Neuer Schwung? EY Attractiveness Survey Deutschland Juni 2019 - Standort Deutschland 2019

 
Neuer Schwung? EY Attractiveness Survey Deutschland Juni 2019 - Standort Deutschland 2019
Standort Deutschland 2019:

Neuer Schwung?
EY Attractiveness Survey
Deutschland
Juni 2019
Neuer Schwung? EY Attractiveness Survey Deutschland Juni 2019 - Standort Deutschland 2019
Inhalt

    Vorwort                                          03

    1
                Image und Wahrnehmung                04

    2
                Ausländische Investoren in           26
                Deutschland und Europa

    Methodik                                         36

    Zum EY „Attractiveness Program“                  38

    Kontakt                                          39

2   EY Attractiveness Survey Deutschland Juni 2019
Neuer Schwung? EY Attractiveness Survey Deutschland Juni 2019 - Standort Deutschland 2019
ey.com/attractiveness

Vorwort

Nach einigen guten Jahren mit relativ      genen Jahr zurück. Ähnlich groß fiel                      Hubert Barth
hohen Wachstumsraten und steigenden        der Rückgang in Großbritannien im Vor-                    Vorsitzender der Geschäftsführung
                                                                                                     EY Deutschland
Investitionen nimmt derzeit der Gegen-     feld des Brexits aus. Frankreich hinge-
wind für den Standort Deutschland und      gen konnte deutlich mehr ausländische
die deutsche Wirtschaft zu: Das Wirt-      Unternehmen anziehen und zieht im
schaftswachstum in Deutschland und         Standortranking an Deutschland vorbei.
Europa stockt, auch wichtige Auslands-
märkte zeigen Schwächesymptome.            Hat Deutschland versäumt, in den
Bei vielen großen deutschen Unterneh-      zurückliegenden Jahren genug in die
men sind die Gewinne derzeit unter         eigene Zukunftsfähigkeit zu inves-
Druck, und technologische Umbrüche         tieren? Sind Politik und Wirtschaft
stellen traditionelle Geschäftsmodelle     angesichts hoher Steuereinnahmen und
infrage. Viele Unternehmen beschäfti-      einer sinkenden Arbeitslosigkeit satt
gen sich aktiv mit der Reorganisation      und reformmüde geworden, während                          Bernhard Lorentz
ihrer Geschäftsbereiche, Kostensen-        um Deutschland herum eine neue Dyna-                      Leiter Government and Public Sector
                                                                                                     Deutschland, Österreich, Schweiz
kungsmaßnahmen stehen weit oben auf        mik entsteht? Braucht es einen Weckruf
der Agenda.                                für den Standort Deutschland?

Deutschland war im Anschluss an die        Fest steht: Einige für Deutschland
Krisen von 2009 und 2012 der wich-         wichtige Industriebranchen befinden
tigste Wachstumsmotor der europäi-         sich in einem tiefgreifenden techno-
schen Wirtschaft — doch das ist vorbei:    logischen Umbruch, der sogar ganze
Mit einem Wirtschaftswachstum von          Geschäftsmodelle erfasst. Neue Wett-
1,4 Prozent belegte Deutschland im         bewerber drängen mit unkonventionel-
vergangenen Jahr nur Rang 24 unter         len Ideen auf den Markt und fordern
den 28 EU-Mitgliedstaaten. Und für das     deutsche Konzerne heraus. Bei der digi-      Gleichzeitig steht Deutschland vor der
laufende Jahr erwartet das Bundeswirt-     talen Infrastruktur scheint Deutschland      Herausforderung, sich gemeinsam mit
schaftsministerium sogar nur noch ein      vielen anderen europäischen Ländern          den europäischen Partnern als ernst zu
Wachstum von 0,5 Prozent.                  hinterherzuhinken. Im Digital Economy        nehmende Kraft zu behaupten — sowohl
                                           and Society Index (DESI) der Europä-         als Wirtschaftsmacht als auch als hand-
Weltweit befinden sich Politik und         ischen Kommission liegt Deutschland          lungsfähiger politischer Akteur.
Wirtschaft im Umbruch: Geopolitische       nur im Mittelfeld, der größte Nach-
Spannungen nehmen zu, Sanktionen,          holbedarf besteht demnach bei der            Die Weiterentwicklung Deutschlands
neue Zollschranken und Handelskriege       Online-Interaktion zwischen Behörden         von einem führenden Industrie- und
bestimmen die Schlagzeilen und führen      und Bürgern — hier belegt Deutschland        Hochtechnologiestandort zu einem
zu einer Verunsicherung an den Börsen      nur Platz 23 von 28.                         Digitalstandort, der sich ebenfalls an
und in den Chefetagen der Unterneh-                                                     der Weltspitze etablieren kann, ist heu-
men. In diesen unruhigen Zeiten könnte     Politische Stabilität und Berechenbar-       te die große Herausforderung. Einige
der Standort Deutschland sich eigent-      keit sind für einen Standort ein hohes       Entwicklungen — etwa die große Dyna-
lich als Fels in der Brandung, als Hort    Gut. Aber auch ein wettbewerbsfähiges        mik bei vielen deutschen Konzernen —
der Stabilität erweisen. Allerdings        Steuersystem, wirtschaftliche und poli-      stimmen optimistisch, dass dieses
sinken sowohl die Standortzufrieden-       tische Aufbruchstimmung und Dynamik          Ziel gelingen kann. An anderer Stelle
heit als auch die Zahl der ausländischen   sowie Offenheit für neue Technologien        herrscht hingegen eindeutig Hand-
Unternehmen, die sich für eine Inves-      sind wichtige Faktoren. Heute müssen         lungsbedarf — etwa bei der vielerorts
tition in Deutschland entscheiden: Um      die Weichen gestellt werden für die          unzulänglichen digitalen Infrastruktur,
13 Prozent gingen die ausländischen        Transformation der Wirtschaft, die im-       der Digitalisierung in der öffentlichen
Investitionen in Deutschland im vergan-    mer stärker eine digitale Wirtschaft ist.    Verwaltung oder dem Bildungssystem.

                                                                                   EY Attractiveness Survey Deutschland Juni 2019          3
Neuer Schwung? EY Attractiveness Survey Deutschland Juni 2019 - Standort Deutschland 2019
1
Image und
Wahrnehmung

56 %                             der Unternehmen

    bezeichnen Westeuropa als
    Top-Standort weltweit.

4      EY Attractiveness Survey Deutschland Juni 2019
Neuer Schwung? EY Attractiveness Survey Deutschland Juni 2019 - Standort Deutschland 2019
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Trotz der aktuellen konjunkturellen                                             56 Prozent der Manager internationaler Unternehmen,
                                                                                die für diese Studie befragt wurden, bezeichnen Westeuropa
Abkühlung, die weite Teile Europas                                              als einen der drei Top-Investitionsstandorte weltweit. Im
erfasst hat, und trotz des bevorstehenden                                       Vergleich zum Vorjahr ist der Attraktivitätswert sogar um
Austritts Großbritanniens aus der                                               3 Prozentpunkte gestiegen.

Europäischen Union erfreut sich der                                             Ebenfalls gestiegen ist die Attraktivität Nordamerikas —
Investitionsstandort Westeuropa der-                                            die Region wird derzeit von 38 Prozent der Manager als Top-
                                                                                Standort angesehen. Osteuropa liegt mit 40 Prozent etwa
zeit großer Beliebtheit.                                                        auf dem Vorjahresniveau und leicht vor Nordamerika.

                                                                                China rutscht im Regionen-Ranking vom dritten auf den
                                                                                vierten Platz ab und ist nur noch für 37 Prozent der
                                                                                Befragten einer der drei attraktivsten Standorte weltweit —
                                                                                ein Rückgang um fünf Prozentpunkte.

                                                                                Asien (ohne China) liegt mit 17 Prozent etwa auf dem Niveau
                                                                                des Vorjahres. Dahinter platzieren sich mit jeweils 12 Prozent
                                                                                Indien und Lateinamerika, knapp vor Russland und dem
                                                                                Mittleren Osten.

Europa vor China attraktivstes Investitionsziel weltweit
„Welche drei Regionen sind derzeit aus Ihrer Sicht die attraktivsten Investitionsstandorte weltweit?“

                                                             56 %    (53)                 40 %
                                38 %                                                           (41)
                                   (34)
                                                               Westeuropa
                                                                                           Osteuropa
                             Nordamerika
                                                                                                           China                                 37 % (42)
                                                                                               Asien (ohne China)              17 % (18)
                                                                                                           Indien          12 % (13)
                                                                                                   Lateinamerika           12 % (11)
                                                                                                        Russland          11 % (13)
                                                                                                   Mittlere Osten         11 % (9)
                                                                                                      Nordafrika         9 % (10)
                                                                                                          Japan          9 % (7)
                                                                                                        Brasilien      6 % (6)

Bis zu drei Nennungen möglich; Grundgesamtheit: n = 506; Vorjahreswerte in Klammern

                                                                                                 EY’s Attractiveness Survey Country Month 2019         5
Neuer Schwung? EY Attractiveness Survey Deutschland Juni 2019 - Standort Deutschland 2019
1. Image und Wahrnehmung

Insgesamt bestätigt sich damit das                 Gute Noten für den Standort Westeuropa
Bild der Vorgängerstudien, wonach                  „Welche drei Regionen sind derzeit aus Ihrer Sicht die attraktivsten
Westeuropa von internationalen In-                 Investitionsstandorte weltweit?“ (Die Frage wurde 2016 nicht gestellt)
vestoren trotz aller politischen und                      60
wirtschaftlichen Herausforderungen                                                                                                                       56
                                                                                                                           53             53
als bemerkenswert attraktiver Investi-                    50
                                                                                                            50
tionsstandort wahrgenommen wird.                                      44                       45 44
                                                                                     43
Zum Vergleich: Im „Eurokrisenjahr“                                                                                                             42
                                                          40                                                     38 39               39
                                                                                                                                                              37 38
2012 bezeichnete gerade einmal                                                  37                                              37
                                                                 33                                                                                 34
jeder dritte befragte Investor West-                                                                   31
                                                          30                              29
europa als Top-Standort, während
44 Prozent für China votierten.                                            21
                                                          20

Seitdem hat Westeuropa erheblich
Boden gutgemacht. Nordamerika mit                         10
dem wirtschaftlichen Kern USA konn-
te zwar zulegen, liegt aber immer                          0
noch knapp unter dem Niveau des                                   2012           2013           2014         2015           2017           2018           2019

Jahres 2017. Die massiv auf Stärkung                                              Westeuropa                       China                       Nordamerika
der US-Wirtschaft setzende „America
First“-Politik der Regierung Trump                 Angaben in Prozent; bis zu drei Nennungen möglich
scheint also zumindest bislang nicht
zu einer grundsätzlichen Neube-
wertung des Standorts aufseiten
internationaler Investoren geführt
zu haben.

                                                                                Methodik
                                                                                Es wurde die „gefühlte“ Attraktivität Europas und
                                                                                Deutschlands für ausländische Investoren ermittelt,
                                                                                d. h. die Ansichten und Meinungen, die in der Umfrage
                                                                                unter 506 internationalen Entscheidungsträgern zur
          Westeuropa konnte                                                     Attraktivität Europas geäußert wurden. Diese Führungs-
                                                                                kräfte — aus allen Ländern, Branchen und Geschäfts-
          seit der Schuldenkrise                                                modellen — wurden von einem unabhängigen Marktfor-
          kontinuierlich Boden                                                  schungsinstitut befragt.

          gutmachen.                                                            Zusätzlich wurden zur Messung der Attraktivität
                                                                                Deutschlands aus Sicht ausländischer Investoren in
                                                                                einer gesonderten Befragung weitere 203 Entscheidungs-
                                                                                träger ausländischer Unternehmen zu ihrem Urteil über
                                                                                den Standort Deutschland befragt.

6      EY Attractiveness Survey Deutschland Juni 2019
Neuer Schwung? EY Attractiveness Survey Deutschland Juni 2019 - Standort Deutschland 2019
ey.com/attractiveness

1.1
Renaissance der Industrieländer
als Investitionsstandorte
Insgesamt bestätigt sich der Trend der Vorjahre: Die west-                          schärft wurde die ohnehin angespannte Situation durch
lichen Industrieländer können weiter Zugewinne verbuchen.                           die Entscheidung Großbritanniens, die EU zu verlassen, aber
Die Attraktivität Westeuropas stieg seit 2012 um 23 Pro-                            auch durch den Schwenk zu autoritären Regierungssystemen
zentpunkte, Nordamerika verbesserte sich immerhin um                                gerade im Osten Europas.
17 Prozentpunkte. Auch Osteuropa legte erheblich zu: Die
Zustimmung stieg um 19 Prozentpunkte — trotz des leichten                           Europa gibt also nach außen nicht immer ein geschlossenes
Rückgangs in diesem Jahr. Parallel dazu verloren die soge-                          Bild ab — was durch politische Uneinigkeit in wichtigen Fragen
nannten BRIC-Länder insgesamt stark an Bedeutung: Wäh-                              und die unterschiedliche wirtschaftliche Leistungsfähigkeit
rend China gegenüber 2012 sieben Prozentpunkte einbüßt,                             der europäischen Länder noch verstärkt wird.
verliert Russland acht, Indien neun und Brasilien sogar
zwölf Prozentpunkte.                                                                Gleichzeitig verfolgen die wichtigsten Konkurrenten Europas
                                                                                    im globalen Standortwettbewerb — die Vereinigten Staaten
Es ergibt sich insgesamt also eine Renaissance der etab-                            und China — zunehmend eine aggressive, an nationalen Inte-
lierten westlichen Industrienationen, während die Schwel-                           ressen ausgerichtete Industriepolitik, die immer weniger auf
lenländer an Attraktivität einbüßen. Bemerkenswert an                               Kooperation und Freihandel setzt. Kann sich Europa in diesem
dieser Entwicklung ist vor allem das positive Abschneiden                           Umfeld als bedeutender Wirtschaftsstandort behaupten?
Westeuropas — gerade angesichts der zunehmenden geo-
politischen Spannungen und Handelskonflikte, einer sich                             Der Optimismus der Investoren in Bezug auf die zukünftige At-
abschwächenden wirtschaftlichen Dynamik in Europa und                               traktivität Europas als Investitionsziel scheint auf den ersten
wachsender Zweifel an der politischen Einheit der euro-                             Blick eine positive Antwort darauf zu geben: Immerhin 37 Pro-
päischen Länder.                                                                    zent der Befragten rechnen mit einer steigenden Attraktivität.
                                                                                    Vor einem Jahr lag der Anteil allerdings mit 50 Prozent deut-
Obendrein bestehen nach wie vor Zweifel an der Belast-                              lich höher. Gleichzeitig ist der Anteil der Befragten, die von
barkeit sowohl der öffentlichen Finanzen als auch des Finanz-                       einer nachlassenden Anziehungskraft Europas für Investoren
sektors in einigen europäischen Ländern. Zusätzlich ver-                            ausgehen, von 12 auf 20 Prozent gestiegen.

Unternehmen rechnen mit steigender Attraktivität Europas für Investoren
„Wie wird sich Ihrer Ansicht nach die Attraktivität Europas als Investitionsziel im Laufe der kommenden
drei Jahre entwickeln?“ (Die Frage wurde 2016 nicht gestellt)

         38                    39                                                                    35                                           37
                                                  54                                                                       50
                                                                               59

         39                    37                                                                    41                                           41

                                                                                                                           36
                                                  33
                                                                              33

         22                    23                                                                    22                                           20
                                                  12                                                                       12
               1                     1                   1                     8                            2                    2                      2
        2012                  2013                2014                        2015                  2017                  2018                  2019

                                     Verbessern              Gleich bleiben                Verschlechtern            Keine Angabe

Angaben in Prozent; Grundgesamtheit: n = 506

                                                                                                       EY Attractiveness Survey Deutschland Juni 2019       7
Neuer Schwung? EY Attractiveness Survey Deutschland Juni 2019 - Standort Deutschland 2019
1. Image und Wahrnehmung

Mit dem nachlassenden Optimismus der Unternehmen,                            Diese Ergebnisse zeigen: Die Attraktivität Europas als
dass Europa in der Lage ist, die eigene Attraktivität als                    Investitionsstandort ist zwar weiterhin hoch, ob daraus
Investitionsstandort zu verbessern, geht eine sinkende                       allerdings tatsächliche Investitionen folgen, steht auf einem
Bereitschaft zu tatsächlichen Investitionen einher:                          anderen Blatt. Die Befragungsergebnisse scheinen zumindest
Der Anteil der befragten Investoren, die vorhaben, sich                      auf eine Abkühlung des Investitionsklimas hinzudeuten.
2019 in Europa anzusiedeln oder zusätzliche Geschäfts-
bereiche zu entwickeln, ist im Vergleich zum Vorjahr von
35 auf 27 Prozent gesunken — das ist der niedrigste Wert
seit 2013, als diese Frage erstmals gestellt wurde.

                                                   Geplante Investitionen in Europa: Negativtrend setzt sich fort
                                                   „Hat Ihr Unternehmen vor, sich im kommenden Jahr in Europa anzusiedeln
                                                   oder zusätzliche Geschäftsbereiche in Europa zu entwickeln?“
                                                   (Die Frage wurde 2016 nicht gestellt)

                                                        38 %            34 %                                       35 %
                                                                                          32 %       28 %                        27 %

                                                        2013             2014             2015       2017          2018          2019

                                                   Angaben in Prozent; Grundgesamtheit: n = 506

                                                                                          Die Bereitschaft zu
                                                                                          Neuinvestitionen in Europa
                                                                                          nimmt ab — trotz hoher
                                                                                          Attraktivitätswerte.

8      EY Attractiveness Survey Deutschland Juni 2019
Neuer Schwung? EY Attractiveness Survey Deutschland Juni 2019 - Standort Deutschland 2019
ey.com/attractiveness

1.2
Der Standort Deutschland im Detail:
Zufriedenheit rückläufig
Der Investitionsstandort Deutschland genießt bei ausländi-                        Anteil der positiven Bewertungen allerdings nur einmal —
schen Unternehmen nach wie vor hohes Ansehen — das zeigt                          im Jahr 2008 — niedriger als in diesem Jahr. Aus diesen
die detaillierte Befragung von 203 Managern ausländischer                         Zahlen lässt sich eine leicht gesunkene Attraktivität Deutsch-
Unternehmen zu Stärken und Schwächen des Standorts:                               lands ableiten, die umso schwerer wiegt, als sich gerade
64 Prozent der Manager äußern sich derzeit zustimmend zur                         Unternehmen, die in Deutschland aktiv sind, zunehmend
deutschen Standortpolitik, 15 Prozent bewerten sie sogar als                      kritisch äußern. Erst die kommenden Jahre werden zeigen,
uneingeschränkt investorenfreundlich.                                             ob die jüngsten Einbußen womöglich der Beginn eines Ab-
                                                                                  wärtstrends sind.
Auffallend ist, dass Unternehmen, die bereits in Deutschland
engagiert sind — und deren Urteil somit auf eigenen Erfahrun-
gen basiert —, ein weniger positives Urteil fällen als im Vor-
jahr: Der Anteil der positiven Bewertungen sinkt im Vergleich
zu 2018 von 77 auf 63 Prozent. Gleichzeitig verbessert sich
aber Deutschlands Image bei Unternehmen, die hierzulande
nicht engagiert sind: Aktuell bewerten 67 Prozent dieser
Unternehmen die Standortpolitik positiv — im vergangenen                                    In Deutschland tätige aus-
Jahr lag der Anteil bei 63 Prozent.
                                                                                            ländische Unternehmen üben
Unterm Strich fällt das Urteil des Auslands über den Stand-
                                                                                            zunehmend Kritik.
ort Deutschland damit etwas weniger positiv aus als im Vor-
jahr, wenngleich der Standort im Ausland nach wie vor einen
durchaus guten Ruf genießt. Im Zeitraum seit 2007 lag der

Mehrheit der Investoren lobt deutsche Standortpolitik
„Sind Sie der Ansicht, dass Deutschland heute eine für internationale Investoren interessante Politik umsetzt?“

11 %
Sicher nicht
                                                                 15 %Ja, sicher                            11 (25)
                                                                                                                                          21 (9)

                                                                                                           52 (52)
                                                                                                                                          46 (54)

25 %
                                                                49 %
Eher nicht
                                                                                                                                          14 (28)
                                                                                                           31 (17)
                                                                        Eher ja
                                                                                                                                          19 (9)
                                                                                                            6 (5)

                                                                                                 Unternehmen mit Geschäfts-    Unternehmen ohne Geschäfts-
                                                                                                   aktivität in Deutschland       aktivität in Deutschland

Angaben in Prozent; Grundgesamtheit: n = 203; ohne „Keine Angaben“; Vorjahreswerte in Klammern

                                                                                                      EY Attractiveness Survey Deutschland Juni 2019         9
Neuer Schwung? EY Attractiveness Survey Deutschland Juni 2019 - Standort Deutschland 2019
1. Image und Wahrnehmung

Zustimmung zur deutschen Standortpolitik sinkt auf 10-Jahres-Tief
„Sind Sie der Ansicht, dass Deutschland heute eine für internationale Investoren interessante Politik umsetzt?“
(Die Frage wurde 2009 nicht gestellt)

                     9
     14                           15                                                    13                                                                 15
                                               17                           17                         17
                                                             23                                                                                 21
                                                                                                                  27              25

                    50
     52                                                                                 56                                                                 49
                                               52            42                                        51
                                  60                                        55
                                                                                                                                  46            53
                                                                                                                  53

                    37                                                                                                                                     25
     27                                        23            28
                                                                            21          26                                         20
                                  19                                                                   30                                       20
                                                                                                                  13

             7            4            6             8              7             7           5               2          7                  9          6          11

     2007          2008         2010          2011           2012          2013        2014          2015         2016           2017           2018       2019

                                         Ja sicher                      Eher ja                   Eher nein                  Sicher nicht

Angaben in Prozent; Grundgesamtheit: n = 203 ; ohne „Keine Angaben”

Aus Investorensicht punktet der Standort Deutschland                                  Rückläufig sind ebenfalls die Bewertungen für die Standort-
vor allem mit seiner Verkehrsinfrastruktur und mit dem                                faktoren „Attraktivität des Binnenmarktes“ und „Potenzielle
Qualifikationsniveau der Arbeitskräfte: Mehr als vier von                             Produktivitätszuwächse“. Mehr Kritik als Lob gibt es zudem
fünf Managern bewerten diese Standortfaktoren hierzu-                                 in den Bereichen „Flexibilität des Arbeitsrechts“, „Unterneh-
lande als insgesamt attraktiv. Im Vergleich zum Vorjahr                               mensbesteuerung“, „finanzielle Anreize für Investoren“ und
ist der Grad der Zustimmung zur Infrastruktur sogar                                   „Arbeitskosten“. Bei diesen Faktoren ist zudem — mit Ausnah-
noch leicht gestiegen. Tatsächlich belegt Deutschland im                              me des Bereichs „Arbeitskosten“ — ein zum Teil deutlicher
„Logistics Performance Index“ der Weltbank seit Jahren                                Rückgang der Zustimmung zu beobachten.
den ersten Platz — aktuell vor Schweden, Belgien und
Österreich. Auch wenn es einen hohen Investitions- und                                Insgesamt zeigt sich, dass der Standort Deutschland in
Modernisierungsbedarf gibt, sind Straßen, Schienennetz,                               Bezug auf kostenseitige Faktoren und die Flexibilität arbeits-
Brücken und Wasserwege in Deutschland insgesamt                                       rechtlicher Bestimmungen eher kritisch bewertet wird. Hier
nach wie vor in einem guten Zustand.                                                  lautet das Urteil vieler Investoren wie schon in den Vorjahren
                                                                                      in Kurzform: „Die Arbeitskraft ist zu teuer, die Unterneh-
Fast genauso gut wie die Infrastruktur werden das poli-                               mensbesteuerung zu hoch, das Arbeitsrecht zu unflexibel.“
tische und rechtliche Umfeld sowie die Qualifikation der
Arbeitnehmer beurteilt. Während die Zustimmung beim                                   Ein Blick auf die Statistik zeigt, dass die Arbeitskosten
Thema „Politische und rechtliche Rahmenbedingungen“                                   in Deutschland im internationalen Vergleich tatsächlich
im Vergleich zum Vorjahr sogar nochmals deutlich gestie-                              relativ hoch sind. Laut Eurostat lagen sie in Deutschland
gen ist, sind beim Standortfaktor „Qualifikationsniveau“                              im vergangenen Jahr bei 34,60 Euro pro Stunde — der
leichte Einbußen zu verzeichnen.                                                      EU-Durchschnitt lag bei 27,40 Euro. Aufschlussreich

10          EY Attractiveness Survey Deutschland Juni 2019
ey.com/attractiveness

Die Stärken und Schwächen des Investitionsstandorts Deutschland
„Wie bewerten Sie Deutschland hinsichtlich folgender Standortfaktoren?“

                              Infrastruktur: Transport und Logistik                         43                                               43                      86 % (85)
         Stabilität und Transparenz des politischen, rechtlichen und
                                      ordnungspolitischen Umfelds
                                                                                           41                                               44                       85 % (76)
                             Qualifikationsniveau der Arbeitskräfte                         43                                              40                     83 % (86)
                                   Attraktivität des Binnenmarktes                   28                                          53                               81 % (85)
                                                     Soziales Klima                        39                                         38                     77 % (77)
                                 Infrastruktur: Telekommunikation                     31                                    41                        72 % (70)
                                Potenzielle Produktivitätszuwächse              21                                  47                            68 % (77)
                  Flexibilität der arbeitsrechtlichen Bestimmungen         10                        35                  45 % (54)
    Von der Regierung gewährtes Anreizpaket und Vergünstigungen            8                    32               40 % (51)
                                        Unternehmensbesteuerung            9                    28            37 % (38)
                                           Personal-/Arbeitskosten         7                30                37 % (35)
                                                                       0                   20                  40                      60                    80                  100

                                                                                                          Sehr attraktiv                    Eher attraktiv

Grundgesamtheit: n = 124 ; nur in Deutschland tätige Unternehmen; Vorjahreswerte in Klammern

ist der Vergleich zwischen Deutschland und den beiden                                     kräfte, das stabile politische und rechtliche Umfeld, aber
anderen wichtigen europäischen Investitionsstandorten                                     auch die bestehenden Spezialisierungen deutscher Konzerne,
Großbritannien und Frankreich: In Großbritannien fielen                                   die nach wie vor erhebliche Teile ihrer Produktion und ihrer
2018 nur 27,40 Euro an, in Frankreich hingegen 35,80 Euro,                                Produktentwicklung am Standort Deutschland belassen.
also mehr als in Deutschland.
                                                                                          Deutschlands weltweit hervorragender Ruf als Premium-
Die Befragungsergebnisse bestätigen in Summe das Bild                                     standort sowie der enge Verbund deutscher universitärer
von Deutschland als Premiumstandort. Eine klare Tendenz                                   und außeruniversitärer Forschungseinrichtungen mit hier
im Vergleich zum Vorjahr gibt es nicht — höchstens lässt sich                             ansässigen, weltweit agierenden Großkonzernen — das sind
feststellen, dass die bekannten Schwächen des Standorts                                   wichtige Vorzüge, die es zu erhalten und auszubauen gilt.
Deutschland zunehmend als Problem angesehen werden,                                       Auf der anderen Seite ist aber auch klar: Besonders lohn-
während bei den Standortfaktoren, die traditionell als                                    intensive Bereiche, bei denen vor allem die Arbeitskosten ins
Deutschlands Stärken gelten, anhaltend hohe Attraktivitäts-                               Gewicht fallen und weniger die Qualifikation der Beschäftig-
werte erzielt werden.                                                                     ten, werden am Standort Deutschland tendenziell eine immer
                                                                                          geringere Rolle spielen.
Deutschlands Vorteile liegen ganz klar im Bereich innovati-
ver, zukunftsweisender Produkte und Dienstleistungen —
dafür sprechen das hohe Qualifikationsniveau der Arbeits-

                                                                                                                 EY Attractiveness Survey Deutschland Juni 2019                11
1. Image und Wahrnehmung

Kommentar

     EY
     Viewpoint
                             Eine Steuerreform ist nötig,
                             um im internationalen Steuerwett-
                             bewerb zu bestehen!
                                                                  Es kann keinen Zweifel geben: Es ist genug Geld für den
                                                                  Staat da, um den Standort Deutschland durch Investitionen
                                                                  voranzubringen und den Unternehmen durch Steuersenkun-
     Henrik Ahlers
                                                                  gen die nötigen Mittel für Investitionen zu belassen. Doch
     Managing Partner Steuerberatung, EY
                                                                  ein Blick auf die kürzlich beschlossenen Haushaltseckpunkte
                                                                  zeigt: Bis 2023 soll einzig das Sozialbudget kräftig expandie-
                                                                  ren. Der schon jetzt mit weitem Abstand größte Haushalts-
                                                                  titel soll um weitere 20 Milliarden Euro pro Jahr steigen.

                                                                  Statt einen guten Teil der Mehreinnahmen dafür zu ver-
                                                                  wenden, den Standort Deutschland voranzubringen, sind wir
                                                                  dabei, Fehler der Vergangenheit zu wiederholen — es droht
     Der Brexit, besorgniserregende geopolitische Entwick-        ein neuer Reformstau. Und in der Steuerpolitik sieht es be-
     lungen oder auch die populistischen Tendenzen in weiten      sonders schlecht aus, vor allem im internationalen Vergleich.
     Teilen Europas rufen uns ins Bewusstsein: Freiheit und
     Wohlstand fallen nicht vom Himmel. Gesellschaft und Wirt-    Sicher, Steuern sind bei weitem nicht alles. Der Brexit,
     schaft müssen alles hart erarbeiten.                         das Wiederaufleben des Protektionismus, schwindeler-
                                                                  regende Energiekosten oder ein leer gefegter Arbeitsmarkt
     Dazu gehört aber auch, dass politisch die richtigen          sind nur einige der vielen Herausforderungen. Aber die
     Weichen gestellt werden. Das bedeutet, sich vor allem        Lösung dieser Probleme fällt uns umso schwerer, wenn wir
     auf die Kernkompetenzen der Politik zu besinnen:             in Deutschland bei der Steuerbelastung die rote Laterne
     Probleme erkennen, Konzepte entwickeln und dann              tragen. Entgegen dem internationalen Trend haben wir in
     engagiert um die beste Lösung streiten.                      den vergangenen zehn Jahren die Unternehmensteuern
                                                                  erhöht. Auch ohne große Reform zeigen die Erhöhungen
     Im Jahr 2014, dem ersten Jahr mit schwarzer Null im          der kommunalen Hebesätze bei Gewerbesteuer und Grund-
     Bundeshaushalt, nahmen Bund, Länder und Gemeinden            steuer sowie der Steuersätze bei der Grunderwerbsteuer
     insgesamt 643 Milliarden Euro an Steuern ein. Im Jahr        hier Wirkung. Im Gegenzug verfehlen die US-Tax-Reform
     2018 waren es bereits 775 Milliarden Euro, das sind          und die Senkung der Unternehmensteuertarife der großen
     132 Milliarden Euro mehr — pro Jahr. Im Jahr 2023 sollen     EU-Volkswirtschaften nicht ihre Wirkung.
     es sogar 941 Milliarden Euro sein, vielleicht etwas
     weniger wegen der nun schwächelnden Konjunktur. Das          Hinzu kommt eine explosionsartige Zunahme der Berichts-
     entspräche seit 2014 im Durchschnitt einer Steigerung        und Transparenzpflichten und damit der Bürokratiekosten.
     von 4,3 Prozent pro Jahr. Die volkswirtschaftliche Steuer-   Viele dieser Regelungen und Maßnahmen mögen für
     quote soll von 22 Prozent im Jahr 2014 auf den Rekord-       sich genommen gerechtfertigt sein. In Summe führen sie
     wert von 23,4 Prozent im Jahr 2023 steigen.                  aber zu enormen Belastungen für die Unternehmen am

12       EY Attractiveness Survey Deutschland Juni 2019
ey.com/attractiveness

Standort Deutschland. Wenn sich die Bundesregierung            z. B. vom derzeitigen Faktor 3,8 auf 4,5. Mit einer deut-
bemüht, internationale Regelungen wie etwa den Finanz-         lich verbesserten Thesaurierungsbegünstigung könnte
konten-Informationsaustausch, das Country-by-Country           das Steuersystem der Personengesellschaften an die
Reporting, die Geldwäscherichtlinie, das Transparenz-          Körperschaftsteuer angenähert werden. Konsequent
register oder die Entsenderichtlinie zu erlassen, ist das      wäre in diesem Zusammenhang ein Wahlrecht zur Kör-
ausdrücklich zu begrüßen.                                      perschaftsteuer, wie es z. B. aus den USA unter dem
                                                               Stichwort „check-the-box“ bekannt ist. Als letzter Bau-
Und dass Unternehmen sich compliant, also im Rahmen der        stein ist es dringend geboten, die Diskussion um eine
gegebenen Spielregeln, bewegen, ist sehr wichtig. Dazu passt   steuerliche Forschungsförderung endlich zu einem positi-
aber nicht, dass man — zusätzlich zu den sinnvollen inter-     ven Abschluss zu bringen.
nationalen Regelungen — den heimischen Unternehmen auch
noch nationale Berichtspflichten und damit weitere büro-       Im Grunde steht die deutsche Steuerpolitik vor einer
kratische Belastungen aufbürdet.                               einfachen Aufgabe. Um den Steuerstandort Deutschland
                                                               wieder flottzumachen, sind keine komplizierten System-
Um nicht noch mehr Boden zu verlieren, brauchen wir            umstellungen nötig wie etwa um die Jahrtausendwende
am Standort Deutschland dringend eine Unternehmen-             beim Abschied vom Anrechnungsverfahren oder wie die
steuerreform. Der Steuersatz für Unternehmen darf nicht        vor zwei Jahren in den USA diskutierte „Border-adjusted
mehr als insgesamt effektiv 25 Prozent betragen. Das           Cash Flow Tax“.
würde uns im Steuerwettbewerb vom Tabellenende ins
sichere Mittelfeld katapultieren. Internationale Investoren    Es ist grundsätzlich zu begrüßen, wenn sich die Bundes-
würden ihre Aufmerksamkeit wieder auf die unbestritte-         regierung bei vielen Themen auf internationaler Ebene im
nen außersteuerlichen Standortqualitäten Deutschlands          Rahmen der OECD oder der EU dafür einsetzt, länderüber-
konzentrieren.                                                 greifende Regelungen zu finden und nicht den Steuer-
                                                               kuchen zulasten von Deutschland oder der nationalen
Eines ist sicher: Ohne Reform geht langfristig viel mehr       Unternehmen zu verschieben oder erhöhen. Dies allein
Steueraufkommen verloren, wenn die Investitionen schlei-       reicht aber nicht, um im internationalen Vergleich den
chend abwandern. Konkret sollte der Körperschaftsteuer-        Anschluss zu halten. Die vorgeschlagenen nationalen
satz von 15 auf 10 Prozent gesenkt werden. Die Signal-         Maßnahmen sind konventionell und schnell umsetzbar,
wirkung dieser Maßnahme kann nicht hoch genug einge-           ihre positive Wirkung ist klar belegt und ausformulierte
schätzt werden. Mit einem Schlag hätte Deutschland auch        Vorschläge liegen auf dem Tisch. Packen wir es an!
aus steuerlicher Sicht ein attraktives Investitionsumfeld.

Um die in Deutschland so wichtigen Personengesellschaften
zu unterstützen, sollte die Anrechenbarkeit der Gewerbe-
steuer auf die Einkommensteuer deutlich erhöht werden,

                                                                                EY Attractiveness Survey Deutschland Juni 2019    13
1. Image und Wahrnehmung

1.3
Fortentwicklung Deutschlands
zum Digitalstandort
Internationale Investoren sehen Deutschland nach wie vor      Attraktivität des Standorts Deutschland, elf Prozent gehen
grundsätzlich auf einem guten Weg: Ihrer Einschätzung nach    von einer Verschlechterung aus. Damit hat sich das Stim-
wird sich die Standortattraktivität in den kommenden Jahren   mungsbild im Vergleich zum Vorjahr, als 46 Prozent mit einer
weiter verbessern. 43 Prozent der befragten Manager rech-     Verbesserung und nur sechs Prozent mit einer Verschlechte-
nen für die kommenden drei Jahre mit einer Erhöhung der       rung rechneten, allerdings leicht eingetrübt.

Weitere Verbesserung der Standortattraktivität erwartet
„Wie wird sich Ihrer Ansicht nach die Attraktivität des Standorts Deutschland im Laufe der
kommenden drei Jahre entwickeln?"

3%
Deutlich verschlechtern
                                                                         7%
                                                                Deutlich verbessern
                                                                                                   Ergebnisse 2018

                                                                                                       46 %
8%
Leicht verschlechtern

                                                                                                      Verbessern

46 %
Gleich bleiben
                                                                    36 %
                                                                  Leicht verbessern
                                                                                                         6%
                                                                                                    Verschlechtern

Grundgesamtheit: n = 203

                           Immer weniger ausländische Unternehmen
                           wollen in Deutschland investieren.

14        EY Attractiveness Survey Deutschland Juni 2019
ey.com/attractiveness

Knapp jedes vierte befragte Unternehmen (23 Pro-                                     Dabei erweisen sich naturgemäß die Unternehmen, die
zent) plant, sich in diesem Jahr in Deutschland anzu-                                bereits in Deutschland engagiert sind, als deutlich investi-
siedeln oder hier zusätzliche Geschäftsbereiche zu                                   tionsfreudiger als solche, die bislang nicht in Deutschland
entwickeln — im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Rück-                              aktiv sind: Von den Unternehmen mit Geschäftstätigkeit in
gang um fünf Prozentpunkte.                                                          Deutschland planen 35 Prozent, weitere Investitionen zu

Knapp jedes vierte ausländische Unternehmen will 2019 in Deutschland investieren
„Hat Ihr Unternehmen vor, sich im kommenden Jahr in Deutschland anzusiedeln oder zusätzliche Geschäftsbereiche
in Deutschland zu entwickeln?“

9%                                                               23 %
                                                                                                    Wenn ja: „Welche Art von Projekt ist geplant?“
                                                                                                          Vertrieb und Marketing                  39
Keine Angaben (10)                                                         Ja (28)                                    Produktion             29
                                                                                                      Logistik/Beschaffungskette    12
                                                                                                                             F&E    12
                                                                                                                       Sonstiges    8

                                                                                                                           Anteil „Ja“

                                                                                                           35 %
                                                                 68 % Nein (61)
                                                                                                               (39)                               4%
                                                                                                                                                  (7)

                                                                                                    Unternehmen mit Geschäfts-     Unternehmen ohne Geschäfts-
                                                                                                      aktivität in Deutschland          aktivität in Deutschland

Angaben in Prozent; Grundgesamtheit: n = 203; Vorjahreswerte in Klammern

tätigen — im Vorjahr lag der Anteil mit 39 Prozent etwas
höher. Neuinvestitionen von Unternehmen, die bislang
nicht in Deutschland aktiv sind, sind hingegen nur in
geringem Umfang zu erwarten: Nur vier Prozent der Unter-
nehmen ohne Geschäftstätigkeit in Deutschland planen
eine Investition — vor einem Jahr lag der Anteil bei sieben
Prozent. Der Schwerpunkt der Investitionen soll dabei
auf Projekten in den Bereichen Vertrieb und Marketing
sowie Produktion liegen.

Für 2019 ist also mit weiteren Investitionen in
Deutschland zu rechnen — allerdings lässt die Dynamik
voraussichtlich nach.

                                                                                                       EY Attractiveness Survey Deutschland Juni 2019              15
1. Image und Wahrnehmung

Der Anteil der Unternehmen, die neue Investitionen hierzu-                      15 Prozent, Teile der Geschäftstätigkeit aus Deutschland ins
lande anstoßen wollen, liegt auch in diesem Jahr deutlich                       Ausland zu verlagern, während wie oben beschrieben 35 Pro-
höher als der Anteil derjenigen, die Teile ihrer Geschäftstä-                   zent der hier bereits tätigen Unternehmen vorhaben, zusätz-
tigkeit von Deutschland ins Ausland verlagern wollen: Von                       liche Geschäftsbereiche in Deutschland anzusiedeln.
den in Deutschland bereits engagierten Unternehmen planen

Jedes siebte Unternehmen plant Verlagerungen ins Ausland
„Hat Ihr Unternehmen generell vor, einen Teil seiner Tätigkeit aus Deutschland in ein anderes Land zu verlagern?"

10 %
Keine Angaben
                                                                                         15 %         Ja
                                                                                                                           Ergebnisse 2018

                                                                                                                                  11%

                                                                                                                                   Ja

                                                                                                                              82 %
                                                                                         75 %        Nein

                                                                                                                                   Nein

Angaben in Prozent; Grundgesamtheit: n = 124 (Unternehmen mit Geschäftsaktivitäten in Deutschland)

Standorttreue wieder rückläufig
„Hat Ihre Gruppe generell vor, einen Teil ihrer Tätigkeit aus Deutschland in ein anderes Land zu verlagern?“
(Anteil „Ja“ in Prozent)

       30
                   28

       25

                                                                                                        20
       20                                      19

                                       18                                                                                                    15
       15                                                                          14                                        14
                                                                                                               12
                           13                                11    11    11
       10                                                                                   11                                          11

                                                                                                                     8
        5

        0
                2005      2006     2007      2008      2009       2010   2011    2012      2013       2014   2015   2016    2017     2018    2019

Angaben in Prozent; Grundgesamtheit 2019: n = 124 (Unternehmen mit Geschäftsaktivitäten in Deutschland)

16          EY Attractiveness Survey Deutschland Juni 2019
ey.com/attractiveness

Im Vergleich zum Vorjahr steigt die Verlagerungsbereit-
schaft leicht — 2018 planten nur 11 Prozent, Teile der
Geschäftstätigkeit aus Deutschland abzuziehen. Ob sich
daraus allerdings tatsächlich ein Trend zu einer geringeren
Standorttreue ableiten lässt, bleibt abzuwarten: Auch in
den Vorjahren schwankte der Anteil der verlagerungswilli-
gen Unternehmen jeweils um die 11-Prozent-Marke.

Die insgesamt gesunkene Standorttreue der in Deutsch-
land aktiven ausländischen Unternehmen und die ebenfalls
sinkende Bereitschaft, Folgeinvestitionen zu tätigen, können
durchaus als erstes Warnsignal für den Investitionsstand-
ort Deutschland gewertet werden. Zwar werden erst die
kommenden Jahre zeigen, ob sich daraus tatsächlich ein
anhaltend negativer Trend ableiten lässt — betrachtet man die
Befragungsergebnisse allerdings im Zusammenhang mit den
bereits 2018 gesunkenen ausländischen Direktinvestitionen,                       Auf eine Weiterentwicklung der spezifischen Stärken
geben die Ergebnisse zu denken.                                                  Deutschlands setzen auch ausländische Investoren: Immerhin
                                                                                 88 Prozent verfolgen bei ihren Investitionen in Deutschland
Fest steht: Die fortschreitende Globalisierung, politische                       das Ziel, verstärkt Zugang zu Technologien zu erhalten. Und
Spannungen und technologische Umbrüche verschärfen den                           89 Prozent erhoffen sich einen Zugang zur guten Infrastruk-
Standortwettbewerb weiter und veranlassen Unternehmen                            tur in Deutschland.
dazu, ihre Internationalisierungsstrategien und ihre globalen
Wertschöpfungsketten immer wieder neu zu überprüfen.                             Nach wie vor eine große Rolle spielt aber auch Deutschland
Deutschland steht daher mehr denn je vor der Herausfor-                          als Absatzmarkt und Deutschlands Lage in der Mitte Europas.
derung, sich als attraktiver Standort zu behaupten und sich                      Beide Aspekte stehen ebenfalls im Fokus der Investitions-
gleichzeitig weiterzuentwickeln.                                                 strategien der meisten ausländischen Unternehmen.

Zielsetzungen der Investoren bei Investitionen am Standort Deutschland
„Welche Ziele verfolgt Ihr Unternehmen bei Investitionen in Deutschland? Welche Aspekte sind dabei von Bedeutung?”

                      Zugang zum großen deutschen Binnenmarkt                          50                                           44                      94 %
                                     Zugang zum EU-Binnenmarkt                           51                                         40                   91 %
                                           Zugang zu Infrastruktur                     50                                          39                   89 %
    Zugang zu Technologien bzw. zu technologieorientierten Firmen                   45                                        43                     88 %
                                Exportorientierung der Wirtschaft                         54                                       33                87 %
          Offene Gesellschaft mit zahlreichen integrierten Kulturen        26                                    54                           80 %
                                                                      0           20                 40                 60                   80                100

                                                                                               Hohe Relevanz             Mittlere Relevanz

Grundgesamtheit: n = 124 (Unternehmen mit Geschäftsaktivitäten in Deutschland)

                                                                                                       EY Attractiveness Survey Deutschland Juni 2019          17
1. Image und Wahrnehmung

1.4
Die Autoindustrie bleibt Deutschlands
wichtigste Wachstumsbranche
Deutschlands Vorzeigebranche Nummer 1 bleibt aus Sicht                            folgt die digitale Wirtschaft, die von 24 Prozent der Manager
der befragten Investoren die Automobilindustrie: 32 Prozent                       genannt wird, fünf Prozentpunkte weniger als im Vorjahr.
der befragten Manager bezeichnen sie als wesentlichen Trei-                       Rang 3 belegt in diesem Jahr die Umwelttechnik mit 23 Pro-
ber für Wachstum in Deutschland — im Vorjahr lag der Anteil                       zent der Nennungen, vor der Energie- und der Pharma- bzw.
mit 42 Prozent allerdings noch deutlich höher. Auf Rang 2                         Biotech-Branche.

Transport- und Automobilindustrie weiter mit größtem Wachstumspotenzial in Deutschland
„Welche der nachfolgenden Branchen halten Sie in den kommenden Jahren für die wesentlichen Treiber für ein Wachstum?“

                                                                     In Deutschland
                               Transport- und Automobilindustrie                                                                32 % (42)
                                          Digitale Wirtschaft (IT)                                                 24 % (29)
                                                  Umwelttechnik                                                 23 % (24)
                                                Energie/Utilities                                      18 % (16)
                             Pharmaindustrie und Biotechnologie                                        18 % (22)
                           B2B-Dienstleistungen (außer Finanzen)                              14 % (12)
                                        Banken/Versicherungen                                 14 % (11)
                                                   Konsumgüter                              13 % (14)
                                       Immobilien und Bauwesen                             12 % (9)
                                    Logistik und Vertriebskanäle                  8 % (9)
                                                                     0              10                  20                30                40          50

                                                                     In Europa
                                          Digitale Wirtschaft (IT)                                                                          39 % (34)
                                                  Umwelttechnik                                                     25 % (24)
                                                Energie/Utilities                                            21 % (18)
                             Pharmaindustrie und Biotechnologie                                         19 % (20)
                               Transport- und Automobilindustrie                                  17 % (17)
                           B2B-Dienstleistungen (außer Finanzen)                                  17 % (17)
                                        Banken/Versicherungen                                  15 % (18)
                                    Logistik und Vertriebskanäle                               15 % (17)
                                                   Konsumgüter                             12 % (12)
                                       Immobilien und Bauwesen                   7 % (9)
                                                                     0              10                  20                30                40          50

Angaben in Prozent; bis zu zwei Nennungen möglich; Vorjahreswerte in Klammern

18       EY Attractiveness Survey Deutschland Juni 2019
ey.com/attractiveness

Die im Vergleich zum Vorjahr zurückgehende Nennung
IT-basierter Geschäftsmodelle als Wachstumstreiber in
Deutschland ist angesichts der zunehmenden Bedeutung des
Megatrends Digitalisierung bemerkenswert — und das be-
sonders vor dem Hintergrund, dass in einer weiteren Befra-      Nur jedes vierte ausländische
gung unter 506 internationalen Unternehmen zum Standort
Europa die digitale Wirtschaft eine deutlich größere und        Unternehmen bescheinigt
zudem noch steigende Rolle spielt: 39 Prozent der befrag-
                                                                der deutschen Digitalwirtschaft
ten Manager halten Digitalunternehmen für die wichtigsten
Wachstumstreiber in Europa.                                     hohes Wachstumspotenzial.
Umgekehrt spielt die Transport- und Automobilbranche euro-
paweit eine deutlich geringere Rolle als am Standort Deutsch-
land: Sie landet mit 17 Prozent der Nennzungen europaweit       USA und einigen asiatischen Ländern sowohl die deutsche
nur auf dem fünften Platz des Branchenvergleichs.               als auch die europäische IT-Branche — zumindest was den
                                                                B2C-Bereich angeht — nicht auf Augenhöhe agieren.
Die Befragungsergebnisse sollten nicht als Misstrauens-
votum gegen die deutsche IT-Branche gewertet werden             Ein Blick auf das Ranking der umsatzstärksten Unterneh-
— tatsächlich spielt die deutsche IT- und Softwarebranche       men Deutschlands zeigt, dass Unternehmen aus klassischen
zumindest im europäischen Kontext eine führende Rolle.          Industriezweigen klar dominieren: Insgesamt 55 der deut-
Andererseits zeigen die Ergebnisse aber, dass in anderen        schen Top-100-Unternehmen kamen zum Jahresende 2018
europäischen Ländern — zumindest aus Sicht ausländi-            aus Branchen wie dem Maschinen- und Automobilbau oder
scher Unternehmen — der Digitalwirtschaft eine größere          Bergbau, Chemie und Energieversorgung. Die IT-Branche
Bedeutung für die jeweiligen Volkswirtschaften zukommt.         war hingegen gerade einmal mit sechs Unternehmen im
In Deutschland spielen hingegen traditionelle Industriebran-    Ranking vertreten.
chen nach wie vor eine dominierende Rolle — etwa in der
öffentlichen Wahrnehmung und als potenzielle Arbeitgeber        Zum Vergleich: In den USA waren unter den 100 umsatz-
für hoch qualifizierte Arbeitskräfte. Die IT-Branche steht —    stärksten Unternehmen 18 IT-Unternehmen — also dreimal
mit Ausnahme weniger klangvoller Namen — immer ein              so viele wie in Deutschland. Gleichzeitig war die Zahl der
wenig im Schatten der Autokonzerne. Zudem ist auch klar,        Unternehmen aus klassischen Industriezweigen mit 33 deut-
dass auf globaler Ebene und gerade im Vergleich zu den          lich niedriger als in Deutschland.

                                                                                EY Attractiveness Survey Deutschland Juni 2019    19
1. Image und Wahrnehmung

1.5
Herausforderungen für den
Standort Deutschland
Die Befragungsergebnisse zeigen ein differenziertes Bild:          und die Weiterentwicklung neuer Technologien voran. Sie
Einerseits bewegen sich Deutschlands Attraktivitätswerte           investieren Milliardensummen und verlassen mit ihren neuen
weiterhin auf einem relativ hohen Niveau. Andererseits             Aktivitäten längst ausgetretene Pfade, indem sie beispiels-
kommt eine gewisse Skepsis in Bezug auf die Zukunftsfähig-         weise Unternehmen aus den Bereichen Ladelösungen, Mit-
keit des Standorts zum Ausdruck. Und auch der aktuelle             fahrdienst, Taxivermittlung, Fahrzeugleasing und elektro-
Rückgang der Zahl der tatsächlichen Investitionsprojekte —         nische Zahlungsdienstleistungen übernehmen und zudem
siehe Kapitel „Ausländische Investoren in Deutschland und          untereinander in bisher ungekanntem Ausmaß kooperieren so-
Europa“ — zeigt eine beunruhigende Trendwende: Erstmals            wie Partnerschaften mit branchenfremden Akteuren eingehen.
seit zehn Jahren war die Zahl der ausländischen Direkt-
investitionen rückläufig.                                          Es spricht einiges dafür, dass der derzeitige Wandel sowohl
                                                                   des Selbstverständnisses der Unternehmen als auch der
Angesichts dieser Ergebnisse stellt sich die Frage nach den        jeweiligen Geschäftsmodelle letztlich von Erfolg gekrönt
richtigen Strategien für Deutschland umso dringlicher: Das         sein kann und dass Deutschlands Vorzeigeindustrie auch in
Ziel muss der Ausbau der spezifischen Stärken als Premium-         20 Jahren noch als weltweit führend anerkannt sein wird.
standort mit hoher Innovationskraft auch und gerade im             Fest steht, dass die Herausforderungen längst erkannt sind.
digitalen Bereich sein. Während die industriellen Kompeten-        Und was für die Automobilindustrie gilt, gilt auch für andere,
zen am Standort Deutschland unbestritten sind und erwiese-         weniger im Fokus der Öffentlichkeit stehende Branchen. Der
nermaßen zur Weltspitze zählen, müssen die Angebote und            tiefgreifende Wandel im Automobil-, aber auch im Maschinen-
Fähigkeiten Deutschlands im Bereich der digitalen Technolo-        bau könnte zudem ausstrahlen — etwa auf die Softwarean-
gien und Geschäftsmodelle dringend weiter ausgebaut werden.        bieter, Chemieunternehmen, die Chipindustrie und die Tele-
                                                                   kommunikationsbranche. Jedenfalls sind die Verbindungen
Die Branchenstruktur in Deutschland ist derzeit durch die          zwischen diesen Branchen längst sehr eng — und sie werden
Dominanz des Automobil- und Maschinenbaus geprägt — und            immer enger.
gerade die Produkte und Geschäftsmodelle in diesen Bran-
chen befinden sich mitten in einem tiefgreifenden Umbruch,         Trügt also der Eindruck, dass Deutschland bei digitalen
angetrieben unter anderem von der Digitalisierung und dem          Technologien und Kompetenzen abgehängt zu werden
bevorstehenden Durchbruch der Elektromobilität. Es steht           droht? Um weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben, wird es
die Frage im Raum, ob und wie die deutschen Konzerne und           entscheidend sein, dass Deutschland als Hochtechnolo-
damit letztlich die deutsche Wirtschaft insgesamt diesen           gie- und Innovationsstandort eine starke Digitalkompetenz
Wandel bewältigen werden.                                          aufbaut und Vorreiter bei Themen wie Industrie 4.0 und
                                                                   3D-Druck wird. Da sind zuallererst die deutschen Unter-
Droht Deutschland sich allzu sehr auf die aktuellen Erfolge tra-   nehmen gefordert. Eine ebenfalls wichtige Rolle spielt aber
ditioneller Industriezweige zu verlassen und bei Zukunftsbran-     auch die Politik, die die Rahmenbedingungen vorgibt und
chen an Boden zu verlieren? Die Befragungsergebnisse, die          Impulse setzen kann.
aktuellen — rückläufigen — Zahlen zu den Direktinvestitionen
und die nachlassende wirtschaftliche Dynamik Deutschlands          Und wie beurteilen ausländische Unternehmen die Möglich-
scheinen tatsächlich für eine derartige Sichtweise zu sprechen.    keiten, am Standort Deutschland digitale Geschäftsmodelle
                                                                   voranzutreiben? Derzeit äußern sich 72 Prozent der befrag-
Andererseits sollte nicht der Fehler begangen werden, kurz-        ten Manager grundsätzlich positiv — im Vorjahr lag der Anteil
fristige, womöglich nur konjunkturell bedingte Schwankun-          mit 68 Prozent etwas niedriger. Allerdings zeigen sich gerade
gen als langfristige Trends zu deuten. Gerade die deutschen        einmal 17 Prozent uneingeschränkt überzeugt. Es besteht
Player aus dem Automobil- und Maschinenbau und ihre Trans-         also einerseits durchaus eine Erwartungshaltung, dass
formationsanstrengungen sollten nicht unterschätzt werden.         Deutschland nicht nur als Industrie-, sondern auch als Digital-
                                                                   standort weltweit zur Spitzengruppe gehören sollte; auf der
Es gibt Anzeichen für einen tiefgreifenden Umbau: So treiben       anderen Seite sehen wir aber auch eine gewisse Skepsis, ob
die großen Autokonzerne und die hiesigen großen Zulieferun-        Deutschland derzeit tatsächlich den hochgesteckten Erwar-
ternehmen mit Hochdruck den Umbau ihrer Geschäftsmodelle           tungen entsprechen kann.

20      EY Attractiveness Survey Deutschland Juni 2019
ey.com/attractiveness

Skepsis bei Investoren zum Digitalstandort Deutschland
„Gehen Sie davon aus, dass neue, digitale Geschäftsmodelle in Deutschland
leicht vorangetrieben werden können?“

9%
Nein, sicher nicht (7)
                                                                                    17 %
                                                                                   Ja, sicher (15)

19 %
Nein, wahrscheinlich nicht (25)

                                                                                   55 %
                                                                           Ja, wahrscheinlich (53)

Angaben in Prozent; Grundgesamtheit: n = 203; Vorjahreswerte in Klammern

Tatsächlich liegt Deutschland beispielsweise bei der Breit-                Die Spitzenplätze in der EU belegen nordeuropäische
bandversorgung im europäischen Vergleich nur im Mittelfeld.                Länder: Dänemark und Schweden kommen auf 75 Pro-
Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts verfügten im                      zent, die Niederlande auf 70 Prozent. Am wenigsten
Jahr 2018 lediglich 51 Prozent aller hiesigen Unternehmen                  verbreitet war schnelles Internet bei Unternehmen in
mit Zugang zum Internet und mindestens zehn Beschäftigten                  südeuropäischen Ländern: In Griechenland verfügen
über einen festen Breitbandanschluss mit einer vertraglich                 gerade einmal 33 Prozent der Unternehmen über eine
festgelegten Datenübertragungsrate von mindestens 30 Me-                   Datenübertragungsrate von mindestens 30 Megabit
gabit pro Sekunde. Das waren zwar neun Prozentpunkte                       pro Sekunde, in Italien sind es sogar nur 32 Prozent, in
mehr als 2017, trotz des Zuwachses liegt Deutschland aber                  Frankreich 31 Prozent.
wie in den Vorjahren nur knapp über dem EU-Durchschnitt,
der bei 48 Prozent liegt.                                                  Diese Zahlen zeigen, dass Deutschland zumindest bei der
                                                                           Versorgung mit schnellem Internet erheblichen Nachhol-
                                                                           bedarf hat und von einem internationalen Spitzenplatz weit
                                                                           entfernt ist. Für einen Hightech-Standort ist das zu wenig —
                                                                           zumal es bei der Glasfasertechnik für den Standort Deutsch-
                                                                           land noch erheblich schlechter aussieht. Und das könnte sich
                                                                           zu einem echten Standortnachteil entwickeln — dann nämlich,
                                                                           wenn im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung der Bedarf
                                                                           an zusätzlicher Bandbreite weiter so stark steigt wie in den
Trügt der Eindruck, dass                                                   vergangenen Jahren. Um wettbewerbsfähig zu bleiben,
Deutschland bei digitalen Tech-                                            braucht es in Deutschland flächendeckend Internetanschlüs-
                                                                           se mit ausreichender Bandbreite — dies ist eine der vordring-
nologien abgehängt wird?                                                   lichsten Aufgaben für die Bundespolitik.

                                                                                                EY Attractiveness Survey Deutschland Juni 2019    21
1. Image und Wahrnehmung

Grundsätzlich stehen die Chancen für Deutschland durchaus         vor allem durch eine stärkere Digitalisierung der Produktion
gut, die digitale Transformation an führender Stelle mitzuge-     gelingen. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen und gleich-
stalten und die eigene Wettbewerbsfähigkeit auch im digita-       zeitig die führenden Unternehmen die richtigen Weichen stel-
len Zeitalter zu behaupten. So bietet vor allem die vernetzte     len, kann Deutschland zeigen, wie sich das Zusammenspiel
Produktion — Stichwort Industrie 4.0 — am Standort Deutsch-       zwischen „Old“ und „New Economy“, zwischen klassischen
land enorme Chancen. Zum einen haben einige der weltweit          Industriezweigen und dem IT-Sektor — basierend auf hervor-
führenden Industriekonzerne ihren Hauptsitz und große Teile       ragend ausgebildeten Fachkräften — zu einem Erfolgsmodell
ihrer Forschung und Entwicklung in Deutschland. Zum ande-         entwickeln kann.
ren dürfte es nur wenige andere Standorte weltweit geben,
an denen der Druck auf die Unternehmen, jede erdenkliche          Das sehen offenbar auch die befragten Manager ausländi-
Maßnahme zur Steigerung der Effizienz zu ergreifen, derart        scher Unternehmen so: Auf die Frage, worauf sich Deutsch-
hoch ist wie am Hochlohnstandort Deutschland. Und gerade          land konzentrieren solle, um seine Wettbewerbsfähigkeit
dieser Druck, der aus einem bestehenden (Kosten-)Nachteil         zu erhalten, nennen 35 Prozent die Förderung von High-
resultiert, könnte die Entwicklung hin zu vernetzten Fabriken     tech-Branchen und Innovationen und knapp jeder Dritte die
hierzulande deutlich beschleunigen.                               Förderung der Aus- und Weiterbildung.

Derzeit befinden sich etwa im deutschen Maschinenbau              Kostenaspekte spielen in diesem Zusammenhang allerdings
zahlreiche Industrie-4.0-Projekte in der Einführungs- bzw.        auch eine große Rolle: 32 Prozent der Befragten (und 37 Pro-
Umsetzungsphase, wobei der Fokus zum großen Teil noch             zent der in Deutschland aktiven Unternehmen) wünschen
in der eigenen Produktion und der Optimierung der Abläufe         sich eine Reduzierung der Steuerlast — ein deutlicher Anstieg
innerhalb des eigenen Unternehmens liegt. Die Vernetzung          im Vergleich zum Vorjahr. Die Reduzierung der Arbeitskos-
über Unternehmensgrenzen hinweg wird von den großen               ten halten hingegen nur 22 Prozent (und 21 Prozent der in
Playern inzwischen ebenfalls angegangen — und gerade              Deutschland tätigen Unternehmen) für nötig.
digitale Plattformen versprechen große Vorteile und einen
erheblichen Digitalisierungsschub.

Insbesondere die deutschen Premiumanbieter, die mit dem
Qualitätssiegel „Made in Germany“ weltweit punkten können,                                 der ausländischen
werden alles daransetzen, einen möglichst großen Teil der                                  Unternehmen in Deutschland
Produktion und Entwicklung in Deutschland zu halten, was                                   fordern eine niedrigere
nur möglich ist, wenn sich Flexibilität, Produktivität und Aus-                            Steuerlast für Unternehmen.
lastung auf höchstem Niveau befinden. Dies wiederum kann

22     EY Attractiveness Survey Deutschland Juni 2019
ey.com/attractiveness

  Top-Priorität aus Sicht der Investoren: Förderung von Hightech und Innovation
  „Worauf sollte sich Deutschland Ihrer Ansicht nach konzentrieren, um seine Wettbewerbsfähigkeit in der
  globalen Wirtschaft zu behalten bzw. auszubauen?“

                  Förderung von Hightech-Branchen und Innovationen                                                            35 % (39)
                                        Reduzierung der Besteuerung                                                    32 % (26)
                                Förderung von Aus- und Weiterbildung                                               30 % (31)
                                          Förderung des Mittelstandes                                             29 % (25)
                                       Reduzierung der Arbeitskosten                                  22 % (30)
         Anpassung der Regulierung an technologische Entwicklungen                                   21 % (13)
  Investitionen in größere Infrastruktur- und Stadtentwicklungsprojekte                     17 % (22)
Förderung umweltpolitischer Maßnahmen/umweltbewussten Verhaltens                         15 % (19)
                                 Entschärfung der Wettbewerbsregeln            9 % (9)
                     Vereinfachungen des Zugangs zu Finanzierungen            8 % (7)
                                                                          0    10             20                  30               40              50

  Angaben in Prozent; Grundgesamtheit: n = 203; Vorjahreswerte in Klammern

      Fazit                                                                   Infrastruktur in Deutschland allerdings nicht einmal innerhalb
      Der Standort Deutschland wird insgesamt weiterhin als                   Europas als führend gelten kann und zudem ausländische
      stark eingeschätzt — nicht nur heute, sondern auch in                   Unternehmen weiterhin Zweifel haben, ob Deutschland als
      Zukunft. Zwar ist er gegenwärtig noch in hohem Maße von                 Digitalstandort zur Weltspitze gehört, sollte zu denken geben —
      Unternehmen aus klassischen Industriezweigen geprägt.                   hier ist dringend eine Investitionsoffensive nötig, um endlich
      Und auch das international nach wie vor gute Image des                  wirklich erstklassige Rahmenbedingungen zu schaffen.
      Standorts Deutschland dürfte stark auf den weltweiten
      Erfolg und die Strahlkraft deutscher Marken aus diesen                  Die Musik in der digitalen Wirtschaft spielt aus Sicht interna-
      Branchen zurückzuführen sein. Gleichzeitig aber steckt in               tionaler Unternehmen woanders, und zwar im Silicon Valley
      einer verstärkten Vernetzung mit der IT-Branche großes                  und in China: Jeder vierte befragte Manager ist der Meinung,
      Potenzial — sowohl in Bezug auf Produktivitätssteige-                   dass die Region um San Francisco die besten Chancen hat,
      rungen als auch im Hinblick auf neue Geschäftsmodelle.                  das nächste „Google“ hervorzubringen. Und immerhin noch
      Dieses Potenzial wird noch nicht in ausreichendem Maß                   knapp jeder vierte Befragte setzt auf Shanghai, 18 Prozent
      genutzt, aber es gibt bereits vielversprechende Ansätze.                auf Peking. Auffällig ist dabei allerdings, dass die beiden
                                                                              chinesischen Standorte deutlich seltener genannt werden als
      An der Schnittstelle von Old und New Economy liegen für                 im Vorjahr, während San Francisco etwa auf dem Vorjahres-
      Deutschland heute die größten Herausforderungen und                     niveau liegt.
      gleichzeitig die größten Chancen: Wenn es gelingt, die
      Stärke der deutschen Industrie zu sichern und gleichzeitig              Die höchstplatzierte europäische Stadt ist London mit
      die Weichen weiter in Richtung Digitalisierung zu stellen,              14 Prozent der Nennungen — ein Prozentpunkt mehr als im
      hat der Standort eine große Zukunft. Dass die digitale                  Vorjahr. Ein Brexit-Effekt ist hier also nicht festzustellen.

                                                                                                EY Attractiveness Survey Deutschland Juni 2019    23
1. Image und Wahrnehmung

     Berlin belegt mit neun Prozent der Nennungen im welt-                             Risikokapital fließt. Im Vergleich zu den enormen Summen,
     weiten Ranking den siebten Platz, 2018 hatten sich nur                            die US-amerikanische und chinesische Start-ups derzeit
     sechs Prozent der Manager für Berlin ausgesprochen.                               erhalten, fallen die Investitionen in Europa aber relativ
                                                                                       bescheiden aus. Und auch ein Blick auf Börsengänge von
     In der Gesamtschau zeigt sich, dass europäische Städte                            Technologieunternehmen zeigt, dass derzeit gerade junge
     zumindest aus Sicht internationaler Unternehmen nicht                             US-Unternehmen hohe Milliardensummen erhalten, während
     in der Champions League der weltweit führenden Digital-                           in Europa Börsengänge von Tech-Unternehmen weitgehend
     städte spielen — nur London kann noch der Spitzengruppe                           Fehlanzeige sind.
     zugeordnet werden. Tatsächlich spiegeln die Befragungs-
     ergebnisse ziemlich genau die Realität der Risikokapital-
     investitionen wider: London und Berlin sind zwar die
     europäischen Städte, in die europaweit das meiste

                                        Die weltweit führenden Digitalstädte: USA und Asien führend
                                        „Welche Städte haben aus Ihrer Sicht die besten Chancen, das nächsten ‚Google‘
                                        hervorzubringen?“

                                                   San Franciso (Silicon Valley)                                                  25 % (26)
                                                                      Shanghai                                               23 % (34)
                                                                        Peking                                        18 % (22)
                                                                        London                                 14 % (13)
                                                                          Tokio                            13 % (12)
                                                                      New York                            12 % (21)
                                                                         Berlin                      9 % (6)
                                                                     Neu-Delhi                   8 % (8)
                                                                      Singapur                   8 % (9)
                                                                       Mumbai                 6 % (7)
                                                                     Hongkong                5 % (3)
                                                                          Paris              5 % (5)
                                                                          Seoul            4 % (4)
                                                                     Bangalore             4 % (4)
                                                                   Los Angeles             4 % (2)
                                                                                   0                 10                20              30

                                        Grundgesamtheit: n = 506; bis zu drei Nennungen möglich; Vorjahreswerte in Klammern

24       EY Attractiveness Survey Deutschland Juni 2019
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