Wir sind Gesandte an Christi statt - Sonntag der Weltmission 27. Oktober 2019
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Sonntag der
Weltmission
Die Solidaritätsaktion der
Katholiken weltweit
27.Oktober 2019
Fotos: Hartmut Schwarzbach
Aktionsheft mit
»Wir
Liturgischen Hilfen
sind
Christi statt«
Gesandte an
2 Kor 5,20Inhalt
Begegnung mit einer außergewöhnlichen Region
Der Nordosten Indiens steht im Mittelpunkt der diesjährigen Aktion
zum Sonntag der Weltmission. Als die Wahl auf Nordostindien fiel,
war noch nicht bekannt, dass Papst Franziskus den Oktober 2019
zum Außerordentlichen Monat der Weltmission ausrufen und unter
das Thema „Getauft und gesandt“ stellen würde. Es hätte kaum bes-
ser kommen können. Nordostindien ist wie kaum eine andere Region
in Indien geeignet, die Botschaft von Papst Franziskus zu vermitteln.
Hier in Deutschland ist die Region vor allem wegen des guten Tees
bekannt, der in den Teegärten von Assam angebaut wird. Weniger
bekannt ist Nordostindien für seine lebendige, missionarische Kirche,
die seit ihren Anfängen vom Engagement der Laien lebt. Wer die
auch „Seven Sisters“ genannten sieben Bundesstaaten besucht, trifft
Infografik:
auf Christen, die von sich sagen: „Wir sind getauft und gesandt.“
Ordensfrauen, die als sogenannte Touring Sisters in die Dörfer gehen
Die „Seven Sisters“
04
und das Leben der Menschen teilen. Jugendliche, die im Glauben die
Kraft finden, aus dem Teufelskreis der Schuldknechtschaft auszubre-
chen und Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen. Familien, die A RU N ACHAL P RAD E SH
die Nachbarschaft jeden Abend in ihr Haus einladen, um gemeinsam
zu beten und Lösungen für die alltäglichen Probleme zu entwickeln. Itanagar
Junge Frauen, die sich als Gesundheitshelferinnen ausbilden lassen, Tezpur
um in den abgelegenen Dörfern der Bergregion zu helfen. Mutige B r a h m a put r a
ASSAM NAGALAND
Menschen, die sich in der politisch unruhigen Region für den Frieden Kohima
einsetzen. Junge Adivasi, die als Barfußanwälte ihrer Gemeinschaft M E G H A L AYA Shillong
helfen, gegen den Menschenhandel auf den Teeplantagen vorzuge- Imphal
hen und verschleppte Kinder nach Hause zu holen. M A N I P UR
TRIPURA
Sie alle setzen auf ihre Weise das Leitwort der missio-Aktion aus dem
Aizawl
Agartala
MIZORAM
zweiten Brief des Apostels Paulus an die Korinther um: „Wir sind
Botschafter an Christi statt.“
Oder, in den Worten einer der Schwestern, die über Wochen unter-
wegs sind, um Familien in der kaum zugänglichen Bergregion Arun- 06 REPORTAGE:
achals zu besuchen: „Wenn Gott unser Herz bewegt, können wir Mission am Fuße des Himalaya
nicht still sitzen. Wir müssen in Bewegung bleiben.“ 10 INFO:
Auf eine Tasse Tee
Papst Franziskus spricht in seinem Schreiben Evangelii Gaudium von 12 REPORTAGE:
der Herausforderung, die „Mystik“ zu entdecken und weiterzuge- Die dunkle Seite der Teegärten
ben, die darin liegt, einander zu begegnen.
Dieses Heft stellt die Aktion zum Sonntag der Weltmission vor. Es
soll neugierig machen auf die Begegnung mit den Menschen und der
Kirche in Nordostindien. missio wünscht viel Freude bei der Lektüre
und Vorbereitung und dankt schon jetzt für Ihre Unterstützung.
2Gemeinde- 24
aktionen
24 INFOS UND AKTIONEN:
Frauengebetskette,
Aktionsartikel, Forum Weltkirche
und kontinente-Magazin
Liturgische
16 Indische Begrüßung
16 Hilfen
und Teepause
18 Gemeindeauflauf
19 Aktion #mymission
Tee
Abwarten und
trinken
20
20 Schwarzes Gold:
26
26 Aufruf der deutschen Bischöfe
Kohlearbeiter in Meghalaya 27 Predigtanregungen
22 Indiens unruhiger Nordosten 31 Gemeindemesse
Erzbischof Thomas Menamparampil: 35 Wort-Gottes-Feier
Der sanfte Friedensstifter 40 Bausteine für
Kinderkatechesen
41 Bausteine für Jugendgottesdienste
42 Jugendaktion 2019:
Der Fall Paulus
Impressum
43 missio-Kunstkalender
3ARUNACHAL PRADESH
NEPAL
CHINA
MEGHALAYA
Die „Seven Sisters“ ASSAM
Der Großteil der Fläche Assams
liegt im Tal des Brahmaputra zwi
schen dem Himalaya im Norden
und den Bergen von Meghalaya.
Landkarte (mit Teasern zu
Seit der Unabhängigkeit Indiens 1947 sind die sieben Schwesterstaaten, Über 1.000 Teeplantagen in der
Tiefebene entlang des Flusses
„Seven Sisters“, im Nordosten Indiens nur über einen schmalen Korridor mit bilden das größte zusammenhän
Zentralindien verbunden. Mehr als 200 indigene Völker leben in der Region, gende Teeanbaugebiet der Welt.
die sich in Aussehen, Sprache und Kultur deutlich vom Rest Indiens unter- Im Kaziranga Nationalpark leben
scheiden. Ein großer kultureller Reichtum. Doch die indigenen Volksgrup- noch mehr als 2400 Panzernas
MIZORAM
pen fühlen sich im eignen Land häufig als Bürger zweiter Klasse. Denn die hörner. Das Nashorn ist das Wahr
zeichen Nordostindiens.
Vielfalt im Nordosten wird von der Regierung in Delhi eher als Bedrohung
ARUNACHAL PRADESH
gesehen. Immer wieder kommt es zu Spannungen mit der Zentralregierung
und Separationsbewegungen. Auch zwischen den Gruppen selbst entladen
sich Konflikte oft gewaltsam.
Der Anteil der christlichen Bevölkerung in den sieben Bundesstaaten liegt
bei rund 90 Prozent in Nagaland und einer kleinen Minderheit von vier
Prozent in Assam. In Nagaland, Meghalaya und Mizoram sowie der Berg TRIPURA
region Manipurs gehört die Mehrheit der Bevölkerung dem Christentum an.
Überwiegend sind es protestantische Gemeinschaften. Die Einwohner der MEGHALAYA
Ebenen Assams, Tripuras und des Manipur-Tals sind mehrheitlich Hindus.
Der auf einem Hügelplateau gele
gene Bundesstaat wird auch das
Weitere Informationen zu Volksgruppen und Religionen: „Schottland Indiens“ genannt.
www.missio-hilft.de/religionen-nordostindien Hier befindet sich der regen
reichste Ort der Welt. Ende des
19. Jahrhunderts begann mit dem
deutschen NAGALAND
Salvatorianer Pater Otto
Hopfenmüller von Shillong aus die
Missionsarbeit der katholischen
ASSAMIndiens.
Kirche im Nordosten
Die drei großen indigenen Völker
Khasi, Garo und Jaintia leben in
INDIEN einer matrilinearen Gesellschaft:
Die jüngste Tochter erbt den
Besitz.
MANIPUR
MIZORAM
4 TRIPURAASSAM
MEGHALAYA
ARUNACHAL PRADESH
Die Bewohner in Arunachal
Pradesh gehören mehrheitlich
indigenen Volksgruppen an. Die
Nyishi, das größte Volk, schmücken ARUNACH AL P RAD ESH
ihre traditionellen Hüte mit dem MIZORAM
bunten Schnabel des Nashornvo
gels, heute meist eine Kunststoff ASSAM
kopie. Die meisten Menschen in
dem Himalaya-Bundesstaat leben
von der Landwirtschaft,
MEGHALAYA besonders
dem Anbau von Obst, aber auch
Gewürzen wie Kardamom.
Itanagar
BHUTAN
ARUNACHAL PRADESH
TRIPURA
Tezpur
MIZORAM
B r a h m a put r a
ASSAM
A S SAM NAGALAND
Kultur und Reportagen)
MEGHALAYA
ME GHA LAYA
Kohima
NAGALAND
Shillong Das Nagaland verdankt seinen
ARUNACHAL PRADESH TRIPURA
Namen den rund 16 Volksgruppen,
deren verschiedene Völker unter
dem Begriff „Naga“ zusammen
MIZORAM Imphal gefasst werden. Seit der Gründung
Indiens streben die Nagas nach
Unabhängigkeit. Heute gibt es
ASSAM M ANIP UR ein Friedensabkommen mit der
indischen Zentralregierung. Doch
BANGLADESCH der Konflikt,MANIPUR
der immer wieder
gewaltsam aufflammt, ist nicht
MEGHALAYA
gelöst. NAGALAND
TRIPURA
Aizawl
Agartala
TRIPURA
MIZORAM
MIZORAM MYANMAR
ASSAM MANIPUR
In Manipur kommt es wie in Assam
und Nagaland immer wieder zu
NAGALAND Spannungen und Unruhen. Separa
tistische Gruppen und gewaltsame
ethnische Auseinandersetzungen
zwischen verschiedenen Volks
TRIPURA gruppen lassen den Bundesstaat
Tripura, von Bangladesch weit nicht zur Ruhe kommen. Experten
gehend umschlossen, besteht sprechen von „permanenter Unord
größtenteils aus bewaldetem nung“ und „Instabilität“.
MIZORAM
Hügelland. Die Mehrheit der
Bevölkerung sind Bengalen. Hinzu Das „Land der blauen Berge“ ist
kommen verschiedene zu einem Großteil mit Bambus
MANIPURindigene
Völker. Die Bevölkerung lebt von wäldern bewachsen. Zahlreiche
der Landwirtschaft wie dem Anbau Flüsse und Seen prägen die Land
von Zuckerrohr, Reis, Kartoffeln, schaft. „Mi-zo-ram“ bedeutet so
Kautschuk NAGALAND
und Tee. viel wie „Land der Hochländer“.
In Mizoram liegt die Alphabetisie
rungsrate bei über 90 Prozent, auf
Platz zwei hinter Kerala.
TRIPURA
5Lange war christlichen Missionaren der Zutritt in die
unwegsame Bergwelt strengstens verboten. Heute ist
die katholische Kirche in vielen Dörfern des Bundes-
staates Arunachal Pradesh ein gern gesehener Gast.
Mit dem Glauben bringt sie auch Entwicklung zu den
Menschen. Dafür nehmen Priester und Ordensschwes
tern oft große Mühen auf sich. Mit Erfolg.
Schon im Morgengrauen hatte sich
Schwester Agnes aufgemacht, um an einer
Tauffeier teilzunehmen. Zuerst ging es mit
dem Geländewagen mehrere Stunden lang
über enge, kurvenreiche Straßen die Berge
hoch. Immer wieder blockierten Erdrutsche,
die im Schritttempo umfahren werden muss-
ten, den Weg. Dann setzte Regen ein. Mehr-
fach geriet das Auto auf dem matschigen
Untergrund gefährlich nahe am Abgrund ins
Schlittern. Schließlich erreichte der Wagen
sein Ziel, das Dorf Yangte.
Vor der Kirche hat sich im Nieselregen
die Gemeinde versammelt. Die Gesichter der
Menschen erinnern eher an Tibeter als an
Inder. Sie gehören zur Volksgruppe der Nyishi,
dem größten von 30 indigenen Völkern in
Arunachal Pradesh. Heute sind in Arunachal
Pradesh rund 30 Prozent der Menschen Chris-
ten. Im Bistum Itanagar, dem größeren der
beiden Bistümer, gehören rund neun Prozent
Schwester Agnes Haokip arbeitet der Menschen zur katholischen Kirche. Die
als „Touring Sister“ in der Bergregion des Schwester Agnes hat sie gerade noch recht- meisten sind Nyishi.
Bundesstaates Arunachal Pradesh. zeitig entdeckt. Ein halbes Dutzend Blutegel Einige Männer tragen die traditionellen
klettert an ihrer Wade hoch. Mit einem Ast Kopfbedeckungen der Nyishi: Helme mit dem
versucht sie, die nur zwei Zentimeter lan- Schnabel des Nashornvogels, heute meist nur
gen Würmer abzustreifen. Vergebens. Erst eine Nachahmung aus Kunststoff und in einer
der beherzte Griff eines Mädchens, das die Scheide eine Machete. Auch Frauen sind in
Ordensfrau den matschigen Pfad hinauf zu Tracht erschienen, mit Gürteln aus runden
einer kleinen Kirche begleitet, löst die hartnä- Metallschellen. Es ist ein besonderer Tag im
ckigen Blutsauger von ihrem Bein. Dorf Yangte. Die Gemeinde hat sich in der
Die Franziskanerschwester Agnes Haokip Kirche zu einer Taufe zusammengefunden.
besucht mehrmals im Jahr Dörfer im Bistum
Itanagar im Bundesstaat Arunachal Pradesh. Taufe in Nyishi-Gemeinde
Als „Touring“ bezeichnen die Ordensfrauen Während der Tauffeier treten mehrere Müt-
die Einsätze, in denen sie oft zu Fuß mehrere ter mit ihren Babys vor den Altar. Der Pfarrer
Dörfer aufsuchen und Hausbesuche machen. benetzt die Stirn eines jeden Kindes mit Tauf-
Die „Touring Sisters“ beten mit den Men- wasser und spricht den Namen laut aus. Dann
schen, leisten medizinische Hilfe, werben für stimmt die Gemeinde einen feierlichen Gesang
den Schulbesuch und teilen während des in der Nyishi-Sprache an. Auch Schwester
ein- bis zweiwöchigen Einsatzes das einfache Agnes singt mit, obwohl die Sprache für sie
Leben der Bergbevölkerung. noch etwas ungewohnt ist. Die 36-jährige
7Pater John Pudussery (2. v. r.) leitet
eine Schule und besucht als Pfarrer
regelmäßig Nyishi-Dörfer.
arbeitet erst seit eineinhalb Jahren im Bistum
Itanagar. Sie gehört zur Volksgruppe der Kuki,
die im Nordosten Indiens beheimatet ist.
Nach der Taufe kommen einige Frauen
mit ihren Kleinkindern zu Schwester Agnes
und suchen ihren Rat. Die Ordensfrau hilft,
wo sie kann. Der nächste Arzt ist weit ent-
fernt. Es gibt nur wenige Krankenhäuser und
Gesundheitsstationen. Besonders Kinder
sterben oft an Krankheiten, die, rechtzeitig
erkannt und behandelt, leicht heilbar wären.
„Es macht mich traurig, wenn ich zu spät
ich eine Frau, die mit ihren Kindern in einer Möglichkeit, eine Schule zu besuchen. Denn
gerufen werde und nichts mehr tun kann“,
völlig verwahrlosten Hütte lebte. Die Frau litt die nächste liegt manchmal eine Tagesreise
erklärt Schwester Agnes.
unter Kinderlähmung und konnte den Haus- weit entfernt. Auch die Don-Bosco-Schule
Manchmal lässt sich die Not von Men-
halt nicht allein führen“, berichtet Schwester bietet Schülern eine Möglichkeit der Unter-
schen jedoch schon mit einfachen Mitteln lin-
Agnes. „Sie war nicht mehr in der Lage, ihre bringung.
dern. „Bei einem meiner Hausbesuche fand
Kleidung zu wechseln oder die ihrer Kinder.
Meine Mitschwester und ich kamen jedes Popsongs und Nyishi-Tanz
Wochenende. Wir versorgten die Familie Über dem Schulhof wummern die Bässe
medizinisch und wir badeten die Frau und indischer Bollywood-Songs aus Lautspre-
die Kinder. Wir wuschen die Kleidung und cherboxen. Vor versammelter Schulge-
säuberten die Hütte.“ meinschaft tanzen Mädchen und Jungen
Schließlich baten sie die Katholiken aus in grünen und pinken Hemden. Nach ihrer
dem Dorf um Hilfe, um ein neues Haus zu Darbietung werden sie mit stürmischem
bauen. Viele halfen. „Heute hat die Familie ein Applaus entlassen.
stabiles Haus, das so viel besser sauber zu hal- Unter den begeisterten Zuschauern ist
ten ist als die Hütte zuvor“, erzählt die Fran- auch Pater John Pudussery. Der Direktor der
ziskanerin. „Das macht mich sehr glücklich.“ Schule feiert heute seinen 52. Geburtstag. 600
Am nächsten Tag ist Schwester Agnes Schülerinnen und Schüler der Don-Bosco-
wieder zurück in der Kleinstadt Palin. Hier Schule haben dafür tagelang Theaterszenen,
betreuen die Franziskanerinnen ein Inter- Sketche und einen Big-Band-Auftritt geprobt.
nat für Mädchen. Die Kinder besuchen die Am Ende des Programms tanzen Schülerinnen
benachbarte Don-Bosco-Schule. Für viele Kin- in traditioneller Tracht der Nyishi mit den
der sind diese Unterbringungen oft die einzige typischen Nashornvogel-Kappen.
Glückliche Mutter mit ihrem neu getauften
Baby in dem kleinen Bergdorf Yangte. Die
meisten Katholiken im Bistum Itanagar
gehören zu den Nyishi.
Stephen Toku Taju (rechts) kam in
der Schule mit dem Christentum in
Berührung. Sein Vater Kame Taku
(links) war einst animistischer
Priester. Heute ist er Katholik.
8Selbstbewusst und glaubensstark: Mary Ama
Tassar macht eine Ausbildung als Wirtschafts
prüferin.
„Wir bestärken unsere Schüler, ihre Orna- nellen Nyishi-Häuser ist das Haus von Familie
mente und Trachten zu tragen“, erklärt Pater Tassar ein Bambushaus auf Stelzen. In der
John, der ursprünglich aus Kerala stammt. Mitte des Raumes brennt ein Feuer.
„Wir sind nicht gegen die indigenen Kulturen. In einem Nebenraum hat Hausherr Taro
Wir unterstützen und ermutigen sie, weil wir Tassar einen eigenen Gebetsraum eingerich-
als Kirche nicht außerhalb ihrer Kultur stehen tet. Neben Bildern von Jesus, Mutter Teresa
wollen.“ und Papst Franziskus hängt hier um ein Kreuz
Neben seiner Arbeit als Lehrer und Direk- ein großer erleuchteter Rosenkranz. Gemein-
tor besucht Pater John regelmäßig als einer sam beten die Familien den Rosenkranz und
von drei Pfarrern an den Wochenenden sprechen Fürbitten. Danach nehmen alle auf
mehrere Nyishi-Gemeinden. Die Pfarrei ist für dem Boden um das Feuer Platz. Taros Frau
32 Dörfer zuständig. Oft wird er dabei von Rina serviert ein Reisgericht auf Bananen-
Schülerinnen und Schülern begleitet. „In der blättern.
Nyishi-Kultur gibt es viele gute Qualitäten, die Voller Stolz erzählt sie Schwester Agnes,
mit den Werten des Christentums gut verein- dass ihre Tochter Mary gerade für eine beson-
bar sind“, führt er aus. „Die möchten wir ver- ders gute Leistung bei ihrer Ausbildung aus-
tiefen und die Dinge, die nicht vereinbar sind, gezeichnet wurde. Die 20-Jährige hatte ihren nungsprüfung gehört zu den wichtigsten
wie Kinderehen und Polygamie, beenden.“ Abschluss an der Don-Bosco-Schule in Palin Aufgaben in einem Unternehmen, damit
Besonders in der Förderung von Mädchen gemacht und absolviert jetzt eine Ausbildung Korruption und Misswirtschaft keine Chance
sieht Pater John eine wichtige Aufgabe. „Ich zur Wirtschaftsprüferin im Bundesstaat Assam. haben“, erklärt die junge Frau ihre Motiva-
muss immer wieder miterleben, wie brillante, „Unter 3.000 Studentinnen hat sie in diesem tion für die Wahl ihrer Ausbildung.
vielversprechende Schülerinnen, kaum haben Jahr die beste Abschlussnote erreicht“, berich- Später möchte Mary in ihre Heimat
sie die 9. Klasse vollendet, verheiratet werden. tet Rina Tassar stolz. zurückkehren und als Wirtschaftsprüferin
Im Alter von 15 Jahren verabschieden sie sich arbeiten. Und sie plant eine ehrenamtliche
in ein Leben als Hausfrau, oft als Zweit- oder Glaube und Entwicklung Berufsberatung für Jugendliche. Denn sie
Drittfrau“, berichtet er. Umso mehr freut er Mary Ama Tassar hatte lange recherchiert, möchte jungen Menschen helfen, sich besser
sich, wenn es einer Schülerin gelingt, ihren um eine passende Ausbildung zu finden. „Ich über Studien- und Berufsmöglichkeiten infor-
eigenen Weg zu gehen. fand Wirtschaft schon immer spannend. Aber mieren zu können.
mir fehlten Informationen über Berufe und Ihr Glaube spielte für Mary auch dabei
Hausandacht Ausbildungen“, erzählt die junge Frau, die eine entscheidende Rolle. „Der Glaube ist für
Am Abend nimmt Schwester Agnes an einer jetzt in Guwahati, der größten Stadt in Nord- mich wie Salz. Er bringt Geschmack in jede
Andacht in einem Haus einer Familie teil. ostindien, das „Institut für Wirtschaftsprüfer Phase meines Lebens. Mir hat mein Glaube
Jeden Abend kommen mehrere Familien in in Indien“ besucht. geholfen, mich selbst zu finden“, sagt Mary.
einem anderen privaten Haus zusammen, Schließlich hat Mary durch ein Video auf
um gemeinsam zu beten. Wie alle traditio- YouTube gefunden, was sie suchte. „Rech-
ARUNACHAL PRADESH
Schüler und Laien als Glaubensboten
Der Bundesstaat Arunachal Pradesh ist der die ersten Glaubensboten“, erzählt Stephen Gedanken finde ich auch im Christentum.
nördlichste der Sieben-Schwester-Staaten. Toku Taju. Der heute 41-Jährige ist viele Für mich ist die Fähigkeit, zu vergeben, eine
Er grenzt an Bhutan, China und Myanmar. Jahre als Katechist tätig gewesen. Heute der wichtigsten Qualitäten des christlichen
Bis Ende der 1970er-Jahre war Mission in der arbeitet er an einer Neuübersetzung der Glaubens“, erklärt Stephen. „Und dass es
sensiblen Grenzregion strengstens verboten. Bibel in die Sprache der Nyishi mit. Auch sein im Christentum Liebe gibt, selbstlose Liebe.
Missionare, die es trotzdem wagten, riskier- 81-jähriger Vater, Kame Taku, ein ehema- Diese Idee gefällt mir sehr.“
ten, verfolgt, misshandelt oder eingesperrt liger animistischer Priester, ist heute Katholik.
zu werden. „Schon als Kinder lehrte uns mein Vater,
Video
Es waren Internatsschüler aus Arunachal dass wir Menschen nichts Schlechtes wün-
Nyishi-Willkommenstanz
Pradeshs Bergdörfern, die in dem kleinen schen dürfen“, erzählt Stephen. „Nach
Der 81-jährige Kame
Ort Harmutty eine Schule besuchten und unserem traditionellen Glauben kann das
Taku singt dazu ein Lied.
ihre Familien in den Schulferien für das Chri- einem Menschen schweres Leid zufügen.
stentum begeisterten. „Wir Schüler waren Stattdessen sollten wir vergeben. Diesen www.missio-hilft.de/tanz-nordostindien
9Die Erfindung des Teebeutels
… war ein Versehen.
Der New Yorker Teehändler
Thomas Sullivan schickt 1908 seinen
Kunden Tee in Seidensäckchen.
Sie kochen den Tee im Beutel und
sind vom Ergebnis so begeistert,
dass sie Nachschub bestellen.
Teelegende Assamtee
Der chinesische Kaiser Shen Nung Der Assamtee wird an beiden Ufern
soll schon 2737 vor Christus auf den des Flusses Brahmaputra geerntet.
Geschmack gekommen sein. Tropenklima und fruchtbare Böden
Als er unter einem Baum ruht, fällt sorgen für ein würzig-malziges
ein Teeblatt zufällig in kochendes Aroma. Der Schwarztee findet sich in
Wasser. Der Kaiser probiert das vielen englischen und ostfriesischen
Getränk und ist entzückt. Teemischungen.
Was zuerst: Milch oder Tee?
Zuerst die Milch – dann den Tee.
Denn Eiweißverbindungen in der
Milch bleiben nur bis zu einer
Temperatur von 70 Grad stabil und
können Bitterstoffe im Tee binden.
Wer seinen Tee bitter mag, der sollte
zuerst den Tee in die Tasse schütten.
auf eine Tasse
10
TeeTeeanbau in Indien
Indien ist nach China der zweitgrößte
Teeproduzent der Welt. Assam ist
die produktivste Region im Land,
in der die Hälfte des indischen Tees
produziert wird. Das Getränk ist sehr
beliebt. 70 Prozent des Tees trinken
die Inder selbst.
Assamica-Teepflanze
Der Schotte Robert Bruce entdeckt
1823 in Assam eine einheimische
Teepflanze. Wenig später beginnen
die Briten, Teeplantagen in
Nordostindien anzulegen, um nicht
länger von China abhängig zu sein.
Masala Chai
In Indien wird für Tee der Begriff
„Chai“ verwendet. Die Inder
trinken ihren Schwarztee gerne mit
Milch, Zucker und einer Mischung,
„Masala“ genannt. Diese kann aus
Gewürzen wie Kardamom, Muskat,
Pfeffer und Ingwer bestehen.
Chai-Wallahs
… nennen die Inder die
Teeverkäufer, die auf der Straße,
auf Bahnhöfen oder im Zug ihren
Tee, genannt „Chai“, verkaufen.
Die „Wallahs“, Händler, gießen
den Chai oft aus großer Höhe in
kleine Tontassen oder Gläser.
11REPORTAGE: BETTINA TIBURZY FOTOS: HARTMUT SCHWARZBACH
DIE DUNKLE SEITE
DER TEEGÄRTEN
E
Tee aus Assam ist weltbekannt. Doch auf den in Meer sattgrüner Pflanzen säumt
den Weg entlang der Teeplantage.
Plantagen im Nordosten Indiens wird nicht nur Vor den Häusern am Rand der Tee-
mit Tee gehandelt. Menschenhändler nutzen die gärten fassen sich zwei Mädchen
an den Händen. Sie lachen, drehen sich im
verzweifelte Lage vieler Teepflückerfamilien aus. Kreis. Schneller, immer schneller. Plötzlich
Dagegen machen Ordensfrauen mobil – durch bricht eines der beiden zusammen. Der Teen
ager krümmt sich unter Schmerzen auf dem
Aufklärung und auch durch ein Evangelisierungs- Boden. Jugendliche eilen herbei, rufen um
programm. Hilfe. Das Mädchen rührt sich nicht mehr.
Die Szene ist Teil eines Straßentheater-
stücks, das Jugendliche vor den Wohnquar-
tieren der Teepflückerinnen in einer Tee-
plantage aufführen. Eine Gruppe Zuschauer,
darunter zahlreiche Kinder, verfolgt auf-
merksam das Spiel der Jugendlichen.
„Mit dem Stück wollen wir über die
Gefahren des Menschenhandels auf den
Teeplantagen aufklären“, erzählt Schwester
Annie Enchenatil. Die Salesianerin leitet die
12In einer Teeplantage klären Ordensfrauen mit Straßen
theater über die Gefahren des Menschenhandels auf.
wurde. Kurz darauf starb Monica. „Die Löhne für die Knochenarbeit sind niedrig:
Eltern versuchten nicht einmal, die Ver- 176 Rupien, rund 2,20 Euro pro Tag.
antwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Der Arbeitstag der 24-jährigen Teepflü-
Sie waren Analphabeten und hatten nie- ckerin Soba Kachap* beginnt um sieben
manden, der sie unterstützt“, berichtet Uhr morgens. Dann muss die zweifache
Schwester Annie. Die Ordensfrau kennt Mutter pünktlich beim Vorarbeiter antre-
viele solcher Geschichten. In den Teegärten ten. Gepflückt wird neun Stunden mit einer
Assams blüht das Geschäft der Menschen- halben Stunde Pause dazwischen. Danach
händler. müssen die Arbeiterinnen oft weite Wege
Entlang des Flusses Brahmaputra bilden zurücklegen, um den Tee wiegen zu lassen.
Hunderte Plantagen das größte zusammen- So dauert es oft noch viel länger, bis Soba
hängende Anbaugebiet für Tee weltweit. Der wieder bei ihren Kindern ist.
Tee aus Assam ist gefragt. Rund 17 Prozent Manche Mütter haben niemanden, der
der weltweiten Teeproduktion stammen aus auf die Kinder aufpasst, berichtet Schwester
der Region im äußersten Nordosten Indiens. Annie. „Die Mütter erzählten, dass sie den
sozial-pastoralen Programme ihres Ordens, Man findet den Schwarztee in englischen Kindern ,eine Art Opium’ geben, damit sie
die dem Menschenhandel in den Teegärten und ostfriesischen Teebeuteln. Vom Leid der tagsüber schlafen“, erzählt die Ordensfrau.
den Kampf angesagt haben. „Das Theater- Menschen, die ihn produzieren, dürften die Auf Sobas Kinder passt deren Mutter
stück handelt von einem wahren Fall.“ Teekonsumenten kaum etwas ahnen. auf. Mit ihr und drei Brüdern lebt Soba in
Die 16-jährige Monica Kandulna* einem der Häuser auf der Teeplantage, das
stammte aus einer armen Teepflückerfami- dem Plantagenbesitzer gehört. Die hellblau
lie. Eines Tages sprach die Familie ein Mann
KNOCHENARBEIT getünchten Wände im Inneren sind klamm.
an, der anbot, Monica eine bezahlte Arbeit In der stechenden Sonne zupfen Frauen An einer Wand lehnt ein halbes Dutzend
als Hausmädchen in Kolkata zu vermitteln. Teeblätter von den Teepflanzen. Auf ihren Säcke mit Reis, Teil der Bezahlung durch den
Die Familie willigte ein. Monica arbeitete ein Rücken tragen sie mit einem Trageriemen Plantagenbesitzer. Daneben hängen ein Bild
Jahr im Haushalt, als man bei der Frau des um die Stirn befestigt große Körbe. Darin der Jungfrau Maria und ein Rosenkranz. Auf
Hauses ein Nierenversagen feststellte. Ihr verschwindet alle paar Sekunden eine Hand- der anderen Seite hat einer von Sobas Brü-
* Name von Redaktion geändert
Ehemann lockte Monica ins Krankenhaus. voll Blätter. dern einen Kalender mit einem Flugzeug der
Ohne das Einverständnis des Mädchens ent- Die Teepflückerinnen gehören zu den indischen Armee befestigt. Außer den Betten
nahm man ihr eine Niere und pflanzte sie der Adivasi. Seit rund 150 Jahren pflücken und in den drei Zimmern gibt es kaum Möbel.
Ehefrau ein. Als es bei Monica Komplikati- verarbeiten diese ursprünglich aus Zentral Sobas Brüder besuchen die Schule und
onen gab, brachte ein Agent sie zurück nach indien stammenden Volksgruppen den das College. „Als meine Mutter älter wurde
Hause, wo sie kollabierte. Tee. Doch vom Teehandel profitieren die und nicht mehr schnell genug pflückte, sagte
Ein Arzt teilte den Eltern schließlich mit, Menschen, die in der Produktionskette die der Manager, ich soll ihre Arbeit überneh-
dass ihrer Tochter eine Niere entnommen härteste Arbeit leisten, am wenigsten. Die men“, erzählt Soba. Damit die Familie nicht
13Soba mit Töchterchen Ahita. Sie soll es eines
Tages besser haben und Lehrerin werden.
Manchmal geben sie den Eltern Geld. 1000
Rupien, rund zwölf Euro, sind für eine arme
Familie schon sehr viel. Dann bringen sie die
Kinder in eine große Stadt wie Delhi oder
Bombay, wo Mädchen oft als Hausmäd-
chen und Jungen in Hotels arbeiten. Anfangs
bekommen die Eltern kleine Beträge zuge-
sandt. Sie glauben, alles sei in Ordnung.
Aber nach einigen Monaten oder einem Jahr
stellen die Agenten die Zahlungen ein. Von
den Kindern fehlt dann oft jede Spur.
RETTUNGSAKTION
Manchmal gelingt es Schwester Annie und
ihrem Team, Opfer der Menschenhändler
zu retten. Fünfzehn waren es in den letzten
drei Jahren. „Wir haben junge Menschen
das Haus verliert, brach Soba die Schule ab. halten sie für minderwertig. Oft werden sie in Chennai, Bombay, Delhi wiederfinden
Denn es muss mindestens ein Familienmit- diskriminiert. Für die Besitzer der Teeplan- können. Von ihnen haben wir erfahren, wie
glied in den Teegärten arbeiten, damit eine tagen sind sie billige Arbeitskräfte, deren in die Bedingungen sind“, erzählt sie. „Von
Familie in einem der Häuser wohnen kann. Generationen etablierte Schuldknechtschaft morgens bis abends müssen sie arbeiten. Sie
Manchmal blättert Soba die alten Schulbü- sie erhalten wollen. Und den Adivasi selbst werden wie Sklaven behandelt.“
cher durch, erzählt sie. Sie wäre gerne weiter mangelt es oft an Selbstvertrauen. Seit zehn Jahren leitet Schwester Annie
zur Schule gegangen. Um das zu ändern, begannen die Sale- das „Auxilium Reach Out“-Programm des
sianerinnen, Frauen zu unterrichten. „Wir Ordens, das in 34 Zentren in Nordostindien
haben 65 Selbsthilfegruppen gegründet, die sozial-pastorale Arbeit leistet. Dazu gehören
MANGELNDE BILDUNG Frauen lesen, schreiben, rechnen gelehrt und die Katechistenausbildung, Hausbesuche,
Dabei hatte es Soba noch gut. Viele Frauen ihnen erklärt, wie man ein Konto bei einer Bildung für Mädchen und Frauen, Selbst-
auf den Plantagen haben nie eine Schule Bank eröffnet“, erzählt Schwester Annie. hilfegruppen für Frauen und Kinderparla-
besucht, können weder lesen noch schreiben. „Jetzt sind sie in der Lage, für sich zu spre- mente.
Das nutzen manche aus. „Beim Wiegen der chen. Sie kennen ihre Rechte und haben den Seit 2016 legt der Orden einen Schwer-
Teeblätter haben die Arbeiter an der Waage Mut, sie einzufordern.“ punkt auf den Kampf gegen Menschen-
die Frauen manchmal getäuscht. Hatte Die Menschenhändler wissen um die handel. „Armut und Menschenhandel
jemand zehn Kilo gepflückt, behauptete schwierige Situation der Plantagenarbeiter machen aus Gottes Kindern Sklaven“, erklärt
der Arbeiter, es seien nur acht Kilo“, erklärt und suchen gezielt nach kinderreichen Fami- Schwester Annie. „All unsere Aktivitäten
Schwester Annie. „Als wir davon erfuhren, lien. „Sie wissen genau, welche Familien ver- richten sich gegen dieses Übel.“
ermutigten wir die Frauen, ihre Rechte ein- schuldet sind und wo sie große und kleine Ziel der Ordensfrauen ist es, 30 gefähr-
zufordern.“ Kinder finden können“, berichtet Schwe- dete Dorfgemeinschaften bis 2020 so zu
Für ihre Rechte einzustehen, ist für die ster Annie. Sie erzählen den Eltern, dass sensibilisieren, dass Menschenhändler
Adivasi nicht selbstverständlich. Die ande- die Tochter oder der Sohn eine gute Arbeit keine Chance haben. Dazu haben die
ren Volksgruppen schauen auf sie herab, bekommt, Geld nach Hause schicken kann. Schwestern eine Art Bürgerkomitee gegen
Menschenhandel gegründet, das in den
Gemeinschaften wacht, gegebenenfalls
die Polizei einschaltet, aber auch über
»
Armut und Menschenhandel
machen aus Gottes Kindern
sichere Formen der Migration und Arbeits-
suche informiert.
Sklaven. All unsere Aktivitäten Besondere Hoffnung setzt Schwester
richten sich gegen dieses Übel. Annie in die Adivasi-Jugendlichen. „Wir
wollen die Jugendlichen fördern, ihr Selbst-
Schwester Annie Enchenatil
vertrauen stärken und sie zu Führungsper-
sönlichkeiten in ihrer Kirchengemeinde und
in den Gemeinschaften machen“, erklärt
Schwester Annie. Darum haben sie in den
Dörfern jugendliche Multiplikatorengruppen
gegründet, in denen sie christliche Werte
14Wer sind die Adivasi?
vermitteln und die Jugendlichen ermutigen, In Indien gehören rund 700 indigene Mitte des 19. Jahrhunderts versprachen
sich in ihrem Umfeld zu engagieren. Volksgruppen zu den Adivasi, Sanskrit die Briten nach Hungersnöten in Zentral-
Vielen Schulabbrechern haben die für „erste Siedler“. Die se Urvölker sind indien Tausenden Menschen eine bes-
Schwestern lesen und schreiben beigebracht. die Nachfahren indischer Ureinwohner, sere Zukunft im Nordosten Indiens. Doch
Neben Berufsberatung, Aufklärung über die die schon vor der Invasion von Hirten- einmal in Assam angekommen, mussten
Gefahren von Drogenkonsum und Umgang völkern aus Zentralasien vor 3.500 Jah- die Menschen den dichten Urwald roden
mit Medien werden die Jugendlichen auch ren den indischen Kontinent besiedelten. und Teeplantagen anlegen. Die einheimi-
über die Gefahren des Menschenhandels Im Nordosten Indiens werden heute die sche Bevölkerung hatte sich geweigert,
aufgeklärt. Und sie verbreiten ihr Wissen indigenen Volksgruppen, die vor rund die Knochenarbeit zu verrichten. Seither
unter Gleichaltrigen, auch durch die Auffüh- 150 Jahren von der britischen Kolonial- arbeiten Generationen von Adivasi in den
rungen von Straßentheater. macht umgesiedelt wurden, als „Adivasi“ Teegärten, oft in großer Abhängigkeit von
Nachdem das Mädchen im Theaterstück bezeichnet. den Plantagenbesitzern.
an den Folgen der Nierentransplantation
gestorben ist, strömen Nachbarn und ihre
Familie herbei. Sie weinen und wehkla-
gen. Die Eltern bedauern, ihre Tochter in
die Obhut von Leuten gegeben zu haben,
die sie nicht kannten. Sie appellieren an die
Zuschauer: „Bitte, tut das niemals euren
Kindern an!“
SELBSTVERTRAUEN
Einer der jungen Schauspieler ist Barnabas
Kongadi. Seine Mutter arbeitet auf der
Plantage als Teepflückerin. Seine vier jün-
geren Schwestern gehen alle zur Schule.
Der 23-Jährige hat am Programm der Sale-
sianerinnen teilgenommen. „Dadurch ist
mir vieles klar geworden“, erzählt Barna-
bas. „Es hat mich meiner Religion näher
gebracht und meinen Glauben vertieft,
auch den Glauben an mich selbst. Und ich
habe rausgefunden, was ich mit meinem Barfußanwälte gegen Menschenhandel
Leben anfangen will.“ Heute studiert Bar-
nabas am College. Er will Lehrer werden Sich für die eigene Gemeinschaft einset- Als Shiblal im Mai 2017 Hinweise erhält,
und sagt: „Ich möchte möglichst viele arme zen, den Menschenhandel bekämpfen: dass eine Gruppe Kinder mit dem „Inter-
Kinder davor bewahren, die Schule abzu- Junge Adivasi wie Shiblal Panika machen city Express“ nach Delhi „verschickt“ wer-
brechen. Das ist mein Traum.“ es vor. Der 23-Jährige ist einer von 500 den sollte, macht er sich frühmorgens zum
Auch bei den Adivasi-Frauen zeigt das „Barfußanwälten“ in Assam, die sich auf Bahnhof auf. Er findet die Gruppe, ruft die
Programm Wirkung. „Meine Mitschwes den Teeplantagen ehrenamtlich enga- Bahnhofspolizei. Die Menschenhändler
tern fragten vor Kurzem Mütter, ob sie ihre gieren. „Barfußanwälte“ sind jugend- werden festgenommen, später verurteilt.
Kinder zu uns in die Gemeinde schicken liche Adivasi, die lernen, welche Rechte Initiiert und geschult wurden die „Barfuß-
könnten, um uns bei einer Arbeit zu helfen. sie haben und wie sie ihrer Gemeinschaft anwälte“ von den Jesuiten (Legal Cell for
Die Frauen antworteten: ,Aber Schwestern, helfen können, um gegen den Menschen- Human Rights). Seit Kurzem machen auch
ihr habt uns doch erklärt, dass wir unsere handel vorgehen zu können. Frauen mit.
Kinder nirgendwohin schicken sollen. Denn
es ist gefährlich’“, erzählt Schwester Annie.
Und mit einem Schmunzeln fügt sie hinzu:
„Das gefiel meinen Mitschwestern und mir.“
Video
Straßentheater
in Teeplantage
www.missio-hilft.de/strassentheater-assam
15Gemeinde-
aktionen
Machen Sie und Ihre Gemeinde mit bei der missio-Kampagne zum Weltmissionssonn
tag am 27. Oktober. Wir haben dazu einige Ideen und Anregungen zusammengestellt,
die sich einzeln realisieren lassen oder miteinander kombiniert werden können – auch
mit unseren Aktionsideen rund um das Thema „Mission“. Papst Franziskus hat dazu
aufgerufen, sich mit diesem Thema eigens auseinanderzusetzen, und deshalb den Okto
ber 2019 zum Außerordentlichen Monat der Weltmission erklärt. Nutzen Sie also gerne
das gemeinsame Essen nach dem Sonntagsgottesdienst („Gemeindeauflauf“), um über
„Mission heute“ ins Gespräch zu kommen und die Aktionskarten „Meine Mission“ ein
zusetzen. Oder beenden Sie Ihre „Touring Mission“ durch die Gemeinde bei einer Tasse
indischem Masala-Chai-Tee.
Indische Begrüßung
und Teepause
In der nordostindischen Region Assam, dem größten Tee-
anbaugebiet Indiens, tragen die Einwohner oftmals Schals
mit einem roten Design, das typisch für diese indigene
Volksgruppe ist. In der bergigen Region schützen Schals
im Winter vor der Kälte, im heißen Sommer vor der Sonne.
Dieser Schal heißt Gamcha. Gäste bekommen einen sol-
chen Gamcha mit einem freundlichen „Hearty Welcome“
um die Schultern gelegt – ein Ausdruck der Gastfreund-
schaft.
Angeboten wird Gästen außerdem zu jeder Gelegenheit
REZEPT
Tee. Chai-Tee ist das Nationalgetränk Indiens. Fliegende
Teehändler, sogenannte Chai-Wallahs, gibt es in Indien an Masala
Chai
vielen Straßenecken. Mal kurz durchatmen, Pause machen,
die Sinne wieder schärfen: Die Inder trinken den köstlichen
Chai aus schwarzem Tee, Milch und Gewürzen zu jeder
Tageszeit.
Für 4 Personen:
Eine festgelegte Teezeremonie, wie sie etwa in Japan
650 ml Wasser
stattfindet, gibt es in Indien nicht. Und auch das eine
400 ml Vollmilch (alternativ Büffelmilch)
Rezept für Chai gibt es nicht: Beinahe jede Familie hat
5 grüne Kardamomkapseln
ihr ganz eigenes Rezept für Chai und ihre ganz eigene
6 Gewürznelken
Gewürzmischung (Masala). Im Nordosten des Landes wird
2 Sternanis (oder 1 TL Anis)
Chai beispielsweise mit Salz verfeinert oder auch mit Zie-
1 Zimtstange
genmilch vermischt. Er ist ein an-, aber kein aufregendes
1 Stück Ingwer, frisch, in Scheiben gehackt
Getränk. Wohl bekomm’s!
1 gehäufter EL schwarzer Assamtee
3 – 4 EL Zucker, Ahornsirup oder Honig (nach Belieben)
16Tee
Abwarten und
PamelaJoeMcFarlane/Getty Images/iStockphoto
trinken
REZEPT
Peda Die schöne Tasse Tee ist für viele Europäer der Inbegriff
von Entspannung und Genuss. Wie anders wirkt der Tee
mit Pistazien auf die Arbeiterinnen, die ihn unter menschenverachtenden
Bedingungen pflücken müssen: Akkordarbeit statt Entschleu-
Diese Kekse passen perfekt zu einer Tasse Tee.
nigung, Hungerlöhne statt Genuss!
Umgerechnet etwa 2,20 Euro erhalten die Arbeiterinnen
Zutaten für etwa 16 Stück:
für den Ertrag eines langen Tages. Den Plantagenbesitzern
160 g Khoya (Sojamilchtrockenmasse,
gehört hier alles. Das Land, die Häuser – und in gewisser
gibt es in gut sortierten indischen Lebensmittelgeschäften)
Weise auch die Menschen. Nur wer die Akkordvorgaben
100 g Zucker
erzielt, darf hier auch wohnen. Wenn eine der Frauen krank
2 Esslöffel Butter
wird oder zu alt ist, müssen die Töchter an die Arbeit.
½ Teelöffel Kardamom, gemahlen
Seit Jahren engagieren sich Ordensschwestern für die
3 – 4 Safranfäden, in 3 Esslöffel warmer Vollmilch aufgelöst
Familien der Teepflücker im nordindischen Assam und sehen
40 g gehackte Pistazien zum Dekorieren
sich dabei mit enormen Widerständen konfrontiert: Planta-
genbesitzern, die die Armut der Familien ausnutzen, dem
Zubereitung:
Analphabetismus, der die Ohnmacht der Menschen zemen-
1. Khoya und Butter in einem schweren Topf bei niedriger
tiert, und rücksichtslosen Menschenhändlern, die junge Leute
Flamme schmelzen, das dauert circa 2 Minuten.
unter falschen Versprechungen in die Großstädte des Südens
2. Zucker hinzugeben und 15 Minuten weiterrühren, bis die
verfrachten.
Masse eindickt und sich langsam vom Topfrand löst und zu
Mit Alphabetisierungskursen und Bildungsprogrammen
einer Art Teig wird. Vom Herd nehmen.
stemmen sich die Schwestern gegen das Unrecht. „Abwarten
3. Daraus 16 Kugeln formen. Mit dem Daumen in die Mitte
und Tee trinken,“ heißt es in einem deutschen Sprichwort. In
eine Mulde drücken (sodass eine etwas flachere Scheibe
Assam aber gilt es, jetzt zu handeln.
entsteht). Mit gehackten Pistazien dekorieren. Die Peda
Informieren Sie die Gemeindemitglieder über die Situation
halten sich in einem luftdichten Behälter im Kühlschrank bis
der Teepflückerinnen und rufen Sie sie zu Spenden auf, damit
zu einem Monat.
die Familien der Teepflückerinnen ein menschenwürdiges
Leben führen können.
www.missio-hilft.de/assamtee
Info-Paket
Tee
In unserem kostenlosen Infopaket „Tee“ finden Sie:
– Das Aktionsheft mit liturgischen Hilfen
Zubereitung:
– 50 Hefte „Tee trinken und handeln“
1. Alle Gewürze bis auf den Ingwer im Mörser fein zerstoßen.
– 50 Info-Flyer zu Teeprojekt („Bitterer Tee“)
2. Die Gewürze mit Ingwer und Tee in einem Topf bei mittlerer
– 50 Aktionskarten „Meine Mission“
Hitze anrösten, bis sie duften. Vorsicht, dass nichts anbrennt!
– Plakate „Sonntag der Weltmission“
3. Mit Wasser aufgießen und aufkochen lassen. Dann die Tempe-
und „Tee trinken und handeln“ in DIN A4
ratur reduzieren und unter ständigem Rühren köcheln lassen.
(Bestell-Nr. 600999)
4. Milch hinzugeben sowie Zucker, Ahornsirup oder Honig nach
Belieben zum Süßen. Weitere 3 Minuten köcheln lassen. Den
Masala-Chai-Tee dann durch ein Sieb in eine Kanne gießen.
Aus etwa 30 cm in die Becher gießen, dann bildet sich etwas
Schaum auf der Oberfläche.
17Gemeinde REZEPT
auflauf Pulao –
indischer
Reisauflauf
Zutaten für zwei Personen:
3 EL Sojasoße hell 100 g Backpflaumen
2 EL Worcestersoße 2 Bananen
Öl Salz
1 Stk. Ingwer frisch Zimt
200 g Langkornreis Gewürznelkenpulver
400 ml Hühnerbrühe 25 ml Orangensaft
2 TL Curry 300 g saure Sahne
1 Zwiebel 1 TL brauner Zucker
200 g Möhren
300 g Blumenkohl, frisch (evtl. 500 g Putenbrust)
Zubereitung:
1. Zwiebel fein würfeln, Ingwer hacken. Die Zwiebel in Öl
mit 1 TL Curry anschwitzen. Reis und Ingwer dazugeben
und nach kurzem Anbraten mit der Brühe aufgießen.
20 min köcheln lassen.
2. Unterdessen das Gemüse putzen, Möhren in Scheiben,
Blumenkohl in Röschen teilen. 10 min in Salzwasser
garen.
3. Backpflaumen würfeln. Form fetten, Ofen auf
200 Grad vorheizen.
4. Bananen geschält in ein Gefäß geben und mit dem
O-Saft und der Sahne pürieren. Mit restlichem Curry,
Machen Sie den Sonntag der Weltmission in Ihrer Gemeinde
Zucker, Nelken und Zimt abschmecken.
zum kulinarischen Fest der Weltkirche. Laden Sie die Gemeinde-
5. Gemüse mit Backpflaumen und Soße unter den Reis
mitglieder ein, zum Sonntagsgottesdienst ihren Lieblingsauflauf
mischen, wenn gewünscht Putenstreifen unterheben
mitzubringen – möglichst frisch aus dem Ofen, dann ist er nach
und in die Form füllen. Restliche Soße verteilen und
der Messe noch warm. Nach der gemeinsamen Messfeier sind
dann 30 min backen.
alle Besucher zum Essen eingeladen. Genauso vielfältig wie die
Weltkirche wird der Tisch mit den unterschiedlichsten Aufläufen
Variante mit Fleisch:
gedeckt sein. Ein kulinarischer Genuss und ein geselliges Mitei-
Fleisch in etwa 1 cm dicke Streifen schneiden und in der
nander sind garantiert.
Soja- und Worcestersoße für 1 h marinieren. Anschließend
in Öl anbraten.
Als Gericht eignet sich ein indischer Reisauflauf. Dazu passt das
vegetarische Linsengericht Dal, das in Nordostindien gerne und
oft mit Reis gegessen wird. Probieren Sie es einfach einmal aus.
Wir wünschen guten Appetit! REZEPT
Linsen
Dal
Zutaten für 4 Personen:
500 g Linsen 120 g rote Currypaste
4 EL Öl 800 ml Kokosmilch
2 EL Ingwer 2 TL Kurkuma
2 rote Zwiebeln 2 TL Currypulver
4 Knoblauchzehen, fein Salz und Pfeffer nach
gehackt Geschmack
Zubereitung:
Zwiebeln, Knoblauch und Ingwer fein hacken und im
heißen Öl anbraten. Gewürze und Linsen hinzufügen, bis
die Linsen glasig sind. Wasser dazugießen und kochen
www.missio-hilft.de/gemeindeaktion lassen, bis die Linsen weich sind. Salzen und pfeffern nach
Geschmack.
18TOURING
MISSION JEDER UND JEDE IST MISSION,
SAGT PAPST FRANZISKUS.
#mymission
Zum Außerordentlichen Monat der Weltmission, den Papst #mymission ist eine weltweite Aktion der Päpstlichen Missions-
Franziskus für Oktober 2019 ausgerufen hat, laden wir Sie ein, werke im Außerordentlichen Monat der Weltmission. Christinnen
Ihre Gemeinde mit den Augen von Papst Franziskus zu betrach- und Christen rund um den Globus setzen ein Zeichen und teilen
ten und neu zu entdecken, was es heißt, „getauft und gesandt“ ihre Mission, mit anderen. Für die einen ist Mission, eine große
zu sein. Da jede Stadt andere Möglichkeiten aufweist, bietet Schwester zu sein oder stets ein offenes Ohr für seine Mitmen-
missio als Orientierungshilfe die Broschüre „Touring Mission“ schen zu haben, für andere, einen möglichst kleinen ökologischen
an. An sechs Stationen werden Gedanken aus dem päpstlichen Fußabdruck zu hinterlassen oder sich für Menschenrechte einzu-
Schreiben Evangelii Gaudium zum Thema „Mission“ aufgegrif- setzen. Erzählen Sie uns Ihre! Setzen Sie dazu die Karten „Meine
fen und durch Impulstexte sowie Gebete vertieft. Orte des Glau- Mission“ ein.
bens und des Gedenkens, Orte der Begegnung und der Solidari- www.missio-hilft.de/mymission
tät – sie laden ein, hinauszugehen und Ehrenamtliche, Nachbarn
und Einwohner näher kennenzulernen.
www.missio-hilft.de/touringmission
MiaMisio
JUGEND AKTIV
Was treibt dich an?
WAS TRNE?IBT ICH
Jugendliche in Deutschland, Europa und der ganzen Welt demonstrie- DICH A
ren für ihre Anliegen – für ihre Mission. Dabei stellen sich diese jungen
WILL
Menschen der Frage nach einer gerechteren Welt. Aber was bedeu- ICH
KOHLE
tet Gerechtigkeit? Wo begegnen wir Ungerechtigkeiten in unserem
WILL
SPASS
ICH
Alltag? Und wo erleben Menschen in anderen Teilen der Erde Unge-
WILL
LIKES
ICH
rechtigkeiten? Diesen Fragen können Sie in zwei Gruppenstunden WILL KEINE
FREMDEN
gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen nachgehen und dabei
herausarbeiten, dass jeder scheinbar kleine Beitrag etwas Großes in
dieser Welt bewegen kann. Jung und Alt, Mann und Frau, Reich und NGEN.
ZIELE. TRÄU ME. HOFFNU
Arm … wir alle können die Welt verbessern und sind dazu aufgeru- IS T DEINE MISSION?
WAS www.missio-hilf
t.de/jugendaktiv
fen, uns für „den Nächsten“ starkzumachen. Die Gruppenstunden
#mymission
finden Sie hier: www.missio-hilft.de/jugendaktiv 19Schwarzes
Gold
20Lebensgefährlich ist die Arbeit in den illegalen Minen im Bundesstaat Meghalaya. Die Kohlearbeiter steigen auf ungesicherten Bambus- leitern in die Tiefe. Mit Spitzhacken schlagen sie das schwarze Gold aus den engen Tunneln. Eine lebensgefährliche Arbeit. Immer wieder sterben Menschen. Doch die Arbeiter müssen das Risiko eingehen. Die Kohle sichert ihnen und ihren Familien das Überleben. Schwester Blinda und ihre Mitschwestern kümmern sich um die Familien im Kohlerevier. Sie wollen den Menschen helfen, einen Weg aus dem Elend zu finden. Mehr dazu in dieser Multimediageschichte: www.missio-hilft.de/kohlemine-nordostindien 21
Indiens
unruhiger Der sanfte
Nordosten Friedensstifter
Ein Mann lauter Worte ist er nicht. Doch
wenn er mit leiser Stimme spricht, hören
ihm alle zu. Seit mehr als 20 Jahren ver
mitteln der indische Erzbischof Thomas
Menamparampil und sein ökumenisches
Friedensteam erfolgreich zwischen ver
feindeten Gruppen in Nordostindien.
Nicht das Taktieren, Verhandeln und
Überzeugen gehören zu seiner Methode,
Von „permanenter Unruheregion“ und „instabilen Verhält sondern zuhören, Mitgefühl zeigen und
nissen“ ist schnell die Rede, wenn der Nordosten Indiens für Kompromisse werben.
Thema ist. Mehr als zweihundert indigene Volksgruppen
leben in diesem Teil des Landes, deren Menschen sich kultu
rell und sprachlich deutlich von Zentralindien unterscheiden.
Seit der Unabhängigkeit Indiens 1947 kämpfen zahlreiche
dieser Gruppen für ihre Unabhängigkeit oder Autonomie.
Besonders in Nagaland, Manipur und Assam gibt es viele
aufständische Gruppen.
Die indische Zentralregierung geht gegen sie mit extremer militärischer
Härte vor. Seit 1972 steht ein Großteil des Nordostens unter einem Sonder-
ermächtigungsgesetz, das es staatlichen Sicherheitskräften erlaubt, exzessiv
Gewalt auszuüben, ohne sich dafür strafrechtlich verantworten zu müssen.
Die Rebellengruppen ihrerseits begehen massive Menschenrechtsverlet-
zungen und bekämpfen nicht allein die Zentralregierung, sondern sehr
häufig sich auch gegenseitig.
Immer wieder brechen auch zwischen den indigenen Völkern gewalt-
same Konflikte aus, bei denen es meist um die Verteilung von Ressourcen,
Landrechten, Fragen der Migration sowie um politische Mitsprache geht.
So starben 1996 bei einem blutigen Konflikt um Land in Assam zwischen
dem Volk der Bodo und den Santhal Hunderte Menschen. 250.000 Dorf-
bewohner mussten aus ihren Häusern fliehen.
Die zahlreichen Konflikte hemmen die wirtschaftliche Entwicklung die-
ser Region und haben tiefe emotionale Wunden hinterlassen. Seit einigen
Jahren hat ein Waffenstillstandsabkommen zwischen Naga-Rebellengrup-
pen und der Regierung in Delhi den Konflikt um die Unabhängigkeit leicht
entspannt. Ihrer Forderung nach einem unabhängigen „Groß-Nagaland“
mit allen von Naga bewohnten Territorien haben die beiden großen Naga-
Rebellengruppen allerdings nicht aufgegeben.
22»
Manche Friedensstifter beginnen
mit ‚Vergebung‘, aber wir arbeiten
zum Ende darauf hin. Denn dann
erleben die Parteien die Vorteile des
Friedens bereits.
Erzbischof Thomas Menamparampil
Die 82 Jahre merkt man ihm nicht an. Mit Dann wirbt das Friedensteam für Kom-
sicherem Schritt geht er auf Menschen zu. Die promisse. „Wenn eine Seite beginnt, bei
Augen hellwach. Er trägt eine einfache weiße einem kleineren Anliegen nachzugeben, folgt Jugend für
Soutane. In einer Pause zwischen zwei Vorträ-
gen an einem kirchlichen Ausbildungszentrum
oft auch die andere Seite“, erzählt der Erz-
bischof. Schließlich können größere Schritte
den Frieden
nimmt er sich Zeit für ein Interview über seine gemacht werden. „Wir überlassen dann die
Friedensinitiativen im Nordosten Indiens. endgültigen Entscheidungen den politischen Die Initiative „Peace Channel“
Alles beginnt 1996. Ein Konflikt um Land Autoritäten, den Regierungen und den bei-
zwischen den Volksgruppen Bodo und San- den Konfliktparteien. Wir wollen nicht dieje-
thal eskaliert. Tausende Menschen kampieren nigen sein, die entscheiden. Wir ziehen uns
Den Teufelskreis der Gewalt zu durch-
in provisorischen Flüchtlingslagern. Menam- zurück.“
brechen, dieses Ziel hat sich die Jugend-
parampil ist im Jahr zuvor zum Erzbischof von Erst zum Schluss wendet sich das
bewegung „Peace Channel“ gesetzt.
Guwahati ernannt worden. Er will den ver- Friedensteam dem wichtigen Prozess der
Das Bistum Kohima in Nagaland hat die
zweifelten Menschen helfen. „Wir beschlos- Vergebung und Heilung zu. „Manche Frie-
Friedenserziehung als eine der wich-
sen, dass wir bei unseren Hilfsaktionen mit densstifter beginnen mit ‚Vergebung‘, aber
tigsten Aufgaben in seiner Diözese defi-
anderen Kirchen nicht wetteifern wollten“, wir arbeiten zum Ende darauf hin. Denn dann
niert. „Junge Menschen können Dinge
erzählt Erzbischof Thomas. erleben die Parteien die Vorteile des Friedens
verändern. Die Jugend hat die Kraft,
Er wirbt für Abstimmung. Mit Erfolg. bereits“, erklärt Erzbischof Thomas.
die Kultur der Gewalt zu stoppen und
Hilfsorganisationen verschiedener Konfessi- So konnten die Friedensteams in den ver-
Frieden zu schaffen“, erklärt Fr. Anto
onen schließen sich zusammen. Jedes Werk gangenen Jahren rund ein Dutzend Konflikte
Chowaran, der den „Peace Channel“
leistet, was es am besten kann. Die gemein- zwischen Volksgruppen in Nordostindien
2005 gegründet hat.
same Hilfe ist so erfolgreich, dass die Kon- lösen. Für seinen Einsatz ist der Erzbischof
fliktparteien um Vermittlung im Streit bitten. sogar für den Friedensnobelpreis nominiert
In Kooperation mit Bildungseinrichtun
worden.
gen, Gemeinden und anderen Institutio
Ökumenische Friedensteams Mittlerweile ist Erzbischof Thomas eme-
nen hat der „Peace Channel“ Friedens
So entsteht das erste ökumenische Friedens- ritiert. Sein Terminkalender ist trotzdem voll.
clubs gegründet, in denen Jugendliche
team. „Mitglieder waren Leute, die eng mit Er spricht bei internationalen Konferenzen,
in gewaltfreier Kommunikation, Metho-
den Gemeinschaften verbunden waren, die unterrichtet Novizinnen und Seminaristen
den zur Konfliktlösung und Mediation
eine Idee von der emotionalen Dimension und schreibt Bücher und Artikel. Besonders
geschult werden. Mittlerweile machen
in den Gemeinschaften hatten“, erklärt der liebt er es, mit den Menschen in den Dörfern
auch Angehörige anderer Religionsge-
Erzbischof. „Das Friedensteam sprach zuerst die Messe zu feiern. Natürlich setzt er sich
meinschaften mit. Heute ist die Bewe-
getrennt mit den Konfliktparteien. Nicht mit seinen ökumenischen Kollegen weiter für
gung so erfolgreich, dass sie auch in
so, als könnten wir das Problem lösen. Wir Frieden und Versöhnung im Nordosten ein.
anderen Bundesstaaten im Nordosten
hörten ihnen zu, mit Sympathie für ihr Klagen Manchmal sogar ohne dass die Öffentlichkeit
Indiens aktiv ist. 329 Friedenclubs mit
und ihr Leid, ohne zu urteilen.“ etwas davon mitbekommt. Leise eben.
über 30.000 Jugendlichen setzen sich
Erst danach bringt das Friedensteam die
heute in Nordostindien aktiv für den
Konfliktparteien zusammen. In einem zwei-
Frieden ein.
ten Schritt ermutigen sie diese, in die Zukunft Im Oktober kommt Erzbischof Thomas
zu blicken. Sie sollen sich vor Augen führen, Menamparampil nach Deutschland, um
was sie erreichen könnten, wenn das Töten für die missio-Jahresaktion zum Welt
aufhört. Die Kinder können wieder sicher missionssonntag über seinen Einsatz für
zur Schule gehen. Märkte wieder geöffnet den Frieden und Methoden zur Konflikt
werden. lösung zu berichten.
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