175 September November 2020 - KUPF OÖ

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№  € 5,50 (AT)

   KUPFzeitung

175
   —
   Kulturplattform
   Oberösterreich

Septemb
Novembe
   DICKICHT

    Relax! Wege zu einer
   ­entspannten ­Kulturverwaltung

   Keine Geld-Maschine

   #WTF Kulturdirektion

   Kahlschlag, Kürzungen, Hinhaltetaktik

2020
   Humus für Neues

   Arbeit statt Almosen

   Licht am Ende des Dschungels?

   Mit Salzburg-Teil

   —                       —
   Nummer 175              kupf.at
   Sept – Nov 2020
Oberösterreich ist ein Bundes-      sondern vor allem auch viele
land mit vielen Besonderheiten.     Kleinigkeiten, Orte und die
Nicht nur viele Tourist*innen       Menschen, die nicht so sehr im
wissen das zu schätzen, sondern     Rampenlicht stehen.
auch die Bevölkerung liebt ihr
Land. Es sind nämlich nicht nur     Wir suchen DAS BESONDERE
die „Postkartenmotive“, die unser   Oberösterreich in IHRER Gemeinde,
Land so einzigartig machen,         an IHREM Wohnort!

                                    www.ooelkg.at
Editorial

Liebe
Abenteurer*innen!
Kulturförderung hier, Corona-Subvention da, Arbeits­       findet sich zudem ein Sammelband, herausgegeben          Verlegerin &
stipendium X, Hilfsfonds Y, Fixkostenzuschuss Z.           vom Neuzugang in der Crip & Mad Kolumne: Eliah Lü-       ­Herausgeberin
                                                                                                                    Kulturplattform
Lockerungsverordnung, Kriterienkatalog, Voraus-            thi wird mit Texten der Unvernunft anregen, Zuschrei-
                                                                                                                    ­Oberösterreich
setzungsketten, Kurzarbeit, Fair-Pay-Schema, Corona-­      bungen zu überdenken (S. 13).                            Untere Donaulände 10/1
Beauftragte*r – ist das schon die neue Normalität oder                                                              4020 Linz
noch die alte Absurdität? Kaum eine*r blickt noch           Als kleines Service-Zuckerl für unsere Leser*innen      Tel. (0732) 79 42 88

durch und trotzdem fehlt es an allen Ecken und En-          warten wir nicht nur mit einem einzelnen Entschei-      kupf@kupf.at
                                                                                                                    → kupf.at
den. Wie also manövriert man Kunst durch das Sub-           dungsbaum, sondern einem ganzen Entscheidungs-
ventionsdickicht? Wer überlebt im Förderdschungel?          wald auf, damit Kulturvereine und -arbeiter*innen       Bürozeiten KUPF OÖ
Wie vereinbar sind Freiheit der Kunst hier – und Kont-      sicher durch die aktuellen Corona-Regelungen und        Montag — Donnerstag
rolle der Verwaltung da? Wieso ist das alles überhaupt     -Hilfsmaßnahmen navigieren können (S. 18 f.). Denn       9.00 Uhr — 12.30 Uhr
                                                                                                                    Dienstag
so und wem bringt das eigentlich etwas?                     geplant ist so einiges für den Herbst (S. 16 f.).
                                                                                                                    9.00 Uhr — 17.00 Uhr

Unsanft setzt uns der aktuelle Leitartikel – ein absur-    Auch der Salzburg-Teil durchschaut verschiedene Sys-     Bürozeiten Redaktion
des Dramolett realer Kommunikationserfahrungen             teme: Stefanie Ruep identifiziert «Kahlschlag, Kürzun-   Dienstag
mit Förderstellen (S. 5) – mitten in das Dickicht dieser   gen, Hinhaltetaktik» als die kulturpolitische Grund-     9.00 Uhr — 17.00 Uhr

Strukturen. Im gesamten Heft geht es darum, Wege           haltung der Salzburg-Stadt-ÖVP (S. 26 f.), das Für und
                                                                                                                    Redaktion
hindurch zu schlagen. So analysiert Florian Walter         Wider von Tourismuskultur / Kulturtourismus disku-       dieser Ausgabe
etwa die immanente Grundspannung zwischen Kul-             tieren Touristikerin Sandra Woglar-Meyer und Autor       Stephan Gasser, ­Tamara
turproduktion und -verwaltung und gibt Impulse             Ben Blaikner (S. 24 f.).                                 Imlinger, Susanne Lipinski   03

zur gegenseitigen Entspannung (S. 6 f.). In der Rub-                                                                (Salzburg), Klemens Pilsl,
                                                                                                                    Katharina S
                                                                                                                              ­ erles, Florian
rik #WTF klärt James Lüpke Funktion und Geschich-           Aus der Fülle der hier versammelten Positionen und
                                                                                                                    Walter, Victoria Windtner
te der Landeskulturdirektion (S. 8 f.), dann sprechen       Zugänge setzt sich am Ende hoffentlich ein geordne-
wir mit der neuen Direktorin und höchsten Kulturbe-         tes Bild davon zusammen, wie Kulturverwaltung und       Leitung KUPFzeitung,
amtin Oberösterreichs, Margot Nazzal, über ihr Rol-        -praxis im besten Fall und trotz ‹neuer Normalitäten›    Inserate

lenverständnis und Verbesserungsmöglichkeiten von           funktionieren könnten, wie die Psychologie des Geld-    Katharina Serles
                                                                                                                    Mitarbeit
Förderprozessen (S. 10 f.). Aliette Dörflinger macht        verteilens und -annehmens funktioniert, welche Ab-
                                                                                                                    Tamara Imlinger
schließlich Verwaltungslogiken aus Sicht der Orga-          hängigkeiten dabei entstehen und welche Verantwor-      Abonnements
nisationsentwicklung und mittels des chaordischen           tung die einzelnen Akteur*innen eingehen.               Gerhard Neulinger
Prinzips nachvollziehbar (S. 12 f.).                                                                                Kontakt
                                                                                                                    zeitung@kupf.at
                                                          Wir wünschen gutes Durchdringen!
Aus der Kulturpraxis führen die Autorinnen Lisa-Vik- Katharina Serles für die Redaktion
toria Niederberger (S. 14 f.) und Corinna Antelmann
(S. 21) durch Absurditäten und Abhängigkeiten des
(Nicht-)Gefördert-Werdens. Zudem meldet sich Ger-
hard Neulinger mit Buchhaltungssystemkritik aus
dem Büro (S. 20) und empfehlen wir die aktuellste
Auflage der ‹Bibel› der KUPF OÖ (S. 30). In dieser Rubrik

Wortspende
« Wer Kultur sagt, sagt auch Verwaltung, ob er will oder nicht. »                                                  Theodor W. Adorno
                                                                                                                    (siehe auch S. 6 f.
                                                                                                                    dieser Ausgabe)
Inhalt

                     verwaltung
               Kulturpolitik                                   Kulturpraxis                                     Kolumnen                                        Salzburg

     — 05 	Kommunikations-                          — 14	Inspirierte Autorin,                       — 11 	Medial: Schau auf                        — 24	Tourismuskultur
            Tango                                          herabschauender                                  dich, schau auf mich!                           ­versus Kultur­
              Ein Verwaltungs-­                            Hund                                               Kommunikations­                                tourismus
              Dramolett in zwei Akten.                       Lisa-Viktoria Nieder-                            kolumne von Barbara                              Ein Pro und Contra von
     — 06 	Relax! Wege zu                                   berger über fütternde                            Eppensteiner.                                    Sandra Woglar-Meyer
           ­einer entspannten                                Hände und den Wunsch                     — 13	Die Kunst der Unver-                               und Ben Blaikner.
            Kulturverwaltung                                 zuzubeißen.                                    nunft: hat ein Vogel ...                  — 26	Stiefkind der ÖVP
              Florian Walter schlägt                 — 18	Licht am Ende des                                  Crip & Mad Kolumne                               Stefanie Ruep analysiert
              fünf Maßnahmen vor.                          Dschungels?                                        von Eliah Lüthi.                                 die Kehrtwende der
     — 08	# WTF Kulturdirektion                             Ein Entscheidungswald                    — 20	Gnackwatsch’n                                      Kulturpolitik in der
               James Lüpke gibt                              zu Corona-Hilfsmaß­                              Zwei-Klassen-Wirtschaft.                         Stadt Salzburg.
              ­Antworten.                                    nahmen.                                  — 20	Was macht ihr                             — 27	Kunstfehler: D
                                                                                                                                                                         ­ er ganz
     — 09	Comic                                     — 20 	Comic                                           ­eigentlich?                                    normale Wahnsinn?
              Von Stephan Gasser.                            Von Stephan Gasser.                            ­Zwischenspeichern                                 Gerhard Dorfi über
     — 10	Keine Geld-Maschine                       — 21	Arbeit statt Almosen                               Bürokolumne von                                  ­Normalität und Ab­
              Die neue Kultur­-                              Corinna Antelmann                                ­Gerhard Neulinger.                               weichung.
              direktorin Margot Nazzal                       ­bespricht eine Alter­                   — 22 	Salon Sozial:
              im Antrittsinterview.                           native zu Ohnmacht                            Das neue Normal                                     Kulturplattform
     — 12	Humus für Neues                                    und Förderdschungel.                          schürft alte Gräben                                 Kulturinitiativen
              Aliette Dörflinger                                                                              Sozialkolumne von
              hilft Förderlogiken                                                                             Maria Dietrich.                         — 16	Termine
              zu ­ergründen.                                                                          — 23	Doppelklick:                                       Wissenswertes von
                                                                                                             Fake-Profile, ein                                 und für KUPF-Mitglieds-
                                                                                                            ­geheimer Fortschritt                              initiativen.
                                                                                                              Netzkolumne von                         — 16	Ausschreibungen
                                                                                                              Anna Goldenberg.                              und Preise
04                                                                                                    — 29	pretty? dirty?                                     Zusammengetragen
                                                                                                            ­Erotische Wirk­lichkeit                           vom KUPFbüro.
                                                                                                              Sexkolumne von                          — 30	Wozu Wozu
                                                                                                              Entdecker*innen.                              ­Wirtschaft?
                                                                                                      — 29	Ex Kabinett: Nisa                                   Der Infoladen Wels hat
                                                                                                               Musikkolumne von                                 Dirk Baeckers Wozu
                                                                                                              ­Tamara Imlinger.                                ­Wirtschaft? gelesen.
                                                                                                      — 29	Widerworte:                               — 30	Empfehlungen
                                                                                                            Linker Widerspruch                                 Die Bibel der KUPF OÖ /
                                                                                                              Emanzenkolumne von                               Einreichprozesse
                                                                                                              Jelena Gučanin.                                  gestalten / Worte_­
                                                                                                                                                               Gebärden_Bilder finden /
                                                                                                                                                               Community Building.

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     Die KUPF OÖ ist die Kulturplattform Oberösterreich. Sie ist die Interessenvertretung und Anlaufstelle für mehr als 160 freie Kunst- und Kulturinitiativen in Oberösterreich. Die KUPF ist eine
     kulturpolitische NGO mit dem klaren Ziel, die Rahmenbedingungen für freie, initiative Kulturarbeit in Oö gemeinsam mit deren Protagonist*innen abzusichern und beständig zu verbessern.
     KUPFvorstand: Thomas Auer (Klangfolger Gallneukirchen), Sigrid Ecker (Freiraum Ottensheim), Eva Falb (KV KomA Ottensheim), Bernhard Forstenlechner (Klangfolger Gallneukirchen),
     Parisa Ghasemi (Linz International Short Film Festival), Christian Haselmayr (Schule des Ungehorsams), Alice Moe (Hosi), Klemens Pilsl (KAPU), Anna Rieder (Youki), Florian Walter
     (KV waschaecht Wels). KUPFgeschäftsführung: Thomas Diesenreiter, Katharina Serles.
Leitartikel

Kommunikations-
Tango
Ein Verwaltungs-Dramolett in zwei Akten.

       Der Verein (hoffnungsvoll, reicht Anfang 2019                          Der Verein (wendet sich mit leerem Blick zum                                          Diese fiktiven Szenen,
e­ inen Förderantrag für eine Veranstaltungsreihe im                       ­Publikum): Es geht um eine Summe von 4.000 EUR.                                         zusammengestellt
                                                                                                                                                                    von Tamara Imlinger
Sommer ein): Bitteschön.
                                                                                                                                                                    und ­Katharina Serles,
       Die Förderstelle (3 Wochen vor Beginn der Reihe):                                                                                                            beruhen auf realen Er-
 Bitte­sehr.                                                                        Die Künstlerin (motiviert, reicht im März 2019                                  fahrungen von Vereinen
       Der Verein (unerschrocken, reicht im März 2020                       ein Förderansuchen für eine Veranstaltung ein):                                         und Künstler*innen und

 erneut einen Antrag ein, aufgrund von Corona wird                          ­Bitteschön.                                                                            ihren Perspektiven.
                                                                                                                                                                    Die Innenschau von
 die Reihe adaptiert): ­Bitteschön.                                                 Die Förderstelle (kurz vor der Veranstaltung):
                                                                                                                                                                    Beamt*innen und Politik
       Die Förderstelle (2 Wochen später): Bitte um                          Für eine Förderung müssen mindestens 3 Termine                                         fehlt. Jede Ähnlichkeit
   ­Stellungnahme: Die Eigenleistungen aus 2019                                  stattfinden.                                                                       mit lebenden Personen
    ­müssen nachgereicht werden.                                                    Die Künstlerin (zieht das Ansuchen zurück):                                     und einschlägigen
                                                                                                                                                                    Institutionen ist
       Der Verein (die Berechnungen prompt liefernd):                        Nein, danke.
                                                                                                                                                                    ­wahrscheinlich zufällig.
  Bitte­schön.                                                                      Die Künstlerin (reicht im Juni 2020 einen neuen
       Die Förderstelle (2 Tage später): Bitte um Stellung­                Antrag für 3 Veranstaltungen ab September ein):
     nahme: Die Adaption muss argumentiert werden.                          ­Bitteschön.
       Der Verein (erklärend): Aufgrund von Corona.                                 Die Förderstelle (schweigt)
       Die Förderstelle (5 Tage später): Bitte um Stellung-                         Die Künstlerin (1 Monat später): Wie ist der Fort-
     nahme zur Betroffenheit vom Veranstaltungsverbot.                           schritt der Förderprüfung?                                                                                      05

       Der Verein (ausführlich Auskunft gebend):                                    Die Förderstelle: Der Prozess verzögert sich auf-
 ­Bitteschön.                                                                    grund eines Personalwechsels.
       Die Förderstelle (schweigt)                                                 Die Förderstelle (10 Tage später): Wir weisen auf
       Der Verein (1 Monat später, bittend, in 3 Monaten                         eine maximale Förderhöhe von 20 % der förderfähigen
  startet die Reihe): Bitte um rasche Information über                       Kosten hin und bitten um einen aktualisierten Fin­
     die Förderwürdigkeit des Projekts.                                          anzierungsplan. Bitte um Stellungnahme, wie der rest-
       Die Förderstelle (schweigt)                                              liche Betrag aufgebracht wird. Bitte um Stellungnahme
       Der Verein (leicht nervös, 10 Tage später):                               zu anderen Förderungen, Kooperations­partner*innen
  Haben Sie unsere Unterlagen erhalten?                                         und Ihren geplanten COVID-19-Maßnahmen.
       Die Förderstelle (5 Tage später): Die Förder­                                Die Künstlerin (prompt, bittend, in 6 Wochen
     entscheidung ist bereits am Genehmigungsweg                               ­startet die Reihe): Kann ich per E-Mail zu Ihren
    und wird Sie voraussichtlich in 1 bis 2 Wochen auf                     ­An­forderungen Stellung nehmen, um den Prozess
     dem Postweg erreichen.                                                      zu beschleunigen? Zusätzlich bitte ich um einen
       Die Förderstelle (13 Tage später): Eine Förderung                        ­persönlichen Termin.
   kann in Aussicht gestellt werden. Bitte um                                       Die Förderstelle (empfängt die Künstlerin Ende
  ­Zusendung eines weiteren Kosten-Updates, sowie                          August): Jetzt erzählen Sie einmal.
    um schriftliche Förderzusagen anderer Förder­                                   Die Künstlerin (legt sich ins Zeug, teilt Vorarbei-
     geber*innen.                                                           ten und Pläne): Ich bitte um Erhöhung der
       Der Verein (1 Monat später, erschöpft): Bitteschön.                    ­Förderung, da die Veranstaltungen sonst nicht
       Die Förderstelle (schweigt)                                               durch­führbar sind.
       Der Verein (verunsichert, 1 Woche später): Ha-                               Die Förderstelle (freundlich): Wir halten Ihr
   ben Sie unsere Unterlagen erhalten?                                       ­Projekt für förderwürdig, haben aber kein Budget.
       Die Förderstelle (schweigt)                                            Eventuell gibt es Geld in einem Digitalisierungs-
       Die Förderstelle (5 Monate nach Antragstellung):                     Topf. Dazu müssen Sie ...
Vielen Dank für die Nachreichung der ausständigen                                   Die Künstlerin (wendet sich mit leerem Blick zum
 Unterlagen. Wir bemühen uns um rasche Erledigung.                          Publikum): Es geht um eine Summe von 3.200 EUR.

Blattlinie Zeitschrift zur Verbreitung von Nachrichten und Meinungen im Bereich der alternativen Kultur, Kulturpolitik und verwandter Themen. Namentlich ­gekennzeichnete Artikel müssen nicht
die Meinung der Redaktion wiedergeben. Die Offenlegung gemäß § 25 MedienG ist ständig unter → kupf.at/impressum abrufbar. Lizenz Die abgedruckten Texte erscheinen (Ausnahmen ausge-
nommen) unter der Creative Commons-Lizenz CC BY 4.0. Die Texte dürfen geteilt und bearbeitet werden, Bedingung ist die Namensnennung. Erscheinungsweise 4× Jahr Auflage 4.000 Stk
Einzelpreis € 5,50 (an ausgewählten Orten kostenlos) Abo € 20,81 (beide inkl. 5 % USt.) Lektorat Andrea Trawöger Gestaltung Michael Reindl Druck BTS Druckkompetenz GmbH Inserat-
formate und Preise → kupf.at/zeitung/175 Redaktions- und Anzeigenschluss 09.10.2020 Erscheinungstermin 26.11.2020 Die KUPFzeitung ist auf 100 % ­Recyclingpapier gedruckt.
verwaltung
     Kulturpolitik

     Relax! Wege zu einer
     entspannten Kultur-
     verwaltung
                                       Wenn Kunst- und Kulturarbeiter*innen, etwa im Zuge von Förder-
                                       anträgen oder Genehmigungsansuchen, auf Beamt*innen treffen,
                                       scheinen Spannungen und ­Konflikte vorprogrammiert. Warum
                                       das so ist und was dagegen hilft? Florian Walter stellt fünf Maß-
                                       nahmen zum Verhältnis von Kultur und Verwaltung zur Debatte.

                                          „Wer Kultur sagt, sagt auch Verwaltung, ob er will oder nicht.“
                                                                                     Theodor W. Adorno

06

     Florian Walter, Politologe,       Während sich die Bürokratie durch Präzision und Möglichkeit, hier Abhilfe zu schaffen. Selbstverständ-
     Kulturarbeiter — u. a. bei        Planbarkeit auszeichnet, steht die Kunst- und Kultur- lich kann dies nicht im Rahmen der bestehenden fi-
     der KUPF-Mitgliedsinitiative
                                       arbeit (KKA) für Innovation, Kreativität und Sponta- nanziellen Möglichkeiten der Kommunen geschehen.
     waschaecht (Wels) — und
     KUPF-Vorstand.
                                       neität. Für den Philosophen und Soziologen Theodor Vielmehr müsste überlegt werden, ob Bezirkshaupt-
                                       Adorno ergibt sich dadurch eine unauflösliche Ambi- mannschaften, Gemeindeämter oder Magistrate hier
                                       valenz: Während Verwaltung der Kultur zwangsweise Aufgaben der Bundes- und Landesverwaltung über-
                                       schade, da sie diese einer Kosten-Nutzen-Abwägung nehmen können, oder ihnen die entsprechenden Mit-
                                       unterwirft, drohe der Kultur ohne die Verwaltung der tel aus Steuereinnahmen des Bundes zur Verfügung
                                       Verlust ihrer gesamten Existenz, da sie so ihre staatli- gestellt werden.
                                       che Legitimation und damit finanzielle Grundlage ver-
                                       liere. Wie kann diesem Spannungsverhältnis begegnet, 2) K    ompetenzen klären: Wer trifft inhaltliche
                                       wie kann es gelockert oder sogar gelöst werden?             ­Entscheidungen?
                                                                                                 Konflikt entsteht vor allem dann, wenn in der Wahr-
     Foto: privat                      1) Bürger*innennähe beweisen: Kulturverwaltung auf       nehmung der Kunst- und Kul­tur­ar­beiter*­innen Förde-
                                           die lokale Ebene verlagern                            rungen oder Aktivitäten durch die Verwaltung verun-
                                       KKA wird in Österreich von der öffentlichen Hand möglicht werden, also die wahrgenommene ‹Macht
                                       finanziell gefördert. Die Abwicklung macht einen der Be­amt*­innen› wirkt. Diese ist durch das Legali-
                                       großen Teil der Verwaltungstätigkeit aus. Mit dem tätsprinzip – Verwaltung darf nur auf Basis von Ge-
                                       Kunstförderungsgesetz des Bundes und den Kultur- setzen stattfinden – zwar theoretisch beschränkt,
     Literatur:                        förderungsgesetzen der Länder existieren rechtliche existiert aber in der Praxis sehr wohl. So können An-
     Theodor W. Adorno: Kultur
                                       Grundlagen jedoch nur auf den oberen Verwaltungs- suchen etwa mit subjektiver Einschätzung (positiv
     und Verwaltung. In: Gesam-
     melte Schriften, Bd. 8: Sozio-
                                       ebenen. Wenn Kommunen künstlerische und kultu- wie negativ) an die politischen Ent­schei­dungs­träger*­
     logische Schriften 1. 3. Aufl.,   relle Aktivitäten finanziell unterstützen, erfolgt dies innen weitergeleitet werden oder einfach kommen-
     Suhrkamp, Frankfurt am Main       im Ermessen der Städte und Gemeinden. Dass Kul- tarlos. Existiert die Wahrnehmung, dass Be­amt*­innen
     1990, S. 122–146.                 turverwaltung damit weit entfernt von den An­trag­ ihre Macht zuungunsten der För­der­wer­ber*­innen ein-
     Eva Kreisky: Bürokratie und
                                       steller*­innen stattfindet, ist schade, da es gerade dann setzen, wird oft der Weg über die Politik gesucht, die
     Politik. Band 1.: Beiträge zur
     Verwaltungskultur in Öster-
                                       eher zu einem Spannungsverhältnis kommt, wenn dann Druck auf die Verwaltung ausübt. Dies entlas-
     reich; Habilitationsschrift,      Verwaltung nicht greifbar ist. Eine Verlagerung der tet das Spannungsverhältnis nicht. Es wäre also ange-
     Universität Wien 1986.            Bürokratie auf die regionale / lokale Ebene wäre eine raten, das Legalitätsprinzip auch in der Praxis stärker
wirken zu lassen. Formale Aspekte sollen von Be­amt*­    nach deren Umsetzung nicht in das tägliche Verwal-
innen geklärt werden, allen inhaltlichen Fragen müs-     tungshandeln eindringt. Kulturleitbilder und Kultur-
sen sich Po­li­ti­ker*­innen stellen. Schließlich können entwicklungspläne können noch so ambitioniert for-
diese abgewählt werden, wenn ihre Entscheidungen         muliert sein – solange sie nicht in Kriterienkataloge
nicht goutiert werden.                                   zur Förderung von KKA gegossen und umgesetzt wer-
                                                         den, bleiben sie wirkungslos. Um Spannungen zu
3) Zugang erleichtern: Diversifizierung des             minimieren, ist eine ‹kluge›, also s­ erviceorientierte
    ­Verwaltungspersonals                                Transparenz notwendig. Wenn beide Seiten, also
Die öffentliche Verwaltung ist in Österreich stark von Kunst- und Kulturarbeiter*innen und Be­amt*­innen,
Ju­rist*­innen dominiert. Auch in den Kulturverwaltun- sich auf Kriterienkataloge beziehen können und die
gen finden sich in Führungspositionen überwiegend Richtlinien für Antragsteller*innen leicht lesbar sind,
Absolvent*innen eines rechtswissenschaftlichen Stu- ist hinsichtlich der Harmonie zwischen den beiden
diums. Das Gendersternchen ist hier nur begrenzt der schon viel erreicht. Wichtig ist darüber hinaus, dass
inhaltlichen Korrektheit geschuldet. Gerade in leiten- die Kriterien flexibel bleiben, dazu braucht es so et-
den Positionen dominieren (wie in allen anderen Be- was wie Kriterienbeiräte, die diese regelmäßig reflek-
reichen des Berufslebens) weiße Männer über 50. Die- tieren und gegebenenfalls aktualisieren.
se fehlende Diversität schlägt sich auf das Verhältnis                                                                                            07

zwischen Beamt*innen und Kulturarbeiter*innen dop- 5) Kulturarbeit professionalisieren: Anliegen fair,
pelt nieder: Sie befördert den aus der Sozialpsycholo-      kompetent und selbstbewusst vortragen
gie schon in den 1970er Jahren beschriebenen ‹in- Kunst- und Kulturarbeiter*innen müssen nicht die
group bias›, also die Bevorzugung jener Menschen, die Verwaltung entlasten. Trotzdem haben auch sie die
als zur ‹eigenen› Gruppe gehörig gedacht werden. Das Möglichkeit, das Verhältnis zu Beamt*innen positiv
Jurist*innenmonopol begünstigt außerdem eine star- zu beeinflussen. Dazu hilft es schon, die Be­amt*­innen
ke Fokussierung auf formale und prozedurale Korrekt- nicht als Verhindernde, sondern als Ermöglichende
heit. Dadurch werden – so die Politikwissenschaftle- zu denken. Die berühmte Idee der Augenhöhe bedeu-
rin Eva Kreisky – genau jene sozialen, ökonomischen tet, sich nicht als Bitt­steller*­in zu sehen und trotzdem
und geschlechtsspezifischen Verhältnisse ausgeblen- einen respektvollen Umgang zu suchen. Dabei hilft
det, unter denen nicht nur die Bürokratie, sondern Klarheit über die eigenen Anliegen: Wer weiß, was
auch künstlerische und kulturelle Arbeit Tag für Tag er / sie braucht, kann selbstbewusst auftreten.
operiert. Ein erster Schritt zur Verbesserung der Situ- Und wer nach erfolgreicher Zusammenarbeit auch zu
ation wären auch in der Verwaltung personelle Ver- den Beamt*innen ganz einfach einmal Danke sagt, hat
änderungen: mehr Frauen*, mehr BIPoC, schlicht ein schon viel zur Lösung von Spannungen beigetragen.
realistisches Abbild unserer Gesellschaft in den rele-
vanten Positionen.                                       Selbstverständlich können die fünf genannten Maß-
                                                         nahmen nicht isoliert voneinander betrachtet werden.
4) Transparenz schaffen: Förderrichtlinien klar und     Eine personelle Diversifizierung würde den positiven
    verständlich darlegen                                Effekt der inhaltlichen Entlastung von Be­amt*­innen
Auf Förderportalen finden sich meist ausführliche auf deren Verhältnis zu den Kul­tur­ar­bei­ter*­innen
Aufstellungen darüber, wer unter welchen Vorausset- noch verstärken. Regionalisierung stärkt die Trans-
                                                                                                                   Lust auf mehr?
zungen förderberechtigt ist, welche Kosten verrechnet parenz von Kriterienkatalogen genauso, wie jene von          Am 15. 9., 17:30 Uhr, ist
werden dürfen und welche formalen Kriterien bei der Förderentscheidungen und Genehmigungen. Und                    Florian Walter im KUPFtalk
Antragstellung eingehalten werden müssen. Weniger eine weitere Professionalisierung aufseiten der Kul­tur­         mit Sigrid Ecker — zu hören
klar ist oft, von wem und nach welchen inhaltlichen ar­bei­ter*­innen erleichtert den Zugang und verringert        in der KUPF Radio Show auf
                                                                                                                   Radio FRO.
Kriterien eine Entscheidung für oder gegen die Be- (gefühlte) Defizite gegenüber den Be­amt*­innen. All
                                                                                                                   Am 8. 10., 18:30 Uhr, ist er
rücksichtigung eines Ansuchens getroffen wird. Das dies können erste Schritte in Richtung der Auflösung            außerdem im Studio 17 mit
liegt oftmals daran, dass diese Kriterien nicht entspre- eines Spannungsverhältnisses sein, das bislang zu un-     Dominika Meindl im MKH
chend formuliert sind, oder, falls doch, der Wunsch nötigen Reibungsverlusten auf allen Seiten führte.             Wels — zu sehen auf dorfTV.
verwaltung
     Kulturpolitik

     #WTF
     Kulturdirektion
                                       Die KUPFredaktion stellt                                      Warum steht die Kulturdirektion OÖ in der Kritik?

                                       Fragen und James Lüpke                                        Seit dem schwarz-blauen Regierungsantritt, ­speziell
                                                                                                     seit Antritt von Kulturlandesreferent LH Thomas
                                       gibt Antworten.                                               Stelzer und seinem Kulturdirektor Reinhold Kräter,
                                                                                                     hat sich die Kulturdirektion stark gewandelt. Interne
                                       Was ist eigentlich eine Kulturdirektion?                      Machtkämpfe, fehlerhafte Administration, Männer-
                                       Im Wesentlichen ist das eine bürokratische Unter-             bündelei und strittige Finanzen haben die Außenwir-
                                       einheit einer Körperschaft, etwa eines Bundeslandes.          kung geprägt. Für die Freie Szene (und auch für die
                                       Heißt anderswo auch Kulturamt, Kulturabteilung oder           Brauchtumskultur) ist die Ära Stelzer vor allem ge-
                                       dergleichen. Die Aufgabe ist zumeist die Verwaltung,          prägt durch starke Förderkürzungen (s. Grafik), immer
                                       Steuerung und Entwicklung der Kulturagenden der               wieder gibt es auch Berichte über die Verschleppung
                                       Körperschaft. Dabei geht es um eigene Einrichtungen,          von Förderanträgen sowie starkes Misstrauen gegen-
                                       wie etwa Landesmuseen, um Personalagenden, um                 über Kunst- und Kulturschaffenden.
                                       Veranstaltungen und nicht zuletzt um das Förderwe-
                                       sen. Als Faustregel gilt: Die Politik bestimmt den Weg,       Wieso musste der bisherige Kulturdirektor Kräter
                                       die Direktion setzt ihn um.                                   gehen?
                                                                                                Stelzer hielt seinem bisherigen Kulturdirektor Kräter
                                       Und was macht ein*e Kulturdirektor*in so?                fünf Jahre lang die Stange – weder die öffentliche noch
                                       Das ist stark abhängig von der Körperschaft und reicht die interne Kritik konnten dem Kulturdirektor etwas
08                                     von blanker Direktionsleitung und Umsetzung politi- anhaben. Erst der unrühmliche Umgang mit der KTM-
                                       scher Vorgaben bis zum Selbstverständnis, «Bindeglied Affäre (#KTMgate) und der medial kolportierte Ver-
                                       zwischen der Stadt und ihren KünstlerInnen zu sein» schleierungsversuch einer millionenschweren Budget-
                                       (Linz). Jedenfalls ist die Kulturdirektor*in die höchst- überschreitung beim Bau des neuen Museumsdepots
                                       rangige Kulturbeamt*in.                                  führten zu Konsequenzen.

     200 %
                                                                                                                                                  Öffentliche
     190 %                                                                                                                                        Einrichtungen:
     180 %                                                                                                                                        +45 % über der
                                                                                                                                                  Inflationsrate
     170 %

     160 %

     150 %
                                                                                                                                        Inflationsrate
     140 %

     130 %

     120 %

     110 %

     100 %
                                                                                                                                                  Zeitgenössische
      90 %                                                                                                                                        Kulturförderug:
      80 %                                                                                                                                        –73 % unter der
                                                                                                                                                  Inflationsrate
      70 %

      60 %

             2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021

                  Im oö. Kulturbudget wird zwischen gebundenen Pflichtausgaben (an öffentliche, landeseigene Einrichtungen) und
                  ­Ermessensausgaben (für zeitgenössische Kultur, Volkskultur u. a.) unterschieden. Seit Jahren steigen die Pflichtausgaben
                  deutlich über der Inflationsrate, während die Ermessensausgaben dramatisch eingebrochen sind.
                  Quelle: Offizielle Budgetzahlen des Landes OÖ. Rechnungsabschlüsse (2001—2003, 2009—2019) und Voranschläge (2004—2008, 2020—2021)
Wie geht’s weiter?
Mit Herbst 2020 startet die Kulturdirektion neu. Ne-        Landesmusikschulen zum Bildungsressort wird wie-
ben einem bürokratischen Umbau im Hintergrund               der angedacht. Aus Sicht der Freien Szene gilt es hin-
gibt es auch eine neue Leitung: Die Juristin Margot         gegen, die Rücknahme der brutalen Budgetkürzungen
Nazzal wird neue Kulturdirektorin. Nazzal verfügt           durchzusetzen, Inflationsanpassungen zu implemen-
über keinen kulturpolitischen Hintergrund, genießt          tieren und ein transparentes, niederschwelliges und
aber Stelzers Vertrauen und ist laut Landespresse-          agiles Förderwesen zu entwickeln. Über allem schwebt
dienst «kulturaffin», sie habe eine «Affinität für tradi-   natürlich derzeit auch das Thema Corona: Wie geht es
tionelles, künstlerisches Handwerk sowie für Reisefo-       weiter mit Veranstaltungen?
tografie und südamerikanische Literatur.» Nazzal gilt
als Diplomatin und Managerin.                               Welche Rolle spielt die KUPF OÖ in dem Ganzen?
                                                            Die KUPF OÖ war zuletzt der sprichwörtliche ‹pain in
Welche Erwartungen an die neue Kulturdirektorin              the ass› der Landeskulturdirektion: Seit Jahren beob-
gibt es?                                                     achtet, analysiert und kommentiert die KUPF OÖ deren
Erwartungen gibt es viele – auch widersprüchliche.          Arbeit und kampagnisiert gegen Förderkürzungen. Sie
Intern gilt es wohl, die Kulturdirektion aus dem Be-        veröffentlicht Budgetzahlen und hat nicht zuletzt den
schuss der Öffentlichkeit sowie des Rechnungshofes          Skandal um die strittigen Kulturförderungen für den
zu nehmen und nach professionellen Maßstäben neu            KTM-Showroom ins Rollen gebracht. Kurz gesagt: Nicht
aufzustellen. Dazu zählt die administrative Stabilisie-      zuletzt wegen der KUPF OÖ musste sich Kulturreferent
rung des Amtes, Klärung des Verhältnisses zur neu ge-       LH Stelzer regelmäßig für seine Kulturpolitik und für                           09

schaffenen Landes-Kultur GmbH, Neuausrichtung der            die Kulturdirektion rechtfertigen. Die Neuaufstellung
Landesausstellungen und Kittung des zerrütteten Ver-         der Kulturdirektion gilt auch als Chance, das Verhält-
hältnisses zu Künstler*innen, Kulturbeirat, Volkskul-        nis zwischen dem Kulturreferenten und der Freien
tur und anderen Playern. Auch eine Überführung der          ­Szene zu verbessern.

                                                                                                                      Stephan Gasser
                                                                                                                      ist freischaffender
                                                                                                                      Künstler in Linz.
verwaltung
     Kulturpolitik

     Keine Geld-Maschine
     Die neue Kulturdirektorin Margot Nazzal im                                                   Themen, die uns bewegen, die Fragen, die sich aus CO-
     ­Antrittsinterview mit der KUPF OÖ.                                                          VID-19 ergeben. Und schließlich befasse ich mich der-
                                                                                                  zeit mit der Umsetzung der jüngsten Prüfberichte und
                                                                                                  dem sich daraus ergebenden Handlungsbedarf.

                                                                                                    Sie sprachen in diesem Zusammenhang davon, die Kul-
     Margot Nazzal ist Juristin,        Katharina Serles: Es besteht eine gewisse Grundspan- turdirektion ‹zukunftsfit› machen zu wollen. Wie sieht
     war zuvor u. a. wissenschaft-       nung zwischen der ordnenden, kontrollierenden Ver- das konkret aus?
     liche Mitarbeiterin an der
                                        waltung und der freien Kunst und Kultur. Kann das Das ist eine Bündelung aus Einzelmaßnahmen: Die
     JKU, Leiterin der Oö. Anti­
     diskriminierungsstelle, Leiterin
                                         überhaupt gut gehen?                                       Aufbau- und Ablauforganisation muss passen, die Pro-
     der Gruppe Außenbeziehungen         Margot Nazzal: Ob Kunst und Kultur nun als Kundin zesse ­müssen gut aufgestellt sein, die Digitalisierung
     und Protokoll, Lehrgangsleiterin    der Verwaltung, als Auftragnehmerin oder Projekt- muss voranschreiten.
     der Führungskräfteakademie          partnerin gedacht wird – es kommt entscheidend auf
     des OÖ Gemeindebundes und
                                         die Kommunikation der Erwartungen und Anforde- Kommt die digitale Antragstellung im nächsten Jahr?
     Stabsmitglied im Landes­
     krisenmanagement. Seit August       rungen an. Es geht darum, eine gemeinsame Spra- Eine fixe Zusage kann ich nicht geben, das wird aber
     2020 ist sie Direktorin der         che zu finden. Insgesamt sehe ich nach 3,5 Wochen eines der Hauptprojekte der nächsten Zeit sein und
     Landeskulturdirektion OÖ.           in meiner neuen Position, dass alle für die Kunst und ist nicht nur aus Kund*innensicht notwendig. Es er-
                                         Kultur in Oberösterreich arbeiten, da ist also eigent- leichtert uns umgekehrt die Arbeit, wenn Formalitä-
                                         lich ein gemeinsamer Grundzug zu spüren, keine ten schneller geklärt sind. Zurückhaltend bin ich aller-
                                         Grundspannung.                                             dings bei automatisierten Bearbeitungen: In den vielen
                                                                                                    Bereichen, in denen wir prüfend tätig sind, braucht es
10                                      Wir bemerken wiederum, dass das Verhältnis zwi- eine differenzierte Betrachtung.
                                         schen Kulturdirektion und Kunst- und Kultur­ar­beiter*­
                                         innen auf beiden Seiten historisch von Misstrauen ge- Ihr Vorgänger hat versprochen, dass die Bearbeitungs­
                                         prägt ist. Was können Sie daran ändern?                    zeit der Förderanträge bei maximal vier Wochen liegen
                                        Wenn Menschen länger in einem System sind, kann soll, die Realität war davon aber weit entfernt. Was ist
     Foto: Land OÖ                       es schon einmal passieren, dass man festgefahrene Ihre Zielvorgabe?
                                         Meinungen über andere hat, wobei man gerade die an Die gibt es nicht. Aus Kund*innensicht ist eine mög-
                                         sich immer wieder selbstkritisch hinterfragen sollte. lichst kurze Bearbeitungsdauer eines der wesentli-
                                         Mein Zugang ist also: offen, unvoreingenommen auf chen Qualitätskriterien, das ist allen hier bewusst. Aus
                                         alle zugehen und das Gespräch suchen und anbieten. unserer Sicht braucht es aber auch ein ausgewogenes
                                                                                                    Verhältnis zur Bearbeitungsqualität. Die Dauer kann je
                                        Sie sind eine junge Frau in einer Position, die h
                                                                                        ­ istorisch nach Komplexität des Projekts schwanken. Für mich
                                        von (alten) Männern besetzt war. Wie begegnet man stehen der Servicegedanke, rasches und effizientes Ar-
                                        Ihnen und was ändert das vielleicht am Rollenbild beiten im Vordergrund.
                                        ‹Kul­turdirektor*in› und an daran geknüpften Hierar-
                                         chien?                                                     Saßen Sie jemals auf der ‹anderen Seite› – waren also
                                        Alle Begegnungen, die ich bisher hatte, waren von Of- Antragstellerin für eine öffentliche Förderung?
                                         fenheit und gespannter Neugier geprägt. Es interes- Ich kenne Verwaltungsabläufe auch aus der Kund*­
                                         siert mich aber, wie sich diese Rolle und das Rollenbild innensicht, aber nicht in jüngerer Zeit.
                                         entwickeln – auch von Kund*innenseite. Das müssen
                                         Sie mir vielleicht in Zukunft sagen ...                    Nie genug Geld an Menschen zu verteilen, die Kunst und
                                                                                                    Kultur nur unter großer Selbstausbeutung schaffen,
                                        Wie haben Sie sich auf die neue Position vorbereitet?       muss auf Dauer frustrieren. Wie gehen Sie damit um?
                                        Wie werden Sie Ihre Rolle auslegen?                         Sparsamkeit war bisher schon gefragt, die Endlos-
                                         Ein noch nicht abgeschlossener Teil meiner Vorberei- Geld-Maschine gibt es nirgends. Jede öffentliche Ver-
                                         tung ist, einen Überblick zu gewinnen über Strukturen, waltung ist an ihre Mittel gebunden. Umso wichti-
                                         Einrichtungen, handelnde Personen, über die Vielfalt ger ist, dass man die Mittel richtig einsetzt. Wenn die
                                         und Buntheit, die das Kulturland Oberösterreich aus- notwendige Unterstützung dort ankommt, wo sie ge-
                                         machen. Durch die Coronakrise geht das etwas langsa- braucht wird – ob nun etwa in Zeit-, Volkskultur, Eh-
                                         mer voran. Auch im eigenen Haus beschäftige ich mich renamt oder Denkmalpflege –, dann ist das eine große
                                         damit, was unsere zentralen Angebote sind, die großen Errungenschaft.
Medial     Kommunikationskolumne von Barbara Eppensteiner

                                                                                     Schau auf dich,
                                                                                     schau auf mich!

Laut den offiziellen Budgetzahlen des Landes gehen          Katharina Serles ist     Auch wenn ihn viele nicht mehr hören können: Es ist
94 % Kulturbudgets in die öffentlichen Einrichtungen,       Leiterin der KUPF-        ein an sich schöner Slogan. Er appelliert an Solidari-
                                                            zeitung und stv.
nur 6 % bleiben für die Förderung. Ist dieses ­Verhältnis                             tät und Eigenverantwortung. Ein bisschen «Liebe dei-
                                                            ­Geschäftsführerin der
für Sie ausgewogen?                                         KUPF OÖ.
                                                                                      ne Nächsten wie dich selbst» steckt drin. Und er taugt
Selbstverständlich bilden sich im Kulturbudget auch                                   nicht zuletzt als Handlungsanweisung zum Verhalten
große Landesinstitutionen ab, wie die OÖ Landes-                                      in Begegnungszonen.
Kultur GmbH, das Brucknerorchester und Landes-                                       Acht Millionen Euro hat die Regierung ausgegeben, um
theater, die Bruckneruni, das Landesmusikschulwerk.                                   ihn großflächig zu plakatieren, im Radio ertönen zu
Das Land OÖ kommt zu 100 % für deren Finanzierung                                    lassen und via TV zu verbreiten. Einen Gesellschafts-
auf und ist somit Arbeitgeber für tausende Kultur-                                   klimawandel hat er trotzdem nicht bewirkt. Dabei war
schaffende. Wir haben Gestaltungswillen für die Ge-                                   im März und April noch viel die Rede von Solidarität
samtheit des Kulturlandes, aber auch eine finanzielle                                und neuem Zusammenhalt. Nachbar*innen, die ein-
Verantwortung.                                                                        ander bis dahin ignoriert hatten, kamen ins Gespräch.
                                                            Foto: Eva Wuerdinger     In vielen Häusern hingen Zettel, die Hilfe im Alltag of-
Laut vielen Studien gehören Kulturarbeiter*innen der                                 ferierten. Doch obwohl das Thema die Medien domi-
Freien Szene zu den schlechtbezahltesten Menschen in                                  nierte, war die Informationslage unbefriedigend und
Österreich. Ist das ein Naturgesetz?                                                  das Bedürfnis nach Austausch und vertrauenswürdi-
Das Thema ‹Fair Pay› ist definitiv auf unserer Agenda.                                gen Nachrichten dementsprechend groß. Der öffent-
In welcher Form das passiert, was von Bundesseite                                    lich-rechtliche Rundfunk schwelgte im Quotenhoch.
gelöst werden kann und wo das Land etwas tun kann,                                   Das, was gesendet, gedruckt und ins Netz gestellt wur-
werden wir sehen. Hier müssen wir jedenfalls weiter-                                  de, war allerdings wenig aufklärend und dementspre-
denken und -arbeiten.                                                                 chend kaum geeignet, den Informationshunger zu                          11

                                                                                      stillen. Ein Verlautbarungsjournalismus ersetzte das
LH Stelzer hat 2,5 Millionen Euro an Corona-Hilfsgel-                                 Seriositätsgebot auch ernstzunehmender Medien. Es
dern für Oberösterreichs Kulturvereine zugesagt. Es                                  wurde unhinterfragt verbreitet, was die Regierenden
gibt dafür allerdings keine explizite, transparente Aus-                              in ihren täglichen Pressekonferenzen von sich gaben.
schreibung. Woran liegt das?                                                         Und da war leider nichts Ermächtigendes dran. Statt-
Dieses Geld ist zweckgewidmet für die Kulturszene                                     dessen dominierte eine Mischung aus Ankündigun-
und wird bedarfsorientiert ausgeschüttet. Wir wollten                                 gen, Anordnungen und oft recht widersprüchlichen
ein breites Bündel aus Maßnahmen, das auf verschie-                                  Verboten. Lieber nicht ins Kino oder ins Theater, mo-
dene Anforderungen eingeht und die Maßnahmen                                          natelang auch ja nicht demonstrieren, aber hochsub-
des Bundes ergänzt. Wo notwendig, gibt es Ausschrei-                                 ventionierte Flugreisen absolvieren. Das demokratie­
bungen, die auch auf der Homepage publiziert sind.                                   ferne Marketing vermittelte: Haltet still und glaubt an
In allen anderen Fällen setzen wir auf persönliche Be-                               uns, dann wird alles gut. Der infantilisierende Baby-
ratung und individuelle Lösungen.                                                     elefant passt hervorragend in dieses Szenario.
                                                                                     Wer an die Kernaufgabe des Journalismus ­erinnerte
Verändert Corona die Kulturverwaltung nachhaltig?                                    und trotzdem kritische Fragen stellte, wurde mit dem
Die Pandemie verändert alles. Im Moment sind Be-                                     – im Wortsinn – Totschlag-Argument vom Feld ge-
gegnungen nicht in der gleichen Form möglich, das                                    jagt, dass Widerspruch Menschenleben gefährde. Die
hat Auswirkungen auf die Verwaltung – Stichwort Di-                                  Artigen hingegen, die wurden mit reichlich Sonder-
gitalisierung, Home-Office, ... Wir müssen also wei-                                 förderungen bedacht. Und so flanieren wir und die
ter dafür sorgen, dass wir immer und unter allen Um-                                 bedauernswerten Elefanten nicht fröhlich in Begeg-
ständen das leisten können, wofür wir auch stehen.                                    nungszonen, sondern irren gemeinsam durch unüber-
                                                                                      sichtliche Schilderwälder. Großzügiges Ausholzen
                                                                                     wäre angesagt. Dann hätte der Aufruf zur Achtsamkeit,
                                                                                      der in «Schau auf dich, schau auf mich!» steckt, viel-
                                                                                     leicht eine Chance, wirksam zu werden.

                                                                                     Barbara Eppensteiner denkt politisch, liebt gute Filme und interes-
                                                                                     sante Texte und setzt sich auch deshalb in ihrer Arbeit für kulturelle
                                                                                     und mediale Partizipation ein. Seit 2005 als Programmintendantin
                                                                                     beim Wiener Community Sender Okto.
                                                                                     → okto.tv
verwaltung
     Kulturpolitik

     Humus für Neues
     Im Gespräch mit Aliette Dörflinger ergründen wir das Verhältnis zwischen Kunst,
     Kultur und Verwaltung und wie Förderinstrumente in dem Bereich funktionieren …
     — oder funktionieren sollten.

     Aliette Dörflinger ist studierte        Katharina Serles: In deinem Modul des KUPF OÖ-Lehr- wir trotz einer Pandemie Wege und Räume für Aus-
     Handelswissenschaftlerin und            gangs für Kunst- und Kulturmanagement hast du tausch finden. Auch das Home-Office kann temporär
     ausgebildete Trainerin / Coach
                                             über das chaordische Prinzip gesprochen. Was ist das? Neues schaffen und andere Freiräume bringen.
     (u. a. Art of Hosting ­Practitioner).
     Sie hat über zehn Jahre in
                                             Aliette Dörflinger: In unserem Leben gibt es unter-
     den Bereichen Kultur- und               schiedliche Zustände: vom Zustand des Chaos, aus Wie passt denn nun das oftmals chaordische Arbeiten
     Kreativwirtschaft, neue Formen          dem wir alle entstanden sind, zum Zustand der Ord- von Kulturinitiativen zum starren, kontrollierenden
     von Unternehmertum, regionale           nung und Kontrolle. Letztere haben wir hineinge- Verwaltungsapparat? Muss sich das nicht jedenfalls
     Entwicklung sowie Innovation
                                             bracht, um als Gesellschaft zusammenzuleben und irgendwo spießen?
     und Entrepreneurship geforscht.
     Sie war als Evaluatorin von             Dinge gestalten zu können. Mit Hilfe des chaordischen Der Knackpunkt ist, dass es in Kulturförderungskon-
     Innovationsprogrammen für               Prinzips wird das Spannungsfeld zwischen diesen Zu- texten um öffentliche Steuergelder geht. Der Staat ist in
     KMUs tätig und hat für den FWF          ständen genutzt – mit der Motivation, zu Innovation der Verantwortung, transparent aufzuzeigen, was mit
     Wissenschaftsfonds ein neues
                                             oder Humus für Neues zu gelangen. Das kann auf Or- diesen Geldern passiert. Es passiert eigentlich eine Um-
     Förderprogramm für transdiszipli-
     näre Forschung implementiert.
                                             ganisations-Ebene sein, weil alte Systeme nicht mehr verteilung. Die Politik entscheidet im Sinne einer Kul-
     Aktuell ist sie als selbst-             funktionieren oder man die Organisation weiterentwi- turstrategie, wie Geld vergeben und etwa zwischen den
     ständige Prozessbegleiterin,            ckeln möchte oder man für einen Prozess neue Ideen großen Institutionen und der Freien Szene aufgeteilt
     Beraterin und Trainerin, u. a. für      braucht.                                              wird. Die Verwaltung muss es dann verteilen, woraus
     ­partizipative ­Stakeholder- und
                                                                                                   sich bei gutem Public Management Qualitätskriterien
12   Veränderungs­prozesse, sowie in
     der Erwachsenen­bildung tätig.
                                             Wie geht man dabei vor?                               und Richtlinien ergeben, die für alle klar kommuniziert,
                                             Charakteristisch für Vereine und NPO-Konstruktionen fair konzipiert und transparent nachvollziehbar sind.
                                             aus dem Bereich Kunst und Kultur sowie kreativwirt-
                                             schaftliche Unternehmen ist, dass diese das Prinzip Entspricht das den Förderwirklichkeiten?
                                             oft wie selbstverständlich anwenden. Dort ist Struk- Leider nicht immer. Je nach Förderorganisation oder
                                             tur verhanden, aber sie nimmt nicht die Überhand, Ebe­ne der Fördervergabe (von der kommunalen zur
                                             um dem ‹Zufall› einen Möglichkeitsraum zu geben. Bun­desebene) ist die Transparenz der Kriterien oder
                                             Wenn es ein Sofa im Büro gibt und man beim Nach- des Vergabeprozesses mehr oder weniger gegeben.
                                             mittagsschlaf auf gute Ideen kommen kann, eine Ge- Manche Personen haben einen Informationsvorsprung
                                             meinschaftsküche für einen leichten Austausch und – der Zugang zu Fördertöpfen wird dadurch erleichtert.
     Foto: Bernadette Reiter                 Orte für Inspiration, dann ist das Chaordische leicht Auch das im Kunst- und Kulturbereich gängige Beiräte-
                                             zu erreichen.                                         System ist oft eher undurchdringlich.

                                             Und was passiert dann?                                   Gibt es Beispiele für Förderinstrumente, bei denen das
                                             Die Strukturen, die man kennt, die historisch gewach- besser funktioniert?
                                             sen sind oder von oben gegeben, können geändert Der österreichische Staat hat zum Beispiel Förderagen-
                                             werden, indem man ins Chaos hineingeht, organi- turen geschaffen – im Bereich der Wissenschafts-, Wirt-
                                             schere Energie hinein- und mehr Kreativität, Sponta- schafts- und Innovationsförderung –, die unabhängig
                                             neität und Intuition zulässt. Ob die Ideen, die dabei von den Ministerien und so weit wie möglich vom poli-
                                             entstehen, tatsächlich umgesetzt werden, ist dann tischen Spiel entkoppelt sind. Das sichert ein gutes Ent-
                                             eine ganz andere Frage. So ein Prozess muss gehostet scheidungsverfahren – und das fehlt teilweise im Be-
                                             werden, damit sich alle Beteiligten gut einbringen und reich der Kunst und Kultur.
                                             alle Ergebnisse gut geerntet werden können.
                                                                                                      Gibt es eigentlich einen Grund dafür, dass das Antrags­
                                             Diese angesprochenen Freiräume sind corona-bedingt prozedere oft so schleppend und behäbig ist?
                                             prekärer geworden, weil Kontakt, Nähe, Austausch Für die Vergabe braucht es immer auch eine gewisse
                                             problematisch, potentiell gefährlich sind. Wirkt sich Vergleichbarkeit der Anträge. Dafür sind etwa Formula-
                                             das auf kreative Prozesse aus?                           re hilfreich. Das ist auch der Grund für sehr spezifische,
                                             Ich denke, dass Menschen soziale Wesen sind, die im- zum Teil einengende Vorgaben – und gar nicht negativ.
                                             mer Begegnungsräume finden, selbst wenn sie zeit- Natürlich kann man als Fördergeber*in andererseits
                                             weise bloß virtuell sind. Ich vertraue also darauf, dass auch auf die Freiheit von Wissenschaft, Innovation,
Die Kunst der Unvernunft     Crip & Mad Kolumne von Eliah Lüthi

                                                                                              hat ein Vogel ...

                                                                                              Die Zeichnung hat ein Vogel von Paul Klee zeigt e­ inen
                                                                                              Kopf mit einem Spalt, in dem ein Vogel verborgen
                                                                                              liegt. Es ist eines von vielen Bildern, in denen sich
                                                                                              Klee von Verwirrungen und ver_rückten Zuständen
                                                                                              inspirieren ließ.
                                                                                              Das Spiel mit Unverständlichkeit, Unvernunft und der
Kunst bauen. Dahinter steckt die Überzeugung, dass                                            Übertretung dessen, was als normal und berechenbar
man Wissenschaftler*innen, Künstler*innen oder                                                 gilt, scheint Kunst zu begleiten. Ein ‹Hauch von Wahn-
Kulturarbeiter*innen nicht eingrenzt, denn dann den-                                           sinn› wird eine Auszeichnung oder gar eine Kunstform
ken und arbeiten sie besser. Es hängt letztlich von der                                        per se – nach dem Motto: «Wir sind anders als die an-
Zielvorgabe ab: Je nach Förderungsziel ist ein formlo-                                         deren. Wir sind ein bisschen verrückt.» Doch gibt es in
ser Antrag oder ein Antrag mit klaren Vorgaben besser.                                         dieser Beziehung von ‹Kunst und Wahn› so etwas, wie
Entscheidend ist die Verhältnismäßigkeit: Braucht es                                          zu ver_rückt zu sein?
so viele Angaben? Wie fließen diese in die Entschei-                                          Die Kunst von Menschen, deren psychiatrische Aufent-
dung ein? Hier sind die Fördergeber*innen gefordert,                                          halte und Diagnosen bekannt sind, gilt bis heute meist
zu überprüfen, ob wirklich notwendige Daten und In-                                           weder als Kunst noch als Arbeit. Der ihnen zugewiese-
formationen abgefragt werden, die nicht bloß zur eige-                                         ne Platz ist ‹sozialer› und nicht ‹kultureller› Art. Kunst-
nen Absicherung dienen.                                                                       werke werden unbezahlt hergestellt in Werkstätten
                                                                                               sogenannter ‹Beschäftigungsmaßnahmen› und ausge-
Bei Antragstellungen, wie wir sie im Kunst- und Kultur-                                        stellt auf Veranstaltungen zur ‹Förderung der psychi-
bereich kennen, muss vor Projektbeginn feststehen, wo-                                         schen Gesundheit›. Es ist nicht Kunst per se, ‹sondern
rauf man hinaus will. Selten ist es möglich zu sagen:                                         Kunst von ... ›, es ist eine ‹Inspiration›, eine ‹gute Tat›,
Gebt mir eine Förderung für die Couch, für den Frei-                                           ein ‹Wohlfahrtsgegenstand›.
raum, und wir schauen, wohin wir damit kommen. Wie                                            So ist es nicht verwunderlich, dass die österreichi-                13

könnte man das denn gewährleisten?                                                             sche Dichterin Christine Lavant nicht wollte, dass
Leider herrscht oft der Glaube: Je strenger die Vorga-                                        ihre Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus zu Lebzeiten
ben, je größer die Kontrolle, je enger der Gestaltungs-                                       veröffentlicht werden. Und auch wenn sich Ingeborg
raum, umso sicherer wird das Ziel erreicht. Aber es                                           Bachmann in ihren Erzählungen und Romanfragmen-
gibt andere Ansätze, zum Beispiel in der Förderung                                             ten intensiv mit (der Gewalt von) Psychiatrie ausein-
der Grundlagenforschung: Bewertet werden wissen-                                               andersetzte, so durften ihre Schriften zu ihren eige-
schaftliche Qualifikation, Idee und Methodenset. Das                                           nen Klinikaufenthalten erst 20 Jahre nach ihrem Tod
Ergebnis ist offen, nicht plan- und trotzdem im Nach-                                         in dem Band Male Oscuro veröffentlicht werden. Die
hinein evaluierbar. Die Rahmenbedingungen sind                                                 eigene Betroffenheit zu verbergen scheint notwendig,
breit, (Denk-)Räume werden aufgemacht. Dieses Prin-                                           um Kunst zu machen, um Literatur zu schreiben und
zip stärker in die Kunst- und Kulturförderung hinein-                                          dabei nicht zu haften für gesellschaftliche Zuschrei-
zubringen, wäre schön. Dann müsste sie nicht nur                                              bungen, welche der eigenen Arbeit anhaften, als Out-
aus Projektförderungen bestehen und diesen Wir-                                                sider-Kunst, als Psychiatrie-, Frauen- oder Migrati-
kungs- bzw. Umsetzungscharakter haben; das ist aber                                            onsroman. Ob Klee selbst psychiatriebetroffen war,
eine strategische, politische Entscheidung. Arbeitssti-                                        ob der Vogel in dem Spalt auf dem Bild sein eigener ist,
pendien, Förderinstrumente mit stärkerem Prozess­                                             ist nicht bekannt.
charakter gehen bereits in diese Richtung.                                                    Ist es der Vogel selbst, der Wahn von Kunst trennt? Ist
                                                                                               es der Mut, ihn fliegen zu lassen statt in Spalten zu ver-
Der Eindruck bleibt, dass die Politik einen strengeren                                        bergen? Oder ist es die Zu_schreibung von außen, die
Blick auf Kunst und Kultur wirft, als etwa auf die Wissen­                                    ‹unsere› Kunst aus dem ver_rückt, was als Kunst gilt?
schaft. Ist Kunst zu gefährlich?
                                                                                              Eliah Lüthi schreibt, performt, dichtet und forscht als Akademie
Kunst ist zu unkontrollierbar und vor allem nicht pro-                                        der Unvernunft und freut sich, auch künftig in dieser Kolumne
 duktiv im neoliberalen Sinn. Der Mehrwert von Kunst                                          einen Raum zu schaffen für ver_rückte Kunst und Kultur, für
und Kultur wird in diesem System nicht ausreichend                                            ­transformative Träume, denen Flügel wachsen dürfen.
                                                                                              → akademie-der-unvernunft.org
wahrgenommen. Sobald die Ressourcen knapp wer-
 den – auf systemischer Ebene geht es ohnehin immer          Lust auf mehr?
                                                             Am 15. 9., 17:30 Uhr, ist
um den Kampf um Ressourcen – hat Kulturpolitik da-
                                                             Aliette Dörflinger im KUPFtalk
her einen schweren Stand. Und das wenige Geld, das           mit Sigrid Ecker — zu hören
 sie verteilen kann, muss in dieser Logik ‹etwas bringen›    in der KUPF Radio Show auf                              Das Logo der Akademie der Unvernunft
– deswegen gibt es Projekt- statt Prozessförderungen.        Radio FRO.                                              zitiert Paul Klees Zeichnung hat ein Vogel
Kulturpraxis

     Inspirierte Autorin,
     herabschauender
     Hund
     Lisa-Viktoria Niederberger über ­Literaturstipendien, wirtschaftliche Sorgen,
     fütternde Hände und den Wunsch zuzubeißen.

     Lisa-Viktoria Niederberger,     Es gibt da einen Tag im Leben von uns eher jüngeren durchaus etablierte Autorin mit vielen Preisen, dass
     geboren 1988, ist Autorin,      und eher mittel- bis unbekannten Schrift­steller*­innen, sie es 8 × nicht bekommen hat und «Irgendwer hat im-
     Kulturarbeiterin und studiert
                                     den wir gleichermaßen herbeisehnen und verab- mer des Bummerl». Dann kommen die Solidaritäts-
     Kulturwissenschaften an der
     Kunstuniversität Linz.
                                     scheuen. Wir, das sind vielleicht hundert Leute. Man bekundungen, die «Ich auch nicht, mach dir nichts
                                     kennt sich über eine, zwei, siebzehn Ecken, war mal draus!». Wir werden immer mehr, es geht das große
                                     gemeinsam bei einer Lesung. Jede*r sitzt in der Re- Rätseln los: wenn wir alle nicht, wer dann? Gibt es
                                     daktion irgendeiner Literaturzeitung und hat jede*n etwa noch Au­tor*­innen außerhalb unserer Bubble?
14                                   schon mal veröffentlicht oder eben nicht. Man hat Und als wir ihre uns unbekannten Namen dann auf
                                     nach fünf Pfeffi am Messestand irgendeines hippen der Homepage des Ministeriums lesen, fragen wir uns:
                                     Berliner Lyriklabels in Leipzig mal geschmust oder Wer sind die? Was haben die, was wir nicht haben?
                                     über die Frage gestritten, ob Schreibschulen wie Hil- Und: Reden sie über Geld? Was bedeutet das für sie,
                                     desheim oder die Angewandte super oder doch schei- dieses Stipendium?
                                     ße sind. Und auch, wenn man sich da oft etwas schräg Ich erzähle eine Geld-Geschichte: Letzten Dezember
     Foto: privat                    beäugt, irgendwie versteht man sich schon. Denn wir hat mir unser Landeshauptmann eine Urkunde in die
                                     wollen ja alle das gleiche. Dass man uns liest. Vorher Hand gedrückt, die besagt, dass ich jetzt bis Ende 2021
                                     noch: dass man uns verlegt. Und noch vorher: dass die Literatur-Talentförderungsprämie des Landes
                                     wir es uns leisten können, zu schreiben. Da kommen Oberösterreich bekomme. Damit ich nicht alles auf
                                     dann die Stipendien ins Spiel. Und eins, auf das haben einmal ausgebe, überweist mir das Land monatlich
                                     wir es alle ganz besonders abgesehen, ist das Startsti- 225 €. Darüber, was das über den ideellen Wert hin-
                                     pendium für Literatur. Denn: Das Startstipendium für ter dieser Zahl aussagt – nämlich den Wert von dem,
                                     Literatur ist heiß begehrt bei uns «unter 35-jährigen was man wohl ‹Nachwuchsliteratur› nennt, möchte
                                     österreichischen Staatsbürger*innen bzw. in Öster- ich nicht nachdenken müssen. Und ich würde niemals
                                     reich Wohnenden, die über maximal eine selbststän- sagen, dass es wenig ist und eigentlich ein Witz, weil
                                     dige Publikation verfügen» (So die Vergaberichtlinien). schon Edmund Burke sagte: «Never bite the hand that
                                     Es zugesprochen bekommen, b    ­ edeutet sechs Monate feeds you.» Oder in meinem Fall: … that pays your Be-
                                     lang 1.300 € vom Bundesministerium für Kunst, Kul- triebskosten 24 Monate lang.
                                     tur, öffentlicher Dienst und Sport. Es bekommen, be- Weil: Kleinstbeträge hin oder her, in den vergange-
                                     deutet ein halbes Jahr schreiben können, ohne sich nen Monaten haben wir auch die wohl alle wieder zu
                                     Sorgen machen zu müssen. Und der Tag, den wir alle schätzen gelernt. Manchmal ist es auch gar nicht not-
                                     gleichzeitig herbeisehnen und ver­abscheuen, ist der wendig, übers Geld-haben oder Geld-nicht-haben zu
                                     Tag des E-Mails.                                         reden, es reicht ein aufmerksamer Blick ins eigene
                                     Als Reaktion auf das E-Mail, das mich grantig, traurig Smartphone.
                                     und mutlos macht, poste ich am 29. Juni dieses Jah- Viel hat sich verändert in meiner Social Media Bubble
                                     res auf Facebook «Gescheiterte Versuche auf ein Start- in den letzten Monaten.
                                     stipendium für Literatur: Vier. Gratuliere von Herzen, Unter meinen Facebook Freund*innen tummeln sich
                                     denen die … » und bekomme dafür 8 Umarmungen, 6 Künstler*innen aller Sparten. Die wenigsten von ih-
                                     Likes, 6 Herzen, eine findets lustig und einer findets nen sind so etabliert oder erfolgreich, dass sie ge-
                                     traurig. In den Kommentaren sagt eine mittlerweile nug Reserven haben, um die Corona-Monate ohne
wirtschaftliche Sorgen zu überstehen. Die Einkom-         Autorin. Ich bin Studentin. Ich arbeite im Kulturbe-
mensquellen Lesung, Konzert, Performance, Theater          reich. Seit März kann ich all diesen Beschäftigungen
sind weggefallen und die Versuche, den Verdienstent-       nicht nachgehen, nicht regulär zumindest. Seit März
gang auszugleichen, sind manchmal skurril und un-         bin ich so viel zuhause wie nie zuvor. Weil bei mir der
erwartet, aber offensichtlich immer notwendig.            Übergang vom Lockdown zur Sommerpause ein sehr
Der DJ ist jetzt Fahrradkurier für eine Lieferdienst-     fließender gewesen ist, kommt Normalität erst im Ok-
App. Innerhalb von einer Stunde radelt er über 30 Ki-      tober. Auch ich mache täglich Yoga, es hilft nicht nur
lometer in der Innenstadt, einen Thermorucksack mit        gegen das Kreuzweh vom vielen Ins-Zoom-Schauen                                          15

heißen Speisen am Rücken. Statt Bildern von seinen         in unergonomischen Haltungen, sondern auch ge-
Set-ups und Ausblicken ins tanzende Publikum teilt         gen diese Blockaden im Kopf. Schwitzen nimmt Angst
er jetzt via GPS-Tracker die Wege, die er beim Essen-     und das Dehnen zieht die Schwere von der Seele. Und
liefern zurücklegt und verschwitzte Feierabend-Sel-        trotzdem würde ich lieber wieder die inspirierte Auto-
fies mit uns. Die Sportfotografin versucht, sich mit       rin statt den herabschauenden Hund machen.
Pärchenfotoshootings ein zweites Standbein aufzu-         Es mag Schriftsteller*innen geben, denen Isolation
bauen, weil sie mit den Absagen der großen Sport­          nichts ausmacht, die sich ihr sogar freiwillig hingeben.
events ihre Haupteinnahmequelle verloren hat. Mein        Ich bin nicht so, ich bin eine Kaffeehausschreiberin,
Lebensgefährte und ich lächeln an einem verregneten        ich mag Bibliotheken und Inputs von außen. Ich glau-
Tag unsicher in die Kamera, damit sie ihr Portfolio er-   be, ich trage gute Geschichten nicht in mir, sondern
weitern kann. Die Frontfrau einer Coverband hat ohne       ich finde sie auf der Straße, hebe sie auf und kümme-
Maturafeiern, Apres-Ski und Zeltfesten ebenfalls eine      re mich dann daheim liebevoll um sie. Dieser Corona-
ihrer Einnahmequellen verloren. Sie erzählt jetzt auf     Mix aus Angst, Geldsorgen, Home-Office, Distance
Instagram viel über Gesichtsreinigung und die tollen      learning und die Reduktion meiner sozialen Kontakte:
Angebote einer Kosmetikfirma, von der ich noch nie        Das ist Gift für meine Kreativität. Blöd nur, wenn mein
gehört habe. Fasziniert schaue ich ihr zu, wie sie Ma-    Kontostand von meiner Kreativität abhängig ist.
ke-up auf eine Erdbeere schmiert und dann mit einem       Ich glaube, wirklich unbeschwert Kunst machen kann
elektrischen Reinigungsgerät wieder entfernt, ohne         nur, wer frei von wirtschaftlicher Sorge ist. Kann nur,
die Frucht zu beschädigen. Vor Corona hat sie es ge-      wer nicht tagsüber einer komplett hirnlosen Lohn-
schafft, hunderte junge Leute im Publikum dazu zu          arbeit nachgehen muss und dann abends eine Stun-
animieren mit ihr White Stripes zu singen, jetzt klingt    de vorm Manuskript sitzen, auf Kommando quasi,
sie, als würde sie schon ewig einen Teleshopping-­         irgendwann zwischen Abendessen und Ins-Bett-Ge-
Kanal moderieren.                                         hen. Wer vom Schreiben leben können will, braucht
Die Burlesquetänzerin hingegen trainiert die letzten       erst genug Geld zum Leben, um Schreiben zu kön-
Monate mehr als zuvor. Sie wird, wenn es die Regeln        nen. Und weil es nie genug Sonderfonds und Stipen-
erlauben, ein fulminantes Comeback feiern. Ich kann        dien und Residencies und was-weiß-ichs geben wird          Lust auf mehr?
                                                                                                                      Am 8. 10., 18:30 Uhr, ist
in meinem Feed quasi zusehen, wie ihre Rückenmus-         – zum Wohle aller, aber eben auch deswegen, weil die
                                                                                                                      Lisa-Viktoria Niederberger
kulatur jeden Tag dickere Stränge bildet, gemeißelt       Kunst- und Kulturproduktion nicht nur Privilegierten        im Studio 17 mit Dominika
wie von einem Bildhauer des römischen Barock. Und         vorbehalten sein darf: bedingungsloses Grundein-            Meindl im MKH Wels — zu
ich verstehe das Bedürfnis nach Bewegung. Ich bin         kommen, bitte.                                              sehen auf dorfTV.
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