Spuren Wenn das Leben - Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck

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Spuren Wenn das Leben - Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck
Oktober 2021

                    SCHICKSALE
                    Brüche und Narben, die    Wenn das Leben
                                              Spuren
                    auf der Seele liegen

                    KIRCHE & GELD
                    Kultur des vorsichtigen
                    Umgangs mit Geld
                                              hinterlässt
Foto: Adobe Stock
Spuren Wenn das Leben - Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck
INHALT | UMFRAGE | IMPRESSUM

                                                     Wo möchten Sie
Inhalt                                               Spuren hinterlassen?
THEMA

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                                                                                                                       Foto: privat
         Als Militärpfarrer in Afghanistan:
         Monate in einer völlig fremden Welt                 Bei meiner Arbeit für
                                                             den ambulanten Hospiz-
                                                             dienst Melsunger Land
5        Als der Vater an Corona starb:
         Der Tod hinter der Glasscheibe
                                                             begleite ich Menschen in
                                                             der letzten Lebenspha-
                                                             se und gebe ihnen und

6        Dr. Andreas Jürgens: „Niemand darf wegen
         seiner Behinderung benachteiligt werden”
                                                             den Angehörigen die
                                                             Unterstützung, die sie
                                                             brauchen. Sie sollen sich

7        Nils Straatmann:                                    wahrgenommen und verstanden fühlen, in ih-
         Ein Poetry-Slammer auf Jesu Spuren                  rer Trauer nicht allein sein. Spuren möchte ich
                                                             hinterlassen, indem ich den Hospizgedanken
                                                             weitergebe. In Seminaren bereite ich ehren-
8        Verein FRANKA –
         „Seht, was ihr durchgestanden habt”
                                                             amtliche Hospizhelfer auf ihre Tätigkeit vor,
                                                             und in „Letzte-Hilfe”-Kursen vermittle ich Ange-
                                                             hörigen, wie sie einen geliebten Menschen am

9        Marie Kresbach:
         Sie vergab den Mördern ihrer Eltern
                                                             Lebensende bestmöglich unterstützen können.

                                                         Petra Hochschorner (56), Koordinatorin für Hospiz-

12   	Unterwegs:                                        dienst und Vorsitzende des Trauer- und Hospiznetz-
       Als Pfadfinder auf Spurensuche                    werks im Schwalm-Eder-Kreis, wohnt in Gensungen

16   	Afghanistan:

                                                                                                                                      Foto: privat
       Die Spuren in den Gesichtern                               Ein Lächeln ist für mich die
                                                                  schönste Spur, die ich im
                                                                  Leben eines anderen Men-
KIRCHE & GELD                                                     schen hinterlassen kann.
                                                                  Ich organisiere in meinem

10   	Frieder Brack: „Wir haben eine Kultur des
       vorsichtigen Umgangs mit Geld”
                                                                  Job unter anderem Gedächt-
                                                                  nistrainings und leite die
                                                                  Senioren-Theatergruppe, wir

11   	Statistik 2020: Zahlen zur Evangelischen
       Kirche von Kurhessen-Waldeck
                                                                  haben Kooperationsprojekte
                                                                  mit dem offenen Kanal Kassel und der Musik-
                                                                  akademie Louis Spohr. Zu erleben, wie sich die äl-
                                                                  teren Menschen öffnen und ihr kreatives Potenzial
RATGEBER                                                          ausschöpfen, ist auch für mich eine Bereicherung.

13       Was mutet mir das Schicksal zu?                      Thomas Andreas Warlies (54), Kulturreferent einer
                                                              Senioreneinrichtung in Kassel

                                                    IMPRESSUM
RÄTSEL
                                                    Herausgeber: Landeskirchenamt der

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                                                    Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck
         Gezeichnet – geheilt                       Wilhelmshöher Allee 330, 34131 Kassel

                                                    Redaktion:
                                                    Lothar Simmank (Ltg.), Olaf Dellit           redaktion@blickindiekirche.de

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                                                    Heinrich-Wimmer-Straße 4                         www.blickindiekirche.de
         „Freunds Auszeit”                          34131 Kassel                                 Gestaltung: Lothar Simmank
                                                    Telefon 0561 9307–152, Fax –155

2   blick in die kirche | MAGAZIN | Oktober 2021
Spuren Wenn das Leben - Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck
EDITORIAL

                                                                                                                                            Liebe Leserin,

                                                                                                              Foto: privat
                                      Bei Geburtstags- und
                                      Trauerreden wird oft an                                                                               lieber Leser,
                                      ein gelungenes Leben
                                      erinnert. Aber wann ist
                                      ein Leben gelungen? Ei-                                                                                   was erzählt Ihnen Ihr Körper,
                                      ne erfolgreiche Karriere,                                                                             wenn Sie vor dem Spiegel stehen
                                      ein großer Freundeskreis                                                                              oder in sich hineinhorchen? Ich

                                                                                                                                                                                                             Foto: medio.tv/Schauderna
                                      oder eine gute Familie:                                                                               spüre die 18 Monate Pandemie vor
                                      Wir alle haben die Mög-                                                                               allem in den Knochen: das viele
                                      lichkeit, ein individuelles, selbstbestimmtes Le-                                                     Sitzen, die fehlenden Sportmöglich-
                                      ben zu führen und möglichst viele Spuren im                                                           keiten haben Spuren hinterlassen.
                                      Leben zu hinterlassen. Was habe ich der Welt                                                          Wenn mein Mann, ein begeisterter
                                      weiterzugeben? Letztendlich würde ich mich                                                            Radsportler, in den Spiegel schaut,
                                      freuen, wenn ich anderen helfen und sie ein                                                           sieht er Narben, die von schweren
                                      bisschen glücklicher machen kann. Ich möchte                                                          Unfällen mit dem Rad erzählen. In diesem Heft berichten
                                      ein Lächeln im Gesicht derjenigen hinterlas-                                                          Menschen von ganz unterschiedlichen Erfahrungen, die
                                      sen, die an mich denken.                                                                              bei ihnen Spuren hinterlassen haben – sichtbare wir un-
                                                                                                                                            sichtbare. Krankheiten, Gewalterfahrungen und andere
                                  Sonja Rossettini (45), Internationale Projektmanage-                                                      Traumata kommen da in den Blick.
                                  rin aus Kassel
                                                                                                                                                Spuren und spüren, wie hängt das zusammen? Meist
                                                                                                                                            spüren wir ja vor allem das, was Spuren hinterlassen hat,
                                                                                                                                            die Brüche und Narben, nicht nur die körperlichen, son-
                                                                                                                             Foto: privat

                                             Als Pfarrer begegnet mir                                                                       dern auch die, die uns auf der Seele liegen. Die Glücks-
                                             die Frage nach den Spu-                                                                        momente zaubern ein Lächeln für den Moment, lassen
                                             ren im Leben häufig an                                                                         die Schmetterlinge für eine Weile im Bauch fliegen. Nur
                                             Kranken- und Sterbebet-                                                                        manchen Menschen sieht man an, dass sie viel gelacht
                                             ten. Da wird bisweilen                                                                         haben in ihrem Leben. Häufiger erzählen Gesichter von
                                             gnadenlos bilanziert. Ich                                                                      Sorgen, von Trauer, von Verlusten.
                                             habe in dieser Situation
                                             nie jemanden sagen hö-                                                                             Der Theologe Henning Luther hat das in einem Bild
                                             ren: „Hätte ich doch die-                                                                      zusammengefasst, das mir sehr wichtig ist: Wir leben als
                                             se oder jene Stelle angenommen oder damals                                                     Fragment, Fragment im Blick auf das, was in der Ver-
                                             dort mein Geld angelegt.“ Nein, es geht fast                                                   gangenheit zerbrochen ist, nicht mehr heil ist, aber auch
                                             immer um die Fragen: Habe ich meine Fähig-                                                     Fragment im Blick auf die Zukunft, noch nicht fertig, noch
                                                                                                                                            im Werden. In dieser Spannung bewegt sich unser Leben.
Umfrage: Pamela De Filippo

                                             keiten genutzt, um anderen zu helfen? War ich
                                             glücklich in meiner Familie? Solche Erfahrun-                                                  Das macht es aber auch spannend und individuell. Die
                                             gen verändern natürlich auch die Sicht auf die                                                 Spuren, die das Leben hinterlässt, sind bei jedem Men-
                                             eigene Existenz. Mit dem „Carpe diem“-Prinzip                                                  schen anders. Erst dadurch werden wir zur unverwechsel-
                                             und der „goldenen Regel“ (Mt. 7,12) komme                                                      baren Persönlichkeit, mit unserer ganz eigenen Geschich-
                                             ich zurzeit für mich selbst ganz gut klar.                                                     te und den ganz speziellen Lach- und Sorgenfalten.

                                         Stefan Axmann (53), Pfarrer der Evangelischen                                                         Eine anregende Lektüre dieser Spuren wünscht
                                         Stadtkirchengemeinde Hanau, Kreuzkirche

                             Herstellung:
                             Dierichs Druck + Media GmbH & Co KG, Kassel
                             Vertrieb: HNA, Kassel u. a.                                                                                    Beate Hofmann
                                                                                                                                            Bischöfin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck

                             Mehr Informationen über die vielfältigen Angebote der Evangelischen Kirche von
                             Kurhessen-Waldeck finden Sie im Internet:     www.ekkw.de

                                                                                                                                                     blick in die kirche | MAGAZIN | Oktober 2021        3
Spuren Wenn das Leben - Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck
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     Monate in einer völlig fremden Welt
     Jochen Sennhenn war als Militärpfarrer in Afghanistan und wird die Zeit nicht vergessen

    B
            etrübt, aber nicht überrascht war
            Jochen Sennhenn, als die Taliban
            im August die afghanische Haupt-
     stadt Kabul einnahmen. Vieles, etwa die
     Schwäche der afghanischen Armee, habe
     sich in den Jahren zuvor abgezeichnet. Der
     58-Jährige weiß, wovon er spricht: Als Mili-
     tärpfarrer war Sennhenn dreimal in Afgha-
     nistan, zuletzt in Kunduz.
         Vieles, was der Einsatz an Gutem ge-
     bracht habe, sei nun entwertet. Er frage
     sich, wie Angehörige von gefallenen Sol-

                                                                                                                                                  Fotos: medio.tv/Dellit/Brandau
     daten auf diese Nachrichten schauten, für
     sie müsse das besonders schmerzhaft sein.
     Als Sennhenn 2013 in Kunduz ankam, war
     kurz zuvor ein Soldat getötet worden – ei-
     ne Zeit, in der er als Seelsorger sehr wich-
     tig war. Rituale, etwa die Aussegnung, ein
     Kondolenzbuch und die Ehrenwache am
     Container, in dem der Tote lag, seien in       Dort war das Feldlager der Bundeswehr: Pfarrer Jochen Sennhenn deutet auf Kunduz, wo er
     dieser Situation enorm wichtig gewesen.        als Militärpfarrer tätig war. Insgesamt war er dreimal in Afghanistan eingesetzt

     Aus der Armut in den Überfluss                 zu bewältigen, das gelte umso mehr für        Grad, aber vor allem emotional. Die viel
                                                    junge Soldaten mit weniger Lebenserfah-       beschworene Kameradschaft sei wirklich
         Mittlerweile ist Sennhenn seit gut         rung: „Sie prallen auf eine Welt, die ihnen   etwas Besonderes, dieses Angewiesensein
     sechs Jahren wieder Gemeindepfarrer – in       völlig fremd ist.”                            aufeinander. Aber all das zehre eben auch
     Waldkappel-Schemmern. Doch die Zeit am             Belastend sind die Auslandseinsät-        an den Nerven: „Ich habe nie so viele jun-
     Hindukusch hat ihn verändert. Er erinnert      ze auch für den Familienzusammenhalt.         ge Männer weinen sehen wie dort.”
     sich, wie er nach der Rückkehr aus einem       Monatelange Trennungen sind schwer zu             Der Militärpfarrer ist ein wichtiger Teil
     Land, in dem größte Armut herrscht, in         verkraften. Das hat Sennhenn auch selbst      solcher Einsätze, das hat Sennhenn gereizt.
     Deutschland wieder in einem Supermarkt         festgestellt. Als er wiederkam, war er vol-   Der Pfarrer steht außerhalb der Bundes-
     war. Er sollte Joghurt kaufen – und stand      ler Eindrücke, die seine Frau und Kinder      wehr-Hierarchie und ist schon deswegen
     dann minutenlang vor dem Kühlregal, völ-       nicht teilen konnten. Irgendwann habe sei-    eine gefragte Vertrauensperson, natürlich
     lig erschlagen vom Überangebot.                ne Frau seine Erzählungen gebremst: „Jetzt    unterliegt er zudem dem Beichtgeheimnis.
         Die Dinge, die er in Afghanistan sah,      ist mal gut mit Afghanistan!”                     In Jochen Sennhenns Dienstzimmer
     blieben im Kopf, sagt er: Er sah, wie Frau-        Die Zeit in einem Feldlager ist eine      im beschaulichen Schemmern hängt eine
     en auf offener Straße geschlagen wurden,       Ausnahmesituation. Die ständige Be-           Karte Afghanistans. Bilder und Eindrücke
     und bekam mit, dass kranke Kinder vor          drohung werde auf gewisse Weise nor-          sind damit verbunden, Erinnerungen an
     dem Militärlager abgelegt wurden – in der      mal, sagt Sennhenn. Die Zeit sei in jeder     eine intensive Zeit, die ihn verändert hat.
     Hoffnung, dass ihnen dort geholfen werde.      Hinsicht sehr intensiv, angefangen bei        Er sagt: „Ich habe mich in dieses Land ver-
     Diese krassen Kontraste seien nicht leicht     Temperaturunterschieden von bis zu 70         liebt.” ●                        Olaf Dellit

Faszinierendes Kabul: Links das Militärlager Camp Warehouse, in der Mitte und rechts Szene aus der Innenstadt – die Bilder entstanden 2003
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Der Tod hinter der Glasscheibe
Pfarrer André Flimm hat seinen Vater im vergangenen Jahr durch Corona verloren

E
      in altes Fenster lehnt an der Wand in
      André Flimms Wohnung. Gemeinsam
      mit seinem Vater hatte er das Fenster
als Tisch aufgearbeitet. Es sollte das letzte
Mal sein, dass er seinen Vater lebend sah
– heute erinnert das Fenster an ihn.
    Ein Fenster war es auch, durch das
André Flimm seinen verstorbenen Vater
ein letztes Mal sah. Eugen Flimm war im
April 2020 an Corona gestorben und es
schmerzt seinen Sohn bis heute, dass er
ihn zum Abschied auf der Intensivstation
im Fuldaer Krankenhaus nicht berühren
durfte. André Flimm ist seit vergangenem
Jahr Pfarrer, derzeit arbeitet er in Marburg
an seiner Doktorarbeit. „Mich haben schon
immer die großen Fragen des Lebens faszi-
niert”, sagt er über seine Berufswahl.
    Dann stand er im vergangenen Jahr
plötzlich vor einer Frage, auf die er auch
im Denken keine Antwort fand: Warum
musste sein Vater mit nur 58 Jahren ster-
ben? Er, der als Krankenpfleger peinlich
genau auf Hygiene geachtet hatte. Er, des-
sen Antrieb immer gewesen war, anderen
Menschen zu helfen.

                                                                                                                                              Foto: medio.tv/Dellit
    Sehr früh in der Pandemie hatte Vater
Flimm sich bereit erklärt, seine Station im
Alsfelder Krankenhaus zur Corona-Station
umzuorganisieren. Er begann früher als
andere Menschen, seine Kontakte einzu-
schränken. Und wurde doch krank.                Ein Fenster als Erinnerung: André Flimm hatte das alte Fenster mit seinem Vater aufgearbei-
    Kurze Zeit später kam Eugen Flimm ins       tet, kurze Zeit später starb dieser an Corona
Krankenhaus und wurde dort später intu-
biert und in ein künstliches Koma gelegt.       hörigen gebraucht hätten. Auch danach          wahrscheinlich eine falsche Schutzmaske
Kurz zuvor hatte er seiner Frau noch in ei-     erschwerte Corona vieles. Manche Men-          benutzt hatte.
ner Textnachricht geschrieben, sie solle ihn    schen im Heimatdorf der Familie wechsel-            André Flimm wird wütend, wenn er
nicht mehr anrufen. Er habe damit, ist sich     ten die Straßenseite, wohl aus Sorge vor       von Coronaleugnern hört. Und ärgert sich,
André Flimm sicher, seine Familie schützen      Ansteckung. Die Mutter musste zunächst         wenn Theologen die Pandemie als Strafe
wollen. Aber für die Mutter waren es die        in Quarantäne im Haus ausharren, wo sie        Gottes interpretieren. Er selbst habe den
letzten Worte ihres Mannes.                     alles an ihren Mann erinnerte.                 Glauben an Gott und an ein Leben nach
    Als die Todesnachricht André Flimm er-                                                     dem Tod nie verloren, aber entdeckt, dass
reichte, konnte er nur noch schreien. Bald      Die erste Umarmung seit langem                 zu seinem Glauben auch der Streit mit
wurde ihm klar, dass er seinen Vater noch                                                      Gott gehört und heilsam sein könne.
einmal sehen wollte und war dankbar,                Erst die Beerdigung sei ein guter Ab-           Heute gelingt es ihm, dankbar für die
dass ein befreundeter Pfarrer ihn beglei-       schied gewesen, sagt André Flimm. Erst-        Zeit mit seinem Vater zu sein und dank-
tete. Den toten Vater konnte er nur durch       mals habe sich die Familie dort auch wie-      bar, dass dieser als Krankenpfleger seine
die Glasscheibe sehen; ein Bild, das sich       der umarmt, trotz Corona-Angst. Diese sei      Lebensaufgabe gefunden hatte. Das Fens-
einprägte: „Er sah irrsinnig alt aus.”          auch später noch sehr stark gewesen, ge-       ter, das an der Wand lehnt, nennt André
    Nicht nur der Abschied vom toten Va-        rade weil die Ansteckung des Vaters nicht      Flimm jetzt „Himmelsfenster”. ●
ter war nicht so möglich, wie es die Ange-      erklärbar schien. Später wurde klar, dass er                                   Olaf Dellit

                                                                                     blick in die kirche | MAGAZIN | Oktober 2021        5
Spuren Wenn das Leben - Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck
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„Niemand darf wegen seiner Behinderung
benachteiligt werden”
Wie der Kasseler Jurist, Sozialpolitiker und Rollstuhlfahrer Dr. Andreas Jürgens das
Grundgesetz veränderte

A
        ndreas Jürgens (64) ist ein opti-
        mistischer Mensch. Der promo-
        vierte Jurist, der heute als Erster
Beigeordneter des Landeswohlfahrtsver-
bands (LWV) Hessen tätig ist, kam mit so-
gannten „Glasknochen” auf die Welt und
sitzt im Rollstuhl. Er ist ein Vollblutpoli-
tiker, der in Ausschüssen und Parlamen-
ten vieles erkämpft hat, aber noch immer
Visionen kennt – und er lacht gern. Bei
seinem Zwillingsbruder Gunther, ebenfalls
Richter mit Doktortitel und auf den Roll-
stuhl angewiesen, sei das genauso, erzählt
Jürgens. „Humor und Lebensfreude haben
wir von unseren Eltern geerbt, besonders

                                                                                                                                              Foto: privat
vom Vater. Wir machen gerne Witze.“ Der
Stammtisch, an dem er sich monatlich mit
ehemaligen Mitstreitern des Kasseler Ver-
eins fab (Verein zur Förderung der Autono-      Dr. Andreas Jürgens ist Erster Beigeordneter des Landeswohlfahrtsverbands Hessen
mie Behinderter) trifft, sei der fröhlichste
Tisch in der Kneipe.                                                                               Hat ein Rollstuhlfahrer eine andere
                                                     »Es gibt niemanden,                      Sichtweise auf die Belange behinderter
    Natürlich ist ihm nicht immer zum             der keine Fähigkeiten hat.«                 Menschen als andere Sozialpolitiker? Das
Scherzen zumute. Sein Kampf für die                                                           ist sicherlich so, gesteht Andreas Jürgens
Rechte behinderter Menschen ist ein erns-                                                     zu. Lange hat er auf der Betroffenen-Seite
tes Anliegen, mitunter zäh und kräfterau-       seit 1994 im Grundgesetz steht, ist Andre-    für die Interessen Behinderter gewirkt und
bend. Als Student war er in der Marbur-         as Jürgens mit zu verdanken. Damals war       war dabei zunächst als Hilfeempfänger,
ger „Krüppelinitiative“ aktiv und strickte      er noch Richter am Amtsgericht Kassel. Es     dann als Trägerinstitution auf die staat-
mit an einem Gesetzentwurf zur damals           folgten zwei Wahlperioden als Abgeordne-      liche Mittelvergabe angewiesen. Jetzt ver-
heiß diskutierten Absicherung von Pfle-         ter im Hessischen Landtag.                    teilt er das Geld und formuliert die Kriteri-
gebedürftigkeit für die allererste Grünen-           2012 schließlich wurde Jürgens in        en. Viele Verbesserungen konnten erreicht
Fraktion. In einer Reihe behindertenpoliti-     den LWV gewählt – ein politisches Amt,        werden – beispielsweise der Ausbau des
scher Initiativen arbeitete er mit, und das     in das er als Mitglied von Bündnis 90/        LWV-Fachdiensts um 150 neue Mitarbei-
in einer Zeit, als das Thema Behinderte         Die Grünen und ehemaliger Landtagsab-         tende, die bald in ganz Hessen zielgrup-
noch vielfach auf Unverständnis und Ab-         geordneter kam. An der Verwaltungsspitze      penübergreifend ihre Beratungsdienste
lehnung stieß. Wenn er sich an die eigene       des LWV setzt er nun unter anderem die        anbieten, um den einzelnen Menschen
Einschulung in den 1960er-Jahren erin-          Reformen des Bundesteilhabegesetzes um,       gerecht zu werden.
nert, fällt ihm der Schulrektor in Salzgitter   das in verschiedenen Stufen das Behinder-
ein, der die Mutter der Zwillinge mit dem       tenrecht revolutionieren soll. Dabei ist er       Welche Spuren möchte Andreas Jür-
Satz abwies: „Für sowas gibt’s doch die         im Wesentlichen zuständig für die Kosten-     gens am Ende seines Berufslebens gern
Sonderschule.“ Die Mutter ließ sich nicht       übernahme für 61.000 körperlich, geistig      hinterlassen? Kurzes Überlegen, dann
abwimmeln, setzte den Bau einer Rampe           und seelisch behinderte Menschen, für         die bescheidene Antwort vom Bundesver-
durch und trug, wenn es sein musste, ihre       Suchterkrankte und Sinnesbehinderte in        dienstkreuz-Träger: „Den Eindruck, dass ich
Kinder über Treppen in die höhergelege-         Hessen. Um ihre Wünsche und Lebensent-        mich nach meinen Möglichkeiten für die
nen Fachräume, wo der Biologie- und Phy-        würfe geht es, die im Rahmen der Möglich-     Selbstbestimmung behinderter Menschen
sikunterricht stattfand.                        keiten gefördert werden sollen. Sein Credo:   eingesetzt habe – dass es nicht nur ein
    Dass der Satz „Niemand darf wegen           „Es gibt niemanden, der keine Fähigkeiten     Wort geblieben, sondern Realität gewor-
seiner Behinderung benachteiligt werden“        hat.“                                         den ist.“ ●               Lothar Simmank

6      blick in die kirche | MAGAZIN | Oktober 2021
Spuren Wenn das Leben - Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck
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                                                                              Ein Poetry-Slammer
                                                                              auf Jesu Spuren
                                                                              Nils Straatmann (32), im norddeutschen Geest-
                                                                              hacht geboren, wurde als Slam-Poet Bleu Broode
                                                                              bekannt. Später studierte er Theologie in Leipzig.
                                                                                         Auf einem zweimonatigen Roadtrip zwi-
                                                                                         schen Schweiß, Blasen und aufgeschürf-
Foto: Sören Zehle

                                                                                         ten Hüften hat er mit seinem Kumpel
                                                                                         Sören das Heilige Land zu Fuß erkundet.
                                                                                         Auf den Spuren Jesu erfährt er dort, dass
                                       Der Autor und sein Buch:                         die Fähigkeit zur Nächstenliebe eine der
                         Nils Straatmann: Auf Jesu Spuren. Eine                         größten menschlichen Stärken ist. Wie es
                         Wanderung durch Israel und Palästina.
                                 Malik Verlag 2017, 18,50 Euro
                                                                                        zu der Reise kam, lesen Sie hier.

              I
                      ch komme aus einer relativ christlichen     zu werden, um diesem Elend ein Ende zu           dem dazugehörigen Auftreten leben konn-
                      Familie. Für norddeutsche Verhältnisse      bereiten. Nach meinem Abitur schwankte           te. So stellte ich mir irgendwann die Fra-
                      wahrscheinlich sogar sehr christlich. Ich   ich zwischen Theologiestudium und Kir-           ge, wie sich Studium und Arbeit verbinden
                    war in einem evangelischen Kindergarten       chenaustritt. „Entweder“, sagte ich mir,         ließen.
                    und habe in mehreren Krippenspielen ver-      „du versuchst, das ganze Ding zu verste-
                    schiedene Schafe mit Bravour verkörpert.      hen und bestenfalls zu verbessern, oder              Es war ein Freitagmorgen, als ich in
                    Einmal hatte ich sogar eine Sprechrolle:      du musst damit nichts zu tun haben.“ Ich         einer Vorlesung zur Kulturgeschichte des
                    „Oh, seht, ein Stern! Was hat er wohl zu      entschied mich für Ersteres.                     Neuen Testaments saß. Ich hörte nicht
                    bedeuten?“ Sitzt bis heute. Die Kinderbi-                                                      richtig zu, denn ich war in diesem esote-
                    bel habe ich wie das Sams oder lustige             Im Studium erlebte ich, wie Kommili-        rischen Zustand zwischen noch betrunken
                    Taschenbücher gelesen. Das Sams hatte         tonen manche Professoren als Ketzer be-          und schon verkatert. Der Professor erzählte
                    Wunschpunkte, Jesus war der Typ, der          schimpften. Wie bei Fußballspielen die           etwas über die Höhlen am Berg Arbel und
                    Wasser zu Kindersekt machen konnte.           Nächstenliebe so weit ging, dass jedes           die Ausgrabungen in Magdala, und mit
                                                                  Tor für beide Mannschaften zählte, damit         einem Mal entwickelte sich in mir die Idee,
                        Meine Gemeinde war schrecklich. Die       sich alle gemeinsam freuen konnten. Aber         den Weg Jesu nachzuwandern. Ich kannte
                    Pastorin sah aus wie Dracula und benahm       ich traf auch Menschen, denen ihr Glaube         so viele Orte, an denen er gewesen sein
                    sich ähnlich. Immerhin, mein Kumpel Alex      die Kraft gab, ihr Leben zu bestreiten. De-      sollte, und doch hatte ich keinen davon
                    und seine damalige Freundin hatten ihre       nen die Kirche Lebensinhalt und vor allem        mit eigenen Augen gesehen. Wie sollte ich
                    ersten sexuellen Erfahrungen in der Ab-       -sinn stiftete. Ich machte ein Praktikum bei     das Christentum verstehen, wenn ich seine
                    stellkammer neben dem Konfirmanden-           einem schwulen Pastor in Lübeck, mit dem         Wurzeln, die Kultur und Region, denen es
                    saal. Bremen-Nord, wo wir aufwuchsen,         ich am Küchentisch saß, wo wir mithilfe          entstammt, nicht kannte?
                    war kein Ort für keusche Lämmchen. Ich        seines „Gaydars“, seines „Schwulensen-               Mich faszinierte vor allem der mensch-
                    hatte zwei Onkel, die Pastoren waren und      sors“, gemeinsam versuchten herauszufin-         liche Jesus: Wer war der Typ, der die Evan-
                    von denen ich lernte, dass man auch als       den, wer von den katholischen Kollegen           gelisten zu ihren Texten inspirierte? Was
                    Pastor ein echter Mensch sein kann. Die       in der vatikanischen Kurie schwul war und        ließ die Leute an ihn glauben? Was lässt
                    Fußball guckten und fluchten, manchmal        wer nicht. Dieser Pastor stand für eine Kir-     sie heute glauben? Wer war Jesus von Na-
                    zu viel Erwachsenensekt tranken und doch      che, von der ich Teil sein wollte. Eine rea-     zareth, und was hat ihn zu dem gemacht,
                    mitunter sehr weise waren. Und trotzdem       listische Kirche für alle, in der Lachen nicht   der er war? Was würde heute aus ihm wer-
                    dachte ich zu jedem Weihnachts- und Os-       verboten war, in der Fehlbarkeit akzeptiert      den? Wo wäre er zu finden?
                    terfest, zu jeder Taufe, jeder Konfirmation   und thematisiert wurde. Kein sakrales Tüdelü.        Diesen Fragen wollte ich nachgehen.
                    in meiner Gemeinde: „Ach, Leute! Warum                                                         Im wahrsten Sinne des Wortes. Aber vor-
                    denn so langweilig? Das kann man doch             Mein Theologiestudium hatte ich im-          her brauchte ich eine Aspirin. ●
                    viel spannender, viel wirklichkeitsnäher      mer als hervorragenden Plan B beschrie-
                    machen!“ Jedes Mal, wenn ich in der Kir-      ben. Einen Plan A gab es lange nicht. Bis                  Buchauszug mit freundlicher
                    che saß, wuchs in mir der Wunsch, Pastor      ich merkte, dass ich vom Schreiben und              Genehmigung des Autors und Verlags

                                                                                                         blick in die kirche | MAGAZIN | Oktober 2021       7
Spuren Wenn das Leben - Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck
THEMA

„Seht, was ihr durchgestanden habt“
Die FRANKA-Frauennothilfe Kassel hilft, Wege aus der Gewalt zu finden

M
          enschenhandel, Zwangsprostituti-        worben mit der Aussicht auf                               geht ums blanke Überleben.

                                                                                                                                               Foto: Adobe Stock
          on. Diese Verbrechen geschehen          legale Arbeit und guten                                    Erstversorgung, bis die Ämter
          jeden Tag, mitten unter uns, sind       Verdienst in Deutschland.                                   einspringen. Essen besorgen,
alltäglich. Die beiden jungen Frauen, die         Wo landet sie aber? „In                                    Unterkunft, zuhören, mitge-
darüber berichten, arbeiten für FRANKA,           einem Laufhaus“, berichten                                hen, wenn die Frauen Behör-
die Frauennothilfe Kassel, eine Fachbera-         die Beraterinnen, sie werde                              dengänge absolvieren müssen.
tung beim Diakonischen Werk. Ihre Na-             gezwungen, sich zu prostituieren,                    Manche Personen werden so lange
men werden wir nicht nennen – nur wenn            die Papiere abgenommen. Manche Frauen          begleitet, wie das Gerichtsverfahren dau-
sie anonym bleiben, können sie den Be-            aus Nigeria müssen schwören, so lange zu       ert. Andere tauchen ab, kehren zurück ins
troffenen zur Seite stehen. Getäuscht, ver-                                                      Heimatland, trauen sich nicht, Anzeige zu
schleppt, quasi versklavt – nein, das Ganze                                                      erstatten.
ist kein Drehbuch für den sonntäglichen                    »Manche Frau                               Für Geflüchtete ist die Situation an-
Fernsehkrimi, es ist bittere Realität für vie-        braucht nur einmal Rat,                    ders als für andere Opfer von Menschen-
le Menschen.                                         andere werden über Tage,                    handel, sie sind meist bereits im Asyl-
                                                                                                 verfahren, werden oft verschoben. Das
    Die kann so aussehen: Eine junge
                                                        Wochen und Monate                        bedeutet, dass es noch schwieriger ist,
Frau, Ende zwanzig, aus einem osteuropä-               betreut und begleitet.«                   sie mit dem Nötigsten in seelischer Hin-
ischen oder afrikanischen Land, lebt unter                                                       sicht zu versorgen – der psychologischen
extrem schwierigen Verhältnissen – arm,                                                          Betreuung der häufig Traumatisierten.
kaum gebildet, vielleicht Analphabetin,           arbeiten, bis sie etwa 30.000 oder 60.000      Ohnehin gebe es zu wenige Therapeuten,
arbeitslos, möglicherweise ist sie Gewalt         Euro für Fluchthilfe abgedient haben.          erklären die FRANKA-Mitarbeiterinnen,
ausgesetzt. Vielleicht ist sie auf der Flucht          Seit nunmehr zwanzig Jahren gibt          die versuchen, Betroffene bei Psychoso-
und gerät währenddessen in Gewalt und             es FRANKA, Verein und Fachberatung,            zialen Zentren versorgen zu lassen. „Und
Abhängigkeitsbeziehungen. Oder sie wur-           die „Wege aus der Gewalt“ fördern. Was         wir arbeiten immer ressourcenorientiert“,
de unter falschen Versprechungen ange-            heißt das konkret? „Wir werden von Poli-       sagt eine Beraterin. Sprich: Sie sprechen
                                                  zei, Anwälten oder anderen Institutionen       die Frauen nicht als Opfer an, sondern er-
                                                  gerufen“, erklären die Beraterinnen. Stets     mutigen sie. „Seht, was ihr schon durchge-
INFOS
                                                  fahren sie – zuständig für ganz Nordhes-       standen habt. Ihr seid stark.“
    In ganz Nordhessen bietet die FRANKA          sen, in Südhessen gibt es eine ähnliche
    Fachberatung Information, Beratung und        Institution – vor Ort, suchen die Frauen           Zwanzig Jahre Nothilfe – was hat sich
    Unterstützung für Frauen, die Opfer von       auf. „Wir versuchen, sie allein zu sprechen,   geändert? Da heute viele der Frauen aus
    Menschenhandel zum Zweck der sexuellen        nur dann können sie offen reden“, beto-        den neuen EU-Ländern kommen, können
    Ausbeutung und/oder der Ausbeutung            nen sie. Zur Verständigung ist eine Sprach-    sie ungehindert einreisen und als selbst-
    ihrer Arbeitskraft geworden sind. Am 15.      kundige dabei. Die Frauen erhalten recht-      ständig arbeitend beim Finanzamt ange-
    Mai 2001 begann die Fachberatungsstel-
                                                  lichen Rat, werden medizinisch versorgt,       meldet werden. Ihr Aufenthalt ist dann
    le FRANKA, gefördert vom Hessischen
                                                  geschützt. Kein Fall ist wie der andere; die   formal legal. So hat die Polizei immer sel-
    Sozialministerium mit ihrer Arbeit. Seit
    dem Jahr 2008 wird die FRANKA Fach-
                                                  Frauen sind zwischen 20 und Anfang 60          tener eine Handhabe, eine Frau aus dem
    beratung vom Diakonischen Werk Region         Jahre alt, haben Kinder oder sind allein,      Milieu zu lösen. Viele trauen sich nicht
    Kassel getragen. Der FRANKA e.V., der         manchmal gibt es Ehemänner; aber allen         auszusteigen und machen aus Furcht vor
    die Fachberatung initiiert hat und in den     ist eins gemein: Sie sind sehr verletzbar,     Repressalien keine Aussagen. Viele Tatbe-
    ersten Jahren auch Träger der Arbeit war,     haben Schlimmes durchgemacht, bis sie          stände kommen oft zusammen, Bettelei,
    unterstützt die Fachberatung seitdem als      an die Helferinnen von FRANKA oder an          Organhandel, Menschenhandel, sexuelle
    Förderverein finanziell und mit Öffentlich-   eine andere Stelle des großen Netzwerks        und Arbeitsausbeutung – die Liste ist er-
    keitsarbeit, Lobbyarbeit und Vernetzung       der Frauenhilfe gerieten.                      schreckend. Was braucht FRANKA, um hel-
    mit Kooperationspartnern.                                                                    fen zu können? „Die Beratung muss aus-
    FRANKA e.V.:
                                                      Auch, was nun geschieht, ist indivi-       gebaut werden“, ist die Antwort. 39 Fälle
    franka.verein@dw-region-kassel.de
                                                  duell verschieden. Manche Frau braucht         betreuten sie im Jahr 2020, im laufenden
    FRANKA Fachberatung:
                                                  nur einmal Rat, andere werden über Tage,       sind es bereits 32 bis zum Ende August;
    franka.fachberatung@
    dw-region-kassel.de                           Wochen und Monate betreut und beglei-          gemeinsam haben sie 45 Wochenstunden
    www.dw-region-kassel.de                       tet. „Das fängt manchmal beim Allernö-         zur Verfügung. ●
                                                  tigsten an“, sagen die Frauen – sprich: Es                           Anne-Kathrin Stöber

8        blick in die kirche | MAGAZIN | Oktober 2021
Spuren Wenn das Leben - Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck
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Sie vergab den Mördern ihrer Eltern
Marie Kresbach entkam dem Völkermord an den Tutsi und sagt, Gott habe sie gerettet

M
         arie Kresbach hat als Kind den        ter ein Bekehrungs-
         Völkermord an den Tutsi in Ruan-      erlebnis. Werden
         da überlebt, Familienmitglieder,      Sie manchmal ein-
Freunde und Nachbarn wurden ermordet.          fach für verrückt
Heute lebt sie in Deutschland, ist verhei-     erklärt?
ratet und Mutter. Im Interview erzählt sie     Kresbach: Ich habe
vom Grauen – und wie sie zu Gott fand.         früher so gelebt, als
                                               gäbe es diesen Gott

?  Wenn Sie heute an Ruanda denken,
   welches Bild haben Sie im Kopf?
Marie Kresbach: Die tausenden Hügel,
                                               zwar, aber er wäre
                                               unendlich weit weg.
                                               Als das mit der Stim-
das ist das Markenzeichen von Ruanda.          me geschah, war
Und ich liebe Berge.                           Gott plötzlich sehr

                                                                                                                                                                     Foto: Daniel Biskup
                                               nah. Ich dachte erst:

?   In Ihrem Buch erzählen Sie, dass Sie
    für Ihre Kinderpsychologin ein Bild
gemalt haben, das diese zum Weinen
                                               Das kann nicht sein,
                                               ich träume, ich bilde
                                               mir das ein. Aber ich
brachte. Was war darauf zu sehen?              hatte diese Stimme
Kresbach: Ich sehe es 27 Jahre später          schon einmal ge-
noch vor mir: Ein Mann mit einer Mache-        hört und wegen ihr
te, ganz viel Blut, es liegen tote Menschen    in Ruanda überlebt.
auf dem Boden. Es war ein schreckliches        Diese Stimme gab

                                                                                                                                                Foto: Rahel Täuber
Bild – das, was ich 1994 gesehen hatte.        mir Sicherheit.

?   Sie waren neun, als große Teile Ihrer
    Familie ermordet wurden. Das kann
ein Kind eigentlich nicht verkraften.
                                               ?  Überlebende
                                                  von Massakern
                                               berichten oft von       Dem Grauen entkommen: Marie Kresbach lebt heute mit ihrer Fami-
Kresbach: Eigentlich nicht. In der Welt ei-    Schuldgefühlen,         lie in Esslingen bei Stuttgart
nes Kindes ist erst einmal alles heil; ich     weil sie überlebt
hatte eine wunderschöne Kindheit. Plötz-       haben, andere nicht. Kennen Sie das?              auf sich genommen und dieser Gott bittet
lich wurde die Welt, wie ich sie bis dato      Kresbach: Ja. Die 23 Jahre, bevor ich Je- sogar für seine Feinde um Vergebung. Ich
gekannt hatte, anders. Es ist schwer zu        sus annahm, waren von Schuldgefühlen spürte, wie Gott zu mir sagte: Die Mörder
vergleichen, aber eine ähnliche Erfahrung      geprägt. Auch Hass und Gedanken an haben noch Macht über dich. Ich bekam
haben die Menschen in der Pandemie ge-         Vergeltung haben mein Leben geprägt. ein Zeichen, dass ich die Last am Kreuz
macht: Von heute auf morgen war alles          Ich hätte das nie wirklich getan, aber in abgeben und nicht mehr tragen sollte.
anders. Bei mir war das damals noch här-       meiner Fantasie habe ich mir ausgemalt,
ter. Menschlich ist das kaum auszuhalten.      was ich mit den Tätern tun würde.
                                                                                               ?    Die Vergebung war für Sie selbst
                                                                                                    auch eine Befreiung?

?   Sie quälte die Frage, wie Gott das zu-
    lassen konnte. Was ist Ihre Antwort?
Kresbach: Eine Antwort habe ich nicht.
                                               ?  Sie haben den Mördern Ihrer Familie Kresbach: Absolut. Vergeben heißt aber
                                                  sogar vergeben. Wie geht das?                  nicht: vergessen, nicht mehr weinen, nicht
                                               Kresbach: Es war ein Prozess. An dem Tag, mehr trauern, alles ist in Ordnung. Im Wort
Aber die Frage hatte sich erübrigt, als ich    an dem ich Jesus begegnet bin, war ich Vergebung ist „geben“ enthalten, man ent-
Jesus begegnet bin. Die Frage nach dem         von einer unbeschreiblichen Liebe erfüllt, scheidet, die Last abzugeben. ●
Warum, die mich mein Leben lang ge-            die mich von da an begleitete. Ich bekam                                   Fragen: Olaf Dellit
quält hatte, war nicht mehr relevant, son-     Durst, diesen Gott kennenzulernen und be-
dern die Dankbarkeit war plötzlich ganz        gann, die Bibel zu lesen.
groß. Ich weiß, dass klingt komisch, aber          Es gibt einen Moment, da sagt Jesus:                            Marie Kresbach/
es ist nur mit göttlicher Kraft zu erklären.   „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht,                        Priska Lachmann: Steh
                                               was sie tun.“ Dieser Satz hat sich mir tief                         auf, mein Kind, und geh!

?   Sie beschreiben eine göttliche Stim-       eingeprägt. Ich sah, was Jesus am Kreuz                             Gerth-Verlag 2021,
                                                                                                                   16 Euro
    me, die Sie in Ruanda rettet und spä-      ausgehalten hatte und dachte: Er hat alles

                                                                                     blick in die kirche | MAGAZIN | Oktober 2021          9
Spuren Wenn das Leben - Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck
KIRCHE & GELD

„Wir haben eine Kultur des
vorsichtigen Umgangs mit Geld“
Interview mit Pfarrer Frieder Brack über die Finanzen der EKKW

?   Warum ist eine neue Finanzverfas-
    sung für die Landeskirche nötig?
    Frieder Brack: Das bisherige Vertei-
                                                            ZUR PERSON

                                                                                            Frieder Brack
                                                                                                                ren ihrer Berufstätigkeit oft in höheren Ge-
                                                                                                                haltsklassen angekommen sind. Wenn die-
                                                                                                                se Generation ab 2025 in den Ruhestand
                                                                                            (60) ist Gemein-
lungsverfahren, das im Laufe der Jahre                                                                          geht, werden wir das auch in der Steuer-
                                                                                            depfarrer in
immer komplizierter wurde, haben wir          Foto: medio.tv/Schauderna                     Witzenhausen
                                                                                                                kasse deutlich spüren. Bis 2030 wird so
vereinfacht: Wir schütten künftig pro Mit-                                                  und im Ehrenamt
                                                                                                                auch für die Kirche ein Einnahmerückgang
glied einen definierten Betrag aus. Früher                                                  Vorsitzender des    entstehen. Langfristig jedenfalls sagt die
wurden kleine und große Gemeinden un-                                                       Finanzausschusses   sogenannte Freiburger Studie bis 2060 ein
terschiedlich behandelt. Die Einnahmen                                                      der Synode der      Minus für die Kirchen voraus – 60 Prozent
aus Kirchensteuern wurden im Verhältnis                                                     Evangelischen       weniger Mitglieder und entsprechend we-
50:50 geteilt – eine Hälfte für den lan-                            Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW).        niger Einnahmen.
deskirchlichen Teil, die andere für den ge-                         Dieses Gremium hat in den letzten drei

                                                                                                                ?
meindlichen Teil. Im landeskirchlichen Teil                         Jahren ein neues Finanzzuweisungsgesetz        Mit welchen Zahlen kalkulieren Sie
wurde zum Beispiel auch die Besoldung                               für die Landeskirche erarbeitet, das die       für die Zukunft? Wie sieht der Dop-
                                                                    Verteilung der Kirchensteuern und anderer
und Versorgung der Pfarrer abgebildet, die                                                                      pelhaushalt für 2022/23 aus?
                                                                    Einnahmen an die Gemeinden und Einrich-
in den Gemeinden Dienst tun. Zukünftig                                                                              Brack: Der aktuelle landeskirchliche
                                                                    tungen neu regelt.
gibt es nur noch einen Gesamthaushalt.                                                                          Haushalt liegt bei 273 Millionen Euro.
                                                                                                                Unsere Prognosen für 2022 und 2023

?   Und wie funktioniert das in Zukunft?
       Brack: Die Landessynode muss aus-
handeln, was bestimmte Handlungsfelder
                                                                      »Wir müssen jetzt die
                                                                     Spielräume für sinnvolle
                                                                                                                gehen von einem realen Rückgang mit
                                                                                                                jeweils zwei Prozent minus pro Jahr aus,
                                                                                                                also rund sieben Millionen Euro weniger.
der Landeskirche als Budget bekommen                               Sparentscheidungen nutzen.«                  Dramatisch ist das nicht, aber es wird spür-
und mit welcher Pro-Kopf-Summe Ge-                                                                              bar enger. Deshalb kann man zukunftswei-
meinden und Kirchenkreise bedient wer-                           Brack: Zu Beginn der Coronakrise               sende Entscheidungen nicht mehr auf die
den. Das Geld kommt dann also in einer                      warnte die EKD, die Landeskirchen müss-             lange Bank schieben. Wenn wir erst mit
Summe dort an und die Gremien vor Ort                       ten für 2020 mit fünf bis zehn Prozent              dem Rücken zur Wand stehen, haben wir
müssen entscheiden, wie das Geld in ih-                     Einnahmeverlusten rechnen. Weil wir noch            weniger Spielräume für sinnvolle Sparent-
rer Region eingesetzt werden soll. Die Er-                  von einem Plus im ersten Quartal zehren             scheidungen. Wir müssen sie jetzt treffen.
kenntnis, die dahintersteht: Wir müssen                     konnten, waren wir Ende des Jahres nur
das weniger werdende Geld auf möglichst
einfache und transparente Art nutzen. Das
neue System wird zum 1.1.2022 wirksam.
                                                            ein knappes halbes Prozent im Minus. Na-
                                                            türlich gab es auch Kurzarbeit und Einspa-
                                                            rungen bei Sachausgaben, weil manche
                                                                                                                ?   Welche Maßnahmen wären das?
                                                                                                                       Brack: Bereits 2015 wurden Spar-
                                                                                                                beschlüsse für die EKKW gefasst: 25 Pro-
                                                            kirchliche Arbeit unter den Bedingungen             zent Kürzungen für alle Bereiche, in denen

?   Gibt es Gewinner und Verlierer im
    neuen System?
    Brack: Gerechtigkeit ist ein schwieri-
                                                            des Lockdowns nicht getan werden konn-
                                                            te. Insgesamt sind wir in Kurhessen-Wal-
                                                            deck glimpflich davongekommen.
                                                                                                                es nicht irgendwelche Verträge gab – aus-
                                                                                                                genommen die Jugendarbeit. Seitdem ist
                                                                                                                das Bewusstsein auf allen Ebenen dafür
ges Wort, das habe ich gelernt. Jeder, der                                                                      gewachsen, dass wir auch mit weniger Mit-
einen Euro weniger kriegt, fühlt sich un-
gerecht behandelt. Von allen akzeptierte
Maßstäbe zu finden, ist schwierig. Trans-
                                                          ?     Laut EKKW-Statistik brachte 2020
                                                                einen Mitgliederverlust von 2,2 Pro-
                                                            zent. Das müsste ja eigentlich zu weni-
                                                                                                                teln Kirche sein können. Die Bereitschaft
                                                                                                                zur Zusammenarbeit vor Ort wächst. Dabei
                                                                                                                erweisen sich die neuen Kooperationsräu-
parenter soll das neue System sein, und                     ger Einnahmen führen, oder?                         me zunehmend als nützlich. Darüber hin-
es achtet darauf, dass das Geld möglichst                       Brack: Wir hatten eine außergewöhn-             aus wird der immer noch hohe Bestand an
direkt dahin fließt, wo auch die Verantwor-                 lich gute Konjunktur über einen langen              Gebäuden langfristig nicht zu halten sein.
tung wahrgenommen wird in Kirchenge-                        Zeitraum. Wenn viel gearbeitet und ver-
meinden oder -kreisen.                                      dient wird, zahlen auch die weniger wer-
                                                            denden Mitglieder ja mehr Steuern und in            ?  Wo gibt es noch Sparpotenzial?
                                                                                                                       Brack: Es gibt zum Beispiel ein neu-

?  Wie hat sich die Corona-Pandemie
   auf die Finanzsituation der Landes-
kirche ausgewirkt?
                                                            infolgedessen auch mehr Kirchensteuer.
                                                            Dazu kommt, dass die Angehörigen der
                                                            Babyboomer-Jahrgänge in den letzten Jah-
                                                                                                                es Konzept für die Kirchenmusik, das die
                                                                                                                Arbeitsverhältnisse der Kantoren sichern
                                                                                                                und mit Pop- und Kinderkantoraten gleich-

10    blick in die kirche | MAGAZIN | Oktober 2021
KIRCHE & GELD

zeitig für größere musikalische Vielfalt sor-
gen soll. Gerade sind wir dabei, uns in der
Landeskirche auf allen Ebenen über den          Bischöfin: „Wir schauen nicht zu,
Auftrag der Kirche zu verständigen. Am
Ende müssen dann konkrete Antworten
                                                wir werben um Mitgliedschaft“
stehen: Was sind zukünftig Schwerpunkte
unserer Arbeit? Da muss die Landessynode        EKKW-Statistik 2020: Mitgliederverlust, weniger Taufen, weniger Austritte
für die Landeskirche und jede Region der

                                                D
Landeskirche für ihren Verantwortungsbe-                ie Corona-Pandemie hinterlässt ih-    Jahr 2020 einen Mitgliederverlust von
reich den Weg beschreiben und beschrei-                 re Spuren auch in der Statistik der   2,3 Prozent im Vergleich zu 2019. Aktu-
ten. Entsprechende Anpassungen müssen                   Evangelischen Kirche von Kurhes-      ell beläuft sich die Zahl der evangelischen
dann ihren Niederschlag im übernächsten         sen-Waldeck (EKKW) für das Jahr 2020          Kirchenmitglieder der 20 EKD-Gliedkirchen
Doppelhaushalt finden (2024/2025).              – vor allem mit Blick auf die Taufen: Ihre    auf rund 20,2 Millionen.
Strategische Weichenstellungen dieser Art       Zahl hat sich gegenüber dem Vorjahres-             „Jeder Austritt tut weh, denn er hin-
erhoffe ich im nächsten Frühjahr.               zeitraum nahezu halbiert. Hatte es 2019       terlässt Lücken in der Gemeinschaft und
                                                landeskirchenweit noch 6.123 Taufen ge-       im Solidarnetz“, sagt Bischöfin Dr. Beate

?   Und in welchen Bereichen wird neu
    investiert?
     Brack: Wie gesagt, die kirchliche Ju-
                                                geben, waren es im Corona-Jahr 2020, als
                                                Kontaktbeschränkungen Feierlichkeiten er-
                                                schwerten, nur 3.053 Taufen. Insgesamt
                                                                                              Hofmann mit Blick auf den Gemeindeglie-
                                                                                              derrückgang. Dieser Entwicklung schaue
                                                                                              die EKKW aber nicht tatenlos zu, sondern
gendarbeit ist von Sparzielen ausgenom-         registrierte die EKKW zum Stichtag 31. De-    begreife sie als Herausforderung: „Wir wer-
men. Die Kindertagesstätten werden wie          zember 2020 genau 767.149 Mitglieder          ben um Mitgliedschaft“, unterstrich die Bi-
bisher finanziert, einschließlich der jährli-   und somit einen Verlust von rund 16.800       schöfin.
chen Personalkostensteigerungen – das ist       Gemeindegliedern. Im Vorjahr waren es              Jüngstes Beispiel dafür ist die Tauf-
ein Riesenposten.                               noch 783.980 Gemeindeglieder, berichte-       kampagne der EKKW. Wer getauft ist,
     Wir investieren aber auch in Einzel-       te Vizepräsident Dr. Volker Knöppel.          gehört zur Gemeinschaft der Christen
maßnahmen: Am Edersee wurde gerade                  Die Zahl der Austritte ist zurückge-      und wird in die evangelische Kirche auf-
ein neues Gebäude der „Kirche unterwegs“        gangen: Sie lag 2020 bei 7.037, das           genommen. Mit einem Anschreiben sollen
eingeweiht, in dem Angebote für Urlauber        sind rund 1.200 weniger als im Vorjahr        jene ermuntert werden, die die Taufe des
gemacht werden. Ein Innovationsfond wird        (2019: 8254). Auch der demografische          Nachwuchses beiseitegeschoben haben,
ausgelobt, der jährlich mit einer Million       Wandel ist Grund für den Mitgliederver-       weil die Pandemie das Feiern erschwert
Euro ausgestattet ist. Mit dieser Summe         lust der ländlich geprägten Landeskirche:     hat, erläutert Prälat Bernd Böttner. So ha-
sollen innovative Projekte mit Modellcha-       13.033 Kirchenmitglieder sind im Jahr         be es zuletzt Tauffeste gegeben, etwa im
rakter unterstützt werden. Die Stelle ei-       2020 gestorben; 2019 wurden 12.995            Juli in Kassel, wo bei der Aktion „Kassel
nes/einer Innovationsbeauftragten wird          evangelische Verstorbene registriert. 566     tauft draußen“ 35 Menschen getauft wur-
neu eingerichtet. Sie soll innovative An-       Menschen wurden 2020 neu in die EKKW          den. Gefragt seien ferner neue Formate im
sätze begleiten und vernetzen.                  aufgenommen (2019: 816).                      familiären Kontext wie die „Taufe im Gar-
     Zudem gibt es seit Juni eine Digita-           Mit einem Mitgliederverlust von knapp     ten“. Prälat Böttner zeigt sich optimistisch:
lisierungsbeauftragte, die die Kirche an        2,2 Prozent liegt die EKKW im bundeswei-      „Aufholen braucht Zeit, aber wir gehen es
dieser Stelle voranbringen soll. All dies       ten Trend: Die EKD verzeichnet für das        an.“ ●		                  Pressestelle EKKW
kostet auch Geld, ist aber im Blick auf die
Zukunft gut eingesetzt.

?   Wie steht die EKKW im Vergleich zu
    anderen Landeskirchen da?
    Brack: Auch in dieser Hinsicht sind wir
in Kurhessen-Waldeck „Kirche der Mitte“.
Wir haben eine Kultur des vorsichtigen
Umgangs mit Geld. Wenn ich an die Fi-
nanzkrise 2008 oder auch an die Corona-
krise denke, ist es uns bisher gelungen, sol-
                                                                                                                                               Foto: medio.tv/Schauderna

che Situationen durchzustehen, ohne dass
wir uns von Mitarbeitern trennen oder gra-
vierende Einschnitte vornehmen mussten.
Solche Verlässlichkeit bekommt der Kirche
auf lange Sicht gut. ●

                  Fragen: Lothar Simmank

                                                                                      blick in die kirche | MAGAZIN | Oktober 2021        11
THEMA

Als Pfadfinder auf Spurensuche
Das Abenteuer wartet draußen in der Natur: Manchmal ist es recht anstrengend,
wenn Pfadfinder auf große Fahrt gehen – wie Robin Günkel am Lagerfeuer erzählt

D
       ie Anspannung vor der Reise war       erreichten wir schließlich unser vermeintli-   finder zusammenschweißen. Diese Ge-
       groß: Werden wir morgen alle Zug-     ches Tagesziel. Wir waren bis dahin schon      schichten werden später am Lagerfeuer
       verbindungen erreichen? Sind wir      knapp 20 Kilometer gewandert und raus          erzählt.
rechtzeitig am Ziel in der Unterkunft? Ha-   aus dem Hochgebirge, uns umgaben ledig-            Es muss nicht in weit entfernte Gebir-
be ich alle Papiere zur Einreise dabei?      lich noch die Ausläufer der Berge.             ge für solche Abenteuer gereist werden –
    Wir Pfadfinder suchen das Abenteuer          Allerdings gefiel nicht allen der ausge-   auch im Harz oder in der Rhön sind solche
und versuchen dabei einfach und unter        wählte Schlafplatz, und nach einigen Dis-      Gruppenerlebnisse möglich.
Verzicht zu reisen. Ein Taxi etwa kommt      kussionen entschieden wir uns weiterzuzie-         Mein Tipp: Laden Sie doch einmal Ih-
für uns nicht infrage. Meist übernachten     hen. Wir mussten an diesem Abend noch          re Freunde ein, packen Sie den Rucksack
wir mit und ohne Zelt in der Natur.          zwölf Kilometer wandern, um an einen Ort       – viel mehr als ein paar Wechselklamot-
    Im Sommer 2019 waren wir in der Ho-      zu gelangen, der uns allen zusagte – näm-      ten und ausreichend Proviante braucht es
hen Tatra in der Slowakei und in Polen       lich das Basis-Zeltlager unserer Gruppe.       nicht – und ziehen Sie los in Ihr nächstes
unterwegs. In diesem Hochgebirge leben       Der Weg dorthin war allerdings sehr be-        Abenteuer. Dann können Sie beim nächs-
noch Braunbären, und die meisten Men-        schwerlich. Den Aufstieg vom Morgen in         ten Lagerfeuer sicherlich von ähnlichen
schen sprechen kein Deutsch. Folglich stu-   den Knochen, die schweren Rucksäcke mit        Spuren der Gemeinschaft erzählen. ●
dierten wir vorher zahlreiche Karten und     Essen und Ausrüstung auf dem Rücken
suchten uns Schutzhütten raus, in denen      und die hereinbrechende Dämmerung er-                                       Robin Günkel

                                                                                                                                         Fotos: VCP Kurhessen

Gemeinsam unterwegs im Hochgebirge: Mitglieder des Verbands Christlicher Pfadfinderinnnen und Pfadfinder – Region Kurhessen (VCP)

wir übernachten konnten. In der ersten       müdeten uns. So wurde jeder Schritt zur        VCP
Nacht schliefen wir in einem wunderschö-     Qual. Nur durch gegenseitiges Motivieren
nen naturbelassenen Hochtal mit See und      und Mut zusprechen kamen wir voran. Je-         Im Verband Christlicher Pfadfinderinnen
                                                                                             und Pfadfinder (VCP), der zur Evangeli-
vereinzelten Nadelbäumen. Am nächsten        der Schritt fühlte sich an wie in Zeitlupe.
                                                                                             schen Jugend Deutschlands gehört, sind
Morgen standen wir schon um 4 Uhr auf,           Hätte mir jemand vor dieser Wande-
                                                                                             rund 47.000 Kinder und Jugendliche
um den nahegelegen Zweitausender zu          rung erzählt, dass wir als Gruppe im Gebir-     aktiv. Als Teil einer großen Gemeinschaft
erklimmen. Der Plan war, den Sonnenauf-      ge mit 14-jährigen Jungen und Mädchen           lernen sie spielerisch und mit viel Spaß,
gang auf dem Gipfel zu erleben. Oben an-     eine solche Strecke an einem Tag wandern        Verantwortung zu übernehmen, sich in
gekommen, blieb uns leider der Ausblick      würden – ich hätte es nicht für möglich         die Gruppe einzubringen und ihre eigenen
verwehrt und wir badeten in einem ekeli-     gehalten.                                       Stärken zu entdecken. Fürs Mitmachen
gen, kalten Nebelmeer. Schnell begannen          Dass wir diese Herausforderung als          spielen im VCP weder Konfession,
wir mit dem Abstieg, um der Kälte und        Gemeinschaft geschafft haben, ließ jeden        Geschlecht oder Herkunft eine Rolle.
Nässe zu entrinnen. Nach einem Mittags-      über sich hinauswachsen. Genau diese            www.vcp.de
schlaf und zahlreichen kleineren Pausen      Abenteuer sind die Spuren, die uns Pfad-        www.vcp-kurhessen.info

12    blick in die kirche | MAGAZIN | Oktober 2021
RATGEBER

                          Was mutet mir das Schicksal zu?

                                                                                  Die Telefonseelsorge
                                                                                  versteht sich als ein
                                                                                   niedrigschwelliges
                                                                                  Angebot der Kirche,
                                                                                    das Menschen in
                                                                                   Lebens-, Sinn- und
                                                                                    Glaubensfragen
                                                                                  begleitet und stärkt.

                      S
                             ie ruft nicht zum ersten Mal bei der    Chemotherapie, eine Zeit des Hoffens und              Salome Möhrer-Nolte leitet das Team
Grafik: Adobe Stock

                             Telefonseelsorge an, sondern seit et-   Bangens. Sie begleitet ihren Mann in die-             der TelefonSeelsorge Nordhessen e.V.,
                             wa drei Monaten immer mal wieder.       ser schwierigen Zeit, ist für ihn da. Die bei-        das anonym und kostenlos rund um die
                      Ich bin zum Nachtdienst am Telefon, die        den Kinder sind in der Pubertät, der Sohn             Uhr erreichbar ist unter
                      Zeit, in der die Telefonseelsorge besonders    hat Schwierigkeiten in der Schule, und die            Tel. 0800 111 0 111 und
                                                                                                                           0800 111 0 222
                      gebraucht wird. Ich erkenne die Anruferin*     Frau fühlt sich oft an den Grenzen ihrer Be-
                                                                                                                               www.telefonseelsorge.nordhessen.de
                      an ihrer ganz eigenen Art der Gesprächser-     lastbarkeit. Mittlerweile ist das Schlimmste
                      öffnung: „Haben wir schon einmal gespro-       überstanden. Ihr Mann gilt als geheilt und
                      chen?“ In der Regel ist ein Gespräch mit       kommt langsam wieder zu Kräften.                      Nach einiger Zeit gelingt es uns im
                      der Telefonseelsorge ein einmaliger Kon-                                                        Gespräch, gemeinsam einen Blick auf ih-
                      takt. Bei mehr als 65 ehrenamtlich Mitar-      Ich bin eine „Trotzdem-Frau”                     re Ressourcen und Kraftquellen zu werfen
                      beitenden, die zu unterschiedlichsten Zei-                                                      und dort ganz behutsam anzuknüpfen.
                      ten Telefondienste an der Sorgenhotline            Vor einem halben Jahr passiert etwas,        Nur wenn das Leid und die Trauer Raum
                      übernehmen, ist die Wahrscheinlichkeit         das die mittlerweile 50-Jährige zutiefst er-     haben können und ausreichend gewürdigt
                      gering, wieder auf dieselbe Seelsorgerin       schüttert und bis heute komplett aus der         werden, kann der Blick irgendwann auch
                      zu treffen.                                    Bahn wirft: Ihr 18-jähriger Sohn nimmt           auf Stärkendes gelenkt werden Im Leben
                          Als ich die Frage bejahe, spüre ich, wie   sich das Leben. Neben der Verzweiflung           jeder Person gibt es Ressourcen, das ist
                      die Anruferin aufatmet. Das erspart ihr,       und tiefen Trauer begleitet sie die Frage        meine Erfahrung und tiefe Überzeugung.
                      noch einmal ihre Geschichte erzählen zu        nach dem Warum. „Warum mutet mir das                  Am Ende kommt die Anruferin in die-
                      müssen und noch einmal in das Leid der         Schicksal so viel zu, wieso immer noch           ser Nacht auf eine Idee zu sprechen. Sie
                      vergangenen Zeit einzusteigen.                 mehr?“ All dies zu erzählen und die Ver-         überlegt, ihre Geschichte aufzuschreiben,
                          Ich weiß aus einem vergangenen Tele-       zweiflung und ihre Fragen an das Leben           um anderen Menschen in ähnlichen Situ-
                      fonat, dass sie Schweres im Leben erlebt       und an Gott ausdrücken zu können, war            ationen Mut zu machen. Und da sie gern
                      hat. Ihre Mutter ist gestorben, als sie 15     das, was sie im ersten Telefonat mit der         schreibt, hätte ein solches Projekt auch für
                      Jahre alt war. Sie musste früh Verantwor-      Telefonseelsorge suchte. Großes Leid und         sie selbst eine heilsame Wirkung. Ich ermu-
                      tung übernehmen für ihre jüngeren Ge-          Verzweiflung mit auszuhalten, Worte zu           tige sie dazu. Am Ende des Gesprächs sagt
                      schwister. Nach Schule und Ausbildung          finden für die Erschütterung und den             sie diesen mutmachenden Satz: „Ich bin
                      lernte sie ihren Mann kennen, er ist ihre      Schmerz mitzufühlen, das ist eine der            zwar eine vom Leben gezeichnete Frau mit
                      große Liebe. Zwei Kinder bekommt das           schwersten Aufgaben für unser Team.              Narben, Verletzungen und tiefem Schmerz,
                      Paar. Die Anruferin erzählt von glücklichen        Beim Gespräch in dieser Nacht möch-          aber ich bin auch eine ‚Trotzdem-Frau‘:
                      Familienjahren. Sie findet neben ihrem         te die Anruferin nicht noch einmal in ih-        Trotzdem lebe ich weiter, trotzdem versu-
                      Beruf und der Familienarbeit auch noch         re Geschichte eintauchen. Sie kann nicht         che ich, etwas Gutes aus meinem Leben
                      Zeit, ihrem Hobby, dem Schreiben nach-         schlafen und nicht aufhören zu weinen            zu machen und trotzdem hoffe ich, dass
                      zugehen. Alles in allem gute Jahre, wie sie    und weiß nicht, wie sie sich wieder beru-        es auch für mich immer wieder Momen-
                      berichtet.                                     higen kann. Manchmal braucht es dazu             te gibt, in denen ich aufatmen und mich
                          Dann ein erneuter Schicksalsschlag:        eine andere Person. Wir reden miteinan-          leicht fühlen kann, auch wenn der Schmerz
                      Vor drei Jahren erkrankte ihr Mann an          der, ihre Traurigkeit darf da sein und kann      mich immer begleiten wird.“ ●
                      Krebs. Eine sehr belastende Zeit beginnt:      ausgesprochen werden, das beruhigt sie           * Zum Schutz der Anruferin wurde das Bei-
                      Krankenhausaufenthalte des Mannes,             allmählich.                                      spiel anonymisiert und ein wenig verändert.

                                                                                                           blick in die kirche | MAGAZIN | Oktober 2021        13
RÄTSEL

Gezeichnet – geheilt
Das blick-Rätsel von Karl Waldeck

Kein Mensch ist ein unbeschriebenes Blatt. Bereits Erfahrungen aus frühester Kindheit,
Familie, Schule, später Arbeit und Partnerschaft prägen, auch die Begegnung mit Religion.
Das heutige blick-Rätsel fragt nach Personen der Bibel, die markante, nachhaltige Spuren
des Lebens aufweisen. – Viel Freude bei der Bibellektüre und beim Lösen des Rätsels!

1                                                                     4
      Die Schwiegermutter. Ein kleines Kammerspiel, ein Drei-                 Gezeichnet – geheilt. Blind ist er und muss deshalb
      Personen-Stück ist das biblische Buch Rut – es handelt von              betteln. Als Jesus auf seinem Weg an ihm vorbeikommt,
      Verlust, Zugewandtheit und neuem Glück, auch von interkul-              ändert sich sein Leben mit einem Mal zum Guten. Der
tureller Begegnung. Rut heißt die Namensgeberin des Buches, die       Sohn des Timäus, so wird er im 10. Kapitel des Markusevangeli-
ihrer Schwiegermutter verspricht: „Wo du hingehst, da will auch       ums auch genannt, bittet Jesus um Erbarmen, er ruft nach ihm.
ich hingehen …“ Wie heißt die Schwiegermutter?                        Spannend ist die Frage, die Jesus an den Blinden richtet: „Was
                                                                      willst du, dass ich für dich tun soll?“ So wird auch er Subjekt
LEA                    SARAI                 NOEMI                    und nicht allein Objekt in der Geschichte. Er möchte sehen, und
                                                                      Jesus heilt ihn, so wird berichtet. Von wem ist die Rede?

2
      Gib ihnen einen Namen. Die Namen der Opfer kennen               MATTHÄUS              NIKODEMUS               BARTIMÄUS
      – und nennen! Das wird heute zu Recht gefordert mit Blick
      auf Gewalttaten unterschiedlichster Art. Gesucht wird hier

                                                                      5
der Namen des Opfers des ersten Tötungsdeliktes, von dem die                Tiefpunkt und Neustart. Er konnte austeilen – in Ge-
Bibel berichtet: im 4. Kapitel des 1. Buchs Mose. Sein Bruder, also         danken, Worten und Werken – und musste einstecken. Das
der Täter, ist stärker im Bewusstsein, nicht zuletzt das Zeichen,           ging so weit, dass er fliehen muss und lebensmüde wird.
das man mit ihm verbindet: das zum geflügelten Wort gewordene         Doch Gott richtet ihn auf wundersame Weise auf. Es ist eine der
Kains-Mal. Wir aber fragen nach Kains Bruder, dem zweitgebore-        schönsten Geschichten der Bibel, nachzulesen im 19. Kapitel des
nen Sohn des ersten Menschenpaars Adam und Eva. Wie hieß er?          Königsbuches. Von welchem „Gottesstreiter“ wird dort berichtet?

LOT                     ABEL                  NOAH                    ELIAS           JOSEF                   MOSE

3
       Jakobs große Liebe. In den Geschichten der sogenann-
       ten Erzväter der Bibel (Abraham, Isaak, Jakob) geht es
       ausgesprochen menschlich zu – im Guten wie im weniger
Guten. Hier geht es um Liebe: Erzvater Jakob liebt eine Tochter
seines Verwandten Laban: ein Glück, das lange auf Erfüllung war-                  Senden Sie das Lösungswort
ten muss, so nachzulesen im 1. Buch Mose, Kapitel 29. Wie aber                    bis zum 25. Oktober 2021 (Einsendeschluss)
hieß die Frau, an der Jakobs Herz hing?                                           auf einer frankierten Postkarte an:
                                                                                  blick in die kirche
                                                                                  Heinrich-Wimmer-Str. 4
TAMAR                  HANNA                 RAHEL                                34131 Kassel
                                                                                  oder per E-Mail an: raetsel@blick-in-die-kirche.de

                                                                                Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Redaktion behält sich vor,
Die ersten Buchstaben (in Fettschrift) der richtigen Antworten                  die Namen der Gewinner zu veröffentlichen. Teilnehmende erklären
                                                                                ihr Einverständnis. Namen und Adressen der Einsender werden
von 1 bis 5 ergeben das Lösungswort. Wissenschaftlich wird
                                                                                nicht gespeichert, nicht weitergegeben oder weiterverwendet.
es so definiert: „Als … wird nach Zerstörung des kollagenen
Netzwerks der Haut ein faserreiches Ersatzgewebe (Fibrose)                      Lösungswort des letzten Preisrätsels (Juni 2021) war NATUR.
bezeichnet, das einen Endzustand der Wundheilung darstellt.“                    Gewinner waren Waltraud Strüßmann (Wolfhagen), Anni Möller
Was für den Körper gilt, trifft auch für die Seele zu. Eine Spur                (Kalbach), Hilde Gallenkamp (Edertal), Gudrun Endter
des Lebens kann auch hier eine … sein.                                          (Schmalkalden) und Annegret Wolf (Brotterode).

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