Walter De Maria. The 2000 Sculpture Die Sammlung Bührle: Wir sind bereit! - Earth Talks
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MAGAZIN 3 · JULI 2021 CHF 8.–
Walter De Maria.
The 2000 Sculpture
Seite 10
Earth Talks Seite 16
Die Sammlung Bührle:
Wir sind bereit!
Seite 20Wir freuen uns auf Ihre Einlieferungen für unseren kommenden Auktionen. Blick in die Ausstellung der Juni-Auktion 2021. Koller Auktionen · Hardturmstrasse 102 · 8031 Zürich Tel. +41 44 445 63 63 · office@kollerauktionen.ch www.kollerauktionen.ch
EDITORIAL 3
Liebe Mitglieder der
Zürcher Kunstgesellschaft
Auch im Kunsthaus freuen wir uns auf die neue Präsidentin Anne Keller Dubach und
gratulieren zu ihrer Wahl bei der erstmals schriftlich durchgeführten Generalversamm-
lung: In diesem Magazin stellt sie sich Ihnen vor. An dieser Stelle mein Dank an die
vielen Personen, die im und für das Kunsthaus diese organisatorische Hürde genommen
haben, und Ihnen, dass Sie unseren Anliegen wohlwollend zugestimmt haben! Unser
und mein herzlicher Dank gilt unserem langjährigen Präsidenten Walter B. Kielholz für
seine ausgezeichnete ehrenamtliche Tätigkeit und für sein grossartiges und durchaus
zeitaufwendiges Engagement, nicht zuletzt bei der Realisierung der Kunsthaus-Erweite-
rung. Wir bringen für Sie einen Rückblick auf die zwei Jahrzehnte von Walter B. Kielholz
an unserer Seite im nächsten Magazin.
Liebe Mitglieder: Wir haben uns gefreut, dass der Chipperfield-Bau von so vielen
Menschen in kurzer Zeit besucht und besichtigt wurde und dass die Reaktionen so positiv
sind. Auch für uns war die gelungene Preview mit der eindrucksvollen Klanginstallation
von William Forsythe ein wichtiger Moment, bevor wir das Gebäude nun gleichsam
vollenden, indem die Kunst Einzug hält und wir das Ganze mit Ihnen zusammen im Herbst
eröffnen. Alles läuft nach Plan, und obwohl wir alle Hände voll zu tun haben, ist das
Kunsthaus vom Elan getragen, den Sie uns in den letzten Wochen mit auf den Weg gege-
ben haben. Nicht nur hunderte Kunstwerke werden dann präsentiert, auch die vielen
Informationsmöglichkeiten werden vorbereitet – die Wandtexte, der umfassende Audio
guide, ein Digitorial, das Digital-Lab und die wichtigen Dokumentationen – auch jene
zur Sammlung Emil Bührle. Und natürlich laufen die Vorbereitungen in der Kunsthaus-Bar
und dem neuen Shop ebenfalls auf Hochtouren und im Zeitplan. Wir sind nun tatsächlich
drauf und dran, das Kunsthaus als Ganzes neu zu präsentieren und zu positionieren,
und vielleicht nutzen Sie schon jetzt die Gelegenheit, sich die vielen neuen und überra-
schenden Säle im bestehenden Haus anzusehen.
Der Garten der Kunst wird mit ersten Veranstal
tungen im Sommer eingeweiht und mit ihm die spezielle
Gartenarchitektur: Das «Rondell» ist ein Geschenk der
neuen Präsidentin.
Last but not least freuen wir uns, dass der Vorstand
der Kunstgesellschaft Christoph Stuehn, seit Mai 2018
Mitglied unserer Geschäftsleitung, zum Vizedirektor
des Kunsthauses ernannt hat.
Seien Sie, auch im Namen aller Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter des Kunsthauses, herzlich gegrüsst.
Ihr Christoph Becker
Foto © Juliet Haller, Amt für Städtebau, Zürich4 ANZEIGEN
WIR PFLEGEN NOCH DIE KUNST
DER DISKRETEN UND KOMPETENTEN
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Kataloge online und auf Bestellung ab Mitte August erhältlich www.kornfeld.ch6 GUT ZU WISSEN
SHOP
70 Meisterwerke
Wir sind schon alle gespannt auf die Eröffnung der Erweiterung
und die Kunst, die darin zu sehen sein wird. Mehr als bloss ein
kleiner Vorgeschmack bietet das soeben erschienene Buch
«Die Sammlung Emil Bührle – 70 Meisterwerke». Sie gewinnen
damit einen Überblick der schönsten und bedeutendsten Werke
der Sammlung, die schon bald im Kunsthaus beheimatet sein
wird. Wenn Sie es lieber etwas ausführlicher haben, empfehlen
wir Ihnen den umfangreicheren Band
«Die Sammlung Emil Bührle – Geschichte,
Gesamtkatalog und 70 Meisterwerke».
«Die Sammlung Emil Bührle – 70 Meister
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Foto © Florian Kalotay SPE ZIA L- werke»; CHF 29.– / Mitglieder CHF 26.– /
Werk: Marc Chagall, Le coucher du soleil, 1974 N U R F ÜR Mitglieder PLUS und Kunstfreunde CHF 23.–
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«Die Sammlung Emil Bührle – Geschichte,
Gesamtkatalog und 70 Meisterwerke»;
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Auf den Spuren
und Kunstfreunde CHF 47.–
von Marc Chagall MITGLIEDER
Preview Eröffnung
Vom Fraumünster – übers Kunsthaus – in die Kronenhalle
Lernen Sie an diesem 90-minütigen Rundgang mit Kerstin Bitar die
Chipperfield-Bau
faszinierende Kunst von Marc Chagall (1887–1985) kennen. Der Do 8. Oktober 2021, von 12 bis 20 Uhr
Rundgang beginnt im Fraumünster und endet, als Spezial-Edition, Erleben Sie bei dieser exklusiven
mit einer kulinarischen Erfrischung an einem Ort, an dem sich Vorbesichtigung den neuen Chipper-
field-Bau erstmals in seiner ganzen
Marc Chagall in seiner Zeit in Zürich besonders gerne aufhielt: in
Fülle: mit den Sammlungen (Emil
der Kronenhalle. Im Fraumünster wird Ihnen die Leuchtkraft der Bührle, Merzbacher, Looser und
Farben in Chagalls Glasfenstern nähergebracht. In der Sammlung Kunsthaus) und der ersten Wechsel-
des Kunsthauses erleben Sie seine ausdrucksstarken Bilder im ausstellung «Earth Beats». Auch
Museum. In der Kronenhalle treffen Sie auf vier weitere Meister- die neue Kunsthaus-Bar, der Shop und
werke von Marc Chagall in aussergewöhnlichem Ambiente. der Garten laden unsere Mitglieder
an diesem Tag erstmals zum Flanieren
Daten: Do 7.10. / Sa 16.10. / So 24.10.2021; Dauer: 14.30 bis ca. 17 Uhr. Beginn im und Entdecken ein.
Fraumünster – Ende in der Kronenhalle; Treffpunkt: Haupteingang Fraumünster
(Seite Paradeplatz); Kosten: CHF 45.–, inkl. Kaffee / Tee mit Kuchen bzw. Mousse au Weitere Informationen ab August
Chocolat oder 1 Glas Champagner mit Mandeln (bezahlbar in der Kronenhalle); S AV E auf www.kunsthaus.ch
E!
Anmeldung unter: info@kunsthaus.ch. T HE DAT sowie im September-Magazin.
KULTURNEWS
Foto © Juliet Haller, Amt für Städtebau, Zürich
Miteinander für die
Chipperfield-Bar
Anfang Mai hat die Stiftung Zürcher Kunsthaus ein bekanntes
und erfolgreiches Gastro-Kollektiv aus Zürich als Betreiberin
für die Kunsthaus-Bar gewählt. Aus der Ausschreibung
und dem Evaluationsprozess ging die Miteinander GmbH als
Siegerin hervor. Projekte umfassen u. a. Frau Gerolds Garten,
den Weihnachtsmarkt auf dem Sechseläuten-Platz, das Seebad
Enge und die Restaurants Gartenhof, Maison Manesse und
Smith & Smith. Wir gratulieren und wünschen viel Erfolg.GUT ZU WISSEN 7
KULTURNEWS
Der Kunsthaus-
Maskenball
1921 führte die Zürcher Kunst
gesellschaft erstmals einen
Gerhard Richter, Acht Lernschwestern, 1966
Öl auf Leinwand, 8-teilig, Bild je 95 × 70 cm, Werkverzeichnis 130 Maskenball durch, der sich in
Kunsthaus Zürich, Dauerleihgabe der Vereinigung Zürcher Kunstfreunde. Geschenkt von den folgenden Jahren zu einem
Hans B. Wyss und Brigitte Wyss-Sponagel, © 2021 Gerhard Richter Höhepunkt der Zürcher Ball
saison entwickelte. Nun erscheint
im Verlag Hier und Jetzt eine
Publikation dazu. Autorin Regula
Schmid hat sich auf Spurensuche
OBJEKT DER BEGIERDE begeben und Plakate, Menü
Acht Lernschwestern
karten, Fotos und vieles mehr
ausgegraben. Auf eine kurze
Einführung folgt ein ausführlicher
Bildteil mit Erklärungen, die
Mit grosser Freude durfte die Vereinigung Zürcher Kunstfreunde ein durch die vielfältigen Dokumente
Hauptwerk von Gerhard Richter als Geschenk von Hans B. Wyss zum Ball führen. Ein spannendes
Stück Gesellschaftsgeschichte
und Brigitte Wyss-Sponagel entgegennehmen. Das mehrteilige Gemälde
zum 100-Jahr-Jubiläum. Und
«Acht Lernschwestern» (1966) wird ab Oktober 2021 in die Erweiterung in der Zwischenzeit freuen wir
des Kunsthaus Zürich einziehen. uns auf unseren nächsten Ball im
Acht Frauengesichter, alle ungefähr gleich alt, ähnlich frisiert, Kunsthaus, voraussichtlich
lächelnd. Die Bildquelle verweist auf ein alles andere als erfreuliches Anfang 2022.
Ereignis, den Zeitungsbericht über einen Serienkiller-Fall von 1966 in www.hierundjetzt.ch
Chicago, der es bis in die deutschsprachige Presse schaffte. Das Gemälde
ist Zeugnis und Kommentar zu einem Paradigmenwechsel in der
Medienlandschaft der 1960er, wo auch ein Krieg (Vietnam) erstmals live
im Wohnzimmer verfolgt werden konnte und Sensationsgeschichten
rund um gewöhnliche Menschen mehr und mehr die Boulevardzeitungen
füllten.
«Acht Lernschwestern» ist ein bedeutendes frühes Werk von Gerhard
Richter, eines der ganz wenigen, die überhaupt noch für ein Museum
erreichbar sind. Umso dankbarer ist das Kunsthaus für die grosszügige
Geste von Hans B. Wyss und Brigitte Wyss-Sponagel: Mit ihrer Schenkung
erfüllt sich ein jahrzehntelanger Wunsch des Kunsthauses, ein grosses
Werk von Gerhard Richter in die Sammlung aufnehmen zu können und
damit endlich eine Lücke zu schliessen. Die Kunsthaus-Erweiterung, die
ihren Schwerpunkt auf die Kunst ab 1960 legt, ist dafür wie geschaffen.
Carl Moos, Plakat für den Kunsthaus-
Maskenball im Baur au Lac, 19228 Ins_KhM_89x122_09022021 Seite 1
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WALTER
DE
MARIA
The 2000 Sculpture
Walter De Marias «The 2000
Sculpture» ist eine der
grössten Bodenskulpturen im
Innenraum. Sie entstand
1992 auf Einladung von Harald
Szeemann für den grossen
Ausstellungssaal im Kunsthaus
Zürich. Nach über 20 Jahren
wird sie wieder ausgestellt.12 AUSSTELLUNGEN
Auch wenn schon 1992 vereinbart wurde, dass die mit den spezifischen Raum- und Lichtverhältnissen
Arbeit erneut von Ende 1999 bis ins Jahr 2000 gezeigt vor Ort auseinandergesetzt. Was heute als völlig
würde, leitet sich der Titel nicht von der Jahreszahl normal gilt, war damals ungewöhnlich. Harald Szee-
2000 ab – wie das vielleicht einige vermuten. Die mann beschrieb dies als eine «neue Qualität heutiger
Arbeit heisst vielmehr so, weil sie aus insgesamt Skulptur (. . .), die nicht mehr Objekt sein soll, son-
2000 weissen Gipsbarren von je 50 cm Länge und dern den Umraum prägendes, erfüllendes Subjekt».
18 cm Höhe besteht. Die einzelnen Elemente sind Es sind aber nicht nur räumliche Verhältnisse, die
trotz ihrer einheitlichen Grösse verschieden und das Werk und den Künstler mit dem Kunsthaus ver-
weisen fünf, sieben oder neun Seiten auf. Sie werden binden. Der künstlerische Entstehungsprozess da-
auf einer Fläche von 500 Quadratmetern ausgelegt, mals wäre nicht möglich gewesen ohne die Unter-
in insgesamt 20 Reihen à 100 Barren. Die Anordnung stützung durch die Kunstsammler Thomas und
folgt einem spezifischen Rhythmus: 5–7–9–7–5–5–7– Cristina Bechtler, den damaligen Direktor Felix Bau-
9–7–5. So ergibt sich eine Art Fischgrätenmuster, und mann und natürlich den Kurator Harald Szeemann.
je nachdem wo sich die Besucher befinden, scheinen 2001 schliesslich erhielt Walter De Maria als Erster
sich die Barren auf sie zu oder von ihnen wegzube- den Roswitha Haftmann-Preis für sein Lebenswerk.
wegen. Überhaupt ist die Bewegung der Betrachte- Wir freuen uns daher sehr, nach über 20 Jahren
rinnen und Betrachter grundlegend für die Erfahrung «The 2000 Sculpture» erstmals wieder zeigen zu
des Werkes. Denn was auf den ersten Blick geschlos- können. Die Präsentation findet parallel zur Eröff-
sen und monumental wirkt, entwickelt mit der nung des Erweiterungsbaus von David Chipperfield
Bewegung im Raum eine Fülle von visuellen Eindrü- statt und bietet eine Oase der Ruhe, Stille und Schön-
cken. Es entsteht eine Dynamik zwischen Zickzack- heit – etwas, das gerade in unseren hektischen Zeiten
linie und Diagonale sowie eine Spannung zwischen guttut.
durchschaubarer, mathematischer Gesetzmässigkeit
und der individuellen Wahrnehmung der Betrachte- Unterstützt von Albers & Co AG und der Boston
rinnen und Betrachter. Consulting Group.
LICHT, RAUM UND MUSIK
«The 2000 Sculpture» vereint vieles, was schon in
früheren Arbeiten von Walter De Maria grundlegend
war: Die Auseinandersetzung mit mathematischen
Grundformen, dem Licht, der Weite und dem Raum.
Gerade das Licht spielt in «The 2000 Sculpture»
eine ganz entscheidende Rolle. Je nach Wetter oder
Tageszeit verändert sich das Werk, und es entstehen
endlose Variationen von Weissschattierungen, Bre-
chungen und Linien. Ursprünglich wurde das Werk
auch ganz ohne Kunstlicht, nur bis zum Eindunkeln
gezeigt. «The 2000 Sculpture» hat aber auch viel mit
Rhythmus zu tun. In der 1999 zur Ausstellung er-
schienenen Publikation wurde die Skulptur als «rie-
sengrosse Partitur mit sichtbaren ‹Takten›» be-
schrieben. Musik spielte in Walter De Marias Werk
und Leben denn auch eine wichtige Rolle. Lange war
er sich nicht klar, ob er Musiker oder Künstler wer-
den sollte. Als klassisch ausgebildeter Drummer
spielte er in der legendären Band «The Velvet Under-
ground» um Lou Reed und komponierte «The
Cricket Music» (1964) und «The Ocean Music»
(1968). Schliesslich verband er beides in seiner
Arbeit als Künstler.
FÜR DAS KUNSTHAUS ERSCHAFFEN
Ein wichtiger Aspekt von «The 2000 Sculpture» ist
ihre Ortsspezifität. Das Werk ist für das Kunsthaus
entstanden, und der Künstler hat sich dafür intensivAUSSTELLUNGEN 13 Walter De Maria, The 2000 Sculpture, 1992 Gips und Hydrocal Walter A. Bechtler Stiftung, Fotos: Nic Tenwiggenhorn, Düsseldorf, © Estate of Walter De Maria
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sches Plädoyer zum Schutz der Erde und
ihrer Ressourcen für zukünftige Genera-
tionen zu verstehen.
An einer aussergewöhnlichen Location
unter freiem Himmel – dem neuen Garten
EARTH
der Kunst – bieten die «Earth Talks» die
Möglichkeit, über dringende ökologische
Fragen mit Neugier, Mut und Lust auf die
Zukunft in ungewohnten Konstellationen
zu debattieren – das schafft neue Formen
TALKS
des Wissens! Zudem bietet das Programm
eine Verzahnung von Kunst und gesell-
schaftlich relevanter Themen.
PODIUMSGESPRÄCHE
Die eine Hälfte der Veranstaltungen ist als
Panel-Format angelegt. Expertinnen und
Experten eines Gebiets treffen auf solche
eines anderen Feldes; Personen, die sich
im normalen Tagesgeschäft eher weniger
begegnen würden. Den Auftakt der Reihe
macht ein Podiumsgespräch, das den Blick
auf globale Zusammenhänge wirft. Die
eingeladenen Gäste von «Was auf dem
Veranstaltungsreihe Spiel steht» diskutieren über Fragen wie:
Können wissenschaftliche Erkenntnisse
über Umweltfragen
zur Umsetzung ökologischer Massnah-
men auf politischer Ebene führen? Wo
liegen erfolgsversprechende Innovatio-
nen? Welche Bedeutung spielt die interna-
19. August – 23. September 2021 tionale Vernetzung, und wie lassen sich
KURATORINNEN Sandra Gianfreda und Cathérine Hug Prozesse angesichts der Dringlichkeit be-
schleunigen? Mit dabei ist Bestseller-Autor
Philipp Blom aus Wien sowie Grundlagen-
forscher, politische Vertreter und eine
junge Klimaschutzaktivistin.
Das zweite Panel fokussiert auf die klei-
«Earth Talks» ist ein interdisziplinäres nen Dinge des Alltags. So gut wie alle Be-
Veranstaltungsprogramm, das im Vorfeld reiche des täglichen Lebens sind direkt
der Ausstellung «Earth Beats – Naturbild oder indirekt für Umweltschäden verant-
im Wandel» (ab 9. Oktober) stattfindet. wortlich. Die Bekleidungsindustrie etwa
Beide zeichnen die Auseinandersetzung verursacht mehr Emissionen als Flüge und
mit der Natur vor dem Hintergrund des Schifffahrt zusammen. Und die Produk-
Bewusstseins für ihre Schönheit und Fra- tion von einem Kilogramm Rindfleisch
gilität und ihrer Bedrohung durch die belastet das Klima so stark wie 250 Kilo-
Menschen nach. Mit dem in der Natur meter Autofahrt. Aber es gibt inzwischen
genauso wie im urbanen Raum ablesbaren viele innovative, alternative Konsumgüter,
Klimawandel wird ein hochaktuelles die im Aufwind sind, da ein Umdenken
Thema aufgegriffen, das sich bestens als sowohl bei Produzenten wie auch Abneh-
anregendes Publikumsereignis anlässlich mer Einzug hält. Das Gespräch «Green
der Eröffnung des Erweiterungsbaus eig- Living» soll zeigen, dass jede und jeder viel
net. In dessen Planung und Realisierung für eine bessere Klimabilanz beitragen
sind die Ziele der 2000-Watt-Gesellschaft kann.
eingeflossen. Genauso wie die Ausstellung Dem Thema der intelligenten Natur
ist das Rahmenprogramm als künstleri- und des indigenen Wissens widmet sich17
1
2
1 Green Living, 2021
Foto © Kunsthaus Zürich, Franca Candrian
2 William Anders, Erster von Menschen
gesehener Erdaufgang, Apollo 8, Dezember 1968
Chromogener Vintage-Druck auf faserbasiertem
Kodak-Papier, 20,3 × 25,4 cm
© William Anders, NASA AS8-14-2383
3 Zwei Mitarbeiter des American Stock Exchange
tragen volle Coronavirus-Schutzkleidung,
17. April 2020, © PatSaza
318
ein weiterer unserer «Earth Talks».
Bäume, Pflanzen, Pilze, Insekten und
Tiere – sie alle kommunizieren miteinan-
der und haben im Laufe der Evolution
gelernt, symbiotisch miteinander zu
leben. Indigene Völker haben dieses
Wissen nie vernachlässigt, im Gegensatz
zu den Menschen der Industrieländer. Die
Podiumsteilnehmerinnen und -teilneh-
mer, darunter Andreas Weber, Autor von
«Indigenialität» (2018), tauschen sich
über das Potenzial dieses wiederentdeck-
ten Erfahrungsschatzes aus.
Die vierte Podiumsveranstaltung fo-
kussiert auf ökonomische Zusammen-
hänge. Wirtschaftskrisen ziehen wieder-
kehrend unsere global vernetzte Welt in
Mitleidenschaft: 1929, 1973, 2008 und
jüngst 2020 sind Jahre, die wir mit Krisen
assoziieren. Statt über düstere Szenarien
diskutieren hier Aymo Brunetti, Walter
Kielholz, Christin Severin und Maximilian
Stern über konkrete Erfahrungen und
Lösungsansätze.
KLIMA-QUARTETT 4
Zu einem eigenen Gespräch eingeladen ist
die norwegische Bestsellerautorin Maja
Lunde. Mit ihrem ersten Roman «Die Ge-
schichte der Bienen» (2015) sorgte sie
weltweit für Furore. Er war von Anfang an
als Teil von vier Büchern zum Thema Um- ESSBARE STADT
welt konzipiert. Im Gespräch mit Gesa Der Koch-Event «Essbare Stadt» von
Schneider, Leiterin des Literaturhauses Maurice Maggi sensibilisiert uns für die
Zürich, wird Lunde über die Hinter- und wildwachsende Natur in der Stadt. Maggi,
Beweggründe ihres «Klima-Quartetts» der seit 1984 mit wilden Saaten über-
sprechen. Passagen aus ihren Romanen raschend das Stadtbild von Zürich verän-
werden auf Deutsch vorgelesen. dert und Autor mehrerer Kochbücher ist,
nimmt uns mit auf eine Entdeckungstour
EXPERIMENTELLE KLANGWELTEN rund ums Kunsthaus, um wilde und ess-
Die unter anderem von Barbara Bleisch bare Pflanzen zu sammeln. Ein temporä-
und Stefan Zweifel moderierte Gesprächs- rer «Naschgarten» wurde eigens von ihm
reihe wird aufgelockert durch sinnliche im Miró-Innenhof angelegt. Nach dem
Veranstaltungen. «Oszilot» ist eine Mi- Stadtspaziergang wird das gesammelte
schung aus Soundinstallation und Musik- Gut zu einem schmackhaften Abendessen
Performance, welche «oszillierende» und zubereitet.
pendelnde Alltagsgegenstände und Natur-
objekte zum Erklingen bringt. Diese Wel- Weitere Veranstaltungen sowie Details
ten von Luc Gut und Rolf Hellat bauen unter www.kunsthaus.ch/besuch-planen/
sich langsam und dennoch mit grosser ausstellungen/earthbeats.
Spannung auf, ihr Spektrum reicht von
uns bekannten Naturgeräuschen bis zu Mit Unterstützung der D&K Dubach
noch nie dagewesenen synthetischen Keller-Stiftung sowie der Dr. Georg und
Klängen. Josi Guggenheim-Stiftung.
6VERANSTALTUNGEN 19
4 Maurice Maggi mit seinem «Naschgarten»
im Miró-Innenhof, Kunsthaus Zürich, 2021
Foto © Sandra Gianfreda
Werk: Joan Miró, Oiseaux qui s’envolent, 1971/72,
© Successió Miró / 2021, ProLitteris, Zurich
5 Garten der Kunst, Foto © Kunsthaus Zürich,
Franca Candrian
6 Videostill aus Ursula Biemanns «The Forest
as a Field of Mind», 2021
Video, Farbe, Ton, 16 : 9
Courtesy the artist, © Ursula Biemann
5Wir sind bereit! Noch vor den Sommerferien hat die Sammlung Emil Bührle ihre Räume in der Kunsthaus-Erweiterung bezogen. Nebst der Präsentation von über 170 Meisterwerken lebt mit ihr die Erinne- rungskultur am Heimplatz auf. Lukas Gloor, Konservator der Sammlung Emil Bührle, und Kunsthaus-Direktor Christoph Becker beantworten Fragen rund um diese vielbeachtete Kooperation. DIE FRAGEN STELLTE Björn Quellenberg
ERWEITERUNG 21
GLOOR Emil Bührle war die treibende Kraft hin-
ter dem Bau eines Ausstellungstrakts (des oft nach
den Architekten benannten Pfister-Baus), der lange
geplant, aber zunächst aus Geldmangel und – wäh-
rend und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg
– aus Mangel an Baumaterial nicht realisiert wurde.
Später finanzierte Bührle das Gebäude in mehreren
Schritten, erlebte aber die Eröffnung 1958 nicht
mehr. Doch wurde der Trakt mit einer Ausstellung
seiner Sammlung eröffnet. Ein zweites Mal wurde
die Sammlung dort 2010 gezeigt, im Hinblick auf die
Warum ist die Sammlung Emil Bührle Volksabstimmung zur Kunsthaus-Erweiterung.
jetzt im Kunsthaus?
BECKER Die Sammlung Emil Bührle ist eine der War von Emil Bührle erworbene Kunst
weltweit wichtigsten Kunstsammlungen aus dem bereits im Kunsthaus?
20. Jahrhundert. Ihr Schwerpunkt liegt auf dem GLOOR Ja, seit Jahrzehnten. Bührle hat das Höl-
französischen Impressionismus (Cézanne, Monet, lentor von Auguste Rodin und zwei grosse Seerosen-
Gauguin, van Gogh) und der Klassischen Moderne bilder von Claude Monet dem Kunsthaus geschenkt.
(Braque, Picasso). Diese Kunst stand am Anfang der Er war auch oft Leihgeber für Ausstellungen, die im
modernen Malerei und findet noch immer das Inte- Kunsthaus stattfanden.
resse eines breiten Publikums. Das Kunsthaus erhält
mit der Sammlung Emil Bührle im internationalen Warum ist der Leihvertrag zwischen dem
Vergleich eine neue Stellung. Kunsthaus und der Sammlung Emil Bührle
GLOOR Die Sammlung umfasst 203 Werke. Das nicht öffentlich?
ist ein Drittel der von Emil Bührle (1890 –1956) hin- BECKER Solche Verträge sind immer vertrau-
terlassenen Werke. Bei der Gründung der Stiftung lich. Das gilt auch für andere (Dauer-)Leihgaben
Sammlung E.G. Bührle sind die übrigen Werke in ans Kunsthaus, wie die privaten Sammlungen von
Privatbesitz verblieben. Werner Merzbacher und Hubert Looser oder die
Sammlung der Alberto Giacometti-Stiftung.
Warum hat Emil Bührle die Stiftung Für das Kunsthaus wurde der Vertrag von der
gegründet? Zürcher Kunstgesellschaft geschlossen. In ihrem
GLOOR Die Stiftung wurde nicht von ihm, son- Vorstand haben Stadt und Kanton Zürich Einsitz.
dern erst 1960, vier Jahre nach seinem Tod, von der Deren Vertreter haben sichergestellt, dass die Inte-
Witwe und den beiden Kindern gegründet. Ihr Zweck ressen der Öffentlichkeit gewahrt werden.
ist es, die ihr aus dem Nachlass von Emil Bührle Die wichtigsten Vertragspunkte sind der Öffent-
übertragenen Kunstwerke zu bewahren und der lichkeit vor der Volksabstimmung über den städti-
Öffentlichkeit zugänglich zu machen. schen Beitrag an den Erweiterungsbau 2012 bekannt
gegeben worden: Inhalt und Umfang sowie Zugäng-
Können die Kunstwerke der Stiftung lichkeit der Sammlung, Dauer der Leihgabe.
Sammlung E.G. Bührle verkauft werden?
GLOOR Nein, diese Werke sind unveräusserli- Kostet die Sammlung Emil Bührle
ches Eigentum der Stiftung. Im Fall von deren Auf- das Kunsthaus mehr, als sie einbringt?
lösung müssten sie einer öffentlichen Sammlung GLOOR Nein. Das Kunsthaus bezahlt keine Leih-
übertragen werden. gebühren. Es trägt aber die Kosten für Sicherheit,
Unterhalt und inhaltliche Vermittlung der Werke
Bestanden schon früher Beziehungen nach dem gleichen Standard, der für die Werke der
zwischen Emil Bührle und dem Kunsthaus eigenen Sammlung gilt.
Zürich?
Fotos © Kunsthaus Zürich, Franca Candrian
BECKER Ja. Emil Bührle trat 1927 als einfaches
Mitglied der Zürcher Kunstgesellschaft bei. 1940
wurde er Mitglied der Sammlungskommission, da er
mit ersten Kunstkäufen auf sich aufmerksam ge-
macht hatte. 1944 wurde er Mitglied im Vorstand,
1953 wurde er zum Vizepräsidenten gewählt.22 ERWEITERUNG
Als Publikumsmagnet wird die Sammlung Emil
Bührle dem Kunsthaus Einnahmen aus Eintritten
und aus dem Verkauf von Waren mit Motiven der
Sammlung bringen.
Hat sich das Kunsthaus Zürich durch
Beiträge von Bührle-Seite an die Erweite-
rung kaufen lassen?
BECKER Das Kunsthaus hat sich mit Blick auf
die Qualität der Sammlung dazu entschlossen, ihr
Raum im Erweiterungsbau zur Verfügung zu stellen.
Dass sich die Nachkommen Emil Bührles (nicht
die Stiftung, die über keine eigenen Mittel verfügt)
bereit erklärt haben, im Kreis der 130 Donatorinnen
und Donatoren einen namhaften Beitrag an die Bau-
kosten der Kunsthaus-Erweiterung zu stiften, war
ein von der Überlassung der Sammlung unabhängi-
ger Entscheid und ein Geschenk ans Kunsthaus. Der
Beitrag zog keinerlei Sonderbehandlung oder Zu-
satzvereinbarung zugunsten der Stifter nach sich.
Kann die Sammlung Emil Bührle das
Kunsthaus wieder verlassen?
GLOOR Nicht ohne Weiteres. Der Vertrag von
2012 ist auf Dauer angelegt; eine Trennung wäre
frühestens 2034 möglich. Der Vertrag verlängert sich
dann automatisch, wenn nicht eine Kündigung er-
folgt. Die Kündigungsfrist beträgt drei Jahre.
BECKER Verträge müssen aus juristischen
Gründen grundsätzlich befristet sein, sonst verstos-
sen sie gegen das Gebot der übermässigen Bindung.
Der Vertrag zwischen der Sammlung Emil Bührle
und dem Kunsthaus Zürich ist aber auch aus einem
andren Grund befristet: Museen sind «gebaute
Generationenverträge» (W. Grasskamp). Wir kön-
nen unmöglich wissen, welche Kunst für kommende
Generationen wichtig ist und welche nicht. Das
Kunsthaus muss also davor geschützt werden,
Kunstwerke auf ewig zeigen zu müssen.
Wer ist zukünftiger Kurator der Sammlung
Emil Bührle?
GLOOR Im Kunsthaus unterliegt die Sammlung
der Zuständigkeit des Sammlungskurators, der seine
Aufgabe in Absprache mit der Bührle-Stiftung wahr-
nimmt.
Wie sieht das Beziehungsgeflecht zwischen
Kunstgesellschaft und Bührle-Stiftung aus?
GLOOR Die beiden Institutionen sind jeweils im
Vorstand bzw. im Stiftungsrat der anderen vertreten.
Diese Verbindung liegt im beiderseitigen Interesse.Sollte sich das Kunsthaus von Bührle Die Entstehung der Sammlung Bührle im
distanzieren? historischen Kontext» (2020) von Professor
BECKER Nein. Emil Bührle gehörte in der Matthieu Leimgruber?
schwierigen Zeit des Zweiten Weltkriegs und im BECKER Der Expertenbericht stellt eine will-
anschliessenden Kalten Krieg zur Geschichte der kommene Untersuchung und Quelle für Informa-
Schweiz und der Stadt Zürich. Er war ein Repräsen- tionen zu Emil Bührle als Unternehmer und Samm-
tant der damaligen Wirtschaftselite. Diese Ge- ler sowie über seine unternehmerische Tätigkeit und
schichte und ihre Widersprüche zu verdrängen, in- seine gesellschaftliche Stellung in der Stadt Zürich
dem man sich von einem wichtigen Akteur distan- dar. Aus dieser Quelle sowie aus Archiven der Stif-
ziert, ist unehrlich und letztlich auch unmöglich. tung E.G. Bührle und des Kunsthauses schöpft das
Der Fokus des Kunsthauses liegt auf der Kunst. Kunsthaus, wenn es die Dokumentation und Hinter-
Darum soll die von Emil Bührle hinterlassene Samm- grundinformationen zur Sammlung und zu Emil
lung gerade hier auch gezeigt werden. Die Sammlung Bührle als Unternehmer und als Persönlichkeit des
wegzuschliessen, hiesse Erinnerung zu unterdrü- öffentlichen Lebens im 2. Obergeschoss der Kunst-
cken. haus-Erweiterung präsentiert.
Indem das Kunsthaus die Ausstellung der Samm-
lung Emil Bührle auch dazu nutzt, an die histori- Wie sieht die Dokumentation zur
schen Umstände ihrer Entstehung zu erinnern, leis- Bührle-Kontextualisierung in der Kunst-
tet es einen aktiven Beitrag zur Erinnerungskultur. haus-Erweiterung aus?
Das Kunsthaus steht auch dazu, dem Unternehmer GLOOR Die Dokumentation ist Teil eines kura-
und Mäzen Emil Bührle viel zu verdanken – die heu- torischen Konzepts. Sie wird von Kunsthaus-Direk-
tige Identität des Kunsthaus Zürich wäre ohne die tor Christoph Becker verantwortet und von einem
unzähligen Ausstellungen nicht denkbar, die seit Team um Sammlungskonservator Philippe Büttner
über sechzig Jahren in dem von Bührle gestifteten umgesetzt.
Saalgebäude stattgefunden haben. BECKER Redaktionell sind die Direktion, in-
terne Mitarbeitende aus den Bereichen Kommuni
Wie steht das Kunsthaus zum Forschungs kation, Provenienzforschung, Sammlung und Aus-
bericht «Krieg, Kapital und Kunsthaus. stellungen sowie externe Fachleute (Medienprofis,24 ERWEITERUNG
Juristen, Historiker) als informelles Soundingboard Publikationen wie der Bergier-Bericht von 2001,
involviert – darunter der Leiter der jüngsten histori- das 2015 erschienene «Schwarzbuch Bührle», der
schen Studie, Prof. Matthieu Leimgruber, auf dessen Forschungsbericht von Prof. Leimgruber sowie die
Ergebnisse sich die Dokumentation weitgehend Geschichte der Sammlung Emil Bührle, die von Lukas
stützt. Gloor verfasst und vom Schweizerischen Institut
Die Dokumentation wird in einem zentralen für Kunstwissenschaft SIK-ISEA im Juni herausge-
Raum von rund 90 m2 vorgestellt. Sie wird überdies geben worden ist, werden ebenso beigezogen wie die
auf weitere Medien und Vermittlungsformen hinwei- zahlreichen Artikel, Aufsätze, Kataloge und weitere
sen, darunter ein Digitorial, das online auch von Publikationen, die in den vergangenen Jahrzehnten
zuhause aus konsultiert werden kann, und einen zum Thema erschienen sind.
Audioguide zu Werken der Sammlung Bührle. Er
greift beispielhaft Fälle von Raubkunst und Restitu- Stehen Werke der Sammlung Emil Bührle
tion heraus, behandelt aber auch andere Aspekte der unter «Fluchtgut»-Verdacht?
Provenienzgeschichte und verlängert die Dokumen- GLOOR Es gibt Werke in der Sammlung, die nach
tation in die Ausstellung hinein. Ausserdem werden der NS-Machtübernahme in Deutschland 1933 von
regelmässig Führungen mit wechselnden Schwer- ihren Eigentümern in der Emigration verkauft wur-
punkten zur Entstehung der Sammlung Bührle an- den. Naheliegenderweise war gerade die Schweiz für
geboten. Nicht zuletzt kann auch auf die Website der viele Emigranten die erste Anlaufstelle, umso mehr
Stiftung mit ausführlichen Angaben zur Provenienz als es hier keine staatlich angeordnete oder sanktio-
der einzelnen Werke hingewiesen werden. nierte Beraubung jüdischer Flüchtlinge gab.
Die Frage wurde gründlich geprüft, wobei sich die
Wie objektiv wird die Bührle-Kontextuali- Bührle-Stiftung auf die Definition gestützt hat, die
sierung in der Kunsthaus-Erweiterung sein? im Bergier-Bericht erstmals formuliert wurde. Ihr
BECKER Die Dokumentation wird den Stan- entsprechen nach heutigem Wissen vier Werke im
dards von wissenschaftlicher Unabhängigkeit und Bestand der Sammlung Emil Bührle. Bührle hat sie
Unvoreingenommenheit entsprechen. während des Krieges nicht von den VorbesitzernERWEITERUNG 25
nisse dieser Forschung sind seit Jahren vollständig
auf der Website der Stiftung öffentlich zugänglich
und werden laufend aktualisiert.
Die 13 am Ende des Zweiten Weltkriegs bei Emil
Bührle identifizierten Raubkunstwerke wurden 1948
alle restituiert, neun davon wurden nach der Resti-
tution bis 1951 von Emil Bührle wieder zurückge-
kauft.
Nach heutigem Stand des Wissens besteht bei
keinem der Werke in der Sammlung Emil Bührle
Verdacht auf eine problematische Provenienz.
erworben, sondern im Schweizer Kunsthandel. Es
gibt keine Hinweise, dass die Verkäufe zum Nachteil Dann werden auch Leihgaben aus
der Vorbesitzer erfolgten. der Sammlung Bührle weiter hinaus in die
Bei einer Anzahl weiterer Werke, die vor Mai 1945 Welt gehen?
gekauft wurden, kann entweder ausgeschlossen wer- GLOOR Ja, bis zu zehn Prozent der Werke aus der
den, dass sie «Fluchtgut» waren, oder es erlaubt der Sammlung Emil Bührle können an Dritte ausgeliehen
heutige Kenntnisstand nicht festzustellen, ob sie in werden. Mit dieser Beschränkung soll sichergestellt
die «Fluchtgut»-Kategorie gemäss Bergier fallen. werden, dass Besucherinnen und Besucher, die für
Sollten sich in Zukunft zusätzliche Erkenntnisse die Sammlung ins Kunsthaus kommen, das ganze
ergeben, wird die Situation neu zu beurteilen sein. Spektrum von den Meisterwerken des Impressionis-
mus, der Alten Meister und der Klassischen Moderne
Wer ist zukünftig für weitere Provenienz immer nahezu vollständig vorfinden und geniessen
forschung der Sammlung Emil Bührle können.
zuständig? BECKER In Fachkreisen ist bereits bekannt, dass
BECKER Der Beauftragte für Provenienzfor- das Kunsthaus nach Paris nun die grösste Samm-
schung im Kunsthaus Zürich, Joachim Sieber, wird lung Französischer Malerei und Impressionismus in
die Verantwortung für das Archiv der Stiftung Samm- Europa beherbergt. Entsprechend viele Leihgesuche
lung E.G. Bührle übernehmen. Er wird auch Fragen gehen bei uns ein. Im Tausch können wir herausra-
im Zusammenhang mit Provenienzen von Werken gende Werke aus anderen Museen ausleihen und
der Sammlung Emil Bührle beantworten. damit die Qualität unserer wechselnden Ausstellun-
gen weiter erhöhen. Die Kooperation zwischen der
Wird das Archiv der Sammlung Emil Bührle Stiftung Sammlung Emil Bührle und dem Kunsthaus
der Forschung zugänglich gemacht? ist für alle Beteiligten in Zürich und das internatio-
GLOOR Das Bührle-Archiv wird ab Oktober 2021 nale Publikum ein grosser Gewinn.
in der Kunsthaus-Bibliothek genauso zugänglich sein
wie das Archiv der Zürcher Kunstgesellschaft.
Wird das Kunsthaus Werke der Sammlung
Emil Bührle restituieren?
BECKER Nein, darüber entscheidet allein die
Stiftung, der die Werke weiterhin gehören. Ansprü-
che dieser Art müssten direkt mit der Stiftung ver-
handelt werden.
Wird die Bührle-Stiftung Werke der
Sammlung Emil Bührle restituieren, wenn
sich herausstellt, dass sie im Zweiten
Weltkrieg aus jüdischem Besitz entwendet
wurden?
GLOOR Der Entscheid liegt bei der Stiftung, und
er wird von Fall zu Fall aufgrund der konkreten Um-
stände beurteilt werden.
Die Sammlung Emil Bührle ist weltweit eine der
besterforschten Sammlungen ihrer Art. Die Ergeb-26 ANZEIGEN
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TEXT Björn Quellenberg
Gestützt auf Art. 27 Abs. 1 lit. a der Covid-19-Verord-
nung 3 fand die für den 31. Mai 2021 angesetzte 126.
Generalversammlung der Zürcher Kunstgesellschaft
(ZKG) auf schriftlichem Weg statt. Stimmberechtigt
waren alle Mitglieder, deren Jahresbeitrag bis zum
19. April auf dem Konto der ZKG eingegangen war.
Gesamthaft wurden 20 522 Stimmzettel verschickt.
Die Stimmbeteiligung lag bei hohen 31 Prozent, denn
die Wahl einer Nachfolgerin oder eines Nachfolgers
von Walter B. Kielholz hatte viele Mitglieder zur
Teilnahme motiviert. Bis Freitag, 28. Mai, dem Ende
der Rücklauffrist, gingen 4906 Couverts ein. Sie wur-
den registriert und geprüft. Die am Auszählungspro-
zess teilnehmenden Personen hatten vorher eine
Geheimhaltungsverpflichtung unterzeichnet. Das
Total der gültigen Stimmzettel betrug 6362. Gemäss
Statuten fasst die Generalversammlung ihre Be- Anne Keller
Dubach
schlüsse mit einfachem Mehr. Dieses lag folglich bei
3182 Stimmen.
Auf Anne Keller Dubach entfielen 4308 Stimmen
(67,7 %), auf Florian Schmidt-Gabain 1648 (25,9 %).
Somit ist Anne Keller Dubach die erste Präsidentin Die Präsidentin skizziert
in der über 200-jährigen Geschichte der Zürcher
Kunstgesellschaft.
erste Ideen
Mit überwältigender Mehrheit wurden der Jahres-
bericht und die Jahresrechnung 2020 genehmigt.
Deutliche Zustimmung mit genau 5200 Stimmen gab Was für ein Privileg, dass ich das Kunsthaus als Prä-
es auch für eine Erhöhung der Mitgliederbeiträge ab sidentin der Kunstgesellschaft in eine neue Ära füh-
dem Jahr 2022. Mit einem ähnlich grossen Ja-Anteil ren darf – gemeinsam mit dem Team, der Direktion,
der Stimmen wurde Ben Weinberg erneut in den dem Vorstand und Ihnen, liebe Mitglieder. Herzli-
Vorstand gewählt und der scheidende Präsident chen Dank für Ihr Vertrauen. Ich freue mich sehr.
Walter B. Kielholz mit der Ehrenmitgliedschaft aus-
gezeichnet. MEHR ALS EIN MUSEUM
Nachdem der unabhängige Stimmenzähler Dr. Im Mai haben wir einen Vorgeschmack bekommen,
Christoph Reinhardt das Ergebnis der Auszählung als der Erweiterungsbau seine Türen für vier Wochen
am 31. Mai übermittelt hat, konnte der Vorstand öffnete und die beeindruckende Intervention des
diesen Beschluss am selben Abend einstimmig fest- Choreografen William Forsythe eine neue Epoche
stellen. Die anwesenden Revisorinnen bestätigten einläutete. Man konnte ahnen, was für ein enormes
die Richtigkeit. Am 1. Juli hat Anne Keller Dubach das Potenzial in dem heute schon bedeutenden Museum
Amt von Walter B. Kielholz übernommen. steckt. In Zukunft wird das Kunsthaus Zürich mehrINTERN 29
sein als ein Museum – ein lebendiger öffentlicher Wir wollen inspirieren dank Kooperationen, Inter-
Raum, der eine Kultur des Dialogs fördert; aber auch ventionen und spannenden Formaten und zum
ein Ort der Begegnung, des Genusses und der Inspi- Treffpunkt werden, an dem Gastfreundschaft gelebt
ration. Das Kunsthaus Zürich wird die grösste Kunst- wird. Im Fokus bleiben Kunst und Kultur, Bildung
institution der Schweiz sein – und Zürich definitiv und Vermittlung, die in der Wissensgesellschaft des
noch attraktiver machen. 21. Jahrhunderts partizipativ, inklusiv und digital
gestaltet werden müssen. Aber vor allem soll sich das
KUNSTHAUS-ERWEITERUNG ERFORDERT Kunsthaus Zürich durch Relevanz, Haltung und Mei-
NEUPOSITIONIERUNG nung auszeichnen, als differenzierte und eigenstän-
Die Zürcher Kunstgesellschaft ist mit bald 23 000 dige Stimme mitten in der Gesellschaft.
Mitgliedern nach der Tate in London der grösste
Kunstverein Europas. Schon das verdeutlicht die
mögliche Dynamik eines neuen Kunsthaus Zürich;
neu in puncto Dimension und doch seiner Tradition
verbunden. Denn alles was wir anpacken, baut auf
der Historie der Kunstgesellschaft seit 1787 auf. Und
insbesondere auf den enormen Leistungen der letz-
ten zehn Jahre, die eine Neupositionierung des
Kunsthaus Zürich überhaupt erst ermöglichen, ja,
einfordern. Ein Bauprojekt dieser Grössenordnung
– neben dem laufenden Museumsbetrieb – umzuset-
zen, verdient höchsten Respekt. Und grossen Dank
für viel Courage, Energie und Stamina.
VORSTAND UND DIREKTION IM TEAM
Die Voraussetzungen sind also geschaffen, die Hülle
ist da, die Pläne skizziert. Jetzt zieht endlich Kunst
ein, die Räume finden ihre Bestimmung, die Vor-
freude ist gross. Und wir haben die einmalige Chance,
die Persönlichkeit des neuen Kunsthaus Zürich zu
prägen, und – als eine der Hauptaufgaben des Präsi-
diums und des Vorstandes – die strategische Ausrich-
tung festzulegen in Zusammenarbeit mit den Teams
und der Direktion. Apropos Direktion: Bereits 2019
hatte die Zürcher Kunstgesellschaft kommuniziert,
mit der Eröffnung des Erweiterungsbaus des Kunst-
hauses einen Führungswechsel vornehmen und das Anne Keller verfügt über breite internationale
Museum einer neuen Direktion anvertrauen zu wol- Führungserfahrung und Kompetenz in den Bereichen
len. Und ich bin optimistisch, dass wir eine hochqua- Kunst, Kultur und Kommunikation. Sie ist seit
dreissig Jahren in renommierten Unternehmen sowie
lifizierte und inspirierende Persönlichkeit gewinnen kulturellen Institutionen engagiert und hat deren
können, die frische Impulse und spannende Perspek- Positionierung nachhaltig geprägt, u. a. war sie
tiven einbringen wird.
2000 – 2020 Leiterin Kunst- und
Kultur-Engagement, Swiss Re
EIGENSTÄNDIGE STIMME
2009 – 2020 Mitglied/Vizepräsidentin
IN DER MITTE DER GESELLSCHAFT des Verwaltungsrates
Schauspielhaus Zürich
Per 1. Juli habe ich das Präsidium übernommen und
2006 – 2020 Präsidentin Schweizerisches
zunächst geht es vor allem ums Zuhören, Verstehen Institut für Kunstwissenschaft
und Einordnen, um Visionen und Ideen im Dialog zu 2006 – 2015 Mitglied Stiftungsrat
Fotomuseum Winterthur
konkretisieren. Das Kunsthaus ist mehr als ein Mu-
Foto © Florian Kalotay / 13 Photo
1995 – 2000 Managerin Kunst- und
seum und bleibt doch ein Haus der Kunst. In diesem Kultur-Engagement, Credit Suisse
Sinne wollen wir das Profil stärken, das Programm
noch strategischer ausrichten und eine inhaltliche Anne Keller studierte Allgemeine Geschichte
und Literatur an der Universität Zürich und absolvierte
Themenführerschaft übernehmen, die den Diskurs ein Executive Management Training an der Stanford
zu relevanten, gesellschaftspolitischen Fragen sucht. University.30 BIBLIOTHEK
wenn persönliche Besuche und Telefonge-
spräche, die manchmal erwähnt werden,
die Vollständigkeit der Überlieferung ein-
schränken, so waren doch Telegramme,
Briefe und Postkarten die hauptsächlichen
Kommunikationsmittel. Die kontinuier
liche Dokumentation der gesamten Kor-
respondenz ermöglicht es, einzelne Vor-
gänge wie zum Beispiel Ausstellungs
projekte, Verkäufe aus Ausstellungen,
Kaufangebote und Ankäufe für die Samm-
lung, Deposita von Sammlern und vieles
mehr von Anfang bis Ende nachzuvollzie-
hen. Da die Korrespondenzpartner (meis-
Eine authentische
tens Männer) zu den bedeutendsten
Künstlern, Händlern, Sammlern und
Kunsthistorikern dieser Zeit zählen, sind
und vollständige
die in den Briefkopienbüchern überliefer-
ten Informationen nicht nur für das
Kunsthaus, sondern für die Erforschung
des gesamten Kunstbetriebs jener Zeit
Chronik relevant, insbesondere für die Länder
Deutschland, Frankreich, Österreich und
die Schweiz. Für die Provenienzforschung
besonders relevant ist die Korrespondenz
Digitalisierung und Publikation der aus der Zeit von 1933 bis 1945, der Zeit
der nationalsozialistischen Herrschaft in
Briefkopienbücher im Archiv des Kunst- Deutschland und des Zweiten Weltkriegs,
hauses aus der Zeit von 1933 bis 1945 in der viele Schreiben an Exilanten und
verfolgte Personen zu finden sind.
als Quelle für die Provenienzforschung. Kopienbücher oder «letterpress copy-
books» waren in der Zeit zwischen 1850
TEXT Thomas Rosemann und 1950 in allen Unternehmen das nor-
male Werkzeug, um Kopien der Geschäfts-
korrespondenz anzufertigen und zu
bewahren. Sie bestehen aus jeweils 500
dünnen Blättern durchscheinenden, saug-
fähigen Spezialpapiers, ergänzt um Blätter
mit einem Alphabet und dazwischenlie-
genden Löschblättern. Die zu kopieren-
den Briefe und Postkarten, die sowohl
Wilhelm Wartmann (1882–1970), der erste hand- als auch maschinengeschrieben
Direktor des Kunsthauses, war von 1909 vorliegen konnten, mussten mit einer Spe-
bis 1949 im Amt. Dank seiner sorgfältigen zialtinte angefertigt werden, die lange
und strukturierten Aktenablage sind die feucht blieb. Nur so war es möglich, die
schriftlichen Dokumente aus seiner Amts- fertigen Schriftstücke in das Kopienbuch
zeit fast vollständig überliefert. Die Brief- einzulegen und durch Druck und Feuch-
kopienbücher, in denen alle ausgehenden tigkeit auf die dünnen Blätter im Buch zu
Schreiben des Kunsthauses komplett ent- übertragen. Der Abdruck im Kopienbuch
halten sind, bieten mit ihren handge- ist spiegelverkehrt, lesbar werden die ko-
schriebenen Empfängerregistern einen pierten Dokumente auf der Rückseite
vorzüglichen Zugang zum gesamten Ar- dank des durchscheinenden Papiers. In
chiv während dieser Zeit und machen alle das Alphabet im Anhang wurde abschlies-
Vorgänge relativ leicht auffindbar. Auch send von Hand das Empfängerregister fürBIBLIOTHEK 31
den vollen Band eingetragen. Da die losen 1 Einband Briefkopierbuch Ausstellungen,
Band 54 (09.12.1932 – 21.04.1933); Archiv ZKG/KHZ
Briefblätter und anderen Dokumente nach
und nach chronologisch in einen gebun- 2 Handgeschriebenes Empfängerregister Brief
kopierbuch, Band 54, Buchstabe «K»; Archiv ZKG/KHZ
denen Band übertragen wurden, konnten
sie nicht mehr verloren gehen und auch 3 Kopie eines Briefs von Wilhelm Wartmann
an Max Kaganovitch, 27.1.1933; Archiv ZKG/KHZ
nicht ohne Spuren entnommen werden.
Kopienbücher sind daher eine vollstän-
dige, authentische Quelle. Die leeren
Bände konnten als gebrauchsfertiges In-
dustrieprodukt gekauft werden.
In einem vom Bundesamt für Kultur
geförderten Projekt werden bis Ende
2022 die Bände aus der Zeit von 1933 bis
1954 gescannt und langzeitarchiviert.
Kopien der Originaldateien werden in
Adobe Lightroom so bearbeitet, dass die
oft stark verblichenen Schriftstücke wie-
der lesbar werden. Die handgeschriebe-
nen Empfängerregister werden für die
Recherche transkribiert. Dabei werden
Abkürzungen aufgelöst und Schreibfeh-
ler korrigiert. Alle 63 Bände werden bis
Projektende sukzessive auf «digital.
kunsthaus.ch» veröffentlicht.
1
2
332 RESTAURIERUNG
Wiedergewonnene
Ursprünglichkeit
TEXT Tobias Haupt
beiden Gemälden das Ziel der Restaurie-
rung klar – nämlich im Idealfall die speckig
glänzenden Firnisschichten gänzlich zu
entfernen. Begonnen wurde mit Gauguins
«Opfergabe», wobei sich schnell heraus-
stellte, dass bis zur vollständigen Firnisab-
nahme noch einige Hürden aus dem Weg
zu räumen waren.
DIE GROSSE ÜBERRASCHUNG:
FÜR DEN VERKAUF GESCHMINKT
Bei den ersten vorsichtigen Tests zur Fir-
nisabnahme wurde an einer Stelle auch
rote Farbe mit angelöst. Da es sich um eine
originale Farbschicht hätte handeln kön-
nen, wurden die Versuche zur Firnisab-
nahme unterbrochen, um zunächst eine
sorgfältige technologische Untersuchung
am Gemälde durchzuführen.
Unter dem Mikroskop zeigte sich, dass
an vielen Stellen als letzter Farbakzent
eine rote, gelegentlich auch gelbe Lasur
aufgetragen worden war. Davon betroffen
waren vor allem die Hautpartien der bei-
1
den dargestellten Tahitianerinnen. Eben-
falls gut unter dem Mikroskop erkennbar
war, dass die rötlichen Lasuren erst zu
einem viel späteren Zeitpunkt aufgetragen
Seit Herbst 2018 wurden – finanziert van Gogh ins Restaurierungsatelier des worden waren. Bedenkt man, dass das
durch die Stiftung Bührle – vier wichtige Kunsthauses. Gemälde nach dem Tod des Künstlers 53
Werke der Sammlung Emil Bührle im Jahre lang unverkauft im Kunsthandel ver-
Kunsthaus restauriert, um sie im Erweite- GLÄNZENDE PATIENTEN blieb, bis Emil Bührle es 1956 erwarb,
rungsbau von ihrer besten Seite zeigen zu Beide Gemälde waren von dicken, stark scheint die Vermutung naheliegend, dass
können. Nach dem «Herrenbildnis» von glänzenden und vergilbten Firnisschich- der Auftrag von etwas «Rouge» auf die
Frans Hals und dem Bildnis von Ingres’ ten überzogen, die das Erscheinungsbild Haut der beiden Südsee-Schönheiten den
Gattin kamen Ende 2019 «Die Opfergabe» stark beeinträchtigten, denn sowohl Gau- Appeal des Bildes für den Verkauf steigern
(1902) von Paul Gauguin und «Die Seine- guin als auch van Gogh haben ihre Bilder sollte. Gestützt wird diese Annahme durch
Brücken bei Asnières» (1887) von Vincent in der Regel nicht gefirnisst. Somit war bei ein Dokument im Archiv eines Kunsthänd-Sie können auch lesen