Impfstart ff 8 - MARIEN ff KONKRET - Marien Gesellschaft

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Impfstart ff 8 - MARIEN ff KONKRET - Marien Gesellschaft
Magazin
                                                       Frühling 2021
                                                             Nr. 101

                                MARIEN
                              ⁄ KONKRET

Impfstart ⁄                              8

34 GESUNDHEIT           28 ENTWICKLUNG       20 GESCHICHTE

Freiwilliger Verzicht   Platz schaffen       Deo Gratias – Buch
in der Fastenzeit       am Kampen            über die Eremitage

                                                      MARIEN ∕ KONKRE T Nr. 101   _ 1
Impfstart ff 8 - MARIEN ff KONKRET - Marien Gesellschaft
I N H A LT      —

                                                                                                       ∕     KO N K R E T
                                                                                                       4     Frühling

                                                                                                       ∕     M A I L B OX
                                                                                                       6     Kurznachrichten

                                                           22
                                                                                                       ∕     SCHWERPUNKT
                                                                                                       8     Kleiner Piks, große Hoffnung
                                                                                                      11     Ruckelstart im Krankenhaus
                                                                                                      12     Ein Piks gegen Krebs
                                                                                                      14     Auf die Kuh gekommen

                                                                                                       ∕     I N N O VAT I O N
                                                                                                      18     Künstliche Intelligenz im OP

                                                                                                       ∕     E N T W I C K LU N G
                                                                                                      28     Platz schaffen
                                                                                                      30     Neue Praxis für Orthopädie eröffnet

                                                                                                       ∕     GESCHICHTE
                                                                                                      20     Deo Gratias!

                                                                                                       ∕     GESUNDHEIT
                                                                                                      22     Häppchenweise Tumorzellen abtöten
                                                                                                      24     Tickende Zeitbombe

                                                                  8
                                                                                                      34     Freiwilliger Verzicht
                                                                                                      42     Keine Chance der Frühjahrsmüdigkeit

                                                                                                       ∕     TA L E N T S
                                                                                                      32     Fotografin & Pflegerin Sylwia Sobczyk

                                                                                                       ∕     PA N O R A M A
                                                                                                      16     Apotheke
                                                                                                      26     Fitte Firma
                                                                                                      36     Ostern – der höchste Feiertag
                                                                                                      40     Rätsel
                                                                                                      43     Frühlings-Impressionen

                                   18                                                                            Großes
                                                                                                                             Preisrä
                                                                                                                      auf Seit
                                                                                                                                    tsel
                                                                                                                                 e 40
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                                                                                                                           nen ie
                                                                                                                                S
                                                                                                                 Gewin               spreis
                                                                                                                   b e r r a schung
                                                                                                                 Ü

Impressum

Herausgeber: Marien Gesellschaft Siegen gGmbH, Kampenstraße 51, 57072 Siegen,                              Leserbriefe, Bildbeiträge und Anmerkungen an die Redaktion „MARIEN KONKRET“
Siegen - HRB 3188, USt.-IdNr.: DE176257881                                                                 adressieren. Die Redaktion behält sich die Veröffentlichung und Kürzungen einge-
Hauptgeschäftsführer: Hans-Jürgen Winkelmann                                                               reichter Unterlagen vor. Beiträge für die MARIEN KONKRET Nr. 102 können bis zum
Verwaltungsdirektor/Prokurist: Hubert Berschauer                                                           15. Mai 2021 eingereicht werden.
Vorsitzender des Verwaltungsrats: Bruno Sting
Kommunikation & Marketing: Dr. Christian Stoffers (V.i.S.d.P.), Alexandra Netzer und Charlotte Rieb        MARIEN KONKRET Nr. 101, März – Mai 2021, ISSN 1863-9356
Druck: Wilke Druckerei, Hilchenbach
Satz & Layout: Alexandra Netzer
Redaktionsbeirat: Martina Auffenberg
Bildnachweis: Fotolia, Adobe Stock, Kai Osthoff, Morgenthal Fotografie, Sylwia Sobczyk,
Martina Auffenberg, Hans Blossey, Kay-Helge Hercher, Titelbild: © myboys.me | Adobe Stock
Impfstart ff 8 - MARIEN ff KONKRET - Marien Gesellschaft
E D I TO R I A L    —

Sehr verehrte Damen und Herren,
liebe Leserinnen und Leser.

die volle Wucht der zweiten Pandemie-Welle und nun eine beginnende weitere
Welle hat auch unsere Marien Gesellschaft erreicht: Zahlreiche stationär be-
handlungsbedürftige Erkrankte, Kapazitätsengpässe, Ausbruchsgeschehen
in einer unserer Pflegeeinrichtungen und aktuell die rasend schnelle Ausbrei-
tung der britischen Virus-Mutation mit Belegungsstopp und Besuchsverbot in
unserem St. Marien-Krankenhaus. Uns und allen anderen Krankenhäusern in
Deutschland wird seit fast einem Jahr alles abverlangt, um das Geschehen in
den Griff zu bekommen.

Auch wirtschaftlich sind die Krankenhäuser im Würgegriff der Pandemie: Fast 20% Fallzahlrückgang in den
Krankenhäusern NRW’s und geschätzte Einnahmendefizite von 370 Mio. EURO. Zahlen, die noch vor einem
Jahr als unvorstellbar galten. Von den außerordentlichen Belastungen der Mitarbeitenden in Medizin und
Pflege ganz zu schweigen. Bis Ende September letzten Jahres haben es Bund und Land ganz gut verstanden,
den Rettungsschirm für die Krankenhäuser und Pflegeheime so aufzuspannen, dass obige Verwerfungen
einigermaßen kompensiert werden konnten.

Umso frustrierender ist das derzeitige politische Geschehen. Die Mängel einer politischen Zentralverwal-
tung ohne Krisenerfahrung haben wir alle ja bereits im letzten Jahr im Bereich der persönlichen Schutz-
ausrüstung und der Desinfektionsmittel feststellen dürfen. Gut, dass wir uns an dieser Stelle durch große
Umsicht aller Beteiligten selbst helfen konnten. Dort wo diese Selbsthilfe in der Folgezeit nicht mehr möglich
war, ist aber das Versagen besonders deutlich geworden. Insbesondere die beschämend-bürokratisierte Or-
ganisation des viel zu langsamen Impfprozesses in Deutschland eignet sich als schmerzhafter Beleg hierfür.

Als ob dies nicht schon genug wäre, müssen wir aktuell hinnehmen, dass politisch den Krankenhäusern seit
November erhebliche Einschnitte der Rettungsschirmmittel zugemutet werden und, dass in den Pflegeein-
richtungen die vorhandenen Belegungsrückgänge nicht mehr Gegenstand von Ausgleichszahlungen sein
sollen. Ausgerechnet in den Phasen der größten Anspannungen durch zweite und beginnende dritte Welle
der Pandemie. Da drängt sich der Verdacht auf, dass momentan andere Kräfte am Werk sind. Wer die Pan-
demie allerdings missbraucht, um eine „kalte“ Strukturbereinigung in der Krankenhauslandschaft zu errei-
chen, handelt in höchstem Maße verantwortungslos!

Die Appelle von uns allen, von den Krankenhausgesellschaften, von den Spitzenverbänden, den Ärztekam-
mern und vielen anderen sind deshalb eindeutig und klar: Die Verantwortlichen in der Politik dürfen uns
jetzt nicht im Regen stehen lassen. Wir brauchen eine solide Kalkulationsgrundlage für das gesamte Jahr
2021, für die Krankenhäuser, die Pflegeeinrichtungen, die ambulanten Leistungen der MVZ-Praxen und der
Rehabilitation. Die Notwendigkeit, das Beste zur Behandlung von COVID-19-Erkrankten zu geben bzw. die
Ausbreitung des Virus zu verhindern darf nicht gebremst sein durch ökonomische Zwänge, mit dem Ziel das
Überleben von Einrichtungen zu sichern!

Abschließen möchte ich mit einem großen Dank an unsere über 2.200 Mitarbeitenden: Sie alle sind es, die
mit Tatkraft, Entschlossenheit und hoher Kompetenz mit uns durch diese Krise gegangen sind und weiter
gehen. Bisher haben wir es hervorragend gemeistert und wir werden in absehbarer Zeit einmal stolz auf
das zurückblicken können, was uns diese schwierige Zeit hinterlassen hat: Die Gewissheit, gemeinsam als
„Marien-Familie“ etwas bisher nicht Vorstellbares leisten zu können.

Ihnen und Ihren Familien ein guten Start in den Frühling und eine gesegnete und lebendige Osterzeit.

Es grüßt Sie herzlich

Hans-Jürgen Winkelmann
Hauptgeschäftsführer

                                                                                           MARIEN ∕ KONKRE T Nr. 101   _ 3
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KO N K R E T    —

                                             ∕ Bald ist er endlich da: der Frühling. Doch oft weiß
                                             er gerade im April nicht, was er will. Mal beschert er
                                             uns tagelang kühles, feuchtes, windiges "Sauwetter",
                                             und am nächsten Tag den schönsten Siegerländer
                                             Sonnenschein – der häufige Wechsel macht insbe-
                                             sondere Wetterfühligen zu schaffen. Sie klagen über
                                             Kopfschmerzen, Stimmungsschwankungen und
                                             rheumatische Beschwerden wie Gelenk-, Glieder-
                                             und Rückenschmerzen. Wer partout nicht aus dem
                                             Tief kommt, sollte sich viel an der frischen Luft
                                             bewegen und seinen Körper immer wieder verschie-
                                             denen Wetter-Reizen aussetzen, sich gesund
                                             ernähren und auf Alkohol und Nikotin verzichten.
© New Africa | Adobe Stock

                             4 _ MARIEN ∕ KONKRE T Nr. 101
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Frühling
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M A I L B OX    —

                                         100.000 Masken

Altweiber

                                                                                                                      © Syoma | Adobe Stock
   ⁄ Es gibt einfach Dinge, die kann
man einfach nicht aufs nächste Jahr
verschieben. So kostümierten sich
an Altweiber Mitarbeitende im Ma-
rien Hospiz Louise von Marillac, um         ⁄ Seit dem 25.01.2021 gilt in Nordrhein-Westfalen die neue Coronaschutz-Ver-
den Gästen eine besondere Freude         ordnung mit verschärften Regeln und Einschränkungen. Auch das Tragen von
zu bereiten. Im Bild: Genesia Meis-      medizinischen Masken (z.B. OP- oder FFP2-Masken) ist seitdem in bestimmten
winkel besucht vollkommen Coro-          Bereichen, etwa in öffentlichen Verkehrsmitteln, beim Einkauf in Geschäften, in
na-konform die schwerstkranken           Arztpraxen oder bei Gottesdiensten, Pflicht. Dass die Beschaffung von medizini-
Menschen in ihren Zimmern.               schen Masken für den Privatgebrauch für Mitarbeitende und deren Angehörige
                                         ein mögliches Problem darstellen kann, wissen die Verantwortlichen der Mari-
                                         en Gesellschaft Siegen. Um ein kleines Zeichen der Unterstützung für die aktuell
Entwarnung                               schwierige Situation zu setzen, schenkt das Siegener Gesundheitsunternehmen
                                         allen der über 2.000 Mitarbeitenden für den Privatgebrauch je ein Päckchen
    ⁄ Alle Bewohner in Haus St. Klara    mit 50 Masken.
wurden Mitte Februar negativ getes-
tet. Sie dürfen seit Aschermittwoch
wieder Besuche empfangen. Zwei
Monate galt das wegen eines Coro-
na-Ausbruchs verhängte Besuchsver-
                                           Dreharbeiten
bot. „Das lange Warten auf ein Wie-           ⁄ Im Netpher Haus St. Elisabeth fanden im Februar Dreharbeiten für eine
dersehen der lieben Angehörigen            Reportage zur Pflege unter Pandemiebedingungen statt. Höhepunkt und zu-
hat damit ein Ende“, so Heimleiterin       gleich Abschluss des Drehs war der zweite Impfgang in der von Heimleiterin
Bianca Böttcher. Es war eine bange         Christiana Fahl geleiteten Einrichtung. Die Reportage "Wie klappt es nun
Zeit mit vielen schweren Momenten,         mit dem Impfen? – Unterwegs im Westen" von Fritz Sprengart wird am
die ihr Team mit viel Empathie und         8. März 2021 um 22.15 Uhr im WDR Fernsehen ausgestrahlt.
Menschlichkeit gemeistert hat. „Un-
ser Dank gilt den vielen Unterstützern
und, allen voran, den Mitarbeitenden
des Gesundheitsamts für ihren wert-
vollen Dienst“, so Böttcher weiter. Am
Karnevalsdienstag fand übrigens der
zweite Impfgang in der Einrichtung
statt – mit speziellen Berlinern.

6 _ MARIEN ∕ KONKRE T Nr. 101
Impfstart ff 8 - MARIEN ff KONKRET - Marien Gesellschaft
Neujahrsbaby
                                             ⁄ Felix Minh Tâm Figelius, 3333
                                          Gramm leicht und 55 Zentimeter lang,
                                          wurde in den frühen Morgenstunden
                                          am Neujahrstag geboren. Und zwar
                                          um 1.44 Uhr in der Geburtshilfe des
                                          St. Marien-Krankenhauses. Wenige
                                          Stunden später strahlten Mama Tran
                                          Thi Van Cam und Papa Michael Fige-
                                          lius in die Kamera: „Besser kann man
                                          in diesen Zeiten nicht ins neue Jahr
Führung                                   starten“, so die glücklichen Eltern aus
                                          Siegen. Felix war das erst Baby, das
   ⁄ Chefärzte üben eine überaus an-      2021 das Licht der Welt in Siegen er-
spruchsvolle Führungsrolle in Klini-      blickte.
ken aus. Als gesichert kann gelten,
dass die Ansprüche an das leiten-
                                                                                    Spiegelbilder
de medizinische Personal auch nach
dem Überwinden der Corona-Krise                                                        ⁄ Seit zwölf Monaten veröf-
weiter steigen werden. In diesem Zu-                                                fentlicht Martina Auffenberg
sammenhang hat Prof. Dr. med. Diet-                                                 in reger Folge überaus ein-
mar Stephan gemeinsam mit Co-Au-                                                    drucksvolle Naturaufnahmen
tor Thomas Röhrßen das absolut                                                      in der Westfalenpost. Anfang
lesenswerte Buch „Leadership-Per-                                                   2021 gelang ihr ein bemer-
formance“ bei MWV Berlin herausge-                                                  kenswerter Schnappschuss
geben, das im Februar erschienen ist.                                               auf der Rückseite des St. Ma-
                                                                                    rien-Krankenhauses. Auch in
                                                                                    dieser Konkret finden sich
                                                                                    wieder Aufnahmen von ihr
                                                                                    mit jahreszeitlichen Bezug:
                                                                                    Frühling ist‘s!

                                                                                    Sternsinger
Tombola fürs Hospiz                                                                    ⁄ Die Sternsinger der be-
   ⁄ Die Mitarbeitenden der Klinikservice Siegerland GmbH, die die gemeinsame       nachbarten Gemeinde St. Jo-
Zentralküche der Marien Gesellschaft Siegen und des Kreisklinikum Siegen be-        hannes der Täufer hatten sich
treibt, haben eine Tombola zu Gunsten des Marien Hospiz Louise von Marillac ver-    auf den Weg gemacht, dem St.
anstaltet. Neben Sachpreisen, Einkaufsgutscheinen und allerlei Kulinarischem        Marien-Krankenhaus, seinen
gab es als Hauptpreis einen Fernseher zu gewinnen. Der komplette Erlös der          Mitarbeitenden, den Patien-
Tombola in Höhe von 1.013 Euro wurde an das Hospiz übergeben. „Wir sind             ten sowie den Besuchern den
immer wieder begeistert über so viel Hilfsbereitschaft und Unterstützung. Wir       traditionellen Segen „Chris-
sind sehr dankbar über jede einzelne Spende“, so Juliane Schneider, Leiterin des    tus Mansionem Benedicat“
Hospizes auf der Eremitage. Hospizeinrichtungen in Deutschland müssen einen         (Christus segne dieses Haus)
Anteil von 5% ihrer Betriebskosten über Spenden und Sponsoring finanzieren,         zu schenken – natürlich ganz
so dass sie dauerhaft auf zusätzliche Unterstützung angewiesen sind. Nur so         Corona-konform.
kann die Arbeit in den Hospizen gesichert werden.

                                                                                             MARIEN ∕ KONKRE T Nr. 101   _ 7
Impfstart ff 8 - MARIEN ff KONKRET - Marien Gesellschaft
SCHWERPUNKT              —

Kleiner Piks,
große Hoffnung
– Impfstart im Marienheim in Siegen-Weidenau

A
     ls am Sonntag unmittelbar nach Weihnachten          mand. Schnell wurde gerechnet: 23 mal 5 gleich 115
     die Glocken der St.-Josefskirche kraftvoll zum      – das wird knapp. Das im Vorfeld so heiß diskutierte
     Gottesdienst riefen, hatten die ersten 20 Bewoh-    Thema Kühlung ist unterdessen längst nicht mehr so
ner des Marienheims in Weidenau schon ihre Coro-         brisant. Fünf Tage, so Dr. Gehrke, überstehe das Se-
na-Impfung erhalten. Manche erschienen mit ihrem         rum auch bei gemäßigten Temperaturen. Selbst bei
Rollator sogar vor dem Frühstück am Impfraum im          Zimmertemperatur kann es eine Zeitlang liegenblei-
Erdgeschoss: „Dann habe ich es hinter mir!“ so ein       ben.
Senior.                                                      Ein Fläschchen enthält 0,55 Milliliter Impf-
   Heimleiter Jörg Boenig organisierte die größte        stoff. Zugefügt werden müssen 1,8 Milliliter Koch-
Impfaktion, die das Heim je gesehen hat, mit Ruhe        salzlösung. Und dann kommt es auf den richtigen
und Übersicht: 116 Bewohner und Mitarbeiter galt         Schwung an. Dr. Gero von Fircks erklärt: „Man darf
es zu impfen. Weit über 90 Prozent der Bewohner          nicht schütteln und nicht rühren. Locker aus dem
hatten zuvor ihre Zustimmung für den „Piks gegen         Handgelenk hin- und herbewegen muss man das
Corona“ gegeben. „Das ist eine tolle Quote, damit        Fläschchen. Zehnmal vor dem Zufügen der Koch-
hatten wir nicht gerechnet“, freute sich Boenig ge-      salzlösung, zehnmal danach.“
genüber der Siegener Zeitung. Beigetragen zur gro-           Dann wird mit der Kanüle die Impfdosis aus dem
ßen Impfbereitschaft hat sicher eine intensive Auf-      Fläschchen gezogen. Alles streng aseptisch. 0,3 Mil-
klärung – auch der Angehörigen.                          liliter werden gespritzt. Aus einem Fläschchen von
   Um 6.30 Uhr am Sonntagmorgen fuhr der Klein-          2,35 Millilitern können rechnerisch also sieben
transporter vor dem Marienheim vor, der die wert-        Impfdosen gewonnen werden. Der Hersteller er-
volle Fracht geladen hatte. Eine Transportkiste –        laubte zu dem Zeitpunkt in Deutschland aber nur
ähnlich wie ein Pizzakarton – wurde ausgeladen.          fünf Portionen – eine zweistellige Zahl an Impfdosen
Dr. Thomas Gehrke, Leiter des Impfzentrums Sie-          hätten vernichtet werden müssen. Dr. Klock: „Wir
gen-Wittgenstein, und die Heimärzte Dr. Florian          hoffen darauf, dass bald wenigstens sechs Tranchen
Becher und Dr. Michael Klock nahmen die Kiste in         genehmigt werden.“
Empfang. Gekommen war auch Kreisvertrauensapo-               Erika Löwer (95) wurde dann als erste an diesem
theker Dr. Gero von Fircks, denn so ganz einfach ist     Morgen geimpft; später stellte es sich heraus, dass
die Handhabung des Impfstoffs nicht, und am ersten       sie auch die erste in ganz Nordrhein-Westfalen war.
Impftag wollten alle Beteiligten alles richtig machen.   Sie wusste genau, dass sie in drei Wochen noch ein-
   Immerhin enthält die Transportkiste nicht nur die     mal dran ist. Dann nämlich sollen die Abwehrkräf-
Fläschchen mit dem Serum, sondern auch die Sprit-        te mit einer zweiten Dosis Impfstoff so richtig auf
zen und Kanülen sowie die Kochsalzlösung, mit der        Trab gebracht werden. Mindestens 21 und höchs-
der Impfstoff aufbereitet werden muss. Die Anzahl        tens 28 Tage dürfen zwischen der ersten und der
der Fläschchen war eine Überraschung. Gerechnet          zweiten Impfung liegen. Was passiert, wenn jemand
hatte man mit 24. Warum eines fehlte, weiß nie-          in der betreffenden Woche einen heftigen Infekt hat?

8 _ MARIEN ∕ KONKRE T Nr. 101
Impfstart ff 8 - MARIEN ff KONKRET - Marien Gesellschaft
MARIEN ∕ KONKRE T Nr. 101   _ 9
Impfstart ff 8 - MARIEN ff KONKRET - Marien Gesellschaft
SCHWERPUNKT             —

Dr. Gehrke: „Dann geht es nicht, dann                                Bis Jörg Boenig wirklich aufatmen
ist die erste Impfung leider verloren.                            konnte, vergingen dann vier Wochen:
Aber wir gehen heute davon aus, dass                              Erst nach der zweiten Impfung Mitte
ein leichter Infekt kein Hinderungs-                              Januar und einer weiteren Woche wa-
grund für die Impfung ist.“                                       ren die hochbetagten Bewohner, de-
   Im Marienheim ging es dann Schlag                              nen eine Infektion mit dem Coronavi-

                                                  „
auf Schlag. Die Bewohner gaben sich                               rus so sehr zusetzen würde, geschützt.
die Klinke in die Hand. Ein kurzes Ge-                            Als eine der ersten wieder dabei: Eri-
spräch mit dem Arzt, die Unterlagen                               ka Löwer – wie alle anderen Geimpf-
werden gesichtet, dann kommt der                                  ten im Marienheim wohlauf. ⁄
Piks in den Oberarmmuskel. Auch Be-
wohner mit Blutgerinnungsstörung
werden geimpft. Die Kanüle ist recht     In vier Wochen
dünn, da ist die Gefahr von Blutungen
gering. „Feste drücken!“, gab Dr. Be-
                                           können wir
cher seinen Patienten mit auf den Weg.      aufatmen.

                                                  “
Wer geimpft ist, darf gleich wieder in
sein Zimmer. Eine Viertelstunde lang
schauen die Altenpflegerinnen genau-
er nach den Impflingen. Aber niemand
                                            JÖRG BOENIG
zeigt kritische Reaktionen.
   Kurz nach 15 Uhr ist es geschafft.     Heimleiter Marienheim
Das Impfteam hat 89 Bewohner und
16 Mitarbeiter des Marienheims
geimpft. Zehn Portionen des Serums
liegen noch im Kühlschrank für die
Bewohner, die sich am Sonntag nicht
wohl gefühlt hatten oder die in den
nächsten Tagen aus dem Krankenhaus
zurückkehren würden.

      � Herdenschutz ist
      das Ziel                                                                  Impfdosen werden von Dr. Michael Kock vorbereitet

      Auch in den weiteren Seniorenzentren
      von Marien Pflege wurden Bewohner und
      Mitarbeiter ab Dezember mit der Coro-
      na-Schutzimpfung versorgt. "Herden-
      schutz" besteht somit seit Ende Februar
      für die besonders gefährdete Altersgrup-
      pe in den Einrichtungen in den Kreisen
      Siegen-Wittgenstein und Altenkirchen.
      Die Einrichtungsleitungen können damit
      nach zwölf Monaten der Anspannung
      erstmals ein wenig aufatmen. Ein großes
      Dankeschön gilt allen Helferinnen und
      Helfern, die das Impfen so tatkräftig un-
      terstützt haben.

                                                                                                 Erika Löwer wird als erste geimpft

10 _ MARIEN ∕ KONKRE T Nr. 101
Ruckelstart im
Krankenhaus

G
      ut drei Wochen nach dem Start der Impfungen
      gegen das Corona-Virus im Marienheim starte-
      ten auch die Krankenhäuser in Nordrhein-West-
falen damit, ihre Belegschaft zu impfen. Im Fokus
stehen dabei erstmal Mitarbeiter, die in engem Kon-
takt mit Corona-Patienten stehen und somit einem         Lieferung des Impfstoffes aus der Apotheke des St. Marien-Krankenhauses
höheren Risiko ausgesetzt sind. Was niemand ahnte,
als am 18. Januar um 12.32 Uhr Anas Almasri von
der Intensivstation die erste Impfung im St. Mari-
en-Krankenhaus Siegen erhielt, war der unvermit-
telt einsetzende Impfstopp zwei Tage später.
   Insgesamt hatten sich gut 950 der rund 1300 Mit-
arbeiter des St. Marien-Krankenhauses Siegen für
die Impfung angemeldet. Macht einen Anteil von
über 70 Prozent, von denen gut ein Drittel in die ers-
te Phase der Impfung gefallen wäre. „Es ist eine gute
Botschaft, dass so viele Mitarbeiter von der Imp-
fung überzeugt sind“, erklärt Hauptgeschäftsführer       Vor jeder Impfung gibt es ein Aufklärungsgespräch
Hans-Jürgen Winkelmann, der zudem hofft, dass
sich nach und nach auch weitere Mitarbeiter für eine
Impfung entscheiden werden. Doch war nach zwei
Tagen und gut 170 Impfungen zunächst Schluss. Die
Emotionen kochten dann natürlich hoch.
   Das Impfprogramm konnte erst zwei Wochen spä-
ter wieder aufgenommen werden. Etwa 700 Mitar-
beiter des Krankenhauses konnten dann den kleinen
Piks erhalten. Bis weit in den Februar hinein war
jedoch nicht absehbar, bis wann „Herdenschutz“ im
Marien erreicht sein wird. ⁄
                                                         Fertige Impfdosen

                                                                                                  MARIEN ∕ KONKRE T Nr. 101   _ 11
SCHWERPUNKT             —

           Ein Piks
           gegen
           Krebs

                                                A
                                                     ktuell dominiert das Thema „Corona-Schutz-
                                                     impfung“ die Debatte, doch gibt es neben dem
                                                     95-prozentigen Impfschutz von Biontech eine
                                                Erfolgsgeschichte zu erzählen, die etwa 15 Jahre
      � Heilungschancen                         weit zurückreicht: die Impfung gegen Humane Papil-

      schwinden mit der
                                                lomviren (HPV). Seit dieser Zeit sollen sich Teenager-
                                                innen zwischen 12 und 17 Jahren impfen lassen.

      Zeit                                         Denn mit dem „Piks“ kann verhindert werden,
                                                dass sich die jungen Frauen später beim Geschlechts-
                                                verkehr mit als krebsverursachend geltenden Viren
      Das Stadium der Erkrankung ist beson-     infizieren. Einige Humane Papillomviren sind näm-
      ders wichtig, wenn es um die Entschei-    lich die häufigsten Auslöser für Krebserkrankun-
      dung darüber geht, wie behandelt wird.    gen wie am Gebärmutterhals oder deren Vorstufen.
      Vorstufen des Gebärmutterhalskrebs las-   Auch Genitalwarzen werden von ihnen hervorgeru-
      sen sich ohne Folgewirkung behandeln.     fen, die in manchen Fällen zu Entzündungen und
      Dies gilt auch für das Frühstadium der    weiteren Gewebeveränderungen führen können. In
      eigentlichen Erkrankung. Hier reicht es   anderen Ländern wie England oder Australien wird
      aus, die veränderten Zellen durch eine    die Impfung bei 80 bis 90 Prozent der Mädchen im
      sogenannte Konisation vollständig zu      entsprechenden Alter bereits angewandt.
      entfernen. Hierunter versteht man einen      Der Vorteil der Impfung liegt also darin begrün-
      operativen Eingriff am Muttermund, der    det, dass mit ihr die Vorstufen der mit Humane Pa-
      auch ambulant durchgeführt werden         pillomviren assoziierten Krankheiten verhindert
      kann. Unbehandelt schwinden die Hei-      werden können. Ob die Fälle von Gebärmutterhals-
      lungschancen mit zunehmender Tumor-       krebs dadurch ebenfalls zurückgehen, ist noch nicht
      größe. Der Eingriff wird dann immer       abschließend gesichert. Das liegt daran, dass es bis
      schwerwiegender.                          zur Entstehung der bösartigen Erkrankung mindes-
                                                tens 15 Jahre dauert und demzufolge erst in den he-
                                                rangebrochenen 2020er Jahren mit einer Wirkung

12 _ MARIEN ∕ KONKRE T Nr. 101
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                                                                                                                      Weltweit ist Gebärmutterhalskrebs
                                                                                                                      der zweithäufigste bösartige
                                                                                                                      Tumor bei Frauen, daher ist die
                                                                                                                      Vorsorge immens wichtig. Eine
                                                                                                                      der häufigsten Ursachen ist eine
                                                                                                                      Infektion mit bestimmten Typen
                                                                                                                      des sogenannten Humanen
                                                                                                                      Papillomvirus, der sich meist nicht
                                                                                                                      bemerkbar macht. Häufig bleibt
                                                                                                                      der entstehende Krebs unbemerkt,
                                                                                                                      da anfänglich keine Beschwer-
                                                                                                                      den auftreten und die ersten
                                                                                                                      Symptome erst dann auftreten,
                                                                                                                      wenn die Erkrankung schon weit
                                                                                                                      vorangeschritten ist. Daher ist
                                                                                                                      es enorm wichtig, ab dem Alter
                                                                                 © RFBSIP | Adobe Stock
                                                                                                                      von 20 Jahren eine regelmäßige
                                                                                                                      Krebsvorsorge beim Frauenarzt
                                                                                                                      wahrzunehmen.

zu rechnen ist. Doch kann schon jetzt davon                                                               gesetzten Präparate immunisieren nicht ge-
ausgegangen werden, dass es bei weniger                                                                   gen alle Typen der Humanen Papillomviren.
Vorstufen, auch dementsprechend weniger                                                                   Wie bei der Wirksamkeit des Biontech-Impf-
Gebärmutterhalskrebs gibt. Und dies bei ei-                                                               stoffs gegenüber Corona-Mutationen lässt
ner Erkrankung, die weltweit die zweithäu-                                                                sich jedoch sagen, dass er zumindest ein
figste Krebsart bei Frauen ist.                                                                           wirksames Instrument für sehr relevante
   Natürlich gibt es auch Unsicherheiten,                                                                 Typen darstellt.
und Kritiker bemängeln, wie bei der aktu-                                                                    Der Nutzen der Impfung muss also durch
ellen Corona-Impfdebatte, die Impfung sei                                                                 begleitende Studien und medizinische For-
noch nicht ausreichend erforscht für den                                                                  schung fortdauernd bewertet werden. Da-
prophylaktischen Einsatz bei allen jungen              D R . M E D.                                       rin sind sich sowohl Impfbefürworter als
Frauen. Und freilich sind mittlerweile auch         BADRIG MELEKIAN                                       auch Impfkritiker immerhin einig. Doch ist
Nebenwirkungen bekannt, die in Einzel-                Chefarzt der Klinik für                             ein „Piks“ zur Abwendung einer schwer-
fällen dramatisch sein können. Schließlich        Gynäkologie und Geburts-                                wiegenden Erkrankung eine sehr zuver-
bietet die Schutzimpfung keine Garantie,          hilfe im St. Marien-Kranken-                            sichtlich stimmende Entwicklung. ⁄
nicht an Krebs zu erkranken, denn die ein-                 haus Siegen
                                                                                                                                                                © Naeblys | Adobe Stock

                           Humane Papillomviren

                                                                                                                             MARIEN ∕ KONKRE T Nr. 101   _ 13
SCHWERPUNKT             —

                 Auf die Kuh
                 gekommen
                 Die Entwicklung des ersten Impfstoffes

                I
                   mpfen war in der „DDR“ Staatsangelegenheit und
                   nicht zuletzt Mittel der Politik: Die durchgeimpf-
                   te und gesunde Bevölkerung sollte die Überlegen-
                 heit des sozialistischen Systems zeigen. So muss-
                 ten die Bürger jenseits des Todesstreifens bis zum
                 18. Lebensjahr eine ganze Reihe von Pflichtimpfun-
                 gen über sich ergehen lassen. In der Bundesrepu-
                 blik gab es hingegen nur einen einzigen, gesetzlich
                 vorgeschrieben Stich, nämlich den gegen Pocken.
                 Und sogar diese Pflichtimpfung wurde Mitte der
                 1970er-Jahre wieder abgeschafft, weil die Krank-
                 heit besiegt war.
                    Geimpft wurde im Osten gegen Pocken, Kinder-
                 lähmung, Diphterie, Tetanus, Keuchhusten, Tuber-
                 kulose und ab den 1970er-Jahren auch gegen Ma-
                 sern. Mit der gesetzlichen Impfpflicht konnten dann     Die infizierte Person war ansteckend und immerhin
                 auch in den 1950er-Jahren enorme Erfolge ver-           starben an den Impfpocken noch zwei Prozent der
                 zeichnet werden: Die Krankheitszahlen sanken ra-        Geimpften; aktuell liegen bei dem Impfstoff von Ast-
                 sant, besonders eindrücklich beim Kampf gegen           raZeneca schon bei einem Tag Unwohlsein einzelner
                 Kinderlähmung. Während 1960 im Westen noch Po-          Impflinge die Nerven blank.
                 lio-Epidemien wüteten, war die Gesellschaft im „Ar-        Die erste „moderne“ Impfung wird dem engli-
                 beiter- und Bauernstaat“ seit 1958 zu großen Teilen     schen Arzt Edward Jenner zugeschrieben. Als Land-
                 dagegen immunisiert.                                    arzt wusste er von den umliegenden Bauern, dass
                    Doch gehen wir zurück. Die Geschichte des Imp-       sie keine Milchmägde einstellten, die nicht schon als
                 fens beginnt fernab von Deutschland: Und zwar in        Kind Pocken hatten. Denn wann immer die Kuhpo-
                 der Hauptstadt des Osmanischen Reiches. So gibt es      cken grassierten, eine Krankheit der Kühe, infizier-
                 1717 Berichte von der Frau des britischen Botschaf-     ten sich die Mädchen, die noch keine Pocken hatten.
                 ters, die in Konstantinopel „Pockenparties“ mit Kin-    Sie bekamen Fieber und konnten nicht mehr arbei-
                 dern kennen lernte und London davon berichtete.         ten. Jenner vermutete nun, dass man durch die Kuh-
                 Es war genau genommen eine Art kontrollierte Po-        pocken auch vor den Pocken geschützt ist und hat
                 ckeninfektion, bei der die Kinder eine vergleichswei-   diese These systematisch geprüft. So testete er die
                 se leichte Pockenerkrankung bekamen – jenseits der      Impfung an dem gesunden achtjährigen Jungen sei-
                 wilden Pocken mit einer Todesrate von 25 Prozent.       nes Gärtners: ritzte die Haut des Jungen und infi-
                 Überliefert ist auch, dass Impfungen schon früh in      zierte die Wunde mit dem Sekret einer erkrankten
                 Indien und China gebräuchlich waren. So sollen die      Melkerin. Der Junge wurde, wie von Jenner erhofft,
                 Chinesen vor rund 2.000 Jahren Körpersekrete von        krank. Ihn befiel leichter Frost, er verlor den Appetit
                 Infizierten eingenommen haben, um sich vor Er-          und hatte geringen Kopfschmerz. Während des gan-
                 krankungen zu schützen.                                 zen Tages war er offensichtlich krank und verbrach-
                    Europäische Ärzte übernahmen schließlich die         te die Nacht in Unruhe, doch am nächsten Tag fühl-
                 Methode der „Variolation“ (variola steht lateinisch     te er sich wiederum wohl. Es folgte der riskantere
                 für Pocken), sie setzte sich jedoch nicht durch. Denn   Teil des Experiments. Der Arzt infizierte den Jungen
                 die Behandlung hatte erhebliche Nebenwirkungen:         wieder und dabei mit Menschenpocken. Doch das

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GESUNDHEIT               —

                                                                                                                                                                       © Liberty Photo Art | Adobe Stock
                                                                                  © Georgios Kollidas | Adobe Stock
                                               Edward Anthony Jenner war ein engli-                                   Statue von Edward Jenner in den Kensington
                                               scher Landarzt, der die moderne Schutz-                                Gardens in London
                                               impfung gegen Pocken entwickelte.

                                               Kind blieb von der Krankheit verschont, sein Kör-
                                               per hatte offensichtlich bereits eine Abwehr gegen
                                               das Virus aufgebaut. Die Pockenschutzimpfung war
                                               erfunden. Das Ergebnis veröffentlichte Jenner in
                                               seinem Bericht über die „Kuhpockenimpfung“ – be-
                                               ziehungsweise die „Vakzination“ (vom lateinischen
                                               vacca, die Kuh). Daraus leitet sich heute der Begriff
                                               für Impfstoff, Vakzin, ab. Leider dauerte es danach
                                               noch 200 Jahre, bis die Krankheit ausgerottet wer-
                                               den konnte. Die WHO erklärte die Welt 1979 offiziell
                                               als pockenfrei.
                                                  Die Vakzination ist bis heute die einzige Imp-
                                               fung, die dazu führte, dass eine Krankheit ausgerot-
                 © Mario Breda | Adobe Stock

                                               tet wurde. Das ist auch mit der Polio-Impfung oder
                                               Gebärmutterkrebs-Impfung noch nicht gelungen,
                                               und auch Corona wird uns noch lange begleiten.
                                               Biontech, Moderna und AstraZeneca sind jedoch
                                               echte Hoffnungsschimmer. ⁄

Impfzeugnis 1827, Langensalza (Thüringen) 1827 September 8
Bescheinigung, dass Johann Georg Gabriel, geboren am 3. Mai 1815, am 29. Juni 1815 "von mir mit Lymphe von Schutz-
pocken geimpft worden, deren gehörige Bildung und richtiger Verlauf mich berechtigen, die Fähigkeit, von Menschen-
blattern angesteckt zu werden, für getilgt zu halten". (unterzeichnet) D(er) Physikus Gies.
Unten handschriftlich wird eine medizinische Zeitschrift zitiert.
Dieses Dokument Zeitgeschichte wurde von Dr. Harald Menker, Netphen der Marien Konkret zur Verfügung gestellt.

                                                                                                                                    MARIEN ∕ KONKRE T Nr. 101   _ 15
PA N O R A M A     —

             ∕ Die Apotheke im St. Marien-Krankenhaus
             Siegen unter der Leitung von Michael Heymann
             gewährleistet, dass Stationen und Ambulanzen
             des Hauses mit Medikamenten versorgt sind. Auch
             benachbarte Kliniken werden von ihr versorgt.
             Die pharmazeutischen Mitarbeiter stellen in der
             Apotheke auch selbst Arzneimittel her. Bei dem
             aktuellen Programm zur Corona-Schutzimpfung
             der Mitarbeitenden ist die Apotheke sehr eng in
             die Abläufe einbezogen.

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I N N O VAT I O N    —

N
      ach einer Klinik in New York ist    Aufbereitung von Daten und Bildern          Dietmar Stephan. War bisher die Steu-
      das St. Marien-Krankenhaus in       aus hunderten vorangegangenen Ope-          erung der Kamera manuell oder durch
      Siegen das zweite Krankenhaus       rationen liefere KI Hinweise zur bes-       Aktivierung über die Augen des Ope-
weltweit, in dem die robotische Chi-      seren Strukturerkennung und zur             rateurs notwendig, kann nun die Steu-
rurgie durch die Anwendung von            Einschätzung von Risiken bei der Prä-       erung der Kamera automatisiert er-
Künstlicher Intelligenz (KI) erweitert    paration von Gewebe, die sonst allei-       folgen. Hierzu wird ein Spitze eines
wird; vor drei Jahren erst wurde bei      ne durch die Erfahrung des Chirurgen        Instruments digital markiert und dann
den minimal-invasiven Operationen         „gesteuert“ würden. „Im St. Marien-         folgt die Kamera automatisch wäh-
der Chirurgie und der Gynäkologie er-     krankenhaus ist nun der erste Schritt       rend der Operation immer diesem In-
folgreich die robotische Chirurgie ein-   in diese digitale Unterstützung durch       strument und der Operateur hat das
geführt. Fast 500 Operationen sind        Künstliche Intelligenz erfolgt“, so Prof.   Operationsgebiet immer optimal im
inzwischen mit dem sogenannten Sen-
hance-System erfolgt. Jederzeit stabi-
le 3D-Sicht, Kamerasteuerung mit den

                                             Künstliche
Augen des Operateurs, Einsatz von
abwinkelbaren Instrumenten zum Er-
reichen schlecht zugänglicher Körper-
regionen sowie ermüdungsarmes Ope-
rieren im Sitzen sind nur einige der
Vorteile, die die Operateure im St. Ma-
rien-Krankenhaus Siegen der neuen
Technologie attestieren. Jetzt erfolgt
                                             Intelligenz im OP
mit der Einführung von KI ein weiterer
                                              Auf dem Weg in die digital unterstützte Chirurgie
ganz entscheidender Schritt in die Zu-
kunft in der Chirurgie. Prof. (Saitama
Med. Univ.) Dr. med. Dietmar Stephan,
der das Zentrum für minimal-invasive
und robotische Chirurgie im St. Mari-
en-Krankenhaus Siegen leitet, erklärt
dies so: „Die Verringerung der Kompli-
kationen und die Erhöhung der Pati-
entensicherheit ist eine der entschei-
denden Aufgaben in der Medizin im
Allgemeinen und bei Operationen im
Speziellen. Hier kann Künstliche Intel-
ligenz helfen.“ Im Wesentlichen gebe
es zwei Ansatzpunkte, wie künstliche
Intelligenz Operationen sicherer ma-
chen kann: zum einen durch Automa-
tisierung von notwendigen Standard-
prozessen innerhalb einer Operation,
um die Konzentration des Chirurgen
auf die eigentlichen Operationsschritte
zu erhöhen, und zum anderen durch
Bereitstellung von Echtzeitinformatio-
nen während der Operation, die dazu
beitragen, fundierte und schnelle Ent-
scheidungen treffen zu können.
    „Operationen sind natürlich immer
und werden auch in Zukunft von der
persönlichen Erfahrung, dem Wissen
und der Geschicklichkeit des Opera-
teurs abhängig sein“, so Prof. Stephan.
Hier könne jedoch KI massiv mit der
Lieferung von Informationen und Da-
ten in Echtzeit unterstützen. Aus der

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Blickfeld. Flächen- und Abstandsmes-
sungen im bewegten Bild in Echtzeit
als zusätzliche wertvolle Informatio-
nen während der Operation werden
alsbald folgen.
   Es kann hier keineswegs um die
Übernahme der Operation durch
Künstliche Intelligenz sondern immer
nur um eine Unterstützung zur Erhö-
hung des Sicherheit des Patienten ge-
hen, betont Prof. Dr. med. Frank Wil-
leke, Medizinischer Direktor des St.
Marien-Krankenhauses. Er sieht sich
dabei als klaren Befürworter moder-
ner Technologien: „KI wird die Me-
dizin in weiten Teilen tiefgreifend
verändern, doch ist es wichtig, die
Technologie stetig zum Wohle des Pa-
tienten weiterzuentwickeln.“
   Zwar bringt die Digitalisierung hohe                                                 ger zählt. Vor allem aber steige die Si-
Kosten mit sich, doch „werden die sich                                                  cherheit und die Versorgungsqualität
langfristig rentieren“, so Hans-Jürgen                                                  für die Patienten. Während Künstliche
Winkelmann,       Hauptgeschäftsführer                                                  Intelligenz aktuell vor allem in bereits
der Marien Gesellschaft Siegen, zu der                                                  hochdigitalisierten Bereichen wie der
das Klinikum als größter Leistungsträ-                                                  Radiologie zu finden ist, eröffnet sich
                                                                                        mit dieser ersten Anwendung in der

                                                          „
                                                                                        minimal-invasiven Chirurgie als zu-
                                                                                        sätzliches Sicherheitselement ein neu-
                                                                                        es Feld. Prof. Frank Willeke sieht dann
                                                                                        in der Nachsorge oder der Kommuni-
                                                                                        kation zwischen Patienten, Angehöri-
                                                                                        gen und niedergelassenen Ärzten zu-
                                             Operationen sind                           künftige Bereiche, in denen KI zum
                                                                                        Einsatz kommen kann. „Der Fantasie
                                              natürlich immer                           sind eigentlich kaum Grenzen gesetzt,
                                             und werden auch                            was uns alle verpflichtet ist jedoch,
                                                                                        über jede Anwendung sorgfältig nach-
                                              in Zukunft von                            zudenken und diese mit angemesse-
                                             der persönlichen                           ner Skepsis zu hinterfragen“, betont
                                          Erfahrung, dem Wissen                         der Medizinische Direktor. Im OP gel-
                                                                                        te: Robotik und insbesondere KI als
                                           und der Geschicklich-                        digitale Unterstützungen helfen dem
                                            keit des Operateurs                         Chirurgen dabei, die Sicherheit des
                                                                                        Patienten zu erhöhen und Komplikati-
                                              abhängig sein.                            onen zu vermeiden, so Prof. Dietmar

                                                          “
                                                                                        Stephan.
                                                                                           Die Einführung von Künstlicher In-
                                                                                        telligenz in den OP ist nur ein Baustein
                                                                                        eines umfangreichen Digitalisierungs-
                                            P R O F. ( S A I TA M A M E D. U N I V. )   ansatzes im St. Marien-Krankenhaus
                                                           D R . M E D.                 Siegen. Auch in anderen Bereichen
                                                   DIETMAR STEPHAN                      des Krankenhauses laufen zahlreiche
                                          Leiter des Zentrums für minimal-invasive      Projekte mit dem Ziel, die Digitalisie-
                                                 und robotische Chirurgie im            rung flächendeckend einzuführen, so
                                               St. Marien-Krankenhaus Siegen            Hauptgeschäftsführer        Hans-Jürgen
                                                                                        Winkelmann abschließend. ⁄

                                                                                                      MARIEN ∕ KONKRE T Nr. 101   _ 19
GESCHICHTE           —

                                                                        und Ökumene ausgerichtete Wirken der Klarissen
                                                                        an diesem Ort und schließlich die Fortsetzung als
                                                                        Geistliches Zentrum und Hospiz bis in die Gegen-

                Deo
                                                                        wart“, heißt es auch in dem von Prokurist Hubert
                                                                        Berschauer gezeichneten Editorial weiter.
                                                                           Das vorliegende Buch, das Autor Dr. Christian
                                                                        Stoffers auf der Basis der Transkription der hand-
                                                                        schriftlichen Kloster-Chronik durch Sigrid Ermert

                Gratias!
                                                                        und weiterer Quellen entwickelt hat, lädt dazu ein,
                                                                        sich durch die Geschichte des von Mutter Coleta ge-
                                                                        gründeten Klarissen-Klosters entlang zu tasten und
                                                                        sich dem Wirken der Schwestern in ihrer vollen Di-
                                                                        mension zu nähern. Es fußt auf dem Evangelium und
                                                                        vollzieht sich in gemeinschaftlich gelebter Armut in
                                                                        der Klausur. Immer wieder erlebten die Schwester
                 Die Geschichte des Klarissen-Klosters                  die Macht des Gebets. Die Notglocke, auch wenn es
                 auf der Eremitage                                      gerne anders erzählt wird, musste in der ganzen
                                                                        Zeit ihres Wirkens nie geläutet werden, und beim
                                                                        Lesen erkennt man rasch, dass die Schwestern si-
                                                                        cher auch nie daran gedacht haben sie zu nutzen.
                                                                        Mutter Bernadette pflegte zu sagen: „Was Gott will,

                B
                     ei der Beschäftigung mit der Geschichte des Kla-   das wirkt er. Ist es Gottes Wille, dann wird die Sa-
                     rissen-Klosters auf der Eremitage kommt uns        che gelingen.“ Und so brennt sich das Zeugnis der
                     diese vor wie der Blick in ein Brennglas des       Schwestern auch in die Geschichte des christlichen
                 gelebten christlichen Lebens im Siegerland“, fasst     Lebens im Siegerland ein.
                 Hans-Jürgen Winkelmann, Hauptgeschäftsführer              Das Buch stellt heraus, dass die segensreiche Ge-
                 der Marien Gesellschaft Siegen, in seinem Editori-     schichte des besonderen Orts auch geprägt ist von
                 al zu „Deo Gratias – Wechselvolle Geschichte des       Abschieden, die einen Neubeginn möglich machten.
                 Klarissen-Klosters auf der Eremitage“ seine aus der    So mussten die Eremiten, die von Siegen aus kamen,
                 Entwicklung des Buchs gewonnenen Eindrücke zu-         zunächst loslassen können, um in der Einsamkeit
                 sammen. Das im Januar herausgegebene Buch zeigt        der Eremitage zu wirken. Die Klarissen hatten ihr
                 auf, dass die Entwicklung dieses besonderen Orts       Mutterhaus in Bad Neuenahr zu verlassen, um den
                 vor den Toren der Stadt Siegen nunmehr seit über       neuen Konvent dort zu errichten. Und schließlich
                 500 Jahren hinweg in Wellenbewegungen verläuft,        hieß es auch für sie Lebewohlsagen, damit mit dem
                 sich jedoch über die ganze Zeit hinweg ein klarer      Geistlichen Zentrum und dem Hospiz Neues entste-
                 Pfad erkennen lässt: Die Eremitage war und ist Aus-    hen kann. Und auch heute ist das Leben auf der Ere-
                 gangsort christlichen Lebens, das sich immer wieder    mitage von Abschieden geprägt. „Es sind dabei ganz
                 neu entwickelt. „Zu nennen ist da das Wechselbad       individuelle Abschiede, und es ist sicher ein Trost,
                 der konfessionellen Ausrichtung des Siegerlands in     dass auch hierin ein Neubeginn liegt“, stellt Dr. Stof-
                 der frühen Neuzeit genauso wie das auf Versöhnung      fers heraus. ⁄

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Das Buch kann gegen eine Spende
(ab 9,99 Euro) im Hospiz auf der
Eremitage erworben werden.

Spenden sind dabei auch online über
https://www.marien-hospiz.de/de/
spenden-unterstuetzen/helfen-
sie-mit/ möglich.

                             MARIEN ∕ KONKRE T Nr. 101   _ 21
GESUNDHEIT           —

                 Häppchenweise
                 Tumorzellen abtöten
                  Die Strahlentherapie übernimmt eine wichtige Aufgabe beim Heilungsprozess

                D
                      ie Strahlentherapie, auch „Radioonkologie” ge-     nung der Brust eine Therapie mit guten bis sehr gu-
                      nannt, zählt als Therapie zu den elementaren       ten kosmetischen Ergebnissen für viele Frauen dar.
                      Säulen der modernen Krebstherapie. Neben der
                 Operation und Chemo-/Immuntherapie bekommen             Gewaltige Sprünge in der Entwicklung
                 über 60 Prozent aller Krebspatienten im Verlauf ih-     Erstaunlich klingt es vielleicht, dass die hochenerge-
                 rer Krebsbehandlung eine Strahlentherapie.              tische Photonenstrahlung noch vergleichbar ist mit
                    Dabei kann die Strahlentherapie meist in Kom-        der des ersten Bestrahlungsgerätes (Linearbeschleu-
                 bination mit einer Chemotherapie vor einer Opera-       niger) in Stanford aus dem Jahr 1956. Jedoch tun
                 tion benutzt werden, um den Krebs zu verkleinern        sich mit Blick auf Intensität und zielgenaue Verab-
                 und damit besser für den Chirurgen operabel zu          reichung der Bestrahlung Welten auf. Selbst im Ver-
                 machen. Zum anderen kann die Strahlentherapie           gleich zum Jahr 2000 gab es gewaltige Sprünge in
                 nach einer Operation (z. B. Brustkrebs) eingesetzt      der technischen Entwicklung der Linearbeschleu-
                 werden, um mikroskopisch verbliebene Tumorzel-          niger. Ihre Wirkung entfaltet die Strahlentherapie
                 len nach einer Operation zu entfernen. Das ermög-       nach wie vor durch viele einzelne „fraktionierte“
                 licht heutzutage vielen Frauen den Brusterhalt und      Bestrahlungssitzungen. Diese nutzen dabei die bio-
                 stellt im Vergleich zur kompletten operativen Entfer-   logisch gute Reparaturfähigkeit gegenüber hoche-

22 _ MARIEN ∕ KONKRE T Nr. 101
(sogenanntes ConeBeam-CT ) sowie hoch-
                                                moderne Körperoberflächenscanner im
                                                Raum (Surface Guidance (SGRT)) dafür, dass
                                                die Bestrahlung bis auf 1 Millimeter genau
                                                an jedem Tag verabreicht werden kann. Da-
                                                bei arbeiten Medizinphysikexperten (MPE),
                                                Fachärzte für Strahlentherapie und Medi-
                                                zinisch-Technische      Radiologieassistenten
                                                (MTRA) jeden Tag eng zusammen, um für

                                                                                                           „
                                                jede Patientin und jeden Patienten den per-
                                                fekten und „maßgeschneiderten“ Bestrah-
                                                lungsplan zu erstellen und anzuwenden.
                                                Diese Zusammenarbeit sorgt dafür, dass
                                                Nebenwirkungen erheblich reduziert wer-
nergetischer Photonenstrahlung von gesun-       den können und für viele Betroffene die Be-
den Körperzellen im Vergleich zu den sich       strahlungen heutzutage sehr gut verträglich
                                                                                                            Diese
schlecht reparierenden Tumorzellen aus          sind. Damit zählt die Strahlentherapie heute         Tumorzellen
und befördern nach jeder Bestrahlungssit-       bei den vielen Möglichkeiten der Krebsthe-
                                                                                                          werden
zung „häppchenweise“ die bösartigen Tu-         rapie zu einer der am besten verträglichsten
morzellen in den geordneten Zelltod (Apop-      Therapiemethode.                                        dann vom
tose). Diese Tumorzellen werden dann vom             Die Entwicklung der Radioonkologie          Körper abgebaut
Körper abgebaut und für neue, gesunde           geht heute bereits so weit, dass auch „ge-
Zellen „recycelt“. Mittels 15 bis 39 Bestrah-   ring“ gestreute Krebsarten (die sogenannte
                                                                                                    und für neue,
lungssitzungen (je nach Tumorerkrankung)        Oligometastasierung) mit wenigen Hochprä-         gesunde Zellen
können viele bösartige Tumore mit hoher         zisionsbestrahlungen („stereotaktische ab-
                                                                                                        „recycelt“.
Wahrscheinlichkeit geheilt oder die Tu-         lative Bestrahlung“ oder „Radiochirurgie“)

                                                                                                           “
morerkrankung lange Zeit unter Kontrolle        mit einer sowohl noch höheren Genauigkeit
gehalten werden. Durch den Fortschritt in       im Submillimeter-Bereich als auch mit sehr
der Medizin, Physik und Technik wurden          hohen Einzeldosierungen komplett entfernt
in den vergangenen 20 Jahren die Bestrah-       werden können. Hirn-, Lungen- und Leber-           D R . R E N É B AU M A N N
lungsfelder immer kleiner.                      metastasen können so mit nur wenigen Be-             Chefarzt der Klinik für
   Häufig treten Tumorerkrankungen nah          strahlungen (1 bis 5 Sitzungen) ohne grö-            Radio-Onkologie und
an gesunden und zu schützenden Orga-            ßere Eingriffe und mit gleichen Ergebnissen           Strahlentherapie im
nen auf. Heutzutage können all diese Orga-      wie bei einer Operation auch für ältere Pati- St. Marien-Krankenhaus Siegen
ne – zum Beispiel Herz, Darm, Blase, Spei-      enten schonend behandelt werden.
cheldrüsen oder auch Lunge – durch eine             Krebserkrankungen sind in unserer heu-
zielgenaue Bestrahlungsplanung vom Be-          tigen Zeit durch die technischen Neuerungen
strahlungsgebiet geschont werden.               und die sehr enge sowie intensive Zusam-
                                                menarbeit zwischen
Verträgliche Therapiemethode                    allen beteiligten on-
Der Strahlentherapeut kann mit Hilfe der        kologischen, chirur-
Bildgebung einer Computertomographie            gischen und radio-          � Modernste
(CT) und Softwaresystemen zielgenau die
Form des erkrankten Gewebes einzeichnen
                                                logischen Fächern
                                                immer       effektiver      Verfahren
und mittels einer modernen intensitätsmo-       und schonender be-
dulierten Bestrahlungstechnik die Bestrah-      handelbar. In vielen         Der Klinik für Radio-Onkologie und
lungsdosis exakt in diese Gebiete bündeln       Fällen kann das Ziel         Strahlentherapie im St. Marien-Kran-
und alle möglichen Tumorformen im Be-           der Heilung so er-           kenhaus Siegen ist das Medizinische
strahlungsgebiet nachbilden.                    reicht werden. ⁄             Versorgungszentrum für die ambulante
   Man kann sich das vorstellen wie bei ei-                                  Behandlung beigeordnet. Die Einrich-
ner Lupe, die das Sonnenlicht exakt in ei-                                   tung verfügt über drei Linearbeschleu-
nem Brennpunkt bündelt. Der einzelne                                         niger moderner Bauart. Alle Behand-
Strahl hat keine Wirkung, aber im Zentrum                                    lungen werden auf der Basis moderner
fokussieren sich alle Strahlen und entfal-                                   bildgebender Diagnostik und leitlinien-
ten ihre volle Wirkung an den Krebszellen.                                   gerecht auf die individuelle Situation
Während der einzelnen Bestrahlungssit-                                       des Patienten abgestimmt, um ein opti-
zungen sorgen zusätzlich präzise radio-                                      males Heilungsergebnis zu ermöglichen.
logische Verfahren am Bestrahlungsgerät

                                                                                                    MARIEN ∕ KONKRE T Nr. 101   _ 23
GESUNDHEIT           —

     Tickende
     Zeitbombe

                E
                     s ist eine tickende Zeitbombe, doch ist den meis-
                     ten Betroffenen ihr Risiko überhaupt nicht be-
                     wusst: Ein Aneurysma ist eine Aussackung in
                 den Arterien, die meist unbemerkt bleibt. Doch
                 wenn sie platzt, besteht Lebensgefahr durch innere
                 Blutungen oder eine Embolie. Meist entstehen sie in-
                 folge einer Arteriosklerose oder einer angeborenen
                 Gefäßwandschwäche.
                     Häufig sind Aneurysmen mittels einer Ultra-
                 schall-Untersuchung nachweisbar. Jedoch las-
                 sen sich dadurch nicht die gesamte große Körper-
                 schlagader und die kleinen Arterien damit erfassen,
                 weshalb zur genauen Diagnose die Computertomo-
                 grafie mit einem Kontrastmittel oder die Katheter-
                 angiographie eingesetzt werden. Ein Aneurysma
                 der Herzkammer wird durch eine spezielle Ultra-
                 schallmethode – die Echokardiografie – oder durch
                 die Angiografie diagnostiziert. Hierbei wird durch
                 einen Katheter Kontrastmittel in die Herzkammer
                 gespritzt und das Aneurysma auf einem Bildschirm
                 dargestellt und digital gespeichert. In bestimmten
                 Fragestellungen erfolgt auch eine sogenannte tran-
                 soesophageale Echokardiografie (TEE) – eine Ultra-
                 schalluntersuchung von der Speiseröhre aus, um
                 bestimmte Abschnitte der Hauptschlagader besser         tiven Eingriff behandelt werden. Ist dies noch nicht
                 beurteilen zu können.                                   passiert und das Aneurysma ist klein, ist es das
                     Die seltener auftretenden Aneurysmen der Bein-      Ziel der Behandlung, dass sich die Gefäßerweite-
                 und Armarterien lassen sich manchmal als eine pul-      rung nicht vergrößert oder einreißt. Risikofaktoren
                 sierende Verdickung ertasten. Bei Aneurysmen der        wie Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen
                 Bauch- oder Beckenarterien ist dies eigentlich nur      sollten nach Möglichkeit mittels medikamentöser
                 möglich, wenn die Aussackung der Gefäße schon           Therapie behandelt werden. Raucher sollten sich
                 sehr weit vorangeschritten und der Patient schlank      bemühen, ihr Laster aufzugeben. Je größer ein An-
                 ist. Typisch sind auch Strömungsgeräusche, die im       eurysma wird, desto höher wird der Druck auf die
                 Rhythmus des Herzschlags auftreten und die beim         betroffene Gefäßwand. Daher wird geraten, ein An-
                 Abhören der Arterien festgestellt werden können.        eurysma ab einer Größe von circa fünf Zentimetern
                                                                         durch eine Operation zu entfernen; auch eine Grö-
                 Wie wird ein Aneurysma behandelt?                       ßenzunahme von über zehn Millimeter pro Jahr
                 Reißt ein Aneurysma, kommt es meist zu inneren          kann zu einer Operationsempfehlung führen.
                 Blutungen mit lebensbedrohlichen Folgen. Dieser            Betrifft das Aneurysma den aufsteigenden Ab-
                 Notfall muss regelmäßig sofort durch einen opera-       schnitt der Aorta oder den Aortenbogen erfolgt regel-

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                                                                     Schwerpunktsetzung
                                                                     Die moderne Gefäßchirurgie basiert immer mehr auf die Zusammenarbeit mit
                                                                     mehreren Fachabteilungen (interventionelle Radiologie, Kardiologie, Neurologie/
                                                                     Neuroradiologie), um die für die Patientinnen und Patienten individuelle beste
                                                                     Therapie zu gewährleisten. Die Versorgung arterieller Gefäßerkrankungen zählt zu
                                                                     einer der Kernaufgaben der gefäßchirurgischen Klinik. Den Schwerpunkt bildet
                                                                     hierbei ohne Zweifel die periphere arterielle Verschlusskrankheit. Ob mit und ohne
                                                                     Ausprägung diabetischer Füße ist dies eine große gemeinsame Aufgabe, bei der
                                                                     Interdisziplinarität ganz entscheidend ist. Diese setzt sich in der Versorgung der
                                                                     Bauchaortenaneurysmen fort, die je nach Indikationsstellung endovaskulär oder
                                                                     offen operiert werden – immer in unmittelbarer Absprache mit radiologischen und
                                                                     kardiologischen Partnern im Hause.

                                                          � Jüngste
                                                          Klinikgründung
                                                          Seit Januar 2020 gibt es zwei chirurgische
                                                          Kliniken im St. Marien-Krankenhaus: die Klinik
                                                          für Allgemein- und Viszeralchirurgie (Prof. Dr.

                                                                                                                                  „
                                                          med. Frank Willeke) und die Klinik für Gefäß-
                                                          chirurgie (Dr. med. Ronald Friedberg).
                                                          Beide Kliniken haben sich in den letzten Jah-
                                                          ren außerordentlich gut entwickelt und haben
                                                          heute überregionale Bedeutung. Die Klinik für
                                                          Gefäßchirurgie im St. Marien-Krankenhaus ist
                                                          ein zentraler Bestandteil des Herz- und Gefäß-
                                                                                                                         Ein Aneurysma
                                                          zentrums Südwestfalen.                                        ist eine tickende
                                                                                                                        Zeitbombe, doch
                                                                                                                         ist den meisten
                                                                                                                         Betroffenen ihr
mäßig eine chirurgische Versorgung. Bei ei-                        Individuell Vorteile und Risiken abwägen             Risiko überhaupt
nem Aneurysma im absteigenden Abschnitt                            Die Wahl des Behandlungsverfahrens rich-               nicht bewusst.
der Aorta werden, sofern eine medikamen-                           tet sich bei allen Aneurysmen nach deren

                                                                                                                                  “
töse Therapie nicht ausreicht, zunehmend                           Form und Ausdehnung sowie nach dem
endoluminal eingesetzte Prothesen ver-                             Allgemeinzustand des Patienten. Nicht in
wendet. Bei der chirurgischen Versorgung                           allen Fällen ist die endovaskuläre Methode
wird der ausgeweitete Teil des Gefäßes auf-                        geeignet. Insbesondere bei den Aneurys-                    D R . M E D.
geschnitten beziehungsweise entfernt und                           men im Brustkorb muss bei chirurgischem                RONALD FRIEDBERG
durch eine rohr- oder Y-förmige Prothese                           Vorgehen in sehr hohem Alter das Kompli-
                                                                                                                                  Chefarzt der
ersetzt. Danach wird die Gefäßwand als na-                         kationsrisiko gegen den zu erwartenden
                                                                                                                         Klinik für Gefäßchirurgie im
türliche Umhüllung wieder über der Prothe-                         Operationserfolg abgewogen werden. Wel-
                                                                                                                       St. Marien-Krankenhaus Siegen
se möglichst geschlossen. Als Alternative                          ches Verfahren also das geeignete ist und
hierzu kommt in manchen Fällen das Ein-                            welche Komplikationen dabei auftreten
setzen einer endovaskulären Stentprothese                          können, ist daher ausführlich mit den be-
in Betracht. Sie wird im Aneurysma entfal-                         handelnden Ärzten zu besprechen. ⁄
tet und trennt es so vom Blutstrom.

                                                                                                                           MARIEN ∕ KONKRE T Nr. 101   _ 25
© Foto: Frank Steinseifer   PA N O R A M A     —

                            26 _ MARIEN ∕ KONKRE T Nr. 101
∕ Seit 2014 findet, auf Initiative der
Marien Kliniken, im Nachgang des
Siegerländer AOK-Firmenlaufs, die
Auszeichnung der Aktion „Fitte Firma“
statt. Im Rahmen einer kleinen Feier-
stunde vor dem :anlauf-Büro wurden
nun die Erstplatzierten, die INVERS
GmbH aus Netphen, die SIEGENIA
Gruppe mit Sitz in Wilnsdorf sowie die
Stadtverwaltung der Universitätsstadt
Siegen, mit einer Urkunde ausgezeich-
net. Firmenlauf-Organisator Martin
Hoffmann (mittig) und Dr. Christian
Stoffers (links) von der Marien Gesell-
schaft Siegen überreichten im Beisein
von Bürgermeister Steffen Mues die
Urkunden.

                            MARIEN ∕ KONKRE T Nr. 101   _ 27
E N T W I C K LU N G    —

      Platz
      schaffen
       Das St. Marien-Krankenhaus Siegen startet eine Phase
       von Sanierungs- und Erweiterungsplanungen

                                 M
                                        oderne Medizin braucht Raum. Die-
                                        se Erkenntnis ist nicht völlig neu, sie
                                        hat sich aber durch die Corona-Pan-
                                 demie noch einmal verfestigt. Um Patien-
                                 ten optimal zu versorgen, muss die Aus-
                                 stattung stimmen, aber eben auch Platz:
                                 „Mehrbettzimmer sind in Verruf geraten“,
                                 weiß Hans-Jürgen Winkelmann, Hauptge-
                                 schäftsführer der Marien Gesellschaft Sie-
                                 gen. Eine Umstellung auf Ein- und Zwei-
                                 bettzimmer sei langfristig angezeigt, aber
                                 eben nicht schnell umzusetzen. Das St. Ma-
                                 rien-Krankenhaus als größter Betrieb der
                                 Marien Gesellschaft Siegen möchte sich die-
                                 ser und anderen Herausforderungen stel-
                                 len. Dafür wurden Anfang Februar wichti-
                                 ge Weichen im Planungsrecht gestellt; der
                                 Bauausschuss der Stadt Siegen befand über
                                 den Flächennutzungs- und Bebauungsplan
                                 rund um das Krankenhaus.

                                                                                     Die besondere Schwierigkeit des St. Ma-
                                                                                  rien-Krankenhauses ist seine zentrale Lage
                                                                                  in der Siegener Innenstadt. Bei der Grund-
             � Über 160 Jahre                                                     steinlegung 1868 am heutigen Standort war

             Erfahrung
                                                                                  noch nicht abzusehen, wie eng es eines Ta-
                                                                                  ges werden könnte. Nicht einmal die gegen-
                                                                                  überliegende St. Michaels-Kirche hatte es
             Mit über 160 Jahren Erfahrung in der medi-                           damals gegeben. Erweitert wurde im Laufe
             zinischen Versorgung wissen wir als Marien                           der Jahrzehnte immer wieder, zuletzt war
             Kliniken, dass die Patientinnen und Patienten                        2008 der Eingangs- und Funktionsbereich
             neben dem Komfort und der Sicherheit der                             zur Kampenstraße an der Reihe.
             Behandlung eine wirksame Schmerzlinderung                               Nach und nach hat die Marien Gesell-
             wünschen. Diesem Bedürfnis kommen wir auf                            schaft Siegen Grundstücke in der Umgebung
             der Grundlage unseres christlichen Leitbildes                        aufgekauft, um eine bauliche Erweiterung
             nach. Neben einer hochwertigen medizinischen                         zu ermöglichen. Auch das ehemalige Gärt-
             sowie pflegerischen Versorgung ist es uns ein                        nereigelände „Fischer“ in der Nordstraße
             Anliegen, unsere Patienten zeitgemäß und                             gehört dazu. Hier entstehen zunächst neue
             menschlich zu betreuen. Das beinhaltet einen                         Parkplätze sowie – nach dem Abriss des al-
             hohen Unterbringungs- und Verpflegungsstan-                          ten Ladenlokals – Praxisräume. Weiter wird
             dard, aber auch eine fürsorgliche und zuge-                          sehr stark auf den Umbau der Bestandsim-
             wandte Behandlung mit kurzen Wegen.                                  mobilien gesetzt. Der OP-Trakt und die Not-
                                                                                  aufnahme wurden bereits auf neuesten

28 _ MARIEN ∕ KONKRE T Nr. 101
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