Weitersehen 2019 Schöne digitale Welt? - Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband eV
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Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband e. V. (DBSV) Als Spitzenverband der Selbsthilfevereine des Blinden- und Sehbehindertenwesens bündelt und koordiniert der DBSV die Aktivitäten von 20 Landesvereinen. Die Landesvereine vertreten die Interessen von blinden und sehbehinderten Menschen auf Länderebene. Die Selbsthilfevereine informieren über medizinische Fragen und helfen in sozialen und rechtlichen Angelegenheiten. Zahlreiche spezialisierte Fachdienste und Einrichtungen unterstützen im Berufsleben, beraten zu Hilfsmitteln, verleihen Hörbücher, bieten Veranstaltungen, Erholungsreisen und Kurse zur Bewältigung des Alltags und zur Verbesserung der Mobilität. Das zentrale Angebot aber ist der Austausch unter Betroffenen. Er ist das beste Mittel, um die Auswirkungen einer Augenerkrankung zu verarbeiten. Wenn Sie dazu Fragen haben oder uns Anregungen geben möchten, sprechen Sie uns an! 2 01805 – 666 456 0,14 € /Min. aus dem Festnetz, Mobilfunk max. 0,42 € /Min. (Stand 07/2018) Spendenkonto: IBAN: DE55 1002 0500 0003 2733 05 BIC: BFSWDE33BER Bank für Sozialwirtschaft www.dbsv.org/spenden
Seite 4 Seite 46
Editorial von Der BITV-Test
Klaus Hahn
Seite 48
Seite 6 Abenteuer Online-Banking –
Grußwort von Hürden trotz Barrierefreiheit
Dr. Bernhard Rohleder
Seite 53
Seite 8 Bezahlen im Internet –
Digitale Lebenswelten – Abrechnung mit Barrieren?
Eine Fiktion
Seite 54
Seite 12 Bringt ’s das? Wie barrierefrei
Mein Weg in die digitale Welt … sind Online-Lebensmittelhändler?
Seite 18 Seite 56
„Das Smartphone ist für Blinde Die Stimme aus dem Off
so revolutionär wie die Erfindung
der Braille-Schrift“ Seite 60
Mediennutzung
Seite 22 im Wandel der Zeit
Das Smartphone als
universeller Helfer Seite 64
Die Arbeit der Zukunft ist digital
Seite 26
WhatsApp, Sprachnachricht Seite 70
und Co. – Wie die Digitalisierung 3D-Druck – Be-greifbare Technik
die Kommunikation verändert
Seite 76
Seite 30 Inklusives Spiel dank 3D-Technik
„Deutschland bleibt hinter
den Möglichkeiten zurück“ Seite 78
Die Mutter der GuideLine
Seite 36
Digitale Barrierefreiheit – Seite 82
Der Weg zu mehr Inklusion Elektrofahrzeuge –
Zukunft auf leisen Sohlen
Seite 42 oder schleichende Gefahr?
„Grüß Gott bei der Stadt-
verwaltung München“ – Seite 87
Einblicke in ein Bürgerportal Infokasten AVASEDITORIAL
Digitale Welt –
inklusiv oder exklusiv?
Wussten Sie, dass sehbehinderte Höhen, aber noch mehr Tiefen
und blinde Menschen einmal erlebt und durchlitten. Euphorisch
mit sehenden Nutzern gleichauf schwärmten wir von neuen Hori-
waren, wenn es um das Arbeiten zonten, bevor uns unerwartete
am Computer ging? Im Beruf Barrieren auf den Boden der
hatten wir sogar die Nase vorn. Tatsachen zurückholten. Unsere
Ich war 1986 in der ganzen Autorinnen und Autoren schil-
Landesverwaltung von Nord- dern, wie sie die Entwicklung
rhein-Westfalen der Erste, der der modernen Technologie und
einen Arbeitsplatz-PC bekam. die Adaption für sehbehinderte
und blinde Menschen erlebt
Heute ist der Computer mit haben, von den Anfängen bis
Grafiken und Animationen ein zum Einsatz von Smartphones mit
Symbol unserer visuellen Welt. Touchscreen und Sprachausgabe.
Aber das, was den PC und all seine Sie beschreiben, wie barrierefreie
Ableger für sehende Menschen Websites aussehen müssen und
so attraktiv macht, schließt uns wie man diese Zugänglichkeit
zunächst aus. Es bedarf eines feststellen kann.
hohen Aufwands, um die Darstel-
lungsformen auch für uns zugäng- Es ist langwierig, Haushaltsgeräte
lich zu machen. Der DBSV muss bedienbar zu gestalten, während
national und international politi- sich als Abfallprodukt von Standard-
sche Überzeugungsarbeit leisten, Anwendungen Möglichkeiten der
um Barrierefreiheit auch in Geset- Teilhabe ergeben, ohne dass man
zen zu verankern. Gleichzeitig zusätzliche Hilfsmittel benötigt.
wirbt er um die Einsicht, dass Das ist auch der Ansatz von Bern-
Barrierefreiheit allen Kunden die hard Rohleder in seinem Grußwort.
Bedienung erleichtert. Er ist überzeugt, dass die exponen-
tielle Entwicklung digitaler Tech-
Seit der Computer in die Arbeits- nologien gerade für Menschen mit
welt und den häuslichen Bereich Seheinschränkung neue Problem-
Einzug gehalten und sich zur lösungen eröffnen wird. Leider
Informationstechnologie weiter- werden aktuelle Gesetzesentwürfe
entwickelt hat, haben wir einige das Gegenteil bewirken, wenn sie
4trotz unserer eindringlichen
Stellungnahmen unverändert
verabschiedet werden.
Sie, liebe Leserin, lieber Leser,
erhalten viele Sachinformationen.
Sie dürfen aber auch ein Stück weit
in die Lebenswelt von Menschen
eintauchen, die ein bisschen
schlecht, sehr schlecht oder gar
nicht sehen können. Sie erfahren,
mit welchen Widrigkeiten sie
zu kämpfen haben und wo sich
unverhofft Lösungswege auf
zeigen. Schmunzeln Sie über die
Situationskomik, die Ihnen hier
und da begegnen wird, aber
machen Sie sich auch den Frust
und die Enttäuschung bewusst,
gegen die wir anzukämpfen
haben, wenn wir immer wieder
auf neue Barrieren stoßen.
Nun wünsche ich Ihnen eine
spannende, nachdenkliche und
aufschlussreiche Lektüre. Geben
Sie Weitersehen gerne weiter,
wenn Sie es gelesen haben.
Ihr Klaus Hahn
Präsident des DBSV
5GRUSSWORT
Liebe Leserinnen
und Leser,
die Digitalisierung ist eine der Und es ist nur eine Frage der Zeit,
größten Herausforderungen unserer bis Menschen mit einer elektro-
Zeit. Sie verändert unser Leben nischen Linse oder digitalen Retina
in allen Bereichen, ob in der besser sehen werden als Menschen
Wirtschaft, im Privaten oder in mit gesunden Augen und
der Gesellschaft. Viele Menschen gesunden Sehnerven.
wissen die Vorteile der Digitali-
sierung bereits für sich zu nutzen. Noch ist das Zukunftsmusik, ja.
Unternehmen schöpfen Wert aus Digitale Entwicklungen verlaufen
innovativen Geschäftsmodellen. aber stets exponentiell. Es kündigt
Auch Senioren entdecken die digi- sich eine neue Technologie an,
tale Kommunikation für sich. Und zunächst bewegt sich alles unter-
zahlreiche Menschen profitieren halb der Wahrnehmungsschwelle.
von digitalen Dienstleistungen wie Und dann ist regelrecht von einem
Online-Banking und Car-Sharing. auf den anderen Tag eine völlig
neue Technologie da und verbreitet
Gerade Menschen mit körperlichen sich in Windeseile. So war es mit
Einschränkungen können von der dem Smartphone, das uns inzwi-
Digitalisierung enorm profitieren. schen Meldungen vorliest. Und so
Digitale Technologien können ganz war es mit der Smartwatch. Im April
neue Zugänge zu gesellschaftlicher 2015 kam die erste iWatch auf den
Teilhabe und zur Teilhabe am Markt, im vierten Quartal 2017
Erwerbsleben öffnen. Sie können verkaufte Apple weltweit mehr
die persönliche Autonomie stärken Uhren als die gesamte schweizeri-
und unabhängiger machen von sche Uhrenindustrie. Von null auf
externer Unterstützung. In immer hundert in gerade einmal zwei-
mehr Fällen können sie körper- einhalb Jahren. Und so wird es
liche Einschränkungen sogar auch mit neuen Technologien sein,
unmittelbar ausgleichen. Gerade die blinden und sehbehinderten
auch blinde und sehbehinderte Menschen künftig jene Werkzeuge
Menschen werden dank digitaler zur Verfügung stellen, um ihren
Technologien künftig mit Leichtig- Aktionsradius in jeder Hinsicht
keit Grenzen überwinden, die zu erweitern und gänzlich neue
ihnen derzeit noch gesteckt sind. Sinneseindrücke zu erschließen.
6Es freut mich besonders, dass der Deutsche Blinden- und Seh- behindertenverband e. V. diesen technologischen Entwicklungen so offen begegnet und engagiert an ihnen mitwirkt. Dr. Bernhard Rohleder Hauptgeschäftsführer Bitkom e. V.
Digitale
Lebenswelten
Eine Fiktion
von Karsten Warnke konferenz zugeschaltet ist. Ihre
Fragen können sie direkt online
Deutschland 2025. Der Blinden- an ihn richten.
und Sehbehindertenverband
hat zu seiner Jahresmitglieder- Einige Mitglieder sind mit autonom
versammlung eingeladen. Viele gesteuerten Autos zur Versamm-
Mitglieder können erstmals von lung gekommen. Der Verband
ihren Senioreneinrichtungen aus hatte durchgesetzt, dass Elektro-
die Versammlung per Live-Stream fahrzeuge mit einem hörbaren
via Internet verfolgen. Die Stimme Sound ausgestattet werden. Das
für den neuen Vorstand haben Ordern dieser Fahrzeuge geht ganz
sie bereits online abgegeben. einfach online. So kann man auch
Der Verband hatte seine Satzung in verkehrsarmen Zeiten ohne
entsprechend geändert. Mit spezi- fremde Hilfe Freunde oder Kultur-
ellen Trainingsangeboten wurden veranstaltungen besuchen.
die Mitglieder auf eine Teilnahme
an digitalen Willensbildungs- Erfolgreich war auch der Einsatz
prozessen und -veranstaltungen der Organisation für die Teilhabe
vorbereitet. Jetzt sind sie gespannt am digitalisierten öffentlichen
auf den Sozialminister, der direkt Nahverkehr. Mittels Smartphone-
aus seinem Ministerium per Video- App können sich blinde und seh-
8behinderte Fahrgäste zur nächsten Audiodeskription verfügen. Auch
Haltestelle leiten lassen. Dort ist bei den öffentlichrechtlichen und
es ihnen möglich, die digitalen privaten Fernsehprogrammen
Fahrgastinformationen per Sprach- werden alle Sendungen mit AD
ausgabe unmittelbar am Halte- gezeigt. Die Bedienung der Fern-
stellenmast oder vom Fahrzeug sehgeräte ist inzwischen sprach-
abzurufen. Irrfahrten gehören unterstützt und die Menüs können
nun der Vergangenheit an. groß und kontrastreich angezeigt
werden.
Jedes Kino ist barrierefrei. Eine
Inhouse-Navigation mittels Smart- Die Digitalisierung der öffentlichen
phone macht dies möglich. Jede Verwaltung schreitet weiter voran.
Reihen- und jede Platznummer Durch die Vorgaben der Europäi-
wird von einer sympathischen schen Union, die Barrierefreiheit
synthetischen weiblichen Stimme von Websites und mobilen Apps
ins Ohr gesäuselt. Eine Szenen- öffentlicher Anbieter zu über
beschreibung (Audiodeskription, wachen und nur noch barrierefreie
kurz AD) ist bei jedem Film selbst- Informationstechnik zu beschaffen,
verständlich. Der Verein hatte haben sich die Möglichkeiten
erreicht, dass Kinofilme nur noch der Teilnahme u. a. an Bürger-
gefördert werden, wenn sie über beteiligungen wesentlich
9verbessert. Viele sehbeein- plattform, die gemeinsam von
trächtigte Vereinsmitglieder Lernenden und Lehrenden genutzt
nehmen unmittelbaren Einfluss wird, endlich für alle zugänglich
darauf, dass die Anforderungen der und nutzbar ist. Allen Schülerinnen
Barrierefreiheit bei der Planung und Schülern stehen digitalisierte
von Straßen, Plätzen und Gebäuden Unterrichtsmaterialien auf Tablet-
eingehalten werden. Durchgesetzt PCs zur Verfügung. Möglich wurde
werden konnte, dass auch private dies durch ein gemeinsames
Anbieter von öffentlichen Dienst- Projekt mit dem Expertenwissen
leistungen, wie Krankenhäuser, der Selbsthilfe. Auch die Orien-
Fitnessstudios, Buchungsportale tierung in den Schulgebäuden
für Hotels und Reiseanbieter, konnte mit Hilfe der Digitaltechnik
vollkommen barrierefrei sind. verbessert werden. So erhalten
Der Bundestag hatte ein entspre- blinde und sehbehinderte Schüle-
chendes Gesetz verabschiedet, rinnen und Schüler eine Sprach-
das bei Nichtabbau von Barrieren mitteilung, wenn sie einer Lehrkraft
Bußgelder in Millionenhöhe begegnen. Möglich macht dies
vorsieht. So ist es gelungen, die eine Minikamera mit Gesichts-
UN-Behindertenrechtskonvention erkennung. Sie hilft zudem beim
weitgehend umzusetzen. Identifizieren von Hinweis und
Türschildern.
Ebenso gut hat sich die inklusive
Beschulung entwickelt, nachdem Vieles in diesen digitalen Lebens-
eine Bürgerinitiative im Rahmen welten kündigt sich bereits heute
eines Bürgerentscheids eine an, manches ist noch Zukunfts-
bessere Ausstattung von Schulen musik. In den hier beschriebenen
mit Personal und Computer-Hard- Szenarien profitieren blinde und
und -software durchgesetzt hat. sehbehinderte Menschen von der
Vereinsmitglieder haben Paten- Digitalisierung. Denkt man an die
schaften mit Inklusionsschülerinnen Geschichte der ersten industriellen
und -schülern übernommen. Sie Revolution, die durch die Erfindung
berichten, dass die digitale Lern- der Dampfmaschine ausgelöst
10wurde, so muss der Blick auch auf Risiken und Nebenwirkungen des Technikeinsatzes gelenkt werden. Die Erwartungen der Wirtschaft an gewaltige Produktivitäts- und Profitsteigerungen lassen erahnen, dass es darauf ankommt, wie Tech- nik zugunsten einer für alle Men- schen lebenswerteren, gerechten Gesellschaft genutzt werden kann. Wie sich die Digitalisierung unserer Gesellschaft insbesondere auf die Teilhabebedingungen blinder und sehbehinderter Menschen aus- wirken wird, hängt entscheidend davon ab, wie es uns gelingt, auf konkrete Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeits- und Lebensbedingungen Einfluss zu nehmen. n
Mein Weg in die digitale Welt ...
DBSV Weitersehen 2019
von Peter Brass 1979 brachte TSI VersaBraille auf
den Markt: ein kleines Kästchen
… begann während meines mit einer Brailletastatur, einigen
Studienaufenthalts in den weiteren Tasten und einem glatten
Metallstreifen mit vielen kleinen
USA im Jahr 1976.
Vertiefungen, die – nach dem
Eine Kommilitonin zeigte mir Einschalten des Geräts – Braille-
im Reha-Center der University zeichen darstellten. Als Speicher-
of Illinois das Optacon der Firma medium für Informationen diente
Telesensory Systems (TSI): ein Gerät, eine herkömmliche Kompakt-
mit dem Schrift mithilfe einer kassette. Das war zum damaligen
Handkamera und einer Konver- Zeitpunkt eine ausgereifte Tech-
tierungssoftware auf einem Display nologie, da auch Verlage für
mit 144 vibrierenden Punkten die Speicherung und Übertragung
als fühlbare Abbilder der Druck- der Texte bereits Datenerfassungs-
zeichen dargestellt wurde. Hier plätze mit dieser Technologie
lernte ich auch erste Versuche einsetzten. Kassetten mussten
kennen, blinden Menschen mittels aber beim Suchen nach einer
einer Sprachausgabe das Arbeiten bestimmten Information Sequenz
an Computern zu ermöglichen. für Sequenz überprüft werden,
Meine Begeisterung für Computer- was einen erheblichen Zeitaufwand
technik war sofort geweckt. erforderte. Auch waren sie anfällig
für Beschädigungen, vor allem
Nach meiner Rückkehr aus den USA bei häufiger Nutzung. Diese
lernte ich den ersten sprechenden Schwachstellen trübten jedoch
Computer, einen Apple IIe, kennen. nicht die Begeisterung der Nutzer.
Auch konnte ich mich bei einem Für mich war das Gerät mit einem
Bekannten mit dem Arbeiten Preis von 5.000 Dollar leider un-
an dem damals populären C64- erschwinglich. Aber ich konnte
Homecomputer vertraut machen. es einmal für die Erstellung einer
Er hatte als Ausgabeeinheit die Hausarbeit ausleihen. Was war
Braillezeile des Braillexgeräts. das für eine Wohltat, plötzlich
Das System war zur Bearbeitung, Fehler leicht korrigieren, Wörter
Speicherung und Ausgabe digitaler und ganze Passagen austauschen
Daten in Blindenschrift entwickelt oder im Text verschieben und
worden. das Ganze dann sogar noch
13mit Hilfe einer angeschlos- Erst 1983 hatte ich erstmals die
senen elektrischen Schreib- Möglichkeit, einen Computer
maschine ausdrucken zu können! dauerhaft zu nutzen. Es war ein
Osborne Computer mit dem
Als Student und später dann im Betriebssystem CP/M (Control
Referendariat gab es in den späten Program for Microcomputers).
siebziger und frühen achtziger Man startete den Computer mit
Jahren noch keine Möglichkeit einer sogenannten Floppy Disk,
zur Finanzierung der teuren auf der sich das Betriebssystem
Braillehilfsmittel. So schaute ich und meist noch ein anderes Pro-
mir bei Messen und Bekannten gramm befanden. Bei mir war es
alles an, was auch nur im Entfern- das Textverarbeitungsprogramm
testen mit Computern zu tun WordStar. Die Dokumente,
hatte. die man mit diesem Programm
14DBSV Weitersehen 2019
erzeugte, wurden auf weiteren Meine erste DFÜ-Sitzung fand
Disketten im zweiten Laufwerk noch mit einem Akustikkoppler
des Computers gespeichert. Es statt, einem Gerät mit zwei Schalen,
war eine große Arbeitserleichte- in die ein herkömmlicher Telefon-
rung, alle Texte, die zu einem hörer gelegt wurde. Die digitalen
Projekt gehörten, auf einer Dis- Daten wurden in Töne umgewan-
kette sammeln zu können. Das delt, die dann über die Telefon-
Arbeiten mit dieser Technik war leitung zum anderen Computer
für mich als Braillenutzer jedoch übertragen wurden. Die Daten
zunächst etwas gewöhnungsbe- schlichen aus heutiger Sicht durch
dürftig, da der Computer nur mit die Leitung, aber es war beein-
einer Sprachausgabe ausgestattet druckend, dass man einen Text
war. Wir blinde Computernutzer über hunderte Kilometer über-
waren unseren sehenden tragen konnte.
Mitmenschen zu dieser Zeit
allerdings ein erhebliches Stück Mein erstes Modem brachte es
voraus, zogen Computer doch dann immerhin schon auf die
erst in den neunziger Jahren in 8-fache Geschwindigkeit im
größerem Stil in die Büros ein, Vergleich zum Akustikkoppler.
und es sollte noch mehrere Jahre In den späten achtziger Jahren
dauern, bis sie auch in den bestand bereits ein Netzwerk
Haushalten zu Gegenständen sogenannter Mailboxen, das Fido-
des täglichen Lebens wurden. Net, das schon über Europa hinaus
in die USA reichte. Man konnte
elektronische Post per Telefon-
leitung vom eigenen Computer
Mit meinem ersten eige- an den nächsten Fidoknotenpunkt
nen Computer lernte ich verschicken und in den Nächten,
gleich einen digitalen Mei- wenn das Telefonieren billiger
lenstein kennen. war, wurden die Nachrichten von
Knotenpunkt zu Knotenpunkt
weitergereicht. So gelangten sie
Es war ein IBM PC mit dem Be- nach ein bis drei Tagen zu ihrem
triebssystem MS-DOS: ein System, Empfänger. Das Internet und
das Mitte der achtziger Jahre zum sein Vorgänger, das ARPANET,
industriellen Standard wurde. waren damals für Otto Normal-
Die innovative Technologie machte verbraucher noch nicht nutzbar.
eine Datenfernübertragung (DFÜ) Das sollte sich aber mit der
möglich, also die Kommunikation Erfindung des World Wide
zwischen zwei Computern. Web (WWW) ändern, das
15Tim Berners-Lee im Jahr 1989 Anwendungen, die blinde
am europäischen Forschungs- und sehbehinderte
zentrum CERN in Genf entwickelte. Nutzerinnen und Nutzer
vor Probleme stellen.
Zu Beginn der neunziger Jahre
verbreitete das grafische Betriebs-
system Microsoft Windows großen
Schrecken unter blinden und Eine strengere Gesetzgebung
sehbehinderten Computernut- in Nordamerika und ein wachsen-
zern. Ich erinnere mich mit Grausen des Verständnis für das Thema
daran, wie wir versuchten, mit Barrierefreiheit im Bewusstsein
den ersten Screenreadern und vieler Hard- und Softwarehersteller
Windows 3.1 zurechtzukommen. setzten ermutigende Zeichen.
Wie sehr vermissten wir das ver- So gibt es schon seit einigen
traute Betriebssystem DOS, mit Jahren Zugangsmöglichkeiten
dessen Hilfe die Computer in den zu Touchscreens, eine Technik,
letzten Jahren für viele von uns deren Nutzung durch blinde
zu effektiven Arbeitsmitteln und sehbehinderte Menschen
geworden waren. Doch mit dem zunächst als unmöglich galt. n
Erscheinen von Windows 95 und
den inzwischen erheblich ausge-
reifteren Screenreadern wurde
auch diese Hürde genommen.
Plötzlich konnten wir mit mehre-
ren Programmen nebeneinander
arbeiten, problemlos Daten von
einer in die andere Anwendung
schieben und aufregende Dinge
tun, wie Soundbearbeitung oder Peter Brass (* 1954) ist Ober-
Internetradio hören. studienrat und Sonderschullehrer
für blinde und sehbehinderte
Mit den immer komplexe- Menschen. Er gehört seit 2007
ren Programmen wuchsen dem Vorstand des Allgemeinen
Blinden- und Sehbehinderten-
die Herausforderungen
vereins Berlin gegr. 1874 e. V.
an die Entwickler, aber auch (ABSV) und seit 2010 dem Präsi-
an uns Nutzer. Heute sind dium des DBSV an. Peter Brass
es hauptsächlich unsach- ist Mitglied im Redaktionsteam
gemäß programmierte von „Weitersehen“.
16„Das Smartphone ist für Blinde so revolutionär wie die Erfindung der Braille-Schrift“
DBSV Weitersehen 2019
von Robbie Sandberg und Lebensqualität noch einmal
steigerten. Ein Farberkennungs-
Diese Aussage eines blinden gerät ermöglichte es, sich farblich
Bekannten erschien mir abgestimmt anzuziehen oder
rote von gelben Paprika zu unter-
noch vor wenigen Jahren
scheiden. Eine elektronische
vermessen. Immerhin hatte Einkaufshilfe konnte Barcodes
Louis Braille mit seiner scannen und Produktinformationen
Erfindung nichts weniger vorlesen. Erste Handhelds halfen
als den Zugang zu Bildung beim Navigieren von Routen.
für blinde Menschen möglich
gemacht. Mittels der Braille- Als 2009, genau 200 Jahre nach
Louis Brailles Geburt, mit dem
Schrift wurden Bücher,
iPhone 3 GS das erste Smartphone
Zeitschriften, Speisekarten mit einer aktivierbaren Sprach-
und vieles mehr lesbar. ausgabe erschien, zeichnete sich
Auch konnten Menschen ein Paradigmenwechsel ab, der
mit Seheinschränkung nun der Erfindung der BrailleSchrift
schriftlich kommunizieren. an Bedeutung nahekommt.
Ebenso bahnbrechend sollte
Mit den Apps, die auf Smartphones
also das Smartphone sein? beliebig installiert werden können,
steht uns heute ein breit gefächer-
Als in den Achtizgern der PC Einzug tes Angebot technischer Hilfen
hielt, ermöglichten Sprach- und in einem Gerät zur Verfügung.
Braille-Ausgaben blinden Menschen Nutzerinnen und Nutzer des Smart-
die Teilhabe an den Vorzügen phones sparen so das ein oder
des Computers. Im Internet kam andere Hilfsmitttel ein.
man an Informationen, die vorher
nur in Printmedien verfügbar Apps für Texterkennung ersetzen
und damit unzugänglich waren. den Flachbettscanner, Barcode-
Mit einem Scanner konnte man Apps liefern Produktinformationen
erstmals die eigene Post lesen: auch ohne Hardware in der Ein-
ein bedeutender Gewinn an kaufstasche, Farberkennungs-Apps
Lebensqualität. lösen die teuren Batteriefresser ab,
E-Books können auf einer mit dem
In den neunziger Jahren kamen Smartphone verbundenen Braille-
viele technische Hilfsmittel auf Ausgabe gelesen werden,
den Markt, die Selbstständigkeit ganz im Sinne des Erfinders.
19Darüber hinaus wurden durch
das Smartphone Hilfszwecke
möglich, an die früher nicht zu
denken war: das Erkennen von
Texten im öffentlichen Raum, etwa
Schilder oder Plakate, Videochat
mit sehenden Personen, die blin-
den Nutzern per Kamera ihr Auge
leihen, Berechnung und Beschrei-
bung von Navigationsrouten.
„Ohne mein Smartphone fühle ich
mich verloren“, sagen viele blinde Robbie Sandberg (* 1970) ist
Menschen. Nicht, weil es wie für Vorstandsmitglied beim Blinden-
Sehende Bequemlichkeit bietet, und Sehbehindertenverein
sondern weil es Unabhängigkeit Hamburg e.V. (BSVH), wo er viele
und Teilhabe in einem Ausmaß Jahre die Technik-Gruppe leitete.
ermöglicht, das Louis Braille sich Seit 2017 ist er als Jugendreferent
nicht hätte träumen lassen. n beim DBSV tätig.
20Blickpunkt Auge
Das Leben mit einer Sehbeeinträchti-
gung ist mit vielen Herausforderungen
verbunden, egal, ob man damit aufge-
wachsen ist oder erst seit Kurzem damit
zurechtkommen muss. Menschen, die Unsere Berater leben meist selbst mit
gerade erst von einer chronischen einer Seheinschränkung. Ihnen muss
Augenerkrankung erfahren haben, man seine Situation nicht lange
stehen vor einer besonders schwierigen erklären. Sie helfen, neue Wege zu
Lebenssituation. Meist suchen sie finden und Probleme anzugehen.
zunächst nach Informationen zu ihrer
Erkrankung und zu Behandlungs- Unsere Partner sind Augenärzte,
möglichkeiten. Daneben sind viele spezialisierte Augenoptiker, Hilfs-
Fragen zum Leben mit einer Sehbe- mittelanbieter, andere Fachkräfte rund
einträchtigung zu beantworten. ums Sehen, Selbsthilfeorganisationen,
Behörden etc.
„Blickpunkt Auge“, ein Angebot des
DBSV, informiert, berät und unterstützt Blickpunkt Auge gibt es in 13 Bundes-
Betroffene und ihre Angehörigen ländern. Deutschlandweite Angebote
unabhängig und kostenfrei zu sind vorgesehen.
Themen wie:
• grundlegende Fragen zu den
häufigsten Augenerkrankungen
• Sehhilfen und andere Hilfsmittel Überregionale Ansprechpartnerin:
• rechtliche und
finanzielle Ansprüche Angelika Ostrowski
• Tipps, Tricks und Schulungen Tel.: 0 30 / 28 53 87-287
zur Alltagsbewältigung und a.ostrowski@blickpunkt-auge.de
sicheren Orientierung
• Bildung und berufliche Teilhabe www.blickpunkt-auge.de
• Freizeitgestaltung
• weitere Angebote der Selbsthilfe
Wir ermöglichen zudem den Austausch
mit Gleichbetroffenen und vermitteln
bei Bedarf an Experten verschiedener
Fachrichtungen.DBSV Weitersehen 2019
Das Smartphone
als universeller
Helfer
von Lisa Gödde Bahngleis erwische, mache ich mir
wenig Gedanken. Wenn ich die
Meine Tochter ruft mich an Nummern und Anzeigen nicht
lesen kann, fotografiere ich einfach
und fragt, ob ich in zwei
den kompletten Bahnsteig und
Tagen ihre Abschlussprüfung sehe mir die Aufnahme mit
zur Ärztin mit ihr, ihren Lupenfunktion in der für mich
Kolleginnen und Kollegen erforderlichen Größe an.
und der kompletten Familie So kann ich mich trotz meiner
in Aachen feiern möchte. Seheinschränkung komfortabel
orientieren, ohne ständig jemanden
Na klar!
fragen zu müssen.
Also Smartphone raus und die Das Hotel reserviere
Fahrt organisieren. Ich kläre über ich über mein iPhone, die
die Stadtwerke- und die DB-App Reservierungsbestätigung
meine Fahrt mit dem Bus zum erhalte ich per E-Mail.
Bahnhof, meine Zugverbindung
von Münster nach Aachen und So habe ich die Reservierungsnum-
zurück und den Weg zum Hotel, mer jederzeit zur Hand, wenn ich
das mir meine Tochter per Whats- sie brauche: zum Beispiel beim
App vorgeschlagen hat. Einchecken im Hotel. Dort werde
ich am Check-in-Automaten meine
Darüber, ob ich den richtigen Bus Zimmernummer und die
oder richtigen Zug am richtigen Codenummer als Schlüssel
23für mein Hotelzimmer erhal-
ten. Den Ausdruck am Auto-
maten fotografiere ich, damit
ich die Codenummer vergrößern
und auf der Tastatur zum Öffnen
meiner Zimmertür eingeben kann.
Unterkunft und Wege sind
also geklärt. Aber wie wird
das Wetter in Aachen?
Das frage ich Siri. Ich will schließlich
wissen, was ich einpacken muss.
Die App in meinem Handy kündigt
wechselhaftes Wetter mit mögli-
chen zwischenzeitlichen Schauern
bei 22 Grad an.
Da ich mitten im Umzug in eine
kleinere Wohnung stecke, in der Created by Jenie Tomboc
from the Noun Project
ich auch mit einem zunehmend
verminderten Sehvermögen alleine
zurechtkomme, bin ich noch dabei,
mich zu organisieren. Es stehen
gerade einmal die ersten Kleider- Etuikleid zielsicher heraus, streife
schrank-Elemente, die ich auf es zur Kontrolle über und fotogra-
meine eigene Weise organisiert fiere mich im Spiegel, von vorn und
einrichte. Mit diesem System finde hinten. So kann ich mich direkt über
ich jedes Kleidungsstück und kann die Lupenfunktion vergewissern,
es nach Farbe, Material oder ob es gut sitzt und sauber ist. Nach
Anlass selbstständig auswählen. und nach stelle ich auf diese Weise
Noch sind die Kleidungsstücke meine Reisegarderobe zusammen.
aber weitgehend unsortiert und
nur zum Teil aufgehängt. Ist dies Bevor ich zu meiner Tochter
also sicher das blaue Etuikleid reise, gibt es noch einiges
und nicht das schwarze? Ich greife zu organisieren.
zu meinem iPhone und tippe
die Taschenlampe an. Glücklicher- Kann meine liebe Blumenoma ein
weise leuchtet sie mir so hell, dass paar üppige dunkelrote, hellrote
ich Dunkelblau auch mit wenig und roséfarbene Pfingstrosen für
Kontrast von Schwarz unterschei- einen Strauß zusammenstellen?
den kann. So greife ich mein blaues Ich bitte Siri, die Blumenoma an-
24DBSV Weitersehen 2019
zurufen, und bestelle den Strauß. Ich vergrößere mein letztes Foto
In einer Stunde kann ich ihn und sie sucht sich damit die benö-
abholen. Was benötige ich noch, tigte Größe heraus. Das Gleiche
um den Abschluss meiner Tochter machen wir mit den Dübeln und
gebührend zu feiern? meine Nachbarin ist nach drei
Minuten zufrieden wieder in ihrer
Wenn es schnell gehen Wohnung. Ich freue mich, dass die
muss oder ich aufgeregt Nachbarschaftshilfe so unkompli-
ziert funktioniert.
bin, kann ich oft noch etwas
schlechter sehen und meine
Am nächsten Tag trete ich
eigene Schrift nicht mehr
gut vorbereitet die Reise
gut lesen.
zu meiner Tochter an.
Also diktiere ich eine Erinnerungs-
Dank meiner Organisation
notiz in mein iPhone: Sektgläser, klappt alles reibungslos.
Sekt, Knabberzeug, Früchte und Mein iPhone als Hilfsmittel
Servietten einpacken, Kühlpacks gibt mir Sicherheit und
für die Kühltasche vorbereiten, Unterstützung bei der Orien-
eine Glückwunschkarte besorgen. tierung, so dass ich mir solche
Unternehmungen alleine
Es klingelt an der Tür. Eine Nach-
barin bittet mich um einen Beton- zutraue und sie mich nicht
bohrereinsatz Nummer fünf und übermäßig anstrengen.
einen Dübel Nummer 4,5. Wie gut,
dass durch den Umzug noch mein Während ich nach zwei gelunge-
Werkzeug-OP-Tisch aufgestellt ist. nen Tagen in Aachen glücklich
Auf ihm sortiere ich alles thema- die Sektgläser spüle, diktiere ich
tisch, um schnell zu finden, was diesen Artikel in mein iPhone –
ich benötige. Akkuschrauber, wunderbar! n
Bohrmaschine mit Metall-, Holz-
und Betonbohrereinsätzen,
verschiedene Schraubenzieher,
Sägen, Dübel und Schrauben aller
Art. Die Betonbohrereinsätze unter-
scheide ich von den Holzbohrer- Lisa Gödde (* 1960)
einsätzen vorab nach Gefühl. ist Dipl.-Biologin und Dipl.-Gesund-
Ich fotografiere das Betonbohrer- heitswissenschaftlerin. Bis 2013
Ensemble mit den Größen, die war sie als Lehrerin tätig. Seit 2015
ich nicht lesen kann, und bringe arbeitet sie als Museumspädagogin
es zur Nachbarin, die ihre Brille am LWL-Museum für Naturkunde
vergessen hat. Kein Problem: in Münster.
25DBSV Weitersehen 2019
WhatsApp,
Sprachnachricht und Co.
Wie die Digitalisierung die
Kommunikation verändert
von Christiane Bernshausen die Finger meiner Familien-
mitglieder über den Bildschirm,
„Können wir heute besprechen, sie holen sich Informationen
wie wir alle zum Familientreffen aus dem Internet und beschäftigen
kommen? Papa und ich fahren sich mit Spielen. „So Leute, jetzt
schon am Mittwoch, aber ihr habt mal stopp! Legt sofort die Handys
ja bis Freitag noch Uni“, werfe ich beiseite.“ Ich fordere eine echte
in die Runde der Familie am Früh- Kommunikation ein.
stückstisch ein und erwarte die
Antwort meiner Kinder. „Level 5, Natürlich sehe ich ein, dass sich
ich habe schon Level 5 erreicht!“, die Kommunikation mit dem
schreit der Jüngere. Mein Mann Medium Smartphone verändert
sagt: „Ich habe es, eine Grapefruit hat. Da muss ich als blinde Frau
ist eine Kreuzung aus einer Pam- auf meine Weise und nach meinen
pelmuse und einer Orange. Möglichkeiten eben mithalten.
Da waren wir uns doch nicht sicher.“ Das ist kein Problem, wenn ich
„Mit den Zugverbindungen sieht alleine bin und mich in Ruhe damit
es aber schwierig aus. Wie heißt beschäftige. Schwierig ist es nur,
der Zielbahnhof?“, fragt die Ältere. wenn ich die Situation nicht ein-
Die Familie brütet über ihren schätzen kann oder ein Gespräch
Smartphones, wir kommen bei suche. Die Wandlung des Kom-
unserem seltenen Sonntagmorgen- munikationsverhaltens durch die
frühstück mit der Überlegung Digitalisierung ist, wie bei vielen
nicht weiter und ich fühle mich Neuerungen in unserem Leben,
ausgeschlossen. Schnell, lautlos Fluch und Segen zugleich.
und für mich nicht sichtbar gleiten Aber für mich als blinder
27Mensch ist sie auch ein Segen Mein heutiges neues Tor zur Welt –
und eine echte Bereicherung! die Kommunikation via Smartphone
Und diese möchte ich bei allen – ist auch kein Hexenwerk. Ein
Nachteilen auf keinen Fall mehr wunderbares Kommunikationsmit-
missen! tel sind hierbei die Text- und
Sprachnachrichten durch soge-
Aber was heißt Digitalisie- nannte Messengerdienste, die
rung in dem Zusammen- auch von blinden und sehbehin-
derten Menschen leicht zu bedie-
hang überhaupt, und
nen sind. Der Messengerdienst
was ist der Nutzen für WhatsApp ist aus meinem Alltag
blinde und sehbehinderte nicht mehr wegzudenken. Sprach-
Menschen? nachrichten, die mir wichtig sind,
speichere ich, so dass ich auch
Hier sind nicht die visuellen, digi- später noch Freude daran habe.
talen Entwicklungen der Zukunft
gemeint, wie das autonome Auto- An der Stimme einer mir wichtigen
fahren oder die Telemedizin. Person erfahre ich bei einer Sprach-
Obwohl ich mir hier insgeheim nachricht auch etwas über ihre
in der Zukunft gravierende Ver- Gefühlslage. Ich weiß dann, ob es
besserungen für mich und meinen demjenigen gut geht oder ob ihn
Alltag erhoffe. Vielleicht sitze vielleicht etwas bedrückt. Ich kann
ich doch noch mal am Steuer so an vielen Dingen der Außenwelt
eines Autos? Oder ich spare mir teilhaben und das ist für mich
manchen lästigen Weg zum Arzt? grandios. „Mach das Gequatsche
aus, das nervt!“, sagt dann gerne
Für mich als blinde Computernut- meine Ältere, wenn ich auf diese
zerin hielt die Digitalisierung vor Weise mit jemandem Nachrichten
vielen Jahren mit der Sprachsteue- austausche. „Quakquakquak, noch
rung am PC Einzug. Die Möglich- lauter! Noch schneller!“, amüsiert
keit, E-Mails und Texte per Sprach- sich mein Mann. Auch hier sage
eingabe zu schreiben, sie sich ich wieder „Stopp!“. Denn zu
anschließend über die Sprachaus- Hause nutze ich mein Smartphone
gabe anzuhören und im Internet so, wie ich es möchte.
auf barrierefreien Seiten zu surfen,
war für mich seinerzeit eine un- Etwas Wunderbares sind für mich
glaubliche Revolution und eine auch WhatsApp-Gruppen.
neue Tür zur kommunikativen Die Dynamik in der Kommuni-
Welt. Meinen Mitmenschen muss kation, die dabei entsteht, finde
ich noch heute oft erklären, dass ich ganz besonders spannend.
der PC ohne Bildschirm und ohne Wie schnell wird ein Thema
Maus kein Hexenwerk ist. von mehreren Seiten betrachtet,
28heute aus dem Urlaub und von
besonderen Situationen versendet
werden und die dann alle beschrie-
ben werden müssen, haben wir
eine große Teilhabe am Leben der
anderen.
Begeistert kommuniziere ich
mit dem Smartphone – und auf
meine Weise – über Text- und
Sprachnachrichten, höre meine
E-Mails ab, surfe im Internet.
Hörend lese ich die Tageszeitung,
informiere mich über Neuigkeiten,
recherchiere auf einer Kochseite
ein Kuchenrezept oder lausche
einem Podcast.
Was bringt die Zukunft? Ich wün-
sche mir sehr, dass wir Menschen
mit Seheinschränkung auch weiter-
hin in unserer schnelllebigen Zeit
mithalten können – über welchen
werden Termine abgesprochen digitalen Kanal auch immer. Und
und koordiniert, fließen Informa wer weiß, vielleicht sitze ich doch
tionen in alle Richtungen, finden noch mal am Steuer eines Autos?
sich Ideen und Lösungen manches Oder ich spare mir manchen
Mal wie von selbst. lästigen Weg zum Arzt und nutze
stattdessen die barrierefrei
In den Gruppen mit Familienmit- zugängliche Telemedizin? n
gliedern, in den verschiedenen
Freundeskreisen, in den Freizeit-,
Hobby- und Ehrenamtskreisen
oder in themenspezifischen und
Alltagsgruppen findet ein reger
Austausch statt, für den ich sehr Christiane Bernshausen (* 1967)
dankbar bin. engagiert sich seit vielen Jahren
ehrenamtlich beratend und aktiv
Bei Fotos und Videos von Angehö- in verschiedensten örtlichen
rigen oder Freunden bin ich natür- Ausschüssen und vor allem in
lich auf sehende Hilfe angewiesen. der Blinden- und Sehbehinderten-
Aber durch die vielen Fotos, die selbsthilfe.
29DBSV Weitersehen 2019
„Deutschland
bleibt hinter
den Möglichkeiten
zurück“
Freiwillig und von ganz linien, Verordnungen und
allein wird die schöne neue Gesetze zu gießen. Oliver
digitale Welt für Menschen Nadig vom Gemeinsamen
mit Sehbehinderung und Fachausschuss für Informa-
Blindheit nicht barrierefrei. tions- und Telekommuni-
Anforderungen an die Zu- kationssysteme (FIT) sprach
gänglichkeit und Nutzbar- mit Dr. Steinbrück über
keit von Dokumenten, die mangelhafte deutsche
Webseiten, Programmen Umsetzung der EU-Richtlinie
und Geräten müssen gesetz- zu barrierefreien Websites
lich festgeschrieben sein. und Apps öffentlicher
Der blinde Jurist Dr. Joachim Stellen, über barrierefreies
Steinbrück ist Behinderten- E-Government und weitere
beauftragter des Landes notwendige Schritte für
Bremen und steht immer mehr digitale Teilhabe.
in der ersten Reihe, wenn
Oliver Nadig: Herr Dr. Steinbrück,
es darum geht, Forderungen
In den letzten eineinhalb Jahren
zur Teilhabe blinder und haben Sie sich bei der Umsetzung
sehbehinderter Menschen der EU-Richtlinie 2016/2102
am digitalen Leben in Richt- über den barrierefreien
31Zugang zu Websites und Ganz allgemein betrachtet
mobilen Anwendungen
ist das Internet eine grenz-
öffentlicher Stellen in deutsches
übergreifende Angelegen-
Recht engagiert. Was hat sich
die Selbsthilfe von der Richtlinie
heit.
erhofft?
Dr. Joachim Steinbrück: In der
EU-Richtlinie ist der barrierefreie Schon allein deshalb ist es zu
Zugang zu digitalen Angeboten begrüßen, dass Anforderungen an
öffentlicher Stellen umfassender die Internetzugänglichkeit inter-
geregelt als in den bisherigen national geregelt werden, auch
deutschen Gleichstellungsgesetzen. wenn alle EU-Staaten die Richtlinie
Diese galten bislang nur für Bundes- noch in landesspezifisches Recht
institutionen und häufig nur auf umsetzen müssen.
Landesebene, die EU-Richtlinie
hingegen nimmt auch die öffent ON: Die Frist für diese Umsetzung
lichen Stellen der Kommunen in läuft am 23. September 2018 ab.
die Pflicht. Damit müssen erstmals In einem ersten Schritt hat die
auch die Webseiten von Gemein- Bundesregierung deshalb am
den, der Kommunalverwaltung 14. Juni 2018 das Behinderten-
und die Internetauftritte von gleichstellungsgesetz des Bundes
Kindergärten und Schulen (BGG) angepasst. Die Selbsthilfe
barrierefrei werden. Es muss eine zeigte sich vom Ergebnis bitter
Barrierefreiheitserklärung geben, enttäuscht. Corinna Rüffer, die
und für Anwender, die Barriere- Sprecherin für Behindertenpolitik
freiheitsmängel entdecken oder der Bundestagsfraktion von
Probleme mit der Nutzung der BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN fasste
Seiten haben, muss ein fester die Umsetzung und den Weg
Ansprechpartner benannt sein. dahin mit den Worten zusam-
Diese Ansprechpartner sind ver- men: „Im ‚Schweinsgalopp‘ und
pflichtet, dafür zu sorgen, dass mit unzureichender Beteiligung
Beschwerden hinsichtlich man- von behindertenpolitischen
gelnder Barrierefreiheit in einem Verbänden hat die Bundesregie-
bestimmten Zeitraum beantwortet rung den Gesetzentwurf durch
werden. Unabhängig davon, das parlamentarische Verfahren
wie viele Barrieren tatsächlich geprügelt. Damit hat sie die
gemeldet werden, fordert die Chance verpasst, die zugrunde-
EU-Richtlinie eine Überwachungs- liegende EU-Richtlinie in ein
stelle, die kontrolliert, wie gut gutes und zukunftsweisendes
Deutschland die Anforderungen Gesetz zu gießen.“ Sind Sie
umsetzt. persönlich auch verärgert?
32JS: Absolut. Seit dem Inkrafttreten men haben die Stadt und ihre
der Richtlinie im Herbst 2016 hat Behörden hierfür ergriffen?
die Selbsthilfe Vorschläge für die
notwendigen Gesetzesänderungen JS: Die europäische Richtlinie,
erarbeitet und im Mai 2017 eine von der wir gesprochen haben,
fundierte Stellungnahme abge- stellt vor allem die Barrierefreiheit
geben. Die ganze Zeit über gab digitaler Information nach außen
es Gespräche mit dem Bundes- sicher. Bremen hat ein Landes-
ministerium für Arbeit und Soziales. E-Government-Gesetz erarbeitet,
Im Februar 2018 haben wir in der das den Blick sozusagen auch
Bremer Landesvertretung in Berlin nach innen richtet. Beispielsweise
gemeinsam mit unserer Senatorin wird darin festgeschrieben, dass
für Finanzen, Bürgermeisterin Software, mit der behördenintern
Karoline Linnert, und Staatsrat Vorgänge bearbeitet, Akten
Hans-Henning Lühr eine Fachta- geführt und Bescheide erstellt
gung mit rund 100 Teilnehmern werden, schrittweise barrierefrei
durchgeführt und damit meine bedienbar wird, so dass auch
Amtskollegen aus den anderen blinde und sehbehinderte Men-
Bundesländern und die Fachöffent- schen mit diesen Programmen
lichkeit für das Thema nochmals arbeiten können.
sensibilisiert. Nahezu zeitgleich
veröffentlichte die Bundesregie-
rung ihren Entwurf für die Ände-
rung des BGG. Daraus ging klar
hervor, dass die Bundesregierung Das erhält bestehende
nur eine Minimalumsetzung und schafft unter Umstän-
anstreben würde. Trotz lächerlich
den neue Arbeitsplätze
kurzer Fristen zur Stellungnahme
hat die Selbsthilfe den Entwurf für schwerbehinderte
detailliert kritisiert und konkrete Menschen. Zukünftig wird
Vorschläge zur Verbesserung die Barrierefreiheit bei der
gemacht. Letztlich konnte eine Entwicklung, Ausschreibung
Verbändeanhörung am 11. Juni
und Beschaffung von
noch kleinere Verbesserungen
bewirken, aber insgesamt bleibt
Behördensoftware
berück-
die deutsche Umsetzung weit sichtigt.
hinter den Möglichkeiten zurück,
die die EURichtlinie eröffnet hätte. Aber auch an die barrierefreie
Kommunikation zwischen Ämtern
ON: Bremen sieht sich auch und Bürgerinnen und Bürgern ist
als Innovator für barrierefreies gedacht: Die Webseiten und
E-Government. Welche Maßnah- Bescheide unserer Verwaltung
33sollen nicht nur barrierefrei Natürlich kann man auch Anreiz-
erstellt werden – sie sollen systeme wie Barrierefreiheitspreise
natürlich auch selbst barrierefrei und dergleichen schaffen oder –
lesbar sein. Ebenso werden die wie dies in der Vergangenheit
Voraussetzungen für eine barriere- schon einige Male versucht wurde –
freie Akteneinsicht geschaffen. das Instrument der Zielverein-
Hier werden das neue E-Govern- barung zwischen der Selbsthilfe
ment-Gesetz und das bremische und Wirtschaftsunternehmen
Behindertengleichstellungsgesetz nutzen. Das war bisher aber eher
koordiniert. Unser Bremer BGG wirkungslos.
wird übrigens in naher Zukunft an
die europäische Zugänglichkeits- ON: Der 2010 verabschiedete
richtlinie angepasst. So ist beim IT-Staatsvertrag und der in dem
Landesbehindertenbeauftragten Zusammenhang gegründete
eine unabhängige Zentralstelle für IT-Planungsrat hat das Ziel,
barrierefreie Informationstechnik die digitale Infrastruktur
und ein Kontrollmechanismus der Länder und des Bundes zu
vorgesehen, demzufolge der Bremi- vereinheitlichen. Zum Ende des
sche Senat bis zum 31. Januar 2021 Jahres wird Bremen den Vorsitz
einen Bericht über den Stand der im IT-Planungsrat übernehmen.
Barrierefreiheit vorlegen muss. Staatsrat Hans-Henning Lühr
Zusätzlich kann bei Streitfragen versprach, das Thema barrierefreie
rund um die Barrierefreiheit die Digitalisierung auf die Agenda
Schlichtungsstelle angerufen zu setzen. Welche Akzente
werden, die mit der Novellierung will Bremen setzen?
des bremischen Behindertengleich-
stellungsgesetzes neu geschaffen
wird.
ON: Sie sagten im Rahmen der
JS: Wir wollen vor allem
Fachtagung in Berlin, eine wichtige
Aufgabe sei die Verpflichtung zur auf die Barrierefreiheit
Barrierefreiheit auch für private solcher informationstech-
Websites. Wie gehen Sie vor, nischer Systeme hinwirken,
um dieses Ziel zu erreichen? die im Zusammenhang
mit dem E-Government
JS: Das wird letztendlich nur stehen. Bei den Internet-
durch gesetzliche Regelungen
funktionen des neuen
erreicht werden können. Deshalb
machen wir uns Gedanken über Personalausweises,
eine Erweiterung des Allgemeinen der qualifizierten elektro-
Gleichbehandlungsgesetzes. nischen Signatur und
34Dr. Joachim Steinbrück (* 1956)
ist Landesbehindertenbeauftragter
der Freien Hansestadt Bremen.
Bis 2005 war er als Richter am
Arbeitsgericht Bremen tätig.
Darüber hinaus übte er mehrere
Lehrtätigkeiten an der Universität
und der Hochschule Bremen aus.
der rasant fortschreitenden Oliver Nadig (* 1973) arbeitet
Digitalisierung im Gesund- seit 1997 für die Deutsche Blinden-
heitssystem gibt es da studienanstalt (blista), seit 2001
ja genügend Baustellen. als Rehabilitationslehrer für EDV
Geplant ist, in Zusammen- und elektronische Hilfsmittel.
arbeit mit unserer Selbst- Er ist Leiter des Gemeinsamen
Fachausschusses für Informations-
hilfe im Herbst ein Arbeits- und Telekommunikationssysteme
programm für den (FIT) der überregionalen Blinden-
einjährigen Vorsitz im IT- und Sehbehindertenselbsthilfe-
Planungsrat zu erstellen. n organisationen.
35Digitale Barrierefreiheit Der Weg zu mehr Inklusion
DBSV Weitersehen 2019
von Jan Hellbusch Stellen in Deutschland und Europa
wird Konformitätsstufe AA ver-
Bei der Entstehung von barriere- pflichtend – ein realistisches Ziel
freien digitalen Inhalten sind viele in jedem Webprojekt.
Personen beteiligt. Webdesigner
oder Redakteure verantworten In Deutschland gilt bereits seit 2011
ebenso die Barrierefreiheit wie die Barrierefreie-Informations-
Anbieter von Redaktionssystemen technik-Verordnung – BITV 2.0,
oder Projektleiter. Die einzelnen allerdings gilt sie zunächst nur
Anforderungen selbst sind zwar für öffentliche Stellen des Bundes.
vielfältig, aber barrierefreies Auf Länder- und kommunaler
Webdesign ist immer umsetzbar. Ebene sind die Regelungen
derzeit uneinheitlich. Sowohl
Barrierefreiheitsrichtlinien die BITV 2.0 als auch die weiteren
für Webseiten Vorgaben für öffentliche Stellen
sollen in diesem Jahr noch an die
Die Barrierefreiheit von Web- WCAG 2.0 angeglichen werden.
inhalten ist gleichbedeutend mit
der Erfüllung der Kriterien aus Nutzeranforderungen
den Web Content Accessibility und Barrierefreiheit
Guidelines (WCAG) 2.0, die 2008
vom World Wide Web Consortium Die WCAG 2.0 stellen auf formaler
(W3C) veröffentlicht wurden. Diese Ebene die Messlatte für Barriere-
Richtlinien spielen eine zentrale freiheit in Webinhalten dar, aber
Rolle in zahlreichen internationalen in vielen konkreten Situationen
und europäischen Normen zur werden die Nutzeranforderungen
Barrierefreiheit von digitalen darüber hinausgehen. Das liegt
Inhalten. Dazu zählt insbesondere zum Teil an einzelnen Kriterien
die DIN EN 301 549, die zukünftig der WCAG 2.0, die oft Minimal-
von allen öffentlichen Stellen in anforderungen an den barriere-
Deutschland einzuhalten ist. freien Zugang darstellen, und zum
Teil an veralteter Software oder
Die WCAG 2.0 formulieren 61 fehlenden Schulungen im Umgang
Erfolgskriterien für barrierefreies mit Hilfsmitteln. Vor allem aber
Webdesign. Sie sind auf drei umfassen die WCAG 2.0 nur solche
Konformitätsstufen verteilt (Kon- Kriterien, die technisch (objektiv)
formitätsstufe A, AA und AAA), überprüfbar sind. Aus diesen und
wobei Erfolgskriterien auf der anderen Gründen darf die Erfüllung
Stufe A die wichtigsten Kriterien der Kriterien aus den WCAG
darstellen. Für die öffentlichen 2.0 lediglich als Ausgangs-
37punkt für eine nutzbare - Manche Nutzer mit körperlichen
Webseite für möglichst alle Einschränkungen können die
Nutzer angesehen werden. Tastatur (oder den Mauszeiger)
nicht benutzen. Wichtig für das
Damit Nutzerinnen und Nutzer mit Webdesign ist, dass alle Funktio-
Behinderungen nicht nur Zugang nen auf Webseiten auch per
zu digitalen Inhalten erhalten, Tastatur nutzbar sind.
sondern im Sinne von Inklusion
auch ein positives Nutzungserlebnis - Menschen mit Lernbehinde-
bekommen, muss bei der Gestal- rungen benötigen u. a. Leichte
tung und Entwicklung von Web- Sprache. Anforderungen hierzu
seiten, Software, Apps und Doku- finden sich in den Webstandards
menten auf die behinderungs- zur Barrierefreiheit nicht. Die
bedingten Bedürfnisse dieser Richtlinien umfassen mehrere
Nutzer zusätzlich eingegangen Kriterien zur Fehlerbehandlung
werden. Einige Nutzergruppen in Formularen und umfassen
und ihre Besonderheiten: darüber hinaus einige Anforde-
rungen zur ablenkungsfreien
- Sehbehinderte Nutzer stellen Interaktion. Diese Anforderungen
eine heterogene Nutzergruppe sind für fast alle Nutzer hilfreich.
dar. Wichtige Aspekte für
die Webentwicklung sind die - Für gehörlose Nutzer sind ins-
Berücksichtigung angepasster besondere akustische Informa-
Bildschirmeinstellungen und tionen auch in Textform anzu-
ausreichender Kontrastverhält- bieten. Obwohl große Anbieter
nisse. wie Youtube gesprochenen
Text in Multimedia automatisch
- Blinde Nutzer verwenden erkennen können, müssen
Screenreader, um Bildschirm- die daraus entstehenden Unter-
inhalte mithilfe nicht-visueller titel dennoch redaktionell über-
Ausgabegeräte (akustisch prüft werden.
über eine Sprachausgabe oder
haptisch über eine Braillezeile) Wer sich mit den unterschiedlichen
zu erfassen. Screenreader Nutzergruppen auseinandersetzt,
wiederum sind abhängig von wird schnell feststellen, dass sie
den Informationen, die z. B. ein sich erweitern und weiter diffe-
Browser in den Accessibility-Tree renzieren lassen. Der Unterschied
eines Betriebssystems ablegt, zwischen der Erfüllung der Min-
wo Alternativtexte für Grafiken destanforderungen (Kriterien der
oder die Semantik im Code Konformitätsstufe AA der WCAG
übertragen werden. 2.0) und individuellen positiven
38DBSV Weitersehen 2019
Nutzungserlebnissen kann unter einschließlich Senioren besser
Umständen beachtlich sein. nutzbar zu machen.
Accessibility first 3. Inklusion und somit auch
Barrierefreiheit müssen als Ziel
Barrierefreie Webinhalte entstehen formuliert werden. Digitale Inhalte
nicht von selbst. Es ist Aufgabe aller müssen kontinuierlich und in einem
an einem Webprojekt Beteiligten, inklusiven Entstehungsprozess
bereits während des Entstehungs- geplant und regelmäßig mit den
prozesses ihren Teil der Barrierefrei- betroffenen Nutzern evaluiert
heit zu verantworten. Projektleiter werden, damit möglichst wenige
müssen Schulungen organisieren, Nutzer ausgegrenzt werden.
Designer müssen sich mit der
Farbgestaltung befassen und Die Erfüllung der Kriterien aus
Entwickler mit der Tastaturbedie- den WCAG 2.0 wird nicht „frei
nung sowie der Übertragung Haus“ geliefert, sondern setzt
von Informationen an Hilfsmittel Sensibilisierung, Schulungen und
wie Screenreader. Auch die Redak- Investitionen in neue Software
tion muss ihren Teil zur Barriere- voraus. Barrierefreiheit ist dabei
freiheit beitragen, etwa durch ein Minimalstandard und gleich-
die Strukturierung von Inhalten zeitig der Schlüssel zu Inklusion
und Formulierung von Alternativ- in der digitalen Welt.
texten für Grafiken.
Barrierefreiheit ist dabei ein erreich- Weitere Informationen
bares Ziel für jede Organisation, unter: www.barrierefreies-
aber: webdesign.de
1. Digitale Inhalte sind erst dann
für die meisten Nutzer zugänglich,
wenn die Mindestkriterien der
Konformitätsstufe AA aus den
WCAG 2.0 erfüllt werden.
Jan Hellbusch (* 1967)
2. Erst mit barrierefreien Inhalten ist freiberuflicher Accessibility
können weitere Aspekte wie ein Consultant, Gutachter und Tester
positives Nutzungserlebnis und für barrierefreies Webdesign.
mehr Inklusion sinnvoll angestrebt Darüber hinaus teilt er sein Wissen
werden. Der Ausbau der Barriere- in Büchern wie „Barrierefreiheit
freiheit erlaubt es auch, Inhalte für verstehen und umsetzen“ und
zahlreiche weitere Nutzergruppen „Barrierefreies Webdesign“.
39Datenschutz
von Günter Nehm
Zwei Daten saßen liebeskrank
vereint auf einer Datenbank
mit heißem, innigem Begehren,
sich durch Befruchtung zu vermehren.
Ein Datenschützer war empört
und fand die Absicht unerhört;
er schloss die beiden, wie gemein,
in streng getrennte Speicher ein.
Das hat die Daten sehr erschreckt,
doch später zeigte sich versteckt
ein Notausgang zum Separée
im Gästehaus des MAD.
Bald rühmte das verliebte Paar
sich einer stolzen Kinderschar,
die mancherlei Erkenntnis brachte
und vieles transparenter machte.
Der Datenschützer hat beklommen
und resigniert den Hut genommen;
statt über Datenschutz zu brüten
will er in Zukunft Flöhe hüten.
40Das Magazin des
Deutschen Blinden-
und Sehbehinderten-
verbandes (DBSV)
Ein Design für Alle Mehr, als man sieht
Sehbehindertengerechte Gestal- Die „Sichtweisen“ informieren
tung und Ästhetik schließen sich darüber, wie der DBSV sich für
nicht aus. Das beweisen die Teilhabe und Barrierefreiheit
„Sichtweisen“, deren neues Design einsetzt. Sie zeigen, wie Menschen
im Rahmen des DBSV-Projekts mit einer Sehbeeinträchtigung
„Inklusives Design“ entstanden ist. leben, und bieten wertvolle Hin-
Markante Farbflächen bilden einen weise aus den Bereichen Recht,
spannenden Kontrast zu den Medizin und Rehabilitation sowie
Schwarz-Weiß-Fotos. zahlreiche Tipps.
Jeder Rubrik sind eine Farbe und
Zum Hören, Fühlen, Sehen
ein Piktogramm zugeordnet.
Die Beitragstexte sind zweispaltig Das Mitgliedermagazin des DBSV
in Schwarz auf Weiß gedruckt. erscheint als Printausgabe,
Flattersatz und der Einsatz von in Punktschrift und auf DAISY-CD.
Weißraum geben dem Layout
einen großzügigen Eindruck.
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