179 Trick-Reich - Region Stuttgart
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179
Das Standortmagazin
der Region Stuttgart
Ausgabe 1/2014
Trick-Reich
Animationen und Effekte aus der Region
Stuttgart erobern die Filmwelt
Wasserdampf statt Dieselrauch
Bioplastik für Biolebensmittel
Blaues Band in OchsenwangMannschaftsspieler
Vom Proberaum auf die Bühne – Benhur, Dani, Moritz und Yannic aus Plochingen haben ein großes Ziel: einen ihrer
Songs im Radio zu hören. Den ersten Schritt haben die vier Jungs von der Deutsch-Indie-Rock Band lift up! schon
geschafft. Beim Rocktest 2014 holten sie sich mit mitreißendem Spaß an der Musik und viel Charisma den ersten
Platz. Der Gewinn ist ein Auftritt beim Lauter-Festival in Zürich. Das Popbüro Region Stuttgart veranstaltet den
Wettbewerb für junge Bands jedes Jahr. Neben dem großen Auftritt in der Schweiz erhalten die vier Finalisten
einen Studioaufenthalt und Werbematerial.
2 179 Das Standortmagazin der Region Stuttgart 1/2014Editorial Inhalt
willkommen
Aktuell 4
Neuigkeiten aus der Region Stuttgart /
Wussten Sie schon, …?
Neu in der Region 5
Wasserdampf statt Dieselrauch
Branchenfokus 6
Von der Bohne zur kalorienreduzierten
Schokolade/ Wachstum durch
Matthias Hangst
Schrumpfen / In Pink und Blau
Titelthema: Animation 8 –15
Trick-Reich 8
Animationen mit Effekt Animationen und Effekte aus der
Region Stuttgart erobern die Filmwelt
Die Region Stuttgart hat sich innerhalb von wenigen Jahr-
zehnten zum veritablen Filmstandort entwickelt – hier Im Gespräch: Ulrich Wegenast 10
entstehen Spielfilme, Fernsehserien, Unternehmensfilme und Dittmar Lumpp
und Computerspiele. Vor allem die Animationsstudios
sind zu weltweit gefragten Partnern für visuelle Effekte Der die Charaktere beseelt 14
und digitale Postproduktion geworden. Absolventen der Michael Ohnewald porträtiert den
Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg Trickfilmregisseur Andreas Hykade
werden regelmäßig für den Oscar nominiert und haben
die begehrte Trophäe bereits mehrfach errungen. Das Wissenschaft 16
Internationale Trickfilm-Festival in Stuttgart ist heute Viel mehr als nur Biogas / Meteorit mit
ebenso wie die parallel stattfindende FMX-Konferenz ein Überraschungen / Kunststoffwände aus
international bedeutender Branchentreffpunkt. Natur / Brennstoffzelle ohne Platin
Innovation 17
Effekte und Animation gehen heute über den klassischen Skateboards statt Gabelstapler / Wer hat‘s
Trickfilm weit hinaus. Auch aus Spielfilmen, in der Werbung erfunden?!
oder aus Imagefilmen sind sie nicht mehr wegzudenken
Existenzgründung 18
und repräsentieren als Schnittstelle von Technologie und
Bioplastik für Biolebensmittel
Kreativität besonders gut die Stärken der Kreativwirtschaft
in der baden-württembergischen Hauptstadtregion. Fachkräfte 20
Vom ersten Semester an präsent / Mitarbeiter
Die hier ansässigen Kreativdienstleister profitieren nicht nur im Unternehmen halten
von Ausbildungsstätten wie der Filmakademie, der Hoch- Freizeit 21
schule der Medien, der Macromedia Hochschule, der Lazi Blaues Band in Ochsenwang / Kalender / Tipps
Akademie oder der Merz Akademie, sondern auch von den Wirtschaftsförderung Region Stuttgart 22
starken Industriefirmen vor Ort, die eine wichtige Kunden- Aktuell
basis bilden. Beide haben einfachen Zugang zur wissen- Sind die ganz dicht? / Termine / Meldungen
schaftlichen Infrastruktur, wie etwa dem Höchstleistungs-
Impressum / Nächste Ausgabe 23
zentrum der Universität Stuttgart, das seine Rechenzeit zum
ersten Mal der Filmbranche zur Verfügung stellt.
Neben ihrem Beitrag zur Wertschöpfung in der Region ist
die Wachstumsbranche Filmwirtschaft auch Bestandteil
eines jungen urbanen Kulturlebens und somit ein wichtiger
weicher Standortfaktor. Mit der Film Commission Region 179 Kommunen – ein Standort.
Stuttgart, einer der ersten Einrichtungen dieser Art in
Deutschland, verfügt die regionale Wirtschaftsförderung
über ein hoch spezialisiertes Team, das Dienstleistungen
für Filmproduktionen in der Region anbietet und den
Filmstandort Region Stuttgart national und international Ludwigsburg
Rems-Murr
vermarktet. Es ist mit ein Verdienst der Film Commission,
dass die Erfolgsgeschichten zustande gekommen sind, von Stuttgart
denen die Titelgeschichte dieser 179-Ausgabe berichtet.
Böblingen Esslingen Göppingen
raumzeit3 | Judith Schenten
Dr. Walter Rogg
Geschäftsführer
Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH (WRS)
179 Das Standortmagazin der Region Stuttgart 1/2014 3Aktuell
VRS / Frank Eppler
100 Jahre Hochschule
Esslingen
Mit einem ganzjährigen Jubiläumspro-
Neue Regional- gramm und einem zentralen Festakt im
Oktober feiert die Hochschule Esslingen
direktorin im Amt
wussten Sie schon,...
ihr 100-jähriges Bestehen. Im Jahr 2014
wurde die Fachschule für Maschinen-
Dr. Nicola Schelling hat im März ihre techniker von Stuttgart nach Esslingen
Arbeit als Regionaldirektorin des Ver- verlegt. Wegbereiter war seinerzeit der
band Region Stuttgart aufgenommen. Fabrikant Paul F. Dick, der bereits ab
Nach Stationen als Richterin und Staats- 1910 den Umzug gefordert hatte. Zum
anwältin in Baden-Württemberg trat Erfolg führten schließlich die großzügigen
die gebürtige Stuttgarterin 2002 in den Spendenbeteiligungen zahlreicher Esslin-
... dass die Notrufnummer 112 als Landesdienst ein, wo sie zuletzt Leiterin ger Bürger sowie der Stadt. Bald kamen
Erstes in der Region Stuttgart des Referats Europapolitik und Ressort- weitere Fachbereiche hinzu, wie zum
flächendeckend eingeführt wurde? beobachter bei der Landesvertretung in Beispiel Feinwerktechnik, Elektrotechnik,
Brüssel war. „Als Richterin habe ich nicht Nachrichtentechnik, Informationstechnik,
Weil der Krankenwagen zu spät ein- nur entschieden, sondern auch Verglei- Fahrzeugtechnik, Gebäudetechnik, Wirt-
traf, kam im Jahr 1969 der neunjährige che geschlossen“, sagte die 46-Jährige schaftsingenieurwesen und Betriebswirt-
Björn Steiger bei einem Autounfall in bei ihrer Vorstellungsrede zur Wahl durch schaft, später die Naturwissenschaften.
Winnenden ums Leben. Seine Eltern die Regionalversammlung im Dezember Ihre heutige breite Ausrichtung bekam
Ute und Siegfried schafften es mit viel 2013. Der Vorsitzende des Verband die Hochschule durch die Fusion der da-
Engagement, dass die Nummern 110 Region Stuttgart, Thomas S. Bopp, freut maligen Hochschule für Technik mit der
und 112 zunächst in der Region Stutt- sich „auf eine gute Zusammenarbeit“. Hochschule für Sozialwesen im Jahr 2006.
gart und dann bundesweit einheitlich
region-stuttgart.org
als Notrufnummern geschaltet wurden. Im Festjahr möchte die Hochschule
Heute gilt die 112 in ganz Europa. hervorheben, dass sie ein Teil der Stadt
Esslingen und ihrer Geschichte ist. Viele
Ganz vorne beim Veranstaltungen sind Gemeinschafts-
IHK-Bildungspreis projekte mit städtischen Institutionen,
zum Beispiel mit dem Kulturamt als lang-
kompakt
Der Rote Faden hilft Beim IHK-Bildungspreis waren Firmen aus jährigem Kooperationspartner.
der Region Stuttgart besonders erfolg-
jedem Kind reich. Drei der fünf Sieger des bundes-
hs-esslingen.de
weiten Wettbewerbs um herausragende
Mit einem bundesweit einmaligen
Konzepte in der Berufsbildung stammen
Fördernetzwerk unterstützt ein Bildungs-
aus der Region Stuttgart: Die Robert
projekt in Kernen im Remstal durch-
Bosch GmbH Verpackungstechnik in
gängig alle Kinder. Seit 2008 begleitet
Waiblingen siegte in der Kategorie Groß- Tourismuswerbung
die Initiative „Der Rote Faden“ Familien,
um deren Kindern einen erfolgreichen
unternehmen über 500 Beschäftigte mit an der Autobahn
einem Konzept zum Auslandseinsatz als
Bildungsweg zu ermöglichen. Derzeit
fester Bestandteil der Ausbildung. Bei Mit fünf wichtigen Sehenswürdigkeiten
werden rund 200 Familien mit und ohne
Firmen unter 500 Beschäftigte machte die wirbt die Stadt Stuttgart entlang der
Migrationshintergrund von der Geburt
August Mink KG in Göppingen mit ihrer Autobahnen 8 und 81 um Touristen.
der Kinder bis hin zum Übergang der
besonderen „Kultur des Mitdenkens“ Auf den neuen Hinweistafeln sind die
Jugendlichen in die Arbeitswelt betreut.
das Rennen. Den Sonderpreis Integration Automobilmuseen von Porsche und
Die Initiative verbindet ehrenamtliches
bekam die Mader GmbH aus Leinfelden- Mercedes Benz, der zoologisch-bota-
und hauptberufliches Bildungsengage-
Echterdingen für ihre interkulturellen und nische Garten Wilhelma, die Mineral-
ment direkt vor Ort. Nach der Geburt
altersgemischten Teams. bäder und der Schlossplatz abgebildet.
informieren geschulte Familienbesucher
140.000 Autos passieren täglich die
über die lokalen Unterstützungsangebo- ihk-bildungspreis.de
Autobahnen rund um die Landes-
te für die Jüngsten. Ein Babytreff schließt
hauptstadt – entsprechend groß ist
die Betreuungslücke zwischen Geburt
der Werbeeffekt.
und Kindertagesstätte. 65 Ehrenamtliche
engagieren sich, während eine Verbin-
dungsstelle der Gemeinde die zentrale
Schnittstelle des Fördernetzwerks bildet.
Für dieses Engagement wurde Der Rote
Faden im bundesweiten Wettbewerb
„Ideen für die Bildungsrepublik“ aus
über 1.000 Projekten ausgewählt und
prämiert.
Stuttgart Marketing
buergernetz-kernen.de
4 179 Das Standortmagazin der Region Stuttgart 1/2014Neu in der Region
Wasserdampf statt Dieselrauch
Bei den Stuttgarter Straßenbahnen sind Busse mit Batterie und Brennstoffzelle unterwegs
dampfend
SSB
Wasserdampf statt Dieselrauch: Das ist seit Anfang März In ihrer Geschichte hat die SSB immer wieder neue An-
bei Linienbussen der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) triebstechnologien ausprobiert. Schon 1979 waren 13
Realität. Statt eines Dieselmotors im Heck haben die Hybridbusse im Stuttgarter Linienverkehr unterwegs, der
Busse Elektromotoren in den Radnaben, die von gleich Strom kam aus rund drei Tonnen schweren Bleibatterien.
zwei Energiequellen gespeist werden: von Brennstoff- Zwischen 1997 und 2003 fuhren 19 dieselelektrische
zellen und von einer Batterie. In den Brennstoffzellen Busse auf der Linie 42, 2003 schließlich schon mal drei
wird aus Wasserstoff und Sauerstoff Strom erzeugt, aus Brennstoffzellenbusse – allerdings noch ohne Batterie.
dem Auspuff kommt als einzige Emission H 2O – reiner „Erprobungspartner für die Industrie bei technologischen
Wasserdampf. Die Kombination mit der Batterie ist die Innovationen zu sein, hat für die SSB seit Jahrzehnten
große Besonderheit der neuen Busse. Nur die Batterie Tradition“, sagt Wolfgang Arnold, der Technische Vorstand
treibt den Elektromotor an, für den Strom, den die der SSB. „Auch bei den Brennstoffzellenhybridbussen
Brennstoffzelle erzeugt, dient sie als Zwischenspeicher geht es jetzt darum, die Praxistauglichkeit im Linienein-
ebenso wie für die zurückgewonnene Bremsenergie. satz zu erproben.“ Die neuen Busse sind Teil des Projektes
So kann die Brennstoffzelle gleichmäßiger und damit S-Presso (Stuttgarter Praxiserprobung von wasserstoff-
materialschonender und effizienter laufen. betriebenen Omnibussen), das aus Bundesmitteln ge-
fördert wird.
Überhaupt ist bei den neuen Fahrzeugen des Typs „Citaro
FuelCell-Hybrid“ von Daimler alles auf Effizienz getrimmt: Wer das Vergnügen einer Dampfbusfahrt erleben möch-
Gegenüber dem Vorgängermodell sind sie um rund te, muss sich derzeit noch auf die Filder begeben: Die
eine Tonne leichter, können mehr Fahrgäste mitnehmen, neuen Busse fahren auf der elf Kilometer langen Buslinie
die Reichweite wurde von 200 Kilometern auf rund 350 79 zwischen Plieningen und Flughafen/Messe. Ab Mitte
vergrößert. Damit kommen sie mit einer Tankfüllung des Jahres rollt dann ein weiterer Bus zehn Kilometer auf
etwa so weit wie ein konventioneller Dieselbus. Und der Buslinie 67 durch Fellbach. Tobias Schiller
die Abwärme der Brennstoffzellen wird im Winter zum
Heizen des Fahrgastraums verwendet. Gegenüber
früheren Modellen sollen die neuen Busse fast um die
Hälfte weniger Wasserstoff verbrauchen.
179 Das Standortmagazin der Region Stuttgart 1/2014 5Branchenfokus
Von der Bohne zur
kalorienreduzierten Schokolade
Auf Maschinen von Bühler Barth aus Freiberg am Neckar entsteht weltweit Süßes
Vor der Industrialisierung war alles Handarbeit: Rösten, Neun Jahre später, zur Jahrhundertwende, erweiterte
Reinigen und Verarbeiten der Kakaobohnen. Auch die Barth seine Maschinenpalette für Kakao- und Kaffee-
industrielle Fertigung von Schokolade folgt im Grund- bohnen um die Kugelröstmaschine Sirocco, die mehr
satz den ursprünglichen handwerklichen Arbeitsschritten. als fünf Jahrzehnte lang der Verkaufsschlager war
Heute jedoch sorgen in der Kakaoproduktion hoch und aufgrund ihrer Langlebigkeit heute noch bei nam-
entwickelte technische Aggregate mit automatisierten haften Schokoladenherstellern in Betrieb ist.
Anlagen für reibungslose Abläufe.
Nachdem sich das Unternehmen jahrzehntelang an
maschinen- und anlagenbau
der Spitze der Maschinenhersteller für die schokoladen-
verarbeitende Industrie behauptet hatte, geriet es
1980 ins Schlingern. Als G. W. Barth die Nachfrage nach
Anlagen mit elektronischer Steuerung nicht bedienen
konnte, folgte die Übernahme durch eine Finanzgruppe
und im Jahr 2007 endlich der Einstieg der Schweizer
Bühler Group – ebenfalls ein international renommierter
Maschinen- und Anlagenbauer für die Lebensmittel- und
Süßwarenindustrie. Unter dem neuen Nahmen Bühler
Barth schaffte man die technische Neuausrichtung auf
Anhieb. Aufgrund des Know-hows bei der Kakaoboh-
nen- und Nussverarbeitung beließ Bühler die Zentrale
und das Kompetenzzentrum für den Bereich Schokolade
und Kakao in Freiberg. Neben Forschung und Entwick-
Bühler Barth
lung verblieben auch der Verkauf, das Engineering sowie
die Fertigung mit einer vergrößerten Produktionsfläche
am Neckar.
Inzwischen gehört die Bühler Barth GmbH mit ihren
Die Bühler Barth GmbH aus Freiberg am Neckar gilt 120 Mitarbeitern wieder zu den Technologieführern,
als weltweit führender Hersteller von Maschinen, wenn es um die optimale Verarbeitung der Kakaobohne
Anlagen und schlüsselfertigen Fabriken für die Verar- zu Kakaomasse, -butter oder -pulver geht. Wie viel das
beitung von Kakao, Nüssen und Getreide für die Süß- Unternehmen von der Schokoladenherstellung versteht,
waren- und Lebensmittelindustrie. „Unsere Maschinen bewies es im Jahr 2012 mit einer unter ernährungs-
zur Kakaoerzeugung werden nach den strengsten wissenschaftlichen Aspekten epochemachenden Inno-
Standards der Lebensmittelhygiene entwickelt“, erklärt vation: der fettreduzierten Schokolade. „20 Prozent
Dr. Tobias Lohmüller, Leiter Forschung und Entwicklung einer Kakaobohne bestehen aus Schale, die sehr ballast-
bei Bühler Barth. „Als Marktführer arbeiten wir eng mit stoffreich ist“, erklärt Dr. Tobias Lohmüller. „Es ist uns
Kunden, Forschungsinstituten und Hygiene-Experten gelungen, ein Verfahren zu entwickeln, das diese Schale
daran, diese Standards permanent zu verbessern, doch in wertvolle Kakao-Ballaststoffe verarbeitet. Als fett-
es ist vor allem die jahrzehntelange Erfahrung und das armer Kakaopuder kann er der Schokolade beigefügt
Wissen um die schonende und effiziente Kakaoverar- werden, die dann bei gleichem Geschmack weniger
beitung, die unsere Kunden so an uns schätzen.“ Kalorien enthält.“ Sonja Madeja
Im Jahr 1890 von Georg Wilhelm Barth als Fabrik für
Patent-Sicherheits-Röster G. W. Barth in Ludwigsburg
gegründet, spezialisierte sich das Unternehmen zu-
nächst auf das Rösten von Getreide und entwickelte
im Jahr 1891 den ersten Sicherheitskugelröster.
Bühler Barth GmbH
Gründungsjahr: 1890
Sitz: Freiberg am Neckar
Mitarbeiter: 120
buhlergroup.com/cocoa-and-nuts
6 179 Das Standortmagazin der Region Stuttgart 1/2014Branchenfokus
Wachstum durch Schrumpfen
maschinenbau
Bilz aus Ostfildern entwickelt und produziert
Qualitätswerkzeuge für die Spanntechnik
Weltweit wird kaum ein Motorblock Transferstraßen. Mithilfe seiner Frau,
hergestellt, ohne dass die Bilz Werkzeug- die Englisch sprach, wagte Otto Bilz
fabrik GmbH daran beteiligt ist. In unmit- den Sprung nach Nordamerika. Die Zu-
telbarer Nähe von Daimler und Porsche sammenarbeit mit mehreren US-Firmen
Bilz
hat sich das Familienunternehmen seit gipfelte in einer weiteren Innovation,
bald 100 Jahren auf Qualitätsspannmittel der Entwicklung eines Futters für
spezialisiert und sich zum zuverlässigen NC-Maschinen im Jahr 1960. Solche „Hochgeschwindigkeitsmaschinen
Innovationspartner der Automobil- Maschinen wurden in Europa noch kommen ohne Schrumpftechnik nicht
industrie und der Werkzeugmaschinen- nicht gebaut – Bilz war seiner Zeit weit mehr aus, das Schrumpfen ist in der
branche entwickelt. Heute gilt Bilz als voraus. Automobilindustrie, im Flugzeugbau und
weltweit führender Hersteller von Spann- im Formenbau zu einer festen Größe
werkzeugen für Gewindeschneid- und Mit der Einführung der Schrumpf- geworden“, erklärt Michael Voss. So ist
Höchstleistungswerkzeuge: „Unseren spanntechnik schaffte die dritte Gene- die Technologie zum zweiten Standbein
Erfolg verdanken wir der kontinuierlichen ration – die Brüder Reiner und Axel – im des Unternehmens geworden und macht
und konsequenten Neu- und Weiter- Jahr 1998 den Einstieg in die Luft- und 40 Prozent des Gesamtumsatzes aus.
entwicklung unserer Produkte sowie Raumfahrt sowie in die Medizintechnik.
dem Gespür für Innovationen und für Bei diesem Verfahren wird das Werk- Heute entwickeln und produzieren 150
die Anforderungen der Kunden“, erklärt zeug in wenigen Sekunden erhitzt und Mitarbeiter in den Werken Nellingen
Geschäftsführer Michael Voss. die Bohrung aufgeweitet, so dass und Horb sowie 180 Mitarbeiter in Asien
das Werkzeug eingesetzt werden kann. modernste Lösungen zur Werkzeug-
1950 gelang Otto Bilz, dem Sohn des Beim anschließenden Kühlvorgang spannung für Kunden in 33 Ländern.
Gründers Hermann Bilz, der große Durch- schrumpft die Bohrung wieder und Mit fünf Tochterunternehmen und
bruch mit der Erfindung des Schnell- spannt Spannzange und Werkzeug fest 58 Vertretungen liegt der Exportanteil
wechselfutters für Mehrspindler- und zusammen. von Bilz bei 45 Prozent. (som)
bilz.de
In Pink und Blau
verlagswirtschaft
Blue Ocean aus Stuttgart ist der Senkrechtstarter unter den Kinderzeitschriftenverlagen
Erst seit acht Jahren gibt es die Stuttgar- zenten oder Spielzeugherstellern zu der Eltern zu genügen, die letztendlich
ter Blue Ocean Entertainment AG, entwickeln und zu verlegen – wie bei- die Käufer sind“, erläutert Simon Peter.
doch sie gehört bereits zu den umsatz- spielsweise Lego, Diddl, Power Rangers, „Wir betreiben ernsthafte Kinderunter-
stärksten deutschen Kinder- und Jugend- Playmobil, Käpt’n Sharky oder Shaun haltung mit allem, was dazugehört. Vor
magazinverlagen. Im Sommer 2006 das Schaf. Dabei müssen die Spielzeuge, allem wecken wir die Freude am Lesen
erschien das erste Lillifee-Magazin, in Sammelfiguren, TV-Serien, Hörspiele oder und fördern Kreativität und Motorik.“
den darauffolgenden Jahren das Play- Buchreihen eins zu eins in die Inhalte von Themen, Gestaltung, Illustrationen, der
mobil-Magazin, Horseland, Bella Sara, Kinderzeitschriften überführt und mit Umfang der Beiträge, das Sprachniveau
Frag doch mal die Maus, Löwenzahn dem jeweiligen Lizenzgeber abgestimmt und die Schriftgröße müssen kindge-
und viele weitere Hefte. werden. „‚Die Sendung mit der Maus‘ ist recht sein. Bildergeschichten, Tierseiten,
zwangsläufig anders als ein Frag-doch- Ausmalbilder, Poster, Rätsel, Basteleien
Die Idee der Gründerinnen Heidi Freiner mal-die-Maus-Heft, denn in unserem Fall und die obligatorische Produktzugabe
und Sigrun Kaiser war es, Kinder- und findet eine ganz andere Art von Wissens- – Spielzeug, Schmuck oder Kosmetik –
Jugendzeitschriften auf der Basis von vermittlung statt, die an das Medium ergänzen das redaktionelle Grundthema
Lizenzen von Buchverlagen, TV-Produ- Print angepasst ist“, erklärt Simon Peter, des jeweiligen Heftes.
Chefredakteur der Hälfte des Blue-
Ocean-Portfolios. Blue Ocean ist der wachstumsstärkste
junge deutsche Verlag der vergangenen
Mit Einfühlungsvermögen für die jeweili- zehn Jahre. Von den Top 25 der Kinder-
gen Zielgruppen erarbeiten die 72 Verlags- zeitschriften entfallen im Einzelverkauf
mitarbeiter Konzepte und Inhalte. „Unsere 13 auf das Stuttgarter Verlagshaus. Dies
oberste Priorität ist es, die Träume und beeindruckte auch den Burda-Konzern,
Gross-Gruppe
Wünsche der Kinder zu erfassen und ihre der jetzt 50,1 Prozent der Anteile über-
Erwartungen an die Hefte zu erfüllen, nommen hat. (som)
gleichzeitig aber auch den Ansprüchen
blue-ocean-ag.de
179 Das Standortmagazin der Region Stuttgart 1/2014 7Max Lang und Jan Lachauer, Absolventen der Filmakademie Baden-Württemberg, haben den Hexenbesen im Ludwigsburger Studio Soi zum Fliegen gebracht. Für die visuellen Effekte in „Für Hund und Katz ist auch noch Platz“ sind sie mit einer Nominierung für den Oscar 2014 geadelt worden. Zuvor war das schon anderen Produktionen mit Ludwigsburger Beteiligung gelungen. Zwei Mal haben Abgänger der renommierten Hochschule die begehrte Trophäe sogar errungen: 2006 mit dem Science-Fiction-Film „Independence Day“ des Exil-Sindelfingers Roland Emmerich sowie 2012 mit „Hugo Cabret“ von Martin Scorsese. Hinzu kommen zwei Studenten-Oscars.
Titelthema: Animation
Animationen und Effekte aus der Region Stuttgart erobern die Filmwelt
Trick-Reich
Nicht nur im Popcorn-Kino werden digitale Welten geschaffen. Das Arbeitsfeld der Animationsprofis ist
inzwischen wesentlich weiter gefasst – und hat eine lange Tradition in der Region Stuttgart. Eine Geschichte
über kreative Keimzellen, internationale Erfolge und wachsende Chancen.
Ein Donnerstagnachmittag in einem der herrschaftlichen
Sandsteinhäuser am Fuße der Stuttgarter Karlshöhe. Die
Sonne scheint frühlingshaft, doch in den Räumen von
M.A.R.K.13 verbannen halb heruntergezogene Rollläden
das Tageslicht. „Sonne ist bei unserer Arbeit eher hinder-
lich“, sagt Dominique Schuchmann, einer der drei Ge-
schäftsführer des Studios für Animation, 3D und Visual
Effects. Hoch konzentriert sitzen die Profis an ihren Bild-
schirmen und arbeiten an aktuellen Projekten – hier in
der Hohenzollernstraße beispielsweise an Imagefilmen
für Mercedes Benz Trucks und Audi oder an Effekten für
Studio 100 Media, Buzz Studios
das multimediale Projekt Netwars über Datensicherheit
im Netz. „Wir sind quasi zweigeteilt. Hier entstehen
Realfilme, Imagefilme oder auch technische Filme für die
Industrie und in der Innenstadt sitzen unsere Animations-
jungs“, erklärt Schuchmann. Im Büro in der Theodor-
Heuss-Straße wird derzeit dafür gesorgt, dass Biene
Majas „Fell“ schön fluffig aussieht, bevor sie demnächst
in 3D im Kino zu sehen sein wird.
titelthema
Laien denken beim Stichwort Animation und Visual Ein Großrechner bringt die Biene
Effects an animierte Kinderfilme oder fantastische Welten zum Fliegen
wie in „Der Herr der Ringe“ oder „Avatar“. Profis wie die
von M.A.R.K.13 werden heute aber überall gebraucht: M.A.R.K.13 deckt einen Großteil der Medienformate
In jedem Musikvideo, jeder Fernsehwerbung steckt ab – als eines der wenigen Büros in der Region Stuttgart,
die Arbeit der Experten – sei es in Sachen visueller Nach- die sich breit aufgestellt haben. „Dementsprechend sind
bearbeitung, die eine Filmsequenz noch schöner, das wir auch in diversen Disziplinen vertreten: klassische
sonnige Wetter noch beglückender, die bunten Farben Animation und Zeichentrick, Visual Effects, 3D, Real-
noch leuchtender wirken lässt. Seien es Hintergründe drehs, Postproduktion, Compositing und vieles mehr“, so
oder Kulissen, die im Nachhinein zusammen- oder hinzu- Schuchmann, der selbst Animation an der Filmakademie
gefügt, verschönert oder ausgetauscht werden. Sei es Baden-Württemberg in Ludwigsburg studiert hat und
das beworbene Bonbon oder der mutige Superheld, anschließend blieb. Gemeinsam mit Armin Gauß von
die dank der Profis besonders effektvoll und ästhetisch der Merz Akademie schloss er sich 2004 M.A.R.K.13 an,
durch die Luft fliegen. Kaum ein Bewegtbild ist mehr un- gegründet 1999 von Holger Weiss. „Anfangs waren wir
bearbeitet, auch wenn der Zuschauer das kaum bemerkt. ausschließlich Dienstleister für klassische Animation und
Magic Light Pictures
„Wenn man nicht sieht, was wir in monatelanger Kleinst- Postproduktion, dann haben wir unser Portfolio und
arbeit geleistet haben, ist das Ziel erst erreicht“, so unseren Kundenkreis erweitert.“ Die ersten Projekte für
Schuchmann. Und die Branche entwickelt sich wahn- große Firmen entstanden und M.A.R.K.13 wurde zu einer
sinnig schnell. Während sich die Firmen weltweit mit angesehenen Anlaufstelle für Imagefilme. Inzwischen
immer aufwändigeren Effekten und immer realistischer liest sich das Portfolio des Studios sehr variantenreich:
wirkenden Animationen übertrumpfen, entstehen Musikvideos für Rammstein, klassische Werbefilme zur
gleichzeitig auch immer neue Betätigungsfelder, bei- Suchtprävention oder für Autos, Imagefilme für hier
spielsweise in den Bereichen Games und Apps. ansässige Unternehmen, Animationsfilme wie „Ritter
Rost“ oder die „Biene Maja“.
179 Das Standortmagazin der Region Stuttgart 1/2014 9Titelthema: Animation
Prof. Ulrich Wegenast und Dittmar Lumpp
im gespräch
179: Wie erklären Sie sich die Erfolgs- Welche Rolle spielen Einreichungen Sie sind viel mit Präsentationen und
geschichte des ITFS von den Anfängen aus der Region? Vorlesungen in der Welt unterwegs.
als kleine Nischenveranstaltung zu Was kann die Region Stuttgart im
einem weltweit beachteten Festival? Lumpp: Das ITFS hat sich schon früh Vergleich noch lernen?
Film- und Medienfestival gGmbH
auch als Schaubühne für hiesige Produk-
Lumpp: Beim ITFS werden alle As- tionen gesehen. Dieser Trend hat sich Wegenast: Präsentationen des Trickfilm-
pekte des Animationsfilms präsentiert: mit den stark verbesserten Förder-Rah- Festivals und Programme aus der Region
künstlerischer Kurzfilm, Kindertrickfilm, menbedingungen in Baden-Württemberg Stuttgart führen uns zum Beispiel nach
Werbung, oscarnominierter Blockbuster. natürlich verstärkt. Das ITFS profitiert von Sapporo oder Harare, Toronto oder
Und wir bringen jedes Jahr neue The- den zahlreichen Produktionen aus dem Tampere. Dabei wird mir immer wieder
men. So stehen zum Beispiel Animation Land, die wiederum eine glänzende Rolle deutlich, wie gut die Region Stuttgart
und Games in immer engerem Zusam- im weltweiten Vergleich spielen. wirtschaftlich, technologisch und kulturell
menhang. Deswegen bauen wir dieses aufgestellt ist. Gerade in Ländern wie
Jahr unter dem Motto „Let’s Play!“ die Wird bald ein Höhepunkt in Sachen Simbabwe oder Armenien kann man von
Gamezone deutlich aus – mit Präsentati- technischer Innovation und Qualität den Menschen lernen, dass eine gewisse
onen von Gamesexperten und Vertre- erreicht sein? Risikobereitschaft und Leidenschaft not-
tern großer und kleiner Spielefirmen. wendig ist, um voranzukommen.
Lumpp: Die technische Entwicklung
Sie und Ihr Team haben dieses Jahr ist ein stetiger Prozess, der nie zum Und umgekehrt: Was kann die Welt
2.300 Einreichungen gesichtet. Was Stillstand kommt. Wir haben in den hier lernen?
macht einen guten Animationsfilm vergangenen 20 Jahren die totale Um-
aus? stellung vom analogen Film zu digitalen Wegenast: Von der Region Stuttgart
Filmformaten erlebt. Damit war eine
kann man möglicherweise lernen, dass
Wegenast: Eine Formel lässt sich nicht revolutionäre Änderung der Produkti-
es bei aller positiven wirtschaftlichen
pauschal festlegen. Der eine zeigt die onsabläufe verbunden. Natürlich gibt es
Entwicklung entscheidend ist, nicht
gesamte Palette an technischen Möglich- immer wieder neue technische Trends,
keiten, ein anderer besticht durch mini- wie zuletzt die 3D-Technik. Es ist aber stehen zu bleiben und sich auf dem bisher
male Zeichnungen. Wichtig ist sicherlich, auch ein wichtiger Trend, dass wir heute Erreichten auszuruhen. Gerade der Wan-
dass Inhalt und Konzept originell sind. wesentlich häufiger über Inhalte, Storys, del von einem reinen Industriestandort
Es gibt aber auch sehr emotional auf- Gestaltung et cetera sprechen als über in Richtung IT-Technologie und Kreativ-
wühlende Filme. Vielleicht lässt sich zu- rein technische Fragen. wirtschaft scheint in der Region gut zu
sammenfassend sagen: Ein guter Trickfilm funktionieren. Old und New Economy
muss faszinieren, neue Impulse setzen, ergänzen sich hier sehr gut.
sein Thema anschaulich machen.
titelthema
Wenn das gelbschwarze Insekt ab dem kommenden zu träumen. Echte und anspruchsvolle Trickfilmkunst kam
Herbst über die Kinoleinwände fliegt, ist dies nicht zu- damals fast ausschließlich aus Osteuropa und insbeson-
letzt einem der schnellsten Rechner Europas zu verdan- dere aus Prag. In den dortigen Trickfilmstudios erwarb
ken. Normalerweise nutzen Wissenschaftler das Höchst- Ade das theoretische und praktische Rüstzeug für die
leistungsrechenzentrum (HLRS) der Universität Stuttgart Gestaltung von Animationsfilmen – was zur Gründung
für ihre Forschungen oder große Industriefirmen für die einer Arbeitsgruppe für Animationsfilm an der Universität
Entwicklung von Autos und Maschinen. „Animationsfil- Wuppertal, der Teilnahme an Filmfestivals und ersten
me in der heutigen Detailgenauigkeit erfordern extrem Aufträgen in der Wirtschaft führte. Nach seiner Berufung
lange Rechenzeiten. Dafür bräuchte ein normaler PC an die Kunstakademie Stuttgart als Leiter einer Klasse für
Jahrzehnte“, sagt Dr. Andreas Wierse, Geschäftsführer Grafikdesign im Jahr 1977 übernahm er 1980 auch dort
der Sicos BW GmbH, die Firmen Zugang zum HLRS und den Auftrag zur Gründung einer Klasse für Trickfilm.
anderen Großrechnern verschafft. Für die Stuttgarter
Filmproduzenten ist der Superrechner vor der Haustür ein
unschätzbarer Vorteil – und ein Novum dazu: „Erstmals Von Äffle und Pferdle zu fantastischen
weltweit wird eine derart bedeutende wissenschaftliche Welten
Rechnerstruktur für die Unterhaltungsindustrie genutzt“,
betont Wierse den Pioniercharakter der Kooperation. „Die Anfänge an der Kunstakademie waren schwierig,
vor allem auch wegen der zögerlichen Beschaffung
Einer der Pioniere für die Entwicklung des Animations- geeigneter Technik und der immensen Kosten für eine
films ist auch Professor Albrecht Ade, Gründer der Film- Filmproduktion“, so Ade. Trotz des hohen Arbeitsauf-
akademie Baden-Württemberg. Als er gemeinsam mit wands – in der prädigitalen Zeit mussten für eine Minute
seinen Studierenden begann, Trickfilme zu produzieren, Zeichentrick bis zu 280 Bilder auf Folie gezeichnet
wagte noch kaum jemand von einer digitalisierten Welt werden – versammelten sich in der Studiengruppe nach
10 179 Das Standortmagazin der Region Stuttgart 1/2014Titelthema: Animation
Prof. Ulrich Wegenast Die Film- und Medienfestival gGmbH
wurde 2000 gegründet. Gesellschafter
Künstlerischer Geschäftsführer
sind die Filmakademie Baden-Württem-
der Film- und Medienfestival
berg, die Wirtschaftsförderung Region
gGmbH in Stuttgart
Stuttgart GmbH sowie die Städte Stutt-
gart und Ludwigsburg. Die Gesellschaft
Dittmar Lumpp ist Veranstalterin des Internationalen
Geschäftsführer Organisation und Trickfilm-Festivals Stuttgart und von
Finanzen der Film- und Medien- Raumwelten, Co-Veranstalterin von
festival gGmbH in Stuttgart NaturVision sowie an weiteren Events
beteiligt.
Das ITFS wird auch getragen von der
regionalen Wirtschaftsförderung. Wie
sehen Sie die Verbindung von Kultur-
und Wirtschaftsförderung?
Lumpp: In früheren Jahren wurden diese
Begriffe als Gegensätze diskutiert – auf
der einen Seite die Hochkultur, auf der
anderen Seite die Wirtschaftsanwen-
dungen. Gerade der Bereich Animation
beweist, dass diese Gegensätze heutzu-
tage anachronistisch sind. Die Erfolgs-
geschichte des ITFS zeigt, wie sich eine
kulturelle Förderung auf die dynamische
Film- und Medienfestival gGmbH
wirtschaftliche Entwicklung der Animati-
onsbranche in der Medienregion Stuttgart
positiv ausgewirkt hat.
Die Fragen stellte Valérie Hasenmeyer
und nach 20 hoch motivierte Trickfilmer. Wer sich dafür positive Zukunft des Animationsfilms in Stuttgart zumin-
einschrieb, war absoluter Liebhaber und Idealist, denn es dest erahnen. Und sich beim Trickfilmfestival davon über-
gab damals weder eine Finanzierung noch Sponsoren. zeugen, dass das Potenzial weit über „Tricks for Kids“ und
Dennoch blieb Ade hartnäckig – und gründete 1982 das „Äffle und Pferdle“ hinausging. Das brachte dem Festival
Internationale Trickfilm-Festival Stuttgart (ITFS). „Mit der bereits 1988 mehr als 15.000 Zuschauer. Die 1990er-
Namensgebung haben wir hoch gegriffen, im ersten Jahre entfalteten schließlich vor allem mit der Digitalisie-
Jahr gab es kaum internationale Beiträge“, sagt Ade und rung einen Boom der Filmtechnik und der Animation,
lacht. Trotz eines recht bescheidenen Starts im kleinen der digitalen Vertonung sowie der digitalen Gestaltung
Saal des Stuttgarter Landespavillons wich man bald auf von visuellen Effekten als völlig neue Sparte. Jetzt konnte
die wesentlich größere Reithalle aus. „Ein Wagnis nicht schneller, günstiger und auch qualitativ hochwertiger
ohne Risiko“, erzählt Ade. „Wir wurden aber durch das produziert werden. Das Trickfilmfestival stieg gleichzeitig
Stuttgarter Publikum belohnt. Die Reithalle mit ihren zu einem der weltweit wichtigsten Festivals auf und ist
800 Sitzplätzen war schon am ersten Abend ausverkauft.“ bis heute zusammen mit der Fachkonferenz FMX (Kasten
Es folgten zahlreiche Einladungen zu internationalen S. 12) ein weltbekannter Anziehungspunkt sowohl für
Festivals; das Institut für Auslandsbeziehungen präsen- Fachbesucher als auch für Filmfans (Interview oben).
tierte in 20 Goethe-Instituten weltweit die Ausstellung
„Junger Trickfilm in der Bundesrepublik Deutschland“
mit 15 Werken, die überwiegend aus Stuttgart kamen. Die Wüste bewässern
„Wir wussten zunächst nicht wirklich, wie wir im inter- Und schließlich war 1990 auch die Zeit reif für die Grün-
nationalen Vergleich standen“, so Ade. Als aber wichtige dung der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigs-
Preise von großen Festivals nach Stuttgart gingen, konn- burg. „Es brauchte die Lehre als unterfütternde Basis, um
ten Trickfilmer und das Kinopublikum der Region die zu erreichen, dass sich auch die entsprechenden
179 Das Standortmagazin der Region Stuttgart 1/2014 11Titelthema: Animation
erfolgreich. Was damals Tricksequenzen für Tom Tykwers
„Lola rennt“ waren, sind heute Animationen für „Der
Grüffelo“ und „Ritter Rost“ oder Effekte für Martin Scor-
seses oscargekrönten „Hugo Cabret“ und den Emmy-
Preisträger „Game of Thrones“. Die Industrieregion und
die allgegenwärtige Digitalisierung tun ihr Übriges, um
die Auftragslisten der Studios zu füllen. „Von diesen
Entwicklungen und den gut funktionierenden Synergien
profitiert nicht nur die Kreativwirtschaft“, sagt Dr. Walter
Rogg, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Region
Stuttgart GmbH. „Industriekunden finden den passenden
titelthema
Dienstleister in der Nähe, und beide profitieren von der
wissenschaftlichen Infrastruktur und den hervorragenden
Ausbildungsstätten.“
Ohne Wissenschaft keine Kunst
Look Effects
Nicht nur an der Filmakademie werden diese Fortschritte
durch junge Ideen in Gang gehalten. Schon vor mehr
als 30 Jahren wurde an der heutigen Hochschule der
Medien der Studiengang Audiovisuelle Medien gegrün-
Firmen hier ansiedeln“, sagt Ade über die Idee, eine det in der Absicht, Technik für Fernsehen, Film und
Filmhochschule zu gründen, die mitunter als „fixe Idee andere neue Medienformen entwickeln zu können. Hier
eines Professors und eines Ministerialrats, die Wüste zu leitet Prof. Dr. Bernd Eberhardt inzwischen ein vom Land
bewässern“ abgetan wurde. Doch die vermeintlichen Baden-Württemberg neu eingerichtetes kooperatives Pro-
Fantasten entwickelten einen Plan für die Struktur dieser motionskolleg. Zusammen mit Prof. Dr. Thomas Ertl von
Institution, der die rasante Entwicklung der Medien vor- der Universität Stuttgart und Prof. Dr. Andreas Schilling
wegnahm und mit der Einrichtung einer gut ausgestat- von der Universität Tübingen betreut er eine Gruppe von
teten Animationsabteilung gleichzeitig die vorhandenen Promotionsanwärtern im Bereich DigitalMedia Production.
Stärken der Region als Alleinstellungsmerkmal positio- „Es geht beispielsweise um die Simulation von Sand,
nierte. Heute haben die Filmakademie und vor allem das Wasser oder Nebel“, sagt Eberhardt und zeigt auf den
Animationsinstitut als Ausbilder eine Vorreiterrolle und Bildschirm eines Studenten. Nach einem Klick rieseln
sind international hoch im Kurs. Auch das anvisierte Ziel, virtuelle Körner durch eine Sanduhr. „Herauszufinden,
die Region Stuttgart durch hier gegründete Animations- wie man solche Bewegungen berechnet und visualisiert,
studios zu bereichern, wurde so Wirklichkeit. Mit dem ist angewandte Wissenschaft. Es müssen physikalische,
Studio Film Bilder hatte Thomas Meyer-Hermann 1989 als meteorologische oder auch biologische Gesetze berück-
einer der ersten Studenten Ades an der Kunstakademie sichtigt und manchmal vereinfacht werden, um nach
bereits den Grundstein gelegt, etwas später unterstützt diesen Verhältnissen Bewegungen, Schatten, Farbe und
von Filmakademie-Absolvent Andreas Hykade (Porträt S. Licht für unsere Bilder und Visualisierungswerkzeuge
14). Firmen wie unexpected, Mackevision, M.A.R.K.13, berechnen zu können“, so der Mathematiker. „Ohne
Studio Soi und Pixomondo folgten – und sind bis heute Wissenschaft keine Kunst!“ Laut Eberhardt sind sicher
Internationale Konferenz für Animation, Effekte, Games und Transmedia (FMX)
Die FMX ist die führende und einfluss- Begleitend präsentieren Softwarefirmen
reichste europäische Fachkonferenz für ihre Neuentwicklungen, es gibt einen
digitales Entertainment, veranstaltet vom großen Stellenmarkt, Hochschulpräsen-
Institut für Animation, Visual Effects und tationen und eine Ideenbörse. Im Jahr
digitale Postproduktion der Filmakade- 2014 legt die FMX ihren Schwerpunkt
mie Baden-Württemberg. Leitmotiv der auf Echtzeit, Virtuelle Produktion und Im-
englischsprachigen Konferenz ist die Kon- mediate Feedback. Gemeinsam mit dem
vergenz von Film, Fernsehen, Computer, gleichzeitig stattfindenden ITFS und dem
Spielekonsolen und mobilen Endgeräten. Branchentreff Animation Production Day
Künstler, Wissenschaftler, Produzenten macht die Konferenz Stuttgart zu einem
und andere Spezialisten berichten über der größten und wichtigsten Treffpunkte
neue Projekte, Entwicklungen und Ideen. der Animationsbranche.
fmx.de
12 179 Das Standortmagazin der Region Stuttgart 1/2014Ronny Schoenebaum
90 Prozent der Bilder eines Spielfilms heutzutage digital duktionsstandort attraktiver zu werden. „Wenn die
bearbeitet, wenn nicht sogar mehr. Die Frage, ob man Branche wächst, können wir außerdem wiederum den
glaubt, was man sieht, stellt sich kaum mehr – so real Brückenschlag zurück zur Ausbildung stärken und den
wirkt die abgebildete Welt. Inzwischen kann man von zahlreichen Talenten, die hier jedes Jahr die regionalen
der Realisierung eines Holodecks wie in Star Trek, das Hochschulen verlassen, mehr Perspektiven bieten“,
beliebige Umgebungen mit allen Sinnen erfahrbar macht, so Trautz.
träumen. Um solche Zukunftsvisionen, neue Untersu-
chungsergebnisse und -probleme geht es auch, wenn Erste Früchte sind längst geerntet. Für die Effekte in Wes
sich die Teilnehmer der unterschiedlichen Hochschulen Andersons neuem Film „The Grand Budapest Hotel“, mit
im Promotionskolleg treffen. „Der Austausch zwischen dem dieses Jahr die Berlinale eröffnet wurde, hat sich
Wissenschaft und Praxis ist wahnsinnig wichtig und beispielsweise das bislang in den USA ansässige Studio
bringt interessante Ergebnisse, sowohl für die reine Look Effects Unterstützung bei den LuxxStudios in
Wissenschaft als auch für die entstehenden digitalen Stuttgart geholt – und sich in deren Räume eingebucht.
Medien“, so Eberhardt. „Wir konnten ganz unkompliziert in den Büros der Kolle-
gen unterkommen – und so auch wunderbar zusammen-
arbeiten“, sagt Henrik Fett, einer der Gründer von Look
Gemeinsam mit der Konkurrenz Effects. In Süddeutschland geboren und ausgebildet, hat
er nach dem Studium ein Büro in Los Angeles gegründet,
Für die geballte Nutzung vereinter Kräfte sorgt auch um jetzt quasi wieder zurückzukommen. „Wir kannten
das Animation Media Cluster Region Stuttgart. Es wurde die Region Stuttgart als Standort für Animation so gut
im Jahr 2008 von der MFG Filmförderung mit finanzieller wie gar nicht und waren mehr als angenehm überrascht,
Beteiligung des Europäischen Fonds für regionale Ent- als wir während unserer Besuche auf der FMX-Konferenz
wicklung gegründet, um die regionale Branche rund feststellten, was für tolle Strukturen und künstlerische
um Animation und Visual Effects zu stärken. Insgesamt Energien hier vorzufinden sind.“ Der Auftrag von Wes
20 Dienstleister und Studios haben sich in der Cluster- Anderson für „The Grand Budapest Hotel“, der komplett
initiative zusammengeschlossen, vom traditionsreichen in Deutschland gedreht wurde, gab schließlich den
Werbefilmproduzenten Mackevision bis hin zu den jun- Anstoß, tatsächlich in Stuttgart eine Zweigstelle zu
gen Durchstartern Studio Fizbin, die im vergangenen Jahr eröffnen. Mit Hilfe des Clusters sowie der Unterstützung
mit ihrem digitalen Abenteuerspiel „The Inner World“ durch die Film Commission Region Stuttgart bei der
einen Riesenerfolg gelandet haben. Firmen, die sonst als Suche nach Räumen fanden die Wahlamerikaner ein Büro
Konkurrenten gelten, haben sich hier zusammengetan. für ihre Zweigstelle in Stuttgart – und die passenden
„Da bei Projekten in unserem Bereich – vom Unterneh- Kontakte. „Was wir feststellen durften: Hier landet man
mensfilm bis hin zum Hollywoodstreifen – immer öfter als Neuling nicht im Haifischbecken, sondern wird – ganz
eine große Anzahl einzelner Akteure oder Firmen be- im Gegenteil – mit offenen Armen begrüßt, findet prob-
teiligt ist, macht es Sinn, bei attraktiven Aufträgen zu lemlos hoch qualifizierte und zuverlässige Mitarbeiter und
Kooperationspartnern zu werden und als regionaler bekommt tolle Unterstützung“, so Fett. Der Boden ist
Reiner Pfisterer
Firmenverbund aufzutreten“, so Clustermanager Andreas also längst geebnet für viel digitale Kreativität, visionäre
Trautz. Durch die Vernetzung stärken die Unternehmen Forschungsprojekte und eine fruchtbare Zusammenarbeit
sich gegenseitig und die Chancen steigen, gemeinsam in Sachen Animation und Visual Effects.
internationale Projekte an Land zu ziehen und als Pro- Valérie Hasenmeyer
179 Das Standortmagazin der Region Stuttgart 1/2014 13Titelthema: Animation
Der die Charaktere beseelt
Wirkliche Größe offenbart sich im Kleinen. Jedenfalls gilt das für Andreas Hykade.
Begegnung mit einem preisgekrönten Trickfilmregisseur, der nur wenige Striche
braucht, um fast alles zu sagen. Von Michael Ohnewald
Wenn einer hinauszieht in die Welt, dann ist ein wenig Er hatte damals schon ein Faible für animierte Figuren,
Beistand nicht verkehrt. Im Fall von Andreas Hykade, was auch an Fred Feuerstein lag, der im öffentlich-
Jahrgang 1968, mag die Heilige Muttergottes höchst- rechtlichen TV eine große Nummer war. Hykade, eher
selbst ein wenig Regie geführt haben, was natürlich eine dem Tätigen als dem Untätigen zuneigend, hatte bald
Mutmaßung ist, die allerdings auf dem Umstand fußt, eine klare Vorstellung vom Leben. „Ich wollte Trickfilm
dass in Altötting, wo beide ihre Wurzeln haben, seit je machen und dann zu Walt Disney.“
ungewöhnliche Geschichten geschrieben werden. Und
jene von Andreas Hykade ist so eine. „Ludwigsburg ist eine der besten Ausbildungsstätten in Europa“
In Deutschlands wichtigstem Wallfahrtsort, gelegen Da an den Kreuzungen des Lebens keine Wegweiser
zwischen Inn und Alz, ist der Oberbayer herangewachsen. stehen, landete er nach dem Abitur erst einmal in
Ministrant ist er gewesen, und als sich der Pontifex in Stuttgart an der Kunstakademie, von dort ging es nach
Altötting ankündigte, fügte es sich gut, dass für eine London. „Das war ein heißes Pflaster, was Animations-
kirchliche Inszenierung nach menschlicher Größe gesucht film betrifft“, sagt er im Rückblick. Irgendwann war
wurde, oder besser gesagt nach einem Ministranten der Markt überhitzt und der Wunsch groß, eigene Filme
von entsprechendem Wuchs. Hykade hatte das nötige zu machen. Der Oberbayer strandete in Ludwigsburg
Maß und so kam es, dass Karol Józef Wojtyla, besser an der Filmakademie. Dort brachte er seine ersten
bekannt als Johannes Paul II., in Altötting dem halb- Produktionen auf den Weg, welche gleich mit den
wüchsigen Andreas über den Kopf streichelte, was ersten Preisen bedacht wurden, die einer wie er nicht
natürlich gottsallmächtig prägt. wie die Monstranz bei der Fronleichnamsprozession
vor sich herträgt, sondern still als Ansporn nimmt,
Es ist ein Kreuz mit der Vergangenheit, weiß Andreas „sich die eigene künstlerische Handschrift nicht kor-
Hykade fast 40 Jahre später, den mit der Gnadenkapelle rumpieren zu lassen“, wie er das nennt.
zu Altötting noch immer mancherlei verbindet. Wie sonst
ist es zu erklären, dass er auf der Internetseite der Stutt- Die Region erwies sich für Hykade als gutes Pflaster.
garter Film Bilder GmbH, für die er heute neben seinem Als Student profitierte er von der Trickfilmförderung
Amt als Kunstakademie-Professor kreativ ist, gleich im und saugte die kreative Atmosphäre einer Community
ersten Satz über sich schreibt: „Andreas Hykade, born in sich auf, die sich hier in besonderer Weise entfalten
in Altötting, Bavaria, center of the Holy Mary cult“. kann. „Ludwigsburg ist eine der besten Ausbildungs-
stätten in Europa“, sagt er. Vor allem das Trickfilm-
„Ich wollte Trickfilm machen und dann zu Walt Disney“ festival Stuttgart beflügelte seinen Schaffensdrang
und kam ihm nicht selten wie ein Jungbrunnen vor.
Dass ihn der Marienkult bis in die Gegenwart bewegt, Bis heute ist er regelmäßig zu Gast und bereichert die
manifestiert sich freilich auch darin, dass die neueste Veranstaltung mit Filmpräsentationen und Programm-
Produktion des renommierten Animationsfilmers in der punkten. „Ich bin viel unterwegs gewesen“, sagt
Kapelle zu Altötting spielt und eine Liebesgeschichte Hykade. „Aber so etwas gibt es nirgendwo sonst,
im Dunstkreis der Religion ist. „Mich treibt das auto- weder in Montreal noch in New York.“
biografische Erzählen“, sagt der Trickfilmregisseur. Er
sitzt an diesem Nachmittag im zweiten Stock des Lud- Hykade, der keiner für die kriechende Mittelmäßigkeit
wigsburger Animationsinstituts und zeigt auf ein paar ist, kultivierte in der schwäbischen Barockstadt seinen
Skizzen, die ihm schon aus der Hand geflossen sind. unnachahmlichen reduzierten Strich, mit dem sich das
ganze emotionale Spektrum abbilden lässt. Er entwi-
Der Gnadenmuttergottes begegnet Hykade mit der ckelte sich zu einem meisterlichen Verführer, der lustvoll
Gnade eines Talents, das sich ihm bereits im Kunstunter- offenbart, dass die Dinge oft nicht sind, wie sie schei-
richt bei seinem Lehrer Alto Hien zart offenbart hat. nen. Das zeigte er auch in einem Animationsvideo,
das er im Auftrag der Toten Hosen machte. Der Jäger-
meister-Clip verhalf der Düsseldorfer Band zum ersten
Platz in den Charts – und ihm zu weiteren Meriten.
14 179 Das Standortmagazin der Region Stuttgart 1/2014Titelthema: Animation
porträt
Reiner Pfisterer
Wenn ihm der Hut hochgeht, der gleichfalls sein Mar- Hykade hat den Charakter der Figur beseelt, der mittler-
kenzeichen wurde, vertraut der Künstler seine inneren weile verstorbene Schauspieler Dirk Bach als Synchron-
Eruptionen einem dicken Skizzenbuch an. Freunden und sprecher sämtlichen Protagonisten die passende Stimme
Feinden schickt er am Jahresende die passenden Werke. eingehaucht. Jede Geschichte hat ihre eigene Botschaft.
Als ihm seine Frau eröffnete, dass er Vater wird, griff er Die Denkweite liegt in der Strichkürze. „Wenn du die
umgehend zum Stift. Es ist die Geburtsstunde einer Figur, Dinge verknappt darstellst“, sagt Andreas Hykade,
die mittlerweile Generationen von Kindern fasziniert: „bleibt Raum für den Zuschauer.“
„Tom und das Erdbeermarmeladebrot mit Honig.“ Die
erste Zeichnung vermachte er Thomas Meyer-Hermann, Wer so redet, dem klebt man gerne an den Lippen.
Gründer der Stuttgarter Trickfilmproduktion Studio Film Hykade ist seit einigen Jahren selbst Lehrender. In
Bilder. Gemeinsam mit dem Südwestrundfunk schickten Kassel ließ er den Animationsnachwuchs an seiner Sicht
sie Tom auf die Reise, der bis heute im Kinderkanal auf die Welt teilhaben, später auch an der Harvard
den deutschen Nachwuchs fasziniert. Inzwischen gibt University. Seit 2011 ist er Professor am Animations-
es 52 Folgen. Jede von ihnen besteht aus rund 5.000 institut der Ludwigsburger Filmakademie, wo er irgend-
Handzeichnungen, die mit Flash-Software nachgezeich- wie angekommen ist. „Only one thing I did wrong“,
net und dann per Computer animiert werden. erklärt er diesen Umstand mit Bob Dylan. „Stayed in
Mississippi a day too long.“
Auch Tom hat letztlich mit Altötting zu tun, wo Hykade
seiner sechs Jahre jüngeren Schwester einst Geschichten Es ist spät geworden. Andreas Hykade sitzt in einem Lud-
von der Erdbeermaus erzählt hat. Die Figur hatte sich wigsburger Büro und schaut auf sein Skizzenbuch. Im
in seinem Kopf eingenistet, er hatte sie quasi ständig Moment ärgert er sich über die Immobilienbranche. Das
vor Augen. „Wenn das Unsichtbare stimmt“, sagt er, könnte neben seiner biografisch eingefärbten Story aus
„ergibt sich das Sichtbare von alleine.“ Altötting das nächste Projekt werden. Hykade bindet sich
einen roten Schal um und setzt den Hut aufs lichte Haupt.
Nicht von ungefähr haben Tom und seine Erdbeer- Termin beim Makler. Vielleicht schickt er dem Mann am
maus als Comic-Helden eine beeindruckende Karriere Jahresende eine Zeichnung. „Meine Geschichte auf einem
hingelegt, vom Geheimtipp im Web zum Pflichtpro- Blatt Papier“, sagt der Künstler und eilt davon.
gramm für Kinder im Fernsehen. Dabei ist Tom alles
andere als ein Held: ein schmächtiger Bursche, stop-
pelhaarig und bebrillt. Wofür ihn die Kinder lieben: Für seine Reportagen und Porträts ist Michael Ohnewald
Er hat immer Kohldampf – und zwar auf Erdbeer- mit den renommiertesten Preisen ausgezeichnet worden,
marmeladenbrote mit Honig. die im deutschen Journalismus vergeben werden. Für 179
porträtiert der Ludwigsburger Autor herausragende
Persönlichkeiten aus der Region.
179 Das Standortmagazin der Region Stuttgart 1/2014 15Wissenschaft
Brennstoffzelle ohne
Platin
Viel mehr als nur Biogas Ein Team des Max-Planck-Instituts für Fest-
körperforschung in Stuttgart hat einen
Weg gefunden, Brennstoffzellen zu entwi-
erforschen
Die Biogasanlage der Zukunft soll nicht Forscher des Stuttgarter Fraunhofer IGB ckeln, die ohne teures Platin auskommen.
nur Energie, sondern auch Dünger und wollen den Dünger für die jeweilige Ersetzt wird das Edelmetall durch organi-
Chemikalien erzeugen. Daran arbeiten Pflanze maßschneidern – mit Rohstoffen, sche Moleküle sowie Eisen oder Mangan,
Wissenschaftler der Universität Hohen- die in der Biogasanlage selbst entstehen. die günstiger und leichter verfügbar sind.
heim und des Fraunhofer-Instituts für Dazu trennen sie die Gärreste in ihre fes- Inspirieren ließen sich die Wissenschaftler
Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik ten und flüssigen Bestandteile und setzen von Stoffwechselvorgängen bei Menschen
(IGB) gemeinsam mit Industriepartnern. sie je nach Nährstoffbedarf der Pflanze und Tieren, die Sauerstoff einatmen und
„Es besteht besonderer Forschungs- zu einem Designdünger zusammen. Frei in ihren Zellen mit Wasserstoff zu Wasser
bedarf darin, die Biogasproduktion als werdende Ammoniakdämpfe sollen zu- umwandeln. Da in einer Brennstoffzelle die
Ganzes möglichst effektiv zu gestalten, rückgewonnen und ebenfalls zu Dünger gleiche chemische Reaktion abläuft, ka-
um die Ausbeute zu verbessern“, erklärt verarbeitet werden. Die anfallende Milch- men die Forscher auf die Idee, Sauerstoff
Projektleiter Prof. Dr. Joachim Müller säure, Essigsäure und Buttersäure werden mit Hilfe von Enzymen zu reduzieren – wie
von der Universität Hohenheim. in der Lebensmittelindustrie oder bei der im menschlichen Körper. Solche Enzyme
Produktion von Reinigungsmitteln und enthalten Metalle wie Eisen und Mangan.
Die Optimierung beginnt bereits auf dem Biokunststoffen benötigt. Prof. Dr. Klaus Kern und Dr. Doris Grumelli
Acker. Die Hohenheimer Forscher experi- haben nun Eisen- und Manganatome zu-
mentieren mit verschiedenen Pflanzen, Schließlich ermitteln die Wissenschaftler sammen mit organischen Molekülen auf
neben Mais gehören dazu auch Amaranth den Energiebedarf für den Bau, den Be- eine Goldunterlage aufgedampft. Dabei
oder Miscanthus, die derzeit als Energie- trieb und den Abriss der Biogasanlage haben sie festgestellt, dass sich diese Sub-
pflanzen noch ein Nischendasein führen. und vergleichen sie in einer Ökobilanz mit stanzen von selbst zu Mustern anordnen,
der Energiemenge, die die Anlage in ihrem die dem Aufbau von Enzymen stark
gesamten Betriebsleben produziert. (hel) ähneln. (hel)
agrar.uni-hohenheim.de fkf.mpg.de
Meteorit mit Überraschungen
Stuttgarter Physiker haben in Meteorit- In Meteoriten finden sich regelmäßig
gestein ungewöhnlich kleine Diamanten Diamantpartikel, weil die Bedingungen
entdeckt. Die Edelsteine im Bonsaiformat für deren Entstehung – hohe Tempera-
umfassen nur rund 500 Kohlenstoff- turen und hoher Druck – im Weltraum
atome, was sie für die medizinische öfters vorzufinden sind als auf der Erde.
Forschung besonders interessant macht: Allerdings erreichen viel zu wenige
Zum Beispiel steigern Nanodiamanten Meteoriten die Erde, um die eingeschlos-
spürbar die Wirksamkeit von Medikamen- senen Nanodiamanten nutzbar zu ma-
ten in der Tumortherapie. Zudem enthal- chen. Jetzt arbeiten Forscher daran, jene nuttapongg/Fotolia.com
ten solche Diamantpartikel oft atomare Umgebungsbedingungen nachzuahmen,
Verunreinigungen, die zu einer charakte- denen Meteoriten auf ihrer langen Reise
ristischen Verfärbung wie grün, violett durch das All ausgesetzt sind. (hel)
oder gelb führen und in der diagnosti-
pi3.uni-stuttgart.de
schen Medizin zur gezielten Markierung
von Zellen oder Biomolekülen eingesetzt
werden.
WRS / Giersch
Kunststoffwände aus Natur
Forscher der Universität Stuttgart haben Welche gestalterischen Möglichkeiten
einen umweltfreundlichen Biokunststoff der Kunststoff bietet, zeigt eine Fassade
auf pflanzlicher Basis entwickelt, der zu auf dem Universitätscampus Stadtmitte.
90 Prozent aus nachwachsenden Roh- Auffällig ist der mit den Platten erzeugte
stoffen besteht. Das neuartige Material 3D-Effekt. Der Biokunststoff ist eine
ist am Institut für Tragekonstruktion und umweltfreundliche Alternative zu Kunst-
Konstruktives Entwerfen in Zusammen- stoffen auf der Basis von Erdöl, Glas
arbeit mit Partnern aus der Wirtschaft oder Metall und soll schon bald in den
entstanden. Es ist schwer entflammbar, Handel kommen. (hel)
witterungsbeständig und einfach zu
itke.uni-stuttgart.de
verarbeiten.
16 179 Das Standortmagazin der Region Stuttgart 1/2014Sie können auch lesen