ZIELMARKTANALYSE ALTERSGERECHTES UND BARRIEREFREIES WOHNEN IN DEN NIEDERLANDEN - iXPOS

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ZIELMARKTANALYSE ALTERSGERECHTES UND BARRIEREFREIES WOHNEN IN DEN NIEDERLANDEN - iXPOS
ZIELMARKTANALYSE
ALTERSGERECHTES UND BARRIEREFREIES WOHNEN
IN DEN NIEDERLANDEN

                                       Durchführer:
ZIELMARKTANALYSE ALTERSGERECHTES UND BARRIEREFREIES WOHNEN IN DEN NIEDERLANDEN - iXPOS
Impressum
Herausgeber
Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi)
Öffentlichkeitsarbeit
11019 Berlin
www.bmwi.de

Text und Redaktion
Elisa Gentzsch
Anouk Iuzzolino
Simon Stickelmann
Sander Weenink
Deutsch-Niederländische Handelskammer
Nassauplein 30
                                                                    Das Bundesministerium für Wirtschaft und
2585 EC Den Haag
                                                                    Energie ist mit dem audit berufundfamilie®
                                                                    für seine familienfreundliche Personalpolitik
Gestaltung und Produktion
                                                                    ausgezeichnet worden. Das Zertifikat wird von
Deutsch-Niederländische Handelskammer
                                                                    der berufundfamilie gGmbH, einer Initiative
Nassauplein 30
                                                                    der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, verliehen.
2585 EC Den Haag

Stand
April 2017

Bildnachweis
BilderBox

Die Studie wurde im Rahmen des BMWi-
Markterschließungsprogramms für das Projekt
„Altersgerechtes und barrierefreies Wohnen in die
Niederlande“ erstellt und aufgrund eines
Beschlusses des Deutschen Bundestages durch das
Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert.

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1
ZIELMARKTANALYSE ALTERSGERECHTES UND BARRIEREFREIES WOHNEN IN DEN NIEDERLANDEN - iXPOS
Inhalt
1     Abstract                                                                                                                                                                                     4
2     Niederlande Allgemein                                                                                                                                                                        5
2.1              Länderprofil ......................................................................................................................................................................5
2.1.1            Staatsoberhaupt & Regierung ...........................................................................................................................................5
2.1.2            Parlament & Parteien ........................................................................................................................................................5
2.2              Wirtschaftsstandort Niederlande .......................................................................................................................................6
2.2.1            Wirtschaftsstruktur Niederlande .......................................................................................................................................6
2.2.2            Wirtschaftsentwicklung ....................................................................................................................................................6
2.2.3            Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland ..........................................................................................................................7
2.3              Wohlstand und Konsumverhalten in den Niederlanden ....................................................................................................8
2.3.1            Regionales Wohlstandsgefälle ..........................................................................................................................................8
2.3.2            Konsumverhalten ..............................................................................................................................................................9
2.3.3            Haushalte und Vermögen ................................................................................................................................................10
3     Der niederländische Bau- und Wohnungsmarkt                                                                                                                                                 11
3.1              Der niederländische Bausektor 2017 – ein Überblick .....................................................................................................11
3.2              Der niederländische Wohnungsmarkt .............................................................................................................................11
3.3              Das niederländische Recht zum Bau- und Wohnungsmarkt ...........................................................................................14
4     Demografischer Wandel                                                                                                                                                                      15
4.1              Ursachen des demografischen Wandels ..........................................................................................................................15
4.2              Demografie und Geografie..............................................................................................................................................16
4.3              Der Einfluss der Demografie auf den Wohnungsmarkt ..................................................................................................16
5     Politische Agenda                                                                                                                                                                          19
5.1              Übergangsagenda ‘Langer zelfstandig wonen’ ...............................................................................................................19
5.2              Politische Zielsetzung .....................................................................................................................................................19
5.3              Säulen der niederländischen Altenpflegereform .............................................................................................................20
5.3.1            Wet Maatschappelijke Ondersteuning/ Persoonsgebonden budget .................................................................................20
5.3.2            Wet Langdurige Zorg ......................................................................................................................................................20
5.3.3            Zorgverzekeringwet ........................................................................................................................................................20
5.3.4            Mantelzorgwooning ........................................................................................................................................................21
6     Die niederländische Altenpflege                                                                                                                                                            22
6.1              Marktakteure der niederländischen Altenpflege .............................................................................................................22
6.2              Der niederländische Wohnungsmarkt in Relation zur Altenpflege .................................................................................23
6.3              Pflegebedarf und -nachfrage ...........................................................................................................................................23
7     Wissenswertes über niederländische Senioren                                                                                                                                                24
7.1              Umzugsverhalten älterer Menschen ................................................................................................................................24
7.2              Krankheiten und körperliche Einschränkungen ..............................................................................................................24

2
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7.2.1         Körperliche Einschränkungen bei Senioren ....................................................................................................................24
7.2.2         Chronische Krankheiten bei Senioren .............................................................................................................................26
7.2.3         Psychische Erkrankungen ...............................................................................................................................................26
7.2.4         Akute Erkrankungen .......................................................................................................................................................26
7.2.5         Das soziale Umfeld älterer Menschen .............................................................................................................................27
7.3           Sicherheitsgefühl bei Senioren........................................................................................................................................28
7.4           Senioren und die Verwendung von neuen Technologien ................................................................................................28
8     Marktpotenziale                                                                                                                                                                       29
8.1           Aktuelle Projekte ............................................................................................................................................................29
8.2           Potenziale für deutsche Unternehmen .............................................................................................................................30
8.3           Förderungen ....................................................................................................................................................................31
8.4           Stärken-Schwächen-Analyse ..........................................................................................................................................31
8.4.1         SWOT-Analyse der niederländischen Branche altersgerechtes und barrierefreies Wohnen ...........................................31
8.5           Konkurrenzsituation in den Niederlanden.......................................................................................................................32
8.5.1         Installation von barrierefreien Badezimmern ..................................................................................................................32
8.5.2         Produkte für barrierefreie Badezimmer...........................................................................................................................33
8.5.3         Hausautomatisierung.......................................................................................................................................................33
8.5.4         Barrierefreie Türen..........................................................................................................................................................33
8.5.5         Treppen- und Plattformlifte ............................................................................................................................................34
8.5.6         Barrierefreie Möbel .........................................................................................................................................................34
8.5.7         Fitnessapparaturen für Senioren ......................................................................................................................................34
9     Anlage Marktakteure                                                                                                                                                                   35
10 Anlage: Informationsportale und Medien                                                                                                                                                   78
11 Abbildungsverzeichnis                                                                                                                                                                    82
12 Quellenverzeichnis                                                                                                                                                                       83

3
1 Abstract
Auch in den Niederlanden schreitet der demografische Wandel seit einigen Jahren voran. 2060 wird bereits ein Viertel der
niederländischen Bevölkerung 65 Jahre oder älter sein, dennoch gibt es immer noch zu wenig altersgerechte und barrierefreie
Wohnungen. In den kommenden Jahren wird diese Gruppe weiter deutlich wachsen und spricht man in den Niederlanden von einer
„dubbele vergrijzing“ (doppelte Alterung). Diese demografischen Entwicklungen haben eine bedeutende Auswirkung auf den Pflege-
und Wohnungsmarkt, da die Pflege dieser wachsenden alternden Gesellschaftsgruppe gewährleistet werden muss.

Darüber hinaus haben Umfragen ergeben, dass niederländische Senioren gern länger selbständig wohnen möchten.
Die niederländische Regierung reagierte mit seiner „Transitieagenda langer zelfstandig wonen“ (Übergangsprogramm länger
selbständig Wohnen) auf dieses Bedürfnis und erließ Gesetze, um die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen, sodass
Senioren länger selbständig wohnen können. Gemeinden tragen seither eine wichtige Rolle, da sie verantwortlich sind für die
ausreichende Bereitstellung altersgerechter Wohnungen sowie Pflege- und und Betreuungseinrichtungen anfälliger und älterer Bürger
sind.

Diese Entwicklungen haben insbesondere auf den Wohnungsmarkt große Auswirkungen. Unter den Menschen die länger zuhause
leben möchten, steht einem Großteil bereits eine geeignete, barrierefreie Wohnung zur Verfügung. Da die Anzahl der Senioren über
75 Jahre sich jedoch verdoppeln wird, zählt zukünftig jeder fünfte Haushalt eine Person im Alter von über 75 Jahren und gibt es
dementsprechend großen Bedarf an altersgerechten und barrierefreien Wohnungen. Um dieser zukünftigen Nachfrage gerecht zu
werden, werden jährlich 8.700 bis 11.300 altersgerechte Wohnungen benötigt. Insbesondere die Randstadprovinzen Noord-Holland
und Zuid-Holland haben großen Wohnungsbedarf, da dort im Jahr 2020 und 2040 die meisten Senioren wohnen werden, gefolgt von
der Provinz Noord-Brabant. In diesen dichtbesiedelten Provinzen wird der Bedarf an Altenpflege steigen und muss sich sowohl das
Wohnungsangebot als auch das Angebot der Pflegeanbieter an diese Entwicklungen anpassen. Auch in den dünnbesiedelten
Regionen leben verhältnismäßig viele Senioren (im Vergleich zur Einwohnerzahl) und stellt man sich die Frage, wie Senioren in
diesen Regionen länger selbständig wohnen sollen.

Des Weiteren setzen sich Wohnungsgenossenschaften aktiv für den Bau/ die Renovierung altersgerechter Wohnungen ein. In
Rücksprache mit Gemeinden schließen Wohnungsgenossenschaften konkrete Leistungsvereinbarungen. Auch in Bezug auf den
Neubau wird konkret über die Lebensbeständigkeit der Wohnungen nachgedacht und werden Neubauprojekte zukünftig Zukunft
entweder direkt barrierefrei geplant oder so, dass Pflegemaßnahmen zu einem späteren Zeitpunkt ohne kostspieligen Aufwand
einfach integriert werden können.

Der Wohnungsmarkt in den Niederlanden muss sich zukünftig an eine alternde Gesellschaft anpassen und müssen sowohl neue
altersgerechte Wohnungen gebaut oder bestehende renoviert werden. Potenziale für deutsche Unternehmen liegen dementsprechend
insbesondere im Bereich altersgerechter und barrierefreier Wohnkonzepte, altersgerechter Sanitäranlagen sowie intelligente
technologische Hilfsmittel. Deutsche Unternehmen haben im Laufe der Jahre verschiedene Methoden und Strategien entwickelt, um
der veränderten Wohnungsnachfrage und der zunehmenden Anzahl von Senioren gerecht zu werden. Dabei hat die Wirtschaft die
Marktchancen, welche durch eine älter werdende Gesellschaft entstehen, erkannt und verfügen zahlreiche deutsche Unternehmen bei
der Herstellung entsprechender Produkten über einschlägiges Know-how und genießen dadurch am internationalen Markt Vertrauen
und Vorsprung. Des Weiteren ist das positive Image deutscher Produkte und das Prädikat „Made in Germany“ sehr attraktiv für
niederländische Abnehmer. Die Niederländer vertrauen der guten Qualität und arbeiten sehr gerne mit deutschen Unternehmen
zusammen.

Die vorliegende Zielmarktanalyse „altersgerechtes und barrierefreies Wohnen in den Niederlanden“ ist ein Teil des durch das
Bundesministerium für Wirtschaft und Energie geförderten BMWi-Markterschließungsprogramms. Diese Zielmarktanalyse gewährt
einen allgemeinen Einblick in den niederländischen Markt und beschreibt die demografischen, politischen und wirtschaftlichen
Entwicklungen dieses dynamischen Markts.

4
2 Niederlande Allgemein1
2.1      Länderprofil
2.1.1      Staatsoberhaupt & Regierung
Seit dem 30. April 2013 ist König Willem–Alexander Staatsoberhaupt der Niederlande. Er übernahm das Amt seiner Mutter Beatrix
(Ihre Königliche Hoheit Prinzessin Beatrix der Niederlande), die exakt 33 Jahre lang amtierte. Willem-Alexander hat zusammen mit
seiner Frau Königin Máxima drei Töchter: Catharina-Amalia, Alexia und Ariane.
Durch eine Gesetzesänderung hat der König in den Niederlanden keine staatstragenden Funktionen mehr. Vorher gehörte es zu den
Aufgaben des Königs /der Königin aktiv bei der Regierungsbildung mitzuwirken, nun wird das Amt jedoch nur noch eine
repräsentative Funktion haben.
Mit dem Amtsantritt des Königs entfällt der bisherige „Koninginnedag“, der Königinnentag. Er wurde 2014 durch einen Königstag
ersetzt, der alljährlich am 27. April (am Geburtstag Willem-Alexanders), und nicht wie zuvor am 30. April, stattfindet.

2.1.2      Parlament & Parteien
Das Parlament (Staten-Generaal, Generalstände) besteht aus zwei Kammern. Die Wahl der 150 Mitglieder der Zweiten Kammer
(Tweede Kamer) findet im Normalfall alle vier Jahre statt. Diese Kammer ist das Parlament im eigentlichen Sinne, als
Volksvertretung und zur Kontrolle der Regierung.
Die Erste Kammer (Eerste Kamer), auch Senat genannt, setzt sich aus 75 Vertretern der Provinzparlamente zusammen, die ebenfalls
alle vier Jahre gewählt werden. Die Arbeit der Ersten Kammer besteht vor allem in der Begutachtung von Gesetzen, welche die
Zweite Kammer erarbeitet hat; unter Umständen kann die Erste Kammer ein Gesetz durch ein Veto blockieren, dies ist jedoch nur
äußerst selten der Fall.

Im Vergleich zu Deutschland sind wesentlich mehr Parteien im Parlament vertreten, da man mit theoretisch nur 0,67 % der Stimmen
bereits ein Mandat gewinnen kann. Gruppierungen, die in Deutschland eher Flügel einer Volkspartei bleiben, gründen in den
Niederlanden eher eine neue Partei. Die traditionellen Volksparteien sind die Christdemokraten CDA und die Sozialdemokraten
PvdA. In der Vergangenheit stellten diese Parteien den Ministerpräsidenten. Die VVD stellte 2010 zum ersten Mal den
Ministerpräsidenten.

Am 15. März 2017 fanden die niederländischen Parlamentswahlen statt. Die Wahlergebnisse sind in erster Linie ausschlaggebend für
die Aufstellung eines zukünftigen Kabinetts. Derzeit gibt es Rücksprachen zwischen den Parteien VVD, D66, CDA und Groenlinks,
jedoch ist zum jetzigen Zeitpunkt noch undeutlich, wie ein folgendes Kabinett aussehen wird. Die Tweede Kamer umfasst 150 Sitze
und die Sitzverteilung der sieben größten Parteien setzt sich wie folgt zusammen: VVD (33), PVV (20),CDA (19), SP (14), P.v.d.A:
(9), Christenunie (5), Partij voor de Dieren (5). Das zukünftige Kabinett kann Rechtsvorschriften erlassen, sofern sie die Mehrheit der
zweiten Kammer besitzt (mehr als 76 Sitze).2
Marc Rutte von der liberal-konservativen Volkspartei für Freiheit und Demokratie (VVD) wurde am 12. September 2012 zum
zweiten Mal zum Ministerpräsidenten erwählt. Das Kabinett der Niederlande besteht aus 13 Ministern und sieben Staatssekretären.
Die VVD stellt sieben Minister und die PvdA (Sozialdemokraten) sechs. Dafür stellt die VVD nur drei Staatssekretäre und die PvdA
im Gegensatz vier.

1
    Interne Publikationen der Deutsch-Niederländischen Handelskammer
2   Kiesraad (2017)

5
2.2    Wirtschaftsstandort Niederlande
Die geografische Lage der Niederlande und ihre traditionell enge Anbindung an die europäischen und interkontinentalen Märkte
bieten erhebliche Vorteile. In Rotterdam befindet sich der viertgrößte Hafen der Welt (nach Singapur, Shanghai und
Ningbo/Zhoushan) mit einem Güterumschlag von 466 Millionen. Tonnen im Jahr 2015 3. Auch der Flughafen Schiphol in Amsterdam
zählt zu den weltweit größten. 2015 war er mit einem Frachtaufkommen von ca. 1,6 Millionen Tonnen und 58 Millionen Passagieren
der dritt-, beziehungsweise fünftwichtigste Flughafen Europas4. Damit sind die Voraussetzungen der Randstad (westniederländischer
Ballungsraum, umfasst die Städte Amsterdam, Rotterdam, Den Haag und Utrecht einschließlich der jeweils gut entwickelten
Randgemeinden) als Motor für die niederländische Wirtschaft denkbar gut.

Hinzu kommen eine leistungsfähige Infrastruktur, unternehmerfreundliche Genehmigungsverfahren und günstige rechtliche
Rahmenbedingungen, vor allem bezüglich der Steuergesetzgebung für ausländische Unternehmen. Darüber hinaus punkten die
Niederlande mit einer herausragenden Logistik, kostengünstigen gewerblichen Immobilien und hochqualifizierten, mehrsprachigen
und flexiblen Arbeitskräften. 5

2.2.1    Wirtschaftsstruktur Niederlande
Aufgrund der Ressourcenknappheit und des starken Bevölkerungswachstums der letzten hundert Jahre wurden Export und Import
von Gütern und Dienstleistungen zur treibenden Kraft der niederländischen Wirtschaft. Mit einem Anteil von fast 62 % (2014) bildet
der Dienstleistungssektor, der zudem fast vier Fünftel aller Erwerbstätigen beschäftigt, den wichtigsten Wirtschaftsbereich. Gefolgt
wird dieser von der Industrie mit rund 25 %, dem Staat mit 11 %, und schließlich der Landwirtschaft und Fischerei mit einem Anteil
von etwas über 2 % am Bruttoinlandsprodukt (BIP). Die Differenz zu 100 ergibt sich durch die Umrechnung auf Marktpreise. 6

Das nominale BIP der Niederlande lag 2015 bei 665,5 Milliarden Euro. Im Jahr 2012 lag dieses noch bei 600,6 Milliarden Euro. 7
Auch die Prognose für 2016 deutet ein Wachstum von 1,8 % an.8

Der Export ist ein sehr wichtiger Aspekt der niederländischen Wirtschaft. Die Ausfuhren gelten als die zuverlässigste
Konjunkturstütze der Niederlande und sollen auch künftig die entscheidende Antriebskraft bleiben. Der niedrige Eurokurs soll die
Exporte weiter ankurbeln. Die aktuelle Erholung steht auf einem breiteren Fundament und wird auch von der Inlandsnachfrage
getragen. 2014 blieben die Exporte konstant bei 505,9 Millionen Euro. Für 2016 wird mit einer Exportwachstumsrate von 5,8 %
gerechnet.
Dank der Erholung des Binnenmarktes werden auch für die Importe hohe Wachstumsraten prognostiziert. Die Einfuhren sollen 2016
mit 5,3 % wachsen. 2014 verloren die Importe noch um 0,4 % (442,4 Millionen Euro) im Vergleich zum Vorjahr (2013: 444,0
Millionen Euro). Der Handelsbilanzüberschuss betrug 2014 63,5 Millionen Euro und lag damit rund 3,0 % höher als noch in 2013.9

2.2.2    Wirtschaftsentwicklung
Die niederländische Wirtschaft rutschte Anfang 2012 zum zweiten Mal in eine Rezession ab, konnte sich aber im selben Jahr noch
erholen. Seit 2014 liegt die Wirtschaftsleistung wieder im Plus. Grund dafür sind zunehmende Exporte, das Anziehen der
Inlandskonjunktur und betriebliche Investitionen. Der Außenhandel wird voraussichtlich auch in den kommenden Jahren
weiterwachsen. Die ersten beiden Quartale 2016 zeigen ein Konsumwachstum von 1,0-1,3%.10
Seit 2015 zeichnet sich eine Erholung des Arbeitsmarktes ab. Die Arbeitslosigkeit sank von 7,4% (2014) auf 6,9%.
Germany Trade and Invest (GTAI) rechnet für 2016 mit einer weiteren Abnahme der Arbeitslosigkeit. Zahlen aus dem ersten
Halbjahr stützen die positive Prognose: Die Arbeitslosenzahlen sind seit Jahresbeginn 2016 konstant gesunken. Die Zahl der Nicht-

3
  Vgl. Schiphol Group (2016).
4
  Vgl. Port of Rotterdam (2016).
5
  Vgl. Interne Publikationen der Deutsch-Niederländischen Handelskammer.
6
  Vgl. Interne Publikationen der Deutsch-Niederländischen Handelskammer.
7
  Vgl. GTAI. (2016).
8
  Vgl. Centraal Planbureau. (2016).
9
  Vgl. GTAI. (2015).
10
   Vgl. CBS. (2016a).

6
Erwerbstätigen lag im Mai 2016 bei 6,2 % (Mai 2015: 6,9 %).11 Die höchsten Arbeitslosenzahlen im Jahr 2015 verbuchten die
Provinzen Groningen (8,5%), Südholland (7,8%) und Flevoland (7,7%). In Zeeland war die Arbeitslosigkeit am geringsten (5,5%). 12

2.2.3    Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland
Das Handelsvolumen zwischen den Niederlanden und Deutschland lag 2015 bei 167,4 Milliarden Euro. Die vermeintlich kleinen
Niederlande stehen damit im bilateralen Außenhandel hinter den USA und Frankreich an dritter Stelle der deutschen Partnerländer.
Das bilaterale Handelsvolumen gehört zu den weltweit größten. Gründe dafür sind nicht zuletzt die geographische Nähe und die
Größe des deutschen Marktes. Deutschland ist schon seit Jahren mit Abstand der größte Handelspartner der Niederlande, sowohl im
Import als auch im Export. Die wirtschaftlichen Entwicklungen in Deutschland haben dementsprechend einen großen Einfluss auf die
Niederlande. Der niederländische Export reagiert schnell auf Konjunkturschwankungen im Nachbarland. Als Importland für
Deutschland liegen die Niederlande mit einem Wert von 87,9 Milliarden Euro (2015) hinter China (91,7 Milliarden Euro) auf Platz
zwei. Die Niederlande nimmt auf der Rangliste der wichtigsten Exportländer Deutschlands im Jahr 2015 den vierten Platz ein. Laut
des Statistischen Bundesamtes exportierte Deutschland Güter im Wert von rund 79 Milliarden Euro in das westliche Nachbarland.
Mit einem Gesamtumsatz von 167,4 Milliarden Euro nahm die Niederlande nach den USA und Frankreich Platz drei ein, bei den
Exporten lagen nur die Vereinigten Staaten (114 Milliarden Euro), Frankreich (102,9 Milliarden Euro) und das Vereinigte Königreich
(89,3 Milliarden Euro) weiter vorne.13

Die wichtigsten niederländischen Erzeugnisse auf dem deutschen Markt sind Kokerei- und Erdölerzeugnisse, chemische und
elektrotechnische Erzeugnisse, Erdöl und Erdgas, Maschinen, Metalle sowie Landwirtschaftsprodukte. Aus Deutschland werden vor
allem pharmazeutische Erzeugnisse, chemische Produkte, Nahrungsmittel sowie Maschinen, Autos und Autoteile, IT-Produkte,
Metalle sowie Kunststoff- und Gummiwaren importiert.14

Um die Zusammenarbeit beider Länder noch weiter voranzutreiben, wurde 2014 die Deutschlandagenda (Duitslandagenda)
vorgestellt. Ziel dieser Initiative ist es, vor allem die strukturelle Zusammenarbeit zwischen niederländischen und deutschen
Unternehmen fördern. Vor allem die Topsektoren, worunter auch Energie, sollen hierbei im Mittelpunkt stehen.

Basierend darauf lässt sich die folgende SWOT-Analyse für den niederländischen Markt erstellen:

11
   Vgl. CBS. (2016b).
12
   Vgl. CBS. (2016c).
13
   Vgl. Statistisches Bundesamt. (2016).
14
   Vgl. CBS. (2016d).

7
Abbildung 1: SWOT-Analyse Niederlande als Wirtschaftsstandort

Stärken                                                          Schwächen

      -    Robuste Wirtschaft und verlässliche Politik               -     Zu kleiner Binnenmarkt für manche Industriebranchen
      -    Schnelle Erholung nach Finanzkrise                        -     Industrieproduktion hochspezialisiert und sehr
      -    Innovative Wirtschaft                                           abhängig vom Weltmarkt
      -    Führende Distributionsdrehscheibe Europas                 -     Hohes Lohnniveau, darunter leiden Produktivität und
      -    Eigene Erdgasvorkommen und –Exporte                             Wettbewerbsfähigkeit
      -    Bereits intensive deutsch-niederländische                 -     Mangel an Facharbeitskräften nicht gelöst
           Beziehungen
      -    Hohes Bildungsniveau der Bevölkerung

Chancen                                                          Risiken

      -    Sehr günstiges Umfeld für KMU                             -     Globalisierungsrisiken wegen offener Wirtschaft
      -    Absatz am Binnenmarkt                                     -     Alternde Gesellschaft
      -    Nutzung der lokalen Supply-Chain und logistischen
           Hubs
      -    Kooperation im internationalen Handel und Marketing
      -    Kooperation bei Entwicklung innovativer Produkte
      -    Finden von internationalen Marktnischen
      -    Ausbau der Infrastruktur, Supply Chain/Großprojekte
      -    Kooperation in überregionalen Netzwerken und
           Clustern

2.3       Wohlstand und Konsumverhalten in den Niederlanden
Aus einer Veröffentlichung des europäischen Statistikbüros Eurostat geht hervor, dass die Niederlande zu einem der wohlhabendsten
Länder der Europäischen Union gehören. 2015 hatten die Niederlande innerhalb Europas das sechstgrößte, innerhalb der EU das
drittgrößte Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner. Mit ungefähr 38.700 € liegt das Bruttoinlandsprodukt der Niederlande pro
Einwohner gut 30% über dem Durchschnitt der Eurozone und fast 46% über dem EU-Schnitt.15 Laut Eurostat waren die die
Konsumausgaben der niederländischen Haushalte seit 2011 leicht rückläufig. Im Jahr 2015 lagen sie bei etwa 38.400 €.16 Diese
Durchschnittswerte dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in den Niederlanden Wohlstandsunterschiede gibt. In den
folgenden Absätzen wird aufgezeigt, wo diese Wohlstandsunterschiede liegen, in welcher Altersgruppe sie am stärksten ausgeprägt
sind und wofür das meiste Geld ausgegeben wird.

2.3.1      Regionales Wohlstandsgefälle
Bloemendaal, Rozendaal und Laren sind die niederländischen Gemeinden, die über die höchsten Haushaltsvermögen verfügen. Mehr
als die Hälfte aller Haushalte in diesen Gemeinden gehören zu den wohlhabendsten Haushalten der Niederlande. Zusammen mit
Wassenaar, Blaricum, Naarden, Heemsteede, Oegstgeest, Westvoorne und De Bilt stellen sie die Top 10 der wohlhabendsten
Gemeinden der Niederlande. Lediglich die Gemeinde Rozendaal befindet sich nicht im Westen des Landes. Nahezu alle Gemeinden
mit einem Durchschnittshaushaltseinkommen der höchsten Einkommenskategorie (>27.000 Euro) befinden sich im Gebiet der
Randstad. Zudem weisen Studentenstädte häufig ein geringeres Durchschnittseinkommen auf.17

In der folgenden Abbildung 2 sind die niederländischen Gemeinden mit dem höchsten (hoogste inkomen) und mit dem niedrigsten
Wohlstandsniveau (laagste inkomen) abgebildet.

15
   Eurostat. (2017).
16
   CBS. (2017e) & CBS. (2017f).
17
   CBS (2016i).

8
Abbildung 2: Wohlstandsniveau in niederländischen Gemeinden

Quelle: CBS (2016i).

2.3.2      Konsumverhalten
Laut CBS sind die Konsumausgaben zwischen 2011 und 2014 jährlich rückläufig
gewesen (2011: -0,6; 2012: -1,6; 2013: -1,5) bis sie sich 2014 mit einem Nullwachstum stabilisierten. Für 2015 und 2016 geht die
Prognose von einer Zunahme um 1,7% bzw. 1,5% aus.

Laut CBS verzeichneten die nachhaltigen Produkte 2016 den stärksten Zuwachs (2,5%), gefolgt von Dienstleistungen (1,8%).
Ausgaben für Nahrungs- und Genussmittel stiegen gegenüber 2015 um 0,9%, sonstige Konsumausgaben (u. a. Wohnung, Energie)
stiegen um rund 1%.18

Gründe für die steigende Konsumfreudigkeit der Niederländer sehen Experten vor allem in der anziehenden Konjunktur, des wieder
aktiveren Immobilienmarktes und steigenden Reallöhnen. Darüber hinaus ist das Verbrauchervertrauen nach 2014 wieder gestiegen.

Abbildung 3 Ausgaben (in Mrd. Euro) im Gesundheits- und Pflegesektor

Quelle: CBS (2014).

18
     CBS (2017e).

9
In Abbildung 3 sind die Ausgaben für einzelne Gesundheits- und Pflegesektoren und deren Entwicklung näher aufgelistet. Durch die
stetige Zunahme der über 65-Jährigen ist davon auszugehen, dass die Ausgaben für die medizinische Versorgung auch in Zukunft
weiterhin steigen werden.19

2.3.3    Haushalte und Vermögen
Derzeit wird in den Niederlanden von ungefähr 7,5 Millionen Haushalten ausgegangen, welche über ein durchschnittliches
Einkommen von 35.000 € verfügen.20 Im Gegensatz zur Bundesrepublik sind die Haushalte im Durchschnitt etwas größer (NL: 2,2;
D: 2,0).21 Die Einkommens- und Vermögensungleichheit ist im europäischen Vergleich niedrig. 22 Ein Zehntel dieser Haushalte hat
ein Einkommen von mehr als 37.300 €. Eine ungefähr gleichgroße Gruppe verfügt über ein Vermögen von mehr als 400.000 €.
Teilweise zählen dabei dieselben Haushalte zu beiden Gruppen. Insgesamt zählen die Niederlande 270.000 Haushalte, die sowohl
über ein hohes Einkommen als auch über ein hohes Vermögen verfügen; dies sind ca. 3,7 % aller Haushalte.

Die Einkommens- und Vermögenshöhe variiert je nach Lebensphase, wobei die Gruppe der 50 bis 65-Jährigen die höchsten
durchschnittlichen verfügbaren Einkommen hat. Sie verfügen zwar über leicht geringere Einkommen als 40 bis 50-Jährige, haben
aber durchschnittlich größere Vermögen. Eine eigene Immobilie (mit geringer oder ohne Hypothekenschuld) und Ersparnisse stellen
dabei die wichtigsten Quellen des Vermögens. In der Gruppe der über-65-Jährigen leben etwa 10 % auf dem Niveau der
Altersgrundsicherung (AOW)23 und etwa 55 % verfügen über ein Einkommen von 1000 € oder mehr pro Monat über die
Grundsicherung hinaus. Je nach persönlichen Lebensumständen beträgt die Altersgrundsicherung (AOW-uitkeering) zwischen
765,95 € und 1.506,55 € pro Monat.

Vor allem Paare ohne (zu Hause lebende) Kinder sind gut situiert. Sie gehören in ihren jeweiligen Altersgruppen stets zu den
wohlhabendsten Haushalten. Zu der Gruppe mit dem kleinsten Vermögen gehören vor allem alleinstehende Eltern mit zu Hause
lebenden Kindern. Das Bildungsniveau hat einen großen Einfluss auf das Vermögen. Je höher die Bildung, desto höher ist das
Vermögen pro Haushalt im Durchschnitt.24
Abbildung 4: Einkommen nach Altersgruppe und Geschlecht1

Quelle: In 1.000 €, CBS (2014).

19
   Diewitz, Marte (GTaI). (2014).
20
   CBS (2017g).
21
   CPB (2014).
22
   CBS (2014).
23
   SVB (2015).
24
   CBS (2014c) .

10
3 Der niederländische Bau- und
  Wohnungsmarkt
3.1    Der niederländische Bausektor 2017 – ein Überblick
Nach Bekanntgabe der Sparmaßnahmen des Kabinetts Rutte hatte die gesamte niederländische Baubranche durch das Wegfallen
einiger Förderungen in den vergangenen Jahren unter deutlichen Umsatzrückgängen zu leiden. Infolgedessen verringerte sich sowohl
die Anzahl der in der Baubranche tätigen Unternehmen als auch das damit in Zusammenhang stehende Fachwissen auf dem
niederländischen Markt. Aktuell zieht der niederländische Bausektor merklich an, was in erster Linie auf die steigende Nachfrage im
Wohnungs(neu)bau, vor allem in urbanen Regionen, zurückzuführen ist. Laut erhobenen Daten der Rabobank beträgt das
Gesamtwachstum der Baubranche im Jahr 2016 rund 3,5 %. 25 Zwischen 2015 und 2021 wird das Gesamtvolumen der Voraussicht
nach von 58 auf 72 Milliarden Euro steigen und damit das Vorkrisenniveau erreichen. 26 Im Bereich der gewerblichen Gebäude stellt
der Büroleerstand ein großes Problem im Bausektor dar und steht die Neubestimmung und Sanierung dieser Gebäude zunächst im
Vordergrund. Dementsprechend wird die Zahl öffentlicher und gewerblicher Neubauten zunächst nicht steigen.

Auch die Ausmaße des demographischen Wandels werden im niederländischen Bausektor sichtbar. Durch eine alternde Gesellschaft
mangelt es derzeit an Fachkräften mit Erfahrung und Expertise, was zu einem „Brain Drain“ in der niederländischen Baubranche
geführt hat. Ausgebildete und erfahrene Fachkräfte erreichen zusehends das Rentenalter und die entstehenden Lücken können nicht
gefüllt werden.

So führt das in den vergangenen Jahren eingesetzte Schwinden der fachkundigen Unternehmen dazu, dass momentan Engpässe in
diesen Branchen zu beobachten sind und die Qualität der ausgeführten Arbeiten durch Experten als schlecht erachtet wird. 27 Der
Mangel an Qualität und Fachpersonal hat zu einem Umdenken innerhalb der Baubranche geführt. Um die Qualität auf Dauer
gewährleisten zu können und Ineffizienzen im heutigen Bauprozess auszuräumen, wird in den Niederlanden zunehmend anhand von
„Ketensamenwerking“ (Lieferkettenmanagement) gearbeitet, um Auftraggebern zielgerichtete Produkte und Produktionsmethoden
bieten zu können. Dementsprechend haben sich in den Niederlanden einige Initiativen gebildet, um neue Konzepte zu entwickeln wie
z.B. die Transformation von langjährig leerstehenden Bürogebäuden in Wohnungen, betreutes Wohnen oder Themenzentren. Bei der
Entwicklung dieser Konzepte gelten Nachhaltigkeit und Energieeffizienz als Grundvoraussetzungen und diese spielen sowohl für
Auftraggeber als auch Bauherren eine immer wichtigere Rolle.

Das zentrale Thema, das aktuell den niederländischen Bausektor definiert und prägt, ist die Sanierung, die Neubestimmung und
Umgestaltung bereits bestehender Immobilien. Nach Angaben der größten Versicherungsgesellschaft der Niederlande, Achmea, stellt
dieser Aspekt eine der wichtigsten Entwicklungen der kommenden Jahre in den Niederlanden dar.

3.2    Der niederländische Wohnungsmarkt
Derzeit besteht der niederländische Wohnungsmarkt aus ca. 42 % Mietwohnungen und 58 % Kaufwohnungen. Die Nachfrage nach
Mietwohnungen ist weiterhin größer als das Angebot. Bei Mehrfamilienwohnungen ist der Unterschied zwischen Angebot und
Nachfrage am größten. Die Durchschnittsmiete in den Niederlanden ist abhängig von der Stadt. In Städten, in denen die Nachfrage
größer ist als das Angebot, sind die Mietpreise wesentlich höher als in Städten, in denen die Nachfrage geringer als das Angebot ist.

In den Jahren 2012 bis einschließlich 2015 wurden in den Niederlanden ca. 191.500 Wohnungen gebaut, jährlich kamen somit im
Durchschnitt 47.000 neue Wohnungen hinzu.28 Im Vergleich zu den Jahren zuvor ist diese Zahl sehr gering. In der Zeit von 2000 bis
2009 wurden knapp 72.000 Wohnungen pro Jahr gebaut. Zwischen 1986 und 2000 waren es sogar 95.000 Neubauten jährlich. Trotz
dieser Abnahme wächst der Wohnungsbestand in den Niederlanden jedes Jahr. Im Jahr 2016 betrug das Gesamtwachstum des

25
   Vgl. Rabobank. (2016).
26
   Vgl. Achmea. (2016).
27
   Vgl. Energielabel Haaglanden. (2016).
28
   Vgl. CBS. (2016e).

11
niederländischen Wohnungsbestandes laut der Rabobank rund 6 %. Hierdurch wird der stets steigenden Nachfrage nach Wohnungen
aufgrund der Anzahl wachsender Haushalte nur geringfügig entgegengewirkt.

Insgesamt sticht die Randstad im Mietsektor preislich heraus, wohingegen die Mietpreise im Osten des Landes vergleichsweise
niedrig ausfallen. Die teuerste Stadt in den Niederlanden ist Amsterdam. Der oberen Grafik kann man entnehmen, dass Stand Ende
2015 rund um Amsterdam durchschnittlich mehr als 22 Euro pro Quadratmeter gezahlt werden mussten. Hier ist auch der Anstieg der
Mietkosten mit Abstand am größten. Somit beträgt dort eine Durchschnittsmiete mehr als 2.200 Euro für 100 Quadratmeter.
Außerhalb der Randstad zahlt man im Durchschnitt 950 Euro für eine vergleichbare Wohnung. Die günstigsten Mieten zahlt man
momentan in der Provinz Drenthe mit einem Preis von durchschnittlich 855 Euro für 100 Quadratmeter. 29

In den Niederlanden spielen sogenannte soziale Mietwohnungen eine sehr große Rolle. Stand 2016 gibt es auf dem Mietmarkt 2,4
Millionen solcher Wohnungen, welche zu Preisen vermietet werden, die unter dem eigentlichen Marktlevel angesiedelt sind.
Insgesamt profitieren 700.000 Haushalte, hauptsächlich mit niedrigem Einkommen, davon, was rund 9,3 % aller niederländischen
Haushalte ausmacht.

Abbildung 5:Mietpreise (Euro/m2) in den größten niederländischen Städten

Quelle: Pararius. (2016).

Während die Preise für Kaufwohnungen bzw. -häuser in den Jahren nach der internationalen Finanzkrise stark gesunken waren,
ziehen sie seit dem Jahr 2014 wieder kontinuierlich an.30 Der Durchschnittskaufpreis in den Niederlanden lag 2016 bei 240.000 Euro.
Bei Kaufwohnungen und Kaufhäusern spielt ebenfalls die geographische Lage eine sehr wichtige Rolle. So ist zu beobachten, dass in
den Provinzen Nordholland (274.000) und Utrecht (264.000) durchschnittlich die teuersten Kaufobjekte der Niederlande zu finden
sind. Auf der anderen Seite findet man die günstigsten Kaufobjekte in den nördlichen Provinzen Groningen (172.000) und Friesland
(180.000).31

Die Niederlande zählten im Jahr 2016 rund 17 Millionen Einwohner mit ungefähr 7,5 Millionen Haushalten. Bis 2025 sollen jährlich
50.000 Haushalte dazu kommen und nach Erwartungen von Achmea bis zum Jahr 2040 insgesamt eine ganze Million. Gut die Hälfte
der entstehenden Haushalte wird in der Randstad erwartet. Dieser Trend lässt sich darauf zurückführen, dass die Haushaltsgröße in
den Niederlanden bereits seit Jahren kleiner wird.32 Dies ist für den niederländischen Wohnungsmarkt von entscheidender Bedeutung,
da die Anforderungen an Wohnungen mit geringer Haushaltsgröße anders sind als für größere Haushalte. Das Einkommen
Alleinwohnender ist häufig geringer, was zur Folge hat, dass die Nachfrage nach Kaufwohnungen sinkt.

29
   Vgl. Pararius. (2016).
30
   Vgl. CBS. (2016f).
31
   Vgl. CBS. (2016g).
32
   Vgl. CBS. (2013).

12
Abbildung 6: Entwicklung der Kaufpreise für Wohnobjekte im dritten Quartal 2016

Quelle: CBS. (2016h).

Die Preisentwicklung steht im direkten Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Lage in diesen Regionen und der damit
zusammenhängenden Attraktivität der Lage für Anleger und Arbeitnehmer. So ist die Randstad als wirtschaftliches Herz der
Niederlande mit einer der höchsten Bevölkerungsdichten Europas gleichzeitig eine der teuersten Wohnregionen des Landes und zeigt
einen stärkeren Preisanstieg (siehe Abbildung 6). Neben der wirtschaftlichen Situation spielt aber auch die wohnliche Attraktivität
der Umgebung eine große Rolle. So gehören Kaufobjekte in der Veluwe ebenfalls zu den teureren Immobilien. Neun der zehn
teuersten niederländischen Gemeinden nach Kaufpreisen lagen 2015 in der Randstad und eine in der Veluwe. 33 Laut der Vereinigung
„Bouwend Nederland“ existiert ein preislicher Unterschied zwischen bereits bestehenden Kaufimmobilien und Neubauten. Dies stehe
im Zusammenhang mit der Inflexibilität des Grundpreises, welcher durch die Gemeinden festgesetzt wird. Um dieses
Auseinanderdriften auszugleichen, existieren Vorschläge, den Grundpreis in Zukunft an die allgemeine Preisentwicklung auf dem
Kaufmarkt zu koppeln.34

Auf dem Wohnungsmarkt zeichnen sich in den kommenden Jahren gravierende Veränderungen ab, die vor allem die
Wohnungssanierung betreffen. Hierbei spielt der altersgerechte Umbau bestehender Wohnungen als Antwort auf den
voranschreitenden demographischen Wandel eine wichtige Rolle, der in Kapitel 4 näher beschrieben wird.

33
     Vgl. Consultancy.nl. (2015).
34
     Vgl. Bouwend Nederland. (2016).

13
3.3    Das niederländische Recht zum Bau- und Wohnungsmarkt
Verschiedene Gesetze in den Niederlanden verfolgen das Ziel, Bauprozesse zu regeln und sicherzustellen. Deutschen Unternehmen
wird empfohlen, sich über die speziellen Verordnungen in ihrem Tätigkeitsbereich vorab zu informieren. In diesem Abschnitt werden
die wichtigsten Regeln kurz erläutert.

Das niederländische Baurecht beinhaltet folgende Regelungen:
    • das Architektengesetz (nl: Architectenrecht), in dem alle Rechte und Pflichten des Architekten verankert sind.
    • das Auftragnehmerrecht (nl: Aannemingsrecht), das alle Rechte und Pflichten vom Auftragnehmer beinhaltet.
    • den Bauerlass (nl: Bouwbesluit), der aus einer Ansammlung von bautechnischen Vorschriften besteht. Der Bauerlass
         beinhaltet Regeln zum Umbau von Wohnungen sowie Vorschriften mit den Schwerpunkten Sicherheit, Gesundheit,
         Benutzbarkeit, Energiesparmaßnahmen und Umwelt.
    • die Bauordnung (nl: Bouwverordening), in der neben den technischen Anforderungen sowohl Regeln für die Anwendung
         von Brandschutzeinrichtungen als Bedingungen für Baugenehmigungen verankert sind.
    • das Wohnungsgesetz (nl: Woningwet), welches das Bewohnen schlechter Wohnungen vermeiden soll und den Bau von
         angemessenen Wohnräumen fördern soll.

Um im Vorfeld der Geschäftsanbahnungsreise nähere Informationen zum niederländischen Recht zu erhalten, kontaktieren Sie bitte
folgende Partner:

Deutsch-Niederländische Handelskammer
Nassauplein 30
2585 EC Den Haag

Sonja van Sloten
E: s.vansloten@dnhk.org
T: +31 (0) 70 3114 106

Zur Nachbereitung und für alle Fragen im Anschluss an die Reise steht Ihnen folgender Ansprechpartner zur Verfügung:

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E: d.lex@dnhk.org
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14
4 Demografischer Wandel
Wie in vielen westeuropäischen Ländern findet auch in den Niederlanden bereits seit einigen Jahren ein demografischer Wandel statt.
Die Anzahl der Menschen über 65 nimmt in den Niederlanden bereits seit 50 Jahren zu. 2016 gehörten laut Prognosen etwa 18,2%
der niederländischen Gesamtbevölkerung dieser Altersgruppe an. Laut Prognosen wird die Anzahl der über-65-Jährigen von heute
etwa 3,1 Millionen bis 2040 auf 4,75 Millionen ansteigen (ca. 26 % der Bevölkerung) und dann bis 2060 ungefähr stabil bleiben.35
In den Niederlande spricht man von einer ‚dubbele vergrijzing‘, einem doppelten Altern, da die Anzahl an Senioren stetig zunimmt
und das durchschnittliche Alter durch die längere Lebenserwartung steigt. Von den 3,1 Millionen Senioren gibt es ca. 700,000 die
älter sind als 80. Laut dem Centraal Bureau voor de Statistiek wird bis 2040 die Zahl der über 65 jährigen auf 2,7 Millionen steigen
und die Zahl der über 80-jährigen auf 2 Millionen. Darüber hinaus steigt jährlich die durchschnittliche Lebenserwartung. Derzeit liegt
die durchschnittliche Lebenserwartung niederländischer Männer bei 79,9 Jahre und niederländischer Frauen bei 83,4 Jahre. 36

Abbildung 7: Zukunftsprognose Anzahl der Personen über 65 (in Millionen)

Quelle: Volksgezondheidszorg. (2017a).

4.1      Ursachen des demografischen Wandels
Die Ursachen für den Demografischen Wandel in den Niederlanden sind vielfältig. Wie in anderen europäischen Ländern kam es
auch in den Niederlanden nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer Geburtenwelle. In den 60er und 70er Jahren sank die Geburtenrate
wieder. Die Mitglieder der geburtenstarken Jahrgänge der 50er und 60er werden 2040 größtenteils verstorben sein, daher wird sich
der Wert dann stabilisieren. In den letzten 10 Jahren ist darüber hinaus die Geburtenrate ebenfalls weiter gesunken.

Abbildung 8: Anzahl der Geburten
Kategorie                   1950      1960     1970     1980      1990      2011     2012     2013     2014      2015

Lebendgeburten insgesamt 229.718 239.128 238912 181.294 197.965 180.060 175.959 171.341 175.181 170.510
Kinder pro Frau               3,097    3,122    2,572     1,602     1,617    1,759    1,723    1,679     1,713    1,658
Quelle: CBS (2017a).

35
     Vgl. CBS. (2017a).
36
     Ouderenfonds (2017)

15
Der Anstieg der Lebenserwartung ist ein weiterer Grund für den demografischen Wandel der Gesellschaft. Er ist auf die verbesserte
medizinische Versorgung, den hohen Hygienestandards und eine ausgewogene Ernährung zurückzuführen. Aktuell liegt die
Lebenserwartung bei der Geburt von Jungen bzw. Mädchen bei 79,7 bzw. 83,1 Jahren. Die verbleibende Lebenserwartung der heute
über-65-Jährigen beläuft sich auf durchschnittlich 18,6 Jahre für Männer und 21,4 Jahre für Frauen.37

4.2    Demografie und Geografie
In naher Zukunft werden alle niederländische Gemeinden sich mit der Herausforderung einer stets älter werdenden Bevölkerung
auseinandersetzen müssen. Im Folgenden werden regionale Unterschiede dargestellt.

Heutzutage leben ca. 3,1 Millionen Menschen im Alter von 65 Jahren oder mehr in den Niederlanden. Dies entspricht 18 % der
Gesamtbevölkerung.38 Betrachtet man den Anteil der Älteren in den einzelnen Provinzen, ist deren hohe Anzahl in den Provinzen
Zeeland und Drenthe besonders auffällig. 2016 hatten sie mit einem Anteil von 22%, bzw. 20% die meisten Einwohner in diesem
Alter. In den Provinzen Flevoland (12%) und Utrecht (16%) ist ihr Anteil am geringsten. In Zukunft wird sich dieser Trend noch
verstärken und auch zunehmend die eher ländlichen Provinzen Groningen und Friesland betreffen. In einigen Provinzen wird der
Anteil der über-65-Jährigen an der Bevölkerung schon 2040 über 30% betragen. 39

Laut dem Rijksinstituut voor Volksgezondheid en Milieu (D: Landesanstalt für Volksgesundheit und Umwelt) liegen die
Unterschiede vor allem an der Zu- und Abwanderung jüngerer Einwohner. Während einige Provinzen für die jüngeren Generationen
besonders unattraktiv sind, sind andere Provinzen, beispielsweise in der Randstad aufgrund der besseren Arbeitsmöglichkeiten sehr
gefragt. Der Wegzug der jüngeren Einwohner aus unattraktiven Provinzen sorgt in diesen Regionen für einen besonders hohen Anteil
älterer Einwohner. In anderen Regionen kommt es hingegen durch die Zuwanderung junger Einwohner aus dem In- und Ausland zu
einem abnehmenden Anteil von Älteren. Exemplarisch ist der Trend in der Provinz Flevoland zu beobachten. Diese Region ist bei
jüngeren Menschen sehr beliebt und weist damit den geringsten Anteil älterer Einwohner auf.

Die Großstädte der Niederlande werden auch weiterhin viele junge Menschen anziehen. Dennoch soll laut dem CBS die Anzahl der
älteren Einwohner in den Ballungsgebieten Amsterdam, Rotterdam, Utrecht und Den Haag (heute 11,7%, 15%, 10,3%, 14%) bis
2040 auf 17,6%, 20,8%, 14,6% bzw. 19,1% ansteigen. Dies liegt immer noch eindeutig unter dem Landesdurschnitt (18,2%, bzw.
26%). In der Provinz Flevoland wird ein nahezu gleichbleibendes Verhältnis zwischen älteren und jungen Menschen prognostiziert.
Experten schätzen, dass die Anzahl der über-65-Jährigen in Amsterdam, der größten Stadt des Landes, zwischen 2016 und 2040 um
rund 62.000 steigen wird. Das hat zur Folge, dass rund 159.000 Amsterdamer 65 Jahre oder älter sein werden.40

4.3    Der Einfluss der Demografie auf den Wohnungsmarkt
Eine alternde Gesellschaft hat einen bedeutenden Einfluss auf den niederländischen Wohnungsmarkt. Das Centraal Bureau voor de
Statistiek prognostizierte die Entwicklung der Haushalte im Zeitraum von 2015 bis 2040. Diese Prognose zeigt, dass sich die Anzahl
Haushalte mit über 80 Jährigen enorm vergrößert. Die Zahl der Haushalte wird dementsprechend von 341.644 im Jahr 2015 auf
750.643 im Jahr 2040 steigen.41 Auch die Zahl der Zweipersonenhaushalte steigt von van 182.329 im Jahr 2015 auf 457.843 im Jahr
2040. Abbildung 9 und 10 den Altersaufbau niederländischer Haushalte im Vergleich. Hier wird deutlich, dass sich das
Wohnungsangebot an eine alternde Gesellschaft zukünftig anpassen muss.

Aus Erhebungen der niederländischen Regierung geht hervor, dass der Anteil der über 80-Jährigen, die in einem betreuten Heim
leben, zwischen 1998 und 2016 von 21,9% auf 12,1% gefallen ist. Unter den über 65-Jährigen beträgt dieser Anteil im Jahr 2016 nur
3,8%. Dies führt zu einer steigenden Nachfrage nach altersgerechten und barrierefreien Wohnungen. Um diese steigende Nachfrage
decken zu können, müssen nicht nur neue barrierefreie Wohnungen gebaut, sondern auch bestehende Wohnungen altersgerecht
umgebaut werden.42

37
   Vgl. Volksgezondheidszorg. (2017b).
38
   Vgl. CBS. (2017a).
39
   Vgl. CBS. (2017c).
40
   Vgl. CBS. (2017d).
41
   Vgl. CBS (2015b).
42
   Vgl. SCP. (2016).

16
Abbildung 9: Prognose Privathaushalte 2015- 2040

Quelle: CBS (2015b).

Abbildung 10: Prognose Mehrpersonenhaushalte 2015- 2040

Quelle: CBS (2015b).

In den letzten Jahren hat sich in den Niederlanden bereits einiges im Bereich der altersgerechten und barrierefreien Wohnungen
verändert. Aus dem Bericht „Monitor investeren voor de toekomst 2014“ (D: Monitor investieren für die Zukunft 2014) wird
ersichtlich, dass derzeit etwa 370.000 altersgerechte oder barrierefreie Wohnungen in den Niederlanden existieren (davon etwa
205.000 spezifisch für Senioren gebaut). Bis 2021 wird der Bedarf deutlich schneller steigen als das Angebot. Das Forschungsinstitut
Abf geht für diesen Zeitraum von einer Fehlmenge von altersgerechten und barrierefreien Neu- und Umbauten von etwa 40.000

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Wohnungen aus.43 In Abbildung 11 ist die Anzahl senioren- und behindertengerechter Wohnungen in den einzelnen Provinzen im
Jahr 2014 dargestellt. Zudem ist die Anzahl der bis 2021 fehlenden Wohnungen abgebildet. In fast allen Provinzen werden also zu
wenige neue Wohnungen dieser Art entstehen um mit der Nachfrage mithalten zu können. Einzig die Stadt Amsterdam und der
Regierungsbezirk Midden-IJssel werden die Nachfrage bedienen können. Am höchsten ist der Bedarf in den Städten Rotterdam und
Utrecht sowie in den Provinzen Nord-Brabant, Nord- und Südholland mit der Ausnahme Amsterdam.

Unter Berücksichtigung der immer älter werdenden Gesellschaft ist es zwingend erforderlich, dass der niederländische
Wohnungsmarkt zukünftig altersgerecht und barrierefrei gestaltet wird. Landesweit gesehen geht das Abf-Institut daher von einem
nicht gedeckten Bedarf von mehr als 4.400 Wohnungen pro Jahr aus.

Bei umzugswilligen Senioren spielen vor allem gesundheitliche Gründe eine Rolle. Deshalb ist es wichtig, die Wohnungen an die
Bedürfnisse der Zielgruppe anzupassen. Die Mobilität ist eine der wichtigsten Einschränkungen, mit denen ältere Menschen zu
kämpfen haben. Aber auch der Verlust der Sehkraft sowie Hörschwierigkeiten führen im Alter häufig zu Problemen. Für den
Wohnungsmarkt bedeutet dies, dass vor allem Wohnungen gesucht werden, die die genannten Einschränkungen (zumindest teilweise)
beheben. Daher werden aufgrund der eingeschränkten Mobilität Hauslifte, barrierefreie Badezimmer, barrierefreie Küchen,
rutschfeste Böden und Türautomaten nachgefragt werden.

Abbildung 11: Bestand und ungedeckter Bedarf im Bereich altersgerechte und barrierefreie Wohnungen (in Tsd.)

Quelle: Abf Research. (2014).

43
     Vgl. Abf Research. (2014).

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5 Politische Agenda
5.1        Übergangsagenda ‘Langer zelfstandig wonen’
Am 4. Juni 2014 stellte das Rutte-II-Kabinett die ‘Transitieagenda Langer Zelfstandig Wonen’ (Übergangsprogramm länger
selbständig Wohnen) vor, welches das Ziel verfolgt, dass Senioren so lange wie möglich in ihren eigenen Wohnungen wohnen
bleiben.44 Die Kontrolle über das eigene Leben soll, falls notwendig, durch Pflege und Betreuung unterstützt werden.45 Um dieses
Ziel für zukünftige Generationen zu ermöglichen, muss die allgemeine Infrastruktur für Senioren angepasst werden und müssen
Pflegeeinrichtungen, Geschäfte und öffentliche Verkehrsmittel in unmittelbarer Nähe erreichbar sein. Die Regierung fordert ein
Umdenken von Bürgern, Gemeinden, Wohnungsbaugenossenschaften, Pflegeanbieter und Unternehmer und sollen diese zukünftig
neue Rollen einnehmen. Somit müssen Bürger frühzeitig darüber nachdenken, wie sie im Alter aktiv zu Hause leben wollen und
welche Renovierungen dafür notwendig sind. Wohnungsgenossenschaften und Pflegeanbieter müssen im lokalen Kontext das
Wohnungsangebot und die Nachfrage miteinander abstimmen. Unternehmer haben die Aufgabe, Produkte und Dienstleistungen
anzubieten, die auf die Wünsche der Menschen mit Pflege- und Betreuungsbedarf eingehen. Des Weiteren müssen Gemeinden eine
aktive Vermittlerrolle spielen um Innovation und Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten zu stimulieren. Auch die Gemeinden
tragen in Zukunft mehr Verantwortung und haben die Aufgabe je nach Bedarf die richtigen Pflegemaßnahmen in ihren Gemeinden
zu gewährleisten. Der Staat ist letztendlich für die Rahmenbedingungen auf dem Wohnungsmarkt verantwortlich, unterstützt die
regionale Zusammenarbeit und überwachen die Entwicklungen in der Seniorenpflege. 46

5.2        Politische Zielsetzung
Unter den Menschen die länger zuhause leben möchten, steht einem Großteil bereits eine geeignete, barrierefreie Wohnung zur
Verfügung. Da die Anzahl der Senioren über 75 Jahre sich jedoch verdoppeln wird, zählt zukünftig jeder fünfte Haushalt eine Person
im Alter von über 75 Jahren und gibt es dementsprechend großen Bedarf an altersgerechten und barrierefreien Wohnungen.47 Um
dieser zukünftigen Nachfrage gerecht zu werden, werden jährlich 8.700 bis 11.300 altersgerechte Wohnungen benötigt.48 Die
niederländische Regierung will das altersgerechte Wohnungsangebot in folgenden Punkten ausbauen:

      1.    Die Regierung stimuliert Bürger und Wohnungsgenossenschaften um den derzeitigen Gebäudebestand altersgerecht
            umzubauen, z.B. durch den Einbau von Aufzügen, Einbau barrierefreier Badezimmer etc. Wohnungsgenossenschaften und
            Gemeinden können Leistungsvereinbarungen hinsichtlich Wohnen und Pflege treffen wie z.B. die Zahl altersgerechter
            Wohnungen und die Finanzierungsformen.49
      2.    Der Umbau von Pflegeeinrichtung in unabhängige Seniorenwohnungen wird stimuliert. Eine große Anzahl von
            Pflegeeinrichtungen wurde vor 1985 gebaut und entspricht nicht mehr den modernen Ansprüchen. Eine Renovierung dieser
            Pflegeeinrichtung ist nicht rentabel und die Regierung stimuliert zum Verkauf, Abbruch oder zur Vermietung dieser
            veralteten Einrichtungen.
      3.    Die Regierung und lokale Instanzen stimulieren Initiativen der Wohnungsgenossenschaften, Pflegeeinrichtungen und
            Versicherungen hinsichtlich ‘woonzorgzones’. Abhängig vom Pflege- und Kontakt-, und Betreuungsbedarf der Senioren,
            werden kleinere Wohngemeinschaften ermöglicht.

44
   Ministerie van Binnenlandse Zaken en Koninkrijksrelaties (2014).
45
   Ministerie van Binnenlandse Zaken en Koninkrijksrelaties (2014).
46
   Ministerie van Binnenlandse Zaken en Koninkrijksrelaties (2014).
47
   Planbureau voor de Leefomgeving (2014).
48
   ABF Research (2014) .
49
   Ministerie van Binnenlandse Zaken en Koninkrijksrelaties (2014).

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