Energie und Umwelt Forschung am Paul Scherrer Institut - Paul Scherrer Institut (PSI)

Die Seite wird erstellt Philipp Brunner
 
WEITER LESEN
Energie und Umwelt Forschung am Paul Scherrer Institut - Paul Scherrer Institut (PSI)
Energie und Umwelt
  Forschung am Paul Scherrer Institut
Energie und Umwelt Forschung am Paul Scherrer Institut - Paul Scherrer Institut (PSI)
Die Versuchsplattform ESI – kurz
für Energy System Integration –
des Paul Scherrer Instituts testet
erneuerbare Energiealternativen
in ihrem komplexen Zusammenspiel
miteinander.
Energie und Umwelt Forschung am Paul Scherrer Institut - Paul Scherrer Institut (PSI)
Inhalt

4    Energie − Treibstoff des Lebens           22    Der Kern der Dinge
                                               22    Wie ein Schwamm für Wasserstoff
6    Eine Plattform –                          23    Simulationen machen Kernanlagen
     viele Energiesysteme                      		sicherer
                                               24    Flüssigsalzreaktoren –
 7   Vereint im Dienste der Energieforschung
                                               		    die Erforschung einer Möglichkeit
                                               24    Mit Sicherheit eingeschlossen
10   Energie in Gas speichern
                                               24    Eine Zukunftsfrage
10   Gewinnung von Wasserstoff
11   Methanisierung
                                               25 «Man kann international
11   Weissbuch Power-to-X
                                               		 nur mitreden, wenn man
                                                  Kompetenz hat»
12   Wertvoller Wasserstoff

                                               26    Hotlabor: Wissen aus
13   Saubere Energie dank
                                                     den heissen Zellen
     Brennstoffzelle

                                               28    Energiesysteme:
14   Die Möglichmacher
                                                     Der Blick für das Ganze
15   Saubere Abgase dank Schwammstruktur
                                               28    Energiemix der Zukunft
15   Weg vom «schmutzigen Diesel»
                                               29    Mobilität von morgen
15   Wasser spalten

16   Das Thema Energie und Umwelt              31    Das PSI in Kürze
     hat ungemein viele Facetten                31   Impressum
                                                31   Kontakte

17   Gut und lange geladen

18   Die Atmosphäre im Blick
18   Hoch oben
20   Dicke Luft in Delhi
20   Vom Grossen zum Kleinen
21   Umwelt mobil

 Umschlagbild
 Brennstoffzellenforschung am PSI.

                                                                                         3
Energie und Umwelt Forschung am Paul Scherrer Institut - Paul Scherrer Institut (PSI)
Energie − Treibstoff des Lebens

Wie man Energie nachhaltig gewinnt        • Sichere Nutzung der Kernenergie
und speichert, ist eine entscheidende     • Sichere Entsorgung radioaktiver
Zukunftsfrage für jede Gesellschaft.        Abfälle
Die Forschung des PSI hilft dabei,        • Ganzheitliche Bewertung
heute Antworten auf diese Fragen von        von Energiesystemen
morgen zu finden.                         • Auswirkungen von Energienutzung
                                            auf Klima und Atmosphäre
Jedes Lebewesen benötigt Energie in
Form von Nahrung. Der Mensch konsu-       Ziel der PSI-Forschenden ist es, bei
miert über Nahrung hinaus aber noch       Energiegewinnung, Energienutzung,
weitaus grössere Mengen an Energie:       Energiespeicherung und bei deren Um-
in privaten Haushalten, der Wirtschaft    weltauswirkungen eine möglichst hohe
und für die Mobilität. Würde man den      Effizienz bei gleichzeitiger Schonung
weltweiten Primärenergiebedarf aus-       der Ressourcen zu erreichen. Dazu ist
schliesslich mit Erdöl decken, dann       es notwendig, die eingesetzten Mate-
bräuchte man dafür mehr als 135 Bil­      rialien und ihr Verhalten unter den ver-
lionen Tonnen. Die Schweiz benötigte      schiedenen Einsatzbedingungen genau
davon über 26 Millionen Tonnen oder       zu kennen.
knapp 0,2 Prozent.                        Die Forschungsinfrastruktur des PSI
                                          bietet dafür ideale Voraussetzungen.
Energie tritt in unterschiedlichen For-   Die Grossforschungseinrichtungen wie
men auf, zum Beispiel:                    die Synchrotron Lichtquelle Schweiz
• als elektrische Energie                 SLS, der Freie-Elektronen-Röntgenlaser
    in Form von Strom                     SwissFEL, die Schweizer Spallations-
• als thermische Energie                  Neutronenquelle SINQ, die Schweizer
    in Form von Wärme                     Forschungsinfrastruktur für Teilchen-
• als kinetische Energie                  physik CHRISP und die Schweizer
    in Form von Bewegung                  Myonenquelle SμS erlauben tiefe Ein-
                                          blicke in die allerkleinsten Strukturen
Die verschiedenen Energieformen las-      von Materialien. Auch die Energy-
sen sich ineinander umwandeln. PSI-       System-Integration-Plattform, kurz ESI,
Forschende arbeiten daran, möglichst      das Hotlabor und neue leistungsfähige
effiziente Verfahren zu entwickeln, um    Grossrechner helfen den Forschenden
Energie zu erzeugen, zu speichern und     des PSI dabei, entscheidende Fort-
umzuwandeln.                              schritte bei der Sicherung einer nach-
Dabei konzentrieren sie sich auf fol-     haltigen Energieversorgung zu erzielen.
gende Bereiche:                           Neben der physikalischen und chemi-
• Erforschung nachhaltiger Energie-       schen Erforschung von Stoffen und
    quellen, zum Beispiel Biomasse        Verfahren hat die Modellierung von
• Effiziente Umwandlung von Ener-         neuen Materialien und die Simulation
    gieträgern zur Speicherung und        von Energiesystemen grosse Bedeu-
    Wiedergewinnung von Energie für       tung.
    Wärme, Strom, Mobilität

4
Energie und Umwelt Forschung am Paul Scherrer Institut - Paul Scherrer Institut (PSI)
Energie nachhaltig gewinnen, umwandeln
und speichern – ein Forschungsziel für heute
und morgen.

                                               5
Energie und Umwelt Forschung am Paul Scherrer Institut - Paul Scherrer Institut (PSI)
Eine Plattform – viele Energiesysteme

Weltweit befinden sich die Energiesys-
teme im Umbau. Vermehrt wird dabei
auf die sogenannten neuen erneuer-
baren Energieträger gesetzt: Das sind
Sonne, Wind und Biomasse. Auch in
der Schweiz steigt ihr Anteil an der
Energieversorgung und soll dies auch
weiterhin tun. Um die Effizienz zu stei-
gern, ist die Erforschung und Entwick-
lung neuer Materialien und Verfahren
notwendig − sowohl bei der Gewin-
nung von Energie aus erneuerbaren
Quellen als auch bei deren Verteilung
und Nutzung.

Das PSI bietet mit seiner Energy-Sys-
tem-Integration-Plattform eine einma-
lige Kombination verschiedener Ener-
giesysteme an einem Ort und dadurch
exzellente Möglichkeiten, Verfahren zu
erforschen, um Energie effizient zu ge-
winnen, zu speichern und umzuwan-
deln. Ziel ist es, in enger Zusammenar-
beit mit Partnern aus Forschung und
Industrie verschiedene Varianten der
Energiespeicherung (siehe auch Ener-
gie in Gas speichern, Seite 10f.) und
der energieeffizienten Nutzung von
Biomasse auf ihre technische und wirt-
schaftliche Machbarkeit hin zu unter-
suchen und weiterzuentwickeln.
So wurde mithilfe der ESI-Plattform ein
Verfahren entwickelt, mit dem sich we-
sentlich mehr Methan aus Biomasse,
zum Beispiel aus Bioabfällen von Haus-
halten, erzeugen lässt. Methan ist der
Hauptbestandteil von herkömmlichem         Die ESI-Plattform erforscht, wie
Erdgas und somit ein bewährter Ener-       überschüssige erneuerbare Energie
                                           aus Wind und Sonne gespeichert
gieträger. Üblicherweise entsteht Me-
                                           und bei Bedarf wieder verfügbar
than aus Bioabfällen durch mikrobielle
                                           gemacht werden kann. Die einzelnen
Prozesse, durch sogenannte Vergärung.      Elemente der ESI-Plattform sind in
Dabei entwickeln sich aber auch grosse     Containern untergebracht, damit man
Mengen Kohlendioxid. Das Gemisch           sie flexibel vor Ort einsetzen kann.

6
Energie und Umwelt Forschung am Paul Scherrer Institut - Paul Scherrer Institut (PSI)
aus beiden Gasen, das Rohbiogas, be-       Die Möglichmacher, Seite 14f.). Das im       dustriellen Massstab sehr gut eignet.
steht zu 60 Prozent aus Methan und zu      Rohbiogas enthaltene Kohlendioxid            Das neue Verfahren zur effizienten Me-
40 Prozent aus Kohlendioxid. Letzteres     wird nahezu vollständig zu Methan            thangewinnung aus Biomasse beein-
wird in der Regel aufwendig vom Me-        umgewandelt. Das resultierende End-          druckte selbst die Experten des Bun-
than getrennt und nicht weiter verwer-     produkt ist so hochwertig und gleicht        desamts für Energie. Sie zeichneten
tet.                                       handelsüblichem Erdgas so sehr, dass         das PSI und Energie 360° für diesen
Den Forschenden des PSI ist es gelun-      es direkt in das Gasnetz eingespeist         wichtigen Beitrag zu einer nachhaltigen
gen, dieses Kohlendioxid durch Zugabe      werden kann.                                 Energieversorgung mit dem Schweizer
von Wasserstoff direkt in das Rohbio-      In einem Gemeinschaftsprojekt mit            Energiepreis Watt d’Or aus und kürten
gas nun auch noch in Methan umzu-          dem Zürcher Versorgungsunternehmen           beide gemeinsam zum Sieger in der
wandeln. Dazu benötigen sie unter          Energie 360° testeten die PSI-Forschen-      Sparte Erneuerbare Energien.
anderem sogenannte Katalysatoren −         den ihre Entwicklung unter realen Be-
Substanzen, die die Umwandlung von         dingungen. Mit der mobilen Anlage
einer chemischen Verbindung in eine        Cosyma, in der die Umwandlung von
andere erst möglich machen, sodass         Wasserstoff und Kohlendioxid zu Me-
sich Wasserstoff und Kohlendioxid mit-     than abläuft, zeigten sie, dass das neue
einander zu Methan verbinden (siehe:       Verfahren sich für den Einsatz im in-

 Vereint im Dienste der Energieforschung
 Im Projekt ReMaP unter Federführung der ETH Zürich wird die ESI-Plattform mit den Demonstratoren der Eidgenössischen
 Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) virtuell zusammengeschaltet. Gemeinsam mit den Plattformen
 NEST (zukünftige Gebäude), move (zukünftige Mobilität) und ehub (Energienetze auf Quartierebene) der Empa bietet die
 ESI-Plattform eine einmalige Versuchsanordnung für Forschung und Industrie, um das Wissen und die technischen
 Grundlagen für die Energiesysteme der Zukunft zu entwickeln.

                                                                                                                             7
Energie und Umwelt Forschung am Paul Scherrer Institut - Paul Scherrer Institut (PSI)
3

                                                        1

                                                                                         2

                                                                                                                             4

Die ESI

1   Minigasturbine                2   GanyMeth                      3   HydroPilot                   4   5   6   Gas-Tanks

Die Gasturbine im Miniformat      In diesem Reaktor entsteht        In einer Pilotanlage erforscht   Wasserstofftank (4)
wandelt Methan in Strom und       Methan aus Wasserstoff und        das PSI die hydrothermale Ver-   Kohlendioxidtank (5)
Wärme um. Das ermöglicht          Kohlendioxid. Das Produkt         gasung von nasser Biomasse       Sauerstofftank (6)
es, Strom zu gewinnen, wenn       wird auch Synthetic Natural       mit überkritischem Wasser.
der Wind gerade nicht weht        Gas (SNG) genannt. Die Reak-      Dabei werden Abfälle mit
und die Sonne gerade nicht        tion findet in einem Wirbel-      hohem Wasseranteil wie Klär-     7   Elektrolyseur
scheint. An der Minigasturbine    schichtreaktor mithilfe           schlamm, Kaffeesatz und Gülle
                                                                                                     Aus Wasser entsteht mithilfe
untersuchen die Forschenden,      von Katalysatoren statt (siehe:   einem hohen Druck und einer
                                                                                                     von Strom Wasserstoff und
wie viel Wasserstoff sie dem      Die Möglichmacher, Seite 14f.).   hohen Temperatur ausgesetzt.
                                                                                                     Sauerstoff.
Methan beisetzen können,          In dem Reaktor werden Fest-       Dadurch entsteht aus den
damit die Umwandlung noch         stoffpartikel, bestückt mit       Abfällen ein hochwertiges Gas,
sicher und effizient geschieht.   einem Katalysator, durch eine     ähnlich dem Biogas. In dem
Denn Wasserstoff lässt sich       aufwärtsgerichtete Luftströ-      Projekt werden ähnliche
leicht gewinnen, verbrennt        mung ständig durcheinander-       Vorgänge untersucht wie an
schnell und könnte dabei          gewirbelt, sodass eine grosse     Konti-C, allerdings in grösse-
helfen, auf schnelle Last­        Oberfläche entsteht, an der       rem Massstab, um industrie-
änderungen zu reagieren.          die Reaktion stattfinden kann.    ähnlichere Bedingungen zu
                                                                    simulieren.

8
Energie und Umwelt Forschung am Paul Scherrer Institut - Paul Scherrer Institut (PSI)
10

                                                                                              11                  12

                                                                       7

                                                                                          8
    6
                                                                                                            9

5

                                                   Leitungen

                                                   n   Nasse Biomasse
                                                   n   Kohlendioxid (CO2)
                                                   n   Wasserstoff (H2)
                                                   n   Sauerstoff (O2)
                                                   n   Strom
                                                   n   (Synthetisch rohes) Biogas
                                                   n   Wasser
                                                   n   Luft

    8   Cosyma                       9   Konti-C                        10 Kontrollraum und           12   Brennstoffzelle
                                                                        Besucherplattform
    Rohbiogas aus einer Biogas­      Die Versuchsanlage unter-                                        Die Brennstoffzelle erzeugt
    anlage enthält nur etwa          sucht, wie sich aus nasser                                       Strom aus Wasserstoff
    60 Prozent Methan, der Rest      Biomasse – Gülle, Klär-                                          und Sauerstoff. Dabei entsteht
                                                                        11   Gasreinigung/trocknung
    ist Kohlendioxid. Die Test­      schlamm oder Algen – Energie                                     Wasser. Da ein Brennstoff­
    anlage Cosyma (Container-        gewinnen lässt. Bei hohen          Hier werden Wasserstoff und   zellensystem alleine zu wenig
    based System for                 Temperaturen und Drücken           Sauerstoff aus dem            Strom erzeugt, sind in diesem
    Methanation) verarbeitet das     wird die Biomasse in synthe­       Elektro­lyseur getrocknet     Container vier Systeme aus
    Rohbiogas weiter, indem          tisches Biogas, also Methan,       und gereinigt, um dann        je 236 Einzelzellen zusammen-
    sie Wasserstoff zuführt, das     umgewandelt. Das hat den           in Speichertanks gepumpt      geschaltet. So wird eine indus-
    mit dem Kohlendioxid reagiert.   Vorteil, dass die Biomasse         zu werden.                    trielle Umgebung simuliert.
    So erhöht sich die Methan­       zuvor nicht getrocknet werden
    ausbeute. Der Prozess nennt      muss, denn dieser Vorgang
    sich Direktmethanisierung.       benötigt viel Energie und
                                     macht eine Verarbeitung wirt-
                                     schaftlich oft unrentabel.

                                                                                                                                   9
Energie und Umwelt Forschung am Paul Scherrer Institut - Paul Scherrer Institut (PSI)
Energie in Gas speichern

Die Schweiz hat sich das Ziel gesetzt,                   Ein Problem bei Wind- und Solarkraft
ihre direkten Treibhausgasemissionen                     ist, dass ihre Quellen nicht immer                              Stromzufuhr
drastisch zu reduzieren. Gemäss der                      gleichmässig zur Verfügung stehen.                Kathode –                       + Anode
Energiestrategie 2050 will sie den Aus-                  Wenn genügend Wind weht, produzie-                         e–
                                                                                                      Wasserstoff                               Sauerstoff
stoss von Treibhausgasen bis 2030 im                     ren Windkraftanlagen ausreichend                                                  e–

Vergleich zu 1990 um 50 Prozent ver-                     Strom; bei Flaute versiegt diese Quelle.

                                                                                                                            Membran
ringern, bis 2050 bis zu 85 Prozent.                     Auch die Einstrahlung des Sonnen-
Nach 2050 soll die Energieversorgung                     lichts ändert sich nicht nur im Tag-                       e–
                                                                                                                                                e–
in der Schweiz vollkommen klimaneu-                      Nacht-Rhythmus, sondern auch wetter-                                H+       H+

tral erfolgen. Um dieses Ziel zu errei-                  abhängig und saisonal.
chen, kommt den neuen erneuerbaren                       Eine zuverlässige Energieversorgung
Energien, also Biomasse, Wind- und                       braucht deshalb effektive Energiespei-
Solarkraft, eine entscheidende Bedeu-                    cher: Sie konservieren die Energie, die
                                                                                                      Bei der Proton-Exchange-Membrane-
tung zu – und der Frage, wie man die                     in produktionsstarken Phasen gewon-          Elektrolyse (PEMEL) führt elektrischer
produzierte Energie speichern kann.                      nen wurde, und geben sie ab, wenn            Strom dazu, dass sich Wasser an
                                                         gerade Windstille herrscht oder die          der sogenannten Anode in seine
                                                                                                      Bestandteile Wasserstoff und Sauer-
                                                                                                      stoff zerlegt. Zunächst entstehen
                                                                                                      Sauerstoff und positiv geladene
                                                                                                      Wasserstoff-Ionen (Protonen). Diese
                                                                               H2: Wasserstoff        wandern durch die nur für sie durch-
                                                                               CH4: Methan            lässige Membran und vereinigen
                                                                                                      sich an der Kathode mit Elektronen
                                                                                                      zu gasförmigem Wasserstoff.
                                    Schwankende Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien

                                                    H2
                      ELEKTROLYSE                                   METHANISIERUNG

                                                              CH4
                                        H2
                                                                                                    Sonne nicht ausreichend scheint. Ein
               H2
                                                Erdgasnetz                                          Verfahren, das dabei zum Einsatz
                                                                                     Gasspeicher
                                                                                                    kommt, heisst Power-to-Gas. Dabei
                                                                                                    werden mit elektrischem Strom, zum
                                                                                                    Beispiel aus Wind- oder Sonnenener-
                                                                                                    gie, Gase wie Wasserstoff oder Methan
     Industrielle Nutzung           Mobilität            Stromerzeugung        Wärmeversorgung
                                                                                                    erzeugt. Diese Gase dienen als Ener-
                                                                                                    giespeicher und speisen bei Bedarf
                                                                                                    ihren Energieinhalt wieder in die Ener-
                                                                                                    gieversorgung zurück.
     Mit Wasserstoff lassen sich beispielsweise Fahrzeuge mit einer Brennstoffzelle
     betreiben (siehe Seite 13). Das Gas lässt sich auch in das Erdgasnetz einspeisen.
     Die Industrie wiederum kann es verwenden, um ihre Produktionsprozesse aufrecht-
     zuerhalten: Wasserstoff ist ein wichtiger Rohstoff, etwa bei der Herstellung von               Gewinnung von Wasserstoff
     Stickstoffdünger in der chemischen Industrie oder beim «Aufbrechen» (Cracken)
     von Kohlenwasserstoffen in Erdölraffinerien.                                                   Wasserstoff entsteht unter anderem
                                                                                                    durch die Elektrolyse von Wasser. Im
                                                                                                    Prinzip wird dabei Strom in Wasser

10
geleitet, das sich daraufhin in seine         Methan erzeugt, dem Hauptbestandteil          neues Verfahren dafür entwickelt und
Bestandteile Wasserstoff und Sauer-           von herkömmlichem Erdgas.                     so erreicht, dass sich aus Biogas aus
stoff zerlegt. Für die Elektrolyse existie-   Ein Spezialfall der Methanisierung ist        Bioabfällen bis zu 60 Prozent mehr
ren unterschiedliche Verfahren. Das PSI       die sogenannte Direktmethanisierung.          Bio-Methan gewinnen lässt (siehe:
wendet die Protonen-Austausch-Mem-            Dabei wird der Wasserstoff nicht mit          Eine Plattform – viele Energiesysteme,
bran-Elektrolyse an (Proton Exchange          reinem Kohlendioxid zusammenge-               Seite 6f). Die höhere Methanausbeute
Membrane Electrolysis, PEMEL, siehe           bracht, sondern mit Biogas, das bereits       schont damit Ressourcen und die Um-
Seite 10).                                    zu einem guten Teil aus Methan be-            welt.
                                              steht, aber noch einen vergleichsweise        Sowohl bei der Gewinnung von Was-
                                              hohen Anteil an Kohlendioxid enthält.         serstoff als auch bei der Methanisie-
Methanisierung                                Auch direkt in diesem Gasgemisch              rung kommen Hilfssubstanzen zum
                                              lässt sich aus Kohlendioxid mit Was-          Einsatz, die die Reaktionen überhaupt
Eine weitere Möglichkeit, Energie in          serstoffzugabe zusätzliches Methan            erst ermöglichen. Es handelt sich um
Gas zwischenzulagern, ist die soge-           erzeugen und so der Methangehalt im           sogenannte Katalysatoren, die am PSI
nannte Methanisierung. Dabei wird aus         Biogas deutlich erhöhen, bis zur Erd-         ebenfalls intensiv erforscht werden
Wasserstoff und Kohlendioxid das Gas          gasqualität. PSI-Forschende haben ein         (siehe Seite 14f.).

 Weissbuch Power-to-X
                                                           Wissenschaftler des PSI haben gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen
                                                           von sechs Schweizer Hochschulen und Forschungsinstitutionen umfangrei-
                                                           che Informationen zu verschiedenen Aspekten von Power-to-X-Technologien
                                                           zusammengetragen. So werden Technologien bezeichnet, mit denen Energie
                                                           in Zeiten eines Überangebots von elektrischem Strom in anderen Energie-
                                                           formen, zum Beispiel chemischen Energieträgern, gespeichert werden.
                                                           Unter anderem haben die Forschenden in einem Weissbuch zusammenge-
                                                           fasst, welches Potenzial Power-to-X-Verfahren für die Energiestrategie 2050
                                                           haben, vor welchen Herausforderungen die Technologie steht und welche
                                                           Schlüsselfaktoren eine Verbreitung begünstigen. In Auftrag gegeben hat das
                                                           Weissbuch die Eidgenössische Energieforschungskommission (CORE), erstellt
                                                           haben es die Partner des Swiss Competence Center for Energy Research
                                                           (SCCER) Heat and Electricity Storage, Biosweet, Crest, Furies und Mobility,
 und finanziert haben es die Schweizerische Agentur für Innovationsförderung Innosuisse sowie das Bundesamt für Energie (BFE).
 Ein Fazit: Die Beiträge, die Power-to-X in einzelnen Energiesektoren wie Verkehr, Heizung oder durch die Rückverstromung leisten
 kann, sind sehr unterschiedlich. So ist die erneute Gewinnung von Strom aus Energieträgern wie Wasserstoff oder Methan, die mit
 Power-to-X-Verfahren erzeugt wurden, derzeit noch sehr teuer. Die Kosten für solche − auch Power-to-Power genannten − Verfahren
 könnten aber durch Technikfortschritte und durch zunehmende Erfahrung im Umgang mit diesen Technologien bis 2030 um bis zu
 zwei Drittel sinken. Kraft- und Brennstoffe, die mit Strom aus erneuerbaren Energien in Power-to-X-Verfahren entstehen, können
 fossile Energieträger wie Heizöl, Erdgas, Benzin und Diesel ersetzen und somit helfen, Kohlendioxid-Emissionen zu reduzieren.
 Wirtschaftlich wird dies aber nur sein, wenn entsprechende umweltpolitische Anreizmechanismen zum Tragen kommen.

                                                                Download «Power-to-X: Perspektiven in der Schweiz»
                                                                                       unter https://bit.ly/38ceyW5

                                                                                                                                     11
Wertvoller Wasserstoff

Wasserstoff ist das häufigste Element       than, was die Effizienz der gesamten      sehr schnell verbrennt, könnte die
im Universum. Auf der Erde spielt er        Umwandlungskette steigert und viel-       Turbine mit mehr Wasserstoff im Brenn-
eine bedeutende Rolle für das Leben         fältige Speicheroptionen eröffnet. Un-    gasgemisch vielleicht sogar besser auf
und den Energiekreislauf in der Natur.      tersuchungen mit Gasbrennern haben        schnelle Laständerungen ansprechen,
Im Energiesystem der Zukunft entsteht       gezeigt, dass man Methan bis zu 20        hoffen die Wissenschaftler. Dass Gas-
er in Power-to-Gas-Verfahren, treibt        oder gar 30 Prozent Wasserstoff zuset-    netze für hohe Wasserstoffanteile fit
Brennstoffzellen an oder lässt sich in      zen kann, ohne dass die Gasbrenner        gemacht werden können, zeigt ein Blick
das vorhandene Erdgasnetz einspei-          durch lokale Überhitzung Schaden          in die Vergangenheit: Noch bis vor rund
sen.                                        nehmen. Deshalb wollen die PSI-For-       50 Jahren war Stadtgas in der Schweiz
                                            schenden herausfinden, ob auch die        weit verbreitet und enthielt bis zu
Ins Erdgasnetz eingespeist wird Was-        kleine Gasturbine so viel Wasserstoff     50 Prozent Wasserstoff
serstoff bereits jetzt, allerdings in ei-   verträgt und wie sie bei einem höheren
nem sehr geringen Anteil. Über einen        Wasserstoffanteil auf kurzfristig nach-
weiteren Schritt kann Wasserstoff auch      gefragte Lastspitzen reagiert. Da Was-
zu Methan – dem Hauptbestandteil von        serstoff sehr reaktionsfreudig ist und
Erdgas – umgewandelt werden.                                                            Die Minigasturbine ist Teil der
                                                                                        ESI-Plattform und wandelt Methan
PSI-Forschende prüfen jetzt an einer
                                                                                        in Strom und Wärme um.
Minigasturbine, wie sich der Wasser-
                                                                                        PSI-Forschende prüfen an ihr, wie
stoffanteil im Erdgasgemisch erhöhen                                                    sich der Wasserstoffanteil im Erdgas-
lässt. Die Anlage ist in ihrem Gehäuse                                                  gemisch erhöhen lässt.
nicht grösser als ein Kleiderschrank
und liefert eine elektrische Leistung
von 100 Kilowatt. Damit könnte man
den Leistungsbedarf eines kleinen
Quartiers mit etwa fünf bis sieben Ein-
familienhäusern abdecken – passend
zum Trend, die Stromversorgung zu
dezentralisieren. Die Minigasturbine
ist ein kommerzielles Produkt und eine
typische Anlage zur Wärme-Kraft-Kopp-
lung, wie sie in Hotelanlagen, Wohn-
siedlungen und auf Campingplätzen
zum Einsatz kommen kann, um die
dortige Infrastruktur mit Strom und
Wärme zu versorgen.
Wasserstoff lässt sich in Zukunft um-
weltfreundlich mithilfe der Elektrolyse
gewinnen (siehe Seite 10), wenn genü-
gend Strom aus neuen erneuerbaren
Energien zur Verfügung steht. Wenn
sich mehr Wasserstoff im Erdgas ver-
wenden lässt, entfällt der Umwand-
lungsschritt von Wasserstoff zu Me-

12
Saubere Energie dank Brennstoffzelle

                                                                                               So kann beispielsweise Wasser, das
                                                                                               Abfallprodukt aus der Reaktion von Was-
                                                                                               serstoff und Sauerstoff, für Brennstoff-
                                                                                               zellenantriebe in der Praxis ein Problem
                                                                                               darstellen. In kälteren Klimaregionen
                                                                                               kann das Wasser nämlich bei abge-
                                                                                               schaltetem Antrieb gefrieren und die
                                                                                               Funktion der Brennstoffzellen beein-
                                                                                               trächtigen. PSI-Forschende haben des-
                                                                                               halb mithilfe der Spallations-Neutronen-
                                                                                               quelle SINQ die Verteilung von Eis und
                                                                                               Wasser in einer Brennstoffzelle direkt
                                                                                               abgebildet. Ebenso überprüften sie, wie
                                                                                               ein speziell entwickeltes Material das
                                                                                               entstehende Wasser besser ableitet.
                                                                                               Mithilfe der Synchrotron Lichtquelle
                                                                                               Schweiz SLS untersuchten PSI-For-
                                                                                               schende ausserdem, wie die Polymer-
Wenn wir atmen, nehmen wir Sauer-           -beschleuniger – durchführen, welche               elektrolytmembran einer Brennstoffzelle
stoff in unseren Körper auf. Das lebens-    einzigartige Einblicke in das Innere der           verschleisst. Das bessere Verständnis
wichtige Gas benötigen wir, um Ener-        Brennstoffzellen und der genutzten                 dieser Vorgänge in einer Brennstoffzelle
gie zu gewinnen. Eine Reaktion dabei        Materialien ermöglichen. Dadurch ge-               wird dabei helfen, bessere Materialien
ist die Verbindung von Wasserstoff und      winnen die Forschenden ein grundsätz-              und Verfahren für deren Einsatz im Ener-
Sauerstoff zu Wasser. Genau das ge-         liches Verständnis der Vorgänge in der             giesystem zu entwickeln.
schieht auch in einer Brennstoffzelle.      Brennstoffzelle und können sie sehr
                                            gezielt verbessern.
Eine Brennstoffzelle erzeugt elektri-
schen Strom aus einem Brennstoff und
Sauerstoff. Der Brennstoff ist meist
Wasserstoff, kann aber auch Methanol,
Butan oder Erdgas sein. Bei der Reak-                                                                           Prinzip der PEM-Brennstoffzelle:
tion von Wasserstoff mit Sauerstoff wird                                                                        An der Anode wird Wasserstoff
                                                       Anode   –                       + Kathode                unter Abgabe von Elektronen
Energie frei und es entsteht Wasser. Auf
                                             Wasserstoff           e–
                                                                                              Sauerstoff        zu Protonen (H+) oxidiert, die durch
diese Weise liefert eine Brennstoffzelle
                                                                   e–     PEM
                                                                                  e–                            die Membran wandern. An der
Kohlendioxid-freie, saubere Energie.                                e– (Protonen- e–                            Kathode wird Sauerstoff durch
                                                                       Austausch-
Das PSI engagiert sich seit vielen Jahren                              Membran) e–                              Elektronen (e–) reduziert;
auf verschiedenen Stufen der Brenn-                                      H+       e–                            es entsteht Wasser. Anode und
stoffzellenforschung: von der Optimie-                                                                          Kathode sind an einen elektri-
                                                                         H   +

                                                                                                                schen Verbraucher angeschaltet;
rung einzelner Komponenten bis zur                                       H+
                                                                                                                es fliesst Strom.
Untersuchung vollständiger Brennstoff-                                   H+

zellensysteme. Am PSI können For-                                                                  Wasser

schende Untersuchungen mithilfe von
Grossanlagen – Teilchenerzeuger und

                                                                                                                                     13
Die Möglichmacher

                                                                                       Am PSI entwickeln Forscher
                                                                                       effizientere Katalysatoren
                                                                                       sowie die dafür notwendigen
                                                                                       Trägermaterialien.

Katalysatoren sind Substanzen, die eine     giereicheren Methan umzuwandeln,
chemische Reaktion beschleunigen,           benötigt man Katalysatoren. Für die
effizienter machen oder gar erst ermög-     Reaktion von Kohlendioxid mit Was-
lichen. Die Rolle von Katalysatoren über-   serstoff zu Methan ist das Element       aufgelöster Spektroskopie an der Syn-
nehmen in der Biologie Enzyme. Das          Nickel besonders geeignet. Es kommt      chrotron Lichtquelle Schweiz SLS den
sind natürliche Eiweissmoleküle, die es     bei der Direktmethanisierung zum Ein-    Verlauf von chemischen Reaktionen zu
dem Menschen beispielsweise ermög-          satz, einer am PSI entwickelten Tech-    beobachten. Das hat gegenüber kon-
lichen, Stärke in Zucker umzuwandeln.       nologie, um die Methanausbeute bei       ventionellen Verfahren einen entschei-
Auch in der Industrie sind Katalysatoren    der Vergärung von Bioabfällen deutlich   denden Vorteil: Statt nur Momentauf-
von unschätzbarem Wert.                     zu erhöhen (siehe die Seiten 6, 7 und    nahmen lässt sich der Verlauf der
                                            11). Der Katalysator sorgt dafür, dass   Reaktionen darstellen. Es ist wichtig,
Kohlendioxid ist als Endprodukt vieler      sich Kohlendioxid und Wasserstoff zu     genau zu verstehen, wie sich die Ab-
Verbrennungen ein vergleichsweise           Methan und Wasser verbinden.             läufe mit der Zeit verändern, denn wäh-
träges Gas, das nicht gerne mit anderen     Bei der Untersuchung und Optimierung     rend einer chemischen Reaktion vari-
Substanzen reagiert. Um Kohlendioxid        von Katalysatoren profitieren PSI-For-   ieren unter Umständen Temperaturen
bei moderaten Temperaturen zum ener-        schende von der Möglichkeit, mit zeit-   und die Mengen der Ausgangsstoffe.

14
Saubere Abgase dank                        Struktur bietet enorm viel Oberfläche.     sen sich Empfehlungen ableiten, wann
Schwammstruktur                            Wenn sich darin das Palladium fein         dem Katalysator wie viel Ammoniak
                                           verteilt, kann es noch besser mit den      zugeführt werden sollte, um die Stick-
Katalysatoren leisten wertvolle Dienste    Abgasen reagieren – der Schadstoff-        oxide im Abgas zu jeder Zeit so gering
beim Filtern von Abgasen. So arbeiten      ausstoss verringert sich deutlich.         wie möglich zu halten.
Forschende des PSI daran, leistungs-
fähigere Katalysatoren für Gasautos zu
entwickeln.                                Weg vom                                    Wasser spalten
In einem Fahrzeugkatalysator wird das      «schmutzigen Diesel»
Abgas durch eine Vielzahl paralleler                                                  Ein Energieträger der Zukunft ist Was-
Kanäle aus Keramik geleitet. Deren         In Dieselmotoren entstehen bei der         serstoff: Er lässt sich in Tanks speichern
Oberfläche ist mit dem eigentlichen        Verbrennung des Kraftstoffs gesund-        und später, zum Beispiel in Brennstoff-
Katalysator beschichtet. Meist besteht     heitsschädliche Stickoxide. Um diese       zellen, wieder in elektrische Energie
er aus fein verteilten Edelmetallparti-    zu reduzieren, wird dem Abgas gasför-      umwandeln. Gewonnen wird Wasser-
keln, häufig Palladium auf einer Träger-   miges Ammoniak zugegeben, das, an-         stoff aus Wasser in sogenannten Elek-
substanz. Je nach Motortyp bleiben         geregt durch einen Katalysator, mit den    trolyseuren mit Strom (siehe Seite 10).
beim Verbrennen von Erd- oder Biogas       Stickoxiden zu harmlosem Stickstoff        Forschende des PSI haben ein neues
aber recht grosse Mengen des Haupt-        und Wasser reagiert. Katalysator ist in    Material entwickelt, das dort als Kata-
bestandteils Methan übrig. Dieses lässt    diesem Fall Kupfer auf einem Zeolith-      lysator die Aufspaltung der Wassermo-
sich mit üblichen Katalysatoren nicht      Gerüst. Bei niedrigen Temperaturen         leküle beschleunigt.
so einfach zersetzen.                      funktioniert der Prozess jedoch noch       Ziel der Forschenden am PSI ist ein
In Tests, die die PSI-Forschenden          nicht optimal.                             Katalysator, der gleichzeitig effizient
durchführten, erwiesen sich für diesen     Die Forschenden untersuchten Struktur      und günstig ist, weil er ohne Edelme-
Zweck Zeolithe als am besten geeignet.     und Funktion eines Kupfer-Zeolith-Ka-      talle auskommt. Dafür greifen sie auf
Das sind hochporöse Substanzen auf         talysators unter realistischen Betriebs-   ein bekanntes Material zurück: Perows-
Basis von Siliziumdioxid. Unter dem        bedingungen an der SLS. Das wich-          kit, eine komplexe Verbindung der Ele-
Mikroskop sehen sie aus wie ein            tigste Ergebnis: Eine stufenweise          mente Barium, Strontium, Kobalt, Eisen
Schwamm: durchzogen von vielen win-        Dosierung des Ammoniaks erlaubt eine       und Sauerstoff.
zigen Löchern, die über Kanäle mitein-     schnellere Reaktion als eine bei kons-     Sie entwickelten als Erste ein Verfah-
ander verbunden sind. Eine solche          tanter Ammoniakzugabe. Daraus las-         ren, das Perowskit in Form von winzigen
                                                                                      Nanopartikeln erzeugt. Nur so kann es
                                                                                      effizient wirken, denn ein Katalysator
                                                                                      benötigt eine möglichst grosse Ober-
                                             Zeolithe sind aufgrund ihrer
                                             Schwammstruktur hervorragende
                                                                                      fläche. Macht man die Partikel des
                                             Trägermaterialien für Katalysatoren.     Katalysators möglichst klein, addieren
                                             In ihrem Gerüst fein verteilte           sich deren Oberflächen zu einer umso
                                             Metalle können besonders effektiv        grösseren Gesamtoberfläche. Das neue
                                             mit den Abgasen reagieren.               Herstellungsverfahren liefert grosse
                                                                                      Mengen des Katalysatorpulvers und
                                                                                      dürfte sich leicht an einen industriellen
                                                                                      Massstab anpassen lassen.

                                                                                                                              15
Das Thema Energie und Umwelt
hat ungemein viele Facetten

                                                                                        Sie arbeiten intensiv mit der Industrie
                                                                                        zusammen. Das verbindet man auf den
                                                                                        ersten Blick nicht mit dem PSI und
                                                                                        seiner Grundlagenforschung.
                                                                                        Im Endeffekt geht es insbesondere in
                                                                                        der Energieforschung darum, Techno-
                                                                                        logien und Expertise bereitzustellen,
                                                                                        damit die Schweizer Energiestrategie
                                                                                        erfolgreich umgesetzt werden kann.
                                                                                        Hierfür wurden schweizweit mehrere
                                                                                        Kompetenzzentren, die SCCERs, ge-
                                                                                        gründet, von denen zwei das PSI leitet:
                                                                                        eines zur Energiespeicherung und ei-
                                                                                        nes zur energetischen Nutzung von
                                                                                        Biomasse. Zudem arbeiten wir in vielen
                                                                                        Einzelprojekten mit Partnern aus der
Was macht die Forschung im Bereich         kungen auf unsere Umwelt haben: Koh-         Industrie zusammen. Diese Zusammen-
Energie und Umwelt so interessant?         lendioxid, Feinstaub, organische Kom-        arbeit hat den Vorteil, dass man direkt
Thomas Justus Schmidt: Das Thema ist       ponenten aus Verbrennungsprozessen           lernt, welche Punkte für die Industrie
nicht nur ein Forschungsthema, son-        und andere, die potenziell gesund-           beziehungsweise ein spezielles Pro-
dern auch politisch und gesellschaftlich   heitsschädliche Stoffe bilden. Hier          dukt wichtig und entscheidend sind.
wichtig. Unsere Arbeit ist immer vor dem   müssen wir schauen: Was passiert mit         Diese Fragen aus der Industrie führen
Hintergrund der Schweizer Energiestra-     Schadstoffen, die durch unseren Ener-        nicht selten zu grundlegenden For-
tegie zu sehen. Zum Beispiel: Wie las-     gieverbrauch in die Umwelt gelangen?         schungsaufgaben, die trotzdem sehr
sen sich 35 Prozent nukleare Energie       Was geschieht mit Abgasen? Wie ver-          relevant für unsere Industriepartner
mittelfristig durch erneuerbare Energie-   ändern sich die Schwebstoffe in der          sind. Deswegen bezeichnen wir unsere
quellen ersetzen? Welche Auswirkun-        Atmosphäre? Das alles ist auch wichtig,      Forschung oft auch als angewandte
gen hat das auf das Schweizer Energie-     um zu verstehen, welche Auswirkung           Grundlagenforschung.
system? Wie kann die Schweiz ihre          wir als Faktor Mensch haben.
Emissionsziele bezüglich Kohlendioxid
umsetzen? Unsere Aufgabe ist es, Lö-
sungen anzubieten. Nicht nur für heute      Zur Person
oder morgen, sondern auch langfristig
                                            Thomas Justus Schmidt (geboren 1970 in Konstanz) ist seit Januar 2018 Leiter des
für in 10 bis 20 Jahren und danach.         Forschungsbereichs Energie und Umwelt (ENE) des PSI. Er studierte Chemie an der
                                            Universität Ulm/Deutschland, wo er auf dem Gebiet der Elektrokatalyse von Brennstoff-
Wie hängen die Themen Energie und           zellenreaktionen promovierte. Seine wissenschaftliche Karriere führte ihn über das
Umwelt zusammen?                            Lawrence Berkeley National Laboratory, Kalifornien/USA, in das Elektrochemielabor
                                            des PSI. Nach einem achtjährigen Abstecher in die chemische Industrie wurde er 2011
Jede Energieform, die wir verbrauchen,
                                            zum Professor für Elektrochemie im Departement für Chemie und Angewandte Biowis-
verbrauchen wir infolge von Energie-
                                            senschaften der ETH Zürich ernannt und übernahm die Leitung des Labors für Elektro-
umwandlungsprozessen. Diese Um-             chemie des PSI. Seit 2014 leitet er zudem eines der Kompetenzzentren für Energiefor-
wandlungsprozesse sind natürlich nie        schung des Bundes: das Kompetenzzentrum zu Strom- und Wärmespeicherung (SCCER
zu 100 Prozent vollständig und können       Heat and Electricity Storage).
Emissionen verursachen, die Auswir-

16
Gut und lange geladen

Strom sorgt für Licht und Wärme, treibt     len, dem gängigen Material für die         Ein tiefer Blick in einen völlig anderen
die meisten Haushaltsgeräte an und          Elektroden handelsüblicher Akkus.          Typ von Batterien offenbarte Verbesse-
versorgt unsere Unterhaltungsgeräte         Durch ausgeklügelte Optimierung der        rungspotenzial bei den sogenannten
mit Energie. Durch den Mobilitätswan-       Graphitanode – der negativen Elek­         Feststoffbatterien. Diese Art Akku
del und neue Verkehrskonzepte wird          trode – bei einer herkömmlichen Lithi-     kommt völlig ohne Flüssigkeiten aus,
elektrische Energie auch hier an Be-        umionen-Batterie erhöhten die For-         die in herkömmlichen Akkus für den
deutung gewinnen. Strom lässt sich in       schenden die bei hohen Strömen             Ladungstransport zuständig sind. Da
Batterien, auch Akkumulatoren ge-           nutzbare Speicherkapazität unter La-       diese Flüssigkeiten brennbar sind, wür-
nannt, speichern und so auch mobil          borbedingungen auf das Dreifache.          den Feststoffbatterien die Elektromo-
einsetzen. Das stellt Stromspeicher         Eine Zugabe von Silizium erhöhte die       bilität deutlich sicherer machen. Rönt-
vor Herausforderungen, die PSI-For-         nutzbare Speicherkapazität weiter.         genaufnahmen an der Synchrotron
schende lösen.                              Auch bei einem anderen Batterietyp         Lichtquelle Schweiz SLS des PSI liefer-
                                            auf Lithiumbasis erzielten PSI-For-        ten Forschenden bislang einmalige
Ob in Smartphones, Tablets, Laptops         schende eine deutliche Leistungsstei-      Einblicke in die Abläufe einer Feststoff-
oder Elektrofahrzeugen – ein Problem,       gerung. Lithium-Schwefel-Akkus kön-        batterie sowohl beim Auf- als auch
das sich bei allen mobilen Stromspei-       nen theoretisch deutlich mehr Energie      beim Entladen. Das verbessert das
chern stellt, ist ihre Haltbarkeit. Mit     liefern als die üblichen Lithiumionen-     Verständnis von den Schädigungen,
anderen Worten: Nicht nur wie schnell,      Akkus, die heutigen Prototypen verlie-     die der Akku dabei erleidet, und hilft,
sondern auch wie oft und wie zuverläs-      ren aber schon nach wenigen Ladezy-        bessere Energiespeicher für die Zukunft
sig kann ich wie viel Energie darin spei-   klen merklich an Kapazität. Durch die      zu entwickeln.
chern und abrufen? Forschende des           Optimierung der Elektrodenstruktur
PSI-Labors für Elektrochemie arbeiten       liess sich die Zahl der Ladezyklen deut-
daran, bestehende Systeme zu verbes-        lich steigern.
sern, zum Beispiel solche auf Basis von
Lithium, aber auch neue Speichersys-
teme zu entwickeln, zum Beispiel auf
Basis anderer Elemente wie Natrium.
Mithilfe der Grossforschungsanlagen
des PSI blicken die Forschenden in die
Materialien, um die Vorgänge bei-
spielsweise beim Auf- und Entladen
teilweise bis auf die Ebene einzelner
Atome hinab zu verfolgen. Dabei be-
rücksichtigen sie alle Komponenten
einer Batterie, von den Kontakten, über
die Strom zu- oder abfliesst, bis zum
eigentlichen Speichermaterial, das die
elektrische Energie vorhält.
                                              Die Synchrotron Lichtquelle
So gelang es einer Forschergruppe des         Schweiz SLS ermöglicht direkten
PSI in Kooperation mit Forschenden der        Einblick in die Vorgänge innerhalb
ETH Zürich, ein neues Verfahren zu            einer Batterie.
entwickeln, um deutlich leistungsfähi-
gere Elektroden aus Graphit herzustel-

                                                                                                                              17
Die Atmosphäre im Blick

Wenn wir Energie gewinnen oder nut-       archiv zu bewahren, beteiligen sich
zen, beeinflussen wir auch immer un-      PSI-Forschende am internationalen
sere Umwelt, vor allem die Erdatmo-       Ice-Memory-Projekt. Im Rahmen dieses
sphäre. Das PSI erforscht darum           Projektes werden weltweit Eisbohr-
Vorgänge in der Luft − sowohl nahe an     kerne gewonnen, die dann geschützt
der Erdoberfläche als auch in mehreren    vor Klimawandel und steigenden Tem-
tausend Metern Höhe. Das Wissen da-       peraturen in einem Lager in der Antark-
rüber hilft, richtige Entscheidungen in   tis aufbewahrt werden sollen.
Sachen Luftreinhaltung zu treffen.        Mithilfe von Eisbohrkernen aus den Al-
                                          pen zeigten PSI-Forschende beispiels-
Was haben die Arktis und Antarktis,       weise erstmals, dass industrieller Russ
Grossstädte wie Peking oder Neu-Delhi     kaum verantwortlich sein kann für die
und das Schweizer Jungfraujoch ge-        Schmelze der Alpengletscher, die sich
mein? An allen diesen Orten arbeiten      vor allem zwischen 1850 und 1875 voll-
PSI-Forschende. Sie messen Umwelt-        zog. Erst ab etwa 1875 übersteigt der
faktoren und sammeln Daten, um sich       Russgehalt der Luft den natürlichen Wert
ein besseres Bild von den Vorgängen       und lässt sich somit auf menschliche
in der Atmosphäre zu machen.              Aktivitäten zurückführen. Zuvor stammte
In den Alpen gewinnen PSI-Forschende      der Russ vorwiegend aus natürlichen
Eisbohrkerne aus Gletschern. In ihnen     Quellen, vor allem aus Waldbränden.
sind Spurenstoffe aus der Atmosphäre
längst vergangener Zeiten eingeschlos-
sen. Durch die Analyse ihrer Zusam-       Hoch oben
mensetzung lassen sich Trends in der
Klimageschichte ermitteln. Diese er-      Auf rund 3500 Metern Höhe, in der
möglichen es wiederum, Prognosen für      Forschungsstation auf dem Jungfrau-
die künftige Entwicklung unseres Kli-     joch, untersuchen PSI-Forschende un-
mas aufzustellen. Um dieses kalte Ge-     ter anderem Aerosole, die landläufig
dächtnis der Erde als einmaliges Klima-   besser als Feinstaub bekannt sind.

 Die Smogkammer des PSI ist ein Partner innerhalb des Infrastrukturprogramms
 EUROCHAMP-2020, einem internationalen Programm zur Integration von
 europäischen Simulationskammern, um atmosphärische Prozesse zu unter-
 suchen. Dieses Programm unterstützt Forscher beim Zugang zu hochmodernen
 Smogkammeranlagen in Europa, einschliesslich der PSI-Smogkammer.
 EUROCHAMP-2020 bietet Forschern die Möglichkeit, ihre Instrumente und ihr
 Fachwissen in verschiedene Simulationskammern für Messkampagnen und
 Instrumentenprüfungen einzubringen.

                                             www.eurochamp.org

18
In der Smogkammer des PSI
kann man studieren, wie aus Gasen
und festen Partikeln Feinstaub
entsteht und wie dieser Feinstaub
sich in der Atmosphäre verändert.

                                    19
Aerosolforschung auf dem
                                                                                      Jungfraujoch hilft unter anderem
                                                                                      dabei, besser zu verstehen, wie in
                                                                                      den verschiedenen Jahreszeiten
                                                                                      Russteilchen zu Wolkentröpfchen
                                                                                      werden.

Auch sie beeinflussen das Klima. An-      Luft in gigantischen Metropolen wie
ders als die Treibhausgase Kohlendi-      dem indischen Delhi untersuchen. Dort
oxid und Methan tragen sie aber nicht     messen sie zwanzig bis dreissig Mal       dünner Teflonfolie. In diesen Raum
immer zur Erwärmung bei, sondern          höhere Konzentrationen von Schadstof-     lassen sich gezielt Gase leiten. Um die
können das Klima auch abkühlen. Man-      fen als in der Schweiz – vornehmlich      natürliche Umgebung möglichst gut
che absorbieren Sonnenlicht, erhitzen     aus menschlichen Quellen. Mit ihren       nachzustellen, lässt sich die Kammer
sich dadurch und tragen so zur Erwär-     Geräten und Analysen decken die Wis-      mit UV-Licht bestrahlen, das dem UV-
mung der Atmosphäre bei. Andere           senschaftler auf, welche Quellen und      Anteil des Sonnenlichts entspricht. So
streuen das Licht zurück ins All, haben   Prozesse wie viel Feinstaub produzie-     können Wissenschaftler Vorgänge in
also einen kühlenden Effekt. Zudem        ren und welche Massnahmen daher die       der Atmosphäre unter kontrollierten
bilden sich an Aerosolpartikeln Wol-      Situation verbessern können.              Bedingungen beobachten und analy-
kentröpfchen. Dank der Höhenlage des      In China ist das bereits gelungen: Dort   sieren.
Jungfraujochs lässt sich dort sehr gut    haben PSI-Forschende gezeigt, dass
erforschen, wie sich die kurzlebigen      der Smog in Peking zu einem wesent-
Partikel auf dem Weg von der Erdober-     lichen Teil aus sekundär gebildetem       Vom Grossen zum Kleinen
fläche in die höheren Schichten der       Feinstaub besteht, zu dem auch weit
Atmosphäre verändern und dort             entfernte Quellen beitragen. Neben        Energieproduktion geht einher mit
schliesslich die Wolkenbildung beein-     Messungen vor Ort führten sie dafür       Emissionen in Form von Feinstaub und
flussen.                                  auch Experimente in der Smogkammer        Gasen. Die daraus resultierenden
                                          am PSI durch und importierten dafür       Klima- und Gesundheitseffekte sind
Dicke Luft in Delhi                       einen chinesischen Ofen samt Kohle.       das Resultat einer enormen Zahl kom-
                                          Die Erkenntnisse trugen dazu bei, die     plexer Prozesse in der Atmosphäre. Um
An einem Standort mit weitaus höheren     Luftqualität in Peking durch Massnah-     Auswirkungen der Energieproduktion
Temperaturen als an den Polen der Erde    men der Regierung zu verbessern.          bestimmten Quellen oder Prozessen
oder in den alpinen Lagen der Alpen       Das Herz der Smogkammer des PSI ist       zuzuordnen oder Auswirkungen in die
arbeiten PSI-Forschende, wenn sie die     ein 27 Kubikmeter fassender Kubus aus     Zukunft zu projizieren, benötigen wir

20
nebst der Diagnose in der Atmosphäre       eines Eiskeims organisieren. Oder sie    stehen auch externen Nutzern für Fra-
auch Experimente im Labor, die es er-      bekommen Einblick in das Schicksal       gen an der Schnittstelle von Umwelt-
lauben, einzelne physikalische und         von Nitrat, einem Abbauprodukt von       forschung und physikalischer Chemie
chemische Phänomene im Detail zu           Stickoxiden, an der Eisoberfläche, be-   zur Verfügung.
verstehen. Dazu gehören die Smog-          vor es in einem Gletscher archiviert
kammern, aber auch mit modernsten          wird. Schliesslich lernen sie das Zu-
analytischen Methoden ausgerüstete         sammenspiel von gelösten Stoffen an      Umwelt mobil
Reaktoren im Labor.                        der Wasseroberfläche verstehen, zum
Hier kommen auch die Grossfor-             Beispiel wenn sich ein Wolkentröpf-      Um nicht nur an einzelnen Orten die
schungsanlagen des PSI zum Zuge.           chen bildet. Ein anderes Experiment      Umwelt zu erforschen, können For-
PSI-Forschende haben an der Synchro-       erlaubt es, mit Röntgenblick in Fein-    schende das sogenannte Smogmobil
tron Lichtquelle Schweiz SLS Infrastruk-   staubteilchen hineinzuschauen, um zu     nutzen. Das Fahrzeug kann mit vielen
turen aufgebaut, um Vorgänge an Ober-      sehen, wie sie aufgebaut sind oder wie   verschiedenen Messinstrumenten
flächen von Feinstaub, Eis oder Wasser     sie unter dem Einfluss einer chemi-      ausgestattet werden. Bei Messfahrten
auf molekularer Ebene zu untersuchen.      schen Reaktion oder unter veränderten    können sie damit sowohl die räumliche
So lernen sie zu verstehen, wie sich       Umweltbedingungen ihre Struktur än-      als auch die zeitliche Verteilung von
Wassermoleküle auf der Oberfläche          dern. Diese experimentellen Anlagen      Schadstoffen in der Luft untersuchen.

                                                                                      Das Smogmobil des PSI. Darin instal-
                                                                                      lieren lässt sich unter anderem
                                                                                      eine Apparatur, die Luft durch die
                                                                                      Poren eines Filters zieht. Die Ablage-
                                                                                      rungen können Forschende dann
                                                                                      analysieren.

                                                                                                                               21
Der Kern der Dinge

Die Schweiz wird aus der Kernenergie
aussteigen − das sieht die Energiestra-
tegie 2050 vor. Voraussichtlich in etwa
25 Jahren wird das letzte Kernkraftwerk
vom Netz gehen. Über diesen Zeitpunkt
hinaus soll das Wissen zum Umgang
mit Kernenergie und allen sicherheits-
relevanten Aspekten erhalten und
durch Forschung verbessert werden.
Nur so lassen sich auch in Zukunft
valide Fakten vorhalten, damit die
Schweiz in Bezug auf die Kernenergie
weiterhin national und international
gute Entscheidungen treffen und als
kompetenter Gesprächspartner mitre-
den kann.

Die Forschenden im PSI-Bereich Nuk-
leare Energie und Sicherheit (NES) ar-
beiten an folgenden Aufgaben:
• Erwerb neuer wissenschaftlicher Er-
     kenntnisse über nukleare Sicherheit
• Weiterentwicklung modernster Simu-
     lationsmethoden für Sicherheitsbe-
     wertungen
• Bewertung und/oder Aktualisierung
     der Kriterien für die nukleare Sicher-
     heit, um Änderungen der Strategien
     für die Stromerzeugung, die techno-
     logische Entwicklung, Modernisie-        Konkrete Fragen lauten beispielsweise:     Wie ein Schwamm
     rungen und den langfristigen Betrieb     Wie altert das Material, das in Kern-      für Wasserstoff
     zu berücksichtigen                       kraftwerken verwendet wird? Wie ver-
• Entwicklung von experimentellen             halten sich die Brennstäbe, insbeson-      So fand beispielsweise die Gruppe Nu-
     Einrichtungen zusammen mit mo-           dere die Hüllrohre, die den eigentlichen   klearbrennstoffe heraus, wie die Integ-
     dernsten Instrumentierungstechni-        Brennstoff, das Uranoxid, einschlies-      rität der Hüllrohre von Kernbrennstäben
     ken für das Design, die Durchführung     sen, während des Betriebs und nach         beeinflusst werden könnte. Dafür nutz-
     und die Interpretation von Messun-       ihrem Einsatz? Was würde im Falle ei-      ten die Forschenden bildgebende Ver-
     gen an realen physikalischen Phä­        nes schweren Reaktorunglücks passie-       fahren mit Neutronen. Das Neutronen-
     nomenen von hoher Sicherheits­           ren: Wie reagiert beispielsweise das       Imaging ist ein am PSI perfektioniertes
     relevanz, die für die Verifizierung,     Brennstoffmaterial bei einer Kern-         Verfahren, das eine eigene PSI-Arbeits-
     Validierung und Qualifizierung von       schmelze und wie lässt sich sicherstel-    gruppe an der hiesigen Grossfor-
     Berechnungsmethoden erforderlich         len, dass radioaktive Substanzen nicht     schungsanlage SINQ, der Schweizer
     sind                                     in die Umwelt gelangen?                    Spallations-Neutronenquelle, mit einem

22
sondere in der Schweiz im Einsatz. Sie     heit der schweizerischen Kernkraftwerke
                                          schützen die Hüllrohre gegen mecha-        zu gewährleisten und fortwährend zu
                                          nische Beschädigungen.                     verbessern.
                                          Liner haben, so fanden die Forschen-       Im Laufe der Zeit haben sich die Grenzen
                                          den heraus, einen positiven Effekt:        des mit Simulationen Machbaren immer
                                          Hüllrohre, die über eine solche Schutz-    weiter verschoben, und auch die An-
                                          schicht verfügen, weisen darunter we-      sprüche an die Genauigkeit und Zuver-
                                          niger Hydride auf. Der Wasserstoff         lässigkeit bei der Bewertung der Sicher-
                                          dringt vermehrt in diese Beschichtung      heit von Kernkraftwerken haben sich
                                          ein und wird schon dort gestoppt. Der      stark weiterentwickelt. Schon seit eini-
                                          Liner wirkt wie ein Schwamm für den        gen Jahren geht der Trend hin zu soge-
                                          Wasserstoff. Als würde eine Person im      nannten Best-Estimate-Modellen, das
                                          Bademantel in den Nieselregen gehen:       heisst realistischen Rechenmodellen.
                                          Das Frottee saugt das Wasser auf, die      Man versucht dabei, die Vorgänge in
                                          Haut bleibt trocken. Die Beschichtun-      einem Reaktor auf Grundlage physika-
                                          gen, die ursprünglich zum mechani-         lischer Gesetze möglichst genau zu
  Mit Rechenmodellen und Computer-        schen Schutz eingeführt wurden, sta-       beschreiben und zu quantifizieren. Da-
  simulationen untersuchen                bilisieren so vermutlich die Hüllrohre     bei werden auch die Unsicherheiten,
  Forschende die Vorgänge in
                                          auf lange Sicht zusätzlich.                die diesen wie allen Berechnungen an-
  Kernkraftwerken und machen die
                                                                                     haften, mithilfe einer etablierten statis-
  Anlagen so sicherer.
                                                                                     tischen Methode ermittelt. Hypotheti-
                                          Simulationen machen                        sche Ereignisse, die zwar extrem
                                          Kernanlagen sicherer                       unwahrscheinlich sind, die man aus
                                                                                     Sicherheitsgründen aber trotzdem un-
                                          Computersimulationen helfen entschei-      tersuchen will, kann man damit erfor-
                                          dend dabei, Kernkraftwerke sicher zu       schen, beispielsweise Störfälle in kom-
                                          betreiben. Auch Aufsichtsbehörden          plexen Nuklearanlagen.
                                          überprüfen damit die Sicherheit der        Die Forschenden am Labor für Simula-
                                          Anlagen. Ob es um den Einbau neuer         tionen und Modellierung (LSM) am PSI
der weltweit besten Neutronenmikros-      Komponenten oder um Tests und Ver­         profitieren dabei von der rasanten Ent-
kope regelmässig durchführt. Verschie-    suche zur Wahrung der Sicherheit geht,     wicklung der Computertechnologie.
denste Arten von Gegenständen lassen      fast alles muss vorher am Computer         Von der Theorie inspiriert konstruieren
sich damit durchleuchten.                 berechnet und analysiert werden. For-      die Forschenden ein Modell. Letztend-
Bei ihren Untersuchungen konzentrier-     schende am PSI entwickeln dazu Re-         lich heisst das: Sie entwerfen ein Com-
ten sich die Forschenden auf Wasser-      chenmodelle und Computerprogramme,         puterprogramm als Modell und damit
stoff, der in das Metall der Hüllrohre    die Komponenten und Teilsysteme so-        führen sie Simulationen durch.
eindringt und dort sogenannte Hydride     wie deren Zusammenspiel im Kernreak-       In der aktuellen Entwicklungsphase
mit den Metallen bildet, was die Stabi-   tor immer genauer modellieren. Sie         müssen Computer nicht unbedingt
lität der Rohre beeinträchtigt. Die Ar-   fungieren damit als unabhängige For-       mehr vom Menschen programmiert
beitsgruppe untersuchte nun, wie sich     schungspartner der Schweizer Auf-          werden, sondern lernen selbst. Die
eine zusätzliche Schutzschicht bei        sichtsbehörde, des Eidgenössischen         Funktionsweise ähnelt der unseres Ge-
Hüllrohren auswirkt, die sogenannten      Nuklearsicherheitsinspektorats ENSI,       hirns. Dieses lernt auf verschiedenste
Liner. Diese sind weltweit und insbe-     und tragen dadurch dazu bei, die Sicher-   Art und Weise, indem es Eindrücke von

                                                                                                                            23
Kernbrennstab aus Uranbrennstoff-
                                         Pellets, umgeben von einem Hüllrohr
                                         aus Zirkoniumlegierung.

aussen                                                                                 Mit Sicherheit eingeschlossen
verarbei-
tet. Ähnlich ge-                                                                       In der Schweiz schreibt das Kernener-
schieht das auch                                                                       giegesetz eine geologische Tiefenlage-
beim sogenannten Ma-                                                                   rung der hochaktiven sowie der
chine Learning, nur dass dabei                                                         schwach- und mittelaktiven Abfälle aus
Daten die äusseren Eindrücke er-                                                       Kernkraftwerken und anderen Quellen
setzen. Machine Learning wird auch                                                     vor. Forscher des PSI wirken an diesem
als viertes Standbein der Wissenschaft                                                 wichtigen gesellschaftlichen Unterfan-
bezeichnet, neben der Theorie, dem                                                     gen mit, indem sie die Naturvorgänge
Experiment und dem Hochleistungs-                                                      erforschen, die für die Sicherheit eines
rechnen. Wir sind hier erst am Anfang:                                                 Tiefenlagers von Bedeutung sind.
Grosse Fortschritte darf man in der
nahen Zukunft erwarten. Mit Machine
Learning können PSI-Forschende noch
viel genauer als zuvor die Vorgänge in
Nuklearreaktoren simulieren, bei-
spielsweise die Wärmeübertragung
von einem Medium auf ein anderes         Eine Zukunftsfrage
sowie die Bildung von Wasserdampf-       Während die Schweiz im Rahmen ihrer Energiestrategie 2050 de facto den Ausstieg aus
blasen, wenn sich Wasser erwärmt,        der Kernenergie beschlossen hat, halten andere, auch europäische Länder an der Strom-
ausgelöst durch die nuklearen Zerfälle   erzeugung durch Kernspaltung (Fission) fest. Zusätzlich schreiten gross angelegte inter-
in den Brennstäben.                      nationale Versuche, die Kernfusion nutzbar zu machen, weiter voran. Expertenwissen
                                         über Kernenergiefragen wird in der internationalen Gemeinschaft also nach wie vor gefragt
                                         sein. Die Schweiz hat ein Interesse daran, die globalen Entwicklungen der Nukleartech-
                                         nik aktiv zu verfolgen. Zum einen, weil Fragen der nuklearen Sicherheit über Staatsgren-
Flüssigsalzreaktoren –                   zen hinausgehen, zum anderen, weil Nukleartechnologien der Zukunft, die sowohl das
die Erforschung                          Unfallrisiko als auch die Menge und Radioaktivität des Abfalls wesentlich reduzieren
einer Möglichkeit                        würden, eine höhere gesellschaftliche Akzeptanz geniessen könnten. In diesem Sinne
                                         haben sich auch Bundesrat und Parlament geäussert und festgehalten, dass sie Bildung,
Am PSI erforscht eine kleine Gruppe      Lehre und Forschung zu sämtlichen Kernenergietechnologien weiterhin unterstützen
                                         werden. Bei der Ausbildung angehender Nuklearingenieure in der Schweiz spielt das PSI
von Wissenschaftlern mit theoreti-
                                         eine zentrale Rolle. Der Nachwuchs wird – unabhängig davon, welchen Weg die Schweiz
schen Modellen mögliche zukünftige       in Sachen Energieversorgung wählt – auch in Zukunft vor wichtigen Aufgaben stehen.
Kernreaktoren: die sogenannten Flüs-     Das betrifft nicht nur das Personal der Kraftwerke selbst, sondern auch die Mitarbeiten-
sigsalzreaktoren. Sie zählen zu den      den der Aufsichtsbehörde, des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats ENSI,
Kernkraftwerken der Generation IV,       aber auch die Forschenden, die – sei es im Auftrag der Kraftwerksbetreiber oder des ENSI
welche hohen Anforderungen an Si-        – dazu beitragen, die Sicherheit kontinuierlich zu verbessern. Auch nach Ende der Lauf-
                                         zeit der schweizerischen Kernkraftwerke wird für die Stilllegung, den Rückbau der Anlagen
cherheit, Nachhaltigkeit und Wirt-
                                         und die Entsorgung Fachwissen von Nuklearingenieuren gefragt sein. Mit der Betreuung
schaftlichkeit entsprechen müssen.       von Studierenden, Doktorierenden und jungen Wissenschaftlern trägt das PSI zusammen
Die Gruppe für Schnelle Reaktoren am     mit der ETH Zürich und der ETH Lausanne dazu bei, die Fachkompetenz in Sachen Nuk-
PSI beschäftigt sich sowohl mit dem      learenergie in der Schweiz langfristig zu erhalten: Im standortübergreifenden Masterstu-
Potenzial als auch mit den Problemen     diengang Nuclear Engineering lernen Ingenieure, wie man Kernkraftwerke effizient und
von solchen möglichen zukünftigen        sicher betreibt, wie man sie stilllegt und radioaktive Abfälle entsorgt.

Kernreaktoren.

24
«Man kann international nur mitreden,
wenn man Kompetenz hat»

                                                                                           weis: Wir betreiben sichere Kernanla-
                                           Zur Person                                      gen seit über 50 Jahren und haben eine
                                                                                           breite Erfahrung zu bieten.
                                           Andreas Pautz (Jahrgang 1969) leitet seit
                                           2016 den Forschungsbereich Nukleare Ener-
                                           gie und Sicherheit (NES) am PSI. Er studierte   Wie ist das PSI bei der Errichtung eines
                                           Physik an den Universitäten Hannover und        Schweizer Endlagers für radioaktiven
                                           Manchester und promovierte in Kerntechnik       Abfall involviert?
                                           an der TU München. Nach fünfzehn Jahren
                                                                                           Beispielsweise bei der Suche nach ei-
                                           als Nuklearsicherheits- und Reaktorphysik-
                                                                                           nem geeigneten Standort. An drei po-
                                           experte in Industrie, Aufsicht und Forschung
                                           übernahm er 2012 am PSI die Leitung des         tenziellen Standorten werden Bohrun-
                                           Labors für Reaktorphysik und Systemverhal-      gen durchgeführt, und die Bohrproben
                                           ten und wurde zum Professor für Kerntech-       kommen zu uns ans PSI. Hier untersu-
                                           nik an der ETH Lausanne ernannt.                chen wir, ob die Ansprüche, die man
                                                                                           an das Wirtgestein stellt, auch erfüllt
                                                                                           sind. Aber auch danach, bis zur Inbe-
Warum forscht das PSI an nuklearer          blöcke. Es geht weltweit also weiter −         triebnahme und darüber hinaus wird
Energie und Sicherheit, wenn die            da ist es ziemlich unerheblich, was wir        sicherlich immer wieder wissenschaft-
Schweiz doch aus der Kernenergie aus-       hier in der Schweiz machen.                    liche Expertise von uns und anderen
steigen wird?                                                                              Kerntechnikexperten gefragt sein.
Andreas Pautz: Trotz Ausstiegsbe-           Sprich: Die Schweiz soll in puncto Kern-
schluss werden einige Kernkraftwerke        technik weiterhin mitreden können?             Was hat sich in den letzten Jahren in
in der Schweiz noch 25 Jahre und mög-       Ja, und weiterhin über tiefgehendes            Ihrem Forschungsbereich verändert?
licherweise weit darüber hinaus laufen.     kerntechnisches Knowhow verfügen.              Wir haben unser Forschungsportfolio
Entsprechend lange müssen wir in der        Wir sind in internationalen Gremien gut        in den letzten Jahren enorm verbreitert:
Lage sein, die Werke und die Sicher-        vertreten, etwa bei der Internationalen        In mindestens drei Laboren gehen un-
heitsbehörde wissenschaftlich-tech-         Energieagentur und der Nuklearenergie-         sere Arbeiten heute weit über klassi-
nisch zu unterstützen, wo es notwendig      Agentur der OECD; das sind wichtige            sche kerntechnische Themen hinaus.
wird. Hinsichtlich der Aufsichtsbehörde     Gremien, in denen auch Entscheidun-            So beispielsweise beim Labor für Ra-
ist das sogar ein Mandat, das wir durch     gen getroffen und Forschung vorange-           diochemie und dem Labor für Energie-
den Bund erhalten. Ausserdem: Es wird       trieben wird – und da kann man nur             systemanalysen: Wie soll das Energie-
auch in 50 Jahren noch Kernkraftwerke       mitreden, wenn man langfristig nukle-          system der Schweiz in 30, 40 Jahren
geben − und wahrscheinlich sogar            are Kompetenzen erhält.                        aussehen, welche Optionen haben wir?
mehr als heute.                                                                            Wir haben uns auch neue Themen auf
                                            Liegt es im Interesse der Schweiz, sich        die Fahnen geschrieben, darunter das
Sie meinen in anderen Ländern?              für die Sicherheit von Kernkraftwerken         wissenschaftliche Rechnen. Das Labor
Genau. Die meisten Werke stehen dann        in anderen Ländern einzusetzen?                für Scientific Computing und Modeling
vermutlich nicht mehr in Europa und         Unbedingt. Es gibt Newcomer-Staaten,           soll eine tragende Säule in allen Fragen
Nordamerika, sondern in Asien und in        die neu in die Kernenergie einsteigen          der Simulation fürs gesamte PSI wer-
Afrika. China alleine hat in den letzten    wollen, die aber kaum Infrastruktur            den, dazu, wie man bestimmte Daten,
zehn Jahren 35 Kernkraftwerke in Be-        besitzen. Die brauchen kompetente              die von einer der Grossforschungsan-
trieb genommen und baut beziehungs-         Unterstützung, und sicher kann das PSI         lagen kommen, erfasst, analysiert und
weise plant fast 60 weitere. Aber auch      da eine Rolle spielen. Die Schweiz hat         auswertet.
Ungarn plant zwei grosse Kraftwerks-        einen ausgezeichneten Leistungsaus-

                                                                                                                                25
Sie können auch lesen