Kostenbarometer Regulatorik (Kostbar) - Regulatorische Aufwände für Unternehmen der Versicherungsbranche und des Maschinenbaus - Deloitte

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Kostenbarometer Regulatorik (Kostbar) - Regulatorische Aufwände für Unternehmen der Versicherungsbranche und des Maschinenbaus - Deloitte
Kostenbarometer Regulatorik
(Kostbar)
Regulatorische Aufwände für Unternehmen der
Versicherungsbranche und des Maschinenbaus
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Kostenbarometer Regulatorik (Kostbar) - Regulatorische Aufwände für Unternehmen der Versicherungsbranche und des Maschinenbaus - Deloitte
Kostenbarometer Regulatorik (Kostbar)

Management Summary                                                               05

1. Einleitung                                                                    06

  1.1 Hintergrund                                                                06

  1.2 Untersuchungsrahmen und Zielstellungen                                     10

2. Betroffenheit von Wirtschaftsunternehmen durch Bundesnormen                   16

  2.1Methodischer Untersuchungsansatz
     inkl. Natural-Language-Processing                                           16

  2.2 Auswertung                                                                 23

3. Q
    uantifizierung branchenspezifischer Aufwände
   zur Erfüllung regulatorischer Vorgaben                                        31

  3.1 Methodischer Untersuchungsansatz                                           31

  3.2 Auswertung                                                                 34

4. Einordnung der Ergebnisse                                                     47

  4.1 Einordung
              der Ergebnisse der Kategorisierung
      von Bundesgesetzen                                                         47

  4.2Einordung der Ergebnisse der erhobenen
      Daten zur Aufwandssituation                                                48

5. Fazit                                                                         50

Literaturverzeichnis                                                             52

Danksagung                                                                       53

                                                                                       03
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Kostenbarometer Regulatorik (Kostbar) - Regulatorische Aufwände für Unternehmen der Versicherungsbranche und des Maschinenbaus - Deloitte
Kostenbarometer Regulatorik (Kostbar)

Management
Summary
Die Studie „Kostenbarometer Regulatorik        die Unternehmen wirkt. Dazu gehören bei-      zur Bürokratiebelastung. Die Befragten
(Kostbar)“ ist eine gemeinsame Initiative      spielsweise EU-Vorschriften, die unmittel-    erwarten, dass die zu beachtenden Nor-
des Nationalen Normenkontrollrats (NKR)        bar gelten, oder solche, die von Aufsichts-   men zunehmen. Es zeigte sich aber auch,
und der Deloitte GmbH Wirtschaftsprü-          behörden erlassen werden. Sie bleiben in      dass die bereits unternehmensintern
fungsgesellschaft (Deloitte).                  dieser Untersuchung unberücksichtigt.         beantragten Budgets für einmalige Auf-
                                                                                             wände für die Umsetzung von Normen
Die Studie „Kostbar“ verfolgt zwei Ziele.      Der Anteil jährlicher Personal- und Sach-     bei 75 Prozent der teilnehmenden Versi-
Erstens sollten alle Gesetze der Bundese-      aufwände bei den befragten Versiche-          cherungsunternehmen geringer als in der
bene identifiziert werden, die für Wirt-       rungs- und Maschinenbauunternehmen            Vergangenheit sind.
schaftsunternehmen und ihre einzelnen          für die Umsetzung von Normen beträgt
Branchen relevant sind. In diesem Zusam-       zwischen 4 und 7 Prozent der jährlichen       Am Beispiel der befragten Versicherungs-
menhang kam neben manuellen Analysen           Gesamtaufwände. Um die Zahlen einord-         industrie konnte gezeigt werden, dass
auch ein Natural-Language-Processing           nen zu können, muss man die Rentabilität      größere Versicherungen absolut gemessen
(NLP)-Ansatz erfolgreich zum Einsatz, was      der Unternehmen ins Verhältnis setzen.        mehr für Regulatorik zahlen als kleinere.
die Tür zu weiteren möglichen Anwen-           Mitunter ist diese so gering, dass Aufwände   Die relative Belastung für Letztere ist aber
dungsbereichen sowohl in Unternehmen           zur Umsetzung von Normen einen signifi-       größer.
als auch im Umfeld der Gesetzgebung            kanten Unterschied in der Rentabilitätsbe-
eröffnen könnte. Zweitens sollten die          rechnung machen können. Betrachtet man        Das branchenübergreifende Resultat aus
direkten Aufwände von Wirtschaftsunter-        diese Aufwände differenzierter, zeigen sich   dem qualitativen Teil der Befragung ist
nehmen quantifiziert werden, welche sich       signifikante Unterschiede. Die Aufwände       bemerkenswert. Mehr als 30 Prozent der
aus der Erfüllung dieser Normen ergeben.       von Unternehmenseinheiten, die nah am         Teilnehmer nehmen die Datenschutzvor-
Anders als beim ersten Ziel beschränkte        Kerngeschäft des Unternehmens sind,           gaben als besonders belastend wahr. Dies
sich die Studie dabei jedoch nicht nur auf     betragen durchschnittlich 3 Prozent. Im       ist umso beachtlicher, weil der Fragebogen
Gesetze der Bundesebene. Denn für Unter-       Gegensatz dazu liegen die Aufwände für        offene Fragen stellte, also keine Antwort-
nehmen ist oftmals nur schwer nachzu-          Stabsfunktionen zwischen 60 und               möglichkeiten zur Auswahl vorgab. Die
vollziehen, welche gesetzgeberische Ebene      73 Prozent.                                   Befragten äußerten sich ebenfalls dazu,
eine Regelung ursprünglich initiiert hat. Um                                                 wie aus ihrer Sicht die Normen ausgestaltet
die Untersuchung dennoch überschaubar          Die einmaligen Aufwände zur Implementie-      sein sollten, und machten Vorschläge zur
zu halten, wurden exemplarisch Unterneh-       rung neuer Normen lagen im Durchschnitt       aufwandsärmeren Regulierung, die sich
men der Versicherungsbranche und des           zwischen 13 und 19 Prozent des gesam-         auch mit Ergebnissen ähnlicher Studien
Maschinenbaus ausgewählt.                      ten Budgets für einmalige Aufwände in         decken.
                                               den befragten Unternehmen. Demnach
Die Untersuchung zeigt, dass die Anzahl        sind diese ein bedeutender Treiber in
der zu beachtenden Normen für Unterneh-        den Unternehmen. Dennoch bleibt noch
men schon allein auf Bundesebene beacht-       Spielraum für einmalige Investitionen ohne
lich ist. Es ist davon auszugehen, dass ein    regulatorischen Bezug. Interessante Ergeb-
Vielfaches davon an weiteren Normen auf        nisse ergab auch die Zukunftseinschätzung

                                                                                                                                       05
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1. Einleitung
1.1 Hintergrund                                       Evaluierungen ein, die Grundlage für wei-              chenvergleich deutliche Unterschiede auf.
Bürokratieabbau und bessere Rechtset-                 tere Regulierungsschritte sein können.                 Belege dafür gibt es auch bei der gemesse-
zung haben in Deutschland eine jahrzehn-                                                                     nen Belastung. So liegt beispielsweise die
telange Tradition und sind institutionell             Dieses Vorgehen hat durchaus Entlas-                   Branche von Finanz- und Versicherungs-
fest verankert durch den Nationalen                   tungserfolge erbracht. Aber es führt aus               dienstleistungen laut Bürokratiekosten-
Normenkontrollrat (NKR), dessen Mandat                NKR-Sicht zur unbefriedigenden Situation,              index deutlich über der gemessenen Büro-
im NKR-Gesetz von 2006 normiert ist. Der              dass zu wenig über die gesamten prakti-                kratiebelastung für die Gesamtwirtschaft
NKR prüft unter anderem, ob die Schätzun-             schen Kostenwirkungen aller Normen in                  (siehe Abbildung 1).
gen zu den direkten Kostenfolgen neuer                den Unternehmen, speziell auch ganzer
oder geänderter Regelungen methodenge-                Branchen, bekannt ist. Nicht immer ist klar,           Der DIHK gibt in seiner Studie zu bedenken,
recht, nachvollziehbar und plausibel sind.            wie stark Unternehmen einer bestimmten                 dass die „low-hanging fruits“ in Ländern mit
Die direkten Kostenfolgen sind in Deutsch-            Branche durch bestimmte Vorgaben in der                einem langjährig etablierten Bürokratie-
land durch den Begriff des „Erfüllungsauf-            Praxis wirklich betroffen, und welche Unter-           abbauprogrammen meist schon geerntet
wands“ näher definiert. Dieser umfasst den            nehmensbereiche besonders belastet sind.               wurden und dass dies einige Länder (z.B.
gesamten messbaren Zeitaufwand und                                                                           Niederlande, Belgien) dazu motiviert habe,
die Kosten, die durch die Befolgung einer             Auch aus Sicht der Wirtschaft hat die                  branchenorientiertere Ansätze einzuführen
bundesrechtlichen Vorschrift bei Bürge-               deutsche Bürokratiebekämpfung bei allen                (Deutscher Industrie- und Handelskam-
rinnen und Bürgern, Wirtschaft sowie der              Erfolgen ihre Schwächen, denn die Entlas-              mertag und SIRA Consulting 2020).
öffentlichen Verwaltung entstehen. Teil des           tungsbemühungen werden in der Praxis
Erfüllungsaufwandes sind auch die Büro-               selten wahrgenommen (vgl. u.a. Deutscher               Die wachsende Anzahl von Studien mit
kratiekosten.1                                        Industrie- und Handelskammertag und                    einem Branchenfokus in den letzten Jahren
                                                      SIRA Consulting (2020), Holz et al. (2019)).           zeigt, dass das Interesse an einer Entlas-
Dieser Ansatz soll dafür sorgen, dass das             Dies liegt zum Teil daran, dass die Defi-              tung gerade in besonders stark regulierten
Kabinett seine Entscheidungen in Kenntnis             nitionen der Bürokratiekosten und des                  Branchen zunehmend wächst. Ziel ist, die
der daraus entstehenden Kosten trifft und             Erfüllungsaufwands auf Grundlage relativ               belastendsten Vorgaben per Befragung
dass die Regulierungen so aufwandsarm                 eng gefasst sind. Die Unternehmen haben                auf Unternehmensebene zu identifizieren
wie möglich gestaltet sind. Zu den Aufwän-            jedoch meist ein weiteres Verständnis von              und die Zahlen für die (gefühlt) stärksten
den von Änderungen, die der Bundestag                 diesen Begriffen. Zusätzlich unterscheiden             Belastungen für die jeweilige Branche
und der Bundesrat an den Gesetzen im                  Unternehmen oft nicht nach den Verursa-                hochzurechnen, um damit auch bessere
weiteren Verlauf des parlamentarischen                chern für Bürokratie. Dass diese gefühlte              Ansatzpunkte für Entlastungsmaßnahmen
Verfahrens vornehmen, gibt es jedoch                  Belastung nicht mit der gemessenen Belas-              zu liefern. Teilweise geben die Studien
keine Schätzungen.                                    tung übereinstimmt, dazu haben Studien                 einen Überblick über die ermittelten Belas-
                                                      zur Bürokratiewahrnehmung in den letzten               tungen nach Themenfeld (z.B. Schweizeri-
Auch die Umsetzung der bundesrechtli-                 Jahren immer wieder Hinweise geliefert                 scher Gewerbeverband (2010), NKR (2019),
chen Vorgaben durch Länder, Kommunen                  (vgl. Deutscher Industrie- und Handelskam-             Schenkel (2016), ABBL und EY (2014)), auch
und nachgeordnete Behörden kann wei-                  mertag und SIRA Consulting (2020), Holz                um themenorientierte Vorschläge zum
tere Aufwände für Unternehmen mit sich                et al. (2019), NKR Baden-Württemberg und               Bürokratieabbau zu gewinnen.
bringen, die nicht vorherzusehen waren.               KPMG (2020)).
Das Statistische Bundesamt misst deshalb                                                                     Tabelle 1 gibt einen Überblick über Studien
einige Zeit nach dem Inkrafttreten nach,              Aus methodischer Sicht kommt erschwe-                  zu Folgekosten von Regulierung (oft mit
wie hoch die Aufwände tatsächlich waren.              rend hinzu, dass es nicht die Wirtschaft               einem Branchenfokus).
Diese Erkenntnisse fließen auch in etwaige            gibt. Die gefühlte Belastung weist im Bran-

06                                                        Als Bürokratiekosten werden aber nur die Kosten angesehen, die durch Informationspflichten entstehen
                                                          1
Kostenbarometer Regulatorik (Kostbar)

Abb. 1 – Entwicklung des Bürokratiekostenindex nach Wirtschaftssektoren (Quelle: Statistisches Bundesamt2)

110

108

106

104

102

100

    98

    96

    94
                2012                   2013                  2014                  2015                    2016       2017                2018

      E
       rbringung von Finanz- und Versicherungsdienstleistungen
      V
       ersicherungen, Rückversicherungen und Pensionskassen
      G
       esamtwirtschaft

2
     ie Inhalte basieren auf der OnDEA-Datenbank. Es sind nur Normen enthalten die ausschließlich diese
    D
    Branche betreffen. Normen, die auch andere Branchen betreffen, sind nicht mitberücksichtigt.                                                    07
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             Die wachsende Anzahl an Studien
             mit einem Branchenfokus zeigt
             das steigende Interesse an
             Entlastung in stark regulierten
             Branchen.

08
Kostenbarometer Regulatorik (Kostbar)

Tab. 1 – Literaturüberblick zu Untersuchungen regulatorischer Kosten mit Branchenbezug

Jahr       Beschreibung                                     Land                       Autoren

           Regulatorisch bedingte Kosten im Bäcker-
2020                                                        Deutschland                NKR Baden-Württemberg und KPMG
           handwerk

                                                                                       Deutscher Industrie- und Handels-
2020       Regulatorisch bedingte Kosten im Gastgewerbe     Deutschland
                                                                                       kammertag und SIRA Consulting

           Regulatorisch bedingte Kosten in der Ver-                                   Österreichisches Institut für
2020                                                        Österreich
           sicherungsbranche                                                           Wirtschaftsforschung

           Messung zur regulatorischen Belastung mithilfe
2020                                                        Australien                 Australian Government
           Regulatory Burden Measures

           Messung der Regulierungskosten mit dem
2019                                                        USA                        Simkovic, M. und Zhang, M.B.
           Regulierungsindex

           Regulatorisch bedingte Kosten eines Handwerks-
2019                                                        Deutschland                NKR
           unternehmens

           Regulatorisch bedingte Kosten der
2019                                                        Deutschland                Seeliger, A. et al.
           Energiewende

           Kosten und Nutzen von Regulierung für                                       Gesamtverband der Deutschen
2019                                                        Deutschland
           Versicherungen                                                              Versicherungswirtschaft.

           Kosten und Nutzen von Regulierung für            Deutschland, Österreich,
2016                                                                                   Elink, M. und Pankoke, D.
           Versicherungen                                   Schweiz

           Regulatorisch bedingte Kosten für
2016                                                        Deutschland                Schenkel, A.
           Genossenschaftsbanken

                                                                                       Ministry of Economic Affairs und
2014       Einführung der CAR-Methodik                      Niederlande
                                                                                       SIRA Consulting

           Bestandsmessung der Bürokratiekosten der
2014                                                        Deutschland                Statistisches Bundesamt
           deutschen Wirtschaft

           Regulatorisch bedingte Kosten des                                           National Association of
2014                                                        USA
           produzierenden Gewerbes                                                     Manufacturers

           Regulatorisch bedingte Kosten in
2014                                                        Luxemburg                  ABBL und EY
           Kreditinstituten

           Regulatorisch bedingte Kosten in                                            Vereinigung Schweizerischer
2012                                                        Schweiz
           Kreditinstituten                                                            Handels- und Verwaltungsbanken

2010       Regulatorisch bedingte Kosten                    Schweiz                    Schweizerischer Gewerbeverband

                                                                                                                                     09
Investing in Germany | A guide for Chinese businesses

Mit Ausnahme der Studie des Schwei-                   anderen an bestimmte Branchen wenden.                     gen europäischen Ländern gibt es bereits
zerischen Gewerbeverbands (2010) gibt                 Andererseits sollen auch Antworten auf die                Versuche, um etwa den Gesetzgebungs-
es de facto keine Erhebung, die explizit              Frage gefunden werden, welche Branchen                    prozess durch den Einsatz von KI einfacher
untersucht hat, welche Folgekosten regu-              wie stark belastet sind und welche Art von                zu gestalten. Auf EU-Ebene haben Ana-
latorische Vorgaben unternehmensintern                Aktivitäten die identifizierten Vorgaben                  lysten des europäischen Joint Research
in verschiedenen Unternehmensbereichen                in den Unternehmen auslösen. Letztlich                    Centre ein semantisches Textanalyse-Tool
verursachen, Gesamtergebnisse auf Bran-               sollen Erkenntnisse dazu gewonnen wer-                    (SeTA) entwickelt und im Jahr 2019 in einem
chenebene extrapoliert und dies auch mit              den, wie hoch die unternehmensinternen                    technischen Bericht vorgestellt. Auch in
qualitativen Ergebnissen zur Bürokratie-              Aufwände aufgrund von Normen sind und                     Deutschland gibt es erste Pilotprojekte
wahrnehmung verknüpft.                                die monetarisierten Ergebnisse aggregiert                 zu KI-Anwendungen bei der Gesetzesfol-
                                                      sowie auf Branchenebene extrapoliert                      genabschätzung.3 Die Studie dient also als
Für genauere Erkenntnisse zu den Belas-               dargestellt werden.                                       Experimentierfeld, um in Deutschland wei-
tungen einzelner Branchen durch den                                                                             tere praktikable Anwendungsmöglichkeiten
Rechtsbestand an Bundesnormen und                     Um die genannten Aspekte darzustellen,                    von KI im Bereich der Politikgestaltung
auch zu unternehmensinternen Auswir-                  unterteilt die Studie das Vorhaben in zwei                (Gesetzgebung, Gesetzesfolgenabschät-
kungen soll die vorliegende Studie genau-             Ziele mit entsprechend darauf zugeschnit-                 zung) und auch für Unternehmen, die von
ere Einblicke liefern. Dabei werden die               tenen Ansätzen.                                           Regulierung stark betroffen sind, zu prüfen.
unternehmensinternen Auswirkungen für
Branchen, die in Deutschland als Treiber              Für die erste Zielstellung wurden zwei                    1.2 Untersuchungsrahmen und Ziel-
des Wirtschaftswachstums von Bedeutung                Ansätze gefahren. Zum einen erfolgte eine                 stellungen
sind, untersucht. Die Studie bündelt hierfür          manuelle Klassifizierung der identifizierten              Gesetze, Verordnungen und weitere Vor-
die fachlichen Expertisen und den Zugang              Normen. Zum anderen wurden parallel                       schriften (nachfolgend Normen) richten
zu Ansprechpartnern in Wirtschaftsunter-              Natural-Language-Processing (NLP)-                        sich an Wirtschaftsunternehmen, die
nehmen des NKR und der Deloitte GmbH                  Methoden getestet. NLP ist ein Bündel von                 Verwaltung oder an private Haushalte.
Wirtschaftsprüfungsgesellschaft (Deloitte).           algorithmen-basierten Analyseverfahren                    Diese Studie konzentriert sich auf Normen,
                                                      zur Entdeckung von Bedeutungsstrukturen                   die Wirtschaftsunternehmen betreffen
Die Studie „Kostbar“ kombiniert qualitative           aus un- oder schwachstrukturierten Text-                  (Abbildung 2).
und quantitative Untersuchungsansätze                 daten. NLP-Techniken können eingesetzt
miteinander, um entsprechende Ergeb-                  werden, um große Textsammlungen, wie
nisse zu erhalten. In qualitativer Hinsicht           z.B. den Gesamtbestand an bundesrechtli-
soll untersucht werden, welche Normen                 chen Vorschriften, schnell, zielgerichtet und
die Unternehmen als besonders belastend               in hoher Qualität auswerten zu können.
wahrnehmen und welche Verbesserungs-
vorschläge es gibt. Diese qualitativen                Auch auf EU-Ebene wird künstliche Intelli-
Erkenntnisse werden mit Ergebnissen aus               genz (KI) nicht mehr nur als Regulierungs-
ähnlich gelagerten Studien gespiegelt,                gegenstand, sondern zunehmend auch
die sich mit der Bürokratiewahrnehmung                als Instrument zur Verbesserung und
beschäftigt haben. Daraus sollen Ansätze              Vereinfachung der Rechtsetzung begriffen
für den weiteren Bürokratieabbau in                   und eingesetzt. In den Ratsschlussfol-
Deutschland entwickelt werden.                        gerungen vom 27. Mai 2021 betonte die
                                                      portugiesische Ratspräsidentschaft, „dass
In quantitativer Hinsicht zielt diese Studie          Datentechnologien unter Umständen
auf zwei Aspekte ab. Einerseits erfolgte              zu wirksameren, effizienteren, weniger
eine Kategorisierung aller wirtschaftsrele-           zeitaufwendigen und solideren Folgenab-
vanten Bundesgesetze auf Bundesebene.                 schätzungen, Bewertungen und Voraus-
Dabei soll ermittelt werden, wie hoch der             schauen beitragen und somit hochwertige,
Anteil von Vorgaben ist, die sich zum einen           anpassungsfähige und weniger aufwendige
an die Wirtschaft insgesamt sowie zum                 Rechtsvorschriften unterstützen“. In eini-

                                                      3
                                                           estatis prüft aktuell, wie maschinelle Lernverfahren zur Verbesserung der Datenqualität und Automatisie-
                                                          D
                                                          rung von Prozessen im Bereich der besseren Rechtsetzung genutzt werden können. Die Behörde führt alle
                                                          zwei Jahre Lebenslagenbefragungen zur Zufriedenheit von Bürgerinnen und Bürgern und sowie Unterneh-
                                                          men mit der öffentlichen Verwaltung durch. Im Rahmen dieser Umfragen können die Befragten Gründe für
                                                          ihre Unzufriedenheit angeben und Maßnahmen zur Verbesserung vorschlagen. Dazu erhält Destatis mehr
                                                          als 4.000 Aussagen. Um deren Kategorisierung und Auswertung zu erleichtern, sollen diese Antworten bei
                                                          der Erhebungswelle 2021 mit NLP-Methoden kategorisiert werden. Die Vorgehensweise könnte später ggfs.
10                                                        auf die Klassifizierung anderer Freitextfragen übertragen werden.
Kostenbarometer Regulatorik (Kostbar)

Abb. 2 – Normadressaten im Fokus dieser Studie Kostbar

Normadressaten im Fokus dieser Studie Kostbar

                                      Wirtschaft

      Normen
                                      Verwaltung

                                        Bürger

                                                                                           11
Investing in Germany | A guide for Chinese businesses

Abb. 3 – Untersuchte Normquellen der beiden Studienzielstellungen

Untersuchte Normquellen der beiden Studienzielstellungen

                                                                                          Zielstellung 1           Zielstellung 2

                               Gesetze, Verordnungen und Richtlinien

                                                                Bund

                                                               Länder

                                                             Kommunen

                                                                  EU

                                             Rechtsprechung

                                        Verwaltungsvorschriften

                                       Privtarechtliche Standards

Normen können auf verschiedenen Ebe-                  konkretisierende Verwaltungsvorschriften,       ihren unterschiedlichen Zielstellungen auf
nen beschlossen werden. Klassischer-                  die trotz nicht immer vorhandener Außen-        verschiedene Normen. Erstere konzentriert
weise unterscheidet man in Deutschland                wirkung eine rechtliche Bedeutung und           sich ausschließlich auf Normen, die auf
Gesetze, Verordnungen und Richtlinien, die            teilweise sogar Bindungswirkung für die         Bundesebene beschlossen werden. Die
durch Bund, Länder, Kommunen, aber auch               in dieser Studie betrachteten Normadres-        Zweite legt den Fokus hingegen auf alle
die EU beschlossen werden. Hinzu kom-                 saten entfalten können. Daneben gibt es         Arten von Normquellen. Dies ist nötig, da
men faktische Vorgaben aus Urteilen oder              privatrechtliche Standards wie Industrie-       die Unternehmen ihre Pflichten oftmals
Beschlüssen der Judikative. Zudem existie-            oder ISO-Standards. Wie in Abbildung 3          keiner genauen Quelle zuordnen können.
ren abstrakte, normauslegende und norm-               dargestellt, fokussiert sich diese Studie mit

12
Kostenbarometer Regulatorik (Kostbar)

                                  13
Investing in Germany | A guide for Chinese businesses

Die erste Zielstellung der Studie „Kostbar“           bau ausgewählt. Die Ergebnisse sollten
bestand in der Identifizierung und Katego-            Einblicke in die Belastungen verschiede-
risierung der Bundesnormen, die sich an               ner Unternehmensbereiche gewähren,
Wirtschaftsunternehmen richten. Es sollten            Erkenntnisse zu branchentypischen Auf-
Erkenntnisse dazu gewonnen werden, wie                wänden liefern und auch Unterschieden
viele Vorgaben Unternehmen zu erfüllen                zwischen den Branchen nachspüren. Der
haben. Außerdem sollten genauere Infor-               Untersuchungsansatz sah dafür struktu-
mationen darüber gewonnen werden,                     rierte Befragungen in den Unternehmen
welche Art von Aktivitäten diese Vorgaben             vor. Im Zeitraum zwischen November
in den verschiedenen Unternehmensberei-               2019 und März 2020 führte Deloitte
chen auslösen. Die manuellen Vorarbeiten              zunächst eine Befragung der Maschi-
zu dieser ersten Zielstellung wurden im               nenbauunternehmen durch. Nach der
März 2020 abgeschlossen, während der                  COVID-19-bedingten Befragungspause
korrespondierende Einsatz von Natural-                fand von September 2020 bis April 2021
Language-Processing sich von Oktober                  die Befragung der Versicherungsunter-
2019 bis August 2020 erstreckte.                      nehmen statt.

Die zweite Zielstellung bestand darin, die            Der Auftakt zur Zusammenarbeit für
Aufwände der Unternehmen mit Blick auf                die Studie zwischen dem Nationalen
besonders aufwendige Normen auf Bran-                 Normenkontrollrat und Deloitte inkl. der
chenebene zu quantifizieren und zu mone-              gemeinsamen Abstimmung der Zielstel-
tarisieren. Anders als beim ersten Untersu-           lungen erfolgte im April 2019. Die Studie
chungsstrang wurden hier alle Regelungen              wurde im August 2021 fertiggestellt und
unabhängig davon betrachtet, von welcher              anschließend veröffentlicht (siehe
Ebene sie beschlossen wurden. Zur weite-              Abbildung 4).
ren Eingrenzung wurden exemplarisch die
Versicherungsbranche und der Maschinen-

                       Wie viele Vorgaben müssen
                       Unternehmen erfüllen, welche
                       Wirkung haben diese und kann
                       Natural-Language-Processing
                       dabei unterstützen?

14
Kostenbarometer Regulatorik (Kostbar)

Abb. 4 – Vorgehensweise der Studie Kostbar

Vorgehensweise der Studie Kostbar

                                 Zielstellung 1

        Identifizierung und Kategorisierung der Normen

                                       Natural-Language-Processing

     2019                                     2020                                      2021
      Apr                           Okt/Nov          März                    Sep                    Apr                   Aug

    Start der                                                                                                       Fertigstellung
                                         Befragung                                  Befragung
Zusammenarbeit
                                        Maschinenbau                               Versicherung

                                                            Zielstellung 2

                                                                                                                                     15
Investing in Germany | A guide for Chinese businesses

2. Betroffenheit von
Wirtschaftsunternehmen durch
Bundesnormen
Die erste Zielstellung der vorliegenden               Die OnDEA-Datenbank des Statistischen          2.1.3 Wirkung von Normen innerhalb
Studie zielte darauf ab, aufzuzeigen, welche          Bundesamtes lieferte dabei 2.246 Normen,       der Wirtschaftsunternehmen
bestehenden Regelungen der Bundes-                    „dejure“ 312 Normen und die Datenbank          Bei der Entwicklung des Studiendesigns
ebene auf Wirtschaftsunternehmen wir-                 des Bundesjustizministeriums 6.431             stellte sich die Frage nach einer sinnvollen
ken, welche Unternehmensbereiche wie                  Normen. Die Einzellisten wurden mittels        funktionalen Gliederung der verschiedenen
stark betroffen sind und welche Aktivitäten           Gegenüberstellung der Kurz- und Langtitel      Vorgabetypen. Es sollte der Fragestellung
diese Normen im jeweiligen Unterneh-                  der jeweiligen Normen abgeglichen. Dar-        nachgegangen werden, wie Normen auf die
mensbereich auslösen.                                 aus ergab sich eine konsolidierte Liste, die   Wirtschaftsunternehmen wirken können
                                                      6.459 Rechtsverordnungen und Bundesge-         und welche typischen Aktivitäten die beste-
2.1 Methodischer Untersuchungsan-                     setze umfasst.                                 henden gesetzlichen Vorgaben von den
satz inkl. Natural-Language-Processing                                                               Unternehmen verlangen.
Dieser Abschnitt erläutert die fünf Arbeits-          Es handelt sich bei diesem Normenkatalog
schritte, die aus methodischer Sicht not-             um eine Momentaufnahme gültiger Nor-           Für diesen Aspekt entwickelte das Studi-
wendig waren, um relevante Normen auf                 men zum Stichtag 30. Juni 2019. Danach         enteam Aktivitätenkategorien und klas-
Bundesebene zu identifizieren und eine                veränderte oder neu eingeführte Normen         sifizierte die Normen entsprechend. Alle
brauchbare Klassifikation für die Wirkung             wurden nicht berücksichtigt.                   unternehmensrelevanten Vorschriften las-
der Vorgaben in den Unternehmen zu                                                                   sen sich in die folgenden sechs Kategorien
erarbeiten.                                           2.1.2 Klassifikation Branchencode              einordnen: „Ablaufvorschriften“, „eigene
                                                      Die so ermittelten Bundesnormen wurden         Kontrollhandlungen“, „externe Validierun-
2.1.1 Quellen zur Identifizierung der                 im Anschluss nach Branchen klassifiziert.      gen und Zertifizierungen“, „Personal- und
relevanten Normen                                     Dies folgte dabei grundsätzlich den Vor-       Organisationsvorschriften“, „monetäre
Der Umfang des ersten Studienteils ist                gaben der statistischen Systematik der         Belastung“ sowie „Transparenz- und Infor-
begrenzt auf Rechtsverordnungen und                   Wirtschaftszweige in der Europäischen          mationspflichten“ (siehe Abbildung 5). Der
Gesetze, die auf Bundesebene beschlossen              Gemeinschaft, bezeichnet als „NACE             Aspekt „Monetäre Belastung“, der als Ober-
worden sind, mit Ausnahme des Strafge-                Revision 2“. Anknüpfungspunkt war hier         begriff für Zahlungsverpflichtungen der
setzbuches. Auf die Aufnahme von Län-                 die oberste Ebene der Systematik. Abge-        Unternehmen steht, wurde in dieser Studie
dernormen und Unionsrechtsakten wurde                 wichen wurde von dieser Standardklas-          für die erste Fragestellung berücksichtigt,
im Hinblick auf die Zuständigkeit des NKR             sifikation insofern, als dass die Branchen     aber für die zweite Fragestellung mit der
verzichtet.                                           der Abschnitte T und U (private Haushalte      Monetarisierung der Aufwände aufgrund
                                                      sowie exterritoriale Organisationen und        der damit verbundenen Komplexität ausge-
Die Ausgangsbasis für die in der Studie               Körperschaften) aufgrund des Fokus auf         klammert.
inkludierten Normen bildeten drei eta-                klassische Wirtschaftsunternehmen außer
blierte staatliche bzw. private Rechtsda-             Betracht blieben.                              Dieses Vorgehen wird dadurch bestärkt,
tenbanken: die Online-Datenbank des                                                                  dass eine ähnlich gelagerte Studie des
Erfüllungsaufwands „OnDEA4“ (ehemals                  Im zweiten Teil dieser Studie werden die       Schweizerischen Gewerbeverbands (2010)
webSKM) des Statistischen Bundesamtes,                Branchen „Maschinenbau“ und „Versi-            ebenfalls sechs, sehr ähnliche Aktivitä-
die Rechtsdatenbank des Bundesamtes                   cherungsdienstleister“ näher untersucht.       tenkategorien („Handlungspflichten“)
für Justiz „Gesetze im Internet5“ sowie die           Daher wurden die beiden Branchen zusätz-       entwickelte.
Datenbank des privaten, juristischen Infor-           lich aufgenommen.
mationsportals „dejure6“.
                                                                                                             4
                                                                                                                nDEA - Startseite [Stand: 11.06.2019]
                                                                                                               O
                                                                                                             5
                                                                                                               Gesetze im Internet [Stand: 26.06.2019]
16                                                                                                           6
                                                                                                                dejure.org [Stand: 25.06.2019]
Kostenbarometer Regulatorik (Kostbar)

Abb. 5 – Übersicht der gebildeten Aktivitätenkategorien
                                                                                                                 1. Transparenz-
             6. Monetäre                                                                                         und Informations-
             Belastungen                                                                                         pflichten
      Abgaben, Gebühren,                                                                                         Verpflichtende
       Subventionen oder                                                                                         Informationserhebung
               Zuschüsse                                                                                         und -weitergabe

        5. Externe
  Validierung und                                                                                                      2. Ablauf-
     Zertifizierung                                                                                                     vorschriften
            Rechtlich                                                                                                  Restriktionen der
      verpflichtende                                                                                                    originären Betriebs-
 Kontrollhandlungen                                                                                                    prozesse oder die
  durch Dritte, die zu                                                                                                 Erfordernis neuer
   Aufwand in Ihrem                                                                                                    Prozesse bzw.
Unternehmen führen                                                                                                     Prozessschritte

              4. Eigene                                                                                          3. Personal- und
    Kontrollhandlungen                                                                                           Organisations-
       Handlungen die die                                                                                        vorschriften
             Einhaltung der                                                                                      Vorschriften bzgl. der
     rechtlichen Vorgaben                                                                                        Ausgestaltung der
              gewährleisten                                                                                      Organisation oder der
                                                                                                                 Behandlung, Bezahlung
                                                                                                                 und Qualifikation des
                                                                                                                 Personals

2.1.4 Manuelle Klassifizierung der             Die Klassifizierung der Normen erfolgte         2.1.5 Klassifizierung der Bundes-
Bundesnormen                                   während der Vorarbeiten zunächst manuell        normen durch Natural-Language-
Die manuelle Klassifizierung bezog sich        durch Rechtsexperten von Deloitte. Diese        Processing
zunächst auf die Frage der Wirtschaftsrele-    erhielten hierfür eine gemeinsame Deloitte-     Wie oben beschrieben, erfordert die manu-
vanz im Allgemeinen und darauffolgend auf      interne Schulung durch das Studienteam.         elle Klassifizierung von Gesetzestexten
die Bedeutung für einzelne Branchen und        Insgesamt erarbeiteten acht Rechtsexper-        einen erheblichen Personal- und Zeitauf-
die jeweilige Wirkungsart. Mit der Klassifi-   ten die manuelle Klassifizierung der Bundes-    wand.
zierung von 6.459 identifizierten Bundes-      normen.
normen lässt sich für jedes Wirtschaftsun-                                                     Um Bundesnormen in kürzerer Zeit nach
ternehmen einer bestimmten Branche der         Eine Mehrfachzuweisung einer Norm zu            ihrer Relevanz für die Wirtschaftsunterneh-
vollständige Katalog der Normen abrufen,       Branchen und zu Aktivitätenkategorien war       men im Allgemeinen bzw. für ausgewählte
die für dieses Unternehmen gelten. Ein-        möglich. Die Ergebnisse aus dieser manuel-      Branchen zu klassifizieren, bot sich der Ein-
schränkend sei an dieser Stelle angemerkt,     len Klassifizierung wurden für den Vergleich    satz von Natural-Language-Processing an.
dass die manuelle Klassifizierung lediglich    aus der algorithmengestützten Analyse           Bisher gab es keine Erfahrungswerte bezüg-
eine Momentaufnahme gültiger Normen            herangezogen. Die Auswertungen des Kapi-        lich der Güte und Vorhersagegenauigkeit
darstellt. Denn der Bundesgesetzgeber          tels 2.2 beinhalten die Ergebnisse aus dieser   dieser Analysemethoden in Deutschland.
setzt kontinuierlich neue Normen in Kraft.     manuellen Klassifizierung.                      Deswegen sollten die Ergebnisse, die auf
Zusätzlich müssen Wirtschaftsunterneh-                                                         klassische Art (d.h. manuelle Prüfung durch
men weitere Normen beachten, die in dieser                                                     Rechtsexperten) mit denen, die mithilfe von
ersten Zielstellung nicht betrachtet werden.                                                   NLP-Methoden gewonnen wurden, im Rah-
                                                                                               men dieser Studie verglichen werden.

                                                                                                                                          17
Investing in Germany | A guide for Chinese businesses

Exkurs: Einsatz von Datentechnologien
in der besseren Rechtsetzung und bei
öffentlichen Dienstleistungen
Unter dem breiten Banner der künstli-                 bung, bürgerschaftliches Engagement),         Verwaltung möglich werden. Dabei zeigt
chen Intelligenz (KI) tummeln sich viele              bei denen der Einsatz von Datentech-          sie Möglichkeiten auf, wie die Nutzung
Anwendungsmöglichkeiten für Daten-                    nologien auch Big-Data-Quellen nutzen         von Datentechnologien die Konzeption
technologien, die eine gewisse kreative               und so Verbesserungen erreichen konnte        und die praktische Umsetzung öffentli-
Kapazität aufweisen. KI erlaubt es, ein               (World Bank Group 2017). Auch die EU –        cher Leistungen verbessern kann (Van
bestimmtes Ziel zu definieren und dann                selbst ein Produzent und starker Nutzer       Ooijen, Ubaldi und Welby 2019, Johnstone
das algorithmenbasierte Programm                      großer Textbestände – hat bereits eigene      et al. 2019). (, )
selbst den Weg zum Ziel finden zu las-                Anwendungen entwickelt (Craglia, Hradec
sen. KI unterstützt den Nutzer darin,                 und Troussard 2020). Der Joint Research       Bei all dem Interesse für die stärkere
innerhalb komplexer, unübersichtlicher                Service stellte in einem technischen          Nutzung von Datentechnologien darf
Datenmengen Muster zu finden, Daten                   Bericht unter anderem sein „Semantic          jedoch auch der ethische Aspekt nicht
nach bestimmten Kriterien zu ordnen                   Text Analysis Tool“ vor, das das „Text        aus dem Blick geraten. Es steht außer
und Vorhersagen zu treffen (Government                Mining and Analysis Competence Centre“        Frage, dass der Einsatz von Datentech-
Office for Science 2015). KI-Programme                seit 2016 entwickelt hat und das einge-       nologien nur auf der Grundlage starker
können Spiele spielen, Gesichter und                  setzt wird, um schnell und zielgerichtet      Governance-Regeln erfolgen kann. Diese
Sprache erkennen, lernen und logisch                  Informationen finden zu können, die die       hier angemessen zu diskutieren, würde
fundierte Entscheidungen treffen (Eggers,             evidenzbasierte Politikentwicklung in         den Rahmen des explorativen NLP-
Schatsky und Viechnicki 2017). Während                allen Phasen des Rechtssetzungskreis-         Exkurses in dieser Studie sprengen.
große, internationale Technologiekon-                 laufs unterstützen (vgl. Hradec et al.        Dieser Diskurs muss an anderer Stelle
zerne schon lange von den Möglichkeiten               (2019) und JRC/EU (2019)). Auf ähnliche       geführt werden und konkrete Anwen-
der KI profitieren, öffnete die öffentliche           Anwendungen setzt auch das Statisti-          dungsfälle betrachten.
Verwaltung erst langsam dem Einsatz von               sche Bundesamt in Deutschland, die
entsprechenden Anwendungen. Dabei                     beispielsweise NLP-Methoden nutzen,
hat KI gerade hier großes Potenzial, um in            um Daten aus qualitativen Befragungen
arbeitsintensiven Verwaltungsdienstleis-              und Rückmeldungen in Freitextfeldern
tungen einen sparsameren Umgang mit                   von Fragebögen schneller und zielgerich-
knappen Ressourcen sicherzustellen und                teter auswerten zu können. Denkbar ist
mehr Zufriedenheit bei den Adressaten                 perspektivisch auch der Einsatz in der
zu erreichen (Mehr 2017, Government                   Gesetzesvorbereitung, etwa um schneller
Office for Science 2015, Eggers, Schatsky             die Vorgaben identifizieren zu können, die
und Viechnicki 2017).                                 sich auf den Erfüllungsaufwand auswir-
                                                      ken. Die deutschen Ansätze korrespon-
Angesichts dieses vielversprechenden                  dieren daher mit dem Ziel, das die portu-
Potenzials überrascht es nicht, dass das              giesische Ratspräsidentschaft am
Interesse an KI seitens großer interna-               27. Mai 2021 in ihren Ratschlussfolgerun-
tionaler Organisationen wie der OECD                  gen festgehalten hat: Bessere Rechtset-
und der Weltbank sowie auch seitens der               zung soll durch Datentechnologien unter-
Europäischen Union gerade in den letz-                stützt und optimiert werden.
ten Jahren gewachsen ist. Die Weltbank
stellte für den World Government Sum-                 Die OECD legt den Fokus stark auf die
mit 2017 eine Reihe von internationalen               digitale Erbringung öffentlicher Dienst-
Praxisbeispielen zusammen (Erbringung                 leistungen, die aufgrund der aktuell statt-
öffentlicher Dienstleistungen, Gesetzge-              findenden Digitalisierung der öffentlichen

18
Kostenbarometer Regulatorik (Kostbar)

Als Referenzmodell wurden die „Gradient                    bildet die Basis für eine Matrix, in der jede     echtpositiven (echtnegativen) Vorhersagen
Boosting Decision Trees“ gewählt. Die-                     Zeile einen Gesetzestext widerspiegelt und        zu den tatsächlich positiven (negativen)
ses Modell sowie dessen nachfolgend                        jede Spalte eines der 35.000 Wörter reprä-        Fällen wiedergibt. Precision zeigt in dieser
beschriebene Varianten wurden aufgrund                     sentiert. Falls ein Wort in einem Gesetz          Studie den Anteil der korrekt als wirtschaft-
der schnellen Implementierbarkeit, der                     vorkommt, wird die Spalte in der Zeile des        lich relevant klassifizierten Normen im
Ergebnisqualität in vergleichbaren Anwen-                  Gesetzestextes auf eins gesetzt, falls nicht,     Vergleich zu allen als wirtschaftlich relevant
dungsfeldern sowie deren Nutzung als                       wird die Spalte auf null belassen. Jede Zeile     klassifizierten Normen an. Beispielhaft sagt
gängige Benchmark-Modelle ausgewählt.                      der binären Matrix fungiert als separate          eine Precision von 90 Prozent aus, dass
Die „Gradient Boosting Decision Trees“                     Stichprobe für das Trainieren. Anderer-           90 Prozent der durch den Algorithmus als
basieren auf Entscheidungsbäumen. Die                      seits wurde die TF-IDF-Codierung (Term            wirtschaftlich relevant geschätzten Nor-
Gesetztexte stellen die Eingabedaten dar.                  Frequency – Inverse Document Frequency)           men auch wirklich wirtschaftlich relevant
Dabei werden iterativ Entscheidungsbäume                   angewendet. Dieser Algorithmus bewertet,          waren. Der Recall, häufig auch „Sensitivity“
hintereinandergeschaltet, wobei jeder wei-                 wie häufig ein Wort in einem Dokument             oder „True Positive Rate“ genannt, zeigt
tere Entscheidungsbaum darauf trainiert                    (Norm) vorkommt und wie häufig der                das Verhältnis zwischen vom Algorithmus
wird, die Fehler seiner Vorgänger vorherzu-                Begriff zwischen den Dokumenten (ver-             korrekt als wirtschaftlich relevant klassifi-
sagen. Die finale Schätzung besteht dann                   schiedenen Normen) erscheint. Während             zierten Normen zu allen in Wahrheit wirt-
aus der Summe der Schätzungen aller                        Ersteres den zugewiesenen numerischen             schaftlich relevanten Normen. Beispielhaft
Entscheidungsbäume.                                        Wert für den entsprechenden Begriff               besagt ein Recall von 80 Prozent, dass
                                                           erhöht, senkt Letzteres diesen Wert. Damit        wir 80 Prozent der in unseren Testdaten
Mit den ersten Klassifizierungsergebnis-                   werden Begriffe, die sehr spezifisch für ein-     vorhandenen wirtschaftlich relevanten
sen aus den Vorarbeiten einer manuellen                    zelne Dokumente sind, stärker gewichtet.          Normen auch als solche erkannt haben.
Zuordnung wurden zwei unterschiedliche                     Mit diesem Verfahren wird ebenfalls eine          Da sich Precision und Recall gegenläufig
Varianten des „Gradient Boosting Decision                  Matrix wie in der Binärcodierung erstellt,        verhalten, werden diese gemittelt, um eine
Trees“-Referenzmodells trainiert. Dazu wur-                wobei die Werte nicht mehr binär sind,            aussagekräftige Größe zur Bewertung
den knapp 4.000 zu dem Zeitpunkt nach                      sondern TF-IDF-Werte für die jeweiligen           des Modells zu erhalten. Dieses Mittel,
Wirtschaftsrelevanz und Branchen klassifi-                 Wörter in den Spalten darstellen. Jede Zeile      das Werte zwischen 0 (im schlechtesten
zierte Normen für die Analyse aufbereitet,                 repräsentiert weiterhin einen Gesetzestext.       Fall, also 0 Prozent) und 1 (im besten Fall,
indem die Rechtstexte der Gesetze und                                                                        also 100 Prozent) annehmen kann, stellt
Verordnungen um sogenannte Stopwords                       Mit den präparierten Daten und beiden             den F1-Score dar. Beim F1-Score wird also
bereinigt wurden. Darunter fallen insbe-                   Codierungsarten wurden dann die beiden            das harmonische Mittel aus Precision und
sondere Artikel, Konjunktionen, Präpositio-                Varianten des oben beschriebenen Modells          Recall gebildet, da hier Verhältnisse gemit-
nen und vergleichbare Worte, die in diesem                 namentlich die „Light Gradient Boosted            telt werden sollten.
Modell nicht zur Güte der Vorhersagen                      Machine“ (LGBM) und das „Extreme Gra-
beitragen. Darauf folgten weitere vergleich-               dient Boosting“ (XGBoost), antrainiert
bare, datenvorbereitende Schritte wie die                  und auf ihre Treffsicherheit bzw. Güte hin
Entfernung der Interpunktion oder die                      überprüft.7
Umwandlung aller Buchstaben in Minu-
skeln. Weiter wurde die Klassifizierung in                 Die Güte der einzelnen Modelle wurde
„Ja“ und „Nein“ für die Wirtschaftsrelevanz                anhand des sog. F1 Score bemessen.
d.h. die Bezugsgröße bzw. abhängige Vari-                  Er ist eine Maßzahl aus dem Machine-
able, im Data Science Jargon auch „Labels“                 Learning-Bereich und aussagekräftiger als
genannt in ein binäres Format übersetzt.                   die Accuracy bei schiefen Labels, d.h. bei
Den letzten Schritt zur Aufbereitung der                   Datengrundlagen, bei denen die abhängige
Daten stellte die Umwandlung der Geset-                    Variable in einer Ausprägung deutlich häu-
zestexte in maschinenlesbare Formate dar.                  figer vorkommt als in der anderen Ausprä-
Hierfür wurden zwei Codierungsalgorith-                    gung. Der F1-Score setzt sich zusammen
men genutzt, einerseits die Binärcodierung.                aus der „Precision“ des Modells, also dem
Hierbei wird ein Wörterbuch einer fixierten                Verhältnis der echtpositiven (echtnegati-
Größe angelegt (in unserem Fall die 35.000                 ven) Vorhersagen zu den gesamten positi-
am häufigsten auftretenden Wörter in                       ven (negativen) Vorhersagen, und aus dem
den Gesetztestexten). Dieses Wörterbuch                    „Recall“ des Modells, der das Verhältnis der

7
     ähere Details zu den Modellen findet man u.a. in der Publikationen von Ke et al. (2017) und Chen und
    N
    Guestrin (2016).
                                                                                                                                                         19
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In den Varianten des Referenzmodells                  satz wurden anschließend 384 Datenzeilen
lag dieser Wert zwischen 79 Prozent für               für einen zusätzlichen Validierungsda-
das TF-IDF-codierte und mittels XGBoost               tensatz herausgelöst. Während mit den
trainierte Modell und 82 Prozent für das              Trainingsdaten unterschiedliche Parametri-
LGBM-Modell. Dabei wurden die Ergeb-                  sierungen erprobt wurden, diente der Vali-
nisse mit einem StratifiedKFold-Verfahren             dierungsdatensatz der Auswahl der geeig-
ermittelt, wobei das Trainingsset von 4.000           netsten Einstellung. Der Testdatensatz
Texten jeweils in vier Teile geteilt wurde.           diente abschließend einzig der Berechnung
Stratifizierung heißt in diesem Zusammen-             und Prüfung der Leistungskennzahlen.
hang, dass die Teilung so erfolgt, dass eine
ungefähr gleiche Verteilung der abhängigen            Ein F1-Score für Normen, die für Wirtschafts-
Variable „wirtschaftliche Relevanz“ in allen          unternehmen relevant sind, in Höhe von ca.
vier Teilen sichergestellt wird. Für jedes            96 Prozent und knapp 90 Prozent für Nor-
Referenzmodell wurde immer auf drei                   men, die nicht für Wirtschaftsunternehmen
Teilen trainiert und der vierte Teil wurde als        relevant sind, ergibt einen durchschnittlichen
Out-of-Fold (OOF)-Set für die Berechnung              Wert von gerundet 93 Prozent. Ebenso
des F1-Score herangezogen. Dieses Proze-              erfolgversprechend ist die Analyse der
dere wurde viermal wiederholt, wobei also             Relevanz für eine Branche. Aus dem manuell
jeder der vier Teile einmal als OFF-Set ein-          klassifizierten Datensatz wurde beispiels-
gesetzt wurde. Somit ist jedes Sample der             weise für die Versicherungsbranche ein
4.000 Texte einmal als OOF-Sample in die              Trainingsdatensatz gezogen, der 1.225 Daten,
Berechnung des F1-Scores eingegangen.                 147 Validierungsdaten und 275 Testdaten
                                                      umfasste. Damit wurde ein durchschnittli-
Auf der Suche nach einem noch treffsiche-             cher F1-Score von 95 Prozent erreicht.
reren Modell wurde dann das frei verfüg-
bare und zum Zeitpunkt der Studienerstel-             Angesichts einer so hohen Treffsicherheit
lung dem Stand der Technik entsprechende              und Ergebnisgüte lässt sich mit diesem
linguistische Datenverarbeitungsmodell                Modell nicht nur die Wirtschaftsrelevanz
BERT (Bidirectional Encoder Representa-               von Bundesnormen sehr gut automatisiert
tions from Transformers) getestet.8 Dieses            klassifizieren. Auch die Möglichkeit der
wurde bereits auf Millionen von Texten                Ausweitung der automatisierten Analyse
vortrainiert und arbeitet mit einer bidirek-          beispielsweise auf die Branchenrelevanz ist
tionalen Kontexterkennung. Da BERT in der             damit gegeben. Der Vergleich zeigte, dass
Lage ist, die Bedeutung einzelner Worte im            die Analyse von Rechtstexten mit Daten-
Satz zu erfassen, entfiel die Notwendigkeit,          technologien den klassischen Analyseme-
die Worte der einzelnen Gesetzestexte zu              thoden durchaus das Wasser reichen kann.
codieren und Stopwords, Interpunktion
sowie Majuskeln zu entfernen.

Die 3.937 zu dem Zeitpunkt bereits manuell
klassifizierten Daten wurden dazu im Ver-
hältnis 80:20 in einen Trainingsdatensatz
(3.149 Daten) und einen Testdatensatz (788
Daten) aufgeteilt. Aus dem Trainingsdaten-

20                                                                                      8
                                                                                            Nähere Details beschreibt u.a. die Publikation von Devlin et al. (2019)
Kostenbarometer Regulatorik (Kostbar)

                                  21
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Exkurs: Ähnliche mögliche Anwendungs-
bereiche von Datentechnologien
Die Studie „Kostbar“ zeigt, dass sich                     Ex-post-Betrachtung (ähnlich wie in         • Language-Processing erlaubt ein Grup-
durch den Einsatz von Datentechnologien                   Kapitel 3 dargestellt), ist es auch mög-      pieren von vorhandenen Texten und
viel Zeit und Personalaufwand sparen                      lich, die Ex-ante-Aufwandsprognose            kann automatisiert Verbindungen und
lässt: Eine automatisierte Klassifizierung                von Gesetzesvorhaben automatisiert            den Grad der Ähnlichkeit zwischen den
von Normen kann nur durch deren Nor-                      durchzuführen (die anschließend noch          Texten aufzeigen.
meninhalte erfolgen. Das ist ein vielver-                 manuell geprüft werden können). Es
sprechender Ansatz insbesondere für                       würden in einer einfachen Variante die      • Ebenso erlauben NLP-Ansätze, Muster
Wirtschaftsunternehmen, um ihr Rechts-                    von Gesetzesvorhaben wahrscheinlich           in neuen oder bestehenden Rechtstex-
monitoring zu optimieren, jedoch sind                     betroffenen Branchen und notwendi-            ten zu erkennen. So wäre es denkbar,
auch weitere Anwendungen denkbar:                         gen Aktivitäten in den Unternehmen            mögliche Inkonsistenzen von recht-
                                                          prognostiziert und anschließend mit           lichen Regelungen insbesondere in
• Mit der automatisierten Erkennung von                   vorgehaltenen Ex-post-Informationen           komplexen, unübersichtlichen Rechts-
  Textinhalten durch Natural-Language-                    zu regulatorisch bedingten Aufwänden          gebieten automatisiert zu identifizieren.
  Processing lassen sich Ähnlichkeitsana-                 (wie zum Beispiel durchschnittliche Kos-      Das wäre in Rahmen der Ex-ante-
  lysen durchführen. So lassen sich bspw.                 ten für Kontrollhandlungen in Versiche-       Einschätzung von neuen Gesetzesvor-
  Richtlinien, schriftlich fixierte Ordnun-               rungen) kombiniert werden, um daraus          haben, aber auch in einer Ex-post-
  gen o.Ä. von Unternehmen mit Geset-                     die geschätzten Aufwände zu ermitteln.        Betrachtung bestehender Regulierun-
  zen abgleichen um festzustellen, welche                 Voraussetzung für diese Aufgabe sind          gen vorstellbar.
  Gesetze und deren Novellierungen sich                   die initiale Erarbeitung und laufende
  auf interne Dokumente auswirken.                        Pflege von dafür notwendigen Daten.
                                                          Die Aufgabe der Datenpflege ist so
• Daneben ermöglicht Natural Language                     wichtig, dass insbesondere in China, wo
  Processing per Stichwortsuche das                       sehr viele KI-Anwendungen im Einsatz
  Auffinden der relevantesten Passagen                    sind, ein eigener Berufsstand dafür
  in Gesetzen oder unternehmensintern                     entstanden ist, der sich Datenetikettie-
  geltenden Dokumenten. Ebenso ist eine                   rer nennt. Die aktuellen Pilotprojekte
  direkte Beantwortung eingegebener                       des Statistischen Bundesamtes zeigen
  Fragestellungen denkbar. Anwendern                      bereits, dass NLP-Ansätze im Bereich
  kann dadurch die Klärung der aktuellen                  der Erfüllungsaufwandsschätzungen
  Rechtslage oder Unternehmensanwei-                      bei neuen regulatorischen Vorgaben
  sung stark erleichtert werden.                          eingesetzt werden könnten. Auf euro-
                                                          päischer Ebene und in manchen EU-
• Ein weiteres großes Anwendungsfeld                      Mitgliedstaaten wird ebenfalls bereits
  von Natural-Language-Processing ist                     an dem Thema KI in der Aufwandsprog-
  die Extrahierung von Informationen aus                  nose von Gesetzesvorhaben gearbeitet
  Texten, sodass automatisiert Zusam-                     (u.a. in Portugal die Software „AI 2 IA“,
  menfassungen von einzelnen oder meh-                    auf EU-Ebene die Semantische
  reren Texten erstellt werden können.                    Textanalyse-Anwendung SeTA).

Anwendungsfälle sind aber auch im Rah-                • Ein Anwendungsfeld könnte zum Bei-
men der Gesetzgebung möglich:                           spiel im Rahmen einer Ex-ante-
                                                        Einschätzung liegen, wenn man einen
• Verlängert man die Wertschöpfung                      Überblick über Verbindungen des
  des genutzten NLP-Ansatzes zur                        Gesetzesvorhabens zu bereits beste-
  Klassifizierung von Texten mit mone-                  henden Normen benötigt. Natural-
  tären Informationen zu regulatorisch
  bedingten Aufwänden aus einer

22
Kostenbarometer Regulatorik (Kostbar)

2.2 Auswertung                                Abb. 6 – Anzahl relevanter Normen auf Bundesebene für
Im ersten Schritt wurden 6.459 Normen         Wirtschaftsunternehmen
auf Ebene des Bundes identifiziert. Im
Anschluss wurde jede danach bewertet, ob                                           2.331
sie für Wirtschaftsunternehmen relevante
                                                                                 Relevante
Regelungen enthält. Wie aus Abbildung 6
hervorgeht, ist die Relevanz für 2.331 oder
                                                                                  Normen
etwa 36 Prozent der analysierten Normen
gegeben.
                                                            6.459
                                                          Analysierte
                                                           Normen
                                                                                        R
                                                                                         elevante Normen
                                                                                        Nicht relevante Normen

Die Anzahl der zu beachtenden
Normen für Unternehmen ist schon
allein auf Bundesebene beachtlich.
Es ist davon auszugehen, dass ein
Vielfaches davon an weiteren Normen
auf die Unternehmen wirkt. Dazu
gehören beispielsweise EU-Vorschriften,
die unmittelbar gelten, oder solche,
die von Aufsichtsbehörden erlassen
werden.
                                                                                                                              23
Investing in Germany | A guide for Chinese businesses

                                                                           10%
Die nächste Klassifizierung erfolgte hin-             Abb. 7 – Anzahl relevanter Normen je Branche
sichtlich der Branchen. Abbildung 7 gibt
die Anzahl relevanter Normen je Branche                                    Verarbeitendes Gewerbe                               924
wieder. Daraus geht hervor, dass das ver-
arbeitende Gewerbe mit 924 Normen die
höchste Anzahl relevanter Bundesnormen                                           Verkehr und Lagerei                       807
auf sich zieht. Darauf folgen Verkehr- und
Lagerei mit 807 relevanten Normen sowie
die Land- und Forstwirtschaft/Fischerei mit                      Land- und Forstwirtschaft, Fischerei                     727
727 relevanten Gesetzen und Rechtsver-
ordnungen auf Bundesebene. Die geringste                  Erbringung von Finanz- und Versicherungs-
                                                                                                                    511
Anzahl an Normen weisen der Kunst-,                                                dienstleistungen
Unterhaltungs- und Erholungssektor mit
296 Bundesnormen, das Grundstücks- und                    Handel, Instandhaltung und Reparatur von
                                                                                                                   479
Wohnungswesen mit 310 Bundesnormen                                                 Kraftfahrzeugen
und das Gastgewerbe mit 330 relevanten
Bundesnormen auf.                                                                 Energieversorgung            444

                                                                                        Baugewerbe             440

                                                                    Erziehung und Unterricht (ohne
                                                                                                               429
                                                                Organisationen ohne Erwerbszweck)

                                                          Erbringung von sonstigen Dienstleistungen            427

                                                      Erbringung von freiberuflichen, wissenschaft-
                                                                                                              387
                                                          lichen und technischen Dienstleistungen
                                                            Wasserversorgung, Abwasser-/Abfallent-
                                                           sorgung und Beseitigung von Umweltver-             373
                                                                                    schmutzungen
                                                               Gesundheits- und Sozialwesen (ohne
                                                                                                              359
                                                               Organisationen ohne Erwerbszweck)

                                                               Bergbau und Gewinnung von Steinen
                                                                                                              359
                                                                                      und Erden

                                                           Erbringung von sonstigen wirtschaftlichen
                                                                                                              353
                                                           Dienstleistungen (z.B. Reisebüro, Detektei)

                                                                             Öffentliche Verwaltung,
                                                                                                             346
                                                                    Verteidigung, Sozialversicherung

                                                                   Information und Kommunikation             338

                                                                                        Gastgewerbe          330

                                                                Grundstücks- und Wohnungswesen               310

                                                            Kunst, Unterhaltung und Erholung (ohne
                                                                                                             296
                                                               Organisationen ohne Erwerbszweck)

                                                                                                         0     200         400        600   800   1.000

24
Kostenbarometer Regulatorik (Kostbar)

Die Branchen „Maschinenbau“ und „Versi-      Abb.
                                              10% 8 – Anzahl relevanter Normen der Maschinenbau- und
cherungsdienstleister“, für die im zweiten   Versicherungsdienstleistungsbranche
Studienteil der regulatorische Aufwand
aufgrund von Befragungen ermittelt wird,
liegen mit einer Anzahl an relevanten                Versicherungen        397
Normen in Höhe von 445 bzw. 397 jeweils
unter dem Durchschnitt von 451 Normen
(Siehe Abbildung 8). Es ist einschränkend             Maschinenbau          445
zu erwähnen, dass daraus nicht gefolgert
werden kann, dass Branchen mit vielen                                 0    200     400     600      800       1.000
zu beachtenden Normen mehr Aufwände
haben als Branchen mit weniger Normen.
Die einzelnen Normen verursachen nicht
gleich viel Aufwand, wie auch die empiri-
schen Auswertungen in den Jahresberich-
ten des NKR immer wieder zeigen.

                                                                                                                             25
Investing in Germany | A guide for Chinese businesses

Im Rahmen der Studie kam die Fragestel-               fen und Prozessen in den Unternehmen
lung auf, wie Normen auf die Wirtschafts-             nach sich. Einen weiteren entscheidenden
unternehmen wirken können. Abschnitt                  Teil machen notwendig gewordene Trans-
2.1.3 beschreibt die entwickelten Katego-             parenz- und Informationspflichten (ca. 43%)
rien zur Wirkung von Normen.                          sowie Personal- und Organisationsvor-
                                                      schriften (ca. 39%) aus. In geringerem Maße
Die Anzahl an Normen, die den einzelnen               führen relevante Normen zu Aktivitäten,
Aktivitäten zugewiesen werden können,                 die sich den Kategorien „externe Validie-
sind in Abbildung 9 dargestellt. Eine Norm            rung und Zertifizierung“ (ca. 24%) bzw.
kann auch mehreren Aktivitäten zugeord-               „monetäre Belastung“ sowie „eigene Kont-
net werden. Demnach zieht der Großteil                rollhandlungen“ (jeweils ca. 10%) zuordnen
der Regulatorik – knapp 59 Prozent der                lassen.
relevanten Normen –Vorschriften zu Abläu-

Abb. 9 – Anzahl relevanter Normen nach Aktivitätenkategorien (Mehrfachzählung möglich)

                         Ablaufvorschriften                                      1.372                       59%

 Transparenz- und Informationspflichten                                  998                            43%

Personal- und Organisationsvorschriften                               902                       39%

     Externe Validierung und Zertifizierung                  557                24%

                       Monetäre Belastung           242      10%

               Eigene Kontrollhandlungen            237      10%

                                              0                          500                        1.000      1.500

26
Kostenbarometer Regulatorik (Kostbar)

                                  27
Investing in Germany | A guide for Chinese businesses

Werden die beiden Klassifikationen kom-               Daten. Für die Branchen „Erziehung und
biniert - wird also für jede Branche der              Unterricht“ sowie „Erbringung sonstiger
jeweilige Anteil an Normen der einzelnen              Dienstleistungen“ – die Tätigkeiten wie
Vorschriftsarten betrachtet – so zeigt sich           bspw. die Vermietung beweglicher Güter,
über die Branchen ein homogenes Bild mit              Arbeitskräftevermittlung, Reisedienstleis-
vergleichbaren Anteilen und grundsätz-                tungen, Sicherheitsdienste oder Gebäu-
lich geringen Schwankungsbreiten9 (Siehe              debetreuungen umfasst – stellen Normen
Abbildung 10). Mit durchschnittlich                   mit Personal- und Organisationsvorschrif-
29 Prozent aller relevanten Branchennor-              ten mit je 46 bzw. 39 Prozent die größte
men stellen Vorschriften zu Abläufen im               Gruppe dar. Mit durchschnittlich 12, 8 und
Unternehmen grundsätzlich die größte                  5 Prozent aller relevanten Branchennor-
Normenkategorie dar. Normen, die Pflich-              men nehmen Vorschriften zu externen Vali-
ten in den Bereichen Transparenz und                  dierungen und Zertifizierungen, monetärer
Information bzw. Personal und Organisa-               Belastung (z.B. für Steuern, Gebühren)
tion auferlegen, bilden mit durchschnittlich          sowie eigenen Kontrollhandlungen einen
24 bzw. 22 Prozent die nächstgrößeren                 untergeordneten Anteil an der Gesamtzahl
Gruppen. Dabei verzeichnet die letztge-               der Normen ein.
nannte Kategorie zwei Ausreißer in den

Mehr als die Hälfte aller
Normen auf Bundesebene
regeln Abläufe.

                                                                               9
                                                                                   Gemessen anhand der Standardabweichung der jeweiligen Branchenanteile
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