GIG-ECONOMY - Alternative Bank Schweiz

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GIG-ECONOMY - Alternative Bank Schweiz
GIG-ECONOMY
                                           Millionenschwerer Abstimmungs-
                                           kampf in den USA : Wenn Firmen
                                           Gesetze schreiben 4

                                           Gig-Economy in der Schweiz:
                                           Genf bekämpft als erster Kanton
                                           arbeitsrechtliche Rückschritte
                                           bei Uber und Co. 6

                                           Arbeitslosenversicherung auch
                                            für Selbständige? Ökonom
Magazin für Geld und Geist
                             online        ­Mathias Binswanger entwickelt
                                           ein neues Modell 10
                             moneta.ch

                                           # 3 2021
GIG-ECONOMY - Alternative Bank Schweiz
I N H A LT             Uber & Co. in die Pflicht nehmen

                                                                                  Gig-Economy, die Vermittlung von Dienstleistungen
                          GIG-ECONOMY                                             über digitale Plattformen, auch Plattformökonomie
        4 Wenn Firmen Gesetze                                                     genannt, hat sich im letzten Jahrzehnt vom Silicon
                    schreiben
                                                                                  Valley aus über den Globus ausgebreitet. Befeuert
             6 Genf kämpft gegen                                                  wurde ihr Siegeszug von der fortschreitenden Digitali-
               die «Uberisierung»                                                 sierung des Alltags und der Arbeitslosigkeit nach der
                                                                                  Finanzkrise von 2008/2009. Einige der prominentesten
       8 Plattformarbeit nimmt
          auch in der Schweiz zu                                                  Plattformunternehmen wie Airbnb und Uber wurden
                                                               während der Krise gegründet und erlebten im darauffolgenden Jahrzehnt
               10 « Man muss eine                              ein enormes Wachstum. Inzwischen werden in zahlreichen Branchen
                      neue Art von
               Absicherung finden »                            Leistungen via Online-Plattformen angeboten, neben den in der Pande-
                                                               mie boomenden Lieferdiensten auch Bürotätigkeiten wie Textarbei-
              13 Selbständig – und                             ten oder Programmierung, aber auch technische Supportleistungen,
                trotzdem angestellt
                                                               Reinigung oder Zügeln.
                                                                     Wie viele Erwerbstätige heute als sogenannte Gig-Worker gelten, ist
                                                               unklar – für die USA gehen Schätzungen inzwischen von über 30 Prozent
                 DIE SEITEN DER ABS
     14     Alles rund um die aktuellen
                                                               aus –, aber es fehlen verlässliche Zahlen dazu, auch in der Schweiz. Dies
                       Themen der Alter­-                      liegt unter anderem daran, dass der Begriff «Gig-Economy» nicht klar
                   nativen Bank Schweiz
                                                               definiert ist. Im engeren Sinn bedeutet er, dass diese Plattformen keine
                              PERSÖNLICH                       langfristigen Jobs, sondern nur kurzfristige Aufträge vermitteln (deshalb
                24   Markus Unternährer                        «Gig», in Anlehnung an den Auftritt von Musikschaffenden). Die Bezah-
                      «Keine Bewertung
              ist auch eine Information»                       lung erfolgt nicht pro Stunde, sondern pro Auftrag. Wem die Plattform
                                                               keinen «Gig» zuweist, der verdient nichts. Auch fehlen Sozialleistungen
                                                               wie bezahlte Ferien, Arbeitslosenversicherung oder Beiträge an die
                                                               Altersvorsorge. Zudem müssen die Arbeitnehmenden für ihre Ausrüs-
                                                               tung (etwa ein Auto, E-Bike oder Laptop) selbst aufkommen.
                                                                     Diese Aushöhlung von arbeitsrechtlichen Standards ist möglich,
                                   moneta #3—2021              weil Plattformbetreiber wie Uber und Co. sich nicht als Arbeitgeber,
                          Magazin für Geld und Geist
                                                               ­sondern als Arbeitsvermittler definieren. Die Arbeitnehmenden betrach-
   moneta erscheint vierteljährlich in deutscher und
       französischer Sprache und geht kostenlos an             ten sie entsprechend nicht als Angestellte, sondern als selbständige
     ­Kundinnen und Kunden der Alternativen Bank
    Schweiz AG ( ABS ). Die Wiedergabe von Texten              Erwerbstätige, die das unternehmerische Risiko selbst tragen müssen.
   und eigenen Illustrationen ist nur unter Quellen­
       angabe und mit schriftlicher Zustimmung der                   Gegen diese Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen regt sich in
                                         ­Redaktion erlaubt.
          Heraus­geberin Alter­native Bank Schweiz AG          vielen Ländern Widerstand, in den USA , in Grossbritannien und auch
                Redaktionsleitung Katharina Wehrli (kw)
     Redaktion Esther Banz (eb), Roland Fischer (rf ),
                                                               in der Schweiz: Als erster Kanton hat Genf Uber dazu verpflichtet, seine
           ­Katrin Wohlwend (kw), Muriel Raemy (mr)
                      Online-Redaktion Katrin Wohlwend
                                                               Taxifahrerinnen und Essenskuriere als Angestellte anzuerkennen –
                   Übersetzung Nicole Wulf, Fabio Peter
                      Inserate Bruno Bisang, Luzia Küng
                                                               wogegen das US -Unternehmen Widerstand leistet. Was diese Auseinan-
                   Layout Clerici Partner Design, Zürich
                             ­Illustrationen Claudine Etter
                                                               dersetzung für die Schweiz bedeutet, ja, wie wichtig die Gig-Economy
                 Druck Ropress Genossenschaft, Zürich
       Papier RecyStar Nature, 100 Prozent Recycling
                                                               in der Schweiz überhaupt ist, welche Branchen betroffen sind und welche
      Adresse Alternative Bank Schweiz AG , moneta,
               ­Amt­haus­quai 21, ­Postfach, 4601 Olten,­
                                                               arbeitsrechtlichen Lösungsansätze jetzt diskutiert werden, lesen Sie in
               Telefon 062 206 16 16, ­moneta @ abs.ch­        dieser moneta.
                         Auflage d­ ieser Ausgabe 24 000 Ex.
      Beilagen Werbung und Beilagen, die nicht von
         der ABS stammen, sind ­be­zahlte ­Inserate —
      diese ­Ein­nahmen helfen uns, die Produktions­
                                                               Katharina Wehrli, Redaktionsleiterin
                       kosten des Magazins zu decken.
  Wichtiger Hinweis zu den Inseraten und Beilagen Zeich­
 nungsangebote für Beteiligungen oder Obligatio­
       nen in dieser Zeitung sind von der ABS nicht
­geprüft. Sie stellen deshalb keine Kaufempfehlung
                                               der ABS dar.
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                                       moneta.ch.

   2       moneta 3—2021
GIG-ECONOMY - Alternative Bank Schweiz
Auf «Klimaspuren» durch die Schweiz
                                                                                           moneta wird von der Alter­nativen
    Vom 1. Juni bis zum 12. Juli dieses Jahres wanderten im Rahmen
    des Programms «Klimaspuren» insgesamt rund 600 Personen in                             Bank Schweiz ( ABS) ­herausgegeben
    42 Etappen von Ilanz GR nach Genf. Auf fast 700 Kilometern                             und von einer unab­hängigen
    entdeckten sie die Folgen der Klimaerwärmung in der ganzen                             Redaktion b
                                                                                                     ­ etreut.
    Schweiz. «Die Bilanz ist zweifellos alarmierend, aber jetzt ist der
                                                                                           Die Beiträge geben nicht notwendigerweise
    Moment, um die Schweiz mit vereinten Kräften schnellstmög-
                                                                                           die Haltung der ABS wieder, ­ausser auf den
    lich klimaneutral zu machen», so Lucie Wiget, Mitglied der
                                                                                           «Seiten der ABS » oder in speziell ­markierten
    Kerngruppe, die den Marsch organisierte. Auf der ganzen Stre-
                                                                                           Kommentaren.
    cke warteten 73 Vorträge, Diskussionen und Besichtigungen auf
    die Teilnehmenden. «Das war eine der Stärken unserer Wande-
    rung: Wir zeigten die Vielfalt der Initiativen und Ansätze auf,
    die in der Schweiz zur Bekämpfung der Klimaerwärmung oder
    zur Anpassung daran verwirklicht werden. Unser Ziel war es, in
    einen konstruktiven Dialog zu treten, der uns allen ermöglicht,          Projekte zur Klimarettung gesucht
    aktiv zu werden. Wir hatten beispielsweise einen erhellenden
    Austausch mit Vertretern der Raffinerie Cressier über den Ver-         Die neu gegründete Stiftung Clima Now sucht Projektideen
    brauch von fossilen Energien. Die Firma Holcim empfing uns an          mit potenziell hoher Wirkung gegen die Klimaerhitzung.
    ihrem Standort in Mormont, wo wir über Beton und das Bauen             Ins Leben gerufen wurde die Stiftung von einer Gruppe um
    diskutierten. Wir haben Bauernhöfe und ein Kloster besucht,            die Gebrüder Meili, die mit ihren privaten Mitteln kommenden
    mit Vertreterinnen und Vertretern von Industrie, Wissenschaft         Generationen eine lebenswerte Zukunft ermöglichen wollen
    und Technik gesprochen und uns mit Politikerinnen, Politikern         (siehe auch moneta 1–20). Schnell müsse es jetzt gehen, da ist
    und Kulturschaffenden ausgetauscht.»                                   man bei C  ­ lima Now einig, denn viel Zeit bleibt der Menschheit
         Die Ergebnisse der Wanderungen werden in Text und Bild auf        nicht mehr, um zu verhindern, dass sich die Erde durchschnitt-
    der Website www.klimaspuren.ch präsentiert. Besonders inter-           lich um mehr als 1,5 Grad erhitzt und Kipppunkte erreicht
    essant ist das «Fazit in 12 Schritten» mit Vorschlägen für Sofort-    ­werden, die die Katastrophe unumkehrbar machen. Noch bis
    massnahmen. Der von Enrico Fröhlich gedrehte Dokumentar-               Ende September 2021 nimmt Clima Now über ihre Website
    film über das Projekt wird anlässlich des Klimakongresses vom          Projekt­vorschläge entgegen. Auch bereits bestehende Projekte
    30. September bis zum 3. Oktober 2021 im Zentrum Salecina in           können eingegeben ­werden, sagt Geschäftsführerin Nathalie
    Maloja gezeigt. Auch ein Buch ist in Vorbereitung. Die Vernissa-      Moral, «aber wir möchten vor allem Leute mobilisieren, die mit
    ge ist an den Klimagesprächen in Flüeli Ranft vom 18. und              neuen Ideen kommen». Idealerweise würden die Ideenge­
    19. Juni 2022 geplant. (mr) ­       klimaspuren.ch, zentrumranft.ch    benden ­ihre Projekte auch selber umsetzen, von der Stiftung
                                                                           in einem einjährigen Coaching mit diversen Workshops unter-
                                                                           stützt. Wer sich das nicht zutraue, müsse mindestens eine
                                                                           ­gute ­Vor­stellung davon haben, wie die Umsetzung aussehen
                                                                           könnte. (eb)                                            climanow.ch

online
moneta.ch
                    Exklusiv in unserer digitalen Ausgabe:                   Klimademos – jetzt mit Aktionsplan
                    www.moneta.ch/gig-economy
                                                                           Die Schweizer Klimajugend nutzte die stille Zeit der Pande-
                                                                            mie, um zu zeigen, wie ihre Forderung – netto null bis 2030 –
                                                                            ­sozialverträglich umsetzbar ist: Anfang Jahr veröffentlichten
                    Der unsichtbare Mensch                                  die jungen Aktivistinnen und Aktivisten den Klima-Aktions-
                                                                           plan, an dem auch etliche Wissenschaftlerinnen und Experten
                    Von Roland Fischer                                      der ETH sowie anderer Hochschulen und Organisationen
                    Dass Amazons Crowdworking-Platt-                       ­un­entgeltlich mitgearbeitet haben. Klar: Bei einer so komple-
                     form «MTurk» heisst, ist kein Zufall:                  xen Aufgabe kann auch ein über 300-seitiger Bericht nicht
                    Der namens­gebende «Schachtürke»                         ­alle Fragen beantworten, geschweige denn für alle Herausforde-
                    aus dem 18. Jahrhundert war eine Art                    rungen rundum befriedigende Lösungen präsentieren. Aber
                    Zaubertrick, um den Menschen in                         der Aktionsplan ist reichhaltig. Jetzt ist es an der Politik, sich
                    der Maschine verschwinden zu lassen.                    der vorgeschlagenen 138 Massnahmen ernsthaft anzunehmen –
                    Auch auf d­ igitalen Plattformen                        nach dem Scheitern des CO2-Gesetzes erst recht. Der Druck
                    ­leisten Menschen derzeit viel anony-                   der Strasse wird helfen. An den ersten internationalen Klima­
                     me Arbeit im Dienst von künstlichen                    streiks seit über einem halben Jahr bietet sich allen die
                    Intelligenzen.                                        ­Ge­legenheit, für Klimagerechtigkeit und wirkungsvolle Mass­
                                                                            nahmen zu streiken und zu demonstrieren: am 24. Septem-
                                                                            ber und am 22. Oktober. (eb)                         climatestrike.ch

                                                                                               KURZNACHRICHTEN             moneta 3— 2021      3
GIG-ECONOMY - Alternative Bank Schweiz
Wenn Firmen Gesetze
      schreiben
        Das Silicon Valley ist der Treiber der                  Das Risiko tragen die Arbeitenden
        globalen Gig-Economy. Uber, DoorDash                    Das Silicon Valley bietet mit seinem hyperindivi­
       oder Amazon geben alles daran,                       dualisierten, technokratischen und urbanen Charakter
        ­ihre Vision der Arbeit voranzutreiben.             den perfekten Nährboden für die Gig-Economy. Man-
       Sie haben volle Kriegskassen und                     gels staatlicher Infrastruktur und Regulierung und
       ­keine Hemmungen, ­Arbeitskämpfe                     dank schier endlos verfügbarem Risikokapital können
         zu unterdrücken.                                   die Firmen ihre Umwelt ganz nach eigenem Gutdünken
       Text: Florian Wüstholz                               gestalten und ausbeuten. Google und Apple haben eige-
                                                            ne Buslinien, um die Arbeitenden zu transportieren,
                                                            weil ein öffentlicher Verkehr fehlt. Wer nicht bei den
Es war der wohl teuerste Abstimmungskampf über ein          Techunternehmen arbeitet, muss selber nach Lösungen
einzelnes Gesetz in den USA . Über 200 Millionen Dol-       schauen.
lar verpulverten die Gig-Economy-Unternehmen Uber,              Dabei ist die Gig-Economy ein Produkt der Finanz-
Lyft, DoorDash und Instacart im letzten Jahr, um ein        und Schuldenkrise. Airbnb wurde 2008 gegründet, ein
Gesetz im Bundesstaat Kalifornien durchzudrücken.           Jahr später folgte Uber. Die neu gegründeten Plattform­
Das Ziel: Die eigenen Fahrerinnen und Lieferanten soll-     unternehmen profitierten davon, dass viele Arbeitende
ten weiterhin als Selbständige gelten und damit kein        in den USA durch die Rezession ihren Job oder ihr Haus
Anrecht auf Sozialleistungen erhalten.                      verloren hatten, und sie besassen die nötigen techni-
    Nebst klassischer Werbung wurden die eigenen Ar-        schen Mittel, um die Situation optimal auszubeuten.
beiterinnen und App-Nutzer gezielt mit Propaganda           Denn sie bieten eine schnörkellose Plattform und un-
geflutet. In den Apps erschienen Hinweise auf die           komplizierte Erwerbsmöglichkeiten. Typisch für die
Abstimmung. Lieferantinnen von Instacart mussten            Gig-Economy ist auch die Rückkehr zu einer Lohnform,
Sticker in die ausgelieferten Einkaufstaschen legen.        die als ausgestorben galt: dem Stücklohn. Die Mitarbei-
Und die Arbeiter von DoorDash wurden gezwungen,             tenden von Uber werden pro Fahrt und diejenigen von
Plastiktüten der Ja-Kampagne zu verwenden. Die gigan-       DoorDash pro Lieferung bezahlt, es gibt weder geregelte
tische Maschinerie hatte Erfolg: Am 3. November 2020        Arbeitszeiten noch einen fixen Stundenlohn. Schiebt
stimmten fast 59 Prozent in Kalifornien für die «Propo-     ihnen der Algorithmus keine Aufträge zu, gehen sie leer
sition 22».                                                 aus. So lassen sich die unternehmerischen Risiken ge-
                                                            schickt auf die Arbeitenden abwälzen und diese gleich-
    Steuerung ja, soziale Verantwortung nein                zeitig kontrollieren und disziplinieren.
    Mit dem neuen Gesetz sicherten sich die Liefer- und         So befördert die Gig-Economy auch den Trend zur
Transportfirmen eine massgeschneiderte Ausnahme             massenhaften Überwachung und Datafizierung des
von der 2019 in Kalifornien beschlossenen «Assembly         Lebens. Sämtliche Interaktionen der Arbeitenden und
Bill 5». Diese sah eigentlich vor, dass Arbeitende in der   Plattformnutzerinnen werden aufgezeichnet, algorith-
Gig-Economy als Angestellte gelten und entsprechend         misch gesteuert und bewertet. Nur, wer sich an die Vor-
behandelt werden müssen. Das hätte das Geschäftsmo-         gaben hält, erhält längerfristig Zugang zu den Dienst-
dell von Uber und Co. auf die Probe gestellt. Denn sie      leistungen (siehe Interview Seite 10). Ein Verständnis
profitieren davon, die Mitarbeitenden algorithmisch zu      des gesellschaftlichen Zusammenlebens, das im Silicon
steuern und gleichzeitig keine soziale und arbeitsrecht-    Valley als alternativlos gilt.
liche Verantwortung für sie übernehmen zu müssen.
So erstaunt es nicht, dass die Unternehmen vor der Ab-          Flexibilisierte Arbeit breitet sich aus
stimmung drohten, sich bei einer Ablehnung aus Kali-            Die «Proposition 22» ist also nicht bloss ein Gesetz
fornien zurückzuziehen, weil ihnen ohne das neue Ge-        in einem einzelnen Bundesstaat. Sie läutet womöglich
setz ein «irreparabler Schaden» zugefügt würde.             eine neue Ära ein. Immerhin gehen Schätzungen davon
    Besonders frappant: Die Firmen schrieben das Ge-        aus, dass 36 Prozent der Arbeitenden in den USA in der
setz gleich selber mit und erreichten, dass eine nach-      Gig-Economy tätig sind. Gleichzeitig stülpen die Unter-
trägliche Änderung fast unmöglich wird. Um es abzu-         nehmen ihre eigene Vision der Arbeit dem Rest der Ge-
wandeln, wäre eine Mehrheit von sieben Achteln nötig        sellschaft über. Bereits träumen Investoren von Uber
– eine bisher noch nie da gewesene Hürde. So zeigten        öffentlich davon, wie die Gig-Economy bald in allen
die Gig-Economy-Unternehmen eindrücklich, wie sehr          möglichen Arbeitsbereichen Einzug halten könnte: in
sie der Politik und der Gesellschaft bereits ihren Stem-    der Landwirtschaft, im Unterricht, auf Baustellen, in der
pel aufdrücken können.                                      Pflege, im Finanzbereich oder in Restaurants. Sie wür-

4    moneta 3— 2021         GIG-ECONOMY
GIG-ECONOMY - Alternative Bank Schweiz
Kleinstadt Bessemer, Alabama. Im dortigen Versand-
                                                           zentrum stimmte am Ende eine Mehrheit der Ange-
                                                           stellten gegen die Bildung einer Gewerkschaft.
                                                              Wie Uber und Co. bei der «Proposition 22» setzte
                                                           Amazon auch in Bessemer auf Einschüchterung und die
                                                           blanke Macht des eigenen Kapitals. Teure Beraterinnen
                                                           und Berater wurden eingestellt, Angestellte mussten
                                                           an Informationsanlässen teilnehmen und wurden dort
                                                           darauf eingeschworen, gegen das Vorhaben zu stimmen.
                                                           Es ist auch bekannt, dass der zweitgrösste Arbeitgeber
                                                           der USA die eigene Belegschaft rund um die Uhr digital
                                                           überwacht – eine Tatsache, die die freie Meinungsäus-
                                                           serung nicht fördert.
                                                              Da Arbeitende in Plattformunternehmen wie Uber
                                                           und Co. nicht als Angestellte gelten, ist ihre gewerk-
                                                           schaftliche Organisation zusätzlich erschwert. Ihre Ver-
                                                           handlungsmacht ist entsprechend gering, sodass die
                                                           Gig-Economy-Unternehmen sie schlicht ignorieren
                                                           können. So schreibt das Gig Workers Collective im
                                                           Nachgang der Abstimmung in Kalifornien: «Unsere Or-
                                                           ganisation war immer schon unkonventionell, da wir
                                                           nicht als Angestellte gelten und nicht über den rechtli-
                                                           chen Schutz verfügen, um uns gewerkschaftlich zu or-
                                                           ganisieren. Trotzdem haben wir einen Weg gefunden,
den am liebsten das Zeitalter der geregelten Arbeit be-    die Macht der Arbeitenden aufzubauen und uns zur
enden. Die mit der Gig-Economy verbundenen Arbeits-        Wehr zu setzen.» Immerhin mussten Uber und Co. eine
und Abstimmungskämpfe sind deshalb auch über die           Rekordsumme in Propaganda stecken, um ihre Interes-
Grenzen des Silicon Valley hinaus von grösster Relevanz,   sen an der Urne durchzusetzen.
gilt doch die Gig-Economy als «Labor der flexibilisier-
ten und digitalisierten Arbeit». Bereits kündigten erste       Niedergang der Demokratie?
Supermärkte und Unternehmen an, ihre eigenen Liefer-           Solche Beispiele zeigen, wie sich die Gewerkschaften
dienste durch «Selbständige» zu ersetzen. Das Narrativ     und Arbeitenden in den USA in einer hoffnungslosen
ist dabei altbekannt: Man wolle «einen effizienteren       Zwickmühle befinden. Sie können sich entweder auf
Ablauf schaffen». Auch für die Politik hat die «Proposi-   den schweren und wenig aussichtsreichen Kampf gegen
tion 22» Signalwirkung: Bereits werden ähnliche Geset-     Gesetze wie die «Proposition 22» einsetzen. Oder sie
ze in anderen Bundesstaaten aufgegleist. Die Lobbyis-      können mit den Unternehmen kooperieren und einen
ten der Gig-Economy haben auch beste Verbindungen          Kompromiss akzeptieren, um Schlimmeres zu verhin-
zur Regierung von Joe Biden, der eigentlich versprach,     dern. Nach dem durchschlagenden Erfolg der «Proposi-
Arbeitende in der Gig-Economy besser zu schützen.          tion 22» sind immer mehr Gewerkschaften bereit, den
                                                           zweiten Weg einzuschlagen und das System der Gig-
   Gewerkschaftliche Organisation kaum möglich             Economy nicht mehr anzugreifen, um kleine Verbesse-
   Der Kampf gegen diese Entwicklungen erweist sich        rungen wie eine Gesundheitsvorsorge zu erkämpfen.
in den USA als besonders schwierig. Gewerkschaften             Die «Proposition 22» zeigt auch, wie die Player der
haben dort seit jeher einen schweren Stand: Das «union     Gig-Economy mit Angstmacherei und Erpressung ihre
busting» – die systematische Bekämpfung und Zerstö-        eigene Denkweise durchsetzen und damit die demokra-
rung von Gewerkschaften – wurde in den USA quasi er-       tische Macht untergraben können. Die Organisation
funden. Techkonzerne wie Amazon oder Google wehren         Gig Workers Rising schreibt gar, dass die Unternehmen
sich vehement gegen die gewerkschaftliche Organisa­        die Bevölkerung gezielt hinters Licht geführt hätten:
tion von Arbeitenden und bemühen sich, jegliche Ver-       «Der Erfolg der ‹Proposition 22› ist eine Niederlage für
suche im Keim zu ersticken. Im April scheiterte zum        unsere Demokratie, welche die Tür für andere Versuche
Beispiel eine wegweisende und medial beachtete Kam-        von Konzernen öffnet, ihre eigenen Gesetze zu schrei-
pagne zur Gewerkschaftsbildung bei Amazon in der           ben.»   •
                                                                          GIG-ECONOMY          moneta 3— 2021   5
GIG-ECONOMY - Alternative Bank Schweiz
Genf kämpft
      gegen die «Uberisierung»
       Als erster Kanton verpflichtet Genf Plattformunternehmen wie Uber und Eat.ch dazu, ihre
       «scheinselbständigen» Taxifahrerinnen und Essenskuriere anzustellen. Doch Uber leistet
       Widerstand und will seine eigenen Spielregeln durchsetzen. Die Gewerkschaften krempeln
       die Ärmel hoch und eröffnen die Debatte auf nationaler Ebene.
        Text: Muriel Raemy

«Ich bin müde», sagt ein Fahrer, den ich während der Re-
cherche für diesen Artikel in Genf traf. Er warte immer
noch: «Es hat sich nichts geändert, ich habe immer noch
keinen Vertrag. Die 25 Prozent, die Uber zurückbehält,
sind viel zu viel. Die Arbeit ist ein Verlustgeschäft. Aber
was kann ich schon tun?» Er wird auf den Entscheid des
Bundesverwaltungsgerichts warten müssen, der dieses
Jahr fallen soll.
   Ein Blick zurück auf eine mehrstufige Auseinander-
setzung, die zunächst nur den Essenslieferdienst und          seit 2015. Das US -Unternehmen meldete Anfang 2021
später auch den Personenfahrdienst von Uber betraf:           mehr als 3000 aktive Fahrerinnen und Fahrer in der
Im Juni 2019 zwangen die Genfer Behörden Uber Eats            Schweiz. Diese Zahl scheint nicht riesig, doch das Bun-
und seine Konkurrenten wie Eat.ch dazu, «sich an das          desamt für Statistik (BfS) berechnete für das Jahr 2019,
Gesetz zu halten» und ihre selbständigen Kurierinnen          dass 0,1 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung über
und Kuriere anzustellen. Während die anderen Anbieter         eine Plattform Taxidienstleistungen anbietet. Der pro-
die Vorgaben akzeptierten, legte Uber Eats Rekurs ein.        zentuale Anteil jener, die Kurierdienste erbringen, wird
Im Juni 2020 unterlag das Unternehmen vor dem kanto-          vom BfS nicht separat ausgewiesen; zusammen mit
nalen Verwaltungsgericht und legte danach Beschwerde          jenen Erwerbstätigen, die über eine Plattform weite-
beim Bundesverwaltungsgericht ein. Im Dezember des-           re Dienstleistungen wie Programmierung, Hausarbeit
selben Jahres verpflichtete der Kanton Genf Uber dazu,        oder Übersetzung erbringen, machen sie 0,3 Prozent der
auch den Arbeitnehmerstatus seiner Taxifahrerinnen            erwerbstätigen Bevölkerung aus. Für die Folgejahre
und -fahrer anzuerkennen. Doch auch dagegen leistete          stellte das BfS eine zunehmende Tendenz fest.
das US -amerikanische Unternehmen Widerstand.
                                                                 Juristischer Erfolg auch in Grossbritannien
   Die Kosten tragen die Fahrerinnen und Fahrer                  Die Gewerkschaften wiesen schon früh auf die Män-
   Die Frage, ob die Uber-Fahrerinnen und -Fahrer nun         gel im System hin, die zu prekären Arbeitsbedingun-
selbständig oder unselbständig seien, beschäftigt die         gen führen: zu tiefe Pauschalentlöhnung, unbezahlte
Gewerkschaften seit den Anfängen des multinationalen          Standzeiten, weder Sozialversicherungen noch bezahlte
Unternehmens aus San Francisco im Jahr 2009. «Sie             Ferien. Der Entscheid des Kantons Genf ist daher ein
sind ganz klar Angestellte. Ihr Status ist in unserer Ge-     Meilenstein: «Wir haben bezüglich Art der Zusammen-
setzgebung schon lange definiert», stellt Umberto Ban-        arbeit eine Schlacht gewonnen. Die Fahrerinnen und
diera ohne Zögern klar; bis vor kurzem war er Gewerk-         Fahrer sind jetzt als Angestellte anerkannt», so Martin
schaftssekretär für Transport und Logistik bei Unia           Malinovski, Gewerkschaftssekretär bei der SIT, der in-
Genf. «Diese Plattformunternehmen behalten einen              terprofessionellen Gewerkschaft Genf.
grossen Prozentsatz der Einnahmen für die Fahrten                Auch in Grossbritannien waren die neuen Arbeits-
oder Kurierdienste ein. Doch alle Unterhaltskosten für        modelle der Gig-Economy kürzlich Gegenstand eines
das Auto oder Velo sowie die Sozialversicherungsbeiträ-       Gerichtsurteils. Uber muss die 70 000 britischen Fahre-
ge und weitere Auslagen gehen zulasten der Fahrerin-          rinnen und Fahrer nun als Angestellte behandeln. Sie
nen und Fahrer. Diese müssen geschützt und diese Art          haben ein Anrecht auf den Mindestlohn und bezahlte
von Unternehmen muss reglementiert werden – und               Ferien und können in die Pensionskasse einzahlen. Für
zwar dringend!»                                               die Unia und die SIT deckt sich dieses Urteil mit jenem
   Bandiera übernahm das Dossier, als Uber 2014 anfing,       des Kantons Genf und stellt klar, dass sich Uber und
Taxidienste in Genf anzubieten. In Zürich ist Uber seit       andere Plattformunternehmen den Gegebenheiten des
2013 auf dem Markt, in Basel seit 2014 und in Lausanne        Landes anpassen müssen, in dem sie tätig sind. Die Ge-

6    moneta 3— 2021          GIG-ECONOMY
GIG-ECONOMY - Alternative Bank Schweiz
verständlich, sagt Umberto Bandiera, weshalb man die-
                                                                                 sen Unternehmen uneingeschränkt die Macht überlas-
                                                                                 se, undemokratische Spielregeln aufzustellen: «Wenn
                                                                                 man die Unternehmen geschäften lässt, wie sie wollen,
                                                                                 dann gibt es Marktverzerrungen. Wir beobachten eine
                                                                                 starke Zunahme der Nachfrage nach Hauslieferungen.
                                                                                 Es ist höchste Zeit, eine Tätigkeit, die von mehreren
                                                                                 Tausend Menschen in der Schweiz ausgeübt wird, an-
                                                                                 ständig zu regeln.» Der Druck steigt denn auch: Unter-
                                                                                 nehmen wie Smood, Eat.ch und Updelivery machen
                                                                                 Uber Eats Konkurrenz und sichern sich Anteile an die-
                                                                                 sem Markt, der dank der Pandemie ein starkes Wachs-
                                                                                 tum verzeichnet.
                                                                                     Neustes Beispiel: Die Migros ist mit der Firma
                                                                                 Smood, an der sie seit 2019 beteiligt ist, eine Zusam-
                                                                                 menarbeit eingegangen. Smood verspricht eine Heim-
                                                                                 lieferung der Lebensmittel innerhalb von 45 Minuten
                     werkschaften sind überzeugt, dass es in der Schweiz         ab Bestellung. Bei shop.migros.ch, dem Online-Shop
                     auch auf nationaler Ebene früher oder später zu Ände-       der Migros, sind es 24 Stunden. Die vom «orangen Rie-
                     rungen kommt.                                               sen» für den eigenen Online-Shop beschäftigten Fahre­
                                                                                 rinnen und Fahrer profitieren von denselben Anstel-
                         Das Gesetz des Stärkeren                                lungsbedingungen wie alle Migros-Mitarbeitenden.
                         In der Zwischenzeit ist aus Sicht von Umberto Ban-      Bei Smood hingegen sind die Bedingungen prekär.
                     diera die Intervention der Kantone entscheidend. Doch
                     diese haben unterschiedliche Sichtweisen, und der               Ein neues Kapitel im Kapitalismus
                     Bund ist mit der Regulierung der stark wachsenden               Laut Umberto Bandiera zahlen bei diesen Modellen
                     Plattformwirtschaft ziemlich im Rückstand. «Dieser          ausser dem Plattformbetreiber alle Beteiligten einen
                     Ist-Zustand ist illegal. Er wird von unseren Behörden       höheren Preis: «Alle verlieren: die Kundinnen und
                     geduldet, der Staat kommt seiner Aufsichtspflicht nicht     Kunden, die einen höheren Endpreis zahlen; das Res-
                     nach. In Bezug auf Genf bin ich nach wie vor optimis-       taurant beziehungsweise der Geschäftspartner, dessen
                     tisch, doch im Rest der Schweiz passiert nichts», sagt      Marge vom Anbieter der Plattform aufgefressen wird;
                     Bandiera.                                                   die Kurierfahrerinnen und -fahrer, die nach allen Abzü-
                         In Genf haben die internationalen Unternehmen ihr       gen einen Hungerlohn verdienen», klagt er an.
                     Geschäftsmodell angepasst, um weiterhin im Kanton               Dennoch trifft diese Art von Tätigkeit auf eine ech-
                     tätig sein zu dürfen. Doch wie sieht das in Tat und Wahr-   te Nachfrage seitens der Arbeitnehmenden. Bei einer
                     heit aus? Einige umgehen das Problem, indem sie die         Fahrt mit einem zweiten Uber-Fahrer in der Agglome-
                     Fahrerinnen und Fahrer durch eine Drittfirma rekrutie-      ration Genf erzählt dieser, dass die über die App vermit-
                     ren lassen. «Wir haben keinerlei Kontrolle. Die Kurier-     telten Fahrten sein einziges Einkommen bilden. Er ist
                     dienste gelten rechtlich als Personalverleih, und diese     über den Druck, den Genf auf Uber ausübt, höchst ver-
                     dürfen die Personalrekrutierung nicht an andere Ge-         ärgert, denn er hat kein Interesse daran, dass sich seine
                     sellschaften outsourcen. Trotzdem wird es gemacht.          Arbeitsbedingungen verkomplizieren oder – schlim-
                     Die Gesamtarbeitsverträge des Hotel- und Gastgewer-         mer noch – dass er seine Dienste nicht mehr anbieten
                     bes, die auch die Lieferdienste regeln, werden zurzeit      darf. «Die Personen, die mit den Plattformen zusam-
                     nicht eingehalten, der Mindestlohn erst recht nicht.        menarbeiten, sind Einzelkämpfer. Es ist schwierig, sie
                     Diese Unternehmen machen, was sie wollen!», ärgert          zu erreichen und sie dabei zu unterstützen, ihre Rechte
                     sich Martin Malinovski.                                     einzufordern – oder ihnen nur schon aufzuzeigen, wor-
                                                                                 auf sie sich eingelassen haben», stellt Bandiera fest.
                                                                                     Für den Gewerkschafter stellt dieser arbeitsrechtli-
« Der Entscheid des Kantons Genf ist ein Meilenstein.                            che Rückschritt – die «Uberisierung» – ein neues Kapi-
  Die Fahrerinnen und Fahrer sind jetzt als Angestellte                          tel im Kapitalismus dar. Und dieses ist noch nicht fertig
  anerkannt. »                                                                   geschrieben: Die starke Zunahme der Online-Plattfor-
                                                                                 men und die Flexibilisierung der Arbeit werden nach
                                                                                 und nach alle Formen der Beschäftigung und alle Beru-
                                                                                 fe betreffen. «Das Signal, das von Genf ausgesendet
                        Arbeitsbedingungen wie im 19. Jahrhundert                wurde, muss gehört werden. Wir kämpfen für eine Zu-
                        Die Gewerkschaften prangern an, dass die neuen           kunft der Arbeit, in der sich technischer Fortschritt und
                     Plattformtechnologien den Unternehmen ermöglichen,          sozialer Schutz nicht gegenseitig ausschliessen, wie das
                     Arbeitsbedingungen durchzusetzen, wie sie zur Zeit der      heute der Fall ist.»
                     ersten industriellen Revolution herrschten. Es sei un-          Der Ball liegt nun definitiv beim Gesetzgeber.   •
                                                                                                 GIG-ECONOMY         moneta 3— 2021       7
GIG-ECONOMY - Alternative Bank Schweiz
Plattformarbeit nimmt auch
in der Schweiz zu

    Gewerkschaften warnen vor einem Prekariat
    von Gig-Arbeiterinnen und -Arbeitern.
    Doch harte Zahlen zum Ausmass der neuen
    Arbeitsform fehlen. Sicher scheint bloss:
    Sie wächst. Text: Daniel Bütler

Hector Garcia* wurde unfreiwillig zum Gig-Worker. Im          Der globale Konzern Uber steht für viele Probleme
Frühjahr 2020 konnte er wegen der Corona-Pandemie          der Gig-Wirtschaft. Wer für eine Gig-Plattform arbeitet,
nicht mehr als Fitnesstrainer arbeiten. Deshalb meldete    hat in der Regel keinen Arbeitsvertrag, kein fixes Ein-
er sich bei der Schweizer Plattform Kork und erhielt so    kommen und erhält keine Sozialleistungen. Deswegen
Aufträge wie Zügeln oder Autowaschen. Für den 20-Jäh-      schlagen Gewerkschaften Alarm. Syndicom, die die
rigen ein Glücksfall. Auch heute führt er neben seinem     Branchen Medien, Logistik und Grafik abdeckt, sieht ein
Hauptjob gelegentlich solche Arbeiten aus: Das sei ein     Prekariat von scheinselbständigen Billigarbeiterinnen
interessanter Nebenverdienst.                              und -arbeitern entstehen, auf deren Buckel globale
    Wie Garcia ist eine Mehrheit von Gig-Workern jung      Plattformen hohe Gewinne einfahren. «Mit der nicht
und männlich. Von Reinigung über Grafikdesign bis zu       regulierten arbeitsrechtlichen Situation können die
Software-Entwicklung und juristischen Aufträgen lässt      Firmen heute eine Lücke ausnützen», sagt der Ökonom
sich heute eine grosse Bandbreite an Dienstleistungen      Mathias Binswanger im Interview (siehe Seite 10). Die
via Online-Plattform bestellen. Manche werden global       Plattformarbeit stellt die Gesellschaft vor neue Fragen.
ausgeschrieben und ortsunabhängig von Heimarbei­           Sind Gig-Worker als Angestellte oder als Selbständige
terinnen und -arbeitern an ihrem Laptop ausgeführt,        zu betrachten? Braucht es künftig eine obligatorische
andere müssen in der Nachbarschaft erledigt werden.        Arbeitslosenversicherung für sie? Werden die Einnah-
Auch Schweizer Firmen lagern Arbeiten aus. Swisscom        men korrekt versteuert?
etwa schickt für gewisse Supportarbeiten nicht mehr
eigene Mitarbeitende, sondern vermittelt via die Platt-        Noch fehlen verlässliche Zahlen
form Mila unabhängige Technikerinnen und Techniker.            Entstanden ist die neue Arbeitsform mit der Aus-
                                                           breitung des Internets in den letzten 20 Jahren; in den
   Firmen profitieren von arbeitsrechtlicher Lücke         USA ist sie seit der Finanzkrise von 2008/09 stark ange-
   Garcia ist nicht der Einzige, der in der Pandemie zum   wachsen (siehe Seite 4). Gemäss Syndicom ist die Gig-
Gig-Worker wurde. Explodiert ist etwa die Nachfrage        Economy auch hierzulande ein wichtiger Wirtschafts-
nach Essenslieferungen. Der Lieferservice Uber Eats        faktor: Zehn Prozent der Schweizerinnen und Schwei-
steigerte laut «Tages-Anzeiger» den Umsatz um 600 Pro-     zer sollen regelmässig Plattformarbeit leisten (siehe
zent. Ob die Gig-Ökonomie wegen Corona insgesamt           Box). Für 135 000 Personen sei dies die einzige Einkom-
gewachsen ist, ist aber unklar. In vielen Branchen brach   mensquelle. Die Schätzungen des Bundesamts für Sta-           *Namen
der Umsatz ein.                                            tistik (BfS) sind aber viel tiefer: Bloss 0,4 Prozent aller    geändert

8    moneta 3— 2021     GIG-ECONOMY
GIG-ECONOMY - Alternative Bank Schweiz
Schweizerinnen leisteten 2019 gemäss BfS internetba-          trotzdem ein positives Fazit: «Ich konnte in den Bereich
                   sierte Plattformarbeit; die grosse Mehrheit verdiente         Korrekturlesen einsteigen, habe viel gelernt, und die Ar-
                   damit unter 1000 Franken pro Jahr. Dass sich die Zahlen       beit fand ich spannend.»
                   so stark unterscheiden, dürfte unter anderem daran lie-
                   gen, dass das Phänomen nicht klar definiert ist. Im en-          Gig-Worker besser schützen
                   geren Sinn bedeutet Gig-Economy, auch Crowdwork ge-              Für Schweizerinnen und Schweizer ist Plattformar-
                   nannt, dass die Arbeitskräfte nur pro Auftrag («Gig»,         beit meist ein Nebenerwerb: Laut Jan Marco Leimeister
                   wie es in der Musik heisst) bezahlt werden und die Ver-       von der Uni St. Gallen sind das «Dritt- bis Fünftjobs»,
                   mittlung über eine Online-Plattform stattfindet.              die «als einfach verfügbarer Zuverdienst dienen oder
                      Auch global weichen die Schätzungen zur Gig-Eco-           Abwechslung zu anderen Tätigkeiten bieten». Doch für
                   nomy stark voneinander ab. Laut der Internationalen           manche Personen mit kleinen Arbeitspensen, etwa Stu-
                   Arbeitsorganisation ( ILO ), die sich auf verschiedene        dierende, dürfte Crowdwork der Haupterwerb sein. Und
                   Studien und Angaben von Statistikdiensten bezieht, ha-        für viele der Tausenden von Uber-Taxifahrern wichtig
                   ben zwischen 0,3 und 22 Prozent der erwachsenen Welt-         zur Existenzsicherung – neben einer gering bezahlten
                   bevölkerung schon Plattformarbeit geleistet. Gemäss           Hauptarbeit. Für gewisse gering Qualifizierte dürfte zu-
                   OECD beschäftigen Plattformen zwischen 1 und 3 Pro-           dem die Arbeit für den Velokurierdienst Uber Eats die
                   zent aller Arbeitskräfte weltweit. In den USA sollen laut     einzige Möglichkeit überhaupt sein, Geld zu verdienen.
                   diversen Quellen bis zu 30 Prozent der Arbeitskräfte          Auch wenn es nur 10 Franken pro Stunde sind.
                   Gig-Worker sein – wobei unklar ist, ob hier nicht nur            Manchmal können die Auftragnehmenden den
                   Gig-Worker im engen Sinn, sondern alle selbständig Tä-        Lohn selber steuern. Bei der Plattform Kork kann man
                   tigen miteingerechnet werden. Unabhängig vom ge-              Offerten auf die Aufträge abgeben. Hector Garcia sagt,
                   nauen Ausmass: Einig ist man sich in Fachkreisen, dass        die Kundinnen und Kunden würden neben dem Preis
                   Plattformarbeit am Zunehmen ist. Im Zeitalter der digi-       auch andere Kriterien berücksichtigen, den Zuschlag er-
                   talen Heimarbeit gewinnt sie an Attraktivität.                halte nicht unbedingt der günstigste Anbieter oder die
                                                                                 günstigste Anbieterin. Er selber verdiene 30 bis 40 Fran-
                      Tiefstlöhne – für Schweizer Verhältnisse                   ken pro Stunde.
                      Gig-Arbeit ist oft schlecht bezahlt. Das liegt unter          Um eine faire Bezahlung breit durchzusetzen, for-
                   anderem daran, dass hinter den Vermittlungsplattfor-          dert Syndicom einen besseren Schutz für Gig-Worker.
                   men Firmen stehen, die sich an einem internationalen          Dazu seien neue Regeln und Gesetze notwendig. Platt-
                   Lohnniveau orientieren. Über Freelancer.com oder Up-          formen sollen mittels Zertifikat garantieren, dass sie
                   work.com schreiben sie Arbeiten global aus. Das hat           rechtliche und soziale Mindeststandards einhalten. Die
                   nicht nur Nachteile: Was in der Schweiz ein Dumping-          Gewerkschaft geht davon aus, dass die Gig-Economy
                   honorar ist, ist in Indien vielleicht eine gute Bezahlung.    stark zulegen wird. Doch für die Schweiz sei das mo-
                      Auch Seraina Schmid* hat für eine internationale           mentan unwahrscheinlich, sagt Jens Meissner, der an
                   Plattform gearbeitet. Die 46-Jährige zog für einige Mo-       der Hochschule Luzern zum Thema New Work forscht:
                   nate ins Ausland und suchte einen Nebenverdienst.             «Solche Prophezeiungen haben sich bisher nicht be-
                   Fündig wurde sie bei Scribbr: Die Plattform mit Sitz          wahrheitet.» Die Pandemie habe die Plattformarbeit
                   in den Niederlanden bietet Lektoratsarbeiten an. «Ver-        vielleicht begünstigt, aber es würden keine Kerntätig-
                   sprochen waren 25 Euro Stundenlohn, doch bei meinen           keiten ausgelagert. «Dafür eignen sich nur stark stan-
                   Aufträgen kam ich auf keine 10 Euro», erzählt Schmid.         dardisierte Arbeiten», sagt Meissner. Zudem würden
                   Eine 15-seitige wissenschaftliche Arbeit sei mit 35 Euro      Arbeitssuchende, zumindest solche im Bereich qualifi-
                   entlöhnt worden. Bald habe sie gemerkt, dass sich das         zierter Arbeit, kaum aus Not zu Gig-Workern. «In der
                   nicht rechne, und die Arbeit beendet. «Für eine Schwei-       Schweiz gibt es genügend gute Arbeit, und nach wie vor
                   zerin sind solche Ansätze ein Tiefstlohn», sagt Schmid.       herrscht quasi Vollbeschäftigung und Fachkräfteman-
                   «Doch in anderen Ländern kann das in Ordnung sein,            gel.» In anderen Ländern könne Gig-Work attraktiv
                   besonders für geübte Korrekturleserinnen.» Sie zieht          sein, weil es an fair bezahlter Arbeit fehle.  •

Junge haben mehrere Gig-Jobs

2017 nahmen in der Schweiz         Gig-Arbeit gesucht, 18 % min-      dieser Umfrage machten: Die             dem eigenen Gerät, Be­
2000 Personen zwischen 16 und      destens einmal geleistet, und      Hälfte von ihnen sind weniger            sorgungen für andere Leute,
70 Jahren an einer Internetum-     10 % arbeiten jede Woche über       als 34 Jahre alt, drei Viertel jün-    Haushalt, Putzen, Fahr- ­
frage teil, die in verschiedenen   eine Plattform. Für 135 000 Per-    ger als 44. Gut 50 % sind Voll-        und Lieferdienste, Design,
europäischen Ländern unter         sonen ist dies die einzige Ein-     zeit beschäftigt, gut 20 % Teil-       redaktionelle Arbeiten,
der Leitung der Universität        kommensquelle. Aufgrund             zeit (und üben die Gig-Arbeit           ­Software-Entwicklung,
Hertfordshire durchgeführt         der schwachen Datenbasis sind      ­daneben als Zusatzjob aus).            ­Über­setzungen, juristische
wurde. Laut Hochrechnung der       diese Zahlen nicht wissen-         Je 5 % sind Pensionierte und           ­Dienstleistungen und
Schweizer Umfrageergebnisse        schaftlich fundiert. Aussage-       Studierende. Die meisten üben         ­Buch­haltung.
auf die gesamte erwerbstätige      kräftiger sind weitere Angaben,    mehr als ­eine T­ ätigkeit aus:
Bevölkerung haben 32 % schon       die die Gig-Arbeitenden in         Computerarbeiten auf

                                                                                                   GIG-ECONOMY          moneta 3— 2021       9
GIG-ECONOMY - Alternative Bank Schweiz
« Man muss eine neue Art von
  Absicherung finden »
     Selbständige waren noch nie gegen Arbeitslosigkeit versichert. Prekarisiert
     die Gig-Economy sie nun zusätzlich? Ja, sagt der Ökonom Mathias Binswanger.
     Er arbeitet an einer Lösung.
     Interview: Esther Banz

       moneta: Mathias Binswanger, Sie forschen                     Und was bedeutet es, wenn sich die wirtschaft­
       hauptsächlich zu Wachstum und Glück. Jetzt                   liche Lage verschlechtert?
       be­fassen Sie sich mit der sozialen Absiche-             Dass man eine neue Art von Versicherung oder von Ab­
       rung von Selbständigen, Freischaffenden und              sicherung finden muss, weil sonst zu viele Menschen aus
       ­so­genannten Gig-Arbeitenden. Warum?                    dem bestehenden Sozialversicherungssystem heraus­
   Mathias Binswanger Die Gewerkschaft Syndicom hat ein         fallen. Eine andere Möglichkeit wäre, die Unternehmen zu
  ­Forschungsteam an der Fachhochschule Nordwestschweiz        zwingen, die Arbeitnehmenden wieder traditionell an­
   damit beauftragt, ein funktionierendes Modell für eine      zustellen. Mit der nicht regulierten arbeitsrechtlichen
­Arbeitslosenversicherung für Selbständige und Freischaf-      Situa­tion der Selbständigen können die Firmen heute eine
   fende zu entwickeln. Syndicom vertritt die Interessen von   ­Lücke ausnützen: Sie müssen nicht die gleichen Sozial­
 Grafikerinnen, Fotografen und Journalistinnen – Berufs-        leistungen erbringen wie in den andern, regulierten Berei-
   gruppen, deren Arbeitsplatzsicherheit schon länger           chen der Wirtschaft. Diese Lücken versucht man jetzt
 ­abnimmt. Die Plattformökonomie schafft jetzt zusätzlich       zu schliessen. Der Vorschlag, den wir derzeit erarbeiten,
   neue Realitäten.                                             zielt darauf ab.

    Inwiefern?
In diesen Berufen werden Leute zunehmend nicht mehr
fest angestellt, sondern nur noch punktuell beigezogen.

     In der Pandemie zeigte sich, dass die fehlende
    ­Arbeitslosenversicherung ( ALV ) für Freischaffen-
     de und Selbständige ein grosses Problem ist.
     Seit 1977 sind die Angestellten bei uns obligato-
      risch gegen Arbeitslosigkeit versichert –
     ­warum die Selbständigen nicht?
Ein Selbständiger ist traditionell ein Unternehmer, der ein
unternehmerisches Risiko eingeht – was man im Normal-
fall nur tut, wenn man eine gewisse Erwartung hat, erfolg-
reich zu sein.

    Ist man mit diesem System bisher gut gefahren?
Insgesamt schon. In der Schweiz gibt es ganz viele kleine
Unternehmen, die KMU. Lange Zeit lief die Wirtschaft
so gut und die Arbeitslosenquote war so tief, dass Firmen-
gründer und -gründerinnen schnell wieder eine An­
stellung fanden, wenn es mit dem eigenen Unternehmen
nicht klappte.

10     moneta 3— 2021         GIG-ECONOMY
Foto: zvg

                                       Geht Ihr Vorschlag in Richtung ALV-Obligato­                  Hätten die Gewerkschaften die Entwicklung, dass
                                       rium für Selbständige?                                        sich immer mehr Menschen selbständig machen
                                   Ja. Aber er sieht nicht vor, dass Unternehmer ebenfalls ALV       und nicht mehr arbeitslosenversichert sind, nicht
                                   einzahlen müssen. Ein Grossteil der Unternehmen in der            vorhersehen müssen?
                                   Schweiz ist erfolgreich, auch Kleinunternehmen. Da stellt     Die Gewerkschaften sind zum Teil immer noch im Denken
                                   sich das Problem gar nicht. Auch sind Unternehmens­           der Industriearbeit verhaftet, fixiert auf traditionelle Ar-
        Mathias Binswanger         konkurse in einem gewissen Mass normal. Es geht viel-         beitsverhältnisse und das Stundendenken: Da kämpft man
    ist Professor für Volkswirt-   mehr darum, das Loch wieder zu schliessen, das sich jetzt     für eine Reduktion der Wochenarbeitszeit und für den
schaftslehre an der Fachhoch-
   schule Nordwestschweiz in       bildet, weil sich immer mehr Leute selbständig machen.        Erhalt des Rentenalters. Syndicom sucht jetzt als erste Ge-
Olten und Privatdozent an der      Im Fokus stehen jene, die vielleicht zwei Jahre erfolgreich   werkschaft nach Mitteln gegen die Prekarisierung
      Universität St. Gallen. Zu   sind und dann vorübergehend nicht mehr. Ohne Ver­             Selbständiger und Freischaffender, weil «ihre» Berufe be-
    seinen Forschungsschwer-
 punkten zählen Makroökono-        sicherung sind sie gezwungen, in Konkurs zu gehen und         sonders betroffen sind. Angesichts des Szenarios, dass
mie, Finanzmarkttheorie, Um-       mit viel Mühe wieder etwas Neues aufzubauen. Das              die Gig-Ökonomie die Honorare in absehbarer Zeit zusätz-
     weltökonomie, Glück und
                                   von uns entwickelte Modell soll ihnen ermöglichen, eine       lich unter Druck setzen wird, hat die Frage der besseren
Einkommen sowie Wachstum.
     Er ist Autor der Bestseller   schwierige Zeit zu überbrücken.                               sozialen Absicherung an Dringlichkeit zugenommen.
 «Die Tretmühlen des Glücks»
    (2006), «Sinnlose Wettbe-
                                      Damit sie nicht wegen einer Baisse aufhören                   Syndicom geht von einem Anstieg der Gig-
      werbe» (2010) und «Der
    Wachstumszwang» (2019).           müssen?                                                       Economy-Arbeitsverhältnisse aus. Was begüns-
 Der gebürtige St. Galler zählt    Genau. Phasen, in denen es weniger gut läuft, sind normal,       tigt eine solche Entwicklung?
 zu den einflussreichsten Öko-
                                   auch wegen wirtschaftlicher Schwankungen und unvorher-        Die ökonomische Lage: Wenn die Wirtschaft sehr gut läuft,
            nomen der Schweiz.
 www.mathias-binswanger.ch         sehbarer Situationen wie der Corona-Pandemie, in denen        sind typischerweise wenige Leute selbständig, weil man
                                   Aufträge ausbleiben. Unser neues Versicherungsmodell ist      genügend relativ gut bezahlte Jobs findet; also nimmt
                                   aber nicht so gedacht, dass man drei Jahre davon profitie-    man das Risiko der Selbständigkeit gar nicht erst auf sich.
                                   ren könnte. Die Leistung soll zeitlich begrenzt sein.         Wenn die Wirtschaft schlechter läuft, sind mehr Leute
                                                                                                 gezwungen oder wenigstens bereit, selbständig zu arbei-
                                       Das ist ja auch bei der ALV so. Wären auch                ten. Sie sagen sich: Dann versuche ich es halt selber.
                                       die Beiträge vergleichbar?                                Heute bieten Online-Plattformen vermeintlich einfache
                                   Ja. Aber die neue Versicherung ist komplexer und flexibler    und bessere Möglichkeiten, sich zu vermarkten.
                                   angedacht. Wir haben sie als eine Art Guthaben konzipiert,
                                   das man anspart und in schlechten Zeiten anzapfen kann.           Auf einer Gig-Plattform bot kürzlich ein Texter
                                   Wenn es wieder besser läuft, soll man wieder einzahlen             seine Dienste für 8.50 Franken die Stunde an.
                                   können. Es ist wie eine Mischung aus Pensionskasse und            ­Bedeuten diese Plattformen das Ende existenz­
                                   direkter Versicherung. Wichtig ist, keine Fehlanreize ent-         sichernder Löhne?
                                   stehen zu lassen.                                             Das haben Sie wohl auf einer internationalen Plattform
                                                                                                 gesehen. Dort offerieren auch Leute aus Billiglohnländern
                                      Worin würden diese bestehen?                               ihre Leistungen. Häufig sind die Honorare aus diesem
                                   Wenn es darauf hinauslaufen würde, dass die einen nur         Grund so tief. Ausserdem gibt es auch hierzulande Leute,
                                   einzahlen und die andern nur beziehen.                        für die die Arbeit via Plattformvermittlung nur ein Zusatz-
                                                                                                 verdienst ist.
                                       Fliessen in Ihren Vorschlag bereits Überlegun-
                                       gen hinsichtlich der politischen Mehrheits­                   Deshalb spielt es für sie keine Rolle, wenn
                                       fähigkeit ein?                                                die Honorare tief sind?
                                   In gewisser Weise ja. Es macht keinen Sinn, etwas zu ent-     Ja. Die Höhe des Stundenansatzes ist für eine Person, die
                                   wickeln, von dem man von vornherein weiss, dass es abge-      bereits ein Einkommen respektive eine Rente hat oder de-
                                   lehnt wird.                                                   ren Partner gut verdient, weniger relevant. Das wirkt sich
                                                                                                 freilich auf den Markt aus und setzt jene unter Druck, die
                                         Welche Argumente sprechen dagegen, die                  auf ein existenzsicherndes Einkommen angewiesen sind.
                                         ­Lücke jetzt zu schliessen und die soziale
                                        ­Absicherung jener, die sonst durch die Maschen              Müsste die Politik nicht ein dringliches Inter­
                                          fallen, zu verbessern?                                     esse daran haben, diese Entwicklung zu korrigie-
                                   Es fallen zusätzliche Kosten an. Jene Selbständigen, die          ren? Wer sich keine ausreichende Vorsorge an­
                                    jetzt erfolgreich sind, werden vielleicht gar keine Lust         sparen oder erben kann, wird im Alter mit grosser
                                   ­haben, sich zu versichern; denn dies würde sie allenfalls        Wahrscheinlichkeit auf Ergänzungsleistungen
                                    dazu zwingen, teurer zu offerieren, und dadurch könnten          angewiesen sein.
                                   ihnen Aufträge abhandenkommen. Man muss auch                  Es ist tatsächlich ein nicht diskutiertes Thema, dass immer
                                    genau schauen, wie es im Ausland aussieht. Wenn sich         mehr Menschen Ergänzungsleistungen brauchen. Inzwi-
                                    die Leistungen hier verteuern, aber im Ausland billig        schen schieben alle politischen Kräfte das Rentenproblem
                                   bleiben, weil dort die Regulierungen fehlen, haben wir        vor sich her, weil die Fronten komplett verhärtet sind.
                                   auch ein Pro­blem.                                            Klar ist, dass es so nicht weitergehen kann.

                                                                                                                GIG-ECONOMY            moneta 3— 2021    11
›››       In einem Beitrag im Syndicom-Magazin schrei-                    Sie forschen ja seit längerem zu Glück und
          ben Sie, dass es immer mehr neue Arbeitsformen                 ­Lebenszufriedenheit: Welche Bedeutung
          gebe und dies eine Herausforderung für die                      hat die Arbeitsplatzsicherheit für das Wohl­
          ALV sei. Inwiefern?                                             befinden der Menschen?
      Ich meinte damit das System der Arbeitslosenversiche-          Sie ist ein ganz zentraler Aspekt unserer Lebensqualität.
      rung: Wenn immer weniger Menschen versichert sind,             Die Schweiz hat hier im Vergleich mit anderen Län-
      kommt auch weniger Geld herein, um die Leistungen zu           dern sehr hohe Werte. Die Mehrheit der Menschen in
      bezahlen. Die ALV wird von Arbeitnehmern und Ar­-              der Schweiz muss nicht damit rechnen, demnächst
      beit­gebern zu gleichen Teilen finanziert. So wäre es auch     den ­Arbeitsplatz zu verlieren. Wenn doch, beeinflusst
      beim Modell gedacht, das wir Syndicom vorschlagen.             das die Lebenszufriedenheit negativ.

          Und was würde es ganz allgemein für ein Land
          ­ edeuten, wenn künftig immer weniger Men-
          b                                                           « Das von uns entwickelte Modell soll Selbständigen
          schen gegen Arbeitslosigkeit versichert wären?                ermöglichen, eine schwierige Zeit zu überbrücken. »
      Quasi ein Rückfall in eine Zeit, in der man noch ganz viele
      kleine Unternehmer hatte, die nicht versichert waren. Man
      sieht dies heute noch in den Entwicklungsländern: Ganz
      viele Leute arbeiten im informellen Sektor und sind nicht          In Ihrem letzten, 2019 erschienenen Buch
      abgesichert. So war das früher auch bei uns.                        geht es um Wachstum. Was beschäftigte Sie
                                                                         ­dabei konkret?
          Die Schweiz zurück auf Niveau Entwicklungsland,            Die Frage, wieso Wirtschaften nur mit Wachstum funktio-
          was die Absicherung bei Arbeitslosigkeit betrifft –        niert, und welche Konsequenzen das mit sich bringt,
          würde da nicht unser ganzes Sozialversicherungs-           wo das hinführt und wie sich das Wirtschaftssystem wei-
          system ins Wanken geraten?                                 terentwickelt.
      Grundsätzlich ja. Im Moment weisen die Daten noch nicht
      auf eine grosse Gefahr hin. Aber es ist an der Zeit, die in-         Kann man Sie als wachstumskritisch bezeichnen?
      ternationale Entwicklung der Gig-Economy zu beobachten         Ich sehe Wachstum ambivalent. Lange Zeit herrschten
      und Massnahmen zu überlegen.                                     die Vorteile vor, jetzt beginnen in den hoch entwickelten
                                                                      Ländern die Nachteile zu dominieren. Das Wachstum
          Syndicom schlägt auch eine Zertifizierung                   ­produziert Kollateralschäden, vor allem in der Umwelt,
          der Gig-Plattformen vor. Was halten Sie davon?               und die Menschen werden nicht mehr glücklicher oder
      Ich weiss es noch nicht. Man will sicherstellen, dass die      ­zufriedener mit zunehmendem Wohlstand. Wir treiben das
      Plattformen gewisse Mindestanforderungen einhalten.            System nicht mehr mit unseren Bedürfnissen an, sondern
      Aber wir haben bereits so viele Zertifikate. Und ich habe        das System treibt uns an. Wir sind gezwungen, weiterzu-
      Zweifel daran, dass wir alle Probleme damit lösen können.        machen, auch wenn wir gar nicht mehr wissen, warum und
                                                                       wozu. •
          Gerade die Internationalisierung der Arbeit,
          wie sie die Gig-Plattformen ermöglichen,
          machen eine Regulierung wahrscheinlich um
          ein Vielfaches komplexer.
                                                                        Selbständig und freischaffend: dasselbe?
      Ja. International hat sich noch nichts etabliert. Auch die
      Begriffe rund um die Gig-Arbeit sind noch nicht exakt             Die Sozialversicherungen AHV          Freie Mitarbeitende wieder-
      definiert, und wir kennen keine verlässlichen Zahlen. Des-        (Alters- und Hinterlassenen­          um sind – gemäss Bundesge-
      halb haben wir schlicht keine Ahnung, wie viele Menschen          versicherung), IV (Invaliden-         richt – weder eindeutig zur
      sich mit dem Modell, das wir jetzt entwickeln, versichern         versicherung) und EO                  Definition der Arbeitnehmen-
      lassen würden.                                                    (Erwerbs­ersatzordnung) un-           den noch den Selbständigen
                                                                        terscheiden zwischen                  zuzurechnen. Auf Deutsch
          Auf der Suche nach einem versicherungstechnisch               Unselbständig­erwerbenden             werden sie oft als Freelancer,
          dritten Weg – zwischen angestellt und selb­                   (Angestellten) und Selb­              Freischaffende, Freiberufler
          ständig – fischen Sie und Ihre Kolleginnen und                ständigerwerbenden.                   oder eben als freie «Mit­
          Kollegen also ein Stück weit im Trüben?                                                             arbeiter» bezeichnet. Free-
      Ja. Aber nur indem man die Herausforderung genau an-              Als sozialversicherungsrecht-         lance-Tätigkeiten kommen
      schaut, kann man sie auch verstehen und Lösungen                  lich selbständigerwerbend             in vielen Schattierungen vor.
      dafür finden. Man muss die Karten auf den Tisch legen              ­gelten Personen, die unter
      und ­einen Vorschlag machen. Dann sieht man, ob die               ­eigenem Namen und auf eige-
      Leute ­eine solche Versicherung überhaupt wollen. Oder            ne Rechnung arbeiten sowie
      was sie daran stört und welche Anpassungen es braucht.            in ­unabhängiger Stellung sind
      Man muss mit etwas anfangen.                                      und ihr eigenes wirtschaft­
                                                                        liches Risiko tragen.

      12    moneta 3— 2021      GIG-ECONOMY
Selbständig –
                                        und trotzdem angestellt
                                         Die Westschweizer Genossenschaft Neonomia
                                        ­ermöglicht selbständigen Erwerbstätigen,
                                         ihr eigenes Unternehmen zu führen und gleich­
                                         zeitig von den Sozialleistungen zu profitieren,
                                         die normalerweise Angestellten vorbehalten sind.
                                         Ein Modell mit Zukunft?
                                        Text: Muriel Raemy

           Selbständig und angestellt sind zwei berufli-     ternehmerinnen und Unternehmer müssen also ledig-
          che Status, die sich traditionellerweise gegen-    lich Rechnungen verschicken, um alles andere küm-
         überstehen; sie zu vereinen, ist keine leichte      mert sich die Genossenschaft.
       Aufgabe. «Wir sind das einzige Unternehmen                Auch wenn das Schweizer Obligationenrecht keine
      dieser Art in der Westschweiz, vielleicht sogar das    angestellten Unternehmerinnen und Unternehmer
     einzige in der Schweiz», sagt Yann Bernardinelli,       vorsieht, entspricht der Arbeitsvertrag von Neonomia
    Wissenschaftsjournalist, Mitgründer und Präsident        einem solchen Verhältnis. Für selbständig Erwerbstäti-
   von Neonomia. In der berufsübergreifenden Ge­             ge kann dies eine grosse Verbesserung sein, gerade in
  nossenschaft sind Menschen aus unterschiedlichen           Krisenzeiten: «Bevor ich vor zwei Jahren zu Neonomia
 Branchen vertreten, ausgenommen sind Hotellerie             stiess, hatte ich keine Erwerbsausfallversicherung und
und Gastronomie, der Bausektor und das Gesundheits-          keine zweite Säule. Meine Kollegen und ich erhielten
wesen. Wer an einem Beitritt interessiert ist, muss eine     sogar schon ab dem ersten Lockdown Kurzarbeitsent-
selbständige Erwerbstätigkeit nachweisen und die             schädigung», sagt Jo-Anne Jones Lütjens, Redaktorin,
Charta von Neonomia für eine sozialere, solidarischere       Übersetzerin und Produzentin von Kulturveranstaltun-
und nachhaltigere Wirtschaft unterzeichnen. Die Char-        gen. Mittlerweile zählt Neonomia 25 Genossenschafts-
ta hält fest, dass Genossenschaftsmitglieder ethische        mitglieder.
Projekte entwickeln sollen (sowohl in sozialer wie in
ökologischer Hinsicht), und bestimmt weiter, dass sie            Das Modell lässt sich gut verbreiten
so weit wie möglich Kundinnen und Geschäftspartner               Risiken auf mehrere Personen verteilen, unangeneh-
vermeiden sollen, deren Aktivitäten diesen Werten wi-        me Aufgaben bündeln und damit Lust auf eine selb-
dersprechen.                                                  ständige Tätigkeit machen: Neonomia stellt ein Labor
                                                              für neue Arbeitsformen dar. Yann Bernardinelli ist
   Eine grosse Erleichterung für Selbständige                ­davon überzeugt, dass sich das Modell kopieren lässt –
    Neonomia ging aus einem Pilotprojekt des Netz-            sofern die Bedingungen den Bedürfnissen der verschie-
werks für eine soziale und solidarische Wirtschaft Genf       denen Branchen angepasst werden. Trotzdem betont er,
hervor und wurde 2016 gegründet. Finanziell am Pilot-         dass ein politischer Impuls willkommen wäre. «Als
projekt beteiligt war auch die Stadt Genf, die damit         Genossenschaftsmitglieder leiten wir Neonomia auf
den Status von angestellten Unternehmerinnen und              ehrenamtlicher Basis, was sehr viel Zeit und Energie
Unternehmern testen wollte. Die Idee dazu stammt ur-         kostet. In Anbetracht unseres gemeinnützigen Status
sprünglich von französischen Genossenschaften, die           könnte eine externe Unterstützung, zum Beispiel durch
seit über 30 Jahren existieren und im französischen Ar-       ein bedingungsloses Grundeinkommen, dazu beitragen,
beitsrecht verankert sind.                                    eine Schlüsselposition in unserer Struktur zu profes­
    Das Prinzip: Die Unternehmerinnen und Unterneh-           sionalisieren und das Modell zu verbreiten.» Der Präsi-
mer unterschreiben mit Neonomia einen Arbeitsver-             dent von Neonomia hofft, eine kritische Masse von et-
trag. Sie rechnen ihre Leistungen über die Genossen-         wa 50 Genossenschafterinnen und Genossenschaftern
schaft ab und erhalten nach Abzug der Sozial- und             zu erreichen, um zu beweisen, dass dieses Modell den
Versicherungsabgaben ihren Lohn. Ein Teil des Umsat-          Unternehmergeist stärkt. «Plattformen wie Uber stel-
zes – zwischen sieben und zehn Prozent – wird als Bei-       len keine existenzfähige Lösung für unternehmerische
trag an die Betriebskosten einbehalten. Darunter fallen      Tätigkeiten dar. Wir erfinden unsere Arbeitsbedingun-
die Buchhaltung, Verwaltungsaufgaben, Beratung oder           gen neu, um ein Einkommen und ein nachhaltiges wirt-
die Miete des Co-Working-Space. Die angestellten Un-          schaftliches Umfeld zu sichern.» • www.neonomia.ch

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