150 Jahre Evangelische Stiftung Alsterdorf - Teil 1: Die ersten fünfzig Jahre in Alsterdorf
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a Magazin der Evangelischen Stiftung Alsterdorf a Nr. 24, April 2013
1863—
Evangelische
2013
Alsterdorf
2013 150 Jahre
1863 –2013
Stiftung
Evangelische
150 Jahre
Alsterdorf
Evangelische
150 Jahre
1863 –2013
Stiftung
Stiftung
1863—
Alsterdorf
Teil 1: Die ersten fünfzig
Jahre in Alsterdorft k a n n
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fax: 040 5935216 - 16Inhalt Nr. 24, April 2013 inhalt
thema 2_3
4–21 150 Jahre Evangelische Stiftung Alsterdorf
18 Seiten über die ersten 50 Jahre in Alsterdorf
5 »Mit Gott lasst uns Thaten thun!«
Heinrich Matthias Sengelmann –
ein bemerkenswerter Hamburger
6 Das 19. Jahrhundert: Dutzende von
Anstaltsgründungen
Von privater Initiative zur Institution
Foto: Axel Nordmeier
7 Vom Narrenschiff zur Anstalt
Menschen mit Behinderung in der Geschichte
8 Alles aus Liebe – der Gründer der Evangelischen
Prof. Dr. Hanns-Stephan Haas, Direktor und Vorstands Stiftung Alsterdorf Heinrich Matthias Sengelmann
vorsitzender der Evangelischen Stiftung Alsterdorf 10 Vom Fachwerk-Asyl zur kompletten Siedlung
Die Struktur der Alsterdorfer Anstalten
editorial 12 Sengelmann und die »Innere Mission«:
ein gespanntes Verhältnis!
Liebe Leserinnen und liebe Leser, Hauptkritik galt Ausblendung der Behindertenarbeit
14 Der Speiseplan
wir feiern in diesem Jahr den 150. Geburtstag der Stiftung, ein be-
15 Die gute Seele von Alsterdorf – Jenny Sengelmann
sonderes Jubiläum. Am 19. Oktober 1863 begann Pastor Heinrich
16 Bildung für alle Kinder
Matthias Sengelmann offiziell die Arbeit der damaligen Alsterdor-
Hohe Anforderungen an das Personal
fer Anstalten. Es war die Zeit der industriellen Revolution. Viele
18 Johannes Paul Gerhardt – Heilpädagoge und Forscher
Menschen und auch Kinder mussten täglich 13 Stunden oder mehr
19 In Sengelmanns Fußstapfen: Direktor Paul Stritter
unter extremen Bedingungen arbeiten. Sie kannten weder Arbeits-
20 Hoch hinaus …
noch Kündigungsschutz oder eine soziale Absicherung. Drängende
Die Alsterdorfer Anstalten und die Stadt Hamburg
Enge in den einfachen Wohnvierteln der Stadt Hamburg, Werk- zwischen 1899 und 1913
statt und Industriebetriebe in direkter Nachbarschaft. Sengelmann spots
geht ganz bewusst mit seiner Anstaltsgründung aufs Land, denn 22 Miteinander bewegen schont die Kräfte
für Menschen mit Behinderung gibt es keinerlei Schutzraum in Die Kinästhetik hält zu einem bewussteren Umgang mit
dieser Zeit. Er hat eine klare Vorstellung von dem, was er erreichen Bewegung an
möchte: ein lebenswertes Zuhause für Menschen mit Behinderung 23 Heilerziehungspflege – eine Ausbildung verändert sich
schaffen, in dem sie sich entfalten können. Er setzt damit ein deut- Die Zugangsvoraussetzungen für die Alsterdorfer
liches und mutiges Zeichen, in einer Zeit, in der viele Menschen Not Fachschule für Heilerziehung haben sich geändert
leiden, obwohl sie hart arbeiten. 24 Projekt Zukunft
Im Rahmen unseres 150-jährigen Jubiläums wollen wir uns mit Mit dem Campus Uhlenhorst startet im August ein neues
der Entwicklung der Stiftung von Sengelmann bis heute auseinan- Bildungsprojekt für junge Menschen mit Behinderung
dersetzen. In unterschiedlichen Veranstaltungen, von der Jahres- 26 Verantwortung über den Tellerrand hinaus
tagung der Ärzte für Menschen mit Behinderung, einem Senats- Vorreiter in Sachen Menschlichkeit: Altenhilfezentrum
empfang mit einer historischen Ausstellung im Hamburger Rathaus Heikendorf schult seine Mitarbeiter in der Palliativpflege
bis zum inklusiven Filmfestival »Klappe auf« – also keine bloße 27 Mobilität für alle
Rückschau, sondern lebendige Beschäftigung mit der eigenen Mehr Platz in Bussen: Das forum inklusion wendet
Geschichte. sich an den HVV
In dieser Ausgabe beleuchten wir verschiedene Aspekte der 28 Ein guter Auftakt für die »SchanZe«
ersten 50 Jahre Stiftungsgeschichte – die nächsten folgen in den Q8 belebt Hochhausviertel am Rand von Bad Oldesloe
kommenden beiden Ausgaben. 30 Mit Hunden unterwegs: Freude und
Kompetenzerfahrung!
Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre. Um therapeutische Möglichkeiten zu erweitern, setzt die
Ihr tohus gGmbH auf den Kontakt zwischen Mensch und Tier
Hanns-Stephan Haas 31 Für ein Mehr an Selbstbestimmung
Der Umbau des Wohnhauses Steinkamp 2
news
32–33 Meldungen aus der Evangelischen Stiftung Alsterdorf
Auszeichnung für Heinrich Sengelmann Krankenhaus,
Evangelische Stiftung auf dem Kirchentag, Neubau des
Evangelischen Krankenhauses Alsterdorf, Termine bis
August 2013
porträt
34 »Ich habe meine Chance bekommen«
Ein Alsterdorfer Urgestein: Gudrun Vesper – besser bekannt
als Schwester GudrunJahre Evangelische Stiftung Alsterdorf
– eine solche Zeitspanne lässt sich unmög-
lich in einem Magazin abbilden, ohne auf zu viel zu verzichten.
Daher dreht sich in drei Heften in Folge im Schwerpunkt alles um
das Thema Jubiläum, wobei jedes Heft 50 Jahre der Stiftungs-
geschichte beleuchtet. In jedem Heft finden Sie einen Zeitstrahl.
Weiter werden die wichtigsten Ereignisse aus dieser Zeit darge-
stellt und die Direktoren porträtiert. In diesem Heft nehmen wir
Sie unter anderem mit auf eine Zeitreise in die ersten 50 Jahre der
Stiftung. Was war Heinrich Matthias Sengelmann für ein Mensch
und wie kam er auf die Idee, eine Anstalt für Menschen mit
Behinderung zu gründen? Was lernten die Bewohner dort, wie
sah ihr Tagesablauf aus und nicht zuletzt – was kam auf den
Tisch? Wie war Sengelmanns Verhältnis zur Inneren Mission bzw.
zu Johann Hinrich Wichern, der diese entscheidend vorangetrie-
ben hat? Und wie können Sengelmann und sein Wirken aus heu-
tiger Sicht gedeutet werden?
1821 1822
»Zeitstrahl«
1823 1824 1825 1826 1827
25. Mai: Heinrich Matthias Oben: Ereignisse um die
Sengelmann wird als Sohn Evangelische Stiftung Alsterdorf...
1821–1913
eines Viehhändlers und
Gastwirts in Hamburg geboren
Georg Simon Ohm entdeckt Eröffnung der »National Erfindung des Streich
das ohmsche Gesetz ... und Ereignisse aus Politik, Gallery« in London holzes durch den
Georg IV. wird in London zum Kultur und Wissenschaft englischen Apotheker
britischen König gekrönt (unten) John Walkerthema
4_5
»Mit Gott lasst uns Thaten thun!«
Heinrich Matthias Sengelmann – ein bemerkenswerter Hamburger
isionär, Überzeugungstäter, Gelehrter, Orga- tion …) noch den Menschen gerecht werden konnte. Aus diesem
nisationstalent, Unternehmer, Original – es Grund entschied er sich später auch gegen den Verbleib im Pfarr-
sind verschiedene und teilweise gegensätzliche amt. Vor allem aber wurde ihm ein Erlebnis zum Schlüsselereignis:
Beschreibungen, die mir einfallen, wenn ich an Bei einem seiner Hausbesuche stieß er auf ein geistig behindertes
Heinrich Sengelmann denke. Der so freundlich Kind, das missachtet und vernachlässigt sein Dasein fristen musste.
dreinblickende »Vater Sengelmann« mit seinem Das Erlebnis ließ Sengelmann nicht los und er versuchte seine
Backenbart war eine schillernde Figur mit vielen Be- Zeitgenossen in Kirche und Stadt für ein Engagement zu gewin-
gabungen. Er hätte, modern gesagt, seine Karriere in der Kirche nen. Es gehörte offensichtlich zu den bittersten Erfahrungen seines
machen können oder in der Wissenschaft. Er hat sogar einmal den Lebens, dass sich gerade die Menschen, denen er von seinen
Einstieg in die Politik versucht. Aber bis heute bedeutsam ist er, weil Überzeugungen her besonders nahestand, unberührt zeigten.
er sich einsetzte für die Menschen, die damals völlig im Wieder und wieder abgewiesen entschloss er sich, seine
Schatten der Gesellschaft standen. – Doch zunächst Vision selbst umzusetzen. 1863, vor 150 Jahren, zog er
der Reihe nach. mit den ersten Kindern in das bis heute erhaltene Haus
Heinrich Sengelmann wurde in einer wohlha- Schönbrunn. Die Jahre danach waren gefüllt von
benden Gastwirtfamilie geboren. Finanziell hatte einem schnellen Wachstum, zahlreichen Bauten und
er die besten Voraussetzungen. Sein eigenes Ver- der Ausbildung von geeigneten Mitarbeitenden, um
mögen und das seiner ebenfalls reichen, späteren seine »Kolonie der Liebe« zu schaffen.
Frau sollten ihm später den Ankauf eines großen Sengelmann war dabei nicht nur glänzender
Areals ermöglichen, damals noch vor den Toren Organisator und persönlicher Seelsorger, zusätzlich
der Stadt, in Alsterdorf. Der Landkauf umfasste schuf er auch die theoretischen Grundlagen für die
neben unserem heutigen Stiftungsgelände die Arbeit mit Menschen mit Behinderung. Er schrieb
ganze City Nord. Große Teile dieses Geländes selbst eine dreibändige Heilpädagogik, die bei aller
wurden nach dem Ersten Weltkrieg gegen einen Zeitgebundenheit eine ungewöhnliche Weitsicht
Bauernhof (Gut Stegen) eingetauscht, um die zeigte. Es war die grundlegende Überzeugung
Anstaltsbewohner selbstständig versorgen zu unseres Stifters, dass das Erbarmen und die
können. christliche Nächstenliebe gegenüber Men-
Heinrich Sengelmann kam, wie viele seiner schen mit geistiger Behinderung vor allem die
diakonischen Vorgänger, z.B. Wichern, dem Konsequenz der Förderung nach sich ziehen
Gründer des Rauhen Hauses, unter den Einfluss der Erweckung, musste. Für Sen- gelmann gab es keine Menschen zweiter Klasse,
einer Frömmigkeitsbewegung, die erstarrte kirchliche Formen durch die man nur verwahren, wegsperren und behandeln darf.
eine persönliche Gottesbeziehung überwinden wollte. Für viele der Vielleicht hängt mit dieser Grundeinstellung zusammen, dass
Erweckungstheologen bildeten der Glaube und das glaubwürdige Sengelmann sich erst spät zum Bau eines Krankenhauses ent-
Tun eine unlösliche Einheit. In dieser Grundeinstellung entschloss schloss. Behinderung ist kein medizinisches Problem und vor allem
sich Sengelmann zum Theologiestudium, wo er insbesondere in kein medizinisch lösbares Problem. Der Wahn dieses Gedankens
Halle seinen akademischen Lehrern als besonders begabt auffiel. sollte sich in späterer Zeit zu einer menschenvernichtenden Ideolo-
Seine starke altsprachliche Neigung lebte er in seiner Doktorarbeit gie verdichten.
aus, die ihm den Grad des Doktors der Orientalistik verlieh. »Vater Sengelmann« hat der Stiftung eine andere Prägung mit-
Sein Doktorvater hätte ihn gern als Lehrstuhlinhaber gesehen, gegeben. Manchmal werden Stiftungen als Organisationen der »to-
aber Sengelmann zog es ins Pfarramt in seiner Heimatstadt. Auch ten Hand« gesehen. Ein Stifter legt durch seinen Vermögenseinsatz
hier fiel er positiv auf, wurde Pastor am Michel und in Moorfleet. In nachfolgende Generationen auf ein häufig nicht mehr zeitgemäßes
Moorfleet begann er in seinem Pfarrhaus auch seine diakonischen Engagement fest. Deutlich haben wir hier einen anderen Stifter,
Aktivitäten im Jahre 1850. der mit seiner in einem tiefen Glauben verankerten Menschlichkeit
Seine Zeit im Pfarramt war für seine spätere Arbeit vor allem in mutige und innovative Entscheidungen traf. Oder um es mit ihm
zweierlei Hinsicht prägend: Zum einen wurde ihm deutlich, wie we- selbst zu sagen: »Mit Gott lasst uns Thaten thun!« |
nig er angesichts der Fülle von Amtshandlungen (Taufe, Konfirma- Hanns-Stephan Haas
1828 1829 1830 1831 1832 1833
Gründung des »Rauhen Hauses«
durch Johann Hinrich Wichern als
Erziehungsanstalt für verwahrloste
Kinder und Jugendliche
Entdeckung Kaspar Uraufführung des Dramas Julirevolution des Blutige Niederschlagung Choleraepidemie in
Hausers Faust I von Johann Bürgertums gegen die des Seidenweberaufstands Hamburg mit über
Gründung des Reclam- Wolfgang von Goethe in reaktionäre Politik in Lyon 1.600 Toten
Verlags in Leipzig Braunschweig Karls X. in FrankreichH
einrich Sengelmann war der Meinung: »Nur eine große,
umfangreiche Anstalt kann den verschiedenartigen Gestal-
tungen des ›idiotischen Elends‹1 begegnen, nur ihr ist die
Möglichkeit geboten, mehr oder minder Gleichartiges zu verbin-
den, dagegen das nicht Zusammengehörige zu scheiden.«
Mit dem Gedanken, spezielle Einrichtungen für Menschen mit
Behinderung zu schaffen, war er in seiner Zeit nicht alleine. Dut-
zende solcher Anstalten wurden im 19. Jahrhundert in Deutschland
gegründet.
Als Anstoß bezieht sich Sengelmann immer wieder auf die
Schweiz: »Erst mit der Cretinen-Anstalt auf dem Abendberge in der
Schweiz … beginnt die eigentliche Rettungsgeschichte der Idioten
und dem Dr. Guggenbühl, dem Gründer der ersteren, bleibt das
Verdienst, den großen Reigen der für die Ärmsten unter den Armen
Das 19. Jahrhundert:
Dutzende von
Anstaltsgründungen
Von privater Initiative zur Institution
in Thätigkeit gesetzten Liebesarbeit eröffnet zu haben.«
Er schildert eine geradezu filmreife Story: Der 20-jährige Gug-
genbühl, ein junger Arzt, erblickte zufällig einen »armen, zwergar-
tig verkrüppelten Cretin mit hässlichem, stupidem Aussehen, der
1836 zu Seedorf im Canton Uri vor einem Cruzifix sein Pater Noster
murmelte«. Er konnte den Anblick nicht vergessen. »Es kamen
ihm hernach andere Cretinen-Gestalten unter die Augen, die z.B.
durch ein enormes Zahlengedächtnis einen gewissen Ruf in der
Umgebung hatten.« Guggenbühl machte die Heilung und Fürsorge
für »Cretine« zu seiner Lebensaufgabe. 1839 gründete er auf dem
Abendberge bei Interlaken ein Domizil für sie, einen zweckmäßigen
Bau mit großem Saal, Bädern und Spielräumen, später mit einem dass für die Idioten etwas geschehen müsse, eine allgemeine
zweiten Unterrichtsgebäude. Der Standort auf dem Abendberg, geworden ist, so ist doch hinsichtlich des zu erstrebenden Zieles
3.000 Fuß (1.850 Meter) hoch, erschien ihm ideal: »auf den Son- noch Abweichung der Ansichten vorhanden. Es giebt eine Richtung
nenhöhen der Alpen, wo der Mensch sich geistig und körperlich – namentlich durch Ärzte vertreten –, welche die ganze den Idioten
so herrlich entwickelt«. Dieser »Abendberg« wird oft zitiert, von zu gewährende Hülfe auf die Bewahrung und Pflege beschränken.
hier aus verbreitet sich der Gedanke, fürsorgliche Einrichtun- Sie ruht auf der prinzipiellen Annahme der Bildungsunfähigkeit.
gen für geistig behinderte Menschen zu schaffen. Durch diesen Eine andere Richtung – ihr gehören mehrere Idioten-Anstalten
Einfluss entstanden Anstalten in ganz Europa und in Amerika. Die an – fordert Bildungsfähigkeit als Bedingung für die zu leistende
Gründung der Alsterdorfer Anstalten wird von Sengelmann selbst Hülfe.« Daraus ergebe sich auch ein Gegensatz der Heilmittel: »Die
chronologisch an 15. Stelle in Deutschland eingeordnet. einen wollen nur Bekämpfung des Idiotismus auf medicinischem,
Die älteste deutsche Privatanstalt (1839) war die Kernsche die Anderen dieselbe nur auf pädagogischem Wege.« Sengelmann
Anstalt in Möckern bei Leipzig. Vor allem in den drei Jahrzehnten plädiert für Zusammenarbeit. Seine Schlussfolgerung: »Ob der Arzt
von 1860 bis 1890 wuchs die Zahl der Heime für Menschen mit oder der Pädagoge Vorstand ist, daran liegt wenig. Die Hauptsache
Behinderung Schlag auf Schlag. Nicht nur Alsterdorf hat bis heute ist das einträchtige Zusammenwirken.« |
Bestand. Bekannt sind u.a. Stetten, Neuendettelsau bei Ansbach Inge Averdunk
und Bethel. 1 Der Begriff »Idiot« kommt aus dem Altgriechischen und bedeutete dort »einfacher Soldat«
oder »Laie«. Später im lateinischen Sprachgebrauch wurde daraus der »unwissende
Unterschiedliche Auffassungen führten zu unterschiedlichen Mensch«. Sengelmann benutzte diese Bedeutung – das Wort hatte sich noch nicht zum
Konzepten. Sengelmann führt aus: »Wenn auch die Anerkennung, Schimpfwort entwickelt.
1834 1835 1836 1837 1838
Jahre
Erste deutsche Eisenbahnstrecke Fertigstellung des Pariser Thronbesteigung von Veröffentlichung des
von Nürnberg nach Fürth Arc de Triomphe Queen Victoria von England Romans »Oliver Twist«
Evangelische Stiftung und damit Beginn des von Charles Dickens
Alsterdorf Viktorianischen Zeitaltersthema
I
m Römischen Reich wurden befanden sich früher die Idioten? 6_7
Menschen mit Behinderungen auf … Ein Theil derselben hatte seinen
speziellen Märkten zum Verkauf Aufenthalt in den Familienhäusern,
angeboten, im Mittelalter überließ denen sie angehörten, wo sie theil-
man sie auf »Narrenschiffen« ihrem weise zum Schrecken der Nachbarn,
Schicksal, oft wurden sie ins Ge- oder als Spielball der Rohheit, ihren
fängnis oder Zuchthaus geworfen. Eltern zum Kreuz ihr elendes Dasein
Man nannte sie »Irre«, »Wahnsinni- führten, oder sie waren in Irren-,
ge«, »Blöde« oder »Idioten«, vielfach Kranken- und Armenhäusern unter-
galten sie als »vom Teufel besessen«. gebracht, oder die Kommune hatte
Spezielle Anstalten gab es noch sie in Kost gegeben – zumeist in
nicht. Erst im 17. und 18. Jahrhun- die Familienhäuser einer ländlichen
dert ändert sich das Bild, wenn auch Bevölkerung ... Die entweder in den
die Art der »Fürsorge« aus heutiger Stubenwinkeln hockenden oder als
Vom Narrenschiff
zur Anstalt
Menschen mit Behinderung in der Geschichte
Sicht alles andere als menschlich Gänsehüter und anderweitige Hirten
erscheint: Es entstanden Einrich- verwendeten, anfänglich vielleicht
tungen, in denen Menschen mit noch besserungsfähigen Kinder
Behinderungen ebenso wie Bettler stumpften immer mehr ab.«
und Verbrecher zusammengepfercht Bis die »Idioten« von den Ärzten,
und zur Arbeit verpflichtet wurden. aber auch von der Öffentlichkeit als
Solche »workhouses« verbreiteten Kranke anerkannt wurden, dauerte
sich von England aus in ganz Eu- es Jahrzehnte. Sengelmann schildert
ropa. Vorreiter in Deutschland war den Prozess ausführlich.
das Zuchthaus in Hamburg (1640) Ein Impuls dazu ging von Eng-
am Standort des heutigen Thalia- land aus: Das Buch »Die Behand-
Theaters. lung der Irren ohne mechanischen
Von der Idee, Menschen mit Zwang« (John Conolly, Lincoln,
Behinderungen als »Kranke« zu be- 1860 ins Deutsche übersetzt) löste
Menschen mit Behinderung wurden in handeln, waren diese Institutionen heftige Diskussionen aus: Geistig
Fotos Seite 4–21: alle historischen Fotos aus dem Archiv der Evangelischen Stiftung Alsterdorf
unterschiedlichsten Bereichen beschäftigt: noch weit entfernt. Erst in der Mitte und psychisch kranke Menschen
hier in der Versorgung mit Frischwasser des 18. Jahrhunderts trat allmählich gelten nun als »Kranke«.
ein Wandel ein. Doch die »Thera- Der Psychiater Wilhelm Griesin-
pien« gingen eigenartige Wege: ger erklärte 1867 in seiner Abhand-
Körperliche Zwangsmaßnahmen lung »Über Irrenanstalten und deren
und Bestrafungen mit Nahrungsent- Weiterentwicklung in Deutschland,
zug und Dunkelheit waren durchaus der Geisteskranke jedweder Art,
üblich. auch der Schwachsinnige, sei ein
Es gab auch Privat-Irrenanstal- organisch Kranker, ein Hirnkranker.
ten, die von Ärzten, Geistlichen, Deshalb empfahl er die Einrichtung
Künstlern oder Witwen geführt wur- von Spezialkrankenhäusern.
den. Ein bekannter Bewohner eines In der zweiten Hälfte des 19.
solchen Heimes in Tübingen war der Jahrhunderts wurden dann zahlrei-
Dichter Friedrich Hölderlin (1807– che Einrichtungen gegründet, um
1843). Und Heinrich Sengelmann meist geistig behinderte Menschen
schreibt über den Aufenthaltsort aufzunehmen und zu pflegen. |
von geistig Behinderten: »Wo Inge Averdunk
1839 1840 1841 1842 1843
Sengelmann beginnt sein Studium Sengelmann setzt sein Studium Veröffentlichung der Dissertation Theologisches Examen Heinrich
der Orientalistik und der Theologie in Halle mit dem Schwerpunkt von Heinrich Sengelmann: Sengelmanns in Hamburg
in Leipzig Theologie fort »Das Buch von den sieben
weisen Meistern«
Betriebsaufnahme der ersten Gründung des ersten Besetzung Hongkongs durch 5.–8. Mai: der »Große Brand« in Eröffnung des Thamestunnels
Deutschen Pferdeomnibuslinie Kindergartens durch Friedrich Großbritannien Hamburg – 51 Menschen sterben, in London
zwischen Hamburg und dem Wilhelm August Fröbel in Bad ca. zehn Prozent der Bevölkerung
dänisch-holsteinischen Altona Blankenburg wird obdachlosLinks: Heinrich
Matthias
Sengelmann
im Kreis seiner
Mitarbeiter
Unten: Sengelmann
im Laufe der
Jahre …
/// Die Direktoren der Alsterdorfer Anstalten ///
Alles aus Liebe – der Gründer der Evangelischen
Stiftung Alsterdorf Heinrich Matthias Sengelmann
Heinrich Matthias Sengelmann (geboren am auf eigenen Wunsch aus seinem Amt als Pastor
25. Mai 1821 in Hamburg, gestorben am 3. Feb- in St. Michaelis entlassen, um sich ganz dem
ruar 1899 in Hamburg) war Gründer und erster Aufbau der Alsterdorfer Anstalten zu widmen.
Direktor der Alsterdorfer Anstalten, dem Vorläufer Dabei leitete ihn sein christliches Menschenbild
der Evangelischen Stiftung Alsterdorf. Sengel- – sowohl in Bezug auf das Personal, an das er
mann studierte ab 1840 in Leipzig und Halle hohe Anforderungen stellte, als auch in Bezug
Theologie, Orientalistik und Anthropologie. Zu- auf die Bewohnerinnen und Bewohner, für die
rück in Hamburg trat er 1846 seine erste Pfarrstel- er ein behütetes Zuhause abseits der Großstadt
le in Hamburg-Moorfleet an. Bereits dort setzte schaffen wollte. Dieses Zuhause sollte sowohl
er sich mit einer »Christlichen Arbeitsschule, dem Bildung als auch medizinische Versorgung bieten
St. Nicolaistift, für sozial benachteiligte Kinder – sowie Arbeitsmöglichkeiten. Denn Sengelmann
ein. Ab 1852 wurde Sengelmann zum Pastor in betrachtete Arbeit als Teil eines guten Lebens, da
St. Michaelis berufen. Er war als Seelsorger oft im sie der »Ausbildung der Sinne, der Kraft und des
Gängeviertel um St. Michaelis unterwegs, einem Geschicks« dient. Und ihm war es auch wichtig,
Teil seines Gemeindegebietes, und entsetzt über dass den Bewohnerinnen und Bewohnern eine
das Elend, das er dort vorfand – wie zum Beispiel Auswahl an Arbeitsmöglichkeiten geboten wur-
die Lebensbedingungen von Carl Koops, einem de. Sengelmann war selbst in den Genuss gekom-
Jungen mit geistiger Behinderung. Die Gänge- men, in einer funktionierenden Familie aufzu-
viertel in Hamburg waren sehr enge, meist mit wachsen – eine Erfahrung, die er in der Art, wie
kleinen Fachwerkhäusern bebaute Wohnquartie- er die Alsterdorfer Anstalten aufbaut, weitergibt.
re, in denen mittlere und ärmere Bevölkerungs- Liebe als Grundlage der Behindertenarbeit – um
schichten lebten. diese Auffassung zu verbreiten, gründete er 1874
Nachdem Sengelmann sich vergeblich um die Interessenvertretung »Conferencen für die
eine Pflegefamilie für Carl Koops bemüht hatte, Idioten-Heil-Pflege«, die sich mit allen Facetten
ließ er mit Spendengeldern ein Fachwerkhaus der kirchlichen Anstaltsfürsorge für Menschen mit
in Alsterdorf bauen, das am 19. Oktober 1863 geistiger Behinderung beschäftigte, und brachte
von Carl Koops und drei weiteren Jugendlichen so nicht nur die Praxis, sondern auch die Theorie
mit geistiger Behinderung sowie einem Hausva- der Behindertenarbeit entscheidend voran. |
ter bezogen wurde. 1867 wurde Sengelmann Liisa Viitanen
1844 1845 1846 1847 1848
Sengelmann gründet »Verein für 10. Juli: Sengelmann wird Sengelmann wird Mitglied des im
entlassene Zöglinge der Pastor in Moorfleet bei Hamburg gleichen Jahr durch Johann Hinrich
Jahre
Sonntagsschulen in Hamburg« Wichern gegründeten »Vereins für
Innere Mission« in Hamburg
Revolution in Frankreich.
Eröffnung der Deutschen
Evangelische Stiftung Nationalversammlung in der
Alsterdorf Frankfurter Paulskirchethema
ier
Foto: Axel Nordme 8_9
» Seit 23 Jahren bin ich in der
Stiftung. Eine lange Zeit. Für
mich bedeutet die Arbeit hier
einen sicheren Job. Und ich kann
hier meinen gelernten Beruf
mit meinen christlichen Werten
verbinden, das findet man nur sehr
selten. Das habe ich gesucht und
hier gefunden. Übrigens fahre ich
regelmäßig auf dem Weg nach
Hause nach Moorfleth und pflege
das Grab von Sengelmann, ohne
den ich gar nicht hier wäre.«
Martin Dörk, Betriebsstättenleiter
alstergärtner, alsterarbeit
Links: Heinrich Matthias Sengelmann auf dem Höhepunkt seines
Schaffens
Oben: Das Pfarrhaus Moorfleth 1850, Sengelmann gründete hier
eine »Christliche Abendschule«
Unten: Kirche und Pastorat zu Moorfleth
1849 1850 1851 1852 1853
Pastor Heinrich Sengelmann Sengelmann übernimmt Pfarrstelle
gründet in Moorfleet eine an St. Michaelis. Umwandlung
»Christliche Arbeitsschule« der »Christlichen Arbeitsschule« in
»St. Nicolai-Stift« – Sengelmann
Erste Weltausstellung in London Veröffentlichung des Romans wird Vorsitzender von dessen neu
»Onkel Toms Hütte« von gegründetem Vorstand
Harriet Beecher-StoweD
as weitläufige Gelände in denn zur Bildung und Wert- kam: »Und o welch ein Triumph tedankfest im Herbst statt. Von
Alsterdorf vor den Toren schätzung gehört für Sen- war das für das Mädchen – und Sengelmann selbst stammte die
der Stadt Hamburg bot gelmann die Förderung der ich, wie freute ich mich, daß ich Idee, die einzelnen Produktions-
die besten Voraussetzungen Arbeitsfähigkeit. Zum anderen dem Mißtrauen, das sie in sich gruppen, ausgestattet mit einer
für die »koloniale« Struktur, diene sie der Existenzsicherung. selber setzte, nicht nachgege- Standarte, vorzustellen. Diese
die Sengelmann bevorzugte. In den Werkstätten herrschte ben hatte.« Auftritte sollten die Identifikati-
Keimzelle waren das Nikolai-Stift eine große Vielfalt an Betä- Nicht wegzudenken aus on der Gruppen mit ihrer Arbeit
für verwahrloste Kinder und das tigungsmöglichkeiten, u.a. dem Alltag in Alsterdorf ist stärken und ihre Bedeutung
Asyl für Carl Koops und seine Mattenflechten, Bürstenbinden, »Jenny« Sengelmann, die zweite nach außen hin betonen.
Schicksalsgenossen. Das kleine Pantoffelmachen, Korbflechten, Frau des Direktors. Sie unter- Die medizinische Versor-
Fachwerkhaus existiert heute Holzschnitzereien, Laubsägen, stützte ihn tatkräftig und war gung wurde kontinuierlich
in allen Bereichen unterwegs, ausgebaut. Zunächst kamen
Vom Fachwerk-Asyl zur
in Kleider- und Schuhlagern, ab 1864 niedergelassene Ärzte
Wäscherei, Nähstube und regelmäßig in die Anstalt. Einige
Küche. Die musikalisch hoch- Jahre später wurden Mediziner
kompletten Siedlung begabte Frau sang im Chor mit
den Bewohnern. Nachgesagt
werden ihr Urwüchsigkeit,
fest angestellt. Bewohner mit
ansteckenden Krankheiten
konnten in einer kleinen Kran-
Die Struktur der Alsterdorfer Anstalten emanzipiertes Auftreten und kenbaracke isoliert werden.
Wahrheitsliebe. Während der Einen großen Fortschritt
zahlreichen Reisen ihres Mannes brachte 1897 die Eröffnung
noch als »Haus Schönbrunn«. Korkarbeiten, Buchbinderei, übernahm sie als »Frau Direktor« des Hauses »Bethabara«. Hier,
1867 möchte Sengelmann sich Schneiderei, Schuhmacherei, seine Vertretung. Auch nach im »Haus für Kranke«, wurden
ganz dem weiteren Ausbau Tischlerei, Schmiede und Maler- seinem Tod nahm sie weiterhin sowohl Bewohner als auch Mit-
seiner Anstalt widmen und gibt arbeiten. regen Anteil am Leben im »Asyl« arbeiter und ihre Familien auf-
sein Predigeramt in St. Michaelis Durch Arbeit sollten die für behinderte Menschen. genommen und behandelt, es
auf. Ein Gebäude nach dem an- Menschen auch Selbstvertrauen Obwohl Sengelmann forder- war die Gründung des heutigen
deren entsteht, bis sich mitten gewinnen. Sengelmann war te, dass die Anstalten überkon- Evangelischen Krankenhauses
im ländlichen Raum eine ganze der Meinung, dass mit Anstren- fessionell sein müssten (»Sie Alsterdorf. 1911 ergänzte eine
Siedlung entwickelt. Zu seinen gung und Ausdauer manches nehmen ihre Pfleglinge und weitere Krankenhausbaracke die
Lebzeiten wurden 38 Haupt- Defizit ausgeglichen werden Kostgänger auf ohne Unter- Räumlichkeiten.
und Nebengebäude errichtet. könne. Sein Beispiel: »Ich hatte schied der Religion und Staats- Das Krankenhaus war das
In den verschiedenen Häu- es einmal mit einem Mädchen angehörigkeit«), war der überall letzte große Werk Sengelmanns.
sern lebten Kinder, Jugendliche zu tun, der ich sagte: Hanna, herrschende christliche Geist Er starb 1899. Damals waren
und Erwachsene unterschiedli- zeig mir mal deine Nase!, dass von großer Bedeutung. Um die rund 600 Menschen in den
cher Herkunft. Manche waren sie ängstlich zitternd erwider- seelsorgerliche Betreuung küm- Alsterdorfer Anstalten unterge-
unterschiedlich stark behindert te: Ich kann es nicht!« Wohl merte Pastor Sengelmann sich bracht, die von 140 Angestell-
und augenscheinlich nicht lern- zwanzigmal redete er ihr zu, bis persönlich. Anfänglich wanderte ten betreut wurden.
fähig, andere geistig behindert, endlich der Finger an die Nase er sonntags und an Feierta- Es war die Zeit, in der wohl-
aber arbeitsfähig, Epileptiker gen mit Bewohnerinnen und habende Hamburger Haushalte
wurden ebenso aufgenommen Bewohnern zu den Gottesdiens- elektrisches Licht und Telefon-
wie lernbehinderte Kinder aus ten in der St. Johannis-Kirche in anschlüsse bekamen. Große
wohlhabenden Familien und Eingang Maschinenhaus zu Eppendorf. 1867 waren diese Bauvorhaben beschäftigten die
Kinder mit chronischen Erkran- den großen Kesseln Ausflüge nicht mehr nötig, Als- Bürger: Rathaus und Speicher-
kungen. terdorf erhielt eine Kapelle. Und stadt wuchsen als mächtige
Wo Zöglingen ein Familien 1889 erfüllte sich das große Ziel Komplexe mitten in der Stadt in
ersatz geboten werden sollte, von Sengelmann, eine eigene die Höhe.
standen »Hausvater« bzw. Haus- große Kirche zu besitzen, die Der Nachfolger von Heinrich
eltern an verantwortlicher Stelle. den geistigen Mittelpunkt der Sengelmann, Paul Stritter, ver-
Sie gaben Aufträge an »Wär- Anstalt bildet: Die Einweihung folgte ebenfalls große Pläne. Er
terinnen und Wärter«, meist von St. Nicolaus wurde gefeiert. erweiterte die Einrichtung, ließ
handwerklich fähige Frauen und In Alsterdorf gab es auch große Wohnhäuser bauen mit
Männer, die in Alsterdorf päda- sonst Anlässe zum Feiern: Jedes Schlafsälen, die bis zu 100 Per-
gogisch weitergebildet wurden. Jahr unterhielten zwei Volksfes- sonen Platz boten. 1914, beim
Die Bewohner der Anstalt te mit Umzügen und Darbietun- Ausbruch des Ersten Weltkriegs,
wurden in Küche, Wäscherei, gen Bewohner, Mitarbeiter und lebten 1.000 Menschen in den
Werkstätten, Gärtnerei und Gäste. Das sogenannte »Jahres- Alsterdorfer Anstalten. |
Landwirtschaft beschäftigt, fest« fand im Sommer, das Ern- Inge Averdunk
1854 1855 1856 1857 1858
Aufstellung der ersten Litfaßsäule Eröffnung der »Gemäldegalerie Deklaration von Paris, in der Schwere Handelskrise durch Evangelischer Kirchentag in
in Berlin Alte Meister« in Dresden des Piraterie international als illegal weltweite Wirtschaftskrise trifft Hamburg
Baumeisters Gottfried Sempers geächtet wird auch Hamburg, Staatsanleihe bei
Österreich verhindert Staatskrisethema
1 Alte Pforte zwischen 10_11
Schönbrunn und
St. Nicolaus mit dem
Pförtner Eduard Fischer
2 Die Feuerwehr der
Alsterdorfer Anstalten
3 Kirche St. Nicolaus
4 Kinderkrankenstation
Fichtenhainbaracke
1 2
5 Waschhaus und
Küchengebäude
3 4 5
1859 1860 1861 1862 1863
Heinrich Sengelmann heiratet Geburt der »Alsterdorfer Anstalten«: Pastor Sengelmann ruft im 19. Oktober: Einweihung des »Asyls
Jane Elisabeth von Ahsen, Verlegung des »Nicolai-Stifts« von »Boten aus dem Alsterthal« für schwach- und blödsinnige Kinder«
genannt »Jenny« (Tochter seines Moorfleet auf das Gelände eines zur Gründung eines Asyls für im »Haus Schönbrunn« – der Beginn
Amtskollegen an St. Michaelis) Bauernhofes in Alsterdorf schwachsinnige Kinder auf der Behindertenarbeit in Alsterdorf
Veröffentlichung von Charles Gründung des Königreichs Italien. Otto von Bismarck wird
Darwins »Über die Entstehung der Zar Alexander II. hebt in Russland preußischer Ministerpräsident
Arten«, dem grundlegenden Werk die Leibeigenschaft auf. Beginn
der Evolutionsbiologie des Amerikanischen BürgerkriegS
engelmann ist einer der auch positiv auf eine koope- Die Einrichtung eines »Stadt- »Conferenz für Idioten-Heil-
wichtigsten Väter der rative Zusammenarbeit der missionars« sah Sengelmann kri- Pflege« 1874, der er viele Jahre
Inneren Mission.« So beiden Einrichtungen auswirk- tisch, weil sie weder dem Amt als Präsident vorstand. Diese
beginnt das Geleitwort von te. Sengelmann konnte sich des Pastors zuzuordnen sei noch »Wanderkonferenz« versammel-
Bischof Wölber zur Neuausgabe zunächst grundsätzlich mit den das »Priestertum aller Gläubi- te damals alle Berufsgruppen
von Sengelmanns Hauptschrift Zielen der »Inneren Mission« gen« repräsentiere. Überhaupt und Akteure der Behinderten-
»Idiotophilus«, 1975. Dieser Satz identifizieren und wurde auf sah er die Schaffung weiterer arbeit über Konfessions- und
trifft zwar auf Wichern zu, aber Wunsch Wicherns dort Mit- hauptamtlicher Stellen sehr Religionsgrenzen hinweg. Ihre
keineswegs auf Sengelmann. glied. Das Verhältnis kühlte sich kritisch, weil sie die Christen von innovativen Einflüsse damals auf
Sein Verhältnis zur »Inneren gegen Ende der 1850er-Jahre ihrer Pflicht der Nächstenliebe die Behindertenarbeit nicht nur
Mission« hat eine spannungsrei- ab und wurde immer kritischer, und des ehrenamtlichen Enga- in Deutschland, sondern weit
che Entwicklung durchgemacht. als Sengelmann sich um 1860 gements enthebe. darüber hinaus, sind bis heute
Obwohl selbst durch den nicht angemessen gewürdigt
Pietismus geprägt, wandte worden, am allerwenigsten im
Sengelmann und Sengelmann sich gegen eine
geistliche Vereinnahmung von
Menschen und gegen »Bekeh-
Raum der Kirche. Erst zu Beginn
des 20. Jahrhunderts setzte
auch hier eine Konfessionalisie-
die »Innere Mission«: rungsversuche« in der Verkün-
digung der »Inneren Mission«.
rung ein.
Sengelmanns Bedeutung in
ein gespanntes
Jeder Mensch müsse sich auch seiner Zeit lässt sich so zusam-
in Fragen des Glaubens frei menfassen:
entwickeln können. Hier äußert Er hat in seiner Einrichtung
Verhältnis! sich die freie und tolerante
Haltung Sengelmanns, wie sie
z.B. auch in dem offenen Dialog
ein ganzheitliches Konzept der
Betreuung von Menschen mit
Behinderung entwickelt und
Hauptkritik galt Ausblendung mit dem jüdischen Zeitgenossen umgesetzt: Dazu gehörten ärzt-
Anton Ree, dem Direktor der liche und pflegerische Betreu-
der Behindertenarbeit »Israelitischen Freischule«, zum ung ebenso wie die Entwicklung
Ausdruck kommt. eines Gemeinschaftsgeistes
Sengelmanns Hauptkritik durch Feste, religiöse Erziehung,
Diese ist zunächst durch in mehreren Schriften mit den galt dem inhaltlichen Defizit der geistliches Leben, aber auch
das Verhältnis zu Wichern, dem innerkirchlichen Missständen »Inneren Mission«, Menschen Freizeitgestaltung, schulische
Gründer der »Inneren Missi- in Hamburg auseinandersetz- mit Behinderung als Zielgruppe und berufliche Bildung sowie
on«, beeinflusst. Beide sind te. Auf völliges Unverständnis ihrer Arbeit völlig auszublenden. Arbeit, je nach dem Vermögen
wesentlich geprägt worden stieß bei Wichern die Tatsache, Weder in den programmati- des Einzelnen.
durch ihre Tätigkeit als Lehrer dass Sengelmann sich ab 1863 schen Gründungsdokumenten Viele Einrichtungen für
in der Sonntagsschule von Menschen mit Behinderung 1848 noch in der Verbandszeit- Menschen mit Behinderung
Pastor Rautenberg in St. Georg annahm. schrift »Fliegende Blätter« war in Deutschland, aber auch im
in der Betreuung von Kindern Sengelmanns Kritik an der die Behindertenarbeit erwähnt. Ausland bis hin zum norwegi-
aus sozial schwachen Familien. »Inneren Mission« war theolo- Dieses änderte sich erst gegen schen Königshaus, verdanken
Diese Erfahrungen hatten für gischer und organisatorischer Ende des 19. Jahrhunderts. Im ihre Entstehung und Gestaltung
beide nachhaltige Wirkungen, Art und ist unterschiedlich zu Übrigen: Das »Rauhe Haus« hat dem Rat und der Erfahrung
für Wichern in der Gründung gewichten: erstmalig 1978 eine Gruppe von Sengelmanns.
des »Rauhen Hauses« für ver- Anfangs bestanden sie im sechs stark verhaltensauffälligen Seine Wertschätzung
wahrloste Kinder, für Sengel- Vorwurf der mangelnden Unter- und gehörlosen Kindern aufge- gegenüber Menschen mit
mann in seiner Zeit als Pastor stützung der Gemeindearbeit in nommen. Behinderung entsprang seinem
in Moorfleth in der Gründung Moorfleth und in den anderen Sengelmann wandte sich christlich-humanistischen Men-
einer Stiftung für Arbeiterkinder, Landgemeinden. gegen eine Konfessionalisie- schenbild und kann noch heute
deren Eltern sich tagsüber nicht Dann warf er der »Inneren rung und Klerikalisierung des Leitbild für die Behindertenar-
um sie kümmern konnten. Mission« vor, für jede Problem- diakonischen Handelns, wie er beit sein: »Wir haben es nicht
Zunächst bestand ein gruppe der Gesellschaft einen es in der »Inneren Mission« zu mit ›Fällen‹ zu thun, sondern mit
freundschaftliches, väterliches neuen Verein zu gründen mit beobachten glaubte. Dies kam Mitmenschen, in denen auch
Verhältnis zwischen Sengel- der Folge der Zersplitterung. Es am deutlichsten zum Ausdruck eine unsterbliche Seele wohnt,
mann und dem um dreizehn mangele an einer Bündelung in seiner Gründung der reichs- wenn auch eine verhüllte.« |
Jahre älteren Wichern, das sich der Kräfte. weiten, überkonfessionellen (!) Dr. Bodo Schümann
1864 1865 1866 1867 1868
Die Gartenbauschule wird Gründung der Bugenhagen-Schule. Sengelmann
gegründet legt sein Amt als Pastor an St. Michaelis
Jahre
nieder, um sich als Direktor und Pastor ganz
den »Alsterdorfer Anstalten« zu widmen
Krieg Preußens und Österreichs Krieg zwischen Preußen und Beitritt Hamburgs zum
gegen Dänemark um Schleswig- Österreich um die Vorherrschaft »Norddeutschen Bund«
Holstein mit Auswirkungen auch in Deutschland, aus dem Preußen Evangelische Stiftung
für Hamburg siegreich hervorgeht Alsterdorfthema
12_13
Großes Bild:
Turnunterricht in den
Alsterdorfer Anstalten
Kleine Abbildungen:
Alltagsszenen aus den
damaligen Alsterdorfer
Anstalten
Hamburg
Liebe Elisabeth!
Stell Dir vor, bei uns in Hamburg,
draußen auf dem Feld in der
Nähe der Alster, gibt es jetzt
eine komische Ansiedlung.
Clara lebt in Hamburg,
Elisabeth in München.
Dort werden Idioten aufgenom-
Die beiden Freundinnen men und betreut. Wie ich höre, München
schreiben sich regelmäßig. leben sie in Häusern, und dort Meine liebe Clara!
Und dabei geht es auch wie in Familien.
ab und zu um Alsterdorf.
Meine Mutter erzählte mir Ich höre allenthalben von solchen
Alles rein fiktiv, versteht
sich … noch vom Zuchthaus, in dem neumodischen Anstalten.
die Schwachsinnigen mit Aber es ist sicher gut, wenn sich
Bändern gefesselt wurden, jemand um diese armen
damit sie niemanden angriffen.
Ob das wohl gut geht? Menschen kümmert.
Es grüßt Dich herzlichst: Herzlichst umarmt Dich:
Deine Clara Deine Elisabeth
1869 1870 1871 1872 1873
Einweihung des »Pensionats Eröffnung der »Präparanden- Einweihung eines Kinderheimes
für schwachbefähigte Kinder Anstalt« zur Ausbildung für geistig gesunde, aber
höherer Stände« von Lehrern und »Wärtern« körperlich behinderte Kinder
(Heilerzieher)
Der Suezkanal wird eröffnet Deutsch-Französischer Krieg, der Deutsches Kaiserreich mit Gründung des Yellowstone- Ausgrabung des Schatzes
mit der Niederlage Frankreichs Wilhelm I. von Preußen als Kaiser Nationalparks in den USA als des Priamos in Troja durch
endet gegründet erster Nationalpark der Welt Heinrich Schliemann
Bau des EiffelturmsIm modernen Wirtschaftsgebäude wurde die Speiseversorgung
für die damaligen Alsterdorfer Anstalten sichergestellt
Der Speiseplan
»Naturgemäße, leicht verdauliche, nahrhafte und wohlschmeckende
Kost« sollte nach den Anweisungen Sengelmanns auf dem Speise-
plan stehen. Außerdem: »Trotz des Umstandes, dass der Geschmack
bei vielen ›Idioten‹ wenig ausgebildet ist, ist ein Haupterforderniß,
dass nur wohlschmeckende Speise auf den Tisch komme.«
Ganz praktisch sah das in Alsterdorf so aus: Am Morgen gab es Grütze
mit Milch oder Kaffee mit Weißbrot. Mittags stand fast immer Suppe auf
dem Tisch, sei es aus Erbsen, Linsen oder Bohnen, mal mit Fleisch und
Kartoffeln, mal mit Wurst, mal mit Klößen und Speck. Zur Abwechslung
lieferte die Küche Hering mit Kartoffeln, süßen Reis mit Pflaumen oder
Fruchtsuppe mit Klößen. Für die schwächeren Bewohner wurden Frikadel-
len, Arme Ritter oder Pfannkuchen zur Suppe gereicht. Das Abendessen
war eintönig: Tee, Kaffee, Brot und Suppe (aus Milch, Brot, Grieß, Reis
oder als süße Variante).
München
Hamburg Meine liebe Clara,
Liebe Elisabeth!
wir können ja froh sein, dass unsere
Unsere Anstalten vergrößern
sich immer mehr. Der Pastor
Familien vor solchen Schicksalen
Sengelmann, der ja früher in verschont bleiben. In England
St. Michaelis predigte, hat ganz soll es übrigens Wohltäter geben,
eigene Vorstellungen: Die dort
aufgenommen werden, sollen sogar die ganze Schlösser für arme
arbeiten! In der Gärtnerei, auf dem Menschen herrichten, um sie
Feld, in eigenen Handwerksbetrieben!
Ob sie das überhaupt fertigbringen? vor einem elenden Leben in den
Gassen zu bewahren.
Das fragt und grüßt:
Deine Clara Liebe Grüße:
Elisabeth
1874 1875 1876 1877 1878
Gründung der Konferenz Sengelmann wird Mitglied der »Briefe und Bilder aus Alsterdorf«
der Heilerziehungs- und Hamburgischen Bürgerschaft als Mitteilungsorgan der
Pflegeanstalten; Sengelmann ist damaligen Alsterdorfer
Präsident. Anstalten erscheint
Gründung des Museums für Kunst Gründung der Mark statt Gulden Gründung der Schiffswerft Bismarck erlässt das
und Gewerbe in Hamburg Sozialdemokratischen Blohm & Voss in Hamburg »Sozialistengesetz«
Arbeiterparteithema
14_15
Jenny Sengelmann, zweite Frau des Anstaltsgründers,
wirkte tatkräftig am Ausbau Alsterdorfs mit
Die gute Seele von Alsterdorf –
Jenny Sengelmann
Mit noch nicht einmal zwei Jahren soll sie schon fehler-
los »Kommt ein Vogel geflogen« gesungen haben: Jane
Elisabeth von Ahsen (geboren am 17. Juni 1831 in Ham-
burg, gestorben am 26. September 1913 in Laboe) war
die Tochter des Pastors von St. Michaelis Jacob Heinrich
von Ahsen. Sie selbst nannte sich Jenny, war hochmusi-
kalisch, sehr gesellig und sozial engagiert: Oft begleitete
sie den Stadtmissionar bei seinen Gängen durch die Stadt.
Als sie Heinrich Matthias Sengelmann heiratete, mit ihm
nach Alsterdorf ging und sich immer stärker in den Alster-
dorfer Anstalten einbrachte, traten Geselligkeit und Musik
in ihrem Leben in den Hintergrund. Es lag ihr, Menschen
mit geistiger Behinderung anzuleiten und zu beschäfti-
gen. Außerdem hatte sie in den Kleider- und Schuhlagern,
der Wäscherei, den Nähstuben und der Küche alles im
Blick. Ihr entschiedenes Auftreten und ihre spitze Zunge
machten ihr nicht nur Freunde. Hinter dieser bisweilen
rauen Schale verbarg sich aber eine Warmherzigkeit, mit
der sie gerade den Schwachen begegnete – den Bewoh-
nerinnen und Bewohnern genauso wie einem alko-
holkranken Schneider, um den sie sich rührend kümmerte.
Als ihr Mann noch lebte, hatte sie oft ihm gegenüber
ausgerufen: »Mich halten nach deinem Tode keine zehn
Pferde mehr in Alsterdorf!« Aber als sie dann nach seinem
Tod in Alsterdorf nichts mehr zu sagen hatte, war das
doch schwer für sie. Die Tatsache, dass sie ihren Alterssitz
in der Nähe der Anstalten hatte und daher oft Besuch von
Bewohnern und älteren Angestellten bekam, versöhnte
sie jedoch mit ihrer neuen Rolle. So hatte sie schließlich
wieder mehr Zeit für gesellige Runden mit Freunden und
Bekannten und nicht zuletzt für die Musik. Ihr letztes
Oberes Bild: Eine Mädchengruppe unter der Aufsicht von Lebensjahr widmete Jenny Sengelmann geistlichen Texten
Schwestern beim Spiel. Insbesondere die Alsterdorfer und Liedern. So ließ sie sich einen Tag vor ihrem Tod am
Schwesternschaft Euodia und die Jünglingsschaft Concordia 26. September 1913 von ihrer Hausgenossin dieses Lied
spielten über viele Jahrzehnte eine wichtige Rolle in der Stiftung vorlesen: »Frisch und getrost reis’ ich nun fort in Gottes
Unten: Jungen spielen mit Bauklötzchen in der Namen; Gott ist mein Licht, mein Weg und Pfort’ …« |
Kinderkrankenstation Fichtenhain Liisa Viitanen
1879 1880 1881 1882 1883
Tagung der Konferenz der
Heilerziehungs-, Heil- und
Jahre
Pflegeanstalten in Hamburg
Gründung des weltweit Installation eines öffentlichen Robert Koch entdeckt die Robert Koch entdeckt den
ersten Instituts für Telefonnetzes in Hamburg Tuberkulosebakterien Choleraerreger. Einführung der
Psychologie in Leipzig Evangelische Stiftung (206 Teilnehmer) gesetzlichen Rentenversicherung
Alsterdorf in Deutschland.V
ielleicht hätte es die mit dem sie sich von anderen ihn namentlich zur Ausbildung Wert. Er verlangte: »Völlige
Alsterdorfer Anstalten Heimen unterschieden. Weil des Sprachvermögens behülflich Hingabe an den Beruf, Um-
nie gegeben, wenn nicht Sengelmann von einer grund- sein«. Weiter standen Formen- sicht, Ausdauer und Geduld
Heinrich Sengelmann als Pastor sätzlichen Bildungsfähigkeit Unterricht (Zeichnen), Sprach-, sind neben den gewöhnlichen
von St. Michaelis häufig das auch behinderter Menschen Lese- und Schreibunterricht, die besonderen Erfordernisse
Gängeviertel besucht hätte. In ausging, gab es ein breites Rechnen, Singstunden und Tur- derer, welche ›Idioten‹ unter-
nen auf dem Stundenplan. richten und erziehen.« Deshalb
Aber auch die Erholung rief er selbst in Alsterdorf eine
Bildung für alle Kinder
spielte eine wichtige Rolle, »Präparanden-Anstalt« – die
»… um zum Unterricht und untere Stufe der Volksschul-
zur Arbeit neue Lust und neue lehrerausbildung – ins Leben,
Kräfte zu empfangen«. Spiel- um Lehrkräfte für den Umgang
Hohe Anforderungen an das Personal stunden unter Anleitung, Frei- mit Menschen mit geistiger
zeit und frische Luft brachten Behinderung auszubilden. Weib-
den Ausgleich zum Stillsitzen. lichen Pädagogen allerdings
den ärmlichen Gassen traf er Unterrichtsangebot von Religion Sengelmann empfahl, die Schul- traute er lediglich den Einsatz
mehrfach einen geistig behin- über Kulturtechniken bis zur stunden durch 5 bis 10 Minuten in Vorschule, Kindergarten und
derten Jungen, Carl Koops. musischen Erziehung und kör- Pause im Freien zu trennen. Und Mädchen-Elementarklassen zu:
In dieser Umgebung, das war perlichen Ertüchtigung. Einen im Sommer wurde in Alsterdorf »Bei den größeren Knaben wird
Sengelmann klar, hatte das Kind hohen Stellenwert hatte der kein Nachmittagsunterricht schon die Disciplin eine männ-
keine Chance, sich zu entwi- Religionsunterricht: »Ausgangs- erteilt (außer in der Vorschule, liche Kraft erheischen und eher
ckeln. Er suchte eine Pflege- und Angelpunkt des Unterrichts wo er möglichst im Freien ab- bei Lehrern als bei Lehrerinnen
familie, vergeblich. Deshalb zugleich ist der Religionsun- gehalten wurde). Gemeinsame die richtige Beherrschung des
entschloss er sich zur Selbsthilfe terricht, bei dem nicht blos Spaziergänge und Wanderun- Lehrstoffs zu erwarten sein.«
und startete einen Spenden- die Ausbildung der Intelligenz, gen führten in die Natur. Personal aus »Brüder-An-
aufruf zur Gründung eines sondern vor allen Dingen Ein- Auf die Qualität des Perso- stalten«, also z.B. aus Wicherns
Asyls. Vermögende Hamburger wirkung auf Gemüth und Willen nals legte Sengelmann großen »Rauhem Haus« wollte er nicht
unterstützten ihn, sodass er ein zu erstreben ist.« übernehmen, weil es seiner
Gelände in Alsterdorf, damals Der »Anschauungs- Meinung nach zu wenig qua-
vor den Toren der Stadt, er- Unterricht« befasste sich mit lifiziert sei. Ähnliches galt für
werben konnte: Hier zogen am »Gegenständen in natura (Obst, Diakonissen. Als »Wärterinnen«
19. Oktober 1863 vier geistig Nahrungsmittel, Getreide) oder Tagesablauf hätten sie zu geringe Kennt-
behinderte Jungen mit einem Abbildungen (Tiere, Geräte): nisse.
Hausvater ein, unter ihnen Carl Er »soll ... die Aufmerksamkeit 05.00 Aufstehen 1895 kam der Heilpädagoge
Koops. erregen, sein Auge üben, seine (Winter 05.30 Uhr) Johannes Paul Gerhard nach
Der Ausgangspunkt – Bil- Beobachtungsgabe schärfen, 07.00 »Morgenbrod«, Alsterdorf. Er baute die Schule
dung und Erziehung auch für sein Urtheil wecken, seinen Vor- Morgenandacht zu einer Musteranstalt aus, die
geistig behinderte Menschen – stellungskreis erweitern, seiner 07.30 – Unterricht, Arbeit sich zu den heutigen Bugenha-
blieb ein wesentliches Merkmal Phantasie und seinem Nachah- 09.00 gen-Schulen entwickelte. |
der Alsterdorfer Anstalten, mungstrieb Nahrung geben und 09.00 Frühstück Inge Averdunk
09.30 – Unterricht, Arbeit
12.00
12.00 Mittagessen
12.30 – Spiel
13.30
13.30 Arbeit
(Winter: Unterricht)
Mädchen und
16.00 Vesper, Spiel
Jungen zusammen
16.30 – Arbeit (Winter:
in einer Klasse:
18.30 Fortbildungsschule)
Schulkinder im
anschaulich 19.00 Abendessen,
Abendandacht
aufgebauten
Unterricht der 19.30 – Spiel, Selbstbeschäfti-
Anstaltsschule 20.30 gung, Schlafengehen
1884 1885 1886 1887 1888
Vereinsgründung von »Concordia« Herausgabe von Sengelmanns Grundsteinlegung für Pfarrhaus
und »Euodia«, für männliche bzw. Hauptwerk »Idiotophilus – und Direktionsgebäude sowie
weibliche Beschäftigte der Anstalt, Systematisches Lehrbuch der Einweihung des Hauses »Hoher
für Freizeit und Fortbildung Idioten-Heilpflege« Wimpel« mit großem Speisesaal
Einführung der Unfallversicherung Gründung des ersten Blaukreuz- Erstes Auto von Benz und Daimler Gründung des HSV Wilhelm II. wird deutscher Kaiser
vereins in Deutschland durch
Arnold Bovet in Hagen, Westfalenthema
16_17
Oben: Schülerinnen und Schüler während des Schulkinder mit Lehrerin bauen eine Pyramide
Unterrichts. Unten: Das damalige Schulgebäude (heute
Krankenhaus an der Dorothea-Kasten-Straße)
München
Liebe Clara,
Hamburg bei Euch in Hamburg passiert ja so viel. Ich habe
Liebe Elisabeth, gehört, dass dieses berüchtigte »Gängeviertel«, das ja
Du hast ja so recht. Hier in eine wahre Brutstätte von Seuchen, Kriminalität
Alsterdorf ist es zwar kein Schloss, und Sittenverderbnis ist, vielleicht abgerissen werden
aber die Siedlung wächst, und es
kümmern sich qualifizierte Kräfte soll. Und Euer Senat hat die Schulpf licht
um die Zöglinge. Sie werden sogar eingeführt. Das kann doch nur gut sein für die armen
unterrichtet! Die Frau des Direktors Leute. Ihr habt so eine schöne Stadt – ich
singt im Chor mit ihnen.
Und es gibt große Feste mit glaube, ich muss Dich doch bald einmal besuchen.
Umzügen, alle dürfen dabei sein. Jetzt, wo Ihr mit den neuen Elbbrücken ans
Eigentlich müsste ich mir das Eisenbahnnetz nach Süden angeschlossen seid, wäre
einmal anschauen.
das doch eine schöne Reise für mich.
Mit ganz herzlichen Grüßen
aus der Hansestadt, Liebe Grüße von Deiner
Deine Clara Elisabeth
1889 1890 1891 1892 1893
Beendigung der Ausbildung von Alsterdorf bleibt von den Folgen
Präparanden der großen Choleraepidemie
Jahre
Einweihung der St. Nicolauskirche weitgehend verschont
Gründung der »Zweiten Entlassung Bismarcks Schwerste Choleraepidemie Einführung des uneingeschränkten
Internationale« in Paris in Hamburg: 8.605 Tote, Frauenwahlrechts in Neuseeland,
Erste Maifeier Evangelische Stiftung 16.956 Erkrankungen dem ersten Staat, der Frauen
Alsterdorf dieses Bürgerrecht einräumtSie können auch lesen