Aber ich stelle die Frage: Kann die Flexibilität, wie es sie etwa
                                                          ist als die Wirklichkeit in dem Vierteljahrhundert davor.           im Sanitätsdienst oder in der Luftwaffe gibt oder bei unseren
                                                                                                                              Marinespezialkräften in Niger mit der regelmäßigen Abwechs-
                                                          Die heutige doppelte Hauptaufgabe der Bundeswehr besteht            lung mehrerer ausgebildeter Soldaten auf dem Posten im Ein-
                                                          in ‚Out-of-area‘ -Missionen mit überschaubaren Kontingenten         satz, alle 4 oder 8 oder 12 Wochen, kann solche Flexibilität
                                                          weltweit, wie bisher, und gleichzeitig der Fähigkeit zur Teilnah-   nicht auch im Heer stärker zur Anwendung kommen? Ich bitte,
                                                          me an der kollektiven Verteidigung in Europa mit der ganzen         das zu prüfen.“
                                                          Bundeswehr. ‚Out-of-area‘ und kollektive Verteidigung – das                                                       Hans-Peter Bartels,
                                                                                                                                              Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages

                                                                                                                                                   Kompass 01I20                            21
AUS DER MILITÄRSEELSORGE

        7 Tage Armenien – Wiege des Christentums
                          Eine Rundreise durch das älteste christliche Land der Welt

„Armenien … wo liegt das überhaupt?“       So besuchten die Studierenden das Mu-       Über den Selim-Pass ging es nach Sevan.
Diese Frage stellten sich wohl auch die    seum und die Gedenkstätte, die dem          Unterwegs wurde die Selimer Karawan-
Studierenden der Universität der Bundes-   Andenken der Opfer des Massakers wäh-       serei besichtigt, die im Jahre 1332 vom
wehr in München, als die Katholische       rend des Ersten Weltkriegs gewidmet ist.    Fürsten Tschesar Orbeljan errichtet wur-
Militärseelsorge zu der Studienreise in    Hier gab es die außergewöhnliche Chan-      de. Die Karawanserei liegt 2.410 Meter
das unbekannte Land einlud.                ce zum Austausch mit einem Historiker       hoch. In Sevan angekommen, wurde das
                                           des Genozid-Instituts, Aram Mirzoyan.       Sevankloster besichtigt. Ein armenisch-
Die gesamte Studienreise nach Arme-                                                    orthodoxer Priester führte die Studenten
nien wurde vom katholischen Militärde-     In Jerewan besuchten die Studierenden       durch die Klosteranlage und berichtete
kan der Universität der Bundeswehr in      das Kloster Edschmiadsin der Sakral-        über die Ausbildung und den Werdegang
München, Michael Gmelch, und dem ka-       stadt Armeniens. Diese bildet das reli-     eines Priesters in Armenien. Der Sevan-
tholischen Pfarrhelfer, Manfred Kuska,     giöse Zentrum des armenischen Volkes        see ist einer der höchstgelegenen Seen
initiiert und geleitet.                    und ist Sitz des armenischen Katholikos.    der Welt und misst den zweifachen Um-
Das kleine Land im Kaukasus hat eine       Hier besichtigte die Reisegruppe die Ka-    fang des Bodensees.
sehr lange und wechselhafte Geschichte     thedrale, welche im Jahr 303 von Gregor
und eine Bandbreite an Landschaftsfor-     dem Erleuchter gebaut wurde. Der ar-        Zwei absolute Highlights der Reise wa-
men zu bieten und machte viele Studie-     menische Patron soll die Vision gehabt      ren für die Studierenden als Angehöri-
rende neugierig.                           haben, in der Jesus selbst ihm die Stelle   ge der Bundeswehr die Gespräche mit
                                           für den Bau der Kathedrale gezeigt hat.     dem Deutschen Botschafter in Arme-
Nicht nur die religiösen und kulturellen   Heute ist diese sogar UNESCO-Weltkul-       nien, Herrn Michael Banzhaf, und dem
Aspekte wurden beleuchtet, sondern         turerbe.                                    zuständigen Militärattaché aus Moskau,
auch die geschichtliche Seite Armeniens.                                               Kapitän zur See Lutz-Michael Lorentzen.

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