AMNESTY - KLIMAWANDEL UND MENSCHENRECHTE - MAGAZIN DER MENSCHENRECHTE - Amnesty International Schweiz

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AMNESTY - KLIMAWANDEL UND MENSCHENRECHTE - MAGAZIN DER MENSCHENRECHTE - Amnesty International Schweiz
AMNESTY
                                                                                  Nr. 94
                                                                                      72
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                                                                              Juni 2018
                                                                                   2012

MAGAZIN DER MENSCHENRECHTE

              KLIMAWANDEL
              UND MENSCHENRECHTE

ALBANIEN                                WM-GASTGEBER RUSSLAND
Täter lernen, wie es ohne Gewalt geht   Wenig Freiraum für Homosexuelle
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    Anzahl Artikelbezeichnung Grösse Art.-Nr. Preis                                                                  Sektion von Amnesty
                                                                                                                     International erhalten

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                                                                                                                     Postfach, 3001 Bern,

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AMNESTY - KLIMAWANDEL UND MENSCHENRECHTE - MAGAZIN DER MENSCHENRECHTE - Amnesty International Schweiz
Titelbild                                                                                                                                                                        INHALT_JUNI 2018
Ein Junge auf der philippinischen Insel Luzon watet
nach einem Sturm im Wasser. September 2017.
© Reuters / Erik De Castro

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        DOSSIER                                                                                                                                             lernen Männer, ihre Frauen nicht
                                                                                                                                                            zu schlagen.
        Klimawandel
                                                                                                                 27       Russland
                                                                                                                          «Fussball ist ein Schutzraum»
                                                                                                                 30       Israel
                                                                                                                          Keine Gnade für Minderjährige
                                                                                                                 32       Unvergesslich – Unsere Geschichten
                                                                                                                          «Es kann so lustig sein»
                                                                                                                          Neustart in Genf

10      Die globale Herausforderung                                                                                      KULTUR
12      Vor uns die Sintflut                                                                                     35      Ausstellung
        Was hat der Klimawandel mit den Menschenrechten zu tun?                                                          Die letzte Hexe und die Menschenrechte
14      Auswirkungen des Klimawandels                                                                            36      Film
        Die wichtigsten bedrohten Menschenrechte.                                                                        Das Klima und das Kino
16      Dakar im Matsch                                                                                          37      Film
        In der senegalesischen Hauptstadt kommt es                                                                       Hollywoods erste schwule Teenie-Romanze
        zu Überschwemmungen.                                                                                     38      Musik
                                                                                                                         Grosse Träume, zensurierte Texte
19      Zügelaktion in der Südsee
        Der Inselstaat Kiribati hat auf Fidschi Land gekauft.
20      Fehlt der Regen, dann fehlt der Reis
        In Thailand führen Dürren zu Ernteausfällen.                                                                     CARTE BLANCHE
22      Humanitäre Hilfe stärken                                                                                 39      Endo Anaconda
        Migrationsexperte Étienne Piguet über die Bedürfnisse                                                            Wir sind um keinen Deut besser
        von Klimaflüchtlingen.

23      «Das reicht uns nicht»
        Die Schweizer Klimaseniorinnen fordern, dass der Bund
        mehr gegen die globale Erwärmung tut.

Impressum: «AMNESTY», Magazin der Menschenrechte, Nr. 94, Juni 2018. Redaktion: Carole Scheidegger (verantw.), Manuela Reimann Graf. MitarbeiterInnen dieser Nummer: Endo Anaconda, Nina
Astfalck, Ronny Blaschke, Nadia Boehlen, Sabine Cessou, Camille Grandjean-Jornod, Bastian Hartig, Astrid Herrmann, Andrea Jeska, Ralf Kaminski, Ramin Nowzad, Mathias Peer, Shiromi Pinto, Theo-
dor Rathgeber, Reto Rufer. Korrektorat: Korrektorat Wilhelm, Oftringen. Gestaltung: www.muellerluetolf.ch. Druck: Stämpfli AG, Bern. Die Mitgliederzeitschrift «AMNESTY» erscheint viermal jährlich in
Deutsch und Französisch. Das Magazin gibt es auch als E-Paper unter https://issuu.com/magazin-amnesty-schweiz. Redaktionsschluss der nächsten Nummer: 3. Juli 2018. Distribution: «AMNESTY,
Magazin der Menschenrechte» erhalten alle, die die Schweizer Sek­tion von Amnesty International mit mindestens 30 Franken jährlich unterstützen. Über die Veröffentlichung von Fremdbeiträgen ent-
scheidet die Redaktion. Alle Rechte vorbehalten. © Amnesty Inter­national, Schweizer Sektion. Spendenkonto: Amnesty International, Schweizer Sektion, 3001 Bern (PC 30-3417-8). Redaktions­adresse:
Magazin «AMNESTY», Redak­tion, Postfach, 3001 Bern. Tel.: 031 307 22 22, E-Mail: info@amnesty.ch. Auflage: 85 900 (dt.).

www.amnesty.ch           facebook.com/amnesty.schweiz            twitter.com/amnesty_schweiz     International: www.amnesty.org           www.instagram.com/amnesty_schweiz

                                                                                                                                                                                                         3
AMNESTY Juni 2018
AMNESTY - KLIMAWANDEL UND MENSCHENRECHTE - MAGAZIN DER MENSCHENRECHTE - Amnesty International Schweiz
A K T U E L L _ EN DA IC THORRI ICAHLT E N

                                             Kennen Sie das? Sie erledigen
                                             tausend scheinbar dringende
                                             Dinge, aber eigentlich wissen
                                             Sie: Es wartet eine wesentlich
                                             wichtigere Aufgabe, die Sie
                                             sofort angehen sollten. So er-
                                                                               GOO
                                                                               Mahadine ist frei
                                                                               TSCHAD − Im letzten Magazin ha-
                                                                               ben wir Ihnen berichtet, wie sehr
                                                                               sich der tschadische Blogger und
                                                                               Online-Aktivist Mahadine über die
                                                                               Unterstützung von Amnesty-Mit-
                                                                               gliedern gefreut hat. Jetzt gibt es
                                                                               noch bessere Nachrichten: Ma-
                                                                                                                                rInnen der Regierung enden
                                                                                                                                muss. Mahadine war einer von
                                                                                                                                zehn Gewissensgefangenen, für
                                                                                                                                die sich Amnesty im Rahmen des
                                                                                                                                Briefmarathons 2017 eingesetzt
                                                                                                                                hatte. Auch in der Schweiz mach-
                                                                                                                                ten sich 2500 Menschen mit der
                                                                                                                                Selfie-Kampagne «I’M HERE» für
                                                                               hadine ist im April freigelassen                 seine Freilassung stark.
                                             scheint mir die Welt angesichts   worden. Er war seit dem 30. Sep-
               des Klimawandels. Wir wissen, wie vorrangig es                  tember 2016 inhaftiert, nachdem                  Kein Straflager
                                                                               er im Internet die Regierung kriti-              für Mutter und Sohn
               wäre, gegen die globale Erwärmung anzugehen –
                                                                               siert hatte. Ihm drohte eine le-                 NORDKOREA – Eine überraschende
               nur wenige Fachleute bestreiten heute noch, dass                benslängliche Haftstrafe. Im März                Freilassung im Land von Kim
               die Klimaveränderungen grösstenteils menschen­                  2018 wurde die ursprüngliche                     Jong-un: Die Nordkoreanerin Koo
                                                                               Anklage jedoch fallen gelassen                   Jeong-hwa und ihr Sohn sind
               gemacht sind. Verschiedene Vorschläge zum Klima-                und durch eine viel geringere An-                nicht länger in Gefahr, den Rest
               schutz liegen auf dem Tisch. Aber wir bekommen es               klage ersetzt. Danach folgte die                 ihres Lebens im Straflager zu ver-
                                                                               Freilassung. Amnesty Internatio-                 bringen. Die beiden waren im
               nicht auf die Reihe, und das liegt nicht nur an Do-             nal fordert, dass nun auch die                   Dezember gemeinsam mit acht
               nald Trump und seinem Ausstieg aus dem Pariser                  Verfolgung aller anderen Kritike-                weiteren NordkoreanerInnen aus

               Abkommen. Staaten und Privatpersonen müssen
                                                                               Demut statt Strammstehen
               nun handeln.                                                    USA − Zum ersten Mal überreichte Amnesty International den Ambas-
               Von den Auswirkungen des Klimawandels sind jene                 sador of Conscience Award einem Sportler: Der American-Football-
                                                                               Spieler Colin Kaepernick ist
               Weltgegenden stärker betroffen, die weniger zu sei-             weltweit für seinen «Take-a-
                                                                                                                © Katie Piper

               ner Verursachung beigetragen haben. Menschen                    Knee»-Protest in den USA
                                                                               bekannt geworden: In der Vor­
               verlieren wegen steigender Meeresspiegel oder
                                                                               saison 2016 hatte er sich wäh-
               durch Stürme ihr Daheim. Sie haben nichts mehr zu               rend der US-amerikanischen
               essen, weil ihre Felder verdorren. Das Trinkwasser              Nationalhymne hingekniet, um
                                                                               friedlich gegen Ungleichheit
               wird knapp. Der Kampf um Ressourcen kann zu                     und Polizeigewalt zu protes­
               Kriegen führen. Für die Menschenrechte wird der                 tieren. Anlass war die unver­
                                                                               hältnismässig hohe Zahl an
               Klimawandel zu einem gewaltigen Problem, wenn                   Fällen, in denen schwarze
               wir es nicht schaffen, ihn einzudämmen.                         Menschen in den USA von
                                                                               der Polizei getötet werden.
               Auch das kommt Ihnen vielleicht bekannt vor: Gele-
                                                                               Seine Aktion löste eine heftige
               gentlich braucht es ein wenig Druck, bis Sie das                Debatte über Rassendiskrimi-
               ewig Aufgeschobene erledigen. Die Weltgemein-                   nierung aus, und Kaepernick –
                                                                               wie auch die vielen Sportler
               schaft könnte sich diesen Druck machen, indem sie               und Sportlerinnen, die es ihm
               den Klimaschutz mit menschenrechtlichen Stan-                   in der Folge gleichmachten –
                                                                               wurde stark angefeindet, so
               dards verbindet.
                                                                               auch von Präsident Trump,
                                                                               der diese friedlichen Aktionen   Colin Kaepernick vor einem Bild
                       Carole Scheidegger, verantwortliche Redaktorin         verbieten lassen wollte.         von Malcolm X.

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                                                                                                                                                    AMNESTY Juni 2018
AMNESTY - KLIMAWANDEL UND MENSCHENRECHTE - MAGAZIN DER MENSCHENRECHTE - Amnesty International Schweiz
AKTUELL_GOOD NEWS

D NEWS        China abgeschoben worden. Die        Pride-Parade in
                                                                                                                                                       IN KÜRZE

                                                                                   © KAOS GL
              Behörden beschuldigten sie des       Ankara fand statt
              Landesverrats, da sie ihr Land       TÜRKEI – Hunderte von                                                                               SERBIEN – Der serbische Natio­
              verlassen hatten. In Nordkorea       Studierenden liessen sich                                                                           nalist Vojislav Seselj hat in Den
              gilt dies als Verbrechen gegen       am 11. Mai nicht davon                                                                              Haag für Verbrechen gegen die
              den Staat und kann mit der le-       abhalten, friedlich für ihre                                                                        Menschlichkeit eine Strafe von
              benslangen Inhaftierung in politi-   Rechte zu demonstrieren.                                                                            zehn Jahren Gefängnis erhalten.
              schen Straflagern oder mit Hin-      Die Verwaltung der Tech-                                                                            Seselj war zuvor in erster Instanz
              richtung bestraft werden. Der        nischen Universität des                                                                             freigesprochen worden. Im Beru-
              Mann von Koo Jeong-hwa, der          Nahen Ostens in Ankara                                                                              fungsurteil wird Seselj wegen Ver-
              heute in Südkorea lebt, bestätig-    hatte zuvor versucht, die                                                                           folgung, Deportation und zwangs-
              te, dass sie am 6. März freigelas-   jährlich auf dem Campus                                                                             weiser Umsiedlung von Personen
              sen wurde und die Anklage ge-        stattfindende Pride-Parade      Unerschrocken: Studierende in Ankara                                verurteilt.
              gen sie fallen gelassen wurde.       zu verhindern. Denn der         demonstrieren für gleiche Rechte.
                                                   Gouverneur von Ankara                                                                               MALAYSIA – Der Oppositionsführer
                                                   hatte ein Verbot aller Veranstaltungen von LGBTI (Lesben, Schwulen,
© E. Romero

                                                                                                                                                       Anwar Ibrahim ist Mitte Mai aus
                                                   Bisexuellen, Transmenschen, Intergeschlechtlichen) erlassen. Die                                    dem Gefängnis entlassen worden.
                                                   Studierendengruppe, welche die Pride organisiert, sagte Amnesty                                     Er sass aufgrund fingierter Ankla-
                                                   International gegenüber: «Wir konnten nicht einfach schweigen und                                   gepunkte zwei Mal für lange Zeit
                                                   das Verbot akzeptieren. Wir mussten uns wehren und trotzdem de-                                     hinter Gittern. Amnesty Interna­
                                                   monstrieren. Das Verbot unserer Pride-Parade war rechtswidrig und                                   tional ist überzeugt, dass er nur
                                                   richtete sich gegen unsere blosse Existenz.»                                                        wegen seiner politischen Haltung
                                                                                                                                                       inhaftiert war, und setzt sich seit
                                                   Freispruch bestätigt                                                                                20 Jahren für ihn ein.
                                                   SÜDKOREA – Die meisten Bibliothekare leben nicht sehr gefährlich, Lee
                                                   Jin-young aber schon: Der südkoreanische Gewerkschaftsaktivist und                                  ASERBAIDSCHAN – Am 5. April
                                                   Besitzer der Online-Bibliothek «Labour Books» war vergangenes Jahr                                  ordnete der Oberste Gerichtshof
                                                   mehrere Monate im Gefängnis. Er hatte eine Anklage aufgrund des                                     von Aserbaidschan die Freilas-
                                                   Gesetzes über die Nationale Sicherheit am Hals. Der Vorwurf: Er habe                                sung von Aziz Orujov an und setz-
                                                   schriftliche Materialien verteilt, die «regierungsfeindlichen Organisatio-                          te seine dreijährige Haftstrafe zur
              Nach 10 Jahren endlich frei:
              Teodora del Carmen Vásquez.          nen» zugute gekommen seien. Am 20. Juli 2017 wurde er freigelas-                                    Bewährung aus. Der Journalist
                                                   sen, nachdem ihn ein Bezirksgericht in Seoul von der Anklage freige-                                war seit dem 2. Mai 2017 wegen
              Nicht länger wegen                   sprochen hatte. Dagegen legte die Staatsanwaltschaft Berufung ein.                                  konstruierter Anklagen unter un-
              Fehlgeburt in Haft                   Im April hat das Hohe Gericht in Seoul den Freispruch bestätigt.                                    menschlichen Bedingungen in
              EL SALVADOR – Teodora del Car-                                                                                                           Haft gehalten worden.
                                                                                                                                © Workers_Kim Yonguk

              men Vásquez ist am 15. Februar
              freigekommen. Sie war in Haft,                                                                                                           ÄQUATORIALGUINEA – Der Karika-
              weil sie 2007 eine Fehlgeburt er-                                                                                                        turist Ramón Esono Ebalé ist seit
              litten hatte, was ihr wegen der                                                                                                          dem 7. März auf freiem Fuss,
              drakonischen Abtreibungsgeset-                                                                                                           nachdem die Anklage gegen ihn
              ze in El Salvador als Mord ausge-                                                                                                        fallen gelassen worden war. Er be-
              legt wurde. Ihre Strafe wurde im                                                                                                         dankt sich bei allen, die sich für
              Februar verkürzt. Amnesty Inter-                                                                                                         ihn eingesetzt haben: «Ich werde
              national hatte sich jahrelang für                                                                                                        nicht aufgeben. Als ich geboren
              sie eingesetzt und fordert El Sal-                                                                                                       wurde, lag mir nicht die Welt zu
              vador auf, sich gänzlich von sei-                                                                                                        Füssen. Und heute lebe ich, um
              nem absoluten Verbot von                                                                                                                 für die Leute meines Landes zu
              Schwangerschaftsabbrüchen zu                                                                                                             zeichnen. Danke.»
              verabschieden.                       Freigesprochen: Lee Jin-young inmitten seiner Bücher.

                                                                                                                                                                                             5
              AMNESTY Juni 2018
AMNESTY - KLIMAWANDEL UND MENSCHENRECHTE - MAGAZIN DER MENSCHENRECHTE - Amnesty International Schweiz
AKTUELL_IM BILD

                                                                                                                                                     © Sergio Ortiz / AI
       MEXIKO / USA – Letzte Umarmungen an der Grenze: Mit der MigrantInnen-Karawane zogen sie quer durch Zentralamerika und kamen
       schliesslich in der mexikanischen Grenzstadt Tijuana an. Nun verabschieden sie sich von einander. Beide hoffen, in den USA Asyl beantragen
       zu können. Der langwierige Prozess endet jedoch meist mit der Inhaftierung und Abschiebung der Asylsuchenden.

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                                                                                                                                     AMNESTY Juni 2018
AMNESTY - KLIMAWANDEL UND MENSCHENRECHTE - MAGAZIN DER MENSCHENRECHTE - Amnesty International Schweiz
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                                                                                           wenn deren Abschiebung kurz                        fen. «Die Regierung treibt mit
© AI Taiwan

                                                                                           bevorsteht. Auch soll künftig                      dieser Novelle den menschen-
                                                                                           Flüchtlingen, die Geld bei sich                    rechtlichen Abwärtstrend im
                                                                                           tragen, bis zu 840 Euro als Ver-                   Asylbereich weiter voran. Sie
                                                                                           fahrensbeitrag abgenommen                          macht Schutzsuchende per Ge-
                                                                                           werden. Des Weiteren sollen die                    setz zu Menschen zweiter Klas-
                                                                                           Behörden Handydaten von Men-                       se», sagt Annemarie Schlack,
                                                                                           schen, die in Österreich einen                     Geschäftsführerin von Amnesty
                                                                                           Asylantrag stellen, auslesen dür-                  Österreich.

                                                                                           Indirekter Gegenvorschlag zur «Kovi»
                                                                                           KONZERNVERANTWORTUNGSINITIATIVE – Die Kommission für Rechtsfragen
                                                                                           des Nationalrats schlägt im Rahmen der Aktienrechtsrevision gesetzli-
                                                                                           che Massnahmen gegen Menschenrechtsverletzungen und die Miss-
                                                                                           achtung von internationalen Umweltstandards durch Konzerne mit
                                                                                           Sitz in der Schweiz vor. Die Kommission will allerdings nur grosse Un-
              KünstlerInnen und MenschenrechtsaktivistInnen auf der ganzen Welt
              solidarisieren sich mit Liu Xia, wie hier in Taiwan.                         ternehmen der Sorgfaltsprüfungspflicht unterstellen sowie besondere
                                                                                           Hochrisiko-Tätigkeiten. Eine Haftung wäre beschränkt auf juristisch
              Liu Xia in Gefahr                                                            kontrollierte Tochterfirmen und nicht auch jene, die man rein wirt-
              CHINA – Die Witwe des verstorbenen chinesischen Menschenrechtlers            schaftlich kontrolliert. Unklar ist bei Redaktionsschluss, ob noch wei-
              Liu Xiaobo ist in ernster Gefahr. Seit dem Tod ihres Mannes, der 2010        tere Änderungen an diesem indirekten Gegenvorschlag zur Konzern-
              mit dem Friedensnobelpreis geehrt wurde, befindet sich die Dichterin         verantwortungsinitiative «Kovi» vorgenommen werden, die weitere
              unter Hausarrest. Sie ist seit Jahren von Überwachung und Einschrän-         Abstriche gegenüber dem Initiativtext mit sich bringen. Somit ist bei
              kungen betroffen – alles nur, weil sie Liu Xiaobos Frau ist. Liu Xias psy-   Redaktionsschluss noch offen, ob der schliesslich definitiv verabschie-
              chische Verfassung hat sich gemäss FreundInnen massiv verschlechtert.        dete Gegenvorschlag zum Rückzug der Initiative führen kann.
              Internationale Appelle, sie endlich aus China ausreisen zu lassen, waren
              bislang vergebens.                                                           Mord an Umweltaktivisten
                                                                                           KOLUMBIEN – Sie engagier-
                                                                                                                           © Svenswikipedia

              32 Jahre Haft                           «Menschenrechtlicher                 ten sich für Entschädigun-
              BURUNDI – 32 Jahre Haft wegen           Abwärtstrend»                        gen für lokale Familien,
              Rebellion: Der Menschenrechts-          ÖSTERREICH – Die Menschen­           nun sind sie tot: Innerhalb
              verteidiger Germain Rukuki wur-         rechte von Asylsuchenden in          einer Woche wurden An-
              de am 26. April 2018 wegen              Österreich werden mehr und           fang Mai in Antioquia Al-
              Rebellion, Beteiligung an einer         mehr beschnitten. Dem Parla-         berto Torres Montoya und
              aufständischen Bewegung und             ment wurde ein erneut verschärf-     Hugo Albeiro George Pérez,
              Bedrohung der Staatssicherheit          tes Asylgesetz vorgelegt – die       Mitglieder der Bewegung
              für schuldig befunden. Man hatte        «Fremdenrechtsnovelle», wie es       Ríos Vivos, von Unbekann-
              ihn im Juli 2017 verhaftet, weil er     in Österreich heisst. Sie enthält    ten getötet. Sie hatten sich
              für die Aktion der Christen für die     unter anderem einen Angriff          gegen das Wasserkraftpro-
              Abschaffung der Folter (ACAT) in        auf Kinderrechte, denn sie will      jekt Hidroituango en­gagiert,
              Burundi gearbeitet hatte. Bei sei-      schutzsuchende Jugendliche im        das die Umwelt beschädigt      Der Hidroituango, einer der grössten
              ner zweiten Anhörung am 8. April        Falle einer Verurteilung mit Er-     und die Lebensgrundlagen       Staudämme Lateinamerikas, wird derzeit
              2018 wurde ihm zudem vorge-             wachsenen gleichstellen. Die         vieler lokalen Bauern und      am Fluss Cauca gebaut. Das von öffentlichen
                                                                                                                          Unternehmen durchgeführte Wasserkraft-
              worfen, «Teil einer Aufstandsbe-        Regierung plant ausserdem            Bäuerinnen gefährdet. Wei-     projekt betrifft mehr als 26 000 Hektar Land
              wegung im Jahr 2015 zu sein».           einen Eingriff in die ärztliche      tere Mitglieder der Umwelt­    in 19 Gemeinden.
              Damals hatte es breite Proteste         Schweigepflicht. ÄrztInnen           bewegung fürchten nun
              gegen Präsident Pierre Nkurunzi-        müssten demnach den Behör-           um ihr Leben. Seit der Unterzeichnung des Friedensab­kommens im
              za gegeben, der eine dritte Amts-       den über die Entlassung von          November 2016 wurden mehr als 170 Umwelt- und Menschenrechts-
              zeit anstrebte.                         PatientInnen Auskunft geben,         aktivistInnen umgebracht.

                                                                                                                                                                               7
              AMNESTY Juni 2018
AMNESTY - KLIMAWANDEL UND MENSCHENRECHTE - MAGAZIN DER MENSCHENRECHTE - Amnesty International Schweiz
AKTUELL_NACHRICHTEN

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                                                                                                                                                        WELTWEIT – Die Arbeit gegen die Todesstrafe macht
                                                                                                                                                        weitere Fortschritte, insbesondere auch in den afrika-
                                                                                                                                                        nischen Ländern südlich der Sahara. Dort ist die Zahl
                                                                                                                                                        der verhängten Todesurteile erheblich zurückgegan-
                                                                                                                                                        gen. Die Zahl der gemeldeten Hinrichtungen und To-
                                                                                                                                                        desurteile sinkt auch weltweit, nach einem Rekord-
                                                                                                                                                        hoch in den vergangenen Jahren. Doch wurden
                                                                                                                                                        2017 immer noch mindestens 2591 Todesurteile in
                                                                                                                                                        53 Ländern ausgesprochen und es befinden sich
                                                                                                                                                        weltweit mehr als 20 000 Menschen im Todestrakt.
                                                                                                                                                        Inzwischen haben 142 Länder die Todesstrafe per
                                                                                                                                                        Gesetz oder in der Praxis abgeschafft. Das ist mehr
                                                                                                                                                        als die Hälfte aller Staaten.

            Vermutlich
        Vermutlich
               Vermutlich
         Vermutlich  mehr
                    mehr  mehr
                         als als
                              mehr
                             1000 als
                                 1000 1000
                                      als     Hinrichtungen
                                  Hinrichtungen                           Weniger
                                                      Weniger als 25 Weniger
                                          Hinrichtungen
                                          1000   Hinrichtungen                      als als
                                                                              Weniger
                                                                                als 25
                                                                     Hinrichtungen      25 25
                                                                                            Hinrichtungen
                                                                                               Hinrichtungen
                                                                                        Hinrichtungen
                                                                                                   Keine Hinrichtungen             Keine
                                                                                                                                Keine    Hinrichtungen
                                                                                                                                      Hinrichtungen
                                                                                                                                      Keine  Hinrichtungen
                                                                                                  Länder, die die Todesstrafe für fast
         Vermutlich mehr als 100 Hinrichtungen        Weniger als 10 Hinrichtungen                                                     Länder,
                                                                                                  alle Vergehen aufgehoben haben Länder,  Länder,   diedie
                                                                                                                                           die die die  Todesstrafe
                                                                                                                                                   Todesstrafe       für für
                                                                                                                                                           Todesstrafe
                                                                                                                                                                für fast  fastfast
           Vermutlich
        Vermutlich    mehr
              Vermutlich
                   mehr als als als
                         mehr
                            100 100  Hinrichtungen
                                 Hinrichtungen
                                    100 Hinrichtungen                   Weniger  als als
                                                                           Weniger
                                                                     Weniger als 10  10 10 Hinrichtungen
                                                                                           Hinrichtungen
                                                                                     Hinrichtungen
                                                      Mehr als eine Hinrichtung,                                                alle alle Vergehen
                                                                                                                                     Vergehen
                                                                                                                                         alle        aufgehoben
                                                                                                                                              Vergehen
                                                                                                                                                 aufgehoben     haben
                                                                                                                                                        aufgehoben
                                                                                                                                                             haben haben
         Zwischen 25 und 100 Hinrichtungen                                                         Unbekannt
                                                      genaue Zahlen unbekannt
                                                                        Mehr
                                                                     Mehr     als als
                                                                           Mehr
                                                                          als eineeine  Hinrichtung,
                                                                                      eine Hinrichtung,
                                                                                   Hinrichtung,
           Zwischen
        Zwischen    25 25
              Zwischen
                 25 und und
                         100100
                           und  Hinrichtungen
                             Hinrichtungen
                               100  Hinrichtungen                                                                                  Unbekannt
                                                                                                                                Unbekannt
                                                                                                                                     Unbekannt
                                                                        genaue
                                                                     genauegenaueZahlen
                                                                            Zahlen       unbekannt
                                                                                    Zahlen  unbekannt
                                                                                     unbekannt

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                                                                                                                                                                                                                 © Privat
                                                                                          vergewaltigt, verurteilt
         Wir sind Amnesty Schweiz: Mitglieder der                                         SUDAN – Es begann mit einer
       Schweizer Sektion von Amnesty Internatio-                                          Zwangsheirat, als sie sechzehn
       nal sagen an der Jahresversammlung 2018                                            Jahre alt war: Noura Husseins Va-
       in Bern, weshalb sie sich für Menschen-
                                                                                          ter und ihr künftiger Ehemann
       rechte engagieren und bei Amnesty dabei
       sind.                                                                              unterzeichneten einen Ehevertrag.
                                                                                          Als Noura im April 2017 das
          Mit der Kampagne «Menschenrechte                                                Gymnasium beendete, musste
       machen uns stark» engagiert sich Amnesty                                           sie zu ihm ziehen. Als der Ehe-
       Schweiz gegen die «Fremde Richter»-Initia-                                         mann sie zum ersten Mal verge-
       tive, die die Europäische Menschenrechts-                                          waltigte, liess er sie von männli-
       konvention aufkündigen will und damit
                                                                                          chen Verwandten festhalten, da
       einen Angriff auf die Menschenrechte
       darstellt. Für die Kampagne wurden Fotos                                           sie sich gegen den «Vollzug der
       gemacht – sehen Sie das «Making off»!                                              Ehe» wehrte. Am nächsten Tag
                                                                                          wollte er Noura wieder vergewalti-
         Das Rezept der Kriminalisierung: Wie                                             gen, da floh sie in die Küche und
       kann man lästige UmweltschützerInnen und                                           ergriff ein Messer. Bei der an-
       Menschenrechtsengagierte am besten                                                 schliessenden Rauferei erlitt er
       loswerden? Peru und Paraguay haben das
                                                                                          tödliche Messerstiche. Als Noura
       Rezept gefunden. Witziges Video zu einem
       ernsten Thema.                                                                     anschliessend zu ihrer Familie          Zum Tode verurteilt: die heute 19-jährige Noura Hussein
                                                                                          ging und ihnen erzählte, was pas-       Hammad.
       Zu finden auf:                                                                     siert war, übergab ihr Vater sie der
       www.amnesty.ch/magazin-juni18                                                      Polizei; die Familie verleugnete sie daraufhin. Ein Gericht hat Noura am 29. April des
                                                                                          Mordes an ihrem Mann schuldig befunden.

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                                                                                                                                                                                               AMNESTY Juni 2018
AMNESTY - KLIMAWANDEL UND MENSCHENRECHTE - MAGAZIN DER MENSCHENRECHTE - Amnesty International Schweiz
AKTUELL_BRENNPUNKT

                          WITZE MACHEN VERBOTEN
                                                                                                       de von acht Polizisten verhaftet   Meinungsäusserungsfreiheit in
© Eloy Alonso / Reuters

                                                                                                       und wegen Verherrlichung des       Spanien zur Farce: Der vage for-
                                                                                                       Terrorismus angeklagt. Während     mulierte Artikel 578 wird inzwi-
                                                                                                       Cassandra Vera und Arkaitz         schen gegen jegliche oppositio-
                                                                                                       Terrón erfolgreich Berufung ein-   nelle Äusserung angewandt.
                                                                                                       legten, ging es vielen anderen     So startete die Guardia Civil ab
                                                                                                       schlechter: Die Verurteilungen     2014 ihre anlassfreien Durch-
                                                                                                       wegen Verletzung des Artikels      forstungen des Internets – sinni-
                                                                                                       578 des spanischen Strafgesetz-    gerweise unter der Bezeichnung
                                                                                                       buches sind in den letzten Jah-    «Operation Spinne» –, in deren
                                                                                                       ren stark angestiegen. Social-     Verlauf bisher mehr als 70 Men-
                                                                                                       Media-Nutzer werden wegen          schen festgenommen und ange-
                                                                                                       ihrer Tweets strafrechtlich ver-   klagt wurden.
                                                                                                       folgt, Musikerinnen stehen we-
                                                                                                       gen ihrer Liedtexte vor dem        Mit dem Gesetz «für die Sicher-
                                                                                                       Gefängnis und sogar Puppen-        heit der Bürger» (Ley de Segu-
                                                                                                       spieler befanden sich in Haft.     ridad Ciudadana) von 2015
                          Protest gegen die «Ley Mordanza»,                                            Das Vorgehen der Justiz hat eine   wird auch das Demonstrations-
                          das Knebelgesetz, vor dessen Inkraft-                                        abschreckende Wirkung: Men-        recht massiv eingeschränkt. Mit
                          treten am 1. Juli 2015.                                                      schen in Spanien getrauen sich     diesem «Knebelgesetz», wie es
                                                                                                       zunehmend seltener, die Regie-     in der Bevölkerung genannt

                                                                  S    ie hatte einen Witz auf Kos-
                                                                       ten des seit 45 Jahren toten
                                                                  Ministerpräsidenten Luis Carrero
                                                                                                       rung öffentlich zu kritisieren.

                                                                                                       «Viele bekamen Angst», sagte
                                                                                                                                          wird, können unangekündigte
                                                                                                                                          Demonstrationen und Kundge-
                                                                                                                                          bungen vor dem Kongress oder
                                                                  Blanco getwittert: Für diese         beispielsweise Nyto Rukeli, ein    anderen «wichtigen» Gebäuden
                                                                  «Verherrlichung des Terroris-        Mitglied von La Insurgencia, ei-   mit bis zu 600 000 Euro Busse
                                                                  mus» und die «Demütigung»            nem Kollektiv von 12 Rappern       geahndet werden. Das Aufrufen
                                                                  seiner Opfer wurde die Studen-       und Rapperinnen, die zu je-        zu einer «illegalen» Demonstra-
                                                                  tin Cassandra Vera verhaftet und     weils mehr als zwei Jahren Ge-     tion kann zudem noch eine Ge-
                                                                  vor Gericht gestellt. Halb Spani-    fängnis und Geldstrafen verur-     fängnisstrafe von bis zu einem
                                                                  en fand die Anklage lächerlich,      teilt wurden. «Die Behörden        Jahr einbringen. Selbst das Fo-
                                                                  selbst die Enkelin des von der       hatten Erfolg, da etwa die Hälf-   tografieren von PolizistInnen
                                                                  baskischen ETA 1973 ermorde-         te der Mitglieder aufgehört hat    oder das Verbreiten dieser Bil-
                                                                  ten Carrero Blanco trat in der       zu singen oder die Botschaften     der kann mit Bussen von bis
                                                                  Verteidigung auf. Dennoch wur-       in ihren Liedern geändert hat.»    zu einer halben Million Euro
                                                                  de Cassandra Vera zu einer be-       Der Vorwurf gegen La Insurgen-     bestraft werden. Wie absurd
                                                                  dingten, einjährigen Strafe verur-   cia: Sie hätten die kommunis­      das Ganze wird, zeigte der Fall
                                                                  teilt. Ihr wurde zudem für sieben    tische Untergrundgruppe            einer Frau aus Alicante: Sie
                                                                  Jahre verboten, im öffentlichen      GRAPO «verherrlicht», eine         musste eine Geldstrafe von 800
                                                                  Sektor zu arbeiten.                  Organisation, die seit 2007        Euro zahlen, weil sie auf Face-
                                                                                                       nicht mehr aktiv ist.              book ein Foto eines leeren Poli-
                                                                  Auch Rechtsanwalt Arkaitz Ter-                                          zeiautos verbreitet hatte, das
                                                                  rón hatte sich in einem Tweet        Unter der seit Ende 2011 regie-    auf einem Behindertenpark-
                                                                  einen Witz über die Ermordung        renden konservativen Volkspar-     platz abgestellt war.
                                                                  Carrero Blancos erlaubt. Er wur-     tei Partido Popular wird die                      Manuela Reimann Graf

                                                                                                                                                                                 9
                          AMNESTY Juni 2018
AMNESTY - KLIMAWANDEL UND MENSCHENRECHTE - MAGAZIN DER MENSCHENRECHTE - Amnesty International Schweiz
B    öden trocknen aus, steigende
     Meeresspiegel fordern Land,
Stürme wüten mit zerstörerischer
Kraft: Die globale Erwärmung
gefährdet unsere Umwelt, und sie
bedroht die Menschenrechte
massiv. Schon heute hungern,
fliehen und sterben Menschen
aufgrund von Auswirkungen des
Klimawandels. In den hauptverur-
sachenden Industrieländern
scheinen sie aber noch zu wenig
Schäden anzurichten, als dass
griffige Massnahmen umgesetzt
würden. Die Menschenrechte
sollten in der Klimapolitik eine
zentrale Rolle spielen.

Wandbild in Melbourne, Australien
© Reuters/  Mick Tsikas
Die globale
Herausforderung
© Vincent West / Reuters
                  Vor uns die Sintflut
                  Durch den Klimawandel werden
                  verschiedene Menschenrechte
                                                                          B    is auf wenige Ausnahmen stellt die grosse Mehrheit der Fach-
                                                                               welt den Klimawandel nicht infrage. Allein die Berichte des
                                                                          Weltklimarates (IPCC) legen allen Zweifelnden hohe Hürden für
                  gravierend verletzt. Die Leidtragen-                    eine gegenteilige Argumentation auf. Zu ähnlichen Ergebnissen
                                                                          kommen seit 2009 auch das Kinderhilfswerk Unicef, die Ernäh-
                  den sind in erster Linie diejenigen                     rungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO und die Weltgesund-
                  Bevölkerungsgruppen, die am                             heitsorganisation WHO. Sie berichten von steigenden Durch-
                                                                          schnittstemperaturen, häufigeren Extremwetterereignissen wie
                  wenigsten Spielraum haben, sich                         Stürmen, Dürren oder Hitzesommern, unkalkulierbar geworde-
                  an veränderte Klima­bedingungen                         nen Wetterperioden und Vegetationsperioden in der Landwirt-
                  anzupassen.                                             schaft, einem kontinuierlich ansteigenden Meeresspiegel.
                                                                              In jüngerer Zeit folgten Berichte, dass etwa in Westafrika der
                  Von Theodor Rathgeber                                   steigende Meeresspiegel ganze Küstenstreifen verschlingt, von
                                                                          Mauretanien bis Kamerun, und auch die Metropole Lagos (Nigeria)
                                                                          ist bedroht. Für Nordafrika wird prognostiziert, dass einige Regio-
                                                                          nen so heisse Temperaturen haben werden, dass sie nicht mehr
                                                                          bewohnbar sind. Hingegen können die Sahelstaaten voraussicht-
                                                                          lich mit mehr Regen rechnen. In Regionen um den Äquator geht
                                                                          die Ernte von traditionellen Grundnahrungsmitteln und mithin die
                                                                          Ernährungssicherheit kleinbäuerlicher Familien messbar zurück.
                                                                              In ähnlicher Weise verschärfen Projekte zum Ausgleich des Kli-
                                                                          mawandels soziale Konflikte. In Honduras führt ein Palmölmüh-
                                                                          lenprojekt zugunsten der Plantagenbewirtschaftung zum Land-
                                                                          raub bei kleinbäuerlichen Familien, in Panama enteignet die
     Theodor Rathgeber ist wissenschaftlicher Autor sowie Gutachter für
     Menschenrechte, Minderheiten und indigene Völker. Seit 2003 ist er
                                                                          Energiegewinnung mittels Stausee Barro Blanco indigene Dorfge-
     Beobachter für die Uno-Menschenrechtskommission und für den          meinschaften, in Kenia werden die traditionell von der Weidewirt-
     Uno-Menschenrechtsrat.                                               schaft lebenden Massai zugunsten einer Geothermie-Anlage ver-

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DOSSIER_ KLIMAWANDEL

Überflutungen können auch in unseren Breiten-
graden massiv zunehmen – wie hier in Castejón in
Spanien im April 2018 nach heftigen Regenfällen.

trieben. Von den vielen Nachrichten dieser Art kommen nur         scheidende Vorzüge, wenn über Massnahmen zur Anpas-
wenig in den Ländern an, in welchen die meisten Treibhaus-        sung oder Vermeidung, Technologietransfer, Ausstattung
gase produziert werden. Die Auswirkungen sind für die dor-        von Fonds und nicht zuletzt methodische Fragen beim Moni-
tige öffentliche Aufmerksamkeit oftmals nicht katastrophal        toring verhandelt und entschieden wird. Es macht einen Un-
genug. Darüber hinaus kaufen sich die Industrieländer von         terschied, ob solche Massnahmen auch mit Grundrechten
Emissionsminderungen im eigenen Land frei. Das ist billiger       oder nur mit ökologischen Erfordernissen abgeglichen wer-
und wiederum weniger schlagzeilenträchtig.                        den. Menschenrechtliche Standards sind eindeutig, kommen
                                                                  überall mit denselben Begriffen zur Anwendung und bein-
   Menschenrechte in Bedrängnis Die skizzier-                     halten die unmittelbare Beteiligung der Betroffenen. Gerade
ten Folgen des Klimawandels verweisen darauf, dass Men-           im Kontext des Klimawandels ist es nicht verständlich, war-
schenrechte wie das Recht auf sauberes Trinkwasser, Nah-          um sich die lokale Bevölkerung und ganz allgemein nicht-
rung, Gesundheit, auf angemessenen Lebensstandard, auf            staatliche Akteure bislang höchstens mittelbar und informell
Territorialrechte indigener Völker oder auch auf die Staats-      an der Ausgestaltung, Planung und Umsetzung von Klima-
bürgerschaft direkt in Mitleidenschaft gezogen werden. Letz-      massnahmen beteiligen können.
teres betrifft etwa Inselstaaten, die vom Verschwinden be-           Die Chance, dass menschenrechtsbasierte Verhandlun-
droht sind. Der Weltklimarat hat Studien über die Lage von        gen näher an der Dringlichkeit und Tragweite für die unmit-
Menschen an Küsten, Flussufern und in Gebirgen erstellt,          telbar Betroffenen lägen, ist gross. Zweifelsohne stellt der
die Hunderte Millionen in Indien, Bangladesch, China, in          Klimawandel ein komplexes Zusammenspiel mehrerer Fak-
den Anden, in Lateinamerika, im südlichen Afrika oder auch        toren dar, kausale Abläufe sind die Ausnahme. Gleichwohl
in der Mittelmeerregion von Flutungen oder Dürren betrof-         kann die Verantwortung für klimaschädliches Handeln zuge-
fen sehen. Der IPCC schätzt, dass die für das Jahr 2020 vor-      ordnet werden. Dies erkennen inzwischen sogar Gerichte an.
ausgesagte Zahl von 50 Millionen Hungernden sich bei              Das Oberlandesgericht in der deutschen Stadt Hamm hielt
gleichbleibender Entwicklung auf 266 Millionen in 2080 er-        im November 2017 die Klage eines Bauern aus Peru gegen
höht haben wird. Mangelernährung, Ruhr und endemische             den deutschen Energiekonzern RWE und dessen Mitverant-
Krankheiten wie Malaria oder Dengue-Fieber werden laut            wortung für den Klimawandel für schlüssig. In gleicher Wei-
WHO insbesondere für Kinder desaströse Folgen haben. Im           se sind menschenrechtlich basierte Pflichten eines Staates
Juli 2011 stellte der Uno-Sicherheitsrat in einem Statement       gegenüber den Opfern des Klimawandels regelbar; etwa über
des Ratspräsidenten fest, dass die Folgen des Klimawandels        die Rechtsfigur der sogenannten extraterritorialen Staaten-
eine weltweit auftretende Gefahr für den sozialen Frieden         pflichten.
und die wirtschaftliche Entwicklung darstellen.
   Im Vergleich zu diesen Szenarien hinkt die Berücksichti-           Drohender Gesichtsverlust Wenn alles so nahe-
gung menschenrechtlicher Standards im Klimarahmenver-             liegend scheint, warum wird es nicht eingesetzt? Einer der we-
trag und in den Ergebnissen der Vertragsstaatenkonferenzen        sentlichen Gründe dafür ist so simpel wie politisch abgründig:
(COP) weit hinterher. Selbst das bislang anspruchsvollste         Menschenrechtliche Verpflichtungen der Staaten werden von
Dokument, das Pariser Klimaabkommen von 2015 (COP 21),            unabhängigen Vertragsausschüssen, Sonderberichterstatte-
spart menschenrechtliche Massstäbe zur Einordnung der Kli-        rInnen, dem Hochkommissariat für Menschenrechte jeweils
mapolitik weitgehend aus. Die vielfältigen Eingaben des Ho-       penibel überprüft. Mängel und Verfehlungen werden unge-
hen Kommissars für Menschenrechte und mehrerer Sonder-            schminkt festgestellt. Alle Staaten, ohne Ausnahme, versu-
berichterstatter der Vereinten Nationen im Vorfeld der            chen, einen solchen Ansehensverlust zu vermeiden.
Pariser Konferenz schafften es lediglich als hehres Ziel in die       Seit dem Jahr 2008 versuchen vom Klimawandel betroffene
Präambel. Die Einhaltung von Menschenrechten bei Klima-           Inselstaaten, Nichtregierungs- und Menschenrechtsorganisati-
schutzprojekten wird nicht geprüft. Auch der Clean Develop-       onen, beim Uno-Menschenrechtsrat in Genf ein Mandat zum
ment Mechanism (ein im Kyoto-Protokoll vorgesehener Me-           Thema Klimawandel einzurichten. Auch westliche Länder wie
chanismus zur Reduktion von Treibhausgas-Emissionen) ist          Deutschland oder die Schweiz haben bis heute das ihnen Mög-
bislang bar jeglicher menschenrechtlicher Kriterien zur Be-       liche unternommen, ein solches Mandat zu verhindern. Men-
wertung solcher Massnahmen.                                       schenrechte als Grundlage zur Bewertung der Klimapolitik
                                                                  scheinen zu offensichtlich die Mankos in der Problembearbei-
   Warum Menschenrechte?                     Eine menschen-       tung zu benennen. Umso dringlicher ist es, dass wir uns für
rechtsbasierte Klimapolitik hätte vor allem für Betroffene ent-   deren verbindliche Einbeziehung engagieren.

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       Auswirkungen des Klimawandels                                                                                                           ATLANTISCHER

       Unwetterkatastrophen wie Stürme, Stark­
       niederschläge und Überflutungen kosten vielen
       Menschen das Leben. Schäden an Ökosystemen                                                                                  SÜDOSTEN DER USA
                                                                              PAZIFISCHER                      New Orleans
       gefährden die Ernährungssicherheit bzw. Lebens­
                                                                                OZEAN
       grundlagen.
                                                                                                                                    HAITI

       Schmelzende Gletscher und die damit verbundene                                                MEXIKO
                                                                                                                                            KARIBIK
       langfristige Verringerung der Wassermenge in
       Flüssen gefährden die Landwirtschaft und die
       Trinkwasserversorgung. Durch das Schmelzen des
       Eises an den Polkappen kommt es zu einem Anstieg
       des Meeresspiegels.

       Durch den steigenden Meeresspiegel werden tief
       liegende Küstenzonen und ganze Inselstaaten lang­
       fristig unbewohnbar. Böden und Grundwasser
       versalzen.

       Steigende Temperaturen und lang anhaltende
       Trockenzeiten führen zu Wüstenbildung und
       Dürren. Sie erschweren die Landwirtschaft und
       verschlechtern den Zugang zu sauberem Wasser.
       Seuchen wie Malaria nehmen zu. Hitzewellen und
       Smog belasten die Gesundheit.

       Die wichtigsten Menschenrechte, die vom Klimawandel bedroht sind

         Recht auf Leben                                                           Recht auf Wasser und Hygiene
       Extreme Wetterereignisse in der Folge des Klimawandels führen             Dem Weltklimarat IPCC zufolge wird in den meisten trockenen Regio­
       direkt zu vielen Todesfällen, dazu kommen Dürren, Hitzewellen,            nen der Zugang zu sauberem Trinkwasser erschwert. Durch steigende
       Krankheiten mit weiteren Opfern. Auch vorsichtige Schätzungen             Meeresspiegel sind auch in Küstengebieten Auswirkungen auf die
       gehen von gegenwärtig jährlich mehr als 150 000 Toten infolge von         Wasserverfügbarkeit zu erwarten. Laut einem Bericht der Weltbank
       Ereignissen aus, die auf den Klimawandel zurückzuführen sind.             kann ein durchschnittlicher Temperaturanstieg von 2 Grad weltweit
       Verschiedene Berichte sprechen von rund 400 000 Opfern pro Jahr,          dazu führen, dass 1 bis 2 Milliarden Menschen nicht mehr genügend
       eine Zahl, die bis 2030 auf 700 000 ansteigen könnte.                     Wasser haben, um ihren Bedarf zu decken.

         Recht auf Nahrung                                                         Recht auf Gesundheit
       Die Weltbank schätzt, dass bei einem Anstieg der globalen Durch­          Laut Berichten der Weltbank werden gesundheitliche Auswirkungen
       schnittstemperatur um 2 Grad Celsius zwischen 100 Millionen und           z.B. durch hitzebedingten Smog verschlimmert. Überschwemmun­
       400 Millionen Menschen mehr von Hunger bedroht wären als heute.           gen führen vermehrt zu Infekten wie Malaria oder Durchfall. Höhere
       Jedes Jahr könnten über 3 Millionen zusätzliche Todesfälle durch Un­      Unterernährungsraten verschlechtern die Lage zusätzlich.
       terernährung verursacht werden.

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                                                                                                                                      AMNESTY Juni 2018
OZEAN

                                                   Aralsee                                                                                                                        PAZIFISCHER
                                                MITTEL-ASIEN                                                                                                                        OZEAN
                                                                              Gelber Fluss
                             MITTELMEER

                                 Nil                                             CHINA                          Jangtse

                      Tschadsee                            Ganges und
        SENEGAL                                           Brahmaputra THAILAND                                    PHILIPPINEN
Dakar                                                INDIEN
                                               HORN VON
                                                                        Mekong
                                                AFRIKA                                                                                                                                PAZIFIK-ARCHIPEL
               SUBSAHARA-AFRIKA

                                                                                                                                                                                          KIRIBATI

                                                                                                                                                                      FIDSCHI
                                                             INDISCHER
                                                               OZEAN

                                                                     © muellerluetolf.ch, Quellen: Norman Myers, «Environmental refugees. An emergent security issue». Akten des Wirtschaftsforums der OSZE, Prag, Mai 2005.
                                                                      Millennium Ecosystem Assessment; 2005; Liser, 2007. Zit. in.: Le Monde diplomatique (Hg.), Atlas der Globalisierung Spezial: Klima, Berlin (taz Verlag) 2008.

            Recht auf Selbstbestimmung                                                        Der Klimawandel betrifft aber auch viele weitere Rechte, wie z.B. das
         Die Folgen des Klimawandels schränken die Wahl der Menschen und                      Recht auf Entwicklung oder die Rechte indigener Völker (z.B. durch
         ganzer Völker ein, ihren Lebensstil und ihre Existenzgrundlage frei zu               Vertreibung). Dadurch, dass die Staaten ihre Ressourcen für die Be­
         wählen. Dazu kommt die Vertreibung von ganzen Völkern z.B. durch                     kämpfung der Auswirkungen des Klimawandels einsetzen müssen,
         Überflutung von Inselstaaten.                                                        werden Mittel für die Umsetzung verschiedener Menschenrechte
                                                                                              eingeschränkt, so zum Beispiel für das Recht auf Gesundheit, auf
            Recht auf Wohnraum                                                                Unterkunft oder das Recht auf Bildung. Die knapper werdenden
         Das Recht auf eine angemessene Unterkunft wird in vielerlei Hinsicht                 Ressourcen können Gründe für bewaffnete Konflikte sein, die
         bedroht. Extreme Wetterereignisse zerstören die Häuser einer Viel­                   wiederum das Recht auf Leben gefährden.
         zahl von Menschen direkt. Dürre, Erosion, Überschwemmungen und
         der ansteigende Meeresspiegel machen Gebiete unbewohnbar, was
         zu Vertreibung und Abwanderung führen kann.

                                                                                              Quellen: Diverse Berichte zit. in «Understanding Human Rights and Climate Change. Submission of the Office of the High Commis­
                                                                                              sioner for Human Rights to the 21st Conference of the Parties to the United Nations Framework Convention on Climate Change.»
                                                                                              OHCHR, 2015, sowie «Menschenrechte in der Klimakrise», zeitschrift für menschenrechte, 2010.

                                                                                                                                                                                                                                      15
         AMNESTY Juni 2018
DOSSIER_ KLIMAWANDEL

      © Keystone/AP/Rebecca Blackwell

                                  Ein Laufsteg aus Sandsäcken: Nach starken Regenfällen in einem Vorort von Dakar behilft sich die Bevölkerung mit Notlösungen.

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                                                                                                                                                                  AMNESTY Juni 2018
DOSSIER_ KLIMAWANDEL

                          Dakar im Matsch
                          Während Teile von Senegal mit der Dürre kämpfen, hat der Klimawandel in der
                          Region rund um die Hauptstadt Dakar gegensätzliche Konsequenzen: Bei jeder
                          Regenzeit kommt es zu schweren Überschwemmungen. Gleichzeitig steigt der Meeres-
                          spiegel an.       Von Sabine Cessou

                          R    und 250 000 Betroffene finden sich in Dakar Jahr
                               für Jahr inmitten von stehendem Wasser wieder. In
                          den Lachen vermehren sich die Larven in Massen. Seit
                                                                                     nichts entgegensetzen. Die Stadtbezirksverwaltungen
                                                                                     müssen denn auch jedes Jahr wieder Notfall-Pumpein-
                                                                                     sätze organisieren. Die Koordination der behördlichen
                          2015 bilden sich diese Wasserflächen immer wieder in       Reaktion krankt nicht zuletzt an der Bürokratie und
                          jenen Vorstädten, wo der Grundwasserspiegel zu nah         den Unwägbarkeiten der senegalesischen Demokratie.
                          an der Erdoberfläche liegt. Sie lassen ein Cholerarisiko   «Ich sage es nicht gerne, aber seit dem Rücktritt Seng-
                          entstehen, das die Behörden mit der grosszügigen Ver-      hors 1980 herrscht in Dakar das Chaos!», betont der
                          teilung von Javelwasser und Plastikeimern eindäm-          bekannte Architekt Pierre Goudiaby. Er moniert immer
                          men. Die Bewohnerinnen und Bewohner der Elends-            wieder das Fehlen einer städtebaulichen Planung, wel-
                          viertel in der Agglomeration von Dakar, in Pikine und      che die lokalen, regionalen und nationalen Entschei-
                          Guédiawaye, müssen jedes Jahr zusehen, wie die Si-         dungsebenen koordiniert. Die herrschende Anarchie
                          ckergruben überlaufen und sich stinkende Tümpel bil-       führt dazu, dass die Bevölkerung die Umsetzung von
                          den. Abhilfe schaffen sie, wie es eben geht: Sie stellen   Grossprojekten bisweilen teuer bezahlt.
                          Zementsteine oder die Gehäuse von Autobatterien un-           So im armen Quartier «Irrégulier Sud» in der Ge-
                          ter ihre Möbel – und begegnen dem Übel bis zur nächs-      meinde Pikine mit seinen 300 000 EinwohnerInnen,
                          ten Trockenzeit mit Geduld.                                das über keinerlei Abwasserplanung verfügt und des-
                              Die ImmobilienbesitzerInnen sind beunruhigt, aber      halb seit 2013 von den Überschwemmungen noch stär-
                          machtlos. Laut der französischen Botschaft in Dakar        ker betroffen ist. Der Grund dafür sind die Topografie,
                          waren in Pikine 8000 Gebäude in einem Gebiet von           unkontrolliertes Wachstum und eine Kanalisation, die
                          150 Hektaren von den Überschwemmungen im Jahr              im Hintertreffen ist. Überdies durchquert eine neue,
                          2012 betroffen. Dabei kamen 26 Menschen ums Le-            vom französischen Baukonzern Eiffage gebaute Auto-
                          ben, 264 000 waren insgesamt betroffen und 5000 Fa-        bahn das Quartier. Sie verbindet Dakar mit der Satelli-
                          milien mussten umgesiedelt werden. Die Weltbank            tenstadt Diamniadio und dem neuen Flughafen. Das
                          schätzt die von Überschwemmungen bedrohten Ver-            schwergewichtige Bauwerk ruht auf Pfeilern aus Be-
                          mögenswerte in Dakar auf 40 Milliarden Euro, das           tonblöcken, die zur weiteren Absenkung des bereits
                          doppelte des Bruttosozialprodukts des westafrikani-        unter dem Meeresspiegel liegenden Bodens beitrugen.
                          schen Landes.                                                 Eine Rolle spielt auch eine politische Rochade: Der
                                                                                     vormalige Stadtpräsident von Dakar, Khalifa Sall, war
                             Ein strukturelles Problem Zwar erliessen                bei der Bevölkerung beliebt, weil er versuchte, ihre all-
                          die Behörden 2012 einen Zehnjahresplan zur Bekämp-         täglichen Probleme zu lösen. Doch als er gedachte, den
                          fung der Überschwemmungen, konnten dem vom Kli-            aktuellen Präsidenten des Landes, Macky Sall, bei den
                          mawandel herrührenden strukturellen Problem jedoch         Präsidentschaftswahlen 2019 herauszufordern, wurde
                                                                                     er im März 2017 wegen Betrug und Unterschlagung
                                                                                     verhaftet und damit aus dem Rennen gedrängt. Im
                    Sabine Cessou ist freischaffende Journalistin mit Schwerpunkt    März 2018 wurde der Herausforderer zu fünf Jahren
                    Subsahara-Afrika.                                                Gefängnis verurteilt.

                                                                                                                                                 17
AMNESTY Juni 2018
DOSSIER_ KLIMAWANDEL

                        Der Ozean trotzt dem Kontinent jährlich rund                                  ten in den Atlantik hinausreichenden Landzunge Afrikas.
                                                                                                          Die Fakten lassen sich kaum mehr verleugnen. Laut einer
                        einen Meter Küste ab.                                                         Studie der Stadtverwaltung von Rufisque unweit von Dakar
                                                                                                      trotzt der Ozean dem Kontinent rund einen Meter Küste jähr-
                                                                                                      lich ab. Die Stadt liess 2013 in Thiawlène einen 730 Meter
                                         Noch vor diesem Intermezzo hatte sich die Präsidialbe-       langen Damm errichten, und zwar im Beisein von Ali El Haï-
                                      hörde auf das Überschwemmungsproblem gestürzt, das Jahr         dar, dem Präsidenten des Verbandes senegalesischer Um-
                                      für Jahr Wut und Empörung provoziert. Schliesslich wurden       weltorganisationen (Fedes) und ehemaligem Umwelt- und
                                      ganze Quartiere im Rahmen einer ambitiösen, aber aus-           Fischereiminister. Er verlor seinen Ministerposten rasch,
                                      sichtslosen Umsiedlungspolitik verlegt. Das vom ehemaligen      weil er gegen die Korruption ankämpfte, Ali El Haïdar be-
                                      Präsidenten Abdoulaye Wade 2006 lancierte Projekt Jaxaay        mängelt immer wieder, dass «Ökologie zum Showbusiness
                                      («Adler» auf Wolof) führte zur Umsiedlung von 30 000 Men-       geworden ist: Alle reden davon und niemand tut etwas». Der
                                      schen in 3000 subventionierte Häuser in Keur Massar, einer      Damm ist denn in Senegal auch der einzige seiner Art geblie-
                                      anderen Vorstadt von Dakar. Allerdings haben Landflucht         ben. Die Aufrufe der vor Ort nach wie vor einflussreichen
                                      und Armut dazu geführt, dass die Elendsviertel der Vorstädte    religiösen Führer, weitere solche Projekte zum Schutz der
                                      sofort wieder besiedelt wurden. In der dicht besiedelten        küstennahen Quartiere zu lancieren, verhallten weitgehend
                                      Hauptstadtregion von Dakar lebt ein Viertel der landesweiten    ungehört.
                                      Bevölkerung, das sind zwischen 3 und 4 Millionen Men-               Auch hier fehlt es an einer koordinierten behördlichen
                                      schen, auf engem Raum.                                          Strategie. In einer Nachbarstadt von Thiaroye sind ganze
                                                                                                      Häuserblocks entlang der Küste eingestürzt, ohne dass dies
                                          Anstieg des Meeresspiegels Eine andere nicht                Aufsehen erregt hätte. Nicht einmal für den Greenpeace-Ab-
                                      zu übersehende Auswirkung des Klimawandels ist der An-          leger in Senegal ist das Problem prioritär. Er konzentriert
                                      stieg des Meeresspiegels, der die ganze Küstenregion bedroht.   sich auf die illegale Fischerei in den westafrikanischen Ge-
                                      Besonders den Inseln der Casamance, im Süden des Landes,        wässern, die zur Dezimierung der Fischbestände führt und
                                      sowie der Tourismusregion Petite-Côte werden die Fluten des     den einheimischen Fischern ihre Erwerbsgrundlage entzieht.
                                      Atlantiks gefährlich. Dort, wo die Wellen schon die Gärten
                                      schöner Ferienanwesen überschwemmen, vermag das Vor-               Ein Schulbeispiel Die EinwohnerInnen von Barg-
                                      dringen des Ozeans die Gemüter zu bewegen. Das Zurück-          ny, einer 30 Kilometer von Dakar entfernten Stadt, wollen
                                      weichen der Küstenlinie wird auch in der nördlichen Stadt       wirksamere Taten. Sie protestierten an den Klima-Vertrags-
                                      Saint-Louis – von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt –       staatenkonferenzen (COP) in Paris und Marrakesch. Ihre
                                      zum Problem. Das Phänomen betrifft aber auch die Haupt-         Stadt gibt ein Schulbeispiel für die aktuelle ökologische Kata-
                                      stadt: Dakar liegt auf der Cap-Vert-Halbinsel, der am weites-   strophe in Afrika ab: Dutzende Häuser fielen den anrollen-
                                                                                                      den Fluten zum Opfer, aber Bauland zur Umsiedlung der
      © Reuters/Joe Penney

                                                                                                      Betroffenen fehlt. Die Stadtbehörden haben es für den Bau
                                                                                                      zweier Kohlekraftwerke reserviert; diese haben für die von
                                                                                                      Stromunterbrüchen heimgesuchte Stadt Vorrang – auch
                                                                                                      wenn sie die Luft verschmutzen und Bargny zusätzlich zum
                                                                                                      Anstieg des Meeresspiegels ein weiteres Gesundheitspro-
                                                                                                      blem aufhalsen werden.
                                                                                                         Das Sekretariat der Vereinten Nationen für Risikominde-
                                                                                                      rung hatte bereits am 28. Januar 2014 Alarm geschlagen. «Der
                                                                                                      Klimawandel ist im Begriff, Senegal unter Wasser zu setzen»,
                                                                                                      warnte Margareta Wahlstrom, an die sich Bürgermeister auf
                                                                                                      der Suche nach internationaler Hilfe gewandt hatten. Auf ei-
                                                                                                      nen Aktionsplan wartet man vier Jahre später immer noch
                                                                                                      vergeblich, obschon der damalige Innenminister Abdoulaye
                                                                                                      Daouda Diallo als Erster eingeräumt hatte, die fehlende Ko-
                                                                                                      ordination in Sachen Zivilschutz stelle im Falle einer Naturka-
                         Jahr für Jahr versinken Strassen im Wasser.                                  tastrophe «eine der grössten Schwächen» Senegals dar. 

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DOSSIER_ KLIMAWANDEL

Zügelaktion in der Südsee
Der südpazifische Inselstaat Kiribati droht im Meer zu versinken. Deswegen hat die Regierung Land
gekauft, das vor dem steigenden Meeresspiegel sicher ist: auf Fidschi.                                   Von Bastian Hartig

«D        as alles», sagt Sade Marika und macht dabei eine

                                                                                                                                                           © Bastian Hartig
          ausschweifende Armbewegung. «Dieses ganze Land
gehört nun Kiribati.» Das Gebiet, über das der drahtige Mann
blickt, reicht vom einige Kilometer entfernten Südpazifik bis
hin zu den wolkenverhangenen Berggipfeln, die auf der an-
deren Seite in etwa gleicher Entfernung in den Himmel stei-
gen. Dazwischen ist vor allem dichter Urwald.
    Mehr als 2000 Hektar umfasst das Stück Land, das ent-
spricht etwa der Fläche von Liestal. Der kleine Inselstaat Kiriba-
ti hat das Gebiet vor vier Jahren im Fidschi-Inselreich gekauft.
Auf Fidschi sind hauptsächlich die küstennahen Gemeinden
vom steigenden Meeresspiegel betroffen, während sich die zer-
klüfteten Vulkanberge im Innern der beiden Hauptinseln auf
über 1300 Meter erheben. Auf den Atollen Kiribatis hingegen
ist alles küstennah – und vor allem maximal ein paar Meter
über dem Meeresspiegel. Das Leben dort wird für die knapp
115 000 EinwohnerInnen immer schwieriger. Das steigende
Meer drängt die Menschen zunehmend auf dem ohnehin                   Sade Marika ist Vorsteher des Dorfs Naviavia auf Fidschi. Es liegt mitten in dem
knappen Land zusammen und lässt das Trinkwasser versalzen.           Gebiet, das nun Kiribati gehört.

    Grosse Pläne Sade Marika ist der Dorfvorsteher der               gelt deshalb mit einer eigenen Hochseefischfangflotte und Fi-
270-Seelen-Gemeinde Naviavia auf Fidschi. Das Dorf ist ein-          schereiindustrie. Aber dafür braucht es Platz, grosse Mengen
gerahmt von Kokospalmen und einem kleinen Fluss. Ein                 Süsswasser und andere Rohstoffe. Alles Dinge, die auf Kiribati
paar Männer haben sich in der Abendsonne zum Palavern                selbst nur sehr begrenzt zur Verfügung stehen, die es aber
versammelt. Rundherum zwitschern die Vögel. Kinder war-              rund um Naviavia gibt.
ten auf das Nachtessen, während ein Dutzend junger Män-                 Dort übt man sich noch in vorsichtigem Optimismus.
ner Rugby spielen.                                                   «Wir hier im Pazifik sind doch irgendwie alle vom selben
    Doch die Zukunft ist ungewiss. Denn die kleine Gemeinde          Schlag», sagt Efraimi Tangenagitu. Aber sein rundes Gesicht
liegt mitten in dem Gebiet, das jetzt dem Staat Kiribati gehört.     wirkt etwas angespannt. Als die Pläne Kiribatis den Dorfbe-
Und der hat hier viel vor. «Man hat uns gesagt, sie werden hier      wohnerInnen unterbreitet wurden, gab es Bedenken, ob das
Landwirtschaft betreiben, vor allem Maniok und andere Wur-           Zusammenleben gut klappen würde, schon allein wegen der
zeln anbauen», erklärt Sade Marika. Fragt man Reteta Rimon,          unterschiedlichen Sprachen. Gefragt, ob sie mit dem Verkauf
Kiribatis Botschafterin in Fidschi, dann erfährt man, dass das       einverstanden sind, wurden sie hier sowieso nie. Das Land
wohl nur ein Teil der Wahrheit ist. «Es gibt Überlegungen, un-       gehörte der anglikanischen Kirche. Die hatte den Bewohne-
seren Fischereisektor auszubauen», sagt die elegante Dame.           rInnen von Naviavia lediglich ein Nutzungsrecht eingeräumt.
Die 33 Inseln und Atolle, aus denen Kiribati besteht, sind über      Nach dem Verkauf bleiben ihnen jetzt noch gut 120 Hektar
eine Fläche von 3,5 Millionen Quadratkilometern verteilt, da-        zur Bewirtschaftung. Das Leben wird sich hier durch den Kli-
zwischen liegen einige der reichsten Thunfischfanggebiete des        mawandel grundlegend ändern.
Pazifischen Ozeans. Kiribati verpachtet zwar die Fanglizenzen,
aber den grossen Profit machen andere. Die Regierung liebäu-                                                Bastian Hartig ist freier Journalist in Bangkok.

                                                                                                                                                                              19
AMNESTY Juni 2018
DOSSIER_ KLIMAWANDEL

       Der Klimawandel verschärft die schweren
       Dürre­perioden, von welchen Thailands
       Reisbauern und -bäuerinnen immer wieder

                                                                                     © Sukree Sukplang / Reuters
       getroffen werden. Ernteausfälle treiben sie
       in die Hände von Kredithaien.
       Von Mathias Peer. Mitarbeit: Pintong Lekan

       Fehlt der Regen, dann fehlt der Reis
                    K   urz bevor die Regenzeit beginnt, hat Laam Lakul viel auf
                        ihrem Feld zu tun. Zusammen mit HelferInnen pflügt
                    die Bäuerin aus Ban Pho Tak, einem kleinen Dorf im Nordos-
                                                                                                            Niño-Jahre. Die Wetterkapriolen entstehen, wenn relativ
                                                                                                            warmes Oberflächenwasser über den tropischen Pazifik
                                                                                                            Richtung Osten strömt. Der Klimawandel, sagen ExpertIn-
                    ten Thailands, dann ihren fast vier Hektar grossen Acker um.                            nen, führe dazu, dass die extremen Verhältnisse öfter und
                    Hinterher verteilt sie die Reissamen über dem Boden. Und                                heftiger auftreten. In Thailand treffen die Folgen vor allem
                    dann hofft sie auf ihr Glück. Wenn es genug regnet, hat die                             die Ärmsten des Landes.
                    66-Jährige ein gutes Jahr. Dann erntet sie weit mehr Reis, als                              Während Frau Laam im Frühjahr 2016 auf ein bisschen
                    ihre Familie essen kann. Doch bleibt der Regen aus, dann                                Niederschlag hoffte, waren die Pools in den Hotelanlagen des
                    fehlt auch die Ernte. Stattdessen droht die Schuldenfalle.                              Urlaubslandes so voll wie gewöhnlich, auch die Fabriken in
                       An die letzte Dürre kann sich Frau Laam noch gut erin-                               den grossen Industriegebieten östlich der Hauptstadt Bang-
                    nern. Erst zwei Jahre ist es her, dass Ban Pho Tak so trocken                           kok wurden weiterhin mit ausreichend Wasser versorgt, um
                    war wie ein Wüstendorf. «Ich war nervös, ich hatte Angst»,                              die Produktion nicht weiter zu stören. Nur für die Landwir-
                    sagt sie. «Ich wusste nicht, ob wir genug zu essen haben wer-                           tinnen, die vor allem vom Reisanbau leben, hatten die Behör-
                    den.» Das Wetterphänomen El Niño sei schuld, dass es schon                              den schlechte Nachrichten: Die Schleusen der Bewässerungs-
                    das zweite Jahr in Folge viel weniger Niederschlag gebe als                             systeme blieben in vielen Gemeinden dicht. Das wenige
                    sonst, erklärten MeteorologInnen damals. Frau Laam und                                  Wasser, das sich in den Stauseen angesammelt hat, werde in
                    ihre Familie zählten zu den Leidtragenden: Statt 200 Säcken                             den Städten dringender gebraucht – hiess es. Die Bauern hat-
                    Reis, die ihr Feld normalerweise abwirft, passte die gesamte                            ten das Nachsehen.
                    Ernte in 50 Säcke. Die Kredite, die sie zuvor für den Kauf von                              «Wohngegenden und Industrieviertel haben aus Sicht der
                    Düngemitteln aufgenommen hatte, wurden trotzdem fällig.                                 Regierung bei Wasserknappheit Priorität. Die Landwirtschaft
                    «Mein Sohn arbeitet in der lokalen Verwaltung», erzählt                                 steht an der letzten Stelle», sagt Danny Marks, der für das Pro-
                    Laam. «Wir waren auf sein Geld angewiesen.»                                             jekt «Urban Climate Resilience in Southeast Asia» der Univer-
                                                                                                            sität von Toronto untersucht hat, wie Gemeinden in Thailand
                       Es trifft die Ärmsten Die jüngsten Dürren trafen                                     vom Klimawandel betroffen sind. Neben den Bauern und Bäu-
                    nicht nur Ban Pho Tak mit voller Wucht. Mehr als 40 von                                 erinnen sieht er noch eine weitere Gruppe, die mit besonders
                    Thailands 76 Provinzen meldeten während des Höhepunkts                                  grossen Problemen zu kämpfen hat: die SlumbewohnerInnen
                    der Krise akuten Wassermangel. In 15 Provinzen wurde we-                                am Rand von Thailands aufstrebenden urbanen Zentren.
                    gen des fehlenden Regens sogar der Katastrophenfall ausge-                                  In Khon Kaen, der grössten Stadt in Thailands Nordosten,
                    rufen. Dürren wie diese sind in der Region typisch für El-                              leben sie am südlichen Stadtrand. Entlang der Eisenbahn-
                                                                                                            schienen findet sich die Siedlung Rop Muang 1, in der Danny
                                                                                                            Marks im vergangenen Jahr sechs Wochen verbracht hat. Der
                                                                                                            Forscher beschreibt die EinwohnerInnen der Gemeinde als
       Mathias Peer ist freischaffender Reporter in Bangkok.                                                Menschen, die für den wirtschaftlichen Aufstieg der Stadt

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