KIRCHE - Leipziger Missionswerk

 
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KIRCHE - Leipziger Missionswerk
MITTEILUNGSBLATT DES LEIPZIGER MISSIONSWERKES
der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens und der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

KIRCHE
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                                  m e i n d e
                               Ge            i a l
                                       l o n
                             postko

                    GEMEINDE POSTKOLONIAL
                    Das Thema (Post)Kolonialismus ist kein Thema für eine Kirchgemeinde? Diese Ausga-
                    be zeigt, warum es im kirchlichen Kontext durchaus eine Rolle spielt. Zahlreiche An-
                    regungen für die Gemeindearbeit sollen Ideen vermitteln, wie das Thema behandelt
                    werden kann.

                    NEUER MITARBEITER FÜR PAPUA-NEUGUINEA
                    Uwe an Mey bereitet sich auf seinen Dienst in der Evangelisch-Lutherischen Kirche
                    von Papua-Neuguinea vor. Die kommenden drei Jahre wird er die Kirchenverwaltung
                    insbesondere beim Immobilienmanagement unterstützen.
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EDITORIAL & INHALT

    Liebe Leserinnen
                                                                   Inhalt
    und Leser,
    „Fremd ist der Fremde nur in                                    2 Editorial
    der Fremde“, sagt Karl Valentin                                3 Anne Römpke
    1940. In seinem köstlichen Dia-                                		Meditation
    log wird das schwierige Thema
    der Konstruktion des Anderen                                   4 Sabine Ayeni
    als dem „Fremden“ greifbar.                                    		Postkoloniale Gemeinden – ein Traum?
    „Der Fremde“ hat eine dunkle                                     Die Verwirklichung einer antirassistischen Hal-
    Hautfarbe; „wir“ aber, die „wir                                  tung beginnt bei uns selbst
    von hier“ sind, sind hellhäutig, weiß … – Auf der Titelseite    8 	Nadège Azafack
    dieser KIRCHE weltweit sind historische Sammelbüchsen          		Neue Perspektiven auf gewohnte Bilder
    zu sehen, an denen beispielhaft deutlich wird, wie die         		 Ausstellung „weiß-schwarz“ des Entwicklungs-
    Mission zur Konstruktion des Anderen als dem Fremden               politischen Netzwerkes Sachsen
    beigetragen hat: Der hilfsbedürftige Mensch anderer Haut-
    farbe, der dankbar mit dem Kopf nickt, wenn „wir“ einen        10 Nadège Azafack
    Groschen in den Hut geworfen haben.                            		Bilder im Kopf
    Bei meiner Geburt 1966 in Braunschweig hatten meine            		 Zwei beispielhafte Übungen, um sich dem The-
    Eltern nicht die Wahl, ob ich Deutscher oder Inder sein           ma Rassismus zu nähern
    solle: Das Grundgesetz sah bis 1974 die deutsche Staats-       11 Materialhinweise
    bürgerschaft nur für Kinder deutscher Väter, nicht aber für
    Kinder deutscher Mütter vor. So war ich also in meinen         12 Fürbitte konkret
    ersten Lebensjahren gezwungenermaßen Inder. 1992, ich          14 Simon Parisius, Antje Lanzendorf
    war schon seit 17 Jahren Deutscher, flog ich mit einem         		Angebote aus der Region Mitteldeutschland
    neuen Reisepass nach Indien. Der Grenzbeamte las den           		 Postkoloniale Initiativen in Sachsen, Sachsen-
    Namen und sprach mich auf Hindi an. Ich verstand nichts,          Anhalt und Thüringen
    denn trotz meiner halbindischen Abstammung spreche
    ich die Sprache nicht. 1997 in meiner ersten Pfarrstelle       16 Susann Küster-Karugia
    wurde ich zur Friedensdekade unter dem Motto „Soll ich         		Freiwilligenprogramm postkolonial
    meines Bruders Hüter sein?“ um eine Andacht gebeten,           		 Was Freiwillige und die Menschen in ihrem
    denn „das können Sie doch am besten nachvollziehen                Umfeld lernen können
    …“, so die Begründung. Und schließlich 2008: In der            18 Uwe an Mey
    Vorbereitung für meine Einführung in die Sonderpfarr-          		 „Öffne die Augen, nicht den Mund!“
    stelle hatte ich mich zur Absprache mit dem Ortspfarrer        		 Neuer LMW-Mitarbeiter in Papua-Neuguinea
    in der Stadtkirche verabredet. Er erkannte mich nicht,
    weil er aufgrund meines Namens einen ganz dunkelhäu-           19 Hans-Georg Tannhäuser
    tigen Menschen erwartet hatte. – In diesen Beispielen          		 „Fenster öffnen in die Welt“
    wird deutlich, wie ein vereinnahmendes „wir“ oder ein          		Adventsaktion leidet diesmal unter
    ausgrenzendes „Du“ konstruiert werden. Bei letzterem           		 verminderten Aktivitäten in den Gemeinden
    schwingt wie interessiert-freundlich auch immer gemeint        20 Nachrichten
    der Unterton „eigentlich nicht von hier“ mit.
    Lassen Sie sich mit hineinnehmen in die Welt der Ambiva-       22 Geburtstage, Impressum
    lenzen, die in dieser zweiten Ausgabe der KIRCHE welt-         23 Termine
    weit zu unserem Motto „glaubwürdig? Mission postkolo-
    nial“ aufscheinen.                                             24 Vierteljahresprojekt
    Herzlichst, Ihr
    Ihr                                                            Anzeigen wie das Hintergrundbild auf der Titelseite
                                                                   erschienen Anfang des 20. Jahrhunderts in den Pub-
                                                                   likationen der Leipziger Mission und warben für das
    Ravinder Salooja, Direktor des Leipziger Missionswerkes        Sammeln von Spenden.

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MEDITATION

Meditation
Von Anne Römpke, Referentin für Fragen der Schöpfungsverantwortung der sächsischen Landeskirche

                           Christus ist Bild des unsichtbaren Gottes,
                           der Erstgeborene der ganzen Schöpfung.
                                Monatsspruch April 2021: Kolosser 1,15

  Das ältere Geschwisterkind zu sein, ist nicht         res) ehrenamtliches Enga-
immer nur von Vorteil: Man soll auf jüngere Ge-         gement zu finden.
schwister aufpassen und vernünftig sein. Verhand-         Als Menschen in der Nach-
lungen mit den Eltern bezüglich Schlafenszeiten         folge Christi haben wir aber
oder Taschengeld müssen die Jüngeren oft nicht          auch ein paar Vorteile. Der
mehr führen.                                            „Erstgeborene der ganzen
  Zu Zeiten des Bibelzitats gab es aber handfeste       Schöpfung“ hat uns zuge-
Vorteile für den erstgeborenen Sohn. Zum Bei-           sagt, mitten unter uns zu
spiel folgte dieser auf den Vater als neues Fami-       sein. Wenn wir in Richtung
lienoberhaupt und erbte deutlich mehr als seine         Gerechtigkeit, Frieden und
Brüder. Wenn Christus im Monatsspruch also als          Bewahrung der Schöpfung
der „Erstgeborene der ganzen Schöpfung“ betitelt        laufen, rennen wir sozusagen
wird, so betont der Autor damit Jesu herausragen-       mit dem Wind. Loslaufen
de Stellung: Er steht über allen anderen Mächten        müssen wir allerdings selbst.
in der Welt.                                            Und da ist es gut, sich nicht als einzelner Mensch auf
  Das ist eine gute Nachricht, vor allem aus Sicht      den Weg machen zu müssen, sei es auf dem Pilger-
der Schöpfung, zu der auch wir als Menschen gehö-       weg für Klimagerechtigkeit oder bei Umweltschutz-
ren: Mit Jesus als „Erstgeborenem“ der Schöpfung        maßnahmen in der eigenen Kirchgemeinde.
ist der Schutz von Mensch und natürlicher Umwelt          Allein gegenüber globalen Problemen zu stehen:
sozusagen „Chefsache“. Mit dem Gebot der Nächs-         Das wäre beängstigend und demotivierend. Mit
tenliebe gibt er uns Handlungsanweisungen mit auf       einer Gruppe aus Vertrauten vor der Aufgabe zu
den Weg. Umweltzerstörung, bewaffnete Konflik-          stehen, vor Ort etwas zu verändern: Das ist mach-
te und Ausbeutung gefährden das Leben unzäh-            bar! Wir müssen also nicht die ganze Welt verän-
liger Menschen weltweit und in Zukunft. Gelebte         dern, sondern erstmal „nur“ unser eigenes Umfeld.
Nächstenliebe und der Auftrag zur Bewahrung der         Wenn Christinnen und Christen weltweit ihre
Schöpfung gehen dabei Hand in Hand. Papst Fran-         Gemeinde umweltfreundlich gestalten, haben wir
ziskus formuliert diesen Auftrag in seiner Enzykli-     gemeinsam einen enormen Einfluss. Interessierte
ka Laudato si‘ sehr deutlich, wenn er schreibt: „Die    Kirchgemeinden bekommen dabei Unterstützung
Berufung, Beschützer des Werkes Gottes zu sein,         von den Umweltbeauftragten ihrer Landeskirchen.
praktisch umzusetzen, gehört wesentlich zu einem          Ich wünsche uns, dass unser Handeln für Gerech-
tugendhaften Leben; sie ist nicht etwas Fakultati-      tigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung
ves, noch ein sekundärer Aspekt der christlichen        stets in dem Bewusstsein steht, dass Jesus als „Erst-
Erfahrung.“                                             geborener“ der Schöpfung mit uns geht und dass
  Der Auftrag ist klar. Doch die Umsetzung im           unsere gemeinsame Wirkkraft als Gemeindemit-
Alltag fällt nicht nur Christinnen und Christen         glieder und weltweite Glieder der Kirche ein wich-
schwer: Oft muss mit langjährigen Gewohnheiten          tiger Bestandteil des Wandels sein kann.
gebrochen werden, einige politische Entscheidun-
gen sind schlichtweg entmutigend und neben Ar-          Anne Römpke ist seit Oktober 2020 „Referentin für Fra-
beit, Familie und Freundeskreis ist es in der Regel     gen der Schöpfungsverantwortung“ (Umweltbeauftragte)
gar nicht so einfach, ausreichend Zeit für (weite-      in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens.

                                                                                    KIRCHE weltweit 1/2021       3
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GEMEINDE POSTKOLONIAL

    Postkoloniale Gemeinden – ein Traum?
    Die Verwirklichung einer antirassistischen Haltung beginnt bei uns selbst
    Ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu einer postkolonialen Gemeinde ist der Umgang mit dem Thema
    Rassismus. Vielen erscheint dieses Problem im eigenen kirchlichen Umfeld irrelevant. Allerdings gibt es viel
    mehr Ausdrucksformen, als uns bewusst ist, zum Beispiel welche Weltbilder transportiert werden.
    Von Sabine Ayeni, mohio e.V., Halle an der Saale
      Kirchengemeinden meistern derzeit beständig neue                     An vielen Orten in Deutschland haben sich Kirch-
    Herausforderungen. Wie lässt sich das Gemeinde-                      gemeinden in den vergangenen Jahren stark ge-
    leben aktiv gestalten, ohne all die Elemente, die es                 macht für Menschen, die auf der Flucht aus anderen
    eigentlich ausmachen: keine Gemeindetreffen, kein                    Ländern der Welt ihren Weg zu uns gefunden haben.
    gemeinsames Singen, keine Gesprächs- oder Ge-                        Geflüchtete aufzunehmen und sie zu unterstützen ist
    betskreise? Kirchliche Mitarbeitende sind vollauf be-                für viele Gemeinden gelebte praktische Nächstenlie-
    schäftigt. Und nun sollen sie sich auch noch Gedan-                  be. Ich bin froh zu wissen, dass christliche Gemein-
                                                                         den hier ein deutliches Zeichen setzen und zeigen,
                                                                         dass Gastfreundlichkeit auch in Deutschland mög-
                                                                         lich ist und Menschen hier ankommen und Freund-
                                                                         schaft, Zuwendung und Sicherheit finden können.
                                                                         Gott sei Dank! Dann können wir doch eigentlich gar
                                                                         nicht rassistisch sein oder?
                                                                           Und bitte, wenn Sie beim Lesen jetzt spüren, ich
                                                                         kann mich gerade nicht mit diesem Thema (auch
                                                                         noch) befassen, dann sind Sie herzlich eingeladen,
                                                                         an dieser Stelle oder an irgendeiner Stelle – aufzu-
                                                                         hören weiterzulesen. Was ich schreibe, ist eine Ein-
                                                                         ladung, sich mit einem durchaus komplexen, sehr
                                                                         oft sehr emotionalen und anstrengenden Thema
                                                                         auseinander zu setzen. Ich kann Ihnen versichern,
                                                                         es gibt keinen schnellen Weg, um sich dem Thema
                                                                         Rassismus auch in Gemeinden zu nähern. Aber er
    Kerzen gegen Rechtsextremismus und Gewalt: Veranstaltungen, an
                                                                         lohnt sich. Denn – davon bin ich zutiefst überzeugt
    denen sich auch viele Kirchgemeinden beteiligen – hier in Dresden.   – als christliche Gemeinden haben wir hier einen
                                                                         besonderen Auftrag.
    ken zu Rassismus, Diversität und Postkolonialismus                     Ich stimme Ihnen zu, wenn Sie mir nun sagen,
    machen … Da mag sich manche*r denken: Das doch                       dass Gemeinden schon so viel tun und sich vieler-
    nicht auch noch. Verständlich – bis zu einem gewis-                  orts engagiert einsetzen für Menschen in unserer
    sen Grad zumindest.                                                  Gesellschaft. Doch lassen Sie sich einladen, dass wir
      Denn wer sich noch nicht viel mit Rassismus und                    noch ein kleines Stückchen weiter denken. Denn
    Postkolonialismus beschäftigt hat, kann leicht dazu                  das, was Rassismus so effektiv macht und dauerhaft
    verleitet werden zu denken, dass das gar nicht unser                 verankert, ist unter anderem, dass er sich so gut zu
    Thema ist und Rassismus bei uns gar nicht so schlimm                 verkleiden vermag und uns suggeriert: Das alles hat
    sein kann, wie wir es von anderen Ländern hören.                     mit uns doch nicht wirklich was zu tun.
      Leider ist es aber so, dass Rassismus ein „schlaues
    Kerlchen“ ist. Er trägt ein äußerst wandelbares Kleid
                                                                                 Rassismus wirkt sich auf alle aus
    – ein bisschen wie der vielfarbige Mantel Daniels oder
    der Elfenumhang, den die Hobbits in „Herr der Rin-                    In der Bibel können wir im 1. Brief an die Korinther
    ge“ geschenkt bekommen haben: Jedes Mal, wenn                        21, Vers 27 (und eigentlich das gesamte Kapitel) ler-
    man hinschaut, zeigt sich was Neues und manchmal                     nen: Ihr alle seid zusammen der Leib Christi und als
    auch Unerwartetes.                                                   Einzelne seid ihr Teile an diesem Leib.

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GEMEINDE POSTKOLONIAL

                                                           Wenn nun einem Teil des Leibes etwas passiert,
                                                         dann leidet der gesamte Körper. Wer kennt das nicht
                                                         … Zahnschmerzen oder Bauchweh … da kann der
                                                         Rest von mir gar nicht mehr richtig funktionieren,
                                                         konzentriert denken geht kaum mehr.
                                                           Und Rassismus ist so ein Schmerz, einer, den vie-
                                                         le Menschen in unserem Land erleben, auch in den
                                                         Kirchgemeinden. Ein Schmerz, den wir oft außen vor
                                                         schieben, denn, ganz ehrlich, die Mehrheit der deut-
                                                         schen Gesellschaft und damit auch der Kirchen betrifft
                                                         Rassismus nicht wirklich. Und aus dieser – vermeintli-
                                                         chen – Un-betroffenheit ist es einfach zu denken, dass
                                                         wir doch eigentlich schon genug tun … Eine bequeme
                                                         Position, aber eben auch eine, die wir bewusst einneh-
                                                         men und ebenso bewusst ändern können.
                                                           Was mich immer wieder erschreckt ist, wie leicht
                                                         es ist, die Position als weiße Person nicht zu ändern,
                                                         nicht ändern zu müssen. Wenn ich aber anfange,
                                                         mich als Christin mit Rassismus zu befassen, so stel-
                                                         le ich leider fest: Rassismus passiert jetzt – egal, ob
                                                         ich es sehen will oder nicht. Und wenn Menschen
                                                         Rassismus erleben, gerade auch in Kirchen, dann
                                                         sind alle betroffen.

                                                                     Ist nur Weiß-Sein normal?
                                                           „Rassismus verletzt uns alle. Aus theologischer
Alle Menschen haben Vorurteile. Problematisch werden
                                                         Perspektive ist Rassismus Sünde, die alle von Gott
Vorurteile dann, wenn auf Grund dieser Menschen ab-
                                                         geschaffenen Menschen (sowohl die von Rassismus
gewertet, ausgeschlossen oder diskriminiert werden.
                                                         Betroffenen als auch die von Rassismus Profitieren-
                                                         den) und schließlich Gott selbst verletzt.“ So steht es
Einer ablehnenden Haltung gegenüber einigen Men-
                                                         im Vorwort der Handreichung „Vor Gott sind alle
schen stellt das Studienbegleitprogramm für Studie-
                                                         Menschen gleich. Beiträge zu einer rassismuskriti-
rende aus Afrika, Asien, Lateinamerika, Südosteuropa
                                                         schen Religionspädagogik und Theologie“ (2015).
an Hochschulen in Sachsen, kurz STUBE Sachsen,
                                                           Genauso wie Rassismus in der Gesellschaft verankert
eine positive Fotoausstellung entgegen. Diese soll
                                                         ist, so macht er auch vor Gemeinden keinen Halt. Wir
Empathie und Akzeptanz schaffen. Niemand soll be-
                                                         sind als Menschen dieser Gesellschaft geprägt von be-
schuldigt oder bemitleidet werden, vielmehr soll der
                                                         stimmten Annahmen und Ideen. Eine dieser Grund-
einzelne Mensch im Fokus stehen. Die Porträts sollen
                                                         annahmen ist ganz oft immer noch: Weiß-sein ist
dazu anhalten, in jedem Menschen das Individuum
                                                         normal. Menschen, deren Hautfarbe nicht als „weiß“
zu sehen und ihm die gleiche Empathie und Offen-
                                                         wahrgenommen wird, werden schnell als „anders“ ge-
heit entgegenzubringen wie jedem anderen auch. Die
                                                         sehen und auch behandelt. Sicherlich, die Frage „Wo-
Ausstellung steht für ein respektvolles Miteinander in
                                                         her kommst du?“ sieht harmlos aus und oft wird sie
der Gesellschaft.
                                                         Menschen, die unsere Gemeinden besuchen, gestellt.
                                                         Doch was steckt hinter dieser Frage? Warum frage ich
Kooperation: Bündnis gegen Rassismus, Entwick-
                                                         das eigentlich? Was will ich wirklich wissen?
lungspolitische Netzwerk Sachsen
                                                           Meine Tochter, die eine deutlich dunklere Hautfarbe
                                                         hat als ich, wurde in Deutschland geboren. Sie spricht
Fotos: Gerardo Palacios Borjas
                                                         deutsch und hat (nur!) einen deutschen Pass, beide
                                                         Eltern haben einen deutschen Pass. Wenn sie gefragt
www.stube-sachsen.de
                                                         wird, woher sie kommt, dann antwortet sie wahr-

                                                                                      KIRCHE weltweit 1/2021       5
KIRCHE - Leipziger Missionswerk
Beunruhigung als Herausforderung anzunehmen.
                                                                        Das bedeutet, die Kritik an rassistischen Gewaltver-
                                                                        hältnissen zugleich als Kritik an mir selbst aufzufas-
                                                                        sen und mich im Blick auf mein Denken und Han-
                                                                        deln immer wieder beunruhigen zu lassen.“, schreibt
                                                                        Astrid Messerschmidt 2009 im Beitrag „Weltbilder
                                                                        und Selbstbilder. Bildungsprozesse im Umgang mit
                                                                        Globalisierung, Migration und Zeitgeschichte“.
                                                                          Wenn ich ernst nehme, dass alle Menschen Eben-
                                                                        bilder Gottes sind – unabhängig davon, ob sie zu
                                                                        meiner Gemeinde gehören oder nicht – und dass
                                                                        wir in der Gemeinde besonders dazu aufgerufen
                                                                        sind, uns als Teile ein und desselben Leibes zu sehen,
                                                                        so komme ich nicht umhin, auch die Schmerzen an-
                                                                        derer ernst zu nehmen und achtsam hinzuhören.

    Unsere Freiwillige Johanna Mwasajone aus Neinstedt fühlt sich        Nicht so tun, als würde es uns nichts angehen
    „nicht halb deutsch und halb tansanisch, sondern beides zu 100%“.
                                                                          Welche Texte singen wir in unserer Gemeinde?
    heitsgemäß, aus welchem deutschen Ort sie stammt.                   Welche Worte und Bilder werden in Predigten und
    Nicht selten stellen sich bei ihrem Gegenüber dann                  auch im Kindergottesdienst verwendet? Welche
    verwirrte Gesichtszüge ein und sie wird weiterhin ge-               Weltbilder „malen“ wir in unseren Gesprächen mit-
    fragt: Aber, woher kommst Du wirklich? Oder auch:                   einander innerhalb und außerhalb von Gemeinde?
    Aber woher kommen Deine Eltern? Geht es also in                       Es regt sich Widerstand in Ihnen? Das ist mehr als
    dieser Frage darum herauszufinden, woher jemand                     verständlich und zutiefst menschlich UND Teil des
    kommt oder um mir selber zu bestätigen: Diese Per-                  Weges … Denn das ist eine ganz normale Reaktion!
    son kommt von wo-anders und ist deshalb „anders“?                   Wer will schon sein Weltbild angefragt und seine
      Wenn Sie sich nun überführt fühlen: Wunderbar,                    Sprachgewohnheiten kritisch betrachtet haben. Es
    denn Sie sind gerade dabei für sich zu entdecken,                   ist ja auch wirklich nicht leicht, sich mit dem, was
    wie subtil Rassismus sein kann: Er verführt uns                     man schon immer als richtig erachtet hat, auf ein-
    dazu, Menschen einzuteilen in „gehört dazu“ oder                    mal kritisch auseinander zu setzen. Da lässt mitun-
    „gehört nicht dazu“. Und das tun wir mitunter auch                  ter Liebgewonnenes Federn und man verabschiedet
    in unseren Gemeinden, bewusst oder unbewusst,                       sich auch mal von vertrauten Ritualen und Bildern.
    und es verletzt uns alle, nicht nur die Menschen, die                 Gleichzeitig mag ich Ihnen zusprechen: Fassen Sie
    davon betroffen sind.                                               Mut! Sie und keine Person sonst können sich den He-
                                                                        rausforderungen jahrhundertelanger, tief verankerter
                                                                        Praktiken und Sprachgebräuche alleine stellen. Dazu
                   Beunruhigender Vorgang
                                                                        braucht es gemeinsame Ansätze, Austausch und Wil-
      Sich auf den Weg zu machen, eine rassismuskriti-                  len, sich immer wieder ein Stück weiter auf den Weg
    schere und post-koloniale Gemeinde zu sein, heißt                   zu machen, denn „Rassismus ist ein komplexes Phäno-
    mitunter die unbequeme Auseinandersetzung mit                       men, das keineswegs immer individuell ausgeübt wird.
    mir selber und meiner Geschichte sowie der Ge-                      Er kennt viele Spielarten, die eher subtil und latent wir-
    schichte meiner Gemeinde. Dabei ist sicher: „Ras-                   ken und häufig ein Effekt von Handlungen sind, die
    sismuskritisches Lernen ist ein beunruhigender                      nicht rassistisch, ausgrenzend oder abwertend gemeint
    Vorgang. Ich muss einsehen, dass ich als weißer                     waren. Rassismus manifestiert sich auf interindividu-
    Mensch in rassistische Verhältnisse eingebunden                     eller Ebene ebenso wie auf institutioneller oder struk-
    bin. Meine Kritik an Rassismus bringt immer ein                     tureller Ebene.“, so Wiebke Scharathow in dem Heft
    Stück neuen Rassismus mit sich. Dennoch kann ich                    „Woher komme ich? Reflexive und methodische An-
    nicht einfach aufhören, Kritik an weißer Vorherr-                   regungen für eine rassismuskritische Bildungsarbeit“.
    schaft zu üben. Ich würde Rassismus damit hinneh-                     Nur so zu tun, als ob uns das alles nichts angeht,
    men. Ein Weg kann es jedoch sein, diese doppelte                    das dürfen wir nicht tun … denn, „was ihr getan

6   KIRCHE weltweit 1/2021
KIRCHE - Leipziger Missionswerk
GEMEINDE POSTKOLONIAL

habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern,        Weitere Informationen
das habt ihr mir getan“ (Matthäus 25,40).
                                                                                                                                                                                          Astrid Messerschmidt (2009): Welt-
       Reflexion in Liebe und Achtsamkeit                                                                                                                                                 bilder und Selbstbilder. Bildungs-
                                                                                                                                                                                          prozesse im Umgang mit Globalisie-
  Damit sich was ändert, braucht es Menschen, die                                                                                                                                         rung, Migration und Zeitgeschichte.
sich trauen, sich mit sich selber und auch alt Ver-                                                                                                                                       – Frankfurt am Main: Brandes & Apsel
trautem immer wieder kritisch auseinander zu set-
zen, in Liebe und Achtsamkeit ihre Worte und Ge-
danken zu reflektieren, neue Wege im Miteinander
zu gehen und auch Fehler zuzugeben. Einsehen, dass                                                                                                                                        Wiebke Scharathow (2015): Ras-
man im gesellschaftlichen Gefüge mehr „Macht“ hat       Woher komme ich?                                                                                                                  sismus, in: Diakonie Württemberg,
als andere, ist nicht immer einfach, aber essentiell
                                                        Reflexive und methodische Anregungen

                                                                                                                                                                                          Woher komme ich? Reflexive und
                                                        für eine rassismuskritische Bildungsarbeit

wichtig, um Rassismus den scheinheiligen Man-                                             Ra
                                                                                                 ss
                                                                                                       ism
                                                                                                                           Bio                                                            methodische Anregungen für eine
tel auszuziehen. Wenn Rassismus Schmerzen ver-
                                                                                                                                 gra
                                                                                                                us                      fie
                                                                                                                                             arb

                                                                                                                                                                                          rassismuskritische Bildungsarbeit
                                                                                                                                                   eit

ursacht, dann tun wir gut daran, denen, die den
                                                                     Em
                                                                             pow
                                                                                      erm
                                                                                                ent

                                                                                       Spr
                                                                                              ac
                                                                                                   he

Schmerz erleben, gut zuzuhören. Schließlich ist die
                                                                                                        :D
                                                                                                             eu
                                                                                                                  tsch

                                                                                                                                                                                          Als Spiegelbild der Frage „Woher
                                                                                                                          ?

Person, die Schmerz erlebt, diejenige, die darüber
                                                                                                                                                                                      1

                                                                                                                                                                                          kommst Du?“ will die Erkundung des
am besten Auskunft geben kann.                                                                                                                                                            eigenen „Woher“ Denkmuster unter-
  Ich wünsche mir sehr, dass sich immer mehr Men-                                                                                                                                         brechen, Einstellungen hinterfragen
schen in Gemeinden auf den Weg machen zu erfor-                                                                                                                                           und für neue Perspektiven sensibi-
schen, wie eine postkoloniale Gemeinde, die sich                                                                                                                                          lisieren. Hierfür legt die Arbeitshilfe
unter anderem kritisch mit Rassismus auseinander-                                                                                                                                         Grundlagentexte und Methoden vor.
setzt, aussehen kann. So schaffen wir Raum für ge-
schwisterlichen Umgang auf Augenhöhe. So lassen                                                                                                                                           * www.diakonie-wuerttemberg.de
wir ungerechte Machtverhältnisse, die wir zumeist                                                                                                                                          /themen/interkulturelle-orientierung
nicht selber verursacht oder geschaffen haben und
von denen wir dennoch betroffen sind, zurück. Stel-
                                                        Vor Gott sind alle Menschen Gleich
                                                         B e i t r äG e z u e i n e r r a s s i s M u s k r i t i s c h e n r e l i G i o n s pä daG o G i k u n d t h e o lo G i e       Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche
len Sie sich vor, ein Mensch, der sich sonst oft (im                                                                                                                                      und Rechtsextremismus, Aktion Süh-
wahrsten Sinne des Wortes) seiner Haut erwehren                                                                                                                                           nezeichen Friedensdienste, Evangeli-
und sich erklären muss, findet eine Gemeinde mit                                                                                                                                          sche Akademie zu Berlin (2016): Vor
Menschen, die verstehen, dass es solche und an-                                                                                                                                           Gott sind alle Menschen gleich.
dere Erfahrungen wirklich gibt, was die Ursachen                                                                                                                                          Beiträge zu einer rassismuskritischen
dafür sind und was sie selber tun können, um sich                                                                                                                                         Religionspädagogik und Theologie
zu reflektieren. So findet man in solchen Gemein-
den Menschen, die dann offenen Herzens Menschen                                                                                                                                           Diese Broschüre liefert Informationen,
nicht länger das „Anderssein“ zuschreiben, sondern                                                                                                                                        Denkanstöße und Materialien zur ei-
einander in Achtsamkeit tragen und begegnen. Ein                                                                                                                                          genen Auseinandersetzung mit dem
Traum? Das mag sein, aber ich glaube fest daran,                                                                                                                                          Thema Rassismus.
dass das zu schaffen ist.                                                                                                                                                                          *    bagkr.de/publikationen
                        Sabine Ayeni arbeitet für den                                                                                                                                     Das in Dresden ansässige Bündnis
                        Hallenser Verein mohio. Ihr                                                                                                                                       gegen Rassismus bündelt auf seiner
                        Berufsweg führte sie über                                                                                                                                         Internetseite verschiedene Bildungsan-
                        Irland und Südafrika wieder                                                                                                                                       gebote aus seinem vielschichtigen Trä-
                        zurück nach Deutschland.                                                                                                                                          gernetzwerk, zum Beispiel das Seminar
                        Ihre Erfahrungen außerhalb                                                                                                                                        „Blickpunkt Rassismus … rassisti-
                        Deutschlands haben ihren                                                                                                                                          schem Verhalten handelnd begegnen“.
                        Blick für Fairness und anti-
                        rassistische Denkweisen ge-                                                                                                                                        *     www.buendnisgegenrassismus.
                        schärft.                                                                                                                                                                               de/workshop

                                                                                                                                                                                                    KIRCHE weltweit 1/2021          7
KIRCHE - Leipziger Missionswerk
AUSSTELLUNG

    Neue Perspektiven auf gewohnte Bilder
    Ausstellung „weiß-schwarz“ des Entwicklungspolitischen Netzwerkes Sachsen
    Die Ausstellung „weiß-schwarz“ des Entwicklungspolitischen Netzwerkes Sachsen (ENS) ist gut geeignet,
    um eigene Reaktionen auf die Frage „Was wäre wenn?“ zu testen. Sie kann Anknüpfungspunkt sein, um in
    Gemeindegruppen über Stereotype und Rollenverständnisse ins Gespräch zu kommen.
    Von Nadège Azafack, ehrenamtliche Mitarbeiterin im ENS mit dem Schwerpunkt Antirassismus, Berlin
      Vor einigen Wochen bei dem halbjährlichen El-                    Wahrnehmung und damit verbunden unserer Per-
    terngespräch in der Schule unterhielt ich mich mit                 spektiven auf die Bilder, die uns begegnen, immer
    der Lehrerin meines Sohnes über die Bewertung der                  noch ist. Wie dringend es ist, den Mitmenschen eine
    Schüler im Fachunterricht Kunst. Sie erklärte mir,                 neue Perspektive darauf anzubieten. Eine Perspekti-
    dass die Benotung weniger von der Richtigkeit des                  ve auf die Überlegung „Wie wäre es, wenn …?“
    Dargestellten abhängt, als viel mehr von der Genau-
                                                                                    Stereotype reflektieren
                                                                         Bereits vor zehn Jahren hat sich das Entwicklungs-
                                                                       politische Netzwerk Sachsen e.V. (ENS) mit diesem
                                                                       Perspektivwechsel beschäftigt und beschlossen, ei-
                                                                       nen Beitrag dazu zu leisten: die Wanderausstellung
                                                                       „weiß-schwarz“. Es entstanden Fotopaare mit Mo-
                                                                       tiven aus der Entwicklungszusammenarbeit. Aller-
                                                                       dings waren bei den Portraitierten die Hautfarben
                                                                       und damit auch die Rollen getauscht. Anschließend
                                                                       wurden Passant*innen in Dresden und Berlin nach
                                                                       Untertiteln und Kommentaren für diese Fotos ge-
                                                                       fragt. In der Ausstellung „weiß-schwarz“ werden
                                                                       die Ergebnisse auf fünf Textilbannern präsentiert.
                                                                       Durch das Vertauschen der Rollen wird die ge-
                                                                       wohnte mediale Wirklichkeit auf den Kopf gestellt
    Die Ausstellung „weiß-schwarz“ des Entwicklungspolitischen Netz-   und die Möglichkeit eingeräumt, Stereotype zu re-
    werkes Sachsen steht auch Kirchgemeinden zur Verfügung.            flektieren.
                                                                         Bestimmt haben sich bislang nur wenige gefragt,
                                                                       wie es wohl wäre, wenn die Erzieherin der eigenen
    igkeit und der Mühe bei der Arbeit. Es werde eher                  Kinder eine junge geflüchtete Frau aus Syrien wäre
    darauf geschaut, wie sauber beispielsweise die Weih-               oder wie sie wohl reagieren würden, wenn sich bei
    nachtsfiguren bemalt wurden und weniger auf die                    der Organtransplantation herausstellen würde, dass
    benutzen Farben. Ein Schüler würde keine schlech-                  der Spender ein schwarzer Afrikaner wäre? Warum
    tere Benotung bekommen, weil der Weihnachts-                       sollte es ein Unwohlsein hervorrufen zu erfahren,
    mann schwarz statt weiß bemalt wurde. Auf meine                    wenn der Sicherheitschef des Berliner Flughafens
    Antwort, dass der Weihnachtsmann bei uns schwarz                   ein Muslim wäre? Wieso schmunzeln manche El-
    ist, musste die Lehrerin kurz innehalten und diese                 tern, wenn mein schwarzer Sohn bei der Frage nach
    neue und unerwartete Information verarbeiten.                      der Berufswahl verkündet, dass er vorhat, Bundes-
      Auch wenn ich diese Reaktion erwartet hatte, bin                 kanzler zu werden?
    ich jedes Mal erneut erstaunt und ich frage mich,                    Diese Situationsbeispiele führen in unseren Köp-
    wie es wohl wäre, wenn der Weihnachtsmann nicht                    fen instinktiv zu Reaktionen wie Abwehr, Irritation,
    immer ausschließlich als weißer Mensch präsentiert                 Unwohlsein und manchmal Schock. Unsere Reak-
    werden würde? Würde sich dadurch ein solches Ge-                   tion könnte auf die Art unserer Erziehung, auf den
    spräch wie mit der Lehrerin erübrigen? Mir wurde                   Druck der Gesellschaft oder vielleicht auf die Medi-
    bewusst, wie aktuell die Frage unserer „fremden“                   en mit ihrer meist einseitigen Berichterstattung zu-

8   KIRCHE weltweit 1/2021
KIRCHE - Leipziger Missionswerk
AUSSTELLUNG

rückzuführen sein. Dies bedeutet aber keineswegs,
dass nur die anderen für die Misere unserer Denk-         Technische Daten zur Ausstellung
muster verantwortlich sind und wir selbst nichts
dafür können.                                             • fünf Textilsegmente (jeweils ca.1,20 Meter breit)
                                                          • Ausstellungssystem Aluminium, selbststehend, für In-
          Für ein Mehr an Miteinander                       nen- und Außenräume geeignet
                                                          • Gesamthöhe etwa 2 Meter, Gesamtbreite etwa 6 Me-
  Die Ausstellung „weiß-schwarz“ mit ihrer beglei-          ter, Tiefe etwa 0,8 Meter
tenden Bildungsmappe bietet hier die Möglichkeit,         • Aufstellung flexibel, das heißt Anordnung um die
sich mit seiner eigenen Verantwortlichkeit ausein-          Ecke oder im Kreis (Durchmesser 3 Meter)
ander zu setzen. Anne Schicht vom ENS fasste es
zusammen und schrieb in Vorbereitung auf die              Die Ausleihgebühren betragen pro Woche 25 Euro plus
Ausstellung: „Täglich begegnen uns Bilder, die            Transportkosten.
Menschen und Lebenssituationen aus Ländern des
Südens abbilden – in Zeitungen und Zeitschriften,         Kontakt
in der Werbung, in Imagebroschüren. Nicht selten          Entwicklungspolitisches
transportieren diese Bilder rassistische Botschaf-        Netzwerk Sachsen e.V.
ten, Klischees und Rollenzuschreibungen. Deren            Kreuzstraße 7, 01067 Dresden
Wirkung ist den BetrachterInnen oft nicht bewusst.        Telefon: 03 51/ 4 92 33 64
Zwar sind leidende Kinder in der Spendenwerbung           kontakt@einewelt-sachsen.de
selten geworden. Doch es gibt weiterhin subtile Bot-
schaften: Wer ist aktiv, wer passiv auf den Bildern?
In welcher Umgebung werden Menschen darge-              pe bildet allerdings die Mehrheit und ist in unter-
stellt? In welcher Funktion?“                           schiedlichen sozialen Schichten zu finden. Nur
  Mit der Ausstellung sollen nicht nur die Botschaf-    wenn diese „Desinteressierten“ angesprochen und
ten von Bildern kritisiert werden, sondern mit den      in die politische Diskussion involviert werden, be-
nachgestellten Bildern in vertauschten Rollen eine      kommen sie eine Möglichkeit, andere Perspektiven
neue kritische Wahrnehmung von Menschen ge-             zu betrachten, diese vielleicht zu akzeptieren und
weckt werden. Die Ausstellung will die Menschen         zu berücksichtigen. Darin liegt die Chance, ein po-
aus ihrer Gewohnheit schubsen. Wenn sich da-            sitives und tolerantes Miteinander statt einem aus-
durch nur eine Person dieser wichtigen Fragestel-       grenzenden Übereinander in der gesellschaftlichen
lung „Wieso wäre es eigentlich nicht möglich, wenn      Kultur des Zusammenlebens zu schaffen.
…?“ stellt, dann haben wir geschafft, einen Samen         Vor diesem Hintergrund wird die Ausstellung der-
zu pflanzen, der hoffentlich morgen Früchte brin-       zeit aktualisiert und die ausgewählten Bilder wer-
gen wird.                                               den der aktuellen gesellschaftlichen Situation und
  Heute, neun Jahre nach der Fertigstellung der         dem politischen Diskurs angepasst. Die Ausstellung
Ausstellung, steht die Gesellschaft in Sachsen – seit   wird zudem um ein digitales Paket erweitert, um
der „Flüchtlingswelle“ 2015 noch mehr als in den        die Entwicklungspolitik zu den Menschen zu brin-
Jahren zuvor – unter Spannung. Die in der Ausstel-      gen – für ein Mehr an Miteinander.
lung angesprochenen Themen haben nochmals an
Wichtigkeit gewonnen. Sie dürfen sich nicht in den
politischen Diskussionen abdrängen lassen. Dafür                         Bildungsmaterialmappe „weiß-
müssen weiterhin und verstärkt Themen der Bil-                           schwarz“
dung für nachhaltige Entwicklung (BNE) und der                           Die Mappe enthält Bildungsmaterialien
Entwicklungspolitik in Bildungsveranstaltungen                           zum Thema Rollenverteilungen in der
und Fachgesprächen sowie in der Öffentlichkeits-                         Entwicklungszusammenarbeit. In fünf
arbeit so eingebracht werden, dass die Gesellschaft                      interaktiven Methoden wird sich dem
sich für sie interessiert. Auch Menschen, die nicht                      Thema auch spielerisch angenähert.
oder nur selten zu entwicklungspolitischen Vorträ-                       Empfohlen für Menschen ab 12 Jahren.
gen oder Tagungen gehen, sollen sich angesprochen                        Preis: 10 Euro
fühlen. Diese scheinbar unerreichbare Zielgrup-                                  * www.einewelt-sachsen.de

                                                                                     KIRCHE weltweit 1/2021        9
KIRCHE - Leipziger Missionswerk
METHODEN

   Bilder im Kopf
   Zwei beispielhafte Übungen, um sich dem Thema Rassismus zu nähern
   Es gibt zahlreiche Methoden, die dazu dienen können, eine Reflexion des Umgangs mit rassistischen Ste-
   reotypen anzuregen. Hier werden zwei Übungen vorgestellt, die für unterschiedliche Altersgruppen geeignet
   sind und sowohl allein als auch in einer Gruppe durchgeführt werden können. Probieren Sie sie aus!
   Von Nadège Azafack, ehrenamtliche Mitarbeiterin im ENS mit dem Schwerpunkt Antirassismus, Berlin

                                                 Bilder im Kopf
    VORBEREITUNG: Für ein klares Ergebnis ist es notwendig, ein Blatt zum Schreiben und einen Stift
    parat zu haben. Beim Lesen der Frage sollte sofort der erste aufkommende Gedanke aufgeschrieben wer-
    den. Es geht hier darum, reale Alltagssituationen auf das Blatt zu bringen.
    ÜBUNG: Stellen Sie sich vor, Sie müssen auswandern. Sie sind gezwungen, Europa zu verlassen. Wohin
    werden Sie gehen? Schreiben Sie die Vor- und Nachteile auf, die Sie zu Ihrer Wahl bewogen haben.
    ZUSATZAUFGABE: Falls Sie sich gegen ein afrikanisches Land entschieden haben, schreiben Sie bitte
    die Beweggründe (Vor- und Nachteile) auf.
    REFLEXION: Worauf stützen sich Ihre Gründe? Auf persönliche Erfahrungen (Urlaub, Studium, …)
    oder Informationen von Dritten (Familie, Nachbarn, Medien, …)? Vergleichen Sie die Beweggründe in
    beiden Aufgaben: Was fällt Ihnen auf?

         „White fragility“ – Wer hat Angst, als „Rassist“ eingestuft zu werden?
    ANLEITUNG: In dieser Übung werden zwei Gesprächsabläufe vorgestellt, die im Alltag öfter vorkommen.
    Es geht hier darum, unsere instinktive Reaktion auf bestimmte Themen zu durchleuchten und uns damit
    auseinander zu setzen. Paul (19 Jahre, weiß) sagt übermütig zu Max (19 Jahre, schwarz): „Du braune Schoko-
    lade, lass uns weiterziehen.“ Wie verläuft die weitere Kommunikation?
    ABLAUF 1:
    Max: Wieso beleidigst Du mich jetzt? Womit habe ich das verdient?
    Paul: Ich habe Dich nicht beleidigt. Ist nur eine Redewendung und ist nicht böse gemeint.
    Max: Ich finde aber Deine Redewendung beleidigend und obendrauf rassistisch.
    Paul: Schon gut! Tut mir leid, ich lasse es in Zukunft sein.
    ABLAUF 2:
    Max: Wieso beleidigst Du mich jetzt. Womit habe ich das verdient?
    Paul: Ich habe Dich nicht beleidigt. Ist nur eine Redewendung und ist nicht böse gemeint.
    Max: Ich finde aber Deine Redewendung herablassend und obendrauf rassistisch.
    Paul: Nun aber ganz langsam. Ich bin kein Rassist und mein Ausdruck war auch keinesfalls rassistisch gemeint.
    Max: So kommt es aber bei mir an.
    Paul: Sei doch nicht so sensibel. Ich glaube, Du hast ein Problem … Meist eskaliert die Situation.
    REFLEXION: Welche der beiden Abläufe hätte bei Ihnen vorkommen können, wenn Sie an Pauls Stelle
    gewesen wären? Warum geht Paul in die Abwehrhaltung, sobald das Wort „rassistisch“ fällt? Meinen Sie,
    ein „Tut mir leid“ hätte die Diskussion auch an der Stelle vor einer Eskalation beenden können? Wenn nein,
    wieso nicht? Ist Pauls Reaktion im zweiten Ablauf ein Einzelfall?

10 KIRCHE weltweit 1/2021
METHODEN

Spiel „SPRACHE (D)EINER MACHT“
                                   Gemeinsam mit       kündigung. Dazu gehört auch das bewusste Wahr-
                                 David Schupp hat      nehmen von Diskriminierung und den vorherr-
                                 unsere     ehema-     schenden Machtstrukturen. In der Art und Weise
                                 lige    Freiwillige   wie wir über Diskriminierung sprechen, wird deut-
                                 Nina Sinde das        lich mit welchem Blickwinkel wir darauf schauen.
                                 Spiel    „Sprache     Das Spiel lädt ein, die Aufmerksamkeit auf den
                                 (D)einer Macht“       eigenen Sprachgebrauch zu richten und diesen zu
                                 entwickelt. „Das      hinterfragen. Insbesondere, da in der Öffentlich-
                                 Spiel ist mit viel    keit darüber zunehmend verbissen diskutiert wird,
                                 Herzblut       und    wurde Wert darauf gelegt, das Thema spielerisch
                                 mal mehr, mal         anzugehen.
                                 weniger spiele-         Die Spielmaterialien stehen online zum Ausdru-
                                 rischer Leichtig-     cken zur Verfügung. Zum Spiel gehören ein Spiel-
                                 keit entstanden.      brett, Spielkarten und eine Spielanleitung. Für alle,
                                 Aber es war jeden     die gerne eine hochwertigere Qualität verwenden
                                 Schweißtropfen        möchten, kann das Spiel gegen Übernahme der
wert, denn wir glauben, dass es viele gesellschaft-    Portogebühren ausgeliehen werden: sprachedei-
liche Herausforderungen gibt, die es für uns alle zu   nermacht@riseup.net.
meistern gilt.“, schreiben die beiden in ihrer An-                                      * urlzs.com/HKcr9

Webportal „Bildung für nachhaltige Entwicklung“
                              Das Portal „BNE            men Kolonialismus oder Rassismus auf einem
                              Sachsen“      bündelt      Zeitstrahl angeordnet. Auch als e eLearning Tool:
                              Angebote und Ma-           * www.connecting-the-dots.org/kategorie/kolonialismus
                              terialien zur Bildung    • Welthaus Bielefeld: Einführung in die deutsche
                              für nachhaltige Ent-       Kolonialgeschichte, Arbeitsblätter „Koloniale
wicklung (BNE) und dem Globalen Lernen, darun-           Kontinuitäten“
ter auch zum Thema (Post)Kolonialismus. Alle an-         Die Rolle Deutschlands als Kolonialmacht und
geboten Methoden wurden vom Konzeptwerk Neue             die Konsequenzen der Berliner Afrika-Konferenz
Ökonomie e.V. (KNÖ) Leipzig für die Anbindung            stehen im Mittelpunkt dieser Einheit. Weitere
an den sächsischen Lehrplan überarbeitet.                empfehlenswerte Arbeitsblätter:
                                                                                 * www.welthaus.de/bildung/
• Informationsbüro Nicaragua e.V.: Wie steht ihr                              unterrichtsmaterialien-downloads
  dazu? Ein Meinungsbarometer zu Postkolonia­          • KNÖ: War da was? Deutschland und der Kolo­
  lismus                                                 nialismus
  Diese Aktivierungsmethode bietet einen Einstieg        Verschiedene kolonialgeschichtliche Ereignisse,
  in die Auseinandersetzung mit (Post)Kolonialis-        die eine Verbindung zu Deutschland haben, sol-
  mus. Auf einem „Barometer“ wird zu verschie-           len auf einem Zeitstrahl in die richtige zeitliche
  denen Aussagen Position bezogen. Darüber lässt         Reihenfolge gebracht werden.
  sich gut ins Gespräch kommen.                        • KNÖ: Wenn Deutschland kolonialisiert worden
• Kolonialismus – Ein Quiz                               wäre ... Eine Internetrecherche zu den Folgen des
  Mit einem umfangreichen Quiz lernen die Teil-          Kolonialismus
  nehmenden wichtige Zahlen und Fakten zum               Nach einer einleitenden Textlektüre, die die Pers-
  Kolonialismus kennen und steigen in eine Ausei-        pektive auf den Kopf stellt, folgt eine Recherche zu
  nandersetzung ein.                                     den Auswirkungen des Kolonialismus auf gesell-
• Glokal e.V.: connecting the dots – Ein Zeitstrahl      schaftliche, politische, wirtschaftliche, kulturelle
  zu Kolonialismus / Rassismus                           und ökologische Bereiche.
  Mit dieser Methode werden Zitate zu den The-                                       * www.bne-sachsen.de

                                                                                    KIRCHE weltweit 1/2021 11
FÜRBITTE KONKRET

                                                                     Fürbitte für Indien
                                                                       Gott, unsere Mutter und unser Vater, Dir vertrauen
                                                                     wir uns an. Deine Botschaft der Liebe, Gerechtigkeit,
                                                                     der Gleichberechtigung und Würde erreichte uns und
                                                                     erhellt unser Land seit zwei Jahrtausenden. Wir ha-
                                                                     ben gelernt, neue Maßstäbe in unseren Beziehungen
                                                                     zu unseren Mitmenschen zu setzen. Wir danken Dir
                                                                     für Deine befreiende Botschaft.
                                                                       Gott, Du Herr und Lenker der Geschichte, wir danken
                                                                     Dir für die Einsicht und Weitsicht der Gründungsväter
                                                                     und -mütter unseres Staates. Sie haben sich für einen sä-
                                                                     kularen Staat entschieden. Wir danken Dir für die vielen
                                                                     Menschen, die für den Schutz der Minderheiten und für
                                                                     die Menschenrechte eintreten. Hilf denen, die in unserem
                                                                     Land die politische Verantwortung tragen, ihrer Fürsor-
                                                                     gepflicht nachzukommen.
                                                                       Du Gott aller Menschen und Nationen, Deine Bot-
   Christliche Gemeinden leben häufig in Angst, dass ihre Kirchen,
                                                                     schaft sollte die Schranken und Mauern der Trennun-
   Schulen und Einrichtungen angegriffen werden.
                                                                     gen überwinden. Wir bekennen, dass wir als Christen
     Am Sonntag Reminiszere wird deutschlandweit für                 neue Mauern aufgebaut haben und zur Teilung der
   bedrängte und verfolgte Christinnen und Christen                  Gesellschaft beigetragen haben. Als Christen wollten wir
   gebetet. Am 28. Februar 2021 stand Indien im Fokus,               „bessere“ Menschen sein. Unsere „Besserwisserei“ hat
   wo besonders Christ*innen und Muslim*innen schon                  manchen von uns intolerant gegenüber unseren Mitmen-
   seit mehreren Jahren in ihrer Glaubensfreiheit be-                schen gemacht. Deinen Jüngern wird heute mit Skepsis
   schnitten werden. Das zeigt sich auch in Gesetzen der             und Verdächtigungen begegnet. Wir haben Angst, dass
   Regierungspartei BJP. So wird der Wechsel zum Chris-              wir angegriffen werden, unsere Frauen vergewaltigt wer-
   tentum oder zum Islam immer schwieriger, geht mit                 den. Wir haben Angst, dass unsere Kirchen, Schulen und
   Nachteilen und Drohungen einher oder wird gar unter               Einrichtungen zerstört werden und dass unsere Kinder
   Strafe gestellt. Aber auch im normalen Glaubensalltag             keine sichere Zukunft haben. Wir fühlen uns hilflos und
   sowie in der Durchführung von Projekten und sozialen              schwach gegenüber den Fanatikern. Sie stehen bewaffnet
   Aufgaben wird die Freiheit eingeschränkt. Das macht               vor unseren Türen. Hilf uns, Gott, und wehre ab, die uns
   vielen Menschen Angst. Die EKD hat eine Arbeitshilfe              angreifen. Verdränge Wut und Hass aus ihren Herzen.
   mit Hintergrundinformationen und Gottesdienstbau-                 Lass uns spüren, dass Du uns hörst und helfen wirst. Bei
   steinen herausgegeben, dem wir Teile des folgenden                Dir, Gott, finden wir Hilfe. Wir glauben an Dich und
   Gebets von Johni Thonipara entnommen haben.                       Deine Liebe. Amen.

   Fürbitte für die Partnerkirche in Papua-Neuguinea
    In Neuguinea gibt es immer wieder Streitfälle we-                  Herr, unser Gott, wir bitten Dich für die Region
   gen Landrechten und Diskussionen um Aufenthalts-                  Madang und für eine gerechte und friedvolle Durch-
   genehmigungen. Menschen siedeln sich in der Nähe                  führung der Wohnungsbaupläne der Regierung. Kon-
   der größeren Städte an, um dort Arbeit zu finden.                 flikte können ausgeräumt werden, wenn Vorhaben
   Oft haben sie aber keine Erlaubnis dafür und woh-                 transparent erklärt und gegenseitiges Verständnis ge-
   nen illegal. Unsere Partnerkirche ELC-PNG besitzt                 weckt werden. Wir bitten Dich für unsere Partnerkir-
   ebenfalls verschiedene Grundstücke. In der Region                 che, dass sie dazu beitragen kann, dass ihr Eigentum
   Madang wird nun eine dieser Landflächen von der                   segensreich genutzt wird. Wehre allem Unverständnis
   Regierung für den sozialen Wohnungsneubau vor-                    und aller Konfrontation und gib allen Verantwortli-
   bereitet, um sozial schwachen Familien eine Pers-                 chen Weisheit und Verständnis, um zu einer guten
   pektive zu eröffnen.                                              Entwicklung beizutragen. Amen.

12 KIRCHE weltweit 1/2021
FÜRBITTE KONKRET

Fürbitte für unsere Freiwilligen
  Das LMW-Freiwilligenprogramm versucht trotz
der Corona-Pandemie, den Weg zu den normalen
Abläufen zu finden. Ende Januar fand das Aus-
wahlseminar für die Einsatzstellen in Tansania und
Indien statt. Die Ausreise ist wie üblich für den
September geplant. Die Planungen laufen in enger
Abstimmung mit den Partnerkirchen und den koor-
dinierenden Organisationen des bundesdeutschen
weltwärts-Programms.
  Im Süd-Nord-Programm gehen die Vorbereitungen
in die letzte Phase. Im Spracheninstitut der Evange-
lisch-Lutherischen Kirche in Tansania in Morogoro
fand ein vierwöchiges intensives landesspezifisches
Seminar statt. Die zehn Freiwilligen sehen gespannt
auf ihren Bundesfreiwilligendienst in Deutschland in
sozialdiakonischen und kulturellen Einrichtungen in
                                                           Im Spracheninstitut in Morogoro, Tansania, wurden unsere Süd-
Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt. Auch eini-
                                                           Nord-Freiwilligen intensiv auf die deutsche Kultur vorbereitet.
ge neue Einsatzstellen wird es geben.

  Guter Gott, wir danken Dir, dass sich junge Men-         Menschen und Kulturen kennenzulernen und den ge-
schen in dieser schwierigen Pandemiezeit, in der           meinsamen Glauben zu teilen. Stelle ihnen Menschen
viele auf sich selbst konzentriert sind, für einen Frei-   an ihre Seite, die sie begleiten und für sie da sind.
willigendienst entschieden haben. Stärke sie in ihrer       Wir bitten für die Einsatzstellen in Deutschland,
Entscheidung, die eigene gewohnte Umgebung zu ver-         Tansania und Indien: Lass die interkulturelle Begeg-
lassen und den eigenen Horizont zu erweitern, neue         nung zu einer Bereicherung für alle werden. Amen.

Fürbitte für die Partnerkirche in Tansania
  Zum Weltgebetstag kommen auch in Tansania am             die solidarische Gemeinschaft der Kirchengemeinde
5. März in allen Kirchengemeinden die Frauen zum           vor Ort, die sofort geholfen hat und weitergehende
gemeinsamen Gebet für die Welt zusammen. „Worauf           Hilfe organisieren und koordinieren konnte.
bauen wir?“, lautet das Motto des diesjährigen Weltge-
betstages in Anlehnung an das Wort Jesu vom Haus-            Herr, unser Gott, Du hast uns in diese wunderba-
bau aus der Bergpredigt (Matthäus 7,24-25): „Alle,         re Welt gestellt, und dankbar schauen wir auf Deine
die nun meine Worte hören und entsprechend han-            Schöpfung. Aber wir vergessen oft, dass wir nicht Her-
deln, werden einer klugen Frau, einem vernünftigen         ren, sondern Teil der Schöpfung sind und verantwort-
Mann ähnlich sein, die ihr Haus auf Felsen bauten.         lich mit ihr in Einklang leben müssen.
Und Regen fällt herab, es kommen reißende Flüsse,            Hilf uns, dass wir sensibel und bereit werden, Deinem
Stürme wehen und überfallen dieses Haus – und es           Werk mit Achtung und Respekt zu begegnen und ent-
stürzt nicht ein! Denn es ist auf Felsen gegründet.“       sprechend zu handeln, um das Leben aller Menschen –
  Im vergangenen Jahr waren auch einige Regionen           auch das Leben der Menschen in unserer Partnerkirche
Tansanias aufgrund der Klimakrise von schweren             in Tansania – zu schützen und zu bewahren.
Überschwemmungen betroffen. Als Leipziger Missi-             Wir bitten Dich besonders für die tansanischen Frau-
onswerk konnten wir vereinzelt, zum Beispiel in der        en, dass sie nicht nachlassen in ihrem Gebet für Frie-
Kirchengemeinde Mwika am Kilimanjaro, Katastro-            den, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung
phenhilfe leisten, damit obdachlos gewordene Fami-         in ihrem Land und überall auf der Erde. Stärke ihren
lien wieder ein sicheres Haus bauen konnten. Wich-         Mut und ihre Entschlossenheit, sich mit ihrer Stimme
tiger noch als die materielle Unterstützung war aber       einzubringen in Kirche und Gesellschaft! Amen.

                                                                                            KIRCHE weltweit 1/2021 13
INITIATIVEN VOR ORT

   Angebote aus der Region Mitteldeutschland
   Postkoloniale Initiativen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen
   Womit sollen sich Gemeindepädagogen und Pfarrerinnen nicht alles beschäftigen? Jetzt auch noch mit dem
   Thema Kolonialismus – der doch Geschichte ist und weit weg von der eigenen Lebensrealität. Dass dies nicht
   der Fall ist, versuchen zahlreiche Initiativen zu vermitteln und bieten dafür kreative Formate an.
   Von Simon Parisius (Recherche) und Antje Lanzendorf, Öffentlichkeitsarbeit des Leipziger Missionswerkes
     Postkolonialismus ist ein The-
   ma, das in der Gemeindear-                                                               DECOLONIZE JENA!
   beit nicht gerade obenauf liegt.
                                          Aktiv seit         2017
   Allerdings gibt es in Sachsen,
   Thüringen und Sachsen-Anhalt           Kurzvorstellung    selbst organisierte politische Gruppe, die auf einen
   viele – häufig studentische – Ini-                        kritischen und verantwortungsvollen Umgang mit kolo-
   tiativen, die sich teilweise bereits                      nialen Verhältnissen in Vergangenheit und Gegenwart
   seit vielen Jahren damit beschäf-                         hinwirken will
   tigen und gern bereit sind, ihr        Pädagogische       • Stadtrundgänge
   Wissen weiterzugeben und ins           Schwerpunkte       • Bildungsarbeit in Form von Diskussionsveranstaltun-
   Gespräch zu kommen. Gerade                                  gen und Vorträgen
   für die Jungen Gemeinden oder          Kontakt            decolonize-jena@riseup.net
   den      Konfirmandenunterricht
   bieten sich zahlreiche Möglich-        www.jenapostkolonial.noblogs.org
   keiten, das Thema mit externen
   Expert*innen zu bearbeiten.
     Einige der genannten Grup-
   pen vertreten dabei durchaus                                                           DECOLONIZE ERFURT
   radikale Ansätze, die nicht
                                          Aktiv seit           2017
   immer geteilt werden mögen.
   Nichtsdestotrotz sollte der Ver-       Kurzvorstellung      zivilgesellschaftliche Initiative, die Erfurts Kolonialge-
   such gewagt werden, sich mit                                schichte aufarbeitet
   ihren Anliegen auseinanderzu-          Pädagogische         • Stadtrundgang (auch virtuell)
   setzen und eigene Standpunkte          Schwerpunkte         • Ausstellungen
   kritisch hinterfragen zu lassen.                            • Umbenennungskampagnen
                                          Kontakt              decolonize.erfurt@gmail.com
   Postkolonialer Stadtrundgang
                                          www.decolonizeerfurt.wordpress.com
     Ein „Standardformat“ der
   postkolonialen Initiativen sind
   Stadtrundgänge, bei denen an-
                                                                                         DECOLONIZE WEIMAR
   hand von historischen Plätzen
   oder noch existierenden Bezü-           Aktiv seit           2020
   gen die Spuren der Kolonialzeit
                                           Kurzvorstellung      Projekt von Studierenden der Bauhaus-Universität
   verdeutlicht werden.
                                                                Weimar, das kritisch auf koloniale Räume und Ge-
     In größeren Städten wie Leip-
                                                                schichte in Weimar aufmerksam machen möchte
   zig gab es Ausstellungen, die
   den »kolonialen Gedanken« in            Pädagogische         • Stadtrundgänge
   der Bevölkerung fördern soll-           Schwerpunkte         • Stadtplan
   ten. Auch sogenannte Völker-            Kontakt              julia.bee@decolonize-weimar.org
   schauen waren Anfang des 20.
   Jahrhunderts weit verbreitet.            www.decolonize-weimar.org

14 KIRCHE weltweit 1/2021
INITIATIVEN VOR ORT

                                                                                   Allerdings lassen sich auch
                                              HALLE POSTKOLONIAL                 in kleineren Städten Anknüp-
                                                                                 fungspunkte entdecken. In
Aktiv seit        2018                                                           Kolonialwarenläden         wurden
Kurzvorstellung   Gruppe junger Aktivist*innen, die antirassistische Solidari-   überseeische Lebens- und Ge-
                  täts-, Vernetzungs- und pädagogische Arbeit leistet            nussmittel, wie Zucker, Kaffee,
Pädagogische      • Broschüre „Unsichtbare Geschichten – Antikolonialer          Tabak, Reis, Kakao, Gewürze
Schwerpunkte        Widerstand und Halle“                                        und Tee verkauft. Denkmäler
                  • Umbenennungskampagnen                                        für Otto von Bismarck sind auch
                                                                                 häufig zu finden. Was hatte er
Kontakt           hallepostkolonial@riseup.net                                   mit dem Kolonialismus zu tun?
                                                                                 Mancherorts tragen Straßen
hallepostkolonial.noblogs.org       hallepostkolonial
                                                                                 noch immer die Namen von
                                                                                 Befürwortern des Kolonialis-
                                            LEIPZIG POSTKOLONIAL                 mus. So gibt es in Erfurt die Initi-
                                                                                 ative, das Nettelbeckufer in Gert-
Aktiv seit          2011                                                         Schramm-Ufer umzubenennen.
                                                                                 Auch der Begriff „Mohr“ führt
Kurzvorstellung     Arbeitsgruppe des Vereins Engagierte Wissenschaft            immer wieder zu Diskussio-
                    e.V. , die das koloniale Erbe der Stadt Leipzig sowie        nen, etwa bei Apotheken. Was
                    postkoloniale Perspektiven sichtbar machen will              steckt dahinter? Was ist daran
Pädagogische        • Stadtrundgänge                                             schlimm? Interessant ist auch
Schwerpunkte        • Bildungsarbeit                                             die Geschichte der Supermarkt-
Kontakt             poko@engagiertewissenschaft.de                               kette Edeka. 1898 schlossen
                                                                                 sich Kaufleute zur sogenannten
www.leipzig-postkolonial.de      AGpostkolonial                                  „Einkaufsgenossenschaft         der
                                                                                 Kolonialwarenhändler“, kurz E.
                                                                                 d. K., zusammen. An solch einer
                                          DRESDEN POSTKOLONIAL                   Station lässt sich auch gut über
                                                                                 neokoloniale Handelsstrukturen
Aktiv seit         2013
                                                                                 und Fairen Handel reden.
Kurzvorstellung    offene, interdisziplinär arbeitende Gruppe; erforscht und       Ließe sich nicht mit Konfir-
                   dokumentiert Dresdner Kolonialgeschichte                      mandengruppen auf die Suche
Pädagogische       • Stadtrundgänge                                              nach solche Anknüpfungspunk-
Schwerpunkte       • rassismuskritische und postkoloniale Seminare, Vorträge     ten begeben? Vielleicht würden
                                                                                 sie danach auch selbst Rundgän-
Kontakt            dresden-postkolonial@riseup.net                               ge für die Gemeinde anbieten ...
www.dresden-postkolonial.de          @ddpostkolonial                             Vielleicht gibt es auch noch älte-
                                                                                 re Gemeindemitglieder, die sich
                                                                                 noch an den Kolonialwarenla-
                                         WELTLADEN MAGDEBURG                     den erinnern können?
                                                                                   Es soll keineswegs darum ge-
Aktiv seit          2017                                                         hen, Denkmäler zu stürzen oder
                                                                                 Farbbeutel auf Edeka-Filialen
Kurzvorstellung     Arbeitsgruppe beim Weltladen Magdeburg zur Aufar-
                                                                                 zu werfen! Es geht darum, sich
                    beitung der kolonialen Spuren in Magdeburg
                                                                                 zu vergegenwärtigen, wie der
Pädagogische        • Stadtrundgänge                                             Kolonialismus gewirkt hat und
Schwerpunkte        • Bildungsarbeit an Schulen                                  teilweise bis heute wirkt. Die
Kontakt             bildung@weltladen-magdeburg.de                               Sensibilität für die Betroffenen,
                                                                                 die Folgen und die Strukturen zu
www.weltladen-magdeburg.de                                                       erhöhen. Das ist das Ziel.

                                                                                         KIRCHE weltweit 1/2021 15
FREIWILLIGENPROGRAMM

  Freiwilligenprogramm postkolonial
   Was Freiwillige und die Menschen in ihrem Umfeld lernen können
   Das Freiwilligenprogramm ist eines der offensten, buntesten und vielfältigsten Programme in der kirchlichen
   Arbeit. Die Themen und Debatten, mit denen Freiwillige und ihre Einsatzstellen konfrontiert werden, sind
   wegweisend und prägend sowohl in den Biografien der jungen Menschen als auch ihrer Kolleg*innen.
   Von Susann Küster-Karugia, Referentin für Freiwilligen- und internationale Jugendprogramme des LMW
     Seit fast 30 Jahren ermöglichst das Leipziger Missi-                    Rahmen unseres Programms nach Leipzig. Ganze 20
   onswerk jungen Menschen einen Freiwilligendienst                          Jahre nachdem die ersten Freiwilligen aus Leipzig nach
   in einer der Partnerkirchen. Viel zu lange war das eine                   Tansania entsandt wurden. Das hat klar mit globalen
   Einbahnstraße: Allein Jugendliche aus den „reichen“                       Machtstrukturen zu tun.
   Ländern hatten dieses Privileg – junge Menschen aus                         Das koloniale Erbe, die politischen und wirtschaftli-
                                                                             chen globalen Zusammenhänge und die Reflexion der
                                                                             eigenen Herkunft sind fester Bestandteil der Vorberei-
                                                                             tung und Nachbereitung im Nord-Süd-Programm.
                                                                             Die Auseinandersetzung mit Rassismuserfahrungen
                                                                             und neokolonialen Strukturen und Denkweisen in
                                                                             Deutschland gehört schwerpunktmäßig zur pädago-
                                                                             gischen Begleitung im Süd-Nord-Programm.
                                                                               Natürlich geht es in den Freiwilligenprogrammen
                                                                             um Austausch, einander Kennen- und Verstehenler-
                                                                             nen und darum, Vorurteile zu überwinden. Aber das
                                                                             ist ein Prozess, auf den sich alle Beteiligten, die Frei-
                                                                             willigen, die Einsatzstellen, das gesamte Umfeld und
                                                                             natürlich auch wir Koordinierenden einlassen müs-
                                                                             sen. Dieser Lernweg ist nicht immer bequem. Die Er-
                                                                             fahrungen der Süd-Nord-Freiwilligen sind dabei sehr
                                                                             viel schmerzhafter als das, was alle weiß-sozialisierten
                                                                             Akteur*innen im Programm je erfahren und spüren.
   Die Freiwilligenprogramme des LMW vernetzen Menschen aus unter-
   schiedlichen Kulturen: Lernerfahrungen, die alle Beteiligten verändern.
                                                                                              Machtgefälle bleibt
   Tansania, Indien und Papua-Neuguinea hingegen                               Beide Programme sind unheimlich wertvoll und ich
   nicht. Eine der größten Hürden ist bis heute die Vi-                      kann stolz sagen, dass sie besonders in den vergange-
   sumsvergabe, die es zu überwinden gilt und auf die                        nen zehn Jahren stark an Qualität gewonnen haben.
   wir die Freiwilligen am wenigsten verbindlich vorbe-                      Wir haben auch mehr und mehr auf Programmebene
   reiten können.                                                            die gleichberechtigte Einbeziehung der Partner*innen
                                                                             in Indien, Tansania und Papua-Neuguinea im Blick.
                                                                             Aber – und das müssen wir uns klar machen – es sind
          Etablierung des Süd-Nord-Programms
                                                                             Programme in deutscher (weißer) Federführung. Es
     Die Etablierung des Süd-Nord-Programms ist eine                         ist ein Programm, das in Deutschland gestrickt wurde
   der wichtigsten Antworten im Kontext von Freiwilli-                       und das in Deutschland beschieden wird.
   genprogrammen. Wie viele Abers haben wir gehört,                            Wir versuchen sehr gewissenhaft, die Programm-
   als die zivilgesellschaftlichen Stimmen in Deutsch-                       verantwortlichen in den Partnerkirchen bei allen
   land immer mehr wurden! Vor allem zurückgekehrte                          Entscheidungen einzubeziehen. Aber wir merken
   Nord-Süd-Freiwillige forderten die gleichberechtigte                      auch, dass es ein Machtgefälle gibt. Es ist schwierig,
   Teilnahme von Jugendlichen aus dem globalen Süden                         dies aufzulösen – und ich vermute dahinter auch
   an dem staatlich geförderten Freiwilligenprogramm                         ein koloniales Syndrom. Umso mehr geht es darum,
   „weltwärts“. 2014 kamen die ersten Freiwilligen im                        weiterhin die Partner*innen zur gleichberechtig-

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