Unmenschliche Transformation - WIRTSCHAFTSNACHRICHTEN | Donauraum
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DER REPORT 2021 Sonderheft der
Themenspecial für IT, Digitalisierung und KI-Technologie
DIGITALE WELT
Unmenschliche
Transformation
MENSCHLICHKEIT IST NICHT PROGRAMMIERBAR.
Foto: iStock.com/vchal
JE MEHR ENTSCHEIDUNGEN DIE KI FÜR UNS TRIFFT,
DESTO UNMENSCHLICHER WIRD UNSERE GESELLSCHAFT.editorial
Berührt euch!
I
m Sog der Pandemie haben wir unsere sozia- Das Fundamentale
len Kontakte zunehmend in die digitale Sphäre damit sind die Forscher allerdings nicht allein,
verlagert, wo wir Konferenzen abhalten, unter- denn in vielen Bereichen der digitalisierung haftet
richten, coachen, therapieren und in der Freizeit uns bereits etwas Klebriges an, weshalb uns das
unseren Freunden begegnen. Was anfänglich Gefühl nicht loslässt, dass technologie nicht unbe-
noch neu und für manche sogar irgendwie exo- dingt unseren alltag verbessert und nicht alles, was
tisch-aufregend war, wird nun aber zunehmend als möglich ist, für uns auch vorteilhaft wäre. Natürlich
unzureichend erfahren. Viele sehnen sich zurück könnte dieser Befund jetzt als Symptom einer tech-
in eine Zeit, in der man sich noch spontan und nicht nophobie interpretiert werden. die fundamentalen
via einladungslink begegnen und mit den Kolle- Fragen betreffen tatsächlich auch nicht bloß die
gen einfach bei einer passenden Gelegenheit in- virtuelle realität, sondern zunehmend das, was wir
formell austauschen konnte. War vor der Pandemie noch als real erachten. ist das, was wir unmittelbar
die virtuelle Welt noch so etwas wie das gelobte in unserem alltag erfahren, denn schon so mies,
digitale land, so beklagen heute viele, dass ihnen dass wir es unbedingt durch etwas Künstliches er-
ganz einfach der Händedruck fehlt. Und im priva- setzen müssen? Und erfahren wir realität nicht
ten Bereich leiden insbesondere ältere Menschen auch deshalb als unzureichend, weil sie eben
an mangelnden Berührungen und Umarmungen. schon längst nicht mehr so real ist?
denn während wir mit zunehmendem alter unse-
ren Sehsinn und unser Gehör einbüßen, bleiben ihr
wir bei den Berührungen weiterhin äußerst sensi-
bel. Thomas Duschlbauer
redakteur
Endlosanwendungen
dies hat auch die Forschung auf den Plan gerufen,
die daran arbeitet, eine künstliche Haut zu entwi-
ckeln, welche per touchscreen und vibrierenden
elektronikelementen Berührungen überträgt. der
Berührungssinn wäre in der lage, neben dem Se-
hen und Hören ein zusätzliches element der virtu-
ellen realität zu werden, sind die Forscher rund um
John rogers von der Northwestern University in
evanston (illinois, USa) zuversichtlich. Mit dieser
synthetischen Haut, die man sich z.B. auf den rü-
cken kleben kann, liefern sie nicht nur eine neue
digitale anwendung, sondern auch den Beweis
dafür, dass wir uns offenbar in die idee verrannt
haben, ein durch den einsatz von technologie ent-
standenes Problem erneut durch eine technologie
lösen zu können.
54 DIgItalE wElt der rePort 2021EUROPTEN ist ein zentral-
europäischer Spezialist im
Bereich Infrastruktur im
Frei- und Fahrleitungsbau
und setzt mit seiner mehr
als 100-jährigen Erfahrung
auf gut ausgebildete
Mitarbeiter, Sicherheit,
Innovation und Qualität.
Leistungen für Leitungen - Transmission is our Mission
EUROPean Trans ENergy www.europten.comVergleichs-weise
Die Fähigkeit des Differenzierens ist eine der wichtigsten menschlichen
Kompetenzen im Zeitalter der Digitalisierung.
Von thomas Duschlbauer
D
as Jahr 2020 war geprägt von zwei gewal-
tigen ereignissen mit eigenwilligen abkür-
zungen. allerdings ist durch SarS-CoV-2
bzw. Covid-19 unsere aufmerksamkeit gegenüber
GPt-3, dem wohl bemerkenswertesten algorith-
mus, der bislang entwickelt wurde, vergleichs-
weise gering gewesen. Und das obwohl er sicher-
lich einen Meilenstein der Ki-technologie reprä-
sentiert und aufzeigt, wie sehr sich unser leben
und unsere Gesellschaft in absehbarer Zeit verän-
dern könnten. Zu sehr waren wir in letzter Zeit mit
unserer vergeblichen Suche im Kaufhaus Öster-
reich oder mit den unglaublichen Hürden bei der
registrierung für die investitionsprämie beim aus-
tria Wirtschaftsservice (aWS) beschäftigt, um an-
gesichts dieser Niederungen der digitalisierung
eine derart spektakuläre Neuerung auf diesem Ge-
biet wahrzunehmen.
Kühle Kalkulationen
GPt-3 ist ein auf einem neuronalen Netzwerk ge-
stütztes Sprachmodell. es wurde von openai, ei-
nem von elon Musk mitgegründeten Forschungs-
unternehmen, entwickelt und wird als die bedeu-
tendste Neuerung in der Ki seit langer Zeit be-
zeichnet. das Modell hat 175 Milliarden Parameter
bzw. eigenschaften, die das neuronale Netz beim
training zu verbessern versucht. GPt-3 kann mit al-
lem umgehen, was eine Sprachstruktur aufweist.
das bedeutet, dass der algorithmus Fragen beant-
worten, Sprachen entschlüsseln und texte verfas-
sen kann, wobei er in der lage ist, sich auch unter-
schiedlicher Stile zu bedienen. all dies könnte aus-
wirkungen auf die art und Weise haben, wie Pro-
grammierungen und anwendungen in Zukunft er-
stellt werden. So wäre es denkbar, dass künftig ein
text über künstliche intelligenz – wie dieser in den
Wirtschaftsnachrichten – von einer künstlichen in-
telligenz selbst verfasst wird, zumal der algorith-
mus auch über sich selbst reflektieren kann – frei-
lich nur über den Zugriff auf jene Quellen, die
künstliche intelligenz thematisieren. Für den Jour-
nalismus würde dies etwa bedeuten, dass irgend-
wann der Zeitpunkt gekommen sein wird, wo es
Sabine Köszegi von der TU Wien sieht viele ethische Fra-
gestellungen bei künstlicher Intelligenz nicht beantwortet.
Foto: aPa/Müller
56 DIgItalE wElt der rePort 2021keiner Menschen mehr bedarf, um Content zu pro- derungen, die nicht so schnell zu lösen sind – auch
duzieren. Genau genommen hätte angesichts die- aufgrund ethischer Überlegungen“, so Sabine Kös-
ses Szenarios dann nur noch der investigative Jour- zegi, Professorin für arbeitswissenschaft und or-
nalismus eine Zukunft, wobei auch hier künstliche ganisation am institut für Managementwissen-
intelligenz einmal in der lage sein könnte, die schaften der technischen Universität (tU) Wien.
Überwachung und Kontrolle derart zu optimieren, das Problem liegt eben auch in der schlechten da-
dass beispielsweise Falschaussagen eines Politi- tenqualität: „Ungerechtfertigte diskriminierungen
kers sofort erkannt werden oder es von vornherein passieren nicht nur zwischen Menschen, sie sind
zu einem sinnlosen Unterfangen wird, Hardware- darüber hinaus in unseren Strukturen, Prozessen
teile zu schreddern. Ja, künstliche intelligenz und Praktiken institutionalisiert. Ki-Systeme lernen
könnte investigativen Journalismus auch deshalb aus diesen daten. das ist ein großes Problem bei
überflüssig machen, weil die wichtigen politischen Scoringsystemen, also Verfahren, die beispiels-
entscheidungen ohnehin nicht mehr von Men- weise die Kreditwürdigkeit, das Versicherungsri-
schen, sondern aufgrund kühler Kalkulationen von siko, die Wahrscheinlichkeit, kriminell zu werden
Maschinen getroffen werden. oder einen arbeitsplatz zu finden, prognostizieren.
Wenn man im falschen Bezirk wohnt und einen be-
wir sind unsere gefährder stimmten Namen hat, kann das zu einer ablehnung
Bis wir unsere Politiker durch Bots ersetzen, ist es des Kreditantrags führen. Ki-Systeme basieren auf
wohl noch ein langer Weg. Vorerst sind wahr-
scheinlich neben den Journalisten, autoren und
Übersetzern auch noch anwälte im Visier der
„wenn man im falschen Bezirk wohnt und einen
künstlichen intelligenz, zumal GPt-3 auch in der bestimmten Namen hat, kann das zu einer ableh-
lage ist, komplexe Formulierungen in einfach ver-
ständliche texte umzuwandeln. der eigentliche nung des Kreditantrags führen.“
Code von GPt-3 ist noch nicht für die Öffentlichkeit
zugänglich. elon Musk misst den algorithmen auch Prof. Sabine Köszegi, TU Wien
eine Gefährlichkeit zu, die er mit Nuklearwaffen in
einer liga ansiedelt. So wird der Zugang nur aus- statistischen Zusammenhängen, kennen aber
gewählten it-Spezialisten über eine aPi gewährt, keine Kausalität. Und da beginnen die Probleme“,
die von openai verwaltet wird. Seither entstanden so Sabine Köszegi. entgegenwirken könne man
u.a. bereits Modelle von Prosa, Poesie und Nach- dem durch gutes datenmaterial, transparenz und
richtenmeldungen. die Weiterentwicklung von algorithmen.
dabei liegt die Gefahr, die von solchen techni- Spannend sei auch, welche Qualifikationen bei-
schen Neuerungen ausgeht, gar nicht so sehr in spielsweise ein Pathologe oder ein radiologe künf-
der technologie selbst. es geht also nicht unbe- tig brauche. Wenn Ki-Systeme an ausreichend vie-
dingt darum, dass wir durch die fortschreitende di- len und guten daten trainiert werden könnten,
gitalisierung vielleicht einmal „overruled“ und etwa bei der diagnose bestimmter Karzinome,
überflüssig werden, sondern vielmehr um uns und seien Kis dem Menschen bereits überlegen. Bei
die art, wie wir denken und miteinander kommu- genaueren analysen zeige sich aber, dass Patho-
nizieren. dies zeigte eine Studie von Wissenschaft- logen besser sind, Krebs zu erkennen, während Ki-
lern der Universitäten Stanford und McMaster, die
ergab, dass GPt-3 aussagen erzeugt, die auch ein
intolerantes Bild über uns selbst zeichnen. Bei
manchen aufgaben spuckt der algorithmus sehr Fake-News-Detektor
voreingenommene und einseitige ergebnisse aus,
die sich in äußerst bigotten aussagen manifestie- armin Kirchknopf, Junior researcher an der Fachhochschule St. Pölten
ren. So wurden etwa Muslime im Vergleich mit und absolvent des Studiengangs interactive technologies, hat im rah-
Gläubigen anderer religionen sehr häufig mit aus- men seiner abschlussarbeit und eines Forschungsprojekts einen auto-
drücken aus dem Kontext von Gewalt assoziiert. matischen detektor für Fake News entwickelt.
ein algorithmus wie GPt-3 gibt aber nicht nur ras- im internet und auf sozialen Medien sind Fake News oft nur schwer von
sistische aussagen aus dem internet wieder, er er- wahren Nachrichten zu unterscheiden. Mitarbeiter von rechercheplatt-
findet neue von intoleranz geprägte aussagen und formen investieren mitunter viel Zeit, um licht ins dunkel zu bringen. ar-
kann so ein Meinungsbild verfestigen. insofern of- min Kirchknopf, absolvent des Masterstudiums interactive technologies
fenbart sich hier noch ein Mangel an tiefgang, und und Forschungsassistent der Forschungsgruppe Media Computing der
die ergebnisse lesen sich häufig eher mehr wie FH St. Pölten, entwickelte in seiner Masterarbeit „automated identifica-
Cut-and-paste-Jobs als wie originelle Kompositio- tion of information disorder in Social Media from Multimodal data“ Me-
nen. thoden, mit denen potentielle Fake News – zumindest in einem ersten
dies zeigt, dass die Bedrohung darin liegt, dass Schritt – automatisch erkannt werden können. das Programm ordnet
bestehende Stereotype – wie dies auch schon bei Meldungen durch das auswerten von texten, Bildern und anderen in-
anderen algorithmen nachgewiesen wurde – formationen aus Social Media ein und nutzt dabei Verfahren der künstli-
durch Ki verstärkt werden können. relativ pro- chen intelligenz. „die manuelle identifikation von Fake News bzw. von
blemlos lassen sich algorithmen in Bereiche inte- Gerüchten ist eine sehr anspruchsvolle aufgabe und selbst für expertin-
grieren, bei denen Menschen nicht direkt betroffen nen und experten schwierig. angesichts der stetig wachsenden daten-
sind – etwa wenn neuronale Netze in einer Zement- mengen stellte ich mir die Frage, ob Fake News durch datenanalyse
fabrik einen automatisierten Produktionsprozess auch automatisch erkannt und bewertet werden können“, sagt Kirch-
optimieren. „Werden Ki-Systeme aber in soziale knopf.
Systeme implementiert, stehen wir vor Herausfor-
der rePort 2021 DIgItalE wElt 57Auch für die künstliche Intel-
ligenz ist die Unterschei-
dung zwischen Fact und
Fake sehr schwierig.
Foto: Martin lifka
Menschen durch den Ki-
einsatz ihre Fähigkeiten
erweitern und nicht
Kompetenzen verlie-
ren?“, greift Köszegi ein
fundamentales thema
der digitalisierung auf.
Es gilt mehr denn je
zu differenzieren
diese Fragestellungen
rund um unsere
menschlichen Stärken
und Fähigkeiten mün-
den darin, dass wir uns
Systeme besser erkennen können, wenn es kein auf unsere intuition besinnen sollten, während bzw.
Krebs ist. Ki-Systeme und Menschen würden also weil vieles eben nicht in konkrete regeln gegossen
unterschiedliche Fehler machen. die genauesten werden kann. dies ist auch der Schlüssel für unsere
diagnosen seien getroffen worden, wenn erfah- Kreativität, die den Maschinen noch weit voraus ist.
rene Pathologen mithilfe von Ki-Systemen ent- eine Voraussetzung für intuition, wie sie beispiels-
schieden hätten. Und auch Chirurgen greifen bei weise im erkennen von Mustern zum ausdruck ge-
operationen immer stärker auf roboterunterstüt- langt, und Kreativität, wie sie etwa in der Kombi-
zung zurück. „Wie lässt sich sicherstellen, dass natorik von Bestehendem sichtbar wird, ist aller-
dings die Fähigkeit des differenzieren-Könnens.
Nur wer Unterschiede erkennt, wird auch Muster
erkennen können und in der lage sein, Unter-
Wie autonome Roboter schiedliches so miteinander zu verbinden, dass es
zu einer neuartigen und sinnstiftenden Synthese
mit dem Menschen kooperieren kommt. Sieht man sich gegenwärtig in den Foren
der sozialen Medien um, ist es darum bei uns al-
Matthias Scheutz, neuer Principal Scientist am ait austrian institute of lerdings schlecht bestellt. Hier geht es zunehmend
technology, beschäftigt sich mit der teamarbeit von Mensch und Ma- darum, bestehende Meinungen in der Blase zu be-
schine. stätigen, anstatt in einer differenzierten argumen-
Moderne roboter sind im Gegensatz zu ihren Vorgängern keine reinen tation zu neuen Schlüssen zu gelangen. auch die
arbeitsautomaten: die neue Generation nimmt ihre Umgebung wahr, sogenannte politische Korrektheit trägt momentan
kann reagieren und selbst entscheidungen treffen. „Mit den neuen Ma- sehr wenig zu einem differenzierten Weltbild bei
schinen hat sich das anwendungsgebiet der robotik potenziert: auto- und schafft so eine desinnovative Komfortzone für
nome Systeme sind nicht nur im industriellen Umfeld einsetzbar, son- soziale transformation. denn es wird uns sehr viel
dern auch als Verkehrsmittel, im Katastrophenschutz oder in der Pflege“, sehr einfach gemacht. es genügt – wie im Falle von
betont Matthias Scheutz, Professor für Computer- und Kognitionswis- immanuel Kant oder Winston Churchill – ein ras-
senschaften an der tufts University (Massachusetts, USa) und neuer Prin- sistisches Statement, um sich mit historischen Per-
cipal Scientist am ait austrian institute of technology. „Wie wir Men- sönlichkeiten und deren Werken nun nicht mehr
schen erfassen diese Maschinen ihre Umwelt, verarbeiten diese infor- auseinandersetzen zu müssen. Wie bei einem al-
mation und reagieren entsprechend“, so Scheutz. das ist die Grundlage gorithmus gibt es nun ein vorgegebenes Set an
dafür, dass industrieroboter mit Menschen interagieren und mit ihnen regeln oder dogmen, an die sich beispielsweise
im team zusammenarbeiten können. die Systeme müssen so konzipiert unsere erinnerungskultur – die auch teil unserer
sein, dass sie dem arbeitenden Menschen dienen, ihn unterstützen und Wissensgesellschaft ist – zu orientieren hat. es ge-
sich seinen Bedürfnissen anpassen. die am ait entwickelten technolo- nügt heute auch, alt, weiß und männlich zu sein,
gien und Methoden unterstützen zum Beispiel die automatisierte indus- um bei gewissen themen kein Gehör mehr zu fin-
trielle Produktion und inspektion. Ändern sich die Produktionsbedin- den. Wir werden in Zukunft vielleicht gar nicht das
gungen, können regelungssysteme in echtzeit darauf reagieren und so Privileg haben, mitzubekommen, wie sehr wir von
die ergebnisse permanent optimieren. immer den Menschen und seine künstlicher intelligenz abgelöst werden, weil wir
Bedürfnisse im Fokus der entwicklungen, war und ist es das Ziel, res- als Menschen zu sehr vom affektiven gesteuert
sourcen und Umwelt zu schonen, hohe Flexibilität zu gewährleisten und sind und Muster der Bevormundung aufgrund ei-
gleichzeitig wettbewerbsfähig zu sein. nes fehlenden differenzierungsvermögens gar
nicht mehr wahrnehmen können. l
58 DIgItalE wElt der rePort 2021„Digitalisierung ist kein trend,
sondern ein game -Changer“
auch das Steuer-, Buchhaltungs- und Rechnungswesen wird immer
digitaler. welche Herausforderungen es dabei zu bewältigen gibt und
wie die FH Campus wien Studierende in diesem Bereich darauf vorberei-
tet, erzählt Martin Setnicka, leiter des Zertifikatsprogramms Digitalisie-
rung im Steuer- und Rechnungswesen der FH Campus wien.
Was sollte man dabei beachten?
digitalisierung muss unbedingt im einklang mit
der Unternehmensstrategie und der Unterneh-
menskultur stehen. es ist wichtig, alle Beteiligten
mitzunehmen und ein gemeinsames Mindset zum
thema digitalisierung, datengetriebene entschei-
dungen etc. aufzubauen. aber wenn die Führungs-
kräfte die digitalisierung nicht mittragen, werden
es die Mitarbeiter auch nicht tun. Nicht zuletzt feh-
len vielfach digitale Kompetenzen. Meiner Mei-
Mit dem Zertifikatsprogramm Digitalisierung im Steuer- und Rechnungswesen und dem nung nach sollte es bereits in den Schulen eine di-
Studiengang Tax Management macht die FH Campus Wien Studierende für die gitale Grundbildung geben und eine entspre-
Digitalisierung fit. Foto: ludwig Schedl chende Fortbildung in den Unternehmen und
Kanzleien. digitalisierung muss zur allgemeinbil-
Immer wieder ist zu hören, dass die Pandemie dung werden.
die Digitalisierung beschleunigt hat. Gilt das
auch für das Steuer-, Buchhaltungs- und Rech- Da setzt ja die FH Campus Wien an …
nungswesen? Genau. Unsere absolventinnen sollen in der lage
das thema digitalisierung ist nicht nur im alltag, sein, die durch die digitalisierung bedingten Ver-
sondern auch im Unternehmensbereich endgültig änderungsprozesse zu erkennen, zu begleiten und
angekommen. die digitalisierung beeinflusst na- lösungsansätze dafür zu entwickeln. daher bieten
hezu alle Branchen und Bereiche, so auch das wir all jenen, die sich entsprechend fortbilden wol-
Steuer- und rechnungswesen. len, seit Herbst 2020 ein berufsbegleitendes Zer-
tifikatsprogramm digitalisierung im Steuer- und
Aber wie stark ist die Digitalisierung da fort- rechnungswesen an. es macht die teilnehmerin-
geschritten? nen anhand praxisorientierter Szenarien mit den
es ist noch luft nach oben. Kanzleien und Unter- Kerntechnologien der digitalisierung, deren recht-
Martin Setnicka, nehmen müssen sich besser und rascher aufstel- lichen rahmenbedingungen sowie entsprechen-
FH Campus Wien len. Sie übersehen, dass die digitalisierung kein den tools und einsatzmöglichkeiten bekannt.
Foto: Martin Setnicka trend ist, sondern ein Game-Changer. es gibt zwar darüber hinaus wurde auch der Studiengang tax
bereits komplett digitale Kanzleien, aber die sind Management adaptiert.
die ausnahme.
Was hat sich da verändert?
Und die Finanz? ebenfalls seit vergangenem Herbst ist die digita-
auch da gibt es noch aufholbedarf. lisierung in 25 Prozent der lehrveranstaltungen
verankert. Ziel ist der erwerb von fachspezifischem
Worauf führen Sie das zurück? Wissen in den Bereichen digitalisierung sowie die
dafür gibt es verschiedene Gründe. einer ist, dass Verknüpfung zu den steuerrechtlichen anforde-
sich das thema bei vielen Führungskräften noch rungen. den Studierenden werden digitale ab-
nicht durchgesetzt hat. das hängt vor allem damit läufe, Prozesse, tools und vieles mehr für den be-
zusammen, dass ältere Führungskräfte angesichts ruflichen alltag vorgestellt. ein weiterer Schwer-
der anstehenden Pension das thema digitalisie- punkt sind die sich dadurch verändernden arbeits-
rung nicht anstoßen wollen. dabei wäre gerade und Managementmethoden wie Führung im digi-
jetzt der richtige Zeitpunkt, die digitalisierungs- talen Zeitalter oder agiles Mindset. Um die trans-
maßnahmen im Steuer- und rechnungswesen formation zu bewältigen, braucht es schließlich
nachhaltig auszubauen. auch Menschen, die sie vorantreiben. l
der rePort 2021 DIgItalE wElt 59Emotionale Entscheidungen
sind wesentlicher teil des
Menschseins, und zu glauben,
eine durch und durch rationale
welt wäre besser, ist ein Irrtum.
Mit künstlicher
Intelligenz in
teufels Küche
Der bekannte deutsche Philosoph Richard David Precht gilt als prominen-
ter Skeptiker der Digitalisierung. laut ihm mache künstliche Intelligenz
unsere welt nicht menschlicher. Chefredakteur Stefan Rothbart sprach
mit ihm über die grenzen der Digitalisierung und warum man mit
Rationalität keine besseren Entscheidungen trifft.
Interview von Stefan Rothbart
Herr Precht, Sie schreiben in Ihrem Buch ein- Vor allem im Silicon Valley finden sich viele Ver-
gangs, dass es aktuell zwei wesentliche Strö- treter des Posthumanismus. Was steckt für ein
mungen gäbe. Die eine meint, der Mensch Geist dahinter, zu glauben, wir müssten unsere
müsse zurück zur Natur finden, und die andere eigene Intelligenz gegen eine künstliche Erset-
will den Menschen mittels Technik verbessern. zen, um bessere Entscheidungen treffen zu kön-
Letztere nennt sich Posthumanismus. Woher nen?
kommt der Wunsch, den Menschen zu überwin- Man möchte den Menschen so weit wie möglich
den? von seinen biologischen Grenzen befreien. der
Beide Strömungen haben mit dem Klimawandel alte traum der Unsterblichkeit. Man hofft mit der
zu tun. Posthumanisten sind der auffassung, man technik auf eine höhere Stufe des Menschseins.
könne dem Klimawandel nur damit begegnen, in- Wir digitalisieren nicht nur, um Wirtschaft effektiver
dem man den menschlichen Körper resistent ge- zu machen, sondern nach ansicht ihrer Vordenker
gen jegliche Umwelteinflüsse macht und ihn quasi auch, um abstrakte höhere Ziele des Menschseins
aus der Natur heraushebt. Und hierbei spielen die zu erreichen. die leitbilder des Silicon Valleys fin-
digitalisierung und künstliche intelligenz eine den die meisten Menschen bei genauerer Betrach-
rolle. doch ich glaube nicht, dass Posthumanisten tung aber gar nicht so toll. in der rationalisierung
eine realistische Perspektive vertreten. unseres lebens durch algorithmen steckt letztend-
lich wenig Menschliches darin.
60 DIgItalE wElt der rePort 2021Der Posthumanismus propagiert auch eine Ver- Art Utilitarismus-
schmelzung des Individuums mit seiner digita- Diktatur zu, wenn
len Identität. In der Corona-Krise diskutieren wir eine KI uns vorgibt,
viel über digitale Kontaktverfolgung, digitale was die jeweils ge-
Gesundheitsnachweise etc. In China kann inzwi- rechteste und
schen nur jemand am öffentlichen Leben teil- beste Entschei-
nehmen, der mittels QR-Code seinen Gesund- dung für das Ge-
heitsstatus belegen kann. Hat die Corona-Krise meinwohl ist?
dem Posthumanismus Vorschub geleistet? Wird die Gesell-
Bezogen auf europa kann ich das nicht erkennen. schaft dadurch
Vor allem auch deswegen, weil sich die digitalen letztendlich nicht
Versprechen in der Corona-Krise als Flopp erwie- ziemlich „un-
sen haben. denken Sie nur an die Corona-app, die menschlich“?
letztendlich eine unbedeutende rolle bei der Be- der Utilitarismus ist
kämpfung der Pandemie gespielt hat, obwohl in den angelsächsi-
man – zumindest hier in deutschland – wahnsinnig schen ländern viel
überzogene erwartungen daran hatte. dasselbe stärker im rechts-
gilt für die digitalisierung der Schulen. auch hier system verankert. in
haben die technik-apostel gemeint, mit digitali- deutschland und in
sierung ginge die lehre viel besser und man brau- Österreich ist er
che ja gar keinen Präsenzunterricht. Jetzt sehen wir, durch die Verfas-
dass wir nicht nur die Programme dafür nicht ha- sungen nicht ge-
ben, sondern wir sehen auch, dass die Kinder ei- deckt. Nach den ethischen Vorgaben von imma- Richard David Precht
gentlich wahnsinnig gerne in die Schule gehen, nuel Kant kann man keine algorithmen program- Foto: Gunter Glücklich
weil ein großer teil des lerneffekts an Schulen aus mieren, weil im Kern der Kant’schen Pflichtethik
der sozialen interkation mit Mitschülern besteht. die einsichtsfähigkeit steckt, die Maschinen nicht
das lernen von anderen. das sind wesentliche haben. Man kann nach utilitaristischen Mustern
dinge, die die digitalisierung nicht ersetzen ausrechnen, wie viel Schaden einerseits und wie
kann. ich würde eher sagen, durch Video-Konfe- viel Glück andererseits entstehen. Nach diesem bi-
Foto: pexels.com/cottonbro
renzen und Homeoffice haben wir eher erkannt, nären Schema arbeiten Maschinen. Kühle, sachli-
was uns die technik nicht bieten kann, nämlich che und vermeintlich ethische entscheidungen.
die persönliche und emotionale Nähe zu unseren lässt man eine Ki so entscheiden, kommt man
Mitmenschen. der allgemeine ruf nach immer nicht ins Paradies, sondern in teufels Küche. Zur
mehr digitalisierung ist daher zu einseitig. Wir er- Moral gehört der emotionale menschliche Faktor
kennen, was uns digitale Surrogate nicht liefern hinzu. Kürzen wir diesen raus, schaffen wir im
können, und dass das Problem etwa im Bildungs- wahrsten Sinne des Wortes eine „unmenschliche“
bereich nicht per se fehlende digitalisierung ist. Moral. das sehen wir etwa am Beispiel, wenn ein
autonomes auto so programmiert wird, lieber eine
Viele sind der Meinung, Digitalisierung werde ältere dame als ein Kind zu überfahren. darin se-
mehr Jobs schaffen als dadurch verloren gehen. hen wir eine Wertabstufung menschlichen lebens
Geht sich das aus, wenn künstliche Intelligenz und das widerspricht in deutschland und in Öster-
selbst Anwälten und Ärzten das Denken ab- reich dem Grundgesetz bzw. der Verfassung. Wei-
nimmt? tergedacht ist die emotionslosigkeit von Ki-ent-
ich beschäftige mich seit sieben Jahren mit dem scheidungen eine Form rationaler diktatur.
thema und bin inzwischen der Meinung, dass
mehr Jobs verloren gehen als geschaffen werden. Warum hat die Rationalität nichts mit dem
anders als bei der industriellen revolution des 19. Menschsein zu tun?
Jahrhunderts gibt es keine räumliche expansion es sind zunächst biologische instinkte, die unser
der Märkte mehr, sondern nur ein ersetzen der be- leben leiten. ich nehme an, Sie ziehen das leben „Künstliche Intelligenz
stehenden. die industrialisierung fiel mit dem im- ihres Kindes dem eines Wildfremden vor. das ist und der Sinn des Lebens“
perialismus zusammen, wo gerade wir als euro- keine rationale Haltung, sondern eine rein emotio- von Richard David Precht.
päer überall auf der Welt länder in Beschlag nah- nale. Selbst wenn wir glauben, eine rationale ent- Erschienen 2020 bei Gold-
men und immer neue rohstoffquellen erschlossen. scheidung getroffen zu haben, war es letztendlich mann. Foto: Goldmann
es ging um ausweitung der Produktion. das pas- immer ein Gefühl, dass den ausschlag gegeben
siert mit der digitalisierung aber nicht. Selbst wenn hat. Um beim Beispiel des autonomen autos zu
im Hightech-Bereich viele neue Jobs entstehen, bleiben. Wenn die Frage lautet, soll eher ein
nützt das nur begrenzt. Wir werden wahrscheinlich Schwerverbrecher als ein Kind überfahren werden,
nicht genügend Menschen haben, diese zu beset- dann ist für die meisten Menschen die entschei-
zen. Und diese arbeitskräfte lassen sich auch nicht dung klar: das leben des Kindes ist mehr wert als
unbegrenzt erzeugen, schon gar nicht mit jenen das des Schwerverbrechers. doch wenn das ei-
Menschen, die im Bereich von routinearbeiten ar- gene Kind der Schwerverbrecher ist, sieht die in-
beitslos werden. dividuelle Präferenz gänzlich anders aus. Wenn
man selbst betroffen ist, entscheidet die emotio-
Ist die Tendenz, Entscheidungen und Prozesse nale Nähe, nicht die rationalität. Nimmt man all
mit künstlicher Intelligenz verbessern und ratio- diese emotionalen Faktoren aus der Gleichung
naler machen zu wollen, nicht auch Ausdruck ei- raus, bekommen wir ein sehr unmenschliches Sys-
nes Optimierungsdrucks? Steuern wir auf eine tem. l
der rePort 2021 DIgItalE wElt 61Von der Muskelkraft zur geisteskraft
Die Corona-Pandemie hat innerhalb eines Jahres geschafft, was einige
Jahre zuvor dahindämmerte: die Digitalisierung aus dem Dornröschen-
schlaf zu wecken. Hannes androsch hat bereits zu Zeiten, als Digitalisie-
rung noch kein Begriff war, mit dem Kauf der kleinen steirischen leiter-
plattenfirma at&S auf diese Entwicklung gesetzt. Das Unternehmen
zählt heute zu den drei bis vier weltweit führenden auf seinem gebiet,
setzt jährlich eine Milliarde um und beschäftigt in Österreich, China, In-
dien und Südkorea rund 10.000 Mitarbeiter.
Von Marie-theres Ehrendorff
angst vor dem digitalen Wandel zu haben wäre
die völlig falsche reaktion. es eröffnen sich auch
große Möglichkeiten und Chancen: die digitali-
sierung ist heute der Schlüssel für wirtschaftliche
Prosperität und kann bei der lösung der „Grand
Challenges“ wie Klimawandel, energiewende, er-
nährung der wachsenden Weltbevölkerung, Um-
welt- und Biodiversitätsschutz oder der alternden
Gesellschaft helfen. auch beim Weg aus der Co-
rona-Krise spielen digitale technologien eine wich-
tige rolle.
Mit welchen wirtschaftlichen Auswirkungen
rechnen Sie?
in der Wirtschaft wird die technologie radikale in-
novationen hervorbringen und ganze industrie-
zweige auf eine disruptive art verändern. in der
heutigen Plattform-Ökonomie wachsen die Ser-
viceleistungen, die mit Gütern verbunden sind, viel
schneller als die Produktion der Güter. Unterneh-
men müssen neue Geschäftsmodelle entwickeln
und erschließen. Berufsbilder verändern sich, tra-
ditionelle arbeitsstellen werden wegfallen, im Ge-
genzug werden neue Jobs entstehen.
Die zunehmende Automatisierung könnte auch
zu Arbeitslosigkeit führen …
die Furcht vor technologiebedingter Massenar-
Foto: aiC/Wirtschaftsverlag beitslosigkeit ist so alt wie die Wirtschaft selbst.
Historisch betrachtet entstanden aber bei wirt-
schaftlichen Umbrüchen stets viel mehr neue Stel-
Der Industrielle Dr. Hannes Herr Dr. Androsch, was bringt die Digitalisie- len, als alte verloren gingen. dank neuer techno-
Androsch hat als Finanzmi- rung mit sich? logien verschwanden insbesondere monotone,
nister und Vizekanzler in Wir leben in einer Zeit rasanter Veränderungen. gefährliche und schwere Jobs bzw. leicht erlern-
der Ära Kreisky gedient. eine Zeit von Umwälzungen und Umbrüchen. es bare routinetätigkeiten, die sogenannten „3 d’s:
Heute ist seine Sicht auf ist zugleich eine Zeit der Ungewissheiten und Un- dull, dirty and dangerous“. die neue Maschinenin-
die politischen wie wirt- sicherheiten und damit auch eine Zeit von Besorg- telligenz macht nun auch Menschen im „White col-
schaftlichen Entwicklun- nis und Ängsten – insgesamt eine epochenwende. lar“-Bereich Konkurrenz – aber sie macht sie des-
gen Österreichs im In- und Und diese Zeitenwende bringt völlig neue anfor- wegen nicht arbeitslos.
Ausland gefragt. derungen und Probleme mit sich, die sich auch
nicht mit rückgriffen auf die Vergangenheit lösen Welche Arbeit wird im digitalen Zeitalter nach-
lassen. gefragt sein?
Man braucht Spezialisten, die das digitale Zeitalter
Das ist aber ein beängstigendes Szenario … meistern. angesichts des demografischen Wan-
62 DIgItalE wElt der rePort 2021dels gibt es in absehbarer Zukunft kein Überange- sehr schmalen anwendungsbereichen genutzt,
bot an arbeitskräften, sondern einen Mangel – und man ist noch meilenweit von der entwicklung einer
zwar auf allen Qualifikationsstufen, vor allem im universellen, „starken“ Ki, einer „Superintelligenz“,
Pflege- oder Bildungsbereich. daher muss in Zu- entfernt.
kunft ein starker Schwerpunkt auf aus- und Wei-
terbildung gelegt werden. Welche Maßnahmen sollten jetzt ergriffen wer-
den, um die Bevölkerung sicher in das digitale
Die Abstiegs-, Verdrängungs- und Zukunfts- Zeitalter zu leiten?
ängste der Bevölkerung sind aber dennoch un- es sind vor allem drei Bereiche, die dringend an-
überhörbar. Wird diese Entwicklung auch so- gegangen werden müssen: das betrifft erstens die
ziale Veränderungen mit sich bringen? Bildung, zweitens eine soziale abfederung der Ver-
Wie bei jeder transformation gibt es Modernisie- änderungen und drittens neue regeln für das di-
rungsgewinner und Modernisierungsverlierer, was gitalzeitalter.
wir sozial abfedern müssen. Menschen, die in der es ist – erstens – aufgabe des Bildungswesens, die
Plattform-Ökonomie engagiert sind, profitieren Menschen auf die Veränderungen vorzubereiten Ein Buch über Digitalisie-
von der entwicklung. Parallel dazu entstehen aber und sie zu befähigen, die Veränderungsprozesse rung hat Hannes Androsch
auch viele schlecht bezahlte und nicht abgesi- aktiv mitzugestalten. in der Geschichte wurden gerade in Arbeit.
cherte Jobs wie das digitale Proletariat, auch „Gig- durch innovationen immer auch Bildungsrevolu-
Ökonomie“ genannt. das spaltet die Gesellschaft tionen notwendig. So wie es für das industrielle
zunehmend. das müssen wir bekämpfen. Zeitalter notwendig war, rechnen, schreiben und
lesen zu beherrschen, um von einfachen und aus-
Könnte das unser demokratisches System ge- beuterischen arbeiten zu hochwertigeren Jobs zu
fährden? kommen, so braucht es nun wieder einen Bil-
Bewusst gestreute „Fake News“ beispielsweise dungsschritt für das digitale Zeitalter. Unser Bil-
können das Vertrauen der Menschen untergraben dungssystem ist allerdings noch nicht einmal am
und die Gesellschaft destabilisieren. Menschen Höhepunkt des industriezeitalters angekommen.
können durch das Sammeln und auswerten von dringend erforderlich ist nun eine Neuausrichtung
daten in bisher ungeahnter Weise überwacht und des gesamten Bildungswesens vom vorschuli-
manipuliert werden – sei es in Form eines „antide- schen Bereich über das lehrlingswesen bis hin
mokratischen Überwachungsstaats“ nach chinesi- zum universitären Bereich und zum lebenslangen
schem Muster oder eines „manipulierenden Über- lernen. entscheidende Punkte dabei sind auch, in-
wachungskapitalismus“ durch Konzerne, die sich novationsfreundlicher zu werden und interdiszip-
jeglicher Kontrolle entziehen. linärer zu denken und zu handeln.
Die Digitalisierung wirft auch zahlreiche Fragen Und was wäre im sozialen Bereich vonnöten?
hinsichtlich Ethik, Sicherheit oder Haftung auf … Wir müssen die Menschen nicht nur fit machen für
Jede fundamentale Neuerung trägt beide ele- die digitale Welt, sondern den Wandel sozial ab-
mente in sich: Nutzen und Gefahr. Ähnlich einem federn und die Betroffenen auffangen, um zu ver-
Messer kommt es immer drauf an, wie man eine hindern, dass sich das Geschehen des 19. Jahr-
innovation anwendet. Je vernetzter die Welt, je hunderts wiederholt – dass am Weg zu höherer
komplexer und umfassender it-Systeme, je mehr Prosperität auch heute wieder elend, armut und
arbeit sie uns abnehmen und Bequemlichkeit in ausbeutung entstehen.
unser leben bringen, umso mehr sind wir von der Und drittens bedarf es für die Cyberwelt wie bei
technologie abhängig – und umso schlimmer wird allem Neuen auch neuer ordnungsmaßnahmen
es, wenn diese Systeme ausfallen, mutwillig mani- und neuer Spielregeln. Jeder technologiesprung
puliert oder gezielt angegriffen werden. das macht erfordert neue regeln: als Menschen zum Beispiel
uns extrem verwundbar. daher ist es unumgäng- noch mit Mauleseln unterwegs waren, war noch
lich, nicht nur technologische Problemstellungen keine Straßenverkehrsordnung notwendig. Jetzt
zu erforschen und zu lösen, sondern sich auch mit bedarf es gleichsam einer Straßenverkehrsord-
rechtlichen, gesellschaftlichen, ökologischen, öko- nung für die digitale Welt – einer art „Magna
nomischen, sozialen, politischen und ethischen Charta des internets“.
Fragen zu befassen. die verschiedenen Wissen-
schaftsdisziplinen müssen viel enger als bisher mit- Und wer soll diese digitale Magna Charta erstel-
einander kooperieren. Sowohl in der Grundlagen- len?
forschung als auch in der angewandten Forschung diese neuen regularien können nur gemeinsam
haben wir großen Handlungsbedarf. entwickelt werden. Wir brauchen daher eine inten-
sive Zusammenarbeit auf europäischer und auf in-
Glauben Sie, wird die künstliche Intelligenz in ternationaler ebene. Wir brauchen eine globale
absehbarer Zeit imstande sein, die menschliche antwort auf die monopolartigen Strukturen der di-
Intelligenz zu übertreffen? gitalwirtschaft. Und wir brauchen eine planvolle
der Mensch mit seiner imagination, intuition und Umgestaltung aller Prozesse in Wirtschaft und Ver-
Kreativität muss die letztentscheidung behalten, waltung. die absurdität, dass digital erstellte ar-
für welche Ziele technologien genutzt und wie sie chitekturpläne zur einreichung wieder in Papier-
konkret eingesetzt werden. So ist auch die künst- form vorgelegt werden müssen, sollte der Vergan-
liche intelligenz nicht als solche eine mögliche Ge- genheit angehören. Kurz gesagt: Wir brauchen
fahr für den Menschen, sondern deren einsatz und eine digitale agenda, um die Zukunft proaktiv ge-
ausgestaltung. derzeit werden Ki-Systeme nur in stalten und die Chancen nutzen zu können. l
der rePort 2021 DIgItalE wElt 63Die zukunftsweisende Technologie 6G ist vielseitig in der Anwendung und schafft in drahtlosen Kommunikationssystemen neue Möglichkeiten. Der si-
chere, kostengünstige und umweltfreundliche Betrieb ist in der Industrie ebenso gefragt wie in der öffentlichen Infrastruktur. Foto: iStock.com/aloha_17
Neue 6g-Kommunikationssysteme:
aIt hat die Zukunft fest im griff
Durch das stetige anwachsen der Datenströme getrieben, lässt die For-
schung und Entwicklung nach immer effizienteren Datenverbindungen
suchen. Das Mobilnetz 6g soll künftig weitaus schnellere Datenverbin-
dungen ermöglichen, als uns das im heutigen ltE-Netz, 5g oder über
wlaN überhaupt möglich erscheint.
D
ie mobile Vernetzung von Menschen, aber Neue anwendungen durch drahtlose 6g-
auch von Maschinen und physischen ob- Kommunikationssysteme
jekten – wie dem internet of things – iot – Moderne 6G-Kommunikationssysteme erlauben
schreitet unaufhaltsam voran. die 5G-technologie einen sichereren, kostengünstigeren, zuverlässige-
befindet sich im globalen rollout und wird in naher ren und umweltfreundlicheren Betrieb vieler tech-
Zukunft flächendeckend verfügbar sein. Um höchst nischer Systeme – etwa in der industrie und im Ver-
zuverlässige Kommunikation für industrielle Steue- kehr, wo für zukünftige sicherheitskritische anwen-
rungsanlagen, roboter, autonome System u.v.m. dungen zuverlässige drahtlose Kommunikations-
im Zuge der digitalisierung unserer Gesellschaft systeme mit kurzer latenz von maximal 100 Mikro-
nachhaltig bereitzustellen, sind laufend weitere sekunden Verzögerung und hoher Zuverlässigkeit
technische entwicklungen erforderlich. von über 99,999 Prozent erforderlich sind. 6G-Sys-
Hohe resilienz, beste Funktionalität, Security by teme vermindern außerdem den energiever-
design sowie hohe energieeffizienz nach etablier- brauch und erhöhen die Wettbewerbsfähigkeit –
ten Maßstäben sind zwingend notwendig, um eine ganz im Sinne der im europäischen „Green deal“
weitere Vernetzung sicherzustellen. dafür wurde verankerten Ziele von verbesserter ressourcenef-
fizienz und geringeren treibhausgas-emissionen.
So ist es beispielsweise in Produktionsprozessen
6g ist die Zukunft der Zukunft erforderlich, eine rasche und zuverläs-
in der mobilen Kommunikation. sige interaktion zwischen robotern sowie zwischen
Mensch und roboter zu gewährleisten. 6G-Kom-
im ait austrian institute of technology ein neuer munikationssysteme werden es modernen indus-
6G-Forschungsschwerpunkt im Center for digital trieunternehmen damit ermöglichen, den Ge-
Safety & Security gegründet. dieses Know-how ist schäftsstandort Österreich im globalen Kontext
der Schlüssel zu einem wettbewerbsfähigen öster- wettbewerbsfähig zu halten und einen Beitrag zur
reichischen Wirtschaftsstandort und ein Beitrag zur digitalen autonomie der österreichischen Gesell-
europäischen Strategie einer digitalen autonomie. schaft zu leisten.
64 DIgItalE wElt der rePort 2021Werbung
ländliche gebiete profitieren von 6g Brücke zwischen grundlagenforschung,
auch für öffentliche Verkehrsmittel, die zur Co2- angewandter Forschung und Industrie
reduzierung beitragen, können zuverlässige Manfred tscheligi untersucht vielfältige aspekte
drahtlose echtzeit-Kommunikationsverbindungen des Zusammenspiels zwischen Mensch und Com-
entscheidende Beiträge liefern. durch sie ist es puter, um gewünschte interaktionen zu ermögli-
beispielsweise möglich, heutige teure drahtge- chen und wünschenswerte Zukunftsszenarien zu
bundene Sicherheitssysteme im Bahnverkehr entwickeln. Forschungsschwerpunkte sind dabei
durch kostengünstigere drahtlose Kommunikati- die Untersuchung von komplexen und spezifi-
onsverbindungen zu ersetzen. auch für den Be- schen interaktionssituationen, wie etwa in Produk-
trieb oder die Neubelebung von bisher unrentab- tionsumgebungen oder autos der Zukunft, neue
len Nebenbahnen können die neuen 6G-Kommu- interaktionsmaterialitäten- und ansätze bzw. User
nikationssysteme entscheidend sein, da der Be- experience als umfassendes Konzept.
trieb von Zügen mit ihrer Hilfe autonom und sicher Seine arbeit ist seit Beginn an eine Brücke zwi-
realisiert werden kann. das trägt zu einer Steige- schen Grundlagenforschung, angewandter For-
rung der öffentlichen Mobilität in ländlichen Ge- schung, aus- und Weiterbildung sowie der Umset-
bieten bei und reduziert den individualverkehr. zung in der industrie. Nun wurde er mit dem re-
Mit der ernennung von thomas Zemen zum Prin- nommierten iFiP tC13 Pioneer award ausgezeich-
cipal Scientist am Center for digital Safety & Secu- net. der iFiP tC13 Pioneer award würdigt weltweit Der vielfach ausgezeich-
rity betraut das ait austrian institute of technology herausragende Beiträge zur entwicklung des Fach- nete Thomas Zemen, Prin-
einen international anerkannten experten. auf gebietes Human-Computer interaction (HCi). dazu cipal Scientist am AIT Cen-
dem Forschungsgebiet künftiger 5G- bzw. 6G-ba- gehört auch anerkannte Publikationstätigkeit. ter for Digital Safety & Se-
sierender Kommunikationssysteme verspricht sich tC13 ist ein internationales Komitee der interna- curity, genießt mit bedeu-
das ait eine verstärkte Positionierung in diesem tional Federation for information Processing (iFiP) tenden nationalen und
weltweit zukunftskritischen Forschungsgebiet. für Fragen auf dem Gebiet der HCi. Mit aktuell 30 europäischen Forschungs-
nationalen Mitgliedsorganisationen und neun ar- projekten einen hervor-
Zuverlässige drahtlose Kommunikation beitsgruppen, die Spezialistinnen und Spezialisten ragenden internationalen
in seiner Forschung konzentriert sich thomas Ze- aus den Bereichen Human Factors, ergonomie, Ko- Ruf.
men u.a. auf das Zusammenspiel des physischen gnitionswissenschaft, informatik, design und ver- Foto: ait/ Johannes Zinner
Funkkanals mit anderen teilen von Kommunikati- wandten disziplinen vertreten, zählt dieses Komi-
onssystemen. er ist autor und Mitautor von vier tee zu den weltweit anerkanntesten.
Buchkapiteln, 37 Zeitschriftenartikeln, mehr als 113 „der Preis ist eine Bestätigung unserer Forschungs-
Konferenzbeiträgen und zwei Patenten im Bereich leistung, unserer Beiträge zur internationalen ent-
der drahtlosen Kommunikation. thomas Zemen wicklung von Human-Computer interaction und
unterrichtet als externer dozent an der techni- unterstützt unsere internationale Positionierung“,
schen Universität Wien und war von 2011 bis 2017 freut sich tscheligi. Neben Manfred tscheligi wur-
editor bei ieee transactions on Wireless Commu- den auch Marco Winckler (Frankreich), Peter Forb-
nications. rig (deutschland), ann Blandford (Großbritannien),
Seit 2014 arbeitet er als Senior Scientist am ait John M. Carroll (USa) und Monique
austrian institute of technology und baute in die- Noirhomme‐Fraiture (Belgien) ausgezeichnet. l
ser Zeit die Forschungsgruppe für zuverlässige
drahtlose Kommunikation auf. im Jahr 2017 wurde
er thematic Coordinator für das Forschungsgebiet Univ.-Prof. Dr. Manfred Tscheligi
„Physical layer Security“, das drahtlose Kommuni- Manfred tscheligi ist Professor für Human-
kation, Photonik, und Quantentechnologien ver- Computer interaction & Usability an der Uni-
bindet. versität Salzburg und Head of Center for
Zemen befasst sich bereits über Jahrzehnte mit zu- technology experience am ait austrian in-
kunftsweisender thematik. er studierte an der tU stitute of technology. an der Universität
Wien elektrotechnik/Nachrichtentechnik und Salzburg leitet er das Center for Human-
schloss sein Studium 1998 mit auszeichnung ab. Computer interaction. er ist seit Jahren in
2004 folgte das doktorat und 2013 die Habilitation den Bereichen interaktiver Systeme, Human-
Computer interaction, Usability engineering,
User interface design, Human Factors und
Mensch-Computer- User experience research tätig und gilt als Manfred Tscheligi, Head of
Pionier dieses Gebiets in Österreich inner- Center for Technology Ex-
Interaktion ist grundlage halb der ausbildung, als Forschungsgebiet perience am AIT Austrian
sowie in der industriellen anwendung. da- Institute of Technology,
für anwendungen. bei ist er für die erfolgreiche durchführung wurde im Bereich Mensch-
zahlreicher Forschungs- und industriekoope- Computer-Interaktion aus-
– beides ebenfalls an der tU Wien. Von 1998 bis rationen wie auch für die erfolgreiche etab- gezeichnet. Er überzeugte
2003 arbeitete thomas Zemen bei Siemens Öster- lierung nationaler und internationaler initiati- die internationale Fachjury
reich. Von 2003 bis 2014 war er am FtW For- ven verantwortlich. er verfügt über zahlrei- mit seiner Arbeit und
schungszentrum telekommunikation Wien tätig, che Publikationen in unterschiedlichen teil- wurde dafür mit dem IFIP
wo er die abteilung „Signal- und informationsver- bereichen von Human-Computer interaction TC13 Pioneer Award ge-
arbeitung“ leitete. und User experience research. würdigt.
Foto: rita Skof
der rePort 2021 DIgItalE wElt 65Foto: Shutterstock/oatawa
auf gedeih und Verderb
wie die Datenkraken unsere wirtschaft platt formen.
H
eute ist jeder ein Zulieferer. egal, ob wäh- dann können wir davon ausgehen, dass wir das
rend der arbeitszeit oder in der Freizeit: Produkt oder die dienstleistung sind“, bringt es der
Unermüdlich stellen wir für internetriesen onlinehändler Mario Kremser auf den Punkt. er
wie Google, Microsoft, Facebook oder amazon verweist auch darauf, dass dies lange nicht selbst-
gratis zu. denn Computer und Smartphones, on- verständlich war, zumal anfang der 1990er-Jahre
line-lautsprecher sowie Fitness-armbänder laden für die Unternehmen das Verarbeiten, Sortieren
einen Großteil unserer daten auf die Server dieser und archivieren von Benutzerdaten oder gar die
Firmen. Selbst über e-Scooter und leihfahrräder analyse des Nutzerverhaltens noch zu aufwendig
generieren wir Bewegungsdaten, die diesen Un- erschien und logfiles sowie Serverfiles daher ein-
ternehmen zur Verfügung stehen. Jede aktivität im fach gelöscht wurden. erst seit Beginn der 2000er-
Netz, jeder Klick, jedes like, jedes gepostete Foto Jahre hat sich das geändert und daten werden
und jeder online-Kommentar von uns ist für diese nicht nur in Massen gespeichert, sondern wie eine
Unternehmen der neuen digitalen Ökonomie ein wertvolle ressource gehandelt.
Überlebenselixier. Sie brauchen es, um Werbung
zu verkaufen, Prognosen über unser Verhalten an- Rhizomatische Integration
zustellen, ihre algorithmen zu optimieren und auch dies erklärt auch die art und Weise der expansion
um Konkurrenten den Marktzutritt möglichst zu er- dieser Unternehmen, die laufend in neue Bran-
schweren. „Wenn wir im internet etwas kostenlos chen eindringen und diversifizieren. einerseits wer-
bekommen, dann sollten wir aufhorchen. denn den sie an der Börse derart kapitalisiert, dass sie
66 DIgItalE wElt der rePort 2021kaum etwas zu verlieren gelmäßig mit datenschutzskandalen zu tun haben.
bzw. mit diesem finanziel- Man kann sich diesen Plattform-Biotopen auch
len „Back-up“ einen äu- schwer entziehen, geschweige denn sich entge-
ßerst langen atem bei der genstellen. So liegt es auf der Hand, eine Kompli-
Verdrängung der ange- zenschaft einzugehen und selbst teil dieses rhizo-
stammten Konkurrenz ha- matischen Geflechts zu werden. „Sharing eco-
ben, und andererseits nomy“ heißt etwa der digitale Geschäftszweig, wo-
sind die Geschäftsmo- bei man an diese Plattformen andocken und theo-
delle stets mit der Gene- retisch mit seinem Privatgut nebenbei Geld verdie-
rierung neuer daten so- nen kann: Mit dem Privatauto chauffiert man Kund-
wie mit dem Verbund zu schaft durch die Gegend, und wer eine freie Couch
bestehenden daten ge- zur Verfügung hat, kann quasi zum Hotelier avan-
koppelt. insofern ist es cieren. Und gerade die Pandemie hat dazu beige-
beinahe irrelevant, um tragen, dass Menschen, die zuletzt ohnehin bereits Der Onlinehändler Mario
welche neuen Produkte in prekären Verhältnissen gelebt haben, nun zu- Kremser hat sich an viele
oder leistungen es sich nehmend via Clickworking ein paar Cents mit Kun- Spielregeln zu halten.
handelt – zumal das ei- denrezensionen, datenerfassungen oder Kurzre- Foto: Mario Kremser
gentliche Produkt ja der cherchen dazuverdienen.
Konsument selbst ist.
Zudem werden innovative Skalierung vs. limitierung
Start-ups, die das Poten- Neben den Menschen, die teil dieser hyper-aus-
zial haben, selbst zu einer beuterischen Beschäftigungsmodelle sind, gibt es
datenkrake aufzusteigen, auch noch jene Selbstständigen, deren eigenes
von diesen Unternehmen Geschäftsmodell ebenfalls wesentlich von jenen
aufgekauft. Sogar weni- der großen Plattformbetreiber abhängig ist. Wäh-
ger populäre Plattformen rend diese Unternehmer bei uns ihre Steuern ent-
wie linkedin oder twitter richten, sich um die richtlinien in diversen ländern
werden zum Futter für den kümmern müssen und wesentliche risiken tragen,
unstillbaren datenhunger stellen die großen anbieter lediglich ihre infra-
der großen Plattformen. struktur zur Verfügung und haben im ausland ei-
all dies hilft uns zu verste- nen Briefkasten. darüber hinaus sind die erträge
hen, warum Firmen wie für die kleinen Unternehmen nur bedingt kalku-
amazon unwillkommene lierbar, zumal die Spielregeln von den Betreibern
Ware beim Besteller be- der großen Plattformen jederzeit geändert werden
lassen oder nach der können: „ich habe erlebt, dass die Gebühren für
rücksendung einfach entsorgen und warum ein elektroartikel bei Shöpping innerhalb einer Nacht
Suchmaschinenunternehmen wie Google in völlig von 4,5 auf 8,5 Prozent angehoben wurden. im Ver-
unzusammenhängende Projekte wie selbstfah- gleich zu amazon ist das aber ohnehin nur etwa
rende autos investiert: es geht, wie es bereits der die Hälfte“, erinnert sich Mario Kremser. Während
autor Nick Srnicek in seinem Buch „Platform Capi- also die Plattform stets einen gewissen Puffer zur
talism“ beschrieben hat, primär darum, daten zu Skalierung ihres Geschäftsmodells hat, bleibt für
sammeln und neue Wege zu finden, um künftig jene, die mit ihrem Unternehmen daran andocken,
noch mehr von dieser ressource zu erhalten. im stets ein Fragezeichen, das auch eine überra-
Gegensatz zur klassischen vertikalen integration schende limitierung darstellen kann.
der Firmen des fordistischen Zeitalters nehmen aber auch der Umstand, dass die digitalen Platt-
diese Plattformen der digitalen Ökonomie eine formen sich nicht mit ihrem Kerngeschäft begnü-
Form der integration an, die einem rhizom ähnelt. gen können, sondern das Sammeln von daten
dieser Begriff aus der Botanik beschreibt ein Ge- ständig auf neue Bereiche ausweiten müssen, hat
flecht aus Sprossen bzw. ein dichtes Wurzelwerk. seinen Preis: die expansive Natur dieser Plattfor-
insofern entstehen durch die vielen ableger der men bringt es mit sich, dass Unternehmen, die in
it-Plattformen Konglomerate, die anderen auf- völlig unterschiedlichen Bereichen tätig waren,
grund der gewachsenen dichte kaum noch einen sich nun vermehrt in die Quere kommen: Google,
Platz lassen, um ebenfalls wachsen zu können. ursprünglich ein Suchmaschinenunternehmen,
indem diese Unternehmen die infrastruktur und konkurriert nun mit Facebook, das in seinen an-
die Vermittlung zwischen verschiedenen Gruppen fängen ein soziales Netzwerk war. Sie alle konkur-
bereitstellen, gelangen sie in eine Position, in der rieren mit amazon, das einst als eine online-Buch-
sie alle interaktionen zwischen diesen Gruppen handlung begonnen hat. auch der jüngste Konflikt
überwachen und daraus daten beziehen können. zwischen Facebook und apple zeigt, wie eng es
diese Positionierung ist die Quelle ihrer wirtschaft- bereits auf diesem Markt geworden ist und wie
lichen und politischen Macht. anstatt eingriffe in sehr die daten der User zum Zankapfel werden
die Privatsphäre, leaks oder datenmissbrauch als können. l
versehentliche Überschreitungen zu sehen, müs-
sen wir sie nüchtern als notwendige auswirkungen
solcher Geschäftsmodelle betrachten: Wenn da-
ten eine zentrale ressource sind und der Wettbe-
werb einen hohen Preis auf den erhalt dieser da-
ten vorsieht, dann müssen wir es unweigerlich re-
der rePort 2021 DIgItalE wElt 67Sie können auch lesen