DAS MAGAZIN DER GEWERKSCHAFT PRO-GE

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DAS MAGAZIN DER GEWERKSCHAFT PRO-GE
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DAS MAGAZIN DER GEWERKSCHAFT PRO-GE
                            Ausgabe 4/2021
DAS MAGAZIN DER GEWERKSCHAFT PRO-GE
EVENTS                        kartenstelle.oegb.at

                                                                                                ermäßigte
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                                         6. Februar 2023 – Wien | 7. Februar 2023 – Graz |
       8. Februar 2023 – Salzburg | 25. Februar 2023 – Linz | 26. Februar 2023 – Innsbruck
     Mit der großen Jubiläumstour lädt Semino Rossi alle Fans ein, ihn ein weiteres Stück auf
seinem musikalischen Weg zu begleiten und gemeinsam unvergessliche Stunden zu erleben.
                                                               © Global Event Entertainment

                                                                                                ermäßigte
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               8. April 2022 – 20 Uhr | Sound & Snow Gastein – Talstation Schlossalmbahn
     Der bis jetzt mit insgesamt 17 ECHOS ausgezeichnete Superstar wird am 8. April 2022
       das Gelände am Fuße der neuen Schlossalmbahn mit Sicherheit in einen brodelnden
                         Hexenkessel verwandeln und für die Konzert-Sensation 2022 sorgen.

                                                                                                ermäßigte
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        26. August 2022 – Graz | 27. August 2022 – Klagenfurt | 3. September 2022 – Linz
     Der erfolgreichste deutsche Rapper kommt für drei Konzerte nach Österreich und wird
                                    seinen Fans ein einmaliges Konzerterlebnis bescheren.

                                                                                                ermäßigte
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                                                 3. September 2022 – 16 Uhr | Krieau Wien
     Am 3. September 2022 findet auf dem Open-Air-Gelände der Wiener Krieau das erste
 CITY OF SOUND FESTIVAL statt, das 2022 ganz im Zeichen des deutschen Hip-Hop- und
                                                       Dancehall-Genres stehen wird.

                                                                                                ermäßigte
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                       25. August 2022 – Bad Hofgastein | 26. August 2022 – Krieau Wien |
                                    27. August 2022 – Graz | 28. August 2022 – Klagenfurt
    Der deutsch-amerikanische Violinvirtuose David Garrett wird für perfekte Klassik-Rock-
Atmosphäre sorgen. David-Garrett-Shows sind so einzigartig wie er selbst, und kein anderer
                 Künstler schafft es, Klassik, Rock und Pop eindrucksvoller zu verbinden.
DAS MAGAZIN DER GEWERKSCHAFT PRO-GE
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DAS MAGAZIN DER GEWERKSCHAFT PRO-GE
4         MAGAZIN DER PRODUKTIONSGEWERKSCHAFT Ausgabe 4/2021

          Inhalt

                                                                                                                INDUSTRIE IM UMBRUCH
                                                                                                                Die Industrie in Europa steht vor einer gewaltigen
                                                                                                                Herausforderung: Klimaschutz, Digitalisierung und
                                                                                                                Globalisierung werden schon in naher Zukunft die
                                                                                                                Produktion von Grund auf verändern. Das birgt Ri-
                                                                                                                siken, bietet aber auch neue Chancen. Wie können
                                                                                                                Industrie-Arbeitsplätze erhalten werden und wie
                                                                                                                wird das Arbeitsumfeld von morgen aussehen?
                                                                                                                                                  Seiten 6 bis 11

    Kommentar
    Gemeinsam für eine bessere Arbeitswelt ................................................... Seite 5
                                                                                                                           Aufreger des Monats
    Clean-Clothes-Kampagne
    Die Pandemie verschlimmerte die Situation von TextilarbeiterInnen ........ Seite 12
                                                                                                                           Machen Sie sich Sorgen um ihre finanzielle Zukunft?
    Metallindustrie & Bergbau                                                                                              Nein? Sollten Sie aber, wenn es nach den Neoliberalen
    Warnstreiks erzwangen den Abschluss ........................................ Seiten 13 bis 15                          geht. Diese starren derzeit gebannt in die Untiefen des an-
                                                                                                                           geblichen Pensionslochs: Sie warnen vor einer „Explosion
    Metallgewerbe
                                                                                                                           der Pensionsausgaben“, und jüngere Menschen sollten
    Mehr Lohn für 110.000 ArbeiterInnen und 18.000 Lehrlinge.................... Seite 16
                                                                                                                           sich warm anziehen, denn diese „werden von einer or-
    Lehrlingsmonitor                                                                                                       dentlichen Pension nur mehr träumen können“. Wahr ist
    Warum die Qualität der Lehre dringend gesteigert werden muss ........... Seite 17                                      vielmehr: Laut Prognosen werden die Pensionsausgaben
    Arbeitskräfteüberlassung                                                                                               bis 2030 moderat ansteigen. Das ist auf die demografische
    Eine Studie arbeitet den Hygiene-Austria-Skandal auf ............................ Seite 17                             Entwicklung zurückzuführen. Ab 2030 wird der Anstieg
                                                                                                                           abgebremst und die Kosten bleiben bis 2070 konstant bei
    Betriebsreportage                                                                                                      rund 6,6 Prozent des Bruttoninlandsprodukts. Warum also
    500 Beschäftigte produzieren bei Wittur modernste Aufzüge ..... Seiten 18 und 19
                                                                                                                           der unangebrachte Alarmismus? Redet man das umlage-
    Kündigungsfristen                                                                                                      finanzierte Pensionssystem schlecht, dann profitieren die
    Nach der Angleichung: Welche Fristen gelten jetzt? ................................ Seite 20                           privaten Versicherungen. Und manchen Parteien stehen
                                                                                                                           diese Konzerne bekanntlich näher als die ArbeitnehmerIn-
    Achtung Kamera
    Die besten Fotos aus der Welt der PRO-GE ............................................. Seite 21                        nen, die durch ihre Leistung den österreichischen Sozial-
                                                                                                                           staat finanzieren.
    Preisrätsel und Cartoon ....................................................................... Seite 23

    IMPRESSUM:
    Glück auf! – Zeitschrift für Mitglieder der Gewerkschaft PRO-GE. ZVR-Nr.: 576439352. DVR-Nr.: 0046655. Herausgeber: Österreichischer Gewerkschaftsbund, Gewerkschaft PRO-GE, 1020 Wien,
    Johann-Böhm-Platz 1, (01) 534 44-69. Medieninhaber: ­Verlag des Österreichischen Gewerkschaftsbundes GmbH, 1020 Wien, Johann-Böhm-Platz 1; Tel.: (01) 662 32 96-0, Fax: (01) 662 32 96-39793,
    E-Mail: zeitschriften­@oegbverlag.at, www.oegbverlag.at. Leitung: Mathias Beer. Chef vom Dienst: Wolfgang Purer. Redaktion (glueckauf@proge.at): Barbara Trautendorfer, Sabine Weinberger,
    Robert Wittek, Mathias Beer. ­Grafik & Layout: Peter-Paul Waltenberger, Julian Janits. Fotos/Grafik: PantherMedia/aohodesigndp/Mikhail Grachikov, PRO-GE, Lisa Lux, Adobe Stock. Cartoon: Bulcartoons.
    Hersteller: Walstead Leykam Druck GmbH & Co KG, 7201 Neudörfl, Bickfordstraße 1. Redaktionsschluss der folgenden Ausgabe: 15. Februar 2022.

    Offenlegung gemäß Mediengesetz, § 25:­ www.glueckauf.at/offenlegung
DAS MAGAZIN DER GEWERKSCHAFT PRO-GE
log                                                                                                                              53

                                                                                                                 K O M M E N TA R

                                                                                                    Rainer Wimmer,
                                                                                                    Bundesvorsitzender
                                                                                                    der PRO-GE
KURZ NOTIERT
                                                               GEMEINSAM FÜR EINE
 Steuervorteile für Reiche kosten die EU Milliarden            BESSERE ARBEITSWELT!
                               Steuervorzüge für Spit-
                               zenverdienerInnen brin-         Wir konnten heuer im ersten Halbjahr entscheidende Fort-
                               gen die EU-Staaten einer        schritte im Kampf gegen die Corona-Pandemie erzielen und die
                               Untersuchung der Euro-          Wirtschaft nahm wieder deutlich Fahrt auf. Aber das Corona-
                               päischen Steuerbeobach-         Management der Bundesregierung und mancher Landespoliti-
                               tungsstelle zufolge jedes       ker war so unverantwortlich schlecht, dass das ganze Land im
                               Jahr um 4,5 Milliarden          November erneut in eine Gesundheitskrise schlitterte und die
 Euro. Die Länder buhlen mit immer neuen Steuerpri-            Spaltung der Gesellschaft vorangetrieben wurde. Es gilt nun
 vilegien um die Gunst der ausländischen Spitzenverdie-        für 2022, die Lehren daraus zu ziehen.
 nerInnen. Seit Mitte der 1990er-Jahre erhöhte sich die
 Zahl entsprechender Regelungen in Europa von fünf             Die PRO-GE wird jedenfalls mit aller Kraft den Kampf für Arbeit-
 auf 28. Mittlerweile profitieren mehr als 200.000 aus-
                                                               nehmerInnenrechte und für eine bessere Arbeitswelt fortsetzen. Es
 ländische Personen mit hohem Einkommen von den
 immer aggressiver werdenden Modellen und belasten             geht um höhere Löhne und um mehr Respekt für all jene, die das
 damit alle anderen SteuerzahlerInnen.                         Land am Laufen gehalten haben. Zum anderen dürfen die Miss-
                                                               stände – etwa in Teilen der Arbeitskräfteüberlassung oder im Be-
 Stress in der Arbeit durch Corona massiv erhöht               reich der Erntearbeit –, die durch die Pandemie aufgedeckt wur-
 Zusätzlich zur psychischen                                    den, nicht in Vergessenheit geraten. Mit einem flächendeckenden
 Belastung durch die Pande-                                    Mindestlohn von 1.500 Euro im Agrarbereich oder dem Bekennt-
 mie herrscht bei vielen Ar-                                   nis der Sozialpartner, auf mehr Qualität bei beauftragten Leihar-
 beitnehmerInnen seit eini-                                    beitsfirmen zu achten, sind uns bereits erste Erfolge gelungen.
 gen Monaten deutlich mehr
 Stress und Druck im Job.                                      Im neuen Jahr werden wir unseren Fokus auch darauf richten,
 Nach dem Wiederanspringen                                     wer die Kosten der Krise tragen muss. Für uns ist klar: Einspa-
 der Wirtschaft ist der Arbeitsaufwand gestiegen, gleich-
                                                               rungen im Sozialbereich oder Massensteuern werden wir nicht
 zeitig mangelt es an Personal, wie aus einer Umfrage des
 Instituts für empirische Sozialforschung (IFES) im Auf-       hinnehmen. Nur durch unseren starken Sozialstaat ist es uns ge-
 trag der Gewerkschaft GPA hervorgeht. Die aktuelle Si-        lungen, die durch die Pandemie hervorgerufene Wirtschaftskrise
 tuation wirke sich negativ auf die Gesundheit der Be-         zu überwinden und die Auswirkungen für ArbeitnehmerInnen ab-
 schäftigten aus. Betroffen seien „praktisch alle Branchen“,   zufedern. Wir werden daher für ein gerechtes Steuersystem ein-
 allen voran aber der Gesundheits- und Pflegebereich.          treten, in dem auch die MillionärInnen und MilliardärInnen ihren
                                                               Beitrag leisten. Große Vermögen und Erbschaften dürfen nicht
 AMI Kärnten feiert 30-jähriges Jubiläum                       länger geschont werden, während ArbeitnehmerInnen jeden Mo-
 Das Arbeitsmedizinische und Arbeitspsychologische In-         nat über ihre Steuern und Abgaben den Sozialstaat finanzieren.
 stitut Kärnten (AMI) wurde vor 30 Jahren von der AK           Das ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern essenzi-
 Kärnten mit dem Ziel gegründet, die Sicherheit und Ge-        ell für die Stabilität unseres gesellschaftlichen Zusammenhalts.
 sundheit der ArbeitnehmerInnen zu schützen sowie Un-
 fälle und arbeitsbedingte Erkrankungen am Arbeitsplatz
                                                               In diesem Sinne wünsche ich allen Mitgliedern der PRO-GE
 zu vermeiden. „Krankmachende Faktoren als Folge von
 Arbeitsbelastungen sind im Vormarsch. Die Gesundheit          schöne Feiertage und ein gesundes, erfolgreiches Jahr 2022!
 darf dabei keinesfalls auf der Strecke bleiben!“, hebt AK-
 Präsident Günther Goach hervor. Immer mehr Arbeit in
 immer kürzerer Zeit ist für viele zum Alltag geworden.
DAS MAGAZIN DER GEWERKSCHAFT PRO-GE
6   MAGAZIN DER PRODUKTIONSGEWERKSCHAFT Ausgabe 4/2021

           Wohin geht die Reise?

          Die Zukunft
          der Produktion
DAS MAGAZIN DER GEWERKSCHAFT PRO-GE
7

                   Klimaschutz, Digitalisierung und Globalisierung sind drei
            Haupttreiber für den rasanten Strukturwandel in der Wirtschaft.
                 Aber wohin geht die Reise für Europas Industrie und für hei-
            mische Unternehmen? Welche Auswirkungen haben neue Techno-
               logien auf ArbeitnehmerInnen und Arbeitsplätze? Klar ist nur:
              Dieser wirtschaftliche Wandel kann nur mit aktiver Gestaltung
                     und unter Einbindung der ArbeitnehmerInnen gelingen.

Klimakrise,                  Corona-
krise, Wirtschaftskrise: Nach der Be-        Wachstumsbranchen im „grünen Strukturwandel“
deutung des Wortes „Krise“ befin-            in Studien identifziert, nach Häufigkeit der Nennung
den wir uns gerade in einer „Zeit, die
den Höhe- und Wendepunkt einer                                       8%
gefährlichen Entwicklung darstellt“.
Ob die Krisen wirtschafts- und be-                                                                         Thermische Sanierung
                                                                                            28 %           und erneuerbare
schäftigungspolitisch zum Positiven
                                                                                                           Wärme/Kälte
oder Negativen führen, kann wohl
erst später beurteilt werden. Die He-                                                                      Elektromobilität und
rausforderungen sind jedenfalls rie-              39 %
                                                                                                           öffentlicher Verkehr
sig, denn die Umbrüche betreffen                                                                           Erneuerbare Energien
nicht nur Teile der Welt oder der                                                                          und Netzinfrastruktur
Wirtschaft, sondern sind allumfas-
send. Die „Glück auf!“ zeigt Chan-                                                                         Energieeffizienz
cen und politische Handlungsfelder
für die stattfindende Transformati-                                                       25 %
                                                                                                                     Quelle: A&W Blog
on auf.

Auf dem Weg zur klimaneutralen
Wirtschaft. In Sachen Klimaschutz          Die Angst ist groß, diese Transforma-           mehr Ambition zeigt und viel mehr Res-
wurde auf EU-Ebene bereits das             tion nicht zu schaffen. Viele Regionen          sourcen zur Verfügung stellt, um sicher-
nächste Etappenziel auf dem Weg            fürchten ein Abwandern der Industrie            zustellen, dass kein Mensch und keine
zur Dekarbonisierung definiert. Ös-        und damit den Verlust von Tausenden             Region zurückgelassen wird.“
terreich muss demnach den Treib-           Arbeitsplätzen. Luc Triangle, Chef des
hausgasausstoß im Emissionshan-            europäischen      Industriegewerkschafts-       Kein Risiko ohne Chance. Der Transfor-
del (siehe Kasten) bis zum Jahr 2030       bundes industriAll, fordert daher mehr          mationsprozess bietet aber auch konkrete
um 43 Prozent gegenüber dem Jahr           Engagement, damit es nicht zu einem in-         Chancen. So konnten bei der AK-Ana-
2005 reduzieren. Da der Großteil           dustriellen Kahlschlag kommt: „Heute            lyse von 23 Studien über die Beschäfti-
der österreichischen Stahl-, Chemie-       sehen wir zwar das grüne Ziel, aber wir         gungspotenziale des grünen Struktur-
und Papierindustrie, der Raffinerien       vermissen die sozialen Unterstützungs-          wandels in Europa, Deutschland und
und Kraftwerke vom Emissions-              mechanismen, die garantieren, dass jeder        Österreich große Zukunfts- und Wachs-
handel umfasst ist, stehen beson-          mitgenommen wird. Wir unterstützen              tumsbereiche identifiziert werden.
ders diese Industrien vor großen He-       den Green Deal, aber unter der Voraus-
rausforderungen der Energiewende.          setzung, dass die Europäische Union viel        Diese umfassen etwa den gesamten Be-
                                                                                           reich der erneuerbaren Energien und des
                                                                                           Netzinfrastrukturausbaus, der Wärme-
 EMISSIONSHANDEL                                                                           und Kälteerzeugung, der thermischen
                                                                                           Sanierung, Energieeffizienz, Elektromo-
 Emissionshandel ist der internationale Handel mit Emissionsrechten. Unternehmen, die
 Treibhausgase emittieren, erhalten von der zuständigen Behörde eine begrenzte Menge
                                                                                           bilität, Kreislaufwirtschaft und des Aus-
 an Emissionszertifikaten zugeteilt. Bei höherem Ausstoß können zusätzliche Zertifikate    baues des öffentlichen Verkehrs. Die-
 im Handel erworben werden. Anlagen im Bereich Energie und Industrie (z. B. Stahl-,        se Branchen bergen das Potenzial, mehr
 Chemie-, Papierindustrie, Raffinerien, Kraftwerke) sind zu einem hohen Anteil vom EU-     Menschen als bisher zu beschäftigen. In
 Emissionshandel umfasst (2017: 82,7 %). Gemessen an den österreichischen Gesamt­          ihrer Analyse kommt die Arbeiterkam-
 emissionen, hatte der Emissionshandelsbereich im Jahr 2017 einen Anteil von 37 %. Seit    mer zum Schluss, dass sich die Beschäfti-
 2013 gibt es kein nationales Klimaziel für alle Treibhausgas-Emissionen mehr, es wird     gungsmöglichkeiten zwischen +0,5 Pro-
 zwischen Emissionen innerhalb und außerhalb des Emissionshandels unterschieden.           zent und +2 Prozent der Gesamtbeschäf-
                                                                                           tigung bis zum Jahr 2030 bewegen.
DAS MAGAZIN DER GEWERKSCHAFT PRO-GE
8       MAGAZIN DER PRODUKTIONSGEWERKSCHAFT Ausgabe 4/2021

        Gesucht: Visionen mit Strategie. Es
        scheint also so, dass allen Unkenru-
        fen zum Trotz der Strukturwandel
        nicht nur Arbeitsplatzverluste be-
        deuten muss. Doch damit die ein-                 Automobilindustrie
        zelnen ArbeitnehmerInnen mitge-
        nommen werden, braucht es einen                  SOZIALEN WANDEL GIBT’S NUR DURCH MITBESTIMMUNG
        klaren politischen Willen. Bran-                 Mittel- und Zentraleuropa ist Auto(industrie)region: Vorwiegend deutsche Autohersteller ha-
        chen, die sich durch die Digitalisie-            ben in den letzten Jahrzenten hier das „Detroit des Ostens“ in die Höhe gezogen. So ist bei-
        rung weiterentwickeln, müssen auch               spielsweise Volkswagen der größte private Arbeitgeber in der Slowakei und, Konzerntoch-
        den MitarbeiterInnen die Möglich-                ter Skoda eingerechnet, der zweitgrößte in der Tschechischen Republik. In Österreich ist die
        keit geben, ihre Qualifikationen                 Fahrzeug- und Zulieferindustrie nicht gar so dominant, mit rund 80.000 Beschäftigten aber
        und Fähigkeiten anzupassen und                   dennoch eine der bedeutendsten Industriesparten. Angesichts der anstehenden riesigen He-
        weiterzuentwickeln. Taugliche In-                rausforderungen für die Branche lud die PRO-GE daher 120 GewerkschaftsvertreterInnen
        strumente wären dazu zum Beispiel                und BetriebsrätInnen aus Österreich, der Slowakei, Slowenien, Ungarn, der Tschechischen
        eine Ausweitung des Fachkräftesti-               Republik und Bayern Anfang November zur Automobilkonferenz „Moving forward“, teils vir-
                                                         tuell, teils vor Ort in Wien, ein.
        pendiums sowie ein Rechtsanspruch
        auf ein existenzsicherndes Qualifi-
                                                         Nicht nur in Österreich sorgt immer noch der Verbrennungsmotor für den Löwenanteil an
        zierungsgeld.                                    der Produktion, und die Transformation zum Elektroantrieb wird von den BetriebsrätInnen
                                                         zwar als unausweichlich, aber nicht unkritisch betrachtet. „Wenn nur noch Elektrofahr-
        Investitionen in nachhaltige Zukunft.            zeuge unterwegs sind, aber der Strom dafür nicht aus nachhaltigen und CO2-neutralen
        Doch Weiterbildungsmaßnahmen                     Quellen kommt, haben wir nicht viel gewonnen“, meint BMW-Steyr-Betriebsratsvorsitzen-
        werden nicht immer ausreichen.                   der ­Andreas Brich. „Ein Verbrennerverbot ist zu kurz gedacht. Jede Technologie muss als
        Nicht mehr zeitgemäße Geschäfts-                 ­Gesamtpaket rein nach dem Beitrag auf dem Weg zur CO2-Neutralität beurteilt werden.“
        modelle werden aus dem Markt ge-
        drängt. Wenn ein ganzer Betrieb                  Die E-Mobilität wird als Lösung nur bestehen können, wenn nicht nur in die Ladeinfrastruk-
        zusperrt, hat das für bestimmte Re-              tur, sondern auch massiv in erneuerbare Energien investiert wird. Großer Investitionsbedarf
                                                         herrscht auch bei der Versorgung mit Halbleitern, Batterien und Batteriezellen aus E­ uropa,
                                                         wie die aktuelle Halbleiterkrise deutlich vor Augen führt. Idealerweise sollte darauf eine
                                                         Kreislaufwirtschaft in der automobilen Wertschöpfungskette aufbauen, die durch umfas-
                                                         sendes Recycling die ökologischen Auswirkungen minimiert. Für die Gewerkschaften steht
                                                         allerdings fest, wo die Kernbereiche für eine sozial verträgliche Transformation bestehen.
                                                         Neben einer Beschäftigungs- und Qualifizierungsoffensive sind das vor allem anderen die
                                                         Mitbestimmungsmöglichkeiten der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

                                                                                                              gionen gravierende Folgen. „Wir müssen
    Industriewertschöpfung 2020 im EU-Vergleich                                                               die Diskussion einfordern: Was tun wir,
    Anteil der Industrie (Bergbau, Herstellung von Waren, Energieversorgung)                                  um diese Regionen zu reindustrialisie-
    an der Gesamtwertschöpfung                                                                                ren und neue, qualitative Beschäftigung
                                                                                                              zu schaffen für die betroffenen Arbeite-
    FRANKREICH           13,20 %
                                                                                                              rInnen – und zwar dort, wo die Jobs ver-
    NIEDERLANDE            14,20 %                                                                            loren gehen“, sagt Triangle und fordert
    SPANIEN                  16,10 %                                                                          massive Investitionen. „Ein guter Sozial-
    KROATIEN                       19,20 %                                                                    plan wird nicht reichen, denn auch die
                                                                                                              Kinder dieser ArbeiterInnen brauchen
    ITALIEN                        19,50 %
                                                                                                              eine Zukunftsperspektive.“ Aus Sicht der
    EU (27)                        19,50 %                                                                    PRO-GE müssen dringend Maßnahmen
    ÖSTERREICH                        21,40 %                                                                 ergriffen werden, den Arbeitsplatz oder
    DEUTSCHLAND                           23,40 %                                                             sogar den Beruf auch noch im späteren
                                                                                                              Erwerbsleben wechseln zu können.
    UNGARN                                23,50 %
    SLOWAKEI                               24,10 %                                                            Herausforderung für den Arbeitsmarkt.
    SLOWENIEN                                   27,10 %                                                       Es braucht also politische Initiativen mit
    TSCHECHIEN                                   28,10 %                                                      Weitblick, gepaart mit einer aktiven Bil-
                                                                                           Quelle: Eurostat
                                                                                                              dungs- und Arbeitsmarktpolitik. Ganz
DAS MAGAZIN DER GEWERKSCHAFT PRO-GE
9

konkret könnten das Transformations-         Elektromobilität, und das ist aus un-               auch die Fahrzeuge selbst. Nichts geht
Arbeitsstiftungen, öffentliche Beschäfti-    serer Sicht auch unumkehrbar“, stellt               mehr ohne Mikrochips – kein Motor,
gungsprogramme oder Modelle der Ar-          Christian Brunkhorst fest, der im Vor-              kein Tachometer, keines der intelligenten
beitszeitverkürzung in Kombination mit       stand der deutschen IG Metall für den               Assistenzsysteme funktioniert noch ohne
Qualifizierungs- oder Umschulungsan-         Bereich Fahrzeugbau zuständig ist. Je-              diese Elektronikteile. In einem moder-
geboten sein. Zu diesem Schluss kommt        der vierte Arbeitsplatz im Fahrzeugbau              nen Auto stecken bis zu 1.400 solcher
auch das wissenschaftliche Forschungs-       fertigt und montiert Komponenten des                Mini-Bauteile.
projekt „CON-Labour“ am Beispiel der         Antriebsstrangs und ist damit direkt be-
österreichischen Automobilindustrie, in      troffen. Bleibt das Wachstum am Markt               Produktion zurückholen. Der Mangel
der rund 80.000 Personen beschäftigt         aus oder finden die Investitionen für die           an Halbleitern und Mikrochips während
sind: „Zentrale Aspekte einer gerechten      Elektromobilität woanders statt, sind bis           der Pandemie machte die strategischen
Transformation sind mehr Mitsprache          zu 50 Prozent der Arbeitsplätze gefähr-             Abhängigkeiten der Branche und des
der Beschäftigten sowie arbeitspolitische    det, schätzt Brunkhorst. Die Mobilitäts-            Wirtschaftsstandortes Europa offen-
Maßnahmen wie z. B. Arbeitsplatzga-          und Antriebswende wird bei der Verrin-
rantie, Qualifizierungsmaßnahmen oder        gerung der Treibhausgasemissionen ein
eine Umverteilung der Arbeit, z. B. durch    wichtiger Faktor sein.
eine Arbeitszeitverkürzung.“
                                           Und schließlich verändern Digitalisie-
Öffentliche Förderungen müssen Jobs rung (siehe Kasten AR-Brille) und Auto-
sichern. Eines steht dabei aus gewerk- matisierung nicht nur den Herstellungs-
schaftlicher Sicht fest: „Förderungen aus prozess in rasantem Tempo, sondern
öffentlichen Mitteln dürfen nur dann ge-
währt werden, wenn diese den Arbeit-
nehmerInnen zugutekommen“, so An-           Digitalisierung
dreas Brich, Betriebsratsvorsitzender von
BMW in Steyr. „Das geht über simple         AR-BRILLEN IM EINSATZ – DATENKRAKE
Standortgarantien weit hinaus und muss      ODER ARBEITSERLEICHTERUNG?
die Beschäftigung nicht nur quantitativ     Der Einsatz von „Augmented-Reality-Brillen“, welche die
sichern, sondern auch die qualitativen      Realität durch Einblendungen erweitern, nimmt auch in hei-
und die arbeitsrechtlichen Bedingungen      mischen Unternehmen immer mehr zu. KollegInnen können
miteinbeziehen – dass zum Beispiel kei-     zur Problemlösung darüber direkt „zugeschaltet“ werden,
ne vermeintlich ‚teuren‘ Stammarbeits-      Schulungen für bestimmte Arbeitsschritte können so ein-
kräfte durch ‚billige‘ Leiharbeit oder gar  facher durchgeführt werden oder sie werden zu
Fremdfirmeneinsätze ersetzt werden.“        Dokumentationszwecken eingesetzt.

Chipkrise sorgt für Umdenken. Wie viel-        Die Anwendung birgt so manche datenschutzrechtliche
schichtig die industrielle Transforma-         ­Risiken. Die Datenschutzgrundverordnung und Betriebsver-
tion ist, lässt sich an der europäischen        einbarungen schützen vor überbordender Überwachung.
Automobilindustrie festmachen. Sie              Um die gesundheitlichen Auswirkungen zu untersuchen,
ist massiv vom Strukturwandel betrof-           führte die PRO-GE in Kooperation mit Magna, dem
fen. „Wir erleben das Hochlaufen der            Austrian Institute of Technology (AIT) und der AUVA
                                                 Studie zu den Auswirkungen auf die Gesundheit
                                                der ArbeitnehmerInnen durch. Aus den Ergebnissen
                                                lassen sich konkrete Handlungsempfehlungen
                                                ableiten:
                                                • Auf körperliche Belastungen achten: zusätzliches
                                                  Gewicht am Kopf; Druckstellen; Steuerung sollte
                                                  ­ergonomisch gewählt werden.
                                                • Regelmäßige Pausen planen: Anwendung von AR ist
                                                   sehr komplex; als Ausgleich sollten regelmäßige Pausen
                                                   ­geplant werden.
                                                • AR-Arbeitsplätze von Gefahren trennen: AR-Brille schränkt
                                                    Sichtfeld ein, lenkt ab; sichere, abgetrennte Arbeitsplätze
                                                    einrichten.

                                               Mehr zum Thema auf www.proge.at/zukunftderproduktion
DAS MAGAZIN DER GEWERKSCHAFT PRO-GE
10       MAGAZIN DER PRODUKTIONSGEWERKSCHAFT Ausgabe 4/2021                                                                                  fil

                        Interview

     Just Transition:
     Grüner Wandel, aber fair
     Unter dem Motto „Nothing about us without us“ hat der europäische Dach-
     verband der Industriegewerkschaften industriAll Europe zu einer Aktionswo-
     che für einen sozial fairen Wandel aufgerufen. Die „Glück auf!“ traf industri-
     All-Generalsekretär Luc Triangle am Rande der Automobilkonferenz in Wien.
     Das vollständige Interview gibt's auf www.proge.at/zukunftderproduktion                     Luc Triangle, industriAll-Generalsekretär

     Trotz wirtschaftlicher Erholung steht verlieren könnten. Und die Frage ist:        einen Mechanismus brauchen, der die
     die europäische Industrie vor großen Wenn wir aus dem einen aussteigen, wo         Kosten ausgleicht, und das ist tatsächlich
     Schwierigkeiten: Lieferengpässe bei bleibt die Diskussion darüber, in etwas        geplant: Mit dem Carbon Border Adjust-
     Halbleitern und anderen Rohstoffen Neues einzusteigen? Diese Diskussion            ment Mechanism, CBAM, werden Pro-
     bremsen die Produktion, der CO2-Aus- müssen wir einfordern. Was tun wir, um        dukte an der Grenze der EU verzollt, um
     stoß muss dramatisch reduziert wer- diese Regionen zu reindustrialisieren          faire Bedingungen – wenn schon nicht in
     den, einhergehend mit stark stei- und neue, qualitative Beschäftigung zu           sozialer Hinsicht – dann zumindest in
     genden Energiepreisen. Wie kommen schaffen? Das wird die hauptsächliche            Hinsicht auf die CO2-Emissionen herzu-
     wir da wieder heraus?                      Herausforderung für Europa in den       stellen. Aber es wird eine Herausforde-
     Wir sehen eine komplett andere europä- nächsten zehn, zwanzig Jahren: dort,        rung. Europa muss viel bestimmter auf-
     ische Politik als in der Finanzkrise, wo wo Arbeitsplätze verschwinden, eine       treten und mehr Stärke zeigen, um
     alles nur auf Austerität abgezielt hat. Zukunft zu gestalten.                      sicherzustellen, dass unsere Unternehmen
     Wir sehen die Politik, die wir sehen wol-                                          nicht benachteiligt sind im Wettbewerb
     len, und die stellt Investitionen in den Der G20-Gipfel in Rom hat gezeigt,        mit Herstellern außerhalb der Europä-
     Mittelpunkt. Aber für Millionen von dass z. B. China, Russland oder Indien         ischen Union.
     ArbeiterInnen in unseren Industriesek- bei der CO2-Reduktion deutlich weniger
     toren werden der grüne Wandel und der ambitioniert sind. Wie groß ist die Ge-      Wenn wir die Digitalisierung dazurech-
     digitale Wandel riesige Herausforde- fahr, dass Europa umweltpolitisch vo-         nen: Wird es in Zukunft Industriejobs
     rungen sein. Wir unterstützen den rangeht, aber wirtschaftlich auf dem             im derzeitigen Umfang noch geben?
     Green Deal und Fit for 55, aber unter Weltmarkt untergeht?                         Ganz klar nein. Wenn wir die Geschich-
     der Voraussetzung, dass die Europäische Technologische Führerschaft bei Ent-       te der Produktion und der Industrie an-
     Union viel mehr Ambition zeigt und wicklungen ist grundsätzlich gut – das ist      schauen, dann hat immer technischer
     viel mehr Ressourcen zur Verfügung langfristig, denke ich, absolut der richtige    Fortschritt stattgefunden, der zu Pro-
     stellt, um sicherzustellen, dass kein Zugang. Aber es stimmt, das beinhaltet       duktivitätssteigerung geführt hat, und
     Mensch und keine Region zurückgelas- ein kurzfristiges Risiko, dass wir in Euro-   dasselbe wird auch jetzt passieren. Die
     sen wird. Das hat                                          pa viel investieren     Frage ist nun: Wie teilen wir die Arbeit
     auch die Kommissi- „Wir unterstützen die Ziele – aber müssen, Unterneh-            auf? Und dann werden wir wieder eine
     on immer gesagt:          nicht, wenn sie zum Schaden men unter Druck              Diskussion über Arbeitszeitverkürzung
     Wir müssen den grü- der Menschen und zum Schaden kommen und Pro-                   führen müssen. Wenn die Produktivität
     nen Wandel vollzie-        der ArbeiterInnen ausfallen.“   dukte teurer werden,    pro Beschäftigten zunimmt, dann kön-
     hen, aber es sollte                                        während andere auf      nen wir uns auch eine Reduktion der Ar-
     auch ein sozialer Wandel sein. Nun, den europäischen Markt kommen mit              beitszeit leisten – bei vollem Lohnaus-
     heute sehen wir zwar das grüne Ziel, immer noch „schmutzigen“, aber billigen       gleich – und den Kuchen der verfügbaren
     aber wir vermissen die sozialen Unter- Produkten. In dieser Hinsicht können        Arbeitsplätze auf mehr ArbeiterInnen
     stützungsmechanismen, die garantieren, wir nur erfolgreich sein, wenn wir unter    aufteilen. Für Gewerkschaften wird das
     dass jeder mitgenommen wird. Und das gleichen Wettbewerbsbedingungen an-           in Zukunft wieder ein ganz wichtiges
     bedeutet, dass manche Regionen in Eu­ treten. Das bedeutet, dass wir für den Im-   Thema werden, um Jobs für Arbeite-
     ropa ihre hauptsächlichen Arbeitgeber port von Stahl und anderen Produkten         rInnen zu erhalten.
11

sichtlich. Als Reaktion hat die EU-Kom-
mission 5.000 Produkte analysiert und          Herkunft der Importprodukte mit hoher Abhängigkeit
identifizierte 137 als sehr anfällig für Ka-   Die EU definierte 137 Produkte aus empfindlichen Ökosystemen, bei denen
pazitäts- und Lieferengpässe. Das erklär-      in der EU eine hohe Abhängigkeit besteht.
te Ziel ist nun, die Abhängigkeit Euro-
pas von Asien oder den USA zu mildern.
Bis 2030 soll etwa ein Fünftel der benö-
tigten Chips in Europa hergestellt wer-                                                     VIETNAM 11 %          REST DER WELT 11 %
den. Dieses Umdenken bei den globalen
Lieferketten bringt auch Chancen für
den Standort Österreich. In Villach wur-
de zum Beispiel Mitte September eine
neue Chipfabrik des deutschen Halblei-
                                                                                                           SINGAPUR 4 %        USA 3 %
terkonzerns Infineon mit rund 400 Ar-                                                    BRASILIEN 5 %
beitsplätzen eröffnet.                                         CHINA 52 %

Wertschöpfung in Europa forcieren. Aus                                                                     GB
                                                                                                                  RUSSLAND        JAPAN
Sicht der PRO-GE muss Industriepoli-                                                      KOREA 4 %        3%
                                                                                                                     3%            3%
tik mehr sein als Unternehmensförde-
rung. Der Strukturwandel verlangt eine                                                                               HONG KONG 1 %
                                                                                                                     Quelle: Europäische Komission
aktive Gestaltung und vor allem ein
Miteinander von Politik, Verwaltung,
Sozialpartnern und Zivilgesellschaft. Es vestitionen      einreichen.    Österreich     gie von 2020 sind die Ziele der weite-
geht um Lösungen und Investitionen in schaffte es gerade noch rechtzeitig, am           ren Entfaltung grüner Wachstumspoten-
die Zukunft.                             Abend des 30. April den 600 Seiten             ziale und der Erhalt der internationalen
                                         starken Antrag im Gesamtumfang von             Wettbewerbsfähigkeit klar erkennbar. So
Leider wurde in Österreich die Standort- 4,5 Milliarden Euro abzuschicken. Aus          sollen spezifische Wertschöpfungsketten
und Industriestrategie 2040 bisher nur dem Inhalt wurde lange Zeit ein Ge-              etwa in den Schlüsseltechnologien Mik­
angekündigt. Auch sonst sucht man eine heimnis gemacht. Was aber vor allem              roelektronik (Chipherstellung), Hoch-
weitsichtige Industrie- und Klimastrate- kritisiert wurde, war die unzureichende        leistungscomputer und Batteriezellfer-
gie Österreichs eher vergeblich. Bis Einbindung der Sozialpartner bei der               tigung in Europa entwickelt werden.
30. April 2021 konnte jeder EU-Mit- Erstellung – obwohl das eine Vorausset-             Aber auch die Stärkung und die Krisen-
gliedstaat einen Plan für Zukunftsin- zung der EU-Kommission wäre. Im An-               sicherheit des EU-Binnenmarktes sowie
                                         trag finden sich nun zwar einzelne gute        eine Beschleunigung des Übergangs zu
                                         und dringend notwendige Investitionen          einer grüneren und digitaleren Indus-
                                          und Projekte, ein Gesamtkonzept für           trie sind Bestandteile der Strategie, mit
                                                 einen sozialökologischen Über-         der aus der Herausforderung neue Stärke
                                                   gang fehlt aber nach wie vor.        gewonnen werden soll.

                                                      Strategische Neuausrichtung.
                                                      Auf EU-Ebene wurden dage-
                                                      gen wichtige Weichenstellungen
                                                     gemacht. Mit unterschiedlichen
                                                   Schwerpunktprogrammen         will
                                                sich die Union neu aufstellen. In der
                                               2021 aktualisierten Industriestrate-
12       MAGAZIN DER PRODUKTIONSGEWERKSCHAFT Ausgabe 4/2021

         		               Clean-Clothes-Kampagne
      Faire Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie
                                        In der Pandemie haben in-                auf, drängt Unternehmen, mehr Verantwortung für ihre glo-
                                        ternationale Modeunter-                  balen Wertschöpfungsketten zu übernehmen, und ruft die Re-
                                        nehmen Millionen an Ge-                  gierungen dazu auf, Gesetze zu verabschieden, die Menschen-
                                        winn verzeichnet, während                rechtsverletzungen durch Unternehmen verhindern. CCK zeigt
                                        ArbeiterInnen in den Fa-                 sich solidarisch mit den ArbeiterInnen, die unsere Kleidung
                                        briken die Löhne vorent-                 herstellen, und unterstützt ihren Kampf für bessere Arbeitsbe-
                                        halten wurden. Für die                   dingungen. Der Clean-Clothes-Kampagne gehören sowohl Ge-
                                        Betroffenen ist das eine                 werkschaften als auch Nichtregierungsorganisationen an.
                                        Katastrophe, denn das
     Einkommen ist für das tägliche Essen und Überleben der Fami-                Auch Gerald Kreuzer von der PRO-GE bestätigt, dass die
     lien notwendig. Die Clean-Clothes-Kampagne (CCK) fordert                    „Urgent Actions“ der CCK Wirkung zeigen. Was für
     die Unternehmer auf, ordnungsgemäß und zeitgerecht die zu-                  uns oftmals nur ein Mausklick für ein E-Mail oder das
     stehenden Löhne zu zahlen.                                                  Schicken einer Postkarte ist, bringt den Betroffenen vor Ort oft
                                                                                 spürbare Ergebnisse.
     Seit 1996 verfolgt CCK das Ziel, Arbeitsrechte in der globa-
     len Bekleidungsindustrie zu verbessern. Sie klärt BürgerInnen               Linktipp: www.cleanclothes.at

     Erstmals Betriebsrat bei MSD Animal Health
     In der neu errichteten Produktionsstätte des Pharmabetriebs MSD Ani-
     mal Health Danube Biotech GmbH in Krems wurde erstmals ein Be-
     triebsrat für ArbeiterInnen gewählt. Die engagierten Kollegen rund um
     die neu gewählte Arbeiterbetriebsratsvorsitzende Melanie Spitzer werden
     sich zukünftig für die Anliegen der ArbeiterInnen am Standort einsetzen.

     Die „Glück auf!“ gratuliert und wünscht dem neuen Team
     alles Gute für die spannende Aufgabe.

                                                                                                                          BUCHTIPP
                                                                                                         DIE GEISTER, DIE ICH TEILTE
                                                                           Wie soziale Medien unsere Freiheit bedrohen – Fritz Jergitsch
                               Das vergangene Jahrzehnt brachte uns erstmals seit Ende des 2. Weltkriegs einen bedenklichen
                               Anstieg der autokratisch regierten Staaten. Hängt das Wiedererstarken von Autokratien mit dem Auf-
                               stieg der sozialen Medien zusammen? Fritz Jergitsch, Gründer des Online-Satiremagazins „Tagespresse“,
                               zeigt in „Die Geister, die ich teilte“ auf, wie Facebook, Twitter und Co. ticken, und beschreibt, wie
                               Autokraten und andere Demagogen dieser Welt die sozialen Medien für Fake News missbrauchen.

                               Dabei bezieht sich Jergitsch auf aktuelle Entwicklungen und analysiert, wieso in einer Pandemie plötz-
                               lich Millionen Menschen glaubten, das Virus sei nur eine Erfindung, und wieso ein US-Präsident seine
                               AnhängerInnen zum Sturm auf das Kapitol aufhetzen konnte. Werden wir die Geister, die wir teilten,
                               wieder los?
                               Verlag: Residenz 2021, 224 Seiten, ISBN: 978-3-7017-3533-4
                               Mach mit bei unserem Preisrätsel auf Seite 23 und gewinne mit etwas Glück eines von drei Exemplaren!
                               Dieses und viele andere spannende Bücher sind erhältlich auf www.besserewelt.at
13

                                                                           Warnstreik der Aufzugsmonteure auf der Wiener Triesterstraße.

                   		 Herbstlohnrunde 2021

Metaller-Streiks
 für kräftiges Lohnplus
             Lange ging bei den heurigen Kollektivvertragsverhandlungen in        einberufen. Da danach auch die vierte
             der Metallindustrie fast gar nichts weiter. Erst BetriebsrätInnen-   Runde scheiterte, wurden in der ers­
                Konferenzen, Betriebsversammlungen und sogar Warnstreiks          ten Novemberwoche in 350 Betrieben
                                    brachten die Arbeitgeber zum Einlenken.       Warnstreiks abgehalten. Erst dann war
                                                                                  der Weg frei für den erfolgreichen Ab-
                                                                                  schluss der Verhandlungen.

Sieben        Wochen hat es ge-
braucht, bis die Gewerkschaften
                                       konnten. Der erfolgreiche KV-Abschluss
                                       wurde aber nicht nur in den 18 Runden
                                                                                  Erfolg durch Solidarität. „Die kräftigen
                                                                                  Lohnerhöhungen sind vor allem ein Er-
PRO-GE und GPA auch im zehnten         und 67 Stunden ausverhandelt, sondern      folg der Beschäftigten“, hielt PRO-GE
Jahr nach Auflösung der Verhand-       musste erst von den Beschäftigten in den   Chefverhandler Rainer Wimmer dann
lungsgemeinschaft der Arbeitgeber      Betrieben erzwungen werden. Nach drei      auch nach der Einigung fest. „Der starke
den einheitlichen Kollektivvertrag     mehr als enttäuschenden Verhandlungs-      Druck aus den Betrieben mit den Be-
Metallindustrie & Bergbau verteidi-    terminen mit dem Fachverband der me-       triebsversammlungen und Warnstreiks
gen und gleiche Lohnabschlüsse für     talltechnischen Industrie (FMTI) wur-      hat auf Arbeitgeberseite für Bewegung
alle 190.000 Beschäftigten erreichen   den rund 400 Betriebsversammlungen         gesorgt. Nur so war es möglich, ein sehr,
14       MAGAZIN DER PRODUKTIONSGEWERKSCHAFT Ausgabe 4/2021                                                                                     zent

                                                                                                       Arbeitszeitverteilung sind vorgesehen.
                                                                                                       Bis zum Herbst 2022 soll ein sozialpart-
                                                                                                       nerschaftlicher Bericht vorliegen. Weiters
                                                                                                       wird im Rahmenrecht die Möglichkeit
                                                                                                       für Wochenendarbeit bei nachvollzieh-
                                                                                                       barem erhöhtem Arbeitsbedarf befris­
                                                                                                       tet auf zwei Jahre um sechs Sonntage
                                                                                                       erweitert. Voraussetzung dafür ist die
                                                                                                       Zustimmung des Betriebsrates und der
                                                                                                       Gewerkschaften.

                                                                                                       Fairness für LeiharbeiterInnen. Die
                                                                                                       schon in der Frühjahrslohnrunde nach
                                                                                                       Bekanntwerden von massiven Missstän-
                                                                                     Collini Bürmoos   den bei Hygiene Austria und anderen
                                                                                                       Unternehmen (siehe auch Seite 17) mit
          sehr gutes Gesamtpaket inklusive              nen besonderen Schwerpunkt legte die           mehreren Industriebranchen vereinbar-
          kräftigen Steigerungen bei Schicht-           PRO-GE bei den diesjährigen KV-Ver-            te Sozialpartnererklärung zur Arbeits-
          zulagen und Lehrlingseinkommen                handlungen auf die Schichtarbeit. Für          kräfteüberlassung wurde nun auch für
          zu schnüren.“                                 die Stundenzulage für die zweite Schicht       die Metallindustrie übernommen. Darin
                                                        wurde dabei eine schrittweise Verdop-          verpflichten sich die Kollektivvertrags-
          Kräftige Erhöhungen für Lehrlinge.            pelung bis November 2023 auf einen             partner, gemeinsam auf die Einhaltung
          Für die Beschäftigten aller Fachver-          Euro erreicht. Die Zulage für die drit-        der gesetzlichen und kollektivvertrag-
          bände und Berufsgruppen der Me-               te Schicht wird in Etappen bis Novem-          lichen Vorschriften für LeiharbeiterInnen
          tallindustrie steigen mit diesem              ber 2027 von 2,52 Euro auf 4 Euro              in den Unternehmen zu achten und ge-
          Abschluss die Ist-Löhne um 3,55               angehoben. Das entspricht einer Er-            gebenenfalls die Einhaltung gemeinsam
          Prozent. Diese Erhöhung erhalten              höhung um 58,5 Prozent. Dieses Pa-             einzufordern.
          alle Ende Oktober Beschäftigten               ket macht in Summe jährlich rund
          rückwirkend mit 1. November. Die              75 Millionen Euro zusätzlich für die            Der Abschluss im Überblick:
          Mindestlöhne werden um drei Pro-              Schichtarbeit aus.                              •   Ist-Löhne +3,55 Prozent
          zent erhöht. Noch kräftiger werden                                                            •   KV-Löhne +3,0 Prozent
          die Lehrlingseinkommen angeho-                Zukunftsthema Arbeitszeit. Im Rah-              •   Neuer Mindestlohn 2.089,87 Euro
          ben, mit einem Plus von 50,51 Euro            menrecht vereinbarten die Kollektivver-         •   Zulagen +3,55 Prozent
          bzw. 6,74 Prozent im ersten Lehr-             tragsparteien eine ExpertInnengruppe,           •   Zulage für die 2. Schicht +100 Prozent
          jahr. Im zweiten Lehrjahr beträgt             die sich mit den Themen „Arbeitszeit-               (in Etappen bis November 2023)
          die Erhöhung 40,99 Euro (+4,27                gestaltung“ und „lebensphasenorien-             •   Zulage für die 3. Schicht +58,5 Prozent
          Prozent), für das dritte Jahr sind            tierte Arbeitszeitmodelle“ auseinander-             (in Etappen bis November 2027)
          es 70,33 Euro (+5,61 Prozent) und             setzt. Berücksichtigung sollen dabei            •   Aufwandsentschädigungen +2,5 Prozent
          im vierten Lehrjahr 93,25 Euro                unter anderem das Zeitkontenmodell,             •   Lehrlingseinkommen
          (+5,63 Prozent).                              die Schichtarbeit und die 4-Tage-Wo-                  1. Lehrjahr +6,74 Prozent
                                                        che finden. Auch die Themenfelder Frei-               2. Lehrjahr +4,27 Prozent
                                                                                                              3. Lehrjahr +5,61 Prozent
          75-Mio.-Paket für die Schichtarbeit.          zeitoption, Elemente der Zeitsouverä-
                                                                                                              4. Lehrjahr +5,63 Prozent
          Die Zulagen werden um 3,55 Pro-               nität für ArbeitnehmerInnen, kürzere
                                                                                                        •   Geltungstermin: 1. November 2021
          zent und die Aufwandsentschädi-               Arbeitszeiten bei physisch und psychisch        •   Laufzeit: 12 Monate
          gungen um 2,5 Prozent erhöht. Ei-             belastender Arbeit sowie alternsgerechte

     PRO-GE Verhandlungsleiter Rainer Wimmer             KWI International Ferlach                     Georg Fischer Herzogenburg
15

                 			                            Danke für euren Kampfgeist!

    Gemeinsamer Einsatz zahlt sich aus
  Der Abschluss in der Metallindustrie
   musste wieder einmal hart erkämpft
werden. Der Erfolgsgarant für Gewerk-
    schaften in diesen Auseinanderset-
zungen: das Engagement von Betriebs-
   rätInnen und Mitgliedern. Hier die
 schönsten Bilder von den Aktionen in
     den Betrieben und auf der Straße.

                                     iSi Wien                                                                                      Rheinmetall MAN Wien

                                                                Klinger Fluid Control Gumpoldskirchen   Koenig & Bauer Maria Enzersdorf

                    Schaeffler Berndorf St. Veit

                                                                                                                                     Rosenbauer Neidling

            Kundgebung der PRO-GE Jugend
16       MAGAZIN DER PRODUKTIONSGEWERKSCHAFT Ausgabe 4/2021                                                                                   zent

                     KV-Abschluss Metallgewerbe 2022

        3,45 Prozent mehr
        Lohn ab 1. Jänner
              Zur Herbstlohnrunde gehören               zent auf einen Euro; für die erste Etappe    erreicht“, zieht PRO-GE Bundesvorsit-
            für die PRO-GE immer auch die               ab Jänner 2022 ergibt sich dadurch eine      zender und Verhandlungsleiter Rainer
         Kollektivvertragsverhandlungen für             Erhöhung von 30 Prozent. Die Zulagen         Wimmer eine positive Bilanz. „Das sozi-
         das Metallgewerbe. Der diesjährige             für die dritte Schicht und die Nachtar-      alpartnerschaftlich verhandelte Gesamt-
          Abschluss bringt neben Lohnerhö-              beit werden bis 2024 um 26,2 Prozent         paket ist eine faire Wertschätzung für die
             hungen unter anderem noch die              auf drei Euro angehoben, die Steigerung      erfolgreiche Arbeit der Beschäftigten und
           Freizeitoption und ein besonderes            der ersten Etappe 2022 entspricht 5,86       stärkt deren Kaufkraft.“
            Mobilitätsangebot für Lehrlinge.            Prozent. Mit dem Abschluss 2022 gilt
                                                        auch wieder die Freizeitoption. Die Ist-      Der Abschluss im Überblick:
         Am 19. November konnten
         nach dem KV-Abschluss der Metall-
                                                        Lohnerhöhung kann in eine nachhaltige
                                                        Arbeitszeitreduktion umgetauscht wer-
                                                        den. Für die 3,45 Prozent Erhöhung
                                                                                                      •
                                                                                                      •
                                                                                                          KV-Löhne +3,45 Prozent
                                                                                                          Neuer Mindestlohn 2.069 Euro
                                                                                                      •   Ist-Löhne +3,0 Prozent
         industrie auch die Kollektivvertrags-          ergeben sich dabei vier Stunden und           •   Lehrlingseinkommen +3,45 Prozent
         verhandlungen für die 110.000 Ar-              30 Minuten mehr Freizeit pro Monat.           •   Schichtzulagen:
         beiterInnen und die 18.000 Lehrlinge           Voraussetzung ist der Abschluss einer               2. Schicht: etappenweise Erhöhung auf
         im Metallgewerbe abgeschlossen wer-            Betriebsvereinbarung.                               einen Euro bis 2024 (+95,0 Prozent)
         den. Die kollektivvertraglichen Min-                                                               3. Schicht: etappenweise Erhöhung auf
         destlöhne steigen ab 1. Jänner 2022            Gratis-Klimaticket für Lehrlinge. Die               drei Euro bis 2024 (+26,2 Prozent)
         um 3,45 Prozent. Der neue Mindest-             Lehrlingseinkommen werden ebenfalls           •   Aufwandsentschädigungen +2,5 Prozent
         lohn liegt damit künftig bei 2.069             um 3,45 Prozent erhöht. Weiters bein-         •   Kostenersatz für das österreichweite
         Euro. Die Ist-Löhne werden um                  haltet der KV-Abschluss ein innovatives           Klimaticket für Lehrlinge
         3 Prozent angehoben.                           neues Element für Lehrlinge. Sie kön-         •   Freizeitoption: Statt Ist-Lohnerhöhung
                                                        nen sich für 2022 für das Klimaticket an-         mehr Freizeit im Ausmaß von 4 Stunden
         Deutliche Erhöhungen der Schicht-              stelle des Fahrtkostenersatzes entscheiden        30 Minuten pro Monat möglich
         zulagen. Für die Schicht- und Nacht-           und damit ein Jahr lang in ganz Öster-        •   Gemeinsame Sozialpartnererklärung:
         arbeitszulagen wurde eine Erhöhung             reich alle öffentlichen Verkehrsmittel be-        Bekenntnis zum fairen Umgang mit
                                                                                                          ZeitarbeiterInnen
         in drei Etappen bis 2024 ausver-               nutzen. „Wir haben mit den kräftigen
                                                                                                      •   Geltungstermin: 1. Jänner 2022
         handelt. Die Zulage für die zwei-              Lohnerhöhungen und Steigerungen bei
                                                                                                      •   Laufzeit: 12 Monate
         te Schicht steigt dabei um 95 Pro-             den Lehrlingen ein sehr gutes Ergebnis

     AKTUELLE KOLLEKTIVVERTRAGSABSCHLÜSSE
     Ab 1. August:
     Mühlenindustrie: KV-Löhne inklusive Lehrlingseinkommen +2,47             Großbäcker: KV-Löhne +2,11 Prozent im Durchschnitt, neuer Min-
     Prozent im Durchschnitt, neuer Mindestlohn beträgt 2.019,22 Euro;        destlohn 1.678,31 Euro; prozentuelle Erhöhung der Lehrlingsein-
     Dienstalterszulagen, Zehrgelder und Zulagen +2,05 Prozent; Über-         kommen laut RKV; Zulagen laut Lohnvertrag +2,11 Prozent.
     zahlungen bleiben in voller Höhe aufrecht.
                                                                              Ab 1. November:
     Ab 1. Oktober:                                                           Molkereien und Käsereien: KV-Löhne +2,7 Prozent plus Rundung
     Bäckergewerbe: KV-Löhne +2,11 Prozent, neuer Mindestlohn                 auf den vollen Euro, neuer Mindestlohn 1.920,00 Euro; Lehr-
     1.556,40 Euro; Lehrlingseinkommen +2,3 Prozent; Zulagen +2,11            lingseinkommen +2,7 Prozent; Dienstalterszulagen +2,7 Prozent,
     Prozent; Lohngruppe „AushelferInnen“ ersatzlos gestrichen; Verein-       Zehrgelder +2,7 Prozent.
     barung eines Zusatz-KV, Angleichung der Kündigungsfristen von
     ArbeiterInnen und Angestellten und Umkleidezeiten.                        ALLE KV-ABSCHLÜSSE DER PRO-GE: WWW.LOHNRUNDEN.AT
17

       			                Über 6.000 Jugendliche befragt

Jeder dritte Lehrling ist unzufrieden
        Mitte November präsentierte die     Gassi gehen mit dem Hund des Chefs. In
         Österreichische Gewerkschafts-     der Folge will jede/r Dritte nicht im Lehr-
         jugend den 4. Österreichischen     betrieb bleiben – fast die Hälfte davon
      Lehrlingsmonitor. Die Ergebnisse      auch nicht im Beruf. Insgesamt ist aber
      zeigen, dass die Qualität der Lehr-   die Zustimmung zum erlernten Lehrbe-
                                            ruf mit 76 Prozent höher als zum Verbleib
     ausbildung gesteigert werden muss.
                                            im Betrieb (68 Prozent).
      Nur zwei von drei Lehrlingen sind
         mit ihrer Ausbildung zufrieden.    Ausbildungslücken durch Kurzarbeit.
                                            Für Betriebe war es möglich, auch Lehr-

    Bei    einem Drittel der Befragten
    findet keine regelmäßige Bespre-
                                            linge in die Kurzarbeit mitzunehmen.
                                            Betroffen waren davon 19 Prozent. Die
                                            stabil bleibende Anzahl der Lehrlinge         und Arbeiterkammer ein Programm für
    chung des Ausbildungsfortschritts       im Jahr 2020 zeigt, dass diese Maßnah-        Ausbildungsqualität erstellt. Am wich-
    statt. Weiterhin muss fast jede/r Drit- me auch erfolgreich war. Aber: In der         tigsten sind dabei Kompetenzchecks zur
    tel (29 Prozent) Überstunden ma-        Kurzarbeit sollten die Lehrlinge mindes­      Mitte der Ausbildung mit Feedback an
    chen. Obwohl für unter 18-Jährige       tens zur Hälfte der Ausfallszeit vollstän-    Lehrlinge und Lehrbetriebe, die Einrich-
    verboten, zeigt der Lehrlingsmonitor,   dig ausgebildet werden. Das fand nicht        tung von Kompetenzzentren in Ergän-
    dass diese im selben Ausmaß Über-       einmal für die Hälfte aller betroffenen       zung der Ausbildungsverbünde und eine
    stunden leisten wie über 18-Jährige.    Lehrlinge statt.                              Reform der AusbilderInnenausbildung
    Viele Lehrlinge werden für ausbil-                                                    mit speziellem Fokus auf die pädago-
    dungsfremde Tätigkeiten eingesetzt, Qualitätsoffensive gefordert. Im Interes-         gische und fachliche Qualität. Außerdem
    genannt wurden unter anderem Ra- se der Jugendlichen und auch der Wirt-               muss die schon lange geforderte Fachkräf-
    sen mähen, private Autos putzen, schaft haben ÖGB, Gewerkschaftsjugend                temilliarde endlich umgesetzt werden.

                     			                Leiharbeit

              „Behandelt wie Maschinen …“
     Im Frühjahr haben der „Maskenskandal“ bei Hygiene            Verfahren in dieser Sache angestrengt. Das Postverteilzentrum
Austria und der Corona-Cluster bei der Post ausbeuterische        Inzersdorf wiederum geriet durch einen Corona-Cluster in die
 Arbeitsbedingungen in den Fokus gerückt. Die Schicksale          Schlagzeilen. In diesem Zusammenhang wurde bekannt, dass
  hinter den Schlagzeilen beleuchtet nun eine neue Studie.        dort zu einem großen Teil LeiharbeiterInnen tätig waren.

                                                                  Auftraggeberhaftung endlich umsetzen. „Bei dem, was diese

Anhand            von 15 Interviews mit LeiharbeiterInnen
von Hygiene Austria und dem Postverteilzentrum Inzersdorf
                                                                  Betriebe den Arbeitskräfteüberlassern bezahlt haben, kann sich
                                                                  jeder ordentliche Kaufmann ausrechnen, dass diese Leihfirmen
                                                                  nicht gesetzeskonform unterwegs sein können“, sagt PRO-GE
hat eine von der AK geförderte Studie der Uni Wien deren pre-     Branchensekretär Thomas Grammelhofer. Die Folgen werden
käre Arbeitsbedingungen untersucht. Beide Betriebe spielten       von der Studie eindrucksvoll aufgezeigt: überlange Arbeitszeiten,
während der Corona-Pandemie eine wesentliche Rolle. Hygie-        mangelnde Arbeitssicherheit und Verstöße bei der Entlohnung.
ne Austria gab das Versprechen ab, ausreichend FFP2-Masken        „Sie haben uns als Maschinen behandelt, nicht als Menschen“,
in Österreich produzieren zu können. Im März 2021 fand der        wird ein ehemaliger Leiharbeiter bei Hygiene Austria zitiert.
Höhenflug ein jähes Ende: Eine Großrazzia nach Hinweisen auf      Immerhin konnte nach den Skandalen in zahlreichen KV-Ab-
Lohn- und Sozialdumping brachte nicht nur schlechte Arbeits-      schlüssen eine Sozialpartnervereinbarung zum fairen Umgang
bedingungen ans Licht, sondern auch chinesische Masken, die       mit LeiharbeiterInnen fixiert werden. Doch es braucht mehr:
als „Made in Austria“ umgepackt wurden. Die rund 200 Leih-        Die PRO-GE fordert u. a. eine Haftung des Erstauftraggebers,
arbeiterInnen wurden gekündigt und teils mit neuen Dienstver-     mehr Kontrollen, Schutz bei Betriebsratsgründungen und das
trägen wieder eingestellt. Die Arbeiterkammer hat bereits 118     Best- statt Billigstbieterprinzip bei öffentlichen Aufträgen.
18     MAGAZIN DER PRODUKTIONSGEWERKSCHAFT Ausgabe 4/2021

      Betriebsreportage Wittur Austria GmbH

      Auf und ab
          in Sicherheit

                                                                           Im beindruckenden Testturm bedarf es Schwindelfreiheit
                                                                           beim Zusammenbau der komplexen Testsysteme.

                 Wer heute in einen Aufzug steigt, muss sich wenig Gedanken über die                    nik wahrnehmen“, erklärt Leitner. Dazu
                 Sicherheit machen. Wir vertrauen darauf, dass uns die Technik sicher                   gehören Tragrahmen, Gegengewichte,
                  nach oben und wieder nach unten bringt. Wie viel Know-how hinter                      Geschwindigkeitsregler, Bremsen, Füh-
                diesem selbstverständlichen Sicherheitsgefühl steckt und dass wichtige                  rungskomponenten,      Türmechaniken,
                                                                                                        Antriebe und vieles mehr. Wittur-Pro-
                 Komponenten der Aufzugstechnik aus Scheibbs kommen, weiß wohl
                                                                                                        dukte kommen weltweit in den höchsten
                        kaum jemand. Die „Glück auf!“ hat die Firma Wittur besucht.                     Wolkenkratzern zur Anwendung.

     Man       sieht ihn schon von Wei-
     tem. 50 Meter hoch thront der Wit-
                                                      Mehr als 500 Beschäftigte sorgen im
                                                      Zwei- bzw. Drei-Schicht-Betrieb für die
                                                                                                        Eine wichtige Rolle spielen dabei auch
                                                                                                        das Entwicklungszentrum und der gigan-
                                                                                                        tische Testturm. Seit 2009 bringen die
     tur-Turm inmitten des Werksgeländes              Produktion modernster Aufzugstech-                Forschungsarbeiten wichtige und neue
     des Aufzugherstellers. Er ist der Stolz          nik. Robert Leitner hat selbst Maschi-            Erkenntnisse für die Aufzugstechnik.
     des Unternehmens und fast schon ein              nenbautechniker bei Wittur gelernt und            Circa 70 Patente habe das Unternehmen
     Wahrzeichen von Scheibbs geworden.               war 25 Jahre in der Produktion tätig. Frü-        bereits entwickelt, bestätigt uns Franz
     Die verschiedenen Produktionshallen              her schon Jugendvertrauensrat, vertritt er        Josef Karner. Er ist Mitverantwortlicher
     sind sichtbare Zeitzeugen der stetigen           heute als Betriebsratsvorsitzender die In-        in der Produktentwicklung. In spekta-
     Erweiterung der Produktion seit den              teressen der rund 360 ArbeiterInnen. „Bei         kulären und aufwendigen Fallversuchen
     späten 1960er-Jahren. So ist das Un-             den Aufzügen produzieren wir alles, was           können Sicherheitskomponenten, Fahr-
     ternehmen mit unterschiedlichen Ei-              man optisch nicht sieht und trotzdem für          korbrahmen und Türantriebssysteme
     gentümerstrukturen gewachsen und                 die sichere Benutzung eines Fahrstuhls            im Testturm auf ihre Tauglichkeit ge-
     zu einem wichtigen Arbeitgeber und               notwendig ist. Nur wer in einer Glaskabi-         prüft werden. Das alles für unser sicheres
     Lehrbetrieb in der Region geworden.              ne fährt, kann auch sichtbar unsere Tech-         Gefühl in den Aufzügen.
19

  Konzentration und Genauigkeit sind bei der Biegemaschine gefragt.                    Von Zeit zu Zeit muss Gerhard Schafhuber zu Wartungsarbeiten auch
  Hier wird der korrekte Winkel gemessen.                                              direkt zum Schweißroboter.

 In der Spritzerei wird auch nach besonderen Kundenwünschen gefertigt.                 Die Geschwindigkeitsregler sorgen auch im Notfall für die
 Jede Farbe ist möglich.                                                               Sicherheit des Fahrkorbs.

Fast schon ein Wahrzeichen von Scheibbs: Den            Franz Josef Karner ist schon seit 42 Jahren im Betrieb       BRV Robert Leitner (rechts im Bild) kümmert sich seit
großen Testturm sieht man schon von Weitem.             und kennt alle Aufzugssysteme bis ins Detail.                2016 ausschließlich um die Anliegen der ArbeiterInnen.

Spezielle Schweißkenntnisse sind beim                   Die Seitenträger für Gegengewichte vor der                   Erfahrung in der Montage hilft. Hier werden unter
Aufzugsbau von besonderer Bedeutung.                    weiteren Bearbeitung.                                        anderem Türelemente zusammengebaut.
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