Schule der Vielfalt Modul 1: Sexuelle Orientierung - Informationen und Angebote für Schulen in Salzburg

 
Schule der Vielfalt Modul 1: Sexuelle Orientierung - Informationen und Angebote für Schulen in Salzburg
Schule der Vielfalt
Modul 1: Sexuelle Orientierung
                   Informationen und
                   Angebote für Schulen in
                   Salzburg
Schule der Vielfalt Modul 1: Sexuelle Orientierung - Informationen und Angebote für Schulen in Salzburg
Impressum:
EigentümerIn, HerausgeberIn, VerlegerIn:
Land Salzburg, Stabsstelle für Chancengleichheit, Anti-Diskriminierung und Frauenförderung, Michael Pacher Str. 28, 5020 Salzburg in Koopera-
tion mit HOSI Homosexuelle Initiative Salzburg, Gabelsbergerstr. 26, 5020 Salzburg

Redaktion:
Paul Arzt, Florian Friedrich, Johannes (Phillip) Hinterberger, Susanne Kurz, Gernot Marx, Julia McFadden, Martin Plöderl

Bilder/Fotos:
Wilson Urlaub/pixelio.de, S. Hofschlaeger/pixelio.de, Thommy Weiss/pixelio.de, Christina Bieber/pixelio.de, Ingo Sturm/pixelio.de, Lisa Spreck-
elmeyer/pixelio.de, Jorma Bork/pixelio.de, Benjamin Thorn/pixelio.de, Gerd Altmann/pixelio.de, HOSI Salzburg, Bildpool). Hofschlaeger/pixelio.
de, Gerd Altmann/pixelio.de, Dieter Schütz/pixelio.de, Stephanie Hofschlaeger/pixelio.de, Dieter Schütz/pixelio.de, Benjamin Thorn/pixelio.de,
Collage (Klaus Wowereit/wiki commons cc-by-sa Superbass, Alfons Haider/wiki commons cc-by-sa Magnus Manske, George Michael/wiki com-
mons Public Domain, Tenessee Williams/wiki commons public domain, Greta Garbo & Oscar Wilde/wiki commons Public Domain, Jody Foster/
wiki commons cc-by-sa FRZ, Martina_Navrátilová/wiki commons cc-b-sa Robbie Mendelson, Marlene Dietrich/wiki commons Public Domain,
Gianna Nannini/wiki commons cc-by-sa Udo Grimberg), Gray59/pixelio.de

Design und Layout:
Johannes (Phillip) Hinterberger (HOSI Salzburg)

Druck:
Hausdruckerei - Land Salzburg

Quellenangaben:
Unterrichtsmaterialien S. 18–31: aus „Lesbische und schwule Lebensweisen. Handreichung für die weiterführenden Schulen“ Berlin,
http://www.berlin.de/imperia/md/content/lb_ads/gg1lw/themen/lesbische_und_schwule_ lebensweisen_2010_ohne_cartoons.pdf, Seite
12, 26f, 50f, 55f, 64f, 50f, 82-86, Beitrag 7 aus „Lehrer Online“, Autor: Dominik Rzepka, http://www.lehrer-online.de/homosexualitaet.php?-
di=81834745365142760434312211221530, Glossar: Stabstelle für Chancengleichheit, Anti-Diskriminierung und Frauenförderung in Kooper-
ation mit Frauenbüro der Stadt Salzburg und Homosexuelle Initiative (HOSI) Salzburg (2007): Andersrum ist nicht verkehrt. Diversity Manage-
ment und sexuelle Orientierung in der Arbeitswelt, Seiten 12-13.

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Salzburg, Oktober 2012
Schule der Vielfalt Modul 1: Sexuelle Orientierung - Informationen und Angebote für Schulen in Salzburg
Vorwort
                                              „Schule der Vielfalt“ – ein Programm für die Zukunft …
                                              Chancengleichheit ist mehr als ein Schlagwort. Und gemeint ist nicht nur ein gleichberech-
Mag.a Burgstaller - © Porträt 02 / SPÖ

                                              tigter Zugang zu unserem Bildungssystem für alle. Chancengleichheit beschreibt auch sehr
                                              gut, wie das gemeinsame Lernen und Leben in der Schule gestaltet werden kann und soll. Die
                                              ausgehend von den EU-Antidiskriminierungsrichtlinien erlassenen Bundes- und Landesgesetze
                                              legen fest, dass niemand auf Grund von Geschlecht, Alter, Behinderung, ethnischer Herkunft,
                                              Religion, Weltanschauung oder der sexuellen Orientierung diskriminiert oder belästigt werden
                                              darf. Weder direkt noch indirekt.
Prof. Mag. Gimpl - © Eva-Maria Engelsberger

                                              Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Aber zahlreiche Erfahrungsberichte machen nachdenk-
                                              lich und rufen dazu auf, für eine „Schule der Vielfalt“ einzutreten, in der Schülerinnen und
                                              Schüler, Lehrerinnen und Lehrer und Eltern unterschiedlicher Herkunft, Muttersprache, Reli-
                                              gion oder sexueller Orientierung in ihrem So-Sein akzeptiert und geschätzt werden. Wer den
                                              Wert von Vielfalt erkannt hat, wird auch aktiv gegen Diskriminierungen auftreten, gleichgültig
                                              wer betroffen ist oder aus welchem Grund.

                                              In diesem Leitfaden finden Sie ein Kurzkonzept zur „Schule der Vielfalt“ mit konkreten Impul-
                                              sen zur Verankerung dieser Ziele und Leitsätze im Schulalltag und Schuljahr. Eine Arbeitsgrup-
Mag.a Kurz - © Parlamentsdirektion / WILKE

                                              pe hat außerdem als erstes Modul die Thematik „Sexuelle Orientierung“ aufbereitet. Neben
                                              grundsätzlichen Infos zum Thema finden Sie Unterrichtsmaterialien und Angebote von Refe-
                                              rentInnen, die an Salzburger Schulen Workshops und Projekttage gestalten können.

                                              Bereits 2007 hat der Salzburger Jugendlandtag im Antrag 1 All different – all equal gefordert:

                                              1. Aufklärungsarbeit durch Lehrpersonen, denen im Vorfeld eine dementsprechende Weiter-
                                              bildung angeboten wird. Diese Aufklärung kann im Rahmen von Workshops oder auch durch
                                              Peers passieren.
Prim. Priv.-Doz. Dr. Fartacek - © privat

                                              2. Forcierung von Initiativen und Projekten ausgehend vom Land Salzburg in Zusammenarbeit
                                              mit Fachstellen (z.B. Homosexuelle Initiative), welche Themen wie z. B. die Gleichstellung von
                                              Homosexuellen behandelt. Spezielles Augenmerk soll auf die Sensibilisierung und das Abbau-
                                              en von Vorurteilen gelegt werden. (…)

                                              Das Salzburger SchülerInnenparlament hat im Juni 2011 daran anknüpfend im Antrag 10 Fight
                                              Homophobia! gefordert:
                                                • Verstärkte Behandlung des Themas „Homosexualität“ im Biologieunterricht und ent-
    Mag. Arzt - © privat

                                                   sprechende Aufklärung
                                                • Verstärkte Bewusstseinsarbeit an Schulen, z.B. auch verstärkte Zusammenarbeit mit
                                                   Organisationen wie Homosexuelle Initiative – HOSI.

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Schule der Vielfalt Modul 1: Sexuelle Orientierung - Informationen und Angebote für Schulen in Salzburg
Und im Antrag 15 Vermehrte Anti-Diskriminierungs-Arbeit an Schulen wurde angeregt:
                                            • Peer-Mediation für SchülerInnen in allen Salzburger Schulen
                                            • Ausbildung der Lehrpersonen
                                            • Auseinandersetzung im Unterricht mit dem Thema Diskriminierung
    Mag. Lindner - © privat

                                          Diesen klaren Wünschen unserer Schülerinnen und Schüler will das Projekt Schule der Vielfalt
                                          als Ganzes und das Modul 1 - Sexuelle Orientierung im Detail entsprechen.

                                          Das Programm Schule der Vielfalt soll die Schulen für homo- und bisexuelle SchülerInnen nicht
                                          nur sicherer machen und so auch suizidpräventiv wirken, sondern auch zu einem Ort, an dem
                                          sie ihre Fähigkeiten voll entfalten können, ganz im Sinne des Diversity-Gedankens. Darüber
                                          hinaus wird der Umgang mit Vielfalt eine immer wichtigere Lebenskompetenz. Schule der
    DSA Teufl-Bruckbauer MAS - © privat

                                          Vielfalt ist damit auch ein aktiver Beitrag zur psychischen Gesundheitsförderung.

                                          Angedacht ist, dass zu den Themenbereichen Ethnische Herkunft und Religion sowie Behinde-
                                          rungen weitere Module erarbeitet werden.

                                          Der Impuls zu einer Schule der Vielfalt will von Lehrerinnen und Lehrern, Schülerinnen und
                                          Schülern und Eltern bzw. ElternvertreterInnen mitgetragen werden. Im Adressteil finden Sie
                                          Kontaktstellen und -personen, wo Sie Beratung und Unterstützung bekommen, wenn Sie Fra-
                                          gen zur Umsetzung an Ihrer Schule haben.

                                          Und auch wenn Sie Anregungen, Ideen, Vorschläge oder Kritik äußern möchten, sind Sie bei
                                          diesen Kontaktstellen an der richtigen Adresse.

                                                                      Viel Freude auf dem Weg zu einer Schule der Vielfalt!

                                          				Mag.a Gabi Burgstaller
                                          				                                          Landeshauptfrau

                                          Prof. Mag. Herbert Gimpl                                              Mag.a Susanne Kurz
                                          Amtsf. Präsident des Landesschulrats                                  Gender- und Diversity-Beauftragte des Landesschulrates

                                          Prim. Priv.-Doz. Dr. Reinhold Fartacek                                Mag. Paul Arzt
                                          Ärztlicher Direktor - Universitätsklinikum Christian Doppler Klinik   Stv. Gleichbehandlungsbeauftragter des Landes Salzburg

                                          Mag. Josef Lindner                                                    DSA Maritta Teufl-Bruckbauer MAS
                                          Obmann der HOSI Homosexuelle Initiative Salzburg                      Geschäftsführende Leiterin Aidshilfe Salzburg

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Schule der Vielfalt Modul 1: Sexuelle Orientierung - Informationen und Angebote für Schulen in Salzburg
Inhalt
Auf dem Weg zur „Schule der Vielfalt“
     Eine Projektskizze                                       6

Warum eine Charta der Vielfalt?                               8
Charta der Vielfalt                                           9

Homosexuelle, bisexuelle und transidente (HBT) Jugendliche
     Grundwissen für Lehrpersonen                             10

Thematisieren: NICHT moralisieren!
     Homosexualität und sexuelle Orientierung im Unterricht   14

Hinweise und Tipps für SchulleiterInnen und Lehrkräfte        16

Materialien für den Unterricht                                17
     1. Talkshow - „So sind Homosexuelle“                     18
     2. Um die Welt... Berühmte „Homos“                       20
     3. „Wenn ich... dann denke ich...“                       22
     4. „Meine Mutter liebt eine Frau“                        24
     5. „Ich lebe zusammen mit meinen Vätern... und du?“      26
     6. Comics - „Geschichten in Bildern“                     28
     7. „Ist es cool?“ - lesbisch/schwul/bisexuell sein       32

Fortbildung - Workshops für Lehrkräfte
     Homophobie in der Schule I                               33
     Homophobie in der Schule II                              33

Workshops für Schulklassen
     SchwuLesBisch - Na und? I                                34
     SchwuLesBisch - Na und? II                               35
     SchwuLesBisch - Na und? III                              35

Anhang
     Glossar - Begriffe und ihre Bedeutung                    32
     Die rechtliche Situation in Österreich                   34
     Wichtige Adressen                                        39
     Zusätzliche Infos                                        39
     Nützliche Webtipps                                       39
     Unser Angebot für Ihre Schule                            39

                                                                   5
Schule der Vielfalt Modul 1: Sexuelle Orientierung - Informationen und Angebote für Schulen in Salzburg
Auf dem Weg zur „Schule der Vielfalt“
    Eine Projektskizze
    Ausgangslage                                                  •   Vorurteile und Stereotypen sind diskriminierend
                                                                      und blockieren die menschliche Kommunikation
    Unsere Gesellschaft wird immer pluralistischer. Das wirkt         und die Chance, sich zu entfalten. Die Anwendung
    sich auch auf den Sozialisationsraum Schule sehr stark            von Vorurteilen und Stereotypen gegenüber An-
    aus. Wo verschiedene Kulturen, Religionen und sozia-              deren, vor allem durch die Mitglieder der Mehr-
    le Hintergründe und Einstellungen aufeinandertreffen,             heitsgesellschaft, ist verantwortlich für die Ent-
    können Konflikte auftreten. Die Fähigkeit zu Empathie,            stehung und Verfestigung von Barrieren zwischen
    Konfliktfähigkeit und Toleranz wird als Schlüsselkompe-           gesellschaftlichen Gruppen. Anerkennung und
    tenz für ein positives Miteinander gesehen und braucht            Akzeptanz hingegen erhöhen die Bereitschaft al-
    Lernerfahrungen, um sich ausprägen zu können. Die                 ler, an einer gemeinsamen Sache mitzuwirken.
    frühe und nachhaltige Stärkung dieser Lebenskompe-
    tenzen ist für den Erwerb von Bildung, für das Gemein-        •   Der Ansatz von „Schule der Vielfalt” kombiniert
    schaftsgefühl im Schulalltag und für die Integration in           individuelle Lernprozesse mit der Erkenntnis,
    die Berufswelt von großer Bedeutung und trägt zur psy-            dass Diskriminierung nur dann abgebaut werden
    chischen Gesundheit und einem sinnerfüllten Leben bei.            kann, wenn auch Situationen und Kontexte ver-
                                                                      ändert werden, d.h. die Betonung liegt auf der
    Ziel des Schwerpunktprogrammes „Schule der Vielfalt“ ist          Notwendigkeit von konkreten sozialen Aktionen.
    es, eine Sensibilisierung für unseren kulturellen Filter zu
    erlangen und eine Offenheit für jede Art von Differenz zu     •   Persönliches Engagement ist ein Faktor, der Motiva-
    fördern und dadurch Diversity-Kompetenz zu gewinnen.              tion steigert. Nachdenken über sich selbst, über die
    Es geht darum, uns zu befähigen, Vielfalt zu gestalten und        eigene Sozialisation und den sozialen Kontext bietet
    Verantwortung für den Abbau von Stereotypen, Vorurtei-            einen Zugang zu persönlichem Engagement. Die Er-
    len und Diskriminierungen zu übernehmen. Lehrerinnen              kennung der Bedeutung der eigenen sozialen Identi-
    und Lehrer sowie Schülerinnen und Schüler werden dazu             tät und unserer sozialen Verortung ist auch mit einer
    motiviert, Schritte zu unternehmen, um Bedingungen für            kommunikativen Interaktion mit „Anderen” verbun-
    Akzeptanz und positive Bewertung von Vielfalt zu schaf-           den.
    fen.
                                                                  Voraussetzungen und Rahmenbedingungen

                                                                  1. Start: Eine gute Möglichkeit, mit dem Schwer-
                                                                     punktprogramm „Schule der Vielfalt“ zu starten,
                                                                     ist die inhaltliche Auseinandersetzung mit der
                                                                     „Charta der Vielfalt“ (Seite 9). Dadurch werden
                                                                     LehrerInnen und SchülerInnen mit den Grundsät-
                                                                     zen von Diversity Management vertraut gemacht
                                                                     und können ihre Fragen einbringen. Mit der ge-
                                                                     meinsamen Unterzeichnung – zum Beispiel im
                                                                     Rahmen einer Schulveranstaltung zum Ende oder
                                                                     Beginn eines Schuljahres oder Semesters – die-
                                                                     ser Charta erfolgt der symbolische „Startschuss“.

    Hintergrund                                                   2. Maßnahmenplanung: Um diesem symbolischen
                                                                     Akt auch eine nachhaltige Umsetzung im Schul-
     •   Soziale und kulturelle Vielfalt bietet neue Per-            alltag folgen zu lassen, ist eine methodisch viel-
         spektiven und bedeutet Bereicherung und Ge-                 fältige und realistische Planung von Maßnahmen
         winn für eine sonst durch Vorurteile und Stereo-            nötig. Hier könnte ein Mix aus Top-Down-Maß-
         typen blockierte menschliche Kommunikation.                 nahmen (von Schulleitung oder LehrerInnenkol-
                                                                     legium vorgegeben) und Bottom-up-Initiativen
     •   Wir können zusammen etwas tun, um die                       (Beiträge aus Ideenforen in Klassen oder Vorschlä-
         Rahmenbedingungen zu schaffen, Anerken-                     ge von Klassen- und SchulsprecherInnen oder en-
         nung und Respekt der Menschenwürde un-                      gagierten ElternvertreterInnen) ein stimmiges
         abhängig von Herkunft, Geschlecht, Religion                 Bündel von sichtbaren Projektschritten ergeben.
         oder sexueller Orientierung zu ermöglichen.

6
Schule der Vielfalt Modul 1: Sexuelle Orientierung - Informationen und Angebote für Schulen in Salzburg
3. Evaluation: Nach einem Schuljahr (und dann                tägigen Projektunterricht bearbeiten. Zum Mo-
    in jährlichen Abständen) werden die gesetz-               dul „Sexuelle Orientierung“ gibt es dazu einige
    ten Maßnahmen auf ihre konkreten Wirkun-                  Anregungen in diesem Leitfaden (ab Seite 16).
    gen und Nachfolgewirkungen hin überprüft.
                                                          4. LehrerInnenfortbildung an der Schule: In den kom-
 4. Dokumentation/Öffentlichkeitsarbeit: Es ist wich-        menden Jahren wird es im Rahmen der LehrerIn-
    tig – auch zur Aufrechterhaltung der Motivation          nenaus- und -fortbildung verstärkt zu Angeboten zu
    – begleitend die Projektschritte zu dokumentieren        Diversity Management in der Schule kommen. Ergän-
    und die „Meilensteine“ zu veröffentlichen (z.B. auf      zend können ReferentInnen für einen Fortbildungs-
    der Webseite der Schule und in Jahresberichten).         tag oder –halbtag an der Schule angefordert werden.

 5. Externe Unterstützung: Die Gender- und Diversi-       5. Materialien: Auf www.schule.at und zahlreichen an-
    ty-Beauftragte des Landesschulrates (Adresse: Seite      deren Portalen (vgl. auch Linkliste auf Seite 39) fin-
    39) vermittelt Kontaktadressen zu ReferentInnen          den sich mittlerweile sehr viele hilfreiche Materialien
    zu verschiedenen Themenbereichen von Diversität          und Medien für den Einsatz an der Schule, sei es im
    und informiert über Kofinanzierungsmnöglichkeiten.       Fachunterricht oder bei Projekten oder Schulveran-
                                                             staltungen.

Praxisbeispiele

Wie konkret das Schwerpunktprogramm „Schule der
Vielfalt“ an einer Schule umgesetzt und nachhaltig ver-
ankert werden kann, dafür gibt es keinen Rezeptkata-
log. Die Schulleitung, die Lehrerinnen und Lehrer sowie
die Schülerinnen und Schüler sind eingeladen, Ideen
dazu einzubringen – sowohl in der Gestaltung des Un-
terrichtes, bei Projektunterrichtsphasen als auch bei
besonderen Schulveranstaltungen, wo auch durch ein-
fache Akzente schon viel für die Sache erreicht wer-
den kann. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit können
nachfolgende Praxisbeispiele eine Orientierung geben:

1. Gebäude/Raumgestaltung: Sowohl in den allgemein
   zugänglichen Räumen (Pausenraum, Aula, Stie-
   genhäuser, evtl. bei bestimmten Aktionen auch in
   den Toiletten) als auch in den Klassenräumen kann
   durch Plakate (die auch im Unterricht gestaltet wer-
   den können) oder andere Objekte (Kalenderblätter,
   Objektkunst …) thematisch ein Plädoyer für Viel-       Offen für weitere Entwicklungen
   falt und gegen Diskriminierung platziert werden.
                                                          Diese Projektskizze versteht sich als erster Entwurf der
2. Akzente bei Sprechtagen und Schulveranstaltungen:      Arbeitsgruppe, die diesen Leitfaden erstellt hat. Wir sind
   Bei Elternsprechtagen und Schulveranstaltungen         sehr daran interessiert, Ihre Meinungen und Erfahrungen
   kann auf verschiedene Weise das Engagement für         dazu mitgeteilt zu bekommen, und werden diese in die
   eine „Schule der Vielfalt“ zum Ausdruck kommen,        weiteren Konzepte und Leitfäden zum Schwerpunktpro-
   z.B. durch ein multikulturelles Buffet, Einladung      gramm „Schule der Vielfalt“ einfließen lassen.
   an Gäste aus anderen Sprach- und Kulturkreisen,          Schicken Sie Ihr Feedback am besten als E-Mail-Nach-
   Medieneinsatz (Dokumentar- und Spielfilme) usw.        richt an die Gender- und Diversity-Beauftragte des Lan-
                                                          desschulrates (Adresse: Seite 39).

3. Projektunterricht: Sowohl klassenübergreifend als      Danke für Ihre Mitwirkung und
   auch in den Klassenverbänden lässt sich die The-       Mitgestaltung!
   matik der Diversität sehr gut durch ein- oder mehr-                                                   • Paul Arzt

                                                                                                                       7
Schule der Vielfalt Modul 1: Sexuelle Orientierung - Informationen und Angebote für Schulen in Salzburg
Warum eine Charta der Vielfalt?

    Jeder Mensch trägt durch seine unverwechselbare Individualität, seine unterschiedlichen Erfah-
    rungen und Begabungen zum kreativen Potential einer Gesellschaft bei. Vorausgesetzt, er oder sie
    findet auch die positiven und fördernden Rahmenbedingungen vor. Immer mehr Unternehmen,
    Organisationen und öffentliche Institutionen erkennen in dieser Vielfalt eine wichtige Erfolgskom-
    ponente und suchen Wege, sie zu unterstützen.

    Die „Charta der Vielfalt“ ist eine Initiative zur Förderung der Wertschätzung gegenüber allen Mit-
    gliedern der Gesellschaft – unabhängig von Geschlecht, Lebensalter, Herkunft und Hautfarbe,
    sexueller Orientierung, Religion und Weltanschauung sowie körperlicher oder geistiger Behinde-
    rung.

    Die Charta der Vielfalt ist eine freiwillige Verpflichtung. Sie basiert auf der Erkenntnis, dass Vielfalt
    ein Wesensmerkmal Europas ist – seiner Geschichte ebenso, wie seiner Gesellschaft. Und sie sieht
    und schätzt die Vorteile und Chancen, die diese Vielfalt bietet.

    2010 wurde die österreichische Charta der Vielfalt von der Wirtschaftskammer Österreich und
    der Wirtschaftskammer Wien nach einer Idee von factor-D Diversity Consulting gestartet.

    Elf Unternehmen traten im November 2010 als erste Unterzeichner der Charta der Vielfalt auf und
    setzten ein klares Zeichen in Richtung Offenheit gegenüber ALLEN Personen und Gruppen in Wirt-
    schaft und Gesellschaft: BAWAG P.S.K., equalizent, Hewlett-Packard, IBM Österreich, Microsoft,
    Novartis, Österreichische Volksbanken, Secretary Search (diversity search), TNT Express (Austria),
    UniCredit Bank Austria und Western Union Financial Services.

    Die Charta der Vielfalt ist für die unterzeichnenden Unternehmen und Organisationen nicht nur
    eine Verpflichtung, sondern – als Plattform – auch ein Forum der Information, der Präsentation
    und des Erfahrungsaustausches.

    Nähere Informationen:
    www.charta-der-vielfalt.at

    Im Lauf der Redaktionsarbeit an diesem Leitfaden wurde der Text der Charta der Vielfalt für Schu-
    len geringfügig angepasst und wird als solcher hier erstmals veröffentlicht. Wir meinen, dass alle
    wesentlichen Punkte enthalten sind. Aber natürlich können an der eigenen Schule Anpassungen
    und Ergänzungen vorgenommen werden, wenn dies erforderlich scheint.

8
Schule der Vielfalt Modul 1: Sexuelle Orientierung - Informationen und Angebote für Schulen in Salzburg
Charta der Vielfalt

Vielfalt gewinnt in Schulen zunehmend an Bedeutung.              Religion oder Weltanschauung, Behinderung, Alter oder
Zahlreiche gesellschaftliche Veränderungen prägen und            sexueller Orientierung und -Identität.
beeinflussen das Leben an Österreichs Schulen. Migra-
tion, Gleichstellung, Integration und Inklusion sind Ver-        Wir schaffen ein Klima der Akzeptanz und des gegensei-
änderungen, die durch den demografischen Wandel, die             tigen Vertrauens. Dies hat positive Auswirkungen auf alle
europäische Rechtsentwicklung und einen generellen               Beteiligten – Lehrer und Lehrerinnen, Schüler und Schüle-
Wertewandel voran getrieben werden.                              rinnen, Eltern, Freunde und Freundinnen – sowohl in Ös-
                                                                 terreich als auch in anderen Ländern der Welt.
Die Anerkennung und Wertschätzung von Vielfalt ist eine
wesentliche Voraussetzung, um die Bedürfnisse des Lehr-
personals sowie der Schüler und Schülerinnen zu erfüllen.        Im Rahmen dieser Charta werden wir
Die Einbeziehung der Vielfalt kann zu einem besseren Zu-
sammenleben für alle führen. Es wird nicht nur die Krea-
                                                                  eine Schulkultur pflegen, die von gegenseitigem Res-
tivität gesteigert, sondern Vielfalt eröffnet auch vielfältige
                                                                  pekt und Wertschätzung jeder und jedes Einzelnen ge-
Lösungsansätze.
                                                                  prägt ist. Wir schaffen die Vorraussetzung dafür, dass
                                                                  Lehrer und Lehrerinnen sowie Schüler und Schülerin-
                                                                  nen diese Werte erkennen, teilen und leben. Dabei
                                                                  wird Lehrern und Lehrerinnen eine besondere Verant-
                                                                  wortung zuteil.

                                                                  unsere Lehrmethoden überprüfen und sicherstellen,
                                                                  dass diese den vielfältigen Fähigkeiten und Talenten
                                                                  aller Schüler und Schülerinnen gerecht werden.

                                                                  die Vielfalt der Gesellschaft innerhalb und außerhalb
                                                                  der Schule anerkennen, die darin liegenden Potenzia-
                                                                  le wertschätzen und zum Vorteil der Schule einsetzen.

                                                                  die Umsetzung der Charta zum Thema des internen
                                                                  und externen Dialogs machen.

                                                                  über unsere Aktivitäten und den Fortschritt bei der
                                                                  Förderung der Vielfalt und Wertschätzung jährlich öf-
                                                                  fentlich Auskunft geben.

                                                                  unsere Lehrer und Lehrerinnen, sowie Schüler und
                                                                  Schülerinnen über Diversity informieren und sie bei
Die Umsetzung der „Charta der Vielfalt“ in Schulen hat            der Umsetzung der Charta einbeziehen.
zum Ziel, ein Zusammenleben zu schaffen, das frei von
Vorurteilen ist.                                                 Wir sind überzeugt:
                                                                 Gelebte Vielfalt und Wertschätzung dieser Vielfalt hat eine
Alle Menschen sollen Wertschätzung erfahren – unab-              positive Auswirkung auf Schulen und die Gesellschaft in
hängig von Geschlecht, Nationalität, ethnischer Herkunft,        Österreich.

                                                                                                                               9
Schule der Vielfalt Modul 1: Sexuelle Orientierung - Informationen und Angebote für Schulen in Salzburg
Homosexuelle, bisexuelle und transide
     Grundwissen für Lehrpersonen

     H
             omosexualität als eine Variante menschlicher Se-       Comingout – Identitätsmanagement
             xualität erscheint heutzutage vielen als etwas, was
             keiner näheren Betrachtung mehr bedarf, ist sie        Das Comingout ist wohl einer der wichtigsten Meilenstei-
     doch mittlerweile sichtbar und scheinbar unproblema-           ne im Leben von HBT-Menschen. Meist wird unter Comin-
     tisch. Für mich macht es keinen Unterschied, ob ein Ju-        gout das Mitteilen der sexuellen Orientierung bzw. der
     gendlicher schwul oder eine Jugendliche lesbisch ist oder      Transidentität an andere gemeint. Davon zu unterschei-
     nicht, ist eine entsprechende Aussage, die oft zu hören        den ist das innere Comingout, das heißt, das Bewusstwer-
     ist. Damit wird aber eher eine tolerante als eine profes-      den der eigenen Homo-/Bisexualität oder Transidentität.
     sionelle Haltung ausgedrückt, denn es bedarf sehr wohl           Ein Großteil der HBT-Menschen wissen früh über ihre
     spezifischen Wissens, damit man homosexuellen, bisexu-         Orientierung Bescheid, meist schon am Ende der Kindheit
     ellen und transidenten Jugendlichen verständnisvoll und        bzw. am Beginn der Pubertät. Wenn Jugendliche dann ihr
     hilfreich begegnen kann. Der folgende Text soll Basiswis-      äußeres Comingout machen, liegt vielfach bereits ein in-
     sen vermitteln; zu den Fachbegriffen wird auf das Glossar      tensiver aber leider oft einsamer Prozess der Selbstaus-
     (Seite 32) verwiesen:                                          einandersetzung hinter ihnen. Das Comingout muss aber
                                                                    nicht immer schon im Jugendalter erfolgen, manche ent-
                                                                    decken oder entwickeln ihre HBT-Orientierung viel später.
     Sexuelle Orientierung                                            Die meisten heterosexuellen Menschen gehen davon
                                                                    aus, dass die anderen ebenfalls heterosexuell sind. Man
     Die sexuelle Orientierung klassifiziert Menschen hinsicht-     nennt dies die Heterosexualitätsannahme. Homosexuali-
     lich ihrer sexuellen Präferenzen. Die dafür verwendeten        tät oder Transidentität ist ja nach außen hin auch nicht
     Begriffe wechselten über die Zeit und Kulturen hinweg.         unbedingt sichtbar. Daher liegt es an den HBT-Personen
     Oft wird bloß in heterosexuell versus homosexuell unter-       selbst, ihr Comingout zu machen oder nicht (Identitäts-
     schieden und dabei auf die Vielfalt und Schattierungen         management). Dies unterscheidet HBT-Personen von an-
     menschlicher Sexualität vergessen. Wichtig ist, auf die        deren Minderheiten, bei denen der Minderheitenstatus
     verschiedenen Dimensionen der sexuellen Orientierung           sofort sichtbar ist, beispielsweise von Menschen mit einer
     zu achten: Verhalten, Erleben, Selbstbezeichnung. Diese        anderer Hautfarbe oder gewissen körperlichen Behinde-
     Dimensionen hängen oft zusammen, müssen aber nicht;            rung. Das Comingout ist eine Zeit erhöhter Anfälligkeit für
     speziell im Jugendalter. So können Jugendliche eindeutig       Krisen, auch wenn Jugendliche heutzutage von positiver-
     homosexuell empfinden (Dimension „Erleben“), ohne              en Erfahrungen berichten. Im Comingout Prozess bieten
     jemals gleichgeschlechtliche Sexualkontakte erlebt (Di-        sich aber nicht zu unterschätzende Chancen für die Ent-
     mension „Verhalten“) zu haben. Umgekehrt gibt es nicht         wicklung ganz spezifischer Stärken.
     wenige homosexuell aktive Personen, die sich als hetero-
     sexuell bezeichnen. Dies zeigt, wie schwierig es ist, Perso-   Meilensteine im Comingout Prozess:
     nen überhaupt zu klassifizieren.                               Der komplexe Comingout Prozess ist kaum auf wenige
        Geeignete Fragen für die Verhaltensdimension wären          Schritte reduzierbar, gewisse Gemeinsamkeiten lassen
     etwa „Mit wie vielen Frauen und mit wie vielen Männern         sich aber feststellen. Viele HBT-Personen berichten rück-
     hast Du schon Sex gehabt?“. Die Erlebensdimension könn-        blickend, schon in der Kindheit, also lange vor dem Co-
     te man erfassen mit: „Mit wem hättest Du am liebsten           mingout, „irgendwie anders“ gewesen zu sein. Meist sind
     Sex: mit einer Frau, einem Mann, oder mit Frauen und           damit geschlechtsuntypische Interessen gemeint (siehe
     Männern?“, oder die gleiche Frage mit „In wen warst Du         unten). Später kommt bei HB-Menschen das Gewahrwer-
     schon mal verliebt?“. Die Dimension der sexuellen Iden-        den der gleichgeschlechtlichen sexuellen Impulse hinzu
     tität erfasst man am besten mit: „Wie würdest Du Dich          (bei transidenten Menschen die Diskrepanz zwischen
     selbst bezeichnen? Homosexuell? Bisexuell? Schwul? Les-        biologischem Geschlecht und erlebter Geschlechtsiden-
     bisch? Oder anders?“.                                          tität). Zwei Aspekte können diese Phase erschweren:
                                                                    Zum einen gehen viele noch von einem heterosexuellen
                                                                    Selbstbild und Lebensentwurf aus, die mit den homose-
     Im Folgenden wird das Kürzel HBT für homosexuell, bise-        xuellen Impulsen im Widerspruch stehen. Zum anderen
     xuell und transident verwendet; das Kürzel HB für homo-        haben HB-Menschen in dieser Phase genau wie andere
     und –bisexuell.                                                Menschen auch mehr oder weniger starke Vorurteile ge-
                                                                    genüber Homosexualität. Das führt zur Abwehr aufkom-
                                                                    mender homosexueller Tendenzen mit entsprechenden
                                                                    negativen Konsequenzen für das Selbstwertgefühl. Ein

10
ente (HBT) Jugendliche
  Meilenstein ist die innere Annahme der HB-Orientierung          „Welchen Angehörigen darf ich im Notfall verständigen?“,
  oder der Transidentität. Aus Angst vor Ablehnung ist dies       „Warum soll ich Ihnen Auskunft über den Patienten ge-
  oft ein sehr einsamer Prozess. HBT-Jugendliche reagie-          ben, das darf ich nur Familienmitgliedern“, usw.
  ren in dieser Zeit extrem sensibel auf alle Bemerkungen           Daher bleibt das Comingout und das Identitätsmanage-
  über Homosexualität oder Transidentität, vor allem auf          ment ein lebenslanges Thema von HB-Menschen.
  jene ihrer FreundInnen und Eltern (die noch nichts von
  der HB-Orientierung oder Transidentität wissen). Das Ge-
  heimhalten braucht viel Energie, da man ständig auf der         Internalisierte Homophobie
  Hut ist. Die Frage an einen Jungen „Hast du schon eine
  Freundin?“, kann hier viel Stress auslösen. Vielfältige Stra-   Homophobie, also eine negative Einstellung und negatives
  tegien werden für die Geheimhaltung entwickelt:                 Verhalten gegenüber Homosexualität und HB-Menschen
     Ablenken von „heiklen Themen“ wie Partnerschaft, Se-         ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Schon sehr früh
  xualität, Familiengründung, oder Ausreden finden („Ach,         verwenden Kinder „schwul“ als Schimpfwort, wie Schul-
  ich bin gerne alleine, da kann ich machen was ich will“).       studien zeigen. HB-Menschen sind da keine Ausnahme.
     Nicht-Korrigieren der Heterosexualitätsannahme (engl.        Auch sie übernehmen (internalisieren) diese Homopho-
  Passing), zum Beispiel: Auf die Einladung an eine lesbische     bie, lange bevor sie sich ihrer eigenen HB-Orientierung
  Jugendliche: „Du kannst gerne Deinen Freund zur Feier           bewusst werden. Im Comingout Prozess erfolgt dann die
  mitnehmen“ antwortet diese lediglich mit „Ok, danke!“.          Konfrontation mit der internalisierten Homophobie. Die-
     Auch aktives (Not)Lügen bezüglich der HB-Orientierung        se ist nicht immer bewusst und häufig zunächst als Scham
  oder der Transidentität gehört zum Repertoire des Identi-       oder soziale Angst spürbar. Manchmal zeigen sich auch
  tätsmanagements.                                                sehr emotionale ablehnende Reaktionen gegenüber fe-
     Das Verstecken führt in einen Teufelskreis, denn mit         mininen schwulen Männern oder maskulinen Frauen, im
  jedem Verheimlichen oder gar Lügen bestätigt man sich           Sinne von „so möchte ich nicht sein“ oder „so möchte ich
  selbst darin, dass die HB-Orientierung bzw. Transidentität      nicht gesehen werden“. Diese internalisierte Homophobie
  etwas Geheimzuhaltendes sei, was mit einer mehr oder            ist mit Depressivität, Ängsten, riskantem Sexualverhalten,
  weniger schädlichen Selbstabwertung einhergeht. Das             verstecktem Leben, Wunsch nach einer heterosexuellen
  Geheimhalten der HB Orientierung oder Transidentität            Orientierung und sogar Suizidalität verbunden.
  kann dazu führen, überhaupt engeren Kontakt mit Men-
  schen zu vermeiden. Das Risiko für starke Schamgefühle,
  Angst, Depression und sogar Suizid sind in dieser Phase         Geschlechtsrollen
  besonders hoch. Ein wesentliches Problem der Geheim-
  haltung ist, dass die Betroffenen keine positive Rückmel-       Homosexualität und die Gender Frage hängen eng zu-
  dungen und Unterstützung durch andere bezüglich ihrer           sammen, denn Homosexualität wird häufig als Übertre-
  HB-Orientierung oder Transidentität bekommen. Das ist           tung der in unserer Gesellschaft starren Geschlechtsrol-
  für die Entwicklung eines guten Selbstwertgefühles aber         lenzuschreibung verstanden. Das stereotypische Bild des
  entscheidend. Gerade die ersten Reaktionen auf das Co-          schwulen Mannes ist jenes eines femininen Mannes, les-
  mingout sind maßgeblich. Dies spüren HBT-Menschen,              bische Frauen werden als maskulin/burschikos abgestem-
  daher auch die Angst vor dem Comingout.                         pelt. Manche führen Homophobie ganz darauf zurück,
     Vor und während des Comingouts ist die eigene HB-Ori-        dass eine Verletzung von „klassischen“ Geschlechtsrollen
  entierung bzw. die Transidentität oft sehr bestimmend für       nicht toleriert wird. Studien zeigen tatsächlich, dass Män-
  das Denken und Fühlen. Später betrachten viele HBT-Men-         ner oder Buben, die (stereotype) weibliche Züge haben,
  schen ihre Orientierung als einen wichtigen Teil der Iden-      negative soziale Reaktionen erleben – unabhängig von ih-
  tität, wollen aber nicht darauf reduziert werden. Immer         rer sexuellen Orientierung.
  wieder ist von heterosexuellen Menschen – auch von pro-           Bei Frauen wird Maskulinität eher toleriert, dennoch
  fessionellen aus der psychosozialen Szene zu hören: „Wa-        erfahren auch sie häufiger ablehnende Reaktionen als ge-
  rum ist das denn ein Problem? Sexualität geht doch nie-         schlechtsrollenkonforme Frauen. Bei transidenten Män-
  manden etwas an? Warum muss sich überhaupt jemand               nern und Frauen geht es nicht nur um ein Abweichen,
  outen?“. Dies zeugt von fehlendem Wissen, denn bei be-          sondern um ein Überschreiten der Geschlechtsrolle, für
  stimmten Fragen und Situationen müssen HBT-Menschen             die es auch viel Mut bedarf.
  entscheiden, ob sie sich outen oder nicht, beispielswei-
  se.: „Kommen Sie mit ihrer Frau zur Weihnachtsfeier?“,
  „Sind Sie verheiratet?“, „Hast Du schon eine Freundin?“,

                                                                                                                                11
Risken                                                         Frage stecken oft Befürchtungen im Sinne von „Ich habe
                                                                    Angst, homosexuell zu sein“ oder „Werde ich – oder wird
     Viele internationale Studien zeigen, dass HB-Menschen          mein Kind – wieder normal?“. Gerade von Eltern hört
     eine höhere Rate an psychischen Erkrankungen haben als         man oft diese Frage.
     heterosexuelle Menschen: Auch die HIV-Infektionsrate
     ist bei Männern, die Sex mit Männern haben, beträcht-          Was bin ich nun? Homosexuell oder bisexuell?
     lich erhöht. Zur Erklärung des erhöhten Risikos bietet sich    Dies ist die häufigst gestellte Frage, wenn Jugendliche
     das „Minoritätenstressmodell“ an. Demnach erleiden             Beratungseinrichtungen kontaktieren. Hier ist es wichtig,
     HBT-Menschen mehr tatsächliche oder befürchtete Dis-           zum einen die verschiedenen Dimensionen der sexuellen
     kriminierung und erhalten weniger soziale Unterstützung.       Orientierung zu erheben beispielsweise: „Welche sexu-
     Dies ist zusammen mit der internalisierten Homophobie          ellen Fantasien hast Du? Mit wem hättest Du am liebs-
     krank machend.                                                 ten Sex? An was denkst Du beim Masturbieren? Wie ist
                                                                    es Dir bisher beim Sex mit Frauen/Männern gegangen?“
                                                                    Hier kann sich einiges klären. Wichtiger ist, als beratende
     Chancen – Diversity Management                                 Person zu vermitteln, dass es auch ok sein kann, wenn es
                                                                    unbestimmt bleibt (wie es bei manchen Menschen ja tat-
     Das bisher genannte beschäftigte sich eher mit den             sächlich der Fall ist).
     Schwierigkeiten und Risken in der Entwicklung von HBT-Ju-
     gendlichen, die von MitarbeiterInnen in psychosozialen         Wie wird man homosexuell oder transident?
     Einrichtungen ernst genommen werden. Aber dies ist nur         Das ist eine Frage, die nach Jahrzehnten intensiver wissen-
     eine Seite der Medaille, denn jede Herausforderung im          schaftlicher Bemühungen immer noch unklar ist. Es gibt
     Leben birgt auch eine Chance zur positiven Reifung und         Hinweise, dass Homosexualität eine erbliche Komponente
     zur Entwicklung von spezifischen Ressourcen. Die ersten        hat, aber das ist keineswegs eindeutig. Bei Männern steigt
     Studien in diese Richtung konnten zeigen, dass HBT-Men-        die Wahrscheinlichkeit, dass sie HB sind mit der Anzahl
     schen eigene Stärken entwickelt haben.                         älterer Brüder, aber der Zusammenhang ist nicht gerade
       Moderne Betriebe haben mittlerweile entdeckt, dass es        groß. In manchen Untersuchungen wurden biologische
     sich auch wirtschaftlich lohnt, diese Fähigkeiten zu nützen    Unterschiede zwischen HB und heterosexuellen Perso-
     und fördern daher ein schwulen- und lesbenfreundliches         nen gefunden (wie das Verhältnis der Zeigefinger- zur
     Klima (Stichwort Diversity Management). Viele der Diver-       Ringfingerlänge), andere Untersuchungen konnten das
     sity Prinzipien lassen sich gut auf die Arbeit mit Jugendli-   nicht bestätigen. Häufig berichten HB-Menschen von ge-
     chen übertragen, einige davon sind bei den „Tipps für die      schlechtsrollenuntypischem Verhalten in der Kindheit. Ob
     Praxis“ (siehe rechte Seite) erwähnt.                          und wie das mit der Entwicklung der sexuellen Orientie-
                                                                    rung zusammenhängt, ist unklar. Widerlegt sind mittler-
                                                                    weile psychoanalytische Erklärungsmodelle (umgekehrte
     Typische Fragen                                                Lösung des Ödipuskonfliktes), wie auch die Verführungs-
                                                                    theorie. Diese ist alleine schon deshalb nicht haltbar, weil
     Ist es eine Phase oder ist es „echte“ Homosexualität?          sehr viele Jugendliche eine eindeutige HB-Orientierung
     In der Pubertät sind gleichgeschlechtliche Sexualkontakte      entwickeln, schon bevor sie überhaupt sexuelle Kontakte
     normal, ja fast die Regel. Noch heute ist es unklar, war-      haben. Die Frage nach der Ursache von Homosexualität
     um später Menschen ausschließlich homosexuell, hetero-         und auch Transidentität ist am besten mit „Man weiß es
     sexuell oder bisexuell werden. Manche behaupten, dass          nicht genau.“ zu beantworten.
     jeder Mensch mehr oder weniger bisexuell ist. Bei Studi-
     en an Frauen zeigte sich, dass nicht wenige ihre sexuelle      Wie viele sind homo- oder bisexuell?
     Orientierung als wechselnd erleben, Männer erleben ihre        Hier gibt es keine einfache Antwort in Form einer Pro-
     Orientierung meist als etwas Stabiles. Hinter der obigen       zentzahl. Für Österreich gibt es ohnehin keine entspre-

12
chenden repräsentativen Untersuchungen. In großen             Tipps für die Praxis
US-Studien bezeichnen sich drei bis sechs Prozent als
homo- oder bisexuell. Geht man von der mehr psycho-
logischen Dimension der „sexuellen Anziehung“ aus, so          Die Haltung „Gleich und doch anders“ ist die pro-
konnten in einer deutschen Studie 16% mit mäßiger bis          fessionelle Haltung. Als Lehrperson brauche ich
starker homosexueller Anziehung festgestellt werden. In        Wissen und Verständnis über Lebenswelten und
einer finnischen Untersuchung berichteten sogar 33% der        typische Entwicklungsverläufe von HBT-Men-
Frauen und 65% der Männer über zumindest leichte ho-           schen.
mosexuelle Tendenzen. Es hängt also sehr davon ab, wie
man Homosexualität definiert. Sehr häufig wird die Dau-        Hinterfragen Sie die Heterosexualitätsannahme,
menregel verwendet, dass 5–10% HB sind.                        das heißt: denken Sie immer daran, dass jemand
                                                               auch homo- oder bisexuell oder transident sein
Wie sag ich’s bloß den Eltern?                                 könnte.
Bei Jugendlichen, die in ihrer Comingout-Phase Bera-
                                                               Inklusive Sprache: Formulieren Sie Fragen so,
tungsstellen aufsuchen, besteht häufig Angst vor der Re-
aktion der Eltern. Die tatsächliche Reaktion ist zwar meist
                                                               dass sich auch HB-Jugendliche angesprochen füh-
positiver als die erwartete, dennoch erleben auch heute        len. Die Frage: „Hast Du schon eine Freundin?“ an
noch manche HBT-Jugendliche Ablehnung. Eltern rechnen          einen Jungen sollte ergänzt werden mit „ ... oder
häufig nicht damit, dass ihr Kind homosexuell, bisexuell       einen Freund?“
oder transident ist und das Comingout ist dann die erste       Eventuell mit einem Symbol (wie dem Regenbo-
Auseinandersetzung mit dem Thema. Hinter ablehnenden           gen) wortlos ausdrücken, dass in Ihrer Organisati-
Reaktionen steht manchmal nichts als Sorge um das Kind,        on HBT-Jugendliche willkommen sind.
die dann inadäquat ausgedrückt wird. Deshalb ist es wich-
tig, ein Comingout gut vorzubereiten, nicht zu drängen         Den oder die Jugendlichen keinesfalls zum Co-
und – im Sinne der Angstbewältigung – mögliche negative        mingout drängen. Besser in der Haltung bleiben:
Reaktionen vorwegzunehmen. Die Unterstützung von Sei-          „Wenn Du schwul/lesbisch/transident bist, dann
ten der Eltern ist von großer Wichtigkeit für die gelungene    ist das ok für mich“. Ziel ist, dass Jugendliche frei
Integration der HB-Orientierung oder der Transidentität in     für ihr inneres Erleben werden und die für sie
die Identität von Jugendlichen.                                stimmigen Entscheidungen treffen können.
                                                               Machen Sie sich Ihre eigenen Vorurteile bewusst,
                                          • Martin Plöderl
                                                               niemand ist ganz frei davon. Was löst das Thema
                                                               aus? Welche Bilder, Assoziationen, Personen tau-
                                                               chen dabei auf? Was würde passieren, wenn Sie
                                                               sich in Ihrer Familie oder am Arbeitsplatz als les-
                                                               bisch oder schwul oder transident outen würden?
                                                               Wie steht die Organisation, in der Sie arbeiten,
                                                               zum Thema Homosexualität oder Transidentität?
Quellenangaben und Literaturhinweise sind in folgender,
                                                               Erkundigen Sie sich, welche Organisationen und
ausführlicherer Abhandlung zu finden: Plöderl, M. (2009).
Homosexuelle, bisexuelle und transidente Jugendliche.
                                                               Anlaufstellen vorhanden sind. Für viele HBT-Men-
Grundwissen für das Psychosoziale Handlungsfeld. In: Ak-       schen ist es ein wichtiger Schritt, Gleichgesinnte
zente Salzburg. Impulse. Handbuch für die Jugendarbeit,        kennen zu lernen. Mittlerweile gibt es auch vie-
Band 1. Grundlagen, 3. Aufl., S. 88-97. Salzburg: Verlag       le gute Bücher und Filme, die verwendet werden
Akzente Salzburg                                               können. Seit der Allgegenwart des Mediums In-
                                                               ternet hat sich die Situation von HBT-Menschen
                                                               völlig verändert, denn nun kann auch im sehr
                                                               ländlichen Raum Kontakt mit anderen HBT-Men-
                                                               schen geknüpft werden, mit allen Chancen und
                                                               Risken.
                                                               Auch über Safe-Sex aufklären. Dazu ist es nötig,
                                                               sich über mögliche Sexualpraktiken zwischen
                                                               Männern oder zwischen Frauen und die Risken zu
                                                               erkundigen.

                                                                                                                       13
Thematisieren: NICHT moralisieren!
     Homosexualität und sexuelle Orientierung im Unterricht

     D
             ie Abneigung und Angst vor homosexuellen Men-          Es gibt verschiedene Möglichkeiten Homosexualität und
             schen hat psychische, soziale und kulturelle Ursa-     homosexuelle Lebensweisen im Unterricht zu behan-
             chen und ist objektiv betrachtet nicht zu begründen.   deln:
     Vielmehr stellt Homophobie eine bloße Einbildung dar,
     hinter der beispielsweise die Angst vor dem Unbekann-           1. Das Thema wird durch die Lehrpersonen selbst im
     ten, vor der eigenen Sexualität und vor der Infragestellung        Unterricht besprochen.
     traditioneller Geschlechternormen und patriarchalischer         2. Es besteht die Möglichkeit eine/n Gastvortragen-
     Machtstrukturen steckt. Vorurteile dürfen jedoch nicht so          de/n in den Unterricht einzuladen.
     hingenommen werden, da die Betroffenen darunter lei-
     den und durch gesellschaftliche Ablehnung selbst manche
     dieser Einstellungen übernehmen.                               Im Unterricht besprechen
        Gerade schwule, lesbische und bisexuelle Jugendliche
     haben es schwer. Dies beweist nicht nur eine erhöhte           Bei dieser Methode kann der/die Lehrer/in auf eine Rei-
     Selbstmordrate, sondern auch der Alltag in der Schu-           he von gut erprobten und ausgearbeiteten Materialien
     le und im Freundeskreis. Denn oft kommt es vor, dass           zurückgreifen, allerdings ist zu beachten, dass der/die
     Schimpfwörter wie „Schwuchtel“ oder „schwule Sau“ es           Lehrer/in seine/ihre Vorurteile und Schwierigkeiten mit
     den SchülerInnen erschweren sich zu outen. Zusätzlich          Homosexualität reflektieren muss. Weiters ist eine gute
     kann es auch zu familiärer Gewalt und Diskriminierungen        Vorbereitung notwendig. Denn die Lehrperson sollte
     durch die eigenen Familienangehörigen kommen.                  über die spezifischen Probleme eines Coming Outs, den
        Aus den genannten Gründen haben homo- und bisexu-           möglichen Krisensituationen von homo- und bisexuellen
     elle Jugendliche oft das Gefühl sie wären alleine und es       Jugendlichen sowie über Einrichtungen, Beratungsstel-
     gäbe keinen anderen Menschen mit gleichgeschlechtli-           len und Selbsthilfegruppen für Homo- und Bisexuelle Vo-
     chen Neigungen. Aufgrund von Diskriminierungen wollen          rort bescheid wissen. Dazu ist es nicht notwendig, dass
     sie sich lange Zeit keinem anderen Menschen anvertrauen        die Lehrperson selbst schwul, lesbisch oder bisexuell ist,
     und fühlen sich einsam und verlassen.                          aber da, wie oben bereits erwähnt, davon ausgegangen
        Zwar behaupten tolerante LehrerInnen, Sozial- und Ju-       werden kann, dass in jeder Schulklasse SchülerInnen mit
     gendarbeiterInnen, dass Homosexualität heutzutage kein         homo- und bisexuellen Neigungen sitzen, darf die Lehr-
     Problem mehr unter Jugendlichen darstellt, zahlreiche          person die Thematisierung der Homosexualität nicht aus-
     Studien beweisen aber, dass dem nicht so ist. Die Wirk-        lassen oder verharmlosen.
     lichkeit des Schulalltages sieht anders aus. Allein schon         Auch die Probleme des Coming Outs dürfen von dem/
     die Angst eines Jugendlichen anders zu sein und nicht den      der Lehrer/in nicht geringgeschätzt werden. Erfahrungen
     Erwartungen des Freundeskreises zu entsprechen, kann           aus psychotherapeutischen Behandlungen und Beratun-
     zu depressiven Stimmungen und Identitätskrisen führen.         gen beweisen, dass homo- und bisexuelle Menschen es
        Zudem müssen wir davon ausgehen, dass in jeder Schul-       ihren Vertrauenspersonen sehr übel nehmen, wenn die
     klasse, statistisch gesehen, bis zu sieben Jugendliche mit     Schwierigkeiten, die mit ihrem Coming Out und ihrer
     homo- und bisexuellen Neigungen sitzen. Wenn sich diese        Identitätsfindung einhergehen, verleugnet oder abgewer-
     vor der Klasse outen können, kann es für sie eine große        tet werden.
     Entlastung und persönliche Bereicherung darstellen. Wird          Ein weiterer Punkt ist, dass der/die Lehrer/in nicht mo-
     das Thema zusätzlich in der Klasse und im Freundeskreis        ralisieren sollte, wenn SchülerInnen Berührungsängste
     nicht tabuisiert, kann unter Umständen das Coming-Out          und Probleme mit Homosexualität zeigen. Eine morali-
     dieser Jugendlichen erleichtert werden.                        sche, verurteilende Haltung der Lehrperson bewirkt häu-
        Deshalb ist die Behandlung von Homosexualität und           fig, dass die SchülerInnen Schuldgefühle entwickeln und
     gleichgeschlechtlichen Lebensweisen als Thema im Schu-         sich innerlich vom Unterricht ausklinken, also sich keine
     lunterricht unbedingt notwendig. Zwar kann der Unter-          Fragen mehr zu stellen trauen, die auf Vorurteilen beru-
     richt allein, homophobe Jugendliche nicht zu toleranten        hen. Genau aus diesem Grund ist es wichtig, dass der/
     Menschen werden lassen, doch er kann dazu beitragen            die Lehrer/in seinen/ihren SchülerInnen mit Verständnis
     Impulse zu setzen, eigene Vorurteile und diskriminieren-       begegnet, wenn sie Vorurteile haben. Er/sie sollte alle
     de Haltungen zu erkennen und sich mit der eigenen Ein-         Fragen der SchülerInnen ernst nehmen, auch wenn diese
     stellung zu Homo- und Bisexualität auseinander zu setzen.      auf Vorurteilen beruhen oder als Scherzfragen gemeint
                                                                    waren. Gerade junge Menschen, die sich mitten in der Pu-
                                                                    bertät befinden, sind oft so sehr mit ihrer eigenen Iden-
                                                                    titätsfindung beschäftigt, dass ihnen Abweichungen von

14
Typische Vorurteile
                                          Zwei homosexuelle Frauen können nur mit einem Dildo Sex haben!

                                          Alle homosexuellen Männer stehen auf Analverkehr!

                                          Verkehr ohne Penetration ist keine Sexualität!

                                          In homosexuellen Partnerschaften übernimmt immer ein/eine Partner/in den
                                          männlichen Part, der/die Andere den weiblichen Teil!

                                          Homosexualität ist eine Phase, die (vor allem bei Frauen) wieder vorübergeht!

                                          Lesbische Frauen sind von Männern frustriert (worden) und sind deswegen homo-
                                          sexuell geworden!

                                          Homosexualität ist wider der Natur!

                                          Homosexualität wird in der Bibel verurteilt und ist deswegen eine Sünde!

                                          Es gibt nur Schwule oder Lesben, Bisexuelle sind ja nur unentschlossen / eigentlich
                                          Homos und trauen sich nicht Farbe zu bekennen!

                                          Die menschliche Sexualität lässt sich klar/ausschließlich in Homosexualität, Bisexu-
                                          alität und Heterosexualität einteilen!

                                          Homosexualität und Transsexualität/Transidentität ist dasselbe!

                                          Homosexuelle Menschen sollen erst einmal heterosexuell leben und lieben, weil
                                          sie ja ansonsten nicht wissen können, dass sie tatsächlich homosexuell sind!

                                          Homosexuelle können keine guten, liebenden Eltern sein!

der heterosexuellen Norm Angst machen. Vielmehr sollte        über Homosexualität hatten, im Laufe des Workshops
der/die Lehrer/in die Kunst beherrschen, zwischen den         mit den Vortragenden in ein sehr wertschätzendes und
Zeilen zu lesen, und die nonverbalen Botschaften seiner/      interessiertes Gespräch kamen und keinerlei Ängste mehr
ihrer SchülerInnen zu erkennen.                               zeigten. Da die Vortragenden speziell geschult sind und
  Die Fehlannahmen (siehe Abbildung oben) stellen nur         es vermeiden, sich über Vorurteile und die Ängste von
eine kleine Auswahl dar, zeigen allerdings die Notwendig-     SchülerInnen lustig zu machen sowie Akzeptanz für die
keit, dass die Lehrperson gut über Homosexualität infor-      Lebenswelt der SchülerInnen und Verständnis einzubrin-
miert sein muss um Vorurteile richtigstellen zu können.       gen, gelingt es ihnen fast immer, bei den SchülerInnen
                                                              Denkprozesse auszulösen und wichtige Impulse zu setzen,
                                                              eigene stereotype Vorurteile kritisch zu hinterfragen.
Einladung in den Unterricht                                      Auch jene SchülerInnen, die selbst homosexuelle Nei-
                                                              gungen haben, können durch externe WorkshopleiterIn-
Die zweite Möglichkeit, Homosexualität im Unterricht zu       nen in ihrer Persönlichkeitsentfaltung gefördert werden.
thematisieren, ist eine/n Gastvortragende/n in den Un-        Die Vortragenden beantworten, abgesehen von intimen
terricht einzuladen. Der große Vorteil dieser Methode         Vorlieben, auch persönliche Fragen zu ihrem Coming Out,
ist, dass die Lehrperson entlastet wird und, dass sich die    diskriminierenden oder positiven Erfahrungen in Familie,
SchülerInnen bei von außen kommenden Personen häufig          Freundeskreis und im Arbeitsleben und dem Weg ihrer
Fragen zu stellen trauen, die ihnen bei der/dem eigenen       homosexuellen Identitätsfindung.
Lehrer/in peinlich wären.                                       Zudem verfügen die Vortragenden über wichtige Infor-
  Günstig wäre es, wenn der/die Vortragende selbst            mationen zu Selbsthilfegruppen, homosexuellen Netz-
schwul, lesbisch oder bisexuell ist und somit das Thema       werken, Beratungsangeboten PsychotherapeutInnen, die
Homosexualität an einem konkreten Menschen fassbar            auf Comingout-Schwierigkeiten spezialisiert sind etc.
wird.
  Untersuchungen zeigen immer wieder, dass homopho-                                                         • Florian Friedrich
be Menschen ihre Ängste und Unbehagen abbauen, wenn
sie schwule, lesbische und bisexuelle Mensche persönlich
kennenlernen. So konnten etwa Vortragende öfters die
Erfahrung machen, dass SchülerInnen, die zu Beginn ei-
nes Workshops Berührungsängste und Vorurteile gegen-

                                                                                                                                  15
Hinweise und Tipps für SchulleiterInnen und Lehrkräfte

     1.                                                          6.
     Die mögliche Anwesenheit von homo-/bisexuellen Ju-          Unterstützen Sie lesbische/schwule/bisexuelle Kolle-
     gendlichen ist immer mitzubedenken. Vermeiden Sie For-      gInnen, die ihre Lebensweise selbst offen thematisieren
     mulierungen, die Heterosexualität als das Selbstverständ-   (wollen).
     liche und Homosexualität als die Ausnahme erscheinen
     lassen.
                                                                 7.
                                                                 Thematisieren Sie gleichgeschlechtliche Lebensweisen in
     2.                                                          Schul- und Fachkonferenzen.
     Achten Sie darauf, dass
     Homo-/Bisexualität
                                                                                                 8.
     nicht als Problem, son-
                                                                                                 Planen Sie Fragen der
     dern als eine von vielen
                                                                                                 sexuellen        Orientie-
     Formen       menschlicher
                                                                                                 rung und verschiede-
     Sexualität     dargestellt
                                                                                                 ner Lebensformen als
     wird.
                                                                                                 Bestandteil des Unter-
                                                                                                 richts ein. Anknüpfungs-
     3.                                                                                          punkte ergeben sich in
     Weisen Sie SchülerInnen                                                                     verschiedenen Fächern.
     und Lehrkräfte darauf
     hin, wenn diese diskri-
                                                                                                 9.
     minierende Äußerungen
                                                                                                 Laden Sie VertreterIn-
     über Homo-/Bisexualität
                                                                                                 nen von Homo-/Bisexu-
     machen.
                                                                                                 ellenprojekten in den
                                                                                                 Unterricht oder zu Pro-
     4.                                                                                          jekttagen ein.
     Sorgen Sie dafür, dass in der Schulbibliothek Sachbücher
     und Romane über Homosexualität, Comingout, (berühm-
                                                                 10.
     te) Lesben, Schwule, Bisexuelle vorhanden sind und dass
                                                                 Legen Sie an gut sichtbaren Stellen Broschüren zum The-
     sie allen SchülerInnen zugänglich sind.
                                                                 ma lesbische – schwule – bisexuelle Lebensweisen hin.
                                                                 Hängen Sie Plakate auf, die auf Homo-/Bisexuellenprojek-
     5.                                                          te oder Beratungsstellen hinweisen.
     Signalisieren Sie Ihre offene und akzeptierende Haltung
     gegenüber Lesben, Schwulen, Bi- und transidenten Per-
                                                                 11.
     sonen, damit sie ggf. auch für Jugendliche im Comingout
                                                                 Beziehen Sie bei Ihren Formulierungen stets beide Ge-
     eine Vertrauensperson sein können.
                                                                 schlechter ein.

16
Materialien für den Unterricht
Auf den folgenden Seiten finden Sie Unterrichtsvorschlä-       Es muss allen bewusst sein, dass solche Einstellungen
ge für LehrerInnen, die dasThema sexuelle Orientierung/        nicht innerhalb einer Unterrichtseinheit geändert werden
Homosexualität als Aspekt in ihrem jeweiligen Unter-           können, sondern weitere Behandlung im Sexualunterricht
richtsfach behandeln wollen.                                   erfahren müssen.

Die Vorschläge wurden bereits an Schulen erprobt und           Zu beachten ist, dass die meisten Unterrichtsmodelle sich
eingesetzt, ersetzen aber nicht die auf die jeweiligen         erst eignen, wenn das Thema sexuelle Orientierung/Ho-
Schülerinnen und Schüler angelegte Unterrichtsvorberei-        mosexualität bereits im Sexualunterricht behandelt wur-
tung. Bei der Vorarbeit ist zu beachten, dass individuelle     de.
SchülerInnen dem Thema mit Vorurteilen gegenüberste-
hen können.                                                    Die SchülerInnen müssen mit den Begriffen „Homosexu-
                                                               alität“, „schwul“, „lesbisch“, „bisexuell“ vertraut sein, um
Dies bzw. dieses Thema ist speziell für die Unterrichtssitu-   Arbeitsaufgaben zu erfassen und adäquat erfüllen zu kön-
ation zu berücksichtigen. Der empfohlene Ansatz im             nen.
Umgang mit solchen oder ähnlichen Situationen ist, nicht
zu moralisieren, sondern mit einer verständnisvollen Hal-      Für nähere Beratung wenden Sie sich an die FachexpertIn-
tung gestellte Fragen ernst zu nehmen und Vorurteile auf-      nen (Wichtige Adressen Seite 39).
zulösen.

                                                                                                                              17
1. Talkshow:
     „So sind Homosexuelle“
     „Vorurteile und Realitäten“ in Bezug auf Homosexualität

     Kurzbeschreibung Methode
     SchülerInnen stellen eine Talkshow zum Thema Homose-
     xualität nach, in der verschiedene Pro- und Contra-Rollen
     (z.B. ExpertInnen, Betroffene, SexualwissenschaftlerIn-
     nen, PolitikerInnen usw.) von einzelnen SchülerInnen be-
     setzt werden und über Vorurteile und Realitäten in Bezug
     auf Homosexualität diskutiert wird. Wichtig dabei ist es,
     die Rollen kontroversiell anzulegen und den jeweiligen
     RollenträgerInnen Rollenkarten zur Verfügung zu stellen,
     die typische Argumente enthalten, aber noch in der Vor-
     bereitungsphase von den RollenträgerInnen vervollstän-
     digt werden müssen.

        Altersgruppe         Zeitaufwand        Materialien
       ab 6. Schulstufe          1h            Arbeitsbogen

     Lernziel
     Die Unterrichtsmethode zielt darauf ab, dass SchülerIn-
     nen bewusst wird, welche Vorurteile sie gegenüber Ho-
     mosexualität mitbringen bzw. ob sie Vorurteile haben.
     Sie erkennen, dass viele Vorurteile nicht der Realität ent-
     sprechen. SchülerInnen lernen, Hetero-, Bi- und Homose-
     xualität als gleichwertige Ausdrucksformen menschlicher
     Sexualität zu werten.

     Ablauf
     Die Vorlage (siehe rechte Seite) wird an die SchülerInnen
     verteilt. Nach einer kurzen Studierzeit gibt es noch die
     Möglichkeit, etwaige Fragen zu stellen, um z.B. unklare
     Begriffe zu klären. Die verschiedenen Rollen der Talkshow
     „So sind Homosexuelle“ werden einzelnen SchülerInnen
     zugewiesen. Die restlichen MitschülerInnen erhalten
     durch das Stellen von Publikumsfragen die Chance zu Wort
     zu kommen. In einer abschließenden Diskussion wird die
     Talkshow besprochen, und die SchülerInnen werden zu ih-
     ren eingenommen Rollen sowie Erfahrungen befragt.

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