Kosten und Nutzen der Regulierung - Volkswirtschaftliche Analyse mit Fallbeispielen aus der Versicherungswirtschaft - GDV

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Kosten und Nutzen der Regulierung - Volkswirtschaftliche Analyse mit Fallbeispielen aus der Versicherungswirtschaft - GDV
Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V.

    Volkswirtschaftliche
    Themen und Analysen Nr. 9

   Kosten und Nutzen
   der Regulierung
   Volkswirtschaftliche Analyse mit Fallbeispielen
   aus der Versicherungswirtschaft
02    Kosten und Nutzen der Regulierung

     Impressum
     Herausgeber:
     Gesamtverband der Deutschen
     Versicherungswirtschaft e. V.
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     Tel. +49 30 2020-5000, berlin@gdv.de
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     Tel. +49 30 2020-5800
     E-Mail: k.wiener@gdv.de

     Redaktionsschluss:
     01.10.2019

     Bestellungen:
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     ISSN-Nr. 2191-302

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     Kosten und Nutzen der Regulierung
Inhalt   03

Inhalt
Executive Summary                                                                       04

1 Motivation                                                                            06
  1.1 Smarte Regulierung – Grundlage für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung   06
  1.2 Das Kosten-Nutzen-Modell: Wie viel Regulierung ist effizient?                     08
  2.1 Eine Formel für effi­ziente Regulierungspolitik                                   11

2 Auswirkungen der Regulierung auf die volkswirtschaftliche Leistungsfähigkeit          11
  2.2 Die unterschiedlichen Wirkungskanäle einer Regulierungspolitik                    13
  2.3 Das regulatorische Umfeld in der gesamtwirtschaftlichen Perspektive               15
  2.4 Wachstumseffekte der Regulierung: eine empirische Betrachtung                     18
  2.5 Ein Blick in die wissenschaftliche Literatur                                      21
  2.6 Vertrauen schaffen durch Regulierung?                                             22
  2.7 Wie viel Sicherheit kann bzw. sollte Regulierung gewährleisten?                   23
  2.8 Regulatorische Risiken begrenzen!                                                 23
  3.1 Warum ist Versiche­rungs­regulierung wichtig?                                     25

3 Der Blick in die Versicherungswirtschaft                                              25
  3.2 Wichtige Bereiche der Versicherungsaufsicht                                       28
  3.3 Auswirkungen der Versicherungsregulierung auf Wirtschaft und Gesellschaft         30
  3.4 Herausforderungen der Versicherungsaufsicht                                       31
  3.5 Verbesserungspotenziale im Regulierungsrahmen                                     32
  3.6 Fallbeispiel Solvency II                                                          34
  3.7 Fallbeispiel Kapital­anlage der Versicherer                                       36
  3.8 Fallbeispiel neue Versicherungsvertriebs­richtlinie IDD                           42
  3.9 Fallbeispiel Produktinformationsblätter                                           43
  3.10 Fallbeispiel Regulierung der Versicherungs-IT                                    46
  3.11 Fallbeispiel Geldwäscheprävention                                                49
  3.12 Fallbeispiel Riester-Rente                                                       50

4 Anhang                                                                                55

Kosten und Nutzen der Regulierung
04    Summary

     Executive Summary
     Stehen Kosten und Nutzen der Regulierung noch in einem angemessenen Verhältnis zueinander?

                         E
                                ine wesentliche Voraussetzung für              könnten. Ein ökonomisches Modell erklärt
                                Wirtschaftswachstum und Wohlfahrts-            zudem, warum die Grenzkosten der Regulie-
                                steigerungen in einer Volkswirtschaft          rung in der Regel zunehmen, währenddessen
                          bildet ein gut ausgestalteter ordnungspoliti-        der Grenznutzen der Regulierung abnimmt.
                          scher Rahmen. Dazu gehören der Schutz von            Im Rahmen einer Meta-Analyse stellt sich he-
                          Eigentumsrechten, Regeln für einen fairen            raus, dass zu hohe Regulierungsintensität mit
                          Wettbewerb und grundlegende Verbraucher-             Innovationsbarrieren, Investitionshürden und
                          schutzstandards. Gleichzeitig schränkt eine          einer Verringerung von Wirtschaftswachstum
                          zu intensive Regulierung die wichtigen Steu-         verbunden ist.
                          erungsfunktionen eines wettbewerblichen                  Im zweiten Teil wendet sich die Studie
                          Marktes ein. Kommt es zu einem Nebenein-             den Herausforderungen zu, die sich im ge-
                          ander vieler unterschiedlicher regulatorischer       genwärtigen regulatorischen Umfeld für die
                          Auflagen, erhöht sich ferner die Gefahr von          Versicherungswirtschaft ergeben. Es wird her-
                          Doppelungen, Überschneidungen oder gar               vorgehoben, dass ein stabiler regulatorischer
                          Inkonsistenzen im regulatorischen System.            Ordnungsrahmen und eine funktionierende
                          Kurz gesagt – Regulierungspolitik steht in           Rechts- und Finanzaufsicht eine Basis bieten,
                          einem permanenten Spannungsverhält-                  auf der Versicherer zuverlässigen und attrak-
                          nis zwischen Kosten und Nutzen, wenn es              tiven Versicherungsschutz leisten können.
                          um die konkrete Ausgestaltung des Regel-             Der Schlüssel zu einer wohlfahrtsfördernden
                          werks geht.                                          Regulierung liegt in der Erfüllung von fünf
                              Seit der Finanzkrise war weltweit, aber          Grundsätzen: Planbarkeit, Prinzipienba-
                          besonders auch in Europa und Deutschland             sierung, Proportionalität, Innovations-
                          eine regelrechte Regulierungswelle in vielen         freundlichkeit und Evidenzbasierung.
                          Bereichen der Wirtschaft zu beobachten. Von              Fallbeispiele aus der Versicherungsregu-
                          den Regulierungsreformen ist besonders die           lierung zu Solvency II, der Versicherungs-
                          Versicherungswirtschaft betroffen – und dies,        vertriebsrichtlinie IDD, zu den Produktin-
                          obwohl sie aufgrund ihrer hohen volkswirt-           formationsblättern, der Riester-Rente und
                          schaftlichen Bedeutung und des besonderen            einigen mehr zeigen1, dass die fünf Grund-
                          Charakters von Versicherungsprodukten seit           sätze in vielen Bereichen nicht umfänglich
                          jeher zu den am stärksten regulierten Bran-          befolgt werden und daher schwerwiegende
                          chen gehört. Immer häufiger stellt sich in           Reibungsverluste im regulatorischen System
                          den Unternehmen und bei den Verbrauchern             entstehen. Diese verursachen nicht nur Kos-
                          allerdings die Frage, ob das regulatorische          ten in den Unternehmen, sondern wirken sich
                          Pendel mittlerweile zu weit ausschlägt und           über unterschiedliche Wirkungskanäle auch
                          die Kosten der Regulierung damit nicht mehr          auf zahlreiche Bereiche von Wirtschaft und
                          in angemessenem Verhältnis zum Nutzen                Gesellschaft wohlfahrtsmindernd aus. Für
                          stehen.                                              die Versicherungswirtschaft, der eine zent-
                              Diese Fragestellung greift die vorliegende       rale Enabler-Funktion in der Volkswirtschaft
                          Studie auf. Im ersten Teil der Studie richtet sich
                          der Blick zunächst auf die gesamtwirtschaftli-       1 Die hier aufgestellten Fallbeispiele stammen aus
                          chen Effekte der Regulierung. Eine empirische        verschiedenen Fachabteilungen des GDV. Sie wurden in
                          Untersuchung verdeutlicht, dass mit einer            einer eigens für die Zwecke dieser Studie aufgestellten
                                                                               Projektgruppe erarbeitet und diskutiert. Den Teilnehmern
                          Verbesserung des regulatorischen Um-
                                                                               der Projektgruppe sei an dieser Stelle für die engagierte
                          felds in Deutschland signifikante zusätz-            Arbeit und die jeweiligen Textbeiträge ausdrücklich
                          liche Wachstumskräfte freigesetzt werden             gedankt.

     Kosten und Nutzen der Regulierung
Summary   05

zukommt, trifft das insbesondere zu. Die           Evidenzbasierung in der Regulierungspolitik
Verringerung von Reibungsverlusten in              kann dazu beitragen, dass relevante Sachver-
der Finanzmarktregulierung sollte einen            halte zu regulatorischen Anpassungen führen
hohen wirtschaftspolitischen Stellenwert           und ein ungünstiges Kosten-Nutzen-Verhält-
einnehmen.                                         nis verhindert wird. Zudem sollten gleiche Re-
     Um mehr Effektivität und Effizienz im re-     geln für gleiches Geschäft bzw. gleiche Risiken
gulatorischen System zu erreichen, so stellt die   gelten. Denn Regulierung sollte faire Wettbe-
Studie klar, geht es nicht um die Streichung       werbsbedingungen sicherstellen – innerhalb
von regulatorischen Auflagen nach der Rasen-       der Versicherungsmärkte aber auch in Bezug
mäher-Methode, sondern vielmehr darum, die         zu anderen Branchen.
richtigen Prioritäten in der Regulierungs-              Insgesamt kommt die Studie zu dem Er-
politik zu setzen. Eine Anleitung zur Hebung       gebnis, dass gute Regulierung ein unverzicht-
von Effizienzsteigerungspotenzialen im Re-         barer Bestandteil einer gut funktionierenden
gulierungsrahmen bieten die goldenen drei R        Marktwirtschaft ist. Sind Eigentumsrechte
„retain, repeal, replace“ bzw. bewahren, auf-      oder Wettbewerbsregeln unzureichend defi-
heben, ersetzen.                                   niert, werden die Potenziale einer Volkswirt-
→→ Bewahren: Umsetzungsspielräume für              schaft nicht gehoben. Ebenso behindert aber
   Unternehmen                                     ein Zuviel an Regulierung das Wachstum, und
Abgestimmt auf die individuelle Situation der      zwar sowohl auf gesamtwirtschaftlicher Ebene
Unternehmen sollten im Regulierungsrahmen          als auch auf Ebene der Unternehmen. Die hier-
möglichst große Umsetzungsspielräume be-           mit verbundenen Wohlfahrtsverluste addieren
stehen. Die Regulierung der Marktteilnehmer        sich über die Zeit und werden damit beträcht-
sollte sich daher an Prinzipien orientieren und    lich. Sie werden aber weitaus weniger deutlich
auf detaillierte Vorgaben möglichst verzichten.    wahrgenommen als tiefe Rezessionen.
Um innovativ sein zu können, benötigen Un-              Im Umfeld eines seit fast einer De-
ternehmen einen flexiblen Handlungsspiel-          kade andauernden wirtschaftlichen Auf-
raum – dazu gehört auch die Möglichkeit Ri-        schwungs mag die Debatte um Wachs-
siken einzugehen und ohne große Einschrän-         tumseinbußen vielen Beobachtern nachran-
kungen die beste Technologie, bzw. Methode         gig erschienen sein. Dies dürfte sich aber –
zu wählen.                                         wie sich bereits am aktuellen Rand andeutet
→→ Aufheben: Redundanzen, Komplexität              – ändern, wenn das von extremen Niedrig-
   und Planungsunsicherheit                        zinsen und Aufholprozessen geprägte Nach-
Die Nebenwirkungen einer immer intensi-            krisenwachstum wieder zu geringeren Wachs-
veren Regulierung sind Doppelungen von             tumsraten führt und dabei die strukturellen
Auflagen und erhöhte Komplexität. Eine kom-        Defizite der Wirtschaft des Euroraums wieder
plexe Regulierung kann selbst Quelle von sys-      deutlich zutage treten .
temischen Risiken sein, wie der Wissenschaft-           Den „Optimalpunkt“ der Regulierung zu
liche Beirat des European Systemic Risk Board2     bestimmen ist in der Praxis ein nahezu un-
erst kürzlich feststellte. Versicherer benötigen   mögliches Unterfangen. Zu komplex und zu
darüber hinaus Planungssicherheit damit Ver-       umfangreich wären die hierfür erforderlichen
sicherungsangebote optimal auf Kundenbe-           empirischen Analysen, insbesondere auf der
dürfnisse ausgerichtet werden können – Re-         Ebene der einzelnen Unternehmen. Gleich-
gulierungspolitik sollte dies unterstützen.        wohl muss es im Interesse von Wohlstand
→→ Ersetzen: Maßnahmen bei denen Kosten            und Wachstum für eine Gesellschaft immer
   nicht im Verhältnis zum Nutzen stehen           darum gehen, diesem Optimalpunkt so nahe
Kosten und Zielerfüllungsgrad neuer Regulie-       wie möglich zu kommen. Mit der hier vorlie-
rung ist ex ante nur schwer abschätzbar. Mehr      genden Studie möchten wir nach zehn Jahren
                                                   Regulierung genau hierfür werben.
2   Vgl. Gaiet et al. (2019).

Kosten und Nutzen der Regulierung
06     Motivation

     1 Motivation
     So viel wie nötig, so wenig wie möglich – damit staatliche Regulierung die Steuerungskraft der
     Marktwirtschaft nicht abwürgt.

                           1.1 Smarte Regulierung –                             Die vorliegende Studie analysiert Kosten
                           Grundlage für eine nach-                         und Nutzen der Regulierung aus ökonomi-
                                                                            scher Sicht. Dabei steht die Frage im Raum,
                           haltige wirtschaftliche                          wieviel Markt bzw. wie viel staatliche Markt-
                           Entwicklung                                      eingriffe in einer Volkswirtschaft sinnvoll
                                                                            sind. Die Untersuchung erfolgt dabei im We-
                           Steht der volkswirtschaftliche Nutzen der Re-    sentlichen in zwei Teilen.
                           gulierung in einem angemessenen Verhältnis           Im ersten Teil der Studie richtet sich der
                           zu den Regulierungskosten, die aufseiten der     Blick zunächst auf die gesamtwirtschaftlichen
                           Unternehmen, privaten Haushalte und Behör-       Effekte der Regulierung. In einem ökonomi-
                           den anfallen? Nachdem in den letzten Jahren      schen Modell wird das grundlegende Span-
                           in Deutschland und anderen europäischen          nungsverhältnis zwischen Kosten und Nutzen
                           Staaten eine regelrechte Regulierungswelle       der Regulierung analysiert. Das Modell zeigt,
                           im Bereich der Finanzwirtschaft zu beobach-      dass ein gut ausgestalteter ordnungspoliti-
                           ten war, in der mit hohem Tempo viele grund-     scher Rahmen in einer Marktwirtschaft die
                           legende Regulierungsreformen auf den Weg         Basis für Wirtschaftswachstum und Wohl-
                           gebracht worden sind, stellt sich diese Frage    fahrtsteigerungen ist. Gleichwohl wird deut-
                           in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft im-      lich, dass eine allzu intensive Feinsteuerung
                           mer häufiger.                                    in der Regulierung die Wirtschaft an emp-
     Regulierung steht          Besonders betroffen von der jüngsten Re-    findlichen Stellen einschränkt. So entstehen
        im Spannungs-      gulierungswelle ist auch die Versicherungs-      Hürden für betriebliche Investitionen und
         verhältnis zwi-   wirtschaft. Sie gehört aufgrund ihrer hohen      Innovationen, die sich letztendlich auch auf
      schen Steuerung      volkswirtschaftlichen Bedeutung und des be-      die soziale Wohlfahrt dämpfend auswirken.
          durch die Me-    sonderen Charakters von Versicherungspro-        Bei einer hohen Regulierungsdichte kommt
      chanismen einer      dukten bereits seit jeher zu den am stärksten    es außerdem zu einem Nebeneinander von
       Marktwirtschaft     regulierten Branchen. Nach der Reform der        vielen unterschiedlichen Auflagen – die Ge-
        und staatlicher    europäischen Versicherungsaufsicht durch         fahr von Doppelungen, Überschneidungen
              Kontrolle.   Solvency II, dessen Einführung für die Unter-    oder gar Inkonsistenzen im regulatorischen
                           nehmen eine erhebliche personelle und finanzi-   System erhöht sich entsprechend. Zudem
                           elle Anstrengung bedeutet hat (und immer noch    benötigen die Unternehmen bei hoher Regu-
                           bedeutet), wurden kürzlich das neue Vertriebs-   lierungsintensität mehr Ressourcen, um die
                           regulierungsregime IDD und die europäische       regulatorischen Vorgaben zu erfüllen. Damit
                           Datenschutzgrundverordnung eingeführt. Mit       sind Geschäftsmöglichkeiten und Geschäfts-
                           der Evaluierung von Solvency II zeichnet sich    modelle zunehmend regulierungsgeprägt.
                           in einigen Bereichen weitere Verschärfungen      Eine quantitative Untersuchung liefert ent-
                           der Versicherungsaufsicht ab. Eine stärkere      sprechende Evidenz für einen dämpfenden
                           Beachtung des Proportionalitätsprinzips oder     Einfluss einer hohen Regulierungsdichte auf
                           auch ein dringend gebotener Bürokratieabbau      das Wirtschaftswachstum.
                           scheinen dagegen nur sehr eingeschränkt Ge-          Deutschland ist im internationalen Ver-
                           genstand der Überlegungen zu sein. Zahlrei-      gleich relativ intensiv reguliert, verfügt aber
                           che weitere Maßnahmen werden diskutiert,         gleichzeitig über einen relativ stabilen markt-
                           so z. B. eine Algorithmus-Regulierung oder       wirtschaftlichen Ordnungsrahmen. Um die
                           neue makroprudenzielle Instrumente für den       negativen Wachstumseffekte der Regulierung
                           Versicherungsbereich.                            zu begrenzen, wäre eine Streichung von Auf-

     Kosten und Nutzen der Regulierung
Motivation         07

lagen nach der Rasenmäher-Methode daher              verluste in den Versicherungsunternehmen,
nicht zielführend. Es geht vielmehr darum,           sie strahlen auch über unterschiedliche Wir-
die richtigen Prioritäten in der Regulierungs-       kungskanäle auf zahlreiche andere Bereiche
politik zu setzen und mehr Effektivität und          der Wirtschaft aus. Grund hierfür ist die
Effizienz anzustreben. Die goldenen drei R „re-      zentrale Rolle, die die Versicherer in der ge-
tain, repeal, replace“ oder anders ausgedrückt die   samtwirtschaftlichen Wertschöpfungskette
drei Fragen „Was brauchen wir? Was brauchen wir      einnehmen. Denn Versicherer, die Risiken be-
weniger? Was brauchen wir anders?“ können hier       werten/quantifizieren und übernehmen, wir-
als Grundlage dienen. Im Wesentlichen liegt          ken als Enabler im Wirtschaftskreislauf. Durch
der Schlüssel zu einer wohlfahrtsfördernden          den Versicherungsschutz werden viele wirt-
Regulierung in der Erfüllung einer Reihe von         schaftliche Aktivitäten erst möglich. Auch mit
Grundsätzen: Planbarkeit, Prinzipienbasie-           ihren langfristigen Kapitalanlagen trägt die
rung, Proportionalität, Innovationsfreund-           Versicherungswirtschaft zum nachhaltigen
lichkeit und Evidenzbasierung.                       Wirtschaftswachstum bei. In einer Welt, in
     Im zweiten Teil wendet sich die Studie den      der die Risikolandschaft immer vielschichtiger
Herausforderungen zu, die sich im gegenwär-          wird – man denke hier an die Ungewissheit
tigen regulatorischen Umfeld speziell für die        über die wirtschaftliche Zukunft, die sich aus
Versicherungswirtschaft ergeben. Ein stabiler        Handelskonflikten sowie dem Brexit ergibt
regulatorischer Ordnungsrahmen, eine ange-           oder die Risiken durch den Klimawandel und
messene Regulierung der Versicherungswirt-           eine fortschreitende Digitalisierung – wird
schaft bzw. eine funktionierende Rechts- und         die Bedeutung dieser Enabler-Funktion eher
Finanzaufsicht bieten einen Rahmen, in dem           größer als kleiner.                               Ein breiter Versi-
Versicherer zuverlässigen und attraktiven Ver-            Durch ein hinreichendes Angebot an Versi-    cherungsschutz
sicherungsschutz anbieten können. Die Schaf-         cherungsdienstleistungen können volkswirt-        ist eine wichtige
fung eines solchen Ordnungsrahmens ist aber          schaftliche Ressourcen effizienter eingesetzt     Determinante für
mit großen Herausforderungen verbunden.              werden. Sowohl im Zeitverlauf als auch im Län-    Wirtschaftswachs-
Für den Regulierungsrahmen der Versiche-             derdurchschnitt ist tendenziell bei Zunahme       tum.
rungswirtschaft gilt dies in ganz besonderem         von Versicherungsschutz für Unternehmen
Maße. Hier sei nur kurz auf die sozialpoliti-        und Privatpersonen mit einem stärkeren
sche Bedeutung eines zuverlässigen Versiche-         Wirtschaftswachstum zu rechnen.3 Voraus-
rungsschutzes für die privaten Haushalte, die        setzung dafür ist, dass die Regulierung nicht
wichtige Rolle der Versicherer in der Bereit-        zu restriktiv oder innovationsfeindlich wirkt
stellung von Kapital oder ganz allgemein die         und sich das Angebot in Versicherungsmärk-
hohe Komplexität der zu regulierenden Sach-          ten hinreichend entfalten kann. Eine smarte
verhalte verwiesen.                                  Regulierung in der Versicherungswirtschaft
     Ausgewählte Fallbeispiele aus unter-            hat somit eine hohe wirtschaftspolitische Re-
schiedlichen Bereichen der Versicherungs-            levanz. In Bezug auf die eingangs erwähnten
praxis, die in der Studie vorgestellt werden,        drei goldenen R „retain, repeal, replace“ lässt
zeigen Verbesserungsnotwendigkeiten im               sich daraus Folgendes ableiten:
Regulierungsrahmen der Versicherungswirt-
schaft auf. Diese werden unter anderem bei           →→ Retain: Die deutschen Versicherer haben
Solvency II, in der Kapitalanlage der Versi-         umfangreiche Anpassungen (z. B. Investitio-
cherer, beim neuen Vertriebsaufsichtsregime          nen in IT-Systeme, Implementierung neuer
IDD und bei der Regulierung der IT-Systeme           Management-Prozesse) vorgenommen, um
herausgearbeitet. Dabei zeigen sich wieder-          eine effektive und effiziente Compliance des
kehrende Problemfelder, wie etwa die man-            komplexen Regulierungsrahmens sicherzu-
gelnde Proportionalität, Ineffizienzen durch         stellen. Das regulatorische Umfeld sollte sich
Doppelstrukturen oder Kostenschätzungen,             möglichst nicht in einem ständigen Wandel
die die Belastungen für die Unternehmen un-          befinden. Denn Unsicherheiten über die zu-
vollständig abbilden.                                künftige Ausgestaltung des Aufsichtsrahmens
     Fehlstellungen in der Versicherungsre-
gulierung verursachen nicht nur Reibungs-            3 Vgl. Outreville (2012).

Kosten und Nutzen der Regulierung
08     Motivation

                              steigern die Kosten der Regulierung in den Un-     1.2 Das Kosten-Nutzen-
                              ternehmen erheblich.                               Modell: Wie viel Regulierung
                              →→ Repeal: Durch die wachsende Dichte an           ist effizient?
                              Auflagen und Berichtspflichten sind an eini-
                              gen Stellen in der Versicherungsregulierung        Wie kann Wirtschaftswachstum gefördert
                              Redundanzen und Doppelungen entstanden.            werden – durch mehr staatliche Intervention
                              Eine Aufhebung von Auflagen ist aus Kos-           in Märkte oder durch den Abbau von staatli-
                              ten-Nutzen-Gesichtspunkten in diesen Fäl-          chen Restriktionen und „mehr Markt“? Diese
            Drei Fragen       len geboten.                                       Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten.
           sollten in der                                                        Denn ob sich zusätzliche regulatorische Auf-
     Regulierungspoli-        →→ Replace: In der komplexen Versicherungs-        lagen positiv oder dämpfend auf die Wert-
      tik immer wieder        regulierung sind die Auswirkungen einer re-        schöpfung in einer Volkswirtschaft auswirken,
       gestellt werden:       gulatorischen Auflage im Vorfeld meist nicht       hängt davon ab, in welchem Umfang regula-
          Was brauchen        genau abschätzbar. Die tatsächlichen Belas-        torische Maßnahmen bereits bestehen und
         wir? Was brau-       tungen der Regulierung für Marktteilnehmer         wie effektiv und effizient diese Regulierung
     chen wir weniger?        und der Zielerfüllungsgrad stehen nämlich          erfolgt. Es stellen sich also stets zwei Fragen:
     Was brauchen wir         im Vorfeld nicht fest. Nur ein strukturierter      Werden die Regulierungsziele durch die re-
                 anders?      Evaluierungsprozess kann eine fortwährende         gulatorischen Maßnahmen tatsächlich er-
                              Verbesserung der Regelwerke sicherstellen.         reicht? Erfolgt die Regulierung mit möglichst
                              Das bedeutet, dass Regulierungsvorhaben in         geringen Belastungen für die Unternehmen
                              gewissen Zeitabständen einer konsequenten          und im Interersse der Verbraucher mit mög-
                              Überprüfung unterliegen sollten und dabei          lichst geringen Marktverzerrungen? Um den
                              Maßnahmen mit ungünstigem Kosten-Nut-              grundlegenden Zusammenhang zwischen Re-
                              zen-Verhältnis rasch geändert werden.              gulierungspolitik und Wirtschaftswachstum
                                                                                 zu verdeutlichen, wird ein kleines ökonomi-
                                                                                 sches Modell betrachtet.

                            Viel hilft nicht immer viel
                            Abbildung 1: Schematische Darstellung des Kosten-Nutzen-Modells

                            1 a)                                     A

                                   nachhaltiges
                                                              B                     C
                                   Wirtschafts-
                                     wachstum

                                                                                                           Regulierungsdichte

                                                                                                              Kosten der
                            1 b)                                                                              Regulierung
                                                                                   C'                         Nutzen der
                               Kosten/Nutzen                         A'                                       Regulierung

                                                             B'                    C''

                                                                    A''
                                                             B''                                           Regulierungsdichte

                                                    Quelle: GDV

     Kosten und Nutzen der Regulierung
Motivation      09

     Abbildung 1 zeigt die grundlegende Be-      rung staatlicher Markteingriffe eher dämp-
ziehung zwischen Wirtschaftswachstum             fend als förderlich auf das Wachstumspoten-
einer Volkswirtschaft und der Dichte an re-      zial einer Volkswirtschaft auswirkt. Punkt A
gulatorischen Auflagen. Hier wird deutlich,      in Abbildung 1 a) veranschaulicht die optimale
dass sich eine Politik der Extreme, mit sehr     Regulierungspolitik, bei der sich Grenznutzen
hoher oder sehr niedriger Regulierungsin-        und Grenzkosten entsprechen. Rechts vom
tensität, tendenziell dämpfend auf das Wirt-     Gipfel in Abbildung 1 a) ist die Regulierungs-
schaftswachstum auswirkt. Unterregulierung       intensität jedoch ineffizient hoch. Bewegt man
entsteht z. B., wenn Eigentumsrechte, Wett-      sich in der Grafik von links nach rechts, gewin-
bewerbsregeln und grundlegende Verbrau-          nen die Kosten der Regulierung im Verhältnis
cherschutzstandards unzureichend definiert       zum Nutzen immer mehr an Gewicht. Ist die
sind. Denn ihre Existenz ist eine wichtige       Regulierungsintensität ineffizient hoch, ent-
Voraussetzung für wachsenden Wohlstand           falten zusätzliche staatliche Eingriffe nicht
in einer Marktwirtschaft. Werden hingegen        mehr die nötigen Wachstumseffekte, um die
wichtige Steuerungsfunktionen in Märkten         steigenden Belastungen für Unternehmen und
übermäßig begrenzt, kann der Wettbewerb          Verbraucher zu rechtfertigen.
nicht mehr als Entdeckungsverfahren für die           Dazu ein Beispiel, welches den europä-
Lösungen im Sinne der Bürgerinnen und Bür-       ischen Telekommunikationsmarkt in den
ger wirken – verzerrte Investitions- und Inno-   1990er Jahren betrifft: Im Januar 1998 wurde
vationsanreize und schließlich ein geringeres    der Telefonmarkt in Deutschland liberalisiert,
Wirtschaftswachstum sind die Folge. In einem     was einen drastischen Verfall der Preise für
solchen Fall spricht man von einer überregu-     Telefonate zur Folge hatte. Vor der Liberalisie-
lierten Wirtschaft.                              rung kostete z. B. ein Ortsgespräch im Fest-
     Ist in einem bereits intensiv regulierten   netz 8 Pfennige pro Minute. Für innerdeut-
Markt ein Ordnungsrahmen definiert, haben        sche Ferngespräche fielen bis zu 62,6 Pfen-
zusätzliche Auflagen in vielen Fällen eine       nige an. Ein Gespräch auf einem Handy kos-
feinsteuernde Funktion. In diesem Fall ist       tete 1,30 DM und eine Verbindungsminute in
die inkrementelle Verbesserung der sozialen      die USA gar 3,40 DM. Schon zwei Jahre nach          Lehren aus der
Wohlfahrt durch die Einführung zusätzlicher      der Liberalisierung lagen die Preise um 90 %        Vergangenheit:
Regulierungsmaßnahmen eher gering. Wie           niedriger. Da die Menschen in Reaktion auf          Marktliberalisierun-
in fast allen ökonomischen Zusammenhän-          die deutlich gefallenen Preise wesentlich mehr      gen in den 1990er
gen gilt also auch in der Regulierungspolitik    telefoniert haben, sind die Umsätze für die Te-     Jahren haben
das Gesetz des abnehmenden Grenznutzens.         lefonanbieter unter dem Strich gestiegen. Ins-      zum Teil große
Auch die Grenzkosten der Regulierung hängen      gesamt lässt sich also festhalten, dass die Libe-   Wachstumskräfte
von der Regulierungsintensität ab. In intensiv   ralisierung des Telefonmarktes eine Win-win         freigesetzt.
regulierten Märkten wird die Gefahr größer,      Situation war, indem sowohl die Kunden als
dass sich Doppelstrukturen und Widersprüche      auch die Anbieter von Telefondienstleistungen
im System entwickeln. Darüber hinaus steigt      deutlich besser gestellt worden sind.
die Komplexität eines Regulierungsrahmens,            Auch die Versicherungswirtschaft hat ein
wenn die Marktteilnehmer mit einem wach-         sehr einschlägiges Beispiel einer produkti-
senden Dickicht an regulatorischen Maßnah-       ven Marktliberalisierung aufzuweisen: Mit
men konfrontiert werden. Im Verhältnis zur       der Einführung des Europäischen Versiche-
Regulierungsintensität steigen die Kosten der    rungsbinnenmarkts im Jahr 1995 war für zuvor
Regulierung daher in der Regel überproporti-     hochregulierte Länder wie Deutschland eine
onal, wie in Abbildung 1 b) verdeutlicht wird.   Deregulierung verbunden, insbesondere im
     Da die Grenzkosten der Regulierung stetig   Bereich der Produkt- und Preisregulierung.
zunehmen und der entsprechende Grenznut-         Die vorher geltende aufsichtsbehördliche
zen stetig abnimmt, ist bei der Einführung zu-   Vorabgenehmigungspflicht für neue Versi-
sätzlicher Regulierungsmaßnahmen Vorsicht        cherungsprodukte und Tarife wurde abge-
geboten. Denn in bereits intensiv regulierten    schafft. Die Folge war eine starke Belebung
Volkswirtschaften ist schnell der Punkt er-      des Wettbewerbs, verbunden mit einer sub-
reicht, bei dem sich eine weitere Intensivie-    stanziellen Ausweitung der Produktauswahl

Kosten und Nutzen der Regulierung
10    Motivation

                            Steigende Grenzkosten der Regulierung:
                            Eins plus Eins ist manchmal größer als Zwei

                            Wenn neue Regulierungen in Kraft treten,              für das Wirtschaftswachstum. Das Ergeb-
                            dann beziehen sich die Folgeabschätzun-               nis der Studie untermauert eine zentrale
                            gen der Ministerien, Regulierungsbehörden             Annahme des in Abbildung 1 dargestellten
                            und des Normenkontrollrates häufig nur                ökonomischen Modells. Die Grenzkosten
                            auf die Vorteile und Compliance-Kosten                der Regulierung steigen mit zunehmender
                            der zusätzlich eingeführten Auflagen. Aber            Regulierungsintensität.
                            insbesondere auf der Kostenseite lassen                     Aus dem Ergebnis der Studie folgt eine
                            sich die Auswirkungen einzelner Auflagen              Politikimplikation: Politische Entscheidungs-
                            nicht einfach aufaddieren, wie eine neuere            träger sollten im Rahmen einer Politikfolge-
                            Studie von Coffey, McLaughlin und Peretto             abschätzung nicht nur den isolierten Effekt
                            (2016) zeigt. In ihrem Artikel analysieren die        neu implementierter Vorschriften berück-
                            Wissenschaftler anhand eines endogenen                sichtigen. Vielmehr muss der Effekt einer
                            Wachstumsmodells die Auswirkungen von                 verschärfenden Regulierung im Gesamtsys-
                            kumulierten Regulierungsbelastungen. Eine             tem beleuchtet werden. Nur so kann man
                            wichtige Erkenntnis der Studie besteht da-            ergründen, an welcher Stelle auf der Kosten-
                            rin, dass der Einfluss staatlicher Interventio-       kurve man eine bestimmte Regulierungspo-
                            nen auf das Wirtschaftswachstum höher ist             litik verorten kann. Wie kann die Politik die
                            als die Summe der Kosten, die sich bei einer          Herausforderung meistern, die kumulierten
                            statischen und isolierten Folgeabschätzung            Kosten der Regulierung stets auf einem
                            ergeben würde. Denn durch Regulierung                 maßvollen Niveau zu halten? Zwei Konzepte
                            werden Anreize für private Investitions- und          können diesbezüglich in der Regulierungs-
                            Innovationstätigkeiten verzerrt. Aufgrund             praxis effektive Unterstützung leisten – die
                            der wichtigen Rolle, die Innovation und               Aufstellung eines regulatorischen Haushalts
                            Produktivitätswachstum in einer Volks-                (regulatory budget) und die Einführung einer
                            wirtschaft spielen, haben die Verzerrungen,           One-in-(at least)-one-out Regel. Beide Kon-
                            die von den kumulierten Belastungen der               zepte werden in Abschnitt 2 diskutiert.
                            Regulierung ausgehen, spürbare Folgen

                          für die Kunden und attraktiveren Prämien                nem wahren Regulierungstsunami konfron-
                          bzw. einem besseren Zugang zu Versiche-                 tiert worden. Im Hinblick auf das Ergebnis des
                          rungsprodukten. Besonders deutlich zeigten              oben gezeigten Modells stellt sich die Frage,
                          sich die Wohlfahrtsgewinne für die Kunden               ob in den betroffenen Bereichen der Wirt-
                          im Kfz-Versicherungsmarkt. Dort führte der              schaft die Grenzkosten der Regulierung den
                          intensive Preiswettbewerb dazu, dass die                Grenznutzen übersteigen. Im Kapitel 3 wer-
                          Prämieneinnahmen der deutschen Kfz-Versi-               den zahlreiche Fallbeispiele aus der Versiche-
                          cherer in den Jahren 1996 bis 1999 rückläufig           rungswirtschaft aufgezeigt, die diese Vermu-
                          waren – selbst in nominaler Betrachtung.4 Da-           tung stützen.
                          rüber hinaus ist in den vergangenen zwanzig
                          Jahren die Produktauswahl in der Kfz-Versi-
                          cherung merklich gestiegen.
                              Seit der Finanzkrise ist der Finanzsektor,
                          darunter die Versicherungswirtschaft, mit ei-

                          4 Die positiven Auswirkungen der Liberalisierung des
                          deutschen Kfz-Versicherungsmarkts wurden in einer
                          Reihe wissenschaftlicher Untersuchungen festgestellt,
                          s. z. B. Wein (2001).

     Kosten und Nutzen der Regulierung
Regulierung und volkswirtschaftliche Leistungsfähigkeit         11

2 Auswirkungen der Regulierung
auf die volkswirtschaftliche
Leistungsfähigkeit
Der wirtschaftliche Erfolg eines Landes hängt maßgeblich davon ab, wie reguliert wird.

2.1 Eine Formel für effi­ziente                   thematisch anspruchsvollen Funktionsweise
Regulierungspolitik                               von Lebensversicherungen verstehen, denn
                                                  sie können sich auf staatlich garantierte Qua-
                                                  litäts- und Sicherheitsstandards verlassen.
Generell sind kompetitive Märkte der beste             Wie kann sichergestellt werden, dass Re-
Weg, um eine wohlfahrtsmaximierende Al-           gulierung einerseits einen funktionierenden
lokation von Produktionsfaktoren in einer         Ordnungsrahmen für die
Volkswirtschaft zu erreichen. Damit sich die      Volkswirtschaft schafft,
                                                                                              Abbildung 2:
unsichtbare Hand im Marktmechanismus je-          aber gleichzeitig möglichst
doch entfalten kann, bedarf es eines stabilen     wenige Verzerrungen ver-            Die zentralen ordnungs­
Ordnungsrahmens. So müssen insbesondere           ursacht? Im Folgenden                 politischen Aufgaben
                                                                                              des Staates
die Eigentumsrechte der Marktteilnehmer und       werden Leitlinien formu-
die Regeln für einen fairen Wettbewerb defi-      liert, deren Einhaltung
niert werden. Wenn dieser Ordnungsrahmen          eine smarte Regulierungs-             Vertragsfreiheit und
ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Regu-        politik sicherstellen sollte:        Haftung gewährleisten
lierung und Entscheidungsfreiheit sicherstellt,
besteht kein Widerspruch zwischen der indi-
                                                                                          Eigentumsrechte
viduellen Nutzen- und Gewinnmaximierung           Proportionalität                           garantieren
der einzelnen Marktteilnehmer und der Ma-         „Gleiches Geschäft und glei-
ximierung der gesellschaftlichen Wohlfahrt.       che Risiken erfordern glei-
     Durch die Festlegung von Produktstan-        che Regeln.“ So sollte der                fairen Wettbewerb
dards und Normen wird technologische              Grundsatz einer aktivi-                       ermöglichen
Kompatibilität erhöht und damit der Handel        täts- und risikobasierten
von Gütern und Dienstleistungen erleichtert.      Regulierung lauten, um                     soziale Sicherheit
Man denke beispielswiese an die ökonomi-          faire Ausgangsbedingun-                         stiften
schen Vorteile, die ein einheitlicher Standard    gen im Wettbewerb für
für Ladekabel von Mobiltelefonen mit sich         alle Anbieter sicherzu-
                                                                                            makroökonomische
bringt. Ist die Qualität eines Gutes für den      stellen (Level Playing Field).           Stabilität bewahren
Verbraucher nicht direkt ersichtlich, dann        Im Umkehrschluss sollte
kann eine Regulierung außerdem eine wich-         einem unterschiedlichen           Quelle: GDV
tige Zertifizierungsfunktion übernehmen. In       Geschäfts- und Risikopro-
Deutschland und den meisten anderen Indus-        fil durch eine Proportiona-
triestaaten kann man beispielsweise mit ei-       lität in der Regulierung und Aufsicht Rech-
nem guten Gewissen in ein Linienflugzeug          nung getragen werden. Insbesondere bei klei-
steigen oder eine Lebensversicherung ab-          neren und mittelgroßen Marktteilnehmern
schließen. Die Konsumenten müssen nicht           besteht die Gefahr, dass die Kosten der Regu-
alle Details der Luftfahrttechnik oder der ma-    lierung im Verhältnis zum Geschäftsvolumen

Kosten und Nutzen der Regulierung
12     Regulierung und volkswirtschaftliche Leistungsfähigkeit

                            ausufern, wenn der Gedanke der Proportiona-            and solvency assessment). Gleichzeitig zeigt sich
                            lität nicht konsequent in die Praxis umgesetzt         derzeit aber auch wieder eine Tendenz, sehr
                            wird. Doch in der Regulierungspraxis besteht           detaillierte Regeln vorzugeben, etwa bei den
                            diesbezüglich noch Verbesserungsbedarf. So             Anforderungen an ein Outsourcing von Teilen
                            zeigt beispielsweise eine kürzlich erschienene         der Wertschöpfungskette oder bei der Regulie-
                            Studie der Universität St. Gallen5, dass die           rung der IT-Sicherheit (vgl. Kapitel 3).
                            Lasten der Regulierung bei Versicherungsun-
                            ternehmen im deutschsprachigen Raum nicht
                            immer in Proportion zum Geschäfts- und Ri-             Planbarkeit
       Ein gesamtheit-      sikoprofil stehen – mehr dazu im Kapitel 3.                Unternehmen benötigen den nötigen Spiel-
           licher Ansatz                                                               raum und Planbarkeit, um sich auf ihre Kern­
        ist wichtig: Um                                                                aufgaben konzentrieren zu können. Das gilt
            Regulierung     Prinzipienbasierung                                        vor allem in einem schwieriger werdenden
              erfolgreich   Die Regulierung der Marktteilnehmer sollte gesamtwirtschaftlichen Umfeld und vor dem
       ausgestalten zu      sich an Prinzipien orientieren und auf de- Hintergrund eines harten internationalen
       können, müssen       taillierte Vorgaben möglichst verzichten. Wettbewerbs. In einem Regulierungsrahmen,
     viele unterschied-     Innerhalb des vorgegebenen Regu-                              der sich in einem starken Wandel befindet,
         liche Faktoren     lierungsrahmens sollten für                                             sind mittelfristige Geschäftspla-
      beachtet werden.      die Unternehmen Um-                                                           nungen und Investitions-
                            setzungsspielräume                               Propor-                         entscheidungen für Un-
                            entsprechend ih-                                tionalität                          ternehmen nur unter
                            rer jeweiligen                                                                        erschwerten Bedin-
                            individuellen                                                                          gungen möglich.
                            Situation be-                                  Abbildung 3:                              Komplexe Regu-
                            stehen. Dies                Prinzipien-                                                   lierungsreformen
                                                        basierung              Gute               Planbarkeit
                            vermeidet                                     Regulierung:                                werden in vielen
                            die Effizienz-                               Auf jedes Glied                              Fällen als großer
                            verluste einer                                in der Kette                                Risikofaktor für
                            zu starren Re-                               kommt es an!                                 die Geschäfts-
                            gulierung und                                                                            entwicklung ge-
                            senkt den An-                       Evidenz-                    Innovations-            sehen – mehr dazu
                            passungsbedarf                     basierung                   freundlichkeit         im Kapitel 3. Regulie-
                            bei veränderten                                                                     rungsreformen sollten
                            Gegebenheiten (wie                                                               daher transparent und be-
                                                                              Quelle: GDV
                            etwa einer fortschrei-                                                        rechenbar sein. Notwendige
                            tenden Digitalisierung). Im                                              zeitliche Vorläufe in der Imple-
                            bestehenden Regelwerk wird zuneh-                              mentierung sollten beachtet werden. Eine
                            mend ein prinzipienbasierter Ansatz verfolgt. sparsame Einführung neuer Auflagen und die
                            So ist z. B. in der Versicherungsaufsicht mit Vermeidung zu häufiger Veränderungen sind
                            der Einführung von Solvency II (vgl. Kapitel in jedem Fall geboten.
                            3.6) der Wechsel von einem regelbasierten
                            auf ein prinzipienbasiertes Aufsichtssystem
                            erfolgt. Statt starrer Vorgaben gelten nun An- Innovationsfreundlichkeit
                            lagegrundsätze. So wird in Säule 1 Anlage- Um innovativ sein zu können, benötigen
                            freiheit in dem Maße gewährt, wie das Un- Unternehmen einen flexiblen Handlungs-
                            ternehmen über Eigenmittel verfügt. Und in spielraum und die Möglichkeit, Risiken ein-
                            Säule 2 wird dem Unternehmen überlassen, zugehen. Wichtig ist es daher, dass bei der
                            wie es im Einklang mit dem Prinzip des vor- Beurteilung von Regulierungsmaßnahmen
                            sichtigen Kaufmannes (Prudent Person Princi- mögliche negative Auswirkungen auf die In-
                            ple) seine Solvenz-Position beurteilt (Own risk novationskraft der Unternehmen immer mit-
                                                                                       bedacht werden. Gefordert ist z. B. die Techno-
                            5 Vgl. Eling und Kilgus (2014).                            logieneutralität der regulatorischen Vorgaben,

     Kosten und Nutzen der Regulierung
Regulierung und volkswirtschaftliche Leistungsfähigkeit              13

Unterschiedliche Arten von Kosten und Nutzen
Abbildung 4: Klassifizierung der Kosten und Nutzen der Regulierung

                Nutzen der Regulierung                       Kosten der Regulierung

              Wettbewerb garantieren                             Befolgungskosten
                    Eigentumsrechte                              Hassle costs
        makroökonomische Stabilität                              Verwaltungs- u. Aufsichtskosten
                   Verbraucherschutz                             Zusatzlasten

Quelle: GDV

die heute noch nicht überall gegeben ist. So         sicherungswirtschaft wird dies anhand einer
stehen derzeit in vielen Bereichen etwa noch         Reihe von Fallbeispielen in Kapitel 3 veran-
bestehende Papieranforderungen voll digita-          schaulicht. Um in einem hoch komplexen Um-
len Geschäftsmodellen entgegen. Ein Beispiel         feld möglichst gute Regulierungsentscheidun-
sind hier entsprechende Vorgaben in der Eu-          gen zu gewährleisten, sind hohe Standards der
ropäischen Versicherungsvertriebsrichtlinie          Rechtsetzung und der „regulatorischen Go-
(vgl. Abschnitt 3.8).                                vernance“ unverzichtbar. Die derzeitigen Be-
                                                     strebungen in Politik und Verwaltung um Ver-
                                                     besserungen in der Recht­setzung sind daher
Evidenzbasierung                                     zu begrüßen. Zentral ist beispielsweise, dass
In einer komplexen Wirtschaft sind die Aus-          umfassende und transparente Folgeabschät-
wirkungen einer regulatorischen Auflage im           zungen zur Regel werden und alle betroffenen
Vorfeld meist nicht genau abschätzbar. Die tat-      Stakeholder frühzeitig in den Reformprozess
sächlichen Belastungen der Regulierung für           einbezogen werden. Regelmäßige Ex-Post-Eva-       Evidenzbasierte Re-
Marktteilnehmer und der Zielerfüllungsgrad           luierungen sind ein wichtiges Mittel, um Fehl-    gulierung erfordert
stellen sich meist erst im Nachhinein heraus.        entwicklungen schnell erkennen und korrigie-      den politischen Mut,
Daher ist es wichtig, dass Regulierungsvor-          ren zu können.                                    solche Maßnahmen
haben in gewissen Zeitabständen einer kon-                                                             wieder abzuschaf-
sequenten Überprüfung unterliegen und                                                                  fen, die keinen an-
Maßnahmen mit ungünstigem Kosten-Nut-                                                                  gemessenen Beitrag
zen-Verhältnis rasch wieder aufgehoben bzw.          2.2 Die unterschiedlichen                         zu Wohlfahrt leisten.
geändert werden. Nur ein strukturierter Eva-         Wirkungskanäle einer
luierungsprozess kann eine fortwährende Ver-
besserung in den Regelwerken sicherstellen.          Regulierungspolitik
Claudia Buch, Vizepräsidentin der Bundes-
bank: „Das Ergebnis einer strukturierten Bewertung   Eine Regulierungspolitik wirkt in der Regel
der Reformen kann sein, dass Bedarf für Änderungen   über unterschiedliche Kanäle. In Abbildung
angezeigt wird.“6                                    4 werden die entsprechenden Wirkungska-
     Schon die Schwäche eines einzelnen Ele-         näle einer Regulierung nach Kosten- und Nut-
ments in der Kette der oben genannten Leit-          zen-Positionen dargestellt.
linien kann die Leistungsfähigkeit eines Re-             Der Nutzen einer Regulierungsmaß-
gulierungsrahmens spürbar verringern bzw.            nahme ergibt sich aus dem Grad der Erfül-
hohe Kosten für die Volkswirtschaft verursa-         lung der regulierungspolitischen Ziele. Hierbei
chen. Bei der Ausgestaltung einer optimalen          kann es sich beispielsweise um die Korrektur
Regulierung kommt es daher auf jedes Glied           von Externalitäten handeln, die Verbesserung
in der Kette an (siehe Abbildung 3). Für die Ver-    des Informationsstands für Endverbraucher
                                                     oder die Sicherstellung eines fairen Wettbe-
6 Handelsblatt 14. März 2018.                        werbs in den Märkten. Darüber hinaus sind

Kosten und Nutzen der Regulierung
14     Regulierung und volkswirtschaftliche Leistungsfähigkeit

     Befolgungskosten betreffen viele Unternehmensbereiche
     Abbildung 5: Klassifizierung der Befolgungskosten

                                                                                                                         €     Projektmanagementkosten
          Personalschulungskosten                      €                                                                 €     Kosten für Data Processing
                             Rechtskosten              €                                                                 €     IT-Entwicklungskosten
                        Beratungskosten                €                                                                 €     Kosten für Personal Recruitment
                               Auditkosten             €                                                                 €     Kosten für IT-Support

     Quelle: ICF Consulting, Centre for European Policy Studies, Ausschnitt aus dem Fragebogen zur Studie der Befolgungskosten von regulatorischen
     Meldepflichten im Finanzsektor, November 2018, Darstellung des GDV

                                   viele Regulierungsmaßnahmen auch mit ei-                                    und Verzögerungen ergeben und eine zeitrau-
                                   nem indirekten Nutzen verbunden, wie z. B.                                  bende Erfüllung von Pflichtaufgaben im Un-
                                   Spill­over-Effekten im Zusammenhang mit                                     ternehmen thematisch weit entfernt ist vom
                                   der Einhaltung der gesetzlichen Vorschriften                                Kerngeschäft. Eine in 2013 im Auftrag der Eu-
                                   durch Dritte (sogenannte „indirekte Compli-                                 ropäischen Kommission durchgeführte Um-
                                   ance-Vorteile“) oder kaum quantifizierbaren                                 frage zu den Kosten und Nutzen der Regulie-
                                   Vorteilen, wie dem Schutz des sozialen Zusam-                               rung macht deutlich, dass hassle costs in vielen
                                   menhalts in einer Volkswirtschaft oder der Er-                              Bereichen der Wirtschaft einen merklichen
                                   reichung von makroökonomischer Stabilität.                                  Anteil an den Gesamtkosten der Regulierung
                                       Betrachtet man die Kostenseite der Regu-                                haben können.7
                                   lierung, so sind zunächst einmal die Befol-                                     Eine zweite wichtige Kostengruppe sind
                                   gungskosten zu nennen, also jene Investiti-                                 die Durchsetzungskosten, die von der staatli-
     Das Ausmaß von                onen und Ausgaben, mit denen die Unterneh-                                  chen Hand getragen werden. Sie beziehen sich
         Zusatzlasten              men und Bürger konfrontiert sind, um den in                                 insbesondere auf die regulierungspolitische
     der Regulierung               einer Rechtsvorschrift enthaltenen Verpflich-                               Gesetzgebung, Überwachung und Vollstre-
     wird nicht selten             tungen oder Anforderungen nachzukommen.                                     ckung. Durch die steigende Anzahl regulato-
        unterschätzt.              Dabei kann es sich beispielsweise um einen                                  rischer Auflagen, die in den vergangenen zehn
                                   erhöhten Personalaufwand oder Investitionen                                 Jahren in Kraft getreten sind, wuchsen auch
                                   in bestimmte Betriebsausstattungen handeln,                                 die Durchsetzungskosten in diesem Zeitraum
                                   die sich im Zuge der Erfüllung von Compli-                                  in vielen Bereichen spürbar. Dabei handelt es
                                   ance-Anforderungen ergeben. In Abbildung 5                                  sich um Belastungen, die letztendlich von den
                                   werden einige Bereiche aufgeführt, in denen                                 Unternehmen, Verbrauchern und Steuerzah-
                                   Befolgungskosten in Unternehmen in der Re-                                  lern getragen werden müssen.
                                   gel anfallen.                                                                   Last but not least verursachen regulatori-
                                       Die Befolgung von regulatorischen Aufla-                                sche Auflagen in fast allen Fällen Zusatzlas-
                                   gen in den Unternehmen ist zudem mit einer                                  ten (excess burden). Zusatzlasten entstehen
                                   Kostenart verbunden, die kaum quantifizier-                                 immer dann, wenn sich durch Regulierung
                                   bar ist. Es handelt sich um die sogenannten                                 die relativen Preise zwischen Gütern ändern
                                   hassle costs (Kosten einer mühevollen Aus-                                  oder die Verfügbarkeit bzw. Qualität einge-
                                   einandersetzung mit regulatorischen Aufla-                                  schränkt wird. Derartige Marktverzerrungen
                                   gen).7 Diese entstehen beispielsweise, wenn                                 können einen spürbaren Einfluss auf die ge-
                                   sich im behördlichen Austausch Wartezeiten                                  samtwirtschaftliche Wohlfahrt haben, da sie
                                                                                                               die Funktionsweise des Markts insgesamt
                                   7 Vgl. Renda et al. (2013).                                                 einschränken und sich damit auch dynami-

     Kosten und Nutzen der Regulierung
Regulierung und volkswirtschaftliche Leistungsfähigkeit   15

    sche Anreize für Innovation oder Investitio-                           neuen wirtschaftspolitischen Ausrichtung der
    nen verringern. Die hohe Bedeutung dieser                              amerikanischen Regierung, Wachstumskräfte
    Zusatzlasten gerade für die Leistungsfähigkeit                         stärken zu wollen, gewinnt das Politikfeld „Re-
    der Versicherungsmärkte wird in Abschnitt                              gulierung“ vor allem auf internationaler Ebene
    3.3 erläutert.                                                         wieder an Bedeutung (vgl. The Council of Eco-
                                                                           nomic Advisers 2017).
                                                                                Ein fester Bestandteil ist die Analyse des
                                                                           regulatorischen Umfelds seit Längerem im
    2.3 Das regulatorische                                                 Zusammenhang mit der Messung der inter-
    Umfeld in der gesamtwirt-                                              nationalen Wettbewerbsfähigkeit. Hier gibt es
                                                                           eine Vielzahl von Indikatoren, die neben Ein-
    schaftlichen Perspektive                                               flussfaktoren wie Steuern oder der Offenheit
                                                                           der Märkte auch den Regulierungsgrad ein-
    Die Auswirkungen regulatorischer Maßnah-                               beziehen. Zu den bekanntesten Standortver-
    men werden überwiegend im Branchenkon-                                 gleichen zählen der „Ease of Doing Business
    text betrachtet, etwa in Bezug auf die Versi-                          Report“, der „Global Competitiveness Report“,
    cherungswirtschaft (siehe Abschnitt 3). Seit                           der „Economic Freedom Index“ oder auch das
    mehr als 10 Jahren hat aber auch das Interesse                         „IMD World Competitiveness Ranking“. Die
    an der Rolle der Regulierung für die gesamt-                           Veröffentlichung der Rankings findet in der
    wirtschaftliche Entwicklung deutlich zuge-                             Regel breite Aufmerksamkeit. Die Ergebnisse
    nommen, nicht zuletzt, weil eine regulatori-                           weisen dabei mitunter eine größere Bandbreite
    sche Beschränkung der Produktionsfaktoren                              auf, abhängig von der Zusammensetzung der
    Arbeit, Kapital oder Technologie nachteilige                           Indikatoren und deren Gewichtung (siehe Ta-
    Wachstumseffekte nach sich ziehen kann.                                belle 1).
         In Deutschland hat das Thema insbeson-                                 Für die Analyse der gesamtwirtschaft-
    dere in den 1990er Jahren große Aufmerksam-                            lichen Effekte der Regulierung greifen wir
    keit erlangt, als die Wirtschaftspolitik mit dem                       direkt auf jene Teilindizes zurück, die sich
    Abbau zahlreicher regulatorischer Hindernisse                          ausschließlich mit regulatorischen Aspekten
    z. B. in den Sektoren Post und Telekommuni-                            beschäftigen. Eine deutliche Abgrenzung des
    kation einen erfolgreichen Beitrag zur He-                             Bereichs Regulierung von anderen Einfluss-
    bung des Wachstumspotenzials geleistet hat.                            faktoren weist dabei der „Economic Freedom
    Verbraucher konnten in der Folge von erheb-                            Index“ (EF-Index) auf. Für unsere weiteren
    lichen Preissenkungen profitieren. Vor dem                             Analysen verwenden wir daher im Folgenden
    Hintergrund der globalen Finanzkrise im Jahr                           dessen Teilindex „Regulation“. Regulierung
    2008 sind diese Bemühungen allerdings na-                              bezieht sich hier auf die Teilbereiche „Labour
    hezu vollständig zum Erliegen gekommen. In                             Market Regulations“, „Credit Market Regu-
    jüngster Zeit wird jedoch wieder ein stärkeres                         lations“ und „Business Regulations“. Analog
    Interesse an den wirtschaftlichen Folgen der                           zum Vorgehen der IW-Consult könnte aus ver-
    Regulierung erkennbar. Ein Beispiel ist die                            schiedenen Teilindikatoren auch ein eigener
    Diskussion um die Nutzung der mit der Digita-                          Indikator konstruiert werden (vgl. Vbw-Studie
    lisierung verbundenen Chancen. Auch mit der                            (2017)). Die Ergebnisse dieser Studie legen aber

Bei Weitem nicht in der Spitzenklasse
Tabelle 1: Position Deutschlands in verschiedenen internationalen Wettbewerbsrankings

                                 Ease of Doing               Global Compe-                     Economic       IMD World Compe-
    Index                             Business          titiveness Ranking                Freedom Index       titiveness Ranking
    Jahr                                    2018                         2018                        2016                 2018


    Ranking                       20 (von 190)                   3 (von 140)                   20 (von 162)         15 (von 63)

Quelle: Fraser Institute, IMD World Competitiveness Center, World Bank, World Economic Forum

    Kosten und Nutzen der Regulierung
16    Regulierung und volkswirtschaftliche Leistungsfähigkeit

                         Regulierung: Deutschland (nur) durchschnittlich
                         Tabelle 2: Ranking Teil-Index Regulation

                                                             Indexwert                     Credit market                Labor market       Business
                             Länder                         von 0 bis 10       Rang          regulations                  regulations   regulations
                             Hongkong                               9,44            1                     10                    9,37          8,95
                             Neuseeland                             9,16            2                     10                    8,83          8,65
                             Singapur                               8,98            3                     10                    7,67          9,27
                             USA                                    8,83            5                  9,33                     9,14          8,01
                             Kanada                                 8,51            7                  9,71                     8,18          7,65
                             Schweiz                                8,48            9                  9,31                     7,85          8,27
                             Dänemark                               8,32          14                   9,77                     7,32          7,88
                             Niederlande                            8,27          15                   9,12                     7,45          8,26
                             UK                                     8,23          17                   8,17                      8,4          8,11
                             Deutschland                            7,99          29                   8,33                     7,44          8,19
                             OECD Durchschnitt                      7,81          34                   9,19                     6,75          7,47

                         
                             Frankreich                             7,46          54                   9,44                     5,62          7,31

                         Quelle: Fraser Institute, IMD World Competitiveness Center, World Bank, World Economic Forum

                             nahe, dass in diesem Fall keine größeren Ab-                           oder auch der hohen makroökonomischen
                             weichungen zu erwarten sind.                                           Stabilität, aber nicht mit dem regulatorischen
                                 Nach den Analysen des Fraser Instituts                             Umfeld.
                             nimmt Deutschland im Bereich Regulierung                                    Im Ergebnis bleibt festzuhalten, dass
                             keinen Spitzenplatz ein (siehe Tabelle 2). Mit                         Deutschland als fünftgrößte Volkswirtschaft
                             einem Indexwert von knapp 8 im Fraser-Ran-                             der Welt mit seiner hohen internationalen Ori-
                             king liegt Deutschland hinter wichtigen Wett-                          entierung mit einer „durchschnittlichen Plat-
                             bewerbern. Dabei stehen höhere Werte für ein                           zierung“ nicht zufrieden sein kann. Vielmehr
                             weniger intensives regulatorisches Umfeld.                             gilt es zu analysieren, welche wirtschaftspoliti-
                             So erhalten die USA, aber auch einige europä-                          schen Maßnahmen ergriffen werden können,
                             ische Nachbarländer wie die Schweiz und die                            um das regulatorische Umfeld auch hierzu-
                             Niederlande deutlich bessere Beurteilungen.                            lande weiter zu verbessern.
                             Zwar hat sich auch Deutschland im Bereich                                   Die Themen Bürokratieabbau und bessere
                             der Regulierung zuletzt etwas verbessert und                           Rechtsetzung stehen seit längerem auch auf
                             liegt oberhalb der Durchschnittswerte für die                          der Agenda der Bundesregierung. Kernanlie-
                             OECD-Länder. Im Vergleich zum Gesamter-                                gen ist dabei vor allem ein Abbau bürokrati-
                             gebnis des Economic Freedom Indizes fällt die                          scher Belastungen für Unternehmen, aber
                             Platzierung für Deutschland im Bereich Regu-                           auch der privaten Haushalte sowie der Ver-
                             lierung allerdings nur unterdurchschnittlich                           waltung. Zu diesem Zweck wurden zunächst
                             aus. Zu betonen ist, dass dieses Ergebnis der                          die Erfassung von Informationspflichten
                             Fraser-Analyse nicht im Widerspruch zu den                             und – ex ante – die systematische Messung
                             anderen Wettbewerbs-Rankings steht. Die                                von Kosten eingeführt, die aus der Befolgung
                             guten Platzierungen Deutschlands sind typi-                            von gesetzlichen Vorgaben entstehen. Diese
                             scherweise begründet in Faktoren wie dem gut                           Kostenschätzungen gehören seit 2011 zum
                             funktionierenden Innovationsprozess. Laut                              festen Bestandteil der Gesetzesvorlagen. Da-
                             dem letzten Global Competitivness Ranking                              bei werden sowohl der laufende Aufwand
                             2018 des Weltwirtschaftsforums ist Deutsch-                            als auch der einmalige Aufwand gemessen,
                             land im Bereich Innovationen sogar führend.                            der aus der Umstellung auf die neue recht-
                             Deutschland kann zudem punkten mit seinem                              liche Regelung entsteht. In der Gesetzesfol-
                             hohen Ausbildungsniveau der Beschäftigten                              genabschätzung wird bisher allerdings nur

     Kosten und Nutzen der Regulierung
Regulierung und volkswirtschaftliche Leistungsfähigkeit               17

der laufende Erfüllungsaufwand explizit           auf bestimmte Teilbereiche, z. B. FinTechs. Die
berücksichtigt.                                   Bundesregierung hat ein Drittes Bürokratie­
     Die jährliche Entwicklung des Erfüllungs-    entlastungsgesetz angekündigt.
aufwands zeigt zudem, dass in den letzten Jah-
ren kaum Fortschritte beim Abbau von Büro-
kratiekosten erzielt werden konnten. Vielmehr     Regulierungsinitiativen: Erfahrungen
war der gesamte Erfüllungsaufwand aus lau-        aus dem internationalen Umfeld
fenden und einmaligen Kosten in den letzten       Der Blick über die Grenzen zeigt, dass in ande-
Jahren stets größer null (siehe Abbildung 6),     ren Ländern wie den USA, aber auch Großbri-
sodass der kumulierte Aufwand, der durch Re-      tannien oder Kanada dem Thema Abbau von
gulierungsvorhaben zwischen 2012 und 2017         Bürokratiekosten bzw. regulatorischer Vorga-
entstand, mittlerweile beträchtlich ist (rund     ben eine deutlich höhere Priorität zugemessen
0,7 % des BIP). Bezeichnenderweise entfiel die    wird.                                             Neue Regulierung
größte Belastung für Unternehmen im Jahr               In den USA hat Präsident Trump bereits       sollte stets mit
2017 auf die Umsetzung der EU-Richtlinie          frühzeitig angekündigt, dass regulatorische       einer regulatori-
zum Versicherungsvertrieb (IDD). Wie sich         Reformen in seiner Präsidentschaft zu den         schen Entlastung
bei der konkreten Betrachtung der Versiche-       Kernbereichen seiner Wirtschaftspolitik zäh-      an anderer Stelle
rungswirtschaft – zum Beispiel gerade bei der     len. Im Januar 2017 folgte dann ein erster Er-    einhergehen, damit
IDD – zeigt, dürfte es sich beim ermittelten      lass, nach dem die amerikanischen Behörden        die kumulierten
Erfüllungsaufwand zudem in aller Regel um         verpflichtet werden, regulatorische Kosten        Kosten nicht stetig
eine deutliche Unterschätzung handeln.            weiter zu senken. Der Erlass knüpft insofern      steigen: One-in, (at
     Zusätzlich hat sich die Bundesregierung      an frühere Initiativen an. Als konkrete Maß-      least) One-out.
im Jahr 2015 auch zu einer „One-in, One-out       nahmen wurden zu diesem Zweck die „One-in,
Regel“ verpflichtet. Danach ist für jede be-      Two-out Regel“ sowie ein „regulatorisches
lastende neue Regelung eine Entlastung in         Budget“ eingeführt. Zusätzliche regulatori-
gleicher Höhe zu schaffen. Allerdings gibt        sche Kosten dürfen nach dieser Regel (für das
es keinen Automatismus, nach dem die von          Fiskaljahr 2017) nicht entstehen. Damit ver-
neuen Regeln Betroffenen auch im Gegenzug         bunden ist auch eine Abkehr von dem bisher
zu entlasten sind. Insofern können einzelne       praktizierten Ansatz einer Abwägung von Kos-
Wirtschaftsbereiche unterschiedlich betrof-       ten und Nutzen regulatorischer Maßnahmen.
fen sein. Zudem bezieht sich die „One-in, One-    In der Literatur wird hierzu häufig angeführt,
out Regel“ nur auf laufende Kosten. Auch die      dass mit einem Fokus auf regulatorische Kos-
Umsetzung von EU-Recht in nationales Recht        ten ein effizienteres Regulierungsergebnis ver-
wird nicht erfasst. Regulatorische Reformen       bunden ist, da damit politökonomische Anreiz-
beziehen sich in Deutschland aktuell vor allem    probleme im Kosten-Nutzen-Ansatz entfallen.

Erfüllungsaufwand der Wirtschaft weiter angestiegen
Abbildung 6: Erfüllungsaufwand deutscher Unternehmen durch neue Regulierungsvorgaben

     laufend       einmalig
Mrd. €
20

15

10

 5

 0

-5
               2012           2013   2014     2015        2016         2017        insges.
Quelle: Destatis

Kosten und Nutzen der Regulierung
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