Sind Sie vorbereitet? - IDEEN - Henning Zoz

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Sind Sie vorbereitet? - IDEEN - Henning Zoz
IDEEN
             WAS UNTERNEHMER ANTREIBT
          Porträts l Reportagen l Geschäftsmodelle

     Sind Sie vorbereitet?
     STRATEGIE Sie könnten einfach so weitermachen
     wie bisher. Oder sich, zum Jahreswechsel, ein
     paar grundlegende Fragen stellen – so wie die
     Unternehmer, die impulse getroffen hat: Was
     tun Sie, um gesellschaftliche Trends und neue
     Technologien nicht zu verpassen?
     Text: Anja Rützel Illustrationen: Lisa Borges

     18    impulse   Januar 2014

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Sind Sie vorbereitet? - IDEEN - Henning Zoz
Unternehmer mit Visionen
      Jochen Schöllig (Codeatelier),
     Hans Georg Näder (Ottobock),
           Gary Swart (Odesk) und
          Henning Zoz (Zoz Group),
     von oben links im Uhrzeigersinn

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Sind Sie vorbereitet? - IDEEN - Henning Zoz
Titel Zukunft

                                   N                                                     1
                                               och sieht die Zukunft etwas bröcke-
                                               lig aus, rau und ein bisschen rampo-
                                                                                           . SCHAFFEN
                                               niert: ein verlassenes Brauereige-
                                               bäude am Prenzlauer Berg in Berlin.       SIE EIN KREATIVES
                                   Aus einer Currywurstbude am Rand des Gelän-           UMFELD!
                                   des zieht scharfer Dampf, drei Schritte auf den       Und halten Sie die Neugier Ihrer
                                   Hof, ein Wachmann wieselt herbei. Ob er wis-          Mitarbeiter wach!
                                   se, wo es hier zum Innovation Lab gehe? „Inno-
                                   vation – watt?“, fragt er. Einiges ist noch zu tun.
                                   Hier, auf dem alten Bötzow-Gelände, wo bis            Wer in Zukunft wettbewerbsfähig sein will,
                                   Ende der 1940er-Jahre Bier gebraut wurde,             darf seinen Innovationsmut nicht nur auf die
                                   will Hans Georg Näder in den nächsten Jahren          Produktentwicklung beschränken – auch die
                                   die Medizintechnik neu erfinden – und das             Markenphilosophie, die Positionierung des
                                   Bild, das Menschen vom Altwerden und Krank-           Sortiments muss sich an den veränderten Zeit-
                                   sein haben.                                           geist anpassen. Gerade das Feld der Medizin,
                                      „Zukunftsfabrik“ nennt der Chef des Prothe-        glaubt Zukunftsforscher Eike Wenzel, wird im
               Im Gesund-
                                   senbauers Ottobock sein Projekt, ein Spielplatz       nächsten Jahrzehnt durch den demografischen
          heitssektor liegt        für Visionen soll die alte Brauerei werden. Ihr       Wandel komplett durcheinandergewirbelt –
          in den nächsten          Herzstück: besagtes Innovation Lab, in dem            weil es immer mehr und immer aktivere alte
             30 Jahren das         250 Mitarbeiter ab 2016 neue Produkte entwi-          Menschen gibt, deren Versorgung neu organi-
          größte Innovati-         ckeln – anknüpfend an bisherige Entwicklun-           siert und effizienter werden muss. „Im Gesund-
              onspotenzial         gen wie die gedankengestützte Armprothese,            heitssektor liegt in den nächsten 30 Jahren das
                                   das Prestigeprojekt des Weltmarktführers aus          größte Innovationspotenzial“, sagt Wenzel.
           Eike Wenzel Zukunfts-
                                   dem niedersächsischen Duderstadt.                     Noch klingen die Innovationen, die er für die
                        forscher
                                      Auch Startups will Näder in sein Lab holen,        nächsten Jahre voraussagt, futuristisch: 3-D-
                                   schließlich sitzen auch die Samwer-Brüder mit         Drucker, die auf Knopfdruck Medikamente
                                   ihrem Inkubator Rocket Internet in der Nach-          ausspucken und ganze Organe aus Gewebe­
                                   barschaft. Die Gegend ist „heiß“, findet Näder.       material ausdrucken, Medizin-Apps für das
                                   Auf dem restlichen Gelände plant er ein Luxus-        Smartphone, mit denen Patienten zu Hause
                                   hotel mit Reha-Abteilung, eine Rollstuhlwerk-         ihren Hautausschlag oder ihre Bakterieninfek-
                                   statt, ein Mitarbeiterschwimmbad, Kunsträu-           tion selbst diagnostizieren können, und Hilfs-
                                   me, Konzertsäle und einen großen Biergarten,          roboter, die Blut treffsicherer abnehmen kön-
                                   wie es ihn zu aktiven Brauereizeiten gab. Ein         nen als die begabteste Krankenschwester.
                                   ausgestopfter Bär ist schon da, ein Waschbär             Neben diesen Innovationen wird sich jedoch
                                   und eine Eule: Dekoration in einer schicken           vor allem die Einstellung der Menschen än-
                                   Bar, die in eines der Gebäude eingezogen ist.         dern: Der Anteil der Senioren in der Gesell-
                                      Der Ottobock-Chef weiß genau, in welche            schaft wird so groß sein, dass Alter und Krank-
                                   Richtung er will – so wie auch die anderen Un-        heit nicht mehr stigmatisiert und verdrängt
                                   ternehmer, die impulse für diese Titelgeschich-       werden können, sondern sichtbarer, selbstver-
                                   te getroffen hat. Egal ob es sich um Kleinunter-      ständlicher werden. Hans Georg Näder will sei-
                                   nehmen oder um Firmen mit Tausenden Mit­              ne Prothesen deshalb in ein Lifestyle-Umfeld
                                   arbeitern handelt, ob um Dienstleister oder           rücken. Sie sollen modern sein – und cool.
                                   Produzenten – was sie verbindet, ist eine Ana-           Wenn Näder erzählt, wie er sein Unterneh-
                                   lyse dessen, was auf sie in den nächsten Jahren       men für diese veränderten Wahrnehmungen
                                   zukommt. Und eine klare Vorstellung, wie sie          und verschobenen Marktanforderungen fit
                                   schon jetzt darauf reagieren können.                  macht, lässt er Bilder prasseln: In der Zukunft,
                                      Während viele Unternehmer weitermachen             glaubt er, wird es nicht mehr genügen, einfach
                                   wie bisher und Gefahr laufen, irgendwann              nur Unternehmer zu sein – er sieht sich auch
                                   nicht mehr zeitgemäß zu sein, fällen sie kon-         als Dirigent, weil er seine Mitarbeiter als große
                                   krete Entscheidungen – im Hinblick auf die Zu-        Band begreift, die immer wieder Gastmusiker
                                   kunft. Sie eint eine gemeinsame Überzeugung:          einlädt, um Innovationen anzustoßen: Wenn
                                   Wer sich jetzt auf die kommenden Jahre vorbe-         sich die Truppe zu gut kennt, zu routiniert auf-
                                   reitet, auf technologische Entwicklungen und          einander eingespielt ist, leidet die Kreativität,
                                   gesellschaftliche Trends, sichert sich einen          glaubt er. Darum holt er sich fachfremde Ko-
                                   wichtigen Vorteil gegenüber Wettbewerbern.            operations- und Sparringspartner, zuletzt den

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Schweizer Möbelhersteller Vitra, um sich über     mengelegt, ein CSHRO – Chief Strategy Hu-         Neue Räume Ottobock-Chef
     Bau- und Klebestoffe auszutauschen, oder den      man Resources Officer – verantwortet nun          Hans Georg Näder träumt
     Chef des hippen Pariser Hotels Costes, der ihn    nicht mehr nur die taktische Ausrichtung, son-    davon, in einer alten Brauerei
                                                                                                         Kunst und Business zusam-
     bei der Gestaltung der Reha-Abteilung auf dem     dern sucht auch gleich die idealen Menschen       menzuführen und damit
     Bötzow-Gelände berät. Solche Kontakte könne       dafür. Die wichtigsten Eigenschaften seiner       seinen Produkten, Prothesen,
     man nicht planen, sagt Näder, sie ergäben sich,   Mitarbeiter? „Neugier und Spielfreude.“ Mit       ein neues Image zu verpassen
     wenn man ein reizvolles Umfeld mit Freiräu-       dem richtigen Team, glaubt Näder, ist ein Mit-
     men schaffe: „Dann kommen sie angeschwirrt,       telständler innovationsfähiger, als es ein Mam-
     wie Kolibris an eine aufgehende Blüte.“           mutunternehmen je sein kann: „Weil ich nicht
       Auch den Fußballtrainervergleich mag Nä-        gezwungen bin, in Analystenzyklen oder Quar-
     der, weil er wie ein Bundesliga-Coach gern        talsberichten zu denken. Wie sollte ein Analyst
     unkonventionelle Mannschaftsaufstellungen         auch verstehen, wenn man ihm sagt: Wir berei-
     ausprobiert: Gerade hat er seine Strategieent-    ten uns mit diesem Projekt auf die Zeit nach
     wicklung mit der Personalabteilung zusam-         2020 vor?“

                                                                                                              Januar 2014   impulse    21

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Titel Zukunft

                                   2IHRE
                                      . BRINGEN SIE
                                         IDEEN
                                                                                   die Röhre prüfend in seinen Händen – er hatte
                                                                                   wohl seine Lesebrille vergessen – und fragte:
                                                                                   „Is this a bomb?“ Die Medien stürzten sich dar­
                                                                                   auf – eine bessere Werbung hätte sich Zoz nicht
                                   AUF DIE STRASSE!                                wünschen können.
                                                                                      Eigentlich ist Zoz Nanotechnologe, stellt mit
                                   Wählen Sie notfalls einen Umweg,
                                   um ans Ziel zu kommen                           den rund 50 Mitarbeitern seiner Zoz Group An­
                                                                                   lagen für die mechanische Verfahrenstechnik
                                                                                   her, Hochleistungsmühlen oder Werkstoffe für
                                   Über die Sache mit der Bombe freut sich Hen­    Lithiumbatterien. „Alles gut, schön und span­
                                   ning Zoz heute noch. Vor ein paar Jahren, er­   nend“, sagt er. Am Ziel fühle er sich aber nicht.
                                   zählt der Unternehmer aus dem sauerländi­       Glücklichsein sei das Gegenteil von Zufrieden­
                                   schen Wenden, trat bei einer Messe plötzlich    heit, lautet sein Lieblingsmotto. „Wer satt und
                                   der russische Verteidigungsminister an den      zufrieden ist, ist träge und quasi bereits am En­
     In die Zukunft Nanotechno-
     loge Henning Zoz entwickelt
                                   Stand, an dem Zoz seine Erfindung präsentier­   de.“ Und verpasst womöglich die Zukunft. Mit
     neben seinem Kerngeschäft     te: kleine Wasserstofftanks, mit denen Roller   seinem Kerngeschäft im Rücken streunert Zoz
     Wasserstofftanks für neue     betrieben werden können. Beobachtet von         darum mit Gedankenspielen und Projekten in
     Antriebstechniken             einer Reportermeute, drehte Sergej Iwanow       anderen Feldern, beispielsweise entwickelte er
                                                                                   einen Superbeton, der das Baugeschäft revolu­
                                                                                   tionieren soll, da weniger CO2 anfalle und das
                                                                                   Ergebnis langlebiger und stabiler sei.
                                                                                      Manche Ideen drehen lange Warteschleifen
                                                                                   in seinem Kopf, bis sie umgesetzt werden. Die
                                                                                   Sache mit den Wasserstofftanks zum Beispiel,
                                                                                   über die Zoz seit 15 Jahren nachdenkt. „Da­
                                                                                   mals baute Opel vom Modell Zafira einige
                                                                                   Fahrzeuge mit Brennstoffzellenantrieb, aus­
                                                                                   gestattet mit verschiedenen Wasserstoff-Tank­
                                                                                   systemen, darunter auch eine Variante mit
                                                                                   Feststofftank.“ Das Max-Planck-Institut für
                                                                                   Kohlenforschung entwickelte den passenden
                                                                                   Speicherwerkstoff, Zoz produzierte das Pulver
                                                                                   im Tankmaßstab. Als Opel das Projekt wieder
                                                                                   stoppte, versuchte er zehn Jahre lang, den
                                                                                   Wasserstoffspeicher selbst zu verkaufen – ver­
                                                                                   geblich. Ohne Tank fand er keinen Interessen­
                                                                                   ten für sein Pulver. Das könne man schließlich
                                                                                   „nicht in einer Plastiktüte verkaufen“. Und so
                                                                                   baute er jene Pseudobombe selbst. 23 Tanks
                                                                                   zusammengenommen, die sich wie Trinkfla­
                                                                                   schen an Automaten umtauschen lassen, sollen
                                                                                   ein Auto antreiben, so seine Vision. „Sie gehen
                                                                                   in den Supermarkt, leere Kartusche rein, Euro
                                                                                   rein, volle Flasche raus. Mit einem Klick rasten
                                                                                   die Tanks ganz unkompliziert in den Fahrzeu­
                                                                                   gen ein.“ Diesen Effekt will er auch in die Köpfe
                                                                                   seiner Kunden einpflanzen. „Klick“ soll es auch
                                                                                   bei ihnen machen, ganz buchstäblich.
                                                                                      Diese Roller würden gut in ein Mobilitäts­
                                                                                   konzept für die Stadt der Zukunft passen.
                                                                                   „Multimodular“ nennt Florian Peter, Deutsch­
                                                                                   landchef der Innovationsberatung Mandalah,
                                                                                   diese Fortbewegungsart, bei der kurze Stre­
                                                                                   cken nicht mit dem Auto, sondern mit schad­
                                                                                   stoffärmeren Fahrzeugen zurückgelegt

22                                                                                                                                 11.12.2013 11:48:05
Sind Sie vorbereitet? - IDEEN - Henning Zoz
Ein Stadion stiehlt
     allen die Show.
     Weil die Fans eine weitere Zugabe fordern,
     bleibt es an den Ausgängen ruhig.

     Die Türen registrieren die Verzögerung
     und informieren alle Stadionzüge, ein paar
     Minuten länger zu warten.

     Innen freuen sich die größten Fans auf
     einen Zugang zum Backstage-Bereich,
     den das Stadion durch Aktivierung ihrer
                                                                                             CISCO INTELLIGENT
     Armbänder freigibt.                                                                     NETWORK
                                                                                             Dynamische Planung

     Und die Band schickt allen, die bis zum
     Finale bleiben, noch einen Bonus-Song
     direkt auf’s Handy.

     Cisco, unsere Partner und das Internet of Everything machen
     das Showgeschäft zu einem guten Geschäft. Wie das geht,
     sehen Sie auf cisco.de/konzert

                                                                                         CISCO STADIUMVISION® MOBILE
                                                                     CISCO CONNECTED     Neue Geschäftspotentiale nutzen
                                                                         STADIUM WI-FI
                                                                Vernetztes Fanerlebnis

     ©2013 Cisco und/oder Partnerunternehmen. Alle Rechte vorbehalten.

23                                                                                                          11.12.2013 11:48:08
Titel Zukunft

                                                                                        werden. Das Problem: Die Masse ist skeptisch.
                                                                                        Und die beste Innovation nützt nichts, wenn
                                                                                        sich das Produkt nicht in das Leben möglicher
                                                                                        Käufer einpassen lässt. „Idealerweise nehmen
                                                                                        sie diese neue Idee fast unbewusst und wie
                                                                                        selbstverständlich an“, sagt Peter.
                                                                                           Um seine Idee trotzdem auf die Straße zu be-
     Kennen Sie Trends der Zukunft?                                                     kommen, wählt Zoz einen Umweg, auch wenn
                                                                                        er damit wohl kein Geld verdienen wird: Er hat
     Lieferdrohnen, gedruckte Pizzen und künstliche Skeletts: Was
                                                                                        in Siegen einen kleinen Laden für Elektrofahr-
     heute schon möglich ist – und Forscher für die Zukunft erwarten
                                                                                        zeuge eingerichtet, die er günstig aus China
                                                                                        importiert. Zusammen mit der Stadt will er ei-
     Internet als Kammerdiener Ein             von Rohmaterial schon drucken. Bald      ne Mobilitätsmeile schaffen, mit Ladestationen
     wichtiger Trend: Das Internet lernt       werden Produkte darum noch ge-           und eigenen Parkplätzen für Elektroautos.
     Benutzer immer besser kennen und          nauer auf das Leben ihres Käufers        Obendrein hat er eine kleine E-Flotte aufge-
     behelligt sie nur noch mit passge-        zugeschnitten, glaubt Florian Peter      baut, die er ausgewählten Menschen zur Verfü-
     nauen Angeboten, die sich wie ein         – und sich anpassen, wenn sich die       gung stellen will – etwa dem Pfarrer oder Bür-
     Mosaiksteinchen in ihren Alltag ein-      Bedürfnisse ändern. „Für Sportarti-      germeister. Auch arbeitet er an der Zulassung,
     fügen. Kleine Lieferdienst-Drohnen,       kelhersteller wäre es beispielsweise     seine Autos mit einer Brennzelle und seinen
     die das Essen punktgenau vor der          denkbar, nicht einfach ein Paar Lauf-    Wasserstofftanks aufrüsten zu lassen, die dann
     Haustür absetzen, wenn man bei            schuhe, sondern ein Abenteuer-Abo        die Batterie beständig wieder aufladen und
     der Heimkehr abends gerade den            zu verkaufen: Der Kunde erwirbt          den Aktionsradius vergrößern könnten. Seine
     Schlüssel ins Türschloss steckt, nach-    zuerst vielleicht ein Paar Flossen für
                                                                                        Flotte funktioniert wie eine Schar trojanischer
     dem der Lieferdienst zuvor Termin-        einen Tauchurlaub. Wenn er sie da-
                                                                                        Pferde, die die Menschen an die Idee eines neu-
     kalender und Menüvorlieben ge-            nach nicht mehr braucht, werden sie
                                                                                        en Antriebs gewöhnen sollen – und als Übungs-
     checkt hat? In den nächsten Jahren        im Laden vor Ort geschreddert und
                                                                                        objekt für Zoz. „Wir bereiten den Markt vor
     sei das durchaus denkbar, glaubt          zur Sohle der Wanderschuhe re­
     Florian Peter von der Innovations­        cylelt, die sich der Kunde für seine     und schaffen Infrastruktur. Wenn wir 5000
     beratung Mandalah. Das Netz werde         nächste Reise anschaffen will.“          dieser Fahrzeuge verkauft haben, traue ich
                                                                                        ­
     uns das Leben wie eine gute Con­                                                   mich auch, ein Wasserstofffahrzeug in Serie zu
                                               Meine kleine Arztpraxis Die größ-        bauen.“
     cierge erleichtern. „In Kombination
                                               ten Veränderungen sehen Forscher

                                                                                        3VERBÜNDETE!
     mit intelligenter Kleidung, die über
                                               in der Medizin: Weil die Menschen
     Sensoren permanent Daten sammelt
                                               immer älter werden, muss ihre Be-
     und auswertet, wird der digitale As-
     sistent besser über unseren Gesund-
                                               treuung effizienter sein und teilweise
                                               in die eigene Wohnung verlagert
                                                                                           . SUCHEN SIE
     heitszustand Bescheid wissen als der
                                               werden. In den nächsten Jahren,
     Hausarzt: Der könne uns auf Basis                                                  Und kooperieren Sie mit Gründern, die
                                               glaubt Forscher Eike Wenzel, werden
     der gesammelten Daten konkret vor-                                                 alles mit neuen Augen sehen!
                                               Menschen sich bei kleineren Krank-
     schlagen: ‚Du bist so gestresst, arbei-
                                               heiten selbst verarzten, statt stan-
     te mal wieder ein paar Stunden im
                                               dardmäßig Rat in einer Arztpraxis zu
     Garten. Als du das vor einem Monat                                                 Bald könnte es krachen im Büro von Ulrich
                                               suchen. „@Home-Care“ nennt Wen-
     das letzte Mal gemacht hast, war                                                   Dietz. Seine Regale biegen sich bedrohlich
                                               zel diese dezentralisierte Versorgung,
     dein Blutdruck noch drei Tage da-                                                  ­unter der Last der Bücher, die der Gründer und
                                               bei der Kranke eigenständiger bei
     nach viel besser.‘ “                                                                Vorstandsvorsitzende des Stuttgarter IT-Dienst­
                                               ihrer Versorgung mitarbeiten: Sie
     Meine Stiefel, meine Flossen 3–2–1–       checken Blutzuckerspiegel oder mo-        leisters GFT Technologies auf ihnen stapelt. Li-
     meins? In Zukunft wird dieses Wer-        nitoren Herz-Kreislauf-Werte, um sie      teratur ist eine seiner Hauptinspirationsquel-
     beverslein eine neue Bedeutung er-        digital an den Arzt zu übermitteln.       len, in die er abtaucht, wenn er nach neuen
     halten: Produkte werden sich fast         Serviceroboter könnten außerdem           Ideen sucht. „Fachliteratur ist allerdings nur
     vollständig nach den Wünschen ihres       einfache Pflegeaufnahmen überneh-         sehr selten dabei“, sagt Dietz, lieber blättert er
     Käufers formen lassen. 3-D-Drucker,       men: Den Roboteranzug HAL (Hyb-           in Bänden über zeitgenössische Kunst. Antwor-
     die selbst designte Kerzenhalter oder     rid Assistive Limb) gibt es schon: ein    ten auf akute Projekte und Probleme, die er
     individualisierte Fernbedienungen         künstliches Skelett, das ältere Men-      eins zu eins umsetzen kann, findet er darin al-
     ausspucken, sind schon in Betrieb.        schen oder Gehbehinderte wie eine         lerdings nicht, schließlich stellt GFT Software,
     Auch Pizzen oder Organe können die        Rüstung anziehen und das sie beim         etwa für Banken und Versicherungen, zur Ver-
     Geräte bei entsprechender Ladung          Gehen oder Heben unterstützt.             fügung. „Mir geht es darum, wache Antennen
                                                                                         und einen offenen Geist zu behalten“, sagt er,

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„für mich die wichtigsten Voraussetzungen, um       messen werden. Und wer kreativ herumspielt,     Zu Hause Homee-Gründer
     innovativ und kreativ zu arbeiten.“                 wird seine geforderten, messbaren Leistungs­    Jochen Schöllig entwickelt
       Trends auf der Spur zu bleiben ist überle­        anforderungen nicht einhalten können. Das ist   bunte Kunststoffwürfel mit
     benswichtig für GFT. Wenn sich Geschäftsmo­         das Dramatische und Tragische an solchen Un­    Smart-Home-Technologie:
                                                                                                         Er vernetzt Haushaltsgeräte,
     delle verändern, muss sich auch die Software        ternehmensformen.“                              Heizungen, Jalousien und
     anpassen. Es sei nicht ganz leicht, alle Kollegen      Manchmal kann es darum helfen, Stimula­      Sensoren miteinander,
     zu ermuntern, neue Dinge auszuprobieren, so         tion von außen dazuzuholen. Dietz hat deshalb   irgendwann vielleicht auch
     Dietz. Sein Unternehmen zählt inzwischen            Code_n gegründet, einen Startup-Wettbewerb,     mal ein Hundehalsband
     mehr als 2000 Mitarbeiter, der erwartete Jah­       der dieses Jahr zum dritten Mal auf der Cebit
     resumsatz für 2013 beträgt 260 Millionen Eu­        abgehalten wird und bei dem sich die innova­
     ro: „Je größer und durchorganisierter das Un­       tivsten Jungunternehmen aus aller Welt prä­
     ternehmen wird, desto schwieriger ist das.          sentieren können. Das beste erhält 30 000 Eu­
     Dann hat jede Abteilung ihr Budget und ihre         ro, doch für Dietz fängt die Zusammenarbeit
     Wirtschaftsziele, an denen die Mitarbeiter ge­      damit erst an: Er baut über den Wettbe­

                                                                                                              Januar 2014   impulse   25

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Titel Zukunft

                                        werb ein kreatives Netzwerk auf. „Wenn wir in             ter im Publikum sperrten Augen und Ohren auf
                                        der Vergangenheit an einem neuen Projekt                  und dachten alle dasselbe“, sagt Dietz, „das
                                        oder System gearbeitet haben, haben wir uns               kann doch nicht funktionieren! Kann es eben
                                        oft gedacht: Bestimmt gibt es irgendwo ein                doch, und das hat einige sehr überrascht.“
                                        Startup, das längst an genau diesem Problem                  Ob solche Kulturschocks dazu beitragen, ei-
      Als Mittelständler
                                        arbeitet. Wenn wir mit ihm zusammenarbeiten               ne eingefahrene Firma fit für die Zukunft zu
        muss man nicht                  könnten, würde das den Innovationsprozess                 machen, ist schwer zu sagen. Tatsächlich gibt
        versuchen, den                  deutlich beschleunigen.“ Mandalah-Chef Peter              es aber oft auch konkrete Projekte, bei denen
      schnelleren Start-                hat Dietz beim Aufbau von Code_n beraten.                 zeitweilig angedockte Startups helfen können.
          ups hinterher-                „Als Mittelständler muss man nicht versuchen,             Codeatelier aus Esslingen hat im Jahr 2012
       zuhecheln. Es ist                den wendigeren und schnelleren Startups hin-              bei Code_n teilgenommen. Die Gründer haben
                                        terherzuhecheln und ihnen alles nachzuma-                 Homee entwickelt, ein Steuerungssystem für
        viel cleverer, sie              chen“, sagt er. „Es ist viel cleverer, sie mit an         Smart-Home-Technologien, kleine bunte Kunst­
       mit an den Tisch                 den Tisch zu holen.“ Also zuweilen zerstöreri-            stoffwürfel mit Technik-Innenleben. Smart
                zu holen                sche Kreativität zu kombinieren mit Erfahrung,            Home ist einer der Zukunftstrends: die digital
          Florian Peter Innovations-    Netzwerken und finanzieller Stabilität.                   vernetzte Wohnung also, in der die Wettersta-
                 beratung Mandalah        Kürzlich lud Dietz einen Berliner Gründer               tion der Jalousie sagt, dass es draußen schön
                                        zum GFT-Führungskräftetreffen ein – eine kal-             ist und sie doch bitte etwas Licht in die Woh-
                                        kulierte Schocktherapie. „Je kleinteiliger eine           nung lassen möge, während der Sensor am
                                        Firma organisiert ist, desto träger wird sie. Der         Hundehalsband erkennt, dass der dazu­      ge­
                                        eine nennt es Prozesse, der andere Bürokratie“,           hörige Hund vom Regenspaziergang noch pu-
                                        sagt er. „In einem Startup denken die Leute res-          delnass ist, und die Heizung anweist, ein paar
                                        sortübergreifend, Aufgaben werden einfach                 Stufen hochzufahren, damit sich das empfind-
                                        weggeputzt. Natürlich auch notgedrungen,                  liche Tier nicht erkältet.
                                        weil es an Mitarbeitern fehlt.“ Also ließ er sei-            Die Funkstandards der Hausautomation mit-
                                        nen Gast, einen Harvard-Absolventen, erzäh-               einander zu verbinden war für die Entwickler
                                        len: Wie er nach Berlin kam, um seine Touris-             kein Problem. Doch während sie über reichlich
                                        musplattform zu gründen, ohne Deutsch zu                  Wissen und Nerd-Geist verfügten, um Software
                                        können. Dass er sich kein Gehalt auszahlt, um             zu basteln, habe ihnen die Erfahrung bei der
                                        seine Firma starten zu können. „100 Mitarbei-             Hardware gefehlt, sagt Mitgründer und Ge-

     Zehn wichtige Fragen, die Sie sich stellen sollten
     Sind Sie gut für die Zukunft gerüstet? Machen Sie den impulse-Test, indem Sie folgende Fragen durchgehen. Wenn Ihre
     Antwort zehnmal „Ja“ lautet, können Sie beruhigt sein. Wenn nicht, wissen Sie zumindest, wo Sie ansetzen könnten

     MITARBEITER STÄRKEN                             ATTRAKTIVER WERDEN                                IDEENPOOL AUSWEITEN
     J Haben Sie Mitarbeiter mit einem Gespür        J Ist Ihre Firma attraktiv genug, um auch         J Besteht Ihr Netzwerk vor allem aus gleich
     für neue Trends? Wie stellen Sie sicher, dass   anspruchsvolle neue Mitarbeiter anziehen          gesinnten, gleich alten Unternehmern aus
     solche Informationen Sie auch erreichen?        und halten zu können?                             verwandten Branchen, oder suchen Sie zur
                                                                                                       Inspiration auch Kontakt zu Fachfremden?
     J Haben Ihre Mitarbeiter genug Freiräume,       J Sind Ihre internen Abläufe schlank und
     um kreativ zu werden? Gibt es kleine Aus­       schnell, oder haben Sie zu viel bürokrati­        J Kontaktieren andere Unternehmer Sie,
     zeiten vom Tagesgeschäft, in denen sie oh­      schen Ballast angesammelt?                        die sich von Ihnen Ideen erhoffen – oder
     ne Druck neue Ideen entwickeln können?                                                            werden Sie nicht als Firma wahrgenommen,
                                                     J Haben Sie die Altersstruktur Ihrer Kun­
                                                                                                       die sich mit Zukunftstrends auseinander­
     J Erfahren Ihre IT-Kollegen genug Wert­         den im Blick? Gelingt es Ihnen, genug jün­
                                                                                                       setzt?
     schätzung? Sind sie vor allem technische        gere Kunden zu gewinnen?
     „Feuerwehr“, oder ermuntern Sie sie aktiv,                                                        J Gibt es für Sie weitere Inspirationsquellen
                                                     J Wie könnten Sie Ihre Außenwirkung
     an neuen Lösungen und Verbesserungen für                                                          – jenseits von Geschäftskontakten, Semina­
                                                     verbessern und verjüngen?
     tägliche Prozesse zu arbeiten?                                                                    ren oder Managementliteratur?

     26      impulse   Januar 2014

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schäftsführer Jochen Schöllig. Sie taten sich
     mit einem schwäbischen Mittelständler zusam-
     men, der traditionelle Mess- und Überwa-
     chungsinstrumente produziert, aber wenig
     Know-how in der App-Entwicklung hat. „Sie
     helfen uns bei der Produktion und später auch
     beim Vertrieb unserer Würfel, wir entwickeln
     für sie die Software“, sagt Schöllig. Anfang
     2014 soll Homee erhältlich sein. „Es gibt Prog-
     nosen, dass Smart-Home-Technik 2017 auf
     dem Massenmarkt ankommen wird.“ Anschub-
     hilfe durch externe Startups – selbst wenn Mit-
     telständler sich langfristig technisches Know-
     how ins Unternehmen holen müssen , für viele
     ist dies ein erster Schritt auf dem Weg in die
     Zukunft.
     Die besten Ideen nutzen aber nichts, wenn es
     an versierten Mitarbeitern mangelt. Und die
     sind begehrt: „Der Unternehmer muss sich fra-
     gen: Wie werde ich attraktiv genug, um die gu-
     ten Leute zu bekommen?“, sagt Dietz. Sein
     Tipp: Der Chef selbst muss sich der digitalen
     Welt öffnen, Trends aufspüren, Schritt für
     Schritt losmarschieren in diese vielleicht noch
     fremde Welt. Und den Mut haben, auf der Jagd
     nach sehr guten Mitarbeitern auch unkonven-
     tionelle Wege zu gehen: Wenn sich vor Ort in
     der pfälzischen Kleinstadt trotz intensiver Su-
     che nicht der passende Mensch für einen Job
     findet, sitzt womöglich ein geeigneter Kandi-
     dat in München, Paris – oder Alaska.
        Gary Swart, Chef der größten Online-Free-
     lancer-Vermittlung Odesk, glaubt fest daran,
     dass „die Arbeit“ in Zukunft nicht länger als Ort
     verstanden wird, an dem man jeden Morgen
     erscheinen muss, sondern als Tätigkeit, die
     man von überall erledigen kann. In der Odesk-
     Firmenzentrale im kalifornischen Redwood ar-        wachsen werden: Vor allem „Millennials“ wür-        In aller Welt Gary Swart
     beiten 130 Angestellte, dazu kommen 250 über        den die Welt der Arbeit grundlegend verän-          glaubt nicht mehr an „die
     die ganze Welt verteilte Freelancer. Swart          dern, jene Menschen, die im Jahr 2000 Teen-         Arbeit“ zu einer festen Zeit
                                                                                                             an einem festen Ort. Der
     glaubt, dass die zunehmende Globalisierung          ager waren, mit dem Web aufwuchsen und völ-
                                                                                                             Chef der Freelancer-Agentur
     des Arbeitsmarkts helfen kann, Abläufe zu be-       lig andere Ansprüche an ihren Job haben:            Odesk vermittelt Firmen je
     schleunigen, wendiger und schneller zu wer-         Flexibilität und größtmögliche Freiheit ist ihnen   nach Bedarf Freiberufler aus
     den: „Manche unserer Kunden heuern gern             wichtig. Um sie an die Firma binden zu können,      aller Welt, auch aus Alaska
     Onlinemitarbeiter aus derselben Zeitzone an,        werden sich Arbeitsweise und Organisation der
     damit sie direkt mit ihnen kommunizieren kön-       Abläufe grundlegend ändern müssen.
     nen. Andere lieben es dagegen, morgens ins             Damit der Kolibrischwarm, wie es Ottobock-
     Büro zu kommen und dort einen ganzen Bat-           Chef Näder ausdrückt, nicht zur nächsten Blüte
     zen erledigter Aufgaben vorzufinden, die ir-        weitersurrt.
     gendwer am anderen Ende der Welt über Nacht
     abgearbeitet hat.“
        6000 Kunden wählten in Deutschland 2012          UUnterm Stric Um sich auf die Zukunft vorzu-
     bei Odesk unter 12 000 Freiberuflern ihre Mit-      bereiten, schaffen Unternehmer kreative Umfelder
     arbeiter aus. Swart ist sich sicher, dass diese     in der Firma, kooperieren mit Gründern und
     Zahlen in den nächsten Jahren signifikant           starten neue Projekte jenseits des Kerngeschäfts.

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