Szenarien nach den US-Zwischenwahlen: Sieg der Demokraten im Abgeordneten haus könnte Trump sogar nützen

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DGAPanalyse                                                          Nr. 4 / September 2018

Szenarien nach den US-Zwischenwahlen:
Sieg der Demokraten im Abgeordneten­
haus könnte Trump sogar nützen
Josef Braml

Am 6. November können die USA zwar nicht unmittelbar den Präsidenten bestä-
tigen oder abwählen. Aber über die Kongresswahlen haben die Wähler eine mit-
telbare Möglichkeit, den Handlungsspielraum ihres Staatschefs mitzubestimmen.
Sollte sich die Machtkonstellation in beiden Kongress-Kammern grundsätzlich
ändern, droht Präsident Trump sogar ein Amtsenthebungsverfahren. Doch Trump
könnte auch gestärkt aus den Wahlen hervorgehen. Deutschland und Europa
können mit fünf möglichen Szenarien rechnen, auf die sie ihre künftige Außenpolitik
ausrichten müssen.
DGAPanalyse / Nr. 4 / September 2018
Inhalt

     Szenarien nach den US-Zwischenwahlen:
     Sieg der Demokraten im Abgeordneten­haus könnte
     Trump sogar nützen
     von Josef Braml

4    Macht-Architektur der US-amerikanischen Verfassung

4    Horizontale Gewaltenkontrolle

5    Präsident und Administration: die Exekutive

7    Die „Macht der Geldbörse“: die Legislative

9    Die Judikative: Wenn die Waffen sprechen,
     schweigen die Gesetze

10   Mögliche und wahrscheinliche Szenarien

11   „Rally around the flag“: Ein Kriegsszenario als
     mögliche Wahlkampfhilfe

12   Ohnmacht-Szenario verhindern,
     als Bollwerk Senatsmehrheit verteidigen

14   Für Trump weniger problematisch:
     Verlust der Mehrheit im Abgeordnetenhaus

15   Fazit und Ausblick

17   Anmerkungen

                                                DGAPanalyse / Nr. 4 / September 2018
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DGAPanalyse / Nr. 4 / September 2018
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Szenarien nach den US-Zwischenwahlen:
Sieg der Demokraten im Abgeordneten­haus
könnte Trump sogar nützen
Josef Braml

Die Zwischenwahlen in den USA sind vor allem eine             würde das „Impeachment“-Verfahren, wie seinerzeit
Abstimmung über den amtierenden Präsidenten Donald            schon gegen Bill Clinton, abgewendet werden können.
Trump. Die neuen Machtverhältnisse in Abgeordneten-              Szenario drei: Die Republikaner verlieren nur die
haus und Senat stellen die Weichen für eine mögliche          Senatsmehrheit, verteidigen aber ihre Mehrheit im Ab-
Wiederwahl Trumps. Selbst der erwartete Verlust der re-       geordnetenhaus. Die Demokraten könnten den Gesetzge-
publikanischen Mehrheit des Abgeordnetenhauses könnte         bungsprozess stärker kontrollieren und bei Bedarf auch
Trump helfen: Mit einer demokratischen Mehrheit wäre          blockieren. Trump hätte in diesem Fall auch größere
es für ihn einfacher, sein kostspieliges Infrastrukturpro-    Schwierigkeiten, Personal für Ministerien und Gerichte
gramm zu finanzieren. Dies ist jedoch nur eines von fünf      über die parlamentarischen Kontrollinstanzen, die rele-
möglichen Szenarien, auf das sich deutsche Entschei-          vanten Senatsausschüsse und das Plenum, zu schleusen.
dungsträger in Politik und Wirtschaft einstellen sollten.        Szenario vier: Die Republikaner verlieren die Mehr-
   Szenario eins: Die Republikaner behalten die Mehr-         heiten im Abgeordnetenhaus und im Senat. Die Mehrheit
heiten in beiden Kammern des Kongresses, also im Abge-        der Abgeordneten könnte ein „Impeachment“-Verfahren
ordnetenhaus und im Senat. Damit wäre Donald Trump            gegen Trump einleiten und er könnte dann von zwei Drit-
gelungen, was in der US-amerikanischen Geschichte             teln der (anwesenden) Senatoren seines Amtes enthoben
wenige Präsidenten vor ihm geschafft haben: nach zwei         werden. Auch wenn es nicht soweit kommen sollte, würde
Jahren ihrer Amtszeit bei den Zwischenwahlen, wenn nur        der Präsident zumindest dabei gebremst, die Weltmacht
Abgeordnete und Senatoren zur Wahl stehen, nicht Sitze        Amerika weiter und auch weit über seine Amtszeit hinaus
und Mehrheiten im Kongress zu verlieren. Trump würde          radikal zu verändern: Etwa durch parlamentarische Kon-
gestärkt aus den Kongresswahlen hervorgehen – auch            trolle seiner (Außen-)Politik und Personalbenennungen,
mit Blick auf seine weitere Regierungsführung und eine        nicht zuletzt bei der Besetzung von Richtern auf Lebens-
mögliche Wiederwahl in zwei Jahren.                           zeit.
   Szenario zwei: Die Republikaner verlieren nur das             Ein fünftes Szenario würde eintreten, wenn Gefahr
Abgeordnetenhaus, verteidigen aber ihre Senatsmehrheit.       in Verzug ist: sei es durch eine internationale Krise oder
Trump hätte dann größere Schwierigkeiten, seine Wahl-         wenn Oberbefehlshaber Trump selbst einen präventiven
versprechen umzusetzen, etwa eine „große Grenzmauer           Waffengang befehlen sollte, etwa gegen Nordkorea oder
zu Mexiko zu bauen“. Zumal werden diese Vorhaben auch         den Iran. Dann würde die institutionell eigentlich starke
mit US-Steuergeldern finanziert und müssen damit von          Position des Kongresses ausgehebelt – ungeachtet der
beiden Kongress-Kammern bewilligt werden. Hingegen            Mehrheitsverhältnisse in den beiden Kammern.
dürfte es für Trump mit einer demokratischen Mehrheit            Sollte dieses Kriegsszenario bereits vor den Wahlen
im Abgeordnetenhaus sogar etwas einfacher werden,             eintreten, würden die Chancen steigen, dass Trump, ähn-
seine kostspieligen Infrastrukturpläne durch den Kon-         lich wie es zuvor bereits Georg W. Bush durch Instrumen-
gress zu bringen, der über die Budgethoheit verfügt. Falls    talisierung des globalen Krieges gegen den Terrorismus
die Sonderermittlungen in der Russland-Causa auch ihn         gelang, ein historisch etabliertes Muster durchbricht,
persönlich belasten sollten, könnte eine neue demokrati-      wonach Präsidenten bei den ersten Zwischenwahlen Sitze
sche Mehrheit im Abgeordnetenhaus zwar ein Amtsent-           und Mehrheiten im Kongress verlieren. Mit anderen Wor-
hebungsverfahren gegen Trump einläuten. Aber mangels          ten: Angesichts einer nationalen Sicherheitsbedrohung
einer Mehrheit in der dafür entscheidende Senatskammer        könnten die US-Wählerinnen und -Wähler im Zuge einer
                                                             „rally around the flag“, einer patriotischen Sammelbewe-

                                                                                      DGAPanalyse / Nr. 4 / September 2018
4 Szenarien nach den US-Zwischenwahlen: Sieg der Demokraten im Abgeordneten­h aus könnte Trump sogar nützen

gung um den Oberbefehlshaber der Streitkräfte, auf ihre                 Tabelle 1: Strukturmerkmale parlamentarischer und
Möglichkeit der Gewaltenkontrolle durch die Kongress-                   präsidentieller Regierungssysteme
wahlen verzichten.                                                       Merkmal                      parlamentarisch                präsidentiell (z.B.
   Um die Plausibilität dieser Szenarien zu verdeutlichen,                                            (z.B. Deutschland)             USA)
werden im Folgenden der institutionelle Rahmen und                       Legitimation                 nur Parlament direkt           Präsident und
                                                                                                      gewählt                        Parlament mit jeweils
die Machtarchitektur des politischen Systems der USA                                                                                 eigener Legitimation
skizziert.1                                                              Organisation der             Gewalten­                      Trennung von
                                                                         Gewaltenkontrolle            verschränkung                  Regierung und
                                                                                                                                     Parlament
Macht-Architektur der US-amerikanischen                                  Politische                   ja                             nein
                                                                         Abberufbarkeit                                              (nur verfassungsrecht-
Verfassung                                                               der Regierung                                               lich „Impeachment“)
Um einen Machtmissbrauch zu verhindern, haben die                        Parlaments­                  ja                             nein
                                                                         auflösungsrecht
Architekten der US-amerikanischen Verfassung mehre-
                                                                         der Exekutive
re Kontrolldimensionen verankert: Erstens verleiht der
                                                                         Regierungsman­               vereinbar                      unvereinbar
Souverän, das heißt der wahlberechtigte Bürger, die                      dat
                                                                         und Parlaments­
Macht an seine Repräsentanten nur auf Zeit (temporale
                                                                         mandat
Machtkontrolle), damit diese ihm Rechenschaft schul-
                                                                         Partei- und                  stark                          schwach
dig bleiben. Zweitens verlangt die föderale Struktur,                    Fraktionsdisziplin
die Machtbefugnisse der den Bürgern näherstehenden                      Quellen: Walter Bagehot, The English Constitution, Ithaca (1867) 1966; Ernst Fraenkel, Das
                                                                        amerikanische Regierungssystem, Köln/Opladen 1960; Winfried Steffani, Parlamentarische
Einzelstaaten mit jenen des Gesamtstaates in Einklang zu                und präsidentielle Demokratie: Strukturelle Aspekte westlicher Demokratien, Opladen 1979,
bringen (vertikale Machtkontrolle) – die jedoch hier nicht              S. 39-104.

weiter erörtert wird. Drittens gibt es sowohl auf einzel-               ren und sich gegenseitig kontrollieren (vgl. Abb. 1).4 Der
staatlicher Ebene als auch auf der Ebene des Gesamtstaa-                US-amerikanische Kongress übernimmt somit nicht
tes eine Teilung der Gewalten in Legislative, Exekutive                 automatisch die politische Agenda der Exekutive bzw. des
und Judikative (horizontale Machtkontrolle).                            Präsidenten, selbst wenn im aktuellen Fall des „unified
                                                                        government“ das Weiße Haus (Sitz des Präsidenten) und
Horizontale Gewaltenkontrolle                                           Capitol Hill (Sitz des Kongresses) von der gleichen Partei
Der zentrale Unterschied zwischen dem US-amerikani-                    „regiert“ werden. Noch weniger ist dies der Fall, wenn bei
schen (Präsidialsystem) „checks and balances“-System                    einem „divided government“ Präsident und Kongress von
und parlamentarischen Regierungssystemen wie dem                        unterschiedlichen Parteien „kontrolliert“ werden,5 was in
der Bundesrepublik Deutschland liegt in der unter-                      den Kongresswahlen am 6. November eintreten könnte:
schiedlichen Beziehung zwischen der Legislative und der                 wenn etwa im eingangs skizzierten Szenario vier die
Exekutive begründet (vgl. Tabelle 1).2 Anders als der US-               Mehrheiten beider Kammern oder in den Szenarien zwei
Präsident, der durch eine landesweite Wahl persönlich                   und drei in einem sogenannten „split Congress“ eine der
gewählt wird und damit eigene Legitimation beanspru-                    beiden Kammern an die Demokraten gehen sollten.
chen kann, wird die deutsche Kanzlerin mittelbar von der                    Während im US-System die Legislative als Ganzes
Mehrheit im Parlament bestimmt. Auch in der politischen                 mit der Exekutive um Machtbefugnisse konkurriert,6
Auseinandersetzung muss die Spitze der deutschen Exe-                   ist die „Opposition“ im parlamentarischen System auf
kutive darauf vertrauen können, dass ihre politischen In-               die Minderheit im Parlament beschränkt, die nicht
itiativen von ihrer Fraktion bzw. Koalition im Bundestag                die Regierung trägt (vgl. Abb. 1). Insbesondere für die
mitgetragen werden. Die Stabilität sowohl der Regierung/                Regierungspartei/-koalition sind Partei- bzw. Fraktions-
der Exekutive als auch die der Parlamentsmehrheit hängt                 disziplin grundlegend erforderlich, um die Funktionsfä-
von einer engen und vertrauensvollen Kommunikation                      higkeit der eigenen Regierung, ja des parlamentarischen
zwischen beiden ab.3 Diese „Gewaltenverschränkung“                      Regierungssystems insgesamt zu gewährleisten. Da
charakterisiert parlamentarische Regierungssysteme.                     Exekutive und Parlamentsmehrheit in einer politischen
    Legislative und Exekutive sind im politischen System                Schicksalsgemeinschaft verbunden sind, haben einzelne
der USA nicht nur durch verschiedene Wahlakte stärker                   Abgeordnete ein Eigeninteresse, bei wichtigen Abstim-
voneinander „getrennt“. Das System der „checks and                      mungen nicht von der Parteilinie abzuweichen und sich
balances“ ist darüber hinaus dadurch gekennzeichnet,                    der Fraktionsdisziplin zu fügen. Wahlverfahren, Partei-
dass die politischen Gewalten miteinander konkurrie-                    enfinanzierung, Kandidatenrekrutierung und die hohe

DGAPanalyse / Nr. 4 / September 2018
Szenarien nach den US-Zwischenwahlen: Sieg der Demokraten im Abgeordneten­h aus könnte Trump sogar nützen 5

Abb. 1: Vergleich der politischen Systeme der USA und Deutschlands

                 „Checks and Balances“-System der USA                                                       Parlamentarisches System Deutschlands

                           Legislative                                 Exekutive                      Exekutive                        Kanzlerin

                                                                                                     Partei-/Fraktionsdisziplin
      Kongress (als Ganzes Opposition) gegenüber Präsident                                                                                         Bundestag
           Abgeordneten-

                                                                                                                             Regierungs-
                                         Senat (100)

                                                                                                                                                     Opposition
             haus (435)

                                                                                                                               fraktion
                                                                                                    Legislative

                      jeweils direkte Legitimation durch die Wähler                                     Exekutive hat nur indirekte Legitimation durch die Wähler.

Quelle: Josef Braml, Politisches System der USA, Bonn: Bundeszentrale für Politische Bildung, 2013, S. 8.

Arbeitsteilung im Parlament geben weitere Anreize für                                              tionell fundierte Machtstellung gegenüber der Exekutive
parteidiszipliniertes Verhalten.7                                                                 – insbesondere auch durch ihre Aufsicht („oversight“) und
   Dagegen ist in den USA die politische Zukunft einzel-                                           Organisationsgewalt gegenüber der Administration, dem
ner Abgeordneter und Senatoren weitgehend unabhängig                                               Verwaltungsapparat des Präsidenten.
von der des Präsidenten; ihre (Wieder-) Wahlchancen
hängen vorrangig vom Rückhalt im eigenen Wahlkreis                                                 Präsident und Administration: die Exekutive
bzw. Einzelstaat ab. Aufgrund des Wahlsystems und der                                              Im Vergleich zur überschaubaren und hierarchisch orga-
Politikfinanzierung sind sie als „politische Einzelunter-                                          nisierten deutschen Ministerialbürokratie erscheint die
nehmer“ („political entrepreneurs“) in den USA primär                                              US-Behördenstruktur als unübersichtlicher Wildwuchs
selbst für ihre Wiederwahl verantwortlich und haften                                               von Organisationseinheiten. Die deutsche Kanzlerin steht
gegebenenfalls auch persönlich für ihr Abstimmungs-                                                an der Spitze des Kabinetts, sie gibt das Regierungshan-
verhalten im Kongress, weil sie sich gegenüber Interes-                                            deln vor (Artikel 65 Grundgesetz: Richtlinienkompetenz
sengruppen und Wählerschaft nicht hinter einer Partei-                                             des Bundeskanzlers) und ihr sind unter Berücksichtigung
disziplin verstecken können. Den US-Parteien fehlen in                                             des Ressortprinzips auch die Ministerien und deren
der legislativen Auseinandersetzung Ressourcen und                                                 Bürokratie untergeordnet. Dagegen hat der US-Präsident
Sanktionsmechanismen, um den Gesetzgebungsprozess                                                  viel größere Schwierigkeiten, seine Exekutive zu leiten.
im Sinne einer Parteidisziplin zu gestalten.8                                                      Enorme Anstrengungen, um die eigene Linie in einem
   Ebenso wenig kann der US-Präsident auf Parteidis-                                               Interessengeflecht rivalisierender Ministerien und Re-
ziplin zählen. Der Kopf der Exekutive kann selbst keine                                            gierungsstellen durchzusetzen, gehören zum mühsamen
Gesetzesvorlagen einbringen und benötigt bei Initiativen                                           Tagesgeschäft des Chefs der Bundesverwaltung. Die ein-
gleichgesinnte Abgeordnete und Senatoren. Daher ist er                                             zelnen Behörden wurden oftmals ad hoc aus politischen
im Gesetzgebungsprozess laufend gefordert (und gele-                                               Anlässen oder infolge von Krisen gegründet und nicht
gentlich überfordert), im Kongress durch Anreize für die                                           etwa in das bestehende Organigramm eingegliedert, son-
Zustimmung zu seiner Politik zu werben. Je nach Politik­                                           dern hinzugefügt. Die daraus entstandene fragmentierte
initiative muss er unterschiedliche und zumeist partei-                                            Struktur ist gewollt, denn sie bietet Außenstehenden
übergreifende Ad-hoc-Koalitionen schmieden.                                                        vielfältige Möglichkeiten der Einflussnahme.
   Kongressabgeordnete und Senatoren haben im poli-                                                   Die US-Verwaltung ist geprägt durch ein intensives
tischen System der Vereinigten Staaten, anders als die                                             Kompetenzgerangel zwischen Exekutive und Legislative,
parteidisziplinierten Abgeordneten in parlamentarischen                                            wenn es darum geht, wichtige Positionen zu besetzen, die
Regierungssystemen, allgemein eine sehr starke, institu-                                           Behörden finanziell auszustatten sowie deren Aufgaben

                                                                                                                                     DGAPanalyse / Nr. 4 / September 2018
6 Szenarien nach den US-Zwischenwahlen: Sieg der Demokraten im Abgeordneten­h aus könnte Trump sogar nützen

 vorzugeben bzw. zu kontrollieren. Zwar liegt die exeku-                                         sehr sie die Partikularinteressen in ihren Wahlkreisen
 tive Gewalt beim Präsidenten. Laut Verfassung (Artikel                                          bzw. Einzelstaaten bedienen können, insbesondere jene
 III, Abschnitt 1) muss er dafür sorgen, dass die Gesetze                                        von ihnen nahestehenden Interessengruppen, die ihre
„gewissenhaft“ vollzogen werden. Er kann dazu unter                                              immer teurer werdenden Wahlkämpfe finanzieren.
 anderem auch die Führungsspitzen der Ministerien und                                               Jeder Präsident ist deshalb gut beraten, einen eige-
 Bundesbehörden nominieren. Doch müssen diese von der                                            nen nur ihm gegenüber loyalen Beraterstab um sich zu
 Legislative, namentlich vom Senat, gebilligt werden. Dem                                        scharen, um in diesem Interessengeflecht seine politische
 Kongress obliegt auch die Organisationsgewalt, sprich                                           Linie durchzusetzen – nicht zuletzt auch gegenüber der
 die Befugnis, die Bundesbehörden zu errichten und zu                                            Verwaltung „seiner“ Exekutive. Denn die Auseinander-
 finanzieren.                                                                                    setzungen in den Reihen der Exekutive sind nicht minder
     Diese „Macht der Geldbörse“ („power of the purse“)                                          heftig. Auf der einen Seite versuchen die sogenannten
 führt seit jeher zu informellen Absprachen zwischen den                                        „Männer und Frauen des Präsidenten“, also der Regie-
 Geldgebern im Kongress und den Empfängern in der                                                rungsapparat, die Politikinitiativen des Weißen Hauses
 Verwaltung (vgl. Abb. 2).                                                                       voranzutreiben. Auf der anderen Seite bremst der Verwal-
                                                                                                 tungsapparat sie immer wieder aus. Die relativ autono-
Abb. 2: Eisernes Dreieck („Iron Triangle“)                                                       men Ministerien und Behörden versuchen, unabhängig
                                                                                                 vom jeweiligen Präsidenten und von der jeweiligen par-
                                                                                                 teipolitischen Konstellation ihre eigenen institutionellen
                                       Kongress
                                                                                                 Besitzstände zu wahren.
                                                                                                    Das tun sie umso mehr, seitdem Trumps damaliger
                                                                                                 Chefstratege Stephen Bannon den „Rückbau des Ver-
                                                                                                 waltungsstaates“ („deconstruction of the administrative
                                                              2                                  state“) angekündigt hatte.9 Dazu wurde vom Weißen
                                       6
                                                                                                 Haus eine Art Schattenkabinett eingerichtet und vertrau-
                                                                                                 te Mitarbeiter wurden eingesetzt, die auf höchster Ebene
                     1                                                                           in die Arbeitsabläufe der Ministerien eingebunden sind.
                                                              5
                                                                                                 Sie sind aber nicht dem jeweiligen Minister, sondern nur
                                                                                                 einem Aufsichtskoordinator weisungsgebunden, zunächst
                                                                                                 dem damaligen stellvertretenden Stabschef im Weißen
                                       4                                                         Haus, Rick Dearborn.10
                                                                                                    Dass Trumps Regierungsmaschine nicht reibungs-
     Interessengruppe                                     3               Bürokratie             und geräuschlos läuft, darauf verweisen nunmehr auch
                                                                                                 seriöse Abhandlungen, etwa Bob Woodward in seinem
1 Wahlkampfinanzierung und Information                                                           aktuellen Buch „Fear“: Demnach arbeiten selbst hoch-
2 Finanzierung und politische Unterstützung
                                                                                                 rangige Kabinettsangehörige, etwa der Stabschef im
3 Regierungsaufträge und lockere Regulierung/Deregulierung
4 Lobbyarbeit, um Unterstützung des Kongresses zu mobilisieren                                   Weißen Haus, John Kelly, sowie Verteidigungsminister
5 Wohltaten für Wahlkreise und Einzelstaaten                                                     James Mattis, gegen die „Neigungen“ des Präsidenten, um
6 Zugang und wohlwollende Gesetzgebung/Aufsicht
                                                                                                 Schlimmeres zu verhindern.11
Quelle: Josef Braml, Politisches System der USA, Bonn: Bundeszentrale für Politische Bildung,       Trumps Misstrauen ist umso größer geworden, seitdem
2013, S. 14.
                                                                                                 ein Unbekannter in einem Gastbeitrag in der New York
                                                                                                 Times schrieb: „Ich bin Teil des Widerstands innerhalb
   Unabhängig vom Ausgang der anstehenden Kon-                                                   der Regierung Trump. Ich arbeite für den Präsidenten,
gresswahlen und der jeweiligen Parteizugehörigkeit hat                                           aber gleichgesinnte Kollegen und ich haben gelobt, Teile
diese systematisch angelegte Interessenverquickung                                               seiner Agenda und seine schlimmsten Neigungen zu
Auswirkungen auf das Verhalten der Kongressmitglieder.                                           vereiteln.“12
Insbesondere die für die Finanzierung verantwortlich                                                Schon seit längerem sieht sich Trump von vermeintli-
zeichnenden Abgeordneten und Senatoren zuständiger                                               chen „Verrätern“ und „Spionen“ umgeben. Ende Mai 2018
Kongressausschüsse bewachen mit Argusaugen ihre                                                  verlangte er sogar, dass das Justizministerium untersucht,
Pfründe, die auch ihre Wiederwahl sichern helfen. Denn                                           ob der Geheimdienst FBI oder das Ministerium selbst sein
ihr politisches Schicksal hängt letztlich davon ab, wie                                          Wahlkampfteam „aus politischen Gründen infiltriert oder

 DGAPanalyse / Nr. 4 / September 2018
Szenarien nach den US-Zwischenwahlen: Sieg der Demokraten im Abgeordneten­h aus könnte Trump sogar nützen 7

 überwacht“ hätten. Schnell war bei Trumps Anhängern               auch bei der Besetzung der Ministerämter dann umso
 von einer Verschwörung die Rede13 – auch Trump selbst             mehr die Machtkalküle der „anderen politischen Gewalt“,
 glaubt an solche Theorien.14 Trump spricht den eigenen            also die Interessen des Kongresses, berücksichtigen.
 Geheimdiensten öffentlich sein Misstrauen aus, bezeich-
 net sie als „deep state“, als unkontrollierten Staat im           Die „Macht der Geldbörse“: die Legislative
 Staate, die ihm das Handwerk legen wollen, weil er zum            Die Legislative und ihre Befugnisse sind in der US-Ver-
 Wohle seiner Bewegung gegen das Washingtoner Estab-               fassung – noch vor dem Präsidenten und dessen Aufga-
 lishment und die Bürokratie vorgehe.15                            ben – an erster Stelle angeführt. Artikel I, Abschnitt 1
    Bislang sind jedoch alle Vorhaben misslungen, den Ver-         bestimmt: „Die gesetzgebende Gewalt ruht im Kongress
 waltungsapparat merklich zu verkleinern. So scheiterte            der Vereinigten Staaten, der aus einem Senat und einem
 Anfang der 1970er-Jahre Präsident Richard Nixon (1969-            Abgeordnetenhaus besteht.“
 1974) mit seinem Versuch, durch einen radikalen Umbau
„anti-präsidiale Nischen“ in der Exekutive zu eliminieren.          Der Kongress
 Mit seinem Dezentralisierungsprogramm des „New                     Aufgaben und Befugnisse:
 Federalism“ wollte eine Dekade später Präsident Ronald
 Reagan (1981-1989) das „Big Government“ in Washington              ..Gesetzgebung mit Zustimmung beider Kammern
 verkleinern – ohne nachhaltigen Erfolg. Trumps Vorgän-             ..Ausgabenbewilligung
 ger Barack Obama war ebenso bemüht, den Regierungs-                ..Untersuchungsrecht der ständigen Ausschüsse
 apparat schlanker und effizienter zu machen. Bereits im            ..Amtsanklage gegen den Präsidenten
 Januar 2012 hatte der Präsident den Kongress ersucht,              ..Ratifizierung völkerrechtlicher Verträge
 die handelspolitischen Aufgaben von sechs Regierungs-                durch den Senat
 einheiten, darunter des Handelsministeriums und des                ..Besetzung hoher Staatsämter und
 Büros des Handelsbeauftragten, in einer neuen Behörde                des Obersten Bundesgerichts erfordern
 zusammenzufassen. Doch die symbiotischen Dreiecks-                   Zustimmung des Senats
 beziehungen, das „eiserne Dreieck“ (vgl. Abb. 2, S. 6),
 zwischen den betroffenen Einheiten der Exekutive, der                Der Kongress ist das zentrale Verfassungsorgan bei der
 Wirtschafts- und Handelslobby und den federführenden              Gesetzgebung – auch wenn die beiden anderen politi-
 Ausschüssen im Kongress haben auch Obamas ehrgeizige              schen Gewalten mitwirken: der „Supreme Court“ durch
 Neuorganisation vereitelt.                                        die Überprüfung der Verfassungsmäßigkeit von Gesetzen
    Die persönlichen Mitarbeiter des Präsidenten – die er          und der Präsident durch sein Vetorecht. Der Präsident
 ohne Zustimmung des Senats frei auswählen kann – sind             hat zwar selbst kein Initiativrecht und kann nur mit-
 seine engsten Vertrauten in den Machtkämpfen, die                 telbar über gleichgesinnte Abgeordnete und Senatoren
 mit dem Begriff „bureaucratic politics“ verharmlosend             Gesetzesvorlagen auf den Weg bringen. Er hat jedoch
 umschrieben werden. Die Getreuen und einflussreichsten            das „letzte“ Wort: Damit eine Vorlage („bill“) zum Gesetz
 Berater des Präsidenten – unter anderem Donald Trumps             („law“) wird, muss der Präsident sie unterzeichnen. Er
 Tochter Ivanka und sein Schwiegersohn Jared Kushner –             kann auch auf den laufenden Gesetzgebungsprozess
 sind im „White House Office“ zu finden. Sie genießen ein          Einfluss nehmen, indem er sein suspensives (aufschie-
„exekutives Privileg“, das heißt, sie sind der Legislative         bendes) Veto ausspricht oder damit droht. Sein Einspruch
 keine Rechenschaft schuldig und können es auch verwei-            kann nur von jeweils einer Zweidrittelmehrheit in beiden
 gern, vor Kongressausschüssen angehört zu werden.                 Kammern des Kongresses überstimmt werden – was sehr
    Die anderen, dem Präsidenten ebenso nahestehenden              selten möglich ist.
 Leiter der Einheiten des „Executive Office of the Presi-             Auch die Legislative hat Möglichkeiten, die ausführen-
 dent“ müssen jedoch vom Senat abgesegnet werden und               de Gewalt zu kontrollieren, also ihr Recht auf „oversight“
 der Legislative auch nach ihrer Bestätigung laufend Rede          auszuüben: Bei schweren Verfehlungen, sogenannten
 und Antwort stehen. Dazu hätten sie reichlich Gelegen-           „high crimes and misdemeanors“, kann der Senat nach
 heit, wenn es den Demokraten bei den Kongresswahlen               Aufnahme eines Verfahrens durch das Abgeordnetenhaus
 gelingt, wie in den Szenarien drei und vier eingangs              sogar den Präsidenten seines Amtes entheben („impeach-
 skizziert, die dafür entscheidende Kongresskammer, na-            ment“). Völkerrechtlich bindende Vertragsunterzeich-
 mentlich den Senat für sich zu entscheiden. Ebenso wie            nungen des Präsidenten gelten erst, wenn sie vom Senat
 bei diesen Personalentscheidungen müsste der Präsident            ratifiziert worden sind. Der Senat muss ferner präsidenti-

                                                                                                DGAPanalyse / Nr. 4 / September 2018
8 Szenarien nach den US-Zwischenwahlen: Sieg der Demokraten im Abgeordneten­h aus könnte Trump sogar nützen

Tabelle 2: Gewicht legislativer Hauptfunktionen bei möglichen Wahlausgangsszenarien

 Mögliche Szenarien nach              Gesetzgebung                          Personalbestätigung                 Kontrolle,
 Kongresswahlen                                                             (nur für den Senat relevant)        bis hin zur Amtsenthebung

 Szenario 1: H: R / S: R              Noch weniger Mitsprache und           Der Senat wird präsidentiellen      Noch weniger „Oversight“, sprich
 Die Republikaner behalten die        „innerer Widerstand“ bei Repu-        Personalernennungen für höhere      Untersuchungsausschüsse gegen
 Mehrheiten im Abgeordnetenhaus       blikanern, besonders nach dem         Ämter wie Richter, Botschafter,     Präsident Trump und seine Kabi-
 und im Senat.                        Ausscheiden von Speaker Paul          Minister und weitere Spitzen-       nettsmitglieder als bisher
                                      Ryan im Abgeordnetenhaus und          beamte wie bisher mehr oder
                                      Trumps Widersachern im Senat:         weniger vorbehaltlos zustimmen.
                                      Jeff Flake und Bob Corker
 Szenario 2: H: D / S: R              Größere Schwierigkeiten, etwa         Wie bisher, da Abgeordneten-        Mehr Untersuchungsausschüsse
 Die Republikaner verlieren nur das   eine Grenzmauer zu finanzieren;       haus bei Personalernennungen        im Abgeordnetenhaus gegen
 Abgeordnetenhaus, verteidigen        aber leichteres Spiel, die Demo-      irrelevant ist                      Trump und sein Kabinett
 aber ihre Senatsmehrheit.            kraten im Abgeordnetenhaus für
                                      kreditfinanzierte Infrastrukturpro-                                       Zwar ist die Einleitung eines Amts-
                                      jekte zu gewinnen                                                         enthebungsverfahrens durch das
                                                                                                                Abgeordnetenhaus möglich; doch
                                                                                                                die Beschließung durch den Senat
                                                                                                                unwahrscheinlich.
 Szenario 3: H: R / S: D              Schwierigkeiten bei der Grenz-        Blockade vieler Personaler-         Mehr Untersuchungsausschüsse
 Die Republikaner verlieren nur       mauer-Finanzierung mit Demokra-       nennungen des Präsidenten;          im Senat gegen Trump und sein
 die Senatsmehrheit, vertei-          ten im Senat sowie bei kreditfinan-   insbesondere bei Richternominier-   Kabinett
 digen aber ihre Mehrheit im          zierten Infrastrukturmaßnahmen        ungen für das Oberste Gericht
 Abgeordnetenhaus.                    mit dem weiterhin von libertären                                          Eröffnung eines Amtsenthebungs-
                                      Republikanern kontrollierten                                              verfahrens gegen Trump wenig
                                      Abgeordnetenhaus                                                          wahrscheinlich
 Szenario 4: H: D / S: D              „Gridlock“: Blockade sämtlicher       Blockade vieler Personaler-         Mehr Untersuchungsausschüsse
 Die Republikaner verlieren die       Gesetzesvorhaben – mit Ausnah-        nennungen des Präsidenten;          beider Kammern gegen Trump
 Mehrheiten im Abgeordnetenhaus       me des Infrastrukturprogramms;        insbesondere bei Richternominier-   und sein Kabinett
 und im Senat.                        bei Haushaltsstreits ist ein Still-   ungen für das Oberste Gericht
                                      stand der Regierungsgeschäfte                                             Erfolgreiches „Impeachment“
                                      („Government Shutdown“) möglich                                           möglich, falls Sonderermittler
                                                                                                                Mueller noch Belastendes gegen
                                                                                                                Trump vorbringt

ellen Personalernennungen für höhere Ämter wie Richter,                     gress verfügt (vgl. Übersicht möglicher Szenarien nach
Botschafter, Minister und weitere Spitzenbeamte zustim-                     den Kongresswahlen in der Tabelle 2).
men.                                                                           Während der Präsident im Falle einer geeinten Re-
   Zwar kann der Präsident den Rat und die Zustimmung                       gierung („unified government“) im Sprecher des Abge-
(„advice and consent“) des Senats umgehen, indem er                         ordnetenhauses („speaker of the house“) meistens einen
Kandidaten außerhalb der Sitzungsperiode, das heißt                         Verbündeten hat, der ihm hilft, Mehrheiten für seine
über ein sogenanntes „recess appointment“, ernennt.                         politischen Initiativen zu organisieren, ist dieser im Falle
Doch deren Amtszeiten enden dann mit der jeweiligen                         eines „divided government“ sein schärfster Widersacher.
Legislaturperiode und sie bekommen bei ihrer Amtsaus-                          Sollten die Demokraten die Mehrheit im Abgeordne-
übung den Unmut der Senatoren zu spüren. Denn das                           tenhaus zurückerobern, könnte Nancy Pelosi wieder „Ma-
wirksamste politische Kontrollmittel ist die Macht der                      dame Speaker“ werden – eine Rolle die sie schon von 2007
Geldbörse („power of the purse“). Das heißt, der Kongress                   bis 2011 ausfüllte und mit der sie als erste Frau in diesem
muss bzw. darf die Haushaltsmittel insbesondere auch                        wichtigen Amt amerikanische Geschichte schrieb. Ihre
jene für Exekutivorgane bewilligen.                                         Kandidatur wäre nicht unumstritten, zumal eine Reihe
   Die unterschiedlichen Wahlzyklen des Präsidenten                         jüngerer Demokratinnen bereits eine jüngere Parteifüh-
und des Kongresses ermöglichen eine weitere Facette                         rung angemahnt haben.
der Machtkontrolle, nämlich eine „geteilte Regierung“.                         Seitdem Paul Ryan, der aktuelle Sprecher des Abge-
Mit den Kongresswahlen 2018 könnte einmal mehr eine                         ordnetenhauses, bekanntgab, dass er nicht mehr zur
solche Konstellation („divided government“) etabliert                       Wiederwahl antritt, wird auch bei den Republikanern um
werden. Das heißt, dass die Partei, die den Amtsinhaber                     die Rangordnung gekämpft. Der Wettbewerb zwischen
im Weißen Haus stellt, nicht über Mehrheiten im Kon-                        den Nächstplatzierten, dem Mehrheitsführer („majority
                                                                            leader“) Kevin McCarthy und dem Fraktionsvorsitzenden

DGAPanalyse / Nr. 4 / September 2018
Szenarien nach den US-Zwischenwahlen: Sieg der Demokraten im Abgeordneten­h aus könnte Trump sogar nützen 9

(„majority whip“) Steve Scalise sowie Jim Jordan, dem             gen – ein Unterfangen, das gerne ironisch mit der Rede-
Kopf des libertären Tea-Party-Flügels, würde sich zu              wendung beschrieben wird: „It’s like herding cats“.
einem Machtkampf steigern, falls die Republikaner wider              Die historisch tradierte, die Machtposition jedes
Erwarten doch ihre Mehrheit im Abgeordnetenhaus                   einzelnen der Senatoren aufwertende hohe Hürde von 60
verteidigen.                                                      Stimmen, um eine Blockade aufzuheben, gilt immer noch
   Zwar verfügt der Sprecher des Abgeordnetenhauses               für das normale Gesetzgebungsverfahren. Diese parla-
wegen der fehlenden Partei- und Fraktionsdisziplin nicht          mentarische Kontrollmöglichkeit besteht jedoch nicht
über die enormen Sanktionsmittel eines Fraktionschefs             mehr bei Personalbenennungen des Präsidenten, etwa für
in einem parlamentarischen Regierungssystem wie in                Ministerämter oder das Oberste Gericht.
Deutschland. Der US-Präsident kann sich mit entspre-                 Seitdem die – wenig strategisch handelnden – Demo-
chenden Hilfen für die Wahlkreise oder Einzelstaaten              kraten im November 2013 mit ihrer einfachen Mehrheit
der umworbenen Abgeordneten und Senatoren sogar                   kurzerhand die Geschäftsordnung des Senats veränder-
Kongressmitglieder der anderen Partei „kaufen“. Doch              ten – sich für die von den Republikanern sogenannte
hat auch der „speaker“ Mittel zur Verfügung, um die              „nukleare Option“ entschieden –, können Blockademanö-
Mehrheit seiner Parteifreunde auf Linie zu halten: Er             ver bei Personalbenennungen nunmehr mit einer einfa-
kann die für Interessengruppen und deren Zuwendungen              chen Mehrheit von 51 Stimmen aufgehoben werden. Das
besonders attraktiven Vorsitzenden von Ausschüssen und            war nur solange von Vorteil für die Demokraten, als sie
Unterausschüssen bestimmen, über einen Verfahrensaus-             selbst in der Mehrheit waren und ihrem Parteifreund und
schuss, das „rules committee“, regeln, ob und in welchen          Präsidenten Barack Obama im Weißen Haus ermöglichen
Ausschüssen bzw. Unterausschüssen ein Gesetz behan-               konnten, die Blockade seiner Personalbenennungen
delt wird und festlegen, inwieweit Änderungsanträge               aufzuheben.
(„amendments“) zulässig sind und welche Prozeduren zu                Als sich bei den Wahlen im November 2014 jedoch das
erfolgen haben. Die Geschäftsordnung des Abgeordne-               Blatt wendete, hat die neue Mehrheit der Republikaner
tenhauses gibt dem Sprecher also wirksame Machtinstru-           – dem Vorbild der vorherigen Mehrheit der Demokraten
mente an die Hand.                                                folgend – dann ihrerseits und umso weitgehender die
   Erheblich schwieriger ist es, den Senat zu führen. In          Kontrollmöglichkeiten der jetzt demokratischen Minder-
dieser Kammer kann ein einziger Senator mit Dauerreden,           heit eingeschränkt. Nun haben sie selbst bei den noch
einem sogenannten „filibuster“, den Geschäftsbetrieb              wichtigeren Nominierungen für das Oberste Gericht
aufhalten – solange ihm nicht eine qualifizierte Dreifünf-        keine Möglichkeit mehr, durch Dauerreden („filibuster“)
telmehrheit von 60 Senatoren den Mund verbietet. „To              aus ihrer Sicht unqualifizierte und radikale Kandidaten
invoke cloture“ lautet das Manöver, um ein „filibuster“           zu verhindern.
abzuwenden.
   Deshalb gilt es, im Senat Anreize zu geben, um mög-            Die Judikative: Wenn die Waffen sprechen,
lichst alle 100 Senatorinnen und Senatoren zufriedenzu-           schweigen die Gesetze
stellen. Mit Druck würde man hingegen wenig bewirken.             Jede Neubesetzung von Richterämtern am „Supreme
Nach der „Macht“ des Mehrheitsführers im Senat gefragt,           Court“ durch den Präsidenten kann sich mit einer mögli-
erwiderte der ehemalige demokratische Senator und „ma-            chen Veränderung der Mehrheitsverhältnisse auch grund-
jority leader“ George J. Mitchell: „Man hat die Macht, 99         legend auf Entscheidungen auswirken, die die Qualität
Hintern zu küssen.“16                                             der amerikanischen Demokratie und Gesellschaft bestim-
   Um dieses schwierige Amt ist der aktuelle Mehrheits-           men. So konnten die Obersten Richter auch eine der größ-
führer im Senat, Mitch McConnell, nicht zu beneiden,              ten Verfassungskrisen der jüngsten US-amerikanischen
zumal sich die meisten seiner Kollegen ohnehin für eine           Geschichte entschärfen, indem sie im Fall Bush vs. Gore
höhere Aufgabe, nämlich für die Präsidentschaft, beru-            am 12. Dezember 2000 den Ausgang der heftig umstritte-
fen fühlen und dieses Amt mit Donald Trump von einem              nen Präsidentschaftswahl zugunsten des Republikaners
ebenso Machtbewussten besetzt ist. Sollten die Demo-              George W. Bush und damit gegen seinen Herausforderer
kraten, die beim Wahlgang am 6. November mehr Sitze               Al Gore entschieden.
zu verteidigen haben, wider Erwarten doch die Mehrheit               Trotz dieses hoch umstrittenen Urteils genießt das
zurückgewinnen, hätte der derzeitige Minderheitenfüh-             Oberste Gericht in der US-Bevölkerung höchste Autori-
rer („minority leader“) Charles Schumer die schwierige            tät. Seine Zustimmungsraten übertreffen bei Weitem die
Aufgabe, die Senatoren auf eine politische Linie zu brin-

                                                                                               DGAPanalyse / Nr. 4 / September 2018
10 Szenarien nach den US-Zwischenwahlen: Sieg der Demokraten im Abgeordneten­h aus könnte Trump sogar nützen

Werte der anderen politischen Gewalten, namentlich des                          zu werden drohen. Kenntnisse der amerikanischen
Kongresses und des Präsidenten (vgl. Abb. 3).                                   Geschichte begründen diese Befürchtungen: In einer ein-
                                                                                gehenden Analyse mit dem Titel „All the Laws but One:
Abb. 3: Zustimmungsraten (in Prozent) für                                       Civil Liberties in Wartime“ warnte William Rehnquist, bis
Oberstes Gericht, Präsident und Kongress                                        zu seinem Tode Anfang September 2005 Oberster Richter
                                                                                („Chief Justice“) des „Supreme Court“, bereits 1998 vor
                                                                                der Gefahr, dass der Oberste Befehlshaber in Kriegszeiten
 60                   53
                                                                                durch zusätzliche Machtbefugnisse dazu verleitet wird,
 50
                                     43                                         den konstitutionellen Rahmen zu überdehnen.
 40                                                                                Die Frage, ob die Rechtsprechung der Exekutive ihre
 30
                                                                                Grenzen aufzeigen könnte, beurteilte der Oberste Richter
                                                                                skeptisch: „Wenn die (höchstrichterliche) Entscheidung
 20                                                       17
                                                                                getroffen wird, nachdem die Kriegshandlungen been-
 10                                                                             det sind, ist es wahrscheinlicher, dass die persönlichen
                                                                                Freiheitsrechte favorisiert werden, als wenn sie getroffen
                 Oberstes         Präsident          Kongress                   wird, während der Krieg noch andauert“, erkläre Rehn-
                  Gericht
                                                                                quist.18
Quelle: Gallup, Mitte Juli 2018
                                                                                   Rehnquists Lehren aus der amerikanischen Rechts-
    Doch sind auch die Rechtsprechungen des Obersten                            geschichte sind sehr bedenklich, weil auch der Kongress
 Gerichts nicht in Stein gemeißelt. Im Laufe der Entwick-                       im Laufe der amerikanischen Geschichte immer wieder
 lung der USA von einer Agrar- über eine Industrie- hin                         dabei versagt hat – zuletzt beim Irakkrieg –, die militä-
                                                                           on

 zu einer Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft                         rische Gewalt des Präsidenten als Oberbefehlshaber der
                                                                       ati
                                                                      or m

 mussten die Richter immer wieder neue Realitäten mit                           Streitkräfte zu kontrollieren.
                                                                  I nf

 den (interpretierbaren) Verfassungsgrundsätzen in Ein-                            Denn die Sorge der Legislative um die institutionelle
                                                                  nd

 klang bringen.                                                                 Machtbalance tritt in den Hintergrund, wenn Gefahr im
                                                                gu
                                                            un

    Gleichwohl ist die Interpretationsfähigkeit des Ver-                        Verzug ist. In Krisen- und Kriegszeiten steht der Präsident
                                                            r
                                                         zie

 fassungstextes bis heute umstritten. Während die einen                         als Oberbefehlshaber im Mittelpunkt der Aufmerksam-
                                                           an
                                                       ffin

 den Text der Verfassung nur gemäß der „ursprünglichen                          keit. Ihm kommt die Rolle des Schutzpatrons zu. Der
                                                    mp
                                                lka

 Absicht“ („original intent“) ihrer Gründerväter auslegen                       patriotische Sammlungseffekt („rally around the flag“)
                                                 h
                                              Wa

 wollen, sehen die anderen im Verfassungstext ein „leben-                       bedeutet einen immensen Machtgewinn und Vertrauens-
 des Dokument“ („living document“). Dementsprechend                             vorsprung für den Präsidenten und die Exekutive. Nicht
 fordern erstere juristische Zurückhaltung („judicial                           zuletzt symbolisiert das Präsidentenamt die nationale
 restraint“) und verurteilen den Standpunkt der anderen                         Einheit, gilt das Weiße Haus als Ort der Orientierung, an
 Gruppe, die weite rechtliche Auslegung, als Aktionismus                        dem in Krisenzeiten die Standarte hochgehalten wird.
 („judicial activism“).                                                            US-Präsidenten konnten immer wieder nationale
    Wenig Interpretationsspielraum haben die Gerich-                            Krisen dazu nutzen, ihre Kompetenzen auch auf Kosten
 te, wenn Gefahr in Verzug ist: Vor allem in Krisen- und                        der beiden anderen politischen Gewalten auszuweiten,
 Kriegszeiten hält sich das Oberste Gericht als nicht‑politi-                   die Struktur des Regierungsapparats und der Verwaltung
 sche Instanz eher zurück; es will dem Obersten Befehls-                        grundlegend zu verändern und auch politisches Kapital
 haber nicht in den Arm fallen. Solange der Krieg gegen                         daraus zu schlagen.
 den Terrorismus andauert – und Amerika sieht sich auch
 wieder von „revisionistischen Mächten“ wie Russland und
 China bedroht –, wird im politischen System der Vereinig-                      Mögliche und wahrscheinliche Szenarien
 ten Staaten wohl weiterhin die römische Maxime gelten:                         Ein mögliches Kriegsszenario und die damit verbundene
„Inter arma silent leges“ („Unter Waffen schweigen die                          patriotische Sammlungsbewegung hinter dem Präsiden-
 Gesetze.“).17                                                                  ten und Oberbefehlshaber würde einmal mehr in der
    Nicht wenige Beobachter sehen in dieser Praxis aus                          US-amerikanischen Geschichte eine enorme Machtfülle
 verfassungsrechtlicher Warte ein gefährliches Wagnis,                          und Wahlkampfhilfe für den Präsidenten bedeuten: Um
 bei dem die im politischen System der USA fest veran-                          der externen Bedrohung zu begegnen, ist der Präsident
 kerten Prinzipien der „checks and balances“ ausgehebelt                        auf inneren Zusammenhalt, also auch auf ein „unified

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Szenarien nach den US-Zwischenwahlen: Sieg der Demokraten im Abgeordneten­h aus könnte Trump sogar nützen 11

government“, angewiesen. Die dominante Rolle des Ober-             publikaner votieren würden: 81 Prozent versus 19 Prozent
befehlshabers der Streitkräfte in einer nationalen Krise           für einen Kandidaten der Demokraten.22
würde Trump auch vor seinem persönlichen Ohnmachts-                   Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die natio-
szenario schützen: Verlöre er am 6. November beide                 nale Sicherheitsbedrohung dem Präsidenten in seiner Rol-
Kammern im Kongress, könnte ein mögliches Amtsenthe-               le als Oberstem Befehlshaber eine historische Gelegenheit
bungsverfahren gegen ihn Erfolg haben. Zwischen diesen             bot, auch im Kongresswahlkampf 2002 für die Unterstüt-
beiden im Folgenden ausgeführten möglichen Extremen,               zung seiner Politik gegen den Terrorismus zu werben. Vor
dem Allmachts- und dem Ohnmachtsszenario, sind zwei                allem in den letzten zwei Wochen vor den Wahlen war
weitere Szenarien möglich. Das weniger wahrscheinliche             George W. Bush in den entscheidenden Wahlkämpfen
ist, dass die Demokraten nicht die Mehrheit im Abge-               involviert. Allein in den fünf Tagen vor dem Wahltag war
ordnetenhaus gewinnen, aber die weitaus schwierigere               Bush in 15 sorgfältig ausgewählten Bundesstaaten vor
Senatsmehrheit erreichen. Viel wahrscheinlicher und                Ort. Er machte dabei deutlich, dass er die Mehrheiten im
deshalb hier ausgeführt ist, dass die Demokraten die               Kongress benötige, um mit einem „united government“
Mehrheit im Abgeordnetenhaus, aber nicht die Senats-               Amerika besser verteidigen zu können.
mehrheit gewinnen.                                                    Innerhalb der letzten zehn Tage wendete sich dann
                                                                   auch das Blatt. Hatten sich in der Gallup-Umfrage vom
„Rally around the flag“: Ein Kriegsszenario als                    21./22. Oktober noch 49 Prozent der Wähler für einen
 mögliche Wahlkampfhilfe                                           Kandidaten der Demokraten ausgesprochen und nur 46
 Trumps neuer Nationaler Sicherheitsberater, John Bolton,          Prozent einen Republikaner befürwortet, war das Kräfte-
 der bereits unter George W. Bush diente, wird sich noch           verhältnis im Meinungsbild der Umfrage vom 31. Okto-
 an den Erfolg erinnern, den der „Global War on Terror“            ber bis 3. November umgekehrt: 51 Prozent bekundeten
 seinerzeit seinem Präsidenten und Obersten Befehlshaber           ihre Absicht, einen Republikaner zu wählen, und nur 45
 bei den Zwischenwahlen 2002 bescherte.19                          Prozent gaben an, ihre Stimme einem Demokraten geben
    Dieser Wahlerfolg wäre ohne äußere Bedrohung                   zu wollen.
 wenig wahrscheinlich gewesen: Legt man historische                   Der Wahlakt am 5. November 2002 bestätigte diese
Analysen zugrunde, so büßt die Partei des Präsidenten              Tendenz. Präsident George W. Bush hatte danach die
 bei Zwischenwahlen in der Regel an Wählerstimmen ein              Möglichkeit, mit republikanischen Mehrheiten in beiden
– tendenziell umso weniger, je höher die Zustimmungsra-            Kammern des Kongresses zu regieren, also mit erweiter-
 te für den Präsidenten ist. Selbst bei der hohen Zustim-          ten Handlungsoptionen.
 mungsrate („job approval“) für Bush von 63 Prozent war               Für den amtierenden Präsidenten Trump mit seinen
 zu erwarten, dass seine Partei immerhin noch sieben bis           historisch niedrigen Zustimmungswerten wäre eine
 zehn Sitze im Repräsentantenhaus verlieren würde. Die             internationale Krise ebenso eine Chance, sich als Ober-
 Zustimmungsrate des Präsidenten allein vermochte also             befehlshaber profilieren zu können. Ähnlich wie George
 nicht den Erfolg zu erklären.                                     W. Bush nach den Terroranschlägen würde auch Trump
    Der 11. September 2001 hat sicherlich nicht nur die            einen Vertrauensvorschuss erhalten. Zur Erinnerung:
 Zustimmung für den Präsidenten verstärkt, sondern                 Obwohl es George W. Bush bei den heftig umstrittenen
 auch die Ausgangslage und Dynamik bei den Wahlen                  Präsidentschaftswahlen 2000 ebenso wenig wie Trump
 beeinflusst. Neben der Wirtschaft hat sich im Verlauf des         gelungen war, die Mehrheit der abgegebenen Wähler-
 Wahljahres der Kampf gegen den Terrorismus bzw. die               stimmen („popular vote“) zu erzielen, und obwohl auch
 nationale Sicherheit als der dringendste Problembereich           seine Amtsführung in der Bevölkerung auf geteilte
 in den Köpfen der Amerikaner verfestigt.                          Zustimmung und zunehmend kritische Meinungen stieß,
    Nicht signifikant für das Ergebnis dieser Zwischen-            konnte sich der Präsident nach den Terroranschlägen auf
 wahlen war letztendlich der Faktor Wirtschaft.20 Beim             ein großes Zutrauen seiner Landsleute stützen.
 zweiten, entscheidenden Thema, der Terrorismusbe-                    Der 11. September 2001 war für die Dynamik des innen-
 kämpfung, fühlten sich die Amerikaner weitaus besser              politischen Machtgefüges kein konstituierendes Ereig-
 bei den Republikanern aufgehoben.21 So war es auch                nis – wohl aber ein katalysierender und legitimierender
 nicht überraschend, dass diejenigen, die den Terrorismus          Faktor.23 Schon unmittelbar nach dem Amtsantritt ließen
 als wichtigsten Themenbereich identifizierten, mit einer          Präsident Bush und seine Entourage keinen Zweifel daran,
 überwältigenden Mehrheit angaben, dass sie für die Re-            dass sie die Position der Exekutive auf Kosten der Macht-
                                                                   befugnisse des Kongresses zu stärken beabsichtigten. Die-

                                                                                                DGAPanalyse / Nr. 4 / September 2018
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se offensive Strategie des Weißen Hauses, den vor allem                die eigene militärische Stärke und die Verwundbarkeit
in der Amtszeit des Vorgängers Bill Clinton erstarkten                 amerikanischer Truppen in der Region kann die nord-
Kongress wieder in eine untergeordnete Rolle zu drängen,               koreanische Führung der Weltmacht die Stirn bieten.
erhielt mit den Terroranschlägen ihre Legitimation: Die                Wenn man die jüngste Geschichte sieht, etwa Trumps
amerikanische Bevölkerung war überzeugt, dass dies an-                 unilaterale Aufkündigung des Nukleardeals mit dem Iran,
gesichts der nationalen Bedrohung rechtens, ja notwendig               hat Pjöngjang ohnehin keinen Anreiz, mit Washington
war. Im weltweiten Krieg gegen den Terrorismus konnte                  wirklich ernsthaft darüber zu verhandeln, seine Nuklear-
der Präsident nunmehr die dominante Rolle des Obersten                 waffen aufzugeben.
Befehlshabers spielen.                                                    Anders sieht die Lage mit Blick auf das iranische Re-
    Aber auch in der innenpolitischen Diskussion gelang                gime aus: Die USA könnten, nachdem sie das Nuklearab-
es Präsident Bush, seine Diskurshoheit zu etablieren und               kommen mit dem Iran aufgekündigt haben, alsbald weite-
sich als Schutzpatron zu gerieren, der die traumatisierte              re Konsequenzen folgen lassen. Sollten Trump und seine
Nation vor weiteren Angriffen bewahrt. „Man kann die                   Sicherheitsberater zu der Einschätzung kommen, dass der
Tatsache nicht ignorieren, dass sich Amerika seit dem                  Iran Atombomben baut, werden sie schnell reagieren und
11. September verändert hat [...] und ich denke, dass dies             Präventivschläge gegen den Iran führen oder zunächst
auch einen Einfluss auf die Wahlentscheidung hatte“,                   Israel oder Saudi-Arabien dazu freie Hand lassen.
sagte der damalige Mehrheitsführer im Senat, Trent Lott,                  Dafür spricht auch ein neues mögliches Kriegskabinett
unmittelbar nach dem Wahlerfolg vom 5. November 2002.                  in Washington: Trumps aktueller Außenminister Mike
Er leitete daraus den eindeutigen Appell an den Kongress               Pompeo ist, anders als sein Vorgänger Rex Tillerson, in
ab: „unseren Präsidenten als den commander in chief zu                 der Iran-Frage ebenso ein Hardliner. Ex-Außenminister
unterstützen und mit ihm zu kooperieren“.24                            Tillerson hatte bis zu seiner Entlassung durch eine Twit-
    In Kriegszeiten ist jeder einzelne sonst in seinem politi-         ter-Meldung des Präsidenten am Nuklearabkommen mit
schen Handeln überwiegend sich selbst und seinen Wäh-                  dem Iran festgehalten. An seiner Seite wusste er dabei die
lern verantwortliche Abgeordnete aufgerufen, Partei für                Mehrheit seiner europäischen Amtskollegen.
die nationale Sicherheit zu ergreifen. Obwohl amerikani-                  Trumps neuer Sicherheitsberater John Bolton fordert
sche Abgeordnete grundsätzlich keine Parteisoldaten sind,              hingegen schon seit Längerem, mit Bomben die iranische
stehen auch sie an der Seite des Obersten Befehlshabers,               Atombome zu verhindern: „To Stop Iran’s Bomb, Bomb
wenn es darum geht, ihm „patriotische Befugnisse“ im                   Iran“.26 Nachdem Bolton selbst im Kriegskabinett von
Krieg gegen äußere Feinde an die Hand zu geben und ihn                 Bush noch von besonneneren Köpfen wie Condoleezza
bei der Verteidigung des „Heimatlandes“ zu unterstützen.               Rice und Colin Powell in Schach gehalten werden konnte,
    In dieser Lage wäre die Legislative schlecht beraten,              scheint nun die Stunde des Hardliners an der Seite des
ihr institutionelles Gegengewicht in die politische Waag-              ebenso risikofreudigen Präsidenten gekommen zu sein.
schale zu werfen, um ihre Oppositionsrolle auszufüllen.
Der Kongress hat in einer solchen Ausnahmesituation                     Ohnmachtsszenario verhindern,
nicht das politische Gewicht, den Präsidenten im Krieg                  als Bollwerk Senatsmehrheit verteidigen
gegen einen äußeren Feind herauszufordern, würde er                    Ein weiteres alternatives Szenario wäre für Trump auch
doch damit den Garanten der nationalen Einheit und die                 nicht ohne Risiko: Sollte Mueller bei seinen aktuellen
Handlungsfähigkeit in Frage stellen.                                   Sonderermittlungen stichhaltige Beweise vorlegen kön-
    Wer Donald Trumps Kriegsrhetorik ernst nimmt, muss                 nen, dass Trumps Wahlkampfteam und der US-Präsident
annehmen, dass er als Präsident und Oberbefehlshaber                   von den russischen Aktivitäten gewusst oder sogar gezielt
ebenso alles in seiner Macht stehende unternehmen wür-                 mit russischen Agenten zusammengearbeitet haben,
de, um Amerika vor (potentiellen) Gefahren zu schützen,                müssten auch die Abgeordneten und Senatoren im Kon-
etwa eine nukleare Bedrohung durch den Iran zu beseiti-                gress ernsthaft ein Amtsenthebungsverfahren erwägen.
gen.                                                                      Der erfahrene Sonderermittler Mueller – er war von
    Schließlich hat man aus dem Nordkorea-Konflikt                     2001 bis 2013 Direktor des Federal Bureau of Investigation
eine Lehre gezogen:25 Wenn man zu lange wartet, gibt                   (FBI) – hält es für erwiesen, dass sich Russlands Agen-
es keine Handlungsalternativen mehr. Für Nordkorea                     ten mit Hackerangriffen bei Trumps Wahl eingemischt
heißt das: Trump kann das nordkoreanische Regime nur                   haben.27 Trump bezweifelt das: „Es könnten auch andere
noch eindämmen und dessen Nuklearkapazitäten nicht                     Leute gewesen sein. Es gibt viele Leute da draußen.“ Mit
mehr mit Präventivschlägen verhindern. Im Wissen um                    dieser vagen Andeutung eröffnete sich Trump weitere

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rhetorische Auswege und gab den Verschwörungstheori-                  Im Sinne der Waffen-Lobby, der Wall Street sowie
en seiner Anhänger erneut Nahrung.28 Für den Fall, dass            der Öl- und Gasindustrie, deren Zuwendungen für seine
ein Amtsenthebungsverfahren eingeleitet wird, drohten              mögliche Wiederwahl hilfreich sind, hat Trump bereits
Trumps publizistische Scharfmacher bereits unverhohlen             ganze Arbeit geleistet. Trump engagierte als Finanzmi-
mit Gewalt und prophezeiten einen Bürgerkrieg.29                   nister Steven Mnuchin, der sein politisches Handwerk als
                                                                   Hedgefonds-Manager und politischer Fundraiser bei der
Amtsenthebungsverfahren („Impeachment“)                            Investmentbank Goldman Sachs lernte. Dieser baut die
                                                                   ohnehin behutsamen Regulierungen der Obama-Regie-
Verfassung der Vereinigten Staaten:                                rung im Finanzsektor über den Gesetzesweg wieder ab.
Artikel II, Abschnitt 4:                                              Auch in der Energie- und Umweltpolitik verfolgt
„Der Präsident, der Vizepräsident und alle Zivilbeamten            Trump systematisch eine Strategie von Deregulierung
der Vereinigten Staaten werden ihres Amtes entho-                  und Demontage: Das Energieministerium leitet mit Rick
ben, wenn sie wegen Verrats, Bestechung oder anderer               Perry ausgerechnet der Mann, der es als Kandidat im
Verbrechen und Vergehen unter Anklage gestellt und für             Präsidentschaftswahlkampf abschaffen wollte. Zuvor
schuldig befunden worden sind.“                                    diente er als Gouverneur von Texas; es war die Erdölin-
                                                                   dustrie, die seine Wahl auf diesen Posten finanziert hatte.
Das Repräsentantenhaus hat das alleinige Recht,                    In der Umweltschutzbehörde gab zunächst Scott Pruitt
Amtsanklage gegen den Präsidenten zu erheben. Es                   den Ton an. Auch er ist ein ehemaliger Lobbyist, der in
beschließt mit einfacher Mehrheit über die Einleitung              Zusammenarbeit mit Energieunternehmen die von ihm
eines „Impeachment“-Verfahrens.                                    geleitete Behörde mehrfach verklagt hatte, um Umwelt-
                                                                   schutzbestimmungen über den Rechtsweg auszuhebeln.
Der Senat ist zuständig für die Durchführung des                   Sein Nachfolger ist sein bisheriger Vize Andrew Wheeler,
Verfahrens. Bei einer Anklage gegen den Präsidenten                ein ehemaliger Lobbyist für die Kohle- und Bergbau-
tagt der Senat unter Vorsitz des Obersten Bundesrichters           Branche. Zuvor war er langjähriger Berater des republika-
(„Chief Justice“). Für eine Verurteilung ist eine Zweidrit-        nischen Senators James Inhofe und unterstützte dessen
telmehrheit der anwesenden Senatoren erforderlich. Sie             Gesetzesvorhaben, die den Klimawandel als Angstmache
hat die sofortige Amtsenthebung zur Folge.                         unseriöser Wissenschaftler brandmarkten. Auch er will
                                                                   Obamas Umweltregulierungen mit allen Mitteln rückgän-
                                                                   gig machen.
    Laut Steve Bannon, der gleich nach der Amtsübernah-               Allen voran investieren Charles und David Koch, die
me Trumps einen „Krieg“ mit dem „deep state“ prognosti-            milliardenschweren Erben eines Öl- und Chemiekon-
zierte, geht es nun um alles oder nichts. Dem ehemaligen           glomerats, seit Jahrzehnten enorme Summen, um den
Chefstrategen Trumps ist es gelungen, eine Gruppe ano-             besteuernden und regulierenden Staat möglichst kleinzu-
nymer Spender zu mobilisieren,30 um das aus seiner Sicht           halten. Dazu leisten sie Wahlkampfspenden und finanzie-
Schlimmste zu verhindern: Sollten die Republikaner die             ren ein Netz von Dutzenden von Organisationen, Think
Mehrheiten im Abgeordnetenhaus und im Senat verlieren,             Tanks und Wahlkampfkomitees, sogenannte Political Ac-
wäre auch das Weiße Haus vorzeitig in Gefahr und es                tion Committees, PACs. Auch die von ihnen finanzierten
könnte für Trump eng werden, warnt Bannon.                         Tea-Party-Aktivisten sind davon beseelt, den regulieren-
    Trump und die Republikaner werden alles daransetzen,           den Einfluss des Staates auf Wirtschaft und Gesellschaft
vor allem die Mehrheit im Senat zu verteidigen. Denn sie           zu unterbinden.
ist letztendlich mitentscheidend für Trumps Agenda des                Um die ihren Interessen entsprechenden libertären
radikalen Staatsabbaus, die von Interessengruppen mas-             Ideen einer radikal-freien Marktwirtschaft in die Tat
siv unterstützt wird, und damit auch für Trumps Wieder-            umzusetzen, mischt sich das Koch-Netzwerk auch immer
wahl. Schließlich würde eine demokratische Senatsmehr-             wieder mit „siebenstelligen Beträgen“ in das politische
heit Trump nicht nur über die Gesetzgebung, sondern                Geschäft ein, um gefällige Richternominierungen zu
auch über die Judikative daran hindern, Amerika im                 unterstützen. Aktivisten von „Americans for Prosperity“
Sinne staatskritischer Interessengruppen weit über seine           (AFP), einer von den Koch-Brüdern initiierten und finan-
vier- oder achtjährige Amtszeit hinaus radikal zu verän-           zierten Organisation, rufen in Anzeigenkampagnen und
dern, indem er weitere Richter auf Lebenszeit einsetzt.            bei Veranstaltungen die Wähler dazu auf, ihre Senatoren

                                                                                                DGAPanalyse / Nr. 4 / September 2018
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