Ruhestand (Un-) Titelthema - Sportentwicklung - Landessportbund Hessen eV

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Ruhestand (Un-) Titelthema - Sportentwicklung - Landessportbund Hessen eV
Nr. 16 | 10. August 2019 | 73. Jahrgang

                                          Titelthema

                                           (Un-)
                                         Ruhestand

Sportentwicklung
Neuer Bericht liefert Daten und Fakten

Pilotprojekt
Übungsleiter B-Fitness ausgebildet
Ruhestand (Un-) Titelthema - Sportentwicklung - Landessportbund Hessen eV
2                                                                                                                                                                                                              INHALT

                                                                                         Inhalt

                                                                                                                                 3      Sport.Medien.Camp
                                                                                                                                        Kostenloses Seminar

                                                           4                                                                    11      Kurz notiert
                                                                                                                                        Namen und Notizen
                                                           Titelthema (Un-)Ruhestand
                                                           Neustart im neuen Lebensabschnitt                                   14       Pilotausbildung beendet
                                                                                                                                        17 Übungsleiter B-Fitness

                                                                                                                               16       Wichtiger Wegbereiter
                                                                                                                                        Laufbahnberater Arnulf Rücker
                                                           12                                                                  17       Tipps für die Praxis
                                                           Sportentwicklungsbericht                                                     Der Übungsleiter
                                                           Was Vereine herausfordert
                                                                                                                               21       Vereinsmanagement
                                                                                                                                        Kurz-Anlaysen versendet

                                                                                                                              24        Amtliches

                                                           22                                                                           Neuaufnahmen und Co.

                                                           Sport und Ernährung                                                 25       Nachruf
                                                           Kurzzeitfasten für Sportler                                                  Hermann Klaus verstorben

                                                                                                                              26        Neue Bücher
                                                                                                                                        Sportliche Lesetipps

                                                           30                                                                  27       Sportversicherung
                                                                                                                                        Die ARAG informiert
                                                           Sportstiftung Hessen
                                                           Oliver Geis im Porträt                                              28       Sport und Geschichte
                                                                                                                                        Sportbegegnungen im Kalten Krieg

                                                                                                                               31       Bildungsakademie
                                                                                                                                        Integratives Sport- und Spielfest
                                                           33
                                                           Sportjugend Hessen
                                                           Kleine und große Politik

    Impressum

    Herausgeber: Landessportbund Hessen e. V. (lsb h); Otto-Fleck-          Anzeigen Nord/Mitte: Claudia Brummert, Frankfurter Straße 168,         Titelfoto: Endlich mal nichts tun? Für viele Neu-Ruheständler ist das
    Schneise 4, 60528 Frankfurt, Tel.: 069/6789 -0                          34121 Kassel, Tel.: 0561/60280-180, Fax: 0561/60280-199,               keine Option. Sie wollen ihren dritten Lebensabschnitt mit Sinn füllen
    Verantwortlich für den Inhalt: Dr. Susanne Lapp, Vizepräsidentin für    E-Mail: brummert@ddm.de                                                – zum Beispiel dadurch, dass sie ein Ehrenamt übernehmen.
    Kommunikation und Marketing, Glauburgstraße 11, 60318 Frankfurt.        Anzeigen Süd: Torsten Wethlow, Waldstraße 226, 63071 Offenbach,        Foto: LightField Studios/shuttersstock.com
    Redaktion: Leitung Ralf Wächter (RW), Isabell Boger (ib), Markus        Tel.: 069/85008-368, Fax: -394, E-Mail: sih@op-online.de               www.landessportbund-hessen.de
    Wimmer (maw), Otto-Fleck-Schneise 4, 60528 Frankfurt.
    So erreichen Sie uns: Ralf Wächter, rwaechter@lsbh.de, Tel.: 069/6789   Sport in Hessen erscheint vierzehntägig zum Wochenende
    -262; Isabell Boger, iboger@lsbh.de, Tel.: 069/ 6789-267; Markus        Bezugspreis: Jährlich Euro 51,11 einschl. Postgebühren und MwSt.
    Wimmer, mwimmer@lsbh.de, Tel. 069/6789-437; Fax: 069/6789-300.          Bestellungen für Vereine beim Landessportbund Hessen e. V.,
    Verlag: Pressehaus Bintz-Verlag GmbH & Co. KG, Waldstraße 226,          für Privatpersonen bei Dierichs Druck + Media GmbH & Co. KG
    63071 Offenbach
    Druck und Vertrieb: Dierichs Druck + Media GmbH & Co. KG,               Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung der Verfasser
    Frankfurter Straße 168, 34121 Kassel.                                   wieder. Für unverlangt eingesandte Manuskripte und Bilder wird keine
    Abonnementverwaltung: Frankfurter Straße 168, 34121 Kassel,             Gewähr übernommen. Eine Rücksendepflicht besteht nicht.
    Tel.: 0561/60280-452, Fax: 0561/60280-499,
    E-Mail: abo-sih@dierichs-druck.de
                                                                                                                                                                                                SIH 1 6 / 1 0 . 0 8 . 2 0 1 9
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ANGEBOTE FÜR VEREINSVERTRETER                                                                                                            3

                                                                                              Einmal zahlen,
                                                                                              zweimal feiern
                                                                                              und genießen
                                                                                              Rabattaktion für Vereinsvertreter
                                                                                              läuft noch bis 23. August

                                                                                              „Bewegende Momente“ erwarten die
                                                                                              Gäste der 18. Olympischen Ballnacht
                                                                                              am 21. September im Kurhaus Wies-
                                                                                              baden. Für bewegende Momente sor-
                                                                                              gen Tag für Tag auch zahlreiche Eh-

                         Der Sportverein                                                      renamtliche in den hessischen Sport-
                                                                                              vereinen. Mit einer speziellen Rabatt-

                       in bewegten Bildern                                                    aktion soll dieser Einsatz belohnt
                                                                                              werden.

              Offener Kanal Kassel lädt Vereinsvertreter zu kostenlosem                       „Zwei für Eine“ heißt die Aktion – und der
                   Sport.Medien.Camp am 11. und 12. Oktober ein                               Name ist Programm: Wer bis zum 23. Au-
                                                                                              gust zwei Flanierkarten für die Ballnacht
                                                                                              bestellt und Mitglied in einem hessischen
„Mein Verein in TV und Internet –              Das Sport.Medien.Camp vermittelt das nö-       Sportverein ist, muss nur eine davon be-
Sportberichterstattung im digitalen            tige Handwerkszeug dazu – vom Dreh bis         zahlen. Doppelt gefeiert und genossen wird
Zeitalter“: Unter dieser Überschrift           zum Schnitt: Nach einer kurzen Einweisung      knapp einen Monat später dann aber trotz-
laden das Medienprojektzentrum Of-             konzipieren, drehen und schneiden die          dem – zusammen für nur 45 Euro.
fener Kanal Kassel und der Lan-                Teilnehmer in Kleingruppen kurze Spots zu
dessportbund Hessen am Freitag                 selbst ausgesuchten Sportthemen. Ange-
und Samstag, 11. und 12. Oktober,              sprochen sind Öffentlichkeitsarbeiter und
zum Sport.Medien.Camp nach Kas-                Interessierte aus Sportvereinen, Sportkrei-
sel ein.                                       sen und Sportverbänden.

Welchen Mehrwert haben Fernsehen, Inter-       Maximal 20 Teilnehmer
net, YouTube, Facebook oder Instagram für
den Alltag in den Vereinen? Wie kann die       Das Sport.Medien.Camp findet am Freitag,
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit durch die    11. Oktober, von 15 bis 19 Uhr und am
Sportberichterstattung via TV und Internet     Samstag, 12. Oktober, von 10 bis 17 Uhr im
optimiert werden? Diese und viele weitere      Medienprojektzentrum Offener Kanal Kas-
Fragen will das Seminar praxisnah beant-       sel statt, das seinen Sitz im dortigen         „Mit dieser Aktion wollen wir Vereinsver-
worten. Anhand von Beispielen wird aufge-      Hauptbahnhof hat. Die Teilnahme ist für        antwortlichen die Chance geben, besonders
zeigt, wie das Vereinsgeschehen oder die       Mitglieder aus im Landessportbund Hessen       engagierten Personen zu danken“, sagt Dr.
Wettkämpfe der einzelnen Abteilungen           organisierten Vereinen kostenlos und auf       Rolf Müller, Präsident des Landessportbun-
ohne großen Aufwand und dennoch aktuell        20 Personen begrenzt – also schnell            des Hessen. Natürlich haben aber auch Eh-
der interessierten Öffentlichkeit vermittelt   anmelden!                                      renamtliche oder Vereinsmitglieder selbst
werden können.                                                              Isabell Boger     die Möglichkeit, sich und ihre Liebsten zu
                                                                                              belohnen.
Kreativität und Technik
                                                    Anmeldung und weitere Informationen bei   Los geht es für die Flaniergäste am 21. Sep-
Ein kurzer Imagefilm, ein multimedialer             Armin Ruda vom Offenen Kanal Kassel,      tember ab 21 Uhr mit einem Glas Henkell-
Aufruf zur Mitgliedergewinnung, Veran-              Telefon: 0561 9200920,                    Sekt. Im Anschluss erwarten sie Live-Musik
                                                    E-Mail: ruda@mok-kassel.de.
staltungshinweise oder ein Lehrfilm für die                                                   vom Feinsten, abwechslungsreiche Aktivan-
Trainingsarbeit mit Kindern und Jugendli-                                                     gebote und eine Ballnacht-Disco. Für Hö-
chen: Mit etwas Kreativität und der pas-                                                      hepunkte sorgen die Vorführungen der
senden Technik bereichern solche Videos                                                       „Firedancer“, der Handstand-Akrobatin
und Kurzfilme die Öffentlichkeitsarbeit ei-                                                   Anissa Elakel sowie der Gruppe „Icke Per-
nes Vereines.                                                                                 formers“, die Akrobatik gekonnt mit Beat-
                                                                                              box-Tönen vermischen.                     ib

SIH 1 6 / 10.08.2019
Ruhestand (Un-) Titelthema - Sportentwicklung - Landessportbund Hessen eV
4                                                                                                             TITELTHEMA (UN-)RUHESTAND

                   Neuer Lebensabschnitt,
                       neue Chancen
                                 Vereine dürfen nicht überaltern, sollten Personen im Ruhestand aber
                                     durchaus als potenzielle Ehrenamtliche ansehen und fördern

    N
            achwuchssorgen, Überalterung, vakante Ämter
            – wer in den deutschen Lokalzeitungen Be-
            richte über die Jahreshauptversammlungen
            von Sportvereinen liest, stößt immer wieder
    auf diese Begriffe. Ganz klar: Wird ein Verein nur noch
    von „Alten“ geleitet, ist dies oft kein gutes Zeichen.
    Und wer kennt ihn nicht, den jungen, motivierten Ver-
    einsvertreter, der betet, der alte Patriarch möge doch
    endlich abtreten und das ewige „Haben wir schon im-
    mer so gemacht“ damit ein für alle Mal beenden?

    Doch „Alt“, das soll dieses Titelthema zeigen, ist nicht
    gleich schlecht. „Alt“ ist überhaupt ein unpassendes
    Wort in Zeiten, in denen 70-Jährige Marathon laufen,
    90-Jährige noch ihr Sportabzeichen ablegen und An-
    fang 60 der perfekte Zeitpunkt für eine Lizenzausbil-
    dung zu sein scheint (siehe S. 8). Dieses Titelthema ist
    deshalb mit „(Un-)Ruhestand“ überschrieben. Dabei
    geht es um Menschen, die ihr Berufsleben hinter sich
    gelassen haben. Nicht ihre sportliche Leistungsfähig-
    keit steht im Mittelpunkt, sondern ihr Wert als Übungs-
    leiter, Vorstandsmitglieder und sonstige Mitarbeiter
    und Helfer im Sportverein.
                                                               und motiviert. Bei Renteneintritt liegt häufig noch ein
    Mehr Ältere, mehr Mitglieder                               Vierteljahrhundert vor ihnen. Und die große Mehrheit
                                                               von ihnen fühlt sich deutlich jünger als sie ist! Das     OBEN
    Allein ein Blick auf die Zahlen zeigt, warum das Sinn      birgt große Potenziale für Sportvereine – nicht nur in    Aus dem Anzug in
    macht: Ende 2017 waren rund 1,28 Millionen Hessinnen       Sachen Mitgliederbindung und -gewinnung oder für          die Sportklamotten,
                                                                                                                         aus dem Berufsleben
    und Hessen 65 Jahre oder älter. Laut dem Statistischen     den Ausbau von zielgruppengeeigneten Sportangebo-
                                                                                                                         direkt hinein in den
    Landesamt liegt ihr Anteil an der Bevölkerung damit bei    ten, sondern eben auch für freiwilliges Engagement.       Verein: Auch im
    rund 20 Prozent – das sind fünf Prozent mehr als noch                                                                dritten Lebensab-
    vor 20 Jahren. Der Anteil der 20- bis unter 65-Jährigen    Durchmischung fördern                                     schnitt bringen sich
    ist unterdessen auf rund 61 Prozent gesunken.                                                                        immer mehr
                                                               Die Herausforderung ist dabei klar: Wie kann es gelin-    Personen
    Das schlägt sich auch in der Mitgliederstruktur der hes-   gen, ältere Menschen im Ehrenamt zu halten oder sie       ehrenamtlich ein.
                                                                                                                         Zeichnung: Isabell
    sichen Sportvereine nieder: Von 2009 bis 2019 ist die      gar erst dafür zu gewinnen, ohne nach außen hin über-     Boger
    Zahl der über 60-Jährigen massiv angestiegen, von          altert zu wirken? Die Zauberformel lautet natürlich:
    233.708 auf 434.901 Mitglieder. Zurückzuführen ist         Durchmischung! Ein Verein oder eine Sportorganisa-
    das nicht nur auf die größere Grundgesamtheit. Auch        tion, die eine möglichst breite Masse ansprechen will,
    der Organisationsgrad, also der Anteil der Bevölke-        sollte auch im Ehrenamt breit aufgestellt sein. Dabei
    rung, der Mitglied in einem Sportverein ist, stieg in      mag es jungen Leuten noch ganz gut gelingen, heraus-
    den vergangenen 20 Jahren gewaltig an, von 18 auf 26       zufinden, welche Sportangebote sich Ältere wünschen.
    Prozent. Es ist zu erwarten, dass diese Entwicklungen      Und die Vorstellung, dass Ruheständler per se nicht
    weitergehen, denn in den kommenden Jahrzehnten             wissen, was es mit Facebook oder WhatsApp auf sich
    wird die Bevölkerung wohl vor allem in diesem Alters-      hat, ist längst überholt.
    spektrum weiter wachsen. Wer neue Ehrenamtliche
    sucht, könnte sie also vor allem hier finden.              Und doch: Manchmal kann es angenehmer sein, wenn
                                                               der Übungsleiter aus eigener Erfahrung weiß, dass es
    Da ist es gut, dass die Generali Altersstudie zeigt: Äl-   mit zunehmendem Alter schwerer wird, von der Matte
    tere Menschen sind mehrheitlich optimistisch, aktiv        wieder ins Stehen zu kommen. Und lassen sich die

                                                                                                                          SIH 1 6 / 1 0 . 0 8 . 2 0 1 9
Ruhestand (Un-) Titelthema - Sportentwicklung - Landessportbund Hessen eV
TITELTHEMA (UN-)RUHESTAND                                                                                            5

Turnmädchen nicht leichter von der 28-jährigen Trai-      Jahren sinkt der Anteil der Engagierten deutlich ab.
nerin motivieren, die selbst noch das Rad auf dem         Generell aber, schreiben die Autoren, sei der Anstieg
Schwebebalken vormacht, als von ihrer Mutter, die mit     der Engagierten in der Altersgruppe ab 65 Jahre „in
50 zwar viel Erfahrung hat, das Rad aber schon auf dem    den letzten Jahren besonders ausgeprägt“.
Boden nicht mehr vorführen möchte?
                                                          Erfolgreich und produktiv altern
Außerdem gibt es Aufgaben, die für bestimmte Alters-
gruppen besser geeignet sind: Wenn das Ehrenmitglied      Diesen Trend offenbarte schon der 2011 erschienene
80. Geburtstag feiert, freut es sich vielleicht mehr,     „Monitor Engagement“ zum Engagement älterer Men-
wenn der 65-jährige Schriftführer vorbeikommt, mit        schen. Er unterteilte in „Junge Alte“ (50-64 Jahre), Äl-
dem es selbst noch zusammengearbeitet hat, anstelle       tere (65-74 Jahre) und Hochbetagte (75 Jahre). Ins-
der jungen Vorsitzenden, die er nur aus der Ferne         besondere die Gruppe der Älteren, „die in ihrer
kennt. Andererseits ist ein 59-jähriger Jugendwart ver-   körperlichen und geistigen Fitness deutlich besserge-
mutlich nicht die optimale Besetzung, um nah an der       stellt ist als die gleiche Altersgruppe vor 25 Jahren“,
Zielgruppe zu sein.                                       verzeichnete von 1999 bis 2009 eine gesteigerte Enga-
                                                          gementquote – von 26 auf 33 Prozent. Ein „erfolgrei-
Um den Verein oder die Sportorganisation voranzu-         ches und produktives“ Altern verdrängt laut den Auto-
bringen, ist es aber wünschenswert, wenn verschie-        ren zunehmend die Vorstellung vom „Alter in Ruhe und
dene Generationen an einem Tisch sitzen und Ideen         Abgeschiedenheit“.
einbringen. Dass es dabei manchmal zu Unstimmigkei-
ten kommt, ist normal. Ein Blick auf den Deutschen        Wer dabei nur an Personen denkt, die schon seit Jahr-
Freiwilligensurvey zeigt aber auch: Für Menschen ab 50    zehnten als Übungsleiter/-in im Einsatz sind oder mit
ist das Zusammenkommen mit anderen Generationen           73 die vierte Amtszeit als Vorsitzende/r antreten, liegt
eine wichtige Motivation für ein freiwilliges Engage-     falsch. Die Beispiele ab Seite 6 zeigen, dass auch Per-
ment. In der Altersklasse der ab 65-Jährigen bezeich-     sonen, die sich während ihres Bewerbslebens nicht
nen dies 85,7 Prozent als sehr oder eher wichtig.         oder nicht so stark in einem Verein eingebracht haben,
                                                          potenzielle Ehrenamtliche sind. Auch eine Lizenzaus-
Willkommen und anerkannt fühlen                           bildung ist im (Un-)Ruhestand noch möglich, Vereine
                                                          sollten dazu durchaus ermutigen. Der Freiwilligensur-
Beruflich voranzukommen oder neue Qualifikationen         vey zeigt, dass fast ein Viertel der über 65-Jährigen,
zu erwerben ist für sie – zum Teil naturgemäß – relativ   die bisher nicht freiwillig engagiert sind, sich das für
unwichtig. Um einen Zuverdienst geht es sogar nur 3,2     die Zukunft vorstellen können.
Prozent dieser Altersklasse. Die Gesellschaft mitzuge-
stalten, mit anderen Menschen zusammenzukommen            Hohe Anzahl an Wochenstunden
und Spaß zu haben, sind über alle Generationengren-
zen hinweg wichtige Motivationen. Dort gilt es dann       Kein Wunder: Die Ressource Zeit ist mit Renteneintritt
auch anzusetzen – unabhängig vom Alter potenziell         stärker vorhanden als davor. Für Vereine kann das eine
Engagierter: Nur wer sich in der Gruppe, also im Verein   Chance ein. Wer jemanden sucht, der im vereinseige-
generell, unter den Übungsleitern und Trainern oder       nen Fitnesstudio montagmorgens Thekendienst
im Vorstand, willkommen und anerkannt fühlt, wird         schiebt, wird bei vielen Berufstätigen auf Kopfschüt-
sich auch dauerhaft engagieren.                           teln stoßen. Ein Neu-Ruheständler könnte Zeit haben:
                                                          „Die meisten Wochenstunden für ihr Engagment ver-
Eine persönliche Ansprache ist deshalb wichtig: Wer für   wenden Engagierte ab 65 Jahren“, heißt es folgerich-
seine Eigenschaften gelobt und auf deren Grundlage um     tig auch im Freiwilligensurvey. Überlasten sollte man
ein Engagement gebeten wird, dürfte sich erst einmal      diese Altersgruppe aber nicht: Auch für sie spielen
geschmeichelt fühlen. „Hilde, du backst immer so tolle    Freizeit und Reisen heute eine größere Rolle, eine ge-
Torten. Könntest du dir vorstellen, uns bei Veranstal-    wisse Flexibilität muss daher gewährleistet werden.
tungen mit Kuchenspenden zu unterstützen?“, „Lothar,
so einen guten Handwerker wie dich könnten wir ge-        Sind (Un-)Ruheständler also eine Riesenchance für die
brauchen. Hast du nicht Lust, Gerätewart zu werden?“      Vereine? Auf jeden Fall! Verstärkt auf ältere Engagierte
„Maria, wir konnten uns als helfende Hand immer auf       zu setzen, darf aber nicht mit Stillstand verwechselt
dich verlassen. Willst du nach deinem Ruhestand nicht     werden: Wenn die Vorstandsmitglieder seit Jahren
etwas mehr Veranwortung übernehmen?“                      über fehlenden Nachwuchs klagen, aber wenig dafür
                                                          tun, dies zu ändern, ist das ein Problem. Manchmal be-
Anteil der engagierten Älteren steigt                     darf es dann der klaren Aussage: Ich will aufhören –
                                                          und halte mich danach auch raus! Wer nachfolgt, wird
Diese und ähnliche Fragen werden in den hessischen        neue Ideen haben – egal, ob er nun 35 oder 65 ist!
Vereinen wohl fast jeden Tag gestellt. Und zunehmend
sagen die Älteren „ja“: Laut des Freiwilligensurveys                                                Isabell Boger
liegt der Anteil freiwillig engagierter Personen ab 65
Jahren derzeit bei rund 34 Prozent. Hinein spielen dort
aber auch Hochaltrige, die häufig krankheitsbedingt
nicht mehr in der Lage sind, sich einzubringen: Ab 75

SIH 1 6 / 10.08.2019
Ruhestand (Un-) Titelthema - Sportentwicklung - Landessportbund Hessen eV
6                                                                                                                  TITELTHEMA (UN-)RUHESTAND

                        „Lust ist wichtiger als
                          Qualifikationen“
                       Sigrid Jacob, Leiterin des Freiwilligenzentrums in Offenbach, spricht im Interview über
                                Engagement im Ruhestand und den Wunsch nach Selbstverwirklichung

    W
               as wünschen sich Menschen, die ein ehren-
               amtliches Engagement in Erwägung ziehen?
               Welche Vorstellungen haben sie? Und wie
               müssen sich Organisationen aufstellen, die
    freiwillige Helfer suchen? Über diese und weitere Fra-
    gen haben wir mit Sigrid Jacob gesprochen. Sie leitet
    das Freiwilligenzentrum Offenbach und ist Sprecherin
    der Landesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagentu-
    ren (LAGFA Hessen e. V.).

    Frau Jacob, Sie beraten Menschen, die sich gerne eh-
    renamtlich engagieren würden. Welche Rolle spielen
    Personen im Ruhestand dabei?

    Sie sind eine große Zielgruppe. Das liegt an unseren        Spielt projektbezogenes Engagement heute auch für
    Angeboten sowie daran, dass sich ältere Menschen ihre       Ältere eine größere Rolle?                                       OBEN
    Zeit freier einteilen können. Viele Aufgaben, für die wir                                                                    Nicht alle „Neu-Ruhe-
    Freiwillige suchen, sind für voll Berufstätige nur schwer   Zu hundert Prozent. Viele wollen sich nicht mehr lang-           ständler“ stehen in
                                                                                                                                 den Startlöchern
    realisierbar. Gerade im karitativen Bereich ist das der     fristig binden. Das sieht man auch im aktiven Bereich:
                                                                                                                                 – viele sind aber
    Fall – denken Sie zum Beispiel an Mitarbeiter der Tafel     Zehnerkarte statt Mitgliedschaft! Auch für Ältere ist die        bereit, sich
    oder Lernbegleiter in der Schule. Der klassische Sport-     Vereinbarung auf ein dauerhaftes Engagement eher ab-             ehenamtlich zu
    verein hat hier vielleicht einen Vorteil: Dort können       schreckend. Wenn ich sage, bei einem Engagement als              engagieren.
    viele Aufgaben auch nach Feierabend erledigt werden.        Lernbegleiter sollte man mindestens ein halbes Jahr ak-          Foto: Halfpoint /
                                                                tiv sein, zucken viele. Dabei zählt hier die Haltung, es ist     Fotolia
    Haben es Sportvereine leichter, Freiwillige zu finden?      die unverbindliche Verbindlichkeit. Natürlich ist der Ur-
                                                                laub drin und wenn die Enkel zu Besuch kommen, wird
    Nein. Denn alle Vereine – ob nun im Sport- oder Kul-        eine Vertretung organisiert. Vereinen rate ich, kleine
    turbereich – haben einen festen Vereinszweck. Wer da-       Päckchen zu packen, Aufgaben auf mehrere Schultern zu
    mit nicht viel zu tun hat, wird sich hier kaum engagie-     verteilen, um den Einstieg zu erleichtern. Häufig bleiben
    ren. Natürlich könnte man sagen: Um die Webseite des        die Leute dann doch dauerhaft dabei. Schließlich sind
    Tennisvereins zu pflegen, muss man nicht selbst Tennis      soziale Kontakte, das Miteinander und Eingebundensein
    spielen. Aber wenn man keine Affinität zu Tennis hat,       wichtige Erwartungen an ein Ehrenamt. Und diese las-
    ist es schwer, in die Gruppe hereinzukommen, wirklich       sen sich nur über Kontinuität erfüllen. Gleichzeitig
    Kontakt zu den Menschen im Verein aufzubauen. Das           sollte es immer eine Ausstiegsmöglichkeit geben.                Titelthema
    ist bei Initiativen ohne feste Mitglieder leichter. Und
    gerade für ältere Menschen ist das Miteinander, das         Gibt es Veränderungen, die Sie in den letzten                    (Un)-
    Dazugehören und Wertgeschätzt-Werden wichtig.               Jahren festgestellt haben?                                     Ruhestand
    Müssen Vereine sich also mehr öffnen?                       Man kann durchaus sagen, dass die Altersgrenze
                                                                sich nach oben verschoben hat. Das bestätigt auch
    Viele Vereine tun das bereits. Für sie besteht die große    die Wissenschaft: Der heute 70-Jährige fühlt sich so fit
    Aufgabe darin, Mitglieder zu gewinnen und diese zu ak-      wie früher ein 60-Jähriger. Ich beobachte eine rundum
    tiven Mitgliedern zu machen, die kleine und große Auf-      hohe Bereitschaft, sich einzubringen. Gleichzeitig ist
    gaben übernehmen. Der Jügesheimer Sport- und Kul-           für die Menschen im Ruhestand von heute Selbstver-
    turverein ist ein gutes Beispiel: Die jetzige Ehrenvor-     wirklichung wichtiger. Sie wissen genau, was sie wol-
    sitzende Heide Klabers hat viel getan, um das Vereins-      len. Ein Ehrenamt gehört häufig dazu, weil das Sinn
    leben attraktiv zu machen und Gemeinschaft zu erzeu-        gibt, eine Aufgabe ist und soziale Kontakte bringt. Aber
    gen. Unter diesen Voraussetzungen fällt es leichter, um     auch Reisen und Bildung spielen eine Rolle. Bei uns
    Mithilfe zu bitten. Vereine, die innovativ sind und auf     sind häufig Balken im Kalender, weil ältere Freiwillige
    die veränderten Lebensbedingungen von Jungen und            im Urlaub sind. Das muss man als Organisation akzep-
    Älteren reagieren, finden auch eher Ehrenamtliche.          tieren. Auf der anderen Seite erlebe ich – zumindest

                                                                                                                                  SIH 1 6 / 1 0 . 0 8 . 2 0 1 9
Ruhestand (Un-) Titelthema - Sportentwicklung - Landessportbund Hessen eV
TITELTHEMA (UN-)RUHESTAND                                                                                                7

hier in Offenbach – auch viele Ältere, die die Ressourcen
für Urlaube etc. nicht haben. Für sie spielt es eine Rolle,
ob sie für ihr Engagement eine Auslagenerstattung oder        App will Helfer
pauschale Aufwandsentschädigung erhalten.
                                                              und Vereine
Können auch Arbeitgeber etwas dafür tun, den Über-
gang vom Beruf ins Ehrenamt zu erleichtern?                   „verkuppeln“
Ja, etwa indem sie vorbereitende Seminare anbieten.           „Letsact“ ist eine neue Smartphone-
Große Arbeitgeber tun das bereits. Einige stellen Mitar-      Applikation im Stil der Dating-App Tinder
beiter auch schon für zwei, drei Stunden pro Monat frei,
um in ein freiwilliges Engagement hinein zu schnup-
pern. Auch in öffentlichen Verwaltungen könnte man            Gutes tun, sich engagieren: Für viele Menschen
über eine solche Freistellung nachdenken. Dadurch wä-         ist das ein Ziel. Doch losziehen, sich informie-
ren die Personen schon „drin“ und hätten bei Renten-          ren und tatsächlich tätig werden – daran hakt
eintritt bereits eine Vorstellung davon. Wie ich gehört       es oftmals. Die App „letsact“ will das ändern,
habe, können einige Beamte von Post, Telekom und              indem sie eine unbürokratische Plattform
Postbank sogar früher abschlagsfrei in Rente gehen,           schafft, auf der potenzielle Helfer sich über Or-
wenn sie sich über drei Jahre mindestens 1.000 Einsatz-       ganisationen und Vereine informieren und mit
stunden lang engagieren. Diese Zahl ist aber sehr hoch.       ihnen in Kontakt treten können.
Wir finden kaum einzelne Organisationen, die so einen
Bedarf haben. Aber wer weiß, vielleicht gibt es den ei-       Die Funktionsweise erinnert dabei an die Dating-App
nen oder anderen Sportverein ...?                             Tinder. Denn ähnlich wie auf Tinder, wo zwei Singles
                                                              nach einer Bekanntschaft suchen, treffen auch auf let-
Wie wichtig ist sind Vor-Qualifikationen? Oder anders:        sact zwei Suchende aufeinander: Organisationen einer-
Wenn jemand sein Leben lang Buchhalter war, ist er            seits und engagementwillige Personen andererseits.
dann der optimale Vereinskassier?                             Mit gewissen Filtern, etwa zum Wohnort, kann eine
                                                              Vorauswahl getroffen werden. Dann wischt man sich
Das lässt sich pauschal nicht sagen. Wenn jemand mit          durch die Angebote der Organisationen, die ihr jeweili-
Herzblut Buchhalter war, findet er es vielleicht toll, nach   ges Projekt auf der Plattform kurz vorstellen können.
dem Steuerbüro die Buchführung für den Kulturverein zu        Gibt es ein Match, können die beiden Partner direkt
machen. Ein anderer sagt: Ich saß mein Leben lang am          über die Plattform miteinander in Kontakt treten –
Schreibtisch, jetzt möchte ich was Handfestes tun. In un-     ohne auf E-Mail oder WhatsApp wechseln zu müssen.
seren Beratungen spielen Vorqualifikationen deshalb eine
geringere Rolle als Motivation und Bereitschaft. Wenn         Entwickelt haben die App zwei junge Männer, gerade
Kenntnisse erforderlich sind, werden Ehrenamtliche da-        mal Anfang 20. Sie sind überzeugt, dass viel mehr Men-
mit ausgestattet. Das Land fördert entsprechende Semi-        schen sich engagieren würden, wenn sie wüssten, „was
nare über das Hessische Qualifizierungsprogramm für eh-       für coole Sachen man machen kann“, sagen sie in ei-
renamtliche Tätigkeiten im sozialen Bereich. Außerdem         nem Zeitungs-Interview. Gerade für die jüngere Ziel-
bietet ein Ehrenamt ja die Chance, etwas Neues zu tun.        gruppe müsse man das Ehrenamt cooler machen. Dazu
Manchmal dauert es, das Richtige zu finden, aber es gibt      zählt auch, dieses Wort so gut wie nicht zu benutzten.
für jeden das passende Engagement. Organisationen soll-       Denn mit „Ehrenamt“ assoziieren viele, sich für viele
ten dabei begleiten und unterstützen. Und ich rate: Drän-     Jahre zu binden. Die Gründer reden deshalb gern von
gen Sie niemanden zu etwas, auf das er keine Lust hat.        Volunteering – und ermutigen die Organisationen, vor
                                                              allem zeitlich begrenzte Projekte anzubieten.
Haben Sie noch weitere Tipps?
                                                              Klar definierte, zeitlich begrenzte Aufgaben
Achten Sie darauf, wer mit welchen Erwartungen kommt.
Werden Sie unterschiedlichen Engagement-Typen ge-             Ihre Hauptzielgruppe, „Peergroup“, wie die Gründer
recht. Der eine organisiert gerne und übernimmt Verant-       sagen, sind jüngere Menschen, Smartphone- und App-
wortung, der andere erledigt Aufgaben lieber im Team.         begeisterte, aber trotzdem mit dem Wunsch, ihr Leben
Außerdem brauchen Ehrenamtliche Ansprechpartner, am           sinnvoll zu nutzen. Allzu viele (Un-)Ruheständler dürf-
besten hauptamtlich. Zunehmend gibt es auch Personen,         ten unter den 10.000 Nutzern, die die App derzeit hat,
die sich engagieren und dabei besser Deutsch lernen           also nicht sein. Egal, nach welcher Altersklasse die Eh-
wollen. Für sie gibt es bisher wenige Angebote. Gibt es       renamtlichen Vereine suchen, kann es für sie aber
im Verein etwas, was sich dafür anbietet? Und falls Sie ei-   sinnvoll sein, sich an der App zu orientieren.
nen Verein in Offenbach kennen, der jemanden zum Gie-
ßen oder für Gartenarbeiten sucht: Ich kenne einen            Schließlich schrecken auch ältere Erwachsene zuneh-
Herrn mit einer leichten Behinderung, der macht das           mend davor zurück, sich dauerhaft zu binden. Projekte
sehr gerne. Das ist für ihn tagesstrukturierend und erfül-    und Aufgaben klar zu definieren und schriftlich zu fi-
lend. Man muss also immer schauen, was die Menschen           xieren, ist ebenfalls ratsam – ob man bei der Suche
mitbringen, darauf eingehen, dann kann man gut                nach „Volunteers“ nun auf eine App zurückgreift, auf
zusammenarbeiten!                                             das Schwarze Brett in der eigenen Halle oder auf per-
                           Die Fragen stellte Isabell Boger   sönliche Ansprache.                                 ib

SIH 1 6 / 10.08.2019
Ruhestand (Un-) Titelthema - Sportentwicklung - Landessportbund Hessen eV
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                     Von wegen Ruhestand!
                       Ruhestand bedeutet nicht zwangsläufig, nur noch zu Hause zu sitzen: Vier Beispiele,
                           die beweisen, wie erfüllend Ehrenamt im neuen Lebensabschnitt sein kann

    W
                er in Rente geht, der gehört zu den Senio-
                ren. Das dachte man jedenfalls früher. Das
                passende Bild hatte man auch gleich vor Au-
                gen: Die Oma im Schaukelstuhl, der etwas
    gebückt gehende Herr mit Hut. Mit den Ruheständlern
    von heute hat das nichts mehr zu tun. Viele von ihnen
    sind fit, gehen regelmäßig zum Sport, genießen Kreuz-
    fahrten und Wanderurlaube, die Betreuung der Enkel-
    kinder – und nicht selten den Einsatz für die gute Sa-
    che (siehe S. 4).

    Statt zu Hause endlich mal zur Ruhe zu kommen, wol-
    len sie ihrem Leben einen Sinn geben, etwas für sich
    und die Gesellschaft tun. Nicht selten haben sich diese
    Menschen schon während des Arbeitslebens ehrenamt-
    lich engagiert. Der (Un-)Ruhestand ermöglicht es ih-
    nen aber häufig, sich noch intensiver einzubringen –      einen Punkt, an dem ich dachte: Warum machst du
    oder gar ganz neue Aufgaben zu übernehmen. Vier           das? So eine Hausarbeit schreibt man ja nicht aller         OBEN
    Männer und Frauen berichten, warum sie das tun und        Tage und auch die Lehrprobe hat mir Respekt einge-          Fit in Turnschuhen:
    was es ihnen gibt.                                        flößt. Aber da ging es den Jüngeren nicht anders! Und       Rainer Lauterbacher
                                                                                                                          (r.) mit einigen
                                                              das Durchhalten hat sich gelohnt.
                                                                                                                          Teilnehmerinnen
    Rainer Lauterbacher,                                                                                                  seiner Body-Work-
    Übungsleiter und Abteilungsleiter:                        Erst habe ich andere Übungsleiter vertreten, aber bald      out-Gruppe.
                                                              schon habe ich meine eigenen Gruppen übernommen.            Bild: PRV
    „Als Feuerwehrbeamter bin ich mit 60 Jahren in den        Heute leite ich zwei Gruppen Wirbelsäulengymnastik,
    Ruhestand gegangen. Schon davor habe ich mich da-         eine BodyWork-Gruppe und den Nordic-Walking-Treff.
    mit auseinandergesetzt, was ich dann mit mir und der      Meine jüngste Teilnehmerin ist Ende 20, aber gerade
    vielen Freizeit sinnvolles anfangen will. Ich finde es    bei der Gymnastik sind viele Ältere dabei. Ich
    wichtig, dass man Ziele hat und den Ruhestand nicht       glaube, es ist ein Vorteil, wenn man da altersmä-
    nur auf sich zukommen lässt – sonst baut man ab, das      ßig nicht zu weit weg ist. Ich weiß, was man              Titelthema
    sehe ich an manchem ehemaligen Kollegen. Ich selbst       70-Jährigen zumuten kann. Dass ich viel Lob
    war immer sportlich aktiv. Daher war für mich klar,       bekomme, motiviert mich. Generell gibt mir             (Un)-
    dass ich mich im TV 88 Reinheim einbringen will. 2011,
    kurz vor meiner Pensionierung, habe ich die Leitung
                                                              mein Einsatz als Übungsleiter viel zurück.           Ruhestand
    der Abteilung Gesundheitssport übernommen. Inzwi-         Das Wissen, das mir Sportlehrerin Silke Hänsch
    schen ist das mit knapp 330 aktiven Mitgliedern die       und ihr Team bei der Ausbildung vermittelt habe,
    größte Abteilung in unserem Mehrsparten-Verein mit        hilft mir dabei sehr. Mobilisation und Dehnen hat in
    1.300 Mitgliedern. Sechs Jahre lang war ich zudem Ge-     vielen Gruppen davor nicht stattgefunden. Inzwischen
    schäftsführer des TV 88 Reinheim. Beides waren bzw.       gehört es auch für die Teilnehmer dazu. Natürlich muss
    sind tolle Erfahrungen, weil man nochmal wahnsinnig       man auch zu Hause einiges tun, z. B. die Stunden am
    viel dazulernt und neue Leute kennenlernt. Das hat        Schreibtisch erarbeiten. Bevor man eine Ausbildung an-
    mich beflügelt und gestärkt.                              tritt, muss man sich deshalb fragen: Will ich das? Wenn
                                                              man das mit „ja“ beantwortet, wird man ziemlich sicher
    Selbst als Übungsleiter tätig zu werden, hat lange in     Spaß haben. Ich habe das Gefühl, im Ruhestand etwas
    mir geschlummert. Als ich 2016 in der „Sport in Hes-      Sinnvolles zu tun – für mich und andere. Und unsere
    sen“ das Portrait über Heide Franz aus Eberstadt las,     Gesellschaft braucht solche Menschen. Also: nur zu!“
    die mit 72 ihre Übungsleiter-Lizenz gemacht hat, war
    das eine Initialzündung. Ich habe mich informiert und     Kurt Richter, Vorsitzender und
    mein Vorhaben im Verein vorgetragen. Einige ältere        Vereinsmanager:
    Übungsleiterinnen haben zu mir gesagt, das sei ambi-
    tioniert – aber mir trotzdem zugeraten. 2017 habe ich     Als Rentner eine Ausbildung zum Vereinsmanager ma-
    dann meine Ausbildung beim lsb h erfolgreich abge-        chen? Warum nicht? Kurt Richter aus Wabern fiel diese
    schlossen, mit vielen jungen Hüpfern! Natürlich gab es    Entscheidung nicht schwer. „Als der Ruhestand immer

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Ruhestand (Un-) Titelthema - Sportentwicklung - Landessportbund Hessen eV
TITELTHEMA (UN-)RUHESTAND                                                                                                                    9

näher rückte, dachte ich mir: Mit dem Wohnmobil he-        cherung, bekommen haben, direkt in meiner Funktion
rumreisen will ich nicht, Radfahren auch nicht und an      als Kassenwart nutzen“, gefällt ihm die konkrete Wech-
die Uni gehen, wie das inzwischen einige Senioren ma-      selwirkung zwischen Ausbildungsinhalten und der Ar-
chen, war auch nicht mein Fall. Ich habe mich gefragt,     beit im Ehrenamt. Auch das Finanzierungsmodell das
was kannst Du gut? Und die Antwort war schnell gege-       im Sportkreis Schwalm-Eder für die Vereinsmanager-
ben: Sport kann ich gut.“                                  Ausbildung gefunden wurde findet Kurt Richter nach-
                                                           ahmenswert. Sportkreis, Landkreis und Verein teilen
Mit 13 hat Kurt Richter mit dem Sport angefangen.          sich dort die Ausbildungskosten zu je einem Drittel.
Fußball (früher) und Tischtennis (immer noch aktiv)
sind seine Passion. Mehr als 1.000 Fußballspiele und       Wer frisch gebackene Ruheständler zur Mitarbeit moti-
noch mehr Tischtennis-Matches hat er inzwischen auf        vieren wolle, dürfe aber auf keinen Fall mit dem Argu-
dem Buckel. „Sport hat mir schon immer Spaß ge-            ment „du bist doch jetzt Rentner und hast Zeit“ kom-
macht“, erzählt der 64-Jährige, „das war immer meine       men. „Das wollen Rentner nicht hören“, weiß Richter
wichtigste Motivation“. Doch er ist nicht nur aktiver      aus eigener Erfahrung. Wer allerdings die persönlichen
Sportler, sondern auch Vorsitzender des kleinen Tisch-     Qualitäten und den Erfahrungsschatz der „Kandidaten“
tennisvereins TTV Udenborn (90 Mitglieder) und Kas-        ins Spiel bringe, habe gute Chancen, dass die Werbung
sierer bei der SG Utterhausen-Lendorf (Fußball/Leicht-     glückt. Grundvoraussetzung für jedes Ehrenamt ist für
athletik/Turnen (230 Mitglieder). Vor allem aber ist       ihn, unabhängig von Werbestrategien „ein weites
Richter angehender Vereinsmanager. Aktuell absol-          Herz, die Fähigkeit Kompromisse zu schließen und die
viert er in Kassel seine Ausbildung.                       Bereitschaft, sich zu kümmern.“

Auf die Frage, ob es ihm die Ausbildung und vor allem      Irene Domsel, Schriftführerin
das Lernen nicht schwer falle, muss Kurt Richter lachen:   und Leiterin der Geschäftsstelle
„Ich lerne mein ganzes Leben lang schon. Und zwar je-
den Tag. Mir macht es Spaß, Neues zu erfahren und          „Ich hatte das Glück,
wenn möglich dieses neue Wissen auch umzusetzen“. Er       mit 57 in Ruhestand
habe im Sport wichtige Dinge gelernt: Siege zu genie-      gehen zu dürfen. Dass
ßen, Niederlagen auszuhalten und aufzuarbeiten, mit        ich mich danach noch
Druck umzugehen („wer schon einmal in der 90. Minute       einbringen will, war
einen entscheidenden Elfmeter schießen musste, weiß        für mich immer klar –
wovon ich rede“), aber auch Solidarität und Freund-        um weiterhin am ge-
schaft. Im Fußballverein gebe es 40 Aktive Senioren-       sellschaftlichen Leben
Spieler aus sieben Nationen, das sei eine tolle Gemein-    beteiligt zu sein. Es
schaft, erzählt Richter nicht ohne Stolz. Auch die         hätte aber auch eine
Flüchtlinge, die gekommen seien, wurden gut inte-          Aufgabe beim Senio-
griert. „Wir dulden hier keine Ausländerfeindlichkeit      renkreis werden kön-
und schreiten sofort ein, wenn blöde Sprüche gemacht       nen, denn so eng wa-
werden. Da sind wir uns auch im Vorstand einig.“           ren meine Bande zum
                                                           TuS Zwingenberg vor-
Richter begreift die Herausforderungen mit denen sich      her nicht. Ich bin ein oder zweimal pro Woche dort zum
die Vereine konfrontiert sehen, als Chance. Man könne      Sport gegangen, mehr auch nicht. Entscheidend war          OBEN
sich dem Wind zwar entgegenstemmen, aber sinnvoller        wohl, dass der Rechner des Vereins mitbekommen             Irene Domsel
sei es doch, ihn zu nutzen, um voranzukommen, zitiert      hatte, dass ich in Ruhestand gehe – und zur Vorsitzen-     (sitzend) fühlt sich
                                                                                                                      von der Vorsitzenden
er ein Bild aus dem Segelsport. Unter diesem Aspekt        den sagte: Frag‘ doch mal Irene, ob sie nicht die Ge-
                                                                                                                      der TuS Zwingenberg
begreift er auch die Ausbildung zum Vereinsmanager         schäftsstelle übernehmen würde.                            und dem gesamten
als Schritt, um diesen „Wind“ positiv zu nutzen. Bis-                                                                 Team von Anfang an
lang sei er nur auf Vereinsebene und in erster Linie als   Geplant waren drei Stunden Einsatz pro Woche. Daraus       gut aufgenommen.
Sportler aktiv gewesen, jetzt würde sich sein Horizont     wurde aber schnell mehr, weil es einen gewissen Nach-      Foto: Isabell Boger
erweitern.                                                 holbedarf gab und ich bestimmte Vorstellungen hatte!
                                                           Mir ging es ja nicht darum, mir was dazuzuverdienen,
                                  „Man erfährt durch       sondern um den Spaß. Der Vereinsvorstand hat mir           LINKS
                                  die Ausbildung, wie      auch einen genügenden Freiraum gelassen. Das ist ge-       Kurt Richter hat
                                  vielfältig und nutz-     nauso wichtig wie die Tatsache, dass es gewisse Eck-       Spaß am lebenslan-
                                                                                                                      gen Lernen.
                                  bringend die Arbeit      pfeiler gibt. Neue Ideen einbringen zu können, finde
                                                                                                                      Foto: PRV
                                  des Landessportbun-      ich wichtig. Aber der Verein hat auch ein Vorleben und
                                  des und des Sport-       man sollte nicht alles gleich umwerfen wollen.
                                  kreises ist. Neulich
                                  konnte ich die Infor-    Mit der Geschäftsstellenleitung habe ich bereits zwei
                                  mationen, die wir im     Monate nach meiner Pensionierung begonnen. Eigent-
                                  Seminar mit Edgar        lich wollte ich mir etwas mehr Zeit lassen, aber als ich
                                  Oberländer vom Lan-      gefragt wurde, dachte ich: warum nicht? Im Endeffekt
                                  desausschuss Recht,      war das gut, weil ich dadurch gar nicht Gefahr gelaufen
                                  Steuern und Versi-       bin, in ein Loch zu fallen oder im dritten Lebensab-

SIH 1 6 / 10.08.2019
Ruhestand (Un-) Titelthema - Sportentwicklung - Landessportbund Hessen eV
10                                                                                                                    TITELTHEMA (UN-)RUHESTAND

     schnitt depressiv zu werden! Ich kann Vereinen des-
     halb nur raten: Sprechen Sie die Leute an. Anzeigen
     schalten ist gut und schön, aber es geht nichts über
     persönlichen Kontakt und Ansprache!

     Zusagen gibt es wohl aber nur, wenn die Stimmung im
     Verein und im Vorstand passt, wenn man das Gefühl
     hat, die Leute sind offen, motiviert und haben Lust auf
     die Zusammenarbeit. Das ist beim TuS Zwingenberg der
     Fall. Als bei den nächsten Wahlen ein Schriftführer ge-
     sucht wurde, habe ich deshalb nicht lange gezögert.
     Das passte ja gut zu meinen Tätigkeiten in der Ge-
     schäftsstelle. Als Lust auf die Zusammenarbeit. Das ist
     beim TuS Zwingenberg der Fall. Als bei den nächsten
     Wahlen ich dann in meinem fortgeschrittenen Alter die
     Idee hatte, eine Vereinsmanager-Ausbildung zu ma-
     chen, hat das viele überrascht. Aber es wurde positiv
     aufgenommen und unterstützt. Heute ist der Verein
     schon stolz, wenn bei den Analysen, die der Lan-               Koch Fußball und Handball gespielt, „später bin ich beim
     dessportbund gerade verschickt ein Haken hinter Ver-           Lauftreff gelandet, wo ich mich in unterschiedlichen Ver-
     einsmanager ist!                                               einen immer wohl gefühlt habe bis zum heutigen Tag.           OBEN
                                                                    Jetzt bin ich als Nordic-Walker unterwegs, hin und wieder     Mit dem langjährigen
     Die Ausbildungen – nach der C- habe ich ja auch noch           geht’s auch zum Schwimmen oder Radfahren“, schildert          Staatssekretär im
                                                                                                                                  Hessischen
     die B-Lizenz erworben – war schon eine Herausforde-            seine sportlichen Aktivitäten.
                                                                                                                                  Ministerium des
     rung. Aber gerade im Ruhestand ist es für mich wich-                                                                         Innern und für Sport,
     tig, immer wieder die eigenen Grenzen auszutesten, zu          Neben den positiven Auswirkungen des Sports auf die Ge-       Werner Koch (links),
     schauen: Wozu bist du noch in der Lage? Ist deine              sundheit und das Wohlbefinden des Einzelnen, war für          hat der Vorsitzende
     Merkfähigkeit noch gut genug? Lebenslanges Lernen              Werner Koch auch die gesellschaftliche Wirkung des Ver-       des Sportkreises
     hat für mich Bedeutung und so ein Ehrenamt ermutigt            einssport immer von Bedeutung: Ich habe im Alltag, auch       Rheingau-Taunus,
     dazu, nicht stehenzubleiben. Das ist, neben dem                persönlich erlebt, dass man über den Sportverein in eine      Manfred Schmidt,
                                                                                                                                  einen kompetenten
     Wunsch, etwas Sinnhaftes zu tun und mit Menschen               örtliche Gemeinschaft sehr schnell integriert ist.“           Mitstreiter gewonnen.
     zusammenzukommen, sicher auch eine der wichtigsten                                                                           Foto: Michael Reitz
     Motivationen für mich.“                                        Folgerichtig ist die Förderung der Vereine auch eines
                                                                    seiner Schwerpunktthemen im Sportkreisvorstand. Ge-
     Werner Koch, vom Staatssektretär zum                           genwärtig befasst sich Koch mit den Förderanträgen der
     stellvertretenden Sportkreis-Vorsitzenden                      Vereine im Sportkreis, wenn diese Bau- oder Beschaf-
                                                                    fungsmaßnahmen in Angriff nehmen. Darüber hinaus ist
     Einen ganz besonderen „Unruheständler“ konnte der              er auf Kreisebene in der Vereinsberatung im Rahmen des
     Sportkreis Rheingau-Taunus für sich gewinnen. Seit dem         Projektes „Starker Sport. Starker Verein“ tätig.
     Sportkreistag 2018 ist der seit Januar 2019 pensionierte
     Staatssekretär im Hessischen Ministerium des Innern und        „In meinem Bereich ist auch das Thema Inklusion ange-
     für Sport, Werner Koch Mitglied des Sportkreisvorstandes.      siedelt. Dort möchte ich mit Mitstreitern, die ich gefunden
     Nicht zuletzt Dank Manfred Schmidt, der als Sportkreis-        habe zunächst ein Netzwerk aufbauen, um dann das
     vorsitzender um Kochs Engagement geworben hatte, ist           Thema noch mehr in die Vereine zu bringen. Als weiteres
     es gelungen, den ausgewiesenen Sportfachmann fürs Eh-          künftiges Thema nennt Koch den Seniorensport, den er
     renamt im Sportkreis zu gewinnen.                              für außerordentlich wichtig hält.

     „In meiner Zeit als Staatssekretär, in der ich viele Vereine   Auf die Frage, wie Vereine oder Sportorganisationen neue
     näher kennen lernen konnte, bekam ich die tiefe Über-          Mitglieder aus dem Kreise der „Unruheständler“ gewinnen
     zeugung, dass ohne die breite Bereitschaft zum Ehren-          könnten, ist Kochs Antwort einfach und klar: „Das Ein-
     amt, nichts oder nur wenig als Angebot realisierbar sein       fachste ist, dass man die Menschen anspricht. Viele Men-
     würde“, beschreibt Koch seine Motivation für die Mitar-        schen mögen es nicht, sich aufzudrängen. Wenn man den
     beit im Sportkreis. Zum anderen habe ein Sportkreis die        Ruheständler schon aus dem aktiven Arbeitsleben kennt,
     Aufgabe, seinen Vereinen Rahmen und Unterstützung zu           sollte man auch danach mit ihm im Gespräch bleiben und
     geben. „Den Sport den Menschen näher zu bringen und            nicht aus Bequemlichkeit einfach die Tür zulassen“. Au-
     die Vereinsarbeit zu unterstützen ist eine lohnenswerte        ßerdem sind für ihn klare Strukturen, die den „Neulingen“
     Aufgabe, das ähnelt auch meiner ehemaligen Aufgabe im          Orientierung geben, wichtige Faktoren. Werner Koch plä-
     Ministerium“.                                                  diert auch dafür, weniger zu jammern: „Als Ehrenamtler
                                                                    sollte man deutlich machen, dass das eine lohnenswerte
     Neben seinem Engagement in der Kommunal- und Partei-           Aufgabe ist, die Spaß und Freude macht. Es gibt leider im-
     politik ist Koch seit einigen Jahren im Vorstand des Ver-      mer noch viele Ehrenamtler, die über die ganze Arbeit kla-
     kehrsvereins Kiedrich, seit etwas über einem Jahr als Vor-     gen. Damit überzeugt man nur niemanden, den man ge-
     sitzender. Schon mehr als 25 Jahre lang treibt er bei der      winnen will.
     Turnerschaft Kiedrich Sport. In seiner Jugend hat Werner                              Isabell Boger und Markus Wimmer

                                                                                                                                   SIH 1 6 / 1 0 . 0 8 . 2 0 1 9
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                     Blick hinter die Kulissen
                                 Die wichtigsten Erkenntnisse des Sportentwicklungsberichts 2017/2018
                                                     für die hessischen Sportvereine

     W
               ie steht es um den Sport in Hessen? Welche
               Probleme empfinden die Vereine vor Ort als
               existenziell? Wie zufrieden sind Trainer und
               Übungsleiter? Und wie viele Ehrenamtliche
     gibt es in den hessischen Sportvereinen überhaupt?
     Diese und viele weitere Fragen versucht der Sportent-
     wicklungsbericht zu beantworten, den der DOSB, das
     Bundesinstitut für Sportwissenschaft sowie die Deut-
     schen Sporthochschule Köln nun für die Jahre
     2017/2018 vorgelegt haben. Wir stellen die wichtigs-
     ten Erkenntnisse der Auswertung für Hessen vor.

     Selbstverständnis

     In Sachen Selbstverständnis weichen die hessischen
     Sportvereine nur wenig vom deutschlandweiten Durch-
     schnitt ab. Sie legen Wert auf Gemeinschaft und eine
     demokratische Beteiligung im Verein – insbesondere
     von jungen Menschen. Sie wollen Bisheriges besser ma-        hessischen Sportvereine. Sie bilden damit weiterhin
     chen, setzen auf eine Qualifikation ihrer Übungsleiter       eine wichtige Basis für den Leistungssport in Hessen.       OBEN
     und engagieren sich zu großen Teilen im Kinder- und                                                                      Wie verändert sich die
     Jugendsport.                                                 Etwa jeder dritte hessische Verein – rund 2.500 Stück –     Sportvereinsland-
                                                                                                                              schaft in Hessen? Der
                                                                  bieten Programme mit Gesundheitsbezug an. Allgemei-
                                                                                                                              Sportentwicklungsbe-
     Im Vergleich zum Bundesdurchschnitt setzen sie sich          ner Gesundheitssport (31,3 Prozent) liegt dabei deut-       richt gibt Auskunft.
     etwas mehr für Menschen mit Migrationshintergrund            lich vor Rehabilitationssport (4,5 Prozent) und Sport       Foto: Thomas Reimer /
     und Flüchtlinge ein: 39 bzw. 29 Prozent der Vereine          für behinderte und chronische kranke Menschen (4,5          stock.adobe.com
     stimmen hier voll oder eher zu. In der Dopingpräven-         Prozent). Im Verhältnis zu allen vorhandenen Sportan-
     tion engagiert sich über ein Drittel der Vereine (38 Pro-    geboten liegt der Anteil der Angebote mit Gesund-
     zent) hingegen „gar nicht“, auch die Prävention von          heitsbezug bei knapp zwölf Prozent. Mit dem Qualitäts-
     Spiel- bzw. Wettkampfabsprachen spielt für 30 Prozent        siegel SPORT PRO GESUNDHEIT zertifizierte Kurse
     der Vereine überhaupt keine Rolle.                           werden von gut sechs Prozent der hessischen Sportver-
                                                                  eine (insgesamt rund 470 Vereine) angeboten.
     Beiträge unter Bundesdurchschnitt
                                                                  Nur rund 2,9 Prozent der hessischen Vereine betreibt
     Durchschnittlich verlangen die hessischen Sportver-          ein eigenes Fitnessstudio. Nur 20 der 220 Studios sind
     eine einen monatlichen Mitgliedsbeitrag von fünf Euro        dabei mit dem Qualitätssiegel SPORT PRO FITNESS
     für Kinder und Jugendliche sowie acht Euro für Er-           ausgezeichnet.
     wachsene. Damit liegen sie leicht unter dem Bundes-
     durchschnitt (fünf Euro für Kinder, sechs Euro für Ju-       Ehrenamt und bezahlte Mitarbeit
     gendliche, 9,30 Euro für Erwachsene).
                                                                  Wie viele Personen engagieren sich ehrenamtlich in
     Dass Gemeinschaft für die Vereine eine wichtige Rolle        den hessischen Sportvereinen? Um diese Frage zu be-
     spielt, zeigt sich auch an der Zahl der Feste und geselli-   antworten, bedarf es einer Definition. Der Sportent-
     gen Veranstaltungen: 2016 hatten 93,5 Prozent der Ver-       wicklungsbericht unterteilt dabei in Vorstandsmitglie-
     eine außersportliche Veranstaltungen im Programm.            der, Kassenprüfer und Aktive auf Ausführungsebene.
                                                                  Letztere werden erfasst, wenn sie eine auf Dauer ange-
     Leistungs- und Gesundheitssport                              legte Tätigkeit unterhalb des Vorstands in „mehr als
                                                                  geringfügigem Umfang“ ausüben. Hierzu zählen insbe-
     15,2 Prozent bzw. rund 1.160 Sportvereine in Hessen          sondere Trainer/-innen, Übungsleiter/-innen, Schieds-
     haben laut Sportentwicklungsbericht Kaderathlet/-in-         und Kampfrichter/-innen. Wendet man diese Zählweise
     nen (ab D-Kader) in ihren Reihen, was in etwa dem            an, kommt man auf 136.500 Ehrenamtliche, von denen
     deutschen Durchschnitt entspricht. In eine Auswahl be-       mehr als zwei Drittel (92.300 Personen) Männer sind.
     rufen wurden 2016 Athleten aus knapp 30 Prozent der          Auf die Vorstandsebene entfallen 67.100, auf die Aus-

                                                                                                                               SIH 1 6 / 1 0 . 0 8 . 2 0 1 9
SPORTENTWICKLUNG                                                                                                                                   13

führungsebene 55.700 Personen. Hinzu kommen                 finanzielle Unterstützung in Form von Kostenübernah-
13.700 Kassenprüfer/-innen.                                 men von Fort- und Weiterbildungen, Aufwandsentschä-
                                                            digungen, Fahrtkostenzuschüssen und Beitragsminde-
Lediglich 290 hessische Vereine (3,8 Prozent) beschäf-      rungen zur Unterstützung ihrer Ehrenamtlichen.
tigen mindestens eine bezahlte Führungskraft, z. B.
eine/-n Geschäftsführer/-in. Diese Führungsposition         Fast die Hälfte mit eigener Sportanlage
ist in über 70 Prozent der Fälle nur in Teilzeit besetzt.
Damit liegen die hessischen Vereine unter dem Bun-          45,5 Prozent der hessischen Vereine besitzen eine ei-
desschnitt, wo 4,3 Prozent der Vereine mindestens           gene Sportanlage und/oder ein eigenes Vereinsheim.
eine Teilzeit- sowie weitere 2,1 Prozent mindestens         Dieser Anteil ist höher als im Bundesschnitt (40,9 Pro-
eine Vollzeit-Führungskraft beschäftigen.                   zent). Kommunale Sportanlagen werden von gut 4.900
                                                            Sportvereinen in Hessen (64,5 Prozent) genutzt. Gut
Herausforderung und Probleme                                32 Prozent davon müssen Nutzungsgebühren entrich-
                                                            ten - in ganz Deutschland ist es fast die Hälfte.
Die größte Herausforderung für die Zukunft sehen die
Sportvereine in Hessen, wie auch in Gesamtdeutsch-          In 72 Prozent der hessischen Vereine deckten oder
land, in der Bindung und Gewinnung ehrenamtlicher           überstiegen die Einnahmen 2016 die Ausgaben. Am
Funktionäre. 56 Prozent der befragten hessischen Ver-       meisten gaben sie im Durchschnitt für Trainer/-innen,
eine bezeichnen dies als großes oder sehr großes Pro-       Übungsleiter/-innen und Sportlehrer/-innen aus (Mit-
blem. Nur sechs Prozent sehen hier gar kein Problem.        telwert: 6.390 Euro), gefolgt von Ausgaben für den Er-     Seit 2005/06 sind
Auch die Bindung/Gewinnung von jugendlichen Leis-           halt und Betrieb eigener Anlagen (3.319), für Sportge-     sieben Sportentwick-
tungssportlern (43 Prozent), Kampf- und Schiedsrich-        räte und Sportkleidung (2.042), den Wareneinkauf           lungsberichte
                                                                                                                       erschienen. Sie
tern (41 Prozent), Trainern/Übungsleitern (36 Pro-          (1.842) sowie Mieten und Kostenerstattungen für die
                                                                                                                       dokumentieren die
zente) und Mitgliedern (34 Prozent) beurteilen viele        Nutzung nicht vereinseigener Sportanlagen (1.314).         Struktur und Entwick-
als großes oder sehr großes Problem.                        Erstaunlich: Nur knapp 60 Prozent der Vereine geben        lung des organisierten
                                                            an, überhaupt Ausgaben für Trainer/-innen, Übungs-         Sports in Deutschland.
In der großen Mehrheit zufrieden sind die hessischen        leiter/-innen und Sportlehrer/-innen zu haben.             Die Berichte basieren auf
Vereine hingegen mit dem Zustand (42 Prozent „kein                                                                     einer Online-Vereinsbe-
Problem) und der zeitlichen Verfügbarkeit (52 Prozent)      Die höchsten Einnahmen generierten die Sportvereine        fragung zu feststehen-
                                                                                                                       den Themenkomplexen,
der genutzten Sportstätten. Auch finanziell sieht sich      in Hessen 2016 aus Mitgliedsbeiträgen (Mittelwert:
                                                                                                                       die jeweils aktuell
der Großteil der Vereine recht gut aufgestellt: Nur 14      14.019 Euro), Spenden (2.942) und selbstbetriebenen        erweitert werden. Für
Prozent sehen hier große oder sehr große Probleme.          Gaststätten (1.856). Gegenüber 2015 ist ein bei Mit-       den neuen Bericht
                                                            gliedsbeiträgen und Kursgebühren ein signifikanter         wurden erstmals auch
Existenzielle Bedrohungen                                   Einnahmenzuwachs zu erkennen.                              Trainer, Übungsleiter
                                                                                                                       und Vorstandsmitglieder
„Die durchschnittlich moderaten Problemwerte sollten        Unterschiedliche Qualifikationen                           befragt.
nicht darüber hinwegtäuschen, dass es eine nicht zu
vernachlässigende Anzahl an hessischen Vereinen gibt,       In Sachen Ausbildung geben die Übungsleiter/-innen
die mindestens ein existenzielles Problem hat. Dies         und Trainer/-innen in Hessen ein sehr heterogenes
trifft landesweit auf 38,3 % aller Sportvereine bzw. ins-   Bild ab: Die Mehrheit (52 Prozent) gibt an, im Besitz
gesamt etwa 2.920 Vereine in Hessen zu“, schreiben          einer gültigen Lizenz eines Fachverbandes oder Lan-
die Autoren des Sportentwicklungsberichts. Existen-         dessportbundes zu sein, drei Prozent verfügen über
zielle Ängste ruft bei 15,1 Prozent der hessischen Ver-     eine nicht mehr gültige Lizenz. 2,7 Prozent haben eine
eine das Problem hervor, nicht genügend ehrenamtli-         Ausbildung eines Fachverbandes oder Landessportbun-
che Funktionsträger binden oder gewinnen zu können.         des ohne Lizenz abgeschlossen. Neun Prozent haben
Dieser Anteil liegt noch leicht über dem Bundesschnitt.     ein sportwissenschaftliches Studium absolviert, 3,3
8,4 Prozent der Vereine in Hessen betrachten es als         Prozent eine Ausbildung eines kommerziellen Anbie-
existenzbedrohend, nicht genügend Mitglieder binden         ters. Jede(r) Zehnte der Befragten hat eine sonstige
oder gewinnen zu können. Hierbei handelt es sich wohl       Ausbildung abgeschlossen. Fast ein Viertel hat keine
vor allem um kleinere Vereine, denn sie repräsentier-       Ausbildung für die Tätigkeit im Sport – das sind rund
ten lediglich 2,9 Prozent der Mitglieder.                   fünf Prozent mehr als im Bundesschnitt.

Um ihren Problemen entgegenzuwirken, versuchen die          Grundsätzlich sind die Leiter der Trainingseinheiten
Vereine, ihre Ehrenamtlichen zu unterstützen. Sie ver-      mit ihrer Tätigkeit zufrieden (Mittelwert 7,79 auf einer   Ausführliche
suchen, deren Ideen aufzugreifen, vergeben Auszeich-        elfstufigen Skala). Das liegt vor allem an der Beurtei-    Ergebnisse, unter
nungen und Ehrungen – und sie übernehmen die Kos-           lung ihrer eigenen Leistung, den Erfolgen und der Mo-      anderem zur Ausbildung
                                                                                                                       und Motivation von
ten für Aus- und Fortbildungen, insbesondere von            tivation ihrer Trainingsgruppe sowie die Zusammenar-
                                                                                                                       Vorstandsmitgliedern,
Übungsleiter/-innen und Trainer/-innen, etwas einge-        beit und Anerkennung im Verein. Am wenigsten               gibt es online unter
schränkter aber auch von ehrenamtlichen Vorstands-          zufrieden sind sie mit steuerlichen Vergünstigungen.       http://yourls.lsbh.de/
mitgliedern. Bei Personen auf Ausführungsebenen             Interessant: Geld für die eigene Tätigkeit oder andere     sebhessen
kommt zudem verstärkt die Übernahme von Verwal-             monetär zu bewertende Leistungen zu erhalten, steht
tungstätigkeiten zum Einsatz. Im Vergleich zum Bun-         bei den Gründen für das eigene Engagement ganz weit
desschnitt setzen hessische Vereine etwas weniger auf       unten.                                     Isabell Boger

SIH 1 6 / 10.08.2019
BILDUNG                                                                                                                                      15

                       Mit neuer Ausbildung
                         am Puls der Zeit
                       17 Männer und Frauen absolvieren Pilotausbildung „Übungsleiter B-Fitness“ /
                                          Regelmäßige Wiederholung geplant

S
       tolz strahlen sie in die Kamera. Dann werfen 17
       frischgebackene Übungsleiter/-innen B-Fitness
       blaue Piloten-Mützen in die Luft. Was es damit
       auf sich hat? „Ganz einfach“, erklärt Sportlehrer
Tobias Dauner, der die Ausbildung für den Lan-
dessportbund Hessen (lsb h) konzipiert und geleitet
hat: „Es handelte sich um eine Pilotausbildung, bei der
ich gemeinsam mit den Teilnehmern ausgelotet habe,
was künftig noch verändert, verbessert oder ergänzt
werden kann oder sollte.“

Das ist wichtig, weil der Landessportbund mit der Aus-
bildung Neuland betritt: Eine Übungsleiter-Lizenz mit
Schwerpunkt Fitness gab es bisher weder in Hessen
noch in einem anderen Bundesland. „Trends aus den
Bereichen Kraft und Ausdauer werden aber immer mehr
nachgefragt. Außerdem setzen auch Vereine zuneh-
mend auf gerätebasiertes Training in eigenen Vereins-
und Gesundheitszentren“, sagt Dr. Frank Obst, für Bil-
dung zuständiger Geschäftsbereichsleiter des lsb h. Mit
der neuen Ausbildung leiste der Verband deshalb einen      eine gegenüber anderen Fitnessanbieter abgrenzen
wichtigen Beitrag für zeitgemäße Sportangebote und         und behaupten können.                                     OBEN
qualifizierte Übungsleiter im Verein – und das in Ab-                                                                Nach abgeschlosse-
grenzung zu sogenannten B-Lizenz-Ausbildungen der          Fit für die Arbeit im Kraftraum                           ner Piloten-Ausbil-
                                                                                                                     dung werfen die 17
freien Fitnessbranche. „Diese kosten häufig eine Menge
                                                                                                                     frischgebackenen
Geld, erfüllen aber nicht die qualitativen Anforderun-     Dass mit der Ausbildung auch eine lizenzierte Qualifi-    Übungsleiter/-innen
gen, die wir als Verband stellen“, so Obst.                kation für die Arbeit im Kraftraum geschaffen wurde,      B-Fitness ihre
                                                           sieht Sportlehrer Dauner als wichtig an: „Viele Vereine   Pilotenkappen in die
Inhaltlich spielen Kraft- und Ausdauertraining eine        betreiben einen Kraftbereich, in dem fleißig trainiert    Luft!
entscheidende Rolle. Neben Klassikern wie Kurz- und        wird. Die Leute dort professionell zu betreuen, wurde     Bild: lsb h
Langhanteltraining, Fitnesstests und Ausdauer-In-          über die Ausbildungsinhalte der Übungsleiter C-Lizenz
door-Training stellte Dauner auch aktuelle Trends für      aber nicht abgedeckt. Bisher war man deshalb auf ei-
diesen Belastungsbereich vor, z. B. Tabata, Freestyle,     geninitiativen Wissenserwerb der Übungsleiter ange-
Functional Training, Sling-, Kettlebell- oder EMS-Trai-    wiesen. Mit der neuen Ausbildung auf der zweiten Li-
ning. Ergänzend dazu gab es ein Tagesmodul zu Rege-        zenzstufe ändert sich das.“ Die 17 Teilnehmer hätten
neration und einfachen Methoden der Physiotherapie,        passgenaues Wissen dafür erworben. Mit einem eigens
wie Kinesio-Taping, Flossing und Faszientraining. Die      dafür kreierten Logo könne das schon am Eingang des
Teilnehmer waren sich einig: Das gute Mischverhältnis      Kraftbereichs dokumentiert werden.
von spannender Theorie und zum Teil anstrengender
Praxis machten die vollgepackte Zeit sehr kurzweilig.      „Mit der Übungsleiter B-Lizenz Fitness haben wir eine
                                                           weitere Säule in unserer Ausbildung geschaffen, die
Tagesmodule bei Vereinen                                   uns qualitativ weiterbringt“, findet auch der zustän-     Weitere Informatio-
                                                           dige Vizepräsident Prof. Dr. Heinz Zielinski. Künftig     nen zur Übungsleiter
Das lag wohl aber auch am Aufbau der Aufteilung: Ne-       wollen Frank Obst und seine Sportlehrer die Ausbil-       B-Lizenz Fitness
                                                                                                                     sowie zu weiteren
ben einem dreitägigen Basismodul, einem Tageslehr-         dung deshalb ein- bis zweimal pro Jahr anbieten. „Bis-
                                                                                                                     Ausbildungen finden
gang sowie dem Abschlusstag in der Sportschule des         her ist die Resonanz sehr gut. Die nächste Ausbildung     Sie in unserer
Landessportbundes in Frankfurt standen zwei Tages-         im Herbst war bereits im Januar ausgebucht“, sagt         Bildungsbroschüre
module bei Vereinen auf dem Programm: Beim KSV             Obst. Die neuen Teilnehmer, verspricht Ausbilder Dau-     unter yourls.lsbh.de/
Langen und der FTG Bockenheim fanden die Teilneh-          ner, werden dann von den Erfahrungen der Piloten mit      ausbildung2019
mer optimale Praxisbedingungen für spezielle Inhalte       den blauen Mützen profitieren.
vor. Außerdem zeigten beide Beispiele, wie sich Ver-                                                Isabell Boger

SIH 1 6 / 10.08.2019
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