Magazin für Paderborn - Herbst/Winter 2020 - Kirchenmagazine.de
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Bestattung ist bei uns
Familiensache - seit
über 125 Jahren
Wir begleiten Sie mit der Erfahrung
aus 5 Generationen
Voss Bestattungen
Kisau 17-23 | 33098 Paderborn
Tel.: 05251-10 59 0
info@voss-bestattungen.de
www.voss-bestattungen.deINHALT
Frieden auf Erden den Menschen guten Willens
VORWORT von Pfarrer Thomas Stolz ... 05
KONTAKTE
Adressen, Telefonnummern, Mailadressen und
Öffnungszeiten der Pastoralverbünde in Paderborn ... 05
„Die Armen sind unsere Herren“
Menschen, die auf der Straße leben, behandelt sie wie Brüder und
Schwestern. Die Vincentinerin Schwester Elrike geht seit Jahrzehnten zu
denen, die am Rand der Gesellschaft ein Leben in Armut fristen. ... 6
„Maria singt das Loblied der Befreiung“
Die Kirche braucht die Frauen. Das meint Dr. Agnes Wuckelt, Theologie-Professorin
und stellvertretende Bundesvorsitzende der katholischen Frauengemeinschaft
Deutschlands (kfd). Ein Gespräch über Zweifel, Krisen und Chancen der Kirche. ... 14
Unterwegs im Krisengebiet
Alexandra Boxberger arbeitet für die Kirche. Sie geht in die City, dort wo die
Menschen keine Zeit für Kirche haben oder schlicht kein Interesse an Glaubensfragen.
Kann das funktionieren? ... 24
„Plastik ist so 90er“
Zwei Unverpackt-Läden machen das plastikfreie Einkaufen
in Paderborn möglich. Noch handelt es sich um eine Nische
im Lebensmittelhandel, doch das Konzept kommt an. ... 28
Titelbild:
Illustration von Birgit Kloppenburg
Herausgeber: Texte und Fotos*: Karl-Martin Flüter Druck und Verlag: Bonifatius GmbH
IMPRESSUM
Pfarrer Thomas Stolz (V.i.S.d.P.) Pastoralverbund Gestaltung: Maira Stork, Karl-Martin Flüter, Geschäftsführer: Rolf Pitsch, Tobias Siepelmeyer
Paderborn Nord-Ost-West Birgit Kloppenburg (Illustration) Ein Kooperationsprojekt der Pastoralverbünde
Dr.-Rörig-Damm 35, 33102 Paderborn Pressebüro Flüter, Paderborn Paderborn Nord-Ost-West, Paderborn-Mitte
Tel.: 05251 54005-0 Tel.: 05251 8791900, info@pressebuero-flueter.de und „Der Dom“, Kirchenzeitung des Erzbistums
thomas.stolz@pv-paderborn-now.de Paderborn
Anzeigen: Astrid Rohde (verantwortlich)
Redaktion: Tel.: 05251 153-222; anzeigen@bonifatius.de
Pfarrer Thomas Stolz Anzeigenverkauf:
Karl-Martin Flüter Westfalen-Blatt *wenn nicht anders gekennzeichnet
3Der Trauer einen Ort der Nähe schenken
Neben den drei großen Friedhöfen der Kernstadt gibt es in Paderborn
noch neun Friedhöfe in den Ortsteilen. Trauernde finden dort ihren
persönlichen Ort der Trauer - direkt in der Nähe.
Friedhöfe - Orte der Trauer, der Ruhe und der Stille. Funktionen. Die Friedhöfe in den Stadtteilen bie-
Neben Ihrer Bestimmungen als Bestattungsorte ten den Trauernden Nähe. So kann die Trauer und
sind sie auch eine „Grüne Oase“ in die Erinnerung dort gelebt wer-
Die Erinnerung ist das
der Stadtlandschaft und kulturelles den, wo auch das Leben statt-
Erbe der Vergangenheit. einzige Paradies, aus findet. Besuche am Grab mit
Die Stadt Paderborn verfügt über dem wir nicht vertrie- kurzen Wegen sind wichtiger
14 Friedhöfe. Über ihre eigent- ben werden können. Teil der Paderborner Trauerkul- Die Friedhöfe in den Stadtteilen
bieten den Trauernden einen
lichen Bestimmungen als Be- Jean Paul tur. Jeder Stadtteil-Friedhof hat Raum für ihre Trauer direkt vor
stattungsorte hinaus erfüllen die seinen eigenen Charakter, den der eigenen Haustür - dort wo
Friedhöfe wichtige ökologische und kulturelle es auch in Zukunft zu erhalten und pflegen gilt. auch das Leben stattfindet.
Orte für die Seele Die Friedhöfe in
den Stadtteilen
Die Paderborner Friedhöfe
Trauer & Erinnerung
Parks & Natur
Kultur & Kunst
Amt für Umweltschutz und Grünflächen
Am Hoppenhof 33 | 33104 Paderborn
www.paderborn.deEditorial
Frieden auf Erden den Menschen guten Willens
von Pfarrer Thomas Stolz
Liebe Leserin, lieber Leser, Pastoralverbund Paderborn
vor der Advents- und Weihnachtszeit will die Mitte-Süd
neue Ausgabe von „Paderborn jetzt“ Sie,
Zentralbüro
liebe Leserinnen und Leser, auf einige
Domplatz 4, 33098 Paderborn
Themen aufmerksam machen, die die Men-
Tel.: 05251 - 5449390
schen in unserer Stadt bewegen oder zumin-
Fax: 05251 - 5449395
dest interessieren sollten.
E-Mail: pfarrbuero@katholisch-in-paderborn.de
Das Zentralbüro des Pastoralverbundes Paderborn
Interesse zeigen an dem Tun und Handeln
Mitte-Süd ist in der Regel an fünf Tagen in der
der Menschen, an ihrer Lebenssituation,
Woche zu folgenden Bürozeiten besetzt:
ihren Wünschen und Sorgen sollte immer ein
Montag, Dienstag, Donnerstag, Freitag
gesellschaftliches Anliegen sein. Nur eine
10:00 Uhr - 12:00 Uhr
Gesellschaft, die sich um den einzelnen Men-
Montag und Dienstag
schen und die unterschiedlichen Gruppen in
15:00 Uhr - 17:00 Uhr
einer Gesellschaft kümmert, diese Lebenssitu- Pfarrer Thomas Stolz
Mittwoch 10:00 Uhr - 12:00 Uhr
ationen ernst nimmt, wird auch gute Lösungs- ist Leiter des Pfarrverbundes
Paderborn Nord-Ost-West
wege finden können, um eine friedvolles
Miteinander ermöglichen.
Pastoralverbund Paderborn
Es gibt in unserer Gesellschaft viele Diskussionen, die gute und harmonische Lösungen
brauchen. Ich denke da an die Gleichstellung von Mann und Frau, gerade im Hinblick auf
Nord-Ost-West
Lohn, Gehalt und Rente. Die Armen und Randgruppen unserer Gesellschaft brauchen mehr Leiter des Pastoralverbundes
Aufmerksamkeit, damit sie Gehör finden und eben nicht nur am „Rand“ stehen, denn alle Pfarrer Thomas Stolz
sind immer Teil einer Gesellschaft. Das Corona-Virus belastet unterschiedliche Gruppen sehr Dr.-Rörig-Damm 35, 33102 Paderborn
stark, Familien, Kleinunternehmer und Soloselbstständige, auch Gastronomie und Hotelge- Telefon: 05251 54005-0 (Pfarrbüro)
webe, andere sind finanziell weniger betroffen. Telefax: 05251 54005-24 (Pfarrbüro)
E-Mail: thomas.stolz@pv-paderborn-now.de
Auch in der Kirche zeigen sich verschiedene Strömungen und Haltungen im Zusammen- Mobil: 0171-4780921
hang mit der Teilhabe der Frauen in der Ämterstruktur. Die lebhaften Diskussionen über Pastoralverbundsbüro
den Synodalen Weg in Deutschland lassen vielfältige Meinungen und Ansichten deutlich Dr.-Rörig-Damm 35, 33102 Paderborn
werden. Telefon: 05251 54005-0
Telefax: 05251 54005-24
Nun haben wir bald wieder Weihnachten und die Adventszeit will uns auf dieses große E-Mail: pv-buero@pv-paderborn-now.de
Fest vorbereiten. Das Hauptthema von Weihnachten ist wie in jedem Jahr die Verkündigung
der Engel bei den Hirten: „Frieden auf Erden den Menschen guten Willens“. Ich bin davon Öffnungszeiten:
überzeugt, dass dieses Thema gerade jetzt für uns alle sehr wichtig ist, bei allen Diskus- montags bis freitags 9:00 bis 12:00 Uhr sowie
sionen und Suchen nach neuen Wegen der Gesellschaft und des gelingenden Miteinan- montags, mittwochs und donnerstags
ders. Weihnachten könnte für uns alle trotz Corona ein großartiges Fest des Frieden, des 15:00 bis 18:00 Uhr
Miteinanders und der Gemeinschaft werden, wenn wir guten Willen zeigen und bei allen An Feiertagen bleiben die Pfarrbüros grundsätzlich
Problemen, Sorgen und Unterschiedlichkeit Frieden stiften. Jesus Christus, unser Friedenstift, geschlossen.
ging zu allen Menschen, nahmen jeden Menschen an und spendete Trost und schenkte
Heilung. Er zeigte uns den guten Willen Gottes, zeigen auch wir unseren guten Willen für
einen bessere Welt zu sorgen.
Ihr Pfarrer Thomas Stolz
5„Die Armen
sind unsere
Herren“
Menschen, die auf der Straße leben, behandelt sie wie Brüder und
Schwestern. Schwester Elrike geht zu denen, die am Rand der Gesell-
schaft leben. Ihr Engagement hat über Jahrzehnte nicht nachgelassen.
Im Gegenteil: Der ständige Einsatz für andere hat sie jung gehalten.
Text: Karl-Martin Flüter
6Einfach mit den Menschen
zusammen sein, ihre Sorgen zu
teilen, mit ihnen zu feiern: „Das
wirkt Wunder“, sagt Schwester
Elrike. Foto: SKM
7Schwester Elrike Tyws schaut mit professioneller Neu- ten. Obdachlose in der Jesuiten-Gruft: Das gefiel nicht
gierde in den Plastikbeutel, der für sie abgegeben wur- jedem. Doch Wilhelm Jürgens ließ sich nicht beirren. „Er
de. Sie sieht auf den ersten Blick, dass sie das meiste hatte eines Morgens einen erfrorenen Menschen vor
Foto auf der rechten Seite: Sich
einfach zu den Menschen set- davon gebrauchen kann: Kleidung für den Winter, die der Tür seines Pfarrhauses gefunden“, sagt Schwester
zen, zu denen sich sonst keiner gewaschen und dann sortiert wird. Elrike. „Danach war ihm klar, was er machen musste.“
setzen will: So lernt Schwester
Was praktisch und gut erhalten ist, packt Schwester Sie sagt das mit Entschiedenheit und man sieht ihr
Elrike die „Brüder und Schwester
von der Straße“ kennen. „Wenn Elrike sorgfältig in Geschenkpapier ein: warme Pullover, an, wie sehr ihr die Unbeugsamkeit des im letzten Jahr
man zuhört, öffnen sie sich“, gute Schuhe, aber auch Uhren. Dinge, die man für das verstorbenen Marktkirchenpfarrers auch nach fast vier-
sagt sie.
Leben auf der Straße gut gebrauchen kann. Die Päck- zig Jahren gefällt. Schnell gehörte sie zu den Helferin-
Foto: SKM
chen sind für das Weihnachtsfest bestimmt, das die nen und Helfern, die sich um den standhaften Priester
„Brüder und Schwestern auf der Straße“ im Dezember sammelten und die Menschen, die in der Gruft Schutz
feiern. suchten, unterstützten.
Ohne die Geschenke, die Schwester Elrike mitbringt, Schwester Elrike hatte zuvor zehn Jahre in Siegen
wäre die Feier nicht vorstellbar. Dass sie in diesem Jahr als Vincentinerin gewirkt und war danach zurück nach
vielleicht wegen Corona ausfallen könnte, erschüttert Paderborn gekommen, um als Lehrerin zu arbeiten. In
die Schwester nicht: „Dann feiern wir eben später.“ den folgenden Jahren wurde der Einsatz für Menschen
auf der Straße immer mehr zu ihrem Lebensinhalt. So
war sie dabei, als der Ordensrat im Erzbistum Paderborn
Mitte der 1980er Jahre während Libori eine besondere
Veranstaltung auf dem Marienplatz im Herzen der Stadt
plante: einen Liboritreff für und mit den Brüdern und
Schwestern von der Straße. Die Aktion erregte Aufse-
hen.
Eine Arbeitsgemeinschaft der Orden für
die Schwestern und Brüder auf der Straße
Der Marienplatz war damals noch der Treff der nicht-
sesshaften Menschen in Paderborn. Nur zu Libori
mussten sie weichen, weil dann auf dem Platz religiöse
Veranstaltungen stattfanden. Schwester Elrike wollte es
wie die anderen Organisatoren nicht mehr hinnehmen,
dass die Armen während des Stadtfestes wegen einer
Kirchenveranstaltung aus dem öffentlichen Raum wei-
chen sollten.
1987 feierten Ordensleute zum ersten Mal mit den
Brüdern und Schwestern von der Straße zu Libori. In
den Jahren danach wurde die Veranstaltung auf dem
Marienplatz zu einem festen Liboritermin. Schon bald
kam im Advent ein zweites Fest hinzu, das es bis heu-
te gibt. Die Geschenke, die Schwester Elrike im Keller
des Klosters verpackt, sind für dieses vorweihnachtliche
Foto oben: Vorträge halten, für Die Vincentinerin Schwester Elrike Tyws hat sich die- Treffen bestimmt.
Verständnis werben, Spenden
einwerben: Auch das macht
se Krisenfestigkeit im Lauf der Jahrzehnte angeeignet. Viele Jahre sorgten die Mitglieder von Ordensge-
Schwester Elrike schon seit Seit fast fünfzig Jahren begleitet und betreut sie Men- meinschaften aus dem Kreis Paderborn für die Men-
Jahrzehnten. schen, die am Rand der Gesellschaft leben. schen auf der Straße. Die vielen Orden im Paderbor-
Foto: SKM
Angefangen hat alles Mitte der 1970er Jahre in einem ner Land schlossen sich zu einer Arbeitsgemeinschaft
anderen Keller in Paderborn. Damals öffnete der Pfar- zusammen: Franziskaner und Franziskanerinnen,
rer der Marktkirche, Wilhelm Jürgens, die Räume unter Salesianer und Vincentinerinnen, Augustiner Chorfrau-
der Kirche für Menschen, die sonst trotz der Kälte des en und Katharinenschwestern aus Wewelsburg, die
Winters draußen hätten schlafen müssen. Durch den Barmherzigen Brüder, die Schwesterm der Christlichen
Keller der Marktkirche verliefen die Heizungsrohre, es Liebe und die Schwestern vom Kostbaren Blut in Neu-
war warm, auch wenn es draußen fror. enbeken.
Der Raum, den Pfarrer Jürgens geöffnet hatte, war die Die Sorge für die Armen war tief verankert in der
Gruft der Jesuiten, die hier mal ihr Kloster gehabt hat- kirchlichen Arbeit und Schwester Elrike war bestens
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9vernetzt. Sie arbeitete im Ordensreferat des Erzbischöf- Einfach für andere da sein: Schwester Elrike ist
lichen Generalvikariates und sorgte dafür, dass das damit groß geworden. Ihre Mutter sei immer mit vol-
Thema Armut im Bildungsprogramm eine wichtige Rol- len Taschen aus dem Haus gegangen und mit leeren
le spielte. Seit 1994 trafen sich die engagierten Ordens- zurückgekommen, erinnert sie sich an ihre Kindheit in
mitglieder, aber auch viele andere ehrenamtliche Men- Wanne-Eickel. „Sehr oft hatten wir Fremde am Tisch.“
schen zum regelmäßigen Kontaktseminar „Option für Sie selbst wurde überzeugte Pfadfinderin, die einen
die Armen“ in Münster. Man besuchte andere Projekte, Stamm – wie die Pfadfinder ihre Gruppen nennen –
wie das Containerdorf in Graz, das Schwester Elrike leitete und mit Begeisterung auf Großfahrten ging. Bei
auch heute noch „super“ findet. „So etwas in Pader- ihren Einsätzen für die „Scouts“ kam sie auch in das
born, das wäre toll.“ St. Anna Hospital in Wanne-Eickel, in dem Schwestern
Besonders gut findet der Vincenzordens arbeiteteten. Die Erfahrung dieser
Schwester Elrike sucht Menschen auf der sie, dass das Container- Einsätze wirkte nach. 1964 trat sie in den Orden der
Straße auf. Setzt sich mit ihnen auf eine Park- dorf mitten in der Stadt Vincentinerinnen ein und wurde Heimerzieherin. In Sie-
bank oder in eine Ecke. „Es ist sagenhaft, was liegt. Der Pfarrer Wolf- gen studierte sie Deutsch, Religion und Geschichte auf
gang Pucher, ebenfalls Lehramt. „Ich hatte immer das Glück, dass ich Leute traf,
ich da erlebt habe“, sagt sie. ein Ordensmitglied der die mich verstanden und mit denen ich zusammenar-
Vincentiner, hat diese beiten konnte“, sagt sie.
zentrale Lage in Graz gegen alle Widerstände durchge- So war es auch in der Arbeit für die Armen. Die
setzt. Armut und Verlassenheit sichtbar zu machen, ist Arbeitsgruppe der Ordensmitglieder für die Menschen
wichtig. Das ist auch die Überzeugung von Schwester auf der Straße war in den 1980er und 1990er Jahren
Elrike: „Wir alle sind aufgefordert, hinzusehen“, ist sie der Anfang. Seit 1998 half Schwester Elrike im Prälat-
überzeugt. Braekling-Haus in Paderborn. Das Übergangswohnheim
Fotos aus einem
bewegten Leben für Männer in besonderen Schwierigkeiten wird vom
linke Spalte, oben: In den 1980er Auf die Parkbank setzen katholischen Verein SKM betrieben. Später war sie
Jahren feierten die Mitglieder und einfach zuhören ehrenamtlich in der Tagesstätte des SKM tätig.
von Ordensgemeinschaften
während der Liboritage mit den Am Eingang zum Grazer Containerdorf hat Schwester Andernorts wurde man auf ihre Arbeit aufmerksam.
Schwestern und Brüdern von der Elrike den Satz gelesen: „Wer nicht weiß, wohin er sein 2007, damals war Schwester Elrike schon jenseits der
Straße auf dem Marienplatz in
Haupt legen soll, ist hier willkommen.“ 70, erfolgte die Beauftragung zur seelsorglichen Beglei-
der Paderborner City.
rechte Spalte, oben: Genauso so soll es sein, betont Elrike. Natürlich weiß tung der Wohnungslosen in Paderborn. „Das bedeutet
Pfarrer Wilhelm Jürgens lud die sie, dass es Jesus ist, der sich im Lukasevangelium als die grundsätzliche Bereitschaft zum Gespräch“, sagt sie,
Menschen von der Straße in den jemand beschreibt, der nicht weiß, wo er schlafen soll. „auf der Straße, am Busbahnhof, in Heimen, Kranken-
warmen Keller unter seiner Kirche
ein. Schon damals war Schwes- Diese Nähe von Jesus zu den Menschen, die nichts häusern, Gefängnissen, aber auch an der Klosterpforte.“
ter Elrike dabei. haben: Das hat auch der Ordensgründer Vincenz von „Zeit mitbringen, daneben sitzen, zuhören“ sei ihre Auf-
rechte Spalte, unten: Paul gemeint, als er sagte: „Die Armen sind unsere Her- gabe, sagt sie. Dann geschieht alles Weitere von alleine.
Schwester Elrike ist auch eine
überzeugte Radfahrerin, die – ren.“
ohne Elektroantrieb – den Hax- Am stärksten hat sie das bei den „Exerzitien auf „Beruf dich nicht auf Privilegien
terberg hochradelt. der Straße“ erlebt. Die Straßenexerzitien sind eng ver- und geh deinen Weg“
linke Spalte, Mitte und unten:
„Wenn die Leute merken, dass bunden mit dem Jesuiten und Arbeiterpriester Christian Würde man den Jesus ernstnehmen, der im Lukas-
du Zeit hast, kommen sie Herwartz, der mit ausgegrenzten Menschen in Berlin- evanglium sagt, auch er habe keinen Platz zum Schla-
auf dich zu und öffnen sich. Kreuzberg lebte. Irgendwann baten ihn Außenstehende, fen, dann hätte das einschneidende Folgen. Ein bürger-
Du musst nur zuhören“, sagt
Schwester Elrike über ihr Leben ihn dabei begleiten zu dürfen, wenn er zu den Men- liches, sicheres Leben fortsetzen, ohne nach rechts und
mit den Brüdern und Schwestern schen auf der Straße ging. Daraus entwickelten sich die links zu schauen, wo die Mensch in unsicheren Ver-
von der Straße. Straßenexerzitien, die es heute nicht nur in Berlin, son- hältnissen oder in Armut leben? Das ist nicht möglich.
Fotos: dern in ganz Deutschland und im Ausland gibt. „Das, was Jesus sagt, bedeutet doch, beruf dich nicht
rechts unten: Karl-Martin Flüter Auch Schwester Elrike ist während ihrer Exerzitien, auf Privilegien, lege keine Vorräte an und geh deinen
alle anderen Fotos: privat die jede Vincentinerin absolviert, nicht zum Beten und Weg“, sagt Schwester Elrike.
Meditieren in ein einsames Kloster gegangen, sondern Es handelt sich um eine wirklich revolutionäre,
hat in Berlin und dann auch in Paderborn Menschen unbequeme Botschaft, die Schwester Elrike vertritt. Gib
aufgesucht und einfach zugehört. Hat sich mit auf die dein Sicherheitsdenken auf, denn wer auf Gott vertraut,
Parkbank oder in eine Ecke gesetzt. Oft ohne Tracht, kann ohne Sorge bleiben. Das Leben erneuert sich von
weil sie ihren Glauben nicht vor sich hertragen wollte. selbst. In diesem Punkt ist sich Schwester Elrike sicher:
„Es ist sagenhaft, was ich da erlebt habe“, sagt sie. „Das ist wie der brennende Dornbusch.“
„Wenn die Leute merken, dass du Zeit hast, kommen Der brennende Dornbusch, das muss man wissen,
sie auf dich zu und öffnen sich. Du musst nur zuhören.“ ist der Titel einer Geschichte aus dem Alten Testament.
1011
Foto oben: Immer wieder Moses, der Viehhirte, stieß in der Wüste, schein- Schwester Elrike hat noch andere Argumente, die für
werden im Kloster der Vincen-
terinnen Spenden abgegeben.
bar durch Zufall, auf diesen Dornbusch, der brannte, ihren Lebensweg sprechen. Das sind die vielen Freun-
Schwester Elrike sortiert sie und aber wunderbarerweise nicht verbrannte. Als Moses de und Gefährten, die sie auf der Straße kennengelernt
verpackt gut erhaltene Sachen näherkam, war es Gott, der durch den Dornbusch zu hat. Überhaupt scheint es eine ihrer Stärken zu sein,
als Weihnachtsgeschenk.
Foto: Flüter
ihm sprach. Er erteilte Moses den Auftrag, das Volk Beziehungen aufzubauen und über lange Zeit lebendig
Israel aus Ägypten zu führen. Eine Aufgabe, der der zu erhalten. Am Samstag kommt eine ehemalige Schü-
frühere Viehhirte von da an sein ganzes Leben wid- lerin aus Siegen nach Paderborn, um Schwester Elrike
mete. zu besuchen. Nach mehr als 50 Jahren haben sich die
Sollte das eine Lösung sein? Jung und dynamisch beiden nicht aus den Augen verloren.
bleiben, weil man sich einer guten Sache ganz und Und dann ist da ihre beneidenswerte körperliche
gar widmet? Schwester Elrike kann dafür als Beispiel Rüstigkeit. Jeden Sonntag nach der Messe, auch in der
dienen. 86 ist sie jetzt, aber das ist ihr nicht anzu- kalten Jahreszeit, klettert Schwester Elrike wie immer
merken. Ihre Stimme, ihre Bewegungen, ihre Energie, auf eines ihrer beiden Räder, das schnellere mit den
alles wirkt jünger. „Ich bin immer in Bereitschaft“, schmalen Reifen, um ihre Fahrt auf den Haxterberg zu
sagt sie. unternehmen – wohlgemerkt nicht mit einem E-Bike,
Und was ist, wenn es zu viel wird? „Man muss wie das heute eigentlich selbstverständlich wäre. Die
schon aufpassen“, sagt die Unermüdliche, aber man Kraft für den langen Anstieg hat sie noch. Richtig aus-
sieht ihr an, dass sie eigentlich sagen will: „Burnout, powern, das muss sein, auch mit 86. Egal ob auf dem
kenne ich nicht. Was ist das?“ Fahrradsattel oder sonst im Leben.
12ANZEIGE
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Die Kunden der Landhausküche sind vollstens zufrieden
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das Loblied
der Befreiung“
Die Kirche braucht die Frauen. Das meint Dr. Agnes Wuckelt,
Theologie-Professorin und stellvertretende Bundesvorsitzende der
katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) und Teilneh-
mern der Synodalversammlung der deutschen Katholiken.
Ein Gespräch über Zweifel, Krisen und Chancen der Kirche.
Interview: Karl-Martin Flüter
Gesprächspartnerin: Agnes Wuckelt wäh-
rend der Regionenkonferenz in Dort-
mund, an der sie als Vertreterin der kfd
teilnimmt. Rechts neben ihr Weihbischof
Stefan Zekorn aus dem Bistum Münster.
Foto: Synodaler Weg/Bezem Mashiqi
14Selbstbewusst für die Rechte der
Frauen kämpfen: Agnes Wuckelt ist
stellvertretende Bundesvorsitzende
der Katholischen Frauengemeinschaft
Deutschlands (kfd), dem 450.000
Frauen angehören. Foto: kfd
15DAS JETZT-INTERVIEW MIT
DR. AGNES WUCKELT
Frau Dr. Wuckelt, welchen Einfluss hat die
Kirche in der modernen Gesellschaft?
Agnes Wuckelt: Theologie und die kirchenamtliche Krankenhäusern oder in der Altenpflege wird sehr wohl
Ebene haben nur noch wenig mit der Lebenswirk- wahrgenommen.
lichkeit der meisten Menschen zu tun. In der pluralen Auch die Kirche als Trägerin von Bildungseinrichtun-
Gesellschaft, in der es so viele Angebote gibt, Leben gen, von der Kita bis zur Erwachsenenbildung, ist wich-
zu gestalten, ist Kirche nicht mehr hilfreich. Auch in den tig. Da wird Kirche gesehen und es wird vielleicht sogar
kirchlichen Gemeinden hat sich eine starke Individuali- akzeptiert, dass Kirchensteuermittel dafür eingesetzt
sierung entwickelt. Die Menschen entscheiden selbst, werden. Gerade in den ostdeutschen Bundesländern
was sie für sich als richtig erachten. Die Frage nach der haben kirchliche Schulen einen großen Zulauf. Nicht
Lebensführung, die Art, wie ich Beziehung gestalte, wie wegen der religiösen Inhalte oder weil katholisch drauf-
ich Sexualität lebe: Das entscheiden wir für uns selbst. steht, sondern weil dort eine sehr gute Arbeit geleistet
Da hat Kirche nur noch wenig zu sagen. wird.
Die Kirche ist nicht nur
Caritas. Welche Rolle
spielt die Spiritualität
der Kirche in der öffent-
lichen Wahrnehmung?
Im Bereich des Spirituel-
len ist Kirche eine Anbie-
terin unter vielen anderen.
Wenn eine Coachingfirma
ethische oder spirituelle
Fortbildungsangebote
macht, dann ist sie sehr
wohl eine Konkurrenz zu
kirchlichen Angeboten.
Es gibt an der katho-
lischen Universität Eich-
stätt einen sehr gefragten
Manager-Studiengang
zum Thema Führung,
der von Managerinnen
und Managern besucht
wird. Die Referentinnen
und Referenten kommen
weniger aus der Theo-
logie; es sind Fachleute
Nicht nur reden, sondern handeln: Die Wo wird Kirche noch als wichtig wahrgenommen? aus großen Coachingfirmen, die Fragen behandeln wie:
kfd erregt immer wieder mit Protestak-
tionen Aufsehen. Im September 2020
Wenn man auf die Umfragen schaut, dann ist das Sozi- Was heißt es ethisch zu führen? Was heißt es, ethisch
überreichte Agnes Wuckelt als stellvertre- ale wichtig. Die Bedeutung der Kirche in der Caritas, in zu leben und zu arbeiten?
tende kfd-Bundesvorsitzende während
der Herbstversammlung der Deutschen
Bischofskonferenz einen „MachtMeter“
an die Bischöfe. Einer, der ihr zuhörte, Dr. Agnes Wuckelt (*1949) war von 1986 bis 2015 Professorin für Praktische Theologie an der Katholischen Hoch-
war der aus dem Erzbistum Paderborn schule Nordrhein-Westfalen, Abteilung Paderborn. 2017 wurde sie zur stellvertretenden Bundesvorsitzenden der
stammende Osnabrücker Bischof Franz- Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) gewählt. Sie lebt in Paderborn.
Josef Bode. Foto: kfd/Angelika Stehle
16DAS JETZT-INTERVIEW MIT
DR. AGNES WUCKELT
An diesem Beispiel wird deutlich: Wenn Kirche noch wir in der Familie im Lockdown eng zusammenleben
irgendetwas zu sagen haben möchte, muss sie sich mit müssen und nach einer Woche der absolute Streit aus-
anderen gesellschaftli-
chen Gruppen vernetzen.
Sie muss deutlich sagen,
was sie anders macht
oder wie sie sich mehr
oder anders einbringt als
eine Coachingfirma, die
ein ethisches Programm
für Personalführung hat.
Zuletzt wurde beklagt,
dass sich Kirche wäh-
rend der Corona-Pande-
mie kaum an der Debat-
te über die ethischen
Fragen beteiligt hat.
Sie hat vor allem am
Anfang nichts Relevan-
tes geboten. Was von
der Kirche kam, waren
gestreamte Eucharistiefei-
ern oder Erläuterungen,
wie Hygieneregeln ein-
zuhalten sind oder dass
Kirchgänger von der Sonntagspflicht befreit sind. Dabei bricht? Wie lebt man in dieser extremen Situation gute Die Proteste der Proteste häufen sich.
weiß doch ohnehin kein Mensch mehr, worin die Sonn- Beziehungen? Wie gehe ich damit um, dass ich mich Hier bei einem Treffen der deutschen
Bischöfe. Foto: kfd/Angelika Stehle
tagspflicht besteht. Die Menschen regeln das für sich selbst als unausgeglichen erlebe, weil ich nicht mehr
selber, wann sie in die Kirche gehen. Da muss niemand vor die Tür kann? Was ist,
mehr befreit werden. wenn mein Arbeitsplatz
Das sind kirchengesetzliche Vorgaben, die für wegbricht? Dass ich als
„Was in der Coronakrise anfangs kam, waren
Gemeindemitglieder, auch die frommen, kaum mehr Freiberufler keine Ein- gestreamte Eucharistiefeiern, Erläuterungen
Relevanz haben. Leider sind unter diesen Gemeinde- künfte mehr habe? Die zu den Hygieneregeln oder dass die
mitgliedern auch die, die heute, nach der Erfahrung der existenziellen, lebensna-
Pandemie, sagen: „Eigentlich vermisse ich die Kirche hen Fragen wurden über- Kirchgänger von der Sonntagspflicht befreit
nicht.“ haupt nicht aufgegriffen. sind. Dabei weiß doch ohnehin kein Mensch
Wichtiger als das war mehr, worin die Sonntagspflicht besteht. Die
Worüber hätte die Kirche denn während des Lock- die Sorge, dass die Got-
downs reden sollen? tesbeziehung gefährdet Menschen regeln das für sich selbst.“
Sie hätte Antworten geben können. Antworten auf sei, wenn die Menschen
Fragen nach Gott, der so etwas wie eine Pandemie nicht mehr in den Gottesdienst gehen. Das ging an
zulässt, bei der Menschen zu Tausenden sterben und in dem vorbei, was die Kirche Jesu Christi tatsächlich sein
Massengräbern verscharrt werden. Was heißt es, wenn kann.
Die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) ist mit 450.000 Mitgliedern der größte katholische
Frauenverband und einer der größten Frauenverbände Deutschlands. Die kfd setzt sich für die Interessen von
Frauen in Kirche, Politik und Gesellschaft ein.
17DAS JETZT-INTERVIEW MIT
DR. AGNES WUCKELT
Lange waren Frauen auch in der Kirche
unsichtbar. Das hat sich geändert. Zufrieden
sind viele Frauen deshalb noch lange nicht.
Ein Foto von der Synodalversammlung im Januar
2020 in Frankfurt. Foto: Synodaler Weg/Malzkorn
Foto: kfd
18DAS JETZT-INTERVIEW MIT
DR. AGNES WUCKELT
Was bleibt in der männerdominierten Welt
der Kirche für die Frauen?
Agnes Wuckelt: Der kfd-Bundesverband hat eine Stu- Es gibt auch die Frauen, die weiter zu der Marien-
die über das Verhältnis von Frauen und Kirche in Auftrag frömmigkeit stehen, die sie seit Kindesbeinen kennen.
gegeben. Es wurde deutlich, dass für viele Frauen die Es gibt beide Seiten und beide sind berechtigt: Der Auf-
Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands, die kfd, bruch zu neuen Sichtweisen und das Gefühl, in der
„ihre“ Kirche ist. Die kfd ist ein Frauenort in der Kirche traditionellen Überlieferung zu Hause zu sein.
und an diesem Frauenort ist Empowerment möglich.
Das kennzeichnet ja die gesamte feministische Bewe- Wie würde sich die Kirche verändern, wenn die Frau-
gung: Empowerment als die Kraft, die Frauen stark en in der Kirche wirklich etwas zu sagen hätten?
macht, und als Ort, an dem Frauen sich selber stärken. Wir wissen aus der Wirtschaft, dass sich in der Füh-
Die kfd greift das auf, indem der Verband Themen, rungskultur von Unternehmen wirklich etwas verändert,
Angebote und Dienste fördert, die für Frauen wichtig wenn etwa 40 Prozent der Manager Frauen sind. Wenn
sind, etwa die Qualifizierung zur geistlichen Leiterin der Anteil der Frauen geringer ist, bleiben die Frauen
oder geistlichen Begleiterin. Das können Gespräche unter sich und das Männerbündische wird weiter prak-
sein, Andachten, Pilgerfahrten, Wortgottesfeiern oder tiziert. Dann können die Frauen in dem Netzwerk der
Agapefeiern mit Frauen vorbereiten und mit Frauen fei- Männer immer noch leicht umgangen werden.
ern. Wir begeben uns damit relativ nah an den eucha- Wenn gleich viele Frauen und Männer auf derselben
ristischen Bereich, aber selbstverständlich respektieren Ebene agieren, sind die Redeanteile der Frauen sogar
wir, was für uns Frauen nicht möglich ist. Trotzdem kön- stärker als die der Männer. Auf diese Weise verändern
nen wir uns fragen, worin der Unterschied liegt, wenn sich Denk- und Planungsprozesse, aber auch die all-
Frauen in der Agape miteinander Brot brechen, Brot täglichen Dinge. Vie-
essen und Wein trinken. Im Vollzug geschieht bei vielen les, was vorher nach „Wir wissen aus der Wirtschaft, dass sich
unserer Feiern mit Frauen vielleicht mehr als in einer alten Rollenmustern
herkömmlichen Eucharistiefeier. Das Miteinandersein, selbstverständlich
in der Führungskultur von Unternehmen
das sich gemeinsam auf den Weg machen, das gläu- war, löst sich auf. wirklich etwas verändert, wenn 40 Prozent
bige Vertrauen ist stark. „Wo immer zwei oder drei in So wären die Ver- der Manager Frauen sind. Wenn der Anteil
meinem Namen versammelt sind, ist Gott mitten unter änderungen auch
ihnen“, heißt es im Neuen Testament. in der Kirche, wenn der Frauen geringer ist, bleiben die Frauen
Frauen etwa gleich unter sich und das Männerbündische wird
Die Protestbewegung der Frauen in der katholischen stark in die Führung weiter praktiziert.“
Kirche heißt „Maria 2.0“. Warum? eingebunden wür-
Wie die Rolle von Maria interpretiert wird, verrät viel den. Das Männer-
über die jeweilige Einstellung zum Glauben. In der bündische, die Art und Weise, wie Männer die Welt
traditionellen Marienfrömmigkeit wird Maria überhöht sehen, hätte nicht mehr Vorrang vor dem, wie Frauen
und für uns Frauen unerreichbar gemacht. In der femi- die Welt sehen. Die Kirche würde um neue Sichtweisen
nistischen Theologie und der Befreiungstheologie kann und Perspektiven bereichert. Es würde deutlicher wer-
man eine andere Maria kennenlernen, eine Maria, die den, dass jeder Mensch – Frau, Mann, divers – die Welt
das Loblied der Befreiung singt: „Gott stürzt die Mächti- anders sieht. Miteinander zu leben und zu schauen,
gen vom Thron und hebt die Niedrigen aus dem Staub wie ich dem anderen gerecht werden kann, verändert
hoch.“ Davon zu erfahren, ist vor allem für Frauen eine den Alltag. Das sind Prozesse, die dem Zusammenle-
Erleichterung. ben guttun würden.
Maria 2.0 ist eine von Frauen in der katholischen Kirche in Deutschland ausgehende Intitiative, die sich gegen die
Machtstrukturen in der Kirche richtet. Die Initiative fordert Zugang von Frauen zu allen Weiheämtern der Kirche, die
Aufhebung des Pflichtzölibats und eine umfassende Aufklärung von Missbrauchsfällen in der Kirche.
19DAS JETZT-INTERVIEW MIT
DR. AGNES WUCKELT
Kann der Synodale Weg den Umbau der
Kirche voranbringen?
Agnes Wuckelt: Der Synodale Weg kann nur theologisch ausgebildet. Auch sie vertreten keinen
erfolgreich sein, wenn wir uns die Strukturen der repräsentativen Querschnitt des Kirchenvolkes.
Kirche genau anschauen. Die Vertreter der Amtskir- Die Bischöfe und die Vertreter der Laien und Lai-
che müssen sich zur Basis, zum Kirchenvolk, hin- innen mussten zuerst Kommunikationsstrukturen
bewegen. Allerdings ist diese Basis auch auf dem angleichen. Die männerbündische Bischofskonfe-
Synodalen Weg nicht vertreten. Zwei Drittel der Ver- renz kommuniziert ganz anders und hat ein ganz
treter sind Kleriker. Die Laien und Laiinnen kommen anderes Sitzungsverhalten als wir im Zentralkomi-
oft aus den Verbänden, sind akademisch und oft tee der deutschen Katholiken.
Kann der Synodale
Weg trotzdem erfolg-
reich sein?
Angesichts dessen, was
unsere Kirche braucht,
geschieht nicht genug.
Außerdem kommt zu
wenig von dem, was
wir beim Synodalen
Weg besprechen, in
den Gemeinden an. Ich
hatte viele Termine für
Vorträge und Gesprä-
che in Gemeinden und
Verbänden geplant, um
die Arbeit des Synoda-
len Wegs vorzustellen
und Anregungen mit-
zunehmen. Doch das
fällt alles wegen Coro-
na aus.
Das scheint alles sehr
mühselig zu sein und
langsam voranzuge-
hen. Hat die Kirche so
viel Zeit?
Es bleibt nicht mehr viel
Zeit. Das ist zum einen
Der Synodale Weg ist ein innerkirchlicher Gesprächsprozess, der auf zwei Jahre angelegt ist und im Dezember
2019 eröffnet wurde. Die Deutsche Bischofskonferenz entschied im März 2019, gemeinsam mit dem Zentralkomitee
der deutschen Katholiken, die „strukturierte Debatte“ zu beginnen. Der Gesprächsprozess findet in der Synodalver-
sammlung sowie den Regionalforen (unter anderem in Dortmund) statt.
20eine demographische Frage. Die Gemeinden sind
überaltert. Es rächt sich, dass junge Menschen und
die mittlere Generation nicht ausreichend ange-
sprochen wurden. Was ist mit jungen Familien?
Was ist mit den Singles, einer rasch wachsenden
Bevölkerungsgruppe?
Patchworkfamilien, Geschiedene und Wiederver-
heiratete werden nicht wahrgenommen. Es bricht
vieles weg. Immer wieder wird zu spät erkannt, „Wir schaffen den perfekten Rahmen
was Menschen wirklich brauchen.
Im Forum III des Synodalen Weges, das sich den
für einen sicheren und planbaren
Diensten und Ämtern von Frauen in der Kirche wid- Immobilienverkauf.“
met, geht es darum, wie Frauen in der Kirche den
Andrea & Matthias Thater
Platz erhalten, der ihnen als die eine Hälfte der
Menschheit zusteht.
Dazu möchten Frauen jetzt Entscheidungen
haben. Selbst wenn die Bischöfe sich dazu ent-
scheiden, die Quotenregelung umzusetzen, die sie
im März 2019 beschlossen haben, reicht das nicht.
DER INKOGNITO-VERKAUF
Das ist nicht das, was Frauen wirklich anstreben, Immobilien vertraulich & diskret verkaufen
nämlich den Zugang zur Weihe, zumindest zum
Diakonat.
Doch das bleibt Zukunftsmusik, weil selbst die
Sie möchten Ihren
Bischöfe, die das wollen, vor unüberwindbaren Immobilienverkauf
Hürden stehen. nicht an die große
Das hängt nicht vom guten Willen einiger
Bischöfe ab, sondern vom Kirchenrecht und ural-
Glocke hängen?
ten theologischen Konstrukten, von Macht und der
Definitionsmacht der Bischöfe. Es reicht, dass ein Lassen Sie uns
Bischof sagt: „Mit mir nicht“, und uns bleibt nichts
darüber sprechen,
anderes übrig, als es hinzunehmen.
wie Ihre Immobilie erfolgreich geheim
Was sie sagen, klingt nach Resignation. verkauft werden kann.
Für mich persönlich sehe ich eigentlich nicht, dass
sich wirkliche Veränderungen während meiner
Lebenszeit ergeben werden.
Aber ich werde nicht nachgeben. Ich stehe für thater IMMOBILIEN GmbH
eine gute Sache ein und selbst wenn erst meine
Töchter und meine Enkelinnen diese Dinge wirklich
Grube 12, Paderborn
erreichen werden, habe ich doch etwas dazu bei- 05251 2886900
tragen können. Doch die Frauen, die nicht warten info@thater-immobilien.de
können oder wollen, die werden davongehen und www.thater-immobilien.de
sich ihre eigenen Räume schaffen.
21 21DAS JETZT-INTERVIEW MIT
DR. AGNES WUCKELT
Frau Wuckelt, was hält Sie
in der katholischen Kirche?
Agnes Wuckelt: Die Kirche ist der Bereich, in dem kirchlichen Diskussion als Professorin für Theologie
meine Beziehung zu Gott wachsen konnte. Ich habe respektiert, auch das zählt natürlich. Ich erlebe Kir-
in der Kirche Menschen getroffen, die mir dabei che auf ganz unterschiedliche Weise und entdecke
geholfen haben und mir den Freiraum gelassen immer wieder Hoffnungszeichen – Räume, in denen
haben, eigene ich meine Zukunftsvision von Kirche wenigstens
„Die Frage nach dem Glauben ist auch die Frage Ideen zu ent-
wickeln. Mein
ansatzweise leben kann.
Aber vor allem ist für mich die Frage nach dem
nach dem guten Leben. So wie der Papst leider viel zu Glauben und der Kirche eine Frage nach dem guten
gesagt hat: Ein gutes Leben bedeutet, sich früh verstorbe- Leben. So wie es der Papst in seiner Enzyklika „Lau-
ner Doktorvater, dato si´“ gesagt hat, bedeutet ein gutes Leben zu
selbst als Teil der Umwelt wahrzunehmen.“ der Theologe führen, sich als Teil der Mitwelt wahrzunehmen. Was
und Ägyptologe braucht die Umwelt, was brauchen die Geschöpfe
Manfred Görg, gehörte zu denen, die mich auf diese der Natur, was brauchen die anderen Menschen?
Weise inspiriert haben. Wie gehen Völker und Kulturen miteinander um?
Ich habe gute Freundinnen und Freunde in der Es geht darum, voneinander zu lernen und das
Kirche, auch unter Priestern. Ich werde in der inner- Andere zu respektieren. Das ist meine Zukunftsvisi-
on, dass wir die Vielfalt schätzen, aber auch dass wir
die uns Frage der Machtverteilung immer wieder neu
stellen. Ohne Macht geht es nicht, aber wir müssen
uns immer wieder fragen, wo wir sie missbrauchen.
Was würden Sie denen sagen, die der Kirche fern
sind? Wie könnten Sie für die Kirche werben?
Werben für den Glauben können wir am besten,
indem wir zu den Menschen gehen und sie ein
Stück weit begleiten.
Und warum lohnt es sich, die Kirche zu erneuern?
Am besten sage ich es mit Papst Franziskus. Franzis-
kus will, so wörtlich, eine verbeulte Kirche, die ver-
Die Theologin Dr. Agnes Wuckelt letzt und verschmutzt ist. Was der Papst nicht will,
wird im innerkirchlichen Diskussi- ist eine Kirche, die sich an die eigenen Sicherheiten
onsprozess geschätzt. klammert.
Foto: kfd/Kay Herschelmann
Ich würde allen in der Kirche sagen: Macht die Türen
Foto rechte Seite: auf. Ihr müsst euch nicht einschließen. Habt keine
Die Kirche muss sich auch im Angst, die Kirchen zu öffnen. Auch wenn es dreckig
sozialen Leben beweisen: Agnes
Wuckelt während der kfd-Aktion und unordentlich wird. Wir räumen nachher gemein-
Foto: kfd/Angelika Stehle sam auf.
Die Synodalversammlung ist das oberste Gremium des Synodalen Weges, das Beschlüsse fassen kann. Ihm
gehören die Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz sowie Vertreterinnen und Vertreter des Zentralkomitees
der deutschen Katholiken, der geistlichen Ämter und kirchlichen Dienste sowie Einzelpersönlichkeiten an.
Agnes Wuckelt nimmt für das Zentralkomitee der deutschen Katholiken an der Synodalversammlung teil.
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23
23Unterwegs im
Krisengebiet
Alexandra Boxberger arbeitet für die Kirche. Sie geht in die City,
dort wo die Menschen keine Zeit für Kirche haben oder schlicht
kein Interesse an Glaubensfragen. Kann das funktionieren?
Text: Karl-Martin Flüter
„Mit Ihnen würde ich nicht tauschen wollen“, hat Alltag und darüber, wie die Kirche tatsächlich bei den
eine Passantin gesagt, als Alexandra Boxberger im Menschen ankommt.
Herbst 2018 an einem Stehtisch auf dem Paderbor- „Ich hatte meine Zweifel, ob das an dem Tag klap-
ner Wochenmarkt Marktbesucher ansprach. Tauschen pen würde“, erinnert sich Alexandra Boxberger, „ich
wollte Alexandra Boxberger ihren Job nicht, aber allein zwischen den Marktständen. Am Ende war ich
ein wenig unsicher hat sie sich an diesem Herbst- zufrieden.“ Es gab die, die die Chance nutzten und am
tag schon gefühlt. Ganz allein wollte sie Werbung Stehtisch kräftig gegen die Kirche wetterten. Aber es
machen: für die City Pastoral, das neue Projekt, für gab auch viele gute Unterhaltungen.
das sie arbeitete – und damit auch für ein noch viel Die Frau, die damals ihre eigene Skepsis über-
größeres Projekt, das hinter der City Pastoral steht und winden musste, hätte das eigentlich gar nicht nötig
nicht unumstritten ist: die katholische Kirche. gehabt. Alexandra Boxberger hat Religionspädagogik
Mit dem Dom, der den Wochenmarkt wuchtig studiert und danach acht Jahre im ländlichen Warburg
überragt, hatte die City Pastoral wenig zu tun. Eher als Gemeindereferentin gelebt und gearbeitet. Seit
mit Gesprächen auf Augenhöhe über die Sorgen im 2006 ist sie in Paderborn. Im Pastoralverbund Nord-
24Mit der „Roten Bank“ in der City:
Alexandra Boxberger und Dario Martic.
25Ost-West (NOW) bereitet sie als Gemeindereferentin
Kinder auf die Kommunion vor, leitet Beerdigungen,
übernimmt die Firmvorbereitung: ein sicherer Arbeits-
Foto: Manchmal hilft Schokolade, um platz, für den sie während ihres Studiums ausgebildet
mit Passanten ins Gespräch zu kommen:
Alexandra Boxberger bei der Arbeit in der wurde.
Westernstraße. Für die City Pastoral hat sie ihre Stelle als Gemein-
dereferentin beim Pastoralverbund NOW reduziert.
Ihre neue Stelle ist im Dekanatsbüro angesiedelt,
einer Servicestelle für haupt- und ehrenamtliche Mit-
arbeiter im östlichen Kreis Paderborn. Sie wechselt
also zwischen zwei Arbeitsplätzen hin und her – und
zwischen zwei Arbeitsbereichen, die sich deutlich
unterscheiden.
Mit Abstand auf Im City Pastoral musste sich Alexandra Boxberger
der Roten Bank viel erarbeiten, die Aufgaben waren neu. Bis heute
ist dieser Arbeitsbereich eine Herausforderung geblie-
Entwurf und Anfertigung ben. Es ist nicht so einfach, der eigenen Zielvorgabe
der „Roten Bank“ kommen gerecht zu werden. „Eine Form der offenen Kirche in
aus der Kunstschmiede der Stadt“ soll die City Pastoral sein. So lautet die Stel-
der Abtei Königsmünster in lenbeschreibung auf der Internetseite von Alexandra
Meschede. Pater Abraham, Boxbergers Arbeitgeber, dem Dekanat.
Leiter der Werkstatt, Zwei Jahre später: Ein anderer kühler Herbsttag in
hatte bei der Planung Paderborn, dieses Mal in der Westernstraße vor der
bereits die veränderten Franziskanerkirche. Alexandra Boxberger und Dario
Rahmenbedingungen Martic sind mit einem seltsamen Gefährt in die Fuß-
während der Corona- gängerzone gezogen: eine Bank aus Metall, mit roten
Pandemie berücksichtigt. Sitzen und auf Rädern, damit sie leichter zu bewegen
Die Sitzbank kann leicht ist. Die „Rote Bank“, so heißt sie tatsächlich, ist das möchten sich nicht belehren lassen, vor allem nicht,
auseinander genommen neueste Projekt der City Pastoral in Paderborn, ein wei- wie sie ihr Leben führen sollen. Aber jemanden zum
werden. Das erleichtert es, terer Versuch mit den Menschen in der Innenstadt ins Zuhören brauchen alle. „Wir sind ein Aspekt von Kir-
ausreichend weit entfernt Gespräch zu kommen. che, wir reden mit den Leuten, suchen nach Lösun-
voneinander zu sitzen und gen, sind mittendrin, aber wir missionieren nicht.“
den gefährlichen Aerosolen Die treffen, die nie in der Kirche sind Eine grundsätzliche Offenheit zeigen und Dinge in
aus dem Weg zu gehen. Auch jetzt ist es nicht leicht, die Leute tragen Masken, Gang bringen, wenn das gewünscht ist. Zielgruppe
Improvisierte Talks, längere die neue Umgangsregel heißt „Abstand halten“. Viele sind auch oder gerade die, die mit Kirche nicht allzu
Gespräche, Zurufe im Passanten haben keine Lust, im kalten Wind stehenzu- viel am Hut haben.
Vorbeigehen: Das ist damit bleiben. Aber Alexandra Boxberger hat mittlerweile Erfah-
wieder in der City möglich. rung, wie sie die Leute trotzdem aus der Reserve locken Schnippel-Disko und Aschenkreuz-to-go
kann. So kommen doch Gespräche zustande. Ort der City Pastoral sind die Fußgängerzonen, Parks
Oft geht es dabei um Alltagsprobleme: Corona, und öffentlichen Plätze, die Kaufhäuser, Cafés und
Arbeit, Familie, Kinder, die wegen der Pandemie aus- Kneipen der Innenstadt – eine Gegend, in der die
gefallenen Herbstferien. Eine Frau erzählt davon, wie Leute keine Zeit haben und das Interesse an religiö-
ihr Arbeitgeber, ein Verlag, darum kämpft, Corona zu sen Themen eher unterentwickelt ist. Das macht die
überstehen. Alexandra Boxberger ist mitfühlend, lacht, City zu einem kirchlichen Krisengebiet und gleichzeitig
plaudert und hört vor allem zu. Dario Martic, der als zu einem reizvollen Ort für die City Pastoral. Hier gibt
zukünftiger Pastoralassistent ein Anerkennungsjahr im es Menschen, die Hilfe brauchen. Und hier finden sich
Dekanatsbüro macht, ist zurückhaltender als seine die, die man niemals in der Kirche trifft. Man muss nur
Kollegin, wenn es darum geht, Leute im Vorbeigehen richtig hinsehen und richtig zuhören
einfach anzuquatschen. Aber er schaut zu. An diesem Und man muss die richtigen Worte finden. Alexan-
Morgen gibt es viel zu lernen: Darüber, wie Glaube der Boxberger ist nicht nur Gemeindereferentin, son-
funktioniert, wenn er nicht innerhalb der schützenden dern auch als „Gestaltberaterin“ und in der „Heilen-
Mauern einer Kirche geschieht. den Seelsorge“ ausgebildet. Beides kommt aus der
„Der Smalltalk hilft“, ist Alexandra Boxberger nach- Gestalttherapie, die auf konkrete Erfahrung, Unmittel-
her beim Gespräch im Eiscafé überzeugt. „Die Leute barkeit, Alltagserfahrung, Spontanität und Authentizi-
26tät setzt. Das hilft in der City Pastoral. Sich der Über- Die Notwendigkeit von Veränderungen
raschung oder dem Desinteresse von Menschen aus-
zusetzen, die mit Kirche nichts zu tun haben wollen, In den Gesprächen erfahre sie immer wieder, dass die
kann auch eine Form stärkender Selbsterfahrung sein. Kirche gar nicht so negativ gesehen wird, erzählt sie. Die
Auf unbekannte Menschen individuell zu reagieren, soziale Kompetenz der Kirche und ihrer karitativen Organi-
verlangt Interesse und Spontanität. Wenn Alexandra sationen wird sehr wohl wahrgenommen. Da ist ihre Rolle
Boxberger nicht authentisch rüberkommt, verlieren in der Flüchtlingsfrage, in der sie unbeeindruckt Humanität
ihre Gesprächspartner schnell die Lust. einfordert. Kirchen sind Kulturträger mit ihren romanischen
Alexandra Boxberger hat eine Reihe Aktionen oder gotischen Bauwerken, ihren Chorälen und Orgelkon-
ins Leben gerufen. Etwa eine „Schnippel-Disko“, bei zerten. Das alles wissen die Menschen zu schätzen.
der die Teilnehmer mit eigentlich aussortierten und Es gibt vieles, was für die Kirche spricht, aber es gibt
für den Müll vorgesehenen Lebensmitteln gekocht auch die Notwendigkeit, dass sie sich verändert. „Ich
haben. Beim „Aschenkreuz to go“ wurde das Aschen- sehe keinen Grund, warum eine Frau nicht Priester wer-
kreuz in der Westernstraße gespendet. Ein Konzert mit den sollte“, sagt Alexandra Boxberger. Immerhin, sie darf
improvisierter Musik in der Herz-Jesu-Kirche war bis das sagen, ohne Repressionen befürchten zu müssen. Ob
auf den letzten Platz gefüllt. ihre Überzeugungen irgendwann mal Realität werden, ist
Dann kam Corona. Die Abstandsregeln untergraben eine andere Frage. „Das ist ein langer Weg“, sagt Alexandra
das Konzept der City Pastoral – und fordern sie ganz Boxberger.
besonders. Der durch Corona verstärkte Druck hat ver- Sie bleibt dran, weil sie etwas verändern will: in der
steckte Probleme sichtbar gemacht, auf die die Kirche Kirche und in der Gesellschaft. Und nein, ihren Job im City
reagieren muss: die Einsamkeit der älteren Menschen, Pastoral würde sie immer noch nicht gegen eine andere
die Angst vor Insolvenz und Jobverlust, die Frage, wie Stelle tauschen. „Es ist doch gut“, sagt sie, „wenn ich immer
es weitergeht. Die Tristesse der leeren Westernstraße wieder aufs Neue anderen Menschen Antwort auf die Fra-
im März und April sprach Bände. ge geben muss: Warum bist du eigentlich in der Kirche?“
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