Kons 16 FORUM - Zeitung des Tiroler Landeskonservatoriums

 
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Zeitung des Tiroler Landeskonservatoriums

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     ENTRADA              PORTRÄT                FORUM
     KONStroverse         ANNE-SUSE ENßLE        ... DANN WERDE
                          ROLAND HEINZ           ICH HELLHÖRIG

                                                           Heft Nr. 25
                                                         Sommer 2021
Kons 16 FORUM - Zeitung des Tiroler Landeskonservatoriums
Impressum
                                                         Herausgeber:
                                                               Tiroler
                                               Landeskonservatorium
                                             Paul-Hofhaimer-Gasse 6
                                                       6020 Innsbruck
                                           Tel.: +43(0)512 / 508-6852
                                         Fax: +43(0)512 / 508-746855
                                                     www.konstirol.at
                                        Email: kons.redaktion@tsn.at

                                                           Redaktion:
                                            Mag. Sebastian Themessl
                                             Mag. Dr. Gabriele Enser
                                                      Sebastian Euler
                                                        Isolde Jordan
                                         Christine Knoll-Kaserer MA
                                                       Harald Pröckl
                                                      Marinus Kreidt
                                                     Michael Leitner
                                                  Miriam Reinstadler

                                          Dir. Dr. Nikolaus Duregger

                                      Grafikkonzept: Theresa Neuner
                                              Grafik: Manfred Gruber
                                Titelfoto: Lößl (instagram: otto.mops)

                                       Für den Inhalt verantwortlich:
                                         Dir. Dr. Nikolaus Duregger

                                                        Druck: studia

2   Heft Nr. 25 | Sommer 2021
Kons 16 FORUM - Zeitung des Tiroler Landeskonservatoriums
Editorial / Inhalt

Corona stürzt, es än-
                                              Entrada:
dert sich die Zeit, und
neues Leben blüht aus
                                              KONStroverse                        4
den Ruinen! Musik
besonders, allgemein
die Kunst, durchlie-
fen Schmerzenstäler,
saure Zeiten. Zu nahe
noch sind Leid und Pein und Schrecken,
                                              Curriculum:
die Wellen der Corona-Pandemie, die tü-
ckisch-böse immer wieder neu Verhäng-
                                              Neu: Hauptfach
nis, Tod an unsre Ufer schwemmten, dass
Skepsis sich nicht in uns rühren möchte.
                                              Jazz/Pop                          10
„Die Worte hör‘ ich wohl“, raunt sie uns
zu, „allein mir fehlt der Glaube!“ Der Op-
timismus sieht die Sache anders, betont
die Leistungen der Wissenschaft, die zäh
                                              Porträt:
und fleißig und ideenreich der Pandemie
sich mutig-trotzend stellt, betont den Se-
                                              Anne-Suse Enßle                   12
gen, den die Impfung bringt, betont Ver-
nunft und Disziplin des Menschen. (Die
                                              Roland Heinz                      14
Skepsis lacht; ganz unrecht hat sie nicht!)
Mit Worten können wir Corona nicht be-
siegen, dazu taugt einzig und allein die
Tat. Sie ist des echten Menschen wahre
                                              Forum:
Feier, wie sinngemäß Geheimrat Goethe
meint. Und diesen Wahnsinn wollen wir
                                              Studierendenvertretung 18
beenden, vorzüglich weil wir müssen,
weil Musik nur dann zu neuem Leben
                                              Musik.Moment                      28
kann erblühn. Der Pläne sind gar viele,
die wir hegen, gesät der Samen, der Mu-
sik und Mensch mit neuer Lust und Freu-
de soll beseelen. Mein herzensfrommer
                                              Fermate:                          33
Wunsch am Ende lautet – und laut sei er
in Gottes Ohr gelegt – dass keine Rolle
soll fortan mehr spielen Corona. Nicht im
Vorwort, nirgendwo!

                        Nikolaus Duregger

                                                            Heft Nr. 25 | Sommer 2021   3
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KONStroverse
Anstoß zu einer umfassenden Diskussion

                         Über ein Jahr liegt hinter uns, in dem         wäre. Dennoch können wir hier nur von
                         durch die Corona-Pandemie die Welt auf         einer halbwegs geglückten Notlösung
                         den Kopf gestellt wurde und in dem vor         sprechen und eine Erlösung davon erwar-
                         allem das kulturelle Leben auf allen Ebe-      ten wir alle sehnlichst.
                         nen eingeschränkt war. Menschenleere
                         Konzertsäle, der „Distance-Unterricht“,        Was hat dich diese Zeit der Pandemie ge-
                         die „Rettungsfonds“, die Perspektivenlo-       lehrt, was nimmt man daraus mit?
                         sigkeit sowie die menschliche und somit        Man könnte es als durchaus produktiven
                         künstlerische Distanz sind nur als weni-       Austausch bezeichnen: Die Pandemie hat
                         ge Schlagwörter zu nennen.                     mich ziemlich mitgenommen und ich
                         Dieses Thema „Zeit der Pandemie“ muss          ziemlich viel aus ihr. Und damit bin ich
                         unserer Meinung nach umfassend und             sicherlich keine Ausnahme. Spontan in
                         zukunftsorientiert diskutiert werden und       den Sinn kommt mir meine unbändige
                         soll aus diesem Grund hier einen ganz          Vorfreude auf die kulturellen Öffnungen,
                         besonderen Platz bekommen. Deshalb             der Tag, ab dem ich Abend für Abend in
                         haben wir Fragen an Kulturschaffende           die Kinos, Konzerte, Theater und Opern
                         rund ums TLK – von Studierenden bis zu         dieser Welt untertauchen werde, denn,
                         Veranstaltern – gestellt. Eine Auswahl:        auch wenn wir die bittere Erfahrung ma-
                                                                        chen mussten, dass das Schönste, was wir
                         • Arianna Werth (Studentin am TLK):            Menschen schaffen, anscheinend nicht
                                                                        „systemrelevant“ ist, ist es für mein per-
                         Können wir positive Schlüsse aus dem           sönliches System umso relevanter.
                         Distance-Unterricht ziehen? Was sind
                         deine Erfahrungen damit?                       Bananenbrot oder Sauerteig?
                         Es gibt genau einen positiven Schluss.         Fertigpizza aus‘m Spar.
                         Hoffentlich bald. In der Zwischenzeit ha-
                         ben sich ProfessorInnen und Studierende        • Anonym:
                         im Rahmen der digitalen Möglichkeiten,
    Arianna Werth        so gut wie es nur geht, mit dieser Situation   Wie geht es den Kulturschaffenden?
       Foto: privat                                                     Können Sie diese Frage nach einem Jahr
                         arrangiert. Als positiver Nebeneffekt
                         könnte hervorgehoben werden, dass das          Pandemie überhaupt noch hören?
                         selbstständige Erarbeiten zuhause ein teil-    Ehrlich gesagt bin ich seit einigen Mona-
                         weise individuelleres Lernen ermöglicht,       ten auf der Suche nach einer neuen Beru-
                         das man voll und ganz auf die eigenen          fung. Die Pandemie hat mir persönlich
                         Interessen und Bedürfnisse abstimmen           den Spaß am Musizieren genommen – vor
                         kann. Ich persönlich habe zum Beispiel         allem, weil für mich die Interaktion zwi-
                         sehr viel Musik kennengelernt, wofür im        schen Publikum und Musiker fehlt und
                         Präsenzunterricht nicht die Zeit gewesen       es zeitweise sogar gesetzlich verboten

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wurde, Konzerte zu organisieren. Norma-       Bananenbrot oder Sauerteig?                      Collage:
lerweise kann ich mir mit Gagen in Höhe       Fastenzeit.                                      Miriam Reinstadler
von ca. € 4.000,- pro Jahr mein Studium
super finanzieren. Ab März 2020 betrugen      • Mag.a Christina Alexandridis, Schau-
die Einnahmen aus musikalischen Tätig-        spieldirektorin & Chefdramaturgin des
keiten nur € 580,-. Was soll man dazu noch    Tiroler Landestheaters
sagen ...?
                                              Wie geht es den Kulturschaffenden?
Können wir positive Schlüsse aus dem          Können Sie diese Frage nach einem Jahr
Distance-Unterricht ziehen? Was sind          Pandemie überhaupt noch hören?
Ihre Erfahrungen damit?                       Ja, die Frage kann ich gut hören und ich
Distance-Unterricht funktioniert nur zu       beantworte sie gerne. Uns fehlt – wie allen
einem gewissen Grad. Es geht viel wert-       – der unmittelbare Austausch mit unse-           Mag.a Christina
volle Unterrichtszeit verloren. Wenn das      rem Gegenüber. Schließlich hat die Pande-        Alexandridis
                                                                                               Foto: tirol.ORF.at
Internet einmal spinnt, dauert es oft lange   mie mehr als deutlich gezeigt, wie wahr
bis die Kommunikation wieder funktio-         das Bibelwort „Der Mensch lebt nicht vom
niert.                                        Brot allein“ ist.
Das Wichtigste kann aber nicht unterrich-
tet werden – der Klang. Vielerlei Stunden     Wie wird das Kulturleben in Zukunft
beschäftigen wir uns damit, einen schö-       aussehen?
nen natürlichen Klang zu produzieren,         Ich hoffe mit dem nötigen Selbstbewusst-
aber nur nüchtern ist das Feedback der ei-    sein, dass das Kulturleben in allen seinen
genen Lehrperson.                             Facetten für eine funktionierende Gesell-
                                              schaft unabdingbar ist.
Was hat Sie diese Zeit der Pandemie ge-
lehrt, was nimmt man daraus mit?              Was hat uns diese Zeit der Pandemie ge-
Rücklagen zu bilden, mehrere Standbeine       lehrt, was nimmt man daraus mit?
bzw. Einkommensquellen zu besitzen.           Zum einen eine gewisse Demut und
                                              Dankbarkeit, dass wir letztlich doch so
Reichen die finanziellen Hilfen, die an       gut durch diese Krise gekommen sind
die KünstlerInnen geflossen sind, aus?        mit allen Absicherungen, die es bei uns
Die finanziellen Mittel reichen für mich      gibt – dass das nicht überall auf der Welt
nicht aus – ich musste meine Wohnung          so ist, ist wieder einmal mehr als deutlich
kündigen und nun über eine weite Dis-         geworden. Zum anderen die Erkenntnis,
tanz pendeln. Auch die Förderungen de-        dass wir uns mit größerem Selbstbewusst-
cken gerade mal einen Bruchteil meiner        sein und noch größerem Einsatz in die Ge-
fixen Wohnungskosten; geschweige denn         sellschaft einbringen müssen, um auch in
das täglich Brot ...                          solchen Krisenzeiten unseren Beitrag zu

                                                                                    Heft Nr. 25 | Sommer 2021   5
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                        einem guten Zusammenleben leisten zu          chen des letzten Jahres hat aber für jeden
                        können.                                       von uns die Motivation eine große Rolle
                                                                      gespielt. Ich als Lehrende habe den Kon-
                        • Mag.a Ivana Pristašová, Geigerin, Pro-      takt zu den Studenten sehr gebraucht und
                        fessorin für Violine am TLK:                  der Online-Unterricht war unsere einzige
                                                                      Möglichkeit. Wie hätten wir es vor 50 Jah-
                        Wie geht es den Kulturschaffenden?            ren gemacht?
                        Kann man diese Frage nach einem Jahr
                        Pandemie überhaupt noch hören?                Was hat Sie diese Zeit der Pandemie ge-
                        Ich persönlich werde mir immer Gedan-         lehrt, was nimmt man daraus mit?
                        ken darüber machen, wie es den Kultur-        Das Wichtigste für mich war zu begreifen,
                        schaffenden geht. Die letzten Monate wa-      wie gut es uns eigentlich vorher gegan-
     Mag.a Ivana        ren so absurd für alle Bereiche unserer       gen ist. Was wir alles hatten und genießen
      Pristašová        Gesellschaft, unserer Existenz, unseres       durften. So viel Freiheit und Selbstbestim-
     Foto: privat
                        Daseins. Diese Zeit war so außergewöhn-       mung! Bringt uns die „Coronazeit” dazu,
                        lich, ist immer noch so außergewöhnlich,      das auch in Zukunft mehr zu schätzen?
                        dass ich mich immer damit beschäftigen        Jetzt ist schon alles anders und wird auch
                        werde. Was passiert, betrifft uns alle und    sicher länger noch anders bleiben. Ich
                        wir werden es noch sehr lange spüren.         wurde in der kommunistischen Tschecho-
                        Ich hoffe aber auch, dass jede Herausfor-     slowakei geboren, da hat man in vielerlei
                        derung wieder eine Inspiration bringen        Hinsicht nicht selbst entscheiden können,
                        kann – ohne die ist Kunst gar nicht mög-      nicht reisen dürfen, nicht freie Kunst ma-
                        lich. Ich glaube ganz fest daran, dass wir    chen können, nicht einmal eine andere
                        KünstlerInnen jetzt viel mehr gebraucht       Meinung haben dürfen, ohne verfolgt zu
                        werden als je zuvor.                          werden. Trotzdem ist auch viel Wertvolles
                                                                      und Gutes im Kunstbereich entstanden.
        Claudia
                        Können wir positive Schlüsse aus dem          Mein Lieblingsmotto hat Arnold Schön-
Delago-Norz, MA         Distance-Unterricht ziehen? Was sind          berg formuliert: „Kunst kommt nicht von
     Foto: privat       die Erfahrungen damit?                        Können, sondern von Müssen.“
                        Der Ausdruck Distance-Unterricht ist für
                        mich schon negativ und inakzeptabel. Ich      • Claudia Norz, MA, Geigerin, Professo-
                        wollte und will keine Distance. Ich musste    rin für Barockgeige:
                        sie haben, das ist Tatsache. Wie schon ge-
                        sagt, sehr absurd, außergewöhnlich. Viel-     Wie geht es den Kulturschaffenden?
                        leicht geht es in anderen Fächern etwas       Können Sie diese Frage nach einem Jahr
                        besser, aber das Fach Musik – Violine – per   Pandemie überhaupt noch hören?
                        Computer zu unterrichten, kann nie gut        Ich vermisse mein berufliches Leben von
                        funktionieren. In den schwierigsten Wo-       Vor-Corona sehr. Da ich hauptsächlich in

 6     Heft Nr. 25 | Sommer 2021
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England spiele aber in Österreich unter-     Können wir positive Schlüsse aus dem
richte, bin ich auf offene Grenzen ange-     Distance-Unterricht ziehen? Was sind
wiesen. Es gibt aber Lichtblicke und vor     Ihre Erfahrungen damit?
allem wieder Konzerte mit Publikum! Es       Distance-Learning hat die Vorteile, dass
wird …                                       in schwierigen Zeiten überhaupt ein Un-
                                             terricht sein kann und dass vielleicht ei-
Können wir positive Schlüsse aus dem         nige Flexibilitäten bei der Mitwirkung am
Distance-Unterricht ziehen? Was sind         Unterricht möglich sind. Aber insgesamt
Ihre Erfahrungen damit?                      hat diese Unterrichtsform etwas stark
Ich finde es super, die Möglichkeit des      Nachteiliges, etwas, das schon im Begriff
Distance-Learnings entdeckt zu haben.        deutlich wird: die Ferne. Es fehlen beim
Es ersetzt natürlich keinen Unterricht im    Distance Learning die persönlichen In-
gleichen Raum, aber es funktioniert als      teraktionen zwischen Studierenden und
Betreuung für eine bestimmte Zeit.           Lehrenden. Und auch die Sozialität leidet
                                             stark darunter. In der Musik, im Musikun-
Bananenbrot oder Sauerteig?                  terricht, in der Schule oder Universität ist
Peinlich, ich habe wirklich beides perfek-   der persönliche Austausch unverzichtbar.
tioniert.
                                             Was hat Sie diese Zeit der Pandemie ge-
• Franz Baur, Komponist, Professor am        lehrt, was nimmt man daraus mit?
TLK:                                         Aus fast allem kann etwas gelernt wer-
                                             den. Für mich sind bestimmte Werte noch
Wie geht es den Kulturschaffenden?           stärker bewusst geworden: dass natürlich
Können Sie diese Frage nach einem Jahr       die Gesundheit ein immens hohes Gut
Pandemie überhaupt noch hören?               ist; dass es aber auch ungemein wertvoll
Die Musik war in Zeiten der Pandemie nie     ist, mit Menschen zusammen zu sein, die
weg. Es gibt unglaublich viele Aufnah-       einem jetzt noch mehr bedeuten im Für-
men, Dokumentationen und anderes, das        und Miteinandersein. Am meisten hoffe
jederzeit verfügbar war und ist. Für das     ich, dass so eine Zeit nicht wieder kommt.         Franz Baur
                                                                                                Foto: Die Fotografen
aktive Musizieren, für die heute lebenden
Musikerinnen und Musiker aber auch für       Reichen die Hilfen, die an die Künstler-
die KomponstInnen ist das erschütternd:      Innen geflossen sind aus?
nämlich entbehrlich zu sein, sich von Ab-    Bei den Hilfen für KünstlerInnen glaube
sage zu Absage zu hanteln und sich so        ich, dass Geld allein nicht alles ist. Es ist
richtig allein zu fühlen. Musik hat eine     wichtig, aber noch wichtiger wäre die ehr-
große kathartische Wirkung – aber nur        liche Wertschätzung, die einem entgegen-
mit ihr allein verliert sich das.            gebracht wird.

                                                                                     Heft Nr. 25 | Sommer 2021   7
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                              • Dr. Nikolaus Duregger,                     sein, in einer volatilen Welt zu leben. Und
                              Direktor des TLK:                            wir sollten uns von den wunderbaren Ga-
                                                                           ben der Musik wieder bewusster beschen-
                              Wie geht es den Kulturschaffenden?           ken lassen, die Macht der Musik wirken
                              Kann man diese Frage nach einem Jahr         lassen.
                              Pandemie überhaupt noch hören?
                              Für Kulturschaffende waren die letzten       Reichen die Hilfen, die an die Künstler-
                              eineinhalb Jahre einfach nur schrecklich.    Innen geflossen sind, aus?
                              Was ihnen bei der Bewältigung der Lage       Ich knüpfe hier an die Antwort zur ersten
     Direktor des TLK         hilft, ist ihre Hartnäckigkeit, ihr Über-    Frage an. Die öffentliche Hand hat sich
Dr. Nikolaus Duregger                                                      sehr bemüht, die durch die Vielzahl der
           Foto: privat
                              lebenswille, ihre Zähigkeit, ihre Leiden-
                              schaft für die Kunst, die mächtige Kont-     Projektabsagen bewirkte finanzielle Mi-
                              rapunkte gegen die Unbillen des Daseins      sere der KünstlerInnen auszugleichen, die
                              darstellen. Die Frage, wie es ihnen geht,    Totalkompensation der Ausfälle kann nie
                              ist unangenehm, man MUSS sie aber stel-      gelingen. Und wie schon festgestellt, ist
                              len und überzeugend beantworten. Der         es jetzt wichtig, dass die ausgehungerten
                              Kunstkonsument kann die Lage der Kul-        Kunstkonsumenten die Veranstaltungen
                              turschaffenden am besten mit großzügi-       stürmen, KünstlerInnen brauchen neben
                              gem Kunstkonsum verbessern.                  ordentlicher Bezahlung auch die unmittel-
                                                                           bare Kommunikation mit dem Publikum.
                              Können wir positive Schlüsse aus dem
                              Distance-Unterricht ziehen? Was sind         • Dr.in Beate Palfrader,
                              Ihre Erfahrungen damit?                      Landesrätin (unter anderem für Kultur):
                              Wenn Corona etwas Positives ans Licht
                              gebracht haben sollte, dann ist es die Er-   Wie geht es den Kulturschaffenden?
                              kenntnis, dass es zwischen Unterricht und    Können Sie diese Frage nach einem Jahr
                              keinem Unterricht eine beachtliche Zwi-      Pandemie überhaupt noch hören?
                              schenstufe gibt: das Distance-Learning.      Diese Frage kann ich immer hören, weil
                              Zwar kann es den Präsenzunterricht nie       mir das Wohl der Kulturschaffenden sehr
                              vollständig ersetzen, es kann aber eine      am Herzen liegt. Durch die Pandemie ist
                              äußerst nützliche Brücke über von höhe-      der direkte Austausch mit den KünstlerIn-
           Landesrätin        rer Gewalt verursachte schwierige Zeiten     nen und Kulturschaffenden noch intensi-
  Dr.in Beate Palfrader,                                                   ver geworden, es ist für mich zentral zu
Foto: Land Tirol/Berger
                              schlagen.
                                                                           wissen, wie es ihnen geht und was sie jetzt
                              Was hat Sie diese Zeit der Pandemie ge-      in der Krise brauchen, damit wir seitens
                              lehrt, was nimmt man daraus mit?             des Landes entsprechend unterstützen
                              Die Lehre ist, dass nichts selbstverständ-   können.
                              lich ist. Wir müssen uns stets bewusst

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Reichen die Hilfen, die an die Künstler-       des gehört untrennbar zusammen – bleibt         Foto: Lößl
Innen geflossen sind, aus?                     eine Gesellschaft stehen, entwickelt sich       (instagram: otto.mops)

Sowohl der Bund als auch das Land haben        nicht weiter.
zahlreiche Pakete zur Unterstützung der
Kunst- und Kulturschaffenden geschnürt.        Wie wird das Kulturleben in Zukunft
Es gibt auf Bundesebene auch einen Not-        aussehen?
falltopf für jene, die tatsächlich bei allen   Im Fokus steht jetzt einmal, alle in der
anderen Hilfen durchfallen. Das allseitige     Kunst und Kultur Tätigen, ob professi-
Bemühen, ausreichend zu helfen, ist groß.      onell oder ehrenamtlich, ob haupt- oder
Dennoch kommt es jetzt entscheidend da-        nebenberuflich, zu motivieren und dabei
rauf an, die Unterstützungsmaßnahmen           zu unterstützen weiterzumachen! Wie gut
zu verlängern, die Krise ist nicht mit den     das gelingt, wird die Zukunft unseres
ersten Öffnungsschritten überstanden!          Kulturlebens prägen. Allgemein gehe ich
                                               davon aus, dass in jeder Beziehung mehr
Was hat uns diese Zeit der Pandemie ge-        Umsicht und gegenseitige Wertschätzung
lehrt, was nimmt man daraus mit?               im täglichen kulturellen und künstleri-
Ich glaube, diese Zeit hat vielen – auch mir   schen Schaffen walten wird. Eine Krise ist
– noch einmal deutlicher gemacht, wie          immer auch eine Chance, das Wesen der
lebenswichtig sozialer und auch intellek-      Dinge besser zu erkennen und zu verste-
tueller Austausch ist, sei es in der Schule    hen.
oder im Rahmen einer Kulturveranstal-
tung. Ohne Kultur und Bildung – und bei-            Miriam Reinstadler und Marinus Kreidt

                                                                                    Heft Nr. 25 | Sommer 2021   9
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Neu: Hauptfach Jazz/Pop
im IGP-Baccalaureatsstudium

                      Mitte Juni endet erstmals die Anmelde-        Mit dem jetzigen vierjährigen vollwer-
                      frist zum neuen IGP Studium Jazz/Pop.         tigen IGP Hauptfachstudium wird der
                      Damit präsentiert sich die Jazzabteilung      Jazz/Pop-Bereich in der musikalischen
                      nun in Kooperation mit der Innsbrucker        Ausbildung gleichberechtigt. Ab dem
                      musikpädagogischen Abteilung des Mo-          Schuljahr 2021/22 können somit im
                      zarteums räumlich und personell ge-           IGP-Studium Jazz/Pop die Hauptfächer
                      stärkt. 13 (!) Lehrkräfte betreuen ab jetzt   Klavier, Gesang, Gitarre, E-Bass, Kont-
                      alle Jazz/Pop-interessierten Studieren-       rabass, Flöte, Klarinette, Saxofon, Trom-
                      den in dem neuen Hauptfachstudium,            pete, Posaune und Schlagzeug inskri-
                      im neuen (verkürzten) Lehrgang Jazz/          biert werden.
                      Pop, in der ME/IME (Musikerziehung/           Die vielen Konzerte und Auftritte der
                      Instrumental-Musikerziehung) und als          zahlreichen Ensembles haben dieser
                      Neben- oder Wahlfach in klassischen           Entwicklung den Weg geebnet. Wichtige
                      Studien.                                      Projekte und Kontakte zu international
                      Es war nicht leicht, diese Kooperation        berühmten MusikerInnen hinterließen
                      zustande zu bringen. Jahrelange Auf-          bleibende Eindrücke und zeigten die se-
                      bauarbeit des Lehrganges und die Zu-          riöse Arbeit in diesem Bereich. Wichtige
                      sammenarbeit aller Verantwortlichen in        Projekte der Jazzabteilung seit 1995 wa-
                      Lehrkörper und Verwaltung brachten            ren: Big Band Konzerte mit Bob Mintzer,
                      nun den langersehnten Durchbruch.             Randy Becker, Maria Schneider, Bobby
                      Besonderer Dank gilt Landesmusikdi-           Shew, Rob McConnell, Ray Anderson,
                      rektor Helmut Schmid, M.A., Frau Lan-         Mathias Schriefl, Rigmor Gustafson,
                      desrätin Dr. Beate Palfrader und Frau         Niels Landgren, Sabine Vogel, Wolfgang
                      Rektorin Prof. Elisabeth Gutjahr, durch       Mitterer, Ernie Watts. Zahlreiche Work-
                      deren persönlichen Einsatz die letzten        shops ergänzten in all den Jahren den
                      politischen und organisatorischen Hür-        Unterricht. 1997 konnte mit dem Schloß
                      den genommen werden konnten.                  Mentlberg ein Ort gefunden werden, der
                      Jazz am Tiroler Landeskonservatorium          zwar für Innsbrucker Verhältnisse de-
                      blickt auf eine 30-jährige Geschichte zu-     zentral war, aber freies und relativ unge-
                      rück, in deren Verlauf über 100 Studie-       störtes Arbeiten ermöglichte. Ursprüng-
                      rende die Kurse, Einzelunterricht und         lich als Übergangslösung geplant, hielt
                      Ensembles besuchen konnten.                   diese über 20 Jahre. Zahlreiche Bands
                      Nachdem Mitte der 90er Jahre das              fanden dort zueinander, Hi 5 tourte die
                      Schwerpunktfach der erste große Schritt       Welt und gewann Preis um Preis. Hun-
                      in Richtung Hauptfach war, konnte 1997        derte Auftritte wurden dort professio-
                      ein Lehrgang für Jazz und improvisierte       nell vorbereitet.
                      Musik als dreijährige Ausbildungsstruk-       Die Jazzabteilung bot und bietet Raum
                      tur gegründet werden.                         für Studien, Proben und Projekte, die

10   Heft Nr. 25 | Sommer 2021
Curriculum

sich auch Themen der Zeit stellen:                     xxx
Das     Flüchtlingsthema     wurde     in
den Projekten jImigration und Open
Arms thematisiert. Dabei wurde der
Fokus nicht nur auf die professionelle
musikalische       Vorbereitung      und
Umsetzung gelegt, sondern vor allem auf
die sensible künstlerische Konzeption zu
einem aktuellen, kontroversiellen und
schwierigen Thema. Leider verhinderte
das Coronajahr weitere Auftritte. Der
Lockdown erwischte die Jazzabteilung in
voller Blüte, nachdem die Übersiedlung
vor zwei Jahren in das Haus der Musik
glücklich vonstatten gegangen war
und gerade erfolgreiche Konzertreihen
wie Jazz&Apéro auf den Weg gebracht
werden konnten. Da der Innsbrucker
Gitarrist Roland Heinz mit Ende dieses
Schuljahres in Pension geht, wurde die
E-Gitarrenstelle neu ausgeschrieben
und es konnten mit Andreas Tausch und
John Arman zwei Meister ihres Faches
verpflichtet werden, die das starke Jazz/
Pop-Team im Haus der Musik weiter
verstärken werden. Der bestehende
Lehrgang Jazz und improvisierte Musik
startet im Schuljahr 2022/2023 neu
und wird in verkürzter Form (zwei-
statt dreijährig, bei 60 ECTS) ein
kompaktes Ausbildungsangebot für alle
Instrumente bieten. Für das Schuljahr
2021/2022 wird bereits vorgeplant, und es
ist ein großes Orchesterkonzert Anfang
Juni 2022 im Haus der Musik unter dem
Motto Gil&Miles geplant.

                           Stephan Costa

                                            Heft Nr. 25 | Sommer 2021   11
Porträt

Blockflöte vom Mittelalter bis heute
Anne-Suse Enßle im Porträt

                      Anne-Suse Enßle wurde in eine schwäbi-             der Klang und die Literatur.
                      sche Musikerfamilie hineingeboren und              Bei Professor Carsten Eckert an der Mu-
                      begann mit fünf Jahren Violine zu spielen,         sikuniversität Wien setzt sie ihre Studien
                      später wechselte sie auf die Bratsche. Mit         fort, die Bratsche hat sie mittlerweile gegen
                      den Streichinstrumenten spielte sie in Ju-         historische Fagott-Instrumente getauscht,
                      gendorchestern das klassisch-romantische           und so bleibt ihr das Orchesterspiel mit
                      Repertoire. Aber da gab es auch noch die           seinem spezifischen Repertoire und die
                      Großmutter, eine begeisterte Blockflötistin        andere Rolle beim Musizieren im Vergleich
                      mit einer Sammlung verschiedener Inst-             zum Blockflötenspiel. Das Unterrichten an
                      rumente, und bis zum achten Lebensjahr             einer Musikschule war schon in Salzburg
                      spielte Anne-Suse als Autodidaktin. Die            ein selbstverständlicher Teil ihres musika-
                      Handhabung empfand sie als leicht, und             lischen Lebens. Die eigenen Erfahrungen
                      so plädiert sie auch noch heute für die            in der Kindheit mit der leichten Handha-
                      Blockflöte als Einstiegsinstrument. Die            bung des Instrumentes möchte sie gerne
                      Großmutter gab ebenfalls den Anstoß, mit           weitergeben, auch das manchmal verpön-
                      einer guten Lehrerin das Ganze auf eine            te Lernen in der Großgruppe sieht sie als
                      solide Basis zu stellen. Der Besuch eines          Möglichkeit, vorausgesetzt es geschieht
                      Vorspiels mit klassischer und zeitgenös-           unter professioneller Anleitung. In Wien
                      sischer Blockflötenmusik begeisterte An-           bekam sie in Form einer Ausbildungsassis-
                      ne-Suse Enßle vollkommen für das Inst-             tenz die Chance, auf der Ebene einer Mu-
                      rument und offenbarte schon damals die             sikuniversität Erfahrungen zu sammeln.
                      zukünftigen Möglichkeiten.                         Nach einer Karenzvertretung am Kärnt-
                      Der Gedanke, die Musik zum Beruf zu                ner Landeskonservatorium übernahm sie
                      machen, kam aber relativ spät, die schuli-         im Jänner 2020 die Leitung der Blockflö-
                      schen Interessen und die beruflichen Pläne         tenklasse am Tiroler Landeskonservatori-
                      waren bis dahin noch breit gestreut. Nach          um. Heute lebt sie mit ihrem Mann, einem
                      dem Abitur startete sie einen Versuchs-            Musik- und Mathematiklehrer, und ihren
                      ballon und bewarb sich an verschiedenen            beiden Kindern im Alter von eins und drei
                      Hochschulen. Bei Dorothee Oberlinger am            Jahren in Salzburg, und so war und bleibt
                      Mozarteum Salzburg war dann nach we-               das Reisen Alltag.
                      nigen Monaten klar, dass sie auf dem rich-         Die notierte Literatur für die Blockflöte be-
                      tigen Weg ist: Ich habe ganz lange Blockflöte      ginnt im Mittelalter und reicht bis in un-
                      gespielt, weil ich mich da musikalisch ausdrü-     sere Zeit. Selbstverständlich verortet man
                      cken konnte, nicht weil ich das Instrument so      sie im Barock, aber zu der Zeit war sie
                      toll fand oder weil ich mich in die Literatur so   auch nur eines von vielen Instrumenten,
                      verliebt hätte, sondern weil es ein super Aus-     die man als Stadtpfeifer verwendete, und
                      drucksmittel war. Erst im Studium kam, dass        daher gibt es gar nicht so viele Werke, die
                      mir das Instrument selbst auch gefällt – und       ausdrücklich für Blockflöte komponiert

12   Heft Nr. 25 | Sommer 2021
Porträt

                                                                                              Claudia Delago-Norz
                                                                                              Foto privat

wurden. Überraschenderweise finden sich      Nicht zuletzt erlaubt das äußerst reichhal-
in der Klassik einige Raritäten, geschrie-   tige Instrumentarium, die Musik in immer
ben für Instrumente, die heute kaum mehr     wieder neuen Farben erklingen zu lassen.
gespielt werden: Csakan, eine Stockflöte,    In der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts
oder das Flageolett. Die Bearbeitung ist     sind es vor allem die neuen Blockflöten-
somit ein wichtiges Thema – auch für die     Instrumente wie Paetzold oder Helder Tenor,
Studierenden.                                die ganz neue Klangmöglichkeiten bieten.
Den Bogen vom Mittelalter zur Moderne        Forschung, Bearbeitung und Kreativi-
umspannt das Repertoire des Duos Enßle-      tät sind wichtige Schwerpunkte, die An-
Lamprecht in der besonderen Besetzung        ne-Suse Enßle ihren Studierenden über
Blockflöte und Schlagzeug. Es wurde          Spieltechnik und Interpretation hinaus
zwar eher zufällig gegründet, widmet sich    vermitteln möchte. Der professionelle,
aber nun schon über ein Jahrzehnt lang       konsequente Zugang – auch im Unterrich-          Anne-Suse Enßle
der mittelalterlichen und zeitgenössischen   ten auf allen Stufen – sichert dem intuiti-      Foto: privat

Musik, den Eckpunkten unserer notierten      ven Einstiegsinstrument seinen Platz im
Musikgeschichte. Die Vorlagen sind oft       universitären Umfeld.
sehr sparsam, und so sind Arrangement,
Kreativität und Improvisation gefragt.                                     Harald Pröckl

                                                                                   Heft Nr. 25 | Sommer 2021   13
Porträt

Improvisation ohne Netz
Ein Gespräch mit Roland Heinz

                      Ein Gespräch mit Roland ist stets eine            Blues gehört und gespielt.
                      sehr angenehme Erfahrung, besonders               Und vom Blues zum Jazz ist es ja nur ein kur-
                      wenn deine Muttersprache Italienisch              zer Schritt …
                      ist. Roland Heinz kann perfekt Italie-            Gegen Ende der 1970er Jahre hatte sich in
                      nisch, weil seine Mutter ursprünglich             Innsbruck eine sehr interessante Konzert-
                      aus La Tisana im Nordosten Italiens               szene entwickelt. Ich erinnere mich, dass
                      stammt. Er selbst wurde in Sydney gebo-           alle Größen des Jazz dieser Zeit früher
                      ren, da seine Eltern dorthin ausgewan-            oder später hier vorbeigekommen sind,
                      dert waren, kam dann als Kind bereits             zum Beispiel Archie Shepp oder Elvin
                      nach Innsbruck. Seit 1998 unterrichtet            Jones. Insbesondere zwei Orte spielten für
                      Roland Heinz am Tiroler Landeskonser-             mich eine Schlüsselrolle: der Jazzclub in
                      vatorium, mit September geht er in Pen-           der Altstadt in Innsbruck, in dem regelmä-
                      sion.                                             ßig Jazzkonzerte stattfanden und in dem
                                                                        ich lokale Musiker wie Werner Pirchner
                      Ich wollte dich etwas sehr Wichtiges über dei-    und Harry Pepl kennen gelernt habe, und
                      nen Hintergrund fragen. Was ist dein Lieb-        die Konzerte in Hall in Tirol (jetzt musik+).
                      lingsessen? Es muss natürlich italienisch sein.   Dort konnte ich mich mit der musikali-
                      Risotto! Meine Mutter ist eine außerge-           schen Avantgarde von John Cage, György
                      wöhnlich gute Köchin.                             Ligeti, Luigi Nono auseinandersetzen und
                      Das kann ich mir vorstellen! Und wie kamst        andererseits Barockmusik hören.
                      du zur Gitarre?                                   Es scheint mir, dass du in deiner musikalischen
                      Ich habe ziemlich spät angefangen, so             Erforschung versucht hast, diese beiden Welten
                      etwa mit 17 Jahren. Wie Wes Montgomery!           zu verbinden, Jazz einerseits und Avantgarde-
                      Früher habe ich viel Fußball gespielt; ich        Musik andererseits?
                      habe trainiert, um ein Profi zu werden. Ich       Ja, diese beiden Aspekte haben sich im
                      habe angefangen Gitarre zu spielen, weil          Free Jazz getroffen. Es ist eine Musik, de-
                      einige meiner Freunde spielten. Außerdem          ren energetischer Aspekt mich immer an-
                      hatte ich einen französischen Cousin, der         gezogen hat.
                      ein totaler Hippie war. Er war auf einem          Und dann bist du in New York gelandet.
                      großen Rockfestival auf der Isle of Wight         Kannst du mir etwas über deine amerikani-
                      gewesen, und dank ihm entdeckte ich Jimi          schen Jahre erzählen?
                      Hendrix und die Welt der Rockmusik.               1994 ging ich zum ersten Mal nach New
                      Also hast du als Rockmusiker angefangen?          York. Dort hatte ich die Gelegenheit, mit
                      Eigentlich hatte ich am Anfang eine Lei-          zwei meiner Heroes zu studieren: dem in
                      denschaft für Folkmusik im Bob Dylan-             Ungarn geborenen Gitarristen Attila Zol-
                      Stil. Ich habe bei meinen ersten Konzerten        ler und dem großen John Abercrombie.
                      mit Westerngitarre und Mundharmonika              Attila war der Leiter des Vermont Jazz Cen-
                      gespielt. Im Allgemeinen habe ich viel            ter, somit konnte ich dort auch einen Stu-

14   Heft Nr. 25 | Sommer 2021
Porträt

dienplatz belegen und hatte dadurch eine       interagieren zu können.                           Roland Heinz
                                                                                                 Foto: privat
Aufenthaltsgenehmigung. Die Schule hat-        Können alle eine persönliche Stimme im Jazz
te eine Niederlassung in New York, und         entwickeln? Kann man lernen, sich mit Origi-
so konnte ich in der Stadt bleiben und die     nalität auszudrücken?
lokale Szene besser kennenlernen. Attila       Ich denke, jeder hat einen persönlichen
führte mich durch die Jazzclubs der Stadt      Impuls, aber ich weiß nicht, ob dies wirk-
und stellte mich allen großen Musikern         lich gelernt werden kann. Sicher, man lernt
vor, die er kannte. Ich erinnere mich an       viel auf dem Weg, eine eigene Stimme zu
die Abende mit Joe Zawinul und anderen         finden, aber diese Entwicklung kann viel
ehemaligen Mitgliedern der Miles-Band!         Zeit in Anspruch nehmen. Ein Musiker,
Die Musikszene, die mich am meisten in-        dem dies sicherlich gelungen ist, ist bei-
teressierte, blieb jedoch die des Avantgar-    spielsweise der Bassist Barré Philips, mit
de-Jazz, der mehr auf freie Improvisation      dem ich mehrfach gespielt habe. Es war
ausgerichtet war.                              manchmal nicht leicht, als Youngster ein
Was bedeutet es für dich zu improvisieren?     konkretes Feedback von ihm zu bekom-
Gibt es eine echte Improvisation?              men, seine Antworten fielen meist sehr
Ich habe viele Konzerte gespielt, bei denen    kurz aus, keine langen Erklärungen.
zu Beginn nichts entschieden wurde, bei        Zum Beispiel?
denen du irgendwo angefangen und geen-         Auf meine Frage, was ich seiner Meinung
det hast, niemand wusste, wo. Dort, wo es      nach in meinem Spiel verbessern sollte
kein Netz gibt, ist das vielleicht echte Im-   sagte er nur: „Just play what you hear”. Ein
provisation. Ich glaube, dass in jeder Art     andermal, schon während des Konzertes,
von Improvisation natürlich auch eine ge-      flüsterte er mir zu: „Don`t try to recom-
wisse Routine entstehen kann, so auch im       pose, go ahead“, als ich wohl zu sehr ver-
Free Jazz. Meiner Meinung nach zeichnet        suchte, einen Moment festzuhalten.
sich aber Authentizität vor allem durch
die Fähigkeit aus, mit anderen Musikern                                     Matteo Scalchi

                                                                                      Heft Nr. 25 | Sommer 2021   15
Forum

      „... dann werde ich hellhörig“
      Zukunft.Musik – Ein gemeinsames Konzert-Projekt von TLK,
      musik+ und Haus der Musik Innsbruck

            Selina Sorg      Irgendwann muss der geschützte Raum,        sik, historisch informiert etc.), denn dieser
Foto: Wolfgang Alberty       den eine musikalische Bildungsinstitution   erste Kontakt mit der professionellen Mu-
  Simona Strohmenger         bietet, verlassen werden, je früher umso    sikwelt wird bereits sehr aufmerksam von
          Foto: privat       besser. Wie erobert man sich die Kon-       Konzert-Agenturen und Veranstaltenden
                             zerträume „da draußen“? Wie plant man       wahrgenommen.
            KaThema:
                             erste Schritte in eine Bühnen-Karriere?     Aber wie macht man sich am besten be-
  Katharina Kollreider
   und Emma Lorenz           Nach welchen Kriterien wählen Konzert-      merkbar in der Flut von Angeboten, die
       Foto: Siegfried       veranstalterinnen und -veranstalter aus     täglich in die Mailboxen der Konzertorga-
           Portugaller       einem stetig wachsenden Angebot junger      nisatorinnen und -organisatoren flattern?
                             Musizierender? Es gelten (auch hier) die    Interessante Konzepte sind gefragt, „dann
                             Bedingungen des freien Marktes; das be-     werde ich hellhörig“, meint Wolfgang Lau-
                             deutet, Karriereplanung und Ausbildung      bichler, Direktor am Haus der Musik Inns-
                             müssen von den Studierenden aktiv selbst    bruck. Und natürlich gute Aufnahmen,
                             in die Hand genommen werden. Dazu           Videos, CDs etc.
                             gehören zunächst neben der Wahl der         Um unseren Studierenden des Precollege
                             richtigen Lehrperson bzw. Institution Be-   möglichst früh Gelegenheiten zu geben,
                             werbungen und Probespiele bei möglichst     sich mit künstlerischer Programmatik,
                                     renommierten Jugendorchestern       mit den Herausforderungen und organi-
                                     und das gezielte Ansteuern von      satorischen Abläufen vor und während
                                     Wettbewerben und (Orchester-)       verschiedener Auftritts-Situationen ver-
                                     Akademien, auch schon mit spe-      traut zu machen, wurde das Projekt Zu-
                                     zialisiertem Repertoire (Neue Mu-   kunft.Musik ins Leben gerufen. Der Initia-
                                                                         torin Gabriele Enser gelang es gemeinsam
                                                                         mit Michael Schöch (Professor für Orgel
                                                                         am TLK und weit über Tirol hinaus er-
                                                                         folgreicher Pianist und Organist), Hannah
                                                                         Crepaz (musik+) und Wolfgang Laubichler
                                                                                                   (Haus der Musik
                                                                                                   Innsbruck), zwei
                                                                                                   renommierte Ti-
                                                                                                   roler Veranstal-
                                                                                                   ter, für ihr Projekt
                                                                                                   zu begeistern.
                                                                                                   Ein Wettbewerb
                                                                                                   wurde        ausge-
                                                                                                   schrieben.      Als
                                                                                                   besondere Her-
                                                                                                   ausforderung bat

      16    Heft Nr. 25 | Sommer 2021
Forum

man die Bewerberinnen und Bewerber            sik Innsbruck widmet sich südlichen Ge-        Wood & Soul Quartet:
zusätzlich zu einem Vorspiel um die Aus-      filden. Unter dem Motto „Spanien“ musi-        Clara Gapp, Theresa
                                                                                             Weiß, Katharina Fuchs
arbeitung einer Programmidee zu drei          zieren das Duo KaThema, bestehend aus          und Teresa Schuster
vorgegebenen Themen: „Synkope“, „Spa-         den Gitarristinnen Katharina Kollreider        Foto: Anne-Suse Enßle
nien“ und „Alt und neu“. Mitte März prä-      und Emma Lorenz, das Duo Katily mit den
                                              Pianistinnen Katarina Bilbija und Emily        Katily:
sentierten sich schließlich zwölf Solistin-
                                                                                             Katarina Bilbija und
nen, Solisten bzw. Ensembles einer Jury,      Maria Volgger und die Sängerin Magda-          Emily Maria Volgger
der neben den oben genannten vier Per-        lena Gapp. Michael Schöch wird auch hier
sönlichkeiten Oswald Sallaberger, inter-      als kammermusikalischer Partner mitwir-        Magdalena Gapp
                                              ken.                                           beide Fotos: privat
national erfolgreicher Dirigent und Geiger
mit Tiroler Wurzeln, angehörte. Künstleri-    Im Februar 2022 schließlich betreten der       Xaver Schutti
sche Ideen junger Musizierender mischen       junge Trompeter Xaver Schutti und das          Foto: Paul Krismer
sich nun mit programmatischen Vorstel-        Wood & Soul Quartet, bestehend aus den
lungen und Konzepten von Veranstaltern        Blockflötistinnen Katharina Fuchs, Teresa
im Konzert-Projekt Zukunft.Musik.             Schuster, Clara Gapp und Theresa Weiß
Das Initiationskonzert der neuen Reihe        gemeinsam die Bühne von musik+. Im
findet am 13. November 2021 im Tiroler        Zentrum: „Alt und neu“.
Landeskonservatorium statt. Für die Ge-       musik+ stellt für dieses Projekt den
staltung verantwortlich: Gabriele Enser       schon lange eingeführten Titel Zu-
und Michael Schöch, der an diesem Abend       kunft.Musik zur Verfügung. Dafür
auch als Pianist zu hören sein wird. Selina   herzlichen Dank.
Sorg (Klavier) und Simona Strohmenger                                Gabriele Enser
(Oboe) sind die Protagonistinnen eines
Abends, der als Thema die „Synkope“ in
den Mittelpunkt stellt. Sie werden unter-
stützt von Oswald Sallaberger (Violine),
Markus Huber (Viola) und Peter Polzer
(Violoncello). Auf
dem Programm
stehen      Werke
von     Benjamin
Britten, Ludwig
van Beethoven,
Sergei Prokofjew
u.a.m.
Der Abend des
31. Januar 2022
im Haus der Mu-

                                                                                  Heft Nr. 25 | Sommer 2021   17
Forum

  Liebe Mitstudierende, ProfessorInnen,
  liebe Verwaltung des TLK
                         Wir verkündigen euch große Freude!         dem Tiroler Landeskonservatorium, der
                         Seit Mai gibt es am Tiroler Landeskon-     Abteilung Landesmusikdirektion und
                         servatorium offiziell eine Studierenden-   sonstigen Behörden.
                         vertretung für die Studentinnen und        Zum Aufgabenbereich der Studierenden-
                         Studenten in den Diplomstudien, Lehr-      vertretung gehört vor allem die Kommuni-
                         gängen und Kursen.                         kation mit und der Informationsaustausch
                                                                    unter den Studierenden. Neben Gesprä-
                         • Was?                                     chen und Zusammenkünften zählen dazu
                         Die Studierendenvertretung ist Ansprech-   auch Befragungen, Beratungen und Rund-
                         partnerin in Anliegen der Studierenden     schreiben. Auch der Informationsaus-
                         und vertritt deren Interessen gegenüber    tausch zwischen Lehrkörper, Verwaltung
Miriam Reinstadler                                                  und Studierenden sowie das Mitwirken
       Foto: privat                                                 bei Planungen am TLK zählen zu den Auf-
                                                                    gaben der Studierendenvertretung. Sie ist
                                                                    das Sprachrohr der Studierenden in allen
                                                                    das studentische Leben betreffenden An-
                                                                    gelegenheiten.

                                                                    • Wer?
                                                                    Die Studierendenvertretung besteht aus
                                                                    vier beschließenden Mitgliedern, die alle
                                                                    zwei Jahre Anfang Oktober (erstmals
                                                                    heuer) gewählt werden. Kandidieren und
                                                                    wählen können alle Studierenden der Di-
                                                                    plomstudien sowie außerordentliche Stu-
                                                                    dierende ab dem vollendeten 16. Lebens-
                                                                    jahr.

                                                                    • Wo?
                                                                    Nach Fertigstellung des zweiten Stock-
                                                                    werks des kürzlich vom Tiroler Landeskon-
                                                                    servatorium bezogenen „Werner-Pirchner-
                                                                    Hauses“, Ing.-Etzel-Straße 71a, wird die
                                                                    Studierendenvertretung dort zu fixierten
                                                                    Zeiten in ihrem Raum zu finden sein (und
                                                                    sich auf Gespräche und Kaffee freuen     ).
                                                                    Außerdem gibt es bereits jetzt eine E-Mail-
                                                                    Adresse (s.vertretung@kons.tsn.at), einen

  18    Heft Nr. 25 | Sommer 2021
Forum

                                             Wir sind gespannt auf interessante Ge-           Martina Nisandzic,
                                             spräche, auf unsere hoffentlich konstruk-        David Kerber
                                                                                              Fotos: privat
                                             tive Arbeit und freuen uns natürlich aufs
                                             nächste Konsfestl.
                                             Wir melden uns bald per Mail mit genauen
                                             Informationen zur Wahl im Oktober und
                                             laden schon jetzt zur Mitarbeit in der Stu-
                                             dierendenvertretung ein.

                                                           David Kerber, Marinus Kreidt,
                                                   Martina Nisandzic, Miriam Reinstadler

Feedbackkasten (Eingang Hauptgebäude)
und eine Instagramseite (folgen verboten:
@tlk_sv), über die man die Studierenden-
vertretung jederzeit kontaktieren kann.
Auch über die Kontaktdaten der Mitglieder
ist die Studierendenvertretung erreichbar.

• Worauf?
Wir freuen uns auf gute Kommunikation
und darauf, dass die Studierendenschaft
am TLK eine starke Stimme haben wird.

                                                                                   Heft Nr. 25 | Sommer 2021   19
Forum

Die Gesellschaft und die Kunst
Kunst ist Luxus. Kunst ist das Sahnehäubchen einer Gesellschaft.
Kunst ist keine Arbeit. Kunst ist nicht systemrelevant. Kunst ist unnötig.

                      In einer Welt der Wissenschaften ist die     Wertschöpfung bezeichnen. Dieser Wert
                      Kunst ein Mysterium, denn sie lässt sich     muss immer wieder gesucht und gefun-
                      nicht definieren. Kein Text über die Kunst   den werden, er ist eben nicht definierbar,
                      wird ihr gerecht. Jede Erläuterung über      weil schon die Kunst nicht definierbar ist.
                      die Wirkung, die Aufgabe, die Macht          Im Hinblick auf die Musik im Speziel-
                      künstlerischen Schaffens, jede Definition    len soll nicht unerwähnt sein, dass diese
                      und jede Beschreibung von Kunst wirken       durch die Möglichkeit der scheinbaren
                      plump und unbeholfen, ja sie können nie      Konservierung durch moderne Medien
                      allumfassend sein und werden nie das         „entwertet“ wird. Aufnahmen, Videos
                      ausdrücken, was die Kunst ist. Schon die     und Streams sind immer wieder abruf-
                      Worte „Wirkung, Aufgabe und Macht“           bar und nehmen der Musik scheinbar die
                      beschreiben das unzulänglich, was die        Kostbarkeit des Moments der Auffüh-
                      Kunst ist und schränken uns in unserem       rung. Dass hier aber von Musik nicht die
                      Denken über die Kunst ein. Das Einzige,      Rede sein kann, merkt man erst, wenn
                      was uns die Möglichkeit bietet, der Kunst    man beim Zusammenspielen gemein-
                      nahezukommen und sie zu erfassen, ist        sam atmet, wenn man vom Sturm einer
                      die Kunst selbst.                            Opernaufführung mitgerissen wird oder
                      Die Kunst dann aber zu rechtfertigen, die    im Konzertsaal kurz die Zeit vergisst.
                      Gedanken über sie und alles, was sie sonst   In einer Welt der Werbung, in der sich
                      „bewirkt“, erweist sich in unserem wis-      das perfekt beworbene und bestverkaufte
                      senschaftlichen Denken eben als wider-       Produkt als Unsinn herausstellen kann,
                      sprüchlich. Weil die Kunst in sich schon     scheint die Kunst unterzugehen. Dieser
                      nicht definierbar ist.                       Tage verkauft sich gut, wer sich gut defi-
                      In einer materialistischen Welt ist die      niert, wer sich gut bewirbt, wer sich ver-
                      Kunst scheinbar wertlos. Denn etwas Im-      kauft. Die Kunst verkauft sich schlecht,
                      materielles, das keinen definierten Preis,   weil sie sich nicht verkauft.
                      keinen materiellen Wert hat, wird wohl       Das hat uns der „Ohne-Kunst-und-Kultur-
                      eher als wertlos abgetan, denn als unbe-     wird´s-still“-Aufschrei gezeigt. In der De-
                      zahlbar angesehen. Es besteht sehr wohl      batte ist das Mittel zu sehr zum Zweck
                      die Option zu denken, dass die Kunst eben    geworden und die Kunstszene und ihr
                      über das Bezahlbare hinausgeht, dass ihr     Aufschrei haben mehr Aufmerksamkeit
                      Wert eben über den objektiv definierbaren    bekommen als die Kunst selbst. Diese Auf-
                      hinausreicht. Diese Gedanken finden sich     merksamkeit war nicht unbedingt eine
                      in unserem konsumistischen Denken aber       positive, denn für etwas nicht Definiertes,
                      nur schwer ein, denn der Wert einer Kunst    etwas scheinbar Unnötiges zu kämpfen,
                      kann ein immaterieller sein, kann ein sub-   wirkt lächerlich und in Krisenzeiten sogar
                      jektiver sein und reicht vor allem weit      arrogant.
                      über das hinaus, was wir als unmittelbare    In einer schnelllebigen Welt ist die Kunst

20   Heft Nr. 25 | Sommer 2021
Forum

zu langsam. Wir wollen Erfolg haben, Re-     ne. Und doch fallen hier die Missstände
sultate sehen – mit möglichst geringem       besonders ins Auge, denn die Kunst ist
Zeitaufwand und ohne viel nachden-           einem solchen System gänzlich wesens-
ken zu müssen. Denn Zeit ist Geld. Doch      fremd. Sie braucht Zeit, Energie, Arbeit,
Kunst ist Zeit.                              Leidenschaft, Leistung, Liebe … – alles.
Das Paradigma der „direkten Wertschöp-       Kunst ist verschwenderisch.
fung“ lässt sich auf die Kunst nicht über-   Ja, die Kunst nimmt alles, aber wir müs-
tragen. Das Erleben, Verarbeiten und An-     sen verstehen, dass sie auch alles gibt. An-
wenden der Kunst benötigt Zeit, die viele    statt uns die Frage nach den Kosten pro
nicht sinnvoll angewendet finden, weil       Ton zu stellen, müssen wir nicht eigentlich
eben die „Wertschöpfung“, der „Reich-        dankbar sein für die Wirkung einer Musik
tum“ nicht immer direkt und in Sichtwei-     auf einen Zuhörer, ein Publikum, auf die
te ist.                                      Gesellschaft? Ein ungewohnter Gedan-
In einer turbokapitalistischen Welt ist      kengang in einem Wirtschaftssystem, in
die Kunst wohl nicht effizient genug.        dem die Frage des Geldes scheinbar alle
Denn Ertragssteigerung in unserem Wirt-      anderen Fragen beantwortet.
schaftssystem funktioniert über Sparsam-     Die Gesellschaft muss wieder lernen, zu
keit. Über Ausbeutung. Mit möglichst ge-     hinterfragen. Sieht sie überhaupt den Lu-
ringem Aufwand soll maximales Kapital        xus, in dem sie lebt und wie er zustande
geschöpft werden, mit möglichst kleinem      kommt? Sind nicht viele Dinge, die für
Input möglichst großer Output. Ein Or-       sie schon ganz selbstverständlich sind,
chester soll möglichst günstig sein, aber    eigentlich überflüssige Sahnehäubchen?
bestmöglich musizieren, die Musiker          Weiß sie überhaupt noch, was es heißt, zu
möglichst wenig Verpflegung brauchen,        arbeiten? Kann sie überhaupt Relevanzen
aber mit maximaler Energie spielen, der      für ein System abschätzen, wenn sich das
unterbezahlte Geiger möglichst wenig         System eigentlich selbst nicht mehr trägt?
üben, aber möglichst brillant funktionie-    Es ist nötig nachzudenken. Und womit
ren.                                         könnten wir dazu besser anregen als mit
Die Unzufriedenheit wächst, die Qualität     Kunst?
schwindet. Nicht nur in der Kunstsze-                                 Miriam Reinstadler

                                                                                    Heft Nr. 25 | Sommer 2021   21
Forum

kunstvolk -
Einblicke in das interdisziplinäre Kollektiv freier Kunstschaffender

                       Das Kollektiv kunstvolk ist ein freier     sik im widerstreit, in welcher die Musik in
                       Zusammenschluss von KünstlerInnen          ausgewählten Konzertabenden abseits des
                       unterschiedlicher Metiers. Aus Musik,      institutionalisierten Kulturbetriebs mit
                       Theater und Film stammen ihre indi-        Malerei, Film, Literatur, Schauspiel, Licht
                       viduellen Kernkompetenzen, seien es        und Tanz konfrontiert wird. In außerge-
                       Komposition, Regie, oder die darstellen-   wöhnlichen Umgebungen sollen diese
                       de Kunst; Ton-, Kamera- und Lichttech-     durchinszenierten Abende eine intensive
                       nik. Diese zu verbinden, um aus inter-     Ausdruckswelt erschaffen, in der sich all
                       disziplinärer Zusammenarbeit neue und      diese Kunstformen gegenseitig durchwir-
                       bereichernde Ausdrucksmöglichkeiten        ken, inspirieren und vermitteln. Hinter
                       zu erschließen, ist ihre gemeinsame        der Idee stehen mit Gabriel Bramböck und
                       Leitidee.                                  Michael A. Leitner zwei Studenten des Ti-
                                                                  roler Landeskonservatoriums sowie der
 Am Filmset von
„Die Küchenuhr“        Bereits im Sommer 2015 entsteht in Inns-   Kulturschaffende Florian Tschörner.
  Foto: kunstvolk      bruck die Konzertreihe antagōnisma – mu-   Die Konzerte der Reihe kreisen jeweils

22    Heft Nr. 25 | Sommer 2021
Forum

um ein thematisches Zentrum: Der erste         prozesses, und so kulminierte das Kon-
Konzertabend beleuchtete die Dichotomie        zert in einer Aufführung des Stückes,
von Genie und Wahnsinn am Beispiele W.         während der man auf der Leinwand die
A. Mozarts. Zwei seiner Streichquartet-        Entstehung des Gemäldes beobachten
te wurden mit einer weniger bekannten          konnte. In der Kunstausstellung, welche
Seite des Menschen Mozart konfrontiert,        die gesamte Veranstaltung rahmte, war
die sich ganz ungehemmt in seinen Brief-       das fertige Bild dann, mit vielen anderen,
wechseln offenbart und im Konzert musi-        in natura zu sehen.
kalisch und schauspielerisch zum Leben         Der Erfolg der Konzertreihe und die auf-
erweckt wurde.                                 regenden Perspektiven, die sich durch die
Mit Werner Pirchner – Birthday Serenade        interdisziplinäre Arbeitsweise ergaben,
feierte der zweite Konzertabend den Ge-        führten dazu, dass diese Ideen wenig spä-
burtstag des großen, 2001 verstorbenen         ter in ein größeres Ganzes mündeten: die
Tiroler Künstlers, indem nicht nur ein         Gründung von kunstvolk gemeinsam mit
musikalischer Bogen über Pirchners Ge-         dem freischaffenden Filmemacher Fabian
samtwerk gespannt, sondern auch Texte          Widmann. In dem Bestreben, Künstler-
dargeboten wurden, nebst verschiedenen         Innen unabhängigeres Produzieren und
Zeichnungen, Zitaten und Originalpla-          Publizieren zu ermöglichen, wird seitdem
katen, die Programmheft wie Konzertort         unablässig am Auf- und Ausbau eigener
schmückten.                                    Infrastruktur, Ausstattung und Vertriebs-
Der dritte Abend der Reihe mit dem Titel       kanäle gearbeitet.
Panoptikompositum – Bilder einer Ausstellung   Die künstlerischen Überzeugungen – das
2.0 beschäftigte sich mit der Verschrän-       Streben nach einem holistischen, interdis-
kung von bildnerischer Kunst und Musik.        ziplinären Schaffensprozess, die Kunst-
Acht junge Tiroler KomponistInnen nah-         vermittlung, Förderung des künstleri-
men je ein Bild des Berliner Malers Sascha     schen Austausches –, die zur Formierung
Less zum Ausgangspunkt für eine Kom-           des Kollektivs führten, konnten sich nun
position. Auf eine vor die gesamte Bühne       schon in verschiedenen Projekten bewäh-
– und das dadurch unsichtbar spielende         ren:
Kammerensemble – gespannte Leinwand                     „Ich bin der Anachronist –
wurden während des Konzertes die aus-                ich werde gestern schon sehen,
gewählten Bilder projiziert. Das „Streich-                   was morgen war
quintett Nr. 1“ von Michael A. Leitner und             – und ich bringe euch Kunde
                                                 von Maximilian, unserem geliebten Kaiser,
Gabriel Bramböck in einer bearbeiteten
                                                         den ich sehr gut kenne.“
Fassung diente wiederum Sascha Less als
Inspiration, seinerseits eine künstlerische    So erschallten am 30. Juni 2019 vom Balkon
Impression zu schaffen. Er dokumentierte       des Tiroler Landesmuseums die „Dekrete
die einzelnen Schritte des Entstehungs-        eines Anachronisten“. kunstvolk führte im

                                                                                       Heft Nr. 25 | Sommer 2021   23
Forum

                         Rahmen des Festivals für aktuelles Musik-      9. April im Haus der Musik Innsbruck bei
                         theater Die sieben Leben des Maximilian ein    einem coronabedingt eine Woche später
                         halb-szenisches Stück für Sprecher und         online übertragenen Konzert ihr Können
                         Blechbläserquintett in der Innsbrucker         unter Beweis zu stellen. Die Unterneh-
                         Innenstadt auf: Ein heroldischer Redner        mung war eine große Kraftquelle für die
                         samt Lakaien wirft seinen anachronisti-        MusikerInnen, gleichzeitig aber auch ein
                         schen Blick auf Kaiser Maximilian I. und       überaus wichtiges Zeichen für die Kultur-
                         dessen außen- wie innenpolitisches Wir-        szene in ganz Österreich. Aktuell arbeitet
                         ken. Die deklamatorischen Texte von Mo-        kunstvolk an der Fertigstellung eines doku-
                         ritz Hackl wurden von fünf fanfarenhaf-        mentarischen Orchesterporträts, welches
                         ten Hymnen eingefasst, die, changierend        in den Mikrokosmos der Entstehung solch
                         zwischen Ernst und Zynismus, zwischen          eines Konzertes, gerade in Zeiten einer
                         Nüchternheit und Pathos, die Reden des         Pandemie, eintauchen wird.
                         Anachronisten auf musikalische Weise
                         widerspiegelten.                               Ein weiteres durch Corona geprägtes
                         Die Produktion wurde in der Folge in ei-       Vorhaben, zunächst gehemmt durch die
                         ner Hörspiel-Fassung veröffentlicht, wei-      Pandemie, nun auf dem Weg zur Fertig-
                         ters entstand ein Videodokument, das die       stellung, ist ein Kurzfilm nach Wolfgang
                         Aura der Live-Aufführung impressionis-         Borcherts Erzählung „Die Küchenuhr“.
                         tisch abzubilden versucht – beides ist auf     Zusätzlich zu dem Spiel mit Wahrneh-
                         der Internetseite des Kollektivs abrufbar.     mungsverschiebungen, die sich im Span-
                                                                        nungsfeld zwischen artifizieller Theater-
                         Der künstlerische Austausch als eines der      und hypernaturalistischer Filmästhetik
                         Kernanliegen von kunstvolk schlägt sich        ergeben, durchwirken sich Musik, Bild
                         auch in Projekten mit anderen Gruppie-         und Sounddesign, die schon in der Kon-
                         rungen und Institutionen nieder, und so        zeption miteinander verwoben und ver-
     Alle Neuig-
                         entstehen durch die wechselseitige Un-         schränkt wurden.
      keiten und
                         terstützung immer wieder wichtige Syner-
  Informationen
                         gien, welche die Umsetzung neuer Ideen         Die wechselseitige Bereicherung ver-
  zu den laufen-
                         vorantreiben und beflügeln können.             schiedener Kunstformen ist ein zentra-
 den und neuen
                         Bei einem Projekt der jüngsten Vergangen-      ler Gedanke des Kollektivs. Ein aktuelles
   Projekten des
                         heit unterstützte kunstvolk das Tiroler Lan-   Projekt setzt Musik in Dialog mit Sprache
 Kollektivs sind
                         desjugendorchester, welches im März und        und Literatur: In der weltweit ersten Hör-
     unter www.
                         April 2021 unter dem Titel Rhythm & Dance      buch-Einspielung des deutschen Klassi-
 kunstvolk.com
                         ein sehr ambitioniertes Konzertvorhaben        kers „Tynset“ von Wolfgang Hildesheimer
   sowie auf den
                         realisieren konnte: über 65 junge Musiker-     werden die raffinierten formalen Gestal-
sozialen Medien
                         Innen kamen zu einer viertägigen Pro-          tungsmittel des Romans in einer eigens
       zu finden.
                         benphase zusammen, um daraufhin am             komponierten Musik aufgegriffen und

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Forum

                                                                                              Szene aus der Urauf-
                                                                                              führung „Dekrete
                                                                                              eines Anachronisten“
                                                                                              (30.06.2019)
                                                                                              Foto: kunstvolk

rezipiert. Die sprachliche Interpretation   aussetzungen für das künstlerische Arbei-
des Textes (gelesen von Schauspieler und    ten mit sich gebracht haben mag, arbeitet
Sprecher Thomas Lackner) wird dagegen       die ganze Kulturwelt und auch kunstvolk
maßgeblich von musikalischen Parame-        rastlos daran, unter Einsatz aller verfügba-
tern bestimmt – ein besonders aufregen-     ren Mittel neue Konzepte und Vorhaben in
des Projekt, das schon bald seine Fertig-   die Tat umzusetzen.
stellung erfährt.
Wenn die Pandemie auch erschwerte Vor-                               Michael A. Leitner

                                                                                   Heft Nr. 25 | Sommer 2021   25
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Eröffnung des Gedenk- und
Informationsorts in Hall in Tirol
Vom Sichtbarmachen und dem Erinnern an den Krankenmord in der NS-Zeit

                      Am 24. September 2020 fand am Areal des       hierbei wurde auf Barrierefreiheit geach-
                      Landeskrankenhaus Hall eine Gedenk-           tet. So sind einige Biographien in leichter
                      feier für die 360 in der NS-Zeit getöteten    Sprache bzw. für sehbehinderte Menschen
                      Patientinnen und Patienten der damali-        aufbereitet. Detaillierte Informationen fin-
                      gen „Heil- und Pflegeanstalt“ statt. Diese    det man auf der Begleitseite: www.geden-
                      Menschen wurden in den Jahren 1940 bis        kort-hall.at.
                      1942 nach Hartheim oder in die „Heil- und     Den Abschluss dieser Gedenkfeier bil-
                      Pflegeanstalt“ Niedernhart/Linz (Oberös-      dete eine berührende Performance mit
                      terreich) deportiert und dort brutal ermor-   Teilnehmer*innen der „Musik und Tanz
                      det.                                          für Alle“-Gruppe des Tiroler Landes-
                      Die 360 Metall-Stelen erinnern mit dem        konservatoriums, die gemeinsam mit
                      Namen, dem Geburtsdatum und dem               Tänzer*innen von Dance Ability Tirol un-
                      Heimatort an die Kinder, Jugendlichen,        ter der Leitung von Frau Mag.a Christine
                      Frauen und Männer und stehen somit für        Riegler und dem Cellisten Nikolaus Meß-
                      die Einzigartigkeit der Opfer. Dieser Ge-     ner aufgeführt wurde. Die Tänzer*innen
                      denk- und Informationsort ist Teil eines      begannen die Performance mit Bewegun-
                      vielschichtigen Aufarbeitungsprozesses        gen aus dem Publikum heraus und kamen
                      mit dem Ziel, „den Opfern ihre Namen          somit, wie die Opfer auch, aus der Mitte
                      und ihre Menschenwürde wiederzuge-            unserer Gesellschaft. Die Stelen als star-
                      ben“ und diese Lebensgeschichten für          re Erinnerungszeichen der Vergangen-
                      Besucher*innen sichtbar und erfahrbar         heit wurden mittels tänzerischer Impulse
                      zu machen. Die Lebensläufe können an          „belebt“, mit dem Ziel, Menschen in ihrer
                      einem Infoterminal nachgelesen werden,        individuellen Vielfalt sichtbar zu machen.

26   Heft Nr. 25 | Sommer 2021
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