Wissen - Transferagentur NRW

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Wissen - Transferagentur NRW
Wissen

                                                 Wie kann Wissen
Die vielen Facetten                              Mehrwerte für die                   Reportage:
    von Wissen                                 Organisation schaffen?              Das Hansaforum
                                                       Wissen teilen –               in Münster
  Von Prof. Dr. Nadja
       El Kassar                                    Mehrwerte schaffen            Wissen in Bewegung(en)
                                                    5 Fragen an Annette
                                                       Hexelschneider

 Dieses Vorhaben wird aus Mitteln des
 Bundesministeriums für Bildung und Forschung gefördert.

                                         Transferinitiative
                                         Kommunales
                                         Bildungsmanagement

                                                    Agentur Nordrhein-Westfalen
Wissen - Transferagentur NRW
Editorial
                                             Was wissen wir eigentlich über Wissen? – Diese Frage stellt sich die Transferagentur NRW wäh-
                                             rend einer gesellschaftlichen Ausnahmesituation, in der vieles nicht mehr selbstverständlich ist.
                                             Nun steht auch das Wissen in Frage. Daten, Fakten, Fakes sind ins Zentrum der Aufmerksamkeit
                                             gerückt. Alle müssen entscheiden, was relevant ist und welche Quellen glaubwürdig.

                                             Vielen privaten und beruflichen Planungen ging ein regelmäßiger Check der Coronalage voraus.
                                             Wie können die vorhandenen Daten interpretiert werden? Steigt die Kurve oder deutet sich
                                             schon an, dass sie abflacht? Und was sind die Schlussfolgerungen von Politik, Wissenschaft und
                                             Gesellschaft? Ein zuvor eher abstrakter Diskurs um Daten, Datenverfügbarkeit und Datenquali-
                                             tät erreicht alle Ebenen des Alltags.

                                             Der Umgang mit Wissen als Aushandlungsprozess, mehrdimensionale Antworten, mehr Fragen
                                             als Antworten und auch Erfahrungen von Ohnmacht: All dies hat die Pandemie neben vielen
                                             anderen Entwicklungen auch hervorgebracht. Entsprechend geht es im aktuellen TRANSFER-
                                             journal um Kultur und Emotionen, um das Teilen und um gemeinsames Handeln. Die soziale
                                             Dimension des Wissens steht im Mittelpunkt, beispielsweise „Relevanzräume“, in denen Wissen
                                             gemeinsam generiert wird, damit es handlungsrelevant wird.

                                             Ist die Erzeugung von handlungsrelevantem Wissen eine Aufgabe des Datenbasierten Kommu-
                                             nalen Bildungsmanagements? Unbedingt. Dabei kann es nicht darum gehen, ein „richtig“ zu
                                             konstruieren und eindeutige Antworten zu finden. Vielmehr beschreibt dieser Gedanke genau
                                             die Bedingung der Möglichkeit, dass auf der Basis von Daten entwickeltes Wissen ein Anstoß für
                                             gesellschaftlichen Zusammenhalt und für gesellschaftliche Bildungsprozesse sein kann. Diese
                                             soziale Aushandlung und damit die Zukunft der Bildungslandschaften können wir mit unserem
                                             Handeln als Bildungsakteure mitgestalten.

                                             Dr. Mario Roland                                              Dr. Bettina Suthues
                                             Projektleitung “Transferagentur                               Stellv. Projektleitung “Transferagentur

          Lesen Sie mehr unter:              Kommunales Bildungsmanagement NRW”                            Kommunales Bildungsmanagement NRW”

www.transferagentur-nordrhein-westfalen.de

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Wissen - Transferagentur NRW
Ausgabe 1|21

                Inhalt
                                                                                                   10         „Kreativität ist Kultureller Bildung per se immanent“
                                                                                                              Ein Interview mit Yara Hackstein
                                                                                                                                                    Gerade in der Corona-Pandemie stand vor allem die Auf-

6    Die vielen Facetten von Wissen                                                                                                                 rechterhaltung des Unterrichts in den Kernfächern im
                                                                                                                                                    Mittelpunkt. Für ein gelingendes Aufwachsen braucht
     Von Prof. Dr. Nadja El Kassar                                                                                                                  es jedoch mehr: beispielsweise Raum für Kreativität. An-
                                                                                                                                                    gebote an Kultureller Bildung für alle Altersstufen sind
                                                                                                                                                    deshalb wichtig. Welche Potenziale Kulturelle Bildung
                          Wissen ist die Grundlage für individuelles und gemeinsames
                                                                                                                                                    bietet, darüber sprachen wir mit Yara Hackstein.
                          Leben. Wir brauchen Wissen für Planung, Organisation, Ab-
                          sprachen. Wir brauchen Wissen auch, um Ziele zu erreichen:
                          Man muss wissen, was das Ziel ist. Man muss wissen, was
                          die richtigen Mittel sind, um das Ziel zu erreichen und man
                          muss wissen, welche Umstände vorherrschen, um diese be-
                          rücksichtigen zu können. Einen kleinen Einblick, wie vielfältig
                          Wissen ist, gibt Prof. Dr. Nadja El Kassar.

                                                                                                         Interpretationsgemeinschaften für ein zukunftsfähiges
                                                                                                         kommunales Bildungsmanagement                                                                     16
                                                                                                         Im Gespräch mit Dr. Heinz-Jürgen Stolz

                                                                                                         Daten allein sind noch lange kein Wissen. So gilt es auch
                                                                                                         für Bildungsmonitorer*innen und -manager*innen eine
                                                                                                                                                                                                     ATM

                                                                                                                                                                                        P
                                                                                                         Strategie zu entwickeln, wie aus Daten Wissen werden
                                                                                                         kann. Wir haben mit Dr. Heinz-Jürgen Stolz über die Po-
                                                                                                         tenziale einer Interpretationsgemeinschaft gesprochen
                                                                                                         und die Frage erörtert, wie handlungsrelevantes Wissen
38     Besser wissen statt Besserwissen                                                                                                                                                                H
                                                                                                         für das Kommunale Bildungsmanagement entstehen
                                                                                                         kann.
       Wie Umweltwissen zu nachhaltigerem
       Handeln führen kann und was es dafür braucht

       Von Verena Kantrowitsch & Felix Peter
       Den meisten Menschen ist durchaus bewusst, dass es
       eine Klimakrise gibt und große Herausforderungen im
       Umweltschutz gemeistert werden müssen. Aber warum
       verhalten wir uns oft immer noch so, als gäbe es die Krise
       nicht. Eine Antwort darauf geben die Psychologin und der                             20   Über die Teilhabe von Menschen im                            28     Bildung im Rheinischen Revier fördern
       Psychologe.                                                                               Strukturwandel                                                      Wie ein regionales Bildungsmonitoring einen
                                                                                                 „Wir wollen für alle da sein“                                       nachhaltigen Strukturwandel unterstützen
                                                                                                                                                                     kann
                                                                                                 Ein Besuch der Bildungs- und Begegnungs-
                                                                                                 stätte Nell-Breuning-Haus in Herzogenrath                           4 Fragen an Johannes Schnurr

                                                                                                                                                              30     Reportage: Das Hansaforum in Münster
                                                                                            24   MINTaktiv
                                                                                                                                                                     Wissen in Bewegung(en)
                                                                                                 Von Wissen zu passgenauen
                                                                                                 Bildungsangeboten                                            34     Wie kann Wissen Mehrwerte für die Organisa-
                                                                                                                                                                     tion schaffen?
                                                                                                                                                                     Wissen teilen – Mehrwerte schaffen
                                                                                                                                                                     5 Fragen an Annette Hexelschneider

                                                   4                                                                                                      5
Wissen - Transferagentur NRW
Ausgabe 1|21

Die vielen Facetten                                                                                                                                    eine Gemeinsamkeit
                                                                                                                                                 beschränken. Alle diese Ar-
                                                                                                                                                                                Bakterien Krankheiten
                                                                                                                                                                                verursachen können. Zahllose
                                                                                                                                          ten von Wissen benötigen Bildung      weitere Beispiele passen in dieses
    von Wissen                                                                                                                        und fußen auf Bildung. Bildung ist hier
                                                                                                                                  aber in einem weiten Sinne zu verstehen:
                                                                                                                                                                                Schema. Solches Wissen wird vor allem
                                                                                                                                                                                in Forschungskontexten erworben. Und
                                                                                                                               nicht nur schulische Bildung, sondern ebenso     dieses Wissen ist meist objektiv in dem Sinne,
                                                                                                                            außerschulische Bildung gehört dazu. Denn Bil-      dass es allgemeingültig ist. Viren und Bakterien
                                                                                                                          dung erfolgt auch in lebenspraktischen Kontexten,     können an jedem Ort dieser Welt und bei jedem
    Prof. Dr. Nadja El Kassar                                                                                          beispielsweise erfährt eine Person Bildung durch         Menschen Krankheiten auslösen. Und Bakterien
                                                                                                                      Vorbilder und lernt durch Nachahmung. Und diese           und Viren hatten dieses Potenzial, bevor Menschen
                                                                                                                     Art von Bildung kann immer und überall erfolgen. Auch      wussten, dass Viren und Bakterien Krankheiten verur-
                  Wissen ist die Grundlage für individuelles und gemeinsames Leben. Wir brauchen Wissen             politische Bildung erfolgt ja nicht nur im Klassenzimmer.   sachen. Das ist so und unabhängig davon, ob Menschen
                  für Planung, Organisation und Absprachen. Wir brauchen Wissen auch, um Ziele zu errei-           Aus dieser Beobachtung, dass Bildung überall stattfinden     das glauben oder wissen.
                  chen: Man muss wissen, was das eigene Ziel ist. Man muss wissen, was die richtigen Mittel        kann, lässt sich auch darauf schließen, dass Menschen ihr
                  sind, um das Ziel zu erreichen und man muss wissen, welche Umstände vorherrschen, um             ganzes Leben lang Wissen erwerben. Menschen erwer-           Einflüsse von Erfahrungen, Hintergründen und sozialen
                  diese berücksichtigen zu können. Dass Wissen diese Funktionen übernehmen kann, zeigt             ben Wissen, auch wenn sie nicht mehr in Bildungseinrich-     Positionen
                  sich auch in den vielfältigen Eigenschaften von Wissen.                                          tungen sind, sondern auch im Beruf oder im Privaten.
                                                                                                                    Wir wissen beispielsweise, dass COVID-19 „SARS CoV-2“       Wissen hängt dennoch auch von Personen ab. Wissen
                                                                                                                     genannt wird, ohne dass wir das in Bildungseinrichtun-     ist standpunktabhängig: Was man weiß, hängt von
                  Wissen an sich ist bereits sehr facettenreich,   machen oder indem die lernende Person die          gen gelernt haben.                                        individuellen Erfahrungen, vom persönlichen Hinter-
                  denn es gibt verschiedene Arten von Wis-         Bewegungen ausführt und dabei lernt. Wir                                                                     grund, von der sozialen Position ab. Eine Person, die
                  sen. Man kann nicht nur wissen, dass Berlin      können keine vollständige schriftliche, satz-         Die Entwicklung von Wissen                             aufgrund ihrer Ethnie systematisch diskriminiert
                  die Hauptstadt von Deutschland ist, son-         förmige Erklärung davon geben, wie man                                                                       wird, ist beispielsweise besser positioniert, um
                  dern man kann auch wissen, wie man Fahr-         einen unhaltbaren Elfmeterschuss ausführt.               Dieses zeitaktuelle Beispiel leitet zu einer wei-   zu wissen, wie sich diese Diskriminierung ma-
                  rad fährt. Ich beschränke mich hier auf drei     Ein Grund ist, dass so viele implizite Kör-                teren Eigenschaft von Wissen über: Wissen         nifestiert als eine Person, die von der Diskri-
                  Arten von Wissen.                                perbewegungen dazu gehören, die man gar                       ist historisch entwickelt. Das heißt, es       minierung nicht betroffen ist. Vielleicht
                                                                   nicht sprachlich ausdrücken kann.                                gibt Dinge, die man heute weiß, aber        weiß die zweite Person noch nicht
                  Satzförmiges Wissen bezeichnet dasjenige                                                                             früher noch nicht wusste. Im 17.         einmal um die Diskriminierung,
                  Wissen, das in Sätzen ausgedrückt werden         Phänomenales Wissen ist schließlich zu wis-                             Jahrhundert wusste man etwa          weil sie von ihrem Standpunkt
                  kann und üblicherweise in (Online-)Enzy-         sen, wie sich etwas anfühlt, beispielsweise                                 noch nicht, dass Viren und       gar nicht erkennbar ist.
                  klopädien, Lehrbüchern und Handlungsan-          zu wissen, wie sich Zahnschmerzen anfüh-
                  weisungen gesammelt wird. Beispielsweise:        len oder wie sich Freude anfühlt. Zwischen
                  Köln ist die einwohnerstärkste Stadt Nord-       den drei verschiedenen Arten von Wissen
                  rhein-Westfalens.                                können Kombinationen bestehen: Das Wis-
                                                                   sen, wie es ist, ein Kind zu gebären, kann
                     Praktisches Wissen ist nicht so leicht in     eine Kombination aus praktischem, phäno-
                       Sätzen ausdrückbar, denn es ist primär      menalem und satzförmigem Wissen sein.
                         im Praktischen, nicht im Sprachli-
    Wissen                chen, verortet. Wissen über die rich-    Bildung als Grundlage von Wissen
   wurzelt in             tigen Handlungen und Bewegungen
   Bildung.               gehört dazu: beispielsweise Wissen,      Bei dieser Vielfalt von Arten von Wissen
                        wie man Fahrrad fährt oder Wissen,         könnte man leicht besorgt sein, dass der
                       wie man einen unhaltbaren Elfmeter          Begriff des Wissens „auseinanderfällt“. Aber
                    schießt. Es ist das Wissen, das wir oft        es gibt auch wichtige Gemeinsamkeiten der
                  besser vermitteln können, indem wir es vor-      Arten von Wissen. Ich möchte mich hier auf

                                                 6                                                                                                                              7
Wissen - Transferagentur NRW
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                                                                                                                                 Prof. Dr. Nadja El Kassar
                                                                                                       Nadja El Kassar ist Gastprofessorin am Institut für Philosophie der
                                                                                                       FU Berlin. Nach ihrem Studium in Dortmund und Leeds promovier-
                                                                                                       te sie 2013 an der Universität Potsdam mit einer Arbeit über Wahr-
                                                                                                       nehmung und Wissen. Ab 2013 war sie Postdoc an der ETH Zürich
                                                                                                       und wurde 2020 mit einer Arbeit über Unwissenheit habilitiert. Sie
                                                            „Geteiltes
                                                                       Wissen                          arbeitet unter anderem zu Unwissenheit, Ignoranz und kollektivem
                                                            entsteht da                                intellektuellen Selbstvertrauen.
                                                                        durch,
                                                           dass divers
                                                                       eP
                                                          pektiven an ers-
                                                                      erka
                                                           und in Dialo nnt
  Macht und Wissen                                                      g ge-
                                                           bracht wer
                                                                       den.“
  Wissen ist aber noch in einem anderen, sehr
  wichtigen Sinne personenabhängig: Wissen                                                        weiß unterschiedlich viel zu verschiedenen
  ist durch Macht beeinflusst. Mit anderen                                                        Themen und die Perspektiven sollten ernst
  Worten: Was als Wissen zählt, wird auch                                                         genommen und integriert werden, um ge-
  durch Personen und Institutionen bestimmt.                                                      meinsam geprüftes Wissen zu kreieren.
  Ihr Einfluss kann im Normalfall produktiv      tionen der Zuckerlobby (Proctor und Schie-       Bei einem Städteplanungsprojekt sollte die                          Literatur
  und förderlich für Wissen sein, etwa wenn      binger 2008). Das heißt, Wissen ist nicht        Perspektive der Anwohner*innen mitein-
  Universitäten ausgewählte Forschung för-       bloß das, was wir für wahr halten. Wissen        bezogen werden, denn sie wissen genauer,                            Kearns, C. E., Schmidt L. A. , und Glantz S. A.
  dern. Aber der Einfluss kann auch unredlich,   ist das, was geprüft ist, zum Beispiel in wis-   was in ihrem Stadtteil vorgeht als Externe.                         (2016). Sugar Industry and Coronary Heart Di-
  durch verwerfliche Interessen beeinflusst      senschaftlichen Verfahren aber auch im All-      Externe können natürlich ebenfalls wichti-                          sease Research: A Historical Analysis of Internal
  sein. Die Zuckerlobby hat beispielsweise       tag. Jede Anwendung einer Handlungsan-           ges Wissen über den Stadtteil haben, aber                           Industry Documents. JAMA Internal Medicine
  erfolgreich ihren Einfluss eingesetzt, um in   leitung ist eine Prüfung des Wissens in der      sie haben anderes Wissen, nämlich externes                          176 (11): 1680–85.
  den 1960ern Forschung zu den gesundheit-       Handlungsanleitung. Zudem ist dieses Wis-        Wissen.
  lichen Schäden von zu viel Zuckerkonsum zu     sen (und natürlich anderes entsprechendes                                                                            Proctor, R., und Schiebinger, L. L., Hrsg. (2008).
  vertuschen. Sie zahlte Geld, damit kritische   Wissen) irritationsfest – ich lasse mich nicht   Geteiltes Wissen entsteht dadurch, dass                             Agnotology: the making and unmaking of igno-
  Studien nicht publiziert wurden und förder-    gleich in meinen Überzeugungen erschüt-          diverse Perspektiven anerkannt und in Di-                           rance. Stanford: Stanford University Press.
  ten eigene Forschung, die fälschlicherweise    tern, wenn jemand die Handlungsanleitung         alog gebracht werden. In diesen Dialogen
  propagierte, dass Fett gesundheitsschädli-     anzweifelt. Und gleichzeitig ist mein Wissen     wird Wissen geprüft, die Wissenden setzen                           Wingert, L. (2007). Lebensweltliche Gewissheit
  cher als Zucker sei (Kearns et al. 2016).      sensibel für Irrtümer: das meint, wenn je-       sich potenziellen Irrtümern aus und bilden                          versus wissenschaftliches Wissen? In: Deutsche
                                                 mand gute Gründe liefert, dass die Hand-         gemeinsame Überzeugungen, was wahr ist                              Zeitschrift für Philosophie 55 (6): 911–27.
  Unwissen und Zweifel                           lungsanleitung doch nicht richtig ist (etwa      und was getan werden sollte. Zu der Prüfung
                                                 weil ein Baustein sich geändert hat), kann       gehört auch Widerspruch und Uneinigkeit
  Wenn Wissen auch standpunkt- und macht-        ich die Kritik annehmen (Wingert 2007).          innerhalb der Gruppe. Wie die Uneinigkeit
  abhängig ist, könnte man nun entmutigt                                                          gemeinsam und wissend überwunden wer-
  schließen, dass es offenbar kein definitives   Wissen als gemeinschaftliches Projekt            den kann, ist eine große Frage, die den Rah-
  Wissen gibt und alles Wissen subjektiv ist.                                                     men hier leider überschreitet und gleich-
  Doch das wäre vorschnell. Wissenschafts-       Statt diese vielfältigen Eigenschaften von       zeitig verdeutlicht, wie brisant und aktuell
  historiker*innen in der so genannten           Wissen so zu interpretieren, dass sie Wis-       solche Überlegungen zu Wissen sind.
  Agnotologie untersuchen Unwissen und           sen schwächen – wissen wir dies-und-das
  Zweifel, die kulturell oder politisch kon-     wirklich? – sollten wir sie positiv wenden
  struiert werden, und entlarven so falsches     und folgern, dass Wissen Teil eines gemein-
  Wissen, wie etwa im Beispiel der Manipula-     schaftlichen Projekts ist. Das heißt, jede*r

                               8                                                                                                                             9
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                                                                                                                     „Kulturelle Bildung kann jetzt insbe-
                                                                                                                       sondere diejenigen Schüler*innen
                                                                                                                      in ihrer Persönlichkeitsentwicklung
„Kreativität ist Kultureller                                                                                           stärken, die die Pandemie als eine
Bildung per se immanent“                                                                                             Zeit von Unsicherheiten, fehlenden
                                                                                                                         Strukturen oder erzwungener
     Interview mit Yara Hackstein                                                                                         Veränderung erlebt haben.“

    Frau Hackstein, Sie sind Expertin für kul-         nen man drüber spricht, oft unterschiedli-      Als Folge der Corona-Pandemie wird beob-     ler*innen nicht mehr in die Schule durften.
    turelle Schulentwicklung, Kulturagentin,           che Schwerpunkte im Blick haben. Zugleich       achtet, dass sich Bildungsungleichheiten     Hier gilt es, alte Fäden wieder aufzugreifen
    Prozessbegleiterin und Moderatorin und             lässt dieser Facettenreichtum auch Inter-       verstärkt haben und Kinder und Jugendliche   oder auch neue zu knüpfen. Das ist umso
    engagieren sich seit Jahren im Bereich der         pretationsspielräume zu. Mein Arbeits-          zeitweise keinen Zugang zu Bildungsange-     wichtiger, als dass zurzeit häufig vor allem
    Kulturellen Bildung und Schulentwicklung.          schwerpunkt ist Kulturelle Bildung in der       boten vor Ort hatten. Welche Bewegungen      das „Schließen von Lernlücken“ im Fokus
    Was verstehen Sie unter Kultureller Bildung        Schule. Das Verständnis von Kultureller Bil-    nehmen Sie aktuell im Bildungsbereich und    steht. Unsere Schüler*innen leiden jedoch
    und gibt es überhaupt eine allgemeingültige        dung kann in Schulen ganz unterschiedlich       insbesondere in Bezug auf non-formale Bil-   auch unter sozialen und psychischen Folgen
    Begriffsbestimmung?                                geprägt sein, ebenso wie die Vorstellungen      dungsangebote wahr?                          der monatelangen Einschränkungen. Hier
                                                       von Kultureller Bildung bei Künstler*innen                                                   können kulturelle Angebote ansetzen: Die
    Der Begriff Kulturelle Bildung lässt sich allge-   und Kulturinstitutionen. Deshalb ist es in      Die Pandemie hat vielerorts dazu geführt,    Künste erlauben es Kindern und Jugendli-
    meingültig kaum definieren. Ganz grundsätz-        der Praxis wichtig, dass potenzielle Koopera-   dass Kooperationen unterbrochen wurden,      chen, auch ohne Worte Ausdrucksformen
    lich stehen die vielfältigen Zugangsweisen         tionspartner*innen sich über ihr jeweiliges     zum Beispiel, wenn Kinder wie auch Künst-    ihrer Persönlichkeit zu finden und in der Co-
    zur Welt in ihren ästhetisch-künstlerischen        Verständnis von Kultureller Bildung austau-
    Ausdrucksformen und Angeboten im Mit-              schen und Gemeinsamkeiten ausloten.
    telpunkt. Letztlich ist es für mich eine All-
    gemeinbildung, die es jedem Menschen               Wie wichtig sind Ihnen vor diesem Hinter-
    ermöglichen kann, sich zu entfalten, an der        grund Angebote für alle Altersgruppen und
    Gesellschaft teilzuhaben und die Zukunft           Bildungsbiografien?
    aktiv mitzugestalten. Kulturelle Bildung er-
    möglicht jungen Menschen, ihre ganz eige-          Aus meiner Sicht sollte Kulturelle Bildung
    ne Persönlichkeit zu entwickeln. Sie befähigt      für alle Altersgruppen selbstverständlich
    zur Auseinandersetzung mit der Kunst und           zugänglich sein. Angefangen von Kita und
    damit auch mit der Gesellschaft. Sie weckt         Krippe über Grund- und weiterführende
    Interesse und macht weltoffen. Gerade des-         Schulen bis hin zu Berufs- und Weiterbil-
    halb hat sie – auch unter Berücksichtigung         dungskollegs. Ich halte es für enorm wich-
    der interkulturellen Bildung – einen so gro-       tig, möglichst früh möglichst vielen Kindern
    ßen Stellenwert für unser Bildungssystem.          über vielfältige Angebote kulturelle Teil-
    Wichtig ist aus meiner Sicht vor allem, dass       habe zu ermöglichen und dabei vor allem
    Kulturelle Bildung Selbstwirksamkeitserfah-        diejenigen in den Blick zu nehmen, denen
    rungen ermöglicht und kulturelle Teilhabe in       der Zugang nicht wie selbstverständlich in
    den Fokus stellt, also Teilhabe am künstle-        die Wiege gelegt wurde. Doch auch wenn
    risch-kulturellen Geschehen.                       man idealerweise schon in der Kita anfängt,
                                                       sollte man ältere Jugendliche und junge Er-
    Die enorme Bandbreite von Kultureller Bil-         wachsene nicht aus dem Blick verlieren.
    dung bedingt, dass die Menschen, mit de-

                                   10                                                                                                                           11
Wissen - Transferagentur NRW
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  rona-Krise Erlebtes und vielleicht Unbewäl-     Sie haben von 2011-2019 in einem der größ-
  tigtes in künstlerische Prozesse und Werke      ten Bundesprogramme zur Förderung Kul-                                         „Für mich bedeutet
  zu übersetzen. Kulturelle Bildung kann jetzt    tureller Bildung in Schulen aktiv mitgewirkt                               Bildung im 21. Jahrhundert
  insbesondere diejenigen Schüler*innen in        – dem Programm „Kulturagenten für kre-
  ihrer Persönlichkeitsentwicklung stärken,       ative Schulen“. Wie können aus Ihrer Sicht
                                                                                                                                 vor allem, kreative
  die die Pandemie als eine Zeit von Unsicher-    Programme und Initiativen aus Bund und                                      Kompetenzen zu stärken.“
  heiten, fehlenden Strukturen oder erzwun-       Land – insbesondere in der aktuellen Situa-
  gener Veränderung erlebt haben.                 tion – die Kulturelle Bildung in NRW stärken
                                                  und befördern?                                   Mit dem Titelthema dieses Transferjournals       Welche Kompetenzen hat Kulturelle Bildung
  Da Bund und Land über zahlreiche speziell                                                        nähern wir uns dem Thema „Wissen“ und            dabei besonders im Blick?
  aufgelegte Programme aktuell viel Geld und      Ich glaube, dass Programme enorm wichtig         den damit verbundenen Herausforderungen
  Ressourcen auch für kulturelle Bildungs-        sind, um die Entwicklung und nachhaltige         an ein Bildungsverständnis, das unter ande-      Wenn wir von den 4K-Kompetenzen ausge-
  angebote zur Verfügung stellen, gilt es vor     Verankerung Kultureller Bildung zu beför-        rem digital, chancengerecht und inklusiv ist.    hen – Kreativität, kritisches Denken, Kom-
  Ort Kräfte zu bündeln, um möglichst schnell     dern. Sie sind Impulsgeber, ermöglichen          Welche Bedeutung haben aus Ihrer Sicht in        munikation und Kollaboration – dann sind
  gute Angebote für viele Kinder und Jugend-      sich auf neues Terrain zu begeben und bie-       diesem Zusammenhang kulturelle Bildungs-         es genau diese Skills, die über künstlerische
  liche zu schaffen – sowohl in den Schulen als   ten Räume, in denen experimentiert, ge-          angebote in der Schule, wenn es um das Ler-      Prozesse gestärkt und gefördert werden
  auch in Kultur- und Jugendeinrichtungen.        forscht und ausprobiert werden kann – wie        nen im 21. Jahrhundert geht und wie trägt        können. Eine der wichtigsten Herausforde-
  Den Regionalen Bildungsbüros kommt hier         beispielsweise im Modellprogramm Kultur-         Kulturelle Bildung zum Wissenserwerb bei?        rungen unserer Zeit und der Zukunft ist Ge-
  aus meiner Sicht eine zentrale Rolle zu: Sie    agenten für kreative Schulen.                                                                     staltung: Welt zu gestalten, Gesellschaft zu
  können nicht nur informieren, vernetzen                                                          Das Ziel von Kultureller Bildung ist aus mei-    gestalten, soziale Beziehungen zu gestalten.
  und beraten, sondern auch selbst Initiative     Programme sind allerdings aus meiner Sicht       ner Sicht nicht, Wissenserwerb in einem          Und Gestaltungskompetenz steht bei Kultu-
  ergreifen, damit Programme regional umge-       dann besonders wirksam, wenn sie nachhal-        klassischen Sinne zu gewährleisten. Es geht      reller Bildung stets im Fokus.
  setzt werden können. Gerade in Hinblick auf     tig sind. Ihre Verstetigung sollte von vornhe-   ja gerade nicht mehr nur darum, Wissen so
  die fast unüberschaubare aktuelle Vielfalt      rein als Teil des Programms mit eingeplant       zu vermitteln, wie Schule das im 20. Jahr-       Kreativität ist Kultureller Bildung per se im-
  der Programme möchte ich an dieser Stelle       und im besten Falle auch noch ein Stück          hundert getan hat. Ich glaube vielmehr, dass     manent, so zum Beispiel, wenn mit Küns-
  gerne auch auf die Arbeitsstelle Kulturelle     weit begleitet werden. Entscheidend ist, das     es wichtig ist, dass Kinder für die Herausfor-   ten neue Möglichkeiten und Denkräume
  Bildung NRW hinweisen: Die Expert*innen         neue Wissen in den Transfer zu bringen, um       derungen der Zukunft Erfahrungen sammeln         geschaffen oder geöffnet werden, in denen
  dort helfen Kommunen durch den Förder-          es nachhaltig nutzen zu können. Wissens-         und gestärkt aus der Schule hervorgehen.         sich Kinder und Schüler*innen ganzheitlich
  dschungel und beraten unter anderem auch        transfer ist also eine zentrale Bedingung für    Wenn Kulturelle Bildung zum Wissenser-           und mit allen Sinnen entdecken. Kreativität
  Schulen bei der Entwicklung kultureller Bil-    Nachhaltigkeit.                                  werb beitragen kann, dann in Bezug auf das       braucht dabei Raum und Offenheit, aber
  dungsangebote.                                                                                   Wissen um das „wie“: „Wie kann ich mich          auch eigenes Tun und die Fähigkeit, selbst
                                                                                                   einer Fragestellung oder einem Problem           dafür Verantwortung zu übernehmen. Und
                                                                                                   nähern?“, „Wie finde ich eine Lösung, und        in gemeinsamer künstlerischer Arbeit ist es
               „Es gilt vor Ort Kräfte zu bündeln, um                                              wie kann es mir gelingen, Antworten zu           zudem wichtig, kritisch reflektiert und auch
                möglichst schnell gute Angebote für                                                finden?“. Für mich bedeutet Bildung im 21.       gemeinsam, also kollaborativ, Lösungen zu
                                                                                                   Jahrhundert so vor allem, kreative Kompe-        erarbeiten.
             viele Kinder und Jugendliche zu schaffen                                              tenzen zu stärken.
             – sowohl in den Schulen als auch in Kul-
                  tur- und Jugendeinrichtungen.“

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Wissen - Transferagentur NRW
Ausgabe 1|21

                Yara Hackstein
                Yara Hackstein ist Expertin für Kulturelle Bildung. Als Prozessbegleiterin und
                Moderatorin berät sie Schulen bei der Entwicklung qualitätsvoller Kooperati-
                onsprojekte und kultureller Schulentwicklung. Die Journalistin, Kunstpädago-
                gin und Kulturagentin managte das bundesweite Programm „Kulturagenten
                für kreative Schulen“ in Berlin und ist u. a. für die Bezirksregierung Arnsberg
                als fachliche Beraterin Kulturelle Bildung tätig.

  Welche Rolle spielt Digitalisierung in der Kul-   innerung geblieben, mit dem Sie diese Head-
  turellen Bildung?                                 line in Verbindung bringen?

  Digitalisierung und Kulturelle Bildung schlie-    Ich könnte ganz viele Beispiele nennen.
  ßen sich in keiner Weise aus. Wir leben in ei-    Sehr präsent ist mir, wie am Ende des letz-      Kultur macht Stark – Bündnisse für Bildung
  ner digitalen Welt, unser Leben ist in weiten     ten Schuljahres Schüler*innen eines 6.
  Teilen digitalisiert. Insofern muss Kulturelle    Jahrgangs in Rahmen des Literatur-Projekts       Mit dem Programm „Kultur macht stark – Bündnisse für Bil-
  Bildung selbstverständlich auch Digitalität       „#lassmalesen“ eine Lesung mit einer Auto-       dung“ fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung
  in ihren verschiedenen Dimensionen mit-           rin selbständig geplant und veranstaltet ha-     (BMBF) aktuell bis 2022 außerschulische Angebote der Kultu-
  denken oder mitberücksichtigen. Das kann          ben. Es war zutiefst beeindruckend, welche       rellen Bildung und setzt damit seine bereits seit 2013 laufende
  einerseits bedeuten, dass Kulturelle Bil-         Fragen die Schüler*innen sich überlegt und       Unterstützung für Projekte Kultureller Bildung fort. Ab 2023 ist
  dung in den digitalen oder in den virtuellen      wie viele Gedanken sie sich zum Buch ge-         bereits eine neue vierjährige Förderphase beschlossen worden.
  Raum verlagert wird, so wie wir das jetzt in      macht hatten. Es hat die Kinder enorm moti-
  Zeiten der Pandemie in vielen Ansätzen ge-        viert, dass sie wussten, dass diese Künstlerin   Unterstützt werden die Bündnisakteure durch ein breites Bera-
  sehen haben. Dabei gilt es, neue Angebote         sich extra für sie auf dem Weg von Berlin ins    tungs- und Schulungsangebot.
  zu schaffen und die Potenziale von digitalen      Ruhrgebiet macht, um ihre Fragen zu be-
  Medien oder von digitalen Übertragungswe-         antworten. Wie diese Kinder auf der Bühne        In Nordrhein-Westfalen steht die bei der Arbeitsstelle „Kulturelle
  gen auszuloten. Zudem gibt es spannende           dann ganz stolz, mutig und fröhlich ihre In-     Bildung NRW“ in Remscheid angesiedelte Servicestelle „Kultur
  Ansätze, wie Künstler*innen mit digitalen         terviews führten und Szenen aus dem Buch         macht stark“ NRW allen Interessierten bei der Konzeption, Pla-
  Medien in virtuellen Welten Kunst komplett        nachspielten, das hat mich sehr berührt.         nung und Antragstellung neuer Projekte zur Seite.
  neu denken und neue künstlerische Formen          Man sah förmlich, wie sie über sich selbst
  entwickeln. All dies gehört zur Zukunft der       hinausgewachsen und an dieser Situation          Weitere Informationen der Servicestelle in NRW:
  Kulturellen Bildung.                              selbst gewachsen sind. Es war eine wunder-       www.kulturellebildung-nrw.de/servicestelle
                                                    schöne, beglückende Veranstaltung.
  Auf Ihrer Internetseite www.kulturelle-bil-                                                        Informationen des BMBF zum Programm „Kultur macht Stark –
  dung.net steht die Headline: „Kultur macht        Frau Hackstein, vielen Dank für das Inter-       Bündnisse für Bildung“ und zur Förderrichtlinie ab 2023:
  Kinder stark – und das Leben bunter“. Ist Ih-     view!                                            www.buendnisse-fuer-bildung.de
  nen vor dem Hintergrund Ihrer langjährigen
  Erfahrungen im Bereich Kultureller Bildung        Das Interview führte Kirsten Althoff
  ein eindrucksvolles Beispiel besonders in Er-     Transferagentur NRW

                                 14                                                                  15
Wissen - Transferagentur NRW
Ausgabe 1|21

Von Daten zu Wissen

Interpretationsgemeinschaften für
 ein zukunftsfähiges kommunales
                                                                                                                                                                                           P
       Bildungsmanagement
             Im Gespräch mit Dr. Heinz-Jürgen Stolz

               Herr Stolz, wie definieren Sie Wissen?           alles, was machbar ist, was man an Daten
                                                                erheben kann, was vielleicht auch vernünf-     Wenn dieser Prozess nicht stattfindet, be-      Gespräch gehen, die sich auskennen.
               Wenn man von dem großen Begriff Wissen           tig wäre aus wissenschaftlicher Sicht zu er-   steht die Gefahr, statistische Artefakte zu
               zu dem Begriff der Information geht, dann        heben, macht einen Unterschied. Deshalb        produzieren. Das sind ja meistens Durch-        Was macht eine Interpretationsgemein-
               gibt es diese schöne Definition von Grego-       muss man sich vor allem fragen, für wen        schnittswerte. Und das heißt: Je nachdem,       schaft aus?
               ry Bateson: Information ist ein Unterschied,     soll es denn einen Unterschied machen? Für     wie ich die Gebietskulisse abgrenze, ver-
               der einen Unterschied ausmacht. Das finde        wen ist denn das Monitoring da?                schieben sich die Belastungsindikatoren,        In einer Interpretationsgemeinschaft ver-
               ich sehr weise und führt uns zum Wissen,                                                        ohne dass sich an den Lebenslagen auch          sammeln sich Expert*innen, die sich beson-
               denn Wissen ist nur etwas, was relevant          Welche Verantwortung tragen Bildungsmo-        nur das Geringste geändert hätte. Das           ders gut auskennen, zum Beispiel in einem
               gesetzt wird, was einen Unterschied macht.       nitorer*innen, damit aus Daten Wissen ge-      heißt, was tiefrot als stark belasteter Raum    Stadtteil. Man befragt sie, was hinter einem
               Was für einige Informationen sind, ist für an-   neriert wird?                                  markiert ist, hängt davon ab, wo die Gren-      Befund steckt. Expert*innen sind aber in
               dere ein Hintergrundrauschen.                                                                   ze des Bezirks oder des Stadtteils gesetzt      diesem Fall nicht nur die Fachkräfte, son-
                                                                Bildungsmonitorer*innen müssen nicht           werden, was aber noch wenig über die            dern auch Drehpunktpersonen der Zivilge-
               Was bedeutet das in der Umsetzung für das        wissen, was andere als relevant erachten       realen Gegebenheiten vor Ort aussagt.           sellschaft – Personen, die gut vernetzt sind.
               Bildungsmonitoring?                              – Entscheidungsträger*innen zum Beispiel
                                                                oder Adressat*innen – und sie müssen auch      Welche Rolle nehmen die Daten ein? Sind sie     Welchen Effekt kann ein Monitoring haben,
               Wenn man sich auf einen vernünftigen Pfad        nicht die Interpretation von Daten liefern.    dann eher ein Warnsignal als Wissen?            wenn es als Gesprächsanlass in einer Inter-
               begeben will, dann muss man sich zunächst        Das sind schon mal zwei Entlastungen. Was                                                      pretationsgemeinschaft dient?
               fragen, was macht eigentlich einen Unter-        sie können sollten: Daten so aufzubereiten,    Ja genau. Und deswegen geht es darum, wie
               schied – etwa in Lebensformen, in Verhal-        dass sie anschlussfähig für Interpretations-   wir aus diesen Daten den Anteil von statisti-   Ich möchte es an einem realen Beispiel aus
               tensformen von Akteur*innen. Das muss            gemeinschaften sind. Interpretationsge-        schen Artefakten raus bekommen. Wie krie-       einer Großstadt in NRW demonstrieren:
               man im Grunde fokussieren. Das ist das           meinschaften bestehen eben nicht nur aus       gen wir es hin, dass diese Daten uns helfen,    Es ging dabei darum, dass Mittel in Höhe
               Entscheidende. Beim Monitoring muss man          Entscheider*innen, sondern das können          etwas über Lebenslagen zu erfahren? Dafür       von fast einer Million Euro pro Jahr über
               sehr aufpassen, dass es möglichst schlank        Sozialraumkonferenzen oder Resonanzgrup-       braucht es Interpretationsgemeinschaften.       das Programm „kinderstark – NRW schafft
               gehalten wird, ein schlankes Indikatorenset.     pen sein, in denen Fachkräfte und Adres-       Viel mehr als einen Anfangsverdacht kön-        Chancen“ für Quartiere mit hohem Bedarf
               Es muss natürlich aussagekräftig und infor-      sat*innen an einem Tisch sitzen und darü-      nen wir aus den Daten nämlich nicht heraus-     bereitgestellt wurden – der Mitteleinsatz
               mationshaltig sein für die Leute, die es be-     ber sprechen, was die Daten zeigen.            lesen. Diesen Anfangsverdacht muss man          sollte auf wenige stark belastete Quartiere
               nutzen sollen. Aber grundsätzlich gilt: Nicht                                                   kommunikativ validieren und mit Leuten ins      konzentriert werden, so dass also alle an-

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Wissen - Transferagentur NRW
Ausgabe 1|21

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                                                                                                                           Er ist langjähriger Leiter der Servicestelle Prävention (ISA e. V.) im
                                                                                                                           Landesprogramm „kinderstark – NRW schafft Chancen“. Die Ser-
                                                                                                                           vicestelle begleitet und berät Kommunen in Nordrhein-Westfalen
                                                                                                                           beim Aufbau kommunaler Präventionsketten, die oft auch ein klein-
                                                                                                                           räumiges Präventionsmonitoring beinhalten.

  deren leer ausgehen würden. Wie erreicht       Ein Lösungsraum wird eröffnet…                       Wie kann das Wissen an die Politik weiterge-     Welche Rolle sollte also ein Monitoring ein-
  man dazu einen Konsens unter den Stake-                                                             ben werden?                                      nehmen?
  holdern? Dazu versammelten sich Personen       Ja genau, ein Lösungsraum, der vom Ziel her
  aus den relevanten kommunalen Ausschüs-        gedacht wird und der zu Arbeitsbündnissen            Wenn wir nun davon ausgehen, dass die            Ich finde, Monitorings müssen auf ihre Funk-
  sen und Ratsfraktionen und diskutierten die    führen kann. Dadurch verändern sich be-              Daten kleinräumig und kommunikativ va-           tion bezogen werden, die sie haben können.
  Vorauswahl der zu fördernden Quartiere         stimmte Dinge. Das heißt, es enttabuisieren          lidiert, sie also von einer vielgliedrigen In-   Die Versachlichungsfunktion beispielsweise,
  von Fachplanung und Dezernat. Ohne Moni-       sich Themen – wie beispielsweise Kinder-             terpretationsgemeinschaft mehrperspek-           die Objektivierungsfunktion, dieses gemein-
  toring hätte man vermutlich einen Interes-     armut – und Vorbehalte gegenüber einer               tivisch unter die Lupe genommen wurden,          same Schauen auf etwas und problemorien-
  senausgleich zwischen politischen Parteien     entsprechenden Problemartikulation und               können belastbare Aussagen gemacht wer-          tiert Handlungsstrategien entwickeln. Dafür
  oder zwischen in der Stadt besonders ein-      -visualisierung können abgebaut werden.              den. Daten werden so zu Wissen. Die Fra-         sind sie gut. Wenn ein Monitoring scheitert,
  flussreichen freien Trägern der Wohlfahrts-                                                         ge ist dann, wie kriege ich dieses durch die     dann, weil es fälschlich und voreilig mit dem
  pflege angestrebt. Durch die kleinräumige      In dem erwähnten Beispiel öffnete die-               unterschiedlichen Stakeholder mehrfach           Anspruch einer Wirkungsanalyse verknüpft
  Visualisierung von Belastungsindikatoren       se Problemartikulation dann zum Beispiel             belichtete Bild wieder in eine Aussage, die      wird. Das Monitoring hat in erster Linie eine
  hingegen war allen sofort einsichtig, auf      auch den Blick von der Gestaltung der Prä-           nicht verfälscht und die Perspektiven ent-       anamnetische Funktion, zeigt also, wie sich
  welche Gebietskulissen der Mitteleinsatz zu    ventionskette hin zur Bildungslandschaft,            eignet, die aber auch ein Resümee zieht, die     zum Beispiel die lebenslagenbezogene Be-
  fokussieren war.                               etwa mit Blick auf den quartiersbezogenen            eine Klammer um das Ganze macht. Hierfür         lastung und auch die Infrastrukturausstat-
                                                 Aufbau sogenannter Familiengrundschul-               muss die Komplexität reduziert werden. Das       tung von Räumen im Zeitverlauf entwickelt.
  Gemeinsam hat man auf die Daten geschaut       zentren.* So kann die Kommune trotz feh-             soll keine Simplifizierung der Befunde sein,     Und dafür ist es wunderbar geeignet. Erst
  und bestimmt, welche Priorisierung von         lender Zuständigkeit im Sinne eines erwei-           das ist ein schwieriger Schritt. Aber um das     die daran ansetzende kommunikative Vali-
  Handlungsbedarfen sie nahelegen. In dieser     terten Bildungsverständnisses pädagogisch            Ganze in Entscheidungsvorlagen für politi-       dierung in der Interpretationsgemeinschaft
  Weise können Daten eine objektivierende        Einfluss nehmen – beispielsweise auf päd-            sche Gremien, für Ausschüsse oder für den        der Stakeholder vollzieht den strategiebil-
  Wirkung haben – sei es auf der Entschei-       agogische Architektur sowie auf die Ganz-            Verwaltungsvorstand zu bringen, ist das ein      denden Schritt von Daten zu Wissen und im
  dungsebene, im Verwaltungsvorstand, in         tags- und OGS-Gestaltung – bleibt also im            notwendiger Schritt. Ein sogenanntes integ-      Anschluss von Strategien zu Taten. So ergibt
  Ausschüssen und so weiter. Deswegen ist        Schulbereich nicht auf ihre Funktion als             riertes Handlungskonzept, dass eben nicht        sich dann die Verknüpfung der Anamnese
  ein Monitoring so wertvoll. Von da aus kann    Sachaufwandsträgerin begrenzt. Und das ist           Handlungsoptionen nebeneinander her-             durch das Monitoring mit der integrierten
  man dann die Frage „Was sehen wir hier?“       genau das, warum man Netzwerke bildet, in            laufen lässt, sondern aufeinander bezieht,       (kleinräumigen) Strategiebildung und Wir-
  stellen und somit die Daten breit sachkundig   denen man gemeinsame Lösungen für Prob-              muss dann in passender Sprache an politi-        kungsanalyse.
  diskutieren und interpretieren.                leme erarbeitet.                                     sche Entscheidungsträger*innen herange-
                                                                                                      tragen werden.                                   Vielen Dank für das Gespräch.                   Das Gespräch führte Laura Förste
                                                 * Das ISA e. V. ist Koordinierungsstelle des Pro-                                                                                                     Transferagentur NRW
                                                 jekts „Familiengrundschulzentren im Ruhrgebiet“
                                                 (MSB-Richtlinie) sowie Servicestelle „Familienzen-
                                                 tren“. Darüber hinaus bietet das ISA Weiterbildun-
                               18                gen im Bereich „Familienzentren“ an.                                                                              19
Ausgabe 1|21

 Reportage

    Über die Teilhabe von Menschen im Strukturwandel

               „Wir wollen für alle da sein“                                  Ankunft in Herzogenrath. Vom Parkplatz
                                                                              zum Gebäude sind es nur wenige Meter. Saf-
                                                                                                                               te im Haus, und Thomas Hohenschue, der
                                                                                                                               sich um die Öffentlichkeitsarbeit kümmert,
                         Ein Besuch der Bildungs- und Begegnungsstätte        tig grüne Wiesen und Bäume, die im Wind          sind sich einig: „Wir möchten Begegnung
                                                                              rascheln, säumen das Mauerwerk. Große            für alle Menschen schaffen und gemeinsam
                              Nell-Breuning-Haus in Herzogenrath              freundliche Fenster lassen den Blick ins Grü-    voneinander lernen.“ Es ist dieses Leitbild,
                                                                              ne zu. Die Ruhe lädt ein, einmal genauer         das den Antrieb für das hohe Engagement
                                                                              hinzuschauen. Das Nell-Breuning-Haus ist         jeder*jedes Einzelnen gibt, das Haus für die
                                                          Von Laura Förste
                                                                              seit über 40 Jahren ein Bildungsort für die      und mit den Menschen zu gestalten. Gutes
                                                                              Menschen in Herzogenrath, das in der Städ-       und Funktionierendes soll dabei durchaus
                                                                              teRegion Aachen liegt. Seitdem hat es viele      bewahrt werden, ohne dabei die Offenheit
                                                                              Veränderungen im Rheinischen Revier mit-         für Veränderungen zu vergessen. Verände-
                                                                              erlebt: sei es den Wandel in der Textilbran-     rungen scheinen jedoch für Körber alltäg-

                                                                                            „Arbeiterbildung hat die Aufgabe,
                                                                                          den Menschen im Wandel zu begleiten
                                                                                             und zu befähigen und nicht, den
                                                                                                Menschen ausschließlich
                                                                                            anzupassen“, so Manfred Körber.
                                                                              che oder den Ausstieg aus der Steinkohle-        lich zu sein, dem es grundsätzlich darum
                                                                              förderung. Da ist der Braunkohleausstieg im      geht, die Auswirkungen einer sich stetig
                                                                              Rheinischen Revier bis voraussichtlich 2038      verändernden Arbeitswelt zu beobachten
                                                                              lediglich ein weiteres Ereignis, bei dem die     und die Menschen dabei zu begleiten. „Ar-
                                                                              Bildungs- und Begegnungsstätte Menschen          beiterbildung“, so sagt der 58-Jährige, „hat
                                                                              unterstützen möchte.                             die Aufgabe, den Menschen im Wandel zu
                                                                                                                               begleiten und zu befähigen und nicht, den
                                                                              Gerade in Ferienzeiten ist das Haus mit sei-     Menschen ausschließlich anzupassen.“
                                                                              nem Garten ein ruhiger Ort. In „normalen“
                                                                              Zeiten sind täglich 80 bis 100 Menschen in       Durch den „Neubau“ aus den 1980er Jahren
                                                                              dem großzügig angelegten Gebäude unter-          führen uns Körber und Hohenschue über
                                                                              wegs. Sie nehmen an Seminaren teil, besu-        den ruhigen und grünen Innenhof in das
                                                                              chen Weiterbildungskurse oder nehmen ein         Dachgeschoss des alten, aber charmanten
                                                                              Beratungsgespräch wahr. Hinzu kommen             Haustraktes. Schon auf der Treppe hören
                                                                              bis zu 45 Beschäftigte, die die Kurse leiten,    wir Stimmengewirr und Geschirr klappern.
                                                                              kochen, reinigen oder den nächsten Projekt-      Durch den langen Flur kommen uns Men-
                                                                              antrag stellen. Manfred Körber, seit drei Jah-   schen entgegen. Zu unserer rechten Seite
                                                                              ren Geschäftsführer des Hauses, Christina        öffnet sich eine Tür und gibt den Blick in eine
                                                                              Herrmann, Fachbereichsleiterin der Projek-       geräumige Küche mit Esstisch frei, an dem

Blick in den Innenhof des Nell-Breuning-Hauses. Die Ruhe lädt zu einer
entspannten Mittagspause ein.                                            20                                                                 21
Ausgabe 1|21

                                                                                                             Schon gewusst?
                                                                                                             »     Das Nell-Breuning-Haus (NBH) ist die erste Bildungseinrichtung in der StädteRegion Aachen,
                                                                                                                   die nach der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) zertifiziert ist.
                                                                                                             »     Das NBH unterstützt mit vier Ladesäulen für Elektroautos die Verkehrswende.
                                                                                                             »     Der neue Dienstwagen fährt mit 100 Prozent regenerativ gewonnenem Strom.
                                                                                                             »     Die Küche erhöht stetig den Anteil an regionalen und biozertifizierten Produkten.
                            „Wir nehmen dabei die Perspektive                                                »     Refill Wasserspender können von allen Besucher*innen genutzt werden.
                                                                                                             »     Das NBH adressiert auch Radwander*innen mit seinem Übernachtungsangebot.
                       derjenigen ein, die wenige Ressourcen haben,                                          »     Das Bildungszentrum sondiert systematisch weitere Möglichkeiten nachhaltiger Betriebsentwicklung.
                        selbstständig die Veränderungen anzuneh-                                             Das Nell-Breuning-Haus: www.nbh.de
                         men und entsprechende Wege zu gehen.“                                               Erfahren Sie mehr zur Gemeinwohlökonomie: www.web.ecogood.org/de

                                                             etwa 15 Personen bequem Platz finden kön-           viele Potenziale entfalte, so Körber. Auch       Parkplatz von Manfred Körber und Thomas
                                                             nen. Vier Frauen sind gerade dabei die Reste        Claudia Heuer ist begeistert von diesem An-      Hohenschue verabschieden.
                                                             eines Essens zusammen zu räumen und be-             satz. Nicht nur bereitet sie in der Küche täg-
                                                             grüßen uns freundlich.                              liche Mahlzeiten zu, sondern engagiert sich      Den Sorgen vor dem Strukturwandel begeg-
                                                                                                                 ebenso in der Produktionsschule mit einem        nen die Menschen im Nell-Breuning-Haus
                                                             „Wir befinden uns nun in der Produktions-           eigenen Stellenanteil als Fachanleiterin. So     mit vielen Gestaltungsideen vor Ort. Und es
                                                             schule“, erklärt uns Körber. Das Nell-Breu-         profitiert das gesamte Haus von dem über-        sind sich alle einig: der Mensch muss im Mit-
                                                             ning-Haus ist ein Akteur unter mehreren             greifenden Austausch, die Teams von neuen        telpunkt stehen, um Wachstum, Fortschritt
                                                             in der StädteRegion Aachen, der die Maß-            Ideen und jede*r Einzelne von den Erfahrun-      und Veränderungen nachhaltig einzuläuten.
                                                             nahme des Jobcenters umsetzt. Die jungen            gen und Hintergründen seines Gegenübers.         So betonen alle Beschäftigten und Engagier-
                                                             Menschen, die hierherkommen, leben aus                                                               ten im Haus, dass es wichtig ist, die Bedarfe
                                                             unterschiedlichsten Gründen seit längerem           Um den Strukturwandel für und mit den            derjenigen, die Gefahr laufen, nicht Schritt
                                                             im Arbeitslosengeld II Bezug. Sie können            Menschen zu gestalten, müsse es gelingen         halten zu können, im Blick zu behalten. „Nur
                                                             hier praxisorientiert lernen und ihre Kom-          alle Menschen daran teilhaben zu lassen          wenn es gelingt alle Menschen mitzuneh-
                                                             petenzen weiterentwickeln – nicht abstrakt,         und sie in ihrem Können und Wissen ernst         men, kann auch der Strukturwandel lang-
                                                             wie es so häufig in der Schule vorkommt.            zu nehmen, ist Körber überzeugt. „Wenn           fristig erfolgreich sein. Dafür braucht es gut
                                                                                                                 sich eine Industrie verändert, macht das         ausgestattete Bildungs- und Beteiligungs-
                                                             Es ist die Chance, beispielsweise sprachliche       was mit den Menschen. Wir nehmen dabei           prozesse im Revier, um der Vielschichtigkeit
                                                             Barrieren zu überwinden, und im Handeln             die Perspektive derjenigen ein, die wenige       des Strukturwandels überhaupt gerecht
                                                             auch den Spracherwerb zu erlangen, um               Ressourcen haben, selbstständig die Verän-       werden zu können und somit seinen Men-
                                                             wiederum eigene Fähigkeiten kennenzuler-            derungen anzunehmen und entsprechende            schen“, meint Manfred Körber. Mit diesem
                                                             nen und zu erfahren. Die Produktionsschule          Wege zu gehen.“ Er plädiert vehement für ei-     Apell im Ohr fahren wir langsam und nach-
                                                             möchte einen Lernprozess in Gang setzen,            nen Strukturwandel, der vom Menschen aus         denklich vom Parkplatz. Mit dem Ende des
                                                             der das Selbstbewusstsein stärkt und beruf-         gedacht wird, um Fortschritt und Mensch          Braunkohleabbaus gibt es viele neue Ziele,
                                                             liche Bildung mit Selbst-Bildung verbindet.         nicht voneinander zu trennen, sondern als        Interessen und Ideen im Rheinischen Revier.
                                                             Das Erfahrbare stärkt die Selbstwirksamkeit         etwas Gemeinsames zu begreifen, das in ei-       Eins jedoch scheint klar: nur mit Bildungsak-
                                                             und so ist es nicht selten, dass die unter-         ner Wechselwirkung zueinander steht.             teur*innen vor Ort, die Menschen zusam-
                                                             schiedlichen Bereiche im Haus voneinan-                                                              menbringen, Wissen bündeln und Interes-
                                                             der profitieren können. Lehren und Lernen:          Um 16:30 Uhr ist die Produktionsschule für       sen von Bürger*innen vertreten, kann eine
                                                             das ist das Konzept des Hauses. So sind die         heute beendet. Die Frauen bieten uns noch        nachhaltige Zukunft für die Region geschaf-
                                                             Köch*innen des Hauses sowohl Fachanlei-             selbstgemachte Süßigkeiten an, bevor wir         fen werden. Denn sie verfügen über langjäh-
                                                             ter*innen als auch Lernende. Überall sei            den langen Flur entlang gehen, die Treppe        rige Erfahrung, kennen die Region und ihre
Manfred Körber und Laura Förste (TA NRW) im Gespräch.        Wissen vorhanden, das durch Begegnung               wieder hinuntersteigen und uns auf dem           Menschen.

                                                        22                                                                                                                     23
Ausgabe 1|21

        Von Wissen zu Taten

              MINTaktiv – Von Wissen zu
           passgenauen Bildungsangeboten
                                                  Von Katharina Baarhs
                                     Leitung des Kommunalen Bildungsbüros Leverkusen

                                     Der letzte Freitag in den Sommerferien, strahlender Sonnenschein – ab ins Freibad?! Weit
                                     gefehlt. Am 13. August 2021 kamen 20 Kinder im Alter von 10 bis 12 Jahren zum Aktions-
                                     tag MINTaktiv in das Industriemuseum Freudenthaler Sensenhammer in Leverkusen-Schle-
                                     busch. Und die Warteliste spricht dafür, dass noch viel mehr gekommen wären.                  Selber Handanlegen durften die Teilnehmer*innen beim Aktionstag „Werde Dein eigener Schmied und mach Dich fit für den Schulstart“.

                                     Der Aktionstag                                Unterstützung kam dabei aus Mitteln des         toren - das Kommunale Bildungsbüro           und sechsten Klasse eine Lücke in der        stimmt. Wenn in den Bereichen MINT
                                                                                   NRW-Förderprogramms „Extra-Zeit zum             Leverkusen als Träger des zdi-Netz-          MINT-Förderung besteht. Denn für die         und Nachhaltigkeit die Zukunft un-
                                     Der kostenlose Aktionstag hatte das Motto     Lernen.“                                        werks (Zukunft durch Innovation)             Kleinsten gibt es mit dem Haus der           serer Gesellschaft und unserer Wirt-
                                     „Werde Dein eigener Schmied und mach                                                          cLEVer gemeinsam mit den zdi-Netz-           kleinen Forscher ein Fortbildungspro-        schaft liegt, dann braucht es dafür na-
                                     Dich fit für den Schulstart“. Auf dem Pro-    Warum eigentlich ein Aktionstag? – Wis-         werken des Rheinisch-Bergischen und          gramm, das pädagogischen Fachkräfte          türlich Fachkräfte jeden Geschlechts.
                                     gramm stand eine Führung durch das In-        sen, Ideen, Planung                             Oberbergischen Kreises sowie dem             in Kindertagesstätten und Grundschu-         Die Berufsbildungsstatistik für Lever-
                                     dustriemuseum, Schmieden sowie Sport                                                          außerschulischen Lernort :metabo-            len zeigt, wie sie mit Kindern spiele-       kusen, die im Rahmen des Bildungs-
                                     und Bewegungsspiele. Die Kinder konnten       Die Idee zum Aktionstag und die konkrete        lon - ein neues, pandemiekonformes           risch entdecken und forschen können.         monitorings regelmäßig ausgewertet
                                     im Industriemuseum erfahren, wie früher       Ausgestaltung in Leverkusen basieren im         Format. Die Kooperationspartner ent-         Schüler*innen ab der siebten Klasse          wird, zeigt jedoch deutlich, dass nur
                                     im Sensenhammer gearbeitet wurde und          Wesentlichen auf drei Aspekten: der Bedeu-      wickelten gemeinsam die Idee eines           erhalten über das Programm zdi wie-          sehr wenige weibliche Auszubildende
                                     versteckte Orte wie den Bunker entdecken.     tung der (frühen) MINT-Förderung, der För-      Aktionstags, der von jedem Netzwerk          derum viele Möglichkeiten, MINT-Be-          in den entsprechenden Bereichen ver-
                                     Besonders gut angekommen ist, dass der        derung von Mädchen gerade im MINT-Be-           eigenverantwortlich auf die Beine ge-        rufe praxisnah und spannend zu erle-         treten sind (siehe Grafik S. 26).
„Mir bleibt besonders in Erinne-
                                     Sensenhammer ein Museum zum Anfassen          reich sowie der Corona-Pandemie und ihren       stellt wird, aber zeitgleich an allen vier   ben. Angebote für Kinder im Alter von
 rung, dass viele Teilnehmende
  ihre Pausen damit verbracht        und Ausprobieren ist. Zusätzlich hatten die   Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche.        Standorten stattfindet und für Kinder        acht bis zwölf sind hingegen selten          Als Träger des zdi-Netzwerks cLEVer
  haben, das Museum allein zu        Teilnehmenden die Möglichkeit, unter fach-    Hinter jedem dieser Punkte steht richtungs-     der gesamten Region offen ist.               und entsprechend stark nachgefragt.          organisiert das Kommunale Bildungs-
 erkunden und ihren Eltern und       kundiger Anleitung aus einem Drahtstift ei-   weisendes Wissen, das sowohl auf Erfah-                                                                                                   büro Leverkusen regelmäßig zdi-Kurse,
Großeltern nach Ende des Akti-       nen eigenen Garderobenhaken zu schmie-        rung als auch auf dem Bildungsmonitoring        Dahinter steckt bei allen Beteiligten        Es war allen Beteiligten daher ein be-       in denen Jugendliche in MINT-Berufe
onstags direkt eine individuelle
    Führung gegeben haben.“          den. Als Ausgleich zur harten „Arbeit“ gab    basiert.                                        die Überzeugung, dass Innovationen           sonderes Anliegen, das beliebte Feri-        hineinschnuppern und sich ausprobie-
                                     es im nahegelegenen Wuppermann-Park                                                           in den Bereichen MINT und Nach-              encamp nicht erneut ersatzlos ausfal-        ren können. Dabei geht es beispiels-
   Jürgen Bandsom, Leiter des        Sport mit Team- und Bewegungsspielen.         Bedeutung der (frühen) MINT-Förderung           haltigkeit unsere Zukunft bestimmen          len zu lassen.                               weise um 3D-Druck, Web-Design,
Industriemuseums Freudenthaler
         Sensenhammer                Trotz sommerlicher Temperaturen wurde                                                         werden. Es ist daher wichtig, Kinder                                                      Elektronik oder Holzbearbeitung. Mit
                                     das Programm begeistert und motiviert an-     Anstoß für die Entwicklung eines Aktions-       schon so früh wie möglich in ihrem           Förderung von Mädchen im MINT-               dem zdi-Schülerlabor Probierwerkstatt
                                     genommen.                                     tages war das alljährlich stattfindende Feri-   Forscher*innendrang und ihrer natür-         Bereich                                      wurde sogar ein besonderer Lernort
                                                                                   encamp „Bewegung, Aktion & Technik“ für         lichen Neugierde zu bestärken und sie                                                     dafür geschaffen. Ziel ist dabei stets,
                                     Organisiert wurde der Aktionstag vom Kom-     Kinder von zehn bis zwölf Jahren. Dieses        dabei fit für die Zukunft zu machen.         Die konkrete Planung für den Lever-          Jugendliche für MINT-Berufe zu be-
                                     munalen Bildungsbüro Leverkusen in Zu-        musste aufgrund der Pandemie schon zum                                                       kusener Aktionstag wurde vor allem           geistern, verborgene Talente sichtbar
                                     sammenarbeit mit dem Industriemuseum          zweiten Mal in Folge ausfallen. Um hier ei-     Zudem wissen die Kooperationspart-           durch die Notwendigkeit einer Mäd-           zu machen und eine bewusste Berufs-
                                     Freudenthaler Sensenhammer. Finanzielle       nen Ersatz zu bieten, suchten die Organisa-     ner, dass gerade für Kinder der fünften      chenförderung im MINT-Bereich be-            wahl für Schüler*innen zu ermögli-

                                                                 24                                                                                                                                25
Ausgabe 1|21

                                                                                                                                          Neben dem Selberschmieden standen auch Bewegungsangebote im Mittelpunkt des Aktionstages.

                                                                                               Dieses Wissen ist in die weitere Aus-
                                                                                               gestaltung des Aktionstages geflossen.
                                                                                               So ist zum Beispiel nicht nur ein reines   dem Industriemuseum Freudenthaler Sen-          MINTaktiv – die Zukunftsperspektive
Nur wenige Frauen lassen sich in MINT-Berufen ausbilden. In den Berufen der Maschinen- und     Sportangebot entstanden, sondern           senhammer umgesetzt. Die Koordination
Fahrzeugtechnik sind nur knapp mehr als 2% aller Auszubildenden in Leverkusen weiblich. Im     der Fokus lag explizit auf bewegungs-      lag hier beim Bildungsbüro, das vor allem       Nach dem großen Erfolg im Sommer nutzt
Berufsfeld Mathematik, Biologie, Physik und Chemie haben Frauen einen Anteil von ungefähr
20% an allen Auszubildenden. Die Daten zeigen in jedem Fall klar: Hier ist Handlungsbedarf!    fördernden Teamspielen, um das sozi-       Erfahrungen in Logistik, Teilnahmemanage-       das Bildungsbüro die aktuellen Fördermög-
Quelle: IT.NRW, Berufsbildungsstatistik Leverkusen, 2019.                                      ale Miteinander zu beleben. Und auch       ment und Fördermittelakquise beigetragen        lichkeiten, um weitere Angebote für Kin-
                                                                                               im MINT-Anteil des Aktionstages ging       hat. Die Sportleiterinnen kamen aus einem       der im Alter von acht bis zwölf Jahren zu
        chen. Ein Blick auf die Teilnehmenden-      zuprobieren und MINT-Förderung mit         es vor allem darum, die Freude am          Leverkusener Verein und wurden auch über        organisieren. Bis Ende der Sommerferien
                                                                                                                                                                                                                                          „Gemeinsam schaffen wir mehr.
        statistik reicht allerdings, um zu sehen:   etwas völlig Anderem zu verbinden:         Lernen und Entdecken zu fördern. Der       das Kommunale Bildungsbüro engagiert.           2022 plant das Bildungsbüro noch jeweils
                                                                                                                                                                                                                                             Bei allen unseren Projekten
        Erreicht werden vor allem die Jungen.       Sport und Bewegung.                        Aktionstag sollte dazu beitragen, dass     Das Industriemuseum hat dafür den Veran-        zwei MINTaktiv Ferienwochen für Kinder           profitieren wir immer sehr von
        2020 haben in Leverkusen 15 zdi-Fe-                                                    die teilnehmenden Kinder mit einem         staltungsort, die Inhalte und die fachliche     der Klassen drei und vier sowie der Klassen      Kooperationspartnern, die ihre
        rienkurse stattgefunden. Die Teilneh-       Die Corona-Pandemie und ihre Aus-          positiven Lernerlebnis ins neue Schul-     Expertise im Schmieden beigesteuert.            fünf und sechs. Das Wissen um den Bedarf          Ressourcen und ihr Wissen in
        menden waren zu 89,5% männlich, zu          wirkungen auf Kinder und Jugendli-         jahr starten.                                                                              ist da und der erste Aktionstag hat den ge-       die Planung und Umsetzung
                                                                                                                                                                                                                                                   mit einbringen.“
        10,5% weiblich.                             che                                                                                   Bleibt also die Frage: Ist das Konzept aufge-   wählten Weg bestätigt. In den Herbstferien
                                                                                               Wissen – Planung – Umsetzung: Der          gangen? Der Blick auf die Anmeldezahlen         startet direkt das nächste MINTaktiv-Camp.        Michael Wilde, ehemaliger
        „Das Bildungsmonitoring liefert uns         Somit kam bei der Planung auch der         Realitätscheck                             und das Feedback zum Tag signalisieren: Ja!     24 Kinder der dritten und vierten Klasse ler-      Leiter des Kommunalen
                                                                                                                                                                                                                                            Bildungsbüros Leverkusen
        systematische Zahlen und Daten und          dritte Aspekt mit ins Spiel: die Coro-                                                                                                nen eine Woche gemeinsam zu den Themen
        ist damit eine wichtige Wissensbasis        na-Pandemie und ihre Auswirkungen          Als Wissensbasis für die Planung des       »   Es gab mehr Anmeldungen als Plätze.         Elektronik und Energie und bekommen dazu
        für passgenaue Bildungsangebote. Im         auf Kinder und Jugendliche:                Aktionstages diente neben dem Bil-             Der Bedarf bei Kindern im Alter von         ein Sport- und Bewegungsangebot. Das An-
        Falle des Aktionstages konnten wir                                                     dungsmonitoring der Stadt Leverku-             zehn bis zwölf Jahren war also richtig      gebot war innerhalb von wenigen Tagen
        unsere Planung so gezielt an Bedarfe        Studien, wie beispielsweise die Moto-      sen auch Erfahrungswerte aus der               verortet.                                   ausgebucht und auch hier zeigt sich im An-
        anpassen“, erläutert Katharina Baarhs,      rik-Modul-Studie des Karlsruher Insti-     MINT-Förderung sowie bundesweite           »   Von den Teilnehmenden waren 45%             meldeverhalten, dass Mädchen und Jungen
        neue Leitung des Kommunalen Bil-            tuts für Technologie (KIT) zusammen        Studien. Herausgekommen ist das                weiblich und 55% männlich. Die Idee,        gleichermaßen erreicht werden.
        dungsbüros Leverkusen und Bildung           mit der Pädagogischen Hochschule           Konzept „MINTaktiv“ – eine Kombi-              Mädchen mit der Kombination aus
        integriert.                                 Karlsruhe, zeigen, dass digitaler Un-      nation aus MINT-Förderung und Be-              MINT-Förderung, sozialem Erlebnis und       Zum Schluss lässt sich sagen: MINTaktiv ist
                                                    terricht und die monatelangen Lock-        wegung mit dem Ziel, der aktuellen             Sport anzusprechen, ist aufgegangen.        ein Beispiel, das zeigt, wie aus Wissen ein
        Die Frage, wie Mädchen mit MINT-An-         downs bei Kindern und Jugendlichen         Situation der Kinder und Jugendlichen      »   Das Feedback der teilnehmenden Kin-         passgenaues Bildungsangebot entsteht.
        geboten erreicht werden können,             zu sozialer Isolation und zu einer Ab-     gerecht zu werden und mit neuen An-            der hat noch einmal deutlich gezeigt,       Aber es soll nicht das einzige bleiben. Da-
        spielte daher auch bei der Planung          nahme sportlicher Aktivitäten führten.     geboten auch Mädchen für MINT zu               wie sehr allen die Kombination gefallen     bei ist Wissen, das aus dem Bildungsmoni-
        des Aktionstags eine große Rolle. Im        Beides wirkt sich negativ auf die Ge-      begeistern.                                    hat und dass alle miteinander einen ab-     toring generiert wird, ebenso wichtig wie
        Rahmen des NRW-Förderprogramms              sundheit der Kinder und Jugendlichen                                                      wechslungs- und lehrreichen Tag hat-        Erfahrungswissen in der Umsetzung und
        „Extra-Zeit zum Lernen“ bot sich die        aus. Leverkusen ist hier natürlich keine   Die Idee wurde vom Kommunalen Bil-             ten.                                        eine gute Zusammenarbeit mit Kooperati-
        Möglichkeit, ein neues Konzept aus-         Ausnahme.                                  dungsbüro Leverkusen zusammen mit                                                          onspartnern.

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