KIRCHE - Leipziger Missionswerk
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Mitteilungsblatt des Leipziger Missionswerkes
der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens und der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland
KIRCHE
2/20 weltweit
Länderheft Indien
Auch Indien ist in diesen Tagen von der Corona-Pandemie geprägt. Für kirchliche Ein-
richtungen wie das Theologische Seminar in Madurai ist diese Situation mit besonde-
ren Herausforderungen verbunden. Die neue Rektorin berichtet.
Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Freiwillige
Das Corona-Virus hat das Freiwilligenprogramm des Leipziger Missionswerkes gehörig
durcheinander gebracht. Eigentlich wäre jetzt die Orientierungsphase für die neuen
Süd-Nord-Freiwilligen, die aber nicht einreisen dürfen. Die Freiwilligen in Tansania
mussten innerhalb weniger Tage nach Deutschland zurückkehren.Editorial & Inhalt
Liebe Leserinnen
Inhalt
und Leser,
tief hinein nach Indien, in die 2 Editorial
Missionsgeschichte und in die 3 Dr. Daniel Jayaraj
Beziehung zur Tamilischen Meditation
Evangelisch-Lutherischen Kir-
che führt diese Ausgabe der 4 Dr. Margaret Kalaiselvi
Kirche weltweit. Obenauf liegt Wachsende Verzweiflung
„Corona“, das Virus, das uns Die Auswirkungen der Corona-Pandemie in
alle „im Griff hat“. In gewissem Tamil Nadu
Sinne macht es uns weltweit gleich, ergreift uns und setzt 8 Sheela Rani
uns schachmatt. Anfänglich waren wir in Deutschland die- Wenn ein Vater seine Tochter tötet
jenigen, die besorgte Nachfragen und anteilnehmende Für- „Ehrenmorde“ in Indien
bitten aus Indien, Tansania und Papua-Neuguinea erhielten
– und so erfuhren wir uns als hilfsbedürftig. Nach und nach 10 Dr. Hans Müller und Ingeborg Hardt-Müller
aber werden dann Unterschiede deutlich: Bei allen Ein- Partnerschaft digital und persönlich
schränkungen sind wir in Deutschland gut dran, während Die Luthergemeinde Halle und die Gemeinde
die Nachrichten von den Partnern erschreckend sind. Sei es Sirkali in Tamil Nadu, Südostindien
die fünfwöchige, strenge Ausgangssperre in Indien, die Mil- 12 Fürbitte konkret
lionen von Wanderarbeiter*innen landesweit hilflos stran-
den lässt, sei es das regierungs-offizielle schwarze Nach- 14 Hans-Georg Tannhäuser
richtenloch Tansanias, aus dem nichts nach außen dringt. Indische Missionsgeschichte in Radebeul
Ich nehme die Corona-Situation aber auch noch auf einer Heinrich Cordes – der erste Leipziger
anderen Ebene wahr: Wer spricht in welchem hierarchischen Indienmissionar
Kontext für wen, wer repräsentiert andere, wer kann für sich 18 Interview
selbst sprechen? Diese Überlegungen verbinden sich für „Das ist doch Horror!“
mich mit Perspektiven aus post-kolonialen Erfahrungen und Auswirkungen von Corona auf das
mit der Frage, ob und wo wir bis heute von imperialistischen Freiwilligenprogramm
Strukturen geprägt sind. In unserem Freiwilligenprogramm
versuchen wir den jungen Menschen genau diese kritische 20 Nachrichten
Perspektive zu vermitteln, wann sie wie über wen was sch- 21 Nachrufe
reiben. Ebenso prüfen wir auch selber unsere Texte und Bil-
der – zum Beispiel in der Kirche weltweit – dahingehend, 22 Geburtstage, Impressum
ob sie unbewusst vielleicht Botschaften eines hierarchischen, 23 Termine
abhängigen Verhältnisses vermitteln. „Ein Bild sagt mehr als
tausend Worte …“ – das stimmt, und gerade deshalb ist es 24 Vierteljahresprojekt
wichtig, auch Bild-Botschaften kritisch zu hinterfragen.
Spannend ist für mich dabei der kritische Blick auf den
Tauf- und Missionsauftrag in Matthäus 28: Er sei, so der
Birminghamer Theologieprofessor Rasiah S. Sugirtharajah,
überhaupt erst im 18./19. Jahrhundert als Bild für die Aus-
breitung der Kirche und des christlichen Glaubens relevant
in Gebrauch gekommen – in der Zeit also, in der der Koloni- Zum Titelbild: Das Titelbild fotografierte unser ehema-
alismus fröhliche Urstände feierte und in der auch die Leip- liger Freiwilliger Hannes Schöttler in seiner Einsatz-
ziger Missionsgesellschaft gegründet wurde. Sind wir also stelle, dem Gründler-Jungenheim, in Tharangambadi
in unseren Genen kolonialistisch-imperialistisch geprägt? (früher Tranquebar) in Tamil Nadu in Indien. Das Heim
Herzlich Grüße aus dem Leipziger Missionshaus Ihr wurde benannt nach einem der ersten lutherischen
Missionare in Indien: Johann Ernst Gründler (*1677
in Weißensee, † 1720 in Tranquebar). Er war Mitar-
Ravinder Salooja, Direktor des Leipziger Missionswerkes beiter und Nachfolger von Bartholomäus Ziegenbalg.
2 KIRCHE weltweit 2/2020Meditation
Meditation
Von Bischof Dr. Daniel Jayaraj, Bischof der Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche (TELC), Tiruchirappalli
Und der Engel des HERRN kam zum zweiten Mal wieder,
berührte ihn und sprach: „Steh auf und iss!
Denn du hast einen weiten Weg vor dir.“
Monatsspruch Juli 2020: 1. Könige 19,7
Ich grüße euch alle im unvergleichlichen Namen derselbe Gott unterstützt uns
unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus! Grüße durch unsere Gemeinschaft
von der Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kir- mit Gott und den Menschen
che, die vor dreihundert Jahren von Bartholomäus in der Zeit der Krise, in der
Ziegenbalg begründet wurde. „Gott stärkt unsere unsere Hoffnung schwindet.
Glaubensreise durch Partnerschaft“ – unter dieser Dies erleben wir in einer Zeit,
Überschrift möchte ich über den Monatsspruch für als der Ausbruch der tödli-
Juli nachdenken. chen Corona-Pandemie die
Der Vers ist Teil eines Berichts über die Flucht des Normalität der ganzen Welt
Propheten Elias, um sein Leben vor Königin Isebel zu stört. Die von der Regierung
retten. Er beschließt selbst, sich auf diese Reise zu be- verordnete Ausgangssperre
geben. Gott fordert ihn aber auf zurückzukehren, um schadet vor allem den Armen.
seinen Willen zu tun. Das christliche Leben ist auch Besonders die Tagelöhner, die
eine Reise. Es begann im Garten Eden. Adam und in den Städten arbeiten, be-
Eva verließen den Garten, als sie Gott nicht gehorch- gannen ihre Reise zu Fuß zu ihren Heimatorten. Zu
ten. Danach finden wir viele Reisen in der Bibel. Die Fuß legten sie Hunderte von Kilometern zurück. Un-
Reisen von Abraham, Joseph, Jakob, Moses, Jona, den terwegs hatten sie kaum Zugang zu Wasser, Nahrungs-
Israeliten und hier Elia. Einige Reisen sind von Gott mitteln etc. Und um ihre Probleme zu vergrößern,
in Auftrag gegeben, andere sind selbstbestimmt und wurden sie an Kontrollposten angehalten, an denen sie
laufen vor den Plänen Gottes davon. In unserem Text misshandelt und verhört wurden.
finden wir zwei Reisen. Die eine wurde von Elia und Während sie auf ihrem Weg gestrandet sind, bieten
die andere von Gott entschieden. die Gemeinden der Tamilischen Evangelisch-Luthe-
Wenn wir an die biblischen Reisen denken, möchte rischen Kirche ihnen Asyl, ernähren sie und helfen
ich als indischer Bischof an die Reisen der Missionare ihnen, ihre Reise zu ihren Heimatorten fortzusetzen.
erinnern, die uns die Gute Nachricht gebracht haben. Als Kirche haben wir vielleicht selbst nur wenig oder
Wenn ich das Wachstum des Christentums in Indi- gar keine Ressourcen, unsere Gemeinden selbst sind
en betrachte, wird mir deutlich, dass die Reisen, die in einen Kampf des Glaubens verwickelt, aber die
von Dänemark, Deutschland und anderen Teilen der Notwendigkeit des diakonischen Handelns ist in
westlichen Länder aus begannen, von Gott bestimmt dieser Zeit relevanter als je zuvor. Also lasst uns auf-
sind. Die Geschichte dieser Missionsreisen zeigt, wie stehen und uns auf eine weitere Reise vorbereiten!
großartig sie waren und dass sie von Gott vorange- Der Gott, der Elia gestärkt hat, die Missionare und
trieben wurden. Engel Gottes ernährten die Missi- die Christen, die sich auf ihrem Glaubensweg be-
onare auf ihrer Reise in unser Land, so wie sie Elia finden, um Gottes Willen zu verwirklichen, werden
ernährten. Der Heilige Geist leitete die Missionare. auch heute noch durch unsere Partnerschaft mit
Mit diesem Glauben, dass „Gott unsere Glaubensreise Gott und die Partnerschaft untereinander gestärkt.
stärkt“, reisen die indischen Christinnen und Chris- Lassen Sie uns deshalb dem Willen Gottes unterwer-
ten in Zeiten von Schwierigkeiten, in denen wir als fen, unsere Glaubensreise fortzusetzen.
Minderheit in unserem Land Bedrohungen ausgesetzt Möge Gott uns alle segnen!
sind. Der Gott, der Elia durch seine Engel gestützt hat, Übersetzung aus dem Englischen: Antje Lanzendorf
KIRCHE weltweit 2/2020 3Indien
Wachsende Verzweiflung
Die Auswirkungen der Corona-Pandemie in Tamil Nadu
Auch Indien ist in diesen Tagen von der Corona-Pandemie geprägt. Die Krise belastet die Menschen. Für
das Theologische Seminar in Madurai ist diese Situation mit besonderen Herausforderungen verbunden: der
Studienbetrieb ist eingestellt, Studiengebühren fallen weg, Studierende werden beschimpft.
Von Pfarrrerin Dr. Margaret Kalaiselvi, Rektorin des Theologischen Seminars von Tamil Nadu, Madurai, Indien
Indien ist ein farbenprächtiges Land, in dem man Bewusstseinsbildung
das ganze Jahr über Feste feiert. Wegen der Ausbrei-
tung des Corona-Virus werden die Leute nun daran Auf unserem Campus wurden Informationsver-
gehindert und müssen in ihren Häusern bleiben. Je anstaltungen über Covid-19 durchgeführt und die
länger dieser Zustand andauert, desto frustrierter Methoden des richtigen Händewaschens und der
Desinfektion demonstriert. Sehr bald wurden die
Masken und die Handschuhe knapp. Wir hatten ei-
nige Hundert gekauft und verteilt. Eine der Famili-
en auf dem Gelände stellte sich der Herausforderung
und begann, waschbare Stoffmasken zu nähen und
zu verteilen. Den Mitgliedern unserer Gemeinschaft
wurde geraten, ihre körpereigenen Widerstands-
kräfte zu stärken, indem sie mehr Zitronensaft, Ge-
müse, Gewürze wie Kurkuma, Pfeffer, Ingwer und
Knoblauch verwenden, die wie Antibiotika gegen
Erkältung und Fieber wirken.
Wenn das Seminar wieder eröffnet wird, werden
wir die Studierenden regelmäßig über die neuen
Herausforderungen und die Möglichkeiten sich zu
schützen informieren.
Die Situation erinnert mich an die Verheißung Gottes
im Psalm 91, 10: „Es wird dir kein Übel begegnen ...”
Auf dem Gelände des Theologischen Seminars von Tamil Nadu in Ma- Dennoch müssen wir uns des Zustands und der Ge-
durai verteilen Regierungsmitarbeiter Beutel mit Obst und Gemüse. fahr bewusst sein, mit der wir alle leben.
sind die Menschen und besonders in den margina- Stigmatisierung
lisierten Gemeinschaften geht die Angst um. Auch
einige Studierende waren wegen der Quarantäne in Unsere Studierenden kommen aus verschiedenen
alarmgesicherten, versiegelten Häusern eingesperrt. Teilen des Bundesstaates Tamil Nadu und den Nach-
Wir haben Kontakt zu ihnen gehalten und sie in un- barstaaten. Alle wurden kurz vor Inkrafttreten der
sere Gebete aufgenommen. Damit sie ohne Angst Ausgangssperre am 24. März 2020 nach Hause ge-
nach Hause fahren konnten, erinnerte ich sie bei der schickt. Aber einige Studierende aus dem Nordosten
Abreise an die Worte aus Psalm 23, 4: „Und ob ich konnten die Heimreise nicht antreten, weil ihre Flü-
schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein ge und Züge gestrichen wurden. Sie konnten aber
Unglück; denn du bist bei mir ...“ auch nicht mehr in Geschäfte gehen, um Nahrungs-
Zum jetzigen Zeitpunkt (Ende April 2020) sind mittel einzukaufen. Da sie den Chinesen ähnlich
knapp 19.000 Menschen in Indien infiziert. Aber ich sehen, wurden sie von den Dorfbewohner*innen
hoffe und bete, dass die meisten davon wieder ge- feindselig behandelt. Also mussten sie auf dem
sund sind, wenn Sie diesen Artikel lesen. Campus in ihren Wohnheimen bleiben, wo sie nor-
Es ist wichtig, dass wir die Widerstandsfähigkeit malerweise auch ihre Mahlzeiten selbst zubereiten.
der Studierenden und der gesamten Gemeinschaft Eine schwierige Situation. Wir haben auf Mutter
stärken. Theresa hingewiesen, die sagte, dass „das Lächeln
4 KIRCHE weltweit 2/2020Indien
Das Theologische Seminar
Das Theologische Seminar von Tamil Nadu (TTS) ist eine
renommierte ökumenische Institution. Sie feierte im ver-
gangenen Jahr ihr 50-jähriges Jubiläum. Die Hochschule
wird getragen von der Kirche von Südindien (CSI), der
Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche und der
Arcot Lutheran Church. Das TTS zeichnet sich durch sei-
ne Sozialorientierung und Praxisnähe aus. Während des
Theologiestudiums sind Praktika in sozial-diakonischen
Projekten und ein Praxisjahr im ländlichen Umfeld Pflicht.
Auf dem Gelände befindet sich das Dalit Ressource Center
sowie ein Zentrum für Sozialanalyse.
* ttsarasaradi.org/tts
der Beginn der Liebe ist“. Glücklicherweise begann fen. Folglich stehen wir vor einem großen Finan-
ein lokales Unternehmen bald, Obst und Gemüse zu zierungsproblem, wenn wir das College erhalten
vernünftigen Preisen zu liefern und zu verkaufen, so wollen. Die Kirchen sind ebenfalls geschlossen, von
dass die Campus-Leute nicht mehr nach draußen dort ist vorerst keine Hilfe zu erwarten.
gehen mussten. In dieser Situation erinnere ich mich an den deut-
schen Theologen Jürgen Moltmann, der durch die
„Theologie der Hoffnung“ bekannt wurde. Hof-
Die Wirtschaftskrise
fentlich wird der Gott des Lebens dafür sorgen,
Die durch die Angst vor Covid-19 bedingte Ver- dass wir von Menschen geführt werden, die Men-
langsamung der Wirtschaft hat die Lebensgrundlage schen lieben.
vieler Tagelöhner praktisch vernichtet. Die lokalen
Regierungen im ganzen Land planen nun, Vertrags-
Religiöse Toleranz
und Leiharbeitern, die aufgrund der mit dem Virus
verbundenen Herausforderungen vorübergehend Indien ist bekannt für religiöse Toleranz und Ein-
ihren Arbeitsplatz verloren haben, Arbeitslosengeld vernehmen zwischen den Religionen. Unter dem
zu zahlen. Jede Familie, die sich im öffentlichen Ver- Eindruck der Corona-Krise verändert sich die Hal-
triebssystem registriert hat, soll pro Monat 1.000 In- tung der dominierenden hinduistischen Bevölke-
dische Rupien (rund 13 Euro) und Nahrungsmittel- rung und wird zu einer Bedrohung für die religiösen
hilfen bekommen. Es gibt aber viele Wanderarbeiter, Minderheitengemeinschaften. Einander zu akzep-
die an Orten weit von zuhause festsitzen und keine tieren, den Glauben anderer zu respektieren und auf
Transportmittel finden, um in ihre Dörfer zurück- die Stimmen von Minderheiten zu hören, wird in
zukehren. Sie versuchen, irgendwie zu überleben, Krisensituationen häufig zu einer Herausforderung.
ohne dass sie Geld verdienen könnten. Und bei allen Besonders in den Medien sind Berichte und Infor-
wächst die Verzweiflung, weil sie nicht wissen, wie mationen über religiöse Minderheiten nicht ausge-
sie sich und ihre Familien in den kommenden Tagen wogen, vielmehr ist die Darstellung häufig abfällig,
und Wochen versorgen sollen. Nur etwa 15 Prozent die Berichte verzerren die Wahrheit.
der nicht organisierten Arbeitnehmer*innen wer- In der Nähe unseres Seminars befindet sich ein sehr
den die staatlichen Leistungen erhalten. großer Slum. Unsere Studierenden wohnen dort
Viele unserer Studierenden kommen aus sehr ar- während ihres zweiten Studienjahres im Rahmen
men Dörfern oder städtischen Slums. Insbesonde- des akademischen Lehrplans. Aber aufgrund der
re mittellose Studentinnen und Studenten werden Pandemie ist das gesamte Gebiet aktuell abgeriegelt.
ihre Studiengebühren nicht mehr bezahlen können. Die Studierenden können das Gebiet nicht verlassen,
Die Regierung hat zudem angeordnet, dass die Bil- Außenstehenden ist das Betreten untersagt. Zwei
dungseinrichtungen keine Gebühren erheben dür- der dort ansässigen muslimischen Gemeinschaften
KIRCHE weltweit 2/2020 5Indien
stehen im Verdacht, infiziert zu sein. So wird der Solidarität mit den Dalits
Slum zum praktischen Anwendungsbereich für Be-
freiungs- und andere kontextuelle Theologien. Wie Reinigungsarbeiten werden in Indien von den Da-
werden wir unseren Studierenden begegnen, wenn lits (früher Kastenlose genannt) ausgeführt. Sie gel-
sie zurückkommen? Wie viel Risiko können wir zu- ten jetzt zusammen mit den Ärztinnen, Kranken-
lassen? Diese Fragen müssen wir diskutieren. schwestern und Polizisten als systemrelevant. Viele
Dalits, die keinen Job in der Reinigungsbranche
haben, arbeiten zum Beispiel als Künstler, singen
Sind die Ansätze, nach denen wir seit
Jahren Beratung und Seelsorge un-
terrichten, dieser neuen Situation der
Fürsorge überhaupt gewachsen?
Lieder, tanzen und schlagen Trommeln. Sie sind
jetzt arbeitslos und haben aufgrund der Ausgangs-
sperre keine Einkünfte. Sobald die Vorgaben gelo-
ckert sind, müssen diese Menschen identifiziert und
unterstützt werden. Auch das ist eine Herausforde-
rung, für die unsere Studierenden motiviert und zu-
Unterricht am Theologischen Seminar in Madurai (vor Corona): Studi- gerüstet werden müssen.
enschwerpunkte sind Befreiungs- und andere kontextuelle Theologien. Das Evangelium erzählt, dass Jesus Mitleid hatte mit
den Menschen, die hungrig waren (Matthäus 14,
Ich hoffe, dass das Versprechen aus Micha 4, 4 14ff). Er hat dafür gesorgt, dass sie satt wurden – ein
wahr wird: „Ein jeder wird unter seinem Wein- Auftrag auch für uns.
stock und Feigenbaum wohnen und niemand wird
sie schrecken.“ Seelsorge und Beratung
Am 20. April verstarb Dr. Simon Hercules, ein be-
Überwindung von Gewalt gegen Frauen
kannter Neurochirurg, der sich mit dem Corona-
Das wichtigste Problem, vor dem wir aktuell stehen, Virus infiziert hatte. Die Menschen vor Ort protes-
ist die Zunahme von Fällen häuslicher Gewalt. M. tierten gegen seine Beerdigung auf dem Friedhof
Ravi, von der Regierung ernannter Sonderbeauf- aus Angst vor der Verbreitung des Virus in ihrer
tragter, berichtete der Presse, dass es aktuell einen Gemeinde. Die Verwandten mussten warten, bis die
Anstieg solcher Fälle um 20 Prozent gibt. Die Dun- Regierungsbeamten kamen und ihnen erlaubten,
kelziffer ist vermutlich größer. Es ist erforderlich, den Verstorbenen zu begraben.
unsere Studierenden für diese Situation zu sensi- Wir hören, dass Jesus „sehr betrübt“ war, als Lazarus
bilisieren und sie dazu anhalten, ihren Gemeinde- starb (Johannes 11, 33). Wir können und sollen spü-
mitgliedern aktiv zuzuhören, um die Gewalt gegen ren, dass Jesus Christus mit all denen weint, die durch
Frauen zu verringern. Die Studentinnen sollten das tödliche Virus einen Menschen verloren haben.
kontinuierlich geschult werden, wie sie sich schüt- In Zukunft muss das Bewusstsein für die neuen
zen können, und die Studenten müssen sich mit gesundheitlichen Herausforderungen weiter ge-
geschlechtsspezifischen Belangen auseinanderset- schärft werden, um eine menschlichere Haltung
zen. In diesem Prozess müssen wir auch andere ge- in dieser Art von Krisensituation einzunehmen.
schlechtsspezifische Minderheiten in den Blick neh- Fehlinformationen über Ansteckungswege und
men, die ebenfalls unter Gewalt leiden. Ihnen gilt biologische Zusammenhänge müssen korrigiert
der Missionsauftrag, der uns auffordert, uns um die werden. Wir müssen uns fragen: Sind die Ansätze,
Geringsten zu kümmern (Matthäus 25, 40). nach denen wir seit Jahren Beratung und Seelsorge
6 KIRCHE weltweit 2/2020Indien
unterrichten, dieser neuen Situation der Fürsorge bin der örtlichen Kirche und dem mitfühlenden
überhaupt gewachsen? Personal der Polizeistation dankbar, die damit be-
gonnen haben, dem Altersheim jeden Tag acht Liter
Milch als ihren Beitrag zu liefern.
Gemeinden und Gemeinschaft
Wir haben ein polytechnisches Ausbildungszent-
In unseren Gemeinschaften spielt das Teilen von rum für Frauen und arbeitslose Männer. Auch die
Essen eine große Rolle. Wir hoffen, dass unsere Stu- Arbeit in diesem Zentrum stellt uns vor neue Her-
dierenden den Geist des Teilens mit in ihre Dörfer, ausforderungen, was die Prioritäten unserer Mission
in ihre Arbeit nehmen. Die örtlichen Kirchen in betrifft. Die Teilnehmenden und ihre Familien ge-
den Städten leisten einen bemerkenswerten Bei- hören oft zu den Randgruppen, die besonders von
trag zur Bereitstellung von Ressourcen für bedürf- Naturkatastrophen oder menschengemachten Kata-
tige Menschen und versorgen die Dorfgemeinden strophen betroffen sind. Die Schöpfungsgeschichte
mit Geld für die notwendigen Dinge. Aber es ist gibt uns den Auftrag, die Erde zu bebauen und zu
fraglich, wie lange sie noch etwas abgeben kön- bewahren (Genesis 2, 15). Von uns wird erwartet,
nen. Die meisten Mitglieder der indischen christ- dass wir der Welt dienen. Um Perspektive stärker
lichen Gemeinden sind Lohnarbeiter*innen und wahrzunehmen, müssen wir entsprechende Formen
Kleinunternehmer*innen. Früher oder später wer- des kontextuellen Lernens verstärken.
den sie selbst unter dem Lockdown leiden. Ich möchte mit einigen Zitaten von Anne Frank
Die Corona-Situation stellt uns vor viele weite- abschließen, einem jungen Mädchen, das in einer
re schmerzliche Fragen. Wie können wir durch außerordentlich schwierigen Lebenssituation Hoff-
Online-Aktivitäten die Verbindung zu Gemeinde- nung und Mut nicht verloren hat. Mögen diese Sätze
mitgliedern aufrecht erhalten? Wie schaffen wir uns und andere Menschen auf der ganzen Welt in
es, uns als Gemeinschaft zu fühlen, ohne uns zu dieser Lockdown-Situation Kraft geben.
versammeln? Einige Kirchen stellen Meditationen „... denke an all das Schöne, was in dir selbst und
und Ostergottesdienste ins Internet. Aber die ganz dich herum wächst und sei glücklich!«
normalen Gemeinden und ihre armen Pastoren ver- „Diejenigen, die Mut und Glauben haben, sollten
fügen nicht über Internetverbindungen und Elektri- niemals im Unglück zugrunde gehen.“
zität. Wir werden im Rahmen unserer Ausbildung Übersetzung aus dem Englischen: Birgit Pötzsch
noch mehr Wert auf die Medienkompetenz unserer
Studierenden legen und ihnen so helfen, Zugang zu
einer besseren Kommunikation zu erhalten. Die Autorin
Wir sollten uns an Katharina von Bora erinnern, Dr. Margaret Kalaiselvi wurde
die als Ehefrau von Martin Luther ein Vorbild für 2019 zur neuen Leiterin des
den Aufbau von Gemeinschaften und die Unterstüt- Theologischen Seminars in
zung der Bedürftigen war. Besonders in der Zeit der Madurai ernannt. Nach sieben
schwarzen Pest, einer verbreiteten Seuche. männlichen Rektoren – zu-
letzt Dr. David Rajendran – ist
sie die erste Frau, die diese
Fortsetzung von Mission und Dienst
Position erreicht hat.
Vor allem ältere Menschen brauchen in dieser Zeit Geprägt wurde die Theologin
der Infektionsgefahr Zuwendung und Beratung. In- und Kommunikationswissen-
dien ist ein gemeinschaftsorientiertes Land und die schaftlerin von ihrer Zeit im
Menschen leben gerne in engem Kontakt zu ande- Internat unter der Leitung von Schwester Hiltrud Fichte,
ren. Dadurch kommen alle irgendwie zurecht. Aber Missionarin der Leipziger Mission, und Schwester Siron
einige, die von ihren Familien allein gelassen und Athisayam. Heute ist sie ordinierte Pfarrerin der Kirche
nicht versorgt werden, leben in Altersheimen. Nor- von Südindien (CSI). Seit 28 Jahren ist sie als Dozentin tä-
malerweise werden sie von der sozialen Gemein- tig. Ihr Engagement gilt vor allem der Dalit-Frauenbewe-
schaft und Einzelpersonen durch Spenden versorgt, gung. Außerdem war sie sieben Jahre als ehrenamtliche
die ihre täglichen Mahlzeiten sicherstellen. Diese Beraterin für Brot für die Welt in Tamil Nadu tätig.
Fürsorge hört nun plötzlich auf und wir versuchen, Dr. Margaret Kalaiselvi hat zehn Bücher publiziert, sowohl
als Einrichtung die Versorgung zu organisieren. Ich in tamilischer als auch in englischer Sprache.
KIRCHE weltweit 2/2020 7Ehrenmorde
Wenn ein Vater seine Tochter tötet
„Ehrenmorde” in Indien
Die indische Theologin Sheela Rani sieht Kastensystem und Patriarchat in Indien als wirksame Koordinaten
der sogenannten Ehrenmorde und sucht nach einer angemessenen theologischen Antwort. Wir drucken mit
ihrer Erlaubnis Auszüge aus ihrer Abschlussarbeit am Theologischen Seminar (TTS) in Madurai.
Von Sheela Rani, Absolventin des TTS, Vikarin in Madurai, Tamil Nadu, Indien
Das Wort Ehre hat für jeden von uns unterschiedli- Normen der Familie verstoßen hat. Wenn eine Frau
che Bedeutungen, die aber durchweg mit der Wür- sich weigert, eine arrangierte Ehe einzugehen, sich
de und Integrität einer Person, einem Charakter von einem gewalttätigen Ehemann scheiden lassen
verbunden sind, der Wertschätzung verdient oder will, Ehebruch begeht oder Opfer einer Gewalttat
erwartet. „Ehre“ ist immer etwas Positives oder Er- wird, dann kontaminiert sie mit ihrem Verhalten
strebenswertes. die ganze Familie. Nach dem Versuch, sie auf andere
Weise von ihrem Fehlverhalten abzubringen, besteht
das einzige Mittel darin, dass ihre männlichen Ver-
wandten sie töten, um die Familienehre zu schützen.
Ehrenmorde sind kulturell sanktioniert und darauf
ausgelegt, eine bestimmte moralische Ordnung auf-
rechtzuerhalten.
Kastenwesen und Patriarchat wirken zusammen
In Indien definiert das Kastensystem die soziale
Schichtung der Gesellschaft. Jeder Mensch wird in
eine Kaste hineingeboren und kann nur Personen
aus der eigenen Gemeinschaft heiraten, nur mit ih-
nen essen oder trinken. Die unterste Kaste bilden
die Dalits, die als Unberührbare gelten. Sie werden
in allen Aspekten ihres Lebens diskriminiert, miss-
Eine hinduistische Verlobungsfeier in Tamil Nadu: In der Regel wird – achtet, stigmatisiert und unterworfen. Das Leben
vermittelt durch die Eltern – innerhalb der eigenen Kaste geheiratet. und die Würde der Dalits sind ständig in Gefahr.
Einer der wichtigsten kulturellen Kodizes zur Auf-
Diese Sicht verändert sich in grotesker Weise, wenn rechterhaltung der Kastenhierarchien ist die Endo-
wir auf die sogenannten Ehrenmorde blicken, die in gamie, also die Praxis, nur innerhalb derselben Kaste
vielen Ländern der Erde geschehen. „Ehre” scheint zu heiraten. Mischehen zwischen zwei Angehörigen
hier eher als sozial kontrolliertes Phänomen, denn unterschiedlicher Kasten gelten als grobe Verstöße
als individuelle Selbstachtung verstanden zu werden und führen in der ganzen Nation zu Verbrechen, bei
und ist mit Erniedrigung und dem Tod von Men- denen die Ehre getötet wird – mit der Vorstellung,
schen verbunden. Insbesondere in Indien, wo Ehre dass die Ehre durch die Durchbrechung der Kasten-
von außen zugeschrieben wird und auf dem Anse- schranken zerstört wird. Wenn etwa eine Frau aus
hen der Kaste beruht, scheint es eine völlige Aus- einer anderen Kaste einen Dalit-Mann heiratet, gilt
blendung der Achtung und des Respekts vor einem sie als „verschmutzt“ und der Fötus, den sie trägt,
Individuum zu geben. Die grausamen „Ehrenmor- wird auch als „verschmutzt“ angesehen. Das liefert
de” zielen nur auf die Bewahrung des unmenschli- Vätern der oberen Kasten den Grund, ihre eigenen
chen Kastensystems. Töchter zu töten. Frauen sind die Hauptopfer von
Laut Human Rights Watch handelt es sich bei Eh- Ehrenmorden, denn sie sind sozusagen das „Tor”
renmorden um Racheakte, in der Regel um einen zur Kastenehre. Vor allem durch ihr Verhalten wird
Mord, bei dem eine Frau von einem männlichen die Ehre der Familie gefährdet und muss durch ihre
Familienmitglied getötet wird, weil sie gegen die Auslöschung wiederhergestellt werden.
8 KIRCHE weltweit 2/2020Ehrenmorde
Das Kastenbewusstsein ist so tief in den Menschen gen des Schwertes. Einer der Verbrecher am Kreuz
und in der Gesellschaft verwurzelt, dass die Mörder, hat den Tod als angemessene Strafe verdient.
die die Ehrenmorde begangen haben, ihre Tat ohne Die Dalits sind den Ehrenmorden am stärksten aus-
Schuldbewusstsein zugeben. Sie sind überzeugt, dass gesetzt, denn sie stehen am untersten Ende der Kas-
das Blut, das von den Opfern vergossen wurde, so- tenhierarchie. Das theologische Konzept, das sich
wohl ihrer Familie als auch der ganzen Gemeinschaft Dalit-Theolog*innen im Blick auf den Kampf gegen
Ehre gebracht hat. Diese Denkweise unterstützt die die Ehrenmorde zu eigen machen, ist das des „Ima-
Ehrenverbrechen in der indischen Gesellschaft auch go Dei“, des Menschen als Gottes Bild. Es sichert den
im 21. Jahrhundert noch. Jedes Jahr werden in Indi-
en etwa 1.000 Frauen im Namen der Ehre von ihren
eigenen Familienmitgliedern getötet und etwa 7.000
Frauen durch Folter von Familienmitgliedern ge-
zwungen, Selbstmord zu begehen.
Kastenwesen und Patriarchat wirken bei der Durch-
führung der Ehrenmorde an Frauen zusammen.
Unter dem Patriarchat versteht man die absolute
Herrschaft des Vaters oder des ältesten männlichen
Mitglieds über seine Familie. Der Regel des Vaters
sind nicht nur alle Frauen der Familie, sondern auch
die jüngeren und sozial oder wirtschaftlich unterge-
ordneten Männer unterstellt. Frauen stehen in der
patriarchalen Familie ganz unten. Sie werden auch
in wirtschaftlicher Hinsicht ihrer Möglichkeiten be-
raubt und nicht als Subjekt betrachtet, das eigene Ent-
scheidungen treffen kann. Sie werden ausgebeutet,
Werbeplakate – hier für eine Bank – vermitteln Bilder von selbstbewuss-
indem ihnen ungleiche Löhne gezahlt werden und ten, eigenständigen Frauen. Die Realität sieht meist anders aus.
ihre Vorgesetzten verüben häufig sexuelle Übergriffe.
menschlichen Status aller und sieht alle Menschen
Biblisch-theologische Aspekte
als gleichwertig an. Der Mensch wurde nach dem
In der Heiligen Schrift, die für uns moralische Leit- Bild Gottes erschaffen, Jesus wurde als Mensch ge-
linie ist, werden wir von Gott aufgerufen, das Leben boren. Dalit-Theologen argumentieren mit dieser
anderer zu respektieren und zu schützen (Sprü- Position, wenn sie darauf hinweisen, dass auch die
che 6, 16f; 1. Mose 9, 6). Im Mittelpunkt steht das Dalits von Gott nach Gottes Bild geschaffen wur-
sechste Gebot: „Du sollst nicht töten“ (2. Mose 20, den und daher den Nicht-Dalits gleichgestellt sind.
13; 5. Mose 5, 17). Wer einem Menschen das Leben Daraus ergibt sich die Aufgabe, das Kastensystem
nimmt, vergeht sich gegen Gott, der die Menschheit zu transformieren, damit sowohl Dalits und Nicht-
nach Seinem Bild geschaffen hat. Dalits in Gleichheit und Frieden leben können.
Das Gebot „nicht töten“ bezieht sich nur auf mensch-
liches Tun. Für Gott gilt das Gesetz nicht, er steht über
Fazit
seinem Gebot. Im Alten Testament wird erzählt, dass
Gott viele Menschen mit dem Tod geschlagen hat und Eine Theologie, die sich gegen Ehrenmorde stellt,
den Israeliten befahl, ganze Bevölkerungsgruppen in muss eine lebensbejahende Theologie sein. Sie soll-
Kanaan zu vernichten. In der großen Flut löschte Gott te sich dafür einsetzen, eine gerechte Gesellschaft zu
selbst fast die gesamte Menschheit aus. Doch für all gestalten. Das ist die Mission der Kirche: einen neu-
diese Tötungen durch Gottes Hände werden andere en Himmel und eine neue Erde aufzubauen – eine
Begriffe benutzt, ebenso für das Töten im Krieg oder neue Gesellschaft. Eine Gesellschaft, in der Gerech-
das Töten eines schuldigen Verbrechers. tigkeit, Frieden, Freude und Gemeinschaft herrschen
Das Neue Testament erkennt die Rolle der Zivilre- und die alle Menschen einlädt, an Freiheit, Gleich-
gierung bei der Aufrechterhaltung der Gerechtigkeit heit, Verantwortung und Offenheit teilzuhaben.
und der Bestrafung von Übeltätern an, auch das Tra- Übersetzung aus dem Englischen: Birgit Pötzsch
KIRCHE weltweit 2/2020 9Partnerschaft
Partnerschaft digital und persönlich
Die Luthergemeinde Halle und die Gemeinde Sirkali in Tamil Nadu, Südostindien
Familie Müller war noch im Frühjahr auf den Spuren des Großvaters in Südostindien unterwegs. Der Besuch
diente aber nicht nur der Erkundung der Familiengeschichte sondern auch der Festigung der Partnerschafts-
beziehung der eigenen Gemeinde in Halle/Saale und der indischen Gemeinde in Sirkali.
Von Dr. Hans Müller und Ingeborg Hardt-Müller, Halle/Saale
Gemeinden wurden in gleicher Intensität und mit
großem Interesse fortgesetzt. Gegenwärtig sind wir
im Indienteam neun Mitglieder, einschließlich der
beiden Pfarrer Olaf Wisch und Dr. Georg Bucher. Wir
halten regelmäßig Kontakt in Wort und Bild mit der
Gemeinde in Sirkali und ihrem Pfarrer John Dhinakar.
Unsere Themen beziehen sich auf Jubiläen, christliche
Feste, auf Aufgaben des Gemeindekirchenrats und auf
das Leben von Christen in Halle und Sirkali. Sehr gern
möchten wir eine kleine Gruppe aus der Gemeinde Sir-
kali nach Halle einladen, um sie auch mit den Francke-
schen Stiftungen in Halle vertraut zu machen. Denn
hier wurden die Missionare Bartholomäus Ziegenbalg
und Hermann Plütschau ausgebildet, die auf Bitten des
dänischen Königs als erste evangelische Missionare
1706 von August Hermann Francke nach Indien ge-
Dr. Hans Müller und Ingeborg Hardt-Müller besuchten die Kirche in sandt wurden. Aus der Dänisch-Halleschen Mission
Nagapattinam, wo sein Großvater vor über 110 Jahren wirkte.
wurde später die Leipziger Mission, in deren Dienst
unsere Vorfahren wirkten. So soll auch das Leipziger
Seit Menschen ihr Leben in Zeiten eingetaktet ha- Missionswerk ein Ziel für unsere Besucher aus Sirkali
ben, scheint die Zeit zu „entfliehen“. Das spürten sein. Noch ist unsere finanzielle Basis für den Besuch
auch wir sehr deutlich und organisierten endlich aus Sirkali nicht ausreichend. Auch die gegenwärtige
unsere Reise zu den familiären Wurzeln. Leider ge- Corona-Pandemie erschwert die Vorbereitung.
lang es uns nicht, unseren Wunschtermin Anfang
bis Mitte Januar wahrzunehmen. Welch‘ glückliche
Pongalfest in Sirkali
Fügung sollte das sein!
Gleichzeitig wollten wir einen kleinen Beitrag zur Während unserer Reise vom 29. Januar bis 12. Feb-
Festigung einer fast schon fünfjährigen Partnerschaft ruar 2020 in den Bundesstaat Tamil Nadu durften
zwischen unserer Luthergemeinde in Halle und der wir in Sirkali am Pongalfest – das zweimal im Jahr
zur Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche gefeierte Erntedankfest – teilnehmen. Jung und
(TELC) gehörenden Gemeinde in Sirkali leisten. Dr. Alt besuchten am Vormittag den Gottesdienst mit
Christian Samraj, viele Jahre in Leipzig wohnend und Abendmahl, das Frauen und Männer getrennt ein-
als Botschafter der TELC tätig, bat uns vor etlichen nahmen. Auch der Altbischof Edwin Jeyakumar war
Jahren, ihn bei der Entwicklung einer Partnerschaft zugegen. Seine Deutschkenntnisse waren sehr hilf-
zwischen einer Gemeinde in Halle und einer Ge- reich für uns. Am Nachmittag fand auf dem Kirch-
meinde in Tamil Nadu zu unterstützen. Die damali- platz das Fest statt. Der Tradition folgend wurde ein
ge Pfarrerin unserer Gemeinde, Mechthild Lattorff, süßer Brei aus frisch geerntetem Reis, Milch, Zu-
nahm diesen verbindenden Gedanken gern auf, half, cker, Rosinen und speziellen Gewürzen auf offenem
den Arbeitskreis „Indienteam“ zu gründen und über- Feuer zubereitet. Der Brei wurde mit allen geteilt,
nahm seine Leitung bis zu ihrer Pensionierung. uns schmeckte er sehr, sehr süß. Möge dieser Brei
Wie in der Luthergemeinde wurde auch in Sirkali die nie versiegen! Kinder und Erwachsene gestalteten
Pastorenstelle neu besetzt. Die Kontakte zwischen den anschließend ein wunderschönes und vielfältiges
10 KIRCHE weltweit 2/2020Partnerschaft
Programm, das mit viel Beifall bedacht wurde. Für und den Schulleiter gab es für uns ein einstündiges
unsere familiären Erkundungen hatten wir ein Hotel beeindruckendes Programm. Jungen und Mädchen
in Tharangambadi – auf Deutsch säuselnde Welle – saßen getrennt (zuerst die Jungen, dann die Mäd-
früher Tranquebar am Golf von Bengalen gebucht, chen), alle trugen sehr schöne Schulkleidung. Sie
dem Ort, in dem der Urgroßvater Eduard Schaeffer, folgten mit Aufmerksamkeit und Leidenschaft ganz
verheiratet mit Clara Cordes (siehe Seite 14f), Theo- besonders den tänzerischen Darbietungen.
loge und Schulleiter war. Wir erfuhren hier, dass der Großvater Martin Schaef-
Inzwischen wurden hier im ehemaligen Wohnhaus fer kurze Zeit Schulleiter und Pfarrer in Sirkali war.
Martin Schaeffer wurde 1877 als Sohn des Missionars Eduard Schaeffer und seiner Frau
Clara, geborene Cordes, in Leipzig geboren. Fünf Jahre seiner Kindheit verbrachte er in In-
dien. Nach seinem Theologiestudium in Rostock und Erlangen wurde er mit 26 Jahren nach
Indien abgeordnet und zunächst in Tranquebar (heute Tharangambadi) stationiert. 1905
übernahm er die Leitung des Schulwesens in Tanjore (heute Thanjavur). 1907 heiratete er
Lina Schmid aus Ebermergen. Im selben Jahr übernahm er die Station Negapatam (heute
Nagapattinam). 1910 erhielt er das Direktorat der Zentralschule in Shiyali/Sirkali (heute
Sirkazhi), konnte es aber krankheitsbedingt nicht übernehmen. Im Sommer 1910 musste er
nach Deutschland zurückkehren und schied 1913 aus dem Missionsdienst aus. Er ging als
Pastor nach Mecklenburg. Martin Schaeffer starb 1948 in Parchim-Slate in Mecklenburg.
von Ziegenbalg ein Museum und ein internationales Aus gesundheitlichen Gründen musste er die Tätig-
Begegnungszentrum eröffnet. Die Franckeschen Stif- keit aufgeben und zur Behandlung nach Deutsch-
tungen Halle und die TELC realisierten dieses Projekt land in die Tropenklinik in Tübingen zurückkehren.
gemeinsam. Auch das LMW und das Evangelisch- Er konnte nicht wieder ausreisen und wurde Pastor
lutherische Missionswerk in Niedersachsen (ELM) in Mecklenburg.
aus Hermannsburg waren beteiligt. Wir lernten die Eine besondere Überraschung war für uns, dass der
höchstengagierte Kuratorin Jasmin Eppert kennen. neue Bischof der TELC Dr. Daniel Jayaraj uns zu ei-
Sie hat mit ihren indischen Mitarbeitenden ein Mu- nem Treffen in Tharangambadi einlud, an dem auch
seum „zum Anfassen“ aufgebaut, das schon zu einem seine Gattin und weitere Theologen teilnahmen.
besonderen Ziel in Tamil Nadu geworden ist. Das Interesse an der Missionsarbeit der Vorfahren
Unser erster Ausflug führte uns am 31. Januar nach Schaeffer in Tamil Nadu und an der aktuellen Part-
Nagapattinam, einem Wohn- und Wirkungsort der nerschaft Halle-Sirkali war sehr groß.
Großeltern Martin und Lina Schaeffer. Hier durften
wir in das Kirchenbuch von 1905-1910 schauen und
Dankbar für einmalige Einblicke
lasen die Eintragungen des Großvaters und eine für
uns ganz besondere Eintragung vom 31. Januar 1909 – Bei allen Begegnungen und Zusammenkünften ha-
die Geburt seines ersten Kindes Marielotte, der Mutter ben wir so viel Gastfreundschaft, Achtsamkeit und
des Autors. Wir waren also am Geburtstag der Mutter echtes Interesse an unseren Geschichten gespürt.
in ihrem Geburtsort, weit von Deutschland entfernt. Unsere Reise war so einzigartig jenseits der touris-
Dass es diese handschriftliche Eintragung des Groß- tischen Wege, sie war großartig und gleichzeitig zart
vaters über die Geburt seiner Tochter gab und wir sie berührend. John Dhinakar, der als Pfarrer der Ge-
lesen durften, hat uns sehr berührt und bewegt. meinde Sirkali großen Anteil an der Partnerschafts-
beziehung hat, war für uns in diesen Tagen ein sehr
kundiger Begleiter und hervorragender Organisator,
Auf Großvaters Spuren
der von seiner Frau Reeta, von Dr. Christian Samraj
In Sirkali wurde uns von der christlichen Schule ein im 400 Kilometer entfernten Coimbatore und von
großartiger Empfang mit Trommeln und Trompe- vielen Gemeindemitgliedern unterstützt wurde. Wir
ten bereitet, bei dem 600 Schülerinnen und Schü- sind dankbar für die einmaligen Einblicke, für diese
ler unterschiedlicher Religionen anwesend waren. fürsorgliche Begleitung und auch dafür, dass wir an-
Nach der Begrüßung durch Pfarrer John Dhinakar ders sein durften.
KIRCHE weltweit 2/2020 11FÜRBITTE Konkret
Indien
In Indien gilt seit 25. März eine Ausgangssperre für die
gesamte Bevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen.
Vor allem für die Bewohnerinnen und Bewohner in
den Armenvierteln der indischen Großstädte führen
die Beschränkungen zu enormen Herausforderungen.
Für sie ist es zudem besonders schwer, die empfoh-
lenen Hygienemaßnahmen umzusetzen und durch
soziale Distanz, die Ausbreitung des Virus zu brem-
sen. Chennai, die Hauptstadt Tamil Nadus, hat sich zu
einem Hotspot bei den Infiziertenzahlen entwickelt.
Gott des Lebens,wir beten für die Menschen in Indien.
Die Schere zwischen arm und reich ist riesengroß, ent-
sprechend unterschiedlich sind auch die Möglichkeiten In Tamil Nadu in Südostindien verteilt die Tamilische Evangelisch-Lutheri-
der Menschen, mit der Situation in der Pandemie um- sche Kirche Hilfsgüter an die Dorfbevölkerung.
zugehen. Die Regierung versucht immer wieder, mit
drastischen Maßnahmen die Ausbreitung des Virus Bewahre die Gesundheit dieser Menschen. Öffne die
zu verhindern. Wir bitten für die Verantwortlichen in Augen der Verantwortlichen, damit sie die schwächsten
Staat und Gesellschaft, dass angemessene Maßnahmen Glieder ihrer Gesellschaft nicht aus den Augen verlieren.
gefunden werden, um dieses bevölkerungsreiche Land
durch die Krise zu führen und dabei verhältnismäßig Heiliger Geist, Geist des Lebens, unsere Partnerkirche
und gerecht zu bleiben. TELC bemüht sich um sozialen Beistand für die Men-
schen in ihrem Umfeld. Hilfspakete werden verteilt, um
Jesus, unser Bruder, wir kennen die Not der Unberühr- auch Tagelöhner-Familien das Nötigste zum Leben zu
baren und wissen um ihre besondere Situation in der ermöglichen. Schenk, dass mit diesen Aktionen viele
Gesellschaft. Viele arbeiten in Entsorgungsberufen oder Menschen erreicht werden. Lass die Spendenbereit-
in der Müllabfuhr, die eigentlich ganz besondere Sicher- schaft nicht abreißen und stärke alle, die die Organisa-
heitsvorkehrungen nötig machen. Aber daran fehlt es. tion dieser Aufgabe übernommen haben.
Teilnehmende des Freiwilligenprogramms
Für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Frei- Die acht Freiwilligen des Leipziger Missionswerkes
willigenprogramms hat die Corona-Krise schwer- in Tansania mussten ihren Einsatz abrupt abbre-
wiegende Konsequenzen: Während die Freiwilligen chen. Sie hatten sich gerade gut eingelebt, Kiswahili
aus Tansania noch in aller Eile ausreisen konnten, gelernt und Freunde gefunden. Die Rückholaktion
müssen Mercy Rethna und Kiran Poulini aus Indien traf sie überraschend. Sie mussten in ein Land zu-
sowie Rahael Jaukae und Joshua Chris aus Papua- rückkehren, in dem eine Ausgangssperre herrschte.
Neuguinea vorerst in Deutschland bleiben. Sie hat- Ihnen fehlt die Möglichkeit, sich auszutauschen.
ten sich nach einem Jahr Freiwilligendienst auf die Auch für die neuen Freiwilligen ist es unsicher, ob sie
Rückkehr zu ihren Familien gefreut. Die neuen Süd- ihren Dienst in Indien und Tansania antreten werden
Nord-Freiwilligen dürfen nicht einreisen. Es ist eine können. Es ist nicht zu verantworten, sie in Länder
Zeit großer Unsicherheit für alle Beteiligten. zu schicken, wo sie gesundheitlich gefährdet wären.
Guter Gott, wir bitten Dich, begleite die Freiwilligen in Guter Gott, schenke den Freiwilligen Wege, dass sie mit
dieser Zeit. Sei bei ihnen, wenn sie sich einsam fühlen. ihrer Traurigkeit, ihrer Wut und ihrem Unverständnis
Wir danken Dir für die Menschen, die ihnen in dieser umgehen können. Hilf ihnen, eine Betätigung zu fin-
Situation beistehen. Schenke den neuen Teilnehmen- den, die sie erfüllt. Stelle Menschen an ihre Seite, die
den Zuversicht, dass sie ihren Dienst antreten können. sie mit Interesse und Verständnis für diese besonderen
Hilf ihnen in dieser schweren Zeit. Erlebnisse begleiten.
12 KIRCHE weltweit 2/2020Fürbitte Konkret
Tansania
Seit dem Beginn der Corona-Pandemie erreichen Oh Gott, die Welt ist erschrocken! Menschen aller Na-
uns im Leipziger Missionswerk viele Nachrichten tionen, Reiche und Arme sind von Angst erfüllt. Heu-
aus Tansania, wo sich die Virus-Infektion inzwi- len und Jammern sind wegen der Corona-Krankheit
schen auch immer mehr ausbreitet. Unsere Partner auf der ganzen Erde zu hören.
innerhalb der Evangelisch-Lutherischen Kirche in
Tansania (ELCT) haben vom Anbeginn der Krise Menschen trauern und weinen bitterlich über den
auch an uns gedacht und für uns gebetet. Aus einem Tod, der durch Corona über die Welt gekommen ist.
Fürbitten-Gottesdienst der Nord-Zentral-Diözese Vater, sei gnädig mit uns! Guter Vater, wir bitten
(Arusha) vom 5. April stammt folgendes Gebet: Dich um Heilung für diejenigen, die bereits mit dieser
schrecklichen Krankheit infiziert sind. Wir bitten Dich
„Gott, unser Vater! Du bist der Schöpfer aller Dinge. für sie alle in Afrika, in Europa, in Nord-Amerika, Süd-
In deiner Liebe hast Du uns zu Deinem Ebenbild er- Amerika, Asien, dem Mittleren Osten und überall.
schaffen. Du hast uns unterschieden von allen anderen
Geschöpfen. Du hast uns zur Krone der Schöpfung ge- Bitte reich uns Deine Hand, Heilender Gott! Heile
macht. Du hast uns mit einer Macht versehen, die kein alle Kranken! Bewahre Deinem Volk die Gesundheit,
anderes Geschöpf hat. Du hast uns die Fähigkeit gege- wie Du es versprochen hast durch den Mund Deines
ben, Deinen Willen zu erkennen und ihn zu tun. Und Dieners Jeremia: „Siehe, ich will sie heilen und ge-
durch diese Fähigkeit können wir miteinander in Bezie- sundmachen.“ (Jeremia 33,6) Im Vertrauen auf Deine
hung treten, hören, was Du sagst, und zu Dir sprechen. Gnade flehen wir Dich an! Amen.“
Papua-Neuguinea
Papua-Neuguinea hat zeitig seine Grenzen geschlos-
sen und den Notstand ausgerufen. Das öffentliche
Leben ist zum Stillstand gekommen. Obwohl die In-
fiziertenzahlen gering sind, haben die Menschen mit
den Folgen der Corona-Pandemie zu kämpfen. Das
Land mit seinem ohnehin mangelhaften Gesund-
heitswesen ist auf eine Ausbreitung des Virus nicht
vorbereitet. Landesweit gibt es nur etwa 30 Intensiv-
pflegebetten – und diese auch nur in den Städten.
Gott des Lebens, wir beten für die Menschen in Papua-
Neuguinea. Sie wollen alles tun, dass das Virus auf ih-
rer Insel beherrschbar bleibt.
Wir bitten Dich für die Regierung und alle Verantwort- Ein Blick auf einen leeren Markt in Papua-Neuguinea: Dort, wo sonst
lichen, dass angemessene Regelungen gefunden und der reger Trubel herrscht, ist alles geschlossen. Die Einnahmen brechen weg.
Bevölkerung vermittelt werden, damit eine Ausbrei-
tung der Krankheit verhindert werden kann. Heiliger Geist, Geist des Friedens, in den Dörfern und
Städten müssen sich die Familien mit der neuen Situ-
Jesus, unser Bruder, viele andere Probleme und Her- ation und mit so manchen Einschränkungen in ihren
ausforderungen bleiben während der Corona-Epidemie Häusern arrangieren. Das führt oft zu Unmut und
trotzdem bestehen. Manche werden sogar noch extre- Auseinandersetzungen.
mer, weil sich Angst, Unsicherheit und Aggression breit Wehre häuslicher Gewalt. Lass die Starken für die
machen. Schwachen einstehen. Schenke den Männern einen
Wir bitten Dich für die Menschen im Südlichen Hoch- Geist der Liebe und Geduld. Bewahre Frauen und Kin-
land, wo erneut Kämpfe zwischen verschiedenen Grup- der vor inneren und äußeren Verletzungen. Sei mit den
pen ausgebrochen sind. Lass die Vernunft und den Frie- Bettlern und Straßenkindern. Öffne Augen und Herzen
denswillen gegenüber Hass und Gewalt siegen. für ihre besondere Not.
KIRCHE weltweit 2/2020 13Geschichte
Indische Missionsgeschichte in Radebeul
Heinrich Cordes – der erste Leipziger Indienmissionar
Der geborene Niedersachse Heinrich Cordes wirkte als erster Missionar der Leipziger Mission fast 30 Jahre in
Südindien. Er gilt als Wiederbergünder der lutherischen Mission unter den Tamulen. Sein Grab auf dem Fried-
hof in Radebeul wurde jüngst restauriert und erinnert an seine besonderen Verdienste.
Von Pfarrer Hans-Georg Tannhäuser, Asien/Pazifik-Referent des Leipziger Missionswerkes
Auf dem Friedhof in Radebeul-West wird in diesen Inzwischen gibt es viele Publikationen zu dieser An-
Tagen eine Grabstelle erneuert, die schon über 128 fangszeit. Besonders im Umfeld des 175-jährigen
Jahre alt ist. Was hat es damit auf sich? Jubiläums des Leipziger Missionswerkes 2011 ent-
Wir entdecken dort Spuren der Leipziger Missionsge- stand eine Reihe von Beiträgen, die unter verschie-
schichte. Denn hier wurde 1892 der erste Indienmissi- denen Blickwinkeln diese Zeit beschreiben.
onar des damaligen Dresdner Missionsvereins, später Nach der Entsendung der ersten Leipziger Missionare
Leipziger Mission, beigesetzt. Er war vor 150 Jahren, im 1838 nach Südaustralien kam bald darauf Indien in
Jahre 1870, von seinem dreißigjährigen Missionsdienst den Blick, da dort das Ende der 1706 mit Bartholo-
zurückgekehrt, um noch einige Jahre in der Heimatge- mäus Ziegenbalg und Heinrich Plütschau begonne-
schäftsstelle mitzuwirken. Seinen Ruhestand verbrach- nen Dänisch-Halleschen Mission zu befürchten war.
te er in der Nähe von Radebeul. Sein Name war Johann Die berühmten Sätze des letzten Missionars Au-
Heinrich Carl Cordes und er lebte von 1813 bis 1892. gust Friedrich Cämmerer (1767-1837) sind alleror-
Sein Grab auf dem Friedhof in Kötzschenbroda ten nachzulesen: „So naht sich denn die ehemalige
(heute Radebeul-West) erinnert uns an diesen mu- große, berühmte, blühende, gesegnete Tranquebar-
tigen und engagierten Mann aus der Anfangszeit Mission ihrem Untergang, wenn ich meine Augen
der lutherischen Mission und wenn man sich tiefer zutue, der letzte deutsche Missionar“.
in seine Biographie hineinbegibt, so öffnet sich das Diese ernüchternde Prognose hatte sowohl politi-
ganze spannende Panorama missionarischer Aktivi- sche als auch kircheninterne theologische Gründe.
täten in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Dänemark konnte seine indische Kolonie Tranque-
Mit dem Ortspfarrer der Kirchgemeinde in Rade- bar nicht mehr halten und in Deutschland gab es auf
beul und mit der dortigen Friedhofsverwaltung wa- Grund rationalistischer Theologie kaum noch Inter-
ren wir uns einig, dass wir auf jeden Fall diese Grab- essenten für den Missionsdienst.
stelle weiterhin erhalten wollen und dass sie auch in Die neugegründete Dresdner Missionsgesellschaft
Zukunft ein Ort sein sollte, wo wir an die weltweite sollte nun hier einspringen, zumal es seit 1832 auch
Verkündigung des Evangeliums erinnert werden, wo eine eigene Ausbildungs- und Vorbereitungsstät-
wir des ersten Leipziger Indienmissionars gedenken te für Missionare gab, zu deren ersten Absolventen
und wo gleichzeitig deutlich wird, wie die christliche der aus dem Lüneburgischen stammende Heinrich
Botschaft von Jesu Tod und Auferstehung ihren Weg Cordes gehörte, ein gelernter Buchhändler und nun
in alle Kontinente genommen hat. Missionar im Vorbereitungsdienst mit Kenntnissen
Die Familien Kandler, die als Nachfahren in der fami- in der Sprache Tamil.
liären Tradition von Heinrich Cordes stehen, haben Als er schließlich im März 1840 nach Indien abreis-
dankenswerter Weise diese Erneuerung des Grabmals te, lag seine Ordination erst einige Tage zurück. Die-
ebenfalls mit unterstützt und wertvolle Hintergründe se hatte man ihm allerdings in Sachsen verweigert,
zur Biographie mitgeteilt. Dafür herzlichen Dank! da er kein universitätsgeschulter „Volltheologe“ war.
Im thüringischen Greiz konnte die Ordination aller-
dings vollzogen werden.
Cordes und der Anfang der lutherischen Mission
In der Missionarsdatenbank auf unserer Internet-
1836 war die Evangelisch-Lutherische Missionsgesell- seite werden seine nächsten Stationen so zusam-
schaft zu Dresden aus dem bisherigen Dresdner Mis- mengefasst: „… Ganz allein trat Cordes den Weg an,
sionshilfsverein hervorgegangen und beschritt von da erwartet wurde er nicht. Nach längerem Aufenthalt
an ihren eigenen selbstständigen Weg im Konzert der in England und einer fünfmonatigen Seereise lan-
verschiedenen Missionsgesellschaften Deutschlands. dete er in Madras (heute Chennai). Er wurde von
14 KIRCHE weltweit 2/2020Geschichte
dem Dänen Hans Knudsen freundlich willkommen gende Zeichen, dass sich der Aufwand lohnte und
geheißen, der dort die letzten Reste der Dänisch- die lutherische Mission segensreich weiterarbeiten
Halleschen Mission verwaltete …“ konnte. 1861 gab es schon wieder 182 Ortsgemein-
Heinrich Cordes kam in den, neun Missionsstati-
sehr ungeklärte Verhält- onen und 50 konfessio-
nisse. Ehemals dänisch nelle Schulen mit 1.127
verwaltete Gebiete, in de- Schülerinnen und Schü-
nen sich auch die luthe- lern (Moritzen, 1986: 27).
rischen Gemeinden be- Während Cordes in In-
fanden, wurden zu dieser dien wirkte, tat sich üb-
Zeit an Großbritannien rigens auch viel in der
abgegeben. Die angli- Heimat: 1842 wurde sein
kanische Missionsge- verehrter Lehrer aus dem
sellschaft SPCK (Society Missionsseminar Johann
for Promoting Christian Georg Wermelskirch als
Knowledge) war gerade (zu) strenger Lutheraner
im Begriff, die ehemals und Sektierer aus dem
lutherischen Gemein- Lande Sachsen ausge-
den in ihre Missionsge- wiesen. 1844 übernahm
sellschaft aufzunehmen. Karl Graul die Heimatlei-
Land- und Besitzfragen tung und überführte den
waren zu klären, da nun Dresdner Missionsverein
ehemals dänisch-halle- schließlich 1848 nach
scher Grundbesitz umge- Leipzig. 1860 folgte ihm
schrieben werden muss- Julius Hardeland als Mis-
te. Dies alles sollte Cordes sionsdirektor.
regeln oder besser den „Ausverkauf “ der Dänisch-
Halleschen Mission stoppen.
Schlaglichter aus dem Leben
Und wirklich: Es gelang ihm und anderen Leipzi-
ger Missionaren, die ihm bald mit an die Seite ge- Über das Leben von Heinrich Cordes gibt es na-
stellt wurden, diese Entwicklung aufzuhalten und türlich vieles zu berichten, was hier den Rahmen
schließlich die Leipziger Mission in Indien zu eta- sprengen würde. Trotzdem an dieser Stelle ein paar
blieren. Die bestehenden Gemeinden wurden ge- Schlaglichter:
stärkt und neue Arbeitsfelder erschlossen. Cordes Johann Heinrich Carl Cordes wurde am 21. März
selbst hielt sich in dieser Zeit besonders in Tranque- 1813 als Pfarrerssohn in Betzendorf bei Lüneburg
bar und Porayar auf, kleinere Orte mit damals etwa geboren. Drei Jahre nach seiner Ankunft in Indi-
3.000 beziehungsweise 10 000 Einwohnern. en, am 1. Juni 1843, heiratete Heinrich Cordes die
Schließlich, nach sieben Jahren, am 7. März 1847, jüngste Tochter des letzten dänisch-halleschen Mis-
war es soweit und das dänische Missionskollegium sionars Cämmerer, die allerdings bereits im Dezem-
übergab die Tranquebar-Mission auch förmlich-of- ber 1847 verstarb.
fiziell der Dresdner Missionsgesellschaft. Heinrich Cordes erbat sich einen Heimaturlaub in Deutsch-
Cordes selbst bemühte sich darum, in Tranquebar land, um sich von dem Verlust und von körperlicher
eine Ausbildungsstätte für kirchliche Mitarbeiter Schwäche durch die lange Zeit in den Tropen zu er-
aufzubauen und auch mit geringen finanziellen Mit- holen. Bei diesem Heimataufenthalt lernte er Sophie
teln am Leben zu erhalten. Louise Auguste Mylius kennen, die er schließlich im
Man kann sich vorstellen, dass das, was hier in ein März 1849 als zweite Frau ehelichte, mit der er nach
paar Sätzen erzählt wird, eine immense und nur mit Indien zurückkehrte und die ihm von da an als Ehe-
erheblichem Kraftaufwand zu lösende Aufgabe für frau, Mutter der gemeinsamen Kinder und als groß-
ein kleines Missionsteam war. Die Lebendigkeit, die artige Hilfe im Dienst zur Seite stand.
in die Gemeinden zurückkehrte und die ansteigen- Von Missionsdirektor Karl Graul wurde er als Senior
den Zahlen der Gläubigen waren jedoch ermuti- für die in Indien arbeitenden Leipziger Missionare
KIRCHE weltweit 2/2020 15Sie können auch lesen