PARAPLEGIE - Schweizer Paraplegiker-Gruppe

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PARAPLEGIE - Schweizer Paraplegiker-Gruppe
DEZEMBER 2020 | NR. 176 | GÖNNER-MAGA ZIN

PARAPLEGIE
                                            SCHWERPUNKT

                                            Nottwil: Die Erweiterung
                                            der Klinik ist abgeschlossen

16   IPS: Ein starkes Team
     im Neubau               20    Ansteckend: Karin
                                   Kaisers Lebensmut   26   Beatmung: Die einzigar-
                                                            tige Kompetenz des SPZ
PARAPLEGIE - Schweizer Paraplegiker-Gruppe
Interaktiv und multimedial:
Einblicke in die Welt von
vier Querschnittgelähmten im
Besucherzentrum ParaForum

Kommen Sie vorbei!
Mehr Informationen unter:
www.paraforum.ch
PARAPLEGIE - Schweizer Paraplegiker-Gruppe
M AG A ZIN D ER G Ö NNER-V EREINIG U NG D ER SCH W EIZER PA R A PL EG IK ER-S T IF T U NG

                                                                                            14                                    20
Liebe Mitglieder                                                   Schwerpunkt Klinikerweiterung
«Baulärm war früher Krach, heute ist er Wachstumsmusik», sagte      6   DIE NEUE KLINIK IST ERÖFFNE T Nach fünf Jahren
ein deutscher TV-Moderator treffend. Der Um- und Neubau des             Bauzeit wurde das neue SPZ in Betrieb genommen. Ein
Schweizer Paraplegiker-Zentrums (SPZ) ist fertig, der Krach hat         grosser Dank geht an die breite Bevölkerung.
ein Ende und die Zukunftsmusik kann jetzt spielen.
     Eigentlich hätten wir den Dank gerne an einem Eröff-          13   «UNSER ZIEL IST EINE OP TIMALE VER SORGUNG »
nungsfest an Sie alle gerichtet. Wir wollten den Gönnerinnen            SPS-Direktor Joseph Hofstetter erläutert die Hintergründe
und Spendern Danke sagen, die das Bauen am SPZ ermöglicht               der Klinikerweiterung.
haben. Und ebenso den Mitarbeitenden, die trotz erschwerter
                                                                   14   DA S PAR AFORUM BEEINDRUCK T SEINE G Ä STE
Bedingungen für unsere Patientinnen und Patienten da waren
                                                                        Eine Schulklasse aus Rapperswil-Jona erkundet das
und den Klinikbetrieb vorbildlich und mit der gewohnt hohen
                                                                        Besucherzentrum.
Behandlungsqualität am Laufen hielten. Aufgrund der Corona-
Pandemie haben wir uns aber entschieden – schweren Herzens –,      16   EIN STARKES TE AM IM NEUBAU Dem Personal auf der
die bereits vorbereiteten Feierlichkeiten abzusagen. Diese Aus-         Intensivpflegestation ist kein Aufwand zu gross.
gabe «Paraplegie» erlaubt Ihnen dennoch einen Blick hinter die
Kulissen des neuen SPZ.                                            19   SEITENBLICK Meinrad Müllers geschultem Auge entging
     Gebot der Stunde ist, dass wir unsere Spitalinfrastruktur          bei den Bauarbeiten nichts.
auf die sich wandelnden Bedürfnisse der Betroffenen ausrich-
ten und den Mitarbeitenden eine attraktive Arbeitsumgebung
                                                                   20   BEGEGNUNG Karin Kaiser hat nach ihrem Velounfall
zur Verfügung stellen, die es ermöglicht, auch in Zukunft die
                                                                        zurück in die Arbeitswelt gefunden – und verbreitet einen
geforderten Abläufe bestens meistern zu können. So unter-
                                                                        ansteckenden Lebensmut.
stützt der Neu- und Umbau ideal unsere Philosophie der vernetz-
ten, interprofessionellen Versorgung – von der Akutphase über      26   SPIT ZENMEDIZIN FÜR ALLE (Teil 2) Die Beatmungs­
die Rehabilitation bis hin zur lebenslangen Begleitung.                 medizin des SPZ ist schweizweit einzigartig. Davon profitieren
     Als Regierungsrätin und Gesundheitschefin im Kanton                auch Covid-19-Erkrankte.
St. Gallen sowie als Präsidentin der Konferenz der kantonalen
Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren (GDK) habe ich den        28   EIN GRÖSSERES «PAR ADIESLI» Den Wett­bewerb
Ansatz der integrierten bzw. interprofessionellen Versorgung            für die neue Kinderkrippe auf dem Campus hat eine ganz
aktiv in die Gesundheitspolitik getragen. Deshalb freue ich mich        besondere Architektin gewonnen.
besonders, diesen Weg gemeinsam mit der Schweizer Paraplegi-
ker-Stiftung weiterentwickeln zu dürfen. Die neue Infrastruktur    30 ERFOLGREICHE SCHMER Z THER APIE Eindrückliche
legt dafür eine optimale Basis. Doch wir wissen, dass wir unser       Zahlen bestätigen die Behandlungsmethoden des Zentrums
Ziel nur dank Ihrer Solidarität und Unterstützung erreichen.          für Schmerzmedizin in Nottwil.
Dafür danke ich Ihnen von ganzem Herzen. Und die Feierlich-
                                                                   31 DAFÜR HAT ES MICH HEUTE GEBR AUCHT …
keiten? Die holen wir nach.
                                                                      Dirk Steglich ist der Mann für alle Fragen.
«Hebed Sie sich Sorg und bliebed Sie gsund»,                       32 BLICK IN DIE WEST SCHWEIZ Für Samuel Shabi ist
                                                                      gegen­seitige Hilfe «der Motor unserer Gesellschaft».

                                                                    4 C AMPUS NOT T WIL
Heidi Hanselmann                                                   33 IHRE SEITE
Präsidentin Schweizer Paraplegiker-Stiftung                        34 AUSBLICK

                                                                                                   PARAPLEGIE | D E Z E M B E R 2 0 2 0   3
PARAPLEGIE - Schweizer Paraplegiker-Gruppe
CAMPUS NOT T WIL

                                         30 Jahre Schweizer Paraplegiker-Zentrum
                                         «In Nottwil sind wir endlich am Ziel»,
                                         schreibt SPZ-Gründer Guido A. Zäch
                                         in «Paraplegie» (Nr. 35), nachdem
                                         sein Bauprojekt am 4. Juli 1985 von
                                         der Gemeinde angenommen wurde.
                                         Am 6. September 1990 ist es dann
                                         so weit: Das neugebaute Schweizer
                                         Paraplegiker-Zentrum wird mit einem
                                         mehrtägigen Volksfest und rund
                                         100 000 Besucherinnen und Besu-
                                         chern eröffnet (unteres Bild).

40 Jahre
Schweizer Paraplegiker-
                                         85 Jahre Guido A. Zäch
                                         Am 1. Oktober feierte die Schweizer
                                         Paraplegiker-Gruppe den runden
                                         Geburtstag ihres Gründers. Um seine
Vereinigung
                                         Vision der ganzheitlichen Rehabilita-
Am 27. April 1980 gründete               tion von Menschen mit Querschnitt-
Guido A Zäch die Schweizer               lähmung verwirklichen zu können,
Paraplegiker-Vereinigung (SPV).          gründete er im Jahr 1975 die Schwei-
Heute zählt die SPV 27 Roll­-            zer Paraplegiker-Stiftung (SPS) – das
stuhl-Clubs aus der ganzen               Fundament für ein weltweit einzig-
Schweiz und 11 000 Mitglieder.           artiges Leistungsnetz.

     www.spv.ch
                                              www.paraplegie.ch/spz30

                                                                  Neue Ombudsstelle der
                                                                  Schweizer Paraplegiker-
                                                                  Stiftung

                                                                 Die Schweizer Paraplegiker-Stiftung hat
                                                                 per 1. November eine Ombudsstelle für
                                                                 die Anliegen von Querschnittgelähmten     «Sie verdienen eine
                                                                 und deren Angehörigen geschaffen. Die     Goldmedaille …»
Erfolgreicher                                                    Betroffenen können sich an die Stelle     Schönes Kompliment für
Sponsorenlauf                                                    wenden, wenn sie mit Leistungen nicht     das Klinikpersonal: In den
                                         zufrieden sind und auf ihr Anliegen keine zufriedenstellende      Umfragen zur Patienten-
Zum diesjährigen Sponsoren-              Antwort erhalten haben. Die unabhängige, neutrale Beratungs-      zufriedenheit erhält das
lauf für Querschnittgelähmte in          und Beschwerdestelle wird von Benno Büeler (Bild) geleitet.       SPZ in fast allen Bereichen
Haiti kamen im September zahl-                                                                             sehr gute und bessere
reiche Läuferinnen und Läufer,                www.paraplegie.ch/ombudsstelle                               Noten als im Vorjahr.
Rollstuhlsportler und Zuschau-                                                                             Bezüglich «Weiterempfeh-
ende in die SPZ-Sportanlage.                                                                               lung der Klinik», «Zusam-
42 Teilnehmende absolvierten             Bushaltestellen                                                   menfassende Beurteilung»
zusammen 190 Kilometer und                                                                                 und «Gut aufgehoben
sammelten rund 13 000 Franken            Die Schweizer Paraplegiker-                                       sein» liegt der Zufrieden-
für den Verein Haiti Rehab. Der          Vereinigung (SPV) und Hotel-                                      heitsindex zwischen 91,4
Betrag kommt dem Wiederauf-              Sempachersee-Mitarbeiter                                          und 94,5 Punkten – so
bau der Spitalküche des Part-            Fabian Kieliger (links) haben                                     hoch wie noch nie. Die
nerspitals HCBH in Cap Haïtien           Ingenieuren der Stadt Luzern                                      Zahlen widerspiegeln die
zugute, die durch einen Sturm            gezeigt, wie Bushaltestellen                                      ausserordentliche Perso-
zerstört worden ist.                     gebaut sein müssen, damit                                         nalleistung während des
                                         Rollstuhlfahrer gut einstiegen können. Dabei setzten sich die     Umbaus.
     www.haitirehab.ch
                                         Ingenieure auch selbst in den Rollstuhl.

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PARAPLEGIE - Schweizer Paraplegiker-Gruppe
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                                                                                     PRAXIS

                                                                                                             Dr. med.
                                                                                                             Guy Waisbrod
                                                                                                             Leitender Arzt Wirbel-
                                                                                                             säulenchirurgie und
                                                                                                             Orthopädie

                                                                                     Zur Operation ans SPZ

                                                                                     Der Mediziner Hans M. (54) brach sich bei
 Die SPG tanzt für Sie                                                               einem Reitunfall den zwölften Brustwirbel.
                                                                                     Seine Nervenfunktionen im Rückenmark
 Da die Bevölkerung aufgrund der Corona-Pandemie nicht zum geplanten                 blieben bei dieser Verletzung intakt, doch
 Jubiläumsfest SPZ 30 nach Nottwil kommen konnte, wandte sich das Personal           eine Keilbildung des Wirbelkörpers brachte
 der Schweizer Paraplegiker-Gruppe (SPG) mit einer viel beachteten Online-           die Gefahr einer Instabilität mit sich, die mit
 Aktion an die Öffentlichkeit: Es hat eine Choreografie zur #Jerusalema-             der Zeit zu einer Buckelbildung und starken
 challenge einstudiert, die derzeit weltweit ein Gefühl von Freude und Zusam-        Schmerzen hätte führen können. Zusammen
 menhalt auslöst. Mit ihrem Tanz sagen die Mitarbeitenden mit und ohne               mit dem Patienten entschieden wir uns für
 Rollstuhl Danke für die Unterstützung ihrer Arbeit für Querschnittgelähmte und      eine Operation, die die Anatomie der Wirbel-
 setzen ein Zeichen dafür, dass Menschen mit Beeinträchtigungen                      säule wiederherstellt und die bisherige Mobi-
 Teil unserer Gesellschaft sind.                                                     lität erhält.
                                                       Direktlink
      www.paraplegie.ch/spz30                          zum Video                     Mit minimalinvasiven Verfahren – unterstützt
                                                                                     durch Computernavigation – wurden über
                                                                                     kleine Schnitte von wenigen Millimetern die
                                                                                     Schrauben zur Stabilisierung in die benach-
                                          Active Shop in neuem Glanz                 barten Wirbel eingebracht und mithilfe eines
                                                                                     Spezialgeräts der Zusammenbruch aufgerich-
                                          Active Communication – eine Tochter-       tet. Die minimalinvasive Operationstechnik
                                          gesellschaft der Schweizer Paraplegi-      hat die Muskulatur erhalten und eine rasche
                                          ker-Stiftung – hat seinen Online-Shop      Rehabilitation ermöglicht. Die Höhe des
                                          für elektronische und didaktische Hilfs-   gebrochenen Wirbelkörpers war wiederher-
                                          mittel rundum erneuert. Das Produkt-       gestellt, und acht Monate nach dem Unfall
                                          angebot ist nach vier Lebensbereichen      konnten die Schrauben und Stäbe entfernt
                                          geordnet: Kommunizieren, Lernen,           werden, um die Bewegung der Wirbel-
                                          Arbeiten und Wohnen. Eine verbesserte      gelenke wieder freizugeben. Heute ist Hans
Für einen Alltag ohne Stürze              Suche, Variantenartikel und Praxis-        M. ohne wesentliche Beschwerden.
                                          empfehlungen bieten Orientierung und
Nach einem Unfall wird Rolf Baders        Erlebnis zugleich. Der Shop ist in         Der ausgebildete Arzt veranlasste seine Ein-
rechter Oberschenkelmuskel funktions-     Deutsch und Französisch zugänglich.        weisung ins Schweizer Paraplegiker-Zentrum
unfähig. Mehrere Therapieversuche mit                                                (SPZ) ganz auf eigenen Wunsch. Ohne unser
Oberschenkelschienen scheitern, viele                                                Team persönlich zu kennen, wollte er sich
Jahre lang prägen Stürze seinen Alltag.                                              nur in Nottwil operieren lassen – ein schönes
Nun ist es Spezialisten von Orthotec                                                 Zeichen für die Reputation des SPZ.
gelungen, Bader ein «C-Brace»-System
anzupassen – als erst zweitem Patien-
ten in der Schweiz. Mit diesem compu-
tergestützten Orthesensystem erhält
der betroffene Patient nicht nur weit-
gehende Sicherheit für ein Gehen und
Stehen ohne Stürze, er kann damit sogar
wieder Treppen steigen.                                                                   www.paraplegie.ch/
                                                                                          wirbelsaeule
     www.orthotec.ch                           www.active-shop.ch

                                                                                                  PARAPLEGIE | D E Z E M B E R 2 0 2 0   5
PARAPLEGIE - Schweizer Paraplegiker-Gruppe
SCHWERPUNKT

         Die neue Klinik ist eröffnet
         Fünf Jahre Planung, fünf Jahre Bauzeit – im Herbst wurde das neue Schweizer
         Paraplegiker-Zentrum in Betrieb genommen. Ein grosser Dank geht an die breite
         Bevölkerung, deren Spenden das Bauvorhaben wesentlich mitgetragen haben.

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PARAPLEGIE - Schweizer Paraplegiker-Gruppe
SCHWERPUNKT

              PARAPLEGIE | D E Z E M B E R 2 0 2 0   7
PARAPLEGIE - Schweizer Paraplegiker-Gruppe
SCHWERPUNKT

Die Aufgabe ist knifflig. Sobald man neben ein       Zum Beispiel das Restaurant Centro in der Begeg-
bestehendes Gebäude einen Neubau stellt, wird        nungshalle. Es wurde dreimal grösser und hat
das Bestehende zum «Alten» und die Bewohne-          neue Räume und Funktionalitäten. Für die meis-
rinnen und Bewohner möchten ins moderne Haus         ten Architekten wäre dies ein klassischer Anbau.
umziehen, das besser zu ihren Bedürfnissen passt.    Doch in der Umsetzung von Hemmi und Fayet
Das alte Haus war bisher eine Selbstverständlich-    erkennen selbst langjährige Mitarbeitende nicht
keit, es prägte ihr Leben und funktionierte. Doch    mehr, wo das Alte endet und das Neue beginnt
jetzt entstehen Grenzen zwischen den Gebäuden.       – es fügt sich wie selbstverständlich ins Beste-
Und Fragen tauchen auf: Wer kommt in den Neu-        hende ein.
bau? Was bleibt im alten Teil?
     Als Petra Hemmi und Serge Fayet vor fünf        Reorganisation mit Folgen
Jahren mit den Bauarbeiten zur Erweiterung des       Trotzdem hat sich sehr viel verändert auf dem
Schweizer Paraplegiker-Zentrums anfingen, hat-       Campus. Mit dem neuen Nordtrakt schliesst ein
ten die beiden Architekten diese Aufgabe schon       markanter Riegel den Klinikkomplex Richtung
gelöst – und sich gegen jede Form der Abgren-        Sempachersee ab. In ihm befinden sich die Akut-
zung entschieden. «In Nottwil sollten keine zwei     medizin und die Intensivstation. Auf der Südseite
Teile oder zwei Klassen entstehen», sagt Serge       schiebt sich das neugebaute Besucherzentrum
Fayet, «dazu gab es inhaltlich und formal kei-       ParaForum mit seiner runden Glasfront wie
nen Anlass.» Statt modisch-plakative Kontraste       ein Kuchenstück zwischen die bestehenden
zu setzen, liessen die Architekten einfach die       Gebäude. Zudem wurde ein ganzer Büroneubau
Unterschiede zwischen Alt und Neu verschwin-         in den Innenhof des SPZ eingepasst.
den. «Wir haben den bestehenden Teil sanft und             Die Bettenhäuser und der Reha-Trakt wurden
sorgfältig verändert, damit er mit den Neubauten     renoviert, Passerellen gebaut, eine Tiefgarage
eine Einheit bildet – eine hochmoderne Klinik,       entstand, eine Sporthalle, ein Therapiegarten und
die viel grösser ist und neue räumliche Qualitäten   vieles mehr – während der Klinikbetrieb normal
bietet, die aber ihren angestammten Charakter        weitergeführt wurde. Insgesamt vergingen gut
behalten hat.»                                       zehn Jahre, seit das Zürcher Büro Hemmi Fayet
                                                     Architekten die Ausschreibung gewonnen hat.
Das Zuhause weiterbauen                              Bevor sie an die Detailplanung gingen, arbeiteten
Dieser architektonische Kerngedanke hängt eng        28 Mitarbeitende des Kernteams zwei Wochen
mit der Bedeutung des Schweizer Paraplegiker-        lang im SPZ mit, um zu verstehen, wie die medi-
Zentrums für Menschen mit einer Querschnittläh-      zinischen und therapeutischen Abläufe tatsäch-
mung zusammen, erklärt Petra Hemmi: «Das SPZ         lich funktionieren.
ist für viele ein Zuhause, in das sie immer wieder
gerne zurückkommen. Deshalb wollten wir es im
Sinne der ursprünglichen Vision weiterbauen.»
Die Architekten haben es optimiert, erweitert und
so angepasst, dass es rundum erneuert in die
Zukunft gehen kann.
      Beim klaren Statement für das Bestehende
fällt immer wieder der Respekt für die Ideen von
SPZ-Gründer Guido A. Zäch und deren ursprüng-
liche Umsetzung durch die Basler Architekten
Wilfrid und Katharina Steib auf. Ihr eleganter
Gebäudekomplex von 1990 ist immer modern
geblieben. «Dem wollten wir nicht einfach unsere
Ästhetik überstülpen», sagt Hemmi. Diese Hal-
tung zieht sich wie ein roter Faden durch alle       Petra Hemmi und Serge Fayet
Erweiterungen auf dem Campus.                        Die Architekten der Klinikerweiterung.

8 PARAPLEGIE | D E Z E M B E R 2 0 2 0
PARAPLEGIE - Schweizer Paraplegiker-Gruppe
SCHWERPUNKT
              Praktische Abkürzung: Verbindungs-
              passerelle zwischen Ost- und Westtrakt.
              Neues im Alten: Wartebereich zu den
              medizinischen Trainingstherapien.
              Rollstuhlparcours im neuen Therapiegarten.

              Im Jahr 2011 fing Hans Peter Gmünder als neuer
              SPZ-Direktor an und organisierte die Prozesse
              und Verantwortlichkeiten neu. Dabei wurden die
              Bereiche Akutmedizin und Rehabilitation räum-
              lich und organisatorisch getrennt. Die Reorgani-
              sation hatte bauliche Folgen: Wo sollen Therapien
              stattfinden? Wie viele Operationssäle braucht es?
              Wie viele Lifte? Einzel- oder Mehrbettzimmer?
              Grossraumbüros? Ausschlaggebend war jeweils
              die bestmögliche Verknüpfung der Patienten-
              wege und der Betriebsabläufe.
                   «Wir standen vor einer Grundsatzentschei-
              dung», erklärt Gmünder. «Wollen wir nur die
              behördlichen Auflagen erfüllen und anstehende
              Renovationen ausführen? Oder möchten wir den
              Patientinnen und Patienten auch zukünftig eine
              optimale Versorgung anbieten können?» Eine
              wichtige Rolle spielte auch die betriebswirt-
              schaftliche Analyse, wie die angestrebte Qualität
              erbracht werden kann. Das Resultat: Statt für eine
              provisorische Bettenstation, die man nach der
              Renovation wieder abgerissen hätte, entschieden
              sich die Verantwortlichen für eine sinnvolle Klinik-
              erweiterung. Dies umso mehr, als die Auslastung
              oft über hundert Prozent lag und die Betreuung
              der Betroffenen an Kapazitätsgrenzen kam.

              Agile Planung als Erfolgsrezept
              Oft sind neue Spitalbauten bereits bei der Inbe-
              triebnahme veraltet, weil sich während ihrer lan-
              gen Planungs- und Realisierungszeit die Rahmen-
              bedingungen verändern. Seien es betriebliche
              Prozesse oder Anforderungen im Gesundheits-
              wesen, seien es Fortschritte in der Technologie
              oder behördliche Vorschriften. Solche Änderun-
              gen beeinflussen nicht nur die Behandlungsqua-
              lität. Zusatzlösungen und Umwege machen den
              Betrieb ineffizient und belasten die öffentlichen
              und privaten Budgets.
                    Damit dies beim SPZ nicht passiert, setzte
              man auf eine «agile Planung». Mit diesem Instru-
              ment werden Lösungen nicht schon beim Projekt-
              start fixiert, sondern Änderungen so lange wie
              möglich zugelassen. «Durch die agile Planung ent-
              stand eine hohe Flexibilität», sagt der operative
              Leiter Paul Metzener. «Wir konnten die Infrastruk-
              tur an neue Aufgaben anpassen und gemeinsam
              nach der besten Lösung suchen.» Als erfahrener

                             PARAPLEGIE | D E Z E M B E R 2 0 2 0   9
PARAPLEGIE - Schweizer Paraplegiker-Gruppe
SCHWERPUNKT

 Mit agiler Planung zur
 besten Lösung

 Parallel zur Bauplanung hat die
 Klinikleitung die Prozessland-
 schaft umorganisiert. Die neuen
 Prozesse wurden in der alten
 Infrastruktur getestet, um zu ver-
                                                                                                           36
                                                                                                           medizinische Bereiche
 stehen, was das neue Gebäude
 können muss. Dann wurde mit                                                                               sind im SPZ untergebracht.
                                          Phase 1: Neue Prozesse in der alten Infrastruktur.
 in einem rollenden Änderungs-
 verfahren («agile Planung») die
 beste Lösung umgesetzt.

       SPZ Akut
       SPZ Ambulant
       SPZ Management und Dienste
       SPZ Management und Medizin
       SPZ Partizipation
       SPZ Rehabilitation                 Phase 2: Neue Prozesse in der neuen Infrastruktur.
                                                                                                           204         Betten
                                                                                                           umfasst der gesamte
                                                                                                           Klinikkomplex.

Bauherrenvertreter war Metzener Teil des «Baufo-      see und die umgebende Natur frei. Die schönsten
rums» – eines festen Entscheidungsgremiums,           Zimmer hat die Intensivpflegestation (IPS) bekom-
dem auch Hans Peter Gmünder, SPS-Direktor             men, denn in Nottwil können IPS-Aufenthalte
Joseph Hofstetter, der technische Leiter René         bei Frischverletzten bis zu zehn Wochen dauern.
Künzli und Serge Fayet angehörten. «Wir standen       Die Atmosphäre ist hell und ruhig, am Bett stehen
in ständigem Austausch», sagt Paul Metzener.          nur jene Apparate, die für die Behandlung nötig
«Dadurch waren Änderungswünsche kein Stör-            sind. Das Sonnenschutzglas dunkelt automatisch
faktor, sondern Teil der Aufgabe. Das geht aber       ab und senkt die Wärmeaufnahme. Besonders
nur, wenn man sich gegenseitig vertraut.»             schätzen die Patientinnen und Patienten, dass
     Im Nachhinein bezeichnet Joseph Hofstetter
die agile Planung als «Erfolgsrezept», dank dem
die strengen Kosten- und Zeitvorgaben einge-
                                                      « Wir durften an einer aussergewöhnlichen
halten wurden (vgl. Seite 13). Durch die aktive         Idee ein Stück weit mitbauen.»
Einbindung der SPZ-Fachleute konnte die jeweils         Petra Hemmi
bestmögliche Umsetzung entwickelt werden.
Zudem gab es Testzimmer, in denen Lösungs-            sich die Fenster öffnen lassen und so eine Verbin-
varianten in der Praxis erprobt wurden, bevor         dung zur Aussenwelt ermöglicht wird. Die Mit-
man sie definitiv einbaute. Und in einem «Soun-       arbeitenden wiederum loben die aufgeräumte
ding-Board» brachten die Patientinnen und Pati-       Technik und dass sie von einem Vorraum aus
enten ihre Sichtweise ein.                            immer zwei Zimmer gleichzeitig im Auge haben,
                                                      ohne sie betreten zu müssen. So werden Ruhe-
Ein Ort zum Wohlfühlen                                störungen vermieden.
Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Auf dem                Im Anschluss an die IPS und in den zwei
Campus ist eine kleine Stadt entstanden, in der       Stockwerken darüber befindet sich die akutme-
frischverletzte Menschen mit Querschnittlähmung       dizinische Abteilung. Hier bleiben Patientinnen
                                                                                                                    Der neue Nordtrakt
sechs bis neun Monate zur Rehabilitation woh-         und Patienten nach einem akuten Ereignis oder
nen und sich entsprechend wohlfühlen sollen.          einer Operation für eine kurze Zeit. Es sind eben-      Intensivstation (dunkel) und
Wer hier lebt, benötigt kein originelles Hotelzim-    falls Einzelzimmer, da Akutpatienten oft Ruhe be-       zwei Zimmergeschosse. Alle
                                                                                                                Fenster lassen sich öffnen.
mer, sondern optimale Funktionalität. Dazu eine       nötigen. Ein typisches Kennzeichen von Nottwil
warme Ambiance und individuelle Freiräume,            findet man auch im Nordtrakt: Die Balkone vor           Blick in ein Patientenzimmer
zum Beispiel für persönliche Bilder.                  den Patientenzimmern. Sie bieten einen zusätzli-                   der Akutabteilung.
     Im neuen Nordtrakt geben Fenster vom             chen Aussenraum – und der Einbezug der Natur                   Grosszügige Lounges
Boden bis zur Decke den Blick auf den Sempacher-      unterstützt die Rehabilitation.                           erleichtern Begegnungen.

10 PARAPLEGIE | D E Z E M B E R 2 0 2 0
PARAPLEGIE | D E Z E M B E R 2 0 2 0   11
SCHWERPUNKT

                                                                                                       Neu gestalteter Eingangsbereich
                                                                                                                vor der Schwimmhalle.
                                                                                                               Blick in eines der neuen
                                                                                                          Multispace-Grossraumbüros.

Sorgfältiger Umgang mit Spenden                   Im September 2020 fand die 248ste Sitzung des
Beim ersten Bau des Schweizer Paraplegiker-Zen-   Bauforums statt. Das zeigt: Agile Planung geht
trums von 1990 gingen die Verantwortlichen sehr   nicht von alleine, sie bedeutet Spitzensport und
sorgfältig mit den Spendengeldern um, indem       kann für alle Projektbeteiligten anstrengend sein.
sie eine möglichst langlebige Lösung angestrebt   Dennoch überwiegen die guten Erinnerungen an
haben. Die gleiche Haltung prägt auch das Kon-    die intensive Zusammenarbeit. Das ist ausserge-
zept des «Weiterbauens» der heutigen Campus-      wöhnlich; häufig enden Grossbauprojekte weni-
architekten. Sie haben dazu den Steibschen Bau    ger harmonisch und verlängern sich in gerichtli-
sehr genau studiert. «Zehn Jahre lang hat das     chen Auseinandersetzungen. In Nottwil ist wieder
SPZ unser Büro und unsere Lebensläufe mitge-      einmal alles anders. Der einzige Wermutstrop-
formt», blickt Serge Fayet zurück. «Wir durften   fen nach der Bauerei ist, dass man aufgrund der
an einer aussergewöhnlichen Idee ein Stück weit   Corona-Pandemie das bereits geplante Volksfest
mitbauen», ergänzt Petra Hemmi. «Das war für      zur Eröffnung verschieben musste.
mich sinnstiftend.»                                                       (kste / we, g. micciché)

12 PARAPLEGIE | D E Z E M B E R 2 0 2 0
SCHWERPUNKT

«Unser oberstes Ziel war die optimale
Versorgung der Patientinnen und Patienten»

                                                ten, und auch bezüglich der Erdbeben- und     die ins Budget passen. Entscheidend war:
                                                der Feuersicherheit wurden die Vorschriften   Verbessert sich dadurch die Situation der
                                                verschärft. Ein bisschen Kosmetik ergab da    Patientinnen und Patienten oder der Mit-
                                                keinen Sinn. Uns wurde rasch klar: Wenn       arbeitenden nachhaltig? Manchmal erwies
                                                wir etwas machen, dann richtig.               sich die kostengünstigere Variante im Nach-
                                                                                              hinein sogar als die praktischere.
                                                Unüblich ist die gemeinsame
                                                Projektleitung von Bauherr und                Es gab auch keine Einsprachen, wie
                                                Architekt.                                    dies bei Grossprojekten üblich ist.
                                                Dieses in der Schweiz erst selten genutzte    Darauf bin ich als Jurist besonders stolz:
                                                Vorgehen brachte uns entscheidende Vor-       Wir haben viele hochdotierte Aufträge
Joseph Hofstetter Direktor der                  teile. In den zehn Jahren, die das Projekt    erteilt und uns in allen Vergabeverfahren
Schweizer Paraplegiker-Stiftung                 von den ersten Planersitzungen bis zum        strikt an die festgelegten Abläufe gehalten;
                                                Abschluss dauerte, hat es sich immer wie-     das bestätigen auch zwei Buchprüfungen
                                                der verändert und musste an neue Rah-         der Firma BDO. So konnten alle Anbieter
Joseph Hofstetter, wie haben Sie                menbedingungen angepasst werden. Die          unsere Entscheide nachvollziehen und letzt-
den Bau-Abschluss erlebt?                       schlanke Organisation des Bauforums war       lich auch akzeptieren. Bis auf zwei wurden
Das Bauen war jahrelang ein fester Bestand-     dafür ideal. Ich denke, der agile Planungs-   übrigens alle Aufträge an Unternehmen in
teil meiner täglichen Arbeit. Ich konnte vie-   prozess war unser Erfolgsrezept: Neue Ideen   der Schweiz vergeben, über die Hälfte an
les mitgestalten und sehen, wie das Projekt     oder auftauchende Probleme wurden sofort      Firmen aus der Region. Denn als Stiftung
wächst. Das war spannend. Aber ich muss         geprüft, und wir konnten rasch reagieren,     wollen wir auch zu unserer gesellschaftli-
auch sagen: Wenn ich in den letzten Jahren      wenn etwas noch verbesserungsfähig war.       chen Verantwortung stehen.
nachts einmal aufgewacht bin, dann war es       Heute erkundigen sich andere Bauherren
wegen des Baus.                                 bei uns, wie wir das gemacht haben. Es war    Haben die neuen Zimmer keine
                                                eine schrittweise Annäherung an die beste     Überkapazitäten geschaffen?
Wie belastet war der ganze Betrieb?             Lösung.                                       Nein, die hohe Auslastung geht weiter. Die
Viele arbeiteten fünf Jahre lang auf einer                                                    als Reserve für die Zukunft geplante Betten-
Baustelle. Mitarbeitende mussten in Provi-      Parallel zur Bauplanung entstanden            station wird bereits 2021 wieder genutzt.
sorien zügeln, unter nicht idealen Bedingun-    neue betriebliche Prozesse.                   Menschen mit einer Querschnittlähmung,
gen arbeiten, wieder zurückzügeln, Lärm         Zuerst wurden von SPZ-Direktor Hans           die für «normale» Eingriffe in ein Akutspital
und Umwege in Kauf nehmen – da ist man          Peter Gmünder die Strukturen erarbeitet       ihrer Region gingen und bei eintretenden
froh, wenn es vorbei ist. Das Personal zeigte   und dann der Bau danach ausgerichtet.         Komplikationen dann ans SPZ überwiesen
zum Glück viel Verständnis und Durchhalte-      Dabei stand der Patientenweg stets im         wurden, wenden sich heute direkt an uns.
willen. Und gemeinsam mit den Bauleuten         Mittelpunkt, vom Heli-Landeplatz über die     So werden hohe Folgekosten vermieden
feierten wir ein tolles Aufrichtefest.          Akutphase und die Rehabilitation bis zur      und die Querschnitt-Expertise in Nottwil
                                                lebenslangen Begleitung. Zuoberst stand       gibt den Patientinnen und Patienten Sicher-
Weshalb wurde der Neu- und                      die Frage: Wie können wir unsere Patien-      heit für ihre Behandlung.
Umbau notwendig?                                tinnen und Patienten optimal versorgen?
Unter SPZ-Gründer Guido A. Zäch entstand        Gleichzeitig sollte die neue Infrastruktur    Aber gebaut wird nicht mehr?
1990 eine moderne Klinik mit grosszügigem       den Mitarbeitenden die Arbeit möglichst       Doch !… [lacht] Bereits im nächsten Jahr
Raumangebot in einer noch heute beein-          erleichtern. All diese Punkte zusammenzu-     entsteht eine neue Krippe für die Kinder
druckenden Architektur. Wir haben den           bringen ist nicht immer einfach …             unseres Personals (siehe Seite 28). Und
Bestand immer gut gepflegt. Aber nach                                                         es folgen auch noch Anpassungen in der
dreissig Jahren muss man eine Bettensta-        … und dabei erst noch die Kosten              Radiologie, mit denen wir aufgrund des
tion einfach renovieren und die Klinikräume     im Auge behalten.                             technologischen Fortschritts bewusst zuge-
anpassen. Das Konzept der Mehrbett-Zim-         Genau. Der Kredit von 250 Millionen Fran-     wartet haben. Aber die grosse Baustelle ist
mer war nicht mehr zeitgemäss. Zudem            ken durfte nicht überschritten werden, das    definitiv weg. Das SPZ ist «à jour» und für
gab es Auflagen des Strominspektorats, die      war für uns Ehrensache. Wir haben vieles      die Zukunft gut aufgestellt.
eine aufwändige Sanierung bedeutet hät-         hinterfragt und nach Lösungen gesucht,                                       (kste / we)

                                                                                                     PARAPLEGIE | D E Z E M B E R 2 0 2 0   13
SCHWERPUNKT

Das ParaForum beeindruckt
seine Gäste
Eine einladende, halbrunde Glasfront begrüsst die Schulklasse aus Rapperswil-Jona
bei ihrem Besuch in Nottwil. Im neugebauten ParaForum erhalten die Kinder spannende
Einblicke in die Welt von Menschen mit einer Querschnittlähmung.

Die 22 Schülerinnen und Schüler der sechsten         in den Rollstuhl und spüren, wie sich das anfühlt.
Klasse aus Rapperswil-Jona stehen neugierig          Eine 3D-Animation bringt ihnen näher, welche
vor dem ParaForum. Im Unterricht entstand die        Auswirkungen Rückenmarkverletzungen haben.
Idee, im Rahmen ihres Lagers in Malters LU einen     Anhand von Filmen können sie sehen, wie ein
Abstecher nach Nottwil zu machen, um mehr            Eingriff im Operationssaal abläuft, wie ein Tetra-
über das Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ)        plegiker mit gelähmten Fingern einen Computer
und das Thema Querschnittlähmung zu erfahren.        bedient oder wie ein Paraplegiker sich aus dem
Anhand der Schulungsunterlagen des ParaForums        Bett in den Rollstuhl transferiert.
hat Lehrerin Myrtha Ruckli mit den Kindern den            Die vier Menschen der WG zeigen sich auch
Besuch vorbereitet. Sie schaute mit ihnen die        von ihrer humorvollen Seite. Das ist später in der
Funktionen der Wirbelsäule an, sensibilisierte auf   Realität nicht anders. Denn nach dem ParaForum               Freundliche Begrüssung:
Begegnungen mit Menschen im Rollstuhl und bat        übernimmt Tim Shelton die Klasse. Der 52-Jäh-           die Glasfront des ParaForums.
sie, Fragen zusammenzustellen, auf die in Nottwil    rige sitzt seit einem Motorradunfall vor dreissig
Antworten gefunden werden sollten.                   Jahren im Rollstuhl, in Nottwil arbeitet er als Peer
      Im neuen Besucherzentrum erhält die Gruppe
Einblick ins Leben von Menschen mit Querschnitt-
lähmung. Das ParaForum wurde im September
                                                     « Ich möchte mit meinen Eltern zurück-
2019 eröffnet und bietet auf 400 Quadratmetern         kommen. Sie müssen das auch sehen.»
eine multimediale, interaktive Ausstellung in           Jaël Hüppi, Schülerin
Form einer fiktiven Wohngemeinschaft mit vier
Betroffenen unterschiedlichen Alters.                Counsellor und führt Besuchergruppen durchs
      Die Para- und Tetraplegiker empfangen die      SPZ. Shelton, der anderen Querschnittgelähmten
Schulklasse virtuell am Eingang, stellen sich vor    mit allen möglichen Tipps zur Seite steht, stellt
und öffnen ihre Zimmertüren. Via Audioguide          von Anfang an klar: «Es gibt keine Tabus. Fragt
erzählen sie, weshalb sie im Rollstuhl sitzen und    alles, was euch interessiert.»
wie sie ihrem Schicksal begegnen. Sie berichten
von ihren beruflichen und privaten Plänen, aber      «Das hat die Kinder berührt»                           Ein Schulbesuch
auch von ihren Sorgen oder dem Umgang mit            Vor dem Rundgang zeigt ein Film drei Menschen,         von A bis Z
ständigen Schmerzen.                                 die das Schicksal schwer getroffen hat. Einer von      Planen Sie einen Besuch in
                                                     ihnen ist ein 17-jähriger Freestyle-Snowboarder,       Nottwil? Zur optimalen
Am Handbike und im Rollstuhl                         der sich bei einem Sprung schwer verletzt. Sein        Vorbereitung Ihrer Klasse
Die Schülerinnen und Schüler lernen Eigenheiten      Traum, Profisportler zu werden, platzt jäh in die-     bietet das ParaForum auch
einer Wohnung kennen, die auf die Bedürfnisse        sem Moment. Sein Unfall, die Einlieferung ins Spi-     Schulungsunterlagen.
von Querschnittgelähmten zugeschnitten ist. Sie      tal, der Beginn eines anderen Lebens – «das hat
werden sich bewusst, dass im Alltag vieles nicht     die Kinder berührt», sagt Lehrerin Ruckli. «Und es         www.paraplegie.ch/
mehr im gewohnten Tempo geht, etwa bei der           hat sie animiert, im Nachgang unseres Besuchs in           fuer-lehrpersonen
Körperpflege. Sie setzen sich ans Handbike oder      Nottwil viel darüber zu diskutieren.»

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Die Kinder erkunden eine
                                                                                                                        für sie neue Welt.
Tim Shelton beantwortet jede Frage geduldig          gelernt, den Rollstuhl als Teil meines Ichs zu       Beantwortet jede Frage: Rund-
und mit Witz. Der leidenschaftliche Rugbyspie-       akzeptieren. Nach dem Unfall gab es zwei Optio-       gang mit Tim Shelton (Mitte).
ler erzählt von seiner Lust, überall auf der Welt    nen: Entweder ich gebe auf oder ich mache das                    Lernen heisst: selber
unterwegs zu sein, und nimmt die Klasse mit auf      Beste aus der Situation. Ich entschied mich für                        aus­probieren.
einen Rundgang durchs SPZ. Die Schülerinnen          das Zweite.»
                                                                                                             Die Ausstellung ist interaktiv
und Schüler blicken in eine der Übungswohnun-             Die Kinder sind beeindruckt. «Uns ist klar
                                                                                                                        und multimedial.
gen, in der Reha-Patienten kurz vor dem Austritt     geworden, wie schnell sich ein Leben komplett
einige Tage alleine leben und sich auf die Zukunft   verändern kann», sagt die elfjährige Luana Bann-
daheim vorbereiten. Sie schauen in der Werkstatt     wart. «Wir haben auch gesehen, wie man lernt,
der Orthotec vorbei und lernen die Unterschiede      mit einer Behinderung umzugehen. Der Besuch
verschiedener Rollstuhlmodelle kennen. Und in        im SPZ ist für mich eine wertvolle Erfahrung.»      ParaForum
der Turnhalle darf dann ein Rugby-Rollstuhl aus-     Ihre zwölfjährige Kollegin Jaël Hüppi ergänzt:      Öffnungszeiten
probiert werden.                                     «Ich habe mir bislang kaum Gedanken über eine       Di – So: 10 – 17 Uhr
                                                     Querschnittlähmung gemacht. Jetzt möchte ich        Der Eintritt ist kostenlos.
Aufgeben – oder das Beste machen                     unbedingt mit meinen Eltern das ParaForum und
Tim Shelton baut Berührungsängste ab und ver-        das SPZ besuchen. Sie müssen das alles mit eige-          www.paraforum.ch
mittelt viel Optimismus, wenn er sagt: «Ich habe     nen Augen sehen.»                  (pmb / we)

                                                                                                   PARAPLEGIE | D E Z E M B E R 2 0 2 0   15
SCHWERPUNKT

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SCHWERPUNKT

Ein starkes Team im Neubau
Hochmoderne Technik, geräumige Zimmer und ein Personal, dem kein Aufwand
zu gross ist. Ein Augenschein auf der neuen Intensivpflegestation im Nordtrakt.

Ein bisschen Humor darf sein. «Wer hier arbeitet»,    lino Goldstein, «der vorhandene Platz, die hoch-
sagt Paulino Goldstein, «muss dafür gemacht sein.     moderne Infrastruktur – es sind einfach perfekte
Und wir sind alle etwas schräge Vögel.» Paulino       Bedingungen». Sechzehn Einzelzimmer stehen
Goldstein arbeitet auf der Intensivpflegestation      zur Verfügung. Zur Zeit werden nicht alle belegt,
(IPS) im neuen Nordtrakt, er ist Berufsbildner und    um das Personal nicht zu überlasten. Dazu sucht
Instruktor. Und für den 35-jährigen Schweizer mit     man auch neue Fachkräfte.
chilenischen Wurzeln ist das, was er tut, viel mehr        Goldstein leitet an diesem Morgen die Tages-
als ein Broterwerb, es ist eine Berufung. Er sagt:    schicht. Er geht durch die Gänge, erkundigt sich:
«Wir sind so etwas wie die Anwälte der Patien-        «Alles in Ordnung?» Jeweils zwei Personen küm-
tinnen und Patienten. Für sie tun wir alles, was      mern sich um zwei bis maximal drei Patientinnen
irgendwie möglich ist.»                               und Patienten. Goldstein packt auch selber mit       Paulino Goldstein Instruktor
     Es ist 6.50 Uhr an einem Morgen im Oktober,      an. Nach dem Rapport mit den Ärzten kurz nach        Intensivpflegestation (IPS)
Schichtwechsel auf der Station. Claudia Gander,       7.30 Uhr kontrolliert er in «seinem» Patientenzim-
die Teamleiterin während der Nacht, gibt der          mer, ob die Geräte und Alarmfunktionen richtig
Crew, die übernimmt, ein Update zu allen Patien-      eingestellt sind und dass die Medikamentenver-
tinnen und Patienten: Wo sind Komplikationen          sorgung reibungslos läuft.
aufgetreten? Wer befindet sich in welcher Ver-
fassung? Was gilt es zu beachten? Zehn Minuten        Hell, freundlich, geräumig
dauert der Rapport, tägliche Routine.                 Die Zimmer bieten Blick auf den Sempachersee
                                                      und den betroffenen Menschen eine Orientie-
Ein Lächeln schadet nie
In 33 Jahren als Intensiv-Pflegefachfrau meisterte
Gander schon manche Krise. Sie lernte, mit hoher
Belastung umzugehen, und machte die Erfah-
                                                      «Vieles ist nicht planbar. Wir müssen in
rung, dass ein Lächeln nie schadet. «Oft gäbe es       jeder Situation hellwach sein.»
allen Grund zum Heulen», sagt sie. «Aber was            Paulino Goldstein
hilft es? Selbst in scheinbar hoffnungslosen Fäl-
len gibt es viele schöne Momente. Das motiviert
und stärkt das positive Denken.» Zu ihrer Einstel-    rungshilfe. Es sind einladende Räume, geflutet
lung passen die Worte von Sören Kierkegaard,          von Tageslicht. Die Deckenlampe kann Licht in
die neben der Tür eines Patientenzimmers hän-         verschiedenen Farben abgeben und so die Stim-
gen: «Verstehen kann man das Leben rückwärts;         mung beeinflussen. Die teils sperrigen Geräte blo-
                                                                                                                 Zimmer mit viel Platz für die
leben muss man es vorwärts.»                          ckieren nicht den Bodenraum, sondern hängen
                                                                                                                             Intensivpflege.
      Mit dem Umzug in die neue IPS wurde die         an der Decke, an der sie sich auch verschieben
Arbeit keine andere; die Mitarbeitenden müssen        lassen. «Das steigert die Flexibilität», sagt Pau-        Schichtwechsel: Teamleiterin
weiterhin hohe Anforderungen erfüllen. Aber           lino Goldstein. «Wir haben mehr Platz, und alles          Claudia Gander (Mitte) infor-
der Alltag gestaltet sich in dieser Umgebung viel     wirkt aufgeräumter.» Eine Erleichterung ist auch                  miert die Tagescrew.
angenehmer. «Wie Tag und Nacht» seien die alte        der Deckenlift, mit dem sich die Patientinnen und         Dank abgetrenntem Vorraum
und die neue Abteilung im Vergleich, meint Pau-       Patienten aus dem Bett heben lassen.                     sind weniger Störungen nötig.

                                                                                                       PARAPLEGIE | D E Z E M B E R 2 0 2 0   17
Auffallend ist die Ruhe. In der neugebauten IPS
ist viel mehr Intimsphäre gewährleistet als vorher,
und der geringere Lärmpegel reduziert die akute
Verwirrtheit («Delir»). Ihre Daten erfassen die Pfle-
genden im Computer im Zimmer oder – vor allem
nachts – in einem abgetrennten Vorraum. Dieser
ist so konzipiert, dass das Personal jeweils zwei
Zimmer gleichzeitig im Blick hat.

Lippen lesen
Wer auf einer IPS arbeitet, benötigt ein Flair für
Technik. «Es ist faszinierend, welche Möglich-
keiten wir heute haben», sagt Goldstein. «Da ist
es von Vorteil, Grundkenntnisse und Interesse
an den Geräten mitzubringen.» Ein Beispiel ist
das Gerät, mit dem hochgelähmte Personen                                                                       Logopädin Sarah Stierli (hinten)
sich bemerkbar machen können. In all den Jah-                                                                  bei einem beatmeten Patienten.
ren hat Goldstein auch gelernt, Lippen zu lesen:        Gruppe mit starkem Zusammenhalt: «Der Spirit            Vorne: HNO-Spezialist Dr. med.
«Irgendwie schaffen wir es immer, miteinander           im Team ist gewaltig», sagt Goldstein. Er sitzt beim            Werner Müller (LUKS).
zu kommunizieren.»                                      Frühstück in der grosszügigen Lounge, zu der             Zehn Kilometer spult Paulino
     Eine Pflegefachperson ist auch eine Anlauf-        auch die Patientinnen und Patienten mit ihren             Goldstein (links) täglich ab.
stelle. Sie begleitet Besuchende und Angehörige,        Angehörigen Zugang haben. Dann geht er zu
sie trägt Anliegen weiter. «Das kann bisweilen          einem beatmeten Patienten und unterstützt des-
sehr emotional werden», sagt Goldstein. «Es gibt        sen Abklärung durch die Logopädin. Goldstein
aber auch Menschen, die in solch schwierigen            agiert hellwach: «Wir bemühen uns, dass die
Momenten ganz nüchtern funktionieren.» Das              Betroffenen wieder selbstständig atmen lernen.
IPS-Personal koordiniert Therapien aller Art, und       Und die Logopäden schauen, dass es wieder mit
manchmal einen Coiffeurtermin. Eine wichtige            dem Reden und Schlucken klappt.»
Voraussetzung in seinem Beruf sei ein hohes Mass             Zehn Kilometer legt Paulino Goldstein pro
an Empathie, neben Nervenstärke und Flexibili-          Tag zurück: «Manchmal fühle ich mich am Abend
tät, sagt Goldstein: «Sehr vieles ist nicht planbar.    total leer, wie eine ausgepresste Zitrone.» Aber
Wir müssen in jeder Situation hellwach sein.» Ein       eine andere Berufung kann er sich nicht vorstel-
Arzt sagte ihm einmal: «Ihr seid unsere verlänger-      len. Es ist wie bei Claudia Gander: Die schönen
ten Arme.» Das trifft es ganz gut.                      Momente geben dem Personal auf der IPS immer
                                                        wieder neue Kraft und Moral. «Von den Patien-
«Der Spirit im Team ist gewaltig»                       tinnen und Patienten kommt viel zurück zu uns»,
Die Abteilung im neugebauten Nordtrakt bildet           sagt er. «Wenn ich ihre Fortschritte sehe, oder
auch Intensiv-Pflegefachpersonen aus; im Sep-           wenn sie mir ein Lächeln schenken, wenn etwas
tember haben drei Studierende ihr Nachdiplom-           gelingt – dann bin ich glücklich.»
studium abgeschlossen. Sie seien eine intakte                                              (pmb / febe)

18 PARAPLEGIE | D E Z E M B E R 2 0 2 0
SEITENBLICK

Er kennt alle Geheimnisse
Dem geschulten Auge von Meinrad Müller entging bei den Bauarbeiten nichts.

Dieser Montag vor fünf Jahren beginnt
besonders schön. Meinrad Müller steht auf
dem Platz vor dem Schweizer Paraplegi-
ker-Zentrum (SPZ) und fragt sich: «Und das
alles willst du verlassen?» Die Antwort ist
klar: Nein, er gehört zum SPZ. Eine Zeit lang
trägt er den Gedanken mit sich, noch ein-
mal etwas Neues anzufangen. Doch als er
an diesem Morgen zur Arbeit geht, hat sich
die Idee eines Jobwechsels erledigt.
     Im Juli 1990 fing Müller als 23-jähriger
Sanitärinstallateur an, drei Monate vor
der Eröffnung der Klinik. Er nahm die ers-
ten Anlagen in Betrieb. Er stieg zum Leiter
Gebäudetechnik auf, wurde Technik- und
Baukoordinator sowie stellvertretender Lei-
ter der Abteilung Technik & Sicherheit.

Bessermacher, nicht Besserwisser
Als das Neu- und Umbauprojekt in die
Umsetzung ging, übernahm er die Funk-
tion des Bindeglieds zwischen Stiftung
und Bauleitung. Er koordinierte die Hand-
werker, tauschte sich mit den Fachplanern
aus, wusste, was wann und wo stattfand.
Auch verantwortete er viele Bauabnahmen:
Wurde sorgfältig gearbeitet? Muss nachge-       sind bereits registriert, von Zimmern über      und Bauten ist er für die Bewirtschaftung
bessert werden? Seinem geschulten Auge          Sanitärräume bis zu Schächten. Müller           der Immobilien auf dem Campus zustän-
entging nichts.                                 kennt jeden Winkel: «Es gibt keinen Raum,       dig. Er stellt die Schnittstellenfunktion in
     Dank seiner Erfahrung sah er nicht nur     den ich nicht gesehen habe.» Wer ihm die        den Projekten sicher und bringt die Anfor-
Probleme, sondern oft auch eine Lösung.         Abkürzung «1P 2.27» nennt, bekommt die          derungen von Bauherr, Nutzenden, Betrieb
Und wurden seine Vorschläge einmal nicht        Antwort, es handle sich um das WC neben         und Instandhaltung ein. Sein Pensum hat er
umgesetzt, kam später eine Entschuldigung:      dem Lift im Pflegetrakt Ost. Er hat den Über-   leicht reduziert, um sich seinen Aufgaben
«Ja, du hattest recht ...» Der 53-Jährige       blick über Steigzonen, Wasserleitungen und      als frisch gewählter Nottwiler Gemeinderat
erzählt dies mit einem feinen Lächeln und       Stromzufuhr, über alles, was irgendwie mit      widmen zu können.
fügt an: «Als Praktiker folge ich nur der       Technik zu tun hat. Er weiss, wo es ist, wie          Nottwil wurde zu seiner Heimat. Hier
Logik. Ich wollte nie ein Besserwisser sein,    es dorthin kam, wie es funktioniert.            wohnt Meinrad Müller mit seiner Frau, mit
sondern ein Bessermacher.»                                                                      der er zwei erwachsene Töchter hat. «Ich
     Als der gebürtige Entlebucher vor          Neue Aufgabe                                    habe auch noch eine Million Mitarbeiterin-
dreissig Jahren nach Nottwil kam, war er        Sein Wissensschatz wurde durch 25 Jahre         nen», sagt er mit einem Augenzwinkern –
Teil eines kleinen Teams. Klinik und Cam-       bei der Betriebsfeuerwehr vertieft, 13 Jahre    und erzählt von seinem Hobby, dem Imkern.
pus hatten längst nicht die Dimension von       lang war er ihr Kommandant. Als junger          Seine achtzehn Bienenvölker produzieren
heute. Er kannte alle Mitarbeitenden mit        Handwerker in Nottwil lernte er Guido A.        einen begehrten Honig. «Im Bienenhaus bin
Namen. Und wenn jemand das Unter-               Zäch kennen, den Gründer des SPZ. Mit ihm       ich in einer ganz anderen Welt», sagt er.
nehmen verliess, gab es manchmal einen          pflegt der Mitarbeiter der ersten Stunde        «Da kann ich gut abschalten.» Abschalten,
«feuchtfröhlichen Ausstand».                    noch heute einen guten Kontakt.                 um Energie zu tanken. Um wieder fit zu sein
     Blickt Meinrad Müller heute über den            Mit dem Ende des Bauprojekts hat           für die vielen Arbeiten auf dem Campus, die
Campus, denkt er: «Das ist schon eine Rie-      Meinrad Müller eine neue Aufgabe über-          auf ihn warten.
sengeschichte.» Über 4700 Raumnummern           nommen: Als Verantwortlicher Immobilien                                        (pmb / rob)

                                                                                                       PARAPLEGIE | D E Z E M B E R 2 0 2 0   19
«Mein erstes Ziel war nicht,
wieder gehen zu können, sondern
trotz allem zufrieden zu leben.»
Karin Kaiser
BEGEGNUNG

Mit dem Schicksal hadern?
Sicher nicht!
Karin Kaiser ist nach einem Velounfall inkomplett querschnittgelähmt.
Die begeisterungsfähige Ostschweizerin hat wieder zurück in die Arbeitswelt
gefunden – und verbreitet einen ansteckenden Lebensmut.

Es ist eine Oase der Ruhe. Karin Kaiser sitzt am          suchung ans Unispital in Zürich. Als er nach der
Teich in ihrem Garten und taucht die Füsse ins            Heimkehr erschöpft ins Bett fällt, bricht sie zu
Wasser. Sie blickt Richtung Säntis, dem majes-            einer Trainingsrunde mit dem Rennrad auf. Die
tätischen Berg in der Ferne, als sie eine überra-         dreistündige Tour soll auf den Hemberg führen;
schende Aussage macht: «Es klingt vielleicht selt-        nahrhaft und doch Routine.
sam, aber die Zeit nach dem Unfall hat mir die                 Nach 45 Minuten erreicht sie Herisau, den
Augen geöffnet. Ich habe Dinge erlebt, die ich            Oberkörper windschlüpfrig nach vorne gelegt,
nicht mehr missen möchte.»                                die Unterarme eng zusammen auf dem Spezial-
      Die 48-Jährige ist im appenzellischen Ur-           lenker. Als sie aufschaut, sieht sie plötzlich eine
näsch aufgewachsen. Sie macht eine Lehre als              stehende Autokolonne. Um einen Aufprall zu
Betriebsassistentin bei der Post, wird dreifache          vermeiden, will sie aufs Trottoir ausweichen. Sie
Mutter und lebt mit ihrer Familie in Schweizers-          reisst am Lenker, zieht nach rechts. «Das Velo
holz, einem idyllischen Ortsteil von Bischofszell         macht nicht, was ich will», schiesst es ihr durch
TG mit rund dreihundert Einwohnern. Als sie sich          den Kopf. Das Vorderrad bleibt hängen, es ist ihre
von ihrem Mann trennt, bleiben sie und die Kin-           letzte Erinnerung vor dem Sturz.
der im Haus. Die Fasnächtlerin schliesst sich der
Guggenmusik «Näbelhusaren» an und lernt dabei             Das Ziel: zufrieden leben
Urs Kaiser kennen. 2002 heiraten die beiden – am          Autofahrer und Passantinnen leisten erste Hilfe.
11.11., dem Beginn der Fasnacht.                          Karin Kaiser wird ins Kantonsspital St. Gallen ge-
      Im Jahr 2009 entdeckt die begeisterungsfä-          bracht und operiert. Zwei Tage später folgt der
hige Frau den Laufsport. Sie hatte bisher kaum            zweite Eingriff. Zwei Halswirbel sind gebrochen,
Sport gemacht, jetzt rennt sie regelmässig und ist        dazu ein Brustwirbel, sämtliche Rippen auf der
bald in so guter Verfassung, dass sie sich an ihren       rechten Seite und das Schulterblatt. Sie hat ein
ersten Halbmarathon heranwagt.                            Schädel-Hirn-Trauma und eine leichte Hirnblu-
                                                          tung, eine Rippe hat die Lunge durchbohrt. Die
Auf einmal Triathletin                                    Diagnose «inkomplette Querschnittlähmung» löst
Im August 2017 ist sie zufällig in Hüttwilen, wo          bei ihr keine besonderen Emotionen aus. Karin
gerade ein Triathlon-Wettkampf stattfindet. Karin         Kaiser hat nicht das Gefühl, ihr würde der Boden
Kaiser faszinieren die Velos, bald weiss sie: Ich         unter den Füssen weggezogen.
möchte selber einmal einen Triathlon absolvieren.              Sie hat nie gefragt, weshalb das Ausweich-
Sie informiert sich über die Sportart, saugt alles        manöver misslungen ist. Auch die Einstellung zum
Wissenswerte auf, kauft ein Triathlon-Rennrad.            Leben hat sich seit dem Unfall nicht geändert:
Bald absolviert sie ein Trainingslager auf Mallorca.      «Ich hadere nicht mit dem Schicksal, sondern
«Halbbatziges», das kennt sie nicht.                      nehme die Situation an. Mein grosses Ziel war
     In ihrem Beruf auf der Post ist sie für die Brief-   es nicht, wieder gehen zu können, sondern trotz
zustellung zuständig und dauernd in Bewegung.             allem zufrieden zu leben.» Ihr Mann ergänzt:
Daneben trainiert sie und kümmert sich um ihren           «Karin ist positiv bis zum Gehtnichtmehr.»
Mann Urs, der 2014 an Leukämie erkrankt ist. Am                Als die Eltern sie im Spital besuchen, sieht sie
1. Oktober 2019 begleitet sie ihn zu einer Unter-         ihren Vater zum ersten Mal weinen. «Karin, du sitzt

                                                                                                             PARAPLEGIE | D E Z E M B E R 2 0 2 0   21
BEGEGNUNG

ab jetzt im Rollstuhl», hört sie und antwortet:        gilt und sich mit Beginn des Lockdowns in der
«Ja nu. Die Welt geht deswegen nicht unter.» Sol-      Schweiz erst recht abschottet. Sie spürt, wie sehr
che knappen, starken Aussagen sind typisch für         er sie braucht; aber auch, wie sehr sie seine Nähe
diese bemerkenswerte Frau. Nie versinkt sie in         sucht, erst recht in diesen seltsamen Zeiten.
Selbstmitleid, stets denkt sie: «Irgendwie schaffe          Gemeinsam überwinden sie Wochen, in
ich das schon.»                                        denen die Welt wegen des Virus aus den Fugen
                                                       gerät. Eine starke Stütze sind auch ihre drei Kin-
Video-Botschaft der Belegschaft                        der aus der ersten Ehe. Nur einmal kommt bei
Von St. Gallen wird sie nach Nottwil ans Schwei-       Karin Kaiser Krisenstimmung auf – beim ersten
zer Paraplegiker-Zentrum verlegt. Als sie von der      Versuch, ihren Garten vom Unkraut zu befreien.
Intensivstation auf die Reha-Station kommt, kul-
lern ihr erstmals Tränen über die Wangen – nicht,
weil ihr die Aussicht auf ein Leben im Rollstuhl       « Die Zeit nach dem Unfall hat mir die
bewusst wird, sondern weil sie per WhatsApp
eine spezielle Video-Botschaft bekommen hat.             Augen geöffnet. Ich habe Dinge erlebt,
Die Mitarbeitenden des Briefzentrums Hecht-
acker St. Gallen wünschen Karin Kaiser viel Kraft
                                                         die ich nicht mehr missen möchte.»
und senden ihr Genesungswünsche.                         Karin Kaiser
     Teamleiterin Jasmina Bronja ist die treibende
Kraft hinter dieser Aktion. Sie war eine der ers-      Nach zehn Minuten gibt sie auf, sie kann diese
ten Besucherinnen im Kantonsspital St. Gallen,         Arbeit nicht ausführen und denkt sich: «Mein
später fährt sie regelmässig aus der Ostschweiz        Gott, jetzt verwildert alles.» Rückblickend lacht
nach Nottwil, heute ist sie eine Freundin gewor-       sie herzhaft über diesen Moment.
den. «Für uns alle war die Nachricht von Karins             Ihr Zustand verbessert sich zusehends. Im
Unfall ein Schock», sagt sie. «Ich habe gelitten,      Herbst kann sie bereits ohne Rollstuhl und Geh-
weil ich noch nie einen so positiven Menschen          hilfe ein paar Meter gehen, später meistert sie
kennenlernte. Und wie zuverlässig sie ist.» Sie hat    sogar einige Treppenstufen. Heute sagt sie: «Ich
noch Karins Bemerkung aus der Intensivstation          hoffe, dass es noch etwas besser wird. Aber ich
im Ohr: «Jasmina, es tut mir mega Leid. Jetzt muss     glaube nicht, dass ich je wieder wandern werde.
jemand anderes meine Arbeit erledigen.»                Ich muss einen sehr hohen Aufwand betreiben,
     In Nottwil macht die Patientin schnell Fort-      damit ich nur schon die derzeitige Form aufrecht-
schritte. Sie merkt aber auch, dass parallel zur       erhalten kann.»
Rehabilitation ein zweiter Kampf läuft – der um
ihre Beziehung mit Urs. Viele Menschen besu-           «Mach dir keine Sorgen …»
chen sie, auch ihr Mann, aber eine Kommunika-          Emotional wird es für die Rollstuhlfahrerin, als sie
tion findet kaum mehr statt, weil er anderen den       Anfang Juni wieder die Arbeit bei der Post auf-
Vortritt lässt. Karin Kaiser belastet die Situation.   nimmt. Ihre Kolleginnen und Kollegen empfan-
Am ersten Novemberwochenende lädt sie kurzer-          gen sie mit Blumen und Applaus. «Das war sehr
hand allen Besuch aus, reserviert ein Zimmer im        eindrücklich», erzählt Stefan Zürcher, der stellver-
Hotel Sempachersee auf dem Campus und zieht            tretende Leiter der Briefzustellregion St. Gallen
sich mit Urs zurück. Das Paar führt ein klärendes      und Appenzell. «Für uns war es ein bewegender
Gespräch. «Das war eminent wichtig, um Miss-           Moment, Karin wieder bei uns zu haben. Bereits
verständnisse auszuräumen», sagt sie.                  nach zwei Tagen fühlte es sich an, als wäre sie nie
                                                                                                                   Die Gartenpflege ist eines
                                                       weg gewesen.»                                                          ihrer Hobbys.
Einige Schritte – mit hohem Aufwand                         Das ist es, was Karin Kaiser meint, wenn sie
Nach knapp sechs Monaten kann Karin Kaiser             von Dingen redet, die sie nicht mehr missen            Karin und Urs Kaiser geniessen
Nottwil verlassen. Sie sehnt sich danach, wieder       möchte – das Gefühl, nicht allein gelassen zu                     die Ruhe am Teich.
an der Seite ihres gesundheitlich angeschlage-         werden; die Freude, dass so viele Menschen                 Ungebrochene Bewegungs­-
nen Mannes zu sein, der als Corona-Risikopatient       ihr zu verstehen gaben, für sie da zu sein. Auch       freude auf dem Elektro-Dreirad.

22 PARAPLEGIE | D E Z E M B E R 2 0 2 0
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BEGEGNUNG

                                                                                          Rückkehr mit Spalier: Ihre Kollegin-
                                                                                          nen und Kollegen empfangen Karin
                                                                                          Kaiser mit Blumen.
                                                                                          Neuer Arbeitsplatz, gleicher Arbeit-
                                                                                          geber: im Büro auf der Post.

                                                                                          Winterthur, wo eine Integrationsstelle geschaf-
                                                                                          fen worden ist, für die sie bald einmal als Favo-
                                                                                          ritin feststand. Nach dem Aufbautraining strebt
                                                                                          sie eine Umschulung zur Case Managerin an. Als
                                                                                          Schnittstelle zwischen Sozialversicherung, Arbeit-
                                                                                          geber und Arbeitnehmer möchte sie betroffenen
                                                                                          Menschen bei der Wiedereingliederung in die
                                                                                          Arbeitswelt helfen.
                                                                                                «Karin ist gut unterwegs und steckt voller
                                                                                          Tatendrang», sagt Nathalie Bregy von ParaWork.
                                                                                          «Sie ist bereits weit fortgeschritten in der Verar-
                                                                                          beitung ihres Unfalls. Über solche Verläufe der
                                                                                          Rehabilitation freue ich mich enorm.» Der Taten-
                                                                                          drang – er ist Karin Kaiser nie abhandengekom-
                                                                                          men. Heute fährt sie gerne mit dem Dreirad-E-
                                                                                          Bike aus. Dass sie nicht mehr ausgiebige Velotou-
                                                                                          ren machen kann, nimmt sie gelassen hin. Aber
                                                                                          wenn sie eine Gruppe auf dem Rennrad sieht,
                                                                                          beobachtet sie diese immer noch so fasziniert wie
                                                                                          damals die Triathleten in Hüttwilen.
                                                                                                Ihr Unfallvelo hat sie nicht entsorgt, es steht
                                                                                          auf einer Rolle im oberen Stock des Einfamilien-
                                                                                          hauses. Aber dass sie sich daraufsetzt, das kommt
                                     die Chefs hätten sie in Nottwil besucht, erzählt     kaum vor. Lieber kümmert sie sich um ihren
                                     Karin Kaiser. «Sie wollten aber nicht über meine     prächtigen Garten oder liest ein Buch, während
                                     Stelle diskutieren, stattdessen sagten sie: ‹Mach    ihr die Katzen Sinto und Filou Gesellschaft leisten.
                                     dir keine Sorgen.› Diese Freundschaftsbesuche        Karin Kaiser findet, dass sie keinen Grund hat, sich
                                     werde ich nie vergessen.»                            zu beklagen: «Mir geht es gut.»
                                          Während der Rehabilitation in Nottwil setzt                                          (pmb / febe)
                                     sich die Patientin intensiv mit ihrer beruflichen
                                     Zukunft auseinander. Coach Nathalie Bregy von
                                     der Abteilung ParaWork des Schweizer Paraple-
                                     giker-Zentrums begleitet den Prozess ihrer Wie-
                                     dereingliederung. «Ich habe sie als Persönlichkeit
                                     mit hoher psychischer Widerstandskraft kennen-
                                                                                            So hilft Ihr
                                     gelernt», sagt Bregy.                                  Mitgliederbeitrag
                                                                                            Die Gönnerunterstützung für Mitglieder
                                     Kein Grund zum Klagen                                  ermöglichte Karin Kaiser die notwendigen
                                     Ihren früheren Aufgaben in der Briefzustellung         Umbauten im Haus und ein Elektro-Drei­-
                                     kann Karin Kaiser nicht mehr nachgehen, sie            rad: «Dank der Schweizer Paraplegiker-
                                     erledigt stattdessen Administratives im Büro und       Stiftung gab es keine finanziel­len Probleme,
                                     steigert langsam ihr Pensum. Im Oktober wech-          dafür bin ich extrem dankbar.»
                                     selt sie dann ins Case Management der Post in

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