4| 2019 - Der Paritätische Gesamtverband

 
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                  4| 2019

Nachrichten | Berichte | Reportagen
4| 2019 - Der Paritätische Gesamtverband
Schwerpunkt
                                                                                         Inhalt

                                                 Editorial         3
                                                 Schwerpunkt: Digitalisierung
                                                 #GleichVielMehrImNetz                                 4
                                                 Nur noch schnell ein Leben retten                     7
                                                 Apps in der Wohlfahrt. Eine Auswahl                   9
                                                 Digitale Selbsthilfe                                 11
                                                 Drei Fragen an Gerlinde Bendzuck,
                                                 Deutsche Rheuma-Liga Bundesverband e.V.              12
                                                 Drei Fragen an Dr. Thomas Hambüchen,
                                                 Drogenhilfe Köln                                     13
                                                 Wenn aus Spaß Ernst wird.
                                                 Die Sucht nach Online-Glücksspielen                  14
                                                 Digitale Medien und Kinder:
                                                 Kompetenzen Fördern statt verbieten                  16
                                                 Weniger Jobs im digitalen Arbeitsmarkt?              18

                                            45
                                                 Gewusst wie – Facebook barrierearm/Karikatur         19
                                                 Digital ist besser?
                                                 Digitalisierung und Technisierung in der Altenpflege 20
                                                 Drei Fragen an Johannes Hundshammer,
                                                 Computerspende Regensburg                            21
                                                 Geflüchtetenhilfe im digitalen Zeitalter.
                                                 Ein Praxisbericht                                    22
                                                 Geschichten im Netz erzählen.
                                                 Der ASB-Wünschewagen                                 23
                                                 Menschenfeindlichkeit im Internet                    24
                                                 Drei Fragen an Benedikt Geyer,
                                                 Podcaster bei „Irgendwas mit Menschen“ (IWMM)        25

                                                 Sozialpolitik
                                                 News und Presse                                     26
                                                 Frühe Hilfen und geschlechtliche Vielfalt.
                                                 Wer braucht was – warum, wofür?                     28
                                                 Buchbesprechung und neue Veröffentlichung           29

                                                 Verbandsrundschau

                                          1885
                                                 Das war die Aktionswoche Selbsthilfe                30
                                                 Paritäter*innen auf der Straße                      32
                                                 Termine, Termine, Termine...                        34
                                                 Rahmenverträge, Bildnachweise, Impressum            35

                                                                 Nicht nur gedruckt
                                                                 sondern auch unter
                                                               facebook.com/paritaet
                                                                                    itaet
                                                             bei Twitter unter @par
                                                                                       t
                                                              bei Instagram als paritae

                                                  Dieses Magazin kann als barrierefreie pdf-
                                                  Datei im Internet heruntergeladen werden:
                                          32                   www.paritaet.org

2   www.der-paritaetische.de   4 | 2019
4| 2019 - Der Paritätische Gesamtverband
Editorial

                                                                       Professor Dr.
                                                                   Rolf Rosenbrock,
                                                                   Vorsitzender des
                                                                        Paritätischen
                                                                   Gesamtverbands
Liebe Leserinnen und Leser,
die Digitalisierung hat in nahezu allen     und leicht durch ein persönliches Ge-
Bereichen der sozialen Arbeit Einzug        spräch vermittelt werden kann, ist
gehalten, wenn auch in unterschied-         grundsätzlich auch digital möglich;
licher Geschwindigkeit und Ausprä-          aber es stellt die soziale Arbeit durch
gung. Von den Frühen Hilfen über die        die individualisierte, anonyme Hilfe
KiTa, die Schule, die Ausbildung bis        vor neue Herausforderungen, die ange-
zur Selbsthilfe, von familienorien-         gangen werden müssen. Gleichzeitig
tierten Angeboten bis hin zur pflege-       eröffnen sich durch die Digitalisierung
rischen Versorgung und zur Arbeit mit       neue Chancen, sowohl Fachkräfte als
Geflüchteten. Dabei müssen immer            auch Freiwillige zu gewinnen und die-
mehrere Aspekte gleichzeitig im Fo-         se in ihrem Engagement bei Kommu-
kus stehen: Erstens, die Menschen, für      nikations-, Organisations- und Verwal-
welche eine Organisation eine Lei-          tungsaufgaben zu unterstützen.               serem gesellschaftspolitischen Auf-
stung erbringt. Zweites, die Organisa-      Für die Mitarbeiter*innen können sich        trag. Ethische Implikationen der Digi-
tion selbst. Drittens, die Menschen, die    – bedingt durch die gesamtgesell-            talisierung, wie bspw. von möglichen
in den Organisationen beschäftigt           schaftliche Gewöhnung an jederzeit           Szenarien der Robotik in der Pflege
sind. Viertens müssen wir auch die          verfügbare, internet-basierte Angebote       oder der Behindertenhilfe, aber auch
Metathemen betrachten, die sich aus         – veränderte Ansprüche an die Ar-            Fragen der Anonymität und der Per-
unserem gesellschaftspolitischen Auf-       beitszeiten ergeben. Ein Teil der            sönlichkeitsrechte sind in den Bick zu
trag ergeben.                               Dienstleistungen und Angebote un-            nehmen. Schließlich hat die Digitali-
Für die Menschen, die eine Leistung         serer Mitgliedsorganisationen müssen         sierung auch erhebliche Auswir-
erhalten, scheinen sich durch die zu-       nicht nur innerhalb einer bestimmten         kungen auf den Arbeitsmarkt und die
nehmende Digitalisierung erst einmal        Tageszeit verfügbar sein. Durch die          Qualifikationsanforderungen.
Hürden zu verringern. Menschen mit          Etablierung digitaler Technologie in         In der aktuellen Ausgabe unseres Ver-
Mobilitäts-, Sinnes- oder kognitiven        unserem Leben verändern sich nicht           bandsmagazins berichten und disku-
Einschränkungen bspw. können barri-         nur die Dienstleistungen, sondern            tieren wir über diese und weitere As-
erearm aufbereitete Angebote abrufen.       auch der Rhythmus und der Bedarf, in         pekte des dynamischen Verlaufs der
Sie sparen sich Wege, sie können ihre       Richtung auf rund-um-die-Uhr-Ver-            Digitalisierung in der sozialen Arbeit.
Zeit so einteilen, wie sie sie benötigen.   fügbarkeit von Angeboten. Unsere Mit-        Dabei stellen wir Ihnen auch unser
Vor allem: ihre Einschränkung spielt        gliedsorganisationen müssen sich da-         neues Projekt #GleichImNetz vor, des-
erst einmal keine Rolle – digital ist       rauf einstellen, dass ihre Angebote ei-      sen Ziel es ist, die Sichtbarkeit sozialer
neutral. Auf der anderen Seite benöti-      nerseits nicht nur digital verfügbar         Organisationen im Internet zu stei-
gen die Nutzer*innen die notwendige         sind, sondern auch immer dann abge-          gern und unsere sozialen Werte in
digitale Kompetenz, um die Angebote         rufen werden, wenn sie benötigt wer-         Online-Debatten zu platzieren. Ich
sinnvoll nutzen zu können. Viele der        den. Forderungen nach neuen Arran-           wünsche Ihnen dabei spannende Lek-
digitalen Angebote sind (noch) nicht        gements in der Arbeitszeit werden laut.      türe.
derart zugänglich, dass sie tatsächlich     Sie müssen soweit es geht mit den Be-
Inklusion sicherstellen. Als Paritäter*­    dürfnissen der Klient*innen in Ein-          Herzlich, ihr
innen müssen wir uns aber dafür ein-        klang gebracht werden. Eine immer-
setzen, dass auch digital kein Mensch       Verfügbarkeit von profitorientierten
ausgegrenzt und digitale Partizipation      Angeboten ist nicht immer schon ein
für alle Menschen sichergestellt wird.      ausreichender Grund für eine immer-
Digitalisierung wirkt häufig zudem in-      Verfügbarkeit von sozialen Diensten.
dividualisierend. Man denke bspw. an        Hier gilt es, die Diskussion mit den
eine App zur Schuldnerberatung, in          Klient*innen zu suchen und den tat-
der sich jeder unpersönlich und schnell     sächlichen Bedarf und mögliche Kom-
Hilfe holen kann. Die Vernetzung mit        promissräume zu ermitteln.
anderen Hilfesystemen, wie sie bei          Die Beachtung und Bearbeitung von
multiplen Problemlagen notwendig ist        Metathemen begründen sich in un-

                                                                                        www.der-paritaetische.de   4 | 2019      3
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Schwerpunkt

W
             ie können wir sozialen Or-     paritaet.de, auf der sich alle Paritä-      samtverband, die Landesverbände und
             ganisationen zu mehr In-       tischen Organisationen im Netz zeigen       die Mitglieder seien gleichwertig im
             ternetpräsenz verhelfen?       können, und das Paritätische Facebook-      Netz vertreten und könnten alle auf
Wie können wir unsere Werte – Offen-        Wohnzimmer, als Raum des Aus-               gleicher Ebene kommunizieren.
heit, Vielfalt, Toleranz – in Online-De-    tauschs und Gestaltung. Die Online-         „Der Paritätische lebt deutlich mehr
batten gut platzieren? Wie können wir       Scouts entwickelten neue Ideen und          von Kommunikation als die anderen.
uns untereinander mit Hilfe digitaler       verteilten untereinander erste Aufga-       Wir sind der einzige richtige Dachver-
Kommunikationsmittel noch besser            ben. Und selbstverständlich war zwi-        band unter den Verbänden“, so Schnei-
vernetzen und zusammenarbeiten? An          schendurch auch immer noch Zeit für         der. Wenn man bei der Kommunikati-
diese Fragen knüpft das Projekt             einen Kaffee und gemütlichen Aus-           on nicht dranbliebe, drohe die Über-
#GleichImNetz des Paritätischen Ge-         tausch untereinander.                       flüssigkeit. Der Paritätische habe in-
samtverbands an, das am 13. und 14.         „Heute wird sich im Paritätischen sehr      zwischen auch großen politischen
Juni in der Neuen Mälzerei in Berlin        viel sehr gravierend ändern“, sagte der     Einfluss und gestalte die öffentliche
seinen Auftakt hatte. Knapp 100             Hauptgeschäftsführer des Paritä-            Meinung. „Davor haben mittlerweile
Paritäter*innen aus Landesverbänden         tischen Gesamtverbands, Dr. Ulrich          alle einen Riesen-Respekt.“ Es sei
und Mitgliedorganisationen kamen in         Schneider, zum Auftakt der Veranstal-       wichtig, die Paritätischen Werte ins
ihrer Funktion als Online-Scouts zu         tung. Sei das Internet, so wie er es in     Netz zu tragen und denen etwas zu
der zweitägigen Veranstaltung, um           frühen Jahren erlebten, noch unpoli-        entgegnen, die das nicht täten.
sich untereinander zu vernetzen und         tisch und unstrategisch gewesen, habe       „Es gibt keinen Masterplan, aber es
gemeinsam in die Planung für eine ge-       sich die Kommunikation inzwischen           gibt eines: Wir haben zum Erfolg keine
meinsame Zukunft im Netz zu gehen.          stark politisiert und instrumentali-        Alternative“, resümierte Schneider
Zwei Tage lang sorgte ein intensives        siert. Besonders der Umgang der tradi-      und gab den Teilnehmer*innen mit
Programm aus Workshops, Challen-            tionellen Medien ist ein anderer, stellte   auf den Weg: „Von der Veranstaltung
ges, Vorträgen und Talks für abwechs-       Schneider fest: „Wenn heute auf Twit-       muss etwas ausgehen, auf das man in
lungsreiche Bildung. Vom Umgang             ter und Facebook etwas passiert, grei-      fünf Jahren stolz blicken kann. Ich
mit rechten Trollen im Netz über            fen es die Printmedien auf und damit        freue mich, dabei zu sein.“
Crossmediales Storytelling, bis hin zu      haben Facebook und Twitter eine
juristischen Fragen zum Datenschutz         Reichweite, die weit über sie selbst hi-                 www.wir-sind-paritaet.de
gab es viel Neues zu lernen und einiges     nausgeht.“ Die veränderte Kommuni-                  Das Paritätische Wohnzimmer:
zu vertiefen. Im Mittelpunkt stand die      kation wirke sich auch auf die Struk-         fb.com/groups/gleichvielmehrimnetz/
gemeinsame Plattform www.wir-sind-          turen des Paritätischen aus. Der Ge-

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                                         „Zivilgesellschaft kann nicht nur offline
                                         stattfinden. Es liegt an jedem, sich auch
                                         online für Menschenwürde und Gleich-
                                         wertigkeit einzusetzen.“

                                         Stefan Lauer
                                         Amadeu Antonio Stiftung

„Um unabhängig von Presseberichter-
stattung zu sein, sind soziale Medien
ideal. So können wir selbst bestimmen,
wie wir uns darstellen und welche In-
halte uns wichtig sind. Darüber hinaus
macht es einfach Spaß, Content und
Bildsprache zu entwickeln.“

Mareike Geiling
Flüchtlinge Willkommen e.V.

                                         „Mithilfe digitaler Medien können sich
                                         Organisationen schnell und interaktiv
                                         mit Unterstützern austauschen.
                                         Organisationen sollten diese Chance
                                         nutzen, um engagierte Menschen zu er-
                                         reichen und um neue Formen des sozi-
                                         alen Engagements zu schaffen.“

                                         Martin Hodsman
                                         Aktion Deutschland Hilft e.V.

                                                              www.der-paritaetische.de   4 | 2019   5
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    „Viele Menschen, jung und alt, kommu-
    nizieren und informieren sich heutzuta-
    ge mehr oder weniger ausschließlich
    über digitale Medien. Die digitale Welt
    ist nicht „virtuell“, sondern sie ist Le-
    bensrealität. Wer die Menschen dort
    nicht abholt, wo sie sich befinden - im
    Netz, wird den Kontakt zu ihnen zuneh-
    mend verlieren.“
    Dr. Till Kreutzer, iRightsLaw

    „Das Social Web ist wie eine gute
    Freundschaft, deshalb verhalte dich
    auch so wie in einer Freundschaft. Sei
    immer authentisch, sage deine Meinung,
    nimm dich selbst nicht zu ernst, sei
    schlagfertig und aufregend und du wirst
    ewig von dieser Freundschaft profitie-
    ren.“
    Frank Büch
    Leiter Marketing BVG

                                                   „Es war noch nie so leicht, seine Mei-
                                                   nung, Idee oder Arbeit ortsunabhängig
                                                   und gratis zu publizieren um damit un-
                                                   glaublich viele Menschen zu erreichen.
                                                   Soziale Organisationen sollten dieses
                                                   Potential nutzen um das Engage-
                                                   ment in den Sozialen Medien
                                                   weiter zu fördern.“
                                                   Nils Anders
                                                   Der Paritätische Gesamtverband

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4| 2019 - Der Paritätische Gesamtverband
Schwerpunkt

Nur noch schnell ein Leben retten
Bei einem Notfall wählt man die 112 und
dann kommt der Rettungsdienst. Das
ist auch heute noch so. Gut, dass fast
alle inzwischen ein Smartphone in der
Tasche haben. Und damit kann man be-
kanntlich nicht nur telefonieren, sondern
auch vieles anderes: Zum Beispiel alter-
nativ zum Anruf auch eine App in Notfall
nutzen. Der Arbeiter-Samariter-Bund in
Schleswig-Holstein macht‘s vor mit der
„Saving Life“-App.

B
       ea Klatte kniet auf dem Boden        auf Protest der Feuerwehrleute: „Zu        keiner hat mit der Wiederbelebung
       und presst auf den Brustkorb der     makaber.“                                  begonnen.“
       vor ihr liegenden Gestalt. Um sie    54 Mitglieder hat die Wehr, alles Eh-      Deutschland steht bei der Zahl so ge-
herum stehen Männer und Frauen in           renamtliche. Zu rund 20 Einsätzen          nannter Laienrettungen im europä-
den blauen Uniformen der Freiwilli-         müssen sie pro Jahr ausrücken, berich-     ischen Vergleich weit hinten: Nur in
gen Feuerwehr Vaale-Nutteln. Die            tet Feuerwehrmann Thomas Schall-           rund 30 Prozent der begonnenen Rea-
Stimmung ist entspannt, dies ist nur        hofer. Meist gehe es um technische         nimationen trauen sich Nicht-Profis zu
eine Übung. Dennoch wissen alle im          Hilfen oder Unfälle mit Tieren: „Eine      helfen. In Holland und den skandina-
Raum, worum es geht: Leben zu ret-          Kuh im Weiler hatten wir schon, und        vische Länder sind es 60 bis 80 Pro-
ten. Das klappt in Deutschland seltener     neulich steckte ein Pferdehuf im Ge-       zent.
als anderswo. Jährlich sterben bundes-      stänge fest.“ Aber sie haben auch schon
weit 100.000 Menschen am so genann-         die harten Einsätze erlebt, Brände, Un-    Je 190 Erste-Hilfe-Kurse in Dänemark
ten plötzlichen Herztod. Viele wären        fälle mit Schwerverletzten und Ster-       und Deutschland
                                            benden. Dafür trainieren sie.              „Hier setzt unser Projekt an“, sagt Ste-
zu retten, wenn Anwesende buchstäb-
                                                                                       phan Andersen, Referent für Notfall-
lich be-herzter eingreifen würden. In       Über 1000 Gemeinden gibt es Schles-
                                                                                       versorgung beim ASB Schleswig-Hol-
Schleswig-Holstein sorgt der Landes-        wig-Holstein, viele Dörfer und Ge-
                                                                                       stein. Denn die mangelnde Hilfsbereit-
verband des Arbeiter-Samariter-Bundes       höfte, die einsam zwischen Äckern
                                                                                       schaft entstehe nicht aus bösem Wil-
(ASB) in einem Modellversuch dafür,         liegen. Weite Wege für Rettungswa-
                                                                                       len, sondern aus Unsicherheit. So geht
dass Ersthelfer schnell zum Einsatzort      gen, mit gefährlichen Folgen, denn bei
                                                                                       es im Projekt „Saving Life“, für das
gelangen. Dabei hilft eine App. Schon       einem Herzstillstand beginnt das Ge-
                                                                                       sich der ASB und die Dansk Folkeh-
6000 Freiwillige haben sich den digi-       hirn schnell abzusterben. Drei Minu-
                                                                                       jælp (Dänische Volkshilfe) zusammen-
talen Alarmknopf heruntergeladen.           ten ohne Sauerstoff gelten als Grenze,
                                                                                       getan haben, zuerst darum, neue Erst-
Klatte beendet die Wiederbelebung der       bis zu der ein Mensch ohne größere         helfer auszubilden. Mit finanzieller
Trainingspuppe und streicht sich das        Schäden vom Tod zurückgeholt wer-          Unterstützung aus EU-Mitteln bieten
Haar aus der Stirn: Ob Übung oder           den kann.                                  beide Vereine in Deutschland und Dä-
nicht, die Prozedur ist anstrengend.                                                   nemark über mehrere Jahre je 190
Pressen, kurz loslassen, wieder pres-       Zu wenig Laienretter in Deutschland        Erste-Hilfe-Kurse an. Die Zielgruppe
sen – das ist der Überlebensrhythmus.       „Mich erschreckt am meisten, dass fast     sind hauptsächlich Menschen, die sich
Es gibt Musikstücke, deren Takt wie         immer andere Leute beobachten, wenn        mit Notfall-Situationen auskennen,
gemacht dafür ist, etwa der Disco-Klas-     jemand mit einem Herzstillstand zu-        etwa Feuerwehrleute. „Wir haben ge-
siker „Stay-stay-stay-stay – staying ali-   sammenbricht“, sagt Übungsleiterin         hofft, dass viele von ihnen bereit sind,
ve“. Klattes Vorschlag,man könne            Bea Klatte, die ehrenamtlich für den       auch den zweiten Schritt zu gehen“,
auch die ACDC-Hymne „Highway to             ASB tätig ist. Auch im eigenen Umfeld      sagt Andersen. „Und bisher läuft es tat-
hell“ im Takt mitsumen, stößt beim          hat sie einen solchen Fall erlebt: „Der    sächlich noch besser als erwartet.“
Übungsnachmittag in dem kleinen             Vater einer Freundin fiel um, Familie-     Dieser zweite Schritt ist der Kern des
Ort im südlichen Schleswig-Holstein         mitglieder und Freunde fanden ihn –        Projekts „Saving Life“. Die Paritätische

                                                                                      www.der-paritaetische.de   4 | 2019    7
4| 2019 - Der Paritätische Gesamtverband
Schwerpunkt

Mitgliedsorganisation hat eine App
entwickeln lassen, mit der ausgebildete
Ersthelfer über die Leitstelle informiert
und zu einem Bewusstlosen geleitet
werden. Die „Saving Life“-Smartphone-
Applikation ähnelt der Ersthelfer-App
„Meine Stadt rettet“ der Münchener
Firma Ecorium. Kein Zufall, erklärt
Andersen: Tatsächlich arbeiten der
ASB-Landesverband und Ecorium zu-
sammen. Dritter Partner ist das Uni-
versitätsklinikum Schleswig-Holstein
mit dem Institut für Rettungs- und
Notfallmedizin (IRuN) in Kiel.
Das Verfahren ist für die Beteiligten
einfach: Freiwillige installieren die
App auf ihrem Smartphone. Sie geben
dabei an, ob sie eine medizinische Aus-      Die 19-jährige Bea Klatte leitet im Auftrag des ASB das Wiederbelebungs-Training.
bildung besitzen oder jüngst einen Le-
bensrettungskursus absolviert haben.         Die Helfer dürfen jederzeit ohne Anga-     Inzwischen sind mehrere Leitstellen
Erhält die Leitstelle einen Notruf, se-      be von Gründen einen Ruf ablehnen,         in Schleswig-Holstein beteiligt, und
hen die Disponenten die eingeschal-          betont Stephan Andersen vom ASB:           immer mehr Freiwillige laden sich die
teten Smartphones als Signale auf ih-        „Man muss sich nicht rechtfertigen, ob     App herunter. „Auch nach Ende der
rem Bildschirm.                              man gerade unter der Dusche steht,         Modellphase 2020 wird das Projekt
Helfer, die in der Nähe des Bewusst-         seine Kinder betreut oder arbeitet. Es     bleiben“, sagt Stephan Andersen. Er
losen sind, werden automatisch über          geht nur darum, ob man schnell vor         wünscht sich, dass die Idee, die im ver-
die App angefragt: „Wir stellen uns          Ort sein kann.“                            gangenen Dezember mit dem ersten
sozusagen im Namen des Hilfesu-              Die App kann zeitweise deaktiviert         Preis des Wettbewerbs „Helfende
chenden an die Straße und rufen um           werden, etwa während der Arbeits-          Hand“ des Bundesinnenministeriums
Hilfe“, sagt Sebastian Wenk, Dispo-          stunden. Denn ehrenamtliche Ersthel-       ausgezeichnet wurde, auch in anderen
nent in Schleswig-Holsteins Rettungs-        fer sind zwar während des Einsatzes        Ländern übernommen wird: „Nach-
leitstelle Süd. Hier wird die App-Tech-      versichert, erhalten aber keine Ent-       machen erlaubt!“
nik seit Herbst 2018 eingesetzt, seit        schädigung für etwaigen Lohnausfall.       Bea Klatte, die das Training für die
Dezember ist sie in den Regelbetrieb         „Aber wenn wir in Unternehmen Wie-         Feuerwehrleute in Vaale-Nutteln leitet,
übernommen.                                  derbelebungs-Trainings veranstalten        hat die Saving-Life-App bereits auf ih-
Wenk sieht große Vorteile. Zwar er-          und die Saving-Life-App vorstellen,        rem Smartphone, musste sie aber in
fahre die Leitstelle nur selten, was nach    erhalten wir eigentlich immer die Zu-      jüngster Zeit oft ausschalten: „Ich habe
dem Rettungseinsatz mit den Pati-            sage, dass Leute ohne Nachteile zum        Abi-Prüfungen geschrieben, da hätte
enten geschehe, aber die App hole ei-        Rettungs-Einsatz gehen dürfen“, be-        ich leider nicht zu einem Einsatz ge-
nen Zeitvorteil heraus, eben jene kost-      tont Andersen.                             hen können“, sagt die 19-Jährige. Das
baren Minuten, die zwischen Leben                                                       Thema Lebensrettung begleitet sie von
und Tod, Gesundheit und Hirnscha-            Auch nach der Modellphase                  kleinauf: „Meine Mutter war Sanitäte-
den liegen.                                  geht es weiter                             rin bei der Bundeswehr, inzwischen
                                             Im Idealfall werden drei Ersthelfer zu     arbeitet sie beim ASB.“ So fing auch
App kann zeitweise deaktiviert werden        einem Bewusstlosen geschickt: Der          die Tochter als Ehrenamtliche dort an.
Bedenken habe die Leitstelle nicht,          erste beginnt mit der Herz-Lungen-         „Erst, um meine Mutter öfter zu sehen,
wenn sie Wildfremde zum Retten               Wiederbelebung. Der zweite holt einen      dann aus Spaß am Helfen.“ Nun macht
schickt, schließlich führt Nichthan-         Defibrillator, der dritte kann Angehöri-   die Gymnasiastin aus ihrer Leiden-
deln immer zum Tod – jede Hilfe ist          ge beruhigen oder dem Notarzt den          schaft einen Beruf: Im Herbst beginnt
besser als keine. „Die Angehörige, die       Weg zeigen. Denn der Rettungswagen         sie eine Pflegeausbildung. Bis dahin
uns anrufen, sind meist emotional be-        wird natürlich gleichzeitig in Bewe-       wird sie ihre „Saving life“-App häufiger
lastet und freuen sich, wenn schnell je-     gung gesetzt. Durch die Zusammenar-        aktivieren – und kann vielleicht mal
mand kommt“, sagt Wenk. „Und wer             beit mit dem Rettungswesen in Däne-        eben einen Menschen retten.
sich die App herunterlädt, muss einen        mark soll es mittelfristig möglich sein,
aktuellen Lebensrettungskursus nach-         im Grenzgebiet Ersthelfer aus beiden                              Esther Geißlinger
weisen, ist also fähig zu helfen.“           Staaten zu alarmieren.

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4| 2019 - Der Paritätische Gesamtverband
Apps in der
                                                                         Wohlfahrt
                                                                      eine Auswahl
                                                                      Application Software, kurz Apps genannt, sind aus
                                                                      unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Und da-
                                                                      mit natürlich auch nicht mehr im sozialen Bereich.
                                                                      Denn nicht nur Bankgeschäfte, Musikstreaming
                                                                      oder Kurznachrichten lassen sich mit den kleinen
                                                                      Handyprogrammen erledigen - sie können auch
                                                                      beispielsweise Hilfen für behinderte Menschen
                                                                      sein. Viele Mitgliedsorganisationen des Paritä-
                                                                      tischen sind mit ganz unterschiedlichen Apps ver-
                                                                      treten. Wir stellen hier einige vor!
                                                                      Alle* Apps Android- und Apple-Geräte in den je-
                                                                      weiligen App-Stores erhältlich.

              Rheuma-Auszeit                         Home-Testing-App                           Covergestaltung
                                                                                                mbeon – Messen-
               Die App der Deut-                     Seit Oktober 2018                          gerberatung für
               schen Rheuma-Liga                     dürfen HIV-Tests für                       Zuwanderer*innen
               soll Betroffene mit                   den Heimgebrauch
hilfreichen, kleinen Übungen durch     auch an Privatpersonen verkauft
                                                                                 Die App der Informationsseite mbe-
den Alltag begleiten.                  werden. Deswegen bietet die AIDS-
                                                                                 on.de von der Migrationsberatung
                                       Hilfe Sachen-Anhalt mit dieser App
                                                                                 für erwachsene Zuwanderer (MBE),
Die meisten Übungen liegen als         die Möglichkeit, nicht nur einen
                                       Heimtest zu erwerben, sondern lie-        an der auch der Paritätische Ge-
Audio-Dateien vor. Sie können zu
                                       fert mit der Home-Testing-App auch        samtverband beteiligt ist, möchte
Hause, bei der Arbeit oder unter-
                                       die Erstberatung mit. Der Vorteil zu      Zuwander*innen Orientierung und
wegs über die Lautsprecher des Te-
                                       anderen Angeboten ist, dass man           Hilfe bieten. Zur Verfügung stehen
lefons oder Kopfhörer angehört wer-
                                       bei dem Test nicht „allein gelassen“      Informationen zu folgenden Be-
den. Das Repertoire umfasst:
                                       werde, schreiben die Anbieter.            reichen:
                                       Die App beinhaltet Tipps zu Safer         • Deutsch lernen
•   Progressive Muskelentspan-         Sex, Gebrauchsanweisungen, sowie
    nung & Passive Entspannung                                                   • Arbeit und Beruf
                                       eine Testauswertung. Sollte der Test
•   Selbstmassage                                                                • Gesundheit
                                       „positiv“ sein, kann man direkten
•   Gedankenreisen                                                               • Wohnen
                                       Kontakt zu Berater*innen für die
•   Kälte- & Wärmebehandlungen                                                   • Familie
                                       eigene Region zuständigen AIDS-
•   Bewegungstraining                  Hilfe aufnehmen. Dies geht durch          • Aufenthalt
                                       einen WhatsApp-Chat, Email oder           Außerdem       kann    man     mit
Diese App ist so konzipiert, dass so   Telefongespräch.                          Mitarbeiter*innen der Migrations-
wenig personenbezogene Daten wie                                                 beratung direkt chatten und Bera-
möglich erhoben werden.                           *Apple-Version in Planung      tungsstellen in der Nähe suchen.

                                                                              www.der-paritaetische.de   4 | 2019     9
4| 2019 - Der Paritätische Gesamtverband
Schwerpunkt

                Tiergarten                                 Inklumoji - Aktion                      MS Kognition
                Nürnberg                                   Mensch
                                                          Wir alle benutzen in                     Diese App richtet sich
                Den      Nürnberger                       unserer     täglichen                    an alle, die an Multip-
                Tiergarten kann man                       Kommunikation mit                        ler Sklerose leiden
 nun auch barrierefrei erleben. In           dem Handy Emoticons, die Erweite-      und wurde entwickelt von der Deut-
 Kooperation mit dem Paritätischen           rungen des klassischen Smileys.        schen Multiple Sklerose Gesell-
 Landesverband Bayern wurde diese            Die allermeisten davon zeigen je-      schaft.
 App für Personen mit Mobilitätsein-         doch keine Menschen mit Behinde-       Ziel der App ist die spielerische Stär-
                                                                                    kung der kognitiven Fähigkeiten
 schränkungen entwickelt.                    rungen.
                                                                                    nicht nur für MS-Erkrankte.
 Die mobilitätseingeschränkte Navi-
 gation bietet:                              Inklumoji von der Aktion Mensch
                                                                                    Die Übungen von MS Kognition
                                             möchte diese Lücke schließen. Nach
                                                                                    wurden zusammen mit Expert
 •    Ausschließen von Steigungen            dem kostenlosen Download und der
                                                                                    *innen entwickelt und bieten spezi-
 •    Ausschließen von Treppen               Aktivierung der Emoji-Tastatur be-
                                                                                    elle wissenschaftlich fundierte
 •    Anzeige von Barrieren und              steht die Möglichkeit, in jedem Mes-   Übungen zu folgenden Bereichen:
      Hindernissen                           senger nun inklusive Emojis, zum       • Aufmerksamkeit: Fokussierte
 •    Meiden bestimmter                      Beispiel kleine Figuren in Rollstüh-       und geteilte Aufmerksamkeit
      Oberflächen                            len, zu posten.                        • Gedächtnis: Arbeitsgedächtnis,
                                                                                        Langzeitgedächtnis, Namens-
 Und natürlich auch alle möglichen           Damit zeigt sich auf spielerische          gedächtnis
 Informationen zu den Tieren im              und unterhaltsame Weise, wie wich-     • Exekutivfunktionen: Wortfin-
 Nürnberger Zoo. Sogar ohne                  tig Inklusion ist und wie normal sie       dung, Planungs- & Problem-
 Internetverbindung.                         sein sollte.                               lösefähigkeit

                MV SCHOCKT                                 in.kontakt - Netz-                      KonterBUNT.
                                                           werk pflegende                          Einschreiten für
                MV SCHOCKT ist                             Angehörige                              Demokratie
                ein Projekt des ASB
                                                           Mit dieser App kön-                     Ganz neu ist die App
 Landesverband MV e.V. gegen den
                                             nen sich pflegende Angehörige un-      KonterBUNT. Seit dem 11.06. ist es
 plötzlichen Herztod.                        tereinander vernetzen. Damit soll      möglich, mit KonterBUNT und dem
                                             die klassische Selbsthilfe vor Ort     Smartphone       unmittelbar       auf
 Die MV SCHOCKT App lokalisiert              ergänzt und unterstützt werden.      Stammtischparolen zu reagieren.
 AED-Geräte (Automatisierte Exter-
                                             Funktionen:                            Rassistische, sexistische und son-
 ne   Defibrillatoren,   Defibrillator,
                                             •   Austausch in offenen und ge-       stige menschenverachtende Sprü-
 Defi, Laien-Defibrillator).
                                                 schlossenen Gruppen mit ande-      che fallen meist überraschend. Im
                                                 ren Mitgliedern                    Bus, auf der Familienfeier oder in
 Diese werden auf einer Google               •   Sichere     1:1-Kommunikation      der Kneipe rechnet man vielleicht
 Maps-Karte, zusammen mit detail-                über den Messenger                 nicht damit.
 lierten Informationen zur Anwen-            •   Umfangreicher Wissensbereich
                                                 für pflegende Angehörige           Mit dieser vom Paritätischen Nie-
 dung, dargestellt. Die App beinhal-
                                                                                    dersachen unterstützen App werden
 tet eine Erste-Hilfe-Kurzanleitung,
                                             An der in.kontakt-App ist Wir pfle-    die Nutzer*innen darin geschult,
 einen Notrufbutton sowie eine               gen e.V. beteiligt, deren Landesver-   Schlagfertigkeit spielerisch trainie-
 Funktion zur Meldung eines AED-             band in NRW Mitgliedsorganisation      ren und sich Argumente gegen
 Standortes.                                 beim Pariätischen NRW ist.             rechte Sprüche anzueignen.

10    www.der-paritaetische.de    4 | 2019
Schwerpunkt

Digitale Selbsthilfe
                                                                                        Facebook und soziale Medien sind für
                                                                                        viele Menschen Teil ihrer Lebenswelt.
                                                                                        Es ist offensichtlich, dass heutzutage
                                                                                        eine elementare Form des Selbsthil-
                                                                                        feengagements im digitalen Bereich
 Rund 3,5 Millionen Menschen in Deutschland engagieren sich in der gesundheitlichen     liegt. Immer berücksichtigt werden
 Selbsthilfe. Trotz Wachstums und hoher Professionalisierung hat sich das Prinzip       muss aber, dass bei der digitalen
                                                                                        Selbsthilfe meist hoch vertrauliche In-
 der Selbsthilfe über Jahrzehnte nicht geändert: der gemeinsame Austausch in Grup-
                                                                                        formationen zur eigenen Gesundheit
 pen, also im persönlichen Austausch von Angesicht zu Angesicht. Doch seit einigen
                                                                                        und Persönlichkeit in einem letztlich
 Jahren nimmt die Digitalisierung in der Selbsthilfe immer mehr Raum ein und hat        öffentlichen Raum ausgetauscht oder
 das Gesicht der Selbsthilfe verändert.                                                 (unwissentlich) preisgegeben werden.
                                                                                        Der im Selbsthilfebereich unabding-

I
   nformationsaustausch und Kom-           Die Digitalisierung verändert auch die       bare Schutz von persönlichen Daten ist
   munikation zwischen den Betrof-         Möglichkeiten der Öffentlichkeitsar-         dabei häufig nicht adäquat gewährlei-
   fenen finden in unserer modernen        beit: Was Selbsthilfe ist und wie sie        stet. Die EU–Datenschutzgrundver-
und medialen Welt nicht nur allein         gelebt wird, wird lebendig und unmit-        ordnung, so lästig sie in der Umset-
Face-to-face und in den Selbsthilfe-       telbar nachvollziehbar durch Video-          zung ist und so viele Unsicherheiten
gruppen vor Ort statt. Vielmehr macht      clips, die oft auf YouTube veröffentlicht    sie gerade in der Selbsthilfe hervorruft:
die zunehmende Digitalisierung die         werden. Ganz aktuell hat die NAKOS           sie ist auch eine Chance für die Selbst-
Wege kürzer: Informationen zu Er-          einen Blog als neues Medium ihrer Öf-        hilfe, sorgsam mit hochsensiblen und
krankungen und Problemen aus Be-           fentlichkeitsarbeit online gestellt. Un-     vertraulichen Informationen umzuge-
troffenensicht können im Internet ge-      ter dem Titel „Lebensmutig.“ bloggen         hen. Aktuell führen wir mit Förderung
lesen, Menschen mit seltenen Erkran-       15 junge Autor*innen mit unterschied-        des BMG ein Projekt zur Umsetzung
kungen gefunden und Kontakte ge-           lichen Themen wie Depressionen,              der DSGVO in der Selbsthilfe durch.
knüpft werden, über Messengerdienste       Krebs oder Muskelerkrankungen über           Erste Tipps für Selbsthilfegruppen ha-
werden Termine ausgetauscht oder in        ihre Erfahrungen in Selbsthilfegrup-         ben wir gerade in unserem Themenbe-
Foren über Befindlichkeiten „gespro-       pen, ihre Herausforderungen im Le-           reich „Datenschutz“ auf nakos.de ver-
chen“ – die digitale Welt ermöglicht       ben und ihre ganz persönliche Sicht          öffentlicht.
zeitnahe und niedrigschwellige Suche       auf Themen wie Anderssein, Gemein-           Der vollständige Kommentar auf:
nach Informationen und Austausch           schaft und Inklusion. Durch den Blog         www.paritaet.org
mit Menschen, die an derselben Krank-      soll die junge Selbsthilfe als Netzwerk
heit leiden.                               sichtbarer werden.
Daher ist es nicht verwunderlich, dass     Als bundesweite Fachstelle zur Selbst-
heutzutage fast jede Bundeselbsthilfe-     hilfe beobachten wir einen enormen
organisation eine eigene Homepage          Aufschwung der Selbstorganisation
hat. Angesichts zahlreicher Fragen         von Betroffenen in Form digitaler
nach Unterstützung beim Aufbau ei-         Selbsthilfe. Zum Beispiel: Eine rus-
gener Internetseiten von regionalen        sischsprachige Elterninitiative von
Selbsthilfegruppen hat die NAKOS           Kindern und Jugendlichen mit Behin-
2018 zahlreiche Hinweise und Tipps         derungen aus Berlin gründete eine ei-
auf ihrer „Beispiel-Homepage“ zusam-       gene Internet-Austauschplattform und
mengestellt. Hier erfahren Selbsthilfe-    schafft so einen bundesweiten Rah-
gruppen, was beim Aufbau einer eige-       men für gemeinschaftliche Selbsthilfe.
nen Internetseite zu beachten ist. Auf     Hunderte von Familien haben sich
der Beispiel-Homepage sind auch viele      mittlerweile angeschlossen und bun-
technische Aspekte beschrieben, die        desweite örtliche Selbsthilfegruppen
dabei eine Rolle spielen.                  für reale Begegnungen gegründet.
                                           Oder: Frauen, die nach dem Einsetzen
                                           von Brustimplantaten wieder an Krebs
                                           erkranken organisieren sich auf Face-                 Dr. Jutta Hundertmark-Mayser ist
                                           book, finden an die 1.000 Gleichbetrof-          stellvertretende Geschäftsführerin der
                                           fene und fragen bei der NAKOS an, wie
                                           sie sich nun weiter in der realen Welt
                                           als „Selbsthilfe“ organisieren können.

                                                                                       www.der-paritaetische.de   4 | 2019     11
Schwerpunkt

Drei Fragen an Gerlinde Bendzuck,
Deutsche Rheuma-Liga Bundesverband e.V.
 Gerlinde Bendzuck ist eine vielbeschäftigte Frau. Die studierte Kulturmanagerin
 ist Vorstandsmitglied der Deutschen Rheuma-Liga und in dieser Funktion Mitglied
 im Verbandsrat des Paritätischen. Daneben ist sie ehrenamtliche Vorsitzende der
 Landesvereinigung Selbsthilfe Berlin und Mitglied im Fachgremium Pflege 4.0 der
 Berliner Gesundheitsverwaltung. In jüngster Zeit beschäftigt sie sich besonders mit
 dem Thema Digitalisierung in der Selbsthilfe, schreibt Fachtexte und hält Vorträge.

Frau Bendzuck, blicken Sie eher optimis-       Was muss getan werden, um die Digitali-
tisch oder eher pessimistisch auf die Digi-    sierung in der Selbsthilfe sinnvoll zu ge-
talisierung in der Selbsthilfe?                stalten?
Als Selbsthilfe-Aktive halte ich eine          Nichts über uns ohne uns! Einmal
qualitätsorientierte Digitalisierung der       mehr müssen wir Selbsthilfe-Aktive
Verbände und Selbsthilfe-Organisati-           uns ein neues Themenfeld erschlie-
onen für eine große Chance, unsere             ßen, digitale Kompetenzen für uns
Selbsthilfe-Ziele der Hilfe von Betrof-        selbst aufbauen, Vermittlungsmodelle
fenen für Betroffene noch besser zu            entwickeln. Technik ist kein Selbst-         und drei als Forschungspartner*innen
verwirklichen. Bessere Vernetzung un-          zweck – wir müssen verbandlich dis-          am Projekt RheVITAL (Steuerungs-
tereinander, stärkere Aktivierung,             kutieren, welche Art von digitalen           App zum Erhalt der Arbeitsfähigkeit)
mehr Sichtbarkeit „der Selbsthilfe“ z.B.       Funktionen unsere Selbsthilfe-Ziele          beteiligten Aktiven vorbildliche Betei-
mit den neuen Plattformen wie MS               gut unterstützt, wo wir für uns echten       ligungspfade entwickelt. Digitale In-
connect oder dccv-Intranet, Ansprache          Mehrwert sehen, wie dies mit unseren         klusion dieser Art ist kein Selbstläufer,
neuer Mitglieder oder Ehrenamtlicher,          bisherigen analogen Angeboten zu-            aber nur so können nachhaltig ge-
und nicht zuletzt Verjüngung und               sammen spielt und welche personellen         nutzte digitale Lösungen entstehen.
mehr Diversität durch stärkere Inklusi-        und finanziellen Ressourcen wir bereit       Dies sollte verbindlich für alle digi-
on von anderen Zielgruppen sehe ich            sind zu investieren oder zu akquirie-        talen Leistungen gelten, die von öffent-
als große Chancen der Digitalisierung.         ren. Erst dann stellt sich die Frage nach    lichen Geldern (z.B. Krankenkasse) fi-
Die neuen Plattformen können dazu              der Umsetzung, beispielsweise mit            nanziert werden. Hier können wir als
führen, dass anfangs virtuelle Selbst-         Selbsthilfe-Plattformen zur Vernet-          Selbsthilfe Vorbild sein und unsere
hilfegruppen oder virtuelle Selbsthilfe-       zung von Mitgliedern und Aktiven             politischen Forderungen auf systema-
Mitglieder auch im analogen Leben              oder mit therapiebegleitenden Selbst-        tische Beteiligung an der Forschung
zueinander finden, und dass gerade             hilfe-Apps. Beachtung von Daten-             und Entwicklung von Anfang an mit
auf der Gruppenebene qualitätsgesi-            schutz, eine möglichst selbstbestimmte       guten Beispielen unterlegen.
cherte Informationen der Organisati-           differenzierte Datenfreigabe und Da-
onen oder aus anderen Quellen besser           tensicherheit halten wir in diesem Zu-       Wie hat sich für Sie ganz persönlich ihr
zum Einzelnen kommt. Darüber hi-               sammenhang für sehr wichtig. „Was in         Leben durch die Digitalisierung geändert?
naus erfolgt ein Qualitätsgewinn im            der Selbsthilfe ist, bleibt in der Selbst-   Haben Sie ein praktisches Beispiel?
Informationsaustausch von Gruppe A             hilfe“ umzusetzen, ist fachlich wie fi-      Noch ist mein Patientinnen-Leben
nach Gruppe D (individuell oder kol-           nanziell sehr herausfordernd. Denn           ­leider nicht digitalisiert. Ich wünsche
lektiv), der im rein analogen Leben so         z.B. Leistungserbringer oder Leis-            mir z.B. bald eine digitale Patient*­
nicht stattfinden würde. Ortsgrenzen           tungsträger favorisieren Modelle, bei         innen-Akte (interoperabel, barriere-
werden dabei überwunden – dies ist in          denen sie via Finanzierung Zugriff auf        frei, mit differenzierter Möglichkeit
ländlichen Räumen oder für Men-                „Selbsthilfe-Daten“ erhalten wollen.          der Datenfreigabe und Zugriffs-Proto-
schen mit Beeinträchtigungen ein Vor-          Eine weitere Chance ist, bei eigenen          koll), eine therapiebegleitende, ganz-
teil. Als Patientin mit einer chro-            oder Co-produzierten Lösungen ein             heitliche Rheuma-App (vorzugsweise
nischen Krankheit erhoffe ich mir z.B.         wirklich partizipatives Verfahren der         aus der Selbsthilfe), deren Implemen-
ein besseres Krankheitsmanagement              Entwicklung durchzuführen, damit              tierung in meine Behandlung, ein
unter Wahrung meiner Patientinnen-             z.B. Barrierefreiheit, Usability und die      ­E-Rezept oder auch nur die Möglich-
Autonomie, mehr Selbst- oder Mitbe-            Funktion an allen zukünftigen Nutze-         keit der digitalen Terminvereinbarung
stimmung im Kontakt mit meinen                 rInnen orientiert ist und Exklusion ver-     mit meiner Rheumatologin.
Behandler*innen oder leistungsfä-              meidet. Die Deutsche Rheuma-Liga
higere, individuellere Hilfsmittel.            hat z.B. mit ihrer App Rheuma-Auszeit               Die Fragen stellte Philipp Meinert

12     www.der-paritaetische.de     4 | 2019
Schwerpunkt

Drei Fragen an Dr. Thomas
Hambüchen, Drogenhilfe Köln
 Wer heute ein gesundheitliches Pro-         Für den klassischen Einstieg in den
                                             substanzbezogenen Suchtmittelkon-
 blem hat oder glaubt, eins zu haben,
                                             sum bedurfte es früher analoger Bezie-
 befragt „Dr. Google“. Auch wer süch-        hungen, z.B. zwischen jüngeren und
 tig sein könnte, dürfte sich zuerst im      älteren Schüler*innen im Rahmen von
 Netz über die Symptome informieren.         schul– und freizeitspezifischen Peer–
 Wir haben über Drogenhilfe im Inter-        Groups. Dieses Phänomen hat sich
 net mit Dr. Thomas Hambüchen von            kaum verändert, persönliche Bezie-
 der Drogenhilfe Köln gesprochen, der        hungen im Sinne direkter Kommuni-
 auch das Portal kidkit.de betreut.          kation zwischen Dealer und Käufer
                                             dominieren weiterhin das lokale
                                             Marktgeschehen.
Herr Dr. Hambüchen, wie hat sich die         An attraktive Test- und Probierpa-            Face–to–face bleibt aus unserer Sicht
Suchthilfe durch die Digitalisierung Ihrer   ckungen sowie produkttypische Son-            bestehen, aber nicht mehr für die all-
Erfahrung nach verändert?                    derangebote kann man/frau über das            gemeine       Informationsbeschaffung
Unsere tradierte Gesprächskultur sozi-       Darknet kaum kommen. Noch immer               oder bei Routinefragen. Davon unab-
aler Hilfen – sie bröckelt. Auf breiter      gibt es den Dealer des Vertrauens, der        hängig werden auch weiter Gruppen-
Front haben technische Systeme über          dies vor Ort und jederzeit – leider oft       angebote erforderlich sein, um spezi-
die Digitalisierung Einzug gehalten.         öffentlich toleriert – ermöglicht.            elle Ziele und Wege in Richtung Absti-
Sie dienen als gesprächsbegleitende In-      Völlig anders sieht es jedoch bei Legal       nenz überhaupt beschreiten zu kön-
strumente, schaffen elegant Raum für         Highs und Partydrogen aus. Also Sub-          nen.
zeitnahe Dokumentation bislang per-          stanzen, die in der Regel als legal be-       Seit über 15 Jahren betreuen wir mit
sönlich bewerteter Beziehungen, die-         wertet sind und nicht der Strafverfol-        unserem erfolgreichen Online–Portal
nen so der Vergleichbarkeit von Dienst-      gung unterliegen. Hier hat sich die           www.kidkit.de Kinder- und Jugendli-
leistungen und versuchen in letzter          Zahl der Vertriebswege vervielfacht,          che aus suchtbelasteten Familien, ano-
Zeit auch, rein qualitativ zu gewin-         das Angebot extrem erhöht.                    nym und über geschützte Chatrooms:
nende Erkenntnisse quantifizierbar zu        Als für jüngere und damit vulnerable          Diese technische Nische verdanken
machen.                                      Zielgruppen nicht ungefährliche Dea-          wir dem Internet – super!
Beratungssettings gestalten sich – oft       ler avancierten auch die Anbieter der         Digitale Beratungsangebote via Inter-
gegen den Willen aller am Gespräch           globalisierten Spieleindustrie. Man darf      net entwickeln sich entlang von Zeit-
Beteiligter – standardisierter, damit        sich dabei aber nicht nur auf Gamer           geist und Innovationen kontinuierlich,
überprüfbarer und durch externe Ein-         und Chatterinnen konzentrieren, auch          nicht zuletzt über professionelle Blog-
flußnahme auch korrigierbarer. In            die online–präsenten Glücksspielanbie-        ger, Youtuber und Influencer. Leider
den letzten Jahren hat sich aus praxis-      ter haben mächtig aufgerüstet.                aber auch über dilettantische Selbst-
bezogener Erfahrung das Verhältnis           So entstanden parallel zum tech-              darsteller („ … heute teste ich mal LSD
von klienten– und patientenbezogener         nischen Fortschritt von Hardware /            und ihr könnt alle dabei sein …“). Mit
Dienstleistung zu verwaltender Arbeit        Smart-phones immer niedrigschwel-             letzteren wird unser Personal in den
dramatisch verschlechtert.                   ligere Zugangswege über käuferbezo-           Beratungsstellen nicht konkret mit-
Öffentliche Kostenträger entdecken für       gen optimierte Software, die zweifels-        halten können und wollen, aber ihr
sich Suchthilfestatistiken und Tools wie     frei den Einstieg in die Verhaltenssüch-      Einfluß steigt.
google analytics als heimliche Prüfungs-     te erleichtert haben.                         Die Verlagerung aus bislang individu-
instrumente zur Bewertung von „objek-                                                      alisierten Beratungssettings in Rich-
tiver“ Effektivität und Effizienz ihrer      Was glauben Sie: Wird die Suchthilfe mit-     tung digitale Öffentlichkeit schafft
Investitionen in die „subjektiven“ Hilfe-    tel- oder langfristig irgendwann komplett     auch neue Trends ( Video–Chats ) und
leistungen Freier Träger – eine unerfreu-    ins Internet verlagert oder wird die klas-    Meinungsbilder, mit denen wir uns ak-
liche Entwicklung.                           sische Beratungsstelle erhalten bleiben?      tiv beschäftigen müssen. Sie spiegeln
                                             Es wird immer Menschen geben, für             sich nicht zuletzt in den Haltungen
Drogen kann man im Darknet kaufen und        die persönliche Beratung ein unver-           und Fragestellungen unserer Besu-
es gibt bekanntermaßen auch Online-          zichtbarer Schritt vor wichtigen Ent-         cher, Klienten und Patienten wider.
Sucht. Hat das Internet in den letzten       scheidungen ist – insbesondere bei ei-        Es bleibt spannend …
Jahren den Einstieg in die Sucht erleich-    ner eigenen, aber gesellschaftlich tabu-
tert?                                        isierten Betroffenheit.                               Die Fragen stellte Philipp Meinert

                                                                                          www.der-paritaetische.de   4 | 2019     13
Wenn aus Spaß Ernst wird
Die Sucht nach
Online-Glücksspielen

 “The pleasure is to play, makes no diffe-
 rence what you say/I don‘t share your
 greed, the only card I need is the Ace of
 Spades” heißt es im bekanntesten Lied
 der britischen Band Motörhead “Ace of
 Spades.” Das das Lied autobiografische
 Züge trägt, ist unter Fans bekannt.
 Motörhead-Sänger Lemmy Kilmister
 verbrachte seine Freizeit besonders in
 seinen letzten Lebensjahren zwar nicht
 beim Pokern, aber dem Glückspielau-
 tomaten in seiner Stammkneipe in Los
 Angeles unweit seiner Wohnung. Ob
 er ein problematisches Glückspielver-         desdeutschen Bevölkerung hat ein min-      davon betroffen, fast 80 Prozent hinge-
 halten hatte, ist nicht bekannt. Man las      destens problematisches Verhältnis zu      gen von den klassischen Automaten ab-
 in der Presse eher von seinem exzes-          Glücksspiel, so steht es im “Jahrbuch      hängig, weiß Frau Krüger. Einschrän-
 siven Whiskey- und Wodka-Konsum.              Glückspielsucht 2018.“ Bei wem die         kend erklärt sie jedoch: „Wir haben in
                                               Online-Spielsucht soweit geht, dass die    der Forschung festgestellt, dass es 10
Noch immer dominieren gemessen am              Kontrolle über den Geldbeutel oder so-     bis 15 Jahre dauert, bis überhaupt je-
Umsatz die klassischen Automaten auf           gar das ganze Leben verloren geht,         mand in die Beratung kommt.“ Die
dem Markt, die auch Lemmy schätzte.            kann sich in Berlin an das Präventions-    kleine Zahl sagt also wenig aus über
Sie werden laut dem „Jahrbuch Glück-           projekt Glücksspielsucht wenden. Das       den realen Anteil der noch jungen
spielsucht 2018“ zu zwei Dritteln von          noch junge Projekt entstand vor dem        Gruppe.
Glücksspiel-Fans genutzt, mit weitem           Hintergrund des 2008 erlassenen
Abstand gefolgt von Lotto und Toto mit         Glücksspielstaatsvertrages. In der Aus-    „Verhaltenssüchte“ sind ein junges Feld
einem Anteil von 16 Prozent. Aber lang-        führung, die in allen Bundesländern        Das spiegelt sich auch im Umgang mit
sam wächst der Markt der Glücksspiele          unterschiedlich geregelt ist, entschied    der Thematik in der sozialen Arbeit
im Internet. Immer mehr Menschen               der Berliner Senat, dass es ein Projekt    wieder. In der Sozialpädagogik ist das
spielen online. Gaben 2007 noch gerade         zur Glücksspielsucht geben solle. Den      Feld der „Verhaltenssüchte“, zu dem
mal 1,3 Prozent an, schon einmal an            Zuschlag bekam der Träger pad, Mit-        Glücks- oder Onlinesucht zählt, noch
einem Kasinospiel im Internet teilge-          glied beim Paritätischen Berlin.           recht jung. Zuvor hat man sich verstärkt
nommen zu haben, waren es 2017 be-             Angelina Krüger ist Leiterin des Pro-      auf sog. „stoffgebundene Süchte“, also
reits 4,8 Prozent. Im Netz existiert in-       jektes. Die 31-Jährige berät am Rande      hauptsächlich zu konsumierende Dro-
zwischen ein großer deutschsprachiger          von Weißensee, fast noch in Friedrichs-    gen, fokussiert.
und weitestgehend unregulierter Markt          hain, diejenigen, bei denen das Glücks-    Aber wer sind überhaupt die Online-
aus Online-Kasinos (419 Homepages),            spiel zu einem Problem geworden ist.       Glücksspieler? Als besonders gefährdet
Sport- und Pferdewetten (149 Home-             Die studierte Sozialpädagogin arbeitete    gelten junge Männer zwischen 18 und
pages), Poker (69 Homepages) und wei-          nach ihrem Bachelor zunächst im Be-        25 mit geringer Bildung. Ein Migrati-
tere. Deren Bruttoerlöse sollen 2018 bei       reich Autismus, um dann noch einmal        onshintergrund ist überproportional
knapp 2,6 Milliarden Euro gelegen ha-          einen Master im Sozial- und Gesund-        vertreten. Arbeitslosigkeit ist ebenfalls
ben.                                           heitsmanagement zu machen. Bereits         weit verbreitet unter Glücksspieler*in-
Ob off- oder online: Die meisten Men-          während des Studiums wurde sie von         nen, denn hier kommen viel Freizeit
schen spielen gelegentlich aus Spaß            einer Kommilitonin gefragt, ob sie nicht   und ein geringes Selbstwertgefühl zu-
und haben ihr Spielverhalten unter             beim Präventionsprojekt Glücksspiel-       sammen. Aber: „Es gibt natürlich nicht
Kontrolle. Was passiert, wenn der Spaß         sucht arbeiten wolle.                      DEN Glücksspieler, aber es gibt gewisse
am Spiel aus den Fugen gerät und sich          Vordergründig sind Online-Glücks-          Risikofaktoren, die auch in der For-
immer negativer auf das eigene Leben           spiele kein großes Problem. Lediglich 4    schung immer wieder auftauchen“, er-
auswirkt? Ein knappes Prozent der bun-         Prozent der Glücksspielsüchtigen sind      klärt Angelina Krüger.

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Schwerpunkt

Pauschal kann man aber sagen, dass          süchtigen kein Blut abnehmen oder in
Glücksspiel eine „Droge“ ist, die sehr      den Hals schauen, um zu überprüfen,
leicht zu bekommen ist, vor allem durch     ob er oder sie davon betroffen ist. In
die flächendeckende Verbreitung von         Deutschland wird das sog. ICD10 für
PCs und Smartphones. Nicht nur, dass        die Diagnose von Sucht genutzt. Wenn
man jederzeit und überall spielen kann      man Freunde anlügt, beklaut oder Job-
– es bekommt auch eventuell niemand         oder Wohnungsverlust droht und trotz-
mit, wenn neben einem im Bus gerade         dem immer noch weiter gespielt wird,
jemand sein Monatsgehalt verpokert.         sollten demnach die Alarmglocken
Der Besuch einer Spielothek ist mit         schrillen. Im Angloamerikanischen
mehr Aufwand verbunden und außer-           Raum wird ein System verwendet,
dem mit stärkerer sozialer Kontrolle. In    welches Frau Krüger bevorzugt, weil es
den Spielhallen ist das Personal ange-      differenzierter ist: DSM 4. Hier wird
halten, Suchtverhalte zu erkennen und       früher eingesetzt, zum Beispiel wenn
auffällige Besucher*innen gegebenen-        jemand Einsätze immer weiter steigert,
falls anzusprechen. Das, so Angelina        um dem Gewöhnungsprozess entge-
Krüger, funktioniere mal mehr, mal          genzuwirken oder Entzugssymptome
weniger gut, jedoch gebe es eine soziale    aufweist.
Kontrolle. Frau Krüger ergänzt: „Außer-
dem ist die Werbung im Netz sehr prä-       Digitales Bezahlen macht
                                                                                         Angelika Krüger leitet das Präventions-
sent und niedrigschwellig.“ Sogar in-       unbekümmerter
                                                                                         projekt Glücksspiel
nerhalb anderer Computerspiele tauche       „Es fängt damit an, dass man einfach
Glücksspielwerbung auf, berichtet sie.      mal Bock hat zu spielen und zu gewin-
Hinzu kommt, und das sei besonders          nen und dann häufiger noch mit ande-         dass Menschen, die phasenweise mal
für junge Leute problematisch, wenn         ren zusammen“ erklärt Frau Krüger            länger vor dem PC sitzen, nicht gleich
Idole wie Sebastian Schweinsteiger oder     den Beginn. „Im Verlauf der Problema-        süchtig sind.“ Viele spielen in ihrer Ju-
Oliver Kahn für Online-Sportwetten          tisierung übernimmt das Spielen selbst       gend eine Menge und heute wird die
mit Slogans wie „Ihre Wette in sicheren     eine immer geringere Rolle.“ Das Fül-        Laiendiagnose „Sucht“ von Eltern und
Händen“ Werbung machen. Die Ge-             len von Zeit oder die Ablenkung wird         Lehrern schnell erstellt, wenn das Kind
setzgebung hinkt, wie so häufig im          dabei immer wichtiger, ebenso wie das        gefühlt zu viel am Smartphone oder
Netz, stets hinterher und findet keine      steigern von Selbstwertgefühlen. Auch        vor dem PC hänge. Aber die Feststel-
konkrete Anwendung. Online-Poker            Geldgewinne würden parallel immer            lung der Diagnostik hält die Expertin
beispielsweise ist in Deutschland verbo-    unwichtiger werden, ebenso wie der Be-       dennoch für wichtig, um wirklich pa-
ten, aber die Server stehen im Ausland      zug zum Geld insgesamt. Das Gefühl           thologisches Verhalten zu erkennen.
und die deutsche Exekutive ist macht-       für Geld geht komplett verloren. Ver-        Und meistens ist es ganz einfach, so
los. Hinzu kommen völlig unterschied-       stärkt wird im Internet noch der As-         Angelina Krüger: „Der entscheidende
liche Regelungen in jedem Bundesland.       pekt, dass digital bezahlt wird. Ein ähn-    Punkt ist immer: Kriege ich mein Le-
Während man sich in dem einen Land          liches Problem wie beim Shopping oder        ben auf die Reihe?“
als Spieler generell sperren lassen kann,   dem Bezahlen mit Kredit- oder EC-Kar-                                  Philipp Meinert
gilt die Regelung woanders schon nicht      te. „Es fühlt sich ja anders an, ob ich
mehr. Das macht die praktische Arbeit       einen 500-Euro-Schein auf den Tisch
schwieriger.                                lege oder mit einer Plastikkarte bezah-
                                            le“ sagt die Expertin. Eine weitere Tü-
                                                                                           Kontakt
In die Lebenswelt der Klienten gehen        cke: Gewinne werden beim Online-
Wie kommt das Projekt überhaupt an          Glücksspiel selten direkt dem Bankkon-
                                                                                           Präventionsprojekt Glücksspiel | pad
seine Klienten? „Für uns als Präventi-      to zugeschrieben, sondern bleiben im           gGmbH
onsprojekt ist es immer wichtig, sich in    Kundenkonto und können einfach für             Charlottenburger Str. 2
der Lebenswelt zu bewegen, wo unsere        weitere Spiele verwendet werden.               13086 Berlin
Klienten letztendlich unterwegs sind.“      Vor kurzem gab es eine Änderung. On-           Telefon: (+49 30) 84 52 21 12
Gerade bei jüngeren Leuten spielt sich      line-Spielsucht wird seit Mai durch die        praevention.gluecksspiel@­
vieles im Smartphone ab, also muss          Weltgesundheitsorganisation WHO als            pad-berlin.de
auch das Präventionsprojekt dort hinge-     Krankheit anerkannt. Dies beinhaltet
hen und zum Beispiel WhatsApp-Bera-         auch Gaming, also das Spielen norma-
tung anbieten, so Krüger.                   ler Computerspiele. Frau Krüger sieht          Internet:
Ein Problem ist dabei die Festlegung        die Entscheidung gemischt: „Es war ja          www.faules-spiel.de
der Sucht. Anders als bei vielen Erkran-    nicht unumstritten. Ob Gaming oder             www.facebook.com/faulesspiel
kungen kann man Online-Glücksspiel-         Spielsucht – es ist wichtig zu sagen,

                                                                                        www.der-paritaetische.de   4 | 2019    15
Schwerpunkt

Digitale Medien und Kinder:
Kompetenzen Fördern statt verbieten

M
          it ihren kleinen Fingern greift
          Malia nach der Wasserflasche,
          klemmt sie sich zwischen Ohr
und Schulter und beginnt zu brabbeln:
„Alo?“. Wer glaubt, Kinder kommen
erst in der Schule in Berührung mit
digitalen Medien, wenn es darum geht,
wer schon alles ein eigenes Smart-
phone hat oder vielleicht schon im Kin-
dergarten, wenn auf dem Tablet erste
kleine Kunstwerke entstehen, liegt
falsch. Erste Medienerfahrung ma-
chen schon die ganz Kleinen, bevor sie
überhaupt Laufen oder Sprechen kön-
nen. „Die Kinder liegen noch im Kin-
derwagen und sehen ihre Eltern am
Handy“, weiß Sophie Pohle vom Deut-
schen Kinderhilfswerk zu berichten.
Malia hat aufgehört zu brabbeln. Mit
der Flasche hinterm Ohr steht sie ru-        damit machen. Nicht ohne Grund hat         Bis in die sozialen Netzwerke hat es
hig da, nur ihr Kopf bewegt sich zu          das Deutsche Kinderhilfswerk im Jahr       Malia noch nicht geschafft. Aber
einem verständnisvollen Nicken. Digi-        2017 die Social-Media-Kampagne             Mama Sarah gibt zu, dass das eine
tale Medien üben nicht nur auf Er-           #ErstDenkenDannPosten gestartet.           oder andere Töpfchen-Bild schon sei-
wachsene eine große Faszination aus.                                                    nen Weg in Familien-WhatsApp-Grup-
Wie in vielen anderen Lebensbereichen        „Kinder haben das Recht am eigenen Bild    pen gefunden hat. „Ich hoffe, das sieht
gilt auch hier: Die Kleinen wollen, was      – von Anfang an“                           sie nie“, sagt Sarah fast peinlich be-
die Großen haben. „Je jünger die Kin-        Die Share-Pics der Kampagne zeigen         rührt und gibt zu „da muss ich wirk-
der sind, desto mehr orientieren sie         Kinder in vermeintlich lustigen oder       lich besser aufpassen“. Gleichzeitig
sich am Verhalten der Eltern“, erklärt       niedlichen Situationen – mit Spaghetti     fragt sie sich wie es mal werde, wenn
Pohle. Als Vorbilder würden sie den          im Gesicht oder auf der Toilette. Dazu     Malia in ein paar Jahren selbst in den
Umgang mit Medien stark beeinflus-           der Satz: „Liebe Mama, lieber Papa,        Genuss eines eigenen Handys oder Ta-
sen. Malia sagt noch einmal „Ja“, dann       denkt nach, bevor ihr postet!“ „Das,       blets komme.
beendet die Eineinhalbjährige das Te-        was Eltern süß und toll finden, möch-      Um Antworten auf diese Fragen zu fin-
lefonat indem sie die Flasche zufrieden      ten sie in die Welt hinausschreien“,       den, darauf zielt die Kampagne des
in den Sand fallen lässt. Mama Sarah         erklärt Pohle, gibt aber zu bedenken:      Deutschen Kinderhilfswerks: „Medien
lacht kopfschüttelnd, hebt die Flasche       „Die Eltern wissen nicht, wo ein Foto      wirken. Ein Leben lang.“ Die Kampa-
aus dem Sand auf, klopft sie ab und          irgendwann mal auftauchen kann. Das        gne soll Eltern dazu sensibilisieren,
packt sie in ihre Tasche. Seit sie wieder    kann für die Kinder sehr unangenehm        ihre Kinder von Anfang an bei der Me-
arbeite, klingle auch das Handy wieder       werden.“ Eltern müssten sich bei ihren     diennutzung zu begleiten und ihre
öfter, auch mal nach Feierabend. „Und        Kindern vor dem Veröffentlichen die        Kompetenzen aufzubauen. Wann der
die Großeltern möchten auch zwi-             Erlaubnis einholen. Das gelte auch für     richtige Zeitpunkt sei, könne man pau-
schendurch skypen, natürlich nur um          das Versenden der Bilder über Messen-      schal nicht beantworten, da alle Kinder
Malia zu sehen.“                             ger-Dienste an Freunde oder Verwand-       unterschiedlich seien. „Begleiten heißt
Digitale Medien sind aus unserem All-        te. „Kinder haben das Recht am eige-       hier auch nicht Kontrolle oder Ver-
tag nicht mehr wegzudenken. „Des-            nen Bild – von Anfang an“, bekräftigt      bote“, betont Pohle. In der eigenen
halb ist es wichtig, dass wir bei der        die Medienpädagogin. Bis zu einem          Überforderung mit den Medien grif-
Mediennutzung mit gutem Beispiel             gewissen Alter könnten die Kleinen         fen Eltern häufig auf Kontrollmecha-
vorangehen und auch die eigene Medi-         aber noch gar nicht abschätzen, was es     nismen wie z.B. Jugendschutz-Apps
ennutzung überdenken“, sagt Pohle.           bedeutet, wenn ihre Bilder online ge-      oder sogar Tracking-Uhren zurück.
Dazu gehöre nicht nur, wie oft Eltern        stellt werden. Hier seien die Eltern ge-   „Dabei geht es vor allem darum, Ver-
in der Gegenwart ihrer Kinder digitale       fragt, ganz genau zu überlegen und es      trauen zu schaffen und gemeinsam die
Medien nutzen, sondern auch, was sie         im Zweifel lieber sein zu lassen.          Medienwelt zu entdecken“, sagt Pohle.

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