Wohnen - CURAVIVA Schweiz
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Ausgabe 1–2 | 2020
Leaving Care
Das neue Kompetenzzentrum bietet
Wissen und Support – Seite 34
Fachzeitschrift Curaviva
Verband Heime & Institutionen Schweiz
Wohnen
Bedürfnisse und Angebote
2015201_curaviva_01-02-2020_01_Front_3475260.indd 1 06.02.20 15:26«Wohnformen, die vom
Beziehungsumfeld ausgehen,
befinden sich in der Mitte
der Gesellschaft.»
Elisabeth Seifert
Chefredaktorin
Liebe Leserin,
lieber Leser
Lassen Sie mich die Situation in einer mittelgrossen Deutsch- ausgehend von den tatsächlichen Lebensbezügen und unter
schweizer Gemeinde schildern, wie sie wohl auf manche Ge- Einbezug des ganzen Beziehungsumfeldes bedarfsgerechte,
meinde hierzulande zutrifft: Die Pflegeeinrichtung ist in die flexible Wohnformen und weitere Dienstleistungen zu entwi-
Jahre gekommen, Heimleitung und Trägerschaft müssen sich ckeln.
überlegen, wie es jetzt weitergehen soll. Lohnt es sich, das alte Dieser Paradigmenwechsel zwingt alle Akteure einer Gemein-
Gebäude abzureissen und ein neues zu bauen? Oder genügt es, de oder Region dazu, sich an einen Tisch zu setzen, um den
sich für eine Sanierung zu entscheiden? Ist es vielleicht sogar Bedarf zu erheben. Etablierte Pflegeheime können in diesem
angezeigt, künftig auf ein Heim im Dorf zu verzichten? Schon Prozess daran beteiligt sein, innovative Wohn- und Lebens-
heute fällt es nämlich nicht immer leicht, die Pflegeheimplät- strukturen aufzubauen. Eindrücklich vor Augen führt dies
ze zu belegen, zudem verlassen etliche Personen, die das Ren- etwa der Burgerspittel im Berner Viererfeld, der wesentlich an
tenalter erreicht haben, die Gemeinde. der Planung einer generationendurchmischten Siedlung mit
Auch wenn es für einen solchen Wegzug unterschiedliche neuen Wohn- und Betreuungsformen beteiligt ist (Seite 12).
Gründe geben mag: Die Verantwortlichen kommen zum Wohnformen, die vom Beziehungsumfeld ausgehen, befinden
Schluss, dass die bestehende Angebotsstruktur nicht mehr sich in der Mitte der Gesellschaft. Dies gilt gleichermassen für
den Bedürfnissen der älter werdenden Bewohnerinnen und betagte Menschen, Personen mit Beeinträchtigung als auch
Bewohner zu entsprechen scheint. Während vieler Jahre ge- Kinder und Jugendliche. Egal in welcher Lebenssituation oder
nügte die Perspektive, dereinst mit der Spitex oder im Heim in welcher Lebensphase sich jemand befinden mag, es ent-
betreut und gepflegt zu werden. Die neuen Seniorinnen und spricht einem menschlichen Grundbedürfnis, am gesell-
Senioren indes pflegen ihre Individualität und wollen auch schaftlichen Leben teilzunehmen und das eigene Umfeld mit-
nicht auf ihren eigenen Wohn- und Lebensstil verzichten, zugestalten. Seit fünf Jahren bereits leben auf dem
wenn sie in späteren Jahren zunehmend auf Unterstützung Hunziker-Areal in Zürich-Oerlikon, in einer Überbauung der
angewiesen sind. Sie wollen ihre Leben bis ins hohe Alter Wohnbaugenossenschaft «Mehr als Wohnen», Menschen mit
selbst gestalten. Behinderung sowie Kinder und Jugendliche aus schwierigen
Dieser gesellschaftliche Wandel bedeutet für die Leistungser- Verhältnissen Tür an Tür mit Menschen unterschiedlichen Al-
bringer der Langzeitpflege eine Herausforderung. Eine Her- ters und mit verschiedenen Hintergründen (Seite 22). Dieses
ausforderung, der Curaviva Schweiz mit der Weiterentwick- selbstverständliche Neben- und Miteinander fördert das Ver-
lung des Wohn- und Pflegemodells 2030 begegnet. «Wir ständnis für die Vielfalt unserer Gesellschaft. •
denken im Modell nicht mehr von Institutionen und Organisa-
tionen aus, sondern vom Menschen her», sagt Markus Leser
im Interview mit der Fachzeitschrift (Seite 6). Er ist Leiter des
Fachbereichs Menschen im Alter von Curaviva Schweiz und
hat das Modell wesentlich geprägt. Die Unterstützungsleis-
Titelbild: Die Puppenstube als Sinnbild dafür, unser Wohnen und Leben
tungen müssen sich den Menschen anpassen und nicht umge- gemäss unseren individuellen Bedürfnissen zu gestalten.
kehrt. Entsprechend dem Sozialraumansatz geht es darum, Foto: Alamy Stock
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2015201_curaviva_01-02-2020_02-03_Editorial_3475466.indd 3 06.02.20 15:26Viererfeld Bern Tobias Fritschi/Matthias von Bergen Basale Stimulation
12 27 44
Inhaltsverzeichnis
Wohnen Kinder & Jugendliche
Vom Menschen her denken 6 Kompetenzzentrum Leaving Care 34
Das weiterentwickelte Wohn- und Pflegemodell 2030 von Curaviva Junge Menschen, die einen Teil ihres Lebens in einem Heim oder bei
Schweiz öffnet sich für die ganze Vielfalt an Wohnformen – über die einer Pflegefamilie verbracht haben, brauchen beim Übergang in ein
Institutionen hinaus. selbstständiges Leben häufig Unterstützung.
Für das ganze Leben 12 Die Selbstbefähigung fördern 38
Auf dem Viererfeld in Bern ist eine generationendurchmischte Im Projekt Creating Futures entwickeln Jugendliche, Forschende
Siedlung mit vielen unterschiedlichen Wohnkonzepten geplant. und Mitarbeitende von Heimen Empfehlungen dafür, wie Heime
jungen Leuten beim Aufbau einer nachhaltigen Zukunft helfen.
Ein Angebot, das sich an den Bedürfnissen orientiert 16
Das Alterszentrum St. Martin in Sursee LU hat über die Jahre Alter & Behinderung
zahlreiche Dienstleistungen entwickelt: Betreutes Wohnen, Betreuende Angehörige 41
geschützte Wohngruppen und Pflegestudios. Ein Förderprogramm des Bundes zeigt auf, wie Fachpersonen
Angehörige in ihrer Betreuungsarbeit unterstützen können.
Wohnen wie alle 22
Kinder und Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen mischen Basale Stimulation 44
sich in einer Überbauung auf dem Zürcher Hunziker-Areal Mit nonverbaler Kommunikation lassen sich schwer beeinträchtigte
mit Kindern aus der Nachbarschaft. Menschen anregen. Der Dokumentarfilm «Das Leben spüren» legt
das Potenzial basaler Stimulation offen.
«Soziale Durchmischung in allen Lebensbereichen» 27
Für Menschen mit Behinderung werde es künftig mehr Möglichkeiten Journal
für die Teilhabe an Wohnen, Arbeit und Freizeit geben. Das sagen
Lohrs Legislatur 47
zwei Forscher der Berner Fachhochschule.
Buchtipp 48
Smart Home der Zukunft 32 Carte Blanche 49
Intelligente Systeme erleichtern Menschen, die auf Unterstützung Kurznachrichten 50
angewiesen sind, den Alltag.
Stelleninserate 24, 36, 40
FSC Zertifikat
Impressum: Redaktion: Elisabeth Seifert (esf), Chefredaktorin; Urs Tremp (ut); Claudia Weiss (cw); Anne-Marie Nicole (amn) • Korrektorat: Beat Zaugg • Herausgeber:
CURAVIVA – Verband Heime und Institutionen Schweiz, 91. Jahrgang • Adresse: Hauptsitz CURAVIVA Schweiz, Zieglerstrasse 53, 3000 Bern 14 • Briefadresse: Postfach,
3000 Bern 14 • Telefon Hauptnummer: 031 385 33 33, Telefax: 031 385 33 34, E-Mail: info@curaviva.ch, Internet: www.fachzeitschrift.curaviva.ch • Geschäfts-/Stelleninserate:
Zürichsee Werbe AG, Fachmedien, Laubisrütistrasse 44, 8712 Stäfa, Telefon: 044 928 56 53, E-Mail: markus.haas@fachmedien.ch • Stellenvermittlung: Telefon 031 385 33
63, E-Mail: stellen@curaviva.ch, www.sozjobs.ch • Satz und Druck: AST & FISCHER AG, Digital Media and Print, Seftigenstrasse 310, 3084 Wabern, Telefon: 031 963 11 11,
Telefax: 031 963 11 10, Layout: Felicia Jung • Abonnemente: Natascha Schoch, Telefon: 041 419 01 60, Telefax: 041 419 01 62, E-Mail: n.schoch@curaviva.ch • Bestellung von
Einzelnummern: Telefon: 031 385 33 33, E-Mail: info@curaviva.ch • Bezugspreise 2014: Jahresabonnement Fr. 125.–, Einzelnummer Fr. 15.–, inkl. Porto und
MwSt.; Ausland, inkl. Porto: Jahresabonnement Fr. 150.–, Einzelnummer keine Lieferung • Erscheinungsweise: 10×, monatlich, Januar/Februar Winterausgabe,
Publikation2018 Juli/August Sommerausgabe • Auflage (deutsch): Druckauflage 4000 Ex., WEMF/SW-Beglaubigung 2017: 2848 Ex. (Total verkaufte Auflage 2777 Ex., Total
Gratisauflage 71 Ex.), Nachdruck, auch auszugsweise, nur nach Absprache mit der Redaktion und mit vollständiger Quellenangabe. ISSN 1663-6058
FOKUSSIERT
KOMPETENT
TRANSPARENT
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2015201_curaviva_01-02-2020_04-05_Inhaltsverzeichnis_3475691.indd 5 06.02.20 15:25Wohnen
Das Wohn- und Pflegemodell 2030 von Curaviva Schweiz ist der Vielfalt verpflichtet
«Wir betrachten den alten Menschen in
seinem ganzen Beziehungsumfeld»
Kann man sagen, dass sich das Wohnen im Alter nicht
Neben der Anpassung der Pflegeeinrichtungen grundsätzlich vom Wohnen der jüngeren Generationen
brauche es neue Wohn- und Lebensstrukturen, unterscheidet?
sagt Markus Leser, der Leiter des Fachbereichs Der Mensch wohnt immer in einer bestimmten Form, ob er 20,
Menschen im Alter von Curaviva Schweiz. Er 50 oder 70 und älter ist. Das Wohnen im Alter ist einfach eine
erläutert das Wohn- und Pflegemodells 2030 – Fortsetzung von dem, was vorher schon war. Deshalb bin ich
und seine Weiterentwicklung. heute nicht mehr so sicher, ob es überhaupt noch sinnvoll ist,
vom «Wohnen im Alter» zu reden. Der Trend hin zu immer
Interview: Elisabeth Seifert
vielfältigeren Wohnformen und Lebensstilen über alle Gene-
rationen hinweg wird weiter zunehmen. Das bedeutet eine
Sie beschäftigen sich seit Jahren mit dem Wohnen und der Herausforderung für unsere Branche. Wir müssen auf all diese
Pflege betagter Menschen: Welches sind die Bedürfnisse – Bedürfnisse reagieren.
heute und in Zukunft?
Markus Leser: Die Bedürfnisse der älter werdenden Menschen Wie ist es möglich in diesen vielfältigen Wohnsettings die
werden immer individueller, vielfältiger und komplexer. Die nötige Begleitung, Betreuung oder Pflege sicherzustellen?
ins Alter kommende Generation der Babyboomer hat während Das starre System, das wir immer noch in den Köpfen haben,
Jahrzehnten eigene Lebensstile entwickelt. Dies spiegelt sich hier ambulante Pflege und Betreuung über die Spitex und dort
in immer vielfältigeren stationäre Pflege in einer Pflegeinstitution, ist nicht mehr zeit-
Wohnformen und Dienstleis- gemäss und greift viel zu kurz. Damit hat man nämlich grund-
«Ich bin nicht so tungsangeboten wider. Es sätzlich nur zwei Wohnformen im Sinn, jene in den ange-
sicher, ob es noch gibt nichts, was es nicht gibt: stammten vier Wänden und jene in der Pflegeeinrichtung. Wir
sinnvoll ist, von Dazu gehört zum Beispiel das müssen Pflege, Betreuung und Begleitung unabhängiger von
einem ‹Wohnen im Altwerden auf einem Cam- einem bestimmten Wohnsetting denken. Oder anders ausge-
Alter› zu reden.» pingplatz. Viele bevorzugen drückt, Begleitung, Betreuung und Pflege muss an die spezifi-
ihre angestammten vier sche, individuelle Lebens- und Wohnsituation angepasst wer-
Wände. Vor allem in Städten den können. Man spricht heute von intermediären Wohn- und
und Agglomerationen gibt es einen Trend hin zu gemeinschaft- Betreuungsformen, die zwischen dem ambulanten und statio-
lichen Wohnformen, etwa in Alterswohn- und Altershausge- nären Bereich liegen. Als Folge davon werden immer mehr An-
meinschaften. Über alle Altersgruppen hinweg werden Mehr- bieter aus dem ambulanten und stationären Bereich zusam-
generationenhäuser und Clusterwohnungen beliebter. Ab menarbeiten müssen.
einem gewissen Betreuungs- und Pflegebedarf bevorzugen
manche das Wohnen mit Dienstleistungen oder das Betreute Sprechen Sie hier vor allem das Betreute Wohnen an?
Wohnen. Bei einem hohen Pflegebedarf gibt es neben den Das Betreute Wohnen ist eine spezifische Kategorie innerhalb
Pflegeinstitutionen auch ein Angebot an Pflegewohngruppen der intermediären Wohn- und Betreuungsformen, vor allem
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2015201_curaviva_01-02-2020_06-11_Wohnmodell_3475964.indd 6 06.02.20 15:25dann, wenn man damit ein bestimmtes Wohnsetting verbindet. Als Antwort auf die vielfältigen Herausforderungen an die
Es gibt ja mittlerweile ein recht grosses Angebot an sogenannt Branche hat Curaviva Schweiz vor rund vier Jahren das
Betreuten Wohnungen. Gemeinsam mit Spitex Schweiz, Sene- Wohn- und Pflegemodell 2030 (WOPM) entwickelt…
suisse und Pro Senectute Schweiz hat Curaviva Schweiz im In diesem Modell verstehen
letzten Jahr ein Vier-Stufen-Modell für betreutes Wohnen ent- wir Pflegeinstitutionen nicht
wickelt. Betreutes Wohnen lässt sich grundsätzlich auch un- mehr in erster Linie als gros «Wir denken im
abhängig von einem bestimmten Wohnsetting verstehen und se Gebäude, sondern als Modell nicht mehr
meint dann einfach eine Betreuungs- und Pflegeleistung, die Dienstleistungsunterneh- von Institutionen
in irgendeinem Wohnsetting erbracht werden kann. Zum Bei- men, die älteren Menschen aus, sondern vom
spiel auch innerhalb einer Hausgemeinschaft oder eines Mehr- ein selbstbestimmtes Leben Menschen her.»
generationenhauses. in ihrem bevorzugten Wohn-
umfeld er-
möglichen. Mit dem WOPM unterstützen wir
als Verband den Wandel von der stationären
Pflege und Betreuung hin zu einer integrierten
Versorgung, die den alten Menschen aus einer
ganzheitlichen Perspektive heraus unter-
stützt. In Zusammenarbeit mit weiteren Ak-
teuren stellen die Pflegeeinrichtungen die
medizinische Grundversorgung sicher, sorgen
für begleitende Dienstleistungen und Freizeit-
angebote. Ambulante und stationäre Pflege-
formen werden ergänzt durch betreutes Woh-
nen in dafür geeigneten Appartements und
Siedlungen.
In den letzten Monaten haben Sie eine zweite
Version dieses Modells entwickelt – weshalb?
Bei dieser zweiten Version des WOPM handelt
sich nicht um etwas grundsätzlich Neues, son-
dern um eine Weiterentwicklung. Unsere ers-
te Version vermittelt eine noch recht starre
Vorstellung von Wohn- und Betreuungsfor-
men, die der immer vielfältiger werdenden
Realität nicht wirklich gerecht wird: In der
Mitte steht das Gesundheitszentrum, das al-
lerhand Dienstleistungen zur Verfügung stellt,
rundherum befinden sich die angestammten
Wohnungen, Appartements für Betreutes
Wohnen und spezialisierte Pflegeeinrichtun-
gen. In meinen Referaten habe ich festgestellt,
dass wir mit solchen Vorstellungen, wo be-
stimmte Gebäude eine Rolle spielen, die Ver-
antwortlichen auf die Fährte des Bauens lo-
cken. Die Leute wollen gerne bauen und
gestalten, spezialisierte Pflegeeinrichtungen
etwa oder Siedlungen mit betreuten Wohnun-
gen. Das Bauen kann aber nicht das vorrangi-
ge Ziel sein.
Wodurch ist die zweite Version des WOPM
gekennzeichnet?
Mit dem weiterentwickelten Modell stellen wir
den Menschen und seine Bedürfnisse noch
konsequenter ins Zentrum. Wir denken im Mo-
dell nicht mehr von Institutionen und Organi-
Markus Leser, 61, ist promovierter Gerontologe. Er leitet den Fachbereich sationen aus, sondern vom Menschen her. Da-
Menschen im Alter von Curaviva Schweiz. Foto: Martina Valentin durch lösen wir uns von bestimmten starren >>
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2015201_curaviva_01-02-2020_06-11_Wohnmodell_3475964.indd 7 06.02.20 15:25Wohnformen im Alter
Individuell und gemeinschaftlich
Wohnen
Zwischen dem Wohnen im angestammten schen WG neben dem Wohn- und Esszimmer auch auf das
Zuhause und dem Pflegeheim wird die Vielfalt Bad zutrifft, haben in einer Clusterwohnung die Bewohner
an Wohnformen immer grösser. Das betreute neben ein oder zwei privaten Zimmern auch ein eigenes
Wohnen ist nur eine davon. An Bedeutung Bad und eine Kochgelegenheit. Die Clusterwohnung ist
gewinnt das generationenübergreifend eine Wohnform, die Kleinstwohnung und Wohngemein-
konzipierte Wohnen. schaft miteinander kombiniert.
■ Generationenwohnen: Menschen in unterschiedlichen
■ Angestammtes Wohnen: Viele älter werdenden Menschen Lebensphasen und Familienkonstellationen leben in ei-
haben den Wunsch, möglichst lange in der Wohnung zu nem Haus oder einer Siedlung zusammen. Die verschie-
bleiben, wo sie einen grösseren Teil ihres Lebens verbracht denen Generationen unterstützen und ergänzen sich
haben. Ermöglicht wird dies vor allem durch eine hinder- gegenseitig. Für das intergenerationelle Miteinander
nisfreie Bauweise sowie die Möglichkeit, rasch individu- braucht es ein Konzept. Eine Mehrheit der älteren Men-
elle Anpassungen vorzunehmen. Zudem braucht es un- schen bevorzugt das generationengemischte Wohnen im
terstützende Strukturen durch die ambulante Pflege und Unterschied zum altershomogenen Wohnen. Das Mehr-
Betreuung (Spitex), soziale Netze (Angehörige, Freunde, generationenhaus ist eine Variation der Altershausge-
Nachbarn) sowie ein Angebot an öffentlichen Dienstleis- meinschaft.
tungen. ■ Seniorenresidenz: Die Bewohner haben eine eigene kleine
■ Wohnen mit Dienstleistungen/Betreutes Wohnen: Die Be- Wohnung inklusive Bad und Küche, wohnen aber mit an-
wohnerinnen und Bewohner verfügen über eine private deren alten Personen in einer Institution zusammen, die
Wohnung. Neben einem schwellenlosen Zugang oder einem ein breites Angebot an hotelähnlichen Dienstleistungen
Notrufsystem zeichnen sich diese Wohnungen durch den zur Verfügung stellt. Viele Residenzen verfügen über eine
Zugang zu Dienstleistungen aus, die wahlweise in Anspruch Pflegeabteilung. Angesprochen sind ältere Menschen aus
genommen werden können, hauswirtschaftliche Dienste, dem oberen Einkommenssegment.
Pflege und Betreuung sowie Angebote der Alltagsgestaltung. ■ P flegeinstitution/Pflegezentrum: Diese Wohnform richtet
Diese Wohnform ist vor allem für Menschen im vierten Le- sich an Menschen, die eine relativ umfassende Pflege und
bensalter (80 plus) attraktiv, die aufgrund funktionaler Ein- Betreuung benötigen. Dazu gehören standardgemäss
schränkungen auf solche Dienstleistungen angewiesen Dienstleistungen, die alle Lebensbedürfnisse abdecken.
sind. Menschen mit tiefem Einkommen bleiben Betreute In den letzten Jahrzehnten hat sich das Selbstverständnis
Wohnformen oft verwehrt, weil die höheren Miet- und von Pflegeheimen stark gewandelt. Die Heime verstehen
Dienstleistungskosten nicht über die EL zur AHV finanziert sich vielfach als Familien- und Hausgemeinschaft, wich-
werden können. Nach dem Nationalrat hat im Dezember tig ist die dezentrale Organisation in kleineren Wohnge-
auch der Ständerat eine Motion angenommen, die das än- meinschaften. Viele Heime bieten pflegerische Dienstleis-
dern will. Es besteht keine verbindliche Definition für Be- tungen ausserhalb der eigenen Institution an. Immer
treutes Wohnen. Im Frühling 2019 haben Curaviva Schweiz, wichtiger wird auch der Austausch zwischen dem Heim
Senesuisse, Pro Senectute Schweiz und Spitex Schweiz ein und der Öffentlichkeit.
Vier-Stufen-Modell für Betreutes Wohnen vorgelegt. ■ P flegewohngruppe: Diese Wohnform ist eine Kombination
■ Altershausgemeinschaft: Die Bewohnerinnen und Bewoh- der Modelle Wohngemeinschaft und Pflegeheim. Die Al-
ner haben ihre eigene Wohnung. Das Zusammenleben mit terswohngemeinschaft für Menschen, die Pflege und Be-
anderen älteren Personen geht über ein unverbindliches treuung brauchen, wird durch professionelle Fachperso-
nachbarschaftliches Miteinander hinaus. Die Hausge- nen geleitet. Pflegewohngruppen können Teil eines
meinschaft wird von den Beteiligten selbst organisiert Pflegeheims sein. Während diese Wohn- und Pflegeform
und verfügt über gemeinsam benutzbare Räume. Hausge- in Fachkreisen häufig diskutiert wird, ist sie in der allge-
meinschaftliche Wohnformen sind akzeptierter als Al- meinen Bevölkerung noch wenig angekommen.
terswohngemeinschaften im engeren Sinn, generell inte-
ressiert sich nur eine Minderheit der heute älteren
Bevölkerung für das gemeinschaftliche Wohnen. In Frage Quellenhinweise: Age Report IV (2019), Wohnen in den
kommen solche Wohnformen vor allem für das dritte Le- späten Lebensjahren – Grundlagen und regionale Unter-
bensalter. schiede, hg. von François Höpflinger, Valérie Hugentobler,
■ Alterswohngemeinschaft/Alterscluster: Die Bewohnerin- Dario Spini. Seismo Verlag. Curaviva Schweiz (2014),
nen und Bewohner haben eigene private Räume, sie teilen Wohnformen im Alter – Eine terminologische Klärung.
aber zentrale Lebensräume. Während dies bei der klassi-
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2015201_curaviva_01-02-2020_06-11_Wohnmodell_3475964.indd 8 06.02.20 15:25Vorstellungen und öffnen uns für die Vielfalt. Der Mensch muss Angebot zu entwickeln. Bei diesen Angeboten stehen aber
im Mittelpunkt stehen. Das sagen zwar alle, aber wenn man eben nicht Gebäude im Vordergrund. Die Dienstleister sind
genau hinschaut, denken und handeln manche Akteure aus vielmehr gefordert, den Lebens- und Sozialraum der vulne-
ihrer organisationalen Logik heraus. Das trifft auf die Politik rablen alten Menschen in einem ganzheitlichen Sinn zu ge-
und die Finanzierer zu, aber auch auf Fachkreise und Träger- stalten. Neben bedarfsgerechten und flexiblen Wohnformen
schaften. Die Qualitätsdiskussion in der Alterspflege zum Bei- kann es sich hier um bestimmte Dienstleistungen handeln,
spiel wird stark aus Sicht des KVG geführt, das lediglich einen Pflege- und Betreuungsleistungen und auch ein Angebot zur
medizinischen und auf Krankheiten fixierten Blick erlaubt. Alltagsgestaltung. Grundlage für den Angebotsmix muss da-
bei eine Analyse des Sozialraums sein, mit der erhoben wird,
Wie spiegelt sich diese ganzheitliche Sicht welcher Bedarf tatsächlich besteht. Es ver-
des Menschen in der neuen Version des steht sich von selbst, dass ein solch bedarfs-
WOPM? «Leistungserbringer gerechter Angebotsmix nur dank der Zusam-
Wir betrachten den alten Menschen in sei- müssen den Lebens- menarbeit der Anbieter, also einer guten
nem Beziehungsumfeld. Betagte Männer und raum der Betagten in Beziehung unter den Leistungserbringern,
Frauen sind Teil der Gemeinschaft, eingebet- einem ganzheitlichen gelingen kann.
tet in vielfältige generationenübergreifende Sinn gestalten.»
Beziehungen, seien dies Angehörige, Nach- Neben den Leistungserbringern schreiben Sie
barn, Freunde oder Freiwillige. Damit verbun- dem umgebenden Umfeld, den Bezugsperso-
den ist auch der längst überfällige Paradigmenwechsel vom nen, eine wichtige Rolle zu – vor allem aus finanziellen
überholten Defizitmodell hin zu einem Verständnis des Alters Gründen?
als eine Lebensphase mit bestimmten Bedürfnissen und Mög- Wenn wir den Menschen und seine tatsächlichen Lebensbezü-
lichkeiten wie jede andere auch. In der neuen Version des ge ins Zentrum stellen, dann ist es selbstverständlich, Perso-
WOPM wollen wir ausgehend von den tatsächlichen Lebens- nen, die im Leben der vulnerablen Menschen eine Rolle spielen,
bezügen unterstützende Beziehungen gestalten. Diese Bezie- mitzudenken. Eine ganzheitliche Betreuung ist anders gar nicht
hungsgestaltung spielt sich auf der Ebene der Leistungserbrin- realisierbar. Betagte Menschen wollen am gesellschaftlichen
ger und der Ebene der Bezugspersonen ab. Diese Ebenen Leben teilnehmen und ihren Teil dazu beitragen. Der finanzi-
umschliessen den vulnerablen alten Menschen in der Mitte. elle Aspekt spielt aber sicher auch eine Rolle. Hinzu kommt,
dass der sich abzeichnende Fachkräftemangel den Einbezug
Können Sie die Beziehungsgestaltung auf diesen beiden der Zivilgesellschaft weiterhin erfordert. Das Zusammenspiel
Ebenen näher erläutern? zwischen den unterschiedlichen Bezugspersonen sowie den
Auf der Seite der Leistungserbringer muss es darum gehen, Bezugspersonen und den Dienstleistern muss natürlich gestal-
mit Blick auf die vulnerablen Menschen ein bedarfsgerechtes tet und moderiert werden.
Ist der Eindruck richtig, dass mit der Weiterentwicklung des
Von der Gesundheitsförderung WOPM die stationären Einrichtungen etwas aus dem Blickfeld
geraten?
Schweiz unterstützt Ich würde es etwas anders formulieren: Mit dem Blick auf den
Gesundheitsförderung Schweiz fördert von Januar 2020 Lebensraum der älteren Menschen wird die Form des Ange-
bis 2023 ein Projekt von Curaviva Schweiz, das auf die Ver- bots, ob stationär, ambulant oder eine Zwischenform, zweit-
breitung einer koordinierten und sozialraumorientierten rangig. Auch mit der neuen Version des WOPM begleiten wir >>
Versorgung zielt, wie sie dem Wohn- und Pflegemodell
2030 (WOPM) von Curaviva Schweiz inhärent ist. Im Rah-
men des Projekts werden praxisrelevante Instrumente er-
arbeitet, welche den verschiedenen Akteuren aus dem
Gesundheits- und Sozialwesen bei der Umsetzung einer
Versorgungspraxis gemäss der Vision des WOPM eine Un-
terstützung bieten. Dazu werden erstmals lokale und regi-
onale Umsetzungsbeispiele aus der ganzen Schweiz syste-
matisch analysiert. Das Projekt wird vom Fachbereich
Menschen im Alter und der Stabsstelle Forschungskoope-
rationen von Curaviva Schweiz geleitet. Projektpartner aus
der Praxis sind bislang das Alterszentrum Lindenhof in
Oftringen (AG), der Parco San Rocco in Morbio Inferiore
(TI) sowie das Gesundheitsnetz Sense (FR). Forschungs-
partner sind das Institut et Haute École de la Sante La Sour-
ce in Lausanne, die Hochschule für Angewandte Wissen-
schaften St. Gallen sowie Gerontologie.ch.
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2015201_curaviva_01-02-2020_06-11_Wohnmodell_3475964.indd 9 06.02.20 15:25Nachbarschaft Freiwillige Angehörige
Bedarfsgerechte Inwiefern kommt dieser
Wohnen
Angebote Trend der Branche entgegen?
Sozialraum
Sozialraum
In gemeinschaftlich organi-
sierten Wohnformen können
die Bedürfnisse von Men-
schen mit Unterstützungsbe-
Alltags-
Wohnen
Dienstleistungen darf besser gedeckt werden.
gestaltung
Da braucht es dann womög-
lich über einen längeren Zeit-
Leistungserbringer / Anbieter raum hinweg gar keine oder
weniger professionelle Unter-
Zentrum Netzwerk stützung. Mit der Weiterent-
«Alles aus einer Hand» «Leistungsvereinbarung»
3
wicklung des WOPM wollen
3
wir genau diese Entwicklung
Wohn- und Pflegemodell (Version 2019): Die Begleitung und Unterstützung wird vom beeinflussen. Für das Genera-
Menschen her gedacht. Illustrationen: Curaviva Schweiz tionenprojekt Viererfeld in
Bern zum Beispiel, das derzeit
in der Projektphase steckt,
hat Curaviva Schweiz die so-
Spezialisierte Pflegeangebote
zialräumliche Analyse miter-
Wohnen 80+ in Appartements
2- bis 3-Zimmer-Wohnungen, diverse stellt. Das Viererfeld will
Kategorien (auch «EL-fähig»)
• Service à la carte Menschen ein Zuhause bie-
• Betreuung und Begleitung Pflege und Pflege und Pflege und Pflege und Pflege und
• Pflege bis zum Lebensende Betreuung: Betreuung: Betreuung: Betreuung: Betreuung: ten, die gemeinschaftlich
Demenz Palliative Care Gerontopsych. AÜP Akutspital
wohnen wollen. Als Student
zieht man dorthin, weil man
älteren Menschen helfen will
Gesundheitszentrum und dafür einen günstigeren
• Drehscheibe Mietzins erhält. Neben der Be-
• Pflege und Betreuung
(ambulant und stationär) reitschaft der Menschen zum
• Verpflegung und Hauswirtschaft
• Service à la carte gemeinschaftlichen Wohnen
• Therapieangebote
• Medizinische Grundversorgung
braucht es ein Konzept, um
Angestammte Wohnungen
(Gruppenpraxen, Apotheke) Quartierzentrum mit Freizeitangeboten die Generationen zusammen-
• Tages- und Nachtangebote • Kultur
• Transportservice • Wellness zubringen und das gemeinsa-
• Fitness
• Öffentlicher Bereich: Restaurant, me Leben zu moderieren. Auf
Café, Bar usw.
• Ferien der anderen Seite gibt es aber
auch immer mehr individuel-
le Wohnformen, die den ge-
Wohn- und Pflegemodell (Version 2016): Im Zentrum steht die Organisation, die Dienst meinschaftlich orientierten
leistungen für die Betagten zur Verfügung stellt. möglicherweise auch entge-
genstehen.
natürlich die Institutionen in ihrer Weiterentwicklung. Ge- Mit dem konsequenten Fokus auf den Menschen richtet die
fragt ist aber nicht einfach eine Anpassung bestehender Hei- neue Version des WOPM den Blick nicht nur über die Instituti-
me, vielmehr braucht es neue Wohn- und Lebensstrukturen. onen hinaus, sondern spricht ganz verschiedene Arten von
Die Aufgabe der Institutionen kann dann auch darin bestehen, Menschen mit Unterstützungsbedarf an. Längst nicht nur
in diesem ganzen Prozess als Gestalter und Moderator mitzu- betagte Menschen…
wirken. Wenn man von den Menschen her denkt, dann kann man nie-
manden ausschliessen. Es sind alle eingeschlossen, Menschen
Denken Sie bei solchen neuen Wohn- und Lebensstrukturen mit und ohne Unterstützungsbedarf. Die Idee der Beziehungs-
an den Trend hin zu gemeinschaftlichen Wohnformen? gestaltung, die hinter der Weiterentwicklung des Wohn- und
Namentlich in den grösseren Städten entscheiden sich heute Pflegemodells steht, lässt sich auf alle Menschen ausdehnen.
etliche Familien oder Alleinstehende unterschiedlichen Alters Das Viererfeld Bern zum Beispiel gestaltet Beziehungen für
für das gemeinschaftliche Wohnen, etwa in Mehrgeneratio- das ganze Leben, das betrifft dann natürlich auch alle vulne-
nenhäusern oder in Clusterwohnungen. Diese Wohnformen rablen Menschen. Die Aufgabe von Curaviva Schweiz besteht
sind dadurch gekennzeichnet, dass der private Rückzugsbe- aber vor allem in der Beziehungsgestaltung für vulnerable
reich im Vergleich zum gemeinschaftlich genutzten Wohn- Menschen. Dabei kann es sich neben betagten Menschen auch
raum kleiner wird. Dieser Trend kommt unserer Branche sehr um Frauen und Männer mit Behinderung handeln, um Perso-
entgegen, sollte aber auch nicht überbewertet werden. nen mit Migrationshintergrund oder Menschen mit Suchter-
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2015201_curaviva_01-02-2020_06-11_Wohnmodell_3475964.indd 10 06.02.20 15:25krankungen. Es stellt sich natürlich immer die Frage, wann bieter, ausgehend von den tatsächlichen Lebensbezügen der
Vulnerabilität beginnt. Betagten, ihr Angebot bedarfsgerecht entwickeln. In den kom-
menden Monaten werden wir einen detaillierten Kriterienkata-
Entwickeln Sie die Vision einer inklusiven Gesellschaft? log erarbeiten, der Pflegeeinrichtungen dabei behilflich ist, in
Es geht darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass zu un- Zusammenarbeit mit weiteren Akteuren Beziehungen für vul-
serer Gesellschaft alle Arten von Menschen gehören. Ganz ent- nerable ältere Personen zu gestalten. Was den umfassenden
sprechend denkt unser auf den Sozialraum hin ausgerichtetes Blick auf alle vulnerablen Menschen betrifft: Hier stehen wir
Wohn- und Pflegemodell alle Menschen mit, die in einer be- noch ganz am Anfang. Das Ziel muss aber sein, das Wohn- und
stimmten Region leben. Das Modell ist der Idee der Caring Com- Pflegemodell neben den Betagten für weitere vulnerable Grup-
munity verpflichtet. Man könnte auch sagen, dass es sich um pen anzupassen.
ein Modell für die Caring Community handelt. Die Idee einer
Gemeinschaft, die aufeinander achtet, ist die Antwort auf die Auch wenn man sich vorerst «nur» auf die Unterstützung
Globalisierung und eine damit einhergehende Anonymität. Wir Betagter konzentriert: Eine der grossen Herausforderungen ist
erleben derzeit ein wachsendes Bedürfnis, in überschaubaren sicher die Zusammenarbeit der Akteure.
Räumen Menschen zusammenzubringen. Aus der Sicht von Cu- Damit der Prozess gelingt, braucht es eine bestimmte Haltung:
raviva Schweiz ist mir aber vor allem wichtig, Die Akteure, auch die Institutionen, dürfen
dass wir die Unterstützung vulnerabler Men- nicht in erster Linie ihre eigenen Interessen im
schen nicht nur aus der Optik der Leistungser- «Der Trend hin zu Sinn haben und zum Beispiel unbedingt ein
bringer sehen, sondern auch die Zivilgesell- gemeinschaftlichen Gebäude bauen wollen. Sie müssen sich viel-
schaft mit einbeziehen. Wohnformen kommt mehr im Interesse der Betagten zur Gestaltung
unserer Branche sehr eines übergeordneten Sozialraums bekennen.
Wie lässt sich eine solche recht idealistische entgegen.» Die integrierte Versorgung kann nur erfolg-
gesellschaftspolitische Vision umsetzen? reich umgesetzt werden, wenn die Akteure
In einem ersten Schritt muss man alle Akteure bereit sind, zu kooperieren, und zum Bespiel in
einer bestimmten Region an einen Tisch bringen. Dabei kann es Netzwerken zusammenarbeiten. Alleingänge und «Gärtliden-
sich um ein städtisches Quartier oder eine Gemeinde handeln, ken» dienen kaum den Interessen der Betagten.
aber auch um eine Versorgungsregion oder eine Talschaft. Ein-
geladen werden dazu ambulante und stationäre Leistungser- Welche Botschaft richten Sie an die Adresse von Gesellschaft
bringer, Nachbarschaftsorganisationen, Freiwillige und Ange- und Politik?
hörigenorganisationen. Sie alle tauschen sich darüber aus, ob Wir müssen als Gesellschaft verstehen lernen, dass vulnerable
und inwiefern sie in einem gemeinsamen Prozess Beziehungen Menschen genauso zur Gemeinschaft gehören wie alle anderen
für vulnerable Gruppen gestalten wollen. Sobald sie die Art der auch. Sie sind keine Sonderfälle. An dieser Grundhaltung müs-
Zusammenarbeit vertraglich geregelt haben, machen sie sich an sen wir als Gesellschaft arbeiten. Mit unserem Wohn- und Pfle-
die eigentliche Arbeit und eruieren die für eine bestimmte Re- gemodell möchten wir diesen gesellschaftlichen Prozess beein-
gion nötigen respektive bedarfsgerechten Angebote. flussen. Vulnerable Menschen gehören in die Mitte der
Gesellschaft und nicht an den Rand. Und was die Politik betrifft:
Sehen Sie in verschiedenen Regionen in der Schweiz Ansätze, Die integrierte Versorgung gelingt nur mit einer einheitlichen
die in diese Richtung gehen? Finanzierung und harmonisierten Vergütungen ambulanter und
Im Bereich der Begleitung, Betreuung und Pflege von betagten stationärer Angeboten. Weiter müssen die Bemessung von Er-
Menschen gibt es bereits viele gute Beispiele, wie Leistungsan- gänzungsleistungen auch neuen Wohnformen entsprechen. •
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2015201_curaviva_01-02-2020_06-11_Wohnmodell_3475964.indd 11 06.02.20 15:25Wohnen
Viererfeld Bern: «Wohnraum für alle – fürs ganze Leben» geplant
Generationen leben miteinander
statt nebeneinander
Dienstleistungen wie Inhouse-Spitex, 24-Stunden-Notfall-Pfle-
Am Rand der Stadt Bern entsteht in den nächsten gedienst, Mahlzeiten, Reinigung, Wäscheversorgung und ei-
Jahren die neue Überbauung Viererfeld. Diese nem vielfältigen Aktivitäten- und Veranstaltungsangebot.
bietet die Chance, eine generationendurchmischte Auch Wohnen mit Pflege im Einzelzimmer, in der Wohnge-
Siedlung mit neuen Wohn- und Betreuungsformen meinschaft oder für Menschen mit Demenz, Ferien und Kurz-
samt allen nötigen Einrichtungen wie einer aufenthalte stehen zur Verfügung. «Angebote für Rehabilitati-
Siedlungsassistenz zu planen. Von Grund auf. on sind bei uns ebenfalls vorhanden.»
Diese Angebote möchte Haeni noch weiter ausbauen und rings
Von Claudia Weiss
um den bestehenden Burgerspittel weitere und neue, altersge-
rechte Wohnformen anbieten. Die Serviceleistungen sollen
Am Anfang stand die Vision: Einmal eine Mustersiedlung «für modular abrufbar sein. Diese Wohnungen, das ist ihm wichtig,
das ganze Leben» von Grund auf planen – sozusagen ein wei- müssten mit Ergänzungsleistungen finanzierbar sein. «Und
terentwickeltes Wohn- und Pflegemodell 2030 in echt: Ein Mo- zugleich müssen wir sicherstellen, dass die Betreuung alter
dell, in dem betagte Männer und Frauen Teil der Gemeinschaft Menschen auch in Zukunft gewährleistet ist.»
sind, eingebettet in vielfältige generationenübergreifende Be-
ziehungen. Im Viererfeld Bern liegt diese Chance bereit: Auf Von Anfang an die richtigen Kooperationen und Netzwerke
dem grossen Feld am Rand des Länggassquartiers und dem Mit der geplanten Überbauung sieht Eduard Haeni die Chance
daneben liegenden Mittelfeld entsteht in den auf eine «optimale Wohnsituation» näherrü-
nächsten Jahren eine Überbauung mit rund cken: Ein Quartier, in dem ein Dorfcharakter
1200 Wohnungen. Ein Quartier, in dem entstehen kann mit Alt und Jung, mit Famili-
Eduard Haeni, Direktor des Burgerspittels im ein Dorfcharakter en, Studentinnen und Studenten, mit Wohn-
Viererfeld, war einer der Ersten, der die Ohren entstehen kann mit genossenschaften für Menschen mit oder
spitzte, als das Stimmvolk der Überbauung des Alt und Jung, mit ohne Beeinträchtigung. Und in dem gleich-
Vierer- und Mittelfelds zustimmte: Schon seit Familien und WGs. zeitig die Gelegenheit besteht, von Anfang an
einer Weile hegte er Pläne für neue Wohn- und die richtigen Kooperationen und Netzwerke
Dienstleistungsangebote aus einer Hand rund zu gründen, um dieses Ziel zu erreichen. «Ein
um den Burgerspittel. Die geplante Siedlung grenzt an die Al- Leuchtturmprojekt könnte das werden», meint Haeni.
tersinstitution an und bietet eine gute Gelegenheit, ein gene- Die Vorzeichen jedenfalls sind vielversprechend, denn bereits
rationendurchmischtes Quartier entstehen zu lassen. «Ich haben sich wichtige Akteure zusammengetan und eine Inte-
setze mich mit allen Mitteln ein, dass alte Menschen nicht auf ressengemeinschaft aus drei Organisationen gegründet: Mit
dem Abstellgleis landen, sondern mittendrin leben können», dabei ist der Förderverein Generationenwohnen Bern-Solo-
sagt Haeni. «Sie sollen Teil eines Ganzen sein.» thurn, der gemeinschaftliche und generationenübergreifende
Bereits heute bietet der Burgerspittel im Viererfeld neben Wohnprojekte fördern will. Ausserdem ist der Burgerspittel
125 Pflegeplätzen auch betreute Seniorenwohnungen an mit dabei, Direktor Eduard Haeni tritt zum einen als Experte mit
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2015201_curaviva_01-02-2020_12-15_Viererfeld_3476872.indd 12 06.02.20 15:24Das Viererfeld heute: Rechts im Bild der Burgerspittel im Viererfeld. Ausgehend von dort könnten dereinst verschiedene
Wohnformen koordiniert werden. In einem neuen Annexbau könnte ein Therapie- und Medizinzentrum entstehen. Foto: Stadt Bern
Alltagswissen aus dem Alterswohnen auf und ist gleichzeitig werbe- und Dienstleistungsbetriebe geplant: «Wir wollen un-
beim Förderverein aktiv. Er war es auch, der als dritten Teil- ter einem Dach wohnen, arbeiten, produzieren, verkaufen,
nehmer Curaviva Schweiz dazuholte, vertre- werkeln, gärtnern und feiern», heisst es im
ten durch Markus Leser, den Verfasser des Projektbeschrieb.
Wohn- und Pflegemodells 2030. Nebst verschiedenen
Wohnungen gehören Wichtig ist ein guter Wohnungsmix
Erfahrungen aus anderen Projekten auch Aussenräume Aus dem Projekt Warmbächli beziehungs-
Last but not least sollte ein erfahrener Sozi- und formelle Treff- weise der Siedlung Holliger kann Fanghänel
alraumplaner mitdenken, und dafür zog die punkte dazu. etliche Erfahrungen in die Planung des Vie
Interessengemeinschaft Ilja Fanghänel bei. rerfelds einfliessen lassen: Das Warmbächli
Fanghänel begleitet unter anderem das Pro- ist schon so weit gediehen, dass diesen Früh-
jekt der Genossenschaft Warmbächli in der Siedlung Holliger ling die Ausschreibung der Wohnungen erfolgt. Um zu zeigen,
in Bern: Dort entsteht sozialer Wohnraum für rund 200 Men- welche Voraussetzungen im Viererfeld für die optimale Pla-
schen, «eine Hausgemeinschaft, in der alle Altersgruppen und nung einer Siedlung mit g
enossenschaftlichen und gemein-
Menschen mit unterschiedlichem kulturellem und sozialem schaftlichen Generationenprojekten nötig wären, hat die
Hintergrund» vertreten sind. Ausserdem sind Flächen für Ge- Interessengemeinschaft einen 47-seitigen «Bericht mit Emp-
fehlungen und Angeboten an die Stadt Bern» in Auftrag ge-
geben und der Stadt eingereicht.
«Wichtig ist beispielsweise ein guter Wohnungsmix innerhalb
der einzelnen Häuser sowie in der ganzen Siedlung», erklärt
Ilja Fanghänel. «Dieser erlaubt eine grosse Vielfalt von Wohn-
konzepten.» Anderthalb-Zimmer-Wohnungen müssten ebenso
im selben Haus vorhanden sein wie grössere Wohnungen bis
hin zu Fünfeinhalb-Zimmer-Wohnungen oder Grosswohnun-
gen für Wohngemeinschaften und Kleingenerationenprojekte.
Auch Clusterwohnungen mit Gemeinschaftsräumen seien
denkbar, wie sie beispielsweise im Zürcher Hunziker-Areal an-
geboten werden (siehe Bericht Seite 22). «Es wird sich erst noch
zeigen, welche Wohnprojekte im Viererfeld entstehen werden.»
Nebst den verschiedenartigen Wohnungen gehören gemäss
Fanghänel auch Gemeinschaftsräume, Aussenräume und in-
formelle Treffpunkte zu einer gemeinschaftlichen Siedlung.
Das Viererfeld und das angrenzende Mittelfeld in Zukunft. Idealerweise fänden im Quartier auch kleine Läden, ein Café
Foto: Visualisierung Städtebau/Stadtteilpark: Siegerprojekt VIF_2 und Kleingewerbe wie beispielsweise ein Coiffeursalon Platz, >>
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2015201_curaviva_01-02-2020_12-15_Viererfeld_3476872.indd 13 06.02.20 15:24die das Quartierleben fördern, sagt Fanghänel. «Und je nach Quartierarbeit, weil diese Quartiergestaltung von der Stadt er-
Zusammensetzung der Bewohnerinnen und Bewohner ist eine wünscht ist», sagt Sozialraumplaner Fanghänel.
Siedlungsassistenz nötig, jemand, der das Zusammenleben Der Ort für diese Drehscheibe bietet sich in diesem Fall bereits
moderiert und begleitet.» an: Burgerspittel-Direktor Eduard Haeni
möchte diese gerne gleich im Alterszentrum
Drehscheibe mit Siedlungsassistenz «Eine solche ansiedeln, «eine Anlaufstelle für alle Fragen
Wohnen
Beim Aufbau einer Drehscheibe mit Siedlungs Wohnform müsste rund um das Wohnen im Vierer- und Mittel-
assistenz, bei der die verschiedenen Angebote aus einer Hand feld», wie er sagt: Dorthin könnte ein Jugend-
koordiniert werden, und beim Suchen von Sy- koordiniert und licher sich wenden, wenn er auf dem geplan-
nergien, beispielsweise mit der lokalen Kirch- betreut werden.» ten Pump Track Rad fahren möchte, oder die
gemeinde, der Jugendarbeit oder Quartierver- Familie, die ein generationenübergreifendes
einen, bietet die Interessengemeinschaft ihre Wohnen sucht, aber auch die 80-jährige Seni-
Unterstützung an. Finanziert würde die Drehscheibe voraus- orin, die Unterstützung braucht. «Wir könnten all unser Wissen
sichtlich mit den Mieten beziehungsweise durch Beiträge der nutzen», sagt Haeni.
jeweiligen Bauträger (Modelle siehe auch Kasten Seite 15). Er weiss auch schon, wo diese Drehscheibe Platz fände: Die
«Denkbar ist auch eine Unterstützung durch die städtische Stadt Bern hat im Rahmen der geplanten Überbauung in ihren
städtebaulichen Richtlinien für das Mittelfeld einen Anbau an
den Burgerspittel skizziert. Der Burgerspittel bietet sich an,
«Verbindliches diesen Annexbau zu planen, zu finanzieren und zu betreiben.
«Darin kann nebst der Siedlungsassistenz gleichzeitig ein Ge-
Generationenwohnen» sundheitszentrum mit Praxen und medizinischen Dienstleis-
Zum verbindlichen Generationenwohnen gehören gemäss tungen eingerichtet werden mit Physiotherapie, Logopädie und
Förderverein Generationenwohnen Bern-Solothurn folgen- anderen Therapieangeboten», erklärt Haeni. Auch ein Kinder-
de Faktoren: hort und Einkaufsmöglichkeiten fänden darin Platz.
■ gesteuerte altersmässige und soziale Durchmischung
■ verbindliche, organisierte Nachbarschaftshilfe innerhalb Zahlbare Wohnungen mit zubuchbaren Dienstleistungen
und zwischen Generationen Ausserdem möchte der Burgerspittel in diesem Gebäude ein
■ Aufbau eines sozialen Netzwerkes «Wohnen mit Services» anbieten, zahlbare Wohnungen für alle
■ Autonomie und Partizipation der Bewohnenden mit einzeln dazubuchbaren Dienstleistungen. Und «Studenten-
■ Wohnformen, die Begegnungen fördern, aber auch Rück- wohnen für Hilfe», in dem Studenten beispielsweise für eine
zugsmöglichkeiten bieten Wohnung nur 700 statt 1000 Franken Miete bezahlen und die
■ Gemeinschaftsräume für unterschiedliche Bedürfnisse restlichen 300 Franken in Form von Betreuungszeit leisten.
■ hindernisfreie Ausgestaltung der Wohnungen und der «Eine solche Wohnform dürfte allerdings nicht einfach von den
Umgebung einzelnen Liegenschaftsverwaltern nach ihrem eigenen Gusto
■ preisgünstige Wohnungen gehandhabt werden», sagt Haeni. «Sie müsste gesamthaft ko-
■ Einbindung ins Quartier und guter Anschluss an den öf- ordiniert und betreut werden – solche Angebote müssen aus
fentlichen Verkehr einer Hand kommen.» Eben beispielsweise vom Burgerspittel
■ Vernetzung mit Unterstützungs- und Pflegeangeboten in ausgehend.
der Nachbarschaft Damit die Pläne gelingen können, braucht es eine Stadtregie-
Die von der Interessengemeinschaft in Auftrag gegebene rung, die das Konzept mitträgt. «Glücklicherweise passt unser
Studie geht der Frage nach, welche Aspekte bei der Planung Konzept bestens zur Wohnstrategie 2018 der Stadt unter dem
und beim Betrieb eines gemeinschaftlich orientierten Motto ‹Wohnstadt der Vielfalt›, die erklärtermassen auch in die
Mehrgenerationenprojekts erfolgversprechend sind. Sie Richtung soziales und generationenübergreifendes Wohnen
stützt sich auf Forschung ab und berücksichtigt Erfahrun- geht», sagt Sozialraumplaner Ilja Fanghänel. In der städtischen
gen aus der Planung der Genossenschaft Warmbächli und Wohnstrategie steht als Massnahme unter anderem konkret,
anderen genossenschaftlichen Planungsprozessen. dass «innovative, integrative Wohnformen wie Generationen-
wohnen» realisiert werden sollen.
Auf dem Viererfeld sollen deshalb 50 Prozent, auf dem angren-
www.generationenwohnen-beso.ch > Aktuell > Bericht zenden Mittelfeld mindestens 50 Prozent gemeinnützige Bau-
zum Herunterladen «Wohnen im Viererfeld – fürs ganze trägerschaften zum Zug kommen. Eine Bauträgerschaft, die
Leben! Voraussetzungen einer sozialräumlichen Areal- in der ersten Bauetappe die Hälfte der ersten 300 Wohnungen
entwicklung für alle Generationen» realisieren kann, ist voraussichtlich die Hauptstadt-Genos-
www.burgerspittel.ch/angebot/der-burgerspittel-im- senschaft: Sie wurde 2018 von rund 30 Berner Wohnbauge-
viererfeld nossenschaften gegründet und wird sich nach Abschluss der
www.hauptstadt-genossenschaft.ch Reservationsvereinbarung mit der Stadt für Einzelpersonen
www.warmbaechli.ch und www.holliger-bern.ch öffnen.
Ilja Fanghänel ist zugleich stellvertretender Geschäftsführer
der Hauptstadt-Genossenschaft. Und auch in dieser Rolle
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2015201_curaviva_01-02-2020_12-15_Viererfeld_3476872.indd 14 06.02.20 15:24Age-Dossier über Alterssiedlungen mit Kontaktpersonen vor Ort
Das aktuelle Age-Dossier 2020 zeigt anhand von ausgewählten vor Ort ausfüllen kann.» In den Projektbeispielen habe man
Projektbeispielen auf, welche Möglichkeiten Planer und Trä- die passenden Leute gefunden.
gerschaften haben, wenn sie ein Wohnangebot mit Kontakt- Im Age-Dossier sind diese porträtiert: die Hauswarte mit
person vor Ort entwickeln wollen. Die Age Stiftung schreibt Sozialkompetenz, die Verwalterinnen, die im Siedlungsbüro
in ihrer Medienmitteilung: «Der Blick in die Praxis macht deut- oder an der Rezeption arbeiten, sowie die Pflegefachfrau der
lich, wie die Kontaktpersonen in Alterssiedlungen konkret Spitex, die dreimal in der Woche im Gemeinschaftsraum an-
arbeiten.» Für das Heft seien zahlreiche Interviews mit Kon- zutreffen ist. «Sie alle füllen ihre Rolle als Kontaktperson un-
taktpersonen vor Ort und mit Wohnbauträgern geführt wor- terschiedlich aus.» Sie sehen sich als Beraterin, Ersatzschwie-
den. «Auch wenn sich ihre Rahmenbedingungen unterschei- gertochter, Dienstleisterin, selten jedoch als Betreuerin.
den, verfolgen alle dasselbe Ziel: Die Bewohnerinnen und Gemeinsam jedoch sei ihnen die Achtung der Selbstbestim-
Bewohner sollen in ihrer autonomen Lebensführung gestärkt mung von Bewohnerinnen und Bewohnern.
werden. Dafür wird ihnen eine Ansprechperson zur Seite ge-
stellt, die nicht nur punktuelle Unterstützung bietet, sondern
auch für gute Nachbarschaftspflege sorgt.» Das Age-Dossier 2020 kann kostenlos bestellt oder herunter-
geladen werden: age-stiftung.ch/publikationen
Kleiner Aufwand, grosse Wirkung
Dank einer Kontaktperson vor Ort könne «schon mit wenig
Aufwand viel erreicht werden». In den von der Age Stiftung
untersuchten Wohnprojekten wohnt man weder im Heim noch Studie «Zuhause alt werden – Chancen, Herausforderungen
in einer WG, sondern «autonom und normal». Die Bewohne- und Handlungsmöglichkeiten für Wohnungsanbieter» des
rinnen und Bewohner haben die Unterstützung durch die ETH Wohnforums. Download unter: age-stiftung.ch/
Nachbarn und die Kontaktperson als Teil ihrer selbstbestimm- wohnforum2020. Kontakt: Eveline Althaus, ETH Wohnforum,
ten Lebensführung in ihren Alltag integriert, und die gegen- Telefon 044 633 46 60, althaus@arch.ethz.ch
seitige Achtsamkeit vermittelt ihnen grosse Sicherheit.
Trotz den guten Erfahrungen sei unter den Wohnbauträgern
Skepsis spürbar, heisst es in der Medienmitteilung: «Die An-
wesenheitszeit in der Siedlung muss finanziert werden. Das Studie «Berufsfeld Community – Lernen durch Explorieren
gelingt durch eine kluge Organisation.» Auch kleinere Sied- und Vernetzen» des Instituts für Soziale Arbeit und Räume
lungen könnten sich jedoch ein solches Angebot durchaus der FHS St. Gallen (IFSAR-FHS). Download unter: age-stif-
leisten: Die Beispiele im Heft zeigen, dass die Rechnung auf- tung.ch/berufsfeld. Kontakt: Nicola Hilti, Institut IFSAR-FHS,
geht. «Damit das gelingt, braucht es in erster Linie die richtige Telefon 071 226 18 92, nicola.hilti@fhsg.ch
Person, welche die herausfordernde Rolle als Kontaktperson
kann er seine Ideen eingeben: «Die gemeinnützigen Wohn- realisiert werden, sagt Sozialraumplaner Fanghänel, sei noch
bauträgerschaften sollen mit der Vereinbarung möglichst früh nicht garantiert: Die Masterplanung der Stadt wird erst diesen
in das Arealmanagement mit einbezogen werden und ihr gros Frühling veröffentlicht, und erst nach der Abstimmung im
ses Know-how einbringen können», heisst es von Seiten der Herbst über die Abgabe des Landes im Baurecht an Dritte kön-
Stadt Bern. Kürzlich wurde bekannt, wer die anderen Inves- nen Parzellen reserviert werden.
toren für die erste Etappe sind: die Pensionskasse der Berner
Kantonalbank, die Personalvorsorgekasse der Parzellenvergabe an Bedingungen knüpfen
Stadt Bern und die Schweizerische Mobiliar Bis dahin hofft Fanghänel, dass die Stadt an
Asset Management AG. Welche Vorschläge ihren guten Absichten festhält und die Bauträ-
Sie alle werden mitwirken, ebenso die Bur- dann tatsächlich ger, vor allem auch die nicht gemeinnützigen,
gergemeinde Bern, Trägerin des Burgerspit- realisiert werden, in die Pflicht nimmt. «Sie muss die Parzellen-
tels: «Als benachbarte Grundeigentümerin zeigt sich nach der vergabe an Bedingungen knüpfen, damit die
wird die Burgergemeinde Bern über die Abstimmung. Idee von preisgünstigem und gemeinschaftli-
nächsten Jahre in jedem Fall eine wichtige chem Wohnraum sich bis zuletzt durchsetzt
Partnerin für die Entwicklung im Viererfeld/ und nicht letztlich doch ein Luxusquartier
Mittelfeld sein», lässt der Berner Gemeinderat in einer Me- entsteht.» Denn auf dem Viererfeldareal könnte tatsächlich in
dienmitteilung verlauten. «Überdies hat sie durch ihre Mitar- bisher einzigartiger Grösse gelingen, was die Interessenge-
beit bei einer Studie zum Generationen-Wohnen bereits wert- meinschaft anstrebt: «Wohnraum für alle – fürs ganze Leben.»
volle Vorarbeiten geleistet.» Die Nachfrage nach diesen Wohnungen, das weiss Ilja Fanghä-
Welche und wie viele von den Vorschlägen dann tatsächlich nel schon heute, wird riesig sein. •
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2015201_curaviva_01-02-2020_12-15_Viererfeld_3476872.indd 15 06.02.20 15:24Wohnen
«Alles aus einer Hand» kann auch aus einer bestehenden Institution wachsen
«Manchmal muss man
einfach etwas wagen»
haperte, und suchte unkompliziert nach Lösungen. «Dafür
Betreutes Wohnen mit Spitex-Dienstleistungen, musste ich lernen hinzustehen und gut zu argumentieren.»
geschützte Wohngruppen und betreute Wohn- Zum ersten Mal tat sie das, als ihr die ungünstige Situation mit
gruppen, Pflegestudios und Pflegeabteilungen: den beiden nebenan liegenden Wohnhäusern (siehe Abbildung
Im Alterszentrum St. Martin in Sursee LU wird Häuser 3 und 7) auffiel: Die Alterswohnungen wurden damals
das «Wohn- und Pflegemodell 2030» eigentlich von der lokalen Spitex betreut, für Notfälle jedoch war das
schon seit rund 20 Jahren gelebt. St. Martin zuständig. «Das bedeutete unter Umständen, dass wir
notfallmässig zu Frau Müller
Von Claudia Weiss
eilen mussten, die blutend am
Boden lag, ohne dass wir eine
Wenn Franziska Kägi das Alterszentrum St. Martin in Sursee Ahnung hatten von ihrem All-
mit seinen verschiedenen Wohnangeboten vorstellt, blitzen gemeinzustand, weder wuss-
ihre Augen auf. Und mit ihrer Begeisterung steckt die Pflege- ten, wer ihr Hausarzt war
dienstleiterin nicht nur mögliche Bewohnerinnen und Bewoh- noch welche Medikamente
ner an, sondern auch künftige Mitarbeitende. «Viel Betreutes sie üblicherweise zu sich
Wohnen, weniger Pflegeplätze – wenn ich von unseren Wohn- nahm.»
formen erzähle, die wir ja selber für uns auch wählen würden, Ein unbefriedigender Zu-
nimmt es allen den Ärmel hinein.» stand. Pflegedienstleiterin
Am Anfang war das St. Martin ein ganz normales Pflegeheim Kägi sprach den Zentrumslei-
mit drei Abteilungen und rund 70 Betten. Genau 50 Jahre ist ter Urs Arnold darauf an, und
es her, seit die ersten Bewohnerinnen und Bewohner einzo- gemeinsam fanden sie eine
gen, vor Kurzem fand die grosse Jubiläumsfeier statt. Idee zur Lösung – und den
Vor knapp einem Vierteljahrhundert begann dann der Wandel Rückhalt der Gemeinde: «Wir
zum Alterszentrum – nicht mit grossen Projektplänen und einigten uns mit der Spitex
viel Brimborium, sondern fliessend, immer aus den anste- und richteten in den beiden
henden Bedürfnissen heraus wachsend. Mittlerweile ist, an- Häusern ein Betreutes Woh-
gelehnt an das Curaviva-Wohn- und Pflegemodell 2030, sogar nen ein.» Das neue Angebot
ein «Wohn- und Pflegemodell Sursee 2030» entstanden. Viele heisst seither «Ambulante
der Veränderungen wurden massgeblich angeregt durch Fran- Pflegeleistungen im Betreu-
ziska Kägi, die heute 57-jährige Pflegedienstleiterin mit der ten Wohnen» und bedeutet,
kecken Kurzhaarfrisur und Energie für zwei, die vor 26 Jahren dass nicht mehr die Mitarbei-
neu in dieser Funktion eingestellt worden war. Sie lacht. «Da- terinnen der lokalen Spitex
mals war ich so schüchtern, man glaubt es kaum.» Aber sie die Bewohnerinnen und Be- «Wohn- und Pflegemodell Sursee 2
wuchs rasch in ihre neue Rolle hinein, stellte fest, wo etwas wohnern der inzwischen über Dörfli im Städtli, in dem Menschen m
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