QUEERZEIT Queer & Staat - WINTER 2020 - LSVD Sachsen-Anhalt

Die Seite wird erstellt Christopher Lorenz
 
WEITER LESEN
QUEERZEIT Queer & Staat - WINTER 2020 - LSVD Sachsen-Anhalt
QUEERZEIT
              DIE ZEITSCHRIFT DES LSVD SACHSEN-ANHALT

WINTER 2020

     Queer &
      Staat
          TITELTHEMA S.3-28
                                                                          9 772700 691307
                                                        ISSN: 2700-6913
QUEERZEIT Queer & Staat - WINTER 2020 - LSVD Sachsen-Anhalt
INHALTSVERZEICHNIS

LSBTIQ*
Leuchtturm   in Sachsen-Anhalt
Editorial: Stonewall – Aufstand                          04
                                                         03
Forderungen
Diskriminierung der
                  inCSD´s   in Sachsen-Anhalt
                     den Streitkräften                   06
                                                         07
CSD 2018 in Halle & Magdeburg                            08
Vorgestellt! - QueerBW                                   11
GOQUEER gewinnt                                          13
Queerzeit Interview
Es war Einmal...
Inklusivität und Vielfalt bei der Landespolizei          14
Vereinte Schwulenbewegung brachte
Unrechts-Paragraph      175 zu Fall
LSBTI* in Polizei und Justiz                             14
                                                         20
COME IN Weekly (April - Juli)                            18
Es war Einmal: Harvey Milk                               22
Lambdas "Erstes Mal"                                     25
Beschwert euch doch endlich mal!                         26
Andere Länder, Andere Queere Verbände:
The
QueerProud   TrustLife
        & Trans    - Manchester,
                       Support UK                        26
Das
LSVDLSVD-Beratungsprojekt
       Veranstaltungen 2018stellt sich vor!              30
                                                         27
Endlichblog
lsbti*   den Mut…                                        28
Winter
Banana2020
         Serienabend                                     34
                                                         29
Homosexualität und Vielfalt!
Selbst.verständlich  Islam                               30
Regenbogenkompetenz      für die Republik
Fachtag zur Vorurteilskriminalität                       40
                                                         31
Umgang mit
WEEKLY       sexueller2020
          Rückschau    Vielfalt in der sozialen Arbeit   32
                                                         44
Weihnachtscafé                                           33
Zeitstrahl LSVD (Teil 2)
Landesverfassung:
Eine                LSVD
     kleine Reise durch 30legt
                            JahreGesetzentwurf
                                   LSVD          vor     34
                                                         50
GOQUEEER auf dem CSD Köln                                37
lsbti* infoguide kompakt                                 54
Terminübersicht                                          39
Terminübersicht                                          58
QUEERZEIT Queer & Staat - WINTER 2020 - LSVD Sachsen-Anhalt
VORWORT

                                                    arbeiter*innen gerät, ist wenig verwunderlich,
Liebe Leser*innen,                                  denn der Staat ist mit ca. 4,6 Millionen Arbeit-
                                                    nehmer*innen der größte Arbeitgeber der Bun-
irgendwie denken die meisten von uns an             desrepublik. Arbeitgeber ist er übrigens auch
CSD und persönliche Freiheit, wenn es um            für LSBTIQ*.
das Thema LSBTIQ* geht. Dabei findet all das
innerhalb eines ordnenden Konstrukts statt,         Auch als Arbeitgeber ist der Staat sehr viel-
welches unser aller Zusammenleben regelt.           schichtig. Manche Bereiche sind gar als ma-
Der Staat mit seiner breiten Verwaltung spielt      chistische Männerdomäne und für LSBTIQ*
im Bewusstsein von LSBTIQ*-Zugehörigen aber         als wenig empfehlenswerter Arbeitsplatz ver-
meist erst dann eine Rolle, wenn sie selbst von     schrien, wie beispielsweise die Polizei und die
Verwaltungshandeln betroffen sind. In diesen        Bundeswehr. Anscheinend passiert hier aber
Fällen spüren wir ihn ganz unmittelbar. Dies        seit geraumer Zeit etwas - und das wollten wir
allein ist jedoch noch keine LSBTIQ*-Spezifik.      uns näher anschauen.

Verwaltungshandeln ist sehr vielschichtig. Es       Dazu haben wir Menschen gefragt, die in die-
kann sich positiv auf seine Adressat*innen aus-     sen Verwaltungsorganisationen tätig sind und
wirken, beispielsweise bei der Begründung einer     sich aus ihrer Beschäftigung heraus für LSB-
Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Partner*in-     TIQ*-Rechte stark machen, die sich auf vielfäl-
nen, aber auch negativ, wenn zum Beispiel die       tige Art und Weise für Akzeptanz von LSBTIQ*
Steuererklärung nicht fristgemäß abgegeben          am Arbeitsplatz einsetzen und Mitarbeitende
wurde. Unabhängig von diesen Anlässen bleibt        im öffentlichen Dienst für die Problematik von
mitunter ein fader Beigeschmack für LSBTIQ*,        Diskriminierung sensibilisieren.
nämlich mindestens, wenn rechtliche Vorgaben
zur Gleichstellung von LSBTIQ* (noch) nicht um-     Wie ihr Engagement aussieht und welche Erfah-
gesetzt wurden oder man an ein*e Sachbearbei-       rungen sie machen, liest du im vorliegenden Heft.
ter*in gerät, dem/der die nötige Sensibilität für
eigenes diskriminierendes Agieren im Namen                                                                                              Viel Spaß dabei!
des Staates völlig abgeht. Dass man gar nicht
so selten an derartig themenfremde und wenig                      Eure QUEERZEIT Redaktion
zur Selbstreflexion neigende Verwaltungsmit-

                                                                                                                           QUEERZEIT
                                                           QUEERZEIT
ALTE AUSGABEN                                               SOMMER 202
                                                                         0
                                                                             DIE ZEITSCHRIF
                                                                                            T   DES LSVD SACH
                                                                                                              SEN-ANHALT
                                                                                                                                      HERBST 2020
                                                                                                                                                                    DIE ZEITSCHRIFT DES
                                                                                                                                                                                          LSVD SACHSEN­ANHA
                                                                                                                                                                                                                          LT

NOCHMAL                                                                                                                                  30 JAHRE
                                                                                                                                      FÜR RESPEKT
NACHLESEN?
                                                                                                                                                               TITELTHEMA S.3-1
                                                                                                                                                                                6

WWW.QUEERZEIT.NET
                                                                                                                                             9 772700 691307

                                                                                                    AKTION ZUM
                                                                                                              IT
                                                                                                                                         3
                                                                                                                           ISSN: 2700-691

                                                                                                     IDAHOB
                                                                                                                                                                                                                               9 772700 691307
                                                                                                                                                                                                        ISSN: 2700-6913

                                                            SCHUTZ?!
                                                            TITELTHEMA
                                                                                                          SEITE 32

                                                                              SEITE 03 - 20
QUEERZEIT Queer & Staat - WINTER 2020 - LSVD Sachsen-Anhalt
© Pressestelle LH Magdeburg
LSBTIQ*-LEUCHTTURM
IN SACHSEN-ANHALT
Fortschreibung des kommunalen Aktionsplans
für Geschlechtervielfalt und gegen Homo- und Transphobie
in der Landeshauptstadt Magdeburg

Wenn es um Maßnahmen und politische Ent-         Leider ist es häufig bittere Wahrheit, dass die
scheidungen für die Akzeptanz und Gleichbe-      Kommunen das Heft des Handels in Sachen
rechtigung von Lesben, Schwulen, queeren, bi-,   Akzeptanz und Gleichstellung von LSBTIQ*
trans*- intergeschlechtlichen Menschen (LSB-     und gegen Homo- und Transphobie nicht bei
TIQ*) geht, schauen die meisten unserer Com-     sich selbst sehen, sondern das Thema beim
munity stets Richtung Bund und Land. Völlig      Land oder bei anderen belassen.
außer Acht gelassen wird in diesem Zusam-        Ja, es ist gut und ein starkes Signal, wenn
menhang meist die Politik unseres gemeinsa-      sich Landrät*innen, Bürgermeister*innen und
men Europas. Mag Europa für viele vielleicht     Gleichstellungsbeauftragte mit Transparen-
fern wirken. Aber wie steht es mit den Orten,    ten vor den Rathäusern beim Internationalen
in denen wir leben? Warum schauen wir nicht      Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie
auf die Möglichkeiten der kommunalen Selbst-     solidarisch erklären und klar machen: „LSB-
verwaltungen? Können Sie nicht sogar der         TI*-Rechte sind Menschenrechte!“ – wie zum
Schlüssel für mehr gelebte Akzeptanz sein?       17. Mai 2020 in Kooperation mit der LSB-

04 | QUEERZEIT
QUEERZEIT Queer & Staat - WINTER 2020 - LSVD Sachsen-Anhalt
TI*-Landeskoordinierungsstelle Sachsen-An-       Magdeburg für Geschlechtervielfalt und
halt Nord und dem LSVD geschehen.                gegen Homo- und Transphobie. Er wurde
Aber neben symbolischen Aktionen muss auch       federführend durch das Amt für Gleichstel-
nachhaltiges, aktives Handeln erfolgen. Aber     lungsfragen in Zusammenarbeit mit LSB-
hier stehen die meisten Landkreise, Städte und   TIQ*-Verbänden- und Strukturen erarbeitet,
Gemeinden bisher weit hinter ihren Möglich-      umgesetzt und erfährt ab 2021 eine Fort-
keiten. Begründet wird dies nicht selten mit     schreibung.
Aussagen wie:
„kein Geld“                                      Bisher gab es 4 Handlungsfelder im Akti-
„kein Personal“                                  onsplan, die ab 2021 fortgeführt werden:
„bei uns keine Probleme“                         Handlungsfeld 1:
„sehen keinen Handlungsbedarf“                   Aufklärungs- und Bildungsarbeit
„keine sichtbare Community in der Fläche“ etc.   Handlungsfeld 2:
                                                 Beratungs- und Unterstützungsangebote
Das muss und darf nicht so bleiben!              Handlungsfeld 3:
                                                 Öffentlichkeitsarbeit
Fakt ist:                                        Handlungsfeld 4:
• LSBTIQ*-Menschen leben überall                 Netzwerkarbeit
• Handlungsbedarf für mehr
  Akzeptanz gibt es an jedem Ort                 Die weiterführenden Maßnahmen reichen
• LSBTIQ*-Netzwerkstrukturen haben               von Fortbildungen und Informationsveran-
  wir in ganz Sachsen-Anhalt                     staltungen für Schulsozialarbeiter*innen,
• für Geld und Personal müssen Kommu-            Kita-Fachkräfte, Fachkräfte aus der Ver-
  nen streiten                                   waltung und freien Trägern der Kinder- und
• viele Maßnahmen kosten kein Geld               Jugendhilfe, Beratung und Unterstützung
                                                 von geflüchteten LSBTIQ*, Erziehungsbera-
Wie die Kommunen Sachsen-Anhalts in Sa-          tung im Kontext von LSBTIQ*, Erinnerung an
chen Akzeptanz von LSBTIQ* über sich hinaus-     homosexuelle NS-Opfer, Unterstützung des
wachsen können zeigt die Landeshauptstadt        CSD in Magdeburg bis hin zu Öffentlichkeits-
Magdeburg als leuchtendes Vorbild.               arbeit zur Sichtbarmachung von Diversität
                                                 und Kooperation der Stadt mit der neuen
Magdeburgs Selbstverpflichtung                   (hauptamtlichen) Ansprechperson für die
für Geschlechtervielfalt und                     Belange von Lesben, Schwulen, Bisexuel-
gegen Homo- und Transphobie                      len, Transgendern, Transidenten und inter-
Mit Bestätigung durch den Stadtrat am            geschlechtlichen Menschen in der Polizei
14.09.2017 gibt es in Ergänzung zum LSBT-        Sachsen-Anhalt (kurz AP LSBTTI) für Akti-
TI*-Aktionsprogramm der Landesregierung          vitäten gegen homo- und transphobe Dis-
seit 2017 einen umfangreichen kommu-             kriminierung und Gewalt.
nalen Aktionsplan der Landeshauptstadt

                                                                         QUEERZEIT | 05
QUEERZEIT Queer & Staat - WINTER 2020 - LSVD Sachsen-Anhalt
Neu hinzugefügt wurde für die Fortschreibung        men der Altenpflege zur Thematik
ab 2021 das Handlungsfeld 5: Alter, Pflege        • Einbringung des Themas LSBTIQ* und Alter
und Behinderung                                     und Pflege in den Seniorenbeirat
                                                  • Beachtlich sind die allgemeinen Schluss-
Die Erweiterung um das Handlungsfeld 5 war          folgerungen der Landeshauptstadt Mag-
ein großes Anliegen des LSVD Sachsen-An-            deburg in Bezug auf die Notwendigkeit der
halt, der sich schon seit Jahren für eine kul-      Maßnahmen zur Fortschreibung des städ-
tursensible Versorgung, Pflege und Begleitung       tischen Aktionsplans. Diese lauten:
von LSBTIQ* im Alter stark gemacht hat. Die       • Beratungs- und Unterstützungsantebote
Interessen von älteren Lesben und Schwulen          sind umfangreicher und zielgruppenspe-
sind in allen Bereichen der Senior*innenpoli-       zifischer geworden
tik und der Altenhilfe zu berücksichtigen. Ent-   • Fachkräfteschulungen müssen arbeitskon-
sprechende Formulierungen befanden sich             textbezogen fortgeführt werden
stets auch in den jährlichen Forderungen zum      • höherer und professionalisierter Bedarf der
Christopher Street Day (CSD) an die Landes-         Unterstützung von LSBTIQ* mit internatio-
hauptstadt Magdeburg, die im Kern auf das           nalem Hintergrund ist gegeben
Engagement von Martin Pfarr zurückgingen.         • kontinuierlicher und bedarfsgerechter Aus-
Er war Mitbegründer des LSVD und bis zu sei-        bau von Elternberatung ist erforderlich
nem Tod am 21.12.2015 langjähriges Mitglied       • Angebote müssen verstetigt und transpa-
im Landes- und Bundesvorstand.                      renter werden
                                                  • Öffentlichkeitsarbeit muss verstärkt werden
Konkrete Maßnahmen im Handlungsfeld 5             • Das Thema LSBTIQ* und Alter, Pflege und
„Alter, Pflege und Behinderung“ sind:               Behinderung muss in den Focus gerückt
• Berücksichtigung der Thematik im Rahmen           werden
   der Arbeit der Fachberatungsstelle Frauen
   mit Behinderungen und ProMann sowie in         Fazit: Nicht nur Geld allein, sondern der Wille
   Einrichtungen der Behindertenhilfe             für Verbesserung zur Akzeptanz von LSBTIQ*
• Thematisierung der Lebenssituation von LSB-     ist maßgeblich. Der Aktionsplan der Landes-
   TIQ* in der AG Menschen mit Behinderungen      hauptstadt Magdeburg ist mit allen Details
• Berücksichtigung der Thematik LSBTIQ* in        erhältlich bei: Landeshauptstadt Magdeburg,
   der Infrastrukturplanung zum seniorenpo-       Amt für Gleichstellungsfragen
   litischen Konzept für die Stadt
• Sensibilisierung der Mitarbeiter*innen der
   Altenservicezentren für die spezifischen                     Mathias Fangohr (Dipl. Soz. Päd.)
   Belange von Lesben, Schwulen und Trans*                    LSBTI*-LKS Sachsen-Anhalt Nord
   im Rahmen der stadtteilbezogenen Arbeits-
   gruppen und Ableitung von Maßnahmen
• Durchführung von Fortbildungen für Lehr-
   kräfte in der Aus- und Fortbildung im Rah-

06 | QUEERZEIT
QUEERZEIT Queer & Staat - WINTER 2020 - LSVD Sachsen-Anhalt
© LIGHTFIELD STUDIOS / stock.adobe.com

                              DISKRIMINIERUNG IN DEN STREITKRÄFTEN
                              Rehabilitierung und Entschädigung queerer Soldat*innen geplant

                              Über Jahrzehnte wurde Soldat*innen mit „ho-       damit rechnen, aufgrund ihrer sexuellen Ori-
                              mosexuellen Neigungen“ die Dienstfähigkeit        entierung drangsaliert, degradiert oder entlas-
                              und die Eignung als Vorgesetze abgesprochen.      sen zu werden. In der Bundesrepublik wurde
                              In der Folge kam es zu Ausmusterungen, trup-      diese Praxis vom BMVg ausdrücklich befür-
                              pendienstgerichtlichen Verurteilungen, Entlas-    wortet und von der Rechtsprechung lange
                              sungen und Degradierungen. Die institutionelle    gebilligt. Homosexualität galt als schwerer
                              Diskriminierung endete erst 2.000, als das Bun-   Makel, homosexuelle Soldat*innen als Sicher-
                              desverteidigungsministerium (BMVg) seinen         heitsrisiko. Bei homosexuellen Vorgesetz-
                              diskriminierenden Erlass zur Personalführung      ten wurde ein Autoritätsverlust und damit
                              aufhob. Nun hat die Bundesregierung einen         eine Gefährdung der Disziplin der Truppe be-
                              Gesetzentwurf vorgelegt, der die Betroffenen      fürchtet. Eine im September vorgestellte, vom
                              rehabilitieren und entschädigen soll.             BMVg in Auftrag gegebene Studie zum Um-
                                                                                gang der Bundeswehr mit Homosexualität
                              Institutionelle                                   legt auf 400 Seiten erstmals umfassend die
                              Diskriminierung homo- und                         erlittenen Diskriminierungen offen.
                              bisexueller Soldat*innen
                              Soldat*innen der Bundeswehr und der Natio-
                              nalen Volksarmee mussten über Jahrzehnte

                                                                                                         QUEERZEIT | 07
QUEERZEIT Queer & Staat - WINTER 2020 - LSVD Sachsen-Anhalt
Verurteilung                                       den, da diese als schuldhafte Dienstpflichtver-
durch Truppendienstgerichte                        letzung betrachtet wurden. Die Zahl der auf
Einvernehmliche homosexuelle Handlungen            diese Weise Entlassenen war nach Einschät-
waren bis in die späten 1960er Jahre sowohl        zung des Autors der Studie weitaus höher als
in der Bundesrepublik als auch in der DDR          die Zahl der durch ein wehrdienstgerichtliches
strafbar. Bis 1994 unterlagen homosexuelle         Urteil aus dem Dienstverhältnis entfernten
Handlungen in der alten Bundesrepublik einem       Soldat*innen. Daneben stehen die ungezähl-
höheren Schutzalter als heterosexuelle Hand-       ten Fälle, in denen die Bundeswehrangehöri-
lungen. Für Soldat*innen folgte auf eine straf-    gen selbst ihre Entlassung beantragt haben,
rechtliche Verurteilung durch die ordentlichen     nachdem ihre Homosexualität bekannt wurde.
Gerichte in der Regel zusätzlich eine Anschul-
digung durch den Wehrdisziplinaranwalt und         Dienstunfähigkeit und
eine Verurteilung durch ein Truppendienstge-       Nichteignung als Vorgesetzte
richt. Bis in die späten 1960er Jahre bedeutete    In den ersten beiden Jahrzenten nach Grün-
dies in der Regel die Entlassung aus den Streit-   dung der Bundeswehr galten Homosexuelle
kräften. Die Betroffenen verloren nicht nur ih-    pauschal als dienstunfähig und wurden aus-
ren Beruf und ihr soziales Umfeld, sie erfuhren    gemustert. Erst ab 1979 galten homosexuelle
nach Rückkehr an ihren Heimatort häufig auch       Wehrpflichtige als grundsätzlich dienstfähig.
gesellschaftliche Stigmatisierung und Aus-         Eine Laufbahn als Offizier oder Berufssoldat
grenzung. Auch nach der Entkriminalisierung        war jedoch bis zur Jahrtausendwende wei-
der sogenannten „einfachen Homosexualität“         terhin nicht möglich. Homo- und bisexuelle
Ende der 1960er wurden einvernehmliche ho-         Soldat*innen wurden selbst bei besten Beurtei-
mosexuelle Handlungen durch die Truppen-           lungen weder zu Berufssoldat*innen ernannt
dienstgerichte weiterhin disziplinarrechtlich      noch weiterverpflichtet. Für Offiziere und Un-
geahndet, selbst wenn sie nicht nach § 175         teroffiziere, die sich zu ihrer Homosexualität
StGB bzw. § 151 StGB-DDR strafbar waren. Die       bekannten, war die Entlassung im vereinfach-
Folgen waren Entlassungen, Degradierungen          ten Verfahren wegen „Nichteignung“ die Regel.
und anderen Benachteiligungen.                     Dies wurde durch das BMVg selbst angewie-
                                                   sen. In einem Erlass zur Personalführung aus
Entlassungen                                       dem Jahr 1984, der bis ins Jahr 2000 wirksam
im vereinfachten Verfahren                         war, wurde Soldat*innen mit „homosexuellen
Häufig kam es jedoch gar nicht erst zu einem       Neigungen“ die Eignung zur Offizierslaufbahn
wehrdienstgerichtlichen Verfahren. Das Solda-      pauschal abgesprochen. Wer nicht direkt ent-
tengesetz erlaubte nämlich in den ersten vier      lassen wurde, musste damit rechnen, nicht
Dienstjahren die fristlose Entlassung von Sol-     mehr befördert oder mit höherwertigen Auf-
dat*innen in einem vereinfachten Verfahren.        gaben betraut zu werden. Ein Offizier oder
Soldat*innen konnten wegen homosexueller           Unteroffizier mit „homosexuellen Neigungen“
Handlungen auch ohne Verurteilung durch ein        könne, so heißt es in dem Erlass, nicht in ei-
Truppendienstgericht fristlos entlassen wer-       ner Dienststellung als unmittelbarer Vorge-

08 | QUEERZEIT
QUEERZEIT Queer & Staat - WINTER 2020 - LSVD Sachsen-Anhalt
setzter in der Truppe (z.B. als Gruppenführer,     rechtliche Verhältnis hinaus negativ auf die
Zugführer, Kompaniechef oder Kommandeur)           rechtliche und gesellschaftliche Stellung von
verbleiben. Weiterhin könne er wegen homo-         Homo- und Bisexuellen aus. Sie legitimierte
sexueller Handlungen entlassen oder aus dem        die Diskriminierung von Homosexuellen staat-
Dienst entfernt oder in eine frühere Laufbahn      lich. Sie ist damit mitverantwortlich für die bis
zurückgeführt werden.                              heute spürbaren Schädigungen von LSBTI.

Das BMVg hob diesen Erlass erst am 3. Juli         Gesetzentwurf zur Rehabilitierung
2000 auf und ersetzte ihn durch eine Führungs-     homosexueller Soldat*innen
hilfe für Vorgesetzte zum Umgang mit Sexua-        Im Oktober legte das BMVg einen Entwurf für
lität. In dieser wird erstmalig ausdrücklich auf   ein Gesetz zur Rehabilitierung homosexueller
das Verbot von Diskriminierungen wegen se-         Soldat*innen vor, zu dem der LSVD im Rahmen
xueller Orientierungen hingewiesen und „Tole-      der Verbändebeteiligung Stellung nahm. Im
ranz gegenüber anderen nicht strafbewehrten        November beschloss die Bundesregierung
sexuellen Orientierungen, dementsprechend          auf Basis des Entwurfs des BMVg und der
auch für gleichgeschlechtlich veranlagte Sol-      Verbändebeteiligung ihren Gesetzesentwurf.
datinnen und Soldaten“ gefordert.                  Vorgesehen sind die Rehabilitierung der be-
                                                   troffenen Soldat*innen und Reservist*innen
Folgen der jahrzehntelangen                        sowie Entschädigungsansprüche. Zu begrü-
institutionellen Diskriminierung                   ßen ist, dass der Entwurf der Bundesregierung
Die individuellen Auswirkungen der systemati-      im Gegensatz zum Entwurf des BMVg auch
schen Diskriminierung homo- und bisexueller        die Rehabilitierung von Betroffenen vorsieht,
Soldat*innen in der Bundeswehr und der Nati-       die aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität
onalen Volksarmee waren traumatisierend und        diskriminiert worden sind. Das war eine der
nicht selten existentiell. Soldat*innen wurden     Forderungen des LSVD.
aufgrund ihrer sexuellen Orientierung drangsa-
liert, degradiert oder aus dem Dienst entlassen,   Durch das Gesetz sollen alle vor dem 3. Juli
und das mit staatlichem Segen. Homo- und           2000 ergangenen wehrdienstgerichtlichen Ur-
Bisexuellen war allein aufgrund ihrer sexuel-      teile aufgehoben werden, soweit sie einver-
len Orientierung über Jahrzehnte ein ganzer        nehmliche homosexuelle Handlungen zum
Berufszweig verschlossen. Soldat*innen, die        Gegenstand haben. Auch hier wurde eine LS-
sich unter Verleugnung ihrer sexuellen Orien-      VD-Forderung umgesetzt: Der Entwurf des
tierung für eine Laufbahn bei den Streitkräften    BMVg sah die Urteilsaufhebung nur dann
entschieden, litten unter der ständigen Angst      vor, wenn die Verurteilung allein auf einer
vor Entdeckung und vor den daraus folgenden        nach dem früheren § 175 StGB bzw. § 151
drastischen Disziplinarmaßnahmen, die in der       StGB-DDR strafbaren homosexuellen Hand-
Regel das Ende ihrer beruflichen Laufbahn be-      lung beruhte. Paradoxerweise wäre damit eine
deuteten. Die diskriminierende Haltung der         Rehabilitierung nicht möglich gewesen, wenn
Bundeswehr strahlte weit über das dienst-          Betroffene wegen nicht strafbarer homose-

                                                                             QUEERZEIT | 09
QUEERZEIT Queer & Staat - WINTER 2020 - LSVD Sachsen-Anhalt
xueller Handlungen truppendienstgerichtlich        wurden, ist längst überfällig. Die Gesetzesin-
verurteilt worden sind. Auch wäre eine Reha-       itiative ist daher grundsätzlich zu begrüßen.
bilitierung unmöglich gewesen, wenn in dem         Die Entschädigung darf allerdings nicht nur
aufzuhebenden Urteil neben der homosexu-           symbolisch sein, sondern muss einen wirksa-
ellen Handlung weitere Dienstvergehen ab-          men finanziellen Ausgleich für die vom Staat
geurteilt wurden. Dies hätte zu untragbaren,       verursachten Schäden bieten. Die Degradie-
willkürlichen Ergebnissen geführt.                 rung oder Entlassung aus dem Dienst hat Men-
                                                   schen nicht nur entwürdigt, sondern oft ihre
Durch das Gesetz sollen zudem Betroffene           Berufsbiografien zerstört. Sie wirken sich bis
rehabilitiert werden, die vor dem 3. Juli 2000     heute negativ auf ihr Leben aus, beispielsweise
wegen einvernehmlicher homosexueller Hand-         durch niedrigere Rentenzahlungen. Außerdem
lungen, ihrer sexuelle Orientierung oder ihrer     fehlt eine Regelung zur kollektiven Entschä-
geschlechtlichen Identität dienstrechtlich be-     digung, die der Aufarbeitung des Unrechts,
nachteiligt wurden. Auf Antrag wird eine Re-       weiterer Forschung zu LSBTI in der Bundes-
habilitierungsbescheinigung ausgestellt, in        wehr und der Nationalen Volksarmee sowie
der festgestellt wird, dass die dienstrechtli-     der Bildungsarbeit dienen soll.
che Benachteiligung Unrecht war. Wer auf-
grund der Diskriminierung einen Dienstgrad         Der LSVD wird den Gesetzgebungsprozess
verloren hat, soll beantragen können, diesen       daher weiterhin kritisch begleiten und darauf
wieder führen zu dürfen.                           hinwirken, dass eine möglichst umfassende
                                                   Rehabilitierung des erfahrenen Unrechts ge-
Betroffene sollen auf Antrag für jedes aufge-      leistet wird.
hobene wehrdienstgerichtliche Urteil pauschal
3.000 Euro und für andere dienstrechtliche Be-                                    Sarah Ponti
nachteiligungen einmalig 3.000 Euro erhalten.                         LSVD-Grundsatzreferentin
Die Bundesregierung ist unserer Forderung
nach höheren Entschädigungen teilweise ent-
gegengekommen, indem sie die vom BMVg
vorgesehene Deckelung der Entschädigungs-
ansprüche auf 6.000 Euro aufgegeben hat. Der
Anspruch auf Entschädigung muss innerhalb
einer Fünf-Jahresfrist ab Inkrafttreten des Ge-
setzes gestellt werden.

Fazit
Eine umfassende Rehabilitierung und Ent-
schädigung von Bundeswehrangehörigen, die
wegen ihrer sexuellen Orientierung oder ge-
schlechtlichen Identität staatlich diskriminiert

10 | QUEERZEIT
© QueerBw e.V.

             VORGESTELLT!

           QueerBw ist die Interessenvertretung quee-           malen Vereinsgründung. Diese wäre mit der
           rer Angehöriger der Bundeswehr. Seit 2002            schriftlichen Nennung von Namen einherge-
           setzen wir uns für Gleichberechtigung und            gangen. Das Risiko dafür die eigene Karriere
           ein offenes Klima innerhalb der Bundeswehr           zu opfern war zu groß.
           ein. Der Verein ist bundesweit tätig und hat
           aktuell 300 Mitglieder.                              Nachdem 1999 ein Offizier nach seinem Ou-
                                                                ting zwangsversetzt wurde, klagte er vor dem
           Den Grundstein unserer Arbeit legte der „Bundes-     Bundesverfassungsgericht. Wenige Tage be-
           weite Arbeitskreis Schuler Soldaten“. Während in     vor eine Frist zur Stellungnahme der Bun-
           Deutschland gegen Ende des 20. Jahrhunderts          desregierung im Jahr 2000 auslief, beging
           die gesellschaftliche Entwicklung weiter voran-      Rudolph Scharping, damals Verteidigungs-
           schritt, wurde noch 1984 ein Erlass in der Bundes-   minister, die Kehrtwende. Er untersagte
           wehr veröffentlicht, der homosexuellen Soldaten      Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orien-
           generell die Führungsfähigkeit absprach.             tierung. Am 03.07.2000 wurde der damalige
                                                                Erlass außer Kraft gesetzt. Das grundlegende
           In den 90er Jahren gründetet schwule Solda-          Ziel von BASS war erreicht. Nachdem BASS
           ten den BASS. Jedoch kam es nie zu einer for-        seine Tätigkeit einstellte, gründete sich im

                                                                                          QUEERZEIT | 11
© QueerBw e.V.
Jahr 2002 der „Arbeitskreis Homosexuel-           Ein wichtiger Meilenstein der Vereinsarbeit
ler Angehöriger der Bundeswehr e.V.“. Eine        war der Workshop „sexuelle Orientierung und
erste Änderung ist leicht zu erkennen. Seit       Identität in der Bundeswehr“ 2017. Auf die-
2001 dürfen Frauen in den Streitkräften die-      sem gab es das erste klare Bekenntnis der
nen. Auch diese Öffnung musste juristisch         politischen Führung zu Vielfalt und Toleranz.
erkämpft werden.                                  In den letzten Jahren konnten wichtige Er-
                                                  folge in unserer Arbeit erreicht werden. Der
Seit 2002 setzt sich der „AHsAB“ für Gleich-      generelle Ausschluss von HIV-Positiven wurde
berechtigung und gegen Vorurteile ein. Wir        abgeschafft. Gemeinsam mit dem Ministe-
kämpfen gegen Stigmata von HIV-positiven          rium konnte der „Leitfaden zum Umgang mit
Soldat*innen, beraten Betroffene nach Diskrimi-   Transgeschlechtlichkeit“ erstellt werden. Die
nierungserlebnissen und unterstützen Dienst-      PreP gibt es auch in der Bundeswehr kosten-
stellen bei der Aus-, Fort- und Weiterbildung.    frei über unsere truppenärztliche Versorgung.
                                                  Wir stehen in engen Austausch mit der militä-
Auch unser thematischer Bereich ist in den        rischen und politischen Führung, den verschie-
Jahren gewachsen. Neben der sexuellen Ori-        denen Ansprechstellen und Führungskräften in
entierung bieten wir eine Ansprechstelle für      der Truppe. Dadurch können wir unsere The-
die selbstempfundene geschlechtliche Iden-        men und Ziele an die Entscheidungsträger
tität. Mit Anastasia Biefang als Ansprech-        richten und wichtige Verbesserungen im Um-
person können wir aus eigenen Erfahrungen         gang mit Queers erreichen.
berichten und beraten. Gemeinsam mit wei-
teren Mitgliedern stehen wir im engen Aus-        Eine unserer Gründungsforderungen konnten
tausch mit dem Ministerium sowie den              wir 2020 der Ministerin persönlich vorstellen.
entsprechenden Fachstellen um eine wei-           Die Rehabilitierung und Entschädigung diskri-
tere Verbesserung des Umgangs mit der ge-         minierter Soldaten. Annegret Kramp-Karren-
schlechtlichen Identität zu erreichen.            bauer griff unsere Forderung auf. Im Namen

12 | QUEERZEIT
des Bundesverteidigungsministeriums ent-          Neben der Umsetzung des „SoldRehaHomG“,
schuldigte Sie sich bei den Betroffenen. Die      des Rehabilitierungsgesetzes, sind wir davon
geforderte Rehabilitierung befindet sich aktu-    überzeugt, dass der respektvolle Umgang ein
ell im Gesetzgebungsverfahren. Gemeinsam          wichtiger Grundsatz unserer Gesellschaft ist.
mit vielen Vereinen und Organisationen, wie       Daher fordern wir eine verpflichtende Ausbil-
der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, der         dung für alle Angehörigen der Bundeswehr
DGTI, der Bundesinteressenvertretung Schwu-       zum Umgang mit Vielfalt. Nur so kann die
ler Senioren und dem LSVD kämpfen wir für         Bundeswehr einen offenen und toleranten
eine vollumfängliche Rehabilitierung und echte    Umgang miteinander garantieren und sich
Entschädigung.                                    als zukunftsfähiger Arbeitgeber zeigen.

Um den anhaltenden gesellschaftlichen Wan-        Zudem kämpfen wir für eine Verbesserung der
del auch selbst Rechnung zu tragen, haben         transmedizinischen Versorgung, eine Berück-
wir 2020 unseren Vereinsnamen geändert.           sichtigung des dritten Geschlechtseintrags in
Unsere 300 Mitglieder sind eine „bunte Mi-        den Vorschriften und ein gemeinsames Diver-
schung“ von hetero- bis homosexuell - von         sity-Management in der Bundeswehr.
cis über inter bis trans*. Dies wollten wir mit
unserem neuen Namen zeigen. Anstatt ei-           QueerBw ist gemeinnützig und mildtätig. Wir
ner langen Abkürzung mit vielen Buchsta-          organisieren unsere Arbeit aus der Tatkraft
ben verbindet uns „Queer“ alle gemeinsam.         unserer Mitglieder sowie Spenden. Ihr habt
Es ist wichtig zu zeigen, was wir gemeinsam       Lust uns zu unterstützen? Alle Infos gibts on-
haben und nicht was uns trennt. Die queere        line (AHsAB-ev.de / QueerBw.de) oder per Te-
Geschichte, ist eine von gegenseitiger Hilfe      lefon. Wir freuen uns auf euer Engagement.
- auch ohne eigenen Nutzen, von Solidarität
und Gemeinschaft. Wir sind „alle Farben des                                       Sven Bäring
Regenbogens“. Wir sind QueerBw!                                          Vorsitzender QueerBw

rückblick 2020
31. dezEMBER 18.OO uHR
tv & oNLINE

   Di QUEERE SENDUNG AUS MAGDEBURG
QUEERZEIT
INTERVIEW
Inklusivität und Vielfalt
bei der Landespolizei
Sachsen-Anhalt –
Ansprechperson
LSBTTI vorgestellt

Jahrelang haben sich die LSBTIQ*-Verbände,       Dienstposten, wie es ihn in Sachsen-Anhalt
allen voran der LSVD-Sachsen-Anhalt, für die     zuvor noch nie gegeben hat. Es handelt sich
Schaffung einer hauptamtlichen Stelle für        um die (hauptamtliche) Ansprechperson für
die Belange von LSBTI* bei der Polizei ein-      die Belange von Lesben, Schwulen, Bisexu-
gesetzt. Nachdem es die Forderung in den         ellen, Transgendern, Transidenten und inter-
Koalitionsvertrag der Landesregierung von        geschlechtlichen Menschen in der Polizei
2016 geschafft hatte, war lange nicht klar, ob   Sachsen-Anhalt, kurz AP LSBTTI. Queerzeit
die Schaffung einer solchen Stelle tatsäch-      interviewte dazu Polizeihauptkommissarin
lich erfolgen würde. Nun ist es vollbracht. Ab   Grit Merker.
sofort verfügt die Landespolizei über einen

14 | QUEERZEIT
LSBTIQ*-Verbänden und den Kolleg*innen. Da
   QUEERZEIT                                       ist es gut, dass das Netzwerk der nebenamtli-
   Als bisher eine von mehreren Ansprech-          chen AgLs, die es nach wie vor in den Behör-
   personen für gleichgeschlechtliche Le-          den und an der Fachhochschule Polizei (FH
   bensweisen bei der Polizei Sachsen-An-          Pol) gibt, erhalten bleibt und wir die Themen
   halt kennen wir dich bereits viele Jahre.       gemeinsam angehen können.
   Nun bist du als erste AP LSBTTI bei der
   Polizei unseres Landes tätig. Aus wel-
   chen Gründen hast du dich entschie-
   den, dich hauptamtlich mit dieser Arbeit           QUEERZEIT
   auseinandersetzen zu wollen?                       Welche Reaktionen begegnen dir von
                                                      den Kolleg*innen auf diese Arbeit?

Teilen der LSBTIQ*-Community bin ich aus
meiner vorherigen Tätigkeit als AgL´in im Ne-      Als bekannt wurde, dass ich die AP LSBTTI
benamt bekannt. Daher höre ich immer wie-          besetzen würde, hat sich mein engstes Ar-
der Klagen über das Aufeinandertreffen mit         beitsumfeld für mich gefreut. Dennoch konn-
Polizeibeamt*innen. Kürzlich hat mir eine          ten viele nicht verstehen, warum ich für eine
Trans*frau erzählt, Polizeibeamte hätten sich      solche Stelle die Leitung der Pressestelle der
während einer Kontrolle lautstark zu ihrer Iden-   Polizeiinspektion Zentrale Dienste Sachsen-An-
tität ausgetauscht, und zwar mittels „Was ist      halt aufzugeben bereit bin. An der Stelle bin ich
das denn?“. Da hat Polizei absolut Nachhol-        aber Idealistin: Ich möchte, dass sich im Bereich
bedarf. Viele Polizeibeamt*innen sind z. B.        LSBTTI etwas bewegt.
handlungsunsicher oder reflektieren nicht,
wie negativ ihr Verhalten auf LSBTI-Menschen       Die Einrichtung des Dienstpostens hat teils
wirkt. Hier muss aufgeklärt und nachgesteu-        natürlich für einige Irritation und auch Unver-
ert werden. Andererseits habe ich auch erlebt,     ständnis gesorgt. Zum einen können sich we-
dass Leute positiv überrascht sind, wenn sie       nige vorstellen, was man in diesem Themenfeld
mit ihrem Anliegen ernst genommen und un-          arbeiten kann, um ein Hauptamt auszufüllen.
terstützt werden. Das motiviert mich.              Es gibt aber auch Äußerungen, die einem sol-
                                                   chen Dienstposten die Wichtigkeit absprechen,
Generell sind mir viele Problematiken und The-     oder ihn als nicht prioritär vor anderen Aufga-
men rund um LSBTTI und Polizei bekannt.            benfeldern bewerten. Sie begründen dies oft
Daraus habe ich bestimmte Vorstellungen ent-       mit Personalmangel. Ich finde es schade, dass
wickelt, die ich umgesetzt sehen möchte. Nun       so gedacht wird. Ein offener Austausch kann
die Möglichkeit zu haben, dieses Arbeitsfeld       aber meines Erachtens dazu beitragen, das Ver-
für die Polizei Sachsen-Anhalt weiterzuent-        ständnis für die Tätigkeit und die gegenseitigen
wickeln, ist eine tolle Chance – auch für die      Bedarfe zu verbessern. Auch das sehe ich als
Institution Polizei. Ich habe einiges vor und      Teil der Aufgabe an. Und dann gibt’s natürlich
freue mich auch auf die Zusammenarbeit mit         auch jene, die sich für ausreichend tolerant hal-

                                                                              QUEERZEIT | 15
ten, um dann bei der nächsten Zigarettenpause        Gleichzeitig sollen die Kolleg*innen themenspe-
wieder Witze zu reißen.                              zifisch umfassende Handlungssicherheit erfah-
                                                     ren, sei es bei einer Identitätsfeststellung oder
Die Polizei versteht sich als Dienstleister an der   körperlichen Durchsuchung von Trans*perso-
Gesellschaft, und zwar ausnahmslos für alle ge-      nen, oder bei der Einstufung von homosexuel-
sellschaftlichen Gruppen in immer gleicher und       len-/trans*feindlichen Straftaten als „Politisch
hoher Qualität. Dazu gehört auch, entsprechen-       motivierte Kriminalität“ (PMK). Ein unsensibler
des Fachwissen in der Polizei vorzuhalten, um        Umgang mit Opfern solcher Straftaten durch
diesem Anspruch gerecht werden zu können.            Äußerungen wie „Sie müssen ja aber auch zu-
Besonders hinsichtlich des polizeilichen Um-         geben, dass Sie ziemlich auffällig gekleidet
gangs in Bezug auf die sexuelle Orientierung         sind“ ist wenig professionell. Das muss Polizei
oder geschlechtlichen Identität sehe ich mich        einfach besser machen! Trotz allem wird eine
auch als Dienstleisterin für die Kolleg*innen.       Hauptaufgabe darin bestehen, LSBTI*-Zuge-
Beides sind oft keine Themen, denen man im           hörigen bewusst zu machen, wie wichtig die
täglichen Dienst und damit routiniert begegnet.      Anzeigenerstattung ist. In die Erhöhung der
                                                     Anzeigenbereitschaft wird einiges investiert
                                                     werden müssen.

   QUEERZEIT
   Du hast schon einiges angesprochen.                  QUEERZEIT
   Welchen weiteren Aufgaben wirst du                   Warum siehst du in der Erhöhung der
   dich als AP LSBTTI widmen?                           Anzeigenbereitschaft einen so wich-
                                                        tigen Faktor und warum wird so oft
                                                        keine Anzeige erstattet?

Für die AgL existiert bereits eine Arbeitsgrund-
lage, auf die für die Entwicklung einer Aufga-
benbeschreibung zurückgegriffen wird. Das ist        Viele trauen sich nicht zur Polizei zu gehen,
reizvoll und herausfordernd zugleich, diesen         weil sie Angst haben, sich outen zu müssen,
Dienstposten frei nach den Bedarfen entwickeln       nicht ernst genommen zu werden oder wei-
zu können. Perspektivisch soll polizeiintern flä-    tere Diskriminierung durch Polizeibeamt*in-
chendeckend ein Klima bestehen, das es jede*r        nen zu erleben. Die Anzeigenbereitschaft ist
ermöglicht, einfach man selbst zu sein, ohne         aber Voraussetzung dafür, dass diese Perso-
sich verstecken zu müssen oder Mobbing zu            nen zu ihrem Recht und Strafverschärfungs-
erfahren. Homophobe Witze oder Ansagen wie           gründe zum Tragen kommen können. Letztlich
„Mit der Schwuchtel fahre ich nicht auf Streife!“    geht es um die Wahrung des Rechtsstaates
(ist mir tatsächlich berichtet worden) darf es in    und vor allem der freiheitlich demokratischen
der Polizei einfach nicht geben. Das liegt auch      Grundordnung. Präventive Ansätze spielen
im Interesse des Dienstherrn und ist aus mei-        ebenfalls eine Rolle. Dafür benötigen wir aber
ner Sicht eine Führungsaufgabe.                      eine Statistik, die die Realität möglichst gut
                                                     abbildet. Da sind wir wieder bei der Statis-

16 | QUEERZEIT
tik über Politisch motivierte Kriminalität, in      getätigt, es habe sich um eine LSBTTI-feindliche
der sich auch das Thema Hasskriminalität            Straftat gehandelt. Zwar ist in diesem Fall die
gegen LSBTTI wiederfindet. Studien zufolge          Relevanz erkannt worden, die zur Einordnung als
liegt die Dunkelziffer bei über 90 Prozent. Da      „Politisch motivierte Kriminalität“ führte, doch
müssen wir wirklich besser werden. Die Ge-          die anschließende Pressemitteilung des Poli-
samtproblematik Hasskriminalität/vorurteils-        zeireviers enthielt keinen Hinweis auf das Tat-
motivierte Kriminalität oder gruppenbezogene        motiv. Über soziale Medien ist dieser Fall in der
Menschenfeindlichkeit ist aber sehr komplex.        LSBTTI-Community bekannt und vielfach geteilt
                                                    worden. Es entstand der Eindruck struktureller
Die Ursachen für die vermutete hohe Dunkel-         Homophobie durch Unsichtbarmachung. Dies
ziffer sind vielfältig, aber auch an den vielen     führt zum Vertrauensverlust einer nach wie vor
Ebenen der Vorgangsbearbeitung zu finden.           marginalisierten gesellschaftlichen Gruppe, die
Das fängt bei der Anzeigenerstattung an,            etwas mehr als andere auf den Schutz durch die
zieht sich über das gesamte polizeiliche/           Polizei angewiesen sein dürfte.
staatsanwaltschaftliche Ermittlungsverfah-
ren bis hin zur Urteilsfindung. Letztlich geht      Dennoch möchte ich erwähnen, dass es auch
es aber um ein realitätsnahes Lagebild, um          positive Beispiele im polizeilichen Umgang mit
das Erkennen demokratiefeindlicher Akti-            LSBTI*-Personen gibt. Gerade in Ausbildungsse-
vitäten, um den Schutz gesellschaftlicher           minaren bei den jungen Polizeianwärter*innen
Minderheiten und um respektvollen Umgang            erlebe ich häufig, dass Vorurteile gegen LSBTTI
mit ihnen.                                          weniger das Problem sind als eher Unsicherhei-
                                                    ten über die richtige Vorgehensweise in diesen
                                                    nicht alltäglichen Fällen.

   QUEERZEIT
   Kannst du das Problem ein bisschen
   verdeutlichen?                                      QUEERZEIT
                                                       Das klingt nach viel Arbeit. Was hast du
                                                       dir für den Start vorgenommen?

Ich möchte mal ein Beispiel anführen, bei dem
die AgL eng mit der Community zusammenge-
arbeitet haben. Hieran ist gut erkennbar, wie Un-   Gemeinsam mit dem Netzwerk der weiterhin tä-
wissenheit von handelnden Polizeibeamt*innen        tigen AgL habe ich vor, das bisherige Arbeitsfeld
über interne Organisationsabläufe wirken kann.      zu intensivieren und auszubauen. Dazu muss
Kurz zum Sachverhalt: Ein schwules Paar war an      die Bekanntheit der AgL gesteigert werden. Per-
einer Haltestelle zunächst homophob beleidigt       spektivisch soll die LSBTIQ*-Community uns als
(„Seid ihr schwul oder was? Schämt euch!“), da-     Ansprechpersonen anerkennen und auf unser
raufhin geschlagen und beraubt worden. Bei der      Angebot zurückgreifen. Für die erste Zeit er-
Anzeigenerstattung haben beide die Aussage          warte ich aber viel konzeptionelle Arbeit und
                                                    solche im Bereich Vernetzung – vor allem mit

                                                                               QUEERZEIT | 17
Verbänden, worüber die Queer-Community gut        zu verringern und gleichzeitig die Handlungs-
zu erreichen ist.                                 sicherheit im Umgang mit Personen aus dem
                                                  LSBTTI-Umfeld zu steigern ist nicht utopisch.

                                                  QUEERZEIT
   QUEERZEIT
   Wünschst du dir etwas für die Polizei?         Hab vielen Dank für das Gespräch. Wir wün-
                                                  schen dir viel Erfolg für deine Tätigkeit als AP
                                                  LSBTTI.

Für die nahe Zukunft würde mich freuen, wenn
wir allgemein in der Polizei eine gewisse Feh-
lerkultur etablieren und sachorientierte Kritik
zulassen. Da wünsche ich mir tatsächlich mehr
Mut, Kritik als Chance zu begreifen, das eigene
Handeln zu überdenken, zu verbessern und ein-
fach noch professioneller im Beruf zu werden.
Sicher wird es immer Vorurteile geben, aber sie

                                      Ihr seid durch eine LSBTIQ*-feindliche
                                                Straftat geschädigt worden?
                                      Ihr habt schlechte Erfahrungen mit der
                                           Polizei gemacht oder Angst davor?
                                                      Ihr möchtet Unterstützung
                                                              oder habt Fragen?
                                                                        Sprecht mich an.

                                                                Grit Merker
                                                   Ansprechperson LSBTTI
                                          lsbtti@polizei.sachsen-anhalt.de
                                                         PHONE 0391 - 50 75 838
                                                     Mobile 0151 - 55 00 35 82
Dienstag
                                                                       20-22 Uhr
                                                                  Otto-von-Guericke-Str. 41
                                                                         39104 Magdeburg

                                       Life Support
                         DAS QUEERE ANTI-GEWALT- &
                       ANTI-DISKRIMINIERUNGS-PROJEKT

Projekt des LSVD Sachsen-Anhalt, gefördert vom Ministerium für Justiz und Gleichstellung des Landes Sachsen-Anhalt.
LSBTI* IN POLIZEI UND JUSTIZ

Ja natürlich gibt es uns bei der Polizei und in   genug sein. Ausgrenzungen, Diskriminierun-
der Justiz, wie in allen anderen Berufsgrup-      gen und berufliche Benachteiligungen von
pen auch. Das ist nichts Besonderes. Wir sind     LSBTI*, die leider immer noch auf der Tages-
ganz normale Polizei- und Justizbedienstete,      ordnung stehen, sind nicht länger hinnehmbar,
nicht mehr und nicht weniger. Nicht besser        auch wenn sich das gesellschaftliche Bild in
und ganz bestimmt nicht schlecht.                 den letzten Jahren zum positiven geändert hat.
                                                  Vielmehr muss es eine Selbstverständlichkeit
Dennoch haben unsere Erfahrungen gezeigt,         sein, dass uns von der Gesellschaft, deren
dass die Gruppe von LSBTI* einer besonde-         gleichberechtigter Teil wir sind, alle Menschen-
ren Problematik ausgesetzt ist, da sie noch       und Bürgerrechte zugestanden werden. Aktu-
immer nicht in das vorhandene Bild von Poli-      ell kämpfen wir u.a. gegen diskriminierende
zei und Justiz zu passen scheint. Immer noch      und stigmatisierende Einstellungsvorsetzun-
sind wir Diskriminierungen und Stigmatisierun-    gen im Bereich HIV und der Thematik Trans*.
gen ausgesetzt. Aufklärung tut immer noch         Aktuelle Fälle zeigen uns, dass wir in diesem
Not und da wollen wir mit unserem Netzwerk,       Bereich, noch viel zu tun haben.
dem Verein lesbischer und schwuler Polizei-
bediensteter in Berlin-Brandenburg, ansetzen.     Unseren Landesverband Berlin-Brandenburg
Bei unseren Kolleginnen und Kollegen und in       gibt es mittlerweile seit 25 Jahren. Polizei-
der Bevölkerung allgemein.                        bedienstete haben 1995 den Homosexuel-
                                                  len Arbeitskreis Polizei (HAPol e.V.) in Berlin
Wir wollen Akzeptanz … eine menschliche Ei-       und Brandenburg gegründet. Hieraus ent-
genschaft, die es nun einmal gibt und schon       stand dann das bundesweite Netzwerk für
immer gab. Deshalb kann Toleranz uns nicht        LSBTI* in Polizei und Justiz. Als Dachver-
                                                                  band entwickelte sich Vels-
                                                                  Pol Deutschland in dem sich
                                                                  die verschiedenen Landesver-
                                                                  bände angegliedert haben, so
                                                                  auch unser Landesverband. In
                                                                  unserem Landesverband sind
                                                                  Kolleginnen und Kollegen der
                                                                  Landespolizeien Berlins, Bran-
                                                                  denburgs und der Bundespo-
                                                                  lizei und seit 2013 auch der
                                                                  Justiz und des Strafvollzugs
                                                                  organisiert.

20 | QUEERZEIT
Hier nun ein kleiner Überblick unserer umfang-   • das Vorleben von Toleranz und Akzeptanz
reichen Arbeitsfelder und Schwerpunkte, die        im Innen- und Außenverhältnis
wir alle ehrenamtlich bewältigen.                • •vertrauensbildende Maßnahmen in der Zu-
                                                   sammenarbeit mit weiteren Institutionen
Wir bekämpfen Vorurteile innerhalb und au-
ßerhalb der Polizei und Justiz durch             Wir
• Ausbildungs- und Fortbildungsveranstal-        • organisieren regionale Treffen und Frei-
  tungen oder als Referenten                       zeitaktivitäten
• Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen      • nehmen an den jährlichen VelsPol-Bundes-
  mit Infoständen                                  seminaren teil
• Beratung von Behörden                          • arbeiten mit den Gewerkschaften zusammen
• Mitwirkung bei Untersuchungen und wis-         • organisieren Gedenkveranstaltungen
  senschaftlichen Erhebungen                     • informieren bei öffentlichen Veranstaltun-
• Netzwerkarbeit                                   gen in Berlin und Brandenburg
                                                 • vernetzen uns auf europäischer Ebene mit der
Wir unterstützen LSBTI* in Polizei und Jus-        European LGBT Police Association (EGPA)
tiz u.a. durch
• Gespräche und Erfahrungsaustausch              Dies ist nur ein kleiner Überblick über unser
• Intervention bei Behörden                      Schwerpunkte und Aufgabenfelder. Wer un-
• interne Öffentlichkeitsarbeit                  sere Arbeit unterstützen oder auch Mitglied in
• Informationen bei Benachteiligungen, Dis-      unserem Netzwerk werden möchte kann sich
    kriminierungen und Stigmatisierungen         direkt an unseren Landesverband wenden.
• Zusammenarbeit mit den Ansprechperso-
    nen für LSBTI* in der Polizei                Hier unsere Kontaktdaten
                                                 VelsPol Berlin-Brandenburg e.V.
Wir unterstützen Opfer von homo- und trans-      Netzwerk für LSBTI* in Polizei und Justiz
phober Gewalt u.a. durch                         Postfach 311543
• Informationen über Anzeigenerstattung          10645 Berlin
  und Verfahrensablauf                           info@velspol-bb.de
• Informationen über Möglichkeiten der Op-       www.velspol-bb.de
  ferentschädigung
• Vermittlung an die Ansprechpersonen in
  der Polizei und der Staatsanwaltschaft                                     Marco Klingberg
• Zusammenarbeit mit Opferhilfeeinrichtungen                           Polizeioberkommissar
                                                 Vorsitzender VelsPol Berlin-Brandenburg e.V.
Wir fördern das Ansehen der Polizei und der
Justiz in der Öffentlichkeit u.a. durch
• öffentliches Auftreten und Einstehen für
  unsere Lebensweise

                                                                           QUEERZEIT | 21
es war                                              jährige Freundin zu heiraten, die lesbisch war.
                                                    Das hätte ihm die Möglichkeit geboten, seine

EINMAL
                                                    sexuelle Orientierung vor seiner Familie und
                                                    der Gesellschaft zu verstecken. Er verwarf den
                                                    Gedanken und ging eine neue Beziehung mit
                                                    Craig Rodwell ein, der Mitglied der Mattachine

TEIL 4                                              Society, einer Schwulenorganisation war. Als
                                                    Rodwell Gewalt gegen die Polizei befürwortete,
                                                    beendete Milk auch diese Beziehung wieder.

                                                    Milk war 33 Jahre alt, als er sich in John McKin-
                                                    ley verliebte. Gleichzeitig fand er eine neue An-
HARVEY MILK                                         stellung als Analytiker bei einer Investmentfirma.
                                                    Die Beziehung war durch McKinleys manisch-de-
Harvey Bernard Milk kam am 22. Mai 1930 in          pressive Erkrankung geprägt und dauerte nicht
Woodmere im Nassau County in New York zur           lange. Als auch diese Beziehung beendet war,
Welt. Er war Politiker der demokratischen Par-      nahm Milk zum ersten Mal das Ziel ins Visier,
tei und Bürgerrechtler der Schwulen- und Les-       Bürgermeister von San Francisco zu werden.
benbewegung. Er gilt als erster offen schwuler
Politiker der USA.                                  Bevor wir auf die politische Karriere von Milk
                                                    eingehen, machen wir einen kurzen Exkurs zur
Seine Eltern waren aus Litauen eingewanderte        Lebenssituation der Homosexuellen in den
fromme Juden. Ihnen gegenüber verschwieg            USA in den 60er und 70er Jahren. Dabei ist es
er seine Homosexualität, die er schon in jun-       wichtig zu wissen, dass in den USA homose-
gen Jahren auslebte.                                xuelle Handlungen bis in die späten 70er unter
                                                    Strafe standen. Selbst der orale Verkehr zwi-
Nach seinem Highschool Abschluss studierte          schen gleichgeschlechtlichen Partnern wurde
Milk am staatlichen College in Albany das Leh-      als Sexualstraftat behandelt.
reramt mit dem Hauptfach Mathematik und
dem Nebenfach Geschichte. Nebenbei schrieb          In Gay Bars fanden häufig Polizeirazzien statt,
er für die Collegezeitung. Nach dem Studium         bei denen Gäste verhaftet und ihre Personalien
diente er den US-Marines als Taucher. Danach        registriert wurden. Weiter führten homosexu-
arbeitete er an einer Highschool als Lehrer. Dort   elle Handlungen regelmäßig zu fristlosen Kün-
lernte er auch seinen langjährigen Partner Joe      digungen von Wohnungen. Aus diesem Grund
Campbell kennen. Nachdem ihn die Arbeit als         zogen sich viele Homosexuelle nachts in die
Lehrer zu langweilen anfing, nahm er eine Stelle    Parks zurück, um dort Sex zu haben.
als Versicherungsstatistiker an.
Nach sieben Jahren trennte er sich von              Durch diese Diskriminierung begannen sich
Campbell und dachte darüber nach, eine lang-        die Schwulen zu organisieren. Organisatio-

22 | QUEERZEIT
© KOKUYO / CC BY-SA 4.0 / wikimedia.org

                               nen wie die Society for Individual Rights (kurz   breiten Bevölkerung warben.
                               SIR) oder der Alice B. Toklas Memorial De-        Zurück zu Milk. Ungefähr im Jahr 1970 lernte er
                               mocratic Club (kurz Alice) wurden gegrün-         seinen neuen Lebenspartner Joseph Scott Smith
                               det. Währenddessen nahmen immer mehr              an der U-Bahn-Station Christopher Street kennen.
                               Kongressabgeordnete Homosexuelle als po-          Zur gleichen Zeit verlor er seine Stelle bei einer
                               tentielle Wähler*innen wahr. Und führende Ak-     Bank und nachdem er einige Zeit von Arbeits-
                               tivisten drängten an die Öffentlichkeit und in    losenunterstützung gelebt hatte, eröffnete er
                               die Politik, wo sie um die Unterstützung der      ein Fotogeschäft.

                                                                                                            QUEERZEIT | 23
Milk begann sich immer mehr für Politik zu            Milk gelang es außerdem stets, sich geschickt
interessieren. Er befand eine Kandidatur als          in den Medien zu positionieren.
Politiker für das beste Mittel, um die Schwulen-
bewegung einen Schritt weiter zu bringen. Er          Doch trotz all der Anstrengungen sicherte sich
bat den Alice B. Toklas Memorial Democratic           Milk auch im zweiten Anlauf keinen Sitz im
Club um Unterstützung bei der Kandidatur.             Stadtrat. Er erreichte Platz sieben bei sechs
Dieser lehnte aber ab, weil Milk bisher keine         zu vergebenden Sitzen.
Verdienste in der Tagespolitik erworben hatte.        1976 entschied sich Milk dafür, für das ka-
Unterstützung fand Milk aber in der schwulen          lifornische Unterhaus zu kandidieren. Dafür
Community seines Stadtbezirkes. Außerdem              gab er seinen Platz als Mitglied im Berufungs-
brachte Milk auch andere Interessengruppen hin-       ausschuss für Lizenzen auf. Seine Entschei-
ter sich. Etwa indem er sich für die Bierfahrer der   dungen hatte aber auch noch einen anderen
Stadt einsetzte, die zu dieser Zeit gerade streik-    Grund, den er nur seinem Lebenspartner Scott
ten. Er sorgte dafür, dass Barbesitzer das Bier der   Smith mitteilte: Er fürchtete, gesundheitlich
bestreikten Brauereien boykottierten. Gleichzeitig    nicht mehr bis zu den nächsten Stadtratswah-
schloss er mit den Vertretern der Transportge-        len durchzuhalten.
werkschaften einen Deal ab, in dem festgehalten
war, dass mehr Schwule einen Job als Bierfahrer       Sein Gegner bei den Wahlen war Art Agnos ein
erhielten. Seine Anstrengungen waren allerdings       demokratischer Politiker. Hinter vorgehalte-
umsonst. Er landete bei den Stadtratswahlen auf       ner Hand war bekannt, dass sich die Politiker
Platz 10 von 32 und erhielt keinen Sitz. Durch die    längst auf Agnos geeinigt hatten. Aber Milk
Niederlage erkannte er, dass er auch konservative     akzeptierte diese Bevorzugung nicht.
Wähler hinter sich bringen musste. Bald schnitt
er sich die Haare kurz, hörte auf Marihuana zu        Milk verlor auch diese Wahl. Agnos Unter-
rauchen und versprach, nie mehr in eine Schwu-        stützung unter den Afroamerikanern und La-
lensauna zu gehen.                                    tinos war zu stark. Während den Wahlen erhielt
                                                      Milk mehrere Morddrohungen, die schließlich
In den folgenden Jahren organisierte er meh-          wohl auch dazu führten, dass er und sein Le-
rer Straßenfeste wie die Castro Street Fair. Au-      benspartner Smith sich trennten.
ßerdem erweiterte er sein Motto von »Schwule
wählen schwul« zu »Schwule kaufen schwul«             Wenig später errang Milk doch noch einen Sitz
und sicherte sich dadurch die Stimmen der             im Stadtrat. Unter anderem deswegen, weil das
Einzelhändler.                                        Wahlrecht geändert hatte. Die Kandidaten tra-
                                                      ten nun nicht mehr für die einzelnen Bezirke an,
Zu den Unterstützern seiner zweiten Kandi-            sondern für das gesamte Stadtgebiet.
datur zählten verschiedene Gewerkschaften             1978 starb Harvey Milk eines gewaltsamen To-
wie die Hoch- und Tiefbaufacharbeitergewerk-          des. Er und der damalige Bürgermeister von San
schaften, dazu kamen die Ortsgruppe der Bier-         Francisco Georg Mascone wurden vom ehemali-
fahrer und die Gewerkschaft der Feuerwehr.            gen Stadtrat Dan White im Rathaus erschossen.

24 | QUEERZEIT
White war zuerst frustriert aus der Politik zu-               Dan White verbrachte nur fünf Jahre in Haft.
rückgetreten. Dann änderte er seine Meinung                   Im Alter von 39 Jahren beging er Selbstmord.
und wollte seinen Sitz im Stadtrat zurück. Bür-               Harvey Milk wurde im San Francisco Colum-
germeister Mascone verweigerte die Bitte, was                 barium beigesetzt. Neben zahlreichen anderen
nach geltendem Recht richtig war. White ge-                   Ehrungen zeichnete ihn Barack Obama 2009
riet in Rage und erschoss nicht nur Moscone,                  mit der Medal of Freedom aus.
sondern auch Milk.
                                                                                                          Lewin Dietrich
White wurde zu sieben Jahren Gefängnis we-
gen Totschlags verurteilt. Dieses milde Urteil
führte zu heftigen Protesten der Gay-Com-
munity. Es kam zu Zusammenstößen mit der
Polizei, die darin gipfelten, dass die Polizei
das vorwiegend von Schwulen und Lesben
bewohnte Castro Viertel stürmte und Einrich-
tungsgegenstände zahlreicher Schwulenbars
zerstörte.

                          der queere Jugendtreff in Magdeburg

                                Montags 17-21 Uhr
                                Otto-von-Guericke-Str. 41, Magdeburg

            Projekt des LSVD Sachsen-Anhalt, gefördert vom Ministerium für Justiz und Gleichstellung des Landes Sachsen-Anhalt.
© leremy / stock.adobe.com
BESCHWERT EUCH
DOCH ENDLICH MAL!

Was ist jetzt mit Deutschland und seinen               WAS IST DA NUN WIEDER
LSBTI*? Wie ernst sind wir dem Staat? – fra-           DAS PROBLEM, LIEBE POLIZEI?
gen wir uns spätestens nach dem homophoben             Seit der Entkriminalisierung durch Streichung
Hassdelikt in Dresden. Bereits Anfang Oktober          des § 175 StGB hatten wir doch das Gefühl,
war ein schwules Paar von einem Attentäter             alles wird nun gut für uns Schwule, Lesben,
niedergestochen worden. Thomas L. verstarb             Bi*, Trans*, Inter*, Queers*. Rechtlich ging es
im Krankenhaus an den Folgen der Tat, sein             ja auch gut voran, wenn auch erst ziemlich
Mann überlebt schwer verletzt.                         schleppend. Gut, wir mussten uns den Fort-
                                                       schritt oft gerichtlich erstreiten, immer wie-
Zwei Wochen später wird aus Ermittler*innen-           der politische Verbündete suchen und sie in
kreisen inoffiziell bekannt, der Täter soll Jagd auf   die Pflicht nehmen. Es war nicht so, dass uns
Homosexuelle gemacht haben. Aber nach außen            die Eheöffnung, die Entschädigung der nach
kommuniziert die Behörde das Tatmotiv nicht.           § 175 StGB Verurteilten, die Änderung des
                                                       Personenstandsrechts oder die Ergänzung
Aufschrei. Kritik am Agieren der Polizeibe-            der Landesverfassung um das Merkmal „se-
hörde. Zurecht.                                        xuelle Identität“ hinterhergeworfen wurden.
                                                       Lange war nicht klar, ob diese Entscheidun-
                                                       gen jemals fallen würden.

26 | QUEERZEIT
Und doch haben wir mittlerweile einen rechtli-    Gesicht zeigen.“ und weiter „Wie wollen wir
chen Stand an Gleichstellung vorzuweisen, der     eine demokratische Gesellschaft gegenüber
historisch seines Gleichen sucht (wenn man        den zerstörerischen Angriffen rechter Einpeit-
mal vom Abstammungsrecht absieht). Viele          scher verteidigen, wenn in den Reihen des Mi-
Firmen unterstützen seit Jahren die Christo-      nisteriums deren Argumente geteilt werden?“
pher Street Day-Events und geben Diversity        Da bleibt einem doch glatt die Spucke weg.
zur Unternehmensagenda aus. Es gibt sogar         Offenbar wird die Umsetzung der Gleichstel-
ein Aktionsprogramm LSBTTI der Landesre-          lungspolitik massiv gestört, wenn Frau Blum-
gierung, in dem Maßnahmen zur Akzeptanzer-        tritt sogar vorschlägt, man möge Expert*innen
höhung für die zuständigen Ministerien und        hinzuziehen, um „zu verhindern, dass die Ge-
deren nachgeordnete Verwaltung vorgegeben         ringschätzung der Gleichstellungspolitik und
sind. Auch solche, die die Polizei in die Lage    der Arbeit der Leitstelle ihr Zerstörungswerk
versetzen sollen, einen besseren Umgang mit       fortsetzen kann.“ Was für ein unglaublicher
Gewalt gegen LSBTTI an den Tag zu legen.          Angriff auf – letztlich auch uns betreffende –
Wir können uns also nicht beschweren, oder?       Gleichstellungsarbeit. Da stellt sich die Frage,
Oder doch? Denn regelmäßig drängt sich der        mit welcher Motivation die Maßnahmen des
Verdacht auf, die vielen guten Entscheidun-       Aktionsprogramms in den einzelnen Verwal-
gen, die auf politischer Ebene durchgefochten     tungsgliederungen angegangen, mit welchem
wurden, kommen im Verwaltungsapparat nicht        Qualitätsstand sie abgeschlossen wurden und
vollständig an. Als wenn auf jeder Hierarchiee-   wie und ob es überhaupt eine Fortführung in
bene etwas verloren geht und der kleinste Ver-    der nächsten Legislaturperiode geben wird.
waltungsbeamte am Ende der Kette so wenig         Das Innenministerium hat derweil andere
Information erhält, dass schon das Wissen         Sorgen. Antisemitismus in der Landesbereit-
um die Existenz von Schwulen und Lesben           schaftspolizei führte zur sofortigen Einset-
als Leistung zu bewerten ist. Bewusste Steu-      zung eines Extremismusbeauftragten, einer
erung oder gar Verhinderungstaktik?               Sonderkommission und nach anfänglicher
Ich will es nicht glauben.                        Weigerung dann doch zu dem Anschluss an
                                                  eine Studie zu institutionellem Antisemitis-
Manchmal sickern auch unmöglichste Infor-         mus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit
mationen durch, wie letztens aus dem Mi-          in der Polizei. Es gibt jetzt auch Schulungen
nisterium für Justiz und Gleichstellung. So       zur Stärkung der interkulturellen Kompetenz
stellte die scheidende Landesbeauftragte          , wie jüngst in der Pressemitteilung des Mi-
für Frauen und Gleichstellung, Andrea Blum-       nisteriums zu lesen war. Alles absolut richtig,
tritt in ihrer Abschiedsmail fest: „Leider muss   und immerhin ein Eingeständnis, dass es wohl
ich nun kurz vor dem Ende meiner Arbeitszeit      doch keine Einzelfälle sind. Homo- und Trans*-
mit großer Bestürzung zur Kenntnis nehmen,        phobie wird allerdings nach wie vor nicht als
dass der Hass und die Verachtung für gleich-      drängendes Problem (mit-)betrachtet. Dabei
stellungspolitisches Arbeiten auch in diesem      haben wir es doch mit demselben Phänomen
Haus angekommen sind und ihr widerliches          zu tun. Es heißt schlicht Menschenverachtung.

                                                                            QUEERZEIT | 27
Sie können auch lesen