Programmheft Februar bis August 2020

Programmheft Februar bis August 2020
De/En


Programmheft
Februar bis
August 2020
Programmheft Februar bis August 2020
Inhaltsverzeichnis

          Aus dem Museumsalltag  

4         Yadegar Asisi im Interview
          Ausstellungen

7         Sarah ­Oppenheimer
8         Christine Streuli
9         Bitte eintreten 1
10        Jenseits des Panoramas.
                                                IMPRESSUM / IMPRINT

                                                Direktorin / Director: Helen Hirsch
          Zur Konstruktion von Landschaft       Redaktion / Editor: Elsa Horstkötter, Noura Abla
                                                Konzept / Concept: Helen Hirsch, Simone Büsch-
                                                Küng, Elsa Horstkötter, Sara Smidt, Noura Abla
          Fokus                                 Texte / Texts: Helen Hirsch, Tabea Steiner,

11        Drei Fragen an C
                         ­ hristoph Wagner
                                                ­Yadegar Asisi, Prof. Christoph Wagner, Svenja
                                                 Wälti, Anja Seiler, Simone Büsch-Küng,
                                                 Elsa Horstkötter, Sara Smidt, Noura Abla
          Kunstvermittlung                       Lektorat / Copy-editing: Gecko Lingua, Elsa
                                                 Horstkötter, Noura Abla, Simone Büsch-Küng
13        Frisch im Museum                       Übersetzung / Translation: Gecko Lingua
                                                 Gestaltung / Design: B&R, Bern

14        Vermittlungs­angebote
                                                 Druck / Printing: Stämpfli AG; Bern

                                                 © 2020 Kunstmuseum Thun
          Agenda                                 © 2020 Texte / Texts: Autor*innen / Authors
                                                 © 2020 Abbildungen / Illustrations:
16        Februar bis Juli 2020                 ­Kunstmuseum Thun

                                                Bildnachweis Credits
          Förderverein                          Cover: Christine Streuli, Crash, 2012, Mixed
                                                Media auf Leinwand, 350 × 850 cm, Courtesy die
19        Den Raum mit Kunstwerken, ­           Künstlerin
                                                Backcover: Johannes Itten, Herbst am Bach, 1912,
          Geräuschen und Düften füllen          Privatbesitz, Foto: Christian Helmle
                                                Poster: Sarah Oppenheimer, TL_S1, 2019,
                                                ­Graphite on paper (Detail), 28 × 58 cm, Courtesy
          Sammlung                               the artist; Galerie Von Bartha, Basel

20        Entdeckungstour ohne Schliesszeiten   Ausführliche Informationen auf unserer
                                                ­Webseite: / For detailed information
                                                 visit our website: www.kunstmuseumthun.ch,
          Aussenblick                            www.thun-panorama.ch

22        Hugo Loetschers Insta-Stories         Folge uns auf Facebook und Instagram! / Follow
                                                us on Facebook and Instagram!
          Glossar
                                                Kunstmuseum Thun
23        English                               Thunerhof
                                                Hofstettenstrasse 14
                                                CH-3602 Thun
                                                T 033 225 84 20, F 033 225 89 06
                                                kunstmuseum@thun.ch
                                                Di – So 10 – 17 Uhr, Mi 10 – 19 Uhr / Tue – Sun 10
                                                a.m. – 5 p.m., Wed 10 a.m. – 7 p.m.
                                                Montags geschlossen / Closed on Mondays
                                                Eintrittspreise / Admission: CHF 10.– / 8.–

                                                Thun-Panorama
                                                Schadaupark
                                                CH-3602 Thun
                                                T 033 223 24 62, F 033 221 18 74
                                                panorama@thun.ch
                                                Di – So 11 – 17 Uhr / Tue – Sun 11 a.m. – 5 p.m.
                                                Montags geschlossen / Closed on Mondays
                                                Eintrittspreise / Admission: CHF 9.– / 8.–




Mit grosszügiger Unterstützung von /
With the generous support of:




2
Programmheft Februar bis August 2020
Editorial




In der Begegnung mit Kunst spielen Raum und Körper              Sonderausstellung im Glasanbau, die in Zusammenarbeit
eine wichtige Rolle. Wie stehe ich, wie orientiere ich mich     mit dem Projekt «33 Schweizer Frühfilme» der Universität
oder wie bewege ich mich in einem Raum, wie nehme               Basel und der HGK Basel entstanden ist, spürt der Illusion
ich das Werk wahr, was löst es in mir aus? Die Antworten        des Raumes und der Konstruktion von Landschaft nach.
auf diese Fragen fallen je nach persönlichem Hintergrund        Neue Medien erweitern den Blick auf das Historische
und eigenen Erfahrungen unterschiedlich aus. Bei den            und die Gegenwart.
heute zunehmend allumfassenden Kunstformen, wo Gren-                Im Projektraum enter zeigen wir die neue Ausstellung
zen zwischen Bildraum und Realraum fast aufgehoben              «Bitte Eintreten 1». Sie widmet sich der Schenkung Marlis
werden und ineinander übergehen, wird es schwierig, die         und Hans Suter, die der Förderverein des Kunstmuseums
Übergänge richtig auszuloten. Sie beschäftigen uns, sie         zu seinem 60-jährigen Jubiläum erhalten hat.
faszinieren und verunsichern. Das physische Eintauchen              Wir wünschen Ihnen einen guten Jahresanfang und
in neue Bilddimensionen zeigt Auswirkungen auf unseren          freuen uns auf Ihren Besuch.
Körper und unseren Geist. Das Betreten von Räumen
löst im Körper Emotionen aus, die sehr individuell aus­              Helen Hirsch
fallen: Räume können positive oder negative Gefühle                  Direktorin Kunstmuseum Thun
­aus­lösen; in einigen Räumen können wir uns entfalten, in
 anderen wiederum fühlen wir uns unwohl, angespannt
 und eingeengt.
      Mit den beiden Einzelausstellungen der Künstlerinnen
 Sarah Oppenheimer und Christine Streuli möchten wir im
 neuen Jahr solch unterschiedliche Raumerfahrungen
 spürbar machen. Oppenheimers skulpturale Intervention
 verblüfft in ihren Zusammenhängen und fordert dazu auf,
 zwischen den Räumen neue Wege zu suchen. Streuli hin-
 gegen lädt die Besucher ein, sich im Sog der Malerei in
 fiktiven Räumen zu orientieren. Oder sind sie bereits real
 geworden? Das können Sie für sich selbst entscheiden.
      Auch beim Panorama vom Marquard Wocher im
 Schadaupark tauchen wir durch die Faszination der klei-
 nen Details und die Gesamtwirkung des Werks in die
 Landschaft von Thun vor 200 Jahren ein: in der Zeit seiner
 Entstehung eine absolut spezielle Erfahrung. Die neue          Foto: Carolina Piasecki


3                                                        Editorial
Programmheft Februar bis August 2020
Aus dem Museumsalltag                                                               an einem Sommertag in den Bergen. Diesen
                                                                                    immersiven Aspekt nutze ich auch für meine


Yadegar Asisi
                                                                                    Panoramen. Meine inhaltliche Motivation
                                                                                    beziehe ich dabei aber meist aus der Wechsel-
                                                                                    wirkung zwischen dem Menschen und seiner


im Interview
                                                                                    Umwelt bzw. seiner Geschichte. Und darüber
                                                                                    hinaus möchte ich den Besuchern eine
                                                                                    ­Botschaft vermitteln, die über die eigentliche
                                                                                     Darstellung hinausgeht. Das Panorama als
                                                                                     immersives Kunsterlebnis ist aufgrund der
                                                                                     räumlich-emotionalen Erfahrung des Besuchers
                                                                                     ein perfektes Format, um den Betrachter
                                                                                     zum Nachdenken anzuregen, ihn das jeweilige
                                                                                     Thema und die dazugehörige Metaebene
                                                                                     mit dem eigenen Gefühl und Körper erfahren
                                                                                     zu lassen. Zum Beispiel erzählt mein Panorama
                                                                                     TITANIC, in dem der Betrachter das Wrack
                                                                                     der auf den Meeresgrund gesunkenen Titanic
                                                                                     sehen konnte, nicht von der eigentlichen
                                                                                     ­Katastrophe des Schiffsuntergangs, sondern
                                                                                      von der Technikgläubigkeit des Menschen
                                                                                      im beginnenden Zeitalter der Industrialisierung.

                                                                        Wie sind Sie zum Panorama gekommen?
Yadegar Asisi in seinem Atelier, Foto Caro Krekow © asisi
                                                                                    Ich bin nicht wirklich zum Panorama gekom-
                                                                                    men, das Panorama hat mich sozusagen
Yadegar Asisi gestaltet die grös-                                                   gefunden. Alle meine Leidenschaften verei-
sten Panoramen der Gegenwart.                                                       nen sich hier, vor allem die Architektur und die
                                                                                    Malerei. Schon seit meiner Kindheit dachte
Wir haben ihn zu einem Ge-                                                          und fühlte ich in Räumen, das drückte sich
                                                                                    dann auch später in meiner beruflichen und
spräch über Rundbilder getroffen.                                                   künstlerischen Tätigkeit aus. Fasziniert von
                                                                                    der anamorphotischen Malerei des Barocks
                                                                                    habe ich meinen Weg mit illusionistischen
                                                                                    Rauminstallationen begonnen. Die Möglichkei-
                                                                                    ten der Raumauflösung durch die Gesetze
Herr Asisi, waren Sie schon einmal im Thun-Panorama?                                der Perspektive haben eine spielerische
                                                                                    ­Faszination auf mich ausgeübt. Ich wollte die
              Ich war leider noch nicht vor Ort, kenne das                           Menschen verführen, sich auf die Auflösung
              Werk und die Rotunde aber durch meine                                  der Dimensionen von Raum und Zeit einzulas-
              ­Mitgestaltung der Ausstellung «Sehsucht» in                           sen. In der Konsequenz waren es schliesslich
               der Bonner Kunsthalle. Das Gebäude am                                 die Panoramen, mit denen ich die Raum­
               ­Thunersee hat eine beachtenswerte Architek-                          grenzen komplett auflösen konnte, um für den
                tur und auch die Überarbeitung ist wirklich                          Betrachter eine Eins-zu-Eins-Simulation
                sehr gelungen. Das Panorama selbst zeigt                             erzeugen zu können. Dazu kamen die gerade
                auf jeden Fall das hohe perspektivische Kön-                         entwickelten drucktechnischen Möglich­
                nen Marquard Wochers, ich muss es mir in                             keiten, grosse Stoffbahnen farbig bedrucken
                naher Zukunft definitiv einmal ansehen. Mich                         zu können. Die heutigen technischen Er-­
                ­in­ter­essiert hier vor allem die Raumwirkung                       rungenschaften verschaffen mir die Möglich-
                 eines Panoramas dieser Grössenordnung, ein                          keit, mehrere Projekte parallel und – im
                 ­Asisi-Panorama ist ja deutlich grösser. Umso                       ­Vergleich zu den Malern des 19. Jahrhunderts –
                  ­spannender ist es, live zu sehen, wie Wocher                       ­schneller zu bearbeiten. Gemalt hätte ich
                   die Raumwirkung in seinem Bild erzeugt.                             sicher kein Panorama in dieser Grössen­
                                                                                       ordnung. ­Hoch­achtung deshalb für Künstler
Das Thun-Panorama wurde 1809–1814 vom Basler                                           wie ­Marquard Wocher!
­Marquard Wocher gemalt. Ihn trieb die Faszination eines
 schönen Sommertags in Thun zu einem 38 × 7,5 Meter gros-               Für heutige Besucher ist unser Panorama in Thun vor
 sen Rundbild an. Was treibt Sie zu Ihren Panoramen an?                 allem ein grosses Wimmelbild, das original erhalten und
                                                                        das älteste Rundbild der Welt ist. Von was schwärmen
              Panoramen hatten zu der Zeit von Marquard                 die Besucher der Asisi-Panoramen?
              Wocher und der vielen anderen Künstler
              der ersten Generation zu Beginn des 19. Jahr­                         Von vielen Besuchern höre ich immer wieder,
              hunderts sozusagen die Möglichkeit, kollek­                           dass meine Panoramen sie emotional bewe-
              tive Sehnsüchte zu stillen. Reisen zum Beispiel.                      gen. Sie vergessen nach einer kurzen Dauer,
              Das konnten sich nicht viele leisten. Deshalb                         dass sie sich in der Simulation einer konstruier-
              schickte man die Panoramen auf Reisen.                                ten Realität aufhalten. Der Vorgang, den man
              Denn in den Rundbildern wurden die Men-                               Immersion nennt, wird durch eine s  ­ pezielle
              schen Teil der Umgebung, fanden sich wieder                           Sound- und Lichtinstallation unterstützt. Die

4                                                           Aus dem Museumsalltag
Programmheft Februar bis August 2020
«Mich verbindet mit Wocher die                                                         ­ ersonen usw. natürlich nach dem aktuellen
                                                                                       P
                                                                                       Forschungsstand. Wenn ich keine sicheren
Faszination des Künstlers von                                                          Quellen habe, nehme ich mir als Künstler die
                                                                                       Freiheit, diese auszufüllen. Schliesslich
seiner Umgebung.»                                                                      gibt es niemanden, der mir sagen kann, wie es
                                                                                       wirklich war. Bei meinem Panorama von
                                                                                       ­Pergamon habe ich die Tempel, den Altar und
              Menschen lassen sich auf das Seh-Erlebnis                                 das Amphitheater nach gesicherten Aus­
              ein, wie andere ins Kino gehen und einer                                  grabungsquellen mit der Beratung von Wissen­
              in Szenen gespielten Geschichte folgen. Nicht                             schaftlern der Staatlichen Museen Berlin als
              wenige sind auch wirklich zu Tränen gerührt.                              Hauptmerkmale im Bild angelegt. Insbeson­
              Das sind ganz besondere Momente für einen                                 dere beim weltbekannten Pergamon-Altar war
              Künstler. Den Begriff Wimmelbild höre ich                                 es mir wichtig, diesen in seiner ursprüngli-
              eigentlich nicht so gern. Wimmelbilder haben                              chen, martialischen Funktion zu zeigen – als
              selten eine emotionale Ausrichtung und sind                               blutige und rauchige Opferstätte. Um aber
              aufgrund ihres Lehrauftrags stets vollgestopft                            auch das normale Leben der damals dort leben-
              mit Szenen und Personen. Meine Bilder sind                               den Menschen zeigen zu können, habe ich
              in erster Linie eine malerische Komposition,                             die kleinteilige Stadtstruktur von Märkten und
              nennen wir es Malerei mit modernen Mitteln.                              Wohnhäusern um die Heiligtümer herum nach
              Das Panorama ist erst Raum und Licht und                                 meiner Auffassung zu einer funktionierenden
              dann, je eingehender man es betrachtet, Inhalt.                          Stadt vervollständigt. Das gibt den Besuchern
              In jedem Bild stecken jahrelange Recherche,                              ein wirkliches Gefühl von der damaligen Zeit
              dutzende Skizzen, tausende Fotografien und                               und lässt sie durch die Emotionalität und den
              malerische Detailarbeit. Und natürlich «wim-                             realistischeren Bezug deutlich mehr aus der
              melt» es zwar auch von Menschen, Pflanzen,                               Ausstellung mitnehmen.
              Tieren, Insekten oder auch von Szenen. Die
              Bildinhalte in den Panoramen folgen aber                     Welche Verbindung schlagen Sie zu original
              stets einer ausgeklügelten Dramaturgie, sind                 historischen Panoramen?
              malerisch mit entsprechendem Gestus und
              Lichtsetzung gearbeitet und haben eine viel                              Ich kenne einige historische Panoramen aus
              stärkere perspektivische Raumwirkung. Im                                 dem 19. Jahrhundert und sie alle weisen einen
              klassischen, pädagogischen Wimmelbild stehen                             hohen Grad an künstlerischem Können auf.
              die Dinge ja meist ohne Verbindung neben­                                Natürlich waren die damaligen Maler in ihren
              einander. Meine Panoramen aber sollen                                    technischen und zeitlichen Möglichkeiten
              den Betrachter in die Mitte stellen. Er soll das                         begrenzt. Insofern möchte ich nicht mit ihnen
              Geschehen nicht von aussen betrachten,                                   tauschen wollen. Die heutigen Möglichkeiten,
              ­sondern sich mittendrin befinden und die Sze-                           eine wirkliche Raumillusion zu schaffen, sind
               nerie emotional erleben.                                                doch dann deutlich besser geeignet. Die
                                                                                       damaligen Künstler und mich eint im Grunde
Sowohl Ihre Panoramen als auch das Thun-Panorama                                       genommen der malerische Akt an sich. Und
leben vom Detail. Einerseits sieht das entstandene                                     auch aus der Sicht eines Besuchers, der zehn
Bild dadurch echt aus und doch ist es akribisch konstru-                               bis fünfzehn Meter von der Leinwand entfernt
iert, es wird also eine neue Wirklichkeit gebaut.                                      steht, ist der Unterschied zwischen klas­
Wie ist Ihr Verständnis von «Wirklichkeit»?                                            sischer und digitaler Malerei nicht mehr allzu
                                                                                       gross. Was mich persönlich mit dem Thun-
              Jede Art von Wirklichkeit ist doch immer eine                            Panorama von Wocher verbindet, ist die thema-
              subjektive Wahrnehmung. Gerade bei histori-                              tische Selbstbestimmung des Künstlers.
              schen Panoramen beziehe ich aber stets auch                              Die Entstehung des Bildes basierte einzig und
              wissenschaftliche Berater zur authentischen                              allein auf der Faszination des Künstlers von
              Darstellung der, sagen wir einmal «überliefer-                           seiner Umgebung, es gab soweit ich weiss kei-
              ten Wirklichkeit», mit ein. Das heisst, ich richte                       ne Abhängigkeiten oder grosse Einflussnah-
              mich bei der Darstellung von Architektur,                                me im Hintergrund. Das ist bei mir ebenso der
                                                                                       Fall. Nachdem das Panorama sein Dasein
                                                                                       im 20. Jahrhundert vor allem als propagandisti-
                                                                                       sches Auftragswerk fristete, bin ich heute so
                                                                                       frei zu sagen, dass ich die Kunstform Panorama
                                                                                       dem Künstler zurückgegeben habe. Ich
                                                                                       ge­stalte mein Œuvre frei nach meinem Willen
                                                                                       und habe dazu das Glück, dass die moderne
                                                                                       Technik mir für eine Vielzahl an Werken eben­
                                                                                       dieses ermöglicht.

                                                                           Welche Panoramen sind thematisch beliebter als andere
                                                                           oder ist alles eine Frage des Standorts?

                                                                                       Das lässt sich nicht so einfach sagen. Bislang
                                                                                       konnten wir uns noch bei keinem Projekt über
                                                                                       eine mangelnde Besucherzahl beschweren.
Yadegar Asisi in seinem Atelier, Foto: Felix Broede, © asisi                           Im Kontrast zu Ihrem Standort zeigen wir an

5                                                              Aus dem Museumsalltag
Programmheft Februar bis August 2020
verschiedenen Orten verschiedene Werke. Die
          Bilder wechseln an manchen Standorten jähr-
          lich. Und die Themen ziehen unterschiedliche
          Besuchergruppen an. Alle vereint aber, dass
          sie eine geradezu sinnlich-unbedarfte Neugier
          wecken. Auch für Besucher, die nur zufällig
          hineingeraten. Durch unsere jahre­lange Erfah-
          rung und technische Verbesserungen sind
          Wechsel des Bildes deutlich einfacher gewor-
          den und man kann natürlich eine grosse
          ­Vielfalt an Themen spielen. Ich verwirkliche
           aber grundsätzlich nur Themen, die mich per-
           sönlich begeistern und in meine Werk­zyklen
           passen. Bislang wird das alles vom Publikum
           sehr gut angenommen.

Warum ist Ihres Erachtens und für Sie die Faszination
am Rundbild ungebrochen?

          Sagen wir es so: Diese Faszination wurde
          erst in den letzten 20 Jahren wiederentdeckt.
          Und sie bildet ein wichtiges und gutes                Detailansicht Thun-Panorama, Foto: Christian Helme
          Ge­gengewicht zur Bilderflut des 21. Jahrhun-
          derts. In einer Zeit, in der der Betrachter stetig
          von immer schnelleren Bildschnitten und               «Die Faszination am Rundbild
          einem Übermass an Informationen überreizt
          wird, braucht es Entschleunigung. Beim
                                                                bildet ein wichtiges und gutes
          Besuch eines Panoramas erläuft man sich die           Gegengewicht zur Bilderflut des
          Bildinhalte nach seinem eigenen Gusto, man
          beschäftigt sich tiefer und wirklich emoti­           21. Jahrhunderts.»
          onaler mit dem jeweiligen Thema. Das ist eine
          Erfahrung, die viele Besucher teilen. Jeder
          ist hier Regisseur seines eigenen Sehens.             Welche Panoramen möchten Sie noch gerne
                                                                verwirklichen?
Worin liegt in Zeiten der ständigen Verfügbarkeit von
­Bildern die Herausforderung für das Medium Rundbild?                         Es liegen noch zahlreiche Projekte vor mir und
                                                                              meinem Team und bislang ist da auch kein
          Das Rundbild war und ist ja immer ein Teil                          Ende in Sicht. Ich habe immer wieder selbst
          der Malerei. Und die Malerei als solche hat es                      neue Ideen und möchte natürlich meine Werk-
          in der heutigen Zeit schwer, ihre Bedeutung                         zyklen vervollständigen. Neben den histori-
          zu wahren. Klar, auf dem Kunstmarkt funktio-                        schen Stadtveduten wie PERGAMON haben
          niert das Ganze noch als elitäres Businessmo-                       auch Naturpanoramen sowie Momente der
          dell. Aber ihre ursprüngliche Relevanz für die                      Zeitgeschichte und kirchengeschichtliche
          Allgemeinheit, erst zur Abbildung der Wirk-                         Panoramen (ROM312, LUTHER 1517, KONZIL
          lichkeit und später zu ihrer emotionalen Erfah-                     VON KONSTANZ) ihren Platz in meinem
          rung, verschwindet immer mehr. Das liegt                            Gesamtwerk.
          natürlich auch an der starken Konkurrenz durch                          Zunächst wird im kommenden Jahr in Rouen
          die Vielzahl der neuen Medientechnologien                           mein Panorama zum Impressionismus – «Die
          und Sehgewohnheiten. Umso wichtiger ist es,                         Kathedrale von Monet» Premiere feiern. Damit
          das Panorama als Kunstform zu bewahren.                             beginnt ein ganz neuer Werkzyklus, der sich
          Die perspektivische Raumwirkung bietet ein                          vor allem mit den Sinneswahrnehmungen des
          gänzlich anderes, emotionaleres und körper­                         Menschen und seinem Verhältnis zur Kunst
          licheres Seh-Erlebnis als die Betrachtung eines                     beschäftigt. Am Beispiel des Impressionismus
          Tafelbildes.                                                        möchte ich den Beginn der modernen Malerei
               Die meisten Menschen können sich                               als Reaktion auf die Weiterentwicklung der
          eine derartige Erfahrung schwer vorstellen,                         Technik zeigen. Dann folgen Werke zum Konzil
          man muss den Erstbesucher schon über­                               von Konstanz, zum 11. September, zur Antarktis
          zeugen. Erfahrungsgemäss kommen aber fast                           und noch einiges mehr. Sie dürfen auf jeden
          alle Menschen, die einmal ein Panorama                              Fall gespannt sein. Meine Motivation versiegt
          ­dieser Grösse gesehen haben, auch wieder.                          nicht und mir schwirren so viele Themen durch
           Und das nicht ohne Grund. Das Rundbild                             den Kopf – dafür reicht ein Leben nicht aus!
           als Medium braucht keine Spezialeffekte,
           die Immersion funktioniert allein durch seine
           Grösse, die Raumwirkung und die selbst­
           bestimmte Entdeckung des Bildes durch den            ADEGAR ASISI ZU GAST IN THUN
           Betrachter. Insofern wird es auch in Zukunft         → Mittwoch, 10. Juni, 18.30 Uhr, Veranstaltung zum Thema «Panorama»
           hoffentlich ein sehr relevantes Medium sein.         Weitere Informationen: kunstmuseumthun.ch

                                                                Weitere Infos zu den Projekten von Yadegar Asisi
                                                                finden Sie unter: asisi.de.


6                                                   Aus dem Museumsalltag
Programmheft Februar bis August 2020
Ausstellungen                                                                 In unmittelbarer Auseinandersetzung mit den Gebäude-
                                                                              strukturen des Kunstmuseum Thun hat die amerikanische


 Sarah
                                                                              Künstlerin Sarah Oppenheimer (*1972) ein Netzwerk aus
                                                                              architektonischen Instrumenten entwickelt. Diese ähneln
                                                                              Gebäudeelementen wie Fenstern, Türen oder Säulen


­Oppenheimer
                                                                              und werden durch das Eingreifen der Besucher *innen
                                                                              jeweils manuell aktiviert. Wird eine Tür gedreht, ein Fens-
                                                                              ter ­aufgestossen oder an einer Säule gezogen, so verän-


 N-01
                                                                              dern sich Dimension und Position vielfältiger Übergänge in
                                                                              angrenzende Räume. Die Museumsbesucher*innen und
                                                                              die architektonischen Instrumente sind Teil einer ge-
                                                                              meinsamen Performance und bringen die Choreografien
                                                                              des Ausstellungsraums zeitlich befristet in eine neue
29.2. – 12.7.2020                                                             Ordnung.
                                                                                    Mit Sarah Oppenheimer laden wir eine Künstlerin
Kunstmuseum Thun                                                              nach Thun ein, die in unserem klassischen Museumsbau
                                                                              neue und unerwartete Zugänge schafft. Durch die
                                                                              ­partizipative Ausrichtung der Installation N-01 wird das
                                                                               Publikum zu einer haptischen Erkundung des Ausstel-
                                                                               lungsraumes aufgefordert. Die Besucher*innen sind ein-
                                                                               geladen, die Instrumente zu berühren und zu bewegen
                                                                               und so eine aktive Rolle in einer subtilen Choreografie zu
                                                                               übernehmen. Oppenheimer bietet den Besucher*innen
                                                                               eine neue Raumerfahrung an, das von der üblichen
                                                                               ­Linearität abweicht. So entsteht eine sinnliche Dreiecks-
                                                                                beziehung zwischen dem architektonischen Instrument,
                                                                                dem Ausstellungsraum und dem Körper des Betrachtenden.

                                                                              →     Kunstmuseum Thun, 29.2.2020 – 12.7.2020
                                                                                    Vernissage: 28. Februar ab 18:30 Uhr, mit Musik
                                                                                    von «All XS»




Sarah Oppenheimer, S-337473, 2017, Foto: Serge Hasenböhler. Stahl, Glas und Architektur.
Installationsansicht: Wexner Center for the Arts, USA 2017.




7                                                                   Ausstellungen
Programmheft Februar bis August 2020
Christine Streuli, Virginia_01, 2019, Mixed Media auf Leinwand, 56 × 96 cm, Ausstellungsansicht, Kunst Museum Winterthur
Foto: Jans Ziehe, Berlin




Ausstellungen                                                                 Sie sind farbgewaltig und energiegeladen und verführen
                                                                              das Publikum zum Hinschauen: Christine Streulis Werke


Christine Streuli
                                                                              sind monumentale Allover-Paintings, die aus einem rei-
                                                                              chen Vokabular von Symbolen, Zitaten, Mustern, Motiven
                                                                              und Ornamenten schöpfen. Nicht nur Pinsel und Leinwand


Lange Arme,
                                                                              gehören zu ihren Werkzeugen, vielmehr wird mit jedem
                                                                              Bild eine eigene technische Formensprache definiert.
                                                                              Die bekannte Schweizer Künstlerin zappt virtuos zwischen


kurze Beine
                                                                              klassischem Pinsel, Spraydose oder diversen Drucktech-
                                                                              niken hin und her. Sie komponiert und collagiert sowohl
                                                                              monumentale Leinwände, Bildtapeten, Bodenarbeiten oder
                                                                              auch kleinformatige Papierarbeiten, die zusammen ein
                                                                              dichtes Geflecht und eine gewaltige Farborgie entfalten.
29.2. – 12.7.2020                                                             Neben der Lust am Sehen rufen ihre Arbeiten wichtige,
                                                                              zeitgenössische Fragen nach der Natur und dem ­Hand-
Kunstmuseum Thun                                                              werk der Malerei und der Auseinandersetzung mit der
                                                                              uns alle umgebenden Bilderflut auf.
                                                                                   Auch in der Ausstellung Lange Arme, kurze Beine kön-
                                                                              nen sich Besucher*innen auf ein umfangreiches Erlebnis
                                                                              ihrer verschiedenen Arbeitsweisen freuen. Im Mittelpunkt
                                                                              stehen eine grosse Wand-Installation und eine Bildtapete
                                                                              mit retrospektivem Charakter. Eine Auswahl von Malereien,
                                                                              die in den letzten 18 Jahren entstanden sind, werden digital
                                                                              präsentiert und thematisieren Diskurse um Original und
                                                                              Kopie, fragen nach Wert, Wertung und Umwertung. Durch
                                                                              die Installation entsteht ein Wechselspiel aus Ebenen
                                                                              und Zeiten und es wird der produktive Umgang Christine
                                                                              Streulis mit der heutigen Bilderflut deutlich.

                                                                              →      Kunstmuseum Thun, 29.2.2020 – 12.7.2020
                                                                                     Vernissage: 28. Februar ab 18.30 Uhr, mit Musik
                                                                                     von «All XS»

8                                                                    Ausstellungen
Programmheft Februar bis August 2020
Ausstellungen                                             Die Gleichung ist einfach: 28 Jahre Präsident des Förder-
                                                          verein Kunstmuseum Thun und 28 geschenkte Werke.


Bitte eintreten 1
                                                          Hans und Marlis Suter haben die Sammlung des Kunst-
                                                          museum Thun um Landschaftsbilder von Bendicht Friedli,
                                                          Holzschnitte von Otto Morach, berührende Grafiken


Schenkung
                                                          von Max Hunziker sowie Thuner Ansichten von Knud
                                                          Jacobsen bereichert. Es sind vor allem Kunstschaffende
                                                          zu finden, die in der Region bekannt sind, aber auch


Hans und Marlis
                                                          schweizweit bedeutende Künstler. Im Projektraum enter
                                                          sind die nächsten Ausstellungen bis auf Weiteres den
                                                          Schenkungen des Fördervereins gewidmet. Den Auftakt


Suter
                                                          macht die Schenkung Hans und Marlis Suter. Er bildet
                                                          gleichzeitig den Abschluss des 60. Jubiläumsjahres des
                                                          Fördervereins.

                                                          →       Kunstmuseum Thun, 29.2.2020 – 12.7.2020
29.2. – 12.7.2020                                                 Vernissage: 28. Februar ab 18:30 Uhr

Projektraum enter




Bendicht Friedli, Lungernsee (Ausschnitt), 1999
Foto: Christian Helmle




9                                                 Ausstellungen
Programmheft Februar bis August 2020
Der Panorama-Berg der Genfer Landesausstellung von 1896 – mit Ferdinand Hodler im Vordergrund.
(Institut Lumière, Lyon, Film Nr. 312: Fête au village)




Ausstellungen                                                              Wie konstruierte Marquard Wocher die Landschaft des
                                                                           Panoramas von Thun? Wie vermittelt er uns die Illusion,


Jenseits des
                                                                           über die Dächer auf Stadt und Berge zu blicken? Anhand
                                                                           einer Analyse im Vergleich von Bild und Luft-Aufnahmen
                                                                           mit heutiger Medientechnologie werfen wir einen neuen


Panoramas. Zur
                                                                           Blick auf das Panorama, dieses Medium, das gegen Ende
                                                                           des 19. Jh. seine Hochblüte erlebte. Es war dies die Zeit
                                                                           der ersten Filme: wir zeigen drei neu erforschte Filme der


Konstruktion
                                                                           Gebrüder Lumière, die Erfinder des Kinematographen,
                                                                           mit dem die konstruierte Landschaft und das Spiel mit
                                                                           der Illusion auf neue Art inszeniert wird. Muntere Szenen


von Landschaft
                                                                           ländlichen Lebens spielen sich vor eindrücklicher Bergku-
                                                                           lisse ab. Doch der Schein trügt: tatsächlich sehen wir das
                                                                           Village Suisse der Landesausstellung in Genf von 1896,
                                                                           mit riesigem Kunstberg inklusive Wasserfall und minutiös
                                                                           orchestriertem, buntem Treiben. Im Kunstberg selbst
10.5. – 29.11.2020                                                         ­verbirgt sich das spektakuläre Panorama der Berner Alpen,
                                                                            von dem heute nur noch eine Maquette erhalten ist. Im
Thun-Panorama                                                               Kontext der Lumière-Filme ergibt sich ein neuer Blick auf
                                                                            das heute als Aeschi-Panorama bekannte Bild. Die Aus-
                                                                            stellung untersucht weiter, wie jenseits des Panoramas
                                                                            die Medien Film und Video die Möglichkeiten zur Darstel-
                                                                            lung von Landschaft neu ausloten. Experimentelle Filme
                                                                            aus den 1970er / 80er Jahren treffen dabei auf aus-
                                                                            schliesslich digital konstruierte Landschaften und eine
                                                                            Virtual Reality Station.
                                                                                Die Ausstellung entsteht in enger Zusammenarbeit
                                                                            mit dem Projekt «33 Schweizer Frühfilme» der Universität
                                                                            Basel und der HGK Basel.

                                                                           →      Thun-Panorama, 10.5. – 29.11.2020
                                                                                  Vernissage: 10.5.2020, ab 11.00 Uhr

10                                                                Ausstellungen
Fokus

 Drei Fragen an
­Christoph Wagner


Der Bauhaus-Künstler Johannes Itten war stets geprägt von
seiner Naturerfahrung mit der Thuner Landschaft. Der im Jahre
1888 in Südern-Linden geborene Itten machte im Berner
Oberland künstlerische Erfahrungen, die seine Entwicklung bis
hin zur Abstraktion bestimmten. Johannes Itten & Thun zeigt
eine Reihe bislang unbekannter oder niemals zuvor ausgestell-
ter Gemälde und Zeichnungen, die einen überraschenden
Zugang zu Ittens Kunstverständnis ermöglichen. Wir sprachen
dazu mit Christoph Wagner von der Universität Regensburg,
Co-Kurator der Ausstellung.


Helen Hirsch: Sie forschen seit einigen Jahren zum
­Œuvre von Johannes Itten und haben eine ganze Reihe
 spektakulärer Neuentdeckungen machen können.
 Was fasziniert Sie speziell an Johannes Ittens Werk?

          Christoph Wagner: Ich bin immer wieder faszi-
          niert von der analytischen Klarheit, die die
          künstlerische Persönlichkeit Johannes Ittens
          durch vielfältige Etappen seines vielgestalti-
          gen Künstlerlebens in seiner Kunst und in sei-
          ner Ausbildung junger KünstlerInnen getragen
          hat. So hatte sich beispielsweise ein halbes
          Jahrhundert, bevor Joseph Beuys mit seinem
          ästhetischen Imperativ, «jeder Mensch ist
          ein Künstler», weltberühmt wurde, Itten bereits
          in den 1920er Jahren den Schlachtruf «jeder       Dr. Christoph Wagner, Foto: Universität Regensburg
          Mensch ist bildnerisch begabt» auf die Fahnen
          geschrieben. Wie später für Beuys, so steckte                  ­ ünstlergemeinschaft der Bauhäusler in
                                                                         K
          auch für Itten in jedem Menschen »ein aufzu-                   ­Weimar, und 1923 in die Esoterik der
          bauendes, entwicklungsfähiges Wesen«. Diese                     ­Mazdaznan-Gemeinde in der Landschaft
          künstlerischen Entwicklungspotenziale ver-                       Herrlibergs an. 1926 gelingt Itten der Auftritt
          suchte Itten auch in seinem berühmten Vorkurs                    im pulsierenden Berlin der zwanziger Jahre,
          am Weimarer Bauhaus zu fördern, um neue                          wo er seine privatwirtschaftliche Itten-­
          Möglichkeiten zur künstlerischen Selbstfindung                   Kunstschule gründet und kurz darauf zusätz-
          zu erkunden.                                                     lich in Krefeld Textildesigner ausbildet. Man
              Neben den Naturerfahrungen aus seiner                        könnte fast glauben, dass Itten die Prinzipien
          im Berner Oberland und in Thun verbrachten                       seiner künstlerischen Kontrastlehre auch
          Jugend stehen ab 1913 die künstlerischen                         im Leben praktizierte! Jedenfalls hielt er bis zu
          ­Eindrücke bei Adolf Hölzel in Stuttgart und ab                  seinem Lebensende im Jahre 1967 in allen
           1916 das Erlebnis der schillernd-mondänen                       ­seinen Tätigkeitsbereichen am eingangs
           Grossstadtkultur in Wien. Es schliessen sich                     genannten Wahlspruch fest: »Jeder Mensch
           1919 die Wechsel in die experimentelle                           ist bildnerisch begabt«.

11                                                      Fokus
Helen Hirsch: Wie wichtig waren Thun und                     Helen Hirsch: Johannes Itten und Thun bietet einige
Umgebung für die spätere künstlerische Laufbahn              ­Highlights. Was darf die Besucherin und der Besucher
von Johannes Itten?                                           nicht verpassen und worauf freuen Sie sich speziell?

          Christoph Wagner: Die Naturerlebnisse im                         Christoph Wagner: Man hält das ja heute in
          Thuner Land waren für ihn sicher unauslösch-                     ­Zeiten der internationalen Vernetzung kaum
          lich und zählen zu den grundlegenden Erfah-                       für möglich, aber in der Ausstellung in Thun
          rungen seiner Jugendzeit. Es überrascht daher                     werden zum ersten Mal mehrere Gemälde
          nicht, dass sein Œuvre mit Landschaftsdar-                        Ittens zu sehen sein, die z.T. seit über 100 Jahren
          stellungen beginnt und die bildkünstlerischen                     nicht mehr öffentlich ausgestellt wurden.
          Transformationen der Natur ein Leben lang                         ­Solche Schätze schlummern über viele Jahr-
          seine Kunst prägten. Wenig bekannt ist, dass                       zehnte in Familienbesitz. Und da die Familien-
          Johannes Itten auch in den für seine Entwick-                      zweige gerade in der Frühzeit Ittens vielfältig
          lung entscheidenden Jahren zwischen 1918                           waren, sind da einige Überraschungen zu
          und 1920 mehrfach die Landschaftserfahrung                         Tage getreten. Die Ausstellung wird Schlüssel-
          im Umfeld des Thuner Sees suchte und dort                          und Hauptwerke der frühen Zeit in einer bis
          entscheidende Impulse für die Entwicklung                          dahin nicht gesehenen Schau zeigen und
          seines Kunstbegriffs und seines Weges in die                       zugleich den Brückenschlag zu den prominen-
          Abstraktion aufnahm. Was man sich auch                             ten Spätwerken unternehmen.
          bewusster machen sollte ist, dass Johannes
          Itten, als er 1919 mit nur 31 Jahren als Meister
          an das Bauhaus in Weimar berufen wurde,
          davor bereits drei, beziehungsweise vier für
          ihn prägende künstlerische Lebensstationen
          absolviert hatte: Die existentielle Erfahrung
          einer mangelnden intellektuellen und materi-       Christoph Wagner ist ein ausgewiesener Itten-Kenner. Als Professor
          ellen familiären Verankerung mag ein ent-          für Kunstgeschichte lehrt er an der Universität Regensburg. Mit seinen
          scheidender Antrieb gewesen sein, sich             ­Forschungen zum Bauhaus und zur Kunst der Moderne ist er interna-
                                                              tional hervorgetreten. Er ist gewähltes Mitglied der Academia Europaea
          schon in Thuner Jahren recht kompromisslos          ­(London). Als Gastprofessor war er an der Universität Mexiko, UNAM,
          auf die Suche nach einer eigenen geistigen           an der Graduate School der Universität Bern und an der Ecole pratique
          Heimat in der Kunst zu begeben.                      des Hautes ­Etudes (Sorbonne) in Paris tätig. Seine Forschungstätigkeit
                                                               hat das Bild vom Bauhaus massgeblich verändert.

                                                             Bild: Johannes Itten, Herbst am Bach, 1912, Öl auf Leinwand, Privatbesitz




12                                                       Fokus
Kunstvermittlung

Frisch ins ­Museum. Unser neues
Angebot für junge Familien




Werden zwei Erwachsene zu           Wir haben uns dafür stark gemacht, dass frischgebacke-
                                    ne Eltern mit Baby nicht nur ausdrücklich bei uns
Eltern, ist alles neu: Neuer        ­willkommen sind, sondern sogar extra Öffnungszeiten
                                     bekommen. «Frisch ins Museum» richtet sich an Erwach-
Mensch, neues Zeitmanagement,        sene mit ihren Babys, bevor diese laufen lernen. Zwi-
                                     schen wickeln, schlafen, schreien und brabbeln schiebt
neue Aufgaben, neue Heraus­          sich ein Museumsbesuch. Er soll vor allem für die
forderungen. Was bleibt:             ­Betreuenden der Babys eine Anregung sein. Sie lernen
                                      die aktuelle Ausstellung kennen und Ihr Baby ist dabei,
Alte Hobbys. Zum Beispiel ins         am besten im Tragetuch. Sie erfahren Hintergründe,
                                      ­tauschen sich mit den anderen aus und erzählen Ihrem
Kunstmuseum gehen. Kann                Baby zwischendurch von Ihrem Lieblingswerk. Es wird
                                       lauschen, geniessen und die unbekannte Welt des
man das mit Baby? Gucken da            ­Museums wird von Mal zu Mal vertrauter. Ihr Baby kann
nicht manche genervt, wenn              gigelen, schlafen, staunen und wenn es mal schreit,
                                        wird niemand böse schauen, da am Montag keine wei­
es im Tragetuch grummelt und            teren Besucher im Museum sind. Schöppele? Auch dafür
                                        finden wir den richtigen Ort. Der anregende Besuch in
man irgendwo Stillen muss?              Begleitung einer Kunstvermittlerin mündet in einem
                                        geselligen Zusammensein in der Kunstküche, wo Kaffee,
                                        Tee und Guetsli die Begegnung abrunden.




                                    Debüt: 30. März, 10.00 Uhr
                                    Kosten: Eintritt + CHF 5.– inkl. 1 Getränk
                                    Anmeldung wird geschätzt. Spontanbesuche sind möglich.

                                    Illustration: Rahel Messerli


13                        Kunstvermittlung
Kunstvermittlung

Vermittlungs­angebote
zu S
   ­ arah Oppenheimer und
Christine Streuli


Raumgreifend wird es werden,
das Angebot der Kunstvermitt-
lung zu den Frühjahrsausstellun-
gen im Kunstmuseum Thun.
In Gruppen unterschied­licher
Grösse und zu unterschiedlichen
Zeitpunkten wird eine S ­ kulptur
entwickelt. Bereit, mitzumachen?


Die Ausstellungen von Sarah Oppenheimer und Christine
Streuli variieren den Raum. Während Oppenheimer tech-
nisch ausgeklügelte Eingriffe in den Raum setzt und ihn so
scharf analysiert, schwelgen wir bei Streuli in ineinander
verschlungenen Farben und Formen, die eine verführerische
Dynamik im Raum entwickeln. Alle Angebote der Kunst­
vermittlung werden sich einer wachsenden raumgreifenden
Form widmen. Diese raumfüllende Form wird in der Kunst-
küche, dem Atelier der Kunstvermittlung, anfangen zu
wachsen. Bereits bei der Kindervernissage können die
Kleinen entscheiden, ob sich Farbflecken und Formen als
Schlange ausbreiten oder eher wie ein See. Vielleicht
­dehnen sie sich nur an der Wand aus oder auch am Boden
 oder an der Decke. Die Vernissage legt hier den Grundstein
 dieser räumlichen Form. Bei der Einführung werden Lehr-
 kräfte sowie die erste angemeldete Schulklasse als Teil
 der Auseinandersetzung mit den Ausstellungen dieses
 Gebilde fortschreiben, auch alle folgenden Klassen werden
 sich daran beteiligen. Es kann gut sein, dass während
 ­MITMISCHEN, dem kreativen Workshop für Erwachsene,
  das inzwischen fast lebendige Wesen als einstige Form
  und mittlerweile Skulptur den Rahmen sprengt und nach
  draussen will. Es fragt sich dann auch, wie Eltern, Grosis
  oder Göttis mit einem Baby im Tragetuch daran weiterge-
  stalten können? Das Ziel besteht darin, viele Ideen dazu
  zu sammeln, diese einzubauen und an etwas anzuknüpfen          Gerne können Sie Ihre Gruppe anmelden, um an
  und weiter zu entwickeln. Wir laden ausser unseren Work-       dieser wachsenden Skulptur teilzuhaben.
                                                                 Schulen: CHF 100.– pro Klasse für 2 Lektionen
  shopteilnehmern und Besuchern auch unsere Kooperations-        Gruppen allen Alters bis 15 Personen: CHF 200.–
  partner ein, die wachsende Skulptur zu bereichern. Am          für 1,5 Stunden
  Ende wird nicht mehr klar sein, wer was gemacht hat. Aber
                                                                 Christine Streuli, Feels good, tastes good, 2010,
  die Wahrnehmung der Ausstellung wird jede Handlung             Mixed Media auf Leinwand, 180 × 140 cm,
  prägen und zu etwas machen, an dem viele teilhaben können.     Courtesy die Künstlerin


14                                                     Kunstvermittlung
15   Kunstvermittlung
Agenda                                                        11.3.		    18.15 → Kunstmuseum Thun
                                                                         Tour


Februar bis
                                                                         Öffentliche Führung mit Helen Hirsch,
                                                                        ­Direktorin



Juli 2020
                                                              18.3.     19.00 → Kunstmuseum Thun
                                                                        Talk
                                                                        Sarah Oppenheimer im Gespräch
                                                                        mit ­Architekten der ETH Zürich /
                                                                        Sarah ­Oppenheimer in Conversation
                                                                        with Architects from ETH Zurich
                                                                        In Englisch / in English, die Veranstaltung
                                                                        ist im Eintrittspreis inbegriffen /
FEBRUAR                                                                 the event is included in the entry fee

9.2. 		    15.00 → Kunstmuseum Thun                           22.3.  11.15 → Kunstmuseum Thun
           Talk                                               			Tour
           Die Ausstellungsmacher*innen von                   			Öffentliche Führung mit Gebärden­
           Freunde sammeln 3 im Dialog mit der                       sprachdolmetscherin und Noura Abla,
           ­Künstlerin Renate Buser                                 ­wissenschaftliche Assistentin
                                                                     Partner: IGHH Bern.
28.2. 		   18.30 → Kunstmuseum Thun
                                                              22.3.     15.00 – 17.00 → Kunstmuseum Thun
           Vernissagen                                                  Workshop
           Christine Streuli:                                 			       Mitmischen Nr. 12
                                                                        Werkstatt ab 15 Jahren, mit Anmeldung
           Lange Arme, kurze Beine
                                                              29.3.     11.15 – 11.45 → Kunstmuseum Thun
           Sarah Oppenheimer: N-01                                      Performance
                                                                        Tanzperformance
           Bitte eintreten 1: ­                                         Karin Minger tanzt in der Ausstellung Sarah
           Schenkung Hans und                                           Oppenheimer: N-01
                                                                        Veranstaltung im Eintrittspreis inbegriffen.
           Marlis Suter
                                                              30.3.     10.00 → Kunstmuseum Thun
                                                                        Kids
                                                                        Frisch im Museum
                                                                        Rundgang für Erwachsene mit ihren
                                                                        Babys im Tragetuch.
                                                                        Anschliessend «schnäddere» in der
                                                                        ­Kunstküche mit Kaffee, Tee und Guetsli
                                                                         Mit Anmeldung. Kosten:
			        19:00 Uhr, Begrüssung und Einführung in                       Eintritt plus CHF 5.– inkl. Getränk
           die ­Ausstellungen: Helen Hirsch, Direktorin
           ­Vergabe des BEWE-Kunstpreises
            an Christine Streuli
			         Anschliessend Apéro und Musik von «All XS»        APRIL
28.2.      18.45 – 19.45 → Kunstmuseum Thun                   19.4.		   11.15 → Thun-Panorama
           Kids                                                         Tour
           Kindervernissage (ab 5 Jahren)                               Öffentliche Themen-Führung: Putzen und
           Mit Saba Bach, Kunstvermittlerin                             ­Flanieren – Frauenalltag, mit Gabi Moshammer
                                                                         und Gebärdensprachdolmetscherin Janet
                                                                         ­Fiebelkorn, Partner: IGGH Bern
                                                                          Die Führung ist im Eintritt inbegriffen
MÄRZ
                                                              22.4.		    18.15 → Kunstmuseum Thun
4.3. 		    17.15 – 18.15 → Kunstmuseum Thun                              Tour
           Tour                                                          Öffentliche Führung mit Noura Abla,
           Einführung für Lehrkräfte                                    ­wissenschaftliche Assistentin
           Einführung in Ausstellung und Schulangebote
           mit Olivia Notaro, Kunstvermittlerin               24.4.     15.00 – 17.00 → Kunstmuseum Thun
                                                                        Workshop
4.3.			     18.15 → Kunstmuseum Thun                                    Mitmischen Nr. 12
            Tour                                                        Werkstatt ab 15 Jahren, mit Anmeldung
            Führung mit Lesung von Sabine Gisin,
            ­Pre-Opening 15. Thuner Literaturfestival
             Führung mit Verbindungen zum Roman
           ­Teneber Vid. Eintritt: 15.– / 10.–

16                                                        Agenda
26.4.     11.15 → Kunstmuseum Thun                            13.6. 		    14.00 → Thun-Panorama
          Talk                                                            Tour
          Christine Streuli: Werkgespräch                                 Führung Anna Maria Wocher und das
          mit Helen Hirsch und Buchvernissage der                        ­Thun-Panorama, mit Iris Kocher
          Publikation zur Ausstellung
          Veranstaltung im Eintrittspreis inbegriffen.        17.6.      19.30 → Galerie von Bartha, Basel
                                                                         Event
                                                                         Sarah Oppenheimer:
                                                                         Buchvernissage / Booklaunch
MAI                                                                      Buchvernissage der Publikation zur
                                                                         ­Ausstellung Sarah Oppenheimer: N-01
10.5.     11.00 → Thun-Panorama                                           in Anwesenheit der Künstlerin. / Booklaunch
                                                                          of the catalogue of the exhibition Sarah
          Vernissage                                                      Oppenheimer: N-01 in presence of the artist.
          Jenseits des Panoramas.                                         Eintritt frei / vonbartha.com

          Zur Konstruktion von                                20.6.		     16.00 – 18.00 → Thun-Panorama
                                                                          Event
          Landschaft                                                      Sommernachtstraum, Licht- und Schatten-
                                                                          spiel auf Marquard Wochers Rundbild, mit
                                                                          ­Olivia Notaro. Weitere Informationen:
                                                                         ­sommernachts-traum.ch
                                                                           Eintritt: VVK 25.– / Abendkasse: 30.–

                                                              28.6.		    11.15 → Kunstmuseum Thun
                                                                         Tour
                                                                         Öffentliche Führung mit Simone Büsch-Küng,
                                                                         wissenschaftliche Mitarbeiterin


17.5.     11.15 – 11.45 → Kunstmuseum Thun
          Performance                                         JULI
          Tanzperformance
          Karin Minger tanzt in der Ausstellung               4.7.			    14.00 → Thun-Panorama
          Sarah Oppenheimer: N-01                                        Tour
          Veranstaltung im Eintrittspreis ­inbegriffen.                  Öffentliche Führung Anna Maria Wocher und
                                                                         das ­Thun-Panorama, mit Iris Kocher
27.5.     14.00 – 14.45 → Kunstmuseum Thun
          Event                                               5.7.			    11.15 → Thun-Panorama
          Schweizer Vorlesetag                                           Tour
          vorlesen und spielen ab 6 Jahren                               Öffentliche Führung Jenseits des Panoramas.
          mit Saba Bach, Kunstvermittlerin                               Zur Konstruktion von Landschaft, mit Simone
                                                                         Büsch-Küng, wissenschaftliche Mitarbeiterin


JUNI
                                                              			VORSCHAU / PREVIEW
6.6.		    19.30 → Kunstmuseum Thun                            			Johannes Itten & Thun
          Event                                               			Natur im Mittelpunkt
          Lottchen – Quiet Strom                              			8.8. – 22.11.2020 → Kunstmuseum Thun
          Eva Buchmann (Voc) und Sarah Huber (Vib)            			Jenseits des Panoramas.
          locken mit Stücken ihres Albums Quiet Storm         			Zur Konstruktion von Landschaft
          die Zuhörenden in neue musikalische Sphären.        			10.5. – 29.11.2020 → Thun-Panorama
          Tickets: www.schlosskonzerte-thun.ch

7.6.			   11.15 → Thun-Panorama
          Tour
          Öffentliche Themen-Führung: Alpenglühen
          und Edelweiss – Reiseziel Oberland, mit Gabi
          Moshammer
          Führung im Eintrittspreis inbegriffen

10.6.     18.30 → Thun-Panorama                                               Veranstaltung für Kinder
          Event                                                               Veranstaltung für Gehörlose und Hörbehinderte
                                                                              Tipp / Speziell
          Yadegar Asisi zu Gast: Ein Abend zum Panorama.
          Weitere Informationen: kunstmuseumthun.ch                      Die öffentliche Führung (mit Gebärdensprachdolmetscherin)
                                                                         erläutert verschiedene Punkte in der Ausstellung, zeigt Hinter-
                                                                         gründe und Verlin­kungen. Die Teilnahme ist ohne Anmeldung
                                                                         und kostenlos. Ausführliche Informationen auf unserer Websei-
                                                                         te: www.kunstmuseumthun.ch / www.thun-panorama.ch


17                                                        Agenda
18   Agenda
Förderverein                              «Für mich war es das erste Mal, dass ich solch ein Projekt
                                          mitorganisiert und durchgeführt habe. Bei den Work-


Den Raum mit
                                          shops im Sommer 2019 war es mir wichtig, meine Ansich-
                                          ten bezüglich Umweltschutz rund um den Suchraum
                                          Wildnis einbringen zu können. Die Idee, auf Basis eines


Kunstwerken,
                                          Werks eine Ausstellung zu konzipieren, fand ich span-
                                          nend und ich bin mit viel Motivation gestartet.
                                                Beim ersten Treffen war ich etwas überrumpelt, da


­Geräuschen und
                                          ich die einzige jugendliche Person war. Doch es fiel mir
                                          nicht schwer, mich in die Gruppe zu integrieren und mir
                                          machte die Zusammenarbeit mit den anderen Spass.


 Düften füllen
                                          Wir haben uns dann zusammen die fünf Fotografien von
                                          George Steinmann angesehen und uns der Aufgabe
                                          gestellt, sie durch weitere Kunstwerke, Geräusche und
                                          Düfte im Projektraum enter zu begleiten.
                                                Um ehrlich zu sein, hatte ich die Arbeit an diesem Pro-
                                          jekt anfangs unterschätzt. Sieben Personen mit sieben
                                          verschiedenen Meinungen – das erschwerte einerseits,
                                          aber verschönerte andererseits auch den Prozess und
                                          gestaltete ihn interessant. Als es dann an die Auswahl
                                          weiterer Werke ging, war meine Hoffnung, ein Werk mit-
Svenja Wälti ist eine 16-jährige          einbringen zu können, welches auf die Wichtigkeit des
                                          Waldes und der Natur hinwies. Da wir in diesem Bereich
Schülerin aus Thun. Sie inter­            alle derselben Meinung waren, fiel die Wahl hier nicht
                                          schwer. Bei anderen Entscheidungen war es wiederum für
essiert sich für gesellschaftspoli-       mich schwierig, mitsprechen zu können, da ich noch
                                          nicht genug Erfahrung und Wissen zu gewissen Themen
tische Themen, ist Teil von               habe. Bei anderen, digitalen und aktuellen Sachen konnte
«Fridays For Future» und hat am           ich mehr mitsprechen und mein Wissen teilen. Am span-
                                          nendsten fand ich es, den Raum zu gestalten. Dort gab es
zweiten Teil des Ausstellungs-            aber auch die meisten Meinungsverschiedenheiten.
                                          Am Ende war ich dann aber sehr zufrieden und der Raum
projekts Freunde sammeln                  gefiel mir.
                                                Als ich mich für die Mitarbeit an diesem Projekt ent-
teilgenommen. Diesen Sommer               schieden habe, habe ich mich auf etwas komplett Neues
beteiligte sie sich zusammen              eingelassen. Ich wusste nicht, was genau wir machen
                                          werden und mit wem ich zusammenarbeiten würde. Ich
mit anderen Kunstinteressierten           habe mich einerseits auf das kleine Abenteuer gefreut,
                                          andererseits war ich auch sehr nervös. Ich habe viele
an der Entwicklung einer Aus-             neue Sachen gelernt und Erfahrungen gemacht. Was mir
                                          aber am meisten in Erinnerung bleiben wird, sind die
­stellung für den Projektraum enter.      ­netten und inspirierenden Menschen, die ich dank des
 Basis dafür war eine Fotoserie            Projekts kennenlernen durfte und mit denen ich diese
                                           tollen Erfahrungen machen konnte. Ich habe die Mitarbeit
 von George Steinmann: Such-               an diesem Projekt als eine grosse Chance gesehen,
                                           ­welche ich zum Glück auch genutzt habe.»
 raum Wildnis. Wir haben nachge­-
                                          Freunde sammeln ist ein Ausstellungsprojekt zu 60 Jahre Förderverein
hört und wollten wissen: Wie              Kunstmuseum Thun. In Workshops, bei denen Ausstellungen in der Gruppe
                                          konzipiert wurden, bringt er Mitglieder, Freunde und neue Freunde zusam-
hat es der jüngsten Teilnehmerin          men. Freunde sammeln 3 ist noch bis 9. Februar 2020 im Projektraum enter
                                          zu sehen. Die beiden anderen Teile sind auf unserer Website dokumentiert.

beim Projekt gefallen?                    Bilder: Workshopansichten, 2019, Foto: Markus Däppen




19                                Förderverein
Sammlung                                                             Schon vor der Eröffnung des Kunstmuseums Thun im
                                                                     ­Jahre 1948 hatte die Sammlung für das Haus eine wichtige


Entdeckungs-
                                                                      Bedeutung: Denn erst eine kleine, verlesene Auswahl
                                                                      an Werken, welche sich im Besitz der Stadt Thun befand,
                                                                      ermöglichte überhaupt die Gründung dieses Hauses.


tour ohne
                                                                      Damals wurden Stimmen laut – aus der Politik, aber vor
                                                                      allem von Seiten der damaligen Kunstschaffenden –,
                                                                      die eine Plattform für eben jene Werke forderten.


Schliesszeiten
                                                                          Bis in die 1980er Jahre kam man diesen Forderungen
                                                                      mit der «Kunstsammlung der Stadt Thun» nach. Die Räume
                                                                      dienten bis dahin primär zur Präsentation der immer grös­
                                                                      ser werdenden Sammlung. Doch über die Zeit gelangten
                                                                      auch Ausstellungen mit zeitgenössisch Kunstschaffenden
                                                                      ins Programm. Schnell wurden diese zu einem festen
                                                                      und essentiellen Bestandteil des Hauses. Heute hat die
                                                                      Sammlung keine dauerhafte Präsenz mehr im Museum,
                                                                      denn die Räumlichkeiten wären heute bei weitem zu klein,
                                                                      wie beispielweise in der Ausstellung «Bitte eintreten 1»
                                                                      (siehe Seite 9) Was dem Museumsalltag hinter den Kulissen
                                                                      der Ausstellungsräume erhalten geblieben ist, ist die
                                                                      Pflege und Dokumentation der Sammlung. So wird sie bis
                                                                      heute noch jährlich durch Ankäufe oder Schenkungen
                                                                      erweitert.

                                                                      SAMMLUNG FÜR ALLE UND VON ÜBERALL
                                                                     Ohne die dauerhafte Präsenz erscheint es wichtiger denn
                                                                     je, Interessierten den Zugang zur Sammlung zu ermögli-
                                                                     chen – unabhängig von Öffnungszeiten und dem eigenen
                                                                     Standort. So wurde 2018 beschlossen, eine neue Prä­
                                                                     sentationsform zu gestalten. Im Vordergrund stand dabei
                                                                     die Idee, für das Publikum ein Angebot ausserhalb des
                                                                     klassischen Ausstellungsraums zu bieten.
Beruf Bauer, Ausstellungsansicht, 2011, Foto: Dominique Uldry             Dazu bietet eine Onlinepräsenz die ideale Plattform.
                                                                     Künftig soll die Sammlung dort nicht nur chronologisch
                                                                     erfasst werden, sondern vor allem in ihrer Vielfalt sichtbar
                                                                     sein. Das Zeigen der inhaltlichen wie auch formalen Diver-
                                                                     sität ist zentral. Denn in den letzten 70 Jahren haben die
Die Sammlung des Kunstmu-                                            Direktoren und Direktorinnen das Gesamtbild der Samm-
                                                                     lung mitunter stark geprägt. Zurzeit werden verschiedene
seums Thun soll in Zukunft                                           Themenkapitel kuratorisch erarbeitet. Sie fokussieren
                                                                     sich auf Schwerpunkte, zum Beispiel die Schweizer Pop
eine neue Plattform bekom-                                           Art, das bekannte Bergmotiv des Niesens oder eine
                                                                     ­Auswahl zur Farbe Rot. Nach dem Release 2021 sollen
men. Und zwar eine, die von zu                                        die Themenkapitel stetig erweitert werden, sei es um
Hause oder von unterwegs,                                             aktuelle Themen oder auch um Schwerpunkte der tempo-
                                                                      rären Ausstellungen. In einer weiteren Phase sollen
aber auch bei uns im Haus frei                                        auch ­Kommentare und Anregungen vom Publikum in die
                                                                      Auswahl einfliessen.
zugänglich sein soll. Seit                                                Ein wichtiger Aspekt in unserem Konzept soll jedoch
                                                                      auch darin bestehen, die Onlinepräsenz stets mit dem
Januar 2019 arbeitet ein kleines                                      realen Museumsraum abzugleichen. Die Präsentation im
Team im Kunstmuseum an                                                Internet soll den Museumsbesuch nicht ersetzen, son-
                                                                      dern bereichern. Zukunftsmusik sind daher auch Online-
dieser digitalen Präsentation.                                        Offline-Projekte, die beide Plattformen, Museum wie
                                                                      Web, bespielen.
Sie soll ab 2021 für alle zur
Verfügung stehen.




                                                                     Über die Aufschaltung werden wir Sie in einer der kommenden Ausgaben
                                                                     unseres Programmheftes ab 2021 gerne informieren.

                                                                     Bilder rechte Seite (von oben nach unten):
                                                                     Wir müssen nicht ans Meer, Ausstellungsansicht, 2016, Foto: Christian Helmle
                                                                     Wir feiern 70 Jahre, Ausstellungsansicht, 2018, Foto: Ian C.G. White


20                                                              Sammlung
21   Sammlung
Aussenblick

Hugo
Loetschers
Insta-
Stories                                                          Tabea Steiner, Foto: Markus Forte




Im Oktober vor fünfzehn Jahren habe ich den Schweizer
Schriftsteller Hugo Loetscher angerufen. Ich hatte das
Telefonbuch bei den Zürcher Seiten aufgeschlagen und
unter L mit dem Finger bis zum H gescrollt. In wenigen
Sätzen habe ich ihm mein Vorhaben erklärt. «Das machen
wir», hat er geantwortet.


Anfang März 2006 war es dann so weit: Hugo Loetscher             sich kurzfristiger, und vor allem ist im Internet Wissen
eröffnete das erste Thuner Literaturfestival im Foyer            über alles Mögliche und Unmögliche frei zugänglich.
des Kunstmuseums. Der Mosaikboden und die flankieren-                 Vieles hat sich verändert seither. Aber das Kunstmuse-
den Treppen, die ringsum bis hinauf unter das Glasdach           um Thun steht noch an der Hofstettenstrasse 14, und das
führen, waren der richtige Ort.                                  15. Thuner Literaturfestival feiert dort Ouvertüre. Sabine
     Zur vereinbarten Zeit wartete ich am Bahnhof Thun.          Gisin, die in ihrem Roman «Teneber Vid» eine ganz eigene,
Hugo Loetscher kam nicht. Ich tigerte herum, versuchte,          traum- und märchenhafte Welt erschaffen hat, führt am
bei beiden Ausgängen gleichzeitig zu sein, rechnete mir          Mittwoch, den 4. März um 18.15 Uhr durch die Ausstellung
aus, dass Hugo Loetscher nicht mehr der Jüngste und              mit den Allover-Paintings von Christine Streuli und die
daher auch nicht der Schnellste ist. Irgendwann war klar,        interaktive Installation von Sarah Oppenheimer.
dass alle Passagiere aus dem Zürcher Zug ihrer Wege                   Wenngleich die Welt sich durch die Informationstechnik
gegangen waren. Weil ich noch kein Handy hatte, suchte           verändert hat – diese literarische Kunstbetrachtung
ich eine Telefonkabine. Es war aber die Zeit, als man nicht      ist einmalig, die Teilnahme wird selbst durch Instagram-
mehr und noch nicht wieder mit Münzen bezahlen konnte,           Stories nicht zu ersetzen sein. Es sei daher freundlichst
und ich musste zuerst am Kiosk eine Taxcard kaufen. Das          empfohlen, sie nicht zu verpassen, wenn man beim dreis­
Telefon in Zürich schrillte ins Leere.                           sigsten Thuner Literaturfestival auf nostalgische Erinne-
     Weil wir alles per Festnetztelefon vereinbart hatten,       rungen zurückgreifen möchte.
hatte ich nichts Schriftliches in der Hand; für das Faxgerät
bin ich ein bisschen zu spät geboren.                            ©2020 Tabea Steiner
     Schliesslich kam Hugo Loetscher doch an, im langen,
schweren Mantel, ein wenig gebeugt und trotzdem in
Eile, äusserst freundlich. Er war in Bern aus Versehen in
die Gürbetalbahn umgestiegen. An seine Lesung selbst
habe ich kaum Erinnerungen, aber ich weiss noch, dass
Hugo Loetscher erzählte, er habe Unmengen an Zeit-
schriften abonniert – jene des Kaninchenzüchtervereins
oder der lokalen Feuerwehr – denn da erfahre man Dinge,
über die nirgends sonst berichtet werde.                         Tabea Steiner hat in Bern Germanistik studiert und das Thuner
     Fünfzehn Jahre sind seither vergangen – so viel Zeit ist    ­Literaturfestival initiiert. Ihr erster Roman «Balg» erschien 2019 und
das nicht. Telefonbücher werden zwar noch gedruckt,               wurde für den Schweizer Buchpreis nominiert. Mit dem Kunstmuseum
                                                                  Thun pflegt sie einen freundschaftlichen Austausch und ergänzt
aber nur schon der Begriff ist ein Antagonismus. Es ist viel      das Kunstprogramm des Hauses um regelmässige Perspektiven aus
einfacher geworden, zu kommunizieren, man verabredet              dem Literaturkosmos.


22                                                        Aussenblick
Glossar                                          enter 1”. It is dedicated to a donation
                                                 from Marlis and Hans Suter received
                                                                                                 panoramas. Regarding content, how-
                                                                                                 ever, I derive my motivation mainly


English
                                                 by the art museum’s supporting asso-            from the interaction between humans
                                                 ciation for its 60th anniver­sary. We           and their environment or history.
                                                 wish you a good start to the year and           Moreover, I want to convey a message
                                                 look forward to your visit.                     to the visitors that goes beyond the
                                                                                                 actual presentation. Due to the spatial-
                                                                                                 emotional experience of the visitor, the
                                                                                                 panorama as an immersive art experi-
                                                 Daily life at the museum → page 4
                                                                                                 ence is a perfect format to inspire the
                                                 Yadegar Asisi in                                viewer to ponder, to let him experience
                                                                                                 the respective topic and the associat-
                                                 interview                                       ed meta-level with his own feeling and
Editorial → page 3                                                                               body. For example, my panorama
                                                     The Thun Panorama was painted               TITANIC, in which the viewer could see
 In the encounter with art, space and                by Marquard Wocher within                   the wreck of the Titanic sunk to the
 body play an important role. How am I               a period of almost five years, a            bottom of the sea, does not tell of the
 positioned, how do I orient myself or               time frame during which artist              actual catastrophe of the shipwreck,
 how do I move around in a room, how                 and architect Yadegar Asisi                 but of people’s faith in technology in
 do I perceive the work, what does                   ­usually creates two of the largest         the early age of industrialisation.
 it trigger in me? The answers to these               360° panoramas in the world                    KMT: How did you end up with the

 questions vary depending on your                     nowadays. 38 × 7.5 metres appear           panorama?
 personal background and your own ex-                 small against his cycloramas,
 periences. In today’s increasingly                   which measure up to 32 metres
 all-encompassing art forms, where                    in height and up to 110 metres in
 boundaries between image space                       circumference. We wanted to
 and real space virtually dissolve and                know the parallels between his
 merge, it becomes difficult to fathom                work and the Thun Panorama
 the crossovers correctly. They take                  and what fascinates him about
 us over, fascinate and unsettle. The                 panoramas.
 physical immersion in new visual
 dimensions has effects on our body                     Kunstmuseum Thun: Mr. Asisi, have you            YA: I didn’t really end up with the

 and mind. Entering rooms triggers                visited the Thun Panorama?                        panorama; the panorama found me, as
 emotions in the body that are very                     Yadegar Asisi: Unfortunately I haven’t      it were. All my passions unite here,
 individual. Spaces can trigger positive         been there yet, but I know the work and            particularly architecture and painting.
 or negative emotions; in some rooms             the rotunda through my participation               Since my childhood I have been think-
 we can unfold, in others we feel                in the exhibition “Sehsucht” in the                ing and feeling in spaces, which was
 ­un-comfortable, tense and restricted.          ­Kunsthalle Bonn. The building on Lake             later expressed in my professional
       With the two solo exhibitions of           Thun has a remarkable architecture                and artistic work. Captivated by the
  the artists Sarah Oppenheimer and               and the reworking was also really very            anamorphic painting of the Baroque,
  Christine Streuli in the New Year,              successful. At any rate, the Panorama             I embarked on my path with illusionis-
  we strive to make such different spa-           itself shows Marquard Wocher’s high               tic spatial installations. The possi­
  tial experiences tangible. Oppenhe-             perspectival skills, and I will definitely        bilities of spatial dissolution due to the
  imer’s sculptural intervention amaze            have to take a look at it in the near             laws of perspective exerted a playful
  in their contexts and compel us to              future. I am particularly interested in           fascination on me. I wanted to seduce
  look for new paths between the rooms.           the spatial effect of a panorama of this          people to go along with the dissoluti­on
  Streuli, on the other hand, invites             magnitude, because an Asisi panorama              of the dimensions of space and time.
­vi­­sitors to find their bearings in fictiti­    is much larger. All the more exciting it          As a consequence, the panoramas
  ous spaces in the wake of painting.             will be to see for real how Wocher                ultimately enabled me to completely
  Or have they already become real?               creates the spatial effect in his picture.        dissolve the boundaries of space in
  You may decide for yourself.                    The Thun Panorama was painted by                  order to create a one-to-one simulati­
       In the panorama of Marquard                Basel-based Marquard Wocher from                  on for the spectator. This was aided
  Wocher in the Schadaupark as well,              1809 to 1814. The fascination of a                by the newly developed typological
  we are immersed in the landscape                beauti­ful summer day in in Thun im-              possibilities to print large lengths of
  of Thun from 200 years ago by the              pelled him to create the 38 × 7.5 metres           fabric in colour. Today’s technical
  fascinating small details and the over-        large cyclorama. What is your incen-               achievements empower me to process
  all effect of the work: an entirely new        tive to create panoramas? During the               several projects simultaneously and,
  experience at the time of its creation.        time of Marquard Wocher and of many                compared to the painters of the 19th
  The new special exhibition in the              other artists of the first generation              century, faster. I would certainly not
  glazed extension, which was created            at the beginning of the 19th century,              have painted a panorama of this size.
  in cooperation with the “33 Early               ­panoramas provided the opportunity,              I therefore view artists like Marquard
  Swiss Films” project of the University           so to speak, to satisfy collective long-         Wocher with deep respect!
  of Basel and the HGK Basel, traces               ings. Travel, for instance. Not many                  KMT: For today’s visitors, our

  the illusion of space and the con-               could afford that. So the panoramas           ­Panorama in Thun is above all a large
  struction of landscape. New media                were taken on journeys. Because the            hidden objcet picture that has been
  expand the view of the historical and            cycloramas made people part of the             ­preserved in its original state and
  the contemporary.                                surroundings, they found themselves             is the oldest cyclorama in the world.
       In the project room enter, we               in the mountains on a summer day.               What are the visitors of the Asisi
  will show the new exhibition: “Please            I also use this immersive aspect for my         ­panoramas raving about?

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