Alfred Schultz - ein Hamburger Kaufmann in der Südsee. Globaler Handel, Weltpolitik und Alltag

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Zeitschrift für Weltgeschichte — Interdisziplinäre Perspektiven
     pen                         Jahrgang 21 - Heft 01 - Frühjahr 2020, Peter Lang, Berlin, S. 155–183

Reinhard Wendt

Alfred Schultz – ein Hamburger Kaufmann in der Südsee.
Globaler Handel, Weltpolitik und Alltag

Heinrich Wilhelm Alfred Schultz wurde 1873 in Hamburg geboren und starb
dort 1944. Dazwischen liegt ein Leben in der Südsee. 1895 brach er dorthin auf,
und für 47 Jahre bildeten nun vor allem Tonga und Samoa, aber auch Neusee-
land den Mittelpunkt seines beruflichen und familiären Alltags. Vor dem Ersten
Weltkrieg verdiente er gutes Geld als Manager der „Deutschen Handels- und
Plantagengesellschaft der Südsee-Inseln“, kurz DHPG, und hatte sich auf einer
kleinen Insel in den Tropen komfortabel eingerichtet. Dieser Existenz setzte der
„infernal war“, wie ihn Schultz selber einmal nannte, ein Ende und bescherte
ihm die Internierung in Neuseeland und seinem Arbeitgeber die Liquidation.
Nun verlief sein Leben in weniger glücklichen Bahnen. Eine Rückkehr nach
Deutschland kam für ihn aber nicht in Frage. Er hatte in der Südsee Wurzeln
geschlagen, ohne jedoch die Kontakte zur alten Heimat abreißen zu lassen.
Diese sah er wieder, nachdem er im Zweiten Weltkrieg erneut interniert wurde
und im Austausch mit US-amerikanischen Kriegsgefangenen nach Hamburg
zurückkehrte, wo er kurz darauf nach einem Bombenangriff starb.
   Die Biografie von Schultz lässt sich nur bruchstückhaft und mühsam erschlie-
ßen. Im ersten Teil dieses Artikels versuche ich, sie zu rekonstruieren, soweit das
möglich ist. Die so gewonnene Vita ordne ich im zweiten Teil in den Rahmen
ein, den der Untertitel dieses Beitrags ankündigt: Alfred Schultz, sein Leben
und seine Arbeit werden darin globalgeschichtlich und transkulturell betrachtet.
   Das Leben von Schultz war sicherlich ungewöhnlich, aber nicht spektakulär
oder herausragend. Wie viele andere Hamburger auch arbeitete er als Kauf-
mann fern seines Geburtsortes. Schultz wirkte im globalen Handel der DHPG
mit und trug somit dazu bei, wirtschaftlichen und soziokulturellen Wandel auf
lokaler Ebene in der Südsee wie in Europa zu befördern. Er war Akteur, aber
kein Gestalter. Lediglich seine zweimalige Internierung gibt seinem Leben eine
besondere, tragische Note. Dennoch lohnt es sich meiner Ansicht, seine Biografie
genauer zu beleuchten. Sie ist die einer durchschnittlichen Figur, und sie steht
für ein normales, häufig geführtes Leben eines Händlers in der Südsee, das in
regelhafte Prozesse und Strukturen eingebettet ist.

© 2020 Reinhard Wendt - http://doi.org/10.3726/ZWG0120208 - Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons
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   Was ich über Schultz weiß, speist sich aus ganz unterschiedlichen Quellen.
Zivilstandsregister und Adressbücher gehören dazu, Zeitungsartikel und Passa-
gierlisten, Sitzungs- und Jahresberichte der DHPG, Dokumente der diploma-
tischen Vertretungen des Deutschen Reiches und des Britischen Empire. Am
ausführlichsten aktenkundig wurde Schultz, als ihn neuseeländische und US-
amerikanische Behörden internierten. Als ebenso überraschende wie ertragreiche
Quelle erwies sich der Alsterspiegel, die Vereinszeitung des Hamburger Ruder-
clubs Allemannia, dem Schultz seit seiner Jugendzeit angehörte. Dazu kommen
als Informationsgrundlagen eine Reihe von Fotografien, Gespräche, die ich mit
einer Enkelin und zwei Urenkeln führen konnte, sowie private Unterlagen und
Briefe, die mir aufgrund dieser persönlichen Kontakte zur Verfügung gestellt
wurden. Auf dieser Basis lässt sich die Lebensgeschichte von Schultz in sechs
Stadien nachzeichnen. Sie beginnt mit Kindheit und Jugend in Hamburg und
endet dort mit seinem Tod.

Die Biografie
Elternhaus, Kindheit und Jugend in Hamburg 1873 bis 1895
Heinrich Wilhelm Alfred Schultz kam am 11.7.1873 als Sohn von Gottlieb
Johannes Caesar Schultz und Amalie Luise Böcke zur Welt. Der Vater wurde
1842 geboren und besaß in Hamburg „Heimathberechtigung“. Seit 1865 war er
Bürger der Stadt. Die Mutter stammte aus Aminghausen, einem Ort, der heute
zu Minden in Westfalen gehört.1
   Der Vater arbeitete mindestens seit 1873 als Kaufmann oder Krämer und
handelte mit Kolonialwaren, gelegentlich auch als Gewürz- und Fettwaren
spezifiziert. Seine Firma, über die nichts Näheres bekannt zu sein scheint, lief
offenbar gut, denn sie expandierte bald. Befanden sich Geschäft und Wohnung
ursprünglich nur am Hopfenmarkt 12, kam 1875 mit der Nummer 7 am glei-
chen Ort eine weitere Adresse hinzu. 1883 zog die Familie nach Eimsbüttel in
die Eichenstraße, und zwar zunächst in die Nummer 16 und dann in die 71.
Vielleicht suchte sie mehr Komfort, sicherlich brauchte sie mehr Platz, da 1875
und 1881 Alfreds Geschwister Clara und Richard geboren wurden.2
   Gesellschaftlich scheint die Familie in der Stadt angesehen gewesen zu sein.
Indiz dafür ist, dass Caesar Schultz dem Traditionsruderclub Allemannia eng

1   Staatsarchiv Hamburg (StAH): 332-03/A 157, Geburtsverzeichnis, Nr. 4643/1873 und
    612-1/31, Amt der Kramer, 1258-1866.
2		 Hamburger Adressverzeichnisse 1875, S. II/411, 1883, S. III/327, 1889, S. III/395.
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verbunden war. Er gehörte zu den ältesten Mitgliedern des Vereins und war mit
führenden Persönlichkeiten des Clubs befreundet. Häufig kamen Allemannen
zu Feierlichkeiten in das „gastfreie Haus“ der Familie Schultz. 1891 wurde Alfred
Schultz selber Mitglied des Clubs, in dem man ihn zu einem Racesteuermann
ausbildete. Seine Schwester Clara heiratete 1894 Wilhelm Laub, einen aktiven
Ruderer der Allemannia.3
   Schultz besuchte zunächst eine Grund- und dann bis zu seinem 16. Lebens-
jahr die Höhere Bürgerschule Hamburg-Holstein.4 Nachfahren berichten von
Alkoholproblemen und vom Wunsch der Eltern, den Sohn in die Ferne zu
schicken, um Schaden von der Familie und ihrem Namen abzuwenden.5 Das
mag so gewesen sein, Belege dafür lassen sich allerdings nicht finden. Vielmehr
schlug der junge Mann einen soliden, bei seiner Herkunft naheliegenden Weg
ein. Er ließ sich zum Kaufmann ausbilden bei der DHPG,6 einem Hamburger
Global Player dieser Zeit. Ihr Geld verdiente die Firma vor allem mit Kopra,
dem ölreichen, getrockneten Fleisch der Kokosnuss, dem „weißen Gold“ der
Südsee. Die Produkte, die sich aus Kopra gewinnen ließen, mögen in dem
Kolonialwarenladen des Vaters, in dem Gewürze und Fette offenbar wichtige
Teile des Angebots waren, eine bedeutende Rolle gespielt haben.
   Johann Cesar VII. Godeffroy hatte ihn persönlich angestellt, berichtete Schultz
später seinen Kindern, der Sohn des großen Johann Cesar VI., des „Königs der
Südsee“. Dessen Unternehmen musste 1879 Konkurs anmelden, das lukrative
Geschäft im Pazifik aber wurde in die DHPG überführt. Die Familie Godeffroy
hielt vier Fünftel ihrer Aktien, und Johann Csar VII. wurde Vorsitzender. Schultz’
Leben war nun vorgezeichnet. Unterbrochen von einer einjährigen Militärzeit,
arbeitete er 31 Jahre lang für die DHPG in der Südsee.7

3 Alsterspiegel März 1910, S. 103, Februar 1931, S. 68 und März/April 1941, S. 40.
4		 National Archives and Records Administration USA (NARA) (San Bruno): NAID
    1766412, World War II Intelligence Files, 1941–1945.
5		 Tony Kronfeld: Gustav and Louisa Kronfeld. Unpaginierte Materialsammlung, Auck-
    land Central City Library 1993.
6		 StAH, 332-8, K 6939, Alt-hamburgisches Gebiet, Meldekarten von 1892–1925 der
    Verstorbenen und Verzogenen.
7		 Reinhard Wendt: Importe und Impulse aus der überseeischen Welt. Fremdes wird
    Eigenes, in: Jürgen und Martina Elvert (Hg.): Agenten, Akteure, Abenteurer, Berlin
    2018, S. 339–354, hier S. 339, 347; StAH, 621-1/14, Deutsche Handels- und Plan-
    tagengesellschaft, 1, 12b; Alsterspiegel Februar 1931, S. 68; Brief von Alfred Schultz
    an seine Kinder, Swain’s Island, 1.8.1935 (Sammlung David Parr).
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   Am 21.8.1895 meldete sich Schultz in Hamburg Richtung Samoa ab.8 Damals
war er ein lebensfroher junger Mann mit welligen blonden Haaren und grau-
blauen Augen. Er hatte einen hellen Teint und Wangen, die sich leicht röteten,
wenn er sich für etwas begeisterte oder über etwas aufregte.9

Samoa, Deutsch-Samoa und Tonga 1895 bis 1916
Mittelmeer, Suez-Kanal, Indischer Ozean, Australien, Tonga-Inseln – das werden
einige der Stationen gewesen sein, die Alfred Schultz auf dem Weg zu seinem
neuen Arbeitsplatz passierte. Der lag in Apia, dem bedeutendsten Ort auf der
samoanischen Insel Upolu. Dort lebten Menschen aus den verschiedensten west-
lichen Nationen, aus China und von zahlreichen Inseln der Südsee. Zusammen
mit den Samoanern und einer wachsenden Zahl von Euro-Polynesiern gaben
sie dem Ort ein multikulturelles Gepräge.
   Das Hauptquartier der DHPG in Apia bildete eine Welt für sich. Dort liefen
die Fäden des operativen Geschäfts zusammen, das den gesamten westlichen
Pazifik umfasste. Ein Netz von Stützpunkten galt es zu managen, das kauf-
männische Personal zu leiten, Läden zu betreiben und die Geschäftsbücher zu
führen. Die firmeneigenen Kokosplantagen auf Samoa, die ausgedehntesten, die
es im Land gab, mussten gelenkt werden. Um die Nüsse zu ernten, ihr Fleisch
zu entkernen, es zu zerstückeln und in der Sonne oder in Darren mit künstlicher
Wärme zu Kopra zu trocknen, warb man Kontraktarbeiter an. Waren aus der
westlichen Welt kamen übers Meer nach Apia und wurden in die Agenturen der
Firma auf den anderen Inseln verteilt. Diese lieferten Kopra nach Apia, die mit
der, welche in Samoa erzeugt worden war, und anderen pazifischen Produkten
nach Amerika, Australien und Europa verschifft wurde. Die Landungsbrücke
der DHPG war die einzige in Apia, die auch bei Niedrigwasser von größeren
Booten angelaufen werden konnte. Was ein- und ausgeführt wurde, transportier-
ten Loren auf Schienen von und zu den Lagerhäusern. In Werkstätten konnten
kleinere Küstenschiffe und Lastkarren gebaut und repariert werden. Wohnungen
für die leitenden Angestellten standen zur Verfügung, und eine Krankenstation
kümmerte sich um die medizinische Versorgung der Beschäftigten.10

8  StAH, 332-8, K 6939, Alt-hamburgisches Gebiet, Meldekarten von 1892–1925 der
   Verstorbenen und Verzogenen.
9 Kronfeld, Gustav and Louisa (wie Anm. 5); Alsterspiegel, 1.1.1937, S. 46, 47.
10 Leo Wöhrl: Samoa, Leipzig 1901, S. 9, 10; Auswärtiges Amt: Deutsche Interessen in
   der Südsee, Weißbuch 6, Teil I, Berlin 1885, S. 1, 4, 6, 10; The Cyclopedia of Samoa,
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   Als Schultz in Apia sein Leben in der Südsee begann, waren die Zeiten auf
Samoa politisch unruhig. Verschiedene einheimische Fraktionen rivalisierten
miteinander, und gleichzeitig konkurrierten Großbritannien, das Deutsche Reich
und die USA um wirtschaftlichen und hegemonialen Einfluss. Apia genoss einen
Sonderstatus. Dort waren es die Konsuln der drei westlichen Mächte, die sich be-
mühten, Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten. Großbritannien zog sich 1899
zurück, das Deutsche Reich erklärte den Westen Samoas mit den Inseln Upolu
und Savai’i zu seinem Schutzgebiet, und die USA übernahmen die Kontrolle über
Tutuila im Osten mit dem hervorragenden Hafen Pago Pago. Großbritannien
räumte das Feld, weil ihm das Reich Zugeständnisse gemacht hatte, die andere
Regionen im Pazifik betrafen. So verzichtete es darauf, Ansprüche auf die Tonga-
Inseln geltend zu machen, wo der wirtschaftliche Einfluss deutscher Kaufleute
ebenfalls groß war. Der Archipel wurde daraufhin 1900 britisches Protektorat.11
   Anfang des 20. Jahrhunderts war die DHPG das bedeutendste Handelsunter-
nehmen im westlichen Pazifik. Schultz scheint sich in der Firma schnell einge-
arbeitet zu haben. Er bekleidete den Posten eines Kassierers, den er offenbar zur
Zufriedenheit seiner Vorgesetzten ausübte. Jedenfalls übertrug man ihm 1900
die Leitung der Agentur in Neiafu, dem Hauptort der Vava’u-Inseln im Norden
der Tonga-Gruppe. Tonga war das zweitwichtigste Arbeitsfeld der DHPG und
Neiafu eine von drei zentralen Niederlassungen, die die Firma dort unterhielt.12
   In Neiafu kam Schultz in eine idyllische Umgebung. Die aus Naturmaterialien
errichteten „fales“ der Tonganer sowie die Häuser der Europäer und der lokalen
Elite waren umrahmt von Kokospalmen, Brotfrucht- und Orangenbäumen.
Die ausländischen Händler hatten sich auf einem Abhang oberhalb des Hafens
etabliert, und dort befand sich auch die Agentur der DHPG. Sie nahm ein
ausgedehntes Areal ein, mit Schuppen, Lagerhäusern, dem Laden und einem

   Tonga, Tahiti and the Cook Islands, Sydney 1907, Teil: Cyclopedia of Samoa, S. 82-84;
   Tony Brunt: „To Walk under Palm Trees“. The Germans in Samoa, part II (including
   Tonga), ebook Auckland 2020, S. 5, 12, 16, 23, 166; Wendt: Importe (wie Anm. 7),
   S. 348, 350.
11 Horst Gründer: Geschichte der deutschen Kolonien, Paderborn 62012, S. 103–105;
   vgl. auch Johannes H. Voigt: Tonga und die Deutschen oder: Imperialistische Ge-
   burtshilfe für eine Nation im Pazifik, in: Hermann J. Hiery (Hg.): Die deutsche Südsee
   1884–1914, Paderborn 2001, S. 712-724.
12 Cyclopedia: Cyclopedia Samoa, S. 79 und Cyclopedia Tonga, S. 57; NARA (San Bruno):
   NAID 1766412, World War II Intelligence Files, 1941–1945; Brunt: To Walk (wie
   Anm. 10), S. 210.
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großen Wohngebäude mit geräumiger Veranda für den Manager. Etwas abseits
stand eine Arbeiterunterkunft. Waren konnten an einem Landungssteg am Hafen
entladen oder verfrachtet werden.13
   Seine neue Aufgabe übernahm Schultz in Zeiten kolonialpolitischen Um-
bruchs. Tonga war gerade britisches Protektorat geworden. Doch besonders auf
Vava’u hatten deutsche Händler bislang die Szene dominiert. Nun galt es für
Schultz, sich dort zu behaupten. Er war jetzt Manager, der ein Dutzend Ange-
stellte hatte und sich um fünf bis sechs Außenstationen kümmern musste. Da
die DHPG anders als in Samoa in Vava’u keine eigenen Pflanzungen betreiben
konnte14 und auch kein Pachtland kultivierte, musste sie Kokosnussfleisch oder
Kopra von einheimischen Pflanzern beziehen. Sie bezahlte dafür in Waren oder
in Geld.15 Da kam es für Schultz darauf an, die Preisentwicklung für Kopra auf
dem Weltmarkt im Auge zu behalten, das Verhalten der Konkurrenz zu beob-
achten und entsprechend vor Ort einzukaufen. Um die Läden der Firma mit
den richtigen Waren zu bestücken, musste Schultz wissen, was die Menschen
nachfragten. Vermutlich kommunizierte er nun häufiger in Englisch als in Apia,
und zudem wird es für ihn nötig gewesen sein, sich mit Tonganisch vertraut zu
machen.
   Fotos, die Schultz vor der Agentur in Neiafu im Kreise von Mitarbeitern zei-
gen, vermitteln das Bild eines erfolgreichen Kaufmanns. Die DHPG insgesamt
florierte in jenen Jahren, da die Preise für Kopra, die Ende des 19. Jahrhunderts
ständig gefallen waren, nun wieder stiegen. Schultz ging es gut. Er lebte in der
komfortablen Villa der DHPG. Wenn es Abend wurde, soll er auf der Veranda
Kornett gespielt haben. Um andere Orte und Stationen im Vava’u-Archipel zu
besuchen, stand ihm ein Motorboot zur Verfügung. Dienstpersonal besorgte den
Haushalt, ein Koch kümmerte sich um sein leibliches Wohl, und als er später
verheiratet war, begleitete eine „maid “ seine Frau auf Reisen. Schultz erwarb

13 Bartholomäus von Werner: Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee, Leipzig 21889,
   S. 491; Moritz Schanz: Australien und die Südsee, Berlin 1901, S. 490; Brunt: To
   Walk (wie Anm. 10), S. 16, 211; Adolf Emil Ohle – Leiter einer deutschen Handels-
   niederlassung, in: Wulf Köpke, Bernd Schmelz (Hg.): Blick ins Paradies. Historische
   Fotografien aus Polynesien, S. 299–310, hier S. 308.
14 Näheres dazu weiter unten.
15 Otto Riedel: Der Kampf um Deutsch-Samoa, Berlin 1938, S. 91; Brunt: To Walk
   (wie Anm. 10), S. 16; Kurt Düring: Die Deutschen in Tonga, 1864–1920, maschinen-
   geschriebenes Manuskript Stuttgart 1984, S. 85, 140, 198.
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Grundbesitz und kleinere Immobilien und konnte es sich auch leisten, 1913
mit einer beträchtlichen Summe den Bau eines Bootshauses der Allemannia zu
unterstützen.16
   Was das Private betraf, so ist überliefert, dass Schultz nacheinander Beziehun-
gen zu drei Frauen hatte. Die erste war eine Tonganerin namens Moala. Mit
ihr soll er drei Kinder gehabt haben. Quellenmäßig belegen kann ich nur das
älteste, Alfred Conrad, geboren 1901. Solange er in der Südsee lebte, hielt der
Vater Kontakt mit ihm und unterstützte ihn finanziell.17
   Am 30.4.1904 heiratete Schultz offiziell Anna Bertha Wolfgramm, Tochter
des deutschen Händlers Gustav Wolfgramm und dessen tonganischer Ehefrau
Ilaisaane Kaipa ’Uhi, die aus einer adligen Familie stammte.18 Nach meinem Ein-
druck war sie die Liebe seines Lebens. Auf Fotos sehen wir eine kräftige, attraktive
Frau vor uns. Am 15.6.1905 wurde Tochter Clara geboren und am 1.10.1910
Sohn Wilhelm,19 dessen glückliche Geburt Schultz „hocherfreut“ gemeinsam mit
seiner Frau im Hamburgischen Correspondenten vom 4.10.1910 anzeigte. „In
tiefer Trauer“ dagegen annoncierte er am 6.12.1913 in der deutschsprachigen
Samoanischen Zeitung, dass seine „innigst geliebte Frau“ im Alter von nur 29
Jahren gestorben war. „Bei der Geburt eines Kindes hat sie ihr Leben lassen müssen.“
Anna Bertha wurde auf dem Europäer-Friedhof in Neiafu beerdigt, wo ihr Grab-
stein bis heute zu sehen ist.20

16 Cyclopedia: Cyclopedia of Tonga, S. 57; Brunt, To Walk (wie Anm. 10), S. 18, 211;
   Ohle (wie Anm. 13): S. 308; Düring: Die Deutschen (wie Anm. 15), S. 106, 137,
   138; Kronfeld: Gustav and Louisa (wie Anm. 5); Kurt Düring (Hg.): „South Sea
   Reminiscences“. Emma Schober in the Kingdom of Tonga, Nuku’alofa 1997, S. 11; Ar-
   chives New Zealand Wellington (ANZW): AAAB, W291, 482, Box 7 (Schultz, HWA);
   Alsterspiegel: Februar 1931, S. 67; Auckland Star: 10.10.1904, S. 4; New Zealand
   Herald: 18.10.1906 und 13.12.1906.
17 Anzw: AAAC 489, Box 56, AL 5215 (Schultz, Alfred); Schreiben von Alfred Schultz
   an seine Tochter Clara, Apia, 4.7.1933 (Privatarchiv David Parr).
18 Freundliche Mitteilung von Robert Wolfgramm, Melbourne.
19 Certificate of Marriage (Privatarchiv David Parr); Foto von Anna Bertha Wolfgramm, https://
   wolfgrammandsanft.myevent.com/popup.php? contentID=photo_popup&imageID=
   4292934&windowH=433&windoW=730 (Zugriff: 28.3.2020); Herman John
   Schmidt: Foto von Mrs. Schultz 1913, Auckland Libraries, Sir George Grey Special Col-
   lections, 31-74419; Anzw: AAAC 959, Box 4 und 7 (card index to alien registration).
20 Vgl. Reinhard Wendt: Deutsche Gräber auf dem europäischen Friedhof in Neiafu,
   Vava’u, TongaInseln, in: Saeculum 64, 2014, S. 91–107.
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   Nach Annas Tod ging Schultz 1915 eine zweite Ehe mit einer Frau ein, die
einen vergleichbaren soziokulturellen Hintergrund hatte, nämlich mit der
Deutsch-Tonganerin Minna Mathilde Sanft, Tochter des deutschen Kaufmanns
Friedrich Wilhelm Sanft und dessen Ehefrau Fifita Haliote Afu aus einer ein-
flussreichen Familie Vava’us. Mit Minna hatte Schultz eine Tochter, Ruby, die im
April 1916 zur Welt kam.21 Die Ehe verlief, soweit sich das aus den vorliegenden
Quellen herauslesen lässt, weniger glücklich als die mit Anna, wie weiter unten
noch deutlich werden wird. Das mag auch damit zu tun haben, dass Schultz
schon kurz nach Rubys Geburt als „enemy alien“ verhaftet, von seiner Familie
getrennt und in Neuseeland interniert wurde.
   Seine beiden Ehen dürften für Schultz vorteilhaft gewesen sein. Sie verbanden
ihn mit dem WolfgrammSanft-Clan, von dem später noch die Rede sein wird.
Er hatte deutsche Wurzeln, war aber auch in der lokalen tonganischen Elite
verankert. Gustav Wolfgramm, Friedrich Wilhelm Sanft und andere aus diesem
Clan waren zwar selbstständige Kaufleute, doch bestand ein mehr oder weniger
stark ausgeprägtes wirtschaftliches Abhängigkeitsverhältnis zur DHPG, die als
global tätiges Handelsunternehmen einflussreichster ökonomischer Akteur in
Vava’u war. Die DHPG hatte Verbindungen, über die die Wolfgramms und
Sanfts nicht verfügten. Sie werden sie genutzt und vielleicht sogar gebraucht
haben, um Waren zu beziehen, die sie in ihren Läden anboten, oder Inselpro-
dukte abzusetzen. Da sie in tonganische Familien eingeheiratet hatten, konnten
sie zwar das Verbot umgehen, Land zu erwerben und Kokosnusspflanzungen
anzulegen, doch werden sie auch auf die DHPG zurückgegriffen haben, um ihr
Kopra zu vermarkten. Andererseits dürften ihre guten Kontakte in die örtliche
Gesellschaft aber auch für Schultz und die DHPG nützlich gewesen sein, so dass
beide Seiten von guten Beziehungen profitierten.
   1910 reiste Schultz das einzige Mal während seines Lebens in der Südsee
nach Deutschland. Dabei umrundete er die Welt. Auf dem Hinweg wählte er
eine Route über Nordamerika, zurück reiste er von London über Sydney und
Auckland nach Neiafu. Dort traf er Ende Dezember ein, sechs Monate nach-
dem er aufgebrochen war. Für die Schiffspassagen hatte er erste Klasse oder
Salon gebucht, war also komfortabel unterwegs. Auch in Deutschland ließ ihn
die Südsee nicht los. Er traf seinen alten Chef, Johann Cesar Godeffroy VII.,
und reiste mit Samuel, dem Sohn seines Geschäftspartners Gustav Kronfeld,

21 Anzw: AAAC, 489, Box 28 (card index to alien registration); Pacific Islands Monthly:
   1.3.1983, S. 73.
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zur Weltausstellung nach Brüssel. Mit Fritz Wolfgramm, einem Vetter seines
Schwiegervaters, traf er in Berlin Samuels Bruder Gustav, der an der Technischen
Universität studierte. Gemeinsam mit Fritz Wolfgramm schiffte er sich auch zur
Rückreise ein.22
   Für deutsche „Expats“ in Vava’u wie Schultz und seine Familie bildete Auck-
land einen wichtigen Bezugspunkt. Dort machte man Geschäfte, nutzte das
Bildungsangebot oder nahm medizinische Dienste in Anspruch. Anna Schultz
war im Juni 1910 nach Auckland gereist, um dort ihr Kind zur Welt zu bringen.23
Schwiegervater Gustav hatte Anna und ihre Brüder auf weiterführende westliche
Schulen in Auckland geschickt.24 Die größte Stadt Neuseelands eignete sich
aber sicher auch, um einfach nur eine Auszeit vom Alltag in Neiafu zu nehmen.

Internierung in Neuseeland 1916 bis 1920
Als der Erste Weltkrieg ausbrach, erklärte der tonganische König Tupou II. seine
Loyalität zum Empire. Er bestätigte die guten Beziehungen zu Großbritannien,
versuchte aber ansonsten, eine neutrale Position einzunehmen. Für die Briten war
das nicht akzeptabel, und Tupou II. musste Anfang 1915 ausdrücklich betonen,
dass er keine Neutralitätserklärung abgeben werde. Er untersagte den Handel
mit Ländern, gegen die das Empire Krieg führte, und mit Firmen und Personen,
die aus diesen Ländern stammten. Anfang April 1916 wurde die DHPG liqui-
diert, und ihre leitenden Angestellten aus Samoa und Tonga wurden interniert.
Schultz setzte man am 8. Juni 1916 fest und überstellte ihn nach Neuseeland.25
   Ziel dieser Maßnahme war es wohl weniger, Gefahr vom Empire abzuwenden,
als sich vielmehr unliebsamer wirtschaftlicher Konkurrenz zu entledigen. Gegen
Schultz wurde im Wesentlichen nichts anderes vorgebracht, als dass er Manager
der DHPG war. Man warf ihm zwar auch vor, er sei dem Alkohol nicht abgeneigt,

22 Familysearch.org: Vermont, St. Albans Canadian Border Crossings 1895-1954; NARA
   (San Bruno): NAID 1766412, World War II Intelligence Files, 1941-1945; ancestry.
   com: New South Wales, Unassisted Immigrant Passenger Lists, 1826-1922; Auckland
   Star: 5.12.1910, S. 5; Anmerkungen zu einem Artikel in der „Hamburger Illustrierten“
   vom 26.2.1935, die Schultz für seine Kinder übersetzte (Sammlung David Parr); Brief
   von Alfred Schultz an seine Tochter Clara, Vava’u 25.9.1925 (Privatarchiv David Parr).
23 Auckland Star: 15.6.1910.
24 Kirsten Liava’a: My Ka’inga. The Wolfgramm Family of Tonga, Universitäts-Hausarbeit,
   o.O, o.D., S. 52 (Privatarchiv des Autors).
25 Düring: Die Deutschen (wie Anm. 15), S. 143, 144, 146, 147, 157; ANZW: AAAB
   W291 482 Box 7 (Schultz, HWA).
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anti-britisch gesonnen, unbeherrscht und skrupellos, doch das sollte ihn wohl
generell diskreditieren. Die Behörden waren verärgert, dass er anscheinend ver-
sucht hatte, Lagerbestände an Freunde und Bekannte zu verteilen und so dem
Liquidationsverfahren zu entziehen.26
   Als Kriegsgefangener Nr. 81 verbrachte Schultz die nächsten Jahre in verschie-
denen Lagern, die längste Zeit auf Motuihe, einer kleinen Insel im Hauraki Golf
unweit von Auckland. Dieses Camp war für privilegierte Häftlinge bestimmt.
Seine Kollegen aus der DHPG und der letzte Gouverneur von DeutschSamoa,
Erich Schultz-Ewerth, teilten dort sein Schicksal ebenso wie Gustav Kronfeld.
Dieser hatte bis 1890 bei der DHPG gearbeitet und sich dann in Auckland
selbstständig gemacht. Seine Firma verfolgte regional und strukturell ein sehr
ähnliches Geschäftsmodell wie die DHPG und arbeitete eng mit ihr zusammen,
weshalb man Kronfeld Handel mit dem Feind vorwarf.27
   Schultz beschrieb Motuihe als „perhaps one of the finest prisoner-of-war-
camps“,28 auch wenn es von Stacheldraht umzäunt war. Die Internierten durften
im Meer schwimmen und auf der Insel spazieren gehen. Sie konnten Gymnastik
machen, Tennis, Volley- und Faustball spielen. Die Häftlinge kultivierten einen
Gemüsegarten, und Hühner lieferten ihnen täglich frische Eier. Überhaupt
wurden sie gut verpflegt, denn Schultz nahm 25 Pfund zu. Das führte er auf den
Genuss der „Motuihe mutton chops & legs etc etc“ zurück.29 Auch im Lager achtete
er darauf, elegant und gepflegt auszusehen, mindestens wenn ein Fotograf in der
Nähe war. So ließ er sich einmal in Anzug und weißem Hemd mit Stehkragen
und Weste ablichten. Er hatte eine schicke weiße Schiebermütze auf, stützte seine
Hand auf einen Gehstock, und die Schuhe waren schwarz und blank geputzt.30
   Schultz fühlte sich auf Motuihe ordentlich behandelt. Trotz allem aber war
er Kriegsgefangener. „… Life with its monotony there in the same surroundings,

26 ANZW: AAAB W291 482 Box 7 (Schultz, HWA) und IT1 346 (Liquidation of German
   Firms in Tonga).
27 Siehe dazu Reinhard Wendt: Die Internierung des Gustav Kronfeld in Neuseeland,
   in: Bärbel Kuhn, Astrid Windus (Hg.): Der Erste Weltkrieg im Geschichtsunterricht,
   St. Ingbert 2014, S. 83–104.
28 Alfred Schultz: Album (Tui Parr Collection), S. 32; Schultz stellte dieses Album für
   seine Tochter Clara zusammen. Fotos und Bildunterschriften geben Einblick in das
   Lagerleben, wie Schultz es sah.
29 Schultz: Album (wie Anm. 28), S. 6, 9, 32, 38.
30 Ebd., S. 1.
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same faces, same everything every day without wife and children gets on your nerves
and you commence to suffer mentally after you have been inside camp for a year or
two or four …“.31
   Die Internierung bedeutete für Schultz einen tiefen Einschnitt in seinem
Leben. Noch 1935 schrieb er an seine Kinder, dass er weiterhin für die „great
firm“ arbeiten würde, „had the infernal war been spared to the world“.32 Anderer-
seits wollte er nicht nach Deutschland repatriiert werden und auch keine Stelle
bei der Firma annehmen, die Nachfolgerin der DHPG wurde, wie es einige seiner
Kollegen taten.33 Er kämpfte vielmehr darum, wieder mit Frau und Kindern in
Vava’u leben zu können. Die neuseeländischen und auch die tonganischen Be-
hörden wollten ihn nach Deutschland repatriieren. Das lehnte er als „disastrous
for my family and myself“ ab. „I cannot imagine“, schrieb er am 3.12.1919 an den
tonganischen Premier, „that after being a resident for nearly 25 years in the South
Sea Islands …, where I have an islandborn family and where I found after a long
struggle a second home, such a cruel and injust action can be taken against me.“ Wie
andere „full blooded Germans“, die einheimische Familien auf den Inseln hatten,
durfte er schließlich im März 1920 nach Tonga zurückkehren.34

Tonga, Western Samoa und Amerikanisch Samoa 1920 bis 1941
Die Voraussetzungen, um in Neiafu beruflich wieder neu anzufangen, waren
nicht schlecht. Schultz verfügte über eine kleine Pflanzung, ein Haus und einen
Laden, deren Wert sich auf 1.500 £ belaufen haben soll.35 Außerdem hatte er
Erfahrungen und Verbindungen im Koprageschäft und besaß gute Kontakte zu
anderen ehemaligen DHPG-Beschäftigten. Und schließlich war er eingebunden
in das Netz der deutsch-toganischen Verwandten und Geschäftsfreunde.

31 NARA (San Bruno): NAID 1766412 (World War II Intelligence Files, 1941–1945).
32 Brief von Alfred Schultz an seine Kinder, Swain’s Island, 1.8.1935 (Sammlung David
   Parr).
33 Als Nachfolgerin der DHPG etablierte sich in Hamburg die „Deutsche Handels- und
   Landbau AG“. Das Pazifikgeschäft konnte sie nicht weiterführen, aber sie war erfolgreich
   in Niederländisch-Indien tätig und unterhielt weitere Niederlassungen in Mombasa
   (Kenia) und Lagos (Nigeria) (Brunt: To Walk under Palm Trees II, S. 36).
34 ANZW: AAAB W291 482 Box 7 (Schultz, HWA) und 449, Box 2 (Enemy Aliens);
   Archives New Zealand Auckland (ANZA): ACIO 8719 AD-AS I 20/24 (Repa-
   triation of POW’s).
35 ANZW: AAAB W291 482 Box 7 (Schultz, HWA); Kronfeld: Gustav and Louisa (wie
   Anm. 5); Düring: South Sea Reminiscences (wie Anm. 16), S. 11.
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   Dennoch war das sorgenfreie Leben der Vorkriegsjahre vorbei. Schultz hatte
seinen privilegierten Status verloren und finanzielle Einbußen erlitten. Gegenüber
der deutschen Regierung machte er geltend, etwa 25.000 $ verloren zu haben,
für die er nun entschädigt werden wollte. Tatsächlich erhielt er 1923 und 1928
insgesamt 5.000 $. Weitere Ansprüche in Höhe von 3.700 £ wurden zwar auf
Grundlage des „Kriegsschädenschlussgesetzes“ anerkannt, die Regierung sah sich
aber außerstande, sie auszuzahlen.36
   Außerdem hatte sich das gesellschaftliche Klima auf den Inseln gewandelt.
Händler wie Fritz Wolfgramm waren zwar nicht interniert worden, doch die
Regierung löste ihre Firmen auf und belegte sie mit Ausgangssperren. Briten
übernahmen die deutschen und deutsch-tonganischen Geschäfte, offiziell ledig-
lich kommissarisch, aus ihrer Sicht aber auf Dauer. Sie waren aufgebracht, als
die früheren Besitzer wieder restituiert wurden.37
   Die „goldene Ära“38 war dennoch vorbei, und politisch und gesellschaftlich
herrschte ein angespanntes Verhältnis zu den Briten. Gleichzeitig verschlechterten
sich die Kopra-Preise auf dem Weltmarkt wieder. 39 Belastend war ferner, dass
die Firmen an zahlreiche Kinder vererbt und aufgeteilt werden mussten, wenn
die Väter starben. Viele deutsch-tonganische Kinder der zweiten Generation
waren zudem in Neuseeland zur Schule gegangen, doch für gut ausgebildete
junge Leute gab es kaum berufliche Perspektiven auf den Inseln. Schließlich war
ihr staatsrechtlicher Status ungeklärt. Einen tonganischen Pass konnten „half“
und „quarter castes“ nicht erhalten, und ob sie als Deutsche gelten konnten, war
fraglich. Viele entschieden sich, bessere Chancen in Neuseeland zu suchen, so wie
es auch ihre Väter mit dem Weg von Deutschland nach Tonga getan hatten.40

36 Briefe von Alfred Schultz an seine Tochter Clara, Ha’akio 2.5.1928, und an den
   Rechtsanwalt Dr. Bitter, Apia, 17.2.1933, (Privatarchiv David Parr); NARA (San Bruno):
   NAID 1766412 (World War II Intelligence Files, 1941–1945).
37 Christine Liava’a: Enemy Aliens in Tonga, May 1916, Auckland 2005; Düring, Die
   Deutschen (wie Anm. 15), S. 146, 147, 167; Wendt, Internierung (wie Anm. 27),
   S. 85, 86, 101.
38 Tony Muller: From Prussia to the Pacific. The Guttenbeil Family of Tonga, Auckland
   2013, S. 49.
39 Clara B. Wilpert: Südsee. Inseln, Völker und Kulturen. Hamburg 1987, S. 25.
40 Reinhard Wendt: Deutschsein in der Südsee, in: Themenportal Europäische Geschichte
   (2013), https://www.europa.clio-online.de/essay/id/fdae-1600?title=deutschsein-in-der-
   suedsee-berichte-desschweizerischen-konsuls-in-neuseeland-ueber-internierte-aus-vava-
   u-tonga-inseln-waehrend-des-zweitenweltkriegs (Zugriff 1.12.2020); Reinhard Wendt:
ZWG-01-2020                         Reinhard Wendt: Globaler Handel, Weltpolitik und Alltag | 167

   Als Schultz nach Vava’u zurückkehrte, griff ihm zunächst Fritz Wolfgramm
unter die Arme, der ihn für einige Jahre als Manager anstellte.41 Dann musste er
vermutlich auf eigenen Füßen stehen. Mit seinem Besitz, den Entschädigungen
und seiner Kompetenz im Koprageschäft und in der Buchhaltung mag das Aus-
kommen der Familie gesichert gewesen sein. Dennoch kann man annehmen,
dass die ökonomische Situation angespannt war. Das belastete die Ehe von
Alfred und Minna Schultz. Nach und nach siedelten die Kinder nach Neusee-
land über. Clara, die zudem mit ihrer Stiefmutter nicht gut zurechtkam, war
1921 die Erste. Der Vater brachte sie im Haus von Gustav Kronfeld unter. Dort
kam sie Samuel näher, den sie 1925 heiratete.42 William folgte seiner Schwester
1922. Er besuchte eine Grammar School, und die Kosten wurden aus Mitteln
bestritten, die sein Großvater Gustav seiner Tochter Anna und ihren Kindern
vermacht hatte. Auch Clara dürfte von diesem finanziellen Polster profitiert
haben. Schließlich zogen 1925 auch Minna und Ruby nach Neuseeland. Schultz
blieb allein auf Tonga zurück. 1926 und 1927 besuchte er seine Familie zwei
Mal für jeweils ein paar Tage.43
   Er schlug sich durch, sorgte finanziell für die Familie und führte ein bescheide-
nes Leben. 1928 hatte er in Ha’akio Unterkunft gefunden, ein Stück nordöstlich
von Neiafu. Dort hatte die DHPG früher eine Filiale unterhalten, die Schultz
im Mai 1916 pachtete. Da er aber zumindest während seiner Internierung keine
Gebühren gezahlt hatte, sind die Besitzverhältnisse unklar. Er wohnte in dem
Haus, das auch den „store“ beherbergte, einen Laden, um den er sich vermutlich
kümmerte. Zwar war er in „a horrible financial position“ und fühlte sich einsam,
dennoch ging es ihm im Grunde gut. Er lebte alleine und kochte selber für sich,

     German Pacific Islanders – Eine ferne Diaspora und ihre Erinnerung an Deutschland,
     in: Werner Daum u.a. (Hg.): Politische Bewegung und symbolische Ordnung, Bonn
     2014, S. 145–165, hier S. 149–151; Liava’a: My Ka’inga (wie Anm. 24), S. 51, 52.
41   NARA (San Bruno): NAID 1766412 (World War II Intelligence Files, 1941–1945).
42   Freundliche Mitteilung von David Parr.
43   ANZA III AFIV A 217 13812, Box 3 (Schultz, William); State Archives New South
     Wales: Intestate Estate Case Papers, 000439, [10/27860), ID 19877; ANZW: AAAC
     489 Box 28 (Schultz, Minna Mathilde); familysearch.org: New Zealand, Archives New
     Zealand, Passenger Lists, 1839–1973.
44   NARA (San Bruno): NAID 1766412 (World War II Intelligence Files, 1941–1945);
     Brief von Alfred Schultz an seine Tochter Clara, Ha’akio 2.5.1928 (Privatarchiv David
     Parr); ANZW: AAAB W291 482 Box 7 (Schultz, HWA).
168 | Reinhard Wendt: Globaler Handel, Weltpolitik und Alltag               ZWG-01-2020

„which means I make tins hot and boil potatoes and coffee“. Das war, wie er es
nannte, „real old bachelor’s style“.44
   Seine finanzielle Lage wird der Grund gewesen sein, warum Schultz im
Sommer 1928 nach Western Samoa übersiedelte, in die ehemalige deutsche
Kolonie, in der seine Laufbahn in der Südsee begonnen hatte und die nun von
Neuseeland aus verwaltet wurde. 1929 reiste er ein letztes Mal nach Auckland,
um seine Familie zu besuchen. Kurz darauf nahm er in Samoa eine Stelle als
Trader für die Firma Nelson & Co. an. Clara und Samuel waren mit der Nelson-
Familie befreundet. Dass Nelson Schultz anstellte, mag er dieser Verbindung zu
verdanken gehabt haben oder auch eigenen Kontakten zu Nelson. Olaf Frederick
Nelson war schwedisch-samoanischer Abstammung und hatte zwischen 1896
und 1900 in Apia bei der DHPG das Kaufmannsgeschäft erlernt, bevor er in
die Firma seines Vaters eintrat und sie schließlich übernahm. Er wurde nicht nur
zu einem der reichsten und einflussreichsten Männer Samoas, sondern auch zu
einem der prominentesten Kritiker der neuseeländischen Kolonialverwaltung,
von der er sich – anders als von der deutschen – diskriminiert fühlte.45
   Bis 1932 arbeitete Schultz für Nelson & Co. in Palauli auf Savai’i. Dann ließ
er sich wieder in Apia nieder. Dort lebte er in einem Boardinghouse. Es ging
ihm nicht gut, da es schwer war, eine Beschäftigung zu finden. Bis 1934 war er
arbeits- und deshalb möglicherweise auch ziemlich mittellos. 46 Dann bezog er
den vermutlich isoliertesten Posten seiner Karriere: er ging nach Swains Island,
einem entlegenen Atoll zwischen Samoa und Tokelau.
   Swains Island war Privatbesitz der Nachfahren von Eli Hutchinson Jennings
und seiner samoanischen Frau, die sie 1925 unter die politische Kontrolle der
USA gestellt hatten. Die Familie Jennings kultivierte auf dem Atoll Kokosnuss-
palmen. Schultz wurde „plantation manager“.47 Die Jennings und die Kronfelds

45 Ein Schreiben von Alfred Schultz an Dr. Bittner in Berlin aus Apia datierte vom
   22.10.1928; Brief an seine Tochter Clara, Apia, 4.7.1933 (Privatarchiv David Parr);
   ANZW: AAAC 489 Box 9 AL 1367 (Kronfeld, Samuel Tonga) und 959 Box 4 (Card
   index to alien registrations); NARA (San Bruno): NAID 1766412 (World War II
   Intelligence Files, 1941–1945); Hugh Laracy: Nelson, Olaf Frederick, https://teara.
   govt.nz/en/biographies/4n5/nelson-olaf-frederick (Zugriff 30.12.2019).
46 NARA (San Bruno): NAID 1766412 (World War II Intelligence Files, 1941–1945);
   Schreiben von Alfred Schultz an Tochter Clara, Apia, 4.7.1933 (Privatarchiv David
   Parr).
47 Pacific Islands Monthly: 1.7.1954, S. 82; NARA (San Bruno): NAID 1766412 (World
   War II Intelligence Files, 1941–1945).
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kannten sich, und erneut mögen es neben fachlicher Kompetenz die familiären
Beziehungen gewesen sein, die Schultz die Stelle verschafften.48
   Schultz war einsam auf Swains Island. Man kann gut nachvollziehen, dass
es zu den Höhepunkten dieses Insellebens gehörte, wenn drei bis vier Mal im
Jahr ein Schiff aus Pago Pago anlegte, Waren und Post brachte und Kopra an
Bord nahm. Schultz hatte Zeit, und er konnte ausführlich Briefe und Berichte
schreiben, die teilweise veröffentlicht wurden. Darin nannte er die Insel einen
wahrhaften Garten Eden, in dem er ein „Robinsonleben“ führte. Doch „der ewig
blaue Himmel, das warme Klima, die blaue See, das Rauschen der Palmen, das
Donnern der Brandung“ konnten auch auf das Gemüt schlagen. Gelegentlich
wünschte er sich, er könnte seine Südseeidylle „mit dem Schmuddelwetter Ham-
burgs und seinem Betrieb vertauschen“. Insgesamt fühlte er sich jedoch wohl und
gesund und wurde von Besuchern für jünger gehalten als er war trotz „über 40
Jahren Tropen, Bier und Whisky, Krieg, Orkan, Deportation und Liquidation“. Auf
Swains Island lebte er aber offenbar solide „ohne Bier und Wein und ohne Tabak“.
Dank der „Berge von Zeitungen“, die er erhielt, wenn Schiffe eintrafen, konnte
er sich ein Bild von der politischen Lage in Europa machen, „in deutscher und
besonders fremder Beleuchtung“.
   Schultz berichtete nicht nur von sich, sondern auch von der Plantagenwirt-
schaft auf der Insel. Die körperliche Arbeit leisteten Menschen aus Tokelau. Zu
Schultz’ Zeiten lebten etwa 100 Tokelauer auf der Insel, die Hälfte von ihnen
Kinder. Sie mussten an fünf Tagen in der Woche drei bis vier Stunden Kopra
produzieren. Damit beglichen sie die Erlaubnis, auf der Insel zu leben.49
   1938 verließ Schultz Swains Island und zog nach Pago Pago. Möglicherweise
hatte er die Isolation doch als zu belastend empfunden. Im Alsterspiegel war
jedenfalls zu lesen, dass er „nun wieder in der Zivilisation“ unter „Kulturmenschen“
lebte und zufrieden war. Schultz arbeitete nun als Buchhalter bei Max Haleck,
einem Deutschen, der einst zeitweilig sein Mitarbeiter in Vava’u gewesen war.
Haleck verdiente sein Geld als „General Merchant“ und „Island Trader“. Außer-
dem betrieb er ein Boarding House, in dem auch Schultz 1940 als „lodger“
gemeldet war. In Pago Pago boomte damals die Wirtschaft, da sich im Pazifik
ein Konflikt mit Japan abzeichnete und die USA Ort und Hafen zu einem
zentralen Militärstützpunkt ausbauten. Sogar Arbeitskräfte aus West-Samoa

48 Freundliche Mitteilung von David Parr.
49 Pacific Islands Monthly: 1.7.1954, S. 82–84; Alsterspiegel: 1.10.1937, S. 12.
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mussten angeworben werden, und über den Geschäften ging ein Geldregen
nieder. Die Marine belegte für die Personen, die sie beschäftigte, alle verfügbaren
Unterkünfte, und Schultz musste zu einer Nichte seiner ersten Frau ziehen, die
bescheidene Zimmer vermietete. „It’s a bit of a bum place“, kommentierte er,
aber etwas anderes war nicht zu finden.50

Internierung in den USA 1941 bis 1944
Alfred Schultz profitierte von dieser wirtschaftlichen Entwicklung. Doch ein
weiteres Mal holte ihn die internationale Politik ein. Er galt als Deutscher, und
das machte ihn verdächtig. 1940 wurden erste Erkundigungen über ihn eingezo-
gen, veranlasst aber wohl in erster Linie von neuseeländischen Behörden, die den
Hintergrund seiner Familie in Auckland ausleuchten wollten. Die Beurteilung fiel
durchaus freundlich aus. Schultz wurde als angenehm und umgänglich, aber auch
dominant und nicht allzu prinzipienfest, auf unbekümmerte Weise geschäftig
und sehr kontaktfreudig charakterisiert. Er trank viel, war aber gebildet und gut
informiert, über Weltpolitik ebenso wie über lokale wirtschaftliche Verhältnisse.
Mit örtlichen NSDAP-Sympathisanten scheint er keine Kontakte gehabt zu
haben. Einige Briefe, die zensiert wurden, erwiesen sich als harmlos. Polizeilich
lag gegen ihn nichts vor, und es gab keine Erkenntnisse über Beziehungen zu
Organisationen einer fremden Macht.51
   Je mehr sich die Lage jedoch zuspitzte, desto intensiver wurde Schultz über-
wacht und desto negativer beurteilt. Man warf ihm nun vor, dem Fichte-Bund
anzugehören52 und von ihm Propagandamaterial zu beziehen. Angelastet wurde
ihm auch, mit Verwandten und Freunden in Deutschland, mit seiner Familie
in Neuseeland und mit seinem deutsch-tonganischen Schwager Wilhelm Wolf-
gramm zu korrespondieren. Dieser war als „enemy alien“ von Vava’u nach Neu-
seeland verbracht und dort interniert worden.53 Ihm berichtete Schultz von den
Baumaßnahmen und der wirtschaftlichen Entwicklung in Pago Pago, was ihm als

50 NARA (San Bruno): NAID 1766412 (World War II Intelligence Files, 1941–1945);
   familysearch.org: Department of Commerce – Bureau of the Census, Sixteenth Census
   of the United States 1940, Population – American Samoa, Blatt 38 B; Ruder-Club
   Allemannia: Mitgliederverzeichnis 1938/39, S. 84; Alsterspiegel, 1.9.1938, S. 173 und
   5.5.1939, S. 115.
51 NARA (San Bruno): NAID 1766412 (World War II Intelligence Files, 1941–1945).
52 Der Fichte-Bund wurde 1914 als „Reichsbund für Deutschtumsarbeit“ gegründet. Er
   war nationalistisch-völkisch orientiert und kümmerte sich während des Dritten Reiches
   um die Verteilung von Auslandspropaganda.
53 Vgl. dazu Wendt: Deutschsein (wie Anm. 40).
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Schilderung der amerikanischen Verteidigungsanstrengungen ausgelegt wurde.
Er galt den Behörden nun als „German national“ und „decidedly pro-Nazi“.54
   Was gegen ihn vorgebracht wurde, hält einer kritischen Überprüfung aller-
dings nur bedingt stand. So erscheint es durchaus fraglich, ob Schultz deutscher
Staatsbürger war. Einen Pass besaß er nicht mehr, und er kam auch nicht den
Aufforderungen des Konsulats nach, seine Papiere zu erneuern. Vielmehr wollte
er bereits 1933 einen neuseeländischen Pass beantragen, scheute aber letztlich
vor den hohen Gebühren zurück, die er dafür hätte entrichten müssen. Im April
1940 hatte er der deutschen Staatsbürgerschaft sogar ausdrücklich abgeschworen,
einen Treueeid gegenüber den USA abgelegt und „citizenship papers“ erhalten.55
Andererseits sahen auch deutsche Stellen ihn weiterhin als Deutschen. Sicher
ist zudem, dass Schultz Kontakte nach Deutschland hatte. Manche Briefe, die
er von dort erhielt, berichteten positiv über das Regime. 1936 schrieb ihm ein
alter Klubkamerad der Allemannia, „dass wir Deutschen … wieder stolz das Haupt
erheben (dürfen) … Der Hitler hat uns wieder herausgerissen aus dem Dreck …
Deutschland ist wieder Deutschland.“56 Die Zeitschriften, die er bezog, waren
sicherlich auch nicht frei von nationalsozialistischem Tenor, und politisches
Schriftgut vom Fichte-Bund dürfte sich bei ihm ebenfalls gefunden haben. Ob
er letzteres auch verbreitet hat, ist aber keineswegs klar.
   Am 7.12.1941 wurde Schultz in Pago Pago verhaftet. Seine „continued presence
in this island is deemed prejudicial to the Security of American Samoa“. Im Januar
1942 verließ er mit der U.S. Navy für immer die Südsee. Man brachte ihn in
das Fort McDowell in Kalifornien, wo er zum Internierten mit der „Serial No.
ISN-WG-5-(Ci)“ wurde. Seine Konstitution war im Großen und Ganzen gut.
Auf dem Foto in seinen Internierungsunterlagen wirkt er allerdings im Vergleich
zu früheren Bildern gealtert. Sein Gesicht war etwas rundlicher geworden, die
Haare wirkten dunkler und schütterer. Bemerkenswert und vielleicht verdächtig
schien den Behörden, dass er nicht nur Deutsch, sondern auch Französisch,
Englisch und Samoanisch sprach.57

54   NARA (San Bruno): NAID 1766412 (World War II Intelligence Files, 1941–1945).
55   NARA (San Bruno): NAID 1766412 (World War II Intelligence Files, 1941–1945).
56   Alsterspiegel: 1.1.1937, S. 47.
57   Politisches Archiv des Auswärtigen Amts (PAAA): R 146395 (Nachforschungen nach
     Deutschen in Feindesland. Einzelfälle USA, Schuf-Schut); National Archives USA
     (NARA) (College Park): NAID 876184 (Records Relating to German Civilian Internees
     During World War II, 1941–1946); NARA (San Bruno): NAID 1766412 (World War
     II Intelligence Files, 1941–1945).
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   Einem Gnadengesuch wurde nicht stattgegeben. Darin führte Schultz an, dass
er sein ganzes Leben in den Tropen verbracht hatte und nun zum ersten Mal seit
dem Winter 1894 mit Eis und Schnee konfrontiert war. Außerdem unterstrich
er, wie vollkommen unverständlich es für ihn war, „that I should be now classified
as a suspicious and therefore undesirable citizen of American Samoa… I have lived
in the islands for over 40 years under the British and American Flag with a clean
record and have now sworn allegiance to the Flag of the United States …“. Er bat
darum, freigelassen zu werden und „to be transported home to my business position
… where I hope to end the last days of my South Sea Island career.“58
   Statt dessen brachte man ihn über mehrere Zwischenstationen in das String-
town Internment Camp in Oklahoma, wo er im Juni 1943 eintraf. Von Clara
und Samuel musste er erfahren, dass sein Sohn William bei einem Verkehrsunfall
ums Leben gekommen war. Das versetze ihn in einen „awful state of mind“. Im
Lager hatte er niemanden, mit dem er hätte trauern und der ihn hätte trösten
können. In den letzten acht Jahren hatte er nun seine Mutter, seinen Bruder
und seinen Sohn verloren. Nicht nur psychisch war Alfred Schultz belastet, er
musste auch mit den Bedingungen in Stringtown zurechtkommen, die keinen
Vergleich aushielten mit denen auf Motuihe. Bis zu 140 Menschen mussten sich
die Schlafsäle teilen, die sanitären Einrichtungen waren ungenügend, die Bara-
cken verwanzt. Das Lager musste geschlossen werden, und die Insassen wurden
nach Camp Kenedy in Texas verlegt, wo erträglichere Verhältnisse herrschten.
Ende 1943 waren dort 472 Personen untergebracht, die meisten alleinstehende
Männer aus Mittel- und Südamerika.59

Tod in Hamburg 1944
Zur gleichen Zeit verhandelten die USA mit der Regierung des Deutschen
Reiches über einen Austausch von Kriegsgefangenen und Internierten. Der
Name Heinrich Alfred W. Schultz stand in einer Liste Reichsdeutscher, die von
Seiten der USA im Oktober 1943 für einen solchen Austausch angeboten wur-
den. Im Gegenzug ließ Deutschland inhaftierte Amerikaner frei. Am 15.2.1944
konnte Alfred Schultz Camp Kenedy verlassen, und schon einen Tag später war

58 NARA (San Bruno): NAID 1766412 (World War II Intelligence Files, 1941–1945).
59 NARA (College Park): NAID 876184 (Records Relating to German Civilian Internees
   During World War II, 1941–1946); Brief Alfred Schultz an seine Tochter Clara, String-
   town 7.8.1942 (Privatarchiv David Parr); PAAA: R 127597 (Deutsche in Feindesland,
   USA), R 146395 (Nachforschungen nach Deutschen in Feindesland. Einzelfälle USA,
   Schuf-Schut) und Bern 5095 (Zivilinterniertenlager Stringtown).
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er einer von rund 1300 Passagieren an Bord des Dampfers „Gripsholm“ auf
dem Weg von New York nach Lissabon.60 Von dort brachten mehrere Sonder-
züge die Repatriierten durch Spanien und Frankreich nach Saarbrücken, wo sie
zwischen dem 2. und 11.3.1944 eintrafen. Bereits an der spanisch-französischen
Grenze hatten Vertreter der Auslandsorganisation der NSDAP sowie des Roten
Kreuzes die Züge erwartet. In Saarbrücken machte die deutsche Regierung die
Ankunft der Züge zu einem Propagandaevent. Fahnen wehten, Musik erklang,
und Gauleiter Bürckel begrüßte die Passagiere im Namen von Reichsminister
Goebbels. In Ansprachen war von den schweren Zeiten die Rede, die damals
herrschten und bei deren Bewältigung man auf ihr Mitwirken zählte, aber auch
vom sicheren Endsieg. In den folgenden Tagen reisten die Repatriierten an ihre
Zielorte weiter.61
   Schultz traf am 13.3.1944 wieder in Hamburg ein, fast 50 Jahre nachdem er
elbeabwärts zu einem Leben in der Südsee aufgebrochen war. Vermutlich wird er
seine Heimatstadt nicht wiedererkannt haben, denn er kam in ein von Bomben
zerstörtes Hamburg. Nachdem er zunächst im Hotel zum Kronprinzen in der
Kirchenallee 96 untergekommen war, zog er an eine vornehme Adresse, näm-
lich in das Haus Rondeel 25, wo eine Frau O. Boysen eine Pension betrieb.62
   Ganz in der Nähe, in der Bellevue 38 an der Außenalster, lebte seine Nichte
Edith Schröder, Tochter von Clara und Wilhelm Laub und verheiratet mit dem
Ingenieur Rudolf Schröder. Clara freute sich sehr, ihren Bruder wiederzusehen.
Beide plauderten viel von den alten Zeiten. Clara lud alle Jugendfreunde ein,
die noch in Hamburg lebten. Trotz des Krieges gab es manch frohe Stunde.
   Schultz hatte ein schwaches Herz, und bei einem Bombenalarm stürzte er auf
dem Weg zum Bunker und musste sich einige Tage im Bett erholen. Ein Arzt
diagnostizierte außerdem ein Sarkom, das operiert werden musste. Der Eingriff
verlief zwar glatt, doch einen Tag später, am 10. November 1944, starb Schultz.

60 NARA (College Park): NAID 876184 (Records Relating to German Civilian Internees
   During World War II, 1941–1946); PAAA: R 41567 (Amerikanische Zivilinternierte
   in Deutschland, Austausch Amerika), R 146395 (Nachforschungen nach Deutschen
   in Feindesland. Einzelfälle USA, Schuf-Schut) und R 127852 [Heimschaffungen
   (Austausch) England, Einzelaustausch 1939/45].
61 Saarbrücker Zeitung: 3., 6. und 11./12.3.1944.
62 StAH: 332-5, 5436, Nr. 1429; 332-8, K 5075 (Meldekartei der Verstorbenen und
   Verzogenen), Hamburger Adressbuch 1943, LS 19629/143 und Hamburger Branchen-
   verzeichnis 1943, LS 19629/142.
174 | Reinhard Wendt: Globaler Handel, Weltpolitik und Alltag               ZWG-01-2020

Todesursache waren ein Melanosarkom sowie Herz- und Kreislaufschwäche. Das
Sterberegister hielt aber auch fest, dass Schultz durch „Feindeinwirkung“ verletzt
wurde. Dieser Hinweis mag zum Anlass genommen worden sein, in der Melde-
kartei zu notieren, Alfred Schultz sei am „10.11.1944 in Hamburg gefallen“.63

Alfred Schultz in globalgeschichtlicher und transkultureller Perspektive
Forschungsansätze, die globalgeschichtliche und transkulturelle Vorgänge in
den Blick nehmen, stellen in der Regel Akteure in den Mittelpunkt ihrer Über-
legungen. Sie eignen sich daher gut, biografische Darstellungen zu erweitern und
Aspekte zu erhellen, die über die reine Skizze eines Lebensweges hinausgehen.

Alfred Schultz globalgeschichtlich
Aus globalgeschichtlicher Sicht war Schultz ein Rädchen im Getriebe des inter-
kontinentalen Handels und in weltpolitischen Entwicklungen. Doch auch als Teil
umfassenderer Strukturen trug er dazu bei, Samoa und Tonga auf der einen sowie
Deutschland und Hamburg auf der anderen Seite zu verknüpfen und in Bezug
zueinander zu setzen. In einer „entangled history“64 verwob sich die persönliche
Geschichte von Alfred Schultz mit der Polynesiens und Europas.
  Die DHPG betrieb im Wesentlichen ein Export-Import-Geschäft. Darin
entwickelte sich Apia zu einer Drehscheibe, über die Waren aller Art, die aus
Deutschland, England, den USA oder Australien stammten, in den westlichen
Pazifik gelangten und Kopra in alle Welt verschifft wurde. Als Angestellter der
DHPG hatte auch Schultz seinen Anteil an diesem Handel.
  Damit trug er dazu bei, die Inseln der Südsee zu verändern. Sie wurden in
den Weltmarkt integriert und produzierten und exportierten nun Rohstoffe
und führten Fertigprodukte ein. Apia wurde zu einem Umschlagplatz im inter-
kontinentalen Handel. Doch auch von Neiafu aus verkehrten Schiffe nicht nur
nach Samoa, sondern auch nach Suva in Fiji, nach Auckland und Sydney. Geld-
wirtschaft verbreitete sich. Immer neues Land wurde für Plantagen erschlossen.
Die Kokospalme bestimmte mehr und mehr das landschaftliche Bild. Die Arbeit
auf den Plantagen erledigten in Samoa Melanesier und Chinesen. Sie wurden
mit oft fragwürdigen Methoden rekrutiert.65 Was Schultz von Swains Island

63 ANZW: AAAC 489 Box 28 (Schultz, Minna Mathilde); StAH: 332-8, K 5075 (Melde-
   kartei der Verstorbenen und Verzogenen) und 332-5, 5436, Nr. 1429 (Sterberegister).
64 Vgl. dazu Sebastian Conrad, Shalini Randeria: Geteilte Geschichten, in: Dies. (Hg.):
   Jenseits des Eurozentrismus, Frankfurt am Main, New York 2002, S. 23–32.
65 Wilpert: Südsee (wie Anm. 39), S. 174.
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