Woanders sein - Nr. 45 Dezember 2012 die hallische Studierendenschaftszeitschrift - hastuzeit

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Woanders sein - Nr. 45 Dezember 2012 die hallische Studierendenschaftszeitschrift - hastuzeit
Nr.45 Dezember 2012

die hallische Studierendenschaftszeitschrift

                                               Woanders sein
Woanders sein - Nr. 45 Dezember 2012 die hallische Studierendenschaftszeitschrift - hastuzeit


Liebe Leserinnen und Leser,
Erasmus – wer kennt es nicht, das beliebte europäische         ebenso wichtig ist die unspektakuläre Überzeugungsar-
Zuschussprogramm für ein Austauschsemester in spa-             beit, in vielen persönlichen Gesprächen an der Uni, im
nischen Herbergen oder auf englischen Fußballplätzen?          Rathaus und in Magdeburg.
Doch demnächst könnte das Füllhorn versiegen, warnt                Max Weber charakterisierte Politik als das »langsame
EU-Bildungskommissarin Androulla Vassiliou. Dann               Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augen-
nämlich, wenn sich Europaparlament und Mitgliedsstaa-          maß zugleich« – dieses Zitat haben wir wohl alle schon
ten nicht bald auf einen Haushaltsplan fürs kommende           einmal aufgeschnappt. Nicht ganz so viele dürf ten außer-
Jahr einigen. Erasmus müsste dann mit 110 Millionen Euro       halb des politikwissenschaftlichen Großbetriebes schon
weniger auskommen und würde entsprechend zusammen-             einmal von Antonio Gramsci gehört haben, dessen Geist
gestrichen. Schachzug oder Sachzwang, könnte man da            kürzlich durch die erste öffentliche Veranstaltung der In-
fragen.                                                        stitutsgruppe Politologie wehte. Auch davon wollen wir
    Einige Nummern kleiner stellt sich so eine Frage auch      Euch berichten.
an der Martin-Luther-Universität: Führt tatsächlich kein           Doch um den Bogen zu Erasmus zu schließen, weiten
Weg daran vorbei, dem »strukturellen Defizit« von 6,5          wir unseren Horizont: nach Newcastle, wo unsere Eng-
Millionen mit einer »Profilbildung« zu begegnen und da-        land-Korrespondentin mit freundlicher Unterstützung der
bei noch einmal 100 Stellen abzubauen?                         EU weilt, nach Ahmedabad (powered by AIESEC) und
    Wenn Ihr das Heft in Händen haltet, ist die Demo am        nach China. Von dort hat ein Ortskundiger den Weg nach
12. Dezember schon gelaufen – doch dass sie alleine schon      Halle auf sich genommen und hilft uns nun, eine Schneise
die Unileitung oder gar die Landesregierung umstimmen          durch das Dickicht der Klischees zu schlagen, in denen wir
wird, damit rechnet wohl auch im Aktionsbündnis nie-           uns hoffentlich nie verheddert haben.
mand. Öffentliche Proteste sind zweifellos wichtig, weil           Frohe Festtage wünschen Euch die gesamte hastuzeit-
sie dafür sorgen, dass die Lage der Universität auch au-       Redaktion und namentlich
ßerhalb der Campusgrenzen wahrgenommen wird. Doch                                                       Konrad und Chris

Impressum
hastuzeit, die hallische Studierendenschafts­zeitschrift,      Website: www.hastuzeit.de
wird herausgegeben von der Studierendenschaft der              Druck: Druckerei & DTP-Studio H. Berthold,
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und                 Äußere Hordorfer Straße 1, 06114 Halle (Saale)
erscheint in der Regel dreimal im Semester während             Der Umwelt zuliebe gedruckt auf Recyclingpapier.
der Vorlesungszeit.                                            Auflage: 4000 Stück
Chefredaktion: Konrad Dieterich (verantwortlich),              Redaktionsschluss: 16.12.2012
Christian Schoen                                               hastuzeit versteht sich als Mitmachmedium.
Redaktion: Ricarda Baer, Caroline Bünning, Alisha              Über Leserbriefe, Anregungen und Beiträge freuen wir
Führer, Christine Klose, Johanna Sommer                        uns sehr. Bei Leserbriefen behalten wir uns sinnwah­
freie Mitarbeit: Hannah Stoll, Tobias Schulz,                  rende Kürzungen vor. Anonyme Einsendungen werden
Kristina Wilke                                                 nicht ernst genommen. Für unverlangt eingesandte
Layout: Konrad Dieterich, Christian Schoen                     Manuskripte übernimmt hastuzeit keine Haftung.
Titelbild und Rückseite: Christian Schoen                      Neue Mitglieder sind der Redaktion herzlich
Lektorat: Konrad Dieterich, Christian Schoen,                  willkommen. Sitzungen finden in der Regel
Christine Klose                                                mittwochs um 18.00 Uhr im Gebäude des Stura
Anschrift: hastuzeit, c/o Studierendenrat der MLU,             (Anschrift siehe oben) statt und sind öffentlich.
Universitätsplatz 7, 06108 Halle                               Während der vorlesungsfreien Zeit finden die
E-Mail:                                                        Sitzungen unregelmäßig statt.

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        Interesse                                           Inhaltsverzeichnis
         Pause                                                                 2 Editorial – Das Wort zum Heft
        Uni
  uni

                     4 Floorball im Mel – Sportstudenten protestieren

                     5 Proteste vor der Weihnachtspause – Neues von den Stellenstreichungen

                     7 Der Kapitalismus und die Krise – Podiumsdiskussion der IG Politikwissenschaften

                     9 WTF – Ein Comic von Justin Guenet
   Interesse
    Pause

                    10 Baked Beans und Doppeldeckerbusse – Typisch englisch
   Uni

                    12 Die schönsten China-Klischees – aus Sicht eines chinesischen Studenten

                    14 Freundschaft, Kulturschock und Kühe – Praktikum in Ahmedabad

                    16 AIESEC?! – Eine internationale Studentenorganisation

                    17 »Lichterglanz«: Beschäftigung für lange Winterabende – EVH beleuchtet Bäume
Interesse
 Pause

                    18 60 Künstler auf 1500m² – Eine Ausstellung zum Mitmachen
Uni

                    20 Wenn der Freund und Helfer überreagiert – Kennzeichnungspflicht bei der Polizei

                    22 Ein Buch alleine auf Reisen – Bookcrossing in Halle

                    23 Pinnwand

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uni
        Uni
         Interesse

                                    Floorball im Mel
          Pause

            Fünf freiwerdende Stellen in der PhilFak II sollen vorerst
     nicht wiederbesetzt werden – drei davon bei den Sportwissenschaften.
                  Das treibt die Studierenden auf den Uniplatz.

Knapp 200 Sportstudenten haben sich am 3. Dezem-               ihren Bachelor hier beenden. Sie meinen aber auch, dass
ber um 13.30 Uhr vor dem Melanchthonianum versam-              Studenten, die jetzt gerade erst angefangen haben, lieber
melt. Vier davon verschwinden mit einem riesigen Schild        weg ziehen sollten, noch sei Zeit dazu. »Halle sollte sei-
im Gebäude. Andere halten ein Plakat mit der Aufschrift:       nen guten Ruf nicht verlieren und die guten Professoren
»Die Sportseite berichtet über das, was die Menschen           nicht rauskicken. Kaum dass es den Bachelor gibt, wird er
erreicht haben; die Titelseite der Zeitung hingegen ver-       wieder abgeschafft. Es wurde sogar ein neues Gebäude für
zeichnet nur die Fehlschläge des Menschen.« Zu ihnen           die Sportwissenschaften gebaut, das war ja völlig sinnlos.
gesellen sich vier andere Sportwissenschaftler mit einem       Wir geben uns wahnsinnig viel Mühe und sind im Hoch-
anderen Schild: »Vor allem wegen der Seele ist es nötig,       schulranking sehr weit oben angesiedelt. Biedermann
den Körper zu üben, und gerade das ist es, was unsere          wurde doch ebenfalls hier in Halle ausgebildet, und die
Klugschwätzer nicht einsehen wollen.« steht dort zu lesen.     Stadt baut durch ihn ihr Image auf.« Sie recken ihr Schild
    Mit mehreren Transparenten weisen sie darauf hin,          (»Halle muss sexy bleiben«) in die Höhe.
dass die deutschen Kinder immer fetter werden und die              14 Uhr, drei Studenten pfeifen und rufen von der
Hallenser ohne Sportwissenschaftler erst recht. Aber im        Treppe, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Alle heben
Kern geht es um Stellenstreichungen des Dekanats der           ihre Hände und Schilder in die Höhe und rufen im Chor:
Philosophischen Fakultät II und die Befürchtung, dass die      »Wir sehen gut aus. Wir trinken viel und gewinnen jedes
Sportwissenschaften in Zukunft nur noch Lehrer ausbil-         Spiel. Wir sind die Meister aller Klassen, und wir studieren
den werden. Die Bachelor- und Masterstudenten dürfen in        alle Sport, in Halle!« Dann strömen sie ins Melanchtho-
eine andere Stadt ziehen, um weiterzustudieren. Da könn-       nianum. Im Erdgeschoss versperren sie die Wege und fan-
ten sich die Lehrämtler doch entspannen? Kai, und Ste-         gen unter Gejohle an, Floorball zu spielen. In Zweierteams
fan, fünftes und siebtes Semester Lehramt, sehen das ganz      treten sie gegeneinander an. Die Wände schmücken Pla-
anders: »Die Vorlesungen werden voller werden. Das Ni-         kate wie »Floorball statt Flurball!« oder »Kein Sport ist
veau wird ebenfalls sinken, da Vorlesungen wegfallen, die      Mord!« Wenn ein Team verliert, wird es von zwei anderen
Grundlagen vermitteln und parallel für die Bachelorstu-        Sportstudenten ersetzt.
diengänge waren. Das ist eine Abwertung für unser Stu-             Alle hoffen, dass die Aktion Dekan Antos und Rektor
dium.« – »Außerdem«, wirft ihr Kommilitone Florian             Sträter beeindruckt hat. Denn um 14 Uhr hat im Melanch-
ein, »sollte Halle die Artenvielfalt gewährleisten und die     thonianum die Personalversammlung der Uni-Beschäftig-
Kürzungen gerecht verteilen.«                                  ten begonnen, auf der das Rektorat zu seinen Strukturplä-
    Einige Bachelorstudierende wollen auf jeden Fall hier      nen Stellung nehmen soll.
bleiben, komme, was da wolle. Kathrin Hofmann und Kat-
rin Wenken sind im fünften Semester und wollen ebenfalls                                 Text und Foto: Johanna Sommer

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                                                                                                                        Interesse
                                                                                                                         Pause

3. Dezember 2012: Sportstudierende demonstrieren für den Erhalt ihres Faches.

          Proteste vor der Weihnachtspause
         Konkrete Pläne zur Stellenstreichung an der Uni sollen noch
  in diesem Jahr vorliegen. Unterdessen wirbt das »Aktionsbündnis MLU«
          um Unterstützung in der Kommunal- und Landespolitik

Nach Stand des Redaktionsschlusses plant das Rektorat,                   Lange sitzt heute für die Linke im Magdeburger Landtag
dem Senat auf einer Sondersitzung am 19. Dezember kon-                   und im hallischen Stadtrat; in beiden Gremien hat er die
krete Kürzungspläne vorzustellen. Bis 2019 sollen über 100               Situation an der MLU thematisiert.
Stellen abgebaut werden, über etwa die Hälfte soll die Uni-                  Seit einer Plenardebatte am 19. Oktober hat sich im
versität sich schon jetzt einig werden. Wie in hastuzeit Nr.             Landesparlament nicht viel bewegt. Nach einem Be-
44 (»Vorauseilende Kürzungen«) berichtet, hat die Uni-                   schluss des Landtags soll sich die Regierung für eine Auf-
versität ein jährliches Haushaltsdefizit von gut 6 Millionen             hebung des Kooperationsverbotes zwischen Bund und
Euro identifiziert und will Handlungsfähigkeit beweisen.                 Ländern im Hochschulbereich einsetzen. Dann könnten
   Aus Sicht des Rektorats ist diese Liste der vorläufig                 mehr Bundesmittel in die sachsen-anhaltischen Hoch-
nicht wiederzubesetzenden Stellen keineswegs als Kür-                    schulen fließen. Außerdem sollte die Landesregierung den
zungsvorschlag, sondern als »Worst-Case-Szenario« zu                     Wissenschafts- und den Finanzausschuss »zeitnah« über
betrachten, gar als mögliches Druckmittel bei Verhand-                   die Situation an der MLU unterrichten – dort haben aber
lungen mit dem Land Sachsen-Anhalt um die neuen Ziel-                    bislang keine weiteren Gespräche stattgefunden.
vereinbarungen. Doch Studierende und Personal inner-                         Zeigte sich der Stadtrat in Halle zunächst ähnlich
halb wie außerhalb des Senats teilen diese Hoffnung nicht;               schwerfällig, ist inzwischen Bewegung in die Debatte ge-
auch unter den Professoren macht sich Skepsis breit, ob                  kommen. Am 24. Oktober hatten Oliver Paulsen (Grüne)
diese Strategie wirklich sinnvoll ist – am lautesten freilich            und Hendrik Lange jeweils Anträge zur Unterstützung der
unter denjenigen, deren Fakultäten oder Institute gerüch-                MLU eingereicht. Diese wurden zur weiteren Beratung in
teweise vom Stellenabbau betroffen sein könnten.                         den Hauptausschuss verwiesen – so weit ein übliches Vor-
                                                                         gehen. Dort allerdings, drei Wochen später, stimmten CDU
In den Mühlen der Politik                                                und SPD für eine weitere Vertagung auf unbestimmte Zeit
In diesem Zweifel sind sich selbst vormalige Kontrahen-                  – sehr zum Ärger der Studierenden und Angestellten im
ten einig, etwa Hendrik Lange, der vor einem Jahrzehnt als               »Aktionsbündnis MLU – Perspektiven gestalten«, unter
Stura- und Senatsmitglied ähnliche Kürzungsdiskussionen                  denen viele SPD-Mitglieder zu finden sind.
erlebt hat, und Professor Wilfried Grecksch, der seinerzeit                  Auch wenn auf Landes- und Stadtebene zunächst vor
Rektor der Uni war. Grecksch sieht dennoch keine Alter-                  allem die Linken und Grünen aktiv wurden, strebt das Ak-
native zu erneuten Kürzungen: der Martin-Luther-Univer-                  tionsbündnis MLU eine möglichst breite politische Un-
sität fehle es an Rückhalt in der Landespolitik, meint er.               terstützung an. In einem offenen Brief an den Rektor hatte

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         Interesse
          Pause
das Bündnis noch einmal seine Forderungen vorgetragen:              Nach der Demo ist vor der Demo
Die Leitung der Martin-Luther-Universität solle keine               Zeitgleich tritt der Senat der Universität zusammen, aber
weiteren Kürzungspläne erarbeiten und statt dessen eine             dennoch kommt das Signal von der Stadt nicht zu spät.
ergebnisoffene, inhaltsorientierte Profildiskussion auf den         Die Vorstellung seiner Kürzungsvorschläge hat das Rek-
Weg bringen – und zwar ohne Zeitdruck und unter Einbe-              torat nämlich auf eine Sondersitzung am 19. Dezem-
ziehung aller Statusgruppen (also auch der Angestellten             ber verschoben, offiziell aus organisatorischen Gründen,
und Studierenden). Zur Information leitete das Bündnis              denn am Abend des 12. Dezembers nimmt der Rektor an
seinen Brief unter anderem an die Landtagsfraktionen so-            einem Festakt zur Gründung des Zentrums für Polenstu-
wie an die Fraktionssprecher des Stadtrats weiter. Die Ad-          dien teil. Gleichwohl werden die Kürzungspläne bereits
ressaten zeigten sich interessiert und gesprächsbereit. Zu-         auf der regulären Sitzung zur Sprache kommen: Die stu-
gleich bemühte sich die Juso-Hochschulgruppe, die unter             dentischen Senatoren wollen beantragen, dass die Sonder-
anderem mit dem vorsitzenden Stura-Sprecher Clemens                 sitzung abgesagt wird und das Rektorat sich vorerst nicht
Wagner auch im Aktionsbündnis vertreten ist, die SPD-               mehr um konkrete Stellenstreichungen kümmert. Beglei-
Fraktion umzustimmen. Auch aus der CDU-Fraktion sind                tend hat das Aktionsbündnis zu einer Demonstration auf
positive Signale gekommen.                                          dem Universitätsplatz aufgerufen, zu der bei Redaktions-
    Somit wird der Stadtrat wohl am 12. Dezember, nach              schluss schon über 500 Zusagen auf Facebook eingegan-
Redaktionsschluss dieses Hefts, eine Erklärung zur Un-              gen waren.
terstützung der Universität verabschieden, in der er aus-               Aber auch die Protestierenden rechnen nicht da-
drücklich weitere Budgetkürzungen ablehnt und das Land              mit, dass die Sondersitzung vom 19. Dezember abgesagt
zu einer angemessenen Finanzierung auffordert. Unklar               wird. Schließlich hatte der Senat im Oktober das Rek-
ist, ob auch ein lokales oder regionales Dialogforum zur            torat noch mehrheitlich zur Erarbeitung konkreter Kür-
Zukunft der hallischen Hochschulen eingerichtet wird wie            zungsvorschläge aufgefordert. Und so werden nach Lage
Paulsen und Lange es in ihren Anträgen fordern. Dieses              der Dinge am Mittwoch vor Weihnachten weitere Proteste
Forum soll regelmäßig tagen und Hochschulen, Studieren-             stattfinden.
den- und Personalvertretungen, Forschungseinrichtun-                                                    Text: Konrad Dieterich
gen, Stadt und Saalekreis sowie eventuell auch die regio-                               Fotos: Johanna Sommer, Johannes Klemt
nale Wirtschaft und die Landesregierung mit einbeziehen.
                                                                    • Aktionsbündnis MLU – Perspektiven gestalten
Am 12. Dezember demonstrierten Studierende auf dem Uniplatz für     www.stura.uni-halle.de/aktionsbuendnis
eine gute Bildung. Hier ein Archivbild vom 17. Juni 2009.

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                                                                                                                      Interesse
                                                                                                                       Pause
                              Der Kapitalismus und die Krise
                        Die neugegründete Institutsgruppe Politikwissenschaften
                                 lud zu ihrer ersten Veranstaltung ein.

Der kleine Raum war schon vor Beginn der Diskussion                 sich Methmanns Ausführungen um die problematischen
gut gefüllt. Das Publikum verteilte sich auf Sofas und              Folgen der Green Economy und wie diese sich in Zukunft
rasch herbeigeholte Sitzkissen. Die erste von der Insti-            weiter entwickeln solle.
tutsgruppe der Politikwissenschaften organisierte Ver-                  Vieles, was den Zuhörern geboten wurde, verschwand
anstaltung fand als Podiumsdiskussion zu dem Thema                  schnell im Dickicht der verschiedenen Schulen und Theo-
»Wege des Kapitalismus aus der Krise« am 27. Novem-                 rien der Politik, was es für einige aus dem Publikum sehr
ber im Café Somkys statt. Als Teilnehmer waren an die-              anstrengend machte, den Faden nicht zu verlieren. So kam
sem Abend Benjamin von Opratko von der Universität                  sehr schnell, auch bei den Fragen einiger engagierter Dis-
Wien und Chris Methmann von der Universität Hamburg                 kussionsteilnehmer, eine Fachsimpelei über Politik, de-
erschienen. Methmann hatte kurzfristig zugesagt, anstelle           ren Begrifflichkeiten und Definitionen auf. Was sicher-
der erkrankten Professorin Angela Oels, die den Vertre-             lich auch daraus resultierte, dass, wie einige Zuhörer an ein
tungslehrstuhl der Internationalen Beziehungen an der               paar Stellen anmerkten, die Fragestellung nicht ganz klar
Uni Halle innehat. Henriette Kühnl von der IG Powi über-            war, da sich Methmann und Opratko weniger ein Rededu-
nahm die Moderation.                                                ell lieferten, sondern vielmehr einander ergänzten und im
    Opratko, selbst ein Vertreter des Neogramscianismus,            Grunde ihrer Aussagen übereinstimmen.
sprach zunächst über die kulturelle Hegemonietheorie von                Das Publikum stellte viele Fragen, die meist sehr aus-
Antonio Gramsci. Hierbei stieg er mit einem Zitat von An-           führlich mit eigenen Gedanken unterlegt waren und sich
ton Čechov ein: »Eine Krise kann jeder Idiot haben. Was             darum drehten, ob denn beides, Wachstum und die »öko-
uns zu schaffen macht, ist der Alltag.« So sei in den letz-         logische Rettung» möglich sei oder wieso der Neolibe-
ten Jahren ein Dauerzustand von Krisen geschaffen wor-              ralismus in den letzten Jahrzehnten so erfolgreich ist. So
den wie die Finanz-, Wirtschafts- oder Klimakrise. Durch            hatte man den Eindruck, dass das Thema auch hätte lau-
den Neoliberalismus verschiebe sich das Kräfteverhältnis            ten können: »Wege des Kapitalismus in die Krise«. Trotz
zwischen Lohn und Arbeit, was dazu führe, dass die Nach-            dieser Situation schaffte es Henriette, die Moderatorin, die
frage nach Konsumgütern sinkt. Auf dem Kapital- und Fi-             Diskussion in interessante Bahnen zu lenken, so dass jeder
nanzmarkt hingegen hält die Suche nach hohen Renditen               zu Wort kommen konnte.
an, jedoch wird das Kapital nicht produktiv angelegt.                   Als Fazit lässt sich die Podiumsdiskussion als eine
    Danach äußerte sich Methmann zu diesem Thema. Er                sehr interessante, jedoch für diejenigen mit weniger fach-
sprach die Entwicklung der Green Economy an, die sich               lichem Vorwissen eher anstrengende Veranstaltung
seit den letzten Jahren immer mehr zu einem Erfolgsmo-              zusammenfassen.
dell entwickelt habe. Das sei ein Zeichen, dass auch Be-
wegungen, die anfangs nicht                                                 Text: Kristina Wilke, Foto: unbekannt (gemeinfrei)
zum Mainstream gehörten,
ebenfalls die Chance hät-                                           • Antonio Gramscis »Gefängnishefte« entstanden wäh-
ten, Gehör zu finden. Ein                                           rend seiner Haftzeit im faschistischen Italien. Der marxis
Beispiel für die Green Eco-                                         tische Theoretiker prägte den Begriff der »kulturellen
nomy ist der Emissionshan-                                          Hegemonie«, des herrschenden ideologischen Konsenses,
del. Der Markt soll eingesetzt                                      um den in der Zivilgesellschaft unblutig gerungen wird.
werden, um die Umwelt zu
retten. Durch solche Inves-                                         • Institutsgruppen sind fachspezifische Interessenvertre-
titionen soll gleichzeitig für                                      tungen von Studierenden. Besonders zahlreich sind sie
Wachstum und damit auch                                             in der Philosophischen Fakultät I zu finden, wo der Fach-
Schuldenreduktion gesorgt                                           schaftsrat bei den vielen Instituten und Studiengängen
werden. Weiterhin drehten          Antonio Gramsci (1891–1937)      kaum den Überblick behalten kann.

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Woanders sein - Nr. 45 Dezember 2012 die hallische Studierendenschaftszeitschrift - hastuzeit
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                                   … zum Texten, Knipsen, Zeichnen?

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                und freuen uns über interessierte Studierende aus allen Fachrichtungen.

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     Baked Beans und Doppeldeckerbusse
       Passend zum Heftthema prüft unsere Außenreporterin Caro an der
       Erasmus-Partneruni in Newcastle diesmal kontinentaleuropäische
        Vorstellungen von »den Engländern« auf ihren Wahrheitsgehalt.
Bedankt man sich in Deutschland beim Busfahrer für die          sen kann, erfolgt auch der Ausstieg aus dem Bus im Gän-
Fahrt, wird man bestenfalls angegrummelt und vielleicht         semarsch. Und das bereits erwähnte Bedanken beim Bus-
noch angeguckt, als käme man vom Mars. Ganz so weit             fahrer gehört auch dazu.
muss man allerdings tatsächlich nicht reisen, um dies als          Das Schlangensystem an Supermarktkassen hingegen
gängige Alltagspraxis zu erleben. Was gilt sonst noch als       habe ich noch überhaupt nicht durchstiegen. Das wirkt
typisch englisch? Und was ist es wirklich?                      eher baumkronenartig mit vielen Verästelungen. Oder so
                                                                ähnlich. Man stellt sich irgendwo an und ist dann irgend-
Klischee 1: Engländer sind sehr höflich.                        wann dran.
Stimmt. Drei Floskeln der Entschuldigung oder der Bitte
innerhalb eines Satzes sind quasi Standard. Und das oft         Klischee 3: Die Einrichtung englischer Häuser
und gern. So entschuldigen sich die Engländer auch dann,        ist ziemlich bunt zusammengewürfelt.
wenn sie angerempelt werden. An den Dank an die Kun-            Teilweise. In studentischen Haushalten ist die Einrich-
den hängen Kassiererinnen gern noch eine Floskel der            tung auch manchmal eher gar nicht vorhanden. Dafür liegt
Liebkosung wie »Darling« oder »Love«.                           im Durchschnitt ziemlich viel Zeug auf Fußböden herum.
   Darüber hinaus neigen sie zum exzessiven Relativieren,       Vielleicht ist das dann ja die englisch-studentische Defini-
was für deutsche Ohren durchaus verwirrend sein kann.           tion von Einrichtung.
So schrieb mir meine Fußballmannschaftskapitänin am                 Was die Ausstattung angeht, ist Einfachverglasung
Sonntag vor unserem ersten Auswärtsspiel: »Kannst du            noch weit verbreitet. So sind die Backsteinbauten zwar
Mittwoch in Leeds spielen? Ist nicht schlimm, wenn              hübsch anzuschauen, aber im Winter nicht unbedingt
nicht.« Auf meine Antwort, dass ich noch mit einer Do-          übermäßig komfortabel.
zentin sprechen müsste und ihr das dann Montag definitiv
sagen könnte, schrieb sie zurück: »Lass dir alle Zeit, die
du brauchst. Ich will unbedingt, dass du spielst!« Ja, was
denn nun?
   Apropos Fußball: Die Höflichkeit kennt auch Ausnah-
men. Auf dem Platz hört man durchaus einmal wüste Be-
schimpfungen, die in Deutschland garantiert mit einem
Platzverweis geahndet würden.
   Fußballplätze sind aber nicht die einzige Ausnahme der
Höflichkeit: Sogar in der Uni kommt es vor, dass Dozen-
ten ihre Studenten – wenn auch im Scherz – als »brutale
Schlampen« bezeichnen.
   Und die Höflichkeit im Nachtleben – na ja, die ist wohl
ein Kapitel für sich.

Klischee 2: Engländer stehen gern Schlange.
Teilweise. Eigentlich vor allem an der Bushaltestelle. Ganz
geordnet betritt einer nach dem anderen den Bus und zeigt
seine Fahrkarte oder kauft diese beim Fahrer. Dass viele
der Busse hier tatsächlich Doppeldeckerbusse sind, macht
einem zusätzlich deutlich, dass man in England ist. Da
man die Busse auch nur durch die eine Tür vorn verlas-          Hier stehr Caro im englischen Regen.

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Schön anzusehen, aber im Winter eher kalt: Backsteinhäuser in Newcastle

Klischee 4: Engländer lieben ihren Regen.                              schen ist es zu unserem eigenen morbiden Scherz gewor-
Falsch. Zu meinem großen Entsetzen fielen mehrere Fuß-                 den; wir haben uns gut angepasst.
ballspiele und -trainings dem Regen zum Opfer. Als Nicht-
Engländer sollte man zwar nichts gegen das englische Wet-              Klischee 7: Engländer sind kulinarisch
ter sagen, aber die Einheimischen tun das doch durchaus                nicht besonders bewandert.
gern. Wenn das Wetter mal wieder so richtig schön »eng-                Ansichtssache. Das typisch englische Essen ist in jedem
lisch« ist, bin ich mit meiner Begeisterung meist in der               Fall durchaus deftig und fettig. In den Supermärkten sind
Minderheit.                                                            Obst und Gemüse eigentlich nie im Angebot, Süß- und
                                                                       Knabberkram dafür immer. Fish’n’Chips finde ich persön-
Klischee 5: Engländer sind trinkfest.                                  lich ab und zu lecker – aber eben auch mächtig und somit
Na ja. Fakt ist: Newcastle ist Party-Hochburg. Fakt ist                nicht für den täglichen Verzehr zu empfehlen.
auch: Es wird viel getrunken, erschreckend viel. So richtig                Das stereotypische Frühstück mit Bohnen, Würstchen,
gut klar kommen damit aber nicht alle. Dass Leute wegen                Tomaten, Speck, Spiegeleiern, Kartoffeln und Champig-
fragwürdigen Benehmens aus den Klubs geschickt wer-                    nons nehmen im Alltag die wenigsten zu sich. Viel verbrei-
den, von Freunden nicht nur gestützt, sondern vielmehr                 teter, vor allem unter Studenten, ist ein Coffee-to-go und
getragen werden müssen oder gar im Gefängnis landen, ist               ein Muffin. Apropos Kaffee: Diesen im Supermarkt frisch
leider auch unter der Woche keine Seltenheit.                          selbst zu mahlen, ist absolut nicht verbreitet, und über-
    Das Nachtleben setzt, wie bereits erwähnt, die sonst               haupt die Möglichkeit, guten Kaffee zu halbwegs akzepta-
allgegenwärtige Höflichkeit außer Kraft: Es wird gedrän-               blen Preisen zu bekommen, ist gering. Notgedrungen habe
gelt, geschubst, gewürgt, geprügelt.                                   ich mich hier zum Teetrinker entwickelt.

Klischee 6: Engländer haben einen schwarzen Humor.                     Klischee 8: Engländer messen Ampeln
Tendenziell schon. In meinem Umfeld haben sie zumin-                   nicht übermäßig viel Bedeutung bei.
dest einen sehr trockenen Humor. Und sie nehmen sich,                  Stimmt. Eine Ampel macht auf eine Straße aufmerksam.
auch in Büchern, gern selbst aufs Korn. So wird in »100                Der durchschnittliche Engländer guckt zuerst, ob ein Auto
englische Dinge, die man getan haben sollte« auch aufge-               kommt, betritt dann die Straße und guckt dann (viel-
führt, dass man die Kleidung eines Verstorbenen tragen                 leicht), welche Farbe an der Ampel gerade leuchtet. Die
soll. Etwas morbid ist der Humor also schon.                           Autos werden gegebenenfalls schon hupen.
    So fragten meine Mitbewohnerin und ich uns dann                        Darüber hinaus gibt es, zumindest in Newcastle, fast
auch, ob es sich nur um einen »englischen« Scherz han-                 nirgendwo Radwege, so dass die Radler dann irgendwo
delte, als in der ersten Woche im Wohnheim eine Leiche                 mit auf der Straße fahren.
vor unserem Fenster lag. Das war es zwar nicht, aber inzwi-                                     Text und Fotos: Caroline Bünning

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              Die schönsten China-Klischees
Vorurteile beeinflussen viele Menschen in ihrer Meinung zu fremden Ländern.
hastuzeit-Redakteurin Alisha will den Mythen zu China auf den Grund gehen.

  Sun Qi (25) studiert seit 2010 an der MLU Medien- und             alle. Auch hier essen nur die Menschen aus dem Süden
  Kommunikationswissenschaften und Wirtschaftswissen-               täglich Reis. Trotzdem existiert dieses Bild hartnäckig,
  schaften. Ursprünglich stammt er aus der Provinz Shan-            vergleichbar mit dem Vorurteil, dass wir Deutschen alle
  dong im Nordosten von China, gut 7800 km von Halle                nur Brezeln und Sauerkraut essen.
  entfernt. Vor unserer Unterhaltung habe ich die besten
  Vorurteile über China aus dem Internet notiert. Diese lege        Chinesen arbeiten fleißig und viel,
  ich Qi vor, mit der Bitte, diese zu verifizieren oder auch zu     verdienen aber wenig Geld.
  falsifizieren.                                                    »Wir in China haben genug Geld, um uns einen angeneh-
                                                                    men Lebensstandard leisten zu können«, behauptet Qi,
  Alle Chinesen essen Hunde und Katzen                              als er dieses Vorurteil hört. In China wird mit Yuan gezahlt
  »Nein, das stimmt nur zum Teil«, klärt Qi mich sofort             (1 Yuan = 10 bis 12 Cent). Die Lebenskosten sind im All-
  auf. Nicht alle Chinesen verspeisen süße Haustiere zum            gemeinen nicht so hoch wie in Deutschland. Ein Arbeiter,
  Abendbrot. Nur in Südchina gibt es eine Provinz namens            der ca. 25 Tage im Monat arbeitet, verdient 3000 bis 4000
  Guangdong, in der Katzen und Hunde tatsächlich geges-             Yuan; das Geld reicht für ein gutes Leben. Für eine schi-
  sen werden. Generell verspeist die Bevölkerung dort alle          cke Stadtwohnung muss ein Arbeiter schon rund 1 000 000
  Tiere, deren Rücken zur Sonne gewandt sind. Das Prob-             Yuan aufbringen.
  lem dabei ist, dass genau diese Menschen als erste Chine-
  sen in das Ausland gereist sind. Sie sind also das Aushän-        Chinesen dürfen alle nur ein Kind haben.
  geschild für alle anderen Chinesen gewesen, und genau             »Ja, das stimmt. In den 1970ern wurde die Ein-Kind-Poli-
  deshalb denken wir, dass Asiaten Hunde und Katzen                 tik in China eingeführt. Wir wollen dadurch ein weltweit
  essen. Und falls ihr gerade drüber nachdenkt, ob Chine-           positives Ziel erreichen, denn es gibt mittlerweile zu viele
  sen jeden Tag Reis essen, kann ich euch sagen – nein, nicht       Menschen auf der Erde.« verteidigt Qi das politische

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Vorgehen. In der Zeit Mao Zedongs waren Kinder sogar
erwünscht. In den Jahren zwischen 1949 und 1971 ist dann
die Bevölkerung Chinas von 542 Millionen auf 852 Millio-
nen Bürger gestiegen. »China wurde sich dieses Problems
bewusst, und als Land mit der größten Bevölkerung über-
nehmen wir nun die Verantwortung.«
    Auch Qi selbst hat keine Geschwister. »Für uns selbst ist
die Ein-Kind-Politik nicht immer gut, wir sind allein, und
die Gesellschaft wird immer älter.« Trotz allem sollte man
sich bei einer Missachtung der Ein-Kind-Politik darauf ein-
stellen, viel Geld bezahlen zu müssen.

Chinesen sehen alle gleich aus und tragen
alle den gleichen Mao-Anzug
»Ja, wir haben alle braune Augen und in der Regel auch
schwarze Haare«, stimmt Qi zu. Dennoch kann er von ein
paar wenigen Jugendlichen erzählen, die ihre Haare auch
mal grün, rot, oder auch gelb färbten. Doch diese seien
eher die Ausnahme.
    »Wir tragen nicht alle die gleiche Kleidung, vor allem
keinen Mao-Anzug«, dementiert Qi. Der sogenannte Mao-
Anzug ist meistens grau und wurde von Mao Zedong be-
rühmt gemacht. Deshalb steht er auch für die Revolution.
Die zwei Brusttaschen des Anzuges stehen für die Gewal-
tenteilung. Doch nur die wenigsten wissen, dass der Anzug
eigentlich von einem gewissen Sun Zhongshan erfunden
wurde. Mittlerweile ist der Anzug außer Mode gekommen.

Chinesen behandeln Ausländer wie Könige
»Ja, wir in China sind sehr freundlich, auch zu Auslän-
dern. Aber die Freundlichkeit ist unsere Natur, wir sind
nicht nur zu den Ausländern höflich. Wir sind es immer,
auch untereinander«, erklärt mir Qi. Tja, so besonders
sind wir Europäer dann also doch nicht. Chinesen sind
einfach ein lächelndes Volk und lassen jedem gleicherma-
ßen ihre Freundlichkeit zuteilwerden.

Chinesisch ist eine schwere Sprache
»Ja, auch das stimmt. Die Wörter im Chinesischen haben
einfach zu viele Bedeutungen.« versucht Qi mir die
Schwierigkeiten mit der Sprache näher zu bringen. Das
Wort 表 wird »Biao« gelesen und kann einerseits Formu-
lar, Liste und Tabelle bedeuten, andererseits auch Uhr und
Thermometer. »Die Bedeutung ergibt sich erst durch den
Kontext«, erklärt Qi.

    Mir wurden sechs große Vorurteile zu China von ei-             Der »Mao-Anzug« ist wirklich aus der Mode gekommen.
nem echten Kenner erklärt. Am Ende muss man feststel-              1984 (hier eine Straßenszene aus Peking) war das noch anders.
len, dass man über ein fremdes Land doch nicht alles weiß,
auch wenn man es vielleicht glauben mochte. Mein Tipp:
lieber das Land selbst entdecken und weniger auf andere                                                      Text: Alisha Führer
hören!                                                                      Fotos: Privat, kattebelletje (Flickr, CC BY-NC 2.0)

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     Freundschaft, Kulturschock und Kühe
   Markus, 25, studiert International Area Studies an der MLU und ist seit
 2008 Mitglied bei AIESEC. Im Sommer 2011 hat er für anderthalb Monate
  in Ahmedabad, der viertgrößten Stadt Indiens, ein Praktikum absolviert.

Wie bist du darauf gekommen, in Indien ein Praktikum zu machen?       Hast du schnell Anschluss gefunden?
    Mit AIESEC haben wir einige Praktikanten aus Ahme-                   Ich hatte ja schon ein paar Freunde dort, aber auch sonst
dabad betreut. Mit zwei von ihnen habe ich mich sehr gut             habe ich schnell Leute kennengelernt. Inder sind im Allge-
verstanden. Wir sind zusammen durch Europa gereist, und              meinen sehr offen und gastfreundlich. Auch untereinan-
sie haben mir sehr viel über Indien, ihre Kultur und Religion        der reden sie viel öfter als Europäer. Anschluss zu finden ist
erzählt. Das hat mich neugierig gemacht. Da hat es sich an-          somit sehr leicht, weil man ganz oft von neugierigen Men-
geboten, nach Indien zu gehen.                                       schen auf der Straße angesprochen wird. Auch die Kinder
                                                                     winken einem immer interessiert zu.
Hat sich dein Bild von Indien während des Aufenthalts verändert?
    Mein Bild hat sich vor allem aus dem zusammengesetzt,             Hattest du den berüchtigten »Kulturschock«?
was mir meine Freunde berichtet haben. Ich erwartete eine                Ja, ich würde sagen, am A nfang war es schwierig, und
reiche Kultur, in der der Hinduismus eine große Rolle spielt         ich hatte schon einen Kulturschock. Meine Unterkunft
und in der viele Feste gefeiert werden. Auch auf viel Armut          war nämlich sehr indisch. Ich hatte eine indische Toilet-
und dreckige Städte machte ich mich gefasst.                         te, also eine Toilette, wo man hocken muss und ohne To-
    Vieles hat sich bestätigt: ich kam zur Monsunzeit an.            ilettenpapier. Es existieren eben andere Hygienevorstel-
Ganz stereotypisch herrschte total viel Verkehr, und überall         lungen. Es hat etwas gedauert, bis ich mich getraut habe,
waren Kühe auf den Straßen.                                          nach Toilettenpapier zu fragen.

Wie hast du dort gelebt?                                              Wie hat dir Indien gefallen?
   Ich habe bei meinem Chef in einem seiner Gästezimmer                  Großartig. Zu der Zeit wurden viele Feste gefeiert, wie
gewohnt. Da es ein unbezahltes Entwicklungspraktikum                 zum Beispiel das Ende des Ramadan oder der Geburtstag
war, hat er auch für mein Essen gesorgt.                             von Krishna. Bei Festen wird viel getanzt, und das Essen
                                                                     spielt eine große Rolle in der Kultur. In der Region um Ah-
Wie sah deine Aufgabe dort aus?                                      medabad ist das Essen streng vegetarisch, und es schmeckt
    Mein Praktikum habe ich bei der NGO »Society for                 sehr gut. Ich habe fünf Kilo zugenommen …(lacht)
Promoting Rationality« (SPRAT) gemacht. Diese wurde                      Es ist auch sehr viel Leben in den Straßen. In Deutsch-
2002 gegründet, als Unruhen zwischen Muslimen und Hin-               land stagniert alles, aber in Indien merkt man, dass die Leu-
di in einem Anschlag und angezündeten Häusern endeten.               te sehr motiviert sind und viel erreichen wollen. Sie haben
     SPRAT setzt sich für rationales Denken ein, indem sie           alle einen Plan, was sie mit ihrem Leben machen wollen,
Bildung und Wissen fördert. Ihr Ziel ist es, dass die Men-           und verfolgen ihn fleißig. Das hat mich begeistert.
schen nicht »blind der Religion folgen«, sondern friedlich
zusammenleben. Verschiedene Projekte sollen dies fördern.             Hast du auch negative Erfahrungen gemacht?
So baute die NGO zum Beispiel einen riesengroßen Spiel-                  Am Anfang war es schwierig einzuschätzen, inwiefern
platz zwischen muslimischen und hinduistischen Slums, auf            sich die Höf lichkeit im Vergleich zu der deutschen unter-
dem sie sich friedlich begegnen können.                              scheidet. Ich denke, mein Chef fand mein Verhalten etwas
    Meine Aufgabe im Praktikum war, mich um die Websi-               flegelhaft, weil ich beispielsweise seine Tasche nicht reinge-
te der NGO zu kümmern. Ich habe am PC gearbeitet, Netz-              tragen habe. Man muss dort viel höf licher und zuvorkom-
werke geknüpft und dafür gesorgt, dass die Website leicht            mender sein.
über Suchmaschinen zu finden ist.                                        Inder sind generell sehr hilfsbereit, aber es kommt leider
                                                                     nicht immer etwas Gutes dabei heraus. Einmal musste mei-

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Markus mittendrin beim Fest der Farben (Holi)

ne Kamera repariert werden, und Kollegen haben ihre Hilfe           wieder hier bin, besuche ich meine Familie zuhause öfter.
angeboten. Nach zwei Wochen, in denen sie kaputt im Büro            Das ist mir wichtiger geworden. Außerdem habe ich viel ge-
herumlag, hat sie dann mal jemand zur Reparatur gebracht.           lernt von Indien. Inder lächeln viel mehr. Das versuche ich
Dort wurde dann auch festgestellt, dass sie wirklich beschä-        in meinen Alltag einzubauen, aber es klappt noch nicht im-
digt war. Das war nicht ganz so hilfreich.                          mer so. (lacht)

Gab es auch Missverständnisse?                                       Wie bist du mit der Betreuung durch AIESEC zurechtgekommen?
    Ja, wenn Inder etwas nicht verstehen, fangen sie an zu la-          Die Kommunikation mit AIESEC in Deutschland hat
chen. Ich habe eher verwirrt geguckt, was sie als unfreund-         sehr geholfen. Mit dem indischen AIESEC-Team hat es lei-
liches Gesicht gedeutet haben. Auch Rikschas haben mich             der nicht so gut funktioniert. Sie waren zwar sehr hilfsbe-
permanent an die falschen Orte gebracht, weil sie nicht ver-        reit, aber es gibt dort sehr viel Bürokratie, und sie hatten viel
standen haben, wo ich hinwollte.                                    zu tun. Ich hätte gerne beim lokalen AIESEC-Team mitge-
                                                                    arbeitet, aber ich hatte kaum Kontakt zu ihnen. Ich möchte
 Hat sich seit dem Praktikum viel für dich verändert?               aber sehr gern noch einmal ein Praktikum mit AIESEC ma-
    Ich hatte einen Kulturschock, als ich wieder nach Hau-          chen. Dann auch ein längeres, professionelleres und bezahl-
se kam. Meine Freunde in Deutschland hatten nur wenig               tes. Ich weiß noch nicht, wo und was, aber definitiv ja!
Zeit, weil sie für die Uni lernen mussten. In Indien versuch-
ten meine Freunde sich immer Zeit zu nehmen, obwohl sie                                   Interview: Hannah Stoll, Foto: Privat
den ganzen Tag arbeiten müssen oder eine Familie haben.
Ich wurde auch oft zu den Familien eingeladen. Seitdem ich

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          Pause

                                                 AIESEC?!
     Die größte internationale Studentenorganisation vermittelt betreute Auslandspraktika
     in mehr als 100 Ländern. Seit rund 60 Jahren sind sie in Deutschland tätig und haben
                   mittlerweile 47 Standorte; der in Halle existiert seit 2005.

Ziel von AIESEC ist es, Studierenden zu ermöglichen,           ter und welche Fachrichtung – ein Profil bei AIESEC er-
fremde Kulturen kennenzulernen und ihr interkulturelles        stellen und sich in die Datenbank eintragen lassen. Bei
Verständnis zu fördern. Für diesen Zweck bietet die Orga-      10 000 Stellen ist die Wahrscheinlichkeit auch sehr hoch,
nisation zwei Arten von Praktika an.                           einen passenden Platz zu finden.
    »Global Internship«-Programme sind fachbezogene                Vor dem Reiseantritt muss noch ein interkulturelles Se-
Praktika, die bezahlt werden und eine Zeitspanne von drei      minar besucht werden, um einen möglichen »Kultur-
Monaten bis zu anderthalb Jahren umfassen. Die Aufga-          schock« zu vermeiden. Für die Bürokratie, Profilerstel-
benfelder konzentrieren sich auf den IT-Bereich, BWL/          lung, Datenbankeintrag und das Vorbereitungsseminar
VWL, Ingenieurwesen und Marketing.                             berechnet AIESEC Kosten von 350 Euro – inklusive 50
    Darüber hinaus gibt es die »Global Community               Euro Kaution.
Development«-Programme. Diese sozial ausgerichteten                Über neue Mitglieder würde sich AIESEC dennoch
Praktika sind bis auf ein Taschengeld meist unbezahlt,         freuen. Sechs verschiedene Teams kümmern sich um Auf-
dauern in der Regel aber auch nur sechs bis acht Wochen.       gabenbereichen wie den »Incoming Exchange«, »Outgo-
Sie dienen der Sozialentwicklung im jeweiligen Land und        ing Exchange« oder die Finanzen. Die Mitarbeiter be-
sind darauf ausgerichtet, die Kultur kennenzulernen.           treuen ausländische Praktikanten in Halle oder bereiten
    Oft besteht der falsche Eindruck, man müsse Mitglied       deutsche Studierende auf einen Auslandsaufenthalt vor.
bei AIESEC sein, um über die Organisation ins Ausland zu
gehen. Generell kann jeder Student – egal welches Semes-                                 Text: Hannah Stoll, Foto: Privat

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                                                                                                                 Pause 

   »Lichterglanz«: Beschäftigung für lange Winterabende
          Bis Ende Februar lässt die EVH die Ziegelwiese im Weihnachtslook erstrahlen.

Es ist Nacht, und die Tiere sind noch wach. Schuld sind die      die Bäume. Mein neuer Freund und ich erfreuen uns noch
Studenten, die mit Glühwein in der Hand vor fünf leucht-         eine Weile an dem Anblick und gehen auf den Weihnachts-
enden Bäumen stehen und die Lämpchen zählen. »44, 45,            markt einen Glühwein trinken. Denn der mitgebrachte
46 … hmm, bei welcher Zahl war ich noch gleich?« Ein             Glühwein der Studenten ist bereits alle, und sie nüchtern
Schwan schnattert wütend zurück, dass es die 46 war. Für         schon wieder aus.
die zehn besten Schätzungen, so erklärt mir ein Passant,
verschenkt die EVH GmbH zehn wärmende Kuscheleis-                    »Wir haben die Ziegelwiese ausgewählt, weil die
bären. Deswegen stehen nun nachts Studenten um die                 Innenstadt durch die Händler bereits weihnachtlich
Lämpchen und zählen.                                                beleuchtet und dekoriert wird.« – Martin Schmitz,
    Bei näherer Betrachtung entdecke ich, dass die fünf           Bereichsleiter Marketing und Vertrieb der EVH GmbH.
Bäumchen mit jeweils einem Lichterschlauch umrankt
sind. Was sind das nur für Schläuche? Der Passant meint,             Am nächsten Tag, dem 8. Dezember, veranstalten
dass das LED-Lampen sind, die mit Plaste umhüllt wur-            die fünf leuchtenden Bäume eine Einweihungsparty. Per
den. So langsam kommen wir ins Gespräch, mir fällt ein,          Werbung locken die Bäume mich zu diesem »Überra-
dass die Lampen sehr gut für die Umwelt sind und 90 Pro-         schungsevent«, wie sie es selber nennen. Ab 15 Uhr be-
zent weniger an Energie verschwenden als eine herkömm-           mühe ich mich überrascht zu wirken und darf ganze zwei
liche Glühbirne. Der Passant stimmt mir zu: »Aber nun            Stunden herrliche Adventsmusik hören. Ich drehe an ei-
kann sich keiner mehr an den Lämpchen aufwärmen, da              nem Glücksrad und erhalte leider was zum Naschen und
sie weniger Wärme abstrahlen. Deshalb wird ein Glühwein          kein tolles Werbegeschenk. Andere Besucher geben bis 17
nach dem anderen getrunken.« So ein Lichterschlauch,             Uhr ihr Geld für einen Glühwein, Kakao oder Plätzchen
meint er, sei irgendwie einer Kondomwerbung gleichzu-            aus. An der Feuerschale wärme ich mich auf und darf mir
setzen: Es wird keine Lichterkette verwendet, denn diese         nach der Adventsmusik auch noch das Jugendblasorches-
hält dem harten europäischen Winter nicht stand. Die             ter Halle anhören. Danach laufen alle Eltern mit ihren Kin-
Plaste schützt die Lampe vor jedem falschen Eindringling.        dern und diese wiederum mit Lampions in einem Umzug
    »Erstaunlich, und wie viel bezahl ich für den Spaß?«         an den fünf leuchtenden Bäumen vorbei. Die Einnah-
Er winkt ab und verdreht leicht die Augen. Fünf Euro pro         men teilten sich das Jugendblasorchester Halle für ihren
Nacht gibt die EVH aus. Dass sich der Strompreis bald von        Auftritt und die Kita Froschkönig für die Ausbildung ih-
23,63 Cent brutto auf 26,25 Cent erhöht, hängt also nicht        res Therapiehundes. An jenem Tag bemühen sich die fünf
mit den fünf beleuchteten Bäumen zusammen.                       Bäume und das Team der Stadtwerke, besonders weih-
    Wir schwelgen in Erinnerungen an den Sommer. Wie             nachtlich auszusehen.
schön war das, als die Hunde an die Bäume gepinkelt ha-
ben und das Grünflächenamt die Bäume heimlich gepflegt                      Text: Johanna Sommer, Foto: Christian Schoen
hat, ohne dass man es bemerkte. Jetzt pinkeln andere an

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         Pause

                         60 Künstler auf 1500 m²
     Zwei Initiatoren wagten das Experiment, einen Kunstraum zu eröffnen,
                           und setzen die Serie fort.

In der Großen Ulrichstraße 19–21 findet bis zum 22.               Im Sommer 2011 fing die Ausstellung der beiden Künst-
Dezember 2012 die fünfte Ausstellung der Initiatoren              ler im Kleinformat an. »Es waren fast 25 Exponate beim
Rebekka Rauschhardt und Björn Hermann statt. »Eine                ersten Mal, und tatsächlich hat die Vielfalt und die Unter-
Verkaufsausstellung und Werkschau von knapp 60 Künst-             schiedlichkeit der Arbeiten das Publikum sofort begeis-
lern, wo wir Malerei, Bildhauerei, Fotografie, Schmuck            tert.« Als es Winter wurde, verlagerten sie die Ausstel-
und Textilbuchkunst zeigen. Der Kunstraum wird beglei-            lung von der Leipziger Straße in die Große Ulrichstraße.
tet von Kulturveranstaltungen, Lesungen und Auftritte             Doch diesen Winter gab es, statt einer Rede wie im ersten
von Musikern.«                                                    Kunstraum, einen Auftritt der Sopranistin Julia Preußler.
    Die Idee für die Ausstellung kam den beiden Künst-            »Diesmal dachten wir, wir wollten es dramatisch haben,
lern, da sie keinen Ausstellungsraum für ihre Arbeiten ge-        und da fiel uns ein, dass die Künstlernamen gesungen wer-
funden hatten. Wenn man doch das Glück hat, einen zu              den könnten. Sie hat innerhalb von zwei Wochen knapp
finden, muss man Transportkosten bezahlen. Oftmals gibt           60 Künstlernamen auswendig gelernt und diese unglaub-
es nicht genügend Platz für alle Werke, und man verkauft          lich dramatisch klassisch gesungen, wie eine Arie.»Für
nicht sehr viel, wie mir Rebekka berichtet. »Da haben wir         Rebekka und Björn war das »der Hammer«.
einfach gedacht: Wir machen jetzt selber eine. Es wäre                Für die Eröffnung gestalteten sie den Kunstraum sel-
aber vielleicht zu langweilig, wenn wir unsere eigenen Sa-        ber. Sie hängten nicht nur Gemälde von Künstlern auf,
chen ausstellen. Also fragen wir alle, die wir kennen, ob sie     sondern auch von Studenten, Anfängern oder freischaf-
auch Lust haben mitzumachen.«                                     fenden Künstlern. Schließlich darf jeder mitmachen, da
    Beide Künstler haben zusammen an der Burg Gie-                es keine Kriterien gibt. Die Initiatoren entwickelten auch
bichenstein studiert. Björn hat sich als jetziger Student         Sympathien für bestimmte Werke. Einer Meinung sind sie
auf Malerei und Textile Künste spezialisiert. Rebekka ist         zu den Bildern von Christine Bergmann: »Die Bilder sind
schon seit zwei Jahren mit ihrem Diplom fertig.                   malerisch wahrscheinlich sehr einfach, aber wenn man es
                                                                                                       versuchen würde nach-
                                                                                                       zumachen, würde man
                                                                                                       mit sich ganz schön
                                                                                                       ins Hadern kommen.
                                                                                                       Es ist ein ganz leich-
                                                                                                       ter Pinselstrich, der
                                                                                                       sitzt dann auch, und
                                                                                                       das ist das Schöne an
                                                                                                       ihren Werken.« Auch
                                                                                                       zu den anderen Ge-
                                                                                                       mälden hat Rebekka
                                                                                                       viel zu erzählen: »Die
                                                                                                       Grafiken von Bar-
                                                                                                       bara Wege sind Zeich-
                                                                                                       nungen mit leichter
                                                                                                       Farbe, und die von Un-
                                                                                                       dine Hannemann sind
                                                                                                       recht wilde Bilder, wo
                                                                                                       es ganz schön drunter
                                                                                                       und drüber geht. Ein
                                                                                                       sehr freier Strich, aber

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                                                                                                                   Interesse
                                                                                                                    Pause 

am Ende funktioniert es wie eine Geschichte.« Björn fas-           ums der Kunststiftung Sachsen-Anhalt ihr Projekt zum
ziniert aber noch mehr, wie die vielen unterschiedlichen           Thema »Die Wäsche meiner Nachbarn« im Kunstraum
Stile der Bilder in Kombination mit den Plastiken sich ge-         Rauschickermann.
genseitig bereichern und zusammenspielen. Auch die bei-                In der Zukunft sieht sich Rebekka immer noch mit ih-
den haben für die Ausstellung an einigen Werken gearbei-           rem Pinselstiel in der Hand. »Ich brauche nur die Kunst,
tet. Björn bezeichnet sich selber als abstrakter Maler und         um glücklich zu sein.« Dann erzählt sie noch, dass im Mo-
bevorzugt Haut-, Rot- und Orangetöne. »Es sind keine               ment ein kleines Kunstprojekt ihre eigene Vita ist. »Ich
konstruierten Flächen in den Bildern zu sehen, und sie             selber langweile mich total, wenn ich die Viten anderer
vermitteln eine Unendlichkeit.« Doch da seine Bilder sehr          Leute lesen muss oder lesen möchte. Da habe ich gedacht,
großformatig sind, hat er sehr wenig ausgestellt. Rebekka          ich drehe an der Form, so dass es interessanter wird. Aber
hat dagegen sehr viel an Platz gefüllt. Sie bevorzugt Voll-        ich gehe sogar die Gefahr ein, dass es lächerlich wird.« Da-
farben und malt sehr gerne Portraits. Ihre gemalten Ge-            bei fällt ihr ein: »Ach, Björn müsste demnächst auch mal
sichter sind abstrahiert, aber noch leicht naturalistisch.         Diplom anmelden.« Doch er meint nur: »Die nächsten
    Ein Ausstellungsstück von Rebekka ist mit einem kräf-          Ziele sind unter Umständen das Diplom zu machen. Was
tigen, strahlenden Gelb gemalt worden und trägt den Titel          natürlich schön ist, wenn man mit dem Kunstschaffen all-
»Gelbverbot«. In ihrer Studienzeit hatte sie in einem ein-         gemein in all seinen Facetten, so wie wir es hier betreiben,
stimmigen Urteil von ihrem Professor und ihrer damaligen           leben und überleben kann.«
Klasse ein Gelbverbot erhalten. Auch in Björns Studium                 Rebekka Rauschhardt und Björn Hermann sind mit
ist nicht alles glattgegangen. »Also, es passieren schon ein-      der jetzigen Ausstellung zufrieden und wollen 2013, im
mal Missgeschicke, wenn man übermüdet ist. Dass einem              Zeitraum der Händelfestspiele, wieder einen Kunstraum
möglicherweise der komplette Farbeimer umkippt, die rie-           eröffnen.
sige Farblache irgendwo landet, wo sie nicht landen soll.
In dem Moment ist das natürlich nicht ganz so lustig, und                    Text: Johanna Sommer, Fotos: Christian Schoen
es wird trotzdem irgendwie mit hysterischem Lachen be-
gleitet, weil es einfach so unbegreiflich ist.« Nun brechen        • Sa, 15. Dezember, 19.00 Uhr : Gedichtvortrag von
beide in Gelächter aus.                                            Margarete Wein zusammen mit Simone Juppe (Percus-
    Auf die Frage, ob man denn von der Kunst leben                 sion) und Gerlinde Poldrack (Saxophon)
könne, fängt Björn wieder an zu lachen. Beide tätigen viele
künstlerische Nebenjobs. Er selber hat durch eine Initia-          • Di, 18. Dezember, 19.00 Uhr
tive der Bürgerstiftung mit vielen anderen Künstlern oder          Improvisationstheater »BilderReise«
Kunstpädagogen Kindern aus Halle-Neustadt Kunst und
Kultur nähergebracht. Ab und zu erhalten sie auch Auf-             • Sa, 22. Dezember, 19.00 Uhr
träge für Kunst am Bau. Am 3. Dezember war Björn in                Finissage mit Untermalung der Trommelgruppe
Weißenfels und half dort der Burgabsolventin Christine             »Takt!Los!«
Bergmann den Bahnhof zu verschönern. Rebekka prä-
sentierte am selben Abend im Rahmen eines Stipendi-                • http://www.rauschickermann.blogspot.de/

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              »Halle gegen rechts« fordert eine Kennzeichnungspflicht für Polizisten,

Das Gewaltmonopol des Staates ist ein scharfes Schwert.         Am Tag des Benefizkonzertes machte das Bündnis im
Wasserwerfer, Pistolen, Schlagstöcke, Pfefferspray, die         Rahmen einer Demonstration auf seine Forderungen auf-
Polizeien sind dazu ausgerüstet und legitimiert, zum            merksam. Die Regierungskoalition in Sachsen-Anhalt
Wohle der Sicherheit auch einmal härter durchzugrei-            lehnt eine Kennzeichnungspflicht für Polizisten derzeit ab,
fen. Gesetze regeln, wann und wie das Schwert zum Ein-          doch eine erneute Anhörung zu diesem Thema ist am 12.
satz kommt. Doch was passiert, wenn Polizisten über die         Dezember im Innenausschuss geplant. Die Fraktion Bünd-
Stränge schlagen?                                               nis 90 / Die Grünen hatte einen entsprechenden Antrag
    Zu einem solchen Vorfall kam es in diesem Jahr auch in      eingebracht.
Halle. Bis zu 150 Menschen demonstrierten am 7. August
gegen die Sommertour der rechtsextremen Partei NPD.             »Die derzeitigen Möglichkeiten sind ausreichend«
Bei der Räumung einer Straße gingen die eingesetzten Be-        Eine individuelle Kennzeichnungspflicht für Beamte, ins-
amten so rabiat vor, dass zwei der Demonstrationsteilneh-       besondere in sogenannten geschlossenen Einheiten, leh-
mer in der Folge des Einsatzes verletzt wurden. Einer der       nen auch die Polizeigewerkschaften ab. Nach Erfahrung
beiden, ein 24-jähriger Student, trug schwere innere Ver-       der Gewerkschaft der Polizei Sachsen-Anhalt ist es immer
letzungen davon, die in einer Notoperation behandelt wer-       möglich, alle Beamten, gegen die Vorwürfe unrechtmäßi-
den mussten, wie Florian Weineck, Pressesprecher von            gen Handelns erhoben werden, zu ermitteln. Darüber hin-
»Halle gegen Rechts« berichtet.                                 aus werde konkret befürchtet, dass die eingesetzten Beam-
                                                                ten durch Beschwerden und Strafanzeigen, insbesondere
Anzeige gegen Unbekannt                                         aus politisch extremen Szenen unter Druck gesetzt wür-
Um dem Opfer des Übergriffs zu helfen, veranstal-               den. Dieser Druck geht nach Ansicht von Jürgen Naatz,
tete das Bündnis am 1. Dezember eine Benefizparty. Mit          dem stellvertretenden Vorsitzenden des Landesverbandes,
dem Erlös der Party sollen Krankenhaus- und mögliche            auch jetzt schon bis in den privaten Bereich der Polizisten
Gerichtskosten gedeckt werden. Denn im Nachlauf wird            als latent bestehende Gefahr. Zwar kann er keine genauen
die Maßnahme vor einem Verwaltungsgericht überprüft.            Zahlen dazu nennen, verweist aber auch auf die präventive
Außerdem erstattete die Anmelderin der Demonstration            Arbeit als Gewerkschaft, so dass ein Fall hier schon zu viel
Anzeige wegen Körperverletzung im Amt. Diese laufen             wäre.
derzeit noch gegen Unbekannt, ein mutmaßlicher Täter in             Tatsächlich sei es schon jetzt möglich, die Namen von
den Reihen der Polizei konnte nicht konkret ausgemacht          Polizisten herauszufinden, um mögliches Fehlverhalten
werden. Es sei daher nicht absehbar, wie schnell es zu ers-     zur Anzeige zu bringen. »Die derzeitigen Möglichkeiten
ten Ergebnissen komme, beurteilt Weineck den Stand der          sind ausreichend«, betont Naatz. Er räumt jedoch auch
Ermittlungen.                                                   ein, dass dies in unübersichtlichen Situationen oft schwie-
    Zwar trugen die eingesetzten Beamten an diesem som-         riger sei. Hier seien jedoch zumindest Kennzeichnungen
merlichen Tag keine Helme, doch dies ist selten der Fall.       bis auf Gruppenstärke gegeben. Doch gerade in diesen Zu-
Eine konkrete Zuordnung von möglichem Fehlverhalten             sammenhängen kommt es oft zu fragwürdigen Handlun-
auf einzelne Beamte ist so oft nicht möglich.                   gen seitens der Polizei. Beispielsweise bei Massenveran-
    Deswegen setzt sich »Halle gegen Rechts« für die Ein-       staltungen wie Demonstrationen oder Fußballspielen, bei
führung einer individuellen Kennzeichnungspflicht für           denen geschlossenen Einheiten zum Einsatz kommen.
Polizeibeamte ein. Diese könnte in Form von Nummern
oder Namensschildern eine eindeutige Identifizierung von        Kein grundsätzliches Problem
möglicherweise unrechtmäßig gewalttätigen Polizeibeam-          Zwar besteht auch nach Ansicht der Menschenrechts-
ten gewährleisten. Damit unterstützt das Bündnis eine seit      gruppe Amnesty International kein grundsätzliches Pro-
langem bestehende Forderung, die bisher erst in zwei Bun-       blem mit unrechtmäßiger Polizeigewalt in Deutschland.
desländern umgesetzt wurde.                                     Dennoch machten Einzelfälle immer wieder deutlich, dass
                                                                Reformbedarf bestehe.

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