Handicapforum - Behindertenforum

Die Seite wird erstellt Sibylle-Hortensia Krämer
 
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2019
                                                                                                               3
handicapforum

                                Einschnitt ins Leben
                                Ein Museum schafft Zugang
                                AmBeWo ermöglicht Selbständigkeit

                    Mitgliedorganisationen :: Schweizerische Vereinigung der Gelähmten ASPr-SVG – Orts-
                    gruppe beider Basel :: Band-Werkstätten Basel :: Fragile Suisse – Basler Vereinigung für
                    hirnverletzte Menschen :: Gehörlosen-Fürsorgeverein der Region Basel :: insieme Basel –
für Menschen mit einer geistigen Behinderung :: insieme Baselland – für Menschen mit einer geistigen Behin-
derung :: IVB – Behindertenselbsthilfe :: Behinderten-Sport Basel :: Procap Nordwestschweiz – für Menschen
mit Handicap :: Schweizerischer Blindenbund – Regionalgruppe Nordwestschweiz :: Schweizerischer Blinden-
und Sehbehindertenverband – Sektion Nordwestschweiz :: Schweizerische Multiple Sklerose Gesellschaft
SMSG – Regionalgruppe beider Basel :: Schwerhörigen-Verein Nordwestschweiz :: Stiftung Rheinleben ::
Vereinigung Cerebral Basel :: Zentrum Selbsthilfe :: Asperger-Hilfe Nordwestschweiz :: Blind-Jogging ::
Leben mit Autismus Basel
Perspektiven schaffen
                                  Wohn- und Arbeitsplätze im WBZ

                                   Haben Sie eine körperliche
                                   Behinderung und lassen sich
                                   nicht gerne hindern? Suchen
                                   Sie nach neuen Möglichkeiten,
                                   Ihr Leben zu gestalten? Brauchen
                                   Sie Unterstützung, schätzen aber
                                   trotzdem das selbstbestimmte
                                   Sein? Dann sind Sie bei uns richtig.

                                   Wir bieten Wohn- und Arbeitsplätze
                                   – interne und externe Wohnpflege mit Betreuung
                                   – Arbeits- und Beschäftigungsplätze
                                   – Wohntraining

                                   Haben wir Ihr Interesse geweckt? Dann
                                   kontaktieren Sie uns. Wir freuen uns auf Sie.

                                   Cornelia Truffer                      WOHN- UND BÜROZENTRUM
                                   Bereichsleiterin Services             FÜR KÖRPERBEHINDERTE
                                   cornelia.truffer@wbz.ch               Aumattstrasse 70–72, Postfach,
                                                                         CH-4153 Reinach 1
                                   t +41 61 755 71 07                    t +41 61 755 77 77
                                                                         www.wbz.ch

                                 BO_Inserat_HF_sw_10:Inserat BBS.qxp 10.02.10 17:02 Seite 1
                                                                         DIE FÄHIGKEIT ZÄHLT, NICHT DIE BEHINDERUNG

                                                                  DIE FÄHIGKEIT   ZÄHLT,
                                                                         DIE FÄHIGKEIT   NICHT
                                                                                       ZÄHLT,     DIE
                                                                                              NICHT DIEBEHINDERUNG
                                                                                                        BEHINDERUNG

                                  Basler Orthopädie
                                                      w w w. re n e - r u e p p . c h

                                                                            Basler Orthopädie
                                                                                 René Ruepp AG
                                                               A u s t r a s s e 1 0 9 , 4 0 51 B a s e l
                                                                    Te l e f o n 0 6 1 2 0 5 7 7 7 7
                                                                             Fax 061 205 77 78
                                                                         info@rene-ruepp.ch

2   handicapforum Nr. 3 | 2019
Inha ltsver zeich n is                                               Edito rial

                           THEMA

Noch der Gleiche und doch ein anderer                       4–6
DarsiLaMano – Geben wir uns die Hand                           7
         8
Auf dem Abstellgleis                                           9

                          AKTUELL

AmBeWo ist ein Erfolgsmodell                              10–11     Liebe Leserin, Lieber Leser
Die Brückenbauerinnen                                     12–13
                                                                     Alles ist relativ. Martin Näf erzählt in dieser Ausga-
                                                                     be des Handicapforums von den Folgen seines
                 BEITRÄGE/HINWEISE
                                                                     Hirnschlags und wie er diesen Einschnitt ins Leben
                                                                     verkraftet. Dass er seit Geburt blind ist, hatte ihn
Geschichte wird lebendig                                  14–15
                                                                     vergleichsweise wenig eingeschränkt, doch jetzt
Lebenskunst16
                                                                     muss er sich – in jeder Beziehung – völlig neu ori-
« Ich bin da » – Wir verbreiten Freude                        17
                                                                     entieren (siehe ­S eiten 4 und 5). Imad Derbas
4. Disability Pride 2019                                      17
                                                                     ( Seite 19) ist sehend aufgewachsen, der Verlust sei-
Ansonsten munter                                              18
                                                                     ner Sehkraft in der Mitte des Lebens war einschnei-
« Indoorcycling: Ideal in meiner Situation »                  19
                                                                     dend und hat sein bisheriges Leben auf den Kopf
            M I T G L I E D O R G A N I S AT I O N E N               gestellt. Es ist relativ, das heisst ‹es› steht immer in
                                                                     Beziehung zum jeweiligen Menschen, seinen Vor-
IVB: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein!                  21    aussetzungen und Bedingungen. Es sind individu-
Procap: Neuerungen im Bereich                                       elle Geschichten, aber nicht nur. «Oft ist das Stig-
        Ergänzungsleistungen22                                      ma, das einer Behinderung anhaftet oder die Aus-
Procap: Anlässe/Veranstaltungen                               23    grenzung, die ein Mensch erfährt, ebenso schlimm,
Cerebral: Vereinigung Cerebral Basel                      24–25     wenn nicht schlimmer als die Behinderung selbst»
Fragile: Neue Wegbegleiterin                                  25    schreibt Walter Beutler in der Rubrik «übrigens».
                                                                     Das sollte uns nicht nur zu denken geben, sondern
             A D R E S S E N U N D K O N TA K T E
                                                                     auch zum Handeln anregen. Die gesellschaftliche
                                                                     Teilhabe von Menschen mit Behinderungen ist noch
Wichtige Adressen (  BTD, Beratungsstellen etc.  ) 26–27
                                                                     immer keine Selbstverständlichkeit. Wir berichten

                         TITELBILD                                   aber auch in diesem Heft von Fortschritten ( siehe
                                                                     Seiten 14 und 15) und wir freuen uns darüber!
Blick in die Ausstellung «Zeitsprünge»
                                                                     Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre
des Historischen Museums Basel                          Bild: zVg
                                                                     Barbara Imobersteg

   Handicapforum - in eigener Sache
   Durch einen Systemfehler wurden beim letzten Versand einige Adressen doppelt angeschrieben. Im Namen
   der «gaw» (Gesellschaft für Arbeit und Wohnen) entschuldigen wir uns für diesen Fehler in aller Form und
   hoffen Ihnen damit keine allzu grossen Umtriebe gemacht zu haben.

                                                                                           handicapforum Nr. 3 | 2019       3
T h em a

Noch der Gleiche und doch ein anderer
«Ich muss mich immer noch daran gewöhnen, dass ich blind und lahm bin». Martin Näf versucht sich wie-
der zurecht zu finden und lässt sich seine Selbständigkeit nicht nehmen. Zum Beispiel wenn er in Afrika
seine Hilfswerke besuchen geht.

Kongolesischer Fahrdienst                                                                               Bild: zVg

bim. «Ich war selbständig, aktiv und voller Ideen -      oder weniger gut», wendet er ein. Französisch oder
weit über das Fach Erziehungswissenschaft hinaus,»       englisch zu sprechen fällt ihm immer noch schwer.
erinnert Martin Näf. Als Forscher und Reisender hat er
Bücher und Berichte verfasst. Seine Homepage zeugt
noch immer von dieser überaus produktiven Zeit. «Das     Einbruch ins Leben
Buch der Bücher habe ich noch nicht geschrieben»,        Vor sechs Jahren hatte Martin Näf einen Hirnschlag.
sagt Martin Näf mit seiner leichten Ironie «das wäre     Dieser Einbruch ins Leben ist mit Leiden verbunden
dann natürlich die Wahrheit und die gibt es leider       und die Auseinandersetzung damit hält an. «Ich muss
nicht.»                                                  mich daran gewöhnen, dass ich zwar noch der gleiche
                                                         aber doch ein anderer Mensch geworden bin», sagt
Früher behielt er mühelos eine Fülle von Informatio-     Martin Näf. «Und ich gewöhne mich nur schwer daran»
nen im Kopf, die er jederzeit abrufen konnte. Stimmen    fügt er an. In seiner Stimme schwingt eine Mischung
zuordnen, Termine, Wegbeschreibungen und alles, was      aus Sterbenwollen und Trotz mit, aber auch Ruhe und
das Alltagsleben erforderte, hatte er nebenbei immer     Klarheit. Jetzt sitzt Martin Näf im Rollstuhl, die Füsse
zur Verfügung, während er las, lernte und lehrte und     am Boden, die linke Hand tastend und suchend in der
die Welt bereiste. Viele Vorhaben hat er umgesetzt,      Luft. Er versucht etwas in Reichweite zu fassen, um
nichts schien ihn zu hindern, auch nicht seine Blind-    sich zu orientieren. Er flucht. «Es ist mehr als mühsam,
heit. Heute kann er wieder Mails schreiben, «mehr        wenn ich immer wieder ins Leere greife, aber was kann

4          handicapforum Nr. 3 | 2019
Them a

ich machen.» Der rechte Arm und das rechte Bein sind        Die totale Umstellung
gelähmt. Er kann knapp allein zur Toilette und selb-        Plötzlich auf Hilfe angewiesen sein: Für den, der ab-
ständig zu Bett gehen. «Wenn ich das nicht mehr kann,       solut selbständig und selbstbestimmt durchs Leben
dann muss ich vermutlich in ein Heim umziehen», er          gegangen war, bedeutet dies die totale Umstellung.
lacht: «Jetzt wohne ich noch in einer ganz gewöhn­          Das Assistenzbudget erlaubt es ihm, weiterhin selb-
lichen Wohngemeinschaft.»                                   ständig zu wohnen und gewisse Aktivitäten wieder
Vor vier Jahren hatte Martin Näf auch noch einen epi-       aufzunehmen. Für die Organisation und Koordination
leptischen Anfall – seither vergisst er viel. Wem habe      des HelferInnensystems ist auch ein Assistent zustän-
ich bereits geschrieben, was haben wir vereinbart? Er       dig. Mit der Abhängigkeit geht Martin Näf pragmatisch
braucht eine Assistentin oder einen Freund, der ihn         um: Klappt mal irgendetwas nicht, nimmt er es locker.
daran erinnert. Er müsse lernen, viel mehr Vertrauen        «Ich kann tagelang mit mir allein sein und einfach nur
in andere zu haben, sagt Martin Näf. «Blind sein war        etwas Brot essen» – hier spricht der Weltenbummler,
früher kein Thema für mich, Sehen hat mich gar nicht        der beispielsweise als blinder Reisender allein auf dem
interessiert – und jetzt fehlt es mir plötzlich.»           Landweg nach Indien gereist ist und der sich in die-
                                                            sen fünf Monaten unterwegs auch nicht immer in der
                                                            Komfortzone wiederfand.
Es ereignete sich in Afrika
Der Unfall ereignete sich in Afrika, in seinem geliebten
Dorf in Niger, wo er viel Zeit mit Freunden verbrachte.     Die richtigen Wörter finden
Es begann ganz harmlos, das Bein fühlte sich komisch        Das Rehabilitations-Training im Sprechen hat er auch
an, machte Mühe beim Gehen und Martin Näf liess sich        selber in die Hand genommen. Das Lernen war sein
in das nächstgelegene Ambulatorium fahren. Dann war         Fachgebiet als Erziehungswissenschaftler. Über die
auch die Sprache weg. Die Erinnerungen verschwim-           Irrtümer der Schule hat er geforscht und geschrieben.
men, wenn er jetzt zurückdenkt. Irgendwann lag er im        «Jeder muss seinen eigenen Weg finden, es gibt keine
Krankenhaus der Hauptstadt und seine Freunde aus            Rezepte», sagt er auch in diesem, in seinem, Fall. Das
dem Dorf pflegten ihn. Nur wer Familie hat oder sehr        Sprechen ist ihm wichtig, die richtigen Wörter finden.
viel Geld, wird gepflegt. «Ich dachte immer noch, das       Hoch konzentriert drückt sich Martin Näf sehr präzi-
gehe bald vorbei, ich fand diese Erfahrung in einem         se aus. Ein ähnliches Wort lässt er nicht zu. Wenn er
afrikanischen Spital sogar noch spannend», erinnert
sich Martin Näf. Bis seine Angehörigen in der Schweiz
informiert werden konnten und die Rega einschalteten,
verschlimmerte sich sein Zustand. «Ich hätte auch in
Niger sterben können, dort hatte ich ja eine glückliche
Zeit», meint Martin Näf lakonisch; ob er sich das zu-
weilen sogar gewünscht hat, bleibt offen.

Früher habe ich nie geweint
Dass so etwas in der Schweiz nie passieren würde, ist
eine Illusion. Wohl gibt es hier exzellente medizini-
sche Pflege und Behandlung, doch immer wieder feh-
len dafür Familie und Freunde, so dass Menschen, die
einen Hirnschlag bekommen, stunden-, wenn nicht
tagelang in der Wohnung liegen bleiben bis sie gefun-
den werden. «In der Schweiz mischt man sich nicht ein
und bittet seine Freunde ungern um Hilfe, man ver-
meidet Situationen, in denen man auf sie angewiesen
sein könnte». Martin Näf weint leise, plötzlich ergriffen
von der Erinnerung an seine afrikanischen Freunde,
an ihre Hilfe und Zuwendung. «Früher habe ich nie
geweint», stellt er fest, und mit einem Grinsen: «Ich
war ja ein Mann.» Jetzt überkommt es ihn manchmal,
das Weinen, und es ist nicht zu unterdrücken und nicht
aufzuhalten.

                                                            Martin Näf steckt die Menschen im Kongo an
                                                            mit seinem Engagement                             Bild: zVg

                                                                                  handicapforum Nr. 3 | 2019          5
T h em a

ein bestimmtes Wort sagen will, so sucht er danach.       Im Kongo warten seine Hilfsprojekte
Dass seine Familie und Freunde am Anfang geduldig         In Kongo warten zwei Hilfsprojekte auf Unterstützung.
gewartet und mitgeraten haben, bis er das richti-         Martin Näf ist Projektleiter, Kontaktperson, Netzwerker,
ge Wort gefunden hatte, war sehr ermutigend. «Ich         Fundraiser und der blinde Mann, der die Menschen in
habe immer alles verstanden, aber meine Antworten         Kongo ansteckt mit seinem Engagement. Letztes Jahr
waren meistens falsch», erzählt Martin Näf rückbli-       ist er nach fünf Jahren Pause erstmals wieder nach
ckend. Er habe sogar Ja und Nein verwechselt und          Afrika geflogen – allein, da niemand Zeit hatte, ihn
unverständlich gestammelt. Jetzt fliesst seine Sprache    zu begleiten. Seine Kongolesischen Freunde haben auf
wieder, zuweilen stockend. Fehlt ein Wort, geht er auf    ihn gewartet und keinen Aufwand gescheut, um ihn
Entdeckungstour, sucht die Wort-Umgebung ab, sor-         abzuholen.
tiert die falschen Wörter aus, kreist das gesuchte Wort   Kann man allein nach Afrika fliegen, wenn man im
langsam ein, beharrlich auf seiner Fährte, bis es sich    Rollstuhl sitzt und nichts sieht? «Ich hab’s geschafft»,
zeigt. Sprechen und gleichzeitig wahrnehmen, wer im       sagt Martin Näf trocken. Reisen kann er immer noch
Hintergrund durch den Raum geht, ist fast nicht mehr      und lässt es sich auch nicht nehmen. Er musste zuletzt
möglich. Was früher selbstverständlich war, geht nicht    aus dem Flugzeug getragen werden, weil in Burun-
mehr. Um seine Arbeit wieder aufzunehmen, muss er         di kein extraschmaler Rollstuhl zur Verfügung stand.
sich verständigen können, und zwar auch auf franzö-       «Aber ich bin noch am Leben, und ich habe das Recht
sisch. «Französisch zu sprechen, das ist jetzt eben so    wie alle andern zu Fliegen ...». Was diese Überzeugung
schwierig wie wieder Deutsch zu lernen.»                  anbelangt, ist Martin Näf kein Anderer geworden.

Kongolesische Schule: soll für alle zugänglich werden                                                    Bild: zVg

6          handicapforum Nr. 3 | 2019
Them a

DarsiLaMano – Geben wir uns die Hand
DarsiLaMano ist ein Verein, der helfen will, das Leben in Afrika zu verbessern! Wir unterstützen zurzeit zwei
Projekte im Osten der demokratischen Republik Kongo.

                                                               können. Wer es auch ohne Geld versucht, wird häufig
                                                               mit Gewalt aus der Schule gejagt. Angesichts dieser
                                                               Tatsache und angesichts der grossen Armut im Land,
                                                               gehört es zu den Prinzipien der Ecole d l’Unité, dass
                                                               niemand aus finanziellen Gründen vom Besuch der
                                                               Schule ausgeschlossen werden soll.
                                                               www.ecoleunie-rdc.org

                                                               Ava – Association Voice Aveugles
                                                               Das zweitgrößte Land Afrikas liegt im Index der
                                                               menschlichen Entwicklung auf dem 176. Platz von 188.
                                                               Der sehr schlechte Zustand der Straßen und der Ge-
                                                               sundheitsinfrastruktur sowie die extreme Armut wirken
                                                               sich sehr negativ auf die allgemeine Gesundheit der
                                                               Bevölkerung aus. Das betrifft das gesamte Land. Ver-
                                                               stümmelungen im Krieg oder auf der Flucht sind häufig.
                                                               Mehrfach behinderte Menschen gibt es ebenfalls viele
                                                               und die meisten betteln. Fast niemand hat Rechnen
                                                               und Lesen gelernt. Die Armut ist riesig. Ärzte gibt es
                                                               nur wenige und sie verlangen viel.

                                                               Frau Lundimu und eine Gruppe von behinderten Men-
                                                               schen gründeten 2011 in Uvira eine Selbsthilfegruppe
                                                               namens «Assoziation Voice Aveugle» (AVA). «Darsila-
                                                               mano» hilft der «AVA» in zwei Bereichen:
DarsiLa Mano: damit ALLE Kinder zur Schule gehen können
                                                  Bild: zVg   1. Sie versucht allen Behinderten zu helfen, die Hilfe
                                                               brauchen. Das geht von der Sensibilisierung der Bevöl-
                                                               kerung Uviras bis zu einem Startkapital für Blinde, die
Schule in Butembo                                              ein Geschäft aufmachen wollen oder der Unterstützung
Die Ecole de l’Unité ist eine staatlich anerkannte Pri-        von Menschen, die im Alter blind geworden sind und
vatschule in der Stadt Butembo im Nordosten der                nicht mehr für sich selber sorgen können.
Demokratischen Republik Kongo. Sie umfasst einen
Kinder­garten, eine Primar- und eine Sekundarstufe.            2. Sie versucht vor allem jüngeren blinden und seh-
Die rund hundert Schülerinnen und Schüler der Ecole            behinderten Menschen das Lesen der Blindenschrift
de l’Unité werden von elf, meist jungen Lehrkräften            beizubringen, und sie soweit vorzubereiten, dass sie
unterrichtet.                                                  in eine öffentliche Primar- oder Sekundarschule gehen
                                                               können.
Das Schulwesen der Demokratischen Republik befindet
sich in einem desolaten Zustand. An vielen Orten gibt            https://www.darsilamano.org/
es kein ausreichendes staatliches Schulangebot, und
selbst da, wo es ein solches gibt, ist die Qualität in der
Regel sehr schlecht. Da der kongolesische Staat seine
Lehrkräfte seit Beginn der 1990er Jahre kaum mehr
bezahlt, sind diese auf Schulgelder angewiesen. Damit
können nur diejenigen Kinder und Jugendlichen zur
Schule gehen, die das dafür nötige Geld auftreiben

                                                                                    handicapforum Nr. 3 | 2019      7
T h em a

    Drei Aspekte von Behinderung
    Eine Behinderung kann für die betroffene Person zur        hadert nicht mit seinem Schicksal. Es staunt bloss mit
    Selbstverständlichkeit werden, zur Normalität, die         grossen Augen, was die Welt alles für es bereithält.
    nicht immer und immer wieder hinterfragt und prob-         Bei Erwachsenen kann der Schock einer plötzlichen
    lematisiert werden muss. Ja sie muss diesen Weg neh-       Behinderung oder das Auftauchen einer progressiven
    men, wenn man mit ihr ein leidliches Verhältnis finden     Krankheit in den Abgrund führen, je nach psychischer
    oder daraus gar – das wäre dann allerdings die höhere      Belastbarkeit der betroffenen Person und je nach Stüt-
    Kunst – einen Nutzen ziehen will, etwa den Anstoss zu      ze und Halt durch deren soziale Umgebung.
    einer Entwicklung hin zum Besseren, die ohne Behin-        Es sind also zunächst zwei Mechanismen, über die
    derung so nicht möglich gewesen wäre. Wo kämen             eine Behinderung ihre beeinträchtigende Wirkung
    wir hin, wenn wir jeden Morgen von neuem hadern            entfaltet: einerseits die körperliche (oder kognitive,
    würden mit dem, was uns widerfahren ist oder noch          Sinnes- oder psychische) Behinderung selbst, und
    immer widerfährt? Wo kämen wir hin, wenn wir unser         anderseits deren Wirkung auf die Psyche des Betroffe-
    ach so schweres Schicksal wie eine Heiligenfigur vor       nen und auf dessen soziales Umfeld. Und beide Effekte
    uns hertragen würden. Irgendwann und lieber früher         haben interessanterweise gar nicht so viel miteinan-
    als später müssen wir damit beginnen, mit unserem          der zu tun. So kenne ich Menschen, die haben eine
    Los Frieden zu schliessen.                                 vergleichbar geringe Behinderung, etwa ein leichtes
    Das ist einfacher gesagt als getan. Denn jede Behin-       Hinken nach einer Polioerkrankung, und diese Behin-
    derung stellt zunächst ein Schicksalsschlag dar, eine      derung verdirbt ihnen ihr ganzes Leben von Grund
    Zumutung für die Betroffenen. Eine Katastrophe. Sie        auf. Und andere sind stark behindert, und trotzdem
    krempelt das Leben um und lässt keinen Stein auf dem       sind sie voller Leben, und es geht so richtig die Post
    anderen. Diese Katastrophe in sein Leben zu integrie-      ab. Für sie gilt: Jetzt erst recht! Jetzt will ich es wissen.
    ren, stellt eine grosse Herausforderung dar. Und je        Wieder andere sind trotz starker Beeinträchtigung ein
    nach Ausgangslage stehen die Chancen besser oder           Sonnenschein, geradezu ein Trost für ihre Umgebung.
    schlechter, ob das auch gelingt. Tritt die Behinderung     Offenbar kommt es nicht bloss darauf an, was für eine
    vor dem Erwachsenenalter ein, also vorgeburtlich,          Behinderung einem widerfährt, sondern ebenso sehr,
    während der Geburt oder während der Kindheit –             auf was für eine Persönlichkeit (und soziales Umfeld)
    aller­dings «lieber» früher als später –, so stehen die    diese trifft.
    Chancen gut, dass die betroffene Person und ihre Um-       Ein dritter Aspekt ist die gesellschaftliche Stellung von
    gebung sich mit der Behinderung arrangieren kann,          Menschen mit Behinderung. Viele Verheerungen, die
    ja auch ihre positiven Seiten, um nicht zu sagen, ihre     eine Behinderung mit sich bringt, sind Folgen ihres
    Chancen schätzen und nutzen lernt. Die gibt es tat-        sozialen Nimbus. Oft genug ist das Stigma, das einer
    sächlich, auch wenn das für Nichteingeweihte absurd        Behinderung anhaftet, oder die Ausgrenzung, die ein
    erscheinen mag. Wenn Sie's nicht glauben, fragen Sie       Mensch mit Behinderung erfährt, ebenso schlimm
    Betroffene! Mit einer Behinderung kann man einen           wenn nicht schlimmer als die direkten Auswirkungen
    Umgang finden, der weit über die reine Resignation         selbst, die eine Behinderung auf die betroffene Person
    hinausgeht. Man kann Frieden mit ihr schliessen – ja       hat. Deshalb ist es so wichtig, gegen Ausgrenzung und
    sogar Freundschaft.                                        Diskriminierung vorzugehen. Die politische ist wie die
    Sehr viel schwieriger wird das, wenn ein Erwachsener       medizinische und, wenn nötig, die psychologische
    oder ein Jugendlicher von einer Behinderung heim-          Inter­vention ein Teil des Heilungsprozesses.
    gesucht wird. Die Umstellung ist dann eine grosse
    Herausforderung, an der man auch scheitern kann –                                                    Walter Beutler
    die betroffene Person ebenso wie ihre Umgebung.
    Bei einem Kind verbietet sich das Scheitern, zumin-        P.S.
    dest für dessen Umgebung. Und für das Kind selbst          Mit diesem Text verabschiede ich mich von Ihnen,
    ist Scheitern keine Option, kann es nicht sein, da es      liebe Leserin, lieber Leser. Er ist so etwas wie die
    die Lebensumstände, in denen es aufwächst, zunächst        Summe meiner Erkenntnisse zum Thema, eingedampft
    nicht in Frage stellt. Ob lieblich oder grausam, für das   zu einem möglichst lesbaren Konzentrat. Dass dieses
    Kind ist die Welt so, wie sie eben ist. Erst später, als   etwas oberlehrerhaft daherkommt, dafür möchte ich
    Jugendlicher und im Erwachsenenalter, werden die           mich an dieser Stelle ein letztes Mal entschuldigen.
    widrigen Umstände zum Problem erhoben. Ein Kind            Der ernste Ton ist dem Inhalt geschuldet.

8          handicapforum Nr. 3 | 2019
Them a

Auf dem Abstellgleis
Wer mich nicht ernst nimmt, meint es auch nicht gut mit mir. Wenn dieses «gut meinen» zu Ausgrenzung
führt, kann es doch nicht gut sein – jedenfalls nicht für diejenigen, die es betrifft.

Nein, Sie müssen mich nicht schonen. «Schonen» ist           Jedenfalls scheint es Ihnen unangenehm zu sein. Viel-
das falsche Wort, wobei es mir nicht um eine Wort-           leicht verwirrt oder verunsichert Sie meine unsichtbare
klauberei geht, sondern um eine Haltung. Es geht um          Behinderung? Aber weshalb reden Sie denn nicht mit
das «was» und um das «wie»: was Sie tun und wie Sie          mir? Weshalb hören Sie mir nicht einfach zu? Ich bin
mir begegnen. Sie sind mein Vorgesetzter und ich bin         doch die Expertin in dieser Sache. Haben Sie Berüh-
hier angestellt. Ich bin hier nicht zur Kur und bin nicht    rungsängste? Ich kann Ihnen versichern: Meine Behin-
rekonvaleszent. Ich arbeite hier und ich habe eine           derung ist nicht ansteckend.
Behin­derung. Ich bin sehr gut qualifiziert für meine
Aufgaben und möchte sie auch erfüllen. Zweifeln Sie an
meiner Kompetenz? Sie sagen, Sie möchten mich nicht          Froh und dankbar sein ...
überfordern. Ich hoffe, das gilt für alle Arbeitnehmen-      Ich muss feststellen, dass interessante Aufgaben und
den. Niemand möchte überfordert werden. Da schaut            Veranstaltungen sozusagen an mir vorbeigeschleust
man hin, nicht wahr? Da fragt man nach und trifft            werden, «schonungshalber». Es sind Dinge, die ich tun
beispielsweise Vereinbarungen aufgrund eines Stand-          könnte und tun möchte. Das verletzt und kränkt mich.
ortgesprächs. Weshalb soll das nicht genau so für mich       Das macht mich wütend. Ich möchte nicht auf dem
gelten? Weshalb machen Sie ausgerechnet bei mir eine         Abstellgleis landen. Ich bin unzufrieden bei der Arbeit.
Einschätzung ohne Rücksprache? Wer sich mit einer Be-        Das darf wohl nicht sein. Unzufriedene Mitarbeiter­
hinderung in dieser (Arbeits)-Welt bewegt, weiss sehr        innen mag man nicht und unzufriedene behinder-
gut, was wie geht und kennt den Unterschied z­ wischen       te Mitarbeiterinnen sind ein No-go. Wenn man eine
fördern, fordern und überfordern genau. Meinen Sie           Behin­derung hat und eine Stelle bekommt im ersten
wirklich, Sie könnten das besser einschätzen ohne            Arbeitsmarkt, so muss man froh und dankbar sein. Und
mich? Ich habe keine Behinderung, die sich auf das           nett muss man auch sein. Menschen mit Behinderung
Denken, die Selbstwahrnehmung oder die Ausdrucks-            sollten das Arbeitsklima verbessern, sie sollten eine
fähigkeit auswirkt. Gibt es einen Grund, meine Aus-          Bereicherung darstellen für den Betrieb – vielleicht
sagen nicht ernst zu nehmen? Gibt es vielleicht ein          sogar eine Inspiration. Das hat man mir schon erzählt.
Vorurteil, das stärker ist als die reale Situation, in der   Ich höre immer wieder grossartige Geschichten von
wir sind?                                                    anderen Menschen mit Behinderungen. Dabei bin ich
                                                             doch einfach eine Arbeitnehmerin, die eine Leistung
                                                             erbringt und dafür einen Lohn bekommt. Oder?
Am Geld kann es nicht liegen
Ich weiss, welche Hilfsmittel ich benötige, damit habe
ich Erfahrung. Weshalb zögern Sie bei der Umsetzung          Ich muss weg von hier
von Massnahmen, die ich behinderungsbedingt brau-            Ich habe – ehrlich gesagt – schon an meiner Leistung
che, um meine Arbeit zu machen? Am Geld kann es              gezweifelt. Ich habe nachgerechnet, meinen Output
nicht liegen, denn Sie müssen es nicht bezahlen. Wenn        ganz genau überprüft und verglichen. Ich bin über dem
ein Rollstuhlfahrer eine Treppenstufe nicht bewälti-         Mittelfeld. Ich bin also leistungsstärker als der Durch-
gen kann, lassen Sie eine Rampe bauen – problemlos.          schnitt in unserem Betrieb. Ich habe angefangen an
Sie können das nachvollziehen. Sie sehen das Hin-            mir zu zweifeln, weil ich ständig mit dieser Skepsis
dernis, Sie finden eine Lösung, Sie können den Erfolg        konfrontiert werde. Weil man mich immer wieder für
der Massnahme selber überprüfen. Bei mir können Sie          unzulänglich erachtet. Weil man mich schont. Ich muss
nichts sehen, Sie kennen zwar meine Diagnose, aber           weg von hier. Doch wohin? Wer stellt Menschen mit
sie wissen natürlich nicht, wie es sich anfühlt. Liegt es    Behinderungen ein? Wer begegnet uns auf Augenhöhe,
demnach an der Unsichtbarkeit meiner Behinderung?            offen, vorurteilslos – einfach normal?
Dass Sie meinen Worten glauben müssten und dass nur
ich selber den Erfolg der Massnahme überprüfen kann?                       Aufgezeichnet von Barbara Imobersteg

                                                                                  handicapforum Nr. 3 | 2019       9
A ktu e l l

AmBeWo ist ein Erfolgsmodell
Roland Schneider wohnt seit vielen Jahren selbständig und mit ambulanter Begleitung. Er hat ein gutes
Konzept und das hat er im Kopf.

Roland Schneider: langweilig ist ihm nie                                                 Bild: Barbara Imobersteg

bim. «Es ist eine Frage der Einteilung», sagt Roland      könnte, wenn etwas wäre. Ein Kurzschluss zum Beispiel.
Schneider. Er wohnt nun schon seit zwanzig Jahren         Aber bislang gab es keine Pannen. Staubsaugen wird
selbständig mit AmBeWo und weiss, wie er sich am          also am Abend erledigt. Gross kochen ist nicht nötig
besten organisiert. «Staubsaugen kann ich zum Bei-        am Feierabend, denn über Mittag gibt es eine warme
spiel nicht frühmorgens vor der Arbeit, das wäre zu       Mahlzeit in der Kantine. Allerdings könnte Roland
laut für die Nachbarn», Roland Schneider schätzt ein      Schneider schon etwas Gutes auf den Tisch bringen,
gutes nachbarschaftliches Verhältnis. Er wohnt in einer   denn er hat schon Kochkurse besucht im Bildungsclub.
Überbauung mit mehreren kleinen Wohnblocks. Dass
man sich freundlich grüsst auf dem Flur ist für ihn
selbstverständlich. Er weiss auch, bei wem er ­klingeln

10            handicapforum Nr. 3 | 2019
Aktu e l l

Gut eingeteilt                                               Dranbleiben
Roland Schneider arbeitet bei der Sauter AG, Gebäude-       Roland Schneider ist vielseitig interessiert und will viel
management und Raumautomation. Konkret ist er bei            wissen und lernen. Seine Schulzeit hat er im Schul-
der Produktion von Klimaanlagen beschäftigt. Ange-          heim «zur Hoffnung» absolviert, anschliessend eine
stellt ist er aber nach wie vor bei den Band-Werkstät-     Anlehre im Bürgerspital. Seither bildet er sich selber
ten. Nachdem sich die Auftragslage für die geschützte        weiter. Zurzeit besucht er einen I-Phone-Kurs. Mit
Werkstätte verschlechtert hatte, konnten einige Mitar-       der ständigen Weiterentwicklung der elektronischen
beitende an die Sauter AG vermittelt werden. Das war       Geräte und der Software-Produkte mitzukommen, ist
eine Umstellung, aber Roland Schneider ist sehr zufrie-      eine Herausforderung. Erfolgt ein Update, sieht plötz-
den. Alle haben ganz normal reagiert und so konnte er        lich alles anders aus. Kommt ein neues System, wie
sich auch ganz normal einarbeiten. «Man muss einfach       zum Beispiel Netflix, braucht es einen Adapter. Und so
gut zuhören, dann schnallt man es auch», ist seine Er-       weiter. Roland Schneider möchte dranbleiben. Seine
fahrung. Während er in den Band-Werkstätten an der         Selbständigkeit und Unabhängigkeit sind ihm wich-
Drehbank gearbeitet hat, steht er jetzt an der Press-        tig, auch beim Wohnen. Spontan weggehen können,
maschine. Die Arbeit ist ihm wichtig, nicht nur, weil        sich nicht einer Wohngruppe anpassen müssen, das
es ihn interessiert, sondern weil er sich auch etwas        ­gefällt ihm. «Am Anfang war es komisch», erinnert sich
leisten möchte. «Ich habe noch nie Schulden gehabt»,       ­Roland Schneider. Er musste das Alleinsein lernen. Die
sagt er stolz. Damit seine Buchhaltung stimmt und alle       Wohnschule war ausgebucht, damals, als er aus dem
Rechnungen pünktlich bezahlt werden, nimmt er das           Elternhaus auszog. Er musste also selber ein Konzept
Angebot von AmBeWo in Anspruch. Alle zwei Wochen            machen – selber und mit der Hilfe seiner Eltern, seiner
kommt Alex für die Finanzen. Nicht nur die Hausarbeit,      Brüder und dem AmBeWo. «AmBeWo ist ein Erfolgs­
auch das Geld muss ja gut eingeteilt werden.                modell», ist Roland Schneider überzeugt, «nicht um-
                                                             sonst gibt es das nun schon seit 25 Jahren.»

Gute Unterhaltung
Wenn am Abend alles erledigt ist, hat Roland Schnei-       Reisen in ferne Länder
der gute Unterhaltung zur Hand: zum Beispiel Musik         «Das selbständig Wohnen ist auch günstiger als eine
und Filme. Er hört gern Oldies, aber auch Trance oder      Institution», bemerkt Roland Schneider. Er legt näm-
er schaut sich noch einen Dokumentarfilm an. «Es ist       lich möglichst viel Geld zur Seite, denn er hat eine
doch wichtig, dass man weiss, wie es ist auf der Welt»,    grosse Leidenschaft, die auch etwas kostet: Er liebt das
hält er fest. Serien und Spielfilme stehen bei ihm des-    Reisen in ferne Länder. Er erzählt von Miami, P­ anama,
halb selten auf dem Programm. Ab und zu ein Game           Vietnam und Namibia. Er weiss viel. Er hat sich mit
zur Abwechslung. Nein, langweilig ist ihm nie. Wenn        seinen Reiseländern befasst, er weiss, wo Bangkok
die Hausarbeit gut eingeteilt ist, gibt es ja auch jeden   liegt, kennt die Geschichte des Panama-Kanals, und
Tag noch etwas zu tun. Nur bügeln ist nicht seine Sache.   die der Kriegsverbrechen in Vietnam. Und er kann es
Die Hemden bringt er zur Reinigung. ­Zerknitterte Klei-    kaum fassen, wie klein die reiche Schweiz wird, wenn
der würden nicht zu ihm passen. Am Wochenende              man in die Welt hinausgeht. Das nächste Reiseziel ist
besucht er meistens seine Freundin. Auch sie wohnt         derzeit noch nicht festgelegt. Roland Schneider wartet
selbständig und die beiden sind schon seit 35 Jahren       auf die neuen Angebote von Procap-Reisen. Australien
ein Paar. Am Donnerstagabend wird gemeinsam Tisch-         wäre jedenfalls noch auf der Wunschliste ...
tennis gespielt bei Plusport. «Das ist ein guter Aus-
gleich», sagt Roland Schneider, «nichts gegen Arbeiten,
aber manchmal muss man auch abschalten und beim
Sport trifft man andere Leute.»

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A ktu e l l

Die Brückenbauerinnen
AmBeWo, die ambulante Wohnbegleitung der Stiftung Mosaik feiert ihr 25-Jahr-Jubiläum. Aus den anfäng-
lich zehn Klientinnen und Klienten sind 120 geworden. Mit AmBeWo bewältigen sie selbstbestimmt ihren
Wohnalltag. Handicapforum im Gespräch mit den beiden Co-Leiterinnen Monica Bischof und Silke Beck.

Monica Bischof und Silke Beck ermöglichen selbständiges Wohnen                                Bild: Barbara Imobersteg

Handicapforum, Barbara Imobersteg: Ein langjäh-               anspruchsvoll, sich in der Welt zu orientieren, ins-
 riger Klient von Ihnen sagte unlängst, AmBeWo                besondere in unserer schnelllebigen Zeit, in der sich
 sei ein Erfolgsmodell. Er sei rundum zufrieden mit           ständig alles verändert. Zum Beispiel einkaufen, wenn
­I hren Dienstleistungen und mit seiner Wohnsitu-             man nicht, oder nur wenig lesen kann, ist eine Heraus-
 ation. Woraus besteht das Erfolgsrezept aus Ihrer            forderung und eine grosse Anstrengung. ­Kognitive Be-
 Sicht?                                                       einträchtigungen können sich in allen Lebens­bereichen
 Monica Bischof: Was sicher entscheidend ist: dass wir        auswirken. Die Kommunikation ist auch ein grosses
 Wahlmöglichkeiten anbieten. Unsere KlientInnen kön-          Thema, da sind wir oft die Übersetzerinnen.
 nen selber über ihre Wohnform bestimmen und sich
 bei uns die notwendige Unterstützung organisieren.
 Sie sind es auch, die uns den Auftrag geben …                Wie muss man sich das konkret vorstellen? Haben
 Silke Beck: … oder auch davon absehen. Wir sind hier         Sie ein Beispiel?
 wirklich im freiwilligen Bereich. Die Freiwilligkeit ist     M.B.: Nehmen wir einen Arztbesuch. Die Klientin
 wichtig.                                                     wünscht eine Begleitung, da sie aus Erfahrung weiss,
 M.B.: Alle Mitarbeitenden bei AmBeWo sind ausgebil-          dass sie die Fragen und Mitteilungen des Arztes nur un-
 dete Sozial- oder HeilpädagogInnen. Damit können wir         zureichend versteht. Wenn wir sie begleiten, vermit-
 professionell und zielorientiert auf unsere KlientInnen      teln wir zwischen Arzt und Patientin. Wir übersetzen in
 mit ihren sehr unterschiedlichsten Bedürfnissen und          eine einfache Sprache, so dass beide Parteien lernen,
 Anforderungen eingehen.                                      sich verständlich auszudrücken. So wird nach und nach
                                                              eine direkte Verständigung möglich.
                                                              S.B.: Oder im Kleidergeschäft: Wenn ich dabei bin,
Sind denn die KlientInnen so schwierig?                       erfährt die Verkäuferin, wie sie die Kundin mit einer
S.B.: Nein. Die Schwierigkeiten ergeben sich aus den          Beeinträchtigung beraten kann und meine Klientin übt,
Einschränkungen, die sie haben. Menschen mit ein-             sich verständlich auszudrücken.
geschränkten kognitiven Fähigkeiten stossen in ver-           M.B.: Wir sind Brückenbauerinnen.
schiedenen Lebenssituationen an Grenzen. Es ist sehr

12            handicapforum Nr. 3 | 2019
Aktu e l l

Stossen Menschen mit einer kognitiven Beeinträch-          Welches sind denn die Hauptthemen in den Beglei-
tigung zuweilen auch auf Ablehnung?                        tungen?
S.B.: Ja, das kommt vor. Immer noch sind Menschen          M.B.: Es ist sehr unterschiedlich. Wir begleiten 120
mit Behinderungen vielen fremd; sie lösen deshalb          KlientInnen und sie nehmen ganz unterschiedliche
Verunsicherung und in der Folge oft auch Ablehnung         Hilfestellungen bei der Bewältigung ihres Alltags in
aus. Dass sie mitten unter den Leuten sind und überall     Anspruch – je nach ihren Voraussetzungen und ihrem
am gesellschaftlichen Leben teilhaben, ist noch nicht      sozialen Umfeld. Wir unterstützen sie bei ihrer priva-
selbstverständlich. Dieses Teilhabemodell dringt seit      ten Administration, beim Erstellen und Verwalten ihres
der Annahme der Behinderenrechts-Konvention im             Haushaltsbudgets und auch in anderen finanziellen
Jahr 2014 und dem neuen Behindertenhilfe-Gesetz            Belangen – es gilt, meist sehr knappe finanzielle Res-
der beiden Basel erst langsam ins Bewusstsein.             sourcen zu verwalten. Weitere Themen sind die Woh-
                                                           nungseinrichtung und -pflege, Nachbarschaft, soziale
                                                           Kontakte, Freizeitgestaltung, Gesundheitsfragen …
AmBeWo ist ja schon älter, ist sozusagen Pionier in
dieser Sache ...
M.B.: … man sprach vor 25 Jahren noch nicht von In-        … und bei Notfällen, haben Sie eine Hotline?
klusion, aber wir sprachen bereits von einem selbst-       S.B.: Nein, wir besprechen mit den KlientInnen, was
bestimmten und eigenverantwortlichen Leben: Auch           im Notfall zu tun wäre und geben Ihnen die üblichen
Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen sollten         Notfallnummern. Wir orientieren uns am Normalisie-
die Möglichkeit haben, ihre Wohnform selber zu wäh-        rungsprinzip. Alle Angebote der öffentlichen Infrastruk-
len. AmBeWo startete dann im Rahmen eines Pilot-           tur stehen ja auch unseren KlientInnen zur ­Verfügung
projekts der Stiftung Mosaik mit zwei Teilzeitstellen à    und sollen von ihnen genutzt werden können.
vierzig Prozent.                                           M.B.: Oft bedarf es unsererseits nur einer minimalen
                                                           Präsenz, aber es ist für die KlientInnen wichtig zu wis-
                                                           sen, dass jemand für sie da ist, wenn eine Schwierigkeit
Und jetzt?                                                 auftaucht, die sie überfordert oder verunsichert, wenn
S.B.: Heute haben wir zwölf Mitarbeitende mit insgesamt    sie beispielsweise Angst haben, dass das Geld nicht
720 Stellenprozenten und ­Leistungsvereinbarungen mit      reicht oder dass sie ihre Wohnung verlieren könnten.
den Kantonen Basel-Stadt und Basel-Landschaft.             Sie wissen, dass wir ihnen offen, wertschätzend und
                                                           vertrauensvoll begegnen.
                                                           S.B.: … und dass wir sie ermutigen! Leider machen alle
Das Erfolgsmodell ...                                      auch schlechte Erfahrungen, werden in ihren Fähigkei-
M.B.: … AmBeWo war das passende Angebot angesichts         ten verkannt oder aufgrund einer unsichtbaren Behin-
des gesellschaftlichen Wandels, wonach Menschen mit        derung falsch eingeschätzt. Sie werden immer wieder
Behinderung nicht mehr separiert und bevormundet           ausgegrenzt – auch wegen der fehlenden finanziellen
werden sollten.                                            Möglichkeiten ….
                                                           M.B.: Teilhabe muss immer wieder neu erkämpft wer-
                                                           den.
Wer sind Ihre KlientInnen und wie finden sie zu
AmBeWo?
S.B.: Wir begleiten Menschen mit kognitiven Beein-         Gibt es auch Selbsthilfe, gegenseitige Hilfe oder
trächtigungen, mit Hirnverletzungen, Aufmerksam-           Erfahrungsaustausch?
keitsstörungen, zum Teil auch mit Sinnes- und Kör-         S.B.: Ja, wir bieten einen Stammtisch an, der rege
perbehinderungen oder aus dem Autismus-Spektrum.           genutzt wird. Wir greifen immer wieder Themen auf,
Unser Angebot ist inzwischen nicht nur bei den sozia-      um sie an unseren Treffs mit allen Interessierten zu
len Institutionen und Behörden bekannt, sondern auch       besprechen.
bei den Familien und potenziellen KlientInnen. Sie         M.B.: Unser nächster Anlass, der jährliche AmBe­Wo-
erzählen von AmBeWo. Es melden sich aber nicht nur         Apéro, steht aber ganz im Zeichen unseres 25-Jahr-­
Interessierte, die sich als junge Erwachsene selbständig   Jubiläums. Da werden wir alle zusammen feiern!
machen wollen, sondern auch Personen, die es nicht
mehr gut allein schaffen, sei es aus gesundheitlichen         www.stiftungmosaik.ch ( unter AmBeWo BL/BS ),
oder sozialen Gründen.                                        Tel. 058 775 28 28 / ambewo@stiftungmosaik.ch,
                                                              Bachlettenstrasse 12 in Basel oder
                                                              Hohenrain­strasse 12C in Pratteln

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Bei träge

Geschichte wird lebendig
Das Historische Museum Basel macht ernst. Es öffnet seine drei Häuser für Menschen mit Behinderung –
angesichts der alten Bausubstanz ein anspruchsvolles Unternehmen.

Ein Monitor auf Rollstuhlhöhe, im Hintergrund die Rampe – langsam, aber sicher wird das Museum zugänglich     Bild: zVg

bim. Geschichte hautnah erleben: Das möchte das His-          dass auch er für alle Gäste besser erreichbar ist. In
torische Museum Basel vermitteln. Gilt dieses Ange-           allen drei Häusern wurde, und wird weiterhin, die Be-
bot auch für Menschen mit Behinderungen? Haben sie            leuchtung verbessert, auch die alten Gefängniszellen
Zugang zu den Gebäuden, zu den Exponaten, zu den              im Musikmuseum sollen nach und nach heller werden.
Informationen? Die Antwort heisst: mehr und mehr.             Zugänglich für alle sind sie indes (noch) nicht, für Roll-
Die drei Häuser des Historischen Museums, die Barfüs-         stühle sind sie schlicht zu schmal gebaut. Optimiert
serkirche, das Haus zum Kirschgarten sowie das Musik-         wird die Sicht nun aber auch durch das Entspiegeln
museum sind allesamt Altbauten, die sich nicht ohne           der Vitrinen und durch kontrastreiche Beschriftungen.
weiteres erschliessen lassen. Trotzdem wird nun der           Die gesamte Informationsvermittlung ist im Histori-
Zugang Schritt für Schritt ermöglicht oder verbessert.        schen Museum ein Thema geworden, und auch sie wird
                                                              Schritt für Schritt behindertengerecht gestaltet: Eine
                                                              einfachere Sprache, eine Induktionsschlaufe für Hörbe-
Schritt für Schritt behindertengerecht                        hinderte, eine zugängliche Homepage… Geplant ist die
In der Barfüsserkirche sind in diesem Jahr bereits            Darstellung aller Exponate auf der Museums-Home-
bauliche Anpassungen vorgenommen worden, um                   page, so dass man, zusätzlich zu den vorhandenen
Besucherinnen und Besuchern mit Mobilitätsbehin-              E-Guides, mit dem ­eigenen mobilen Gerät, und damit
derungen einen besseren Zugang zum erhöhten Chor              den ­individuellen, allenfalls angepassten Einstellun-
zu ­gewährleisten. Dazu wurde eine fast zwanzig Meter         gen, alle Informationen abrufen kann.
lange Rampe vor dem «Häuptergestühl» – einem
Hauptwerk der Basler Schnitzkunst aus der Spätrenais-
sance – eingebaut. Sie ermöglicht nun, das monu-              Virtueller Rundgang
mentale Werk auch aus erhöhter Perspektive und vom            Die historischen Gebäude für eine inklusive Nutzung
Rollstuhl aus zu betrachten. Der Basler Münsterschatz         umzubauen, ist herausfordernd. In der Barfüsserkirche
soll in naher Zukunft zügeln und so platziert werden,         und im Musikmuseum konnten schon einige Barrieren

14          handicapforum Nr. 3 | 2019
Beiträge

abgebaut werden. Über den Stand der Zugänglichkeit       das Mitdenken. Bei allen Angeboten, Neuerungen und
kann man sich über den «Procap-Zugangsmonitor»           Planungen werden im Historischen Museum Besuche-
unter «Lage + Anfahrt» kundig machen. Das Haus zum       rinnen und Besucher mit Behinderungen mitgedacht
Kirschgarten, Ende des 18. Jahrhunderts für den Sei-     und miteinbezogen. Dass sie ganz unterschiedliche
denbandfabrikanten Johann Rudolf Burckhardt erbaut,      Bedürfnisse haben, die sich teilweise sogar widerspre-
ist überhaupt nicht rollstuhlgängig. Mit der geplanten   chen, ist eine zusätzliche Herausforderung. Sämtliche
Sanierung ab 2021 soll aber auch hier Zugang gewähr-     Anpassungen kommen jedenfalls sowohl dem älteren
leistet werden. Zwischenzeitlich wird ein virtueller     Stamm-Publikum zugute als auch neuen Interessierten,
Rundgang erstellt. Das heisst, alle Häuser werden in     die nun erstmals auf diese Weise angesprochen wer-
3D, also dreidimensional, gescannt und sollte dann       den. Führungen für Blinde und Sehbehinderte standen
wirklichkeitsnah auf der Homepage besucht werden         schon lange auf dem Programm. Nun wird sich die Mu-
können.                                                  seumspädagogik vermehrt auch anderen Gruppierun-
                                                         gen zuwenden, sei es mit körperlichen oder kognitiven
                                                         Beeinträchtigungen. In diesem Zusammenhang wird im
Musik trotz allem                                        Musikmuseum ab November auch ein Kurs angebo-
Manuel Eichenberger, kaufmännischer Direktor des His-    ten in Kooperation mit der Musikschule «Musik trotz
torischen Museums nimmt Behindertengleichstellung        allem». Noch bis ins Jahr 2022, insgesamt vier Jahre,
ernst und folgt den gesetzlichen Vorgaben. «Für einige   läuft die Label-Partnerschaft mit «Kultur­inklusiv». Das
Probleme gibt es überraschend einfache ­Lösungen, für    historische Museum schreibt in dieser Zeit hoffentlich
andere wird es ebenso überraschend aufwändig», fasst     noch viel Geschichte zur Umsetzung inklusiver Mass-
er die bisherigen Erfahrungen zusammen. Zentral sei      nahmen.

   Das Historische Museum Basel gilt mit seinen drei Häusern als das bedeutendste kulturhistorische Museum
   am Oberrhein. Die Ausstellungen in der Barfüsserkirche vermitteln die historische Identität von Basel an
   der Schnittstelle der Kulturen der Schweiz, Deutschlands und Frankreichs. Der Basler Münsterschatz und
   die Fragmente des Basler Totentanzes zählen zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Im
   ehe­maligen St. Leonhardskloster und späteren Gefängnis befindet sich seit 2000 das Musikmuseum, das
   mit rund 3'300 Objekten über die grösste Instrumentensammlung der Schweiz verfügt. Das barocke Stadt­
   palais Haus zum Kirschgarten zeigt Basler Wohnkultur und beherbergt bedeutende Sammlungen aus den
   Bereichen Porzellan und Fayencen, Uhren und Wissenschaftliche Instrumente sowie Spiele und Spielzeug.
   www.hmb.ch

   Basiskurs Kids
   7 - 11-Jährige ( 11.10 - 12 Uhr )
   Das Musikmuseum Basel bietet in Zusammenarbeit mit «Musik trotz allem» jeweils samstags von November
   2019 bis März 2020 einen Musikkurs für Kinder und Jugendliche an
   Lokalität
   Im «Roten Saal», 3. OG ( barrierefrei ), im Musikmuseum Basel, Im Lohnhof 9, Basel
   Musikpädagogische Leitung
   Eine Lehrperson mit mehrjähriger Berufserfahrung und heil- bzw. sozialpädagogischen Zusatzwissen; nach
   Bedarf punktuelle Assistenz
   Inhalte
   Kennenlernen, Erfahren, Üben, Gestalten von musikalischen Parametern wie laut/leise, schnell / langsam
   usw. Von jeder der fünf Instrumentenfamilien ein Instrument kennenlernen und vor Ort ausprobieren, wie
   z.B. Querflöte, Violine, Xylophon, Bassgitarre, Schlagzeug und körpereigene Instrumente (Body-Percussion)
   Wer macht mit
   Alle, die gern singen und / oder ein Instrumen spielen
   Teilnahmegebühr
   CHF 280.— für elf Lektionen
   Information und Anmeldung: Babette Wackernagel Batcho, Tel. 061 271 72 72 /
   babette.wackernagel@musik-trotz-allem.ch
   www.musik-trotz-allem.ch

                                                                              handicapforum Nr. 3 | 2019       15
Bei träge

Lebenskunst
                                                             tischen Ansätze zu verorten und nachzuvollziehen oder
                                                             man kann mit der Praxis beginnen und sich direkt den
                                                             verschiedenen Fragen, Techniken und Übungen widmen.

                                                             Wie hat es Kira geschafft, mit ihren massiven körperli-
                                                             chen Einschränkungen, mit ihrem hohen Assistenzbe-
                                                             darf und mit ihren vielen Schmerzen so lebenbejahend
                                                             und auch immer wieder so lustig zu sein? Kira war kein
                                                             Engel, sie konnte auch einmal «Scheisse» sagen, wenn
                                                             es nötig war, aber sie hatte eine Kraftquelle, die ihr
                                                             mit dem Erwachsenwerden auch zunehmend b        ­ ewusst
                                                             wurde: Sie setzte auf die Liebe. Sie tankte Energie und
                                                             Lebensfreude in der liebevollen Zuwendung ihrer E­ ltern,
                                                             Geschwister und Freundinnen und sie gab selber Liebe
                                                             und Zuwendung. Sie machte dies zu ihrer Aufgabe, die
Das Buch ist ein Vermächtnis. Kira, eine mutige, kluge       sie überzeugt und verantwortungsvoll ­erfüllte. «Meiner
junge Frau von grosser innerer Lebendigkeit hat es uns       Familie meine Liebe schenken» wurde denn auch der
hinterlassen, respektive in Auftrag gegeben. Kira hatte      Titel dieses Resilienz-Buches.
einen Gendefekt und war von Geburt an schwer krank,
dadurch zunehmend behindert, angewiesen auf Me-              Resilienz, die Fähigkeit zur Belastbarkeit und inne-
dikamente und Assistenz, zum Schluss rund um die             rer Stärke ist wohl oft aus innerer Not geboren, man
Uhr. Sie war gleichwohl eine strahlende, humorvolle          kann diesen «Muskel» aber auch trainieren. Kira hat
Person, die ihr Leben selbstbestimmt in die Hand nahm        dazu ihr eigenes Diagramm entworfen, das die Seg-
und den Moment in vollen Zügen geniessen konn-               mente «Kuscheln», «Medikamente», «Ablenkung» und
te. Im Jahr 2017 ist sie im Alter von achtzehn Jahren        «Aushalten in apathischer Haltung» beinhaltet, wobei
verstorben. Eben hatte sie noch ihr Abitur gemacht,          das «Kuscheln» mehr als die Hälfte einnimmt. Stefa-
mit künstlicher Beatmung und mit Opiaten, die ihre           nie Spross hat daraus ein Resilienz-Modell abstrahiert
Schmerzen zumindest teilweise minderten. Sie wuss-           mit den Begriffen «Einbindung», «Verantwortung»,
te, dass ihr Abschied bevorstand und legte rechtzeitig       «Optimismus», und «Akzeptanz». Jedem Baustein ist
ihre Überlebensstrategien, die sie sich erarbeitet hatte,    ein Gastbeitrag zugeordnet, der auf die konkreten
bereit für die Nachwelt. Ihre Mutter sollte daraus ein       Erfahrungen und Erlebnisse der Familie Spross Bezug
«Mutmach-Buch» zusammenstellen. Zwei Jahre später            nimmt: Es berichten der Vater, der Bruder, gute Freun-
liegt es nun vor unter dem Titel «Meiner Familie meine       de, die Schulassistenz und die Ärztin. Man kann aber
Liebe schenken». Stefanie Spross hat den Wunsch ihrer        die verschiedenen thematischen Bereiche auch in der
Tochter realisiert, so, wie sie das Kind mit seinen Be-      Selbstbeobachtung und in der Zwiesprache mit sich
dürfnissen stets ernst genommen hat. Dass Kira viel zu        selbst durchgehen. Viele Fragen laden ein nachzuden-
sagen hatte zum Leben und der Kunst es zu bewälti-           ken, Neues zu entdecken und auszuprobieren. Es gibt
gen, hatte sie schon längst erkannt. Der «mutige» Weg        Platz für Notizen und viele Lesehinweise, die für die
war der Weg der Familie Spross - von Anfang an und           ­eigenen, weiteren Recherchen genutzt werden kön-
erst recht angesichts der Herausforderungen mit einem        nen. Das Mutmach-Buch inspiriert. Es verbindet Kiras
schwerkranken Kind.                                          Gefühlstiefe und Weisheit mit ihrer praktischen und
                                                             direkten Vorgehensweise, die sie uns vorgelebt hat.
«Wir haben das Negative immer mit dem Positiven ver-         Ihre «Resilienz für den Alltag» ist ein schönes und ein
 bunden», sagte Kira noch zu Lebzeiten. Es klingt ganz       besonderes Vermächtnis, das uns ihre Mutter nun in
 einfach. Das «Mutmach-Buch» ist aber alles andere           einer professionellen Weiterbearbeitung und in einer
als banal, es ist weder beschönigend noch vereinfa-           sehr ansprechenden Form zugänglich macht.
 chend, es unterhält nicht mit Binsenwahrheiten und
 es ist schon gar nicht missionarisch. Es ist ein Ange-                                        Barbara Imobersteg
 bot. Stefanie Spross hat die Strategien ihrer Tochter als
­Resilienz-Modell weiterentwickelt, das einerseits auf
 den Erkenntnissen der Resilienzforschung basiert und            Stefanie Spross:
andererseits mit den erprobten Methoden Kiras und                «Meiner Familie meine Liebe schenken»,
 ihrer Familie verknüpft ist. Man kann ihre Geschichte           Doris-Verlag, ISBN: 978-3-9810623-8-0.
 lesen, um die nachfolgenden theoretischen und prak-             Weitere Informationen: www.coaching-spross.de.

16          handicapforum Nr. 3 | 2019
Hinwei se

« Ich bin da » – Wir verbreiten Freude
                                                            «Teigwahrheiten», «Saft vo de Chueh», «ich fröi mi mit
                                                            Schwerkraft» (Schokoladenpostkarten), «Beiträge zu
                                                            Erleuchtung» (Lampendesign), «Ferie sind so toll, denn
                                                            chan ich usschlofe wi Sand am Meer» (Plakatserie)…
                                                            Viele Ideen sind bereits umgesetzt, neue überraschen-
                                                            de Motive auf den verschiedensten Produkten des All-
                                                            taglebens lassen die Herzen hüpfen und ­aktivieren die
                                                            Gehirnzellen. Unzählige weitere Entwürfe liegen noch
                                                            bereit, um Designer und Designerinnen zu i­nspirieren
                                                            und später auf den Ladentisch zu kommen.

Bettwäsche - Design                            Bild: zVg   Die KünstlerInnen von «Ich bin da» sind anders und
                                                            genau das stimmt! «Ich-bin-da» akzeptiert Menschen
                                                            mit Behinderungen nicht nur als gleichwertige Indivi-
Helena ist behindert und möchte mithelfen, Geld zu          duen, sondern hebt die Abweichung von der Norma-
 verdienen. Ihre Mutter, Veronika Kisling möchte die Öf-    lität im Sinne einer besonderen Wertschätzung hervor.
 fentlichkeit sensibilisieren und einen Beitrag zur Inte-   Das gemeinsame Ziel heisst: Wir wollen diese Produkte
 gration von behinderten Menschen leisten. Aus dieser       verkaufen. Den Gewinn möchten wir an soziale Pro-
Situation ist eine innovative Geschäftsidee entstanden:     jekte spenden. So können wir zusammen mit kogni-
Mit Plakaten, Postkarten, Produkte-Etiketten und            tiv behinderten Menschen einen wertvollen Mehrwert
­Design aus ausdrucksstarken künstlerischen Motiven         für die Gesellschaft schaffen. Die Produkte der «Ich
 und hintersinnigen Wortkreationen von Menschen mit         bin da»-KünstlerInnen eignen sich hervorragend, um
 Behinderungen springen wir an die Öffentlichkeit und       so richtig Lust auf Inklusion zu machen und den un-
 erobern den grossen Markt. Dabei machen wir ihren          schätzbar wertvollen Beitrag von Menschen mit Behin-
 unschätzbar wertvollen Beitrag an die Gesellschaft         derungen an die Gesellschaft zeigen.
 sichtbar!
                                                            Vom 19.9. bis 3.10.2019 findet im Rahmen der Eröff-
«Ich bin da» heisst das Label, das daraus entstanden        nung der Tagesklinik im REHAB Basel eine kleine Pla-
ist. Es kennzeichnet Produkte, die nach Anregung von        katausstellung statt. Zu bestaunen gibt es auch Bett-
Menschen mit einer kognitiven Behinderung entstan-          wäsche und Duschvorhänge von «Ich bin da!»
den sind und hat sich der sozialen, ökonomischen und        Eröffnung: 19.9.2019 ab 17 Uhr.
ökologischen Nachhaltigkeit verschrieben. «Ich bin da»
sucht die Zusammenarbeit mit etablierten Schweizer Fir-       http://www.ich-bin-da-produkte.ch
men, möchte den Weg in den Detailwarenhandel schaf-           Kontakt: Veronika Kisling, Telefon 061 753 71 38,
fen und dort Freude bereiten und zum Denken einladen.         info@veronikakisling.ch

   4. Disability Pride 2019
   Es sind ALLE – mit oder ohne Behinderungen, Grup-        Der gemeinnützige Verein «Disability Pride Zurich»
   pen und Einzelpersonen, ZürcherInnen und Nicht-          will erreichen, dass das Verständnis gegenüber von
   Zürcher­I nnen – herzlich dazu eingeladen, am            Menschen mit Behinderungen im Bewusstsein der
   Umzug teilzunehmen und ein Zeichen zu setzen:            Gesellschaft präsent ist / bleibt. Das Motto des fried-
   «Menschen mit Behinderungen sind Teil unserer            lichen Umzugs lautet «Menschen mit Behinderun-
   Gesellschaft!»                                           gen sind Teil unserer Gesellschaft». Der Umzug ist
                                                            ein gemütlicher Spaziergang durch die Innenstadt
   Datum Umzug: Samstag, 7. September 2019                  Zürichs und findet seit 2016 einmal pro Jahr statt.
   Besammlung: 13.30 Uhr auf dem Helvetiaplatz
                                                            Disability-pride.ch
   Die Umzugsroute 2019: Helvetiaplatz – Stauffacher­
   strasse – Werdstrasse – Sihl­brücke – Sihlstrasse –
   Bahnhofstrasse – Urania­strasse – Werdmühleplatz

                                                                                  handicapforum Nr. 3 | 2019          17
H inwei se

Ansonsten munter
                                                           ahnen. Wie eine solche «Reha» abläuft wird dafür sehr
                                                           anschaulich beschrieben. Im Zentrum stehen immer
                                                           wieder die Schicksalsgenossen, die auf derselben
                                                           Station lagen und ein Beispiel abgeben, wie unter-
                                                           schiedlich Menschen mit einer Querschnittlähmung mit
                                                           ihrer Behinderung umgehen und ihr Leben gestalten.
                                                           Fritz Vischer begegnet ihnen mit aller Offenheit, re-
                                                           flektiert seine individuelle Situation immer wieder im
                                                           Austausch mit ihnen und beobachtet genau. Er wer-
                                                           tet nicht, sondern versucht nachzuvollziehen. In der
                                                           erzwungenen Intimität in der Reha-Klinik lernt man
                                                           Menschen kennen, wie man es sonst wohl nie erlebt.
                                                           Fritz Vischer sucht dabei nach seiner Position - ge-
                                                           danklich, philosophisch, gesellschaftspolitisch, aber
                                                           auch in seiner praktischen Lebensführung. Er verfolgt
                                                           später die Lebensläufe seiner Bett- und Zimmernach-
Eine Begegnung im Rollstuhl. Die nichtbehinderte           barn und pflegt mit ihnen lebenslange Freundschaften.
Person möchte es wissen: Weshalb, was ist passiert…?
Dann entsteht diese kleine Stille, das Erschrecken, die    Fritz Vischer rehabilitiert sich gut. Er findet eine gute
Verunsicherung, die Betroffenheit. Fritz Vischer, seit     Stelle, er kann sich später auch beruflich verändern
seinem Motorradunfall Tetraplegiker, kennt diese Si-       und weiterentwickeln, er heiratet und gründet eine
tuation schon seit Jahren. Er erlöst das Gegenüber gern    Familie, er pflegt einen Freundeskreis und nimmt er-
aus der leicht beklemmenden Situation mit seinem            folgreich am gesellschaftlichen Leben teil. Aber: «Wir
Satz: «Ansonsten bin ich munter». Es ist auch diese        grübeln mehr, als wir es uns eingestehen wollen»,
Aussage, die er als Titel für sein neues Buch gewählt      muss er feststellen. «Das Bedürfnis, unsere Rücken-
hat. «Einsichten eines Rollstuhlfahrers» heisst der Un-    marksverletzung und ihre Folgen in unser Leben ein-
tertitel. Tatsächlich geht es in seiner autobiografische   zuordnen, ist stark. Alles hat seinen Sinn…» Er wird
Geschichte immer wieder um dieses Spannungsfeld            gewahr, dass er durch den Unfall die Gelegenheit er-
zwischen der Betroffenheit – seiner eigenen Betrof-        hielt, Versäumtes nachzuholen und Neues zu lernen.
fenheit – und dem «ansonsten». Sein Leben, das nach        Er verklärt es nicht als Geschenk, sondern sieht es als
dem folgenreichen Unfall weitergeht mit Beruf, Familie,    Folge, die auch mit vielen Anstrengungen verbunden
Freunden, Kultur und Reisen und der Neu­orientierung,      ist. «Wir müssen uns neu einrichten… Wir müssen uns
die unumgänglich ist. Sie ist nicht einmalig und sie       neu erfinden. Am besten geht das, wenn wir uns in
ist auch nach der offiziellen Rehabilitationszeit nicht    Frage stellen, uns neu einschätzen versuchen und über
abgeschlossen. Fritz Vischer schildert eindrücklich, wie   uns lachen können». Je näher Fritz Vischer Geschich-
er sich immer wieder neu zurechtfinden muss. Seine          te der Gegenwart kommt, desto nachdenklicher und
Auseinandersetzung mit seinem behinderungsbeding-          ­differenzierter werden die Inhalte und desto spürbarer
ten Anderssein, mit seinen Möglichkeiten und Gren-          wird die Gefühlswelt. Der Blues wird erwähnt als zeit-
zen, mit den gesundheitlichen Schwankungen und              weiser Weggefährte, aber auch als Lied der Menschen,
dem älter werden gehen immer weiter. Der Autor lässt        die «ansonsten munter» sind.
seine Leserinnen und Leser teilhaben, zeigt auf, mit
wie vielen Fragen und Herausforderungen das Leben                                            Barbara Imobersteg
im Rollstuhl verbunden ist, verflicht diese aber immer
wieder mit der Munterkeit, mit Witz und teils etwas            Fritz Vischer «Ansonsten munter» erschienen 2019
bissiger Ironie, mit seinem Humor, der jedenfalls ein          im Zytglogge-Verlag
Stück Lebenskunst ausmacht.

1977 kam Fritz Vischer nach seinem Unfall in das da-
malige PZ, Paraplegikerzentrum, unter der Leitung von
Guido Zäch. Die Erinnerung an diese Zeit sind locker
flockig formuliert. Viel Situationskomik, der manchmal
absurd anmutende Klinik-Alltag, die mehr oder wenige
kompetente Fachwelt. Der Schock und die Verzweiflung
des Patienten in den ersten Monaten lässt sich nur er-

18       handicapforum Nr. 3 | 2019
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