Stress, Stressbewältigung und HIV - Medizinische Informationen zu HIV und AIDS

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Medizinische Informationen zu HIV und AIDS
Ausgabe 58                                                  Dezember 2006

Stress,
Stressbewältigung
und HIV

  Zu dieser Ausgabe
  Stress kann sich auf vielerlei Weisen auswirken: innere Unruhe, Konzent-
  rationsschwierigkeiten, permanente Verspannungen oder Depressionen.
  Nicht immer ist klar, woher er eigentlich kommt. Es können die Sorgen
  um die eigene Gesundheit, Konflikte in der Partnerschaft oder beruf-
  liche Überforderung sein, die das Gefühl „gestresst zu sein“ auslösen.
  Manchmal sind es auch „nur“ die kleinen täglichen Ärgernisse, die dafür
  verantwortlich sind.
  Diese MED-INFO-Ausgabe soll in leicht verständlicher Sprache dem
  Phänomen Stress auf den Grund gehen. Es wird erläutert, was Stress
  ist, ab wann er gesundheitlich problematisch wird und was jeder selbst
  dagegen tun kann.
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                                                                                  Was ist Stress?
Früher wurde Stress definiert als eine Alarmreakti-   Lagerfeuer entspannen und Kräfte sammeln für
on von Tieren und Menschen auf Bedrohung oder         das nächste Abenteuer. (siehe Abb. 1, positiver
Belastung. Heute geht man davon aus, dass Stress      Verlauf einer Stressreaktion). Das „Stress-System“
nicht alleine von der Intensität der Stressauslöser   des Menschen stellt in diesem Sinne einen natür-
abhängt, sondern, ob ein Mensch seine Situation       lichen Schutzmechanismus dar, der den Körper
als kontrollierbar erlebt. Nimmt er einen Stress-     mobilisiert und zusätzliche Energien bereitstellt.
faktor als halbwegs lösbare Herausforderung an,
braucht der Körper keine Alarmreaktion. Stres-        Das Wissen um die HIV-Infektion stellt jedoch eine
sauslöser können äußere Einflüsse wie Lärm oder       Bedrohung dar, die weitaus weniger sichtbar und
Hitze sein, aber auch persönliche Empfindungen        beeinflussbar erscheint. Sie lässt sich weder durch
wie berufliche Über- oder Unterforderung, Ein-        Angriff noch durch Fluchtverhalten langfristig be-
samkeit, ungelöste soziale Konflikte oder chroni-     wältigen. Ähnliches gilt für andere existentielle
sche Erkrankungen, wie die HIV-Infektion.             Bedrohungen, wie lang anhaltende Arbeitslosig-
                                                      keit oder der Verlust des Partners oder anderer
Stress als Notfallreaktion des Körpers                enger Bezugspersonen. Im Körper jedoch laufen
                                                      die selben Vorgänge ab, wie schon zu Zeiten un-
Stress ist prinzipiell kein Phänomen unserer neu-     serer Vorfahren.
eren Zeit. Stressreaktionen sind sehr alte und le-
benswichtige Reaktionen. Stressreaktionen sind        Guter Stress, schlechter Stress. Ab wann macht
menschheitsgeschichtlich biologisch sehr alte         Stress krank?
und lebenswichtige Reaktionen auf die Wahrneh-
mung einer Gefahr oder einer besonderen Anfor-        Dass wir immer wieder in Situationen geraten,
derung. Sah ein Steinzeitmensch zum Beispiel ein      in denen unser Körper durch die Stressreaktion
wildes Tier in seiner Umgebung, bekam er einen        mobilisiert wird, ist normal. Stress lässt sich nicht
Schreck und der Körper wurde blitzschnell für         vermeiden: Mal ist es die Aufregung vor einem
Verteidigung oder Flucht mobilisiert. Durch die-      wichtigen Gespräch oder einem Arztbesuch, mal
se noch heute so funktionierende Alarmreaktion        ist es die schnippische Bemerkung eines Arbeits-
wird dem Organismus Energie zur Verfügung ge-         kollegen. Der Stress kann dabei helfen, sich ganz
stellt. Die Wahrnehmung und Konzentration wird        auf die bevorstehende Aufgabe zu konzentrieren.
für den Moment der Bedrohung enorm geschärft.         Ist die „stressige“ Situation bewältigt, entsteht
Im darauf folgenden Kampf oder in der Flucht          oft große Erleichterung und nach einer gewis-
wird diese Energie dann in Bewegung umgesetzt         sen Zeit das Bedürfnis nach Erholung. (Erschöp-
und abgebaut. Wenn alles gut ging, konnte sich        fungsphase). Wird die Erholung dann ausreichend
unser Vorfahr anschließend beim Spießbraten am        umgesetzt, entspannt man sich und Körper und
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Geist pendeln sich wieder in ein gesundes Gleich-   Dauerstress kann sich auch auf den Verlauf der
gewicht ein (siehe Abb. 1). Stresserfahrungen wie   HIV-Infektion auswirken. In verschiedenen Studi-
diese werden von den meisten Menschen als po-       en wurde nachgewiesen, dass andauernder Stress
sitiv erlebt.                                       und Depressionen (auch zeitweilige) unter ande-
                                                    rem zu einem Absinken der Helferzellen führen
Negativer Stress hingegen entsteht durch nicht      kann. Daher kann der Verlauf einer unbehandel-
ausreichend bewältigte Erlebnisse. Häufen sich      ten HIV-Infektion durch Stress schneller fortschrei-
belastende Alltagserfahrungen, insbesondere         ten. Aber auch unter einer HIV-Therapie kann sich
auf dem Hintergrund eines „chronischen Stress-      Stress negativ auswirken. Oft werden Tabletten
faktor“, wie z.B. schlecht beeinflussbare Medika-   oder ärztliche Anordnungen vergessen oder Arzt-
mentennebenwirkungen oder andauernde Kon-           besuche „verschoben“. So steigt die Gefahr, dass
flikte mit dem Partner oder dem Vorgesetzten,       die HIV-Infektion nicht mehr optimal behandelt
kann sich dieser Stress zum krank machenden         wird und sich der Krankheitsverlauf verschlech-
Dauerstress aufschaukeln. (Abb. 2)                  tert.

Zu den bekanntesten Stresserkrankungen zählen:      Stressreaktionen sind normal und für den Kör-
hoher Blutdruck, Herz- Kreislauf-Erkrankungen,      per nicht schädlich. Stress wird erst dann zum
Stoffwechselstörungen und Magen-Darm-Erkran-        gesundheitlichen Problem, wenn er nicht rich-
kungen sowie eine Vielzahl an psychosomatischen     tig abgebaut wird und sich über eine lange Zeit
Beschwerden. Außerdem kann es zur Entwicklung       zum Dauerstress entwickelt.
von Depressionen oder chronischen Angstzustän-
den kommen.
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Welche körperlichen Vorgänge laufen
         in einer Stresssituation ab?
Wenn unser Organismus durch eine Alarmreaktion         Zeitlich etwas verzögert kommt es über die Ne-
mobilisiert wird, werden körpereigene Hormone          bennierenrinde zur Ausschüttung von Cortisol.
wie Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet.          Dieses Hormon verstärkt die Wirkung von Adre-
Diese lösen in unserem Körper viele verschiedene       nalin und Noradrenalin und vermittelt eine ver-
Reaktionen aus, zum Beispiel:                          mehrte Bereitstellung von Blutzucker. Um dem
• Beschleunigter Herzschlag                            Körper vermehrt Energie zur Verfügung zu stel-
• Anstieg des Blutdrucks                               len, werden Fettreserven und Proteine abgebaut
• Verstärkte Durchblutung der Skelettmuskulatur        und umgewandelt. Während Adrenalin und Nor-
• Verminderte Durchblutung von Magen, Darm             adrenalin in der akuten Stressreaktion die Immun-
  und Haut                                             abwehr eher mobilisieren, kommt es bei länger
• Starkes Schwitzen                                    andauerndem Stress durch die Einwirkung von
• Beschleunigung des Atems (oft schnell und            Cortisol zu einer Hemmung der Produktion und
  flach)                                               Funktion von unterschiedlichen Abwehrzellen des
• Hemmung des Speichelflusses („trockener              Immunsystems, so dass die Anfälligkeit für Infek-
  Hals“)                                               tionserkrankungen steigt.
• Hemmung der sexuellen Funktionsfähigkeit
• Hemmung der Magen-Darmtätigkeit

                                                         Was sind „verdeckte“
                                                            Stresssymptome?
Als zivilisierte Menschen reagieren wir beim           von Skelett- oder Haltungsmuskulatur, vermehrter
Warten auf dem Sozialamt oder vor einem me-            Aktivität von Darm und Drüsen, zu einer Vermin-
dizinischen Eingriff, bei hoher Arbeitsbelastung       derung der Herz- und Atemtätigkeit sowie zu ei-
oder beim Stau im Auto natürlich meist nicht mit       ner allgemeinen Reduktion der körperlichen Ener-
Kampf oder Flucht. Möglicherweise versuchen            gie. In einer akuten Bedrohungssituation ist auch
wir die unangenehme Situation zu beeinflussen,         dieser Schreckreflex zunächst sinnvoll, da er den
lenken uns zum Beispiel mit Lesen ab oder un-          Organismus für einen kurzen Moment zur Ruhe
terhalten uns mit anderen. Doch oft reichen die-       bringt, so dass der „Gestresste“ eine Lösung für
se kurzfristigen Versuche der Stressbewältigung        die bedrohliche Situation zu entwickeln kann. Er
nicht aus. Die Folge: Der Organismus verbleibt im      ist in der normalen Stressreaktion der Aktivierung
Spannungszustand, Stresshormone werden nicht           vorgeschaltet und dauert nur wenige Momente.
oder nur ungenügend abgebaut.
                                                       Es gibt jedoch Menschen, die bei Stress in dieser
Die körperlichen Stressreaktionen des modernen         Reaktionsweise verbleiben. Bei ihnen sind Ge-
Menschen sind verdeckter. Neben den bereits            fühle von Angst und starker Hilflosigkeit vorherr-
geschilderten akuten Stressreaktionen zeigen sich      schend. Menschen mit einer Neigung zu dieser
vielgestaltige Veränderungen der Muskeltätigkeit,      Reaktionsweise, bleiben in der Schreckreaktion
des Verhaltens, der Gefühle und Gedanken.              wie gelähmt stecken und kommen nicht zu einer
                                                       aktiven Auseinandersetzung mit dem Stressauslö-
Eine besondere Form der Stressreaktion stellt der      ser. Typische Stresserkrankungen“ sind hier Ma-
sogenannte Schreck- oder Todstellreflex dar. An-       gen-Darmerkrankungen (z.B. Gastritis), Bronchial-
ders als bei der klassischen Stressreaktion, bei der   asthma sowie depressive Zustände.
der Körper gewissermaßen in Alarmbereitschaft
versetzt wird, kommt es hier zu einer Erschlaffung
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        Oft sind aber auch beide Reaktionsweisen ver-           •   Schulter-, Nackenschmerzen
        mischt, so dass eine klare Trennung von aktiver         •   Völlegefühl, Sodbrennen
        und passiver Stressreaktionen nicht ganz leicht         •   Atemnot, Brustenge
        fällt. Die Symptome von Stress können deshalb           •   Übermäßiges Schlafbedürfnis
        auch sehr vielgestaltig und zum Teil auch wider-        •   Kopfschmerzen
        sprüchlich sein. Verstopfung und Durchfälle kön-        •   Verstopfung, Durchfälle, Blähungen
        nen sich abwechseln Verspannungen im Schulter-
        bereich schließen keine Muskelschlaffheit in den        Gedanken
        Armen aus, Menschen mit ständigem übermäßi-             • „Das schaffe ich nie!“
        gen Schlafbedürfnis können trotzdem an innerer          • „Das wird alles noch böse ausgehen“
        Unruhe leiden.                                          • „Das kann nicht gut gehen“

        Die Symptome des Stresses sind von der Persön-          Gefühle/Empfindungen
        lichkeit des einzelnen/der einzelnen abhängig           • Angst/Panik
        sowie von der Art und Dauer des Stresses und            • Nervosität
        seiner Bewältigung. Viele Menschen entdecken            • Ärger, Wut
        mit der Zeit bei sich „typische Reaktionsmuster“,       • Gereiztheit
        die dann helfen, Stressreaktionen klarer zuordnen
        zu können.                                              Verhalten
                                                                • Hektisches Herumlaufen
        Körper                                                  • Schnelles Essen
        • Müdigkeit und/oder Schlaflosigkeit                    • verlangsamte Bewegungen und vermehrtes
        • Rückenschmerzen                                         Schlafen

Welche Stressauslöser gibt es bei HIV?
        Mit der HIV-Infektion sind eine Vielzahl an Situati-    wirkungen zeigt. Vielen hilft es, in diesen Phasen
        onen verbunden, die Gefühle von Angst und Be-           mit Freunden oder anderen Betroffenen über die
        drohtheit auslösen können. Am Anfang ist es für         eigenen Ängste zu sprechen und zu erleben, dass
        die meisten die Mitteilung des positiven Tester-        sie mit ihren Gefühlen nicht alleine da stehen.
        gebnisses, die starke Stressreaktionen verursacht:      Ängste können auch durch Malen, Schreiben oder
        Innere Unruhe, Schlaflosigkeit, ständiges Grübeln       Tanz und Bewegung verarbeitet werden — eine
        verbinden sich mit Gefühlen wie Angst, Wut oder         Erkenntnis, die die Kunsttherapie und Körperori-
        Trauer. Wie stark solche Reaktionen ausfallen, ist      entierte Psychotherapie nutzen.
        von Mensch zu Mensch unterschiedlich und von
        einer Vielzahl an Faktoren abhängig. Ist die Diag-      Neben den gesundheitlichen Sorgen gibt es noch
        nose überraschend, oder habe ich ohnehin damit          viele zusätzliche Belastungen: Wen informiere ich
        gerechnet? Weiß ich, wie oder bei wem ich mich          über meine HIV-Infektion? Wie gehen andere mit
        infiziert habe? Kenne ich andere, die infiziert sind?   dieser Information um? Schaffe ich meinen Job
        Wie schätze ich die Behandlungsmöglichkeiten            noch? Was sind meine Lebensziele mit und trotz
        der HIV-Infektion ein?                                  HIV?

        Nach der ersten Schockphase helfen oft Verdrän-         HIV „stresst“ somit auf zweierlei Weisen: Als eine
        gungsmechanismen, den Alltag wieder zu bewäl-           chronische Erkrankung und als eine Infektion, die
        tigen, zumal die HIV-Infektion ja oft noch keine        nach wie vor zur sozialen Ausgrenzung führen
        Symptome zeigt.                                         kann. Nicht jede(r) schafft es, diese zweifache
                                                                Herausforderung über Jahre aus eigener Kraft zu
        Die HIV-Infektion steht wieder im Mittelpunkt,          bewältigen. Hier können Beratungseinrichtungen
        wenn erste Krankheitszeichen auftauchen, die            wie Aidshilfen wertvolle Hilfe leisten. Dort besteht
        Blutwerte sich verschlechtern, der Beginn der           auch die Möglichkeit, sich mit anderen Positiven
        HIV-Therapie ansteht oder diese schwere Neben-          auszutauschen.
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    HIV-bedingte Stressauslöser
    • Mitteilung des positiven Testergebnisses
    • Schwierigkeiten im Beruf
    • Gespräche mit (Sex-)Partnern über die eigene HIV-Infektion (Angst vor Ablehnung)
    • Gesundheitliche Verschlechterung
    • Beginn der HIV-Therapie
    • Finanzielle Sorgen (zum Beispiel bei Arbeitslosigkeit, Berufsunfähigkeit)

                                Welches sind „natürliche“
                            Schutzfaktoren gegen Stress?
Auch wenn unser Alltag voll mit Ereignissen ist,       zudem, eigene Probleme zu relativieren und Ab-
die uns Stress machen können, reagiert nicht           lenkung zu finden.
jeder Mensch in gleicher Weise auf belastende
Ereignisse. Eine Frau, die in einem Bewerbungs-        Verhältnis zum Arzt. Wie fit ist mein HIV-Schwer-
gespräch entspannt bleibt, ist bei einem Auffahr-      punktarzt? Kann ich ihm vertrauen oder bin ich
unfall möglicherweise „völlig neben der Spur“.         mit der Behandlung und Beratung unzufrieden?
Ein Mann, der mit Nebenwirkungen der HIV-The-
rapie relativ gelassen umgehen kann, gerät durch       Ausgleich. Gibt es Lebensbereiche außerhalb
eine unachtsame Bemerkung seines Partners total        der Erkrankung, die mir gut tun? (Hobbys, Sport,
„aus dem Häuschen“. Woher kommen diese Un-             Partnerschaft, Spiritualität …)
terschiede?
                                                       Umgang mit negativen Gedanken. Wie gut bin
Jeder bewertet herausfordernde Lebenssituatio-         ich in der Lage, aufkommende Ängste und Grü-
nen aufgrund seiner bisherigen Erfahrung. Kommt        beleien zu stoppen und mit positiven Gedanken
er zu dem Urteil, dass alles halb so schlimm ist, da   entgegenzuwirken? Denn Grübeleien und sich
er schon ähnliche Situationen gut bewältigt hat,       wiederholende, sorgenvolle Gedanken dienen
gibt es keine oder nur eine sehr milde Stressreak-     eher als Stressverstärker. Sie sind in den wenigs-
tion. Kommt er allerdings zu dem Urteil, dass er       ten Fällen geeignet, ein Problem zu lösen.
sich gerade in einer ganz besonders schwierigen
und kaum lösbaren Lebenssituation befinde, wird        Optimistische Grundeinstellung. Menschen, die
er „gestresst“ reagieren.                              mit einem vielleicht auch unberechtigten Opti-
                                                       mismus dem Leben begegnen, scheinen Stress
Wie stark diese Stressreaktion nun ausfällt, ist zum   besser verarbeiten zu können, als Menschen, die
Beispiel abhängig von:                                 sich auf alle eventuell eintretenden Ereignisse sor-
                                                       genvoll vorbereiten. Es ist sicherlich sinnvoll , sich
Unterstützung durch Freunde und Familie. Zwi-          konkrete Gedanken, zum Beispiel über Fragen
schenmenschliche Unterstützung stellt einen            der Absicherung im Alter oder Berufsunfähigkeit
wichtigen Schutz gegen Stress dar. Doch wie er-        zu machen. Dabei soll man versuchen, konstruktiv
lebe ich mein soziales Umfeld? Gibt es Menschen        an Lösungen heranzugehen, statt sich von negati-
mit denen ich über das sprechen kann, was mich         ven Angstbildern leiten zu lassen.
bewegt? Oder erlebe ich eher Distanz oder sogar
Ausgrenzungen? Das Gefühl, in schwierigen Pha-         Kontrollfähigkeit. Je stärker man das Gefühl hat,
sen nicht alleine zu sein sowie die eigenen Ge-        auf seine Umwelt Einfluss nehmen zu können, um
fühle offen aussprechen zu können, hilft, Ängste       so geringer erlebt man in der Regel Belastungen.
zu reduzieren und Stressreaktionen abzumildern.        Der Verlauf der HIV-Infektion kann vom Einzelnen
Gespräche und gemeinsame Aktivitäten helfen            zwar nur gering beeinflusst werden. Eine Teilkon-
                                                       trolle kann jedoch zum Beispiel durch die Wahl
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        eines geeigneten Arztes, die regelmäßige Me-        Distanzierungsfähigkeit. Wie stark „Stressgedan-
        dikamenteneinnahme oder das Vermeiden von           ken“ den Alltag bestimmen, ist auch wesentlich
        weiteren Gesundheitsrisiken ausgeübt werden.        von der Fähigkeit abhängig, sich ablenken zu
        Natürlich ist die Kontrollierbarkeit der Umwelt     können. Jeder hat hier andere Strategien: Eine
        immer nur bis zu einem gewissen Grad möglich.       Fahrradtour am Wochenende, ein spannendes
        Doch selbst bei schwerer Erkrankung gibt es oft     Buch, die Pflege der Balkonpflanzen, ein Kino-
        noch Lebensbereiche, die beeinflussbar sind. Dies   oder Kneipenbesuch oder Gespräche mit Freun-
        können zum Beispiel die intensive Beschäftigung     den. Die Fähigkeit, das Leben zu genießen oder
        mit Hobbys, die Hinwendung zu spirituellen Er-      in schwierigen Zeiten auch mal über sich selbst
        fahrungen oder das Vertiefen und Klären beste-      lachen zu können, hilft Stress abzubauen.
        hender zwischenmenschlicher Beziehungen sein.

Stress oder Gelassenheit? –
Die Bewertung macht's
        Erst wenn ein Ereignis – bewusst oder unbewusst     Die Nachricht des Arztes, hier als möglicher Stres-
        – als Bedrohung oder Angriff interpretiert wird,    sauslöser bezeichnet, kann verschiedene Bewer-
        reagiert der Körper mit Stress.                     tungen bei der HIV-positiven Frau hervorrufen:

        Beispiel: Nach der routinemäßigen Blutuntersu-      Das Modell zeigt, dass eine körperliche Stressre-
        chung auf Viruslast und Helferzellen einer bisher   aktion erst dann einsetzt, wenn die Situation tat-
        unbehandelten HIV-positiven Frau sagt der Arzt:     sächlich auch als bedrohlich eingestuft wird (t
        „Die Viruslast ist etwas angestiegen. Noch nichts   Bewertung). Eine moderate Bewertung r wird
        dramatisches. Wir müssen mal beobachten, wie        schon eine wesentliche geringere Reaktion aus-
        sich das weiter entwickelt.“                        lösen, eine positive Bewertung e löst gar keine
                                                            Stressreaktion aus.

                                                            Natürlich werden in unserem Beispiel neben der
                                                            fachlichen Information auch eine Vielzahl an ande-
                                                            ren Informationen aufgenommen: die Betonung,
                                                            in der der Arzt die Diagnose mitteilt, seine Kör-
                                                            perhaltung, Gestik und Mimik etc. All diese Ein-
                                                            drücke werden in Sekundenschnelle verarbeitet
                                                            und tragen dazu bei, wie eine Situation bewertet
                                                            wird.

                                                            Ob ein Mensch in einer Belastungssituation eher
                                                            stressbezogen oder gelassen reagiert, hängt
                                                            in hohem Maße von gelernten Denkweisen ab.
                                                            Diese Denkweisen werden in der Regel schon als
                                                            Kind gelernt und haben viel mit dem generellen
                                                            Selbstverständnis zu tun, mit dem wir auf die
                                                            Welt blicken. Auch wenn die Art und Weise, wie
                                                            dramatisch oder gelassen wir auf Stressauslöser
                                                            reagieren eine lange persönliche Geschichte hat,
                                                            können Selbstvertrauen und Gelassenheit auch
                                                            im Erwachsenenalter erworben und weiterent-
                                                            wickelt werden. Durch gezieltes Training können
                                                            pessimistische Gedankensysteme aufgedeckt und
                                                            neue Betrachtungsweisen erprobt werden.
8

                                     Welche Möglichkeiten der
                                    Stressbewältigung gibt es?
So unterschiedlich Menschen auf Stress reagieren,    anzugehen und somit Probleme auch nachhaltig
so unterschiedlich sind auch die Versuche, Stress    zu lösen.
zu bewältigen. Die eine lädt ihren Stress beim
Telefonat mit der besten Freundin ab, der ande-      Stressauslöser vermeiden – Probleme gezielt
re zieht sich zurück und hört Musik oder stemmt      angehen
Hanteln im Fitnessstudio.
                                                     Stress gehört zu unserem Leben und Stressauslö-
Doch nicht immer bringen die gewohnten Tech-         ser sind nicht immer vermeidbar. Trotzdem gibt es
niken einen Erfolg. Hilft Musikhören oder ein län-   Möglichkeiten, den Einfluss von stressauslösen-
gerer Spaziergang vielleicht gut, den Stress mit     den Belastungen zu verringern. Lärm-Stress durch
einem unfreundlichen Sachbearbeiter abzubau-         ein zu lautes Wohnumfeld kann gegebenenfalls
en, reichen diese Strategien bei auftauchenden       durch Lärmschutzfenster oder einen Umzug nach-
Existenzängsten höchstwahrscheinlich nicht aus.      haltig abgestellt werden. Doch nicht immer lassen
Viele Menschen sind jedoch nicht imstande, ihr       sich Stressauslöser so leicht abstellen. Dann hilft
Stressbewältigungsverhalten den Stressauslösern      es zunächst einmal das Problem und die eigenen
anzupassen, sondern verhalten sich in Belastungs-    (Stress-)Reaktionen genauer zu untersuchen.
situationen immer ähnlich.
                                                     Stressanalyse: Zunächst sollte man möglichst
Folgende Fragen können helfen zu erkennen,           genau die Situationen beobachten, in denen das
welches Stressbewältigungsverhalten ange-            Stress auftritt, und die eigene Reaktion darauf.
bracht ist und welches nicht:
• Was tue ich gewöhnlich bei Stress, damit es        Beispiel: Seit drei Jahren nimmt Klaus HIV-Medi-
  mir besser geht?                                   kamente. Dabei fällt es ihm nicht immer leicht,
• Wann und wie helfen mir diese Strategien?          die Medikamente regelmäßig, zweimal am Tag,
• In welchen Situationen sind meine Bewälti-         einzunehmen. Insbesondere am Wochenende,
  gungsstrategien eher nutzlos?                      wenn er auf Partys geht oder er bei einer neuen
• Was gibt es noch für Möglichkeiten, mit Stress     Bekanntschaft übernachtet, vergisst er schon ein-
  umzugehen, die ich kenne, aber selten nutze?       mal die Tabletteneinnahme. Am Montag kommt
                                                     dann ein ungutes Gefühl auf: Hoffentlich hat sich
Stressbewältigung und Drogen                         dass nicht auf die Wirksamkeit der Therapie aus-
                                                     gewirkt …
„Entspannen kann ich mich am Besten bei ein,
zwei Gläsern Rotwein oder einem Joint“, mag der      Ideen-Sammlung (Brainstorming): Der nächste
eine oder andere denken. Die weit verbreitete        Schritt ist, möglichst viele unterschiedliche Ideen
Strategie, Entspannung durch Alkohol, Zigaretten     zu sammeln, wie die Situation zu bewältigen wäre.
und andere Drogen zu suchen ist verlockend und       Dabei sollten erst einmal alle Ideen, auch wenn
in der Tat zunächst wirksam. Viele Drogen helfen     sie noch so abwegig erscheinen oder schon mal
durch ihre entspannende Wirkung, Abstand vom         ausprobiert wurden, aufgeschrieben werden. Es
Alltag zu bekommen. Die langfristigen gesund-        kann auch helfen, Freunde, Bekannte, Kollegen
heitlichen Folgen sind bekannterweise weniger        zu fragen, wie sie das Problem angehen würden.
erfreulich. Hinzu kommt, dass durch häufigen
Alkoholkonsum die natürliche Fähigkeit, sich zu      Lösungsideen für das oben beschriebene Bei-
entspannen, weiter abnimmt. Außerdem muss            spiel:
die Menge an Drogen, die benötigt wird, um die       • Den Arzt fragen, welche Folgen für seine HIV-
gewünschte Wirkung zu erzeugen kontinuierlich          Infektion das Auslassen der Medikamente hat.
gesteigert werden. Vernachlässigt wird dabei,        • Mit dem Arzt besprechen, ob eine Umstellung
die Möglichkeit, die Ursache des Stresses aktiv        auf Medikamente, die nur einmal täglich ge-
                                                       nommen werden müssen, in Frage kommt.
9

• Merkzettel machen                                Planung gegen Zeit- und Terminstress
• Neutrale Pillendose besorgen und immer zwei
  Tabletten-Rationen dabei haben.                  Ein hoher beeinflussbarer Stressfaktor ist für viele
• Sich mit anderen Positiven über dieses Pro-      Menschen der Zeit- und Terminstress. Häufig sind
  blem austauschen.                                es mehrere Faktoren, die Zeitstress verursachen:
• Überlegen, wie das Thema HIV und Medika-
  menteneinnahme mit neuen Partnern ange-          Innere Antreiber. Zeitstress entsteht, wenn zu vie-
  sprochen werden kann.                            le Aufgaben in zu wenig Zeit umgesetzt werden.
                                                   Manchmal sind es Glaubenssätze, die wie eine
Für eine Lösung entscheiden: Es empfiehlt sich,    innere Stimme antreiben, mehr zu tun, als gut tut.
unvoreingenommen an die einzelnen Vorschläge       „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!“— „Das
heranzugehen und Ideen nicht zu verwerfen, weil    kannst du doch nebenbei erledigen!“ — „Andere
sie vielleicht als zu kompliziert erscheinen.      schaffen doch auch so viel!“ — Sätze, die oftmals
                                                   von Eltern oder anderen Erziehungspersonen mit
Klaus entscheidet sich                             auf den Weg gegeben wurden.

a) sich mit anderen Positiven über das Problem     „Innere Antreiber“ sollten enttarnt und gegen
auszutauschen                                      neue Glaubenssätze ausgetauscht werden. Zum
                                                   Beispiel:
b) mit dem Arzt über eine Therapieumstellung auf
Einmaldosis zu sprechen                            „ alles braucht seine Zeit!“ oder „eile mit Weile.“

Konkrete Schritte planen: Bei der praktischen      Unrealistische Zeitplanung. Wenn viele Aufgaben
Umsetzung der Lösungsvorschläge ist es wichtig,    anstehen, ist es wichtig, eine feste Zeit für die
die Schritte genau zu planen.                      Zeitplanung einzurichten. Am Abend vorher oder
• Arzttermin vereinbaren (noch heute für nächs-    am morgen sollten zehn Minuten eingeplant wer-
  te Woche)                                        den, um alle Aufgaben für den Tag inklusive ihrer
• Fragezettel für den Arzttermin schreiben         Dauer und Dringlichkeit aufzulisten.
• Termine für die Treffen der Positivengruppe
  bei der Aids-Hilfe erfragen und nächstmögli-     Viele Menschen neigen dazu die Dauer von Auf-
  chen Termin wahrnehmen (unter Umständen          gaben zu unterschätzen. Um nicht zu viele Aufga-
  andere Termine dafür verschieben)                ben in einen Tag zu packen, sollte stets Zeit für
                                                   Pausen und für Unvorhergesehenes eingeplant
Umsetzen des Plans und danach Bilanz ziehen:       werden.
War die Problemlösung erfolgreich? Falls nicht:
Waren die konkreten Schritte genau genug ge-       Keine klaren Ziele. Für viele Menschen verändert
plant? Was für Schwierigkeiten sind aufgetreten    die Diagnose der HIV-Infektion den Blick auf die
und wie können diese beseitigt werden, damit die   Zukunft. Dies führt zuweilen dazu, dass zur Ver-
Lösungsidee doch noch umgesetzt werden kann.       meidung von Enttäuschungen ganz auf die For-
Gegebenenfalls sollten andere Ideen der „Brain-    mulierung von Lebenszielen verzichtet wird. Ohne
storming“-Liste ausprobiert werden.                persönliche Ziele können jedoch keine Pläne ge-
                                                   macht werden. Gefühle von Enttäuschung und
Gelingt es nicht, das Problem alleine zu lösen,    Selbstzweifel nehmen zu. Auch wenn die Zukunft
sollte professionelle Hilfe in Anspruch genom-     ungewiss scheint, sollten Träume und Wünsche
men werden. Haben sich Belastungen über eine       verfolgt und auf eine Zielplanung nicht verzichtet
sehr lange Zeit aufgestaut, entstehen mitunter     werden.
chronische Zustände von Angst, Lustlosigkeit,
Antriebsarmut und Niedergeschlagenheit. Diese      Beruhigende Gedanken
Symptome können Hinweise auf eine sich entwi-
ckelnde, ernst zu nehmende Depression sein. Oft    Wie bereits gezeigt, kann die innere Einstellung
werden Depressionen von Ärzten nicht erkannt.      zu einer Situation zu Stress führen oder auch nicht.
Wenn Symptome einer Depression wahrgenom-          Stressverstärkende Gedanken können durch posi-
men werden, sollte man den Arzt direkt darauf      tivere Einstellungen ersetzt werden.
ansprechen.
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Beispiele für Stress verstärkende Gedanken            • Gezielt die Gedanken auf Freunde, Verwandte,
„Das schaffe ich nie!“                                  professionelle Helfer lenken, die mit Rat und
„Mir gelingt auch nichts richtig.“                      Tat beiseite stehen könnten („Was würde ein
„Ich bin vom Pech verfolgt.“                            guter Freund jetzt wohl zu mir sagen?“).
„Jetzt bloß nicht die Kontrolle verlieren.“           • An ähnliche Situationen erinnern(„ich habe
„Was wohl die anderen von mir denken.“                  schon andere, schwierige Situationen ge-
                                                        meistert, also werde ich auch diese Situation
Stress vermindernde Gedanken                            bewältigen“).
„Fehler können jedem passieren.“                      • Relativieren („Wie werde ich diese Situation
„Das habe ich schon einmal durchgestanden.“             wohl in einem Jahr beurteilen?“, „Was kann
„Wird alles nicht so heiß gegessen wie gekocht.“        schlimmstenfalls passieren?“).
„Wie wichtig ist diese Sache wirklich für mich?“      • An ein positives Erlebnis von Stärke und/oder
                                                        Freude denken, das in der Situation Mut und
Wer sich in einer Stresssituation in einer negati-      Sicherheit gibt (Urlaub, Erfolgserlebnis).
ven „Gedankenspirale“ bewegt, kann aktiv ge-
gensteuern:

                                                      Welche Entspannungs-
                                                         verfahren gibt es?
Entspannungsverfahren helfen in Zeiten, in denen      und lösen einen angenehmen, ganzkörperlichen
Stress, innere Unruhe oder Zeitnot nicht oder         Tiefenentspannungszustand aus.
kaum zulassen, sich spontan zu entspannen. Spe-
zielle Verfahren, wie das Autogene Training oder      Die Wirkungen des Autogenen Trainings sind
die Progressive Muskelentspannung, ermöglichen        vielfältig. Es kann allgemein zur besseren Ent-
geübten Personen einen sekunden- bis minuten-         spannung, Stressbewältigung und Leistungsstei-
schnellen Wechsel von Anspannung zu tiefer kör-       gerung angewendet werden. Es kann aber auch
perlicher und seelischer Entspannung. Durch das       konkrete Beschwerden, wie Schlafstörungen,
„Auftanken“ in der Entspannungsphase erhöht           Ängste, Schmerzen, Verspannungen oder psycho-
sich die persönliche Leistungsfähigkeit und nach      somatische Erkrankungen lindern.
und nach auch die Resistenz gegenüber Stress.
                                                      Progressive Muskelentspannung/ Jacobson-
Beispielhaft sollen hier vier der in Deutschland am   Training (PMR)
häufigsten angewendeten Verfahren vorgestellt
werden.                                               Bei der Progressiven Muskelentspannung nach
                                                      Jacobson handelt es sich um eine Selbstentspan-
Autogenes Training                                    nungstechnik auf der Grundlage von bewusster
                                                      An- und Entspannung. Im Kern geht es darum,
Das Autogene Training wurde in den zwanziger          nacheinander verschiedene Muskelgruppen an-
Jahren vom Berliner Nervenarzt Prof. Johann           zuspannen und wieder zu entspannen und sich
Schultz (1884 – 1970) entwickelt. Der Begriff         dabei auf die Wahrnehmung der Unterschiede
„Autogenes Training“ bedeutet aus dem Selbst          zwischen den beiden Zuständen zu konzentrie-
(griech. = autos) entstehendes (griech. = genos)      ren. Ziel ist, wie beim Autogenem Training, das
Üben (=Training) Durch Autosuggestion, eine Art       Erzeugen eines ganzkörperlichen Entspannungs-
der Selbsthypnose, wird beim Autogenen Training       zustandes. Der Blutdruck sinkt leicht, Herzschlag
der Zustand von Entspannung in der eigenen Vor-       und Atmung werden langsamer. PMR wird bei
stellung vorweggenommen. Dies wird erreicht, in       Schlafstörungen, Bluthochdruck, Spannungskopf-
dem man sich entspannte Körperempfindungen,           schmerz, Angst- und Spannungsgefühlen sowie
wie Schwere, Wärme oder ruhiger Atem, inner-          verschiedenen körperlichen Beschwerden, die
lich vorstellt . Nach einer gewissen Übungszeit       mit Anspannung und Schmerzen verbunden sind,
werden diese Vorstellungen allmählich Realität        angewendet.
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Yoga (Hatha-Yoga)                                      nen, auch bei Stress-Situationen, Schmerzen oder
                                                       Krankheit bewusst achtsam zu handeln, anstatt
Das klassische Yoga ist eine jahrtausende alte, in     automatisch „gestresst“ zu reagieren
der indischen Kultur verwurzelte, spirituelle Lehre.
Ziel ist die Selbstvervollkommnung. Bei uns wird       Stressabbau durch Sport
Yoga meist in der Form des Hatha-Yoga unterrich-
tet. Beim Hatha-Yoga soll ein inneres Gleichge-        Sport hilft Stresshormone abzubauen, erhöht
wicht durch die Umsetzung von bestimmten Hal-          die körperliche Fitness und verbessert die psy-
tungen (Asanas), Bewegungs-Reinigungsübungen           chische Befindlichkeit. Wichtig ist, sich nicht zu
(Kriyas), Körper- und Handgesten (Mudras) sowie        überfordern und den Sport regelmäßig (etwa 2
Atemübungen (Pranayama) erreicht werden. Ein           – 3 mal pro Woche) zu betreiben. Gesundheitlich
weiterer wichtiger Bestandteil vom Hatha-Yoga          besonders wertvoll sind Ausdauersportarten, wie
sind Entspannungsphasen und meditative Tech-           Laufen, Schwimmen oder Walking. Neben dem
niken. Durch das bewusste Atmen und die Kör-           Abbau von überschüssiger Energie aus Stressre-
perübungen können körperliche Stressreaktionen         aktionen, scheinen Sportler auch generell weni-
abgebaut und vorgebeugt werden.                        ger anfällig gegenüber Stress zu sein. Dauerlauf,
                                                       so neuere Studien, hilft sogar bei milden Formen
Atemtechniken, Meditation und Achtsamkeit              von Depressionen.

Durch Atemübungen können Stressreaktionen oft          Wer Schwierigkeiten hat regelmäßig Sport aus-
sehr wirksam beeinflusst werden. Ziel der meis-        zuüben, sollte überlegen, ob es andere Mög-
ten Atemtechniken ist es, den Atem zu vertiefen        lichkeiten gibt, mehr Bewegung in den Alltag
und so der mit Stress oft einhergehenden flachen       einzubauen: Täglich ein Spaziergang (am besten
Atmung entgegenzuwirken. Ein tiefer und lang-          in angenehmer Umgebung), häufiger das Fahrrad
samer Atem führt zur körperlichen Entspannung.         anstatt Bus oder Bahn zu nutzen oder am Wo-
Bekannteste Form des Atemtrainings ist die             chenende im Club auch mal tanzen, anstatt nur an
Atemtherapie nach Middendorf. („Erfahrbarer            der Theke zu stehen.
Atem“)
                                                       Körper-Psychotherapien
Von gezielter Atemgymnastik abzugrenzen sind
meditative Atemübungen. Hierbei geht es dar-           Einige Menschen leiden, als Folge von nicht
um, den Atem einfach nur wahrzunehmen. Dies            verarbeiteten Konflikten, an körperlichen Dau-
geschieht z.B. an der Nasenspitze, im Brust- oder      erstresssymptomen, wie chronischen Muskelver-
Bauchbereich. Der Atem wird dabei willentlich          spannungen, Atemblockaden („Brustpanzer“),
nicht verändert. Durch die Konzentration auf den       unklaren Schmerzzuständen oder Magen-Darm-
Atem wird der Geist dabei unterstützt, sich nicht      Störungen.
mit anderen Dingen zu beschäftigen. Gedanken
an Vergangenheit und Zukunft, Pläne oder sor-          Hinter so geheimnisvoll klingenden Begriffen,
genvolles Grübeln sollen immer wieder losgelas-        wie Bioenergetik, Biodynamik oder Biosynthese
sen werden. Mit der Zeit können sich Körper und        stecken Methoden der körperorientierten Psy-
Geist zunehmend entspannen.                            chotherapie, die insbesondere für Menschen mit
                                                       psychosomatischen Beschwerden Hilfe bieten
Meditative Übungen sind auch Bestandteil des           können. Diese Methoden verbinden die Arbeit
Stressbewältigungsprogramms MBSR (Mindful-             am Körper mit der Lösung von seelischen Pro-
ness Based Stress Reduction) in Deutschland auch       blemen. Durch besondere Körper- und Atemü-
„Stressbewältigung durch Achtsamkeit“ genannt.         bungen werden die körperlichen Symptome er-
Entwickelt wurde es von dem Verhaltensmedizi-          forscht und versucht, die zur Blockade führenden
ner Jon Kabat-Zinn in der Stress Reduction Clinic      Ursachen zu ergründen. Hinter schmerzhaften
an der Universität von Massachusetts. Achtsam-         Muskelverspannungen im Schulterbereich steckt
keit bedeutet in diesem Zusammenhang, die              möglicherweise nicht ausgedrückter Ärger, hinter
Aufmerksamkeit in den gegenwärtigen Moment             Nacken- oder Kopfschmerzen eine festsitzende
zu bringen und die innere und äußere Wirklich-         Trauer. Die Körper- und Atemübungen ermögli-
keit direkt wahrzunehmen, ohne sie zu bewerten.        chen diese Gefühle im therapeutischen Zusam-
Durch das Training sollen die Kursteilnehmer ler-      menhang angemessen auszudrücken und somit
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die körperlichen Spannungszustände zu lösen.         hungen haben, Krisen und Krankheiten besser
Im anschließenden, psychotherapeutischem Ge-         bewältigen als Andere. Für sie entsteht das Ge-
spräch werden die (wieder)erlebten Gefühle mit       fühl, nicht alleine dazustehen und „im Falle eines
dem ursächlichen Problem in Verbindung ge-           Falles“ Unterstützung erhalten zu können. Die
bracht und Problemlösungen angeregt.                 Unterstützungsfunktion durch Partner, Freunde
                                                     und Familie sind vielfältig, egal ob “man sich mal
Ablenkung und Ausgleich schaffen                     richtig aussprechen“, sich durch Erlebnisse mit
                                                     anderen ablenken oder finanzielle Unterstützung
Viele Menschen vernachlässigen in Stresszeiten       bekommen möchte. Insbesondere bei der Bewäl-
ihre Hobbys und (außerberuflichen) Interessen.       tigung chronischer Belastungen, wie z.B. bei der
Doch gerade in belastenden Lebensphasen ist es       HIV-Infektion, wird der sozialen Unterstützung
wichtig, sich immer wieder auch kleine „Auszei-      eine Schlüsselrolle eingeräumt.
ten“ und Ablenkungen zu organisieren wie zum
Beispiel Kino, Theater, Schwimmen oder Shoppen       Viele Menschen neigen jedoch in Stressphasen
oder Tanzen gehen … Sollten Sie merken, dass         dazu, sich eher zurückzuziehen und Beziehungen
Sie schon lange nichts unternommen haben, was        zu vernachlässigen. Durch den selbstgewählten
ihnen Spaß macht, lohnt es eine Liste mit mögli-     Rückzug können negative Gefühle von Ausweg-
chen, interessanten Aktivitäten anzulegen. Fallen    losigkeit verstärkt werden. Ein stabiles soziales
Ihnen spontan keine Dinge ein, versuchen sie sich    Netz hilft nicht nur bei der Krisenbewältigung,
an früher zu erinnern. Möglicherweise gibt es        sondern erhöht Selbstwertempfinden sowie die
Dinge, die sie gerne gemacht haben, aber schon       allgemeine Lebenszufriedenheit. Gestärkt durch
lange, aus Zeitgründen, aufgegeben haben.            einen „sozialen Rückhalt“ können auch neu ent-
                                                     stehende Probleme aktiver und sicherer angegan-
Soziale Kontakte                                     gen werden.

Es ist nachgewiesen, dass Menschen, die in Part-
nerschaften leben oder andere stabile Bezie-

         Was bieten die Krankenkassen an?
Einige der vorgestellten Stressbewältigungsme-       Während einige Kassen, wie die AOK, Kurse für
thoden werden in Kursen vermittelt, die von vie-     Autogenes Training, Progressive Muskelentspan-
len Krankenkassen gefördert werden. Dies sind        nung oder Stressbewältigung selber anbieten,
zum Beispiel:                                        haben die meisten anderen Krankenkassen ein Er-
• Autogenes Training                                 stattungsprinzip. Die Kurse werden in Beratungs-
• Progressive Muskelentspannung                      stellen, Volkshochschulen oder Praxen angeboten
• Yoga                                               und müssen zunächst voll bezahlt werden. Nach
• Qi Gong                                            Abschluss des Kurses werden dann etwa 80 %
                                                     der Kosten von den gesetzlichen Krankenkassen
Es werden auch Kurse angeboten, die sich sehr        zurückerstattet. Da nicht jeder Anbieter von Ent-
ausführlich mit dem Thema Stress beschäftigen.       spannungskursen die von den Kassen geforderten
So werden zum Beispiel im Kursprogramm „Ge-          Qualifikationen hat, sollte man sich vor Kursbe-
lassen und Sicher im Stress“ Methoden vermittelt,    ginn bei dem Kursanbieter und seiner Kranken-
die das Stressgeschehen auf mehreren Ebenen          kasse erkundigen, ob der Kurs erstattungsfähig
angehen. Der Kurs unterstützt die Teilnehmer/        ist.
innen dabei, langfristig einen anderen Umgang
mit Stress zu entwickeln. Viele der in diesem Heft
beschriebenen Strategien sind Bestandteil dieses
10-wöchigen Kursprogramms.
13

Wie finde ich Beratung &
Psychotherapie?
         Wenn Stressphasen sehr lange andauern und sich       Auch bei einer medikamentösen Behandelung
         kein Ausweg abzeichnet, kann es sinnvoll sein        der psychischen Verstimmungen sollte – wenn
         professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die      sie länger andauern – über eine Psychotherapie
         meisten Aidshilfen bieten regelmäßige Termine        nachgedacht werden. Aidshilfen, insbesondere in
         für psychosoziale Beratungen an. Eine aktuelle       den größeren Städten, können mit Empfehlungen
         Adresse aller regionalen Aidshilfen in Deutschland   für Psychotherapeuten weiterhelfen, die Erfah-
         findet sich im Internet unter: www.aidshilfe.de.     rung mit HIV, Schwulsein oder Drogengebrauch
                                                              haben.
         Ängste und Depressionen könne eine Folge von
         unbewältigten Belastungssituationen sein. Sie
         können jedoch auch Auswirkungen der HIV-Infek-
         tion oder der Nebenwirkungen der Therapie sein.
         In jedem Fall sollten psychische Veränderungen
         dem HIV-behandelnden Arzt mitgeteilt und gege-
         benenfalls ein Facharzt hinzugezogen werden.

Anhang
            Selbsttest
            Neben krankheitsbedingten Stressauslösern gibt es natürlich auch eine Menge an „Alltags-
            Stressauslöser“, die belastend wirken können. Mit der nachfolgenden Auflistung von typischen
            Stressauslösern kann ein persönliches Stressprofil erstellt werden. Die aufgeführten Stressaus-
            löser sind quasi „die Klassiker“. In der Regel hat jedoch jeder Mensch weitere, ganz persönliche
            Stressauslöser. Diese können in die freien Felder eingefügt werden.
            Welche der folgenden Stressauslöser sind Ihnen bekannt. Wie stark erleben Sie diese Stressaus-
            löser?
14

                                            Intensität der Stressbelastung
                                            sehr belastend   belastend   wenig belastend   gar nicht

Ausbildung und Beruf

Zeitdruck

unklare Anforderungen und Arbeitsaufträge

ungerechtfertigte Kritik

Ärger mit Kollegen

Mangelnde Wertschätzung

Arbeitslosigkeit

Freizeit und Privat

Autofahren im Stau

Konflikte in der Partnerschaft

Konflikte mit der Herkunftsfamilie

Unbefriedigende Wohnsituation

Lärmeinflüsse
15

                             Intensität der Stressbelastung
                              sehr belastend   belastend   wenig belastend   gar nicht

Körperliche Stressauslöser

wenig Schlaf

zu wenig Bewegung

Schmerzen

Sonstiges

Ärger mit Ämtern

Geldsorgen

Zukunftsängste
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IMPRESSUM                                                   Bestellnummer dieser Ausgabe: 140058

MED-INFO, Medizinische Informationenzu HIV und AIDS
                                                            Folgende Ausgaben der MED-INFO-Reihe sind aktuell:
herausgegeben von der
                                                            Nr. 32: PCP
AIDS-Hilfe Köln e.V.
Beethovenstraße 1                                           Nr. 33: Toxoplasmose
Tel.: 0221 / 20 20 30                                       Nr. 34: Kaposi-Sarkom
in Zusammenarbeit mit der                                   Nr. 35: Zytomegalie (CMV)
Deutschen AIDS-Hilfe Berlin e.V.
                                                            Nr. 36: Therapiepausen
Text:                                                       Nr. 37: Lymphome (Bestellnummer: 140001)
Steffen Taubert, Berlin                                     Nr. 38: Sexuelle Störungen (Bestellnummer: 140002)
Grafik:                                                     Nr. 39: Resistenzen (Bestellnummer: 140003)
CHECK UP, Köln                                              Nr. 40: Magen-Darm-Beschwerden
Redaktionsgruppe                                                    (Bestellnummer: 140004) Neuauflage 2004!

Leitung:                                                    Nr. 41: Haut und HIV (Bestellnummer: 140005)

Carlos Stemmerich                                           Nr. 42: Feigwarzen, HPV und AIDS
                                                                    (Bestellnummer: 140007)
Ehrenamtliche Mitarbeit:
                                                            Nr. 43: HIV-Therapie (Bestellnummer: 140010)
Andrea Czekanski
Christoph Feldmann                                          Nr. 44: HIV und Hepatitis B (Bestellnummer: 140009)
Eckhard Grützediek                                          Nr. 45: Fettstoffwechselstörungen
Daniela Kleiner                                                     (Bestellnummer: 140011)
Rebecca Poage
                                                            Nr. 46: HIV und Depressionen (Bestellnummer: 140012)
Christine Schilha
                                                            Nr. 47: Neurologische Erkrankungen
V.i.S.d.P.:                                                         (Bestellnummer: 140013)
Carlos Stemmerich                                           Nr. 48: Lipodystrophie (Bestellnummer: 140014)
Gesamtherstellung:                                          Nr. 49: Medikamentenstudien (Bestellnummer: 140015)
Prima Print, Köln                                           Nr. 50: Laborwerte (Bestellnummer: 140016)
Auflage:                                                    Nr. 51: HIV und Hepatitis C (Bestellnummer: 140017)
4000                                                        Nr. 52: HIV und Niere (Bestellnummer: 140018)
Hinweis:                                                    Nr. 53: Compliance – Umgang mit der HIV-Therapie
Das MED-INFO                                                        (Bestellnummer: 140019)
ist bei der Deutschen AIDS-Hilfe e.V. zu bestellen          Nr. 54: HIV und Reisen (Bestellnummer 140020)
Tel: 030 / 69 00 87-0
                                                            Nr. 55: HIV und Immunsystem (Bestellnummer 140055)
Fax: 030 / 69 00 87-42
www.Aidshilfe.de                                            Nr. 56: Wechselwirkungen der HIV-Therapie mit freiver-
                                                                    käuflichen Medikamenten (Bestellnummer 140056)
                                                            Nr. 57: HIV und Kopfschmerz (Bestellnummer 140057)
Das MED-INFO dient der persönlichen Information und
ersetzt nicht das Gespräch mit einem Arzt des Vertrauens.   Nr. 58: Stress und Stressbewältigung bei HIV
Geschützte Warennamen, Warenzeichen sind aus Gründen                (Bestellnummer 140058)
der besseren Lesbarkeit nicht besonders kenntlich
gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen Hinweises
kann nicht geschlossen werden, dass es sich um einen
                                                            Alle MED-INFO-Broschüren sind auf der
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Alle Angaben in dieser Ausgabe entsprechen dem              www.HIV-MED-INFO.de
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