WISSEN, WAS WIRKT - WENN FREUNDE ZU PATIENTEN WERDEN Das Magazin der für Gesundheit und Soziales Corona
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Doppelausgabe
3-4/2020
AUS
IHRERN
Das Magazin der REGIO
für Gesundheit und Soziales
Corona
WENN FREUNDE ZU
PATIENTEN WERDEN
Infektionsstation
COVID-19 WAR
UND IST UN
KALKULIERBAR
ARZNEIMITTELTHERAPIE
WISSEN,
WAS WIRKT14
inhalt
Wenn Freunde zu
Patienten werden
Die Covid-19-Pandemie hat un-
seren Alltag weiter fest im Griff.
Nach den Sommerferien infizierten
sich wieder mehr Menschen. Dr.
Andreas Zaruchas erlebt all das am
Brüderkrankenhaus St. Josef in
Paderborn hautnah mit. Er leitet
dort die Pneumologie, in seinen
Verantwortungsbereich fällt die Be-
handlung von Covid-19-Patienten.
Wissen, ARZNEIEN
was wirkt
Im Brüderkrankenhaus
St. Josef Paderborn und
im St.-Marien-Hospital
Marsberg arbeiten nicht
nur Mediziner und
Pflegekräfte, sondern
auch mehrere Apotheke
rinnen. Sie kontrollieren
die Medikationspläne von
Patienten, beraten Ärzte
oder kümmern sich um die
6
fachgerechte Herstellung
von Krebsmedikamenten.
Das Ziel: Die Arzneimittel-
therapie noch sicherer zu
machen. Wie das konkret
aussieht, zeigt ein Arbeits-
tag von Oberapothekerin
Corinna Wiebeler.
12
Gepflegte Hände im „Corona-Winter“
Alle Jahre wieder bringt die Wintersaison neben Kälte, weiß
glitzernden Landschaften und Glühwein auch kleinere
Probleme mit sich. Durch die Mischung aus kalter Luft und
geheizten Räumen werden die Hände trocken und rissig.
In diesem Jahr kommt durch die Corona-Pandemie häufi-
ges Händewaschen oder -desinfizieren hinzu. Dr. Alexander
Menzer, Ärztlicher Leiter Hygiene und Mikrobiologie am
Katholischen Klinikum Koblenz · Montabaur, hat Tipps,
Foto: istockphoto
wie Händehygiene mit Hautschutz funktioniert.
BBT-Magazin 3-4/2020
2editorial
Covid-19 war
und ist unkal- Heinrich Lake
Stellvertretender
kulierbar Hausoberer Region
Als das Corona- Paderborn/Marsberg
Virus ausbricht,
22
steht das Team der
Infektionsstation
vor besonderen
Herausforderungen.
INHALT LIEBE LESERINNEN UND LESER,
intro „wir leben in unsicheren Zeiten“, hörte ich von einem
4 Nachrichten aus der BBT-Gruppe Nachbarn, der damit die Fülle an Informationen in
diesem Jahr meinte: Corona. Ständig neue Erkennt-
arzneien
nisse, aktualisierte Zahlen und besorgniserregende
6 Wissen, was wirkt
Berichte in den Medien sorgen für Unsicherheit. Da-
11 Keime wirkungsvoll bekämpfen
bei wünschen sich doch alle das Gegenteil: Sicherheit.
gesund&fit
12 Gepflegte Hände Absolute Sicherheit gibt es nicht, wie die Erfahrungen
im „Corona-Winter“ zeigen. Aber es gibt Möglichkeiten, Risiken zu mini-
mieren. In unseren Einrichtungen ist uns Sicherheit
coronavirus
im Zusammenhang mit Qualität und Hygiene sehr
14 Wenn Freunde zu Patienten werden
wichtig. Patienten und Besucher sollen darauf ver-
standpunkt trauen können, dass bei uns neueste Erkenntnisse der
18 Zeit für ein Umdenken Wissenschaft umgesetzt werden. Aber worin zeigt sich
das? Oft sieht man nur die äußeren Maßnahmen wie
21 momentmal
Besuchsbeschränkungen und Hinweisschilder mit
infektion der Bitte um Einhaltung der Hygienevorschriften wie
22 Covid-19 war und die AHA-Formel (Abstand, Hygiene, Alltagsmasken).
ist unkalkulierbar Wie sieht es aber „hinter den Kulissen“, für Patienten
und Besucher kaum wahrnehmbar, aus? Was heißt
kurz&knapp
Patientensicherheit für ein Krankenhauslogistikun-
26 Nachrichten aus der Region
ternehmen? Antworten zu diesen Fragen finden Sie
rhythmologie Bei Fragen rund um Ihre in der vorliegenden neuen Ausgabe unseres Magazins
28 Dolce Vita dank Defi Gesundheit helfen wir „Leben!“
Ihnen gerne weiter.
32 Kinderseite Schreiben Sie uns unter Ich wünsche Ihnen eine aufschlussreiche Lektüre, bei
33 Kreuzworträtsel info@bk-paderborn.de
der das Stichwort Sicherheit im Krankenhaus für Sie
34 Veranstaltungstipps oder
etwas konkreter wird.
35 Impressum info@bk-marsberg.de
Ihr
Heinrich Lake
BBT-Magazin 3-4/2020
3intro
SORGE VOR GRIPPEWELLE IN CORONA-ZEITEN
Auf zur Impfung
Foto: istockphoto
Ärzte und Politiker raten, die Grippeimpfung in diesem
Jahr verstärkt zu nutzen. Denn es sei problematisch,
wenn zur Corona-Pandemie auch noch eine Grippewel-
le komme. „Gleichzeitig eine größere Grippewelle und
die Pandemie kann das Gesundheitssystem nur schwer
verkraften“, sagte Bundesgesundheitsminister Jens
Spahn. Die Bundesregierung habe deshalb zusätzlichen
Impfstoff bestellt. „Jeder, der sich und seine Kinder imp-
fen lassen will, sollte und kann das tun“, so der CDU-
Politiker. Angesichts der Corona-Pandemie raten auch
Fotocollage: kkvd
Kinderärzte zur Impfung von Kindern. „Wir wissen, dass
Kinder den Influenza-Virus maßgeblich übertragen“,
sagte Johannes Hübner, der Vorsitzende der Deutschen
Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie. Abgesehen
KAMPAGNE DES KKVD
von den Risiken für die Gesundheit der Kinder gebe es
in Zeiten der Corona-Pandemie eine gesellschaftliche
FÜR EIN
Verpflichtung zum Schutz anderer.
OFFENES
MITEINANDER
Mit der aktuellen Kampagne „Vielfalt ist gesund“ des Katholischen
Krankenhausverband Deutschlands e.V. (kkvd) wollen katholische
Krankenhäuser einen Beitrag zur gesellschaftlichen Debatte leisten und
damit ein politisches Zeichen für ein offenes Miteinander in unserer
Gesellschaft setzen. Auch die BBT-Gruppe unterstützt als Mitglied
des kkvd die Kampagne. Menschen sind vielfältig. Sie unterscheiden
Neuer Blog der BBT-Gruppe sich in ihrer kulturellen und religiösen Zugehörigkeit, in Geschlecht,
Lebensform, sexueller Identität, Alter, Weltanschauung, körperlichen
Haben Sie sich schon einmal gefragt, was sich hinter Merkmalen, sozialem Status, Bildung und vielem mehr. „In unseren
den Kulissen eines Krankenhauses oder einer Senioren Krankenhäusern treffen tagtäglich die unterschiedlichsten Menschen
einrichtung abspielt? Im neuen Blog der BBT-Gruppe lesen zusammen. Also sind auch Kliniken Orte der Vielfalt und Begegnung“,
Sie aus unterschiedlichen Perspektiven, was uns bewegt sagt Dr. Albert-Peter Rethmann, Sprecher der Geschäftsführung der
und was wir erleben – persönlich, subjektiv und möglichst BBT-Gruppe. „Wir behandeln in unseren Häusern jährlich mehr als
nah. Erfahren Sie mehr unter www.bbtgruppe.de 700.000 Patienten, rund 14.000 Mitarbeitende arbeiten zusammen –
aller Generationen, Kulturen, Religionen. Jeder Mensch ist so, wie er
ist, einzigartig“, betont Dr. Rethmann weiter. „Daher betrachten wir
Vielfalt als Bereicherung und wissen zugleich: Sie ist Herausforderung
und will gestaltet sein. Wir haben den Anspruch, gemeinsam in einem
Klima der Offenheit und gegenseitigen Wertschätzung miteinander zu
arbeiten und in dieser Haltung begegnen wir auch unseren Patienten
und allen, die in unsere Einrichtungen kommen.“
Machen Sie mit: Auf www.vielfalt-ist-gesund.de erhalten Sie mehr
Informationen und können selbst aktiv an der Kampagne teilnehmen.
BBT-Magazin 3-4/2020
4NATIONALES GESUNDHEITSPORTAL
Wissen im Web
Erst mal „Dr. Google“ fragen: Rund 40 Millionen Deutsche recher-
chieren zuerst im Netz, wenn sie Fragen zum Thema Gesundheit
ASSISTIERTER SUIZID haben. Dabei erhalten sie neben geprüften Auskünften auch
Falschinformationen, Halbwahrheiten, Werbung und Mythen.
An der Seite des Lebens Das Bundesgesundheitsministerium möchte dem mit seinem
neuen Gesundheitsportal etwas entgegensetzen und fundierte
Informationen zu den häufigsten Krankheitsbildern, zu Themen
wie Pflege, Prävention und Digitalisierung im Gesundheitswesen
liefern. Eine Arzt- und Krankenhaussuche ist ebenfalls integriert.
Weitere Themen sollen Schritt für Schritt hinzugefügt werden.
Die Inhalte wurden unter anderem mit dem Institut für Qualität
und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, dem Deutschen
Krebsforschungszentrum und dem Robert Koch-Institut erstellt.
Das Gesundheitsportal finden Sie unter www.gesund.bund.de
Das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes vom
26. Februar 2020, das das Verbot zur geschäfts-
mäßigen Förderung der Selbsttötung aufhebt,
stößt bei einem großen Bündnis katholischer
Träger sozialer Einrichtungen – darunter auch die
BBT-Gruppe – auf entschiedene Kritik. Als Christ,
so heißt es in einer gemeinsamen Erklärung mit
dem Titel „An der Seite des Lebens“, vertraue
man darauf, dass jedes menschliche Leben in ZWEITER STANDORT IN TRIER ERÖFFNET
jeder Phase von Gott gewollt und angenommen
sei. „Aus dieser Überzeugung erwächst uns die Ethik im Gesundheitswesen
Verpflichtung, menschliches Leben in seinem
unbedingten Wert zu schützen“, heißt es weiter. Nicht erst die Corona-Krise hat gezeigt, dass ethische Fragen insbeson-
Deshalb lehnen es die Träger auch grundsätzlich dere mit Blick auf den Gesundheitssektor zunehmen und an Komplexität
ab, dass Ärzte oder Mitarbeiter aus den Bereichen gewinnen. Um dieser Entwicklung gerecht zu werden, haben die Philo-
Pflege, Betreuung und Begleitung in ihren Einrich- sophisch-Theologische Hochschule Vallendar (PTHV), die Theologische
tungen Beihilfe zum Suizid leisten oder bei der Vor- Fakultät Trier und die BBT-Gruppe als konstitutiver Kooperationspartner
bereitung eines Suizids helfen. „Unsere Botschaft gemeinsam das Ethik-Institut Vallendar-Trier gegründet. Die Räumlichkei-
an Menschen mit Krankheiten, Behinderungen ten liegen im Geburtshaus des Begründers der Katholischen Soziallehre,
oder Pflegebedarf ist, dass sie willkommen sind Oswald von Nell-Breuning. Der Standort Trier unter der Leitung von
und ihr Leben nicht als wertlos oder nicht mehr Professor Dr. Ingo Proft (PTHV) setzt seine Schwerpunkte auf Organisa-
lebenswert angesehen wird“, betont Dr. Albert- tions- und Unternehmensethik und versteht sich als Ergänzung zu dem
Peter Rethmann, Sprecher der BBT-Geschäfts 2006 von Professor em. Dr. Heribert Niederschlag SAC gegründeten
führung. Ethik-Institut an der PTHV, das vornehmlich Fragen der Medizin- und
Fotos: istockphoto
Pflegeethik untersucht. In Planung ist außerdem die Einführung des
Lesen Sie die gemeinsame Erklärung unter Masterstudiengangs Theologie und Ethik im Sozial- und Gesundheits
www.bbtgruppe.de wesen.
BBT-Magazin 3-4/2020
5arzneien
TEXT: JORIS HIELSCHER | FOTOS: ANDRÉ LOESSEL
WISSEN,
WAS
WIRKT
Im Brüderkrankenhaus St. Josef Paderborn
und im St.-Marien-Hospital Marsberg
arbeiten nicht nur Mediziner und Pflege-
kräfte, sondern auch mehrere Apotheke
rinnen. Sie kontrollieren die Medikations
pläne von Patienten, beraten Ärzte
oder kümmern sich um die fachgerechte
Herstellung von Krebsmedikamenten.
Das Ziel: Die Arzneimitteltherapie noch
sicherer zu machen. Wie das konkret
aussieht, zeigt ein Arbeitstag von Ober
apothekerin Corinna Wiebeler.
BBT-Magazin 3-4/2020
6arzneien
7.20 Uhr In ihrem kleinen, Erkenntnisse im Blick haben. „Das alles dem gerade ihre Kollegin Stefanie Kunt-
aber ordentlich motorisierten machen wir, weil wir die Behandlung mit ze sitzt. Kuntze, die neben Wiebeler die
Auto, einem Mini, biegt Corin- Arzneimitteln weiter verbessern wollen“, zweite Oberapothekerin ist, führt hier
na Wiebeler auf das Gelände erklärt Corinna Wiebeler. eine sogenannte Arzneimittelanamnese
des Brüderkrankenhauses St. Josef ein. durch. Eine ältere Patientin, die nächste
Unmittelbar neben der Klinik befindet 8.30 Uhr Eine Stunde hat sie Woche operiert wird, hat mehrere Me-
sich in einem modernen dreistöckigen Mails beantwortet und sich dikamente, die sie einnimmt, in einer
Gebäude das paderlog Zentrum für Kran- um die Personalplanung ge- braunen Papiertüte mitgebracht und
kenhauslogistik und Klinische Pharma- kümmert. Im paderlog arbei- breitet sie auf dem Tisch aus.
zie, von allen Mitarbeitern kurz paderlog ten die Apothekerinnen in einem Rotati- Stefanie Kuntze schaut sich die Pa-
genannt. Schnellen Schrittes – ihrem onssystem. Die meisten sind abwechselnd ckungen genau an: „Wie häufig nehmen
normalen Bewegungstempo, wie sich im in der Logistik, der Medikamentenher- Sie diese Tabletten am Tag? Und wie
Laufe des Tages zeigt – geht die 34-Jährige stellung und auf Station eingesetzt. „Wir viele davon?“, fragt sie. Während die Pa-
in ihr Büro im zweiten Stock, wo sie sofort sind so deutlich flexibler, gleichzeitig ist tientin erzählt, tippt Stefanie Kuntze die
den Computer startet. Ein typischer Ar- es aber auch anspruchsvoller. Unsere Antworten in den Computer. „Wir berei-
beitstag beginnt. Apothekerinnen müssen sich in allen ten einen Medikationsplan für die Ärzte
Corinna Wiebeler ist Oberapothe- drei Bereichen auskennen“, erklärt Wie- mit unseren pharmazeutischen Anmer-
kerin im paderlog und koordiniert die beler. Als Oberapothekerin übernimmt kungen vor“, erklärt sie. Dabei achten die
Arbeit von insgesamt zwölf Apothekerin- auch sie verschiedene Aufgaben, springt Apothekerinnen auf mögliche Wechsel-
nen. Eine anspruchsvolle Aufgabe, denn bei Bedarf ein und wird von ihren Kolle- wirkungen mit den Arzneimitteln, die
die Krankenhausapothekerinnen küm- ginnen bei komplizierten Fällen gerufen. im Krankenhaus verabreicht werden
mern sich nicht nur um die Bestellung Insgesamt besuchen die Mitarbeiter des sollen, und geben Empfehlungen, wel-
von Medikamenten und Medizinpro- paderlog Stationen von insgesamt neun ches Medikament vor einer Operation
dukten und kontrollieren die eigene Her- Krankenhäusern in der Region. abgesetzt werden sollte.
stellung, sondern sie gehen selbst auf die Doch nicht immer ist die Arzneimit-
Stationen mehrerer Krankenhäuser. Dort 9.00 Uhr Heute hat Corinna telanamnese so einfach wie bei diesem
erfassen sie die Medikation in der Patien- Wiebeler es nicht weit. Sie ist Mal. „Manche Patienten wissen gar nicht
tenaufnahme, beraten Ärzte und Pflege- als Stationsapothekerin im genau, welche Medikamente sie neh-
kräfte bei der Arzneimitteltherapie oder benachbarten Brüderkran- men. Dann rufen wir bei den Angehöri-
achten zum Beispiel darauf, dass Antibio- kenhaus St. Josef eingeteilt. Kurz nach gen oder beim Hausarzt an“, sagt Kuntze.
tika nach klaren Regeln eingesetzt wer- der Eingangshalle schaut sie in einem Das betreffe vor allem ältere Patienten
den. Dazu müssen sie wissenschaftliche Büro der Patientenaufnahmen vorbei, in oder welche mit mehreren chronischen
Die Aufgaben von Corinna Wiebeler und der anderen Apotheker sind vielfältig. Eine davon ist die Arzneimittelanamnese:
Vor der stationären Aufnahme eines Patienten erfassen die Apotheker genau, welche Medikamente er einnimmt.
BBT-Magazin 3-4/2020
8VIDEO VIDEO
Sehen Sie mehr über den Weg von Sehen Sie mehr zum Thema Arzneimittelsi-
Silvana Doman zurück ins Leben unter cherheit unter www.bbtgruppe.de/leben
www.bbtgruppe.de/leben
eine ergänzende zur AMTS-Managerin
absolviert. AMTS ist die Abkürzung für
Arzneimitteltherapiesicherheit. „Ganz
einfach gesagt: Wir haben gelernt, wie
wir die individuelle Therapie sicherer
und damit besser machen können“, so
Wiebeler. Und dieses Wissen gibt sie wei-
ter. Regelmäßig veranstaltet sie interne
Schulungen, bei denen sie zusammen
mit den anderen Apothekerinnen kom-
plizierte Fälle noch einmal bespricht oder
neue Präparate vorstellt.
12.45 Uhr Nur kurz will Co-
rinna Wiebeler in der Lo-
gistik vorbeischauen. Dafür
Als Stationsapotheker beraten Corinna Wiebeler und ihre Kollegen täglich geht es zwei Stockwerke
Pflegekräfte und Ärzte.
runter, einmal ums Haus herum und auf
der Rückseite durch eine schwere Metall-
Erkrankungen. Dabei fällt den Apothe- Insgesamt 35.000 Patienten schauen tür. Das langgestreckte Bürogebäude ent-
kern auch immer wieder auf, dass Pati- sich die Apothekerinnen des paderlog puppt sich als großes Logistikzentrum mit
enten Wirkstoffe doppelt oder in der fal- jedes Jahr auf diese Weise an, bei rund Hochregal-Lager, automatisch laufenden
schen Dosierung einnehmen. einem Drittel werden sie tätig. Sie prüfen Bändern und hochmoderner Sortieranla-
Von der Patientenaufnahme läuft unklare Angaben, fragen gezielt nach ge sowie unzähligen Kartons, Boxen und
Corinna Wiebeler weiter auf Station. und geben Empfehlungen, wie die Me- Schränken voll mit Arzneimitteln und
„Wir besuchen täglich alle chirurgischen dikation umgestellt werden soll. Medizinprodukten. Das paderlog beliefert
Stationen, die innere sowie die pneumo- mehr als 20 Krankenhäuser. Eine Apothe-
logische Station und schauen uns alle 11.00 Uhr Corinna Wiebe- kerin ist immer vor Ort und bearbeitet die
Patienten an, die ungeplant ins Kran- ler ist zurück in ihrem Büro. Anfragen der Stationen.
kenhaus kommen“, erzählt die 34-Jäh- Am Computer beantwortet Nun ist Zeit für die Mittagspause –
rige. Auf der jeweiligen Station kontrol- sie Anfragen von Ärzten und ganz allein genießt sie ihr mitgebrach-
liert sie Patientenakten nach möglichen Pflegekräften der versorgten Kliniken. tes Essen im Büro. Sie lacht: „Da ich den
Übertragungsfehlern und Unklarheiten. „Dabei kann es um komplexe oder seltene ganzen Tag viel kommuniziere, freue ich
Dabei achtet sie auch auf die Nie- Arzneimitteltherapien gehen. Manchmal mich, einfach mal etwas Ruhe zu haben
renfunktion von Patienten. „Wenn die recherchieren wir zu einem schwierigen und durchzuschnaufen.“
Niere nicht mehr richtig funktioniert, Fall mehrere Stunden“, erklärt sie. Dazu
können Medikamente nicht mehr so nutzt sie das umfangreiche Archiv des pa- 13.30 Uhr Es geht ins haus-
schnell abgebaut werden und es kann derlog sowie internationale Datenbanken. eigene Labor des paderlog
zu einer Überdosierung kommen“, er- „Wir müssen auf dem neuesten Stand der im ersten Stock. Dafür muss
klärt Corinna Wiebeler. Vor Ort können Forschung sein“, erklärt sie. Mehr als 2.000 die Apothekerin zunächst
die Apotheker Ärzte und Pflegekräfte Anfragen jährlich bearbeiten sie und ihre durch eine Schleuse. In einem Raum mit
bei Fragen beraten. Zudem nehmen Kolleginnen in der Arzneimittelinformati- Überdruck wechselt sie die Schuhe, zieht
sie regelmäßig an Visiten teil und ge- onsstelle. einen Kittel über ihre normale Kleidung
ben kurze Schulungen, beispielsweise Sowohl auf Station als auch bei An- sowie eine Haube an und desinfiziert
zu neuen Präparaten. „Gemeinsam mit fragen von Ärzten müssen sich die Phar- sorgfältig ihre Hände. In dem Vorraum
den Ärzten und Pflegekräften wollen mazeuten sehr gut auskennen. Da es bis arbeitet Corinna Wiebeler zusammen mit
wir besser werden“, sagt sie mit Nach- zu diesem Jahr keine spezielle Weiterbil- Pharmazeutisch-technischen Assistenten
druck. dung zur Stationsapothekerin gab, hat sie (PTA). Es ist ein sogenannter Reinraum
BBT-Magazin 3-4/2020
9therapie
Das paderlog beliefert mehr als 20 Krankenhäuser in der Region mit Medizinpro- Zytostatika für die Krebstherapie
dukten und Medikamenten. werden im eigenen Labor hergestellt.
der Reinraumklasse D, was bedeutet, dass werden, da Infusionen keimanfällig sind für den weiteren Transport in andere
es bestimmte Obergrenzen für die zuläs- und Krebspatienten häufig geschwächt. Kliniken vorbereitet.
sige Zahl an Partikeln und Mikroorganis- Das Besondere bei der Zytostatika-
men in der Luft gibt. Herstellung: Die Infusionen werden in- 15.45 Uhr Der Arbeitstag
Durch Fenster ist der eigentliche dividuell für jeden Patienten produziert. geht bald zu Ende, doch vor-
Herstellungsraum zu sehen, in dem zwei „Jeder Krebs ist anders und die körper- her kehrt Corinna Wiebeler
moderne Werkbänke mit speziellen liche Verfassung von Patienten ist sehr nochmals in ihr Büro zu-
Belüftungs- und Filteranlagen stehen. unterschiedlich. Sie brauchen daher auf rück. Sie überprüft ihre Mails und macht
Wer dort hinein möchte, muss weitere sie zugeschnittene Medikamente“, er- sich einen Plan für den kommenden
Schleusen passieren und eine spezi- klärt sie. Über die Arzneimitteltherapie Tag. Und nun: Feierabend! Mit schnellen
elle Laborkleidung anziehen – steriler entscheidet der Arzt, basierend auf den Schritten eilt sie zu ihrem Mini. ■
Overall, feste Sicherheitshandschuhe, Erkenntnissen wichtiger wissenschaft-
Mundschutz, Kopfhaube und spezielles
Schuhwerk. Das Labor hat die höchste
licher Studien. Im Labor werden in der
Regel mehrere Wirkstoffe kombiniert
WARUM ARZNEI
Reinraum-Stufe. Jeweils zwei PTA sitzen und genau dosiert. Die Dosierung richtet MITTELSICHERHEIT
an einer Werkbank – eine produziert das
Medikament, während die andere die
sich dabei nicht nur nach dem Gewicht,
sondern auch nach der Körperoberflä- SO WICHTIG IST
notwendigen Wirkstoffe anreicht. che der Patienten – also nach der Fläche, Wenn Arzneimittel nicht aufeinander
In dem Reinraumlabor werden so- die von Haut bedeckt ist. abgestimmt sind, ein neues Präparat da-
genannte Zytostatika hergestellt, auch Als Apothekerin macht Corinna zukommt oder die Dosis falsch eingestellt
„Zellstopper“ genannt. Es sind Arznei- Wiebeler eine sogenannte Plausibili- ist, können unerwünschte Arzneimittel-
mittel, die die Teilung und Vermehrung tätsprüfung. Sie überprüft unter an- wirkungen auftreten – mit ernsten Fol-
von Tumorzellen hemmen. Sie werden derem die Dosierung, die Menge oder gen. Rund eine halbe Million Menschen
in der Chemotherapie bei Krebserkran- auch die Haltbarkeit der Infusion. „Wir werden deswegen jährlich ins Kranken-
kungen eingesetzt und in der Regel als gehen alle Fragen, die sich der Arzt haus eingewiesen, zeigen Studien. Mit
Infusion verabreicht. „Es sind potenziell stellt, noch einmal durch – und schaf- einer älter werdenden Gesellschaft und
toxische Substanzen. Deshalb müssen fen so eine größere Sicherheit“, sagt sie. einer steigenden Zahl von Präparaten ge-
unsere Mitarbeiter geschützt werden“, In den kommenden zwei Stunden winnt das Thema weiter an Bedeutung,
erklärt Oberapothekerin Corinna Wiebe- produzieren sie gemeinsam mehrere die Expertise der Krankenhausapotheker
ler. Gleichzeitig müssen die Zytostatika Boxen mit den Infusionen. Diese gehen ist daher dringend gefragt.
unter sterilen Bedingungen produziert entweder direkt auf Station oder werden
BBT-Magazin 3-4/2020
10Keime
wirkungsvoll
bekämpfen
Resistenzen gegen Antibiotika also den Gesamteffekt im Blick haben. Er- Antibiotika in der Praxis gelernt haben.
sind weltweit ein immer größer schwerend kommt hinzu, dass nur wenige Aufbauend auf diesem Wissen haben wir
werdendes Problem: Bakterielle neue Antibiotika auf den Markt gebracht in Zusammenarbeit mit den Ärzten einen
Krankheitserreger, gegen die werden, die bei diesen hochresistenten Online-Leitfaden entwickelt. Für die fünf
die gängigen Antibiotika wir- Erregern helfen. Das heißt: Jetzt müssen häufigsten Erkrankungen in den einzelnen
wir vorsorgen, damit wir nicht in Zukunft Fachabteilungen beschreiben wir dort
kungslos sind, breiten sich aus.
Probleme bekommen. Als Krankenhaus- die Antibiotika-Therapie. So geben wir
Oberapothekerin Corinna Wie- apothekerinnen schauen wir uns genau den behandelnden Ärzten Empfehlun-
beler erklärt, was das paderlog den Einsatz von Antibiotika im Kranken- gen, welches das optimale Antibiotikum
dagegen unternimmt. haus an, nicht nur im Brüderkrankenhaus, je nach Ausprägung der Erkrankung ist,
sondern auch in anderen Kliniken in der und liefern wichtige Informationen zu
Region, die das paderlog versorgt. Dosierung und Dauer der Behandlung.
Frau Wiebeler, wie wird ein Patient Durch den Leitfaden, den wir individuell
behandelt, der solch hochresistente Was kann da verbessert werden? für ein Krankenhaus erstellen, können die
Keime hat? Verschiedene Untersuchungen an deut- Medikamente deutlich zielgerichteter ein-
Die gute Nachricht: Der einzelne Patient schen Krankenhäusern haben zwei Pro- gesetzt werden. Wir haben so den Einsatz
wird in der Regel wieder gesund. Denn blemstellungen gezeigt: Häufig werden von Antibiotika reduziert.
in den allermeisten Fällen können wir so- Antibiotika-Therapien zu lange verordnet.
genannte Reserve-Antibiotika einsetzen. Außerdem wird häufig ein Antibiotikum
Das sind spezielle Medikamente, die nur gewählt, das sehr breit wirkt und zu viele
bei Infektionen mit resistenten Erregern Keime neben dem eigentlichen Erreger
angewandt werden. So können wir den abdeckt. Also einfach ausgedrückt: An-
Keim effektiv bekämpfen. Allerdings müs- tibiotika werden im Krankenhaus häufig
sen wir bei dem Einsatz dieser Antibiotika zu lang und zu breit eingesetzt, wodurch
sehr vorsichtig sein. Resistenzen gefördert werden.
paderlog
Warum? Wie wollen Sie das ändern? Zentrum für Krankenhauslogistik und Pharmazie
Je mehr und je früher wir solch ein Wir haben eine spezielle Fortbildung Tel.: 05251 702-2000
Reserve-Antibiotikum einsetzen, desto zu Antibiotic-Stewardship-Experten www.paderlog.de
eher steigt die Wahrscheinlichkeit, dass (ABS-Experten) absolviert, bei der wir Ihr Kontakt
sich neue Resistenzen bilden. Wir müssen den verantwortungsvollen Umgang mit Brüderkrankenhaus St. Josef Paderborn
BBT-Magazin 3-4/2020
11gesund&fit
GEPFLEGTE Warum werden unsere Hände so
trocken?
Gesunde Haut hat einen pH-Wert von
Seife reduziere ich Keime und reinige
gleichzeitig. Beim Desinfizieren reduziere
ich lediglich die Keime.
HÄNDE IM 5,5, sie ist also leicht sauer. Das verhindert,
dass unerwünschte Bakterien auf der Haut
wachsen. Wichtig für die Barriere sind die
Sie raten also zum Händewaschen.
Wie oft oder wann sollte man sie
„CORONA- äußere Hornschicht und ein intakter Wasser-
Fett-Film. Sind unsere Hände zu lange oder
zu oft feucht, kann das den sauren Wasser-
waschen?
Zu oft ist nicht gut, weil der natürliche
Hautschutz durch die Feuchtigkeit zerstört
WINTER“ Fett-Film zerstören und Hautfette zwischen
den Hornzellen auswaschen. Das kennt
jeder, wenn nach dem Schwimmen oder
wird. Hände nur dann waschen, wenn sie
wahrnehmbar verschmutzt sind, man sich
zum Beispiel im Bus an den Griffen fest-
Spülen die Haut runzelig wird. Der Verlust gehalten hat oder nach dem Einkaufen.
Alle Jahre wieder bringt die von Feuchtigkeit und Hautfetten sorgt für
Wintersaison neben Kälte, weiß trockene und spannende Haut, in die Krank- Egal ob desinfizieren oder waschen,
glitzernden Landschaften und heitserreger leichter eindringen können. Zu- wie denke ich daran, mir nicht ins
sätzlich kann die Empfindlichkeit gegenüber Gesicht zu greifen?
Glühwein auch kleinere Probleme potenziellen Allergenen zunehmen. Es komplett zu vermeiden, ist schwer, da
mit sich. Durch die Mischung aus es häufig eine unbewusste Bewegung ist.
kalter Luft und geheizten Räumen Was kann ich dagegen tun? Jedoch gilt: Wer eine Maske trägt, kann sich
werden die Hände trocken und Haut- und spezielle Handcremes helfen, die nicht direkt an Nase und Mund greifen.
Hände zu pflegen. Prinzipiell gilt: Die Hände
rissig. In diesem Jahr kommt durch zu desinfizieren ist hautschonender als wa- Viele gehen mit Maske und Handschu-
die Corona-Pandemie häufiges schen. Hauteigene Fette werden zwar durch hen einkaufen. Ist das ein guter Schutz?
Händewaschen oder -desinfizie- den enthaltenen Alkohol gelöst, die gängi- Nein, denn unsere Hände schwitzen in den
ren hinzu. Dr. Alexander Menzer, gen Desinfektionsmittel enthalten jedoch Handschuhen, was, wie bereits erwähnt,
Rückfetter. Trotzdem rate ich Personen, die den Wasser-Fett-Film der Haut stört. Au-
Leitender Arzt Hygiene und nicht im medizinischen Bereich arbeiten, ßerdem können Erreger, die auf die Haut
Mikrobiologie am Katholischen davon ab. Das Desinfizieren schädigt unsere kommen, durch das körpereigene Abwehr-
Klinikum Koblenz · Montabaur, eigene nützliche Bakterien-Flora, da ist system sofort inaktiviert werden. Dieser
hat Tipps, wie Händehygiene mit Händewaschen deutlich besser und bein- Schutz fehlt bei Handschuhen komplett,
haltet im Gegensatz zur Handdesinfektion sodass die aktiven Erreger ungehindert
Hautschutz funktioniert. auch einen reinigenden Aspekt. Nach dem weitergegeben werden können.
Waschen am besten die Hände mit einer
Fettcreme mit leicht saurem pH-Wert Die Auswahl ist riesig – sind alle Desin-
einreiben. Das regeneriert den Säure- fektionsmittel und Seifen gleich gut?
schutzmantel. Wenn das nicht reicht, Beim Kauf sollten Sie grundsätzlich darauf
einfach die Hände für ein paar achten, dass Seifen, Desinfektionsmittel
Minuten in Oliven-, Mandel- oder und Cremes frei von Duft-, Farb- und
Jojobaöl halten. Konservierungsstoffen sind. Seife sollte
Dr. Alexander Menzer, pH-hautneutral sein und nur auf bereits
Leitender Arzt Hygiene Was ist der Unterschied zwi- angefeuchtete Haut gegeben werden,
und Mikrobiologie am schen Desinfizieren und also immer zuerst die Hände kurz nass
Katholischen Klinikum Waschen? machen und dann die Seife verreiben.
Koblenz · Montabaur
Der Effekt ist ein Cremes sollten in einer Tube sein und
anderer: Beim nicht in einem Tiegel, der ein idealer
Waschen mit Nährboden für Bakterien ist.
BBT-Magazin 3-4/2020
12Richtig Hände waschen – so geht`s!
„Waschen Sie sich die Hände, wenn sie wahrnehmbar verschmutzt sind, man sich zum
Beispiel im Bus an den Griffen festgehalten hat, einkaufen war oder nach Hause kommt.
Das reicht völlig“, sagt der Experte
Foro und Illustrationen: istockphoto
Hände anfeuchten Seife auftragen Handinnenflächen Handrücken
Fingerzwischenräume Fingerspitzen und Nägel Daumen Handgelenk einseifen
Seife abwaschen Hände abtrocknen Eincremen Nun sind die Hände sauber
13coronavirus
TEXT: LENA REICHMANN | FOTOS: ANDRÉ LOESSEL
WENN FREUNDE ZU
PATIENTEN WERDEN
Die Covid-19-Pandemie hat unseren Alltag weiter fest im Griff. Nach den Sommer
ferien infizierten sich wieder mehr Menschen. Dr. Andreas Zaruchas erlebt all das am
Brüderkrankenhaus St. Josef in Paderborn hautnah mit. Er leitet dort die Pneumologie,
in seinen Verantwortungsbereich fällt die Behandlung von Covid-19-Patienten. Außer-
dem war er von Beginn an Mitglied des Corona-Krisenstabes des Krankenhauses und
im regionalen Krisenstab der Stadt Paderborn. Im Interview erzählt er, wie er persönlich
die zurückliegenden Monate erlebt hat, wie das Brüderkrankenhaus sich in der Pande-
mie aufgestellt hat und wie man sich für eine zweite Welle wappnen kann.
BBT-Magazin 3-4/2020
14Das Virus hatte schon sehr früh im
Februar Paderborn erreicht, erinnert
sich Dr. Andreas Zaruchas. Die Probe
des ersten Verdachtsfalles ging mit
dem Taxi direkt in die Charité nach
Berlin zu Professor Christian Drosten.
BBT-Magazin 3-4/2020
15coronavirus
Ja. Wir haben ausreichend Vorräte an
Schutzausrüstung, ausreichend Testkapa-
zitäten, Organisationspläne für steigende
Patientenzahlen, das Personal ist geschult.
Alle wissen jetzt Bescheid, die Strukturen
Wir müssen verhindern, sind geschaffen. Wir sehen uns deshalb
gut auf eine zweite Welle vorbereitet.
dass uns eine mögliche
zweite Corona-Welle Helfen Ihnen die Erfahrungen aus
dem Frühjahr auch bei der Behand-
zusammen mit der lung der Patienten?
Grippewelle erreicht. Zu Beginn der Pandemie wurden Patienten
sehr früh künstlich beatmet. Damit kann
Dr. Andreas Zaruchas man der Lunge auch Schaden zufügen. Wir
Chefarzt wissen heute, dass das in vielen Fällen gar
nicht nötig ist. Oft können wir sie mit einer
intensiven Sauerstofftherapie ebenso gut
behandeln. Dabei bekommen die Patienten
reinen Sauerstoff über eine Nasensonde
statt, wie bei der künstlichen Beatmung,
über einen Schlauch in der Luftröhre.
Herr Dr. Zaruchas, das Coronavirus be- Im Herbst sind wir generell deutlich anfälliger Wenn Sie sich zurückerinnern: Was
stimmt seit März unseren Alltag. Was für Atemwegsinfektionen. Die Schleimhäute haben Sie gedacht, als Sie zum ersten
genau macht es so gefährlich? trocknen schneller aus, das Immunsystem Mal von dem neuen Coronavirus
Ich halte das Virus für deutlich gefähr- ist empfindlicher. Gleichzeitig bevorzugt das gehört haben?
licher als die normale Grippe. Es ist an- Coronavirus offenbar kühlere Temperaturen. Zum ersten Mal vom Coronavirus habe ich
steckender und macht viel kränker. Man Von daher sind die Bedingungen für eine an einem Abend im Januar 2020 gehört.
kann es am ehesten mit der Spanischen zweite Welle dann auf jeden Fall da. In der Tagesschau war damals die Rede
Grippe vergleichen, die vor rund 100 von einem neuen Virus in China. Damals
Jahren weltweit Millionen Todesopfer Wie können wir uns darauf vorbe- schien das noch weit weg. Aber ich hatte
gefordert hat. Denn es greift nicht nur die reiten und gibt es Erkenntnisse aus trotzdem schon ein mulmiges Gefühl.
Lunge an, sondern kann auch das Gefäß- der ersten Welle, die wir mitnehmen Ich hatte nämlich gleich die Befürchtung,
system, das Herz, das zentrale Nervensys- können? dass sich das Virus weltweit ausbreiten
tem und die Nieren befallen. Das macht Wir kennen das Virus inzwischen viel könnte. Wir hatten diese Erfahrung
es zu einer sehr komplexen Erkrankung. besser und können deshalb gezielter bereits mit anderen Virusepidemien
darauf reagieren. Wir wissen, dass die gemacht, zum Beispiel mit der Schwei-
Als im Sommer die Fallzahlen zurück- Übertragung hauptsächlich über die negrippe im Jahr 2009/2010. Die hat uns
gingen, glaubten einige schon, das Atemluft erfolgt. Und genau da müssen schon sehr stark getroffen. Mir war des-
Virus sei besiegt. Doch nach den Ferien die Schutzmaßnahmen ansetzen. halb klar, dass in einer globalisierten Welt
gab es wieder mehr Infizierte. Was Viruserkrankungen immer das Potenzial
denken Sie: Wie lange werden wir in Wie wichtig ist es in dem Zusammen- haben, sich weltweit auszubreiten.
dieser „neuen Normalität“ noch leben? hang, dass weiterhin viel getestet wird?
Mindestens bis es einen Impfstoff gibt. Es ist wichtig, dass weiter viel und intensiv Damit haben Sie recht behalten. Doch
Das Virus ist weiter existent, und es ist getestet wird, vor allem in bekannten gerade zu Beginn der Pandemie war
hochansteckend. Hotspots. Wir müssen wissen, wie präsent nur wenig über das Virus bekannt. Wie
das Virus ist. haben Sie diese Ungewissheit erlebt?
Viele Experten haben vorausgesagt, Am Anfang war die Situation zunächst
dass es im Herbst eine zweite Welle Haben Sie sich auch im Brüderkran- völlig unklar. Wir hatten irgendetwas, von
geben wird. Für wie wahrscheinlich kenhaus St. Josef bereits auf eine dem keiner genau wusste, was es macht,
halten Sie das? mögliche zweite Welle vorbereitet? wie gefährlich es ist oder wie es behandelt
BBT-Magazin 3-4/2020
16VIDEO
Hören Sie selbst, wie Dr. Zaruchas
die Pandemie erlebt hat unter
www.bbtgruppe.de/leben
wird. Als ich dann die ersten Bilder aus Es kamen dann in rascher Folge immer Sehr große Angst sogar. Dort ist das
Wuhan mit den drastischen Maßnahmen, mehr Patienten. Darunter auch welche, Gesundheitssystem zum Teil komplett
die die chinesischen Behörden getroffen die schwer erkrankt waren und auf die zusammengebrochen. Es herrschten zum
haben, um diese Epidemie einzudämmen, Intensivstation mussten. Das war eine Teil lazarettähnliche Zustände, die eher an
gesehen habe, als uns die ersten Bilder große Herausforderung für den Kranken- Krieg erinnerten. Uns war klar: Wir müs-
von Toten erreicht haben, da war mir sehr hausbetrieb. Auch in meinem privaten sen jetzt ganz schnell und an ganz vielen
schnell klar, dass es sich dabei nicht nur Umfeld gab es dann den ersten Fall. Fronten gleichzeitig handeln, um solche
um eine einfache Grippe handelt. Da rollte Ein guter Bekannter von mir wurde auf Zustände hier in Paderborn zu verhindern.
etwas Größeres auf uns zu. einmal mein Patient und musste auf der
Intensivstation behandelt werden. Inzwi- Das ist Ihnen zum Glück gelungen.
Was genau das sein würde, ließ sich schen hat er sich zum Glück erholt. Was, glauben Sie, war dabei das Ent-
damals nur erahnen. Gab es denn scheidende?
einen Moment, in dem Ihnen klar Sie sprachen es schon an: Das Virus Wir konnten uns vorbereiten, und wir
wurde, wie ernst die Lage ist? hat auch das Krankenhaus vor eine haben uns vorbereitet. Außerdem haben
Die Ansprache von Kanzlerin Angela schwierige Aufgabe gestellt. Wie wir ein sehr gut ausgestattetes Gesund-
Merkel, in der sie von der größten Her- haben Sie sich damals gerüstet? heitssystem: Es gibt in Deutschland
ausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg Wir haben rasch einen Krisenstab gebildet deutlich mehr Krankenhausbetten, mehr
sprach, hat uns alle hier im Krankenhaus und direkt mit der Arbeit begonnen: Wir Intensivplätze und auch mehr Beatmungs-
sehr beeindruckt und auch Angst ge- haben Schutzausrüstung besorgt, Infekti- kapazitäten als zum Beispiel in besonders
macht. Wir haben uns damals gefühlt wie onseinheiten eingerichtet, auf der Inten- schwer betroffenen Staaten wie Italien.
Soldaten im Schützengraben, die auf das sivstation zusätzliche Betten geschaffen, Das Entscheidende war meiner Meinung
Trommelfeuer warten. unsere Beatmungskapazitäten verdoppelt, nach aber, dass die Bevölkerung vom Sinn
Personal geschult und die Notaufnahme der getroffenen Maßnahmen überzeugt
Wissen Sie noch, wann Sie selbst das aufgerüstet. Das war sehr viel in sehr kurzer war und mitgezogen hat.
erste Mal direkt mit dem Virus zu tun Zeit. Auch für die Patientinnen und Patien-
hatten? ten und für die Besucher haben wir schon Und gerade im Hinblick auf eine
Das war lange davor. Im Februar hier sehr früh Schutzmaßnahmen getroffen. mögliche zweite Welle werden wir
im Brüderkrankenhaus, noch vor der Kontakte wurden erfasst, Besuchsein- alle wohl noch einen langen Atem
Heinsberg-Epidemie. Damals ist ein junger schränkungen ausgesprochen und eine und viel Disziplin benötigen. Haben
Mann mit grippeähnlichen Symptomen Maskenpflicht für alle eingeführt. Sie noch Ratschläge, wie man sich vor
in die Notaufnahme gekommen. Er gab einer Infektion schützen kann, abge-
an, kurz vorher in China gewesen zu sein, In der „heißen Phase“ im März und sehen von den allgemein bekannten?
ausgerechnet in der Nachbarprovinz von April stieg dann die Zahl der Infizier- Entscheidend ist ein intaktes Immunsys-
Wuhan. Da gingen direkt unsere Alarm- ten täglich rasant. Wie haben Sie tem. Was kann ich dafür tun? Vor allem
glocken an. Wir haben den Mann dann diese Zeit erlebt? viel Bewegung an der frischen Luft! Auch
sofort isoliert und den ersten Corona-Test Das waren Zwölf- bis 14-Stunden-Tage. Vitamin D kann vor Atemwegserkran-
überhaupt in Paderborn durchgeführt. Wir machten täglich neue Erfahrun- kungen schützen. Wichtig ist zudem die
Das war damals noch ein enormer Auf- gen, die Ereignisse haben sich teilweise Grippeschutzimpfung, denn wir müssen
wand. Wir haben die Probe mit dem Taxi überschlagen. Es handelte sich um ein verhindern, dass uns eine mögliche zweite
direkt in die Charité nach Berlin zu Profes- noch komplett unbekanntes Virus. Keiner Corona-Welle zusammen mit der Grippe-
sor Drosten geschickt. Zum Glück war sie wusste, wie es zu behandeln war, und es welle erreicht.
negativ. Unser erster bestätigter Corona- gab keine offiziellen Empfehlungen. Da
Fall im Brüderkrankenhaus war ein älterer konnten wir nur mit Schwarmintelligenz
Mann aus einer Senioreneinrichtung. Wir und gebündelter Expertise gegenhalten. ENTSCHIEDEN
haben ihn getestet und sofort auf unsere GEGEN VIREN:
Infektionsstation verlegt. Er war dort der Hatten Sie Angst, dass die Fallzah- GRIPPESCHUTZ-
erste Patient. Uns war dann klar: Das len hier genauso schnell steigen IMPFUNG 2020!
Virus ist in Paderborn angekommen. könnten, wie zum Beispiel in einigen
norditalienischen Regionen, und dass
Gab es dann das befürchtete „Trom- die medizinische Versorgung dadurch
melfeuer“? gefährdet sein könnte?
BBT-Magazin 3-4/2020
17standpunkt
Zeit für ein Applaus! Die Corona-Krise
ist noch nicht überstanden
und der Beifall schon ver-
Umdenken hallt. Vor wenigen Monaten
noch wurde das Pflegeper-
sonal von Politikern und
Wir müssen uns immer
wieder klarmachen, dass
Covid-19 nicht die letzte
Bürgern angefeuert. Wir
Pandemie gewesen sein
galten als Alltagshelden
Ein Frühjahr der Helden erlebten wir. Die Kas- wird. Vielmehr ist davon
und bekamen von allen
siererin, die Erzieherin in der Notbetreuung, Seiten Zuspruch, sogar ein
auszugehen, dass es andere,
eventuell noch infektiösere
der Logistiker im Lebensmittelhandel und viele Pflegebonus wurde groß
Erreger geben wird oder
andere sorgten dafür, dass das öffentliche Leben angekündigt. Die Wert-
vergleichbare Erkrankungen.
schätzung und Dankbarkeit,
während des Lockdown nicht zusammenbrach. Hierfür müssen wir uns
welche wir in dieser Zeit für
Wer im Gesundheitswesen arbeitete, kämpfte unseren Beruf erfahren durf-
langfristig vorbereiten und
aufstellen. Was in dieser
um das Leben der Infizierten oder sorgte für ten, tat gut. Für die Leistung
Krise noch einmal deut-
Schutzausrüstung, Medikamente und andere des Pflegepersonals zu
lich wurde: Wir brauchen
klatschen war schön, doch
dringend notwendige Materialien. Was bleibt? Ressourcen in der Medizin!
viel wichtiger war uns, nach
Viele der Helden sind ernüchtert und enttäuscht. der Krise nicht in Vergessen-
Wir hatten in Deutsch-
land bislang deshalb eine
Hatte die Corona-Krise doch das Zeug dazu, heit zu geraten. Doch was
deutlich geringere Sterb-
Grundlegendes zu verändern. Einige Mitarbei- davon ist geblieben? – Kein
lichkeit als in vielen anderen
Applaus und bisher auch
tende aus den Einrichtungen der BBT-Gruppe Ländern, weil wir vergleichs-
kein Pflegebonus sowie kein
schildern ihre Sicht. zusätzliches Personal. Wir
weise hohe Kapazitäten an
Intensivbetten haben. Und
würden uns wünschen,
das zeigt, dass wir bei allem
dass die kurzzeitige Wert-
Kostendruck, bei jedem Ver-
schätzung auch auf Dauer
ständnis für Einsparungen
ihre Wirkung entfaltet.
immer darauf achten müs-
Katharina Fischer
sen, dass solche Kapazitäten
ist Gesundheits- und
vorgehalten werden. Denn
Krankenpflegerin und
wie bereits gesagt – es wird
arbeitet in der Gefäß
zu vergleichbaren Situatio-
ambulanz des Theresien-
nen kommen.
krankenhauses Mannheim.
Privatdozent
Dr. Tim Piepho, Chefarzt
der Anästhesie und
Intensivmedizin im
Krankenhaus der Barm-
herzigen Brüder Trier.
Illustration: istockphoto
BBT-Magazin 3-4/2020
18Insgesamt hatten wir
deutlich mehr Beatmungs-
patienten als zu Normal-
zeiten – das war eine hohe
Belastung für alle im Team.
Aber es hat sich ein toller
Zusammenhalt im Team
entwickelt. Es gab nieman-
den in der Pflege, der nicht Die bedrohlichen Ausblicke
versucht hätte, alles möglich zu Beginn der Pandemie
zu machen. Keiner hat sein haben Ängste wachge-
Seit Mitte März hat sich der der steten Möglichkeit der
Team oder die Patienten im rufen und Bereitschaft zu
Krankenhausalltag maßgeb- Rücksprache mit dem Hygi-
Stich gelassen. Dennoch: Veränderungen gefordert.
lich verändert. Ungewissheit eneteam. Unser Anspruch
Dass wir eine so große Mir persönlich haben der
und Unsicherheit standen ist weiterhin, den Patienten
Anstrengung brauchten, ständige Informationsfluss,
zu Beginn der Pandemie vor während der Isolation ein
um Personal in kurzer Zeit die effektive Vorbereitung
und während des Dienstes Umfeld für eine angeneh-
anzulernen und Material zu und die übergreifende
auf der Tagesordnung. Von me Genesung zu schaffen
besorgen, ist auch eine Fol- Teamarbeit im Corona-
heute auf morgen musste oder auch einen würdigen
ge der jahrelangen Sparpo- Gemeinschaftskrankenhaus
eine den Umständen ent- Abschied. Dies ist verstärkt
litik im Gesundheitswesen. geholfen, mich gut einzu-
sprechend angepasste Ar- nötig aufgrund der strengen
Das hat zu einer Unterbeset- finden. Schließlich war ich
beitsroutine gemeinschaft- Besuchsrichtlinien und der
zung in der Pflege geführt, wieder Lernende und froh,
lich entwickelt werden. Der Ängste der Angehörigen vor
wir müssen in kürzerer Zeit dass die Hauptverantwor-
Umgang mit der aufwen- Ansteckung. Wünschens-
immer mehr schwerkranke tung bei den gestandenen
digen Schutzkleidung bei wert wäre eine anhaltende
Patienten versorgen. Daher Kolleginnen und Kollegen
dieser speziellen Erkrankung Honorierung und ein zu-
muss sich langfristig die lag, die ich als sehr profes-
nimmt mehr Zeit in An- künftig angemessener Um-
Situation in der Pflege ver- sionell erlebt habe. Das gilt
spruch. Neben der Sorge gang für diesen in unserer
bessern, Applaus auf dem auch für die urologische
um den ausreichenden Gesellschaft unabdingbaren
Balkon genügt nicht. Ich Station, in der ich eingesetzt
persönlichen Schutz führen Beruf, denn wir werden
fürchte, dass sonst einige war, weil dort wiederum
die sprunghafte tägliche auch weiterhin an jedem
den Beruf enttäuscht auf- Mitarbeitende anderweitig
Patientenfluktuation sowie neuen Tag an vorderster
geben. Pflege ist ein toller gebraucht wurden. Für
die anhaltend wechselnden Front unser Bestes geben!
Beruf, er muss attraktiver mich steht fest: Pflege kann
Vorgaben zu Abläufen und Applaus für uns!
werden, damit sich wieder Krisenmodus. Das darf aber
Hygienestandards zu einem Sunja Baschizada,
mehr junge Menschen dafür nicht aufgrund von Leis-
unvorhersehbaren Arbeits- seit sieben Jahren
entscheiden. tungsdichte und schlechten
aufkommen. Erleichtert Gesundheits- und Kran-
Raphael Gerlach Arbeitsbedingungen der
wurde dies durch ein Team, kenpflegerin im Brüder-
arbeitet als stellvertreten- Normalfall sein. Dafür brau-
das durch die Krise gestärkt krankenhaus St. Josef
de pflegerische Leitung chen wir keinen einmaligen
zusammengewachsen ist. Paderborn, arbeitete auf
auf der Intensivstation Z2 Bonus, sondern nachhaltige
Sicherheit bekamen wir aus der Isolierstation.
im Caritas-Krankenhaus Verbesserungen.
Bad Mergentheim. Marion Stein,
Krankenschwester und
Leiterin des Patienten-
Informationszentrums
(PIZ) am Brüderkranken-
haus Trier.
BBT-Magazin 3-4/2020
19standpunkt
Corona hat bei uns in der in Gefahr gebracht, dafür
Pflege Spuren hinterlassen. bekommen wir eigentlich
Am Anfang war alles neu, nichts. Aus der enttäuschten
keiner hatte Erfahrung mit Hoffnung, eine Anerken-
der Erkrankung und wir nung für unsere Leistung zu
haben jeden Tag neu prak- bekommen, erwuchs einiges
tikable Lösungen für den an Frustration.
Umgang mit den infektiö- Auch die neuerliche Diskus-
sen Patienten gesucht. Die sion über Bonuszahlungen
täglichen Besprechungen mit ist an zu viele Bedingungen PFLEGE UND MEDIZINER
den Stationsleitungen der
anderen Isolierstationen und
geknüpft, als dass sie als
echte Anerkennung gelten
MACHEN MOBIL
der Hygienefachkraft sowie könnte. Die Krankenpflege Gerade in den Wochen nach der ersten Corona-Phase erho-
der für Hygiene zustän- hätte kollektiv eine faire ben Pflegekräfte ihre Stimme und machten sich für bessere
digen Laborärztin haben Behandlung verdient. Für Rahmenbedingungen in ihrem Beruf stark. Die Kampagne
sehr geholfen. Natürlich die Pflege wünsche ich mir #PflegeNachCorona wurde im Mai durch den Deutschen
war da auch die Angst, sich vor allem mehr Entlastung Berufsverband für Pflegeberufe ins Leben gerufen, um Pflege-
anzustecken und vor allem von Bürokratie, etwa durch fachpersonen eine Plattform für ihre Forderungen an die Politik
die Sorge, man könnte die eine digitalisierte Patienten- zu bieten. Auf der Petitionsplattform change.org haben bereits
Familie zu Hause gefährden. akte oder durch den Einsatz mehrere Hunderttausend einen gemeinsamen Aufruf von
Die verschiedenen Spenden von Hilfskräften für nicht Pflegefachkräften an Jens Spahn unterzeichnet. Der Pflegebe-
von Privatleuten und Firmen, pflegerische Tätigkeiten. auftragte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, schlug
denen es oft selbst nicht so Damit wir wieder Zeit für ebenfalls kürzlich Alarm: „Wenn es jetzt nicht ein klares Signal
gut ging, waren ein schönes unsere eigentliche Arbeit, gibt, dass sich etwas ändert an Tarifen und Löhnen sowie an
Zeichen der Anerkennung. die Pflege der Patienten den Arbeitsbedingungen, können wir nach der Pandemie in
Umso größer ist nun die haben. die Situation kommen, dass wir nicht über zusätzliche Auszu-
Enttäuschung, dass Zusagen Harald Döppler, bildende sprechen, sondern über eine weitere Abwanderung
der Politik nicht eingehalten stellvertretender von Personal. Das wäre fatal.“
werden. Die Altenpflege Stationsleiter, organisier- Auch Assistenzärzte der Medizinervereinigung Hartmann-
bekommt einen Pflegebo- te die Pflege auf einer bund haben infolge der Corona-Pandemie zu einer gesell-
nus. Aber wir waren täglich der Covid-19-Stationen schaftlichen Debatte über das deutsche Gesundheitssystem
an der Front und haben im Caritas-Krankenhaus aufgerufen. Die Bewältigung der Pandemie habe lange beste-
uns und unsere Familien Bad Mergentheim. hende Fehlentwicklungen sowie unausgeschöpfte Potenziale
des Gesundheitswesens aufgezeigt, erklärte Hartmannbund-
Vorstandsmitglied und Vertreter der Assistenzärzte des Ver-
bandes, Theo Uden. Bei einer Grundsatzdebatte müssen nach
Ansicht der jungen Ärzte vor allem Stimmen der beteiligten
Berufsgruppen aus Pflege, Ärzteschaft und weitere Akteure
des Gesundheitswesens gehört werden.
BBT-Magazin 3-4/2020
20momentmal
Die große
Verwandlung
Corona – plötzlich ist alles ganz anders,
ungewohnt und besorgniserregend.
Die große Leere überall
machte nachdenklich,
aber auch erfinderisch.
Die große Unterbrechung
bringt uns zum Staunen.
Wir sehen alles in einem anderen Licht,
unsere Welt, die Natur,
vor allem unsere Mitmenschen.
Wesentliches rückt mehr in den Blick,
wir besinnen uns auf das Wichtige.
Wir gewinnen eine tiefere Wahrnehmung
für die Nöte und Freuden
Foto: istockphoto
in der Begegnung auf Distanz.
Wir sind dankbar für kleine Zeichen
und Gesten der Zuwendung.
Vielleicht erleben wir gerade
eine ungeahnte Verwandlung,
die uns in eine neue Zukunft führt.
Elke Deimel
BBT-Magazin 3-4/2020
21infektion
BBT-Magazin 3-4/2020
22COVID-19
WAR UND IST
UNKALKULIERBAR
Als das Coronavirus ausbricht, steht das Team der Infektionsstati-
on vor besonderen Herausforderungen. Wenn man Stationsleiterin
Katharina Fröhling fragt, was sie in den vergangenen Wochen bei der
Arbeit auf der Infektionsstation am allermeisten bewegt habe, dann
kommt spontan diese Antwort: „Patienten, denen es schlecht ging,
tagelang ohne Besuche von Angehörigen alleine auf den Zimmern zu
wissen, das war schon schlimm.“
Das Team der Infektions-
station ist in der Krise
über sich hinausgewach-
sen und hat sich jederzeit
gegenseitig unterstützt.
BBT-Magazin 3-4/2020
23infektion
A
b Mitte März wurden für meh- galt auch, als in anderen Bereichen hier
rere Wochen keine Besucher und da Engpässe drohten.“
ins Krankenhaus gelassen,
Patienten und Angehörige Grüße auf allen Kanälen
traf der Lockdown besonders hart. „Wir
konnten die Familien und Freunde der Von einer Routine im Arbeitsalltag
am Coronavirus Erkrankten ja nicht konnte man erst einmal nicht sprechen.
ersetzen!“, sagt Katharina Fröhling. „Die Informationsflut war heftig“, so
Aber das Team habe alles versucht, um Sunja Baschizada. „Es änderte sich ja
Schwerstkranke und Sterbende mög- ständig alles.“ Und natürlich habe das
lichst nicht alleine zu lassen. Die Na- Anlegen der Schutzkleidung eine Men-
men der Verstorbenen haben die Pfle- ge Zeit in Anspruch genommen – eine
genden sich gemerkt. „Wir haben alles Tätigkeit, bei der alle Mitarbeitenden,
getan, um den Patienten beizustehen“, die Kontakt zu Infizierten oder Ver-
berichtet Sunja Baschizada, stellvertre- dachtspatienten hatten, keine Kompro-
tende Stationsleiterin. misse machen konnten. Um möglichst
Bei Weitem hört man nicht nur Be- zu verhindern, dass mehr Zeit als nötig
lastendes, Ernstes und Angespanntes mit dem An- und Ablegen der Schutz-
vom Team der Station 3. Das Team habe kleidung investiert wurde, planten die
gut funktioniert, die Gesundheits- und Pflegekräfte jeden Gang in das Zimmer Übermittlung von Grüßen und hielten
Krankenpfleger haben sich gegenseitig des infizierten Patienten ganz genau: Telefonhörer an Ohren, Bilder über
unterstützt, Angst hatten sie zu keinem Blutdruck messen, Essen bringen, In- Köpfe, Facetime vor die Nase oder Fotos
Zeitpunkt. „Wir waren hier von Anfang fusionen erneuern, Medikamente ver- und Zeichnungen an die Wände.
an durch das paderlog, unser Zentrum abreichen, Katheter prüfen – das wurde Das Ärzteteam war über Dr. Andreas
für Krankenhauslogistik und Klinische alles während eines Kontakts erledigt. Zaruchas ständig aktuell informiert über
Pharmazie, gut und sicher mit Schutz- Parallel dazu unterstützten die Mit- alle Neuigkeiten und Veränderungen
material versorgt“, sagt Fröhling, „das arbeitenden die Angehörigen bei der rund um das Coronavirus. Der Krisen-
BBT-Magazin 3-4/2020
24Lukas Kloppenburg aus
dem Team Pflege zieht
die Schutzkleidung an.
„ES GEHT MIR
WIEDER GUT“
Nach mehreren nicht bestätigten
Verdachtsfällen wurde im St.-Marien-
Hospital Marsberg ein schwer an Co-
vid-19 erkrankter Patient behandelt. Der
60-Jährige wies im Röntgen und in der
Computertomografie der Lunge eine
fortgeschrittene Schädigung des Organs
Stationsleiterin Katharina auf. Zuvor hatte sich der Zustand des
Fröhling und ihre Kollegin- Patienten über eine Woche mit grippalen
nen und Kollegen müssen Beschwerden zusehends verschlechtert.
jeden Schritt genau doku-
Die eingeleitete stationäre Behandlung
mentieren, bevor sie ein
mit engmaschigen klinischen Kontrollen,
Patientenzimmer betreten.
kontinuierlicher Sauerstoffgabe, labor-
technischen Kontrollen und Blutgasana-
lysen führte zu einer raschen Besserung.
stab aus Direktorium, Krankenhaus- vor Corona war – darin sind sich nicht „Mit rückläufigen klinischen Symptomen
hygieniker, Pflegedirektor, Leitenden nur die Mitglieder des Krisenstabs ei- und weitgehend normalisierten Ent-
Ärzten, dem Teamleiter Hygiene, dem nig. Das Krankenhaus und mit ihm alle zündungswerten konnte der Patient
Ärztlichen Direktor und seinem Vertre- Mitarbeitenden bleiben in Alarmbereit- zehn Tage nach stationärer Aufnahme
ter und der Unternehmenskommuni- schaft. Vermutlich, bis es einen Impf- symptomfrei entlassen werden. Der
kation kam anfangs täglich zusammen. stoff gegen das Virus gibt, möglicher- radiologische Befund hatte sich erheblich
„Der intensive Austausch war für alle weise darüber hinaus. Denn Covid-19 verbessert“, erklärt Dr. Norbert Bradtke,
Beteiligten dringend nötig und hilfreich. war und ist unkalkulierbar. Das zeigen Chefarzt der Inneren Medizin. Bei seinem
Nicht nur, um die aktuellen Infektions- auch die aktuellen, regional eingrenz- Kontrolltermin bestätigte der Patient:
zahlen im Kreis Paderborn und die Bele- baren Ausbrüche der Viruserkrankung. „Es geht mir wieder gut.“
gung unserer Stationen auszutauschen, Angespannte und aufreibende Mo-
sondern auch, um beispielsweise Stan- nate liegen hinter allen Mitarbeitenden.
dards beim Umgang mit Verdachtsfällen Das gilt ganz besonders für die Teams in
und Infizierten, Hotspots, Schutzmaß- den Kliniken. „Dass wir innerhalb kür-
nahmen für alle Mitarbeitenden, den zester Zeit zusätzliche Intensiv- und Be-
Nachschub von Schutzmaterial und die atmungsplätze einrichten konnten, dass
Durchführung von Abstrichen festzule- wir es geschafft haben, unsere Arbeit in
gen“, sagt Dr. Andreas Zaruchas. dieser schweren Krise verantwortungs-
voll und unverdrossen fortzuführen, dass
Die neue Normalität wir Leben geschützt und gerettet haben
– dafür sind wir als Verantwortliche sehr,
In den kommenden zwölf bis 18 Mo- sehr dankbar“, sagt Christoph Robrecht,
naten wird sicher nichts so sein, wie es Hausoberer und Regionalleiter.
Bei der Übergabe sprechen sich
die Gesundheits- und Kranken Überstanden – Chefarzt Dr. Norbert
pflegerinnen in einem möglichst Bradtke freut sich mit dem Patienten
kleinen Kreis kurz und knapp ab. über dessen Genesung.
BBT-Magazin 3-4/2020
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